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Die Moral des Hotels

VI.

Reading edition

Die Sklaven verlieren in ihren Ketten alles, selbst endlich den Wunsch, ihrer los zu sein. Rousseau.

Sie haben sicher schon einmal in Ihrem Garten zur schönen Frühsommerzeit einen blühenden Rosenstock betrachtet – ich meine natürlich nicht mit den Augen eines Schwärmers oder eines Verliebten, sondern als ein Gärtner oder vielleicht gar als Naturforscher. Ihnen wird dann auch gewiß mitunter eine geschäftige Schar von Ameisen aufgefallen sein, die behende an dem Stamm und den Stielchen auf und ab liefen. – Alsdann wurden Sie noch aufmerksamer, schauten noch schärfer zu, und Sie entdeckten an den zarten Knospen und unter den saftigen Blättern versteckt ganze Herden von Blattläusen, die in ungestörter Ruhe sich am Safte des Bäumchens gütlich taten. Und mit großem Interesse sahen Sie weiter, wie die fleißigen, schlauen Ameisen eine nach der anderen zu den Blattlauskolonien pilgerten und sich dortselbst allerhand zu schaffen machten. – Aha! Sie wissen, was ich meine! – Ganz richtig! – Die Ameisen statten den Blattläusen einen Besuch ab. Sie tänzeln und scharwenzeln und krabbeln da herum, bis sie ganz dicht an die faulen Kreaturen herankommen. Dann machen sie ihr Kompliment und beginnen mit ihren Fühlern die feisten Rücken ihrer Freunde zu streicheln und zu kitzeln. Diese fühlen sich natürlich sehr geschmeichelt und geben als Dank einen »süßen, blinkenden Stoff« von sich, den die Ameisen sehr hoch schätzen. Denn darum kommen sie ja doch, die Schlauberger! Nur um die Blattläuse zu melken. Und haben sie genug, so verschwinden sie in ihrem Bau. – Man wird natürlich einige Zeitlang mit großer Freude den flinken Tierchen zuschauen. Das Leben und Treiben der Ameisen ist doch so interessant und lehrreich – man kann gar nicht genug davon sehen. – Aber man haßt die Blattläuse, das faule Gesindel, denn sie verderben auf die Dauer den schönen Rosenstock. Darum nimmt man die Spritze zur Hand und schüttelt das Stämmchen, damit die Ameisen abfallen. Die gewandten Geschöpfchen landen irgendwo sicher auf ihren Füßen, aber die Blattläuse sind zähe und bleiben hängen. Darum müssen sie mit dem scharfen Zeug abgespritzt und getötet werden. Denn sonst kann der Rosenstock nicht weiterleben –

Wie ich auf einmal auf die Naturgeschichte zu sprechen komme? – Oh, ich dachte nur eben daran, daß die Ameisen die Kellner und Wirte par excellence im Reiche der Insekten seien. Beherbergen sie nicht auch viele Gäste in ihren Bauen! Werden diese nicht gut gefüttert und gestreichelt! – Natürlich des »blinkenden Stoffes« wegen. – Der einzige Unterschied ist, daß nicht die Gäste, sondern die Wirte dabei betrunken werden. Auch sind die Ameisen businesslike genug, den Gast, der für die gute Behandlung nicht bezahlen will, einfach aufzufressen. – So können wir uns auch die geschäftigen Armeen von Kellnern vorstellen, die der sogenannten »Gesellschaft« – diesen Nichtstuern, diesen Blattläusen am Rosenbaume des Lebens – den süßen Mammon abstreicheln und abschmeicheln müssen. Diese Blattläuse saugen sich an den Knospen des grünen Lebensbaumes so fest, daß es bis jetzt noch keinem Gärtner gelungen, sie abzuspritzen. Schon viele Tausende tapferer Männer haben Millionen und Millionen Flaschen giftiger Tinte verspritzt. Es hat nichts genutzt! Noch immer sitzen die faulen Geschöpfe da und saugen dem Leben den Saft aus.

Die Ameisen sind ganz schlau! – Sie wissen, welche Arbeit sie haben würden, das Gesindel auszurotten. Darum nehmen sie nur so viel, wie sie auf einigermaßen angenehmem Wege erlangen können. – Gewiß, gewiß! Viele brave Menschen, besonders diejenigen, die aus Mangel an Gelegenheit und Fähigkeit dem Ameisenbeispiel nicht folgen können, halten solche diplomatische Lebensweise für ganz und gar verwerflich und verächtlich. Die Ameisen denken anders darüber. – Weise, gelehrte Männer bemühen sich unausgesetzt um die Ameisen und suchen die Lebensweise und die Einrichtungen dieser Geschöpfe zu erforschen. Ja, manche versteigen sich sogar zu der Behauptung, die Menschheit könne noch riesig viel von den fleißigen Insekten lernen. Namentlich in bezug auf Liebes- und Eheleben, Kindererziehung, Arbeitsweise, innere und auswärtige Politik. Dem mag sein, wie es will. Wir wollen das den gelehrten Leuten überlassen. Da aber die Kellner keine anderen Lebewesen sind als wie wir, so wollen wir uns der Kritik anschließen, welche die Art und Weise, wie die Ameisen die fetten Blattläuse behandeln und von ihnen leben, als eine für menschliche Tiere ungebührliche und verächtliche verdammt. Dies braucht unsere Achtung vor dem Fleiß und der Schlauheit der Ameisen nicht zu beeinträchtigen. Man sollte aber doch sagen, daß solch intelligente Wesen sich auch auf andere Art ihr täglich Brot erwerben könnten! – Und sie können es! –

Hierin liegt die Lösung der Trinkgeldfrage, – ein Kobold, der heutzutage die ganze zivilisierte Welt vexiert. – Im Hotel hat sich dieser Quälgeist ganz natürlicherweise eingenistet. Und so fest, daß ihm schwer beizukommen ist. Er begibt sich aber auch auf andere Gebiete.

Es ist unmöglich, in einigen Worten zu sagen, wieviel Für und Wider das Trinkgeld in sich birgt. Seine Daseinsberechtigung im Hotelwesen jedoch ist in wenigen Sätzen auszudrücken. Warum bekommt der Kellner Trinkgeld? – Weil er darauf angewiesen ist. – Warum ist er darauf angewiesen? – Weil er zu schlecht bezahlt ist, um ohne Trinkgeld leben zu können. – Warum ist der Kellner schlecht bezahlt? – Weil er Trinkgeld bekommt! – Das ist die ganze Situation. Aber so einfach sie erscheint, so schwierig ist sie. Um überhaupt nur an sie herantreten zu können, müßten wir uns zunächst klar machen, was ein Trinkgeld ist. Ich glaube, Sie, Herr Kommerzienrat, als Finanzier sind eher imstande, diese Frage zu beantworten als ich. – Soll es das sein, was der Name sagt – ein Geld zum Vertrinken? – Schwerlich! – Doch ich bin auch ein wenig Philologe, und durch die Etymologie können wir vielleicht etwas Aufklärung erhalten. – Sehen Sie, der Franzose zum Beispiel nennt das Trinkgeld »Pourboire« – im Schwedischen heißt es »Drickspengar« – beides gleichbedeutend mit dem »Geld zum Vertrinken«. – Der Italiener dagegen gebraucht die Ausdrücke »Buona mano« und »Mancia«. Hier hat das Geld etwas mit »Hand« zu tun. – Der Spanier wendet das Wort »Propina« auf »Trinkgeld« an, und es hat sonst keine andere Bedeutung. Im Englischen sagt man »fee« oder meistens »tip«. »Fee« ist ganz einfach »Bezahlung«, »Tip« dagegen hat eine mannigfaltige Bedeutung. Das Wort hängt mit dem deutschen »Tüpfchen« und »Zipfel« zusammen und heißt eigentlich »Spitze«. Dann gebraucht man es aber auch in der Bedeutung »Wink«. – Ja, nicht wahr, Herr Kommerzienrat! – An der Börse! – Richtig, auf dem Rennplatz auch! Ein guter »Tip«. Schließlich in dem Sinne auch in bezug auf die Polizei. Aber das hilft uns nicht weiter. – Die einzige Erklärung in unserem Falle kann man erhalten, wenn man »tip« etymologisch von dem mundartlichen »dibs« – süßer Sirup – herleitet, was im Volksmunde aber auch mitunter für »Geld« angewandt wird. Ich habe mich ziemlich eingehend dafür interessiert, aber die dickleibigsten englischen Wörterbücher schweigen sich über den Ursprung des Wortes »tip« in der Bedeutung »Trinkgeld« hinweg. Das Trinkgeld scheint ihnen eine sehr verächtliche Sache zu sein. – Unsere philologische Weisheit bringt uns also doch nicht viel weiter. – Zwar gebraucht man im Umgang auch noch Worte wie »Obolus« oder »Diobolus«, was sich schrecklich anhört, aber doch nur eine harmlose griechische Bezeichnung für eine gewisse kleine Münze ist. Auch das französische »douceur« wird mitunter für »Trinkgeld« angewandt. Doch man kann es höchstens als »Freundlichkeit« oder »Süßigkeit« verstehen. Das persische »Bakschisch« und noch verschiedene andere Worte, die das Trinkgeld charakterisieren sollen, sind aber auch alle nur gleichbedeutend mit »Geld«, »Geschenk«, »freiwillige Gabe« usw. Gewöhnlich aber ist das Trinkgeld eine sehr unfreiwillige Gabe, eine dringende Notwendigkeit, zu der man sich in gewissen Lagen verpflichtet fühlt und wodurch gewöhnlich höchst peinliche Situationen entstehen. Doch nirgendwo auf der Welt scheint man ihr aus dem Wege gehen zu wollen, oder besser: überall wird man hineingedrängt. In der Türkei, in China, wo wenig alkoholische Getränke genossen werden, gibt es eben »Kaffeegelder«, »Teegelder« und allerhand sonstige »Gelder«.

Ich halte des Trinkgeldgeben und -nehmen für eine echt orientalische Krankheit mit allen für den Orient charakteristischen Ansteckungsgefahren, Symptomen und Folgen. Man kann wirklich die Länder und Völker am Trinkgeld erkennen; man kann den ganzen Wert und die soziale Stellung der Nation danach bemessen ... Wo diese Form von Bezahlung für geleistete Dienste vorherrscht, da ist es faul im Staate. – Der Orient – klassisch für Korruption – mit seiner teilweise noch bestehenden Sklaverei, ist auch klassisch für das Trinkgeld. Es ist nur noch mit Beulenpest oder asiatischer Cholera zu vergleichen. – Solche unhygienische Finanzen grassieren natürlich auch in Europa sehr stark. – Rußland steht bekanntlich wie in politischer und sozialer Malpropretät so auch in finanzieller Unreinlichkeit an der Spitze der europäischen Nationen. Dort besitzt man sogar die charakteristische Roheit, das Trinkgeld »Schnapsgeld« zu bezeichnen. – Doch die anderen Staaten Europas sind nicht minder von der orientalischen Krankheit verseucht. In den Vereinigten Staaten von Amerika wird noch am wenigsten Trinkgeld gegeben, weil im großen ganzen die Arbeitslöhne gut und geregelt sind. Allein in den letzten Jahrzehnten hat mit der zunehmenden europäischen Kultur und Sitten auch das Trinkgeldwesen sehr zugenommen. Die Trusts sorgen eifrig dafür, daß es den Lohnarbeitern und kleinen Leutchen nicht allzu gut gehe, und sie schrauben demgemäß die Preise für Lebensbedürfnisse in die Höhe in einem Tempo, worin die Lohnsätze nicht folgen können. – So ist dem freien Durchschnittsamerikaner auch schon eine gewaltige Hochachtung vor dem Trinkgelde beigebracht worden.

Wie lange die Menschheit schon von der Trinkgeldkrankheit behaftet ist, läßt sich gar nicht sagen. Jedenfalls ist sie so alt wie die Gastwirtschaftsindustrie, in der sie sich noch am stärksten erhalten hat. Ganz hitzige Köpfe in unseren Tagen beheben häufig, das Trinkgeld als eine gelinde Form von Bestechung zu bezeichnen. Trifft diese Bezeichnung zu, so ist das Trinkgeld sehr, sehr alt; denn die Bestechung in jeder Form ist eine erbliche Angewohnheit der Menschen. Schon im grauen Altertum gab es keine Festung, die nicht ein mit Gold beladener Esel hätte einnehmen können. Das Mittelalter mit seinen schlechten sozialen Verhältnissen und sonstigen unhygienischen Zuständen war natürlich die Blütezeit des Trinkgeldes. Vom Hofmarschall herab bis zum geringsten Kanzleischreiber, vom Meister bis zum Lehrling, hoch und gering, – alle waren sie die Ritter von der hohlen Hand. – Die trotzigen Meister der Zünfte schämten sich nicht, für sich und ihre Gehilfen ein Trinkgeld zu verlangen, wenn der Patron, der sie mit einem Auftrage betraut hatte, befriedigt vor dem fertigen Meisterwerke stand. Albrecht Dürer, ein wackerer deutscher Mann, ein unerreichter Meister des Pinsels und des Stichels, heute noch und für alle Zeiten der Stolz der ganzen deutschen Nation, war auch von der unheilvollen Krankheit behaftet, Trinkgelder zu verlangen. Er hat dies sogar schriftlich gegeben, damit es niemand später abstreiten könne. – Aber selbst schon damals gab es Männer, die die Verderblichkeit dieser niederen Angewohnheit erkannt hatten. Die ehrlichen, braven, gestrengen Räte und Landesväter, die die bayrische Landesordnung vom Jahre 1553 verfaßten, haben sich gegen solche Übelstände gesträubt.

Ich kann mich wirklich nicht mit dem Worte »Trinkgeld« zurechtfinden. Da es aber der gebräuchlichste Ausdruck für freiwillige Belohnung geleisteter Dienste ist, von Diensten, die der Empfänger nach eigenem Gutdünken selber abschätzt und ein dementsprechendes, xbeliebiges Stück Geld dafür hinwirft, und wo derjenige, der den Dienst geleistet hat, geduldig und demütig harrend dastehen muß, bis ihm das xbeliebige Geldstück hingeworfen wird und dabei gar nichts über das Gewicht und die Dicke des Geldstückes zu sagen hat, ja nicht einmal mucksen darf, wenn er überhaupt nichts bekommt, so will ich ihn – den Ausdruck »Trinkgeld« – seiner Gebräuchlichkeit wegen beibehalten und anwenden, wo ich seiner bedarf. – Unter die Kategorie der Trinkgelder fallen demnach auch die milden Gaben, die eine dankbare Nation ihren großen Leuten gibt, wenn diese alt geworden sind und zufällig nicht genug zu essen haben. Das sind die Gaben, die zum Beispiel alte Dichter bekommen, weißhaarige Sänger, die in ihrem Leben so lange gehungert haben, bis das Volk auf einmal einsieht, daß es dem alten Herrn etwas schuldig ist. Ein jeder Bürger – diese Behauptung ist zwar etwas optimistisch – greift dann in seinen Säckel und rechnet an den Fingern ab, wie groß die Dienste des alten Herrn Dichters sind und wieviel Trinkgeld er, der Herr Bürger und Empfänger der besagten Dienste, geben kann. Ein dritter Herr im schwarzen Gehrock und Zylinderhut sammelt das Geld ein, schreibt es gewissenhaft auf, und der Herr Bürger kann am nächsten Morgen seinen Namen in der Zeitung sehen. Wenn es darauf nichts mehr zu sammeln gibt, schenkt der Herr im Zylinder das Sümmchen Trinkgeld dem lieben alten, verdienstvollen Sänger. – Es gehen viele solcher schwarzen Herren herum und sammeln Trinkgeld für geleistete Dienste. Trotzdem die pekuniäre Störung im Momente der Inspiration ganz besonders empfunden wird, wie Busch sagt, so wandert dennoch der Klingelbeutel mit Trinkgeldabsichten umher und stört die braven Gläubigen in der Andacht. Wenn der Herr Pfarrer besonders schön und erbaulich gepredigt hat, gibt man gewöhnlich gern ein besonders fettes Trinkgeld. Ja, hartgesottene Sünder lassen sich oft erweichen, statt des billigen, bequemen blanken Hosenknopfes zwei Pfennig für eine erbauliche Andacht zu geben.

So schätzte das deutsche Volk die Dienste seines Eisernen Kanzlers ab und überreichte ihm auf Friedrichsruh in einem Eichenkranz mit Schleifen und der Aufschrift: »Für treue Dienste« das wohlverdiente Trinkgeld. So würdigt die gesamte gläubige Welt die Dienste des Heiligen Vaters, und so bekommt der Nachfolger Petri sein Trinkgeld oder seinen Peterspfennig, wie man es bescheiden nennt.

Wenn das Volk nun einmal mit den Diensten solcher hochgestellten Trinkgeldempfänger wenig zufrieden ist und wenn infolgedessen das Ehrengehalt, Opfergabe, Spende, Peterspfennig oder wie man sonst noch das Trinkgeld taufen mag, etwas mager ausfällt, so können die betreffenden Herren Empfänger auch nichts anderes machen als das, was irgendein ganz plebejischer Bakschischheischer in einem Falle von wenig generöser Abschätzung seiner Dienste machen kann, d. i. heimlich schimpfen. Laut und hörbar zu schimpfen spricht von einer überaus großen Gemütsroheit und Undankbarkeit. Indessen tritt diese leider sehr häufig auf. Oft wird sie ganz unverblümt von der Kanzel heruntergedonnert.

Bei einem ansehnlichen Trinkgelde, oder wenn es sich gar um fette Ziffern handelt, erfindet gewöhnlich der respektvolle Mensch allerhand wohlklingende Namen. Mit dem Namen und der Summe, die das Trinkgeld repräsentiert, steigt dann auch natürlicherweise die Achtbarkeit desselben, so daß jeder dann ungeniert seine Hochachtung vor dem Trinkgelde ausdrücken darf. – Ganz wie beim Menschen selber. Daher ist es auch erklärlich, daß selbst die höchsten Persönlichkeiten Trinkgelder annehmen können und sie dankend quittieren.

Ein sehr düsteres Bild von der Notwendigkeit und der Wirksamkeit des Trinkgeldes entfaltete sich anfangs 1909 in New York, wo sich zu den bevorstehenden Wahlen des Bürgermeisters und der städtischen Verwaltungsbeamten eine neue Partei gebildet hatte, die beantragte, daß der neue Bürgermeister außer seinem Gehalt, welches höher ist als das des Präsidenten der Vereinigten Staaten, nach Ablauf seiner Amtstätigkeit einen »Bonus« von fünfhunderttausend Dollars erhalten solle. Dieser »Bonus«, Gratifikation, Geschenk, Trinkgeld – was es nun gerade ist – sollte durch Subskription unter Privatleuten beschafft werden, damit die politische Unabhängigkeit, die Unparteilichkeit des neuen Würdenträgers und zugleich die Wohlfahrt der Stadt gesichert sei. Die Urheber dieses Gedankens behaupteten, daß es auf eine andere Weise unmöglich sei, einen Mann für den Posten zu erhalten, der seine Pflicht auf ehrliche Weise ausführen würde. – Die Partei klagte weiter, daß diese radikalen Maßnahmen – nämlich der »Bonus« – durch die bisherige Verwaltung der Stadt, – die schlechteste in irgendeiner Großstadt – notwendig geworden seien. Entblößt, beraubt, betrogen, so gut wie bankerott stehe die herrliche Stadt nun da und bedürfe eines »ehrlichen und kompetenten« Verwalters. Selbst die dümmste und ungebildetste Bevölkerung der Stadt habe nun einen dämmerigen Begriff bekommen, was eine derartige Mißwirtschaft der öffentlichen Angelegenheiten – das Wort sei nur ein beschönigender Ausdruck für Diebstahl und Schwelgerei auf Kosten der Stadt – bedeute. – – Man will also durch eine Trinkgeldversprechung die neue Stadtverwaltung bewegen, ehrlich und haushälterisch, unbestechlich und unparteiisch zu arbeiten. – Welche Abgründe werden da vor unseren Augen geöffnet! –

Über die Gefühle, die der Mensch bei der Entgegennahme eines Trinkgeldes hegt, läßt sich vieles sagen. Indes muß ich gleich hinzufügen, daß dergleichen Gefühle zu sehr durch äußere Umstände bestimmt werden, als daß man eine einheitliche Regel auf sie anwenden könnte. Die äußeren Umstände sind nämlich, wie wir bereits gesehen haben, die verschiedenen Bemäntelungen, worin das Trinkgeld auftritt. Jedoch auch diese Verkleidungen sind noch nicht der letzte, der bestimmende Faktor für die Gemütserregung des Empfängers. Nein, die Entscheidung hängt einzig und allein von dem Moment ab, wo das empfängliche Gemüt den ersten Eindruck von der materiellen Bedeutung des Trinkgeldes in sich aufnimmt und über das Verhältnis der Wirklichkeit zu seinen vielleicht idealen Erwartungen unterrichtet wird. Die Möglichkeiten für alle Arten von Gefühlsausbrüchen sind daher uneingeschränkt. Und ihr Feld wird sonderbarerweise noch bedeutend durch das bemerkenswerte individuelle Verhalten des Trinkgeldes erweitert. Seinerseits erhebt nämlich das ganz winzige Trinkgeld gewöhnlich die größten Ansprüche auf eine regelrechte, öffentliche, möglichst feierliche Kundgebung von überwallenden Dankbarkeitsgefühlen. Höchst ungerecht und arrogant, aber charakteristisch wie für jede Kleinigkeit. Der gewöhnliche Kellner wird besonders davon getroffen und hat sehr unter der Tyrannei zu leiden. Das Trinkgeld von mittelmäßiger Bedeutung gibt sich meistens mit einer angemessenen Verbeugung des lächelnden Empfängers zufrieden. Das große Trinkgeld – generös wie es ist – beansprucht nichts. Höchstens eine Empfangsbestätigung auf Papier. Der Ordnung halber. Auch der Empfänger verhält sich hier äußerlich sehr ruhig. Wir können uns aber nur in wenigen Fällen auf äußerliches Verhalten verlassen. Es ist für die inneren Gefühle des Kulturmenschen meistens nicht maßgebend.

Es hängt also ganz allein von dem Trinkgelde ab, ob es für uns an- oder unannehmbar, achtbar, ehrfurchterregend oder das Gegenteil davon ist. Und der Empfänger empfindet dieser Beschaffenheit entsprechend. Es ist ihm aber im Interesse seiner Gesundheit und seines Seelenfriedens dringend anzuraten, keine allzu hohe Überzeugung von der Güte seiner Leistungen zu besitzen. Für den Trinkgeldempfänger kann eine solche Selbstüberhebung verderblich werden. Überhaupt in allen Lebenslagen ist sie schädlich, denn sie ist zum allerwenigsten lächerlich und provoziert die Mitmenschen.

Wenn der Kaufmann Nr. 1 dem anderen Nr. 2 aus purer Freundschaft einen guten Wink gibt – ja ganz richtig: einen »Tip« – oder ihm ein Geschäftchen vermittelt, das er aus den verschiedensten Gründen nicht selber machen kann oder will, so darf er dafür nicht zuviel Trinkgeld verlangen. Es ist nicht schön von ihm. Der Kaufmann Nr. 2 wäre auf die besagte Geschäftsgelegenheit vielleicht ohne die Güte des Nr. 1 aufmerksam geworden. Aber selbst in der nüchternen Geschäftswelt, wo nur Ziffern und keine Gefühle reden, hat man so viel Anstand besessen und das häßliche Trinkgeld in ein schönes Kleid gesteckt. – Ja, in diesem Kleide heißt es »Kommission«. – Sie meinen, man könnte die Kommission nicht zu den Trinkgeldern rechnen!? – Oh, man hat sogar die Illegitimität derselben erkannt und versucht, sie legitim zu machen, indem man sie im voraus vereinbart und sich über die Materie klar ist, bevor das Geschäftchen zustande kommt. Dieses Verfahren verhindert viel Unannehmlichkeiten. Ein Trinkgeld im Kommissionskleid oder ein Wolf im Schafspelz ist ungefähr das gleiche.

Ich will Ihnen aber zeigen, welch feiner Mensch der Kellner ist, wieviel Anstand und Zartgefühl er besitzt. Er hat nicht die Frechheit und Unverfrorenheit, das ihm zustehende Trinkgeld im voraus zu vereinbaren. Er wartet geduldig, bis er es erhält oder auch nicht erhält. Wie der schwindlerische Kellner niemals mit großen Zahlen manipuliert, so hat der ehrliche Kellner auch niemals mit Trinkgeldern von respektablem Umfang zu tun, wie die Menschen in höheren Lebensstellungen. Und wie der Wert und die Achtbarkeit des Trinkgeldes mit seinen Ziffern steigt oder sinkt, so finde ich es denn auch ganz verständlich, daß das Trinkgeld des Kellners eine entsetzlich lächerliche und verächtliche Bagatelle ist. Und der Mensch, der sich mit solchen Dingen abgibt, ist eben auch nur ein ganz niedrig stehendes Individuum. Nur derjenige, der die großen Summen handhabt, kommt in Betracht. Darum sollten sich die Kellner eben auch nur mit ganz enormen Trinkgeldern abgeben oder mit gar keinen. Da die ersteren aber sehr rar sind und der Kellner auf die Bagatelle angewiesen ist, so können wir hieraus leicht das Dilemma, in dem er sich befindet, erkennen.

Ja, sehen Sie! Da haben wir's! – Auf der ganzen Welt herrscht dieser freundliche Glaube! Die Hotelangestellten, denken die Gäste und überhaupt jedermann, nehmen so viel an Trinkgeldern ein, daß die Glücklichen sich nach Verlauf von – sagen wir – zehn Jahren selber ein Hotel oder doch mindestens ein kleines Rittergut genehmigen können. Und aus diesem freundlichen Glauben suchen dreierlei Parteien Vorteile zu schöpfen. Erstens der junge Angestellte, der sich in zehn Jahren das kleine Rittergut oder das große Hotel kaufen will, zweitens der Hotelbesitzer, der mit der allzu großen Vermehrung von Hotels nicht einverstanden ist, und drittens das liebe Publikum. Die Vorteile, die der Angestellte sucht, gelten natürlich der eigenen Tasche, die Absichten des Hoteliers und des Publikums sind nicht minder auf dasselbe Ziel gerichtet.

Der Prinzipal, der von den fabelhaften Trinkgeldern hört und sieht, hält es mit Recht für unnötig, die beneidenswerte Lage der Angestellten noch durch hohe Gehälter zu verschönern. Manche Prinzipale gewähren aus diesem Grunde gewissen Angestellten überhaupt keine Gehälter. Die Leute dürfen glücklich sein, daß sie bei ihm überhaupt geduldet werden. Wieder andere Prinzipale, von einer heillosen Angst vor der zukünftigen Konkurrenz ihrer Angestellten angetrieben, suchen die nahende Flut solcher Gefahren einzudämmen, indem sie im Namen des heiligen Rechtes, das ihnen zusteht, einen Teil der Trinkgelder ihrer Angestellten im eigenen Sack verschwinden lassen. – Sie verkaufen also eine fette Stelle an den Meistbietenden. Eine juristisch durchaus ehrliche, achtbare und zulässige Geschäftstransaktion. Selbst in Amerika kommt dies vor. Der Cloak Room-»Boy« – der Garderobe-»Junge« eines Riesenhotels – ein ganz beträchtlicher Finanzier – muß oft zehntausend Dollars jährlich für das Privilegium zahlen, sein Dasein führen zu können, und außerdem muß er noch eine Herde von anderen »Jungen« und Parlormaids zu seiner Hilfe aus eigenen Mitteln anstellen. Selbst in kleineren Betrieben lassen wieder andere Prinzipale die Angestellten an aufreibenden Posten, wo so ungeheuer viel Trinkgeld eingeheimst wird, vollständig ohne Hilfe stehen und drohen mit Entlassung, wenn nicht »alles klappt«. Der Angestellte in seiner Angst, die Stelle zu verlieren und seine Gesundheit zu schonen, engagiert sich die notwendige Hilfe auf eigene Rechnung. So hat ein großer Oberkellner oder ein Portier sehr häufig seinen Privatsekretär, der mit dem Hause, in welchem er arbeitet, direkt nichts zu tun hat und nur für den Mann lebt, der ihn engagiert hat und ihn entlohnt. – Es ist eine alte Geschichte, daß ein Hausknecht häufig ein halbes Dutzend anderer Hausknechte beschäftigt und bezahlt. So kommt er dadurch in die rätselhafte Situation, daß seine Kollegen zu gleicher Zeit Hausknechte bei ihm sind. – Sie lachen, mein lieber Freund! – Das sind Lagen, verzwickte Produkte des zwanzigsten Jahrhunderts, Blüten, die überall zu finden sind. In manchen komplizierten Ehe- und Verwandtschaftsverhältnissen kann es vorkommen, daß man eines Morgens als sein eigener Stiefgroßonkel aufwacht.

Wir wollen uns daher nicht über die Hausknechte bei einem Hausknecht amüsieren. In den großen Hotels, wo die Oberkellner ihren eigenen Speisesaal haben, gibt's sogar einen Oberkellner für die Oberkellner. Na also! –

Die Vorteile, die das liebe Publikum aus den Märchen von den Trinkgeldschätzen zu ziehen sucht, liegen natürlich klar auf der Hand. Manchem Gaste, der mit seinem Gelde rechnet oder zu rechnen hat, treten bei der Abschätzung der vom Kellner geleisteten Dienste die horrenden Einkünfte des Menschen vor Augen. »Na,« denkt er, »der Mann verdient ja ohnehin so viel, und ich bin gerade knapp bei Kasse.« – In einem solchen Falle wird das Trinkgeld sehr mager sein, oft selbst so unscheinbar, daß es nur ein illusorischer Begriff ist, der sich mit dem Sehnerv oder dem Sinne, der in den Fingerspitzen steckt, nicht wahrnehmen läßt. – Wenn solcher Fälle viele auftreten – und sie kommen – so wird das Budget des Kellners dadurch sehr beeinträchtigt. Wenn nun alle Gäste eine nebelhafte Vorstellung von den Einkünften eines Kellners haben – und die haben die meisten – und wenn diese Vorstellungen optimistisch sind – was gewöhnlich der Fall ist – dann schrumpft das Trinkgeld zu einem hoffnungslosen, vagen Begriff zusammen, mit dem der Kellner sich auf die Dauer nicht zufrieden erklären kann.

So sind die Aussichten des Kellners auf eigene Hotels und Rittergüter verhältnismäßig gering. Dank dem optimistischen Publikum, dank eigensüchtigen Prinzipalen. Und selbst von den freigiebigen Gästen, die in dem großen Gewühle von Geizhälsen und Optimisten des Kellners einzige Hoffnung und eisernen Bestand bilden, geht dem Armen viel verloren. Die freigiebigen Leute sind gewöhnlich gutmütig und vertrauend, aber auch leider ignorant in vieler Hinsicht. Sie verteilen den Lohn für das gute Service, das sie erhalten haben, oft so ungeschickt wie möglich. Das Trinkgeld gerät dann meistens an die unrichtige Adresse, und er, der am meisten zum Wohlbefinden der Gäste beigetragen hat, der Kellner, wird entweder vergessen oder geflissentlich von denen, die das Trinkgeld einheimsen, übersehen. Daß dies ein Mistbeet für allerhand Auswüchse häßlichster Leidenschaften ist, braucht man wohl gar nicht zu bemerken.

In vielen Hotels hat sich die geradezu satanische Methode eingebürgert, daß alles Trinkgeld in eine gemeinsame Kasse fließen muß, die von dem Argusauge des Herrn Oberkellners bewacht und deren Inhalt am Schlusse der Woche »gerecht« verteilt wird. Viele Menschen haben sehr individuelle Rechtsbegriffe. So auch manche Hoteliers und Oberkellner. Manchmal sollte man sagen, die Leute hätten zehn Semester Jura studiert. – Ein Drittel – wenn nicht gar mehr – dieser Kasse fließt gewöhnlich dem Herrn Ober zu, fünfzig Prozent vom Rest wird unter den Assistenz-Oberkellnern verteilt, der Rest vom Rest, also höchstens fünfundzwanzig bis dreißig Prozent vom Ganzen, geht unter die vielen Kellner, die davon gewöhnlich noch etwas ihren treuen Pikkolos abgeben müssen, ohne deren Hilfe sie vielleicht nicht fertig geworden wären. – Hier gebiert das Böse wiederum Böses. Die ungerechte Verteilung verleitet die Kellner natürlich oft, nur einen Teil des sauer verdienten Trinkgeldes in die Kasse fließen zu lassen, und sie machen sich so der Unterschlagung schuldig. Selbst das ehrlichste Gemüt wird Grund genug für einen solchen Akt finden und wird die Stimme des Gewissens mit erfundenen Theorien zu beschwichtigen suchen. Dies ist gewöhnlich der erste Schritt zur wirklichen Unterschlagung, wenn die Feinheit des Gewissens durch das Praktizieren solcher Tricks abgestumpft ist und sich einen Grund für eine verbrecherische Tat ausheckt. Derartige Systeme sind also geradezu Vorschulen für den werdenden Verbrecher. Sie kitzeln und animieren die verbrecherischen Instinkte, die in jeder menschlichen Brust schlummern. Ein Kellner ist gewöhnlich in den Jahren der Jugend, wo sein Gemüt am dunkelsten, am chaotischsten und zugleich am empfänglichsten ist. Die äußern Einflüsse bestürmen ihn so gewaltig, daß er sich oft der unheimlichen Mächte nicht mehr entziehen kann und sinkt, rettungslos sinkt.

Das Rittergut des Kellners liegt also nicht so nahe, wie man glauben sollte. – Was bleibt ihm sonst noch übrig? – Sein Gehalt. Dies Gehalt ist, wie wir sahen, infolge des freundlichen Glaubens an das Trinkgeld überall gering – meistens sehr gering – manchmal sogar Null, in allen Fällen aber für das, was der Kellner zu leisten hat, für die Kenntnisse, die Geistes- und Körperkräfte, die man von ihm verlangt, für die überaus unangenehme, oft gesundheitsschädliche und vielfach geradezu unerträgliche Tätigkeit des Kellners, für die Atmosphäre, in der er sich bewegt, für die langen Überstunden und oft grausam lange, regelmäßige Arbeitszeit, für den Verlust eines Sonn- oder Ruhetages – für das alles ist das Gehalt des Kellners überall auf der ganzen Welt bettlerhaft, nein, sklavisch.

Dies Gehalt richtet sich, wie gesagt, nach dem Charakter des Hauses. Das Durchschnittsgehalt in Deutschland beträgt vielleicht kaum fünfunddreißig Mark monatlich, im übrigen Europa, in Asien und Afrika dreißig bis vierzig Franken, in Amerika ungefähr fünfundzwanzig Dollars. In Australien dagegen hat man in jüngster Zeit die Löhne versuchsweise gesetzlich geregelt, so daß diese ziemlich annehmbar erscheinen. Ich habe leider keine Statistiken darüber und nenne diese Ziffern, wie ich sie auf meinen Reisen erfahren habe. Nebst seinem Gehalt empfängt der Kellner von seinem Arbeitgeber in Europa und Amerika fast ausnahmslos Kost im Hause. In Europa tritt in fast allen Fällen noch ein obligatorisches Logis im Hause dazu. Man hat jedoch in Amerika bereits die Verwerflichkeit solcher Sklaverei eingesehen und sie aus praktischen und moralischen Gründen abgeschafft. Höchstens in einzelnen Sommerhotels wird es den Kellnern anheimgestellt, ihre Quartiere nach Belieben im Hause oder außerhalb desselben aufzuschlagen.

Ja, diese aufgezwungene Verpflegung sieht wunderbar schön und mildtätig aus. In Wirklichkeit aber ist es anders. Denn der Angestellte muß dafür – schlecht, wie sie in den meisten Fällen ist – natürlicherweise indirekt schwer bezahlen. Sie wird ihm als einen Teil seines Gehaltes vorgerechnet. In Deutschland berechnet ein Hotelier seinem Kellner – sagen wir – dreißig Mark für monatliche Kost und vielleicht zwanzig Mark für das monatliche Logis. Summa fünfzig Mark. – Schön. Da der Prinzipal nun aber die Rohmaterialien für die Kost im Großen einkauft und in vielen Fällen sogar bezahlte Speisenreste seiner Gäste zur Abfütterung seiner Angestellten verwertet, so macht er dabei ein sehr lukratives Geschäft. Bei einer großen Anzahl von Angestellten läuft dies natürlich kolossal zusammen und bildet eine beträchtliche Einnahmequelle des Prinzipals. – In seinem großen Hause findet der Hotelier natürlich auch genügend Speicher- und Kellerräume, viele Winkel und Stuben, um seine Schar von Angestellten zu beherbergen. Für die Gäste können derartige Löcher nicht in Betracht kommen, als sonstige Betriebsräume sind sie vielleicht nicht geeignet oder überflüssig. Folglich stehen sie leer und sind unbenutzt. Aber jeder Quadratzoll, den ein Hotel bedeckt, kostet Geld, oft sehr viel Geld, und somit ist jeder unbenutzte Raum in dem Gebäude verlorenes Geld. Die obligatorische Einquartierung der Angestellten ist daher aus diesem Grunde höchst erwünscht. Die Angestellten, die im Hause schlafen müssen, sind wertvollere Gäste als die Gäste selber. Sie lassen sich irgendwo, in irgendeinen Stall hineinpferchen und bezahlen schweres Geld dafür. Denn für zwanzig Mark im Monat bekommt man überall ein halbwegs menschenwürdiges möbliertes Zimmer – wenigstens nach unseren heutigen Begriffen – und vielleicht noch liebenswürdige Wirtsleute obendrein. Der Kellner und die anderen Angestellten des Hotels werden aber nicht selten zu fünf oder zehn Personen in einem Raume kaserniert, der kaum mehr als den gesetzlichen Kubikinhalt hat. Oft hat er diesen nicht einmal. Und für solches Quartier bezahlt der Kellner seine hohe Miete. – Von den Unannehmlichkeiten, Unzuträglichkeiten, von der zweifelhaften Gütergemeinschaft, die durch das Zusammenleben in solchen Quartieren entstehen, will ich schweigen. Ich will schweigen von der Schmucklosigkeit, die solchen Räumen anhaftet. Sie sehen allem ähnlich, nur keinem Heim, dessen ein hart arbeitender Mensch zur Ruhe und Erholung dringendst bedarf. Ich will schweigen von den unhygienischen, schmutzigen Zuständen, die sich dabei notwendigerweise entwickeln müssen. Ich will schweigen von der deprimierenden, erdrückenden Wirkung, welche derartige Quartiere auf das Gemüt des jungen Menschen haben, der soeben seinen Arbeitsplatz – eine Stätte des Überflusses, des Reichtums und der Üppigkeit – verließ. Hier hat er Gelegenheit, erst recht sein eigenes Elend einzusehen und darüber nachzugrübeln. – Ich will schweigen von den verderblichen Folgen, welche Massenquartiere von jungen Leuten beiderlei Geschlechts mit sich führen. Wir brauchen keine Moralisten zu sein, um uns über die bestehenden Versuchungen und den Verfall der Moral der Angestellten zu entrüsten. – Nein, wir wollen keine Moralisten sein. Wir wollen uns nicht darüber entrüsten. Wer schlecht sein will, kann es irgendwo und überall sein. Ein reiner Mensch kann in einem Pfuhl von Laster und Elend stecken, ohne daß er davon berührt wird. Aber der Ekel, die Krankheiten an Leib und Seele, die solche Umgebungen auf die Dauer selbst dem stärksten Gemüte aufdrücken, sind unbeschreiblich.

Und für solche Umgebungen und Einflüsse bezahlt der Kellner schweres Geld. Um solcher Quartiere willen, die nur der Bereicherung seines Arbeitsgebers dienen, der schon ohnehin zu viel Nutzen aus seinen Angestellten zieht, muß der Kellner den Gedanken an ein gesittetes Familienleben von vornherein als etwas ganz Unmögliches von sich abweisen. Um solcher Quartiere willen kann er kein menschenwürdiges Dasein führen, darum geht ihm die so notwendige Ruhe und Erholung ab. – Freilich hat die obligatorische Einquartierung ihren doppelten Vorteil – für den Prinzipal. Er kann seine Leute möglichst lange im Geschäft halten und sie je nach Bedarf – immer – bei Tag und Nacht – zitieren, sie möglichst früh wieder heraustrommeln. Sie sind ihm immer zur Hand – immer! – Natürlich veranlassen solche ekelhaften Zustände die jungen Leute, statt nach der Arbeit sich zur Ruhe zu begeben, noch spät in der Nacht oder vielmehr früh am Morgen zu fliehen und im Nachtleben der Großstädte Zerstreuung zu suchen.

Ich war sehr generös im Kostenanschlag für das Logis und die Nahrung, die dem Kellner als ein Entgelt für seine Dienste aufgenötigt werden. Ich kann mit ruhigem Gewissen behaupten, daß die Kost einer Volksküche oft besser, nahrhafter, appetitlicher zubereitet ist, als das Futter, das man gewöhnlich dem Kellner vorwirft. Auch hier hat er wieder schmerzliche Gelegenheit, Vergleiche zu ziehen zwischen seinem Menü und dem der glücklicheren Menschen, die er abfüttert. – Eine monatliche Pension in einer Volksküche wird nicht die Summe von dreißig Mark, die ich für Kellnerkost veranschlagt habe, verschlingen. Dafür kann man sich schon ganz leidlich in einem Privatkosthause oder bei einer anständigen Bürgerfamilie durchbringen, wo es gute Hausmannskost und gelegentlich einen saftigen Braten oder ein Hühnchen am Sonntag gibt. – Die veranschlagten zwanzig Mark als monatliche Miete für einen Stall – denn mehr kann man die sumpfigen Quartiere meistens nicht nennen, sind gleichfalls reichlich. Addieren wir nun diese zwei Zahlen zu dem schon oben erwähnten Gehalt von rund fünfunddreißig Mark, so ergibt dies eine Summe von fünfundachtzig Mark, die der Kellner von seinem Arbeitsgeber für die geleisteten Dienste monatlich erhält. Und nehmen wir an, daß er nur vierzehn Stunden durchschnittlich im Tage arbeitet, so erhält er für eine monatliche Arbeitszeit von dreißig mal vierzehn – also vierhundertundzwanzig Arbeitsstunden einen Lohn von zirka zwanzig Pfennig pro Stunde. Dies ist ein Lohnsatz, mit dem sich nicht der geringste Tagelöhner zufriedengibt.

Die illusorische Summe von fünfzig Mark, veranschlagt für die Verpflegung, zieht nicht viel direkte finanzielle Auslagen für den Prinzipal nach sich. – Das Personal, welches für die Verpflegung des Personals engagiert ist, ist nicht zahlreich. – Gewöhnlich probieren die angehenden Kochkünstler, die Lehrlinge in der Küche ihrer Künste an dem Essen des Personals. Das Menü des Personals ist oft sozusagen ein Versuchskaninchen. Auch hierin liegt ein Profit des Prinzipals. In den meisten Fällen braucht er den Lehrlingen kein Gehalt zu geben – im Gegenteil, diese bezahlen oft das Haus noch, damit sie das Essen der Angestellten versalzen und anbrennen lassen dürfen; zweitens erstreckt sich die verheerende und zerstörende Tätigkeit dieser jungen Schüler des Lukulls nicht auf die delikaten Rohmaterialien, die hübsch zubereitet die Tafel der Gäste zieren sollen, sondern auf den minderwertigen Fraß der Angestellten, welche nichts zu sagen haben. Die jungen Köche lernen auf Kosten des Personals die Grundelemente ihres Handwerks; sie ersparen dem Prinzipal erfahrene Personalköche und zugleich Rohmaterialien, die in ungeschickten Fäusten entheiligt und zerstört würden. Drei Fliegen mit einer Klappe. –

Für die Reinigung und Instandhaltung der Personalquartiere genügen einige alte Weiber. Gewöhnlich sind dies Frauen mit einem langweiligen Lebensroman und traurigen Augen. Still und langsam verrichten sie ihre Arbeit; das junge Volk hat Nachsicht, wenn nicht alles so ist, wie es sein sollte, denn die Alten leben ja nur noch aus Gnade und Barmherzigkeit und kriegen ihre zehn Mark im Monat. –

Wenn wir nun die direkten monatlichen Gesamtauslagen eines Prinzipals, die ihm durch die Verpflegung eines Angestellten verursacht werden, hochgegriffen, auf zehn bis fünfzehn Mark beziffern, so hat er gemäß unserer Kalkulation einen Reingewinn von fünfunddreißig Mark pro capita, denn die fünfzig Mark, die er dem Kellner für Verpflegung in Rechnung stellt minus fünfzehn Mark, die ihn die Verpflegung tatsächlich kostet, ergeben diesen Reingewinn. So hätte also, streng genommen, der Durchschnittshotelier die Dienste eines Kellners gewöhnlich ganz umsonst. Ja, unter Umständen verdient er noch obendrein an seinem Angestellten. Denn wenn er auch fünfunddreißig Mark in bar an Gehalt zahlt, so wird dies doch durch den Gewinn von fünfunddreißig Mark an der Verpflegung des Angestellten aufgehoben. Und wenn die Auslagen für die Verpflegung noch weniger betragen als die veranschlagten fünfzehn Mark, so ist jeder Pfennig darunter eine Gratiszugabe zu den Gratisdiensten, die der Kellner dem Hause verrichtet. Und was erst, wo der Angestellte gar kein Gehalt in bar erhält und sogar noch einen Teil seiner Trinkgelder an den Prinzipal abliefern muß?! –

Mit dem Lohnsatze des Kellners aber gibt sich kein Handlanger zufrieden. Mit dem Gehalt von fünfunddreißig Mark pro Monat plus den illusorischen fünfzig Mark in Naturalverpflegung kann auch kein Kellner zufrieden sein. Es ist kein Äquivalent für seine Leistungen. Nein, es deckt nicht einmal die monatlichen Auslagen des Kellners. Der Prinzipal verlangt von seinen Leuten, daß sie nicht nur reinlich und anständig erscheinen, denn dies darf jeder Prinzipal verlangen – nein, sie sollen womöglich nobel, hochnobel auftreten. – Dies ist zwar ein sehr dehnbarer Begriff, aber um ihm nur halbwegs gerecht zu werden, braucht man schon einen ansehnlichen Posten Geld. Die Wäsche verschlingt einen großen Teil davon. Kragen, Manschetten, Hemden sind wegen der anstrengenden Tätigkeit des Kellners nach einmaligem Gebrauche gewöhnlich zu erneuern. In den Sommermonaten wächst es ins Ungeheure. Die absurde Mode, den Vielgeplagten selbst in der größten Hitze mit steifem Kragen, weißem Panzerhemd und engem, schwarzem Frack zu quälen, verschlingt eine Menge Geld. Die gute Kleidung des Kellners wird durch den häufigen Kontakt mit fettigen Schüsseln und Gegenständen in der Küche gleichfalls sehr bald ruiniert. Ein neuer Frack in jedem Quartal ist die Regel des anständigen Kellners. Mit dem Schuhzeuge geht es gleichfalls nicht besser. Gute, leichte Schuhe, die für den Kellner nur in Betracht kommen, halten einen täglichen Sturmschritt von zehn, zwanzig, oft dreißig Kilometern treppauf und treppab über Teppiche, Marmor- und Steinfliesen nicht lange aus. Nach einem Monat ist das Leben eines Paares Schuhe, das zwanzig Mark gekostet hat, im Hoteldienste erloschen.

So kommen wir zu dem erschreckenden Resultat, daß die Einkünfte, die der Kellner vom Hause bezieht, nicht einmal seine notwendigsten geschäftlichen Auslagen decken. Wie muß er sich nun mit den anderen geschäftlichen Verlusten abfinden, die ihm aus seiner Tätigkeit erwachsen? – Wie bezahlt er das Bruchgeld, die Verluste durch die Gäste oder seine Unaufmerksamkeit, die Abgaben an seinen Pikkolo, die Strafen, die ihm von den Vorgesetzten auferlegt werden, das Schürzengeld und wie sonst noch alle die Anzapfereien heißen? – Wie bestreitet er alle diese Kosten? Wie verschafft er sich die Mittel für seine fortwährenden ausgedehnten, kostspieligen Reisen? – Wie lebt er zur Zeit seiner oft entsetzlich langen Stellenlosigkeit? – Was verbleibt ihm für sein Alter, welches mit seinem fünfunddreißigsten bis vierzigsten Lebensjahre beginnt und ihn unbarmherzig z. D. oder a. D. stellt? – Selbstverständlich! Das Trinkgeld muß es machen! –

Ich habe Ihnen aber klargemacht, was das Trinkgeld ist. Es ist kein Einkommen, es ist nur ein Auskommen. – Würde der Kellner nicht lieber ein sicheres Einkommen seinem unsicheren Auskommen vorziehen? Ich kann es nicht sagen! Der Kellner – wie ein Jongleur – liebt das Waghalsige.

Wie ihm ein sicheres Einkommen verschafft werden könnte? Nichts einfacher als dies! Und vielleicht nichts schwieriger. – Selbstverständlich gibt es unter dem Publikum viele Gegner des Trinkgeldes. Und mit Recht. Manche darunter sind aber doch recht sonderbare Käuze. Sie agitieren gegen das Trinkgeld an der unrichtigen Stelle. – Wieso? – Nun, indem sie dem Kellner kein Trinkgeld geben und in ihrer heiligen Entrüstung nicht bedenken, daß, solange dieser Mensch schlecht bezahlt ist, er quasi ein Anrecht auf das Trinkgeld hat, und daß der Gast moralisch verpflichtet ist, eine angemessene Belohnung für die erhaltenen Dienste zu geben. Denn wenn die Löhne der Angestellten erhöht werden, so müssen auch folgerichtig die Preise der Waren erhöht werden, sonst kann der Wirt unmöglich auf seine Kosten kommen. Der Gast hat also auf jeden Fall die bittere Pille des Zahlens zu schlucken.

Unter den gegenwärtigen Verhältnissen profitiert natürlich ein »Gegner des Trinkgeldes« ganz erheblich auf Kosten des armen Kellners. Der Gast, welcher kein Trinkgeld gibt, schindet es dem Kellner ab. Er bereichert sich auf Kosten eines armen, arbeitenden Menschen. Der Kellner steht machtlos da, aber er merkt sich gewöhnlich seine Kunden. Bei seinem häufigeren Erscheinen wird einem solchen Gaste nicht das Interesse entgegengebracht, welches er sich wohl wünschen möchte. Auf die Dauer entstehen Spannungen zwischen ihm und dem Kellner, die wirklich unerträglich, oft gar gesundheitsschädlich für beide Parteien werden können. Dennoch ist der bedauernswerte Nichttrinkgeldgeber aus Prinzip eigentlich noch der achtbarste unter denen, deren Hand verschlossen bleibt. Geldverlegenheit ist zu entschuldigen, aber der Geizige im Speisesaal ist die verächtlichste Kreatur, die ich mir denken kann. Sie machen auch gewöhnlich immer die größten Ansprüche, und ihr Erscheinen ist das Zeichen eines hereinbrechenden Strafgerichtes Gottes für den Hotelier und seine Angestellten. Aber scharenweise treten sie auf. Sie wollen gewöhnlich nie »etwas Extras« haben, sondern nur das, wozu sie »berechtigt sind«. Sie sind gräßlich, wenn wütend gemacht durch die indifferente Ruhe, mit welcher ihnen gewöhnlich der Kellner begegnet, sobald er sie erkannt hat. In derartigen Gemütserregungen verringert sich meistens der Wortschatz dieser Leute auf die primitivsten Formen, und in willkürlichen, ungewählten Ausdrücken ergießen sich die schönen Seelen. Ich kann nicht verstehen, warum die Hoteliers nicht in eine Versicherung gegen solche Gäste gehen und überall, wo sie diesem Typus begegnen, sich seiner ohne viel Zeremonien entledigen. Die einzige Erklärung für die Unterlassung der Maßregeln ist der Umstand, daß meistens nicht sie, sondern die Angestellten unter der Pest zu leiden haben.

Andere prinzipielle Feinde des Trinkgeldes sind die Herden von Reisegesellschaften, die unter der Führung eines Leithammels mit Sprachrohr und Baedeker ganz Europa überschwemmen. Man kann sie sehen, die großen Fuhren der Reiseviehtransporte. Zusammengepfercht rasseln sie im Galopp durch die Straßen und recken die Gummihälse. Ihnen ist jedoch zu verdanken, daß unsere Museen noch einigermaßen bevölkert sind. Diese Leute und auch die vereinzelt und doch nicht minder zahlreich auftretenden nomadisierenden, ästhetischen Jungfern, die ein gemischtes Parfüm von Museumsluft und welken Rosen mit sich bringen, sind durch gewohnheitsmäßige, kompulsorische Arithmetik ausgesprochene Gegnerinnen des Trinkgeldgebens. Sänger, Schauspieler, Theaterdichter, Konzertkünstler verbinden oft mit dem Trinkgeld einen guten Zweck. Sie geben dasselbe reichlich, jedoch in der weniger liquidierbaren Form von Billetten zu ihren respektiven Vorstellungen. Sie haben dabei oft wenig Ahnung, welch kritisches Füllsel sie sich für gähnende Leeren im Parkett des Hauses auserwählt haben.

Ich kann wirklich nicht einsehen, warum die Wirte von ihren Gästen den wohlverdienten Lohn ihres Personals nicht selber einkassieren! Es ist mir rätselhaft, warum sie dies Geschäft – ihre Pflicht – auf eine so umständliche, unangenehme, ungerechte, erniedrigende, ja oft gemeine Weise von den an und für sich schon mit Arbeit überladenen Angestellten besorgen lassen, ohne ihnen jedoch die Vollmacht zu geben, dies so dringend notwendige Geschäft nötigenfalls energisch zu betreiben und durchsetzen zu können. – Es ist eine ganz verdammenswerte Zauderpolitik, die kaum ihresgleichen kennt.

Leute, die möglichst gut und möglichst billig leben wollen, veranlassen oft ihren Kellner, ihnen allerhand Privilegien zu verschaffen, zu denen sie nicht berechtigt sind. Der Arme, auf sein Trinkgeld angewiesen, wird sein Möglichstes tun, den Wünschen seiner Leute selbst auf Kosten des Hauses nachzukommen. Schließlich erheben sich die Gäste, bedanken und verabschieden sich freundlichst und lassen das lange Gesicht des Kellners hinter sich zurück und suchen es zu vergessen. Der Arme befindet sich in einer bedauerlichen Lage. Er, der zu kleinlichen Unterschleifen verführt wurde, ist selber der Betrogene. Und warum? Weil er seine Augen auf das verheißene Trinkgeld gerichtet hatte. Ein Mann, der dies nicht zu tun braucht, kann die häufig vorkommenden, oft unverschämten und unredlichen Anforderungen solcher Leute höflich aber kühl abwimmeln und dazu lächeln.

So wundert sich daher das liebe Publikum, regt sich auf, ist entrüstet, beleidigt, schmäht und schimpft, wenn es bei seiner Abreise aus einem Hotel verschiedene lauernde, bleiche Gesichter ängstlich und unruhig umherspuken sieht ... Ja, diese bleichen, unheimlichen Gesichter haben es auf den Herrn Gast abgesehen. Sie wollen ihn abfangen. Er darf nicht entwischen. Denn seine Rechnung ist noch nicht ganz beglichen. Ob es entsetzlich erniedrigend ist, so auf der Lauer liegen zu müssen, das geht den lieben Herrn Gast gar nichts an. Er darf sich deshalb nicht entrüsten. Er braucht nur zu zahlen und dann zu gehen. Das ist alles. Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert. Es ist aber sicher entsetzlich erniedrigend für einen reichen Gast, einen armen Angestellten prellen zu wollen. Und darum wird der Kellner geschmäht und verachtet, weil sich seine Gäste so entsetzlich erniedrigend, so hündisch benehmen?! Es ist sonderbar, wie die Rechte verdreht werden! – Wir können es doch wohl kaum einem Menschen verdenken, daß er zu allen möglichen erlaubten, ja verzweifelten Mitteln greift, seinen verdienten Lohn einzukassieren. Was tun die Menschen nicht alles, um unverdientes Geld zu erwerben!? –

Es rentiert sich wirklich, dem Kellner das verdiente Trinkgeld zu geben. Ein schwerer Druck lastet auf dem Gemüte der Gäste, die ihm den schuldigen Lohn verweigern. Sie wissen wohl, welches Unrecht sie begehen, und beschämt suchen sie sich so schnell wie möglich zu entfernen. Ja, ihr Auszug gleicht dem eines Diebes bei der Nacht. Und ihnen folgen keine Segenswünsche. Ihnen folgt die Wut und der gerechte Zorn des Betrogenen. Wer von diesen moralischen Beweggründen unberührt bleibt, mag vielleicht den materiellen Schaden, der seiner Ungerechtigkeit nicht selten folgt, um so mehr empfinden. Wir wollen uns nicht die Augen verbinden, um von dem Anblick verschont zu sein, den unser Gepäck in den Fäusten eines rachsüchtigen Hausknechts darbietet, wenn dieser weiß, daß er leer ausgehen wird. Mit Handschuhen wird er es nicht behandeln. Er wird seinen Racheakt so geschickt ausführen, daß man ihm nicht einmal etwas anhaben kann. Es ist zwar eine Dummheit, aber immerhin die typische Kundgebung der kochenden Volksseele. Die gebildeten, vielgereisten Gäste sollten damit vertraut sein. Die Kenntnis derartiger Kleinigkeiten ist nicht zu unterschätzen. Dem Geizhalse im Saal ergeht es kaum besser. Sein Diner wird gewiß nicht zum Genuß. Er muß geduldig, wenn auch innerlich kochend, zusehen, wie sein freigiebiger Mitgast den ganzen Balsam einer guten, erstklassigen Behandlung und Hochachtung erhält. Dies allein kann einem Knicker unter Umständen schon genügend Gelbsucht einbringen, daß die Doktorrechnungen sich weit höher belaufen als das Kellnertrinkgeld. Denn er darf als Gast des Hauses doch auch die größtmögliche Aufmerksamkeit beanspruchen. Diese läßt sich jedoch nicht energisch beitreiben. Sie will gelockt sein. Energie im Speisesaal wird begrinst; sie ist absolut machtlos.

Es folgt nun noch ein anderer Typus von Trinkgeldgebern. Das ist der verschwenderische, der protzenhafte. – Es ist leicht, sich in die Seele des Geizhalses hineinzudenken. Der Protz aber und der Verschwender sind ganz andere, viel schwierigere Fälle. Der Grundzug im Charakter des Geizhalses ist List und Egoismus, beim Protzen hochmütige Dummheit und beim Verschwender Leichtsinn. Nichts entblößt sich mehr als List und Egoismus. Ein ehrlicher Mensch kann sie lächelnd durchschauen, wenn er seine Augen aufhält. Die Dummheit aber zu durchschauen hat noch niemand vermocht. Sie ist hoffnungslos dunkel. Und der Leichtsinn ist wie ein Sumpf, unergründlich tief. Der wirkliche Leichtsinn hat keinen Boden. Er ist bodenlos. So schön und so edel die milde, diskrete Freigiebigkeit ist, so ekelhaft ist die Art des Protzen, zu geben, und so verwerflich die des leichtsinnigen Verschwenders. Und doch! Warum können wir der Dummheit und dem Leichtsinn nie wirklich ganz von Herzen gram sein wie dem Geize? – Weil wir die beiden ersteren und ihre Schrecken nicht völlig erkennen können? Eine verschwenderische und protzenhafte Handhabung des Geldes verleitet naturgemäß auch den Empfänger zu solchem Tun. Was man fortwirft, kann nicht viel Wert haben. So wird der Wert des Geldes durch den Protzen und den Verschwender entehrt. Und so wird die keimende Lebensanschauung des jungen Kellners vergiftet. Wenn sein Gemüt nicht ganz stark ist, so wird er das auf solche Weise erhaltene Geld auch wieder auf solche Weise verlieren.

Hier will ich Sie auch gleichzeitig auf die eine, vielleicht die größte Gefahr des Trinkgeldes aufmerksam machen, der sein Empfänger ausgesetzt ist und der er schwer widerstehen kann. Der Kellner arbeitet nicht wie die meisten anderen Lohn- oder Gehaltarbeiter von Woche zu Woche oder von Monat zu Monat. Nein, als Trinkgeldempfänger arbeitet er von Tag zu Tag oder noch richtiger von Minute zu Minute. – Diese Art und Weise, den Lohn zu beziehen, hat einen ganz verderblichen Einfluß auf das Leben und den Charakter des Mannes. Derjenige, der ein monatliches Gehalt bezieht, ist gezwungen, mit den Früchten seiner Arbeit haushälterisch umzugehen, damit dieselben bis zum nächsten Zahltage ausreichen. Er lernt also rechnen. Ohne diese Kunst wird er an den letzten Tagen vor dem Empfang des neuen Gehaltes hungern müssen. Anders der Kellner. Er kann heute abend seine ganze Barschaft verjubeln, morgen früh fließt das Geld wieder herein. Er kann seinen morgigen Tagelohn am Abend des Tags verjubeln, – übermorgen zu Frühstück hat er wieder ein wenig im Sack. Und so weiter. Er kommt niemals in Geldverlegenheit, der glückliche Mensch! Darum ist er auch scheinbar so sorglos und lebt von heute auf morgen. Darum kommt er nie in Not, denn er hat immer Geld, und er hat niemals Geld, weil es immer geht, wie es kommt. Folglich tötet das Trinkgeld auch im Innern des Empfängers die Stimme ab, welche ihn warnt, daß er nicht immer jung sein wird, daß er aufspeichern muß für magere Jahre. Es bestärkt ihn im Leichtsinn, den er durch die verderblichen Beispiele aus seiner Umgebung gelernt hat.

Der legitime Anspruch, den der Kellner in seiner gegenwärtigen Lage auf Trinkgeld hat, artet oft in vielen Fällen in eine Sucht nach Trinkgeld aus, die namentlich besonders auftritt, wenn der eben erwähnte Leichtsinn Oberhand gewonnen hat. Die Trinkgeldfrage ist wirklich eine moderne Hydra. Schneidet man einen Kopf des Ungeheuers ab, so wachsen drei andere sofort nach. Unerbittlich fordert und verschlingt sie ihre Opfer. Auf die eine oder die andere Weise. Nur die wenigsten können ihr entgehen. Setzt der Kellner seinen Anspruch auf Trinkgeld energisch durch, so zieht er sich die Verachtung der Menschen zu, gefährdet seine Stellung und macht sich Feinde unter seinen Kollegen. Verzichtet er generös und resigniert, so arbeitet er umsonst und reibt seine Gesundheit auf für nichts.

Auch ein Zankapfel unter den Kollegen selbst ist das böse Trinkgeld. Es ist eine unerschöpfliche Quelle von großen und kleinen Streitereien, Ungerechtigkeiten, ja selbst Unredlichkeiten. Zu den vielen Sorgen des Oberkellners tritt noch die eine große hinzu: wie muß er einen »guten« Gast »verteilen«, damit keine Aufruhre in seinem Bezirk entstehen? Sie haben keine Ahnung, mein Freund, welche Spekulationsobjekte wir sind, mit welchen Hoffnungen wir abgemessen werden, mit welchen Möglichkeiten in uns man rechnet. – Wenn manche wohlwollende Gäste wüßten, welchen Vulkan von Schmutz und Schlamm menschlicher Niedrigkeit ihre Freigiebigkeit hinter der Szene oftmals in Aktivität setzt, so würde ihnen der Appetit vergehen, und sie würden den schönen Ort mit Schrecken fliehen. Selbstverständlich gibt es auch Leute unter den Kellnern, die in sehr primitiver Rechtsanschauung ein Trinkgeld, worauf sie kein Anrecht haben, oft einfach für sich behalten. Daß dies Unterschlagung ist, wird in den meisten Fällen nicht bedacht. Eine derartige Handlung braucht nicht unbedingt aus unehrlichen Motiven zu entspringen, sondern in Fällen, wo sich der Mann dazu berechtigt glaubt, wenn er seinem vielleicht bedrängten Kollegen bei der Arbeit geholfen hat, kann dies eine Streitfrage werden.

Ich könnte Ihnen noch gar vieles vom Trinkgeld erzählen. Aber das würde langweilig werden. Um es ganz genau zu bezeichnen, kann man es nur mit einer ekelhaften orientalischen Krankheit oder mit einem Meisterwerk Satans vergleichen, das, mit allen Raffinessen satanischen Esprits ausgestattet, alle Schwächen der menschlichen Seele durch und durch kennt und darin herumwühlt. – Wir fassen daher unsere Anklage gegen das Trinkgeldsystem noch einmal in kurzen Worten zusammen und schleifen es vor das Tribunal vernünftig denkender Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts und des Fortschrittes: Das Trinkgeldsystem ist ein aus urdenklichen Zeiten hergebrachter Brauch, eine Dienstleistung nach eigenem Ermessen zu belohnen, ohne daß dabei derjenige, der die Dienste geleistet hat, etwas zu seinem Vorteil sagen darf. Es ist eine schäbige Reliquie aus der Sklavenzeit, der Zeit der tiefsten Erniedrigung der Menschheit, und hat sich mit großer Zähigkeit bis auf unsere Tage erhalten. Es steht im schroffen Widerspruch zu unseren modernen Ansichten von der Unabhängigkeit selbst des geringsten Arbeiters und verletzt die Würde einer modernen Geschäftsführung. Kein Mittel ist ihm zu gemein und zu niedrig, seine fluchwürdige Existenz zu erhalten, und es hat sich folgender Verbrechen gegen die Menschheit schuldig gemacht, die wir durch unumstößliche Dokumente und die Zeugnisse von Hunderttausenden ruinierter Leben, zertrümmerter Jugendhoffnungen beweisen und bei einem Meer von Tränen eidlich bekräftigen können:

1. Degradation unschuldiger Menschen. 2. Demoralisation unschuldiger Seelen. 3. Verführung zum Leichtsinn und Förderung desselben. 4. Vernichtung des Selbstbewußtseins des Empfängers. 5. Verleitung zur Verschwendung. 6. Verleitung zur Unehrlichkeit. 7. Stiften von Unfrieden zwischen Kollegen. 8. Schüren der Leidenschaften des Neides und der Gemeinheit. 9. Untergrabung des Ansehens bei den Mitmenschen. 10. Foltern des guten Gebers. 11. Schädigung des Nichtgebers in moralischer und materieller Hinsicht. 12. Verleiten der Wirte zur Bequemlichkeit und Faulheit. 13. Tausende von indirekten schädlichen Folgen besagter Verbrechen und verdächtig vieler ihm nicht direkt nachweisbarer Verbrechen.

Ist das nicht ein stattliches Schuldkonto!? Könnten Sie mir etwas angeben, das zur Entlastung des Angeklagten beiträgt?! – Das seine Existenz irgendwie berechtigt? – Nein, nichts, gar nichts! Unser Urteil ist daher fertig. Es heißt, »Schuldig«. Schuldig, unwürdig der Zugehörigkeit zur menschlichen Gesellschaft des zwanzigsten Jahrhunderts. – Nach dem Kodex des Lebens steht darauf Ausstoßung aus dem Verbande der Menschheit, lebenslängliche Verbannung und Verlust sämtlicher bürgerlichen Ehrenrechte und Existenzrechte. –

Aber durch diese Aburteilung wird die Hydra noch lange nicht getötet. Der erste Kopf ist nur abgeschlagen. Es wachsen sogleich drei andere nach, wenn die Wunde nicht ausgebrannt wird. Das offene Geschwür muß behandelt und verbunden werden, die Wunde muß sich schließen und heilen. Es soll womöglich keine Narbe bleiben. Anfangs mag sie den Körper noch sehr peinigen, doch der Schmerz wird sich bei richtiger Behandlung bald legen. Die Zeit wird heilen.

Wer, meinen Sie wohl, würde am schlimmsten durch eine derartige Operation an unserem Geschäftskörper betroffen werden? – Nun, jedenfalls doch diejenigen Leute, die aus dem Trinkgelde Nutzen für sich selber zu ziehen suchen. Und diese sind, wie wir sahen: die Kellner, die Prinzipale und die Gäste. Eine Flut von erzürnten, erstaunten, wütenden, ängstlichen, feigen, dummen Fragen würde plötzlich mit einem Male brausend aufspringen. Das Wort Rousseaus wird sich wieder bewahrheiten:

»Die Sklaven verlieren in ihren Ketten alles, selbst endlich den Wunsch, ihrer los zu sein.«

Die Kellner würden fragen: ›Was wollen wir ohne Trinkgeld anfangen!?‹ – Sie würden besorgt auf den Prinzipal schauen und ungeduldig dessen Bewegungen abwarten. Der Prinzipal würde genau dieselbe Frage stellen, besorgt auf seine Angestellten schauen und ungeduldig abwarten, was diese machen. Die armen Gäste sind dann sogar in drei Lager geteilt. Die beiden ersteren Lager werden sich genau dieselbe bange Frage stellen, jedoch mit verschiedenen Hintergedanken. Lager Nr. 1 denkt mit Schrecken an die Preiserhöhung der guten Dinge; Nr. 2 ist in Verzweiflung, denn es weiß nicht, was es machen soll, wenn es kein Trinkgeld mehr geben kann. Das dritte Lager aber wird sich gar nichts fragen und auch nicht besorgt den Kopf hängen lassen, sondern es wird sich freuen, daß alles endlich ein Ende nahm. Und dieses Lager ist das weitaus größte.

Ah, Sie glauben also wirklich an die Unbesiegbarkeit des Trinkgeldes, an seinen endgültigen Triumph?! – Ich bewundere die Schärfe und Feinheit Ihres Gedankens, vor Ihrer Menschenkenntnis graut mir beinahe! – Ja, ich muß mein Haupt im Schmerz beugen und zugestehen: das Trinkgeld ist das Zauberwort, der große, wunderwirkende Sesam, vor dem die stärksten Tore in Staub zerfallen. Ein Trinkgeld verwirklicht das Unwirkliche, es ermöglicht das Unmögliche, es buchstabiert das Unaussprechliche. – – Wie ich mich selber zu betrügen versuche! Ich weiß ja genau, daß unser Almosen doch gerade das Gegenteil von dem ist, was es sein soll. Es wird doch niemand die Frechheit besitzen, zu behaupten, daß er mit der elenden Münze, die er dem schlotternden Bettel hinwirft, denselben aus seinem Jammer helfen will. Man gibt sie doch nur, um seines unliebsamen Anblicks oder seines Gedudels los zu werden. – Außerdem ist Geben seliger denn Nehmen. –

Ein Trinkgeld mag oft mehr sein, viel, viel mehr sein als eine vom Arbeiter verlangte Bezahlung für seine Leistung, aber es wird sich doch immer erhalten, denn die schmierige Vertraulichkeit im Verkehr untereinander, zu der es Berechtigung gibt, – welche es sanktioniert, scheint vielen Menschen zu behagen. Es ist die fette, lauwarme, schmierige Vertraulichkeit zwischen dem Gebieter und dem Sklaven und dem Sklaven mit dem Gebieter. Das moderne Trinkgeldsystem weist tatsächlich alle Symptome einer regelrechten Sklaverei auf. Durch die Aufhebung des Trinkgeldes würde jedenfalls der gleiche heillose Wirrwarr entstehen, der durch die Emanzipation der Negersklaven über Nordamerika hereinbrach. – Materialistisch genommen ist die Negerfrage und die Lage der Neger in Amerika selbst heute noch schlimmer, als sie vor dem Bürgerkriege, also vor der Aufhebung der Sklaverei war. Die wirtschaftliche Lage der Befreiten hat sich bisher in keiner Weise gebessert. Von vielen einzelnen Ausnahmefällen freilich abgesehen. Diese bergen allerdings schon die schöne, große Hoffnung auf allgemeine Besserung des Schicksals der befreiten Sklaven in sich. Das Verhältnis zwischen dem Sklavenhälter und dem Sklaven ist – oder besser war – in vielen Fällen ein durchaus kordiales, oft sogar sehr intimes. Das hing natürlich vom Charakter des Sklaven ab. Der Hälter war im völligen Besitz des Leibes und der Seele des mit Geld gekauften oder in seinem Besitze geborenen Menschen. Ungefähr so wie man ein wertvolles Stück Vieh besitzt. Und man behandelt sein Besitztum gewöhnlich gut, namentlich, wenn es sich um leicht verderbliches und sterbliches Menschen- oder Tiermaterial handelt.

Wie wahr das Wort Rousseaus ist und immer sein wird, geht aus der amerikanischen Geschichte deutlich hervor, wo die Negersklaven zuerst kaum die Freiheit annehmen wollten, die ihnen von den Nordstaaten geschenkt wurde. Niemand unter den bedrückten Schwarzen war sehr über das so teuer erkaufte Geschenk der Freiheit entzückt. Ja, die alten Neger behaupten heute noch, daß es ihnen zur Zeit der Knechtschaft besser ergangen wäre wie zur Zeit der Freiheit. Dies ist auch das beliebte Gejammer der ehemaligen Sklavenhälter der Südstaaten, die durch das Machtwort Lincolns Beträchtliches eingebüßt hatten. Die große Macht der Gewohnheit hat auch hier wieder gesprochen. Die Menschheit, die jahrtausendelang in Irrtum und Lüge gelebt hat, kann sich nicht so schnell an die Wahrheit gewöhnen. Ein Mensch, der aus der Dunkelheit tritt, wird durch das Licht geblendet.

Die ehemaligen Sklavenhälter, denen im Bürgerkriege die Freiheit ihrer Unterdrückten blutig abgenommen werden mußte, hegen statt der alten eigennützigen Liebe für die ehemaligen Sklaven nun einen wilden Haß gegen die Befreiten und suchen selbst heute noch, nach beinahe einem halben Jahrhundert, die Lebenswege derselben auf alle erdenkliche Weise zu erschweren. Im günstigsten Falle besteht zwischen dem ehemaligen Hälter und dem befreiten Sklaven ein frostiges, unerquickliches Verhältnis, eine arktische Indifferenz, eine starre Kälte, die kein grünes Hoffnungshälmchen aufsprießen läßt. Die ehemaligen Sklaven sind sich und ihrem Schicksal überlassen, und in ihrer Not, in ihrer elenden Freiheit wünschen sie sich die fetten Tage der Unterdrückung zurück.

Ähnlich würde es dem Kellner nach der Aufhebung des Trinkgeldsystems von seiten derjenigen Menschen ergehen, die heute das Trinkgeldsystem zu ihrem eigenen Vorteile ausnützen, nämlich viele Gäste und Prinzipale, die ihren Zorn über das Verschwinden der guten alten Zeiten an dem Kellner auslassen wollen. Andererseits werden selbst auch viele Kellner sich das alte Trinkgeldsystem wieder zurückwünschen. Ja, sie werden gegen die Aufhebung desselben auftreten, wie viele Neger sich teils direkt, teils indirekt gegen die Aufhebung der Sklaverei gewehrt haben. Die meisten bestellten und hüteten die Häuser ihrer Hälter treu, als diese, Vater und Söhne, alle im Pulverrauch standen, um die Schwarzen in der Sklaverei zu erhalten. Es waren meistens nur entflohene Sklaven, die ihren Befreiern ernstlich beigestanden haben, teils aus Rachsucht, teils aus Furcht vor einer Niederlage ihrer Beschützer. Ein solches Ereignis wäre auch für sie, die Entflohenen, verhängnisvoll geworden. Wieder andere Kellner werden sich durch die Aufhebung des Trinkgeldes aller besonderen Pflichten dem Gaste und dem Hause gegenüber enthoben fühlen, zu deren Ausführung das Trinkgeld heute ein wahrer Sporn ist, – Pflichten, die nur die Wunderkraft eines fetten Trinkgeldes auszuführen vermag. Beobachten Sie nur, wie die befreiten Sklaven von einem Extrem ins andere fielen! Manche glaubten nach der erhaltenen Freiheit so fest an ihre Persönlichkeit, daß sie es für ihrer unwürdig hielten, die Pflicht als Angestellte zu tun, ja überhaupt irgendeine körperliche Arbeit zu verrichten. Sie hatten also nicht ihre frühere schmachvolle Lage erkannt, sondern hielten die Arbeit an sich für schmachvoll. Dadurch entstand vielfach der heutige Jammer der Befreiten. Sie dachten sich vom Gesetze vor der Arbeit geschützt und zum Dolcefarniente geboren. – Ähnliche oder die gleichen Schwierigkeiten würden auch nach der Entfernung des Trinkgeldes auftreten.

Wird unsere Theorie und Moral aber sklavische Verhältnisse dulden, die im praktischen Leben ganz annehmbar und unter Umständen sogar sehr nutzbringend sind und deren Aufhebung voraussichtlich großen Tumult und Schaden für alle Beteiligten anrichten würde? – Es hieße sich doch nur vor den Schmerzen einer Operation fürchten, welche aber durch ein verhärtetes Geschwür an unserem gesellschaftlichen Körper notwendig gemacht wird. So sollten wir auch dem Trinkgeldungeheuer furchtlos zu Leibe rücken, denn wir haben die ganze Verwerflichkeit desselben eingesehen. Die Operation ist unumgänglich notwendig geworden, wenn der Körper gesund bleiben soll.

Vom moralischen und theoretischen Standpunkt aus kann das Trinkgeldsystem unter keinen Umständen mehr in unserer Mitte geduldet werden, selbst nicht, wenn die Hotelangestellten, die Prinzipale und gar eine gewisse Sorte von Gästen durch die Aufhebung des Trinkgeldes finanziell benachteiligt werden, was aber in Wirklichkeit nicht der Fall ist. Die Operation wird sich am Ende als heilsam und wohltuend erweisen. – Die amerikanischen Nordstaaten kämpften eigentlich nicht direkt für die Besserung der materiellen Lage der Negersklaven, sondern sie verfochten ein hohes Prinzip, welches sie sich gebildet hatten. – Dieses Prinzip – oder Erkenntnis war, daß die Sklaverei eine für zivilisierte Völker unwürdige Einrichtung sei. Ob und wann durch die Durchsetzung des Prinzips eine materielle Besserung oder gar Verschlechterung eintreten wird, sind andere Fragen, die uns nicht beschäftigen sollten, wenn wir eine Glaubenssache, ein Ideal im Auge haben.

Ganz genau derselbe Statusquo herrscht auch bei der Bekämpfung des Trinkgeldes. Dadurch, daß wir im Trinkgeld einen formidablen Gegner haben, erkennen wir erst, was es ist. Aber die Opposition wird immer den Kämpfer reizen. Denn sonst wäre seine Handlung ja kein Kampf, sondern nur eine Arbeit. Ein träger, widerstandsloser Misthaufen läßt sich mit einiger Überwindung entfernen. Das lebendige Böse aber läßt, wenn es einen festen Fuß gefaßt hat, nicht ohne Widerstand los von den beherrschten Gebieten. Und seine Hartnäckigkeit bietet die Garantie zu einem regelrechten heißen Ringen. Erst diese Aussichten sticheln den Kämpfer zum Angriff an.

Der Feldzugsplan gegen das Trinkgeld? – Ich kann nur die allereinfachsten, natürlichsten Vorschläge machen, die jedermann weiß, die jedermann fühlt, die notwendig sind, um den Kampf erfolgreich durchzuführen. Diese sind, indem die Kellner ein ihren Fähigkeiten, Kenntnissen, Arbeit und Arbeitsstunden angemessenes Gehalt bekommen, das ihnen die Achtung der Kundschaft und ihrer Mitarbeiter erzwingt. Demzufolge würde er an die Seite eines jeden anderen Angestellten auf der ganzen Welt treten. – Die Prinzipale können sehr gut ohne das Trinkgeld existieren, indem sie die durch die Gehaltserhöhungen in ihrer Kasse entstandenen Lücken durch entsprechende Preiserhöhungen ihrer Waren ausgleichen. Eine ganz geringe Erhöhung von vielleicht zehn Pfennig pro Platte würde schon das Gehalt des Kellners bestreiten können. Man soll nicht zur Entschuldigung des Trinkgelds sagen, daß der Kellner nur mit Aussichten auf ein fettes Geldstück seine Pflicht tun wird. Ein gut bezahlter Mann wird sich immer anstrengen, seine Pflicht zu tun und seinen Posten zu halten. Man könnte das Interesse der Angestellten am Geschäfte noch steigern, indem man den Kellner mit einem gewissen Prozentsatz an seinem täglichen Verkaufe teilnehmen läßt. Ohne sehr hohe Gehälter zahlen zu müssen, würde dann der Wirt den Umsatz seiner Ware fördern und den Verkäufer seinen Fähigkeiten angemessen entlohnen. Es wäre auch nicht richtig, allen Kellnern ein gleich hohes Gehalt zu zahlen, denn die Dienste des einen mögen für ein Haus unschätzbar sein, während der andere weniger Talent zu diesem eigenartigen Berufe hat. Man müßte jedoch einen gewissen Lohnsatz festsetzen, den die Prinzipale in den einzelnen Fällen nach Belieben und Gutdünken steigern könnten, um sich Ausnahmekräfte für ihr Geschäft zu sichern.

Der freigiebige Gast, der nicht mit seinem Trinkgeld kargt, wird nichts gegen die Preiserhöhung der Waren zugunsten seines Kellners einzuwenden haben. Im Gegenteil, er wird erleichtert aufatmen, ja in den meisten Fällen noch dabei profitieren. Denn sein Trinkgeld ist gewöhnlich größer als die Preiserhöhung ausmachen würde. Denjenigen Gästen aber, die mit Schrecken an die Erhöhung der Preise denken, weil sie gerne auf Kosten der armen Angestellten bedient sein wollen, können wir raten, sich dorthin zu begeben, wo sie etwas für nichts bekommen. Aber sie sollen mit solchen Hoffnungen ein Geschäftshaus verschonen. Und den Blattläusen am Rosenstock des Lebens raten wir, sich durch keinerlei Streicheleien mehr bewegen zu lassen, irgendwelchen »süßen, blinkenden Stoff« auszuschwitzen.

Sie sehen also, mit einigen »antiseptischen« Mitteln wäre das grausame Ungeheuer des Trinkgeldes, die orientalische Pest, auf immer ausgerottet. Damit wird auch die große Wendung zum Bessern im Leben von vielen Tausenden eintreten. Das betrügerische und bakschischheischende Element unter ihnen wird sich alsdann andere Gefilde für sein Dasein suchen. Das ist der Tag der großen Reinigung. Der Augiasstall ist vollständig ausgemistet. Die Prinzipale, die Angestellten und die Kunden können einander freundlich die Hände reichen und sich gegenseitig beglückwünschen.

Sollte diese Wendung zum Besseren nicht eintreten, dann haben die drei beteiligten Parteien das Urteil über sich selber ausgesprochen. Selbst wenn sie dazu schweigen, sprechen sie es aus. Die Trinkgeldnehmer wollen dann heute und für alle Zeiten alles verlieren, selbst endlich den Wunsch, von ihren Ketten befreit zu sein. Dann sind die Prinzipale heute und für alle Zeiten einverstanden mit den menschenunwürdigen Zuständen, die unter ihren Dächern herrschen, dann wollen sie sich heute und für alle Zeiten auf unsaubere Weise bereichern, und dann wollen die Blattläuse heute und für alle Zeiten Blattläuse bleiben, bis der große Gärtner mit der großen Spritze kommt. –

Aber das hoffen wir nicht! Wir haben noch etwas Glauben an die Menschheit ...

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