Zweites Buch
Reading edition
Europa nahte.
Durch schweren Nebel pflügte sich die Jacht Marseille entgegen. Nur draußen vor Aden hatte sie Kohlen eingenommen. Orient zum letztenmal.
Wie losgelöste Stücke rotbrünstiger Klippen, waren ihr von der Steilküste nubische Knaben entgegengesprungen in eine kobaltblaue See; zwischen den Lippen Dolche und auf ihre feuerfarbnen Schöpfe festgebunden Amphoren aus buntem Strohgeflecht, gefüllt mit lieblich freien Dingen handwerklichen Spiels. — Man hatte die Knaben beschenkt, doch nicht jäh entlassen, so dankten ihre Körper durch Tanz auf der Violinenbrust des Decks; warfen aus blanken Gliedern empfangene Freude den Spendern zurück.
In der Reeling spiegelten sich, metallisch ins Messing gewölbt, breite Nilaugen, wie nasse Kastanien braun und weiß, und Hennarot schroffer Schöpfe.
Ganz nah um das Schiff stürzen pausenlos, in goldbraunen Ellipsen die Falken von Aden. Ihre schrägen, jähen, stets geschlossenen Kurven scheinen ein neuer, rotierender, geisterhafter Körper im Raum, als dessen milchweißes Herz die Jacht steht. Geruch durchsonnten Gefieders steigt und sinkt mit ihnen: paradiesisches Zimt, verbrannt auf Flügelaltären hundertfach.
Schwingt am Seil des Lichts einer der großen Körper schräg um den Bug, dann — auf Armesabstand — wendet der Blau-Bekrönte aus göttlichen Schultern heraus ruhevoll das Haupt. Sieht lidlosen Auges golden in das Auge der Menschen.
Dann steht sein Flug und in ihm die Zeit. An einem Faden Licht hängt er vom Scheitelpunkt der Ewigkeit herab, mit gebreiteten Schwingen aus stillem, schwerelosem Stein.
So also: hellgesäumt, sich myrtenblättrig überlappend steigt das Gefieder auf von Hals zu Haube. Zweihundert Federchen — dreihundert — dreihundertvierzig. Nein, nur genau. Noch einmal zählen. — Da schlägt ein Augenlid die Zeit. Schwächlich, menschlich.
Hochmütig und befremdet ab kehrt sich der starke Vogelblick. Schräg ins Geschehen schlagen wieder Schwingen und verschwinden.
Die Flugbahn eines mächtigen Sperbers war immer wieder vor dem Bugspriet knapp an Gargi vorbeigestrichen, die, von mondsteinfarbnen Schleiern umweht, ungeblendet im fließenden Licht stand. Jedesmal in Herznähe wandte sich der große Vogel, sah grell in den unbegreiflich sanften Samt ihrer Augen. Sie rief ihn an. Bog das nächste Mal ganz sich ihm entgegen; warf ihren Schleier nach seinem Hals. Das erschrockene Tier hackte zu, durchstieß mit Schnabel und Kopf das dünne Gespinst, und so, umwallt von dem Schleier der Frau, stieg es und trug ihn, sich steiler und steiler schraubend, immer neue Sphären aufreißend, in einen lotrechten Trichter von Licht.
Sie sah ihm nach, verzückt zurückgeworfen. Hochgereckt zum Flug: auf federndem Zehenfächer ein befiederter Pfeil.
Da griffen gewalttätige Hände von rückwärts um sie.
„Man streut Mythen aus!“
Hart und geschickt senkten sich zärtliche Fangzähne um die Knöchelchen ihres langen Nackens. Dann — sanft schnurrend — eine Pranke auf der Beute, löste Horus seinen Biß aus dem Schmelz von Gargis Haut. Dort blieb die zweiunddreißigzackige „Perlmuschel“: sein Privatsiegel.
Im Roten Meer ließ er sich den Kapitän kommen:
„Sie vertreten mich, bis der Kanal passiert ist. Port-Said, Suez, nur den nötigsten Aufenthalt. Sind wir im offenen Mittelmeer, so melden Sie es in meine Kajüte. Dann täglich das Logbuch, sonst nichts bis Marseille.“
Der Japaner nahm die Papiere, verbeugte sich. Er aber schritt — ehrfürchtig fast — die leichtgedrehte Treppe abwärts. — Der Geburtsweg! Treibt es mich das nächste Mal aus diesem milchweißen Bauch, ist es in unerhörtes zweites Leben hinein, wie es wenig Sterblichen vergönnt. Dann reißt mir die Eihaut des Auges vor der weißen Welt. Ganz und auf einmal. Kein gottverbotenes: „allmählich“ für mich — — ho ho, nicht für mich.
Er schlug den Blick zurück: jugendwärts; küßte mit den Wimpern die Erinnerung, Diana Elcho. Wand sich genießend langsam die Treppe hinein, wie in eine Schraubenmutter. Von Holz zu Holz, dem starken, reinen, messinggesäumten, sank er; aus seinem Herzen aber stieg es noch immer wie ein Faden Licht, hing ihn an den innersten Trichter Gold, den unbeirrbar aufkreisend der Sperber, von Gargis Schleier umwallt, lotrecht über ihm in den Scheitelpunkt der Bläue eingekerbt. Als letztes Bild aus dem früheren Dasein wollte er dies hinübernehmen mit sich in die neue Verkörperung.
Versiegelte dann seine Sinne für alles Droben und Draußen, sammelte sich in Ehrerbietung der ungeheuren, weißen Freude entgegen. Das Werk für diese äußersten Tage lag längst bereit. Er schlug es auf: A. Einstein, „Zur Elektrodynamik bewegter Körper.“
Die Maschine stand.
Ächzen der Taue von einem starren Drüben. Die Eingeweide der Jacht schoben sich schief. Noch ein paar Schraubenwirbel nach rückwärts. Sie lag Europa an. Die Schenkel hatte er sich auf den Stuhl niedergepreßt, mit Griffen wie Klammern, diese letzte halbe Stunde, jetzt flog er hinauf, sprang hinüber: alles zu erleben mit ausgebreiteten Armen.
Stand in Europa.
Fühlte sich an diesen liebeeröffneten Armen beiderseits gepackt. Fahler Gestank nach toter Haut unter schweren Stoffen traf ihn aus den Ärmeln zweier Geschöpfe heraus. Sonst staken sie bis zum Kleinhirn fest in hartem, schmutzigdunklem Gewebe und vielen Metallknöpfen an der Leber. Auf dem Kopf stand ihnen ein zweiter Kopf aus finsterem Blech mit Schild und einer Nummer.
„Halt — verboten. Erst die Hafenpolizei, — zurück!“
Irgendwo schlug es Mittag. Da barst über der Erde ein Geheul, johlend vor böser Länge — klagender Wut. Es war wie das hoffnungslose, tote Geheul, mit dem ein Unding sich selbst bejammert.
Ganze Beete von Sirenen vomierten ihre schrillen Trichter in eine Wunde aus widerwilliger Luft. Die Arme sanken ihm. Er blickte auf. Dunkle Schwaden schwimmenden Kotes hingen in der Atmosphäre. Die Technik benützte den Himmel als Kloake der Zivilisation. Kanalisierte ihre Exkremente verkehrt in ihn hinauf — reduzierte sein Blau zur Latrine.
Zurück eskortiert, stieg er noch einmal in den reinen Leib seiner Jacht hinab, hinter den zwei Blechköpfigen drein. Jetzt nur kein Nachgrübeln, was denn diese beiden unter Europäern zu suchen hatten, deren Rasse sie doch nicht angehören konnten; lieber gut anschauen. Eigentlich war da nur ein Streifen Haut im Nacken übrig; wo der harte Stoffring dran rieb, hatte der eine ein aufbrechendes, der andre ein abheilendes Furunkel. Sonst war rückwärts nichts Lebendiges an ihnen frei sichtbar.
Der Japaner hatte alles geordnet, man durfte da sein.
Diesmal schob sich draußen an Land ein amorpher Lebenshaufen umher.
Stumme Klumpen hatten sich von ihm gelöst und vor der neuen Jacht mit ihrer rein asiatischen Bemannung gestaut — in merkwürdig vag geballter Mißgunst.
All diese Wesen schienen es noch zu keinem einheitlichen Körper gebracht zu haben. Sahen irgendwie aus, als trüge jeder die ausrangierten Gliedmaßen eines andern auf: fremde Beine in eignen Hosen, und diese wieder unpaar. Sammler von Organteilen ebenso gemischter als einwandvoller Provenienz. Auch an Kolorit: bräunlich, gelblich oft, manchmal violettgesprenkelt, meist aber wie mit fahlem Eiter statt Blut gefüllt, erschien die Haut.
Wer mochten diese mißfarbigen Barbaren sein?
Sie schienen sich ihres trüben Baues jedoch keineswegs bescheidentlich bewußt, zergafften vielmehr mit hämischer Überheblichkeit das rhythmische Arbeiten der gelben Matrosen. Als jetzt die beiden morgenländischen Gestalten auf dem Landungssteg erschienen, brach der Haufe, ohne ersichtlichen Grund, in ungezogenes Gebaren aus. Der Japaner näherte sich, und hinter dem gelben Tarnhelm seiner Gesittung hervor:
„In Port-Said mir erlaubt, Nötiges für erhabene Ankunft besorgen. Sir und Lady zu schönes Gewand. Risken Insult. Wenn aber insultiert worden, Sir und Lady dafür eingesperrt.“
Dann mit kaum merkbarer Ironie vor des andern blanker Miene, die zu fragen schien: „Was geht es Menschen an, wenn andere Menschen anders gekleidet gehen?“
„In der erhabenen Heimat von Mob mißhandelt werden verboten — für Mißhandelten. In der erhabenen Heimat das heißen: öffentliches Ärgernis erregen.“
Jetzt war er endlich ebenso töricht, kläglich und schmerzhaft gekleidet, wie der amorphe Haufe drüben. Nun, im Inneren der weißen Welt konnte man das ja alles wieder abtun. Um viele Weihestätten gab es üble Gasgürtel von unbegreiflicher Pest; in unmenschlicher Vermummung mußte der Sucher: der Zu-Prüfende, hindurch.
Unbeirrbar im Wohllaut seiner Pulse — unangreifbar in seinem eignen Kraftfeld schritt er — Gargi auf den Armen seiner Seele — in den Ring aus fahler Mißzucht hinein.
Nur einmal zuckte es doch in ihm auf: irgendein Kerl, Fäuste in Hosentaschen, hob auf gespreizten Fersen, mit vagem Hohn Gargi seinen Geschlechtsteil entgegen, pfiff durch Lippen, an denen jeder räudige Hund genagt:
„Oh la la — les petites fesses!“
Die weiße Glorie ließ ihren Saum auf grauenhaft raffinierte Art behüten.
Hinter dem gestauten Haufen längs des Kais zappelten oder trollten andre Massen aufgelöst nach allen Richtungen in gemörtelte Zeilen hinein, deren einzelne Bauglieder nicht organisch — nur durch eine Art zäher Räude — endlos aneinanderklebten.
Gegen das Zentrum der Stadt riß diese zähe Räude öfter zu Plätzen auf, und dazwischen ragte groß aufgedonnertes Gerümpel, rattenhaft angeknabbert von allerhand Stilen, und an ihm irgendwo ganz draußen stand meist: liberté — fraternité — égalité. Auch ein Gasometer mit Apollo kam. Den Eingeweiden des Gebäudes entquoll es figural. Bruchbänder aus Marmor hielten das dann alles wieder leidlich um seinen Bauch zusammen fest. Oft vor solchen Bauhaufen — wohl an großen Kreuzungen auch — standen bekleidete Männer aus Bronze, denen unbekleidete Frauen Kränze, Partituren, Pinsel und Wagen hinstreckten. Oder das Auge erwischte, gerade noch, ehe sie auf dem Pflaster zerschellen würden, über Postamenten metallne Gäule, sich ein Eisenstäbchen in den Huf tretend und hinten auf etwas, halb Stützschwanz, halb Kaskade, gebäumt. Von ihren Rücken herab schwangen Wilde in Affenjacken Säbel gegen die elektrische Straßenbahn.
Nicht Luft, nicht Landschaft, noch gemörtelten Zeilen, Bauhaufen, noch Verkehrsmitteln lebendig vermählt, lagen diese Bildwerke: Trümmer von Stilen, als unverdaute Bronzebrocken im Straßendarm umher.
Und nirgends Europäer. Immer noch trollte es sich am Fuß der aneinanderklebenden Räude in dieser sonderbar geballten Mißgunst, keuchenden Freudlosigkeit. Immer noch staken Wesen bis zum Kleinhirn in falschen Hülsen von der Farbe verwesenden Schmutzes, hatten, wenn auch ohne Schild und Nummer, den doppelten Kopf: senkrecht über dem Kopf noch einen. Dafür keine Zehen, keine Füße — und darum keinen Gang; ja, sie gingen ohne Gang in harten schwarzen Lederklumpen: Einhufer, doch unecht auch als solche.
Das — überall dazwischen — sollte wohl „Frauen“ vorstellen? Aber es kam so verschieden vom Manne, wie von einem andern Ende der Säugetierreihe, daher. Schien aus den verreckten Überresten aller Reiche zusammengestoppelt, als hätte es sich auf dem Schindanger der Natur ausstaffiert: tote Hinterteile zerfetzter Vögel staken auf dem Doppelkopf, um den Hals hingen gegerbte Raubtiere mit Glasaugen und Schnauzen aus Pappe. Kleidung behauptete Organe, die es doch zum Glück gar nicht gab, oder nur ganz wo anders, und auch dort viel unauffälliger. Ein hölzern übertriebener Versuch, niedre Lebensstufen zu imitieren, auf denen das Weibchen derart ungetüm, verkehrt, unwahrscheinlich und auffallend wirkt, wie einer andern Art zugehörig. Für die Männchen höherer Organismen ist das dann nicht mehr nötig — die merken’s schon so.
All diesen Überkleideten, ob Männer ob Frauen, war eins gemein: ihre Körperteile schienen nicht recht ineinandergeschmolzen vermittelst jener feinsten Übergänge, als welche allein das Ebenmaß zu wirken vermögen: anmutbewegtes Leben. Jedes Glied hatte etwas an sich, als wäre es nach einem doppelten Bruch irgendwo ein wenig verkehrt zusammengeheilt, wisse nicht mehr in seligem Fluß durch Gewänder hindurchzuschwingen.
Doch auch zum Herdenrhythmus hatten diese Wesen es noch nicht gebracht. Das überstieß sich unaufhörlich oder zuckte zurück vor Straßenbahnen, Autobussen, Elektromobilen. Dieses anders bewegte Tote trieb seine Rhythmen als Keile quer in den Puls der Menge hinein, streckte — staute — zerriß ihn. Alle atmeten ja wie verstörte Frösche.
Zu Hause im großen Äther war das nie gewesen, doch hier schien Lebendiges in seinem Kreislauf so verarmt, daß es sich masochistisch duckte und wand, vergewaltigen ließ, oder floh vor dem fremden Tempo der zugleich untoten und unlebendigen Zwitter. Daß Benzin dem Blut befahl!
Und da war etwas im Blick. In diesen verknoteten oder zerronnenen Gesichtern war ein Blick: sauer und hölzern, der nicht sah. Als würde die ganze Umwelt absichtlich in den gelben Fleck der Netzhaut gerückt. Vielleicht um die Bauhaufen nicht sehen zu müssen, die räudigen Zeilen, die verwickelten Bronzeklötze im Straßendarm, die trippelnden Schindanger, sich selbst, oder die Kilometer unbegreiflich aggressiven Krams, mit dem das gläserne Unterteil der Häuser ausgestopft war. Warum das auch noch hinter Durchsichtiges rücken, statt in die Dunkelkammer?
Und dann lächelte er doch wieder durch Unbehagen hindurch, wie ein Geburtstagskind, wenn es regnet.
Das war ja alles noch der üble Gasring — die Schranke der Schrecken —, nur unbeirrt weiter im eignen Kraftfeld schreiten, durch alles hindurch, über alles hinweg, bis man zur weißen Rasse kam.
Es konnte nicht den ganzen großen Geburtstag verregnen. Und dann zuckte er doch zusammen — zum zweitenmal heute. Er hatte die Stellung der Europäerin gesehen: Fäuste in die Hüften gestemmt, mit vorgetriebenem Birnenbauch, Gekeif vomierend — hemmungslos. Und der begeiferte Mann, wiewohl furchtbar von Gebiß, mit von Saublut beschmiertem Schurz und breitem Messer, schlich eingezogenen Gesäßes vom Grünkramladen weg. Selbst seinem harten Ohr ward übel.
Fäuste in den Hüften: diese Megären-Stellung der Frau war Indien und China unbekannt. Zorn erfand dort andere Gebärden.
Über das zerhackte Gezappel des Lebenshaufens floß es plötzlich als großer Bronzeton Asiens hin — Chinas. Oh, Glocken. Wie warm. Er sog die tönende Welle tief in seinen Leib, ging ihr nach über einen Platz — über Stufen — durch ein braunes Tür-Kissen in den Duft von erkaltetem Orient hinein und einen großüberkuppelten, menschenleeren Raum. Flammicht verschroben war alles an ihm: schraubenförmige Säulen, als wollten sie jeden Moment, wahnsinnig rotierend, sich in den Boden einbohren und verschwinden, entließen oben Wolken aus steinigem Eiter; aus allen Ecken quoll es, bauschte sich grau, mit grellen Papier-Rosen behängt.
Gewesene Menschen schlurften die Nischen entlang, knicksten vor einem schlechten, angenagelten Akt. Reste von Weibern waren in triefäugiges, klangloses Plärren vor ihm versunken. Nein, versunken nicht: ihre Rattenaugen funkelten dabei aus dem Halbdunkel ganz nüchtern gegen die beiden freien und stillen Fremden. Er wischte sich die Schleimspur dieser Blicke vom Gesicht.
Aus graumarmornem Schaum und winselnden Gebärden, aus schrägem Gehimmel gemalter Posen, von überall kroch es flammicht um den schlechten, angenagelten Akt.
Um ihn schienen die versteinerten Unluststoffe einer ganzen siechen Welt zu Prunk geballt. Als hätte ein riesiger und bleicher Buckliger mit schiefen Leichenfingern sich eine überladene Apotheose eigner Dekrepidität an diesem Raum geschaffen. Doch warum waren die wonnigen Glocken und Asias Duft gerade an diesen welken, eigensinnig verschrobenen Ort für erloschene Menschen gebunden?
Am Tore suchte er nach einem Anhalt, wo er eigentlich gewesen, fand über dem Portal etwas von „Jesu“ oder „Jesuiten“. Es klang ihm wie fernes Befremden ums Ohr. Hing das nicht mit dem Privatfetischismus jener kleinen Barbarenhorde, den entlaufenen Sklaven der Ägypter und ihrem seltsamen „Herrn“, zusammen, in deren Chronik er einmal geblättert? Hatte so ähnlich nicht der kleine Volksführer mit seiner Predigt gegen die Bildung, der so viel sprach und den „Heiden“ Plappern vorwarf, geheißen, jener, der sich auch noch gerühmt, Sohn des polternden „Herrn“ mit den schlechten Manieren zu sein.
Ach ja, wie hatte das doch geheißen: „Denen wäre besser ... Mühlstein um den Hals, wo es am tiefsten ist ... ersäufen.“ — „Da wird sein Heulen und Zähneklappern“ ... „Und werden sie in den Feuerofen werfen“ ... „Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig“.
Ja, ja, richtig. Also das gab es auch noch; nicht nur in historischen Fachbibliotheken für ethnographische Kuriosa? Die aggressive kleine Horde lebte demnach bis heute, hatte hier auf europäischem Boden sogar eine Zweigniederlassung ihres barbarischen Fetischismus mit seiner Saat von Bosheit, Anmaßung und Intoleranz.
Draußen auf der Treppe schwankte ein stoßender Klumpen Kinder hin und her, hieb und spie gegen eine aufheulende rosa Masche. Unter der rosa Masche kratzte und biß es zurück. Umsonst. Aus dem Zopf gerissen, verschwand der grelle Fetzen in einer Schmutzlache. Aus viereckigen Mäulern pfiff die Gemeinheit. Dann riß ein Bengel aus der Rotte ein Holzgewehr an seinen grindigen Schädel, und sie spielten „totschießen“.
Vor einem Haus lehnte ein großer Wagen, leinenumspannt, „Möbeltransport“ stand darauf. Er war durch eine Nabelschnur von Dingen mit dem Leib des Hauses verbunden. Wacklig, schief, freudlos und irrsinnig hing es aus ihm heraus, stand noch: künstlicher Unrat, auf der Straße, bis unter das Tor und eine falschgebogene Treppe hinauf.
Bis unter das Dach hörte man Schleppen und Poltern schwerer Gegenstände. Damit ward nun die schiefe Räude vollgestopft. So sah es also da drinnen aus — und da drinnen lebten wirklich Leute mit solchen Sachen den ganzen Tag zusammen.
Das Haus Elcho enthielt nicht den zehnten Teil Gerät, denn es war erfüllt mit dem Wohllaut des dreifachen Raumes.
Und plötzlich vergaßen sie alles, stürzten zu dem Wagen hin, und Gargi hing am Hals eines lebenden Wesens. Ein Pferd — endlich ein Tier, etwas Lebendiges; welche Erlösung! Xbeinig wie eine alte Kuh, aber das machte gar nichts. Es war ein Geschöpf mit Geschöpfaugen, trug seine eignen Glieder in edler Folgsamkeit und war schön in ihnen wie ein Gott. Und dieser Wiesen- und Steppengott mußte geschändet werden, nur um solchen Narrenkram von Ort zu Ort zu zerren? Eine grenzenlose Verlassenheit lag um das einsame Pferd mitten in dem gemachten Wust, der mitsamt dem angenagelten Akt, den Bronzeklötzen, Bauhaufen, und inklusive „fraternité — égalité — liberté“, kein einziges Haar aus seinem Schweife wert war.
Zucker — Brot mit Salz! Vielleicht war das irgendwo aufzutreiben. Sie suchten noch den Laden, da hieb schon eine Mißgeburt mit einem Peitschenstiel dem Gott auf die Augen, schräg sprang der Möbelwagen über das Pflaster los, verlor dabei hinterwärts ein kastenartiges Ding mit Aufsatz, mehrfach profiliert, auf vier gedrechselten Beinen; auch dieses Ding verlor wieder etwas aus seinem Innern; als es auf das Pflaster schlug, schwang eine Tür an elenden Scharnieren, und ein topfartiges Henkelgefäß, unbekannten Gebrauchs, doch unsagbar kläglich anzusehen, zerbarst am Stein.
Die Mißgeburt zerriß deshalb dem Gott den Mund, daß er sich beinahe überschlug und der Wagen ihm ans Kreuz fuhr, dann torkelte sie vom Bock herab, holte langsam genießend weit aus und stieß ihren künstlichen schwarzen Huf mit aller Kraft dem zitternden Gott in den Schoß.
Doch selbst das schien bei den übrigen in den gelben Fleck des Auges zu fallen, während sie in diesem ewig verfließenden finstern Zustand vorbeizogen, ausschließlich beschäftigt, einander vage zu stören. Das dazwischen — was „Frauen“ vorstellen sollte — hatte außerdem immer mit dem doppelten Kopf zu tun: daß er stets in einem bestimmten Winkel über dem ersten bleibe und so, denn das Wetter hatte sich verschlechtert, war stürmisch geworden vor Morast. Nun setzte gar Schneeregen ein, und der doppelte Kopf ward völlig ambulant. Die indischen Fremdlinge hatten erst gemeint, er diene zum Schutz jenes Wellblechs, das statt Haar unter ihm lag, nun aber spannte sich erst recht zum Schutz über den Schützer ein Schirm. Der stand nun schon als vierter Wahnsinn über dem ersten im Urkopf selber.
Jetzt endlich, nach Stunden, gab er alles auf, warf sich wund in den harten Fußschachteln, voll leidenschaftlicher Müdigkeit, mit ganz ausgeweidetem Herzen, in ein Auto, nannte sein Rasthaus. Dort war eitel Beutelust im Frack. Die Fürstenappartements bereit, wie für einen Rhadja. Funkspruch, Jacht, Dienerschaft hatten gewirkt. Der Rasthaushälter schmolz herbei, gerann aber säuerlich, als Mr. Elcho erklärte, den Nachtexpreß nach Paris nehmen zu wollen. — Nein, danke, er brauche nichts — jetzt nur ein Bad, und, da sie schon bereitet waren, die Fürstenappartements, bis der Zug ging.
Ganz still saß er später in dem grellerleuchteten Bazar des Irrsinns — stundenlang still. Er hatte noch nie ein Tapetenmuster gesehen. Und dann geschah es, daß er aufsprang, und es kam diese, eigentlich ganz nebensächliche Entladung. Er begann nämlich an all den verklemmten Schubfächern zu zerren, die unter Spiegeln und überall rechts und links in allem Möglichen staken, rüttelte wie ein Besessener an ihnen, wie ein Berserker, bis sie es aufgaben — aufgingen — Inhalt vomierten: lauter Stückchen. Abgebrochenes. Leisten, Ecken, Aufsätze vom Leib des Muttermöbels waren in ihnen aufbewahrt. — Da klopfte es — die Rechnung. Eine Uhr schlug irgendwo Mitternacht. Der große Geburtstag war eigentlich soeben aus.
Lange Illusionen aber kennen nicht Geburts-, nicht Sterbetag — nur Sterbejahre.
Den Sonnenaufgang feierten also auch die Europäer mit einer Devotion, leiteten mit ihr den eignen Tag ein. Es wunderte ihn nicht, beruhigte ihn vielmehr wieder.
Gleich am Morgen im Ritz sah er jeden einem mächtigen weißen Blatt voll Schrift sich neigen und — noch ehe er Tee eingoß — ganz darin versinken, wie in Gebet. Die Devotionalien selbst aber mußten — das gefiel ihm besonders — immer leuchtend frisch gereicht werden. Abgenütztere wiesen alle jedesmal mit Zeichen des Abscheus weit von sich. Zweimal täglich, so um Sonnenauf- und Untergang herum, spielte sich dieser Vorgang ab. Auch auf Straßen, in Cafés; war also wohl ein verwandelter, dem Stadtleben angepaßter Naturkult: die großen Blätter Sonnenhymnen, Gebete zum Seelenaufgang gleich dem: o mani padme A. U. M., mit dem der Hindu seinen Tag beginnt. Sie lauteten in allen großen Sprachen, wie es schien. Eine allgemein europäische Andacht somit.
Auch er ließ sich andern Tags im Ritz eine Morgenhymne reichen. Sie war französisch: „Le Matin“. So hatte er denn richtig vermutet.
Und hub an:
„Von günstigen Winden gebläht, segelte das Ministerium munter von dannen ... doch ungeheure Erregung hat sich seit gestern des ritterlichen französischen Volkes bemächtigt und droht ... falls nicht Frankreichs berechtigte Interessen im nahen Orient ...
Der deutsche Harn:
Dem eminenten französischen Forscher M. Forest ist es gelungen, die seelische Minderwertigkeit der deutschen Rasse auch chemisch nachzuweisen. Der Deutsche, der nämlich dem subdiaphragmatischen Typus angehört, einen Quadratschädel, kurze, grobe Hände und Plattfüße hat, führt auch in seinem Blut mehr weiße und weniger rote Blutkörperchen als der Franzose. Derart ist es kein Beispiel zivilisierter Nationen, das ihn ändern kann, denn wie sollte dieses auf Hyperchesie und Bromhydrose, die ihn kennzeichnen, und auf seinen außerordentlich toxinhaltigen Urin Einfluß haben?“
Er überschlug ein paar Spalten.
„Gerichtssaal: Exbräutigam klagt auf Rückgabe des Hochzeitsgeschenkes: eines neuen Gebisses für die Braut, weil diese die Verlobung gelöst. Die Beklagte verweigert die Rückgabe mit dem Hinweis, das Gebiß sei ein Geburtstagsgeschenk aus der Zeit vor der Verlobung. Letztere habe sie aufgelöst, weil der Kläger mit der fünfzehnjährigen Nichte der Beklagten ... Das Gericht beschließt ... neue Zeugen ...
Bridge-Tee am Dienstag bei Mrs. Payn-Whitney ...
In dem reizenden Appartement der Rue X ... anwesend waren ...
Der Doppelmord in der Rue Cambon.
Grauenhafter Fall von Kindermißhandlung.
Kasseneinbruch ... Vergiftet aufgefunden ... Die Prostituierte Madeleine B. ... Explosionskatastrophe.“
Er griff nach einem deutschen Blatt:
„Wenn auch das Ruder des Staatsschiffes in allzu nachgiebigen Händen ... so wird doch der deutsche Aar ... wehe ... mit der tiefgehenden Erregung des deutschen Volkes zu rechnen ... falls nicht die berechtigten Interessen des Reiches im nahen Orient ... Schwere Degenerationserscheinungen in der französischen Rasse ... Geburtenrückgang.
Der Raubmord in Moabit ... Das Martyrium der kleinen Luise. Kasseneinbruch ... Erhängt aufgefunden ... Die ledige Dienstmagd ... Magazin in die Luft geflogen ...“
Er nahm ein Italienisches:
„Endlich mußte das Ministerium die Segel streichen ... die noble lateinische Rasse ... in heiligem Egoismus ... tiefe Erregung ... falls nicht Italiens berechtigte Interessen im nahen Orient ...
Wegen Urkundenfälschung verurteilt: Ein österreichischer Staatsangehöriger. Der Fetthändler Kovacs mit zwei italienischen Geschäftsfreunden forderte in einem Champagnerlokal der Galleria Vittorio Emanuele weibliche Gesellschaft. Sie ließen die junge Artistin Gilda Degrassi aus der Wohnung ihrer Mutter holen und verfielen während des Gelages darauf, die Jungfräulichkeit des Mädchens zu versteigern. Der Fetthändler Kovacs trug schließlich den Sieg mit 5000 Lire davon. Er stellte auch gleich den Scheck aus und übergab ihn dem Mädchen. Damit dieses aber „nachher“ das Geld nicht beheben könne, fügte er dem Datum eine falsche Jahreszahl bei. Das Mädchen bemerkte dies am nächsten Morgen, korrigierte selbst die Zahl und behob das Geld, worauf Herr Kovacs gegen sie die Anzeige wegen Urkundenfälschung erstattete ...
Vater, Mutter und vier Geschwister erstochen! ... Lustmord an der sechsjährigen Emilia O. ... Bankraub per Automobil ... Mit aufgeschnittenen Pulsadern fand man.
Kesselexplosion! ...“
Jetzt das große Englische:
„The government’s position ... unable ... great nation ...
Der australische Tennischampion in London ... Prime minister’s Golf ... Beethoven II, die Blüte englischen Pferdefleisches ... versagte ... allen Freunden des edlen Rennsports ...
King’s bench division: Lady Sarah Sackville gelingt es, zwei Ohrfeigen ihrem Gatten nachzuweisen ... Zeugen sagen aus ... his Lordship ... decree nisi ...
An einem Schweinsdarm im Hofe erhängt aufgefunden: Aus Furcht vor Züchtigung versteckte sich der vierzehnjährige Schlächterssohn Harry S. hinter einem Faß voll Därmen, und als Entdeckung drohte, griff er, in Ermanglung eines Strickes, nach einem Darm und erhängte sich an einem Nagel. Er hätte an diesem Morgen sein erstes Kalb schlachten sollen, zeigte aber von je eine ganz krankhafte Abneigung gegen seinen künftigen Beruf. Durch vernünftige Strenge hoffte der bedauernswerte Vater dieser kindischen Verstocktheit (stubbornness) und Schwäche Herr zu werden. ‚Ich wollte eben einen Mann aus ihm machen,‘ sagte er unserem Berichterstatter, ‚wo käme die Nation hin ...‘
Der Raubmord in Sussex.
Im Hydepark verhungert aufgefunden: ein alter Mann mit einem Zylinder ...
Deutsche Greuel an afrikanischen Eingebornen vor dem Reichstag ... stock exchange ... liver pills ... beecham’s pills ...
In die Luft geflogen ...“
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Sir Osmond Cadogan reichte ihm das „Echo de Paris“ herüber.
„Vielleicht interessiert Sie dieser Artikel anläßlich der heutigen Reprise in der ‚Renaissance‘ ... falls Sie die große Tragödin in dieser Rolle noch nicht gesehen haben. Oh, es ist sehr wunderbar“ ...
Dann versteifte sich der rosa Greis, stand steil und fassungslos. Was war denn diesem goldäugigen Exoten auf einmal geschehen, dessen Allüren, ihn gestern so getroffen, daß er eine Anknüpfung gesucht? Grüner Ekel sah ihn ja da an, doch wieder viel zu groß, um noch persönliche Beleidigung zu sein. Solche Leute von Übersee, trugen sie auch, wie dieser, einen noch so guten Namen, letzte Kultur und Gesittung ließen doch immer ein wenig zu wünschen übrig. Zur Beruhigung griff er seinerseits nach der „Morning Post“, die jenem entfallen war. Bald kehrte ihm altes Behagen zurück:
„Lady Sarah Sackville gelingt es, zwei Ohrfeigen ... An einem Schweinsdarm im Hofe erhängt ... deutsche Greuel ... Golf ... liver pills ... In die Luft geflogen ...“
Abends fuhr er allein zur Vorstellung. Place Vendôme—rue de la paix—rue des petits champs—avenue—boulevard — schiefes Zick-Zack — wieder boulevard: straßenlang aneinandergelehnte hilflose Unfähigkeit, mit ihren Kilometern unbenützbar angequetschter Balkönchen, holperte gesimseschief die Autoscheiben entlang. Der Träumer seines weißen Traumes umformte — hinter gesenkten Lidern — mit seinem Raumsinn indessen das Problem: Theater.
Er kannte bislang nur die antike, von Süden vereinfachte Lösung: ein Ring aus kristallinischem Stein, geschlossen gegen das bröcklige, pfützenweiche, amorphe „Draußen“ und was dort sich abzappelte, abschmatzte, anspie und verreckte, noch ohne Stern — Achse — Persönlichkeit — Schicksal. Drinnen: konzentrische Marmorrillen, glatt, nur schauender Augen voll, in einem Eierstab lebendiger Köpfe. Drüber: offener Zenith, querdurch zuweilen Vogelflug, sich abbildend im Inneren des Ringes als springender Schattenball oder dunkler Strich von nichts zu nichts. Im innersten Ring ein kleiner Marmormond für sich: der Chor — Mittler zwischen Menge und Mensch. Auf der Bühne, durch Maske und Kothurn entrückt, die dramatische Person: Verdichtung ins Ungemeine von zehntausend Einzelleben, wie Blutwasser aus zehntausend roten Rosen über Feuer erst zu einem Tropfen Essenz gerinnt. Und das Drama: da ballt sich aus dem Leeren, in dem der Nichtige ungefährdet treibt, gegen den starken Ungemeinen das Trikymion auf: die dreifachen Brecher des Geschehens steilen sich ihm lautlos, wie einem Mond, entgegen.
Schon schwebt er über dem Ersten und in ein trügerisch gläsernes Tal. Dann siegend über den Zweiten — glatte Weite blaut auf einmal vor ihm auf mit Glanz von Paradiesen; die Welt scheint auszusetzen, atemlos. Nur Persönlichkeit und Schicksal bleiben brütend gegen einander überhangen. Durch diese Pause im dramatischen Geschehen rast jetzt, als Satyr-Zwischenspiel, das Chaos; metallne Phallusse klirren, aus rotem Tieratem tauchen: elfenbeinerne Triangel, die leichten Schultern der Flötenspieler. Mit Huf und Horn galoppiert es, noch leerer Trieb, vorüber ins Leere.
Und abermals hebt das Drama an. Sammelt sich in seiner letzten Schwärze. Des Trikymions dritter Becher steigt auf, gleichsam herangesogen von dem Ungemeinen, das ihm entgegensteht, wird ein Turm — ein Trichter — ein glasig verdauender Mund — und der geheimnisvolle Spiegel, den eine wundervolle Persönlichkeit durchbrochen, schließt sich wieder über ihr.
Das wußte er vom Drama, vom Haus des Dramas. Wie mochte es in Europa sein? Bruchstücke von Werken, die er kannte, ließen Außerordentliches hoffen. Doch vor allem: wie war das Raumproblem nordisch erfaßt, seine Vielfalt von Zweck und Geist; schon die trivialen Erfordernisse: Überkleider ablegen — dann gleichsam die Glieder ablegen: jedes störende Körpergefühl. Die Lösung all dieses mußte — das eben ist ja Architektonik — gleich aus solcher Tiefe herkommen, daß sie sich wie ein Monolith über alle Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse zusammenschloß zu organischer Einheit.
Der Wagen hielt. Nachher, in einen Bock aus gepreßtem Samt geklemmt, sah er aber immer nur den Eisenhaken, eigentlich nichts als die beispiellose Niedertracht dieses Eisenhakens vor sich, an dem, mit schmutzigem Strick zusammengebündelt, sein Pelz jetzt draußen hing. Zwischen schiefen Goldleisten aus Holz, rotem Papier als Damast, Tünche als Marmor, Marmor als Schlagsahne hatten sich armselige Höhlungen aufgetan voll Eisenhaken und abortfrauähnlichen Weibern. Letztere rissen ängstlich gestauten Männerhaufen ringsum Kleidungsstücke aus den Armen. Frauen wimmerten leise um einen geknickten Vogelsteiß auf durcheinandergeworfenen Hüten.
Dieser Haken aber verstörte, ja ängstigte ihn bis zur Übelkeit. Das andere hatte doch reichlich Stoff zu Mißbrauch und Verderb gegeben. Mit Holz, Marmor, Farbe, Stuck, Stein — falsch verwendet — ließ sich ja immerhin etwas ausrichten. Aber dieser Haken: ein gebogenes Stück Eisen mit einem Porzellanknopf, sonst nichts. Wie mit so wenig so viel Gemeinheit erringen?
Vielleicht zerging der Haken, wenn man um sich sah. Das vorne schien ein verwachsenes Rudiment antiken Chors: aus zwei ungelösten Eckproblemen heraus wand sich ein mannsdicker Wurm und versuchte unter Krümmungen seine eigenen Warzen aus rotem Plüsch zu verdauen. Hinter ihm, in geschwungener Stuckbadewanne, saßen bekleidete Leute im Gehrock vor Geigen. Faustdicke Symbole klatschten im Abstand von Froschsprüngen durch alle Ränge bis zum Boden, wo sie sich in zwei formidablen Haufen von Harfen, Masken, Schwänen und Fehlgeburten gestaut hatten. — Ein Musentempel. Merks, Cretin.
Säulen trugen nichts, der Logenring über ihnen war ja schon in sich selbst geschlossen. Zum erstenmal im Leben sah er eine — Halbsäule. Welcher Plumpsinn, die nicht luftumspülte Kurve in eine Wand hineinzupappen, mit deren Ecke sie zu einer üblen Figur zusammenfließen mußte, wie ein grades Bein mit einem krummen. Ja, sahen denn die Leute hier nicht? Sahen nicht, daß, wo Maße nicht stimmten, Bauglieder fehlten, Fugen klafften, sich nur irrsinnig gewordener Dreck beschwichtigend darüber pappte. Kein Quadratmeter Ruhe. Zum Schluß geriet er auch noch ins Tapetenmuster der Logen, sprang über kopfstehende Rhomben, immer hin und her, schließlich heraus, um beinahe, am Fußboden, sich doch noch in einer plötzlichen Darmschlinge aus Lorbeer zu fangen.
Langsam stieg leiser Wahnsinn in seine reinen Nerven.
Etwas mußte geschehen. Er warf den Kopf nach rückwärts und hinauf. Oben war ein großes Loch gemalt: Sommerhimmel und Wolken. An einem Haken mitten aus der blauen Luft kam ein viele Zentner schwerer Metall-Lüster gehangen, als Strafgericht über alles.
Nun sausten mit einemmal die neun Musen in die Höhe, welche, bisher straffgespannt, die Bühne verhangen hatten.
Hub das Drama an? Auf weißer Fläche — groß wie der Bühnenrahmen — hockte an Stelle der Mythologie jetzt ein etwa sieben Meter hoher Affe und scheuerte sich mit gewaltiger Zahnbürste das Maul aus; der Schwanz schrieb: monkey puzzle toothbrush unequalled. Blieb fünfzig Sekunden. Flitzte ab, und es erschuf sich: „van Houtens Cacao is de beeste gekoopste“. Flitzte ab und es ward Frankreichs Präsident: ein erweiterter épicier, krummen Bratenrocks, mit Knien in den Hosen: „regardez cet homme“ — stand vor seinem Bauch — „pas nécessaire d’avoir l’air comme cela — habits élégants complets depuis 49 frs chez Gaston Mandelstamm.“ Flitzte ab und es erschuf sich ...
Ganz witzig, aber dazu war er ja nicht hergekommen. Er schloß die Augen. Jetzt roch er den Europäer um sich her, seinen Porendunst: gestaute Schärfe nach übel verdautem Fleisch; seit Marseille Grund für ihn, Ansammlungen Weißer vorsichtig zu meiden. Daneben roch es noch auf zwanzigerlei Art falsch nach Chemie, die Blume sein wollte. Trockenharte Gerüche, im Laboratorium gezwungen, auf kurze Zeit zusammen Duft zu sein, doch mit heimlichem Hang alsbald wieder in feindliche Einzelgestänke auseinanderzufallen. Gleichsam durchzuriechen war das.
Jetzt verschlang — aus dem Boden getrampelt — eine Wolke morschen Staubes alles, und Handschuhe knallten wie Ohrfeigen.
Horus schlug die goldenen Sperberaugen auf.
Im Bühnenrahmen stand eine Greisin in weißen Lederhosen, den Kopf voll roter Wolle. Fingerdicker Ruß hing um die kahlen Augen, ein Klumpen Saccharin zerging im Mund zu Lächeln, während sie Küsse um sich streute mit verwesender Hand. Kokett schleifte das linke Bein nach.
Was war das?
Er erinnerte sich des erläuternden „Echo de Paris“ in seiner Tasche, entfaltete es. Richtig, die gefeierte Tragödin verfügte über ein neues Kunstbein. Hier war es abgebildet, neben dem Abgeschnittenen, und dort war der Stumpf; erst für sich, dann mit der Prothese, Bild des großen Operateurs, wie er gerade operiert, Bild des großen Dichters, wie er gerade dichtet. Es stand, wieviel die Operation gekostet, wieviel dadurch der berühmten Tragödin an Spielhonorar pro Minute entgangen, wieviel hinwiederum (pro Minute) die amerikanische Tournee eingebracht. Dann kam der Genius Frankreichs. „Gloire“ stand in den vier Ecken, und eine Trikolore flatterte über alles mit Stumpf und Stiel.
Das Drama selbst handelte aber gar nicht von Kunstbeinen, sondern hieß „L’aiglon“: der junge Adler. Die grauenhafte Greisin war der junge Adler. Nun krähte sie gebrochen auf.
„Oh les cloches d’or“, und an drei verschiedenen Stellen des Parketts rissen auf einen Wink kurze Männchen mit schwarzen Bärten begeistert an ihren Adamsknorpeln; wieder knallten Handschuhe, und ganze Wolken weißen Schmutzes stoben aus den Frauen. Man snobte Tobsucht und starrte einander dabei, mit bösem Eis übergossen, roh und hart in die Kleider.
Nach einer Weile versuchte die grauenhafte Greisin schlimm zu sein — so recht bubenhaft und ein wenig pervers schlimm: spannte Glacéhöschen in den Augpunkt, saß rittlings auf Stühlen herum, kapriolte schließlich rasselnd über ein Sofa. Die Prothese knarrte, und das Publikum schrie: „vive la France“.
Zum erstenmal drang ein Gefühl durch die Augen in ihn — oder war es ein Zustand — etwas, für das er noch keinen Namen hatte, das, durch die Augen eingeschlichen, ihn von innen würgte, das er hätte herausspeien mögen aus diesen seinen Augen. Ekel vor dem Alter? Er fühlte sich doch frei von jenem Männchendünkel, Wirkungen, weil sie von einer Frau kommen sollten, ausschließlich nur mit einem Körperende werten zu wollen und höhnisch gestimmt zu sein, blieb dieses stumpf; wußte: was begreift ein Glücklicher vom Glück — ein Gequälter schon von der Qual? Liegt ihre funkelnde Essenz nicht vielmehr erst im Alter und auf der andern Seite des Vergessens, bereit für eine welke Auserwählung, eine, die, über ein langes Leben gebeugt, aus ihm erst den Rhythmus nachzuschöpfen vermöchte etwa einer Kassandra, wenn sie vom geschleiften Ilion herab — bekränzt und fackelschwingend — mit jauchzenden Flüchen in die Schändung getanzt kommt; orphisch entrückt die Wirbel des Untergangs in das verhaßte Königshaus hineintanzt.
Nein, am Alter lag es nicht.
Das eine Ohr der Tragödin begann jetzt zu tropfen. Ihre Kapriolen über das Sofa nebst den restlichen Leibesübungen machten, daß Rötliches und Fettiges von ihm absickerte. Unter dem abgemagerten Kopf hing ihr ein Kuheuter zwischen Vatermördern herab. Gut. Doch was war mit dem fettgewordenen Leib geschehen, das ihm dies Unmenschliche geben konnte?
Einen Kontur, wie ihn kein Gebrest, kein Geschwür, keine organische Entartung je zustande brächte, denn diesem Leutnant wuchs — stahlhart — eine schiefe Ebene vom Abdomen in den Raum hinaus, so, als hätte er eine gespaltene Pyramide verschluckt, ohne sie richtig verdauen zu können. In dies schräg abstehende Korsettgerüst vor dem Magen hatte man nun von oben die Brüste hineinversenkt und verteilt, von unten hinwiederum die Eingeweide hinaufgeschraubt; beides wohl um des Knabenhaften willen.
Aber auch daran lag es nicht, das Namenlose.
Das dramatische Geschehen selbst wurde von Sekunde zu Sekunde alberner — jetzt war es neun, Ende vor zwölf stand auf dem Programm — doch man konnte ja weghören; schließlich blieb auch das futil.
Nein, es mußte wohl aus dieser Art kommen, wie sie sich vergaichten alle auf der Bühne, aus dem, was sie da begingen mit ihren Gliedern, Rümpfen, Mündern, Mienen. Anfangs hatte es ihn eine utrierte Zeichensprache für taubstumme Idioten gedünkt, ehe er schließlich darauf verfallen, das alles solle Empfindung vorstellen — Bewegung gewordene Empfindung; wirklich das, was auf andern Kontinenten atmende Geschöpfe tun, wenn sie leben.
Hastig, passiv, unbehütet, hatte er es ohne Widerstand in sich hineingeschaut, tief hineingelassen in seine klaren Nerven und ihres mahnenden Unbehagens zu wenig geachtet. Herausbrechen hätte er es sollen aus seinen unbefleckten Augen zu rechter Zeit. Jetzt begann in ihm leise angespanntes Verschrobensein, dessen er sich nicht mehr recht zu entledigen vermochte: wie wenn sonst manchmal eine Zehe in Krampf verfällt, sich verkehrt nach unten durchbiegt wie eine gebäumte Raupe — am ganzen Körper war das jetzt so.
Übel verstellt schien sein Herz. Atmen, wie machte man das — Atmen? Steifes Grauen kam langsam herauf, und Zelle um Zelle gerann an ihm zu infernalisch ungekanntem Eis.
Schutzsuchend warf er seine fliehenden Augen in den halbdunklen Menschenraum. Hier aber hing das Namenlose ganz — im Bühnenspiel war nur sein Abbild gewesen — hier lauerte es herein, hier war dieses, was schluckte, immer schluckte: Leben, Glieder, Haare, Steine, ganze Marmorwände schluckte es — alles was echt war, wirklich war.
Und dann: wie durch einen bösen Doppelspat gebrochen, verzerrt, kündete sich wieder aus diesem Lauernden, Namenlosen heraus eine Art infernalische Wandlung alles Seins an. Diese Wandlung selbst war noch nicht da — nur ihre Vorzeichen: Vorzeichen, dieses Vergaichte, das einmal Rhythmus gewesen, dieses Zerbrochene mit abbröselnden Enden auf Frauenköpfen, durch Brillantine wieder zu einem Scheinleben mesmerisiert, dieses planlos Zerstückelte auf allen Körpern, das einst edler Samt, holde Seide gewesen, nun aufgehört hatte als fließender Stoff zu leben, ohne Gewand geworden zu sein. Aus all diesem: eisernen Haken, Abortfrauen, verkritzeltem Marmor, der Greisin in Lederhosen, den Blumen aus Chemie lauerte es herüber.
Ihm war auf einmal, als könne es nie wieder für ihn einen Wald geben — Schwalben. Vogelflug!
In einem der ungelösten Eckprobleme war der Rest eines halb weggefegten Spinnennetzes hängengeblieben und in ihm ein ausgesogner Fliegenbalg. An diesen klammerte er das Bewußtsein. Unsäglich liebenswert schien ihm auf einmal diese winzige Leiche; wie unverdiente Gnade traf ihn die Wahrheit ihrer kleinen Form. Sie war das Einzige. Zerfiel sie jetzt, blieb er fast ganz allein.
Er und die Prothese: weises, ehrliches Stahlgeschöpf, verdeckt zwar durch alberne Maskerade, aber er wußte es doch da. Kunstbein und Fliegenleiche, die beiden einzig Echten hier, schützten ihn vor dem Namenlosen, wenn es durch den üblen Doppelspat entleibter, entherzter, entseelter Dinge hereingebrochen kam, und vor dem in ein platzendes Aas sich hineinzuretten Reinheit schien, reinliche Fäulnis.
Eine fahle, lange Angst begann ihn zu drosseln, jede Blutader einzeln in ihm abzudrosseln wie einen Wasserhahn. Ersticken dürfen — wie einem wirklichen lebendigen Wesen zu ersticken vergönnt — Wohltat mußte das sein. Er betastete seinen Fuß: fremd, hart und so weit weg.
Doch hätte er nicht zu sagen vermocht, was es denn war, das Namenlose; höchstens, was es nicht war: nicht Hohlform, ist sie doch Abdruck noch eines Leibhaftigen, nicht Negativ, dem zum Grunde Positives liegt, auch keine aufgeblasene Nichtigkeit, denn auch ihr, selbst ihr noch lebt ja im Innersten verquollener Anmaßung ein Korn Sein.
Er schauerte zurück, wich hinter sein erschrockenes Herz, wich weg von dem verjauchten Jetzt, wieder in die reine Frühe seines Morgentraumes über dem nachtblauen Reich mit den kristallnen Achsen.
War damals unter den „Kegelschnitten Gottes“ — in dem Manuskript, das ihm Erasmus gezeigt — nicht etwas gewesen, ein von sich selbst Abgekehrtes, aus sich Verstülptes Fünftes, bisher Unvorstellbares, weil es im Gegensatz zur göttlichen Sucherin: Parabel, sich vom Brennpunkt alles Seins abzukehren hätte, um seinem Gegensatze zuzueilen? Ein schlichthin Infernalisches, dem selbst die Mathematik — die über allem Stehende — das Symbol verweigert?
Ein Unsein. Dieses Unsein.
Da brach er aus, zerbrach das üble Joch der Hoffnungslosigkeit, trat, stieß, riß wie ein süperbes Tier sich einen Weg durch keifende Reihen, an schiefen Goldleisten vorbei, hinaus unter die Sterne. Mit freiem Haar, ohne Überrock ging er nach Hause. Noch einmal umkehren, seinen Pelz, vom Eisenhaken herunter und mit schmierigem Strick umschnürt, wieder aus den Händen der Abortfrau empfangen — nein. Riß sich im Ritz auch noch die restlichen Kleider herab, ballte alles zu einem Bündel, warf es aus dem Fenster auf das rußige Glasdach des „Wintergartens“, bürstete unter dem brennheißen Strahl im Badezimmer sich fast die Haut vom Fleisch — reinigte Kehle und Mundhöhle — sog Unreines zu tiefst aus den Lungen herauf — stieß Frische hinab; in vier Spiegeln stand sein blendender Körper.
Aber es wich nicht. Und ihm fiel ein: durch die Augen war er vergiftet worden. Lehnte seinen Kopf an Gargis Tür — lange. Riß sich zusammen, klopfte, trat ein. In einem fernen, zarten Gewand des Ostens sah er sie wie durch kannelierten Rauch. Sie kauerte auf Kissen und spielte ein wunderschönes Spiel mit ihren Armen. Der Hals, weich auf die Luft gelegt, trug über sich im Haupt eine Wage voll Köstlichkeit. Unter der Stirnagraffe: dem Zünglein aus Rubinen, schwebten weit und wagrecht Augenschalen voll flüssiger Magie.
Sein zerrütteter Kontur ließ sie aufgleiten, ihm zu.
„Geh auf und ab. — So. Nimm ein Glas. — Stell es wieder hin. — Schlag ein Buch auf. — Blättre um.“
Auf dem Diwan sitzend, die Ellenbogen auf den Knien, die Schläfen in den Fäusten, trank er jede Bewegung mit den Augen aus, bis zur Neige. Wie ein Vergifteter Milch durch seine arme Kehle rinnen läßt, so schluckten seine Lider. Und sein Blut ward süßer, denn ihr Verstehen war bei ihm; erriet im voraus den Durst seiner armen Augen. Bald wurde sie Ärztin und Arznei zugleich, verließ seine planlosen, aus hilfloser Angst in der Irre tastenden Befehle, und nun sah er sie auf sich zukommen wie die Genesung im März, mit der edlen Entschiedenheit eines Tieres und über allem der Blumenmensch mit durchleuchtetem Haupt, und die Wahrheit ihrer Gebärde ging durch ihn hindurch wie ein Schwert.
Vorsichtig zwischen seinen Füßen kauerte sie auf den Teppich nieder — rührte ihn nicht an — seine Haut und hinab die gewaltigen lichtlosen Sinne brauchten sie jetzt nicht; am höchsten Sinn, aus dem die Welt erfließt und die Vision, war er verunreinigt worden. Sie ruhte im Lotossitz der arischen Asiaten in erlöster Ruhe, die alle Bewegung erfahren hat, und das als Herr.
Etwas von Musik, Akrobatik, vegetativer Verklärung! Es war die Essenz magischer Kraft. Langsam füllten sich die Augen des Mannes mit ihr. Tränen kamen ihm, als er seine Hand erkannte — wieder eine liebe Hand haben und sie rühren können wie ein lebendiges Wesen. Das angespannte Verschrobensein am ganzen Körper wich, ausgetrieben über die Ränder seiner Glieder, wie über den Brunnenrand ölig Gestautes aus schmierigen Lefzen verspritzt unter starkem Strahl. Schön wußte er sich wieder, wie ein Marmorbecken, klaren Wassers voll.
Bis zum Morgengrauen blieb sein zarter Arzt zu seinen Füßen. Eine beispiellose, eine unerhörte Sinnenkraft stand als unsichtbare Glocke um die aufrecht kauernde Gestalt. In ihr waren die Knospen und Früchte aller Bewegungen und das Magische ganz freier Tiere, das Rieseln der Gräser und der Ströme, das war doch alles, alles nur für diese Mulde zwischen Weiche und Schenkel da. Tausend Spannungen liefen an ihr hinab und tausend Entzückungen stürzten über die jungfräulichen Schultern und den Flaum der Wirbel. Endlich schlossen sich seine zögernden Augen, ganz zaghaft, wie zur Probe. Er blieb rein. Da hob er den hammerschmalen Kopf aus den Fäusten langsam hoch und weit zurück. Hell lagen die breiten Lider in der gebräunten Haut, wie von innen durchlichtet, und langsam floß wieder die alte Sonnigkeit in das starke Gesicht voll Geist.
Aus einem durchsichtigen Schlummer heraus, mit der lindgebrochenen Stimme des Wunden, wenn königliches Morphium über seine Qual streicht, bis sie zu schrumpfen beginnt — schrumpft — noch mehr — jetzt nur noch ein Stecknadelkopf ist — dann — fort, und wie er über diesem „fort“ erst ganz flach nur zu atmen wagt: mit der lindgebrochenen Stimme solch eines Eben-Erlösten flüsterte er: „Wohl, wohltun.“
Das kunstlose Wort, unbeholfen und lauwarm wie der Körper eines ganz kleinen Kindes, schien ihr die erlesenste Liebkosung, die sie je in ihm erweckt.
Sie kamen wieder einmal von den beiden Vitrinen mit ägyptischer Kleinkunst im Erdgeschoß des Louvre. Nach allen Leichenfeldern des Ungeschmacks, inbrünstiger Barbarei, Monomanie oder Geziertheit befreiten sie sich andachtvoll vor den zwei Dutzend Schalen, Salbgefäßen, Schmuckstücken. Diese zeigten der Natur, kühn und lieb zugleich, wie sie es etwa zu machen hätte, fühlte sie je das Bedürfnis nach Schalen, Salbgefäßen, Schmuckstücken, denn sie waren vollkommen ohne die Banalität des Nur-Schönen, kühn ohne die Kurzlebigkeit des Originellen.
Heute hatten Horus und Gargi den Louvre durch ein anderes Tor verlassen als sonst und gerieten da schon wieder in eine weitläufige Masse gemischten Stils, die: „Louvre“ hieß und erst von ihnen für einen neueren Trakt gehalten worden war. Dieser schien sich jedoch eines viel regeren Interesses zu erfreuen als die anderen. Er sog vor allem Frauen aus den Straßen heraus und in seinen Leib, dem wieder bepapptes, totes, schiefes, gemeines Gerümpel zu allen Poren herausbrach, hing und flatterte.
Die Damen in seinem Bauch aber rissen einander behängte, bestickte, verkritzelte Lappen aller Art mit verglasten Augen aus den Händen, wenn bestimmte Zahlen darauf standen: etwa 29 Frs. 95. Also Frauen, gerade Frauen: Trägerinnen des Lebens trugen diese toten Fehlgeburten geschändeter Maschinen aus, in lauter Paketen hinaus, infizierten die Welt damit. Und Maschinen: seine Halbgötter, dazu wurden hier die herrlichen Stahlwesen mit den dampfenden Rüsseln mißbraucht? Statt das Leben zu befreien, zwang man sie, unaufhörlich lebensfeindlichen Mist aus sich herauszuschleudern, das Leben mit toten Mißgeburten einzumauern, deren es nicht bedarf, die es hemmen, ersticken, eindorren, vergaichen.
Er fiel von einer Abteilung, einem Bazar des Irrsinns in den andern: Orfèvrerie, Galanterie, Bijouterie. „Aus was für Knollen im Hirn eitern solche Sachen?“ sann der Erschrockene.
„Wer ersinnt — wer entwirft — wer macht — wer bestellt sie?“
Und leiser Verdacht durchschauerte ihn, eine allmächtige Horde unsichtbarer Irrer unterjoche einen blinden Kontinent.
Bösartige Irre — es gab keine andere Erklärung. Vor den ersten Klavierbeinen und Kleiderständern hatte er gemeint, die Usurpatoren seien irrsinnige Drechsler, die alle Drehbänke Europas an sich gerissen, dann gewaltsame Glaser, Vergolder, Weber! Doch nein, das alles hatte nichts Menschliches mehr, war von der überpersönlichen Infamie dieses aus sich selbst verstülpten, unfaßlichen Unseins.
Sie suchten den Ausgang, gerieten in eine Abteilung: Wandschmuck. Wozu ein sich selbst Erfüllendes, wie es die edlen Maße einer Wand sein sollen „schmücken“? Die noblen, weiten, notwendigen Flächen verkleinern, durch Ornament unterbrechen, immer wieder verkleinern — man unterbricht doch auch einen Sprechenden nicht, wozu den Wohllaut des dreifachen Raumes unterbrechen, dessen Ganzheit eben ist, was er zu sagen hat. Und ist er fehlerhaft, warum ihn mit einem zweiten Fehler bekleistern, statt das Geld zur Ausmerzung des Ersten verwenden: Doppelschund statt einfachen Anstandes. Warum immer das Pferd beim Schwanz aufzäumen? Warum?
Am Anfang der Zeiten, schien es, hatten die Menschen nur das Allernötigste — jetzt, am Ende, nur das Allerunnötigste.
„Wie kommt es,“ sann er, „daß jedes Ding in Europa, das für Luft, Wasser, Eis, Dampf, Stein gehört, herrlich gerät, wie noch nie, alles aber, was für diesen allmächtigen Herrn über Luft, Eis, Dampf, Stein selbst gehört — kläglich — ‚unherrlich‘ wie noch nie?
Wie kommt es, daß, seit die Welt steht, die Leute es sich nicht so freudlos, teuer, verkehrt und schlecht eingerichtet haben, wie diese Europäer im goldenen Zeitalter der Technik?“
Auf die großartige Einseitigkeit einer mechanistischen Formenwelt wäre er noch eher gefaßt gewesen, leichter bereit, auf sie resigniert sich einzustellen, wiewohl auch die reinlichsten Einfamilienställe vor ihm wie nichts gewesen, wären sie nicht von einer Seele für eine Seele erbaut, darin sich zu entfalten. Doch nicht einmal das. Dafür dieses zusammengelogene, heterogene, räudige oder aufgeblasene Gerümpel: europäisches Stadtbild genannt! Keine Säule untadelig, kein Eckproblem reinlich gelöst, ja das Problem nicht einmal empfunden, eine optische Saloppheit an diesen hingesudelten Palastbuden, und hier — das hier: einer der tausend Speicher, mit dem sich das Draußen anfüllte.
Wenn er nur an diesen Schlafwagen von Marseille nach Paris dachte: der Samt des Sitzes längsgestreift, die gepreßte Ledertapete in Darmverschlingungen, braun gold, grün, am Vorhang eingewebt stehende Rhomben, die Bodenbespannung innen in Karos, außen mit Blumenbordüre; sinnlos alles, ruhelos wie ein Affenhinterteil.
Sahen denn die Menschen nicht, daß die Dinge alle nichts taugten, das, worin sie wohnten, womit sie bekleidet waren, was sie aßen?
Jetzt war nur noch die Parfümerieabteilung zu überstehen, da hielt Winifred Cadogan sie an:
„Oh bitte, Mr. Elcho, wie sagt man: Eau de Cologne auf französisch?“
Ach, man sagte auch auf französisch so. Wie, sie gingen schon. Ob sie nicht einen Augenblick warten, dann mit ihr und mommo zu Callot, Cheruit, D’Oeillet fahren wollten? Um dort Geld ausgeben zu können, müsse man eben manchmal hierher und sparen. Sie erlegte dabei tugendstolz an der Hauptkasse 400 Frs. für einen üblen Turm von Dingen, die weder Mensch noch Vieh zur Lust.
Ja richtig, eine Gesichtscreme brauche sie noch.
Die Verkäuferin frug, welche.
„Irgendeine, von einer guten Firma. Ja, auch einen Puder dazu. Ja, auch ein Toilettewasser, ganz gleich welches, nur nach sweet-pea müsse es riechen. Ja, einen Lippenstift. Ja, Haarwasser, aber ein gutes, sie verlasse sich da ganz auf die Verkäuferin.“
Über seinen ganzen Körper hin spürte er jetzt Gargis Erstaunen, dieses Verschweben der wissenden Dame in mitleidige Ferne, und ärgerte sich, daß er über die fremde Europäerin sich ärgerte. Was ging das schließlich ihn an, wenn hier die mehresten Frauen faniert aussahen, mit einer zersetzten Haut, von Metallen und Säuren schwammig angefressen?
Was ging das ihn an, daß sie nicht einmal die chemische Zusammensetzung kannten von dem, was sie hineinrieben in das köstlichste, verletzlichste, persönlichste Gebilde: die Haut. Zu faul, fahrig und unwissend, die ihr allein wohltätigen Dekoktionen aus Harzen und Blüten sorgfältig zu erproben, deren Bereitung selbst zu überwachen?
Was ging es ihn an, wenn sie, statt die Anmut aller Tiere, aller Ranken und Wellen in sich zu bilden, auf daß der Mann an ihnen die ganze Schöpfung auf einmal streicheln könne, vermeinten, den Liebreiz eines Tieres zu ergattern, indem sie ihm das Fell über die Ohren zogen? Ja, es ging ihn an:
„Pallas und Nausikaa“ im Warenhause.
Die nächsten drei Wochen waren Gargis europäischer Ausstattung bei den großen Coutüriers gewidmet, und er lernte mancherlei: daß die eine Hälfte der Frauen immer die andere Hälfte verachtet, weil sie entweder zu viel oder zu wenig tote Vögel auf dem Kopf hat. Daß eigener Wahn und fremde Aktiengesellschaften mit ihrem ungeheuren Apparat die Europäerin zwangen, jedes halbe Jahr Milliarden auszugeben, damit ja kein Stil an ihr sich bilden könne, denn Stil braucht, wie alles Organische, zum Entstehen — Zeit. Mode: Todfeindin des Organischen, aber hatte zu wechseln als das, was sie sein sollte: anregender Fausthieb auf die Netzhaut für den optisch Impotenten, dem man alle drei Monate ganz verdreht den Frauenkörper um die Sinne klatschen muß, auf daß er merke: das sind Frauen. Fausthiebe aber bedürfen steter Erneuerung, um gespürt zu werden.
Und er erkannte: außerhalb Europas, wo eigener Kontur gestattet, vermag auch die Ärmste als Dame zu wirken, in Europa die Reichste — kaum, denn man kann wohl modelos — uneingekleidet —, doch niemals schlechtgekleidet eine Dame sein, die Eleganz Europas aber blieb stets ein ungeheuer kostspieliges „trotzdem“: trotz Reihersteiß auf der Stirn, — immer irgendwo zu lang, irgendwo zu kurz, nicht allzu grotesk zu wirken.
Für fünf, sechs erlesene Frauen hieß „elegant“ sein, sich jeden schiefen und toten Wahn gestatten können, wie ein Hindernis ihn nehmen, immer noch scheußlicher, immer noch höher! Alles überwinden durch unzerstörbare Rassigkeit der Anlage. Wenigen Frauen — Zufallstreffern aus Blutmischungen — gelang es halbwegs. Sie balanzierten dann auf einem schmalen Streifen Seligkeit ihre labile Auserwählung zwischen Abstürzen ins Lächerliche dahin. Die aber in Europa solcherart elegant sein wollten, konnten außerdem nichts anderes sein.
Lachend meinte er einmal zu Gargi: „Die Hälfte an Energie würde genügen, einen neuen Indra zu machen, wie es der König Vismavitra konnte, hier wird ein neuer Hut draus.“
Nein, er wunderte sich nicht mehr, daß Winifred Cadogan nie Muße und Kraft gefunden, zu erkennen, „Eau de Cologne“ sei französisch und wirklich das, was sie ja immer schon „Eau de Cologne“ genannt.
Er verdachte es ihr nicht. War zu sehr Mann dazu, orientalisch empfindender Mann, wußte: jeder Defekt an der Frau ist nur Gradmesser des erotischen Tiefstandes ihrer männlichen Umwelt.
Als Gargis Trousseau vollendet war, zogen sie sich fast ganz auf ihre Zimmer zurück.
Es war ja alles voll gemeiner und irgendwie unreiner Personen und voller Genüsse für Sträflinge auf Urlaub — für zu früh Freigelassene oder zu lange Eingesperrte. Das Ganze ein bengalisch beleuchtetes hündisches Hinliebeln an jeden weiblichen Prellstein mit Tam-Tam-Begleitung; von allem zu viel, nur von einem zu wenig: Takt.
„Sie scheinen extrem anspruchsvoll,“ sagte Sir Osmond verwundert, „Paris ist ja allerdings nicht mehr, was es war ... diese vielen Südamerikaner. — Kommen Sie doch lieber nach St. M., da finden Sie jetzt die besten Leute von hier und drüben.“
Der 1912te Jahrestag der Geburt Christi: des europäischen Heilands.
Somit waren heute wieder die Trabrennen auf dem tiefgefrorenen See des sehr mondänen Winterkurorts 1800 Meter über dem Meere eröffnet worden.
Horus hatte sich, seiner heimischen Gewohnheit treu, auf seinem Appartement allein servieren lassen: Brot, Reis, Honig, Früchte und Milch. Gargi, erregt, fast entzückt von dem milden Eis dieser neuen Luft und hingegeben der ganzen, ihr so fremden Weiße der Welt, blieb in einen Chinchillamantel gewickelt auf dem offenen Balkon allein. Ihr Gefährte ging, sie nicht zu stören. Er wußte: nun würde sie zum erstenmal in Europa die tiefen und heiligen Spiele ihres wundervollen Atems in der Firnenstille erproben, sich mit der Kraft aller Sehnsucht bis ins Innerste zu reinigen versuchen von der Minderung an Kaste, an der sie, seit der Ankunft in Marseille, stumm litt.
Die Welt war wie ein Negativ. Alle Helle stieg aus dem Boden. Die Erde erleuchtete sich selbst und das Firmament.
Er wanderte an dem schneegebeugten Campanile vorbei und immer auf flaumigen Kristallen hinauf einen gläsernen Berg. Ihm fielen die schönen Namen der neuentdeckten Metalle und seltenen Edelgase ein: Ytterbium, Palladium, Thorium, Argon, Neon, Tantal, Praseodym. Praseodym; stumm hörte er es sich noch einmal an, zwischen Mund und Ohr: das Körnig-Kühne.
Manchmal löste sich eine weiße Last schwer aus den gebeugten Lärchen, stäubte lautlos nieder in das ganz große Weiß, und der befreite Zweig schwankte leise die Sternenbilder auf und ab.
Endlich kehrte er ins Astoria zurück. Das Gedränge in den Gesellschaftsräumen ließ das Vestibül von Gästen leer, nur eine kostspielig aussehende Dame schritt ruhig und ahnungslos zum Lift. Hinter ihr drein, mit einverständlichem Gaunergegrinse gegen die Portiersloge, macht der Zimmerkellner blitzhaft eine Geste von geradezu infernalischer Gemeinheit, die jene Dame geschändet zurückläßt. Ein Tritt mit den Augen gibt ihr den Rest. Seine gründreckige Fratze voll Gier, Hohn, Schadenfreude bemerkt jetzt eine fremde Gegenwart, und alles ebbt ins ölig-tückische zurück. War es überhaupt gewesen?
Er ging lautlos auf seinen Schneeschuhen weiter in die Garderobe. Einer der Lungerknaben vertauscht mit affenartigem Geschick Börsenaufträge und Rendezvous-Billets aus verschiedenen Überziehertaschen miteinander, zwei gemauste Habannazigarren zwischen den vorderen Zahnlücken. Der Gast. In einem Augenaufschlag die gleiche Wandlung wie vorhin: ein devotes gedunsenes Kind aus Messingknöpfen hilft dem Herrn Pelz und Überschuhe ablegen. Er ordnet die Frackkrawatte — hinter seinem Rücken erscheint im Spiegel phantomhaft wieder der andere Aspekt: angefressene Finger prüfen, zynisch bis in jede Phalanx hinein, die Qualität seines Mantelfutters.
Die gleichen Finger flechten ihn mit sadistischer Beschleunigung in die Drehtür, als wärs aufs Rad, und er steht in der Hall. Aus ihr schlägt die Grellhölle. 1500 Glühbirnen à 75 Kerzen, alle just in Augenhöhe. Überdies läuft noch jeder der imitierten Marmorsäulen um die falsche Entasis ein metallener Serviettenring aus geschnörkelten Lichtspritzen. Alle schießen sie mitten ins Gesicht.
Keiner der oberen Vierhundert scheint das zu sehen, wiewohl die meisten blutige Fasern in Augäpfeln haben, die tränen.
Drei Orchester durchfetzen gleichzeitig die Luft. Hier in der Hall bei dem großen Rotbefrackten zerrt eben das Fagott in der einen — die Geigen in der andern Ecke — mit viel Tremolo oben und unten heftig an je einem Bein des Themas, so daß es in der Mitte, gerade über dem Kopf des Dirigenten mit einem Knall in den eigentlichen Puccini zerplatzt. Da ertrinkt für einen Moment sogar das Arrageschrei der Amerikanerinnen. Rechts hinein johlt ein pfiffig schleifender Foxtrott aus dem Tanzsaal nebenan; was von links die Zigeunerkapelle aus dem Restaurant winselt, ahnt keiner. Sie hat — gleich den Stymphaliden — schlichthin ins Essen hineinzu ... musizieren.
Dem Entsetzten beginnt das Herz zu hinken in diesem hahnentrittigen Trippelrhythmus, während lange Kakophoniefäden quer durchs Gehirn fatal von Ohr zu Ohr ziehen.
Keiner der oberen Vierhundert scheint es zu hören.
Aus den Fräcken italienischer Kellner, aus ihren Manschetten, wenn sie Whisky-Soda servieren oder theatralische Viktualien, steigt der faulige Geruch muffelnder Schlafkammern, in denen ihre ungepflegten Körper die Servierdreß über verwesende Wolleibchen ziehen.
Keiner der oberen Vierhundert scheint es zu riechen.
Horus hatte innerhalb der Aura eines Mittelmeerkulis den Atem angehalten und versuchte nun wieder an anderer Stelle Luft zu schöpfen, sie war jedoch in diesem gegen die äußere Reinheit mit allen Machtmitteln der Mechanik abgedichteten Raum schon völlig verbraucht. Rotierende Windmotore fegten nur immer die Lungenexkremente der einen den andern in den Schlund.
Keiner der oberen Vierhundert scheint es zu fühlen.
Es war nach dem gemeinsamen X-mas-dinner zur Feier der „geistigen Wiedergeburt des Menschen“, wie europäische Schriften behaupten:
Royal natives Consommé des rois étoilés Mignonettes de chez elles à la Nazareth Entrecôtes à la Sainte Vierge Délices de fois gras Getsémaneh Chapons à la Broche St. Jean Parfait des Mages — Frivolités. — — — — —
Besonders Johannes der Evangelist war als Kapaun überaus fett gewesen.
In kleineren Sälen, für Privatgesellschaften reserviert, ging die Theophagie noch weiter. Jemand, mit einem Banalitätstumor im Gehirn, sprach irgendwo rastlos Toaste. Im Spielzimmer saßen gewesene Menschen seit vorigem Mittwoch beim Bridge. Die große Hall aber füllten die eigentlichen Ortswechsler von Beruf — „die Auslagenarrangeure ihrer selbst“ — krampfhaft bemüht, immer im Lichtkegel des Scheinwerfers zu bleiben, von Florida bis Kairo. Eine irrende Horde, ewig im Umkleiden begriffen; mit hundert Kilometer Stundengeschwindigkeit eilend von einem Ort, wo sie nichts verloren — zu dem andern, wo sie nichts zu suchen hat.
Horus wäre gerne ganz in das wabernde Schmalz des Puccini geflüchtet, als Schutz gegen die Qual der Triplekakophonie. Es stand aber eine Phalanx dazwischen. Nicht zur eigentlichen Gesellschaft gehörig, heraufgespien von den Trabrennen: aus allen Angeln gedrehte Lebekommis, muskulöse Herren auf „esku“ aus der Pariser Affenoase mitten in der wilden Walachei, denen sehr schwarze Haare aus sehr weißen Manschetten stachen, ethisch völlig ausgeweidete Semiten aller Gegenden und Zonen, erfolgreiche balkanische Bandenführer im Smoking — das Nationalkostüm, größtenteils aus einem Nachthemd und zwei Pistolen bestehend, trugen nur mehr ihre Könige bei Photographen, junge Börsenbrut, von Angesicht, als habe eine Hausse in Trebern sie eben auf den Lebensmarkt geworfen, und der Kaufherr aus Braila, dessen gerundete Handbewegungen immer noch die Qualität der Schweinsbohnen liebevoll abzuwägen schienen, während seine Äuglein wie Läuse über alles hinkrochen.
Da vorbei schien unmöglich. Wenn sie in ihrem kabbalistischen Jobberslang von „Abstammung und geleistete Arbeit“ sprechen für gutes Abschneiden, und von „satteltief“ sich unterhielten, ohne daß man je sicher war: meinten sie ihre Rosse oder ihre Weiber — das vertrug er noch nicht. Lieber an den amerikanischen Müttern vorbei, um die ganze Hall herum.
Wie er so stand, versank ihm die Menge im Raum. Er fühlte für den Augenblick nur dessen zudringliche Saloppheit, die noch so unbeherrschten Machtmittel des Architektonischen am „Wohnleib“ Hotel, und sich darin als Transvestiten.
Der ganze bedrohliche Kasten war, wie alles „neueste“, im Gegensatz zum räudigen Tragantstiel kleinerer Börsencoups der achtziger Jahre, ganz auf Südamerika berechnet, somit auf den natürlichen Ungeschmack des Romanen, zum Exzeß gesteigert durch Reichtum und Hitze: Stil des Tropenkollers ausgebrochener Sträflinge und nachmaliger Präsidenten von Republiken.
Gleich rechts vom Eingang saß schon einer: der alte Porphyrio Pães. Sauer war es ihm geworden, endlich seine dreißig Millionen ins Trockene zu bringen. Einmal war er der „Rebell“ gewesen, dann wieder der andre; ewig wechselnd. Oft auf der Flucht, hatte er sich schließlich aber doch darauf verstanden, daß im kritischen Moment immer seine Gegner von ihm abgeschnitten wurden „in Bezug auf die Köpfe“, wie es im spanischen Satzbau gebräuchlich ist.
Neben ihm hingen Sir Osmond Cadogans Beine als Schwebebrücken über die Hall zum fernen Kamin; der Verkehr wickelte sich unter ihnen klaglos ab. Seine schimmernden Pumps, offenbar heliotropisch, suchten so automatisch das Feuer, wie die Blüte das Licht. Er saß — die Schultern auf dem Sessel — nur der rechtwinklig abgebogene Kopf stand einsam in die Lehne hinauf und gab ihm das Aussehen eines sehr soignierten Jahrmarktautomaten — gleich würde er Lotterienummern zu spucken anfangen. Der ganze Sitzvorgang war bei ihm gleichsam um ein Stockwerk verlegt.
Die Hall barst von Stimmen. Unwillkürlich horchte Horus hin.
„Genia, waren wir schon in Rom?“
„Rom? — Oh mommo, das war doch dort, wo wir die hübschen seidnen Strümpfe zu 14 Frs. 75 gekauft haben,“ und Genia Waanebeeker wechselte zum Kamin, das kühle Gelee ihres Temperaments erzitterte leise, denn dort zerfloß schon allzulange Linda Bordone neben dem schönen Archangelo Cavadini.
14 Frs. 75, das ist doch 3 Dollar 5 Cent, oder verwechsle ich es wieder mit Fahrenheit — aber meine Liebe — bei Debenham und Freebody bekommen Sie doch first class hosiery für eleven six pence, das ist nur 13 Frs. 90! — überhaupt London: da haben Sie Harrod’s und Jay’s und Selfridge — und ... Aber ein Gegenchor stand auf: nein, es gibt nur ein place for shopping: die Galeries Lafayette — die Transformationen dort, die „blouses“ und alles versank endgültig in dem Rachen des großen Pofels.
Er war sehr begehrenswert, sehr anders, wie er im makellosen Abendanzug durch den Saal schritt, sogar die Mütter tauchten einen Moment aus den „Galeries Lafayette“, wo es am tiefsten ist, und berieselten ihn gierig mit ihren Lorgnons.
Er fühlte: eine stilisierte Sehstörung in Brillanten an einer byzantinischen Nabelschnur. Wie kann man etwas für jedes halbwegs gesunde Empfinden so Beschämendes, wie einen Defekt am edelsten Sinn: dem Auge, noch durch Edelmetalle und Steine unterstreichen — wie kann man sich mit einem Körperfehler schmücken? Da bemerkte er, angewidert und belustigt zugleich, daß ja auch manche Lorgnons in Fingern ruhten, die Ringe an Gichtknoten trugen.
„Warum hängen sich die alten Frauen in Europa nicht lieber einen Scheck in gleicher Höhe um den Hals, wäre das nicht optisch erfreulicher, als Perlen über häutige Hälse holpern zu lassen?“ Und die traurige Frage ward groß in ihm: „Werden die Menschen im Alter um so viel häßlicher hier, weil sie sich selbst ähnlicher werden?“
Getrennt von der kompakten Trabrennhorde trieb sich ein scheinbar wildlebender Jobber: Drilling aus Roßtäuscher, Schmierenkomödiant und Galopin ständig in der Nähe der Separées herum. Träufelten dann Privatgesellschaften heraus und zerflossen in die Hall, versäumte es die Gastgeberin fast nie, gerade diesen etwas von oben herab — und doch wieder ängstlich — in ein Gespräch zu verwickeln. Als Horus vorbeiging, stand eben eine Dame, nach dem Kanon des Öltanks gebaut, bei ihm:
„Prinz Strasyboulos Argyropoulos führte die Hosteß Mrs. Beermann aus Chicago, die in einer höchst kleidsamen Kreation von Cheruit besonders faszinierend aussah. — Nein, schreiben Sie lieber: Der Marqueß of Kar and Kinstone führte die Gastgeberin Mrs. Beermann aus Chicago, die ...“ Ganz am Ende kam noch eine Reihe wohlklingender Gäste.
„Kein Mr. Beermann — keine Miß Beermann anwesend?“ Der Drilling frug es mit sardonischem Grinsen.
Sie zauderte. Sollte diese makellose Dinnerfassade durch weitere Beermanns Abbruch leiden? „Nein,“ entschied sie, „die Liste ist vollständig; aber daß es sicher morgen im Herald erscheint.“
Und die so jäh dem Schoß ihrer Familie Entbundene versuchte sich mit gnädigem Nicken zu entfernen.
Da sagte der Roßtäuscher von der andern Fakultät, dort wo sie schon an Kunst und Literatur grenzt: „Bedaure, wir sind mit Notizen ‚aus der Gesellschaft‘ für eine Woche komplett. Wir mußten schon Lady Cadogan zurückstellen. ‚Lady Eveline,‘ sagte ich zu ihr, ‚es ist mir nicht möglich, selbst einer so alten Freundin ...‘.
„Ich werde Ihnen sofort Mr. Beermann schicken, um das zu regeln.“
Und Mrs. Beermann jagte ihren über das ganze Hotel ausgeronnenen Gästen nach. Nur Mr. Beermann stand noch da und schielte zum Erschrecken in seine eigene Brieftasche hinein. Mit Bedauern und Geringschätzung sah Lizzie Beermann zu ihrem eisblonden Tischherrn hin, nun saß er wieder, sichtlich befreit, bei seiner eigenen „set“. Wie eine verpflanzte Blume war Lizzie zwischen den bleckenden Stiefeln, den Schlachthäusern und goldenen Gebissen Chicagos syrisch ausgeblüht, litt und zersehnte sich nach dem, „dessen Kehle süß und der ganz lieblich ist.“
Am Ende des Abends ergab sich aus dem Notizbuch des Drillings, daß der Marqueß of Kar and Kinstone im ganzen acht Hostesses und Prinz Strasyboulos Argyropoulos deren sieben heute zu Tisch geführt hatte.
Horus glitt an lungernden Baronen, an Epheben von den Aasfeldern der Zivilisation vorbei, quer durch den Raum zum Kamin, wo Linda Bordone wie hingeweht saß, neben dem schönen Archangelo Cavadini.
Die gebauschte Gaze ihres Kleides strebte in Flatterschlägen eines jungen Huhnes an ihm hinauf:
„450000 Tausend bar, mehr kann ich von Onkel Barnabas nicht herauspressen,“ und sie versuchte in der trockenen Spannung dieses eisigen Schlußschachers nach vier verpürschten Saisons ihrem armen Stimmchen das arglose Zwitschernde zu wahren, zu dem jungfräuliches Dahinblühen, eine noch aufrechte Forderung aus der verflossenen Generation her, sie verpflichtete.
„Die Differenz ist ja nur 50000,“ ihre hübsche zitternde Hand berührte leicht seinen Arm.
Wie eine gereizte Maus ließ er seinen Bizeps unter ihren Fingern aufschnellen. Dann fiel ihm ein, wie er das hier doch eigentlich gar nicht mehr nötig gehabt hätte. Verschwendung. Aber er konnte es nun einmal nicht lassen.
„500000 bar,“ und seine Stimme war um so kälter und härter.
„Als angehender Politiker,“ fuhr er fort, „wäre es überhaupt für mich vorteilhafter, noch nicht gebunden zu sein — aber sollte ich mich entschließen — wir, die wir für ein größeres Italien kämpfen, für den Genius der Rasse ...“
„Ist denn Genia der Genius der Rasse,“ zischte sie plötzlich kalt wie Metall.
„O, wie töricht sind unsre Männer, immer auf diese Fremden hereinzufallen. All ihr Geld brauchen sie für sich allein, der Mann darf nicht einmal das Auto mitbenützen, und raucht er im Schlafzimmer eine Zigarette, so lassen sie ihn verhaften.“
„Quadrupedescu hat gestern nacht beim Bakkarat Monseigneur 200000 Frs. abgenommen,“ meldete Genia Waanebeeker. Von den Raeburngirls lange aufgehalten, denen ihre Eile verdächtig gewesen, hatte sie erst jetzt den Kamin zu erreichen vermocht.
„Welch bezauberndes Kleid — wo ist es her?“ Und sie verschob dabei mit zärtlicher Hand ein ganz klein wenig die Garnierung, die in Lindas Rücken ein Feuermal verdecken sollte.
„Callot sœurs,“ und Linda erhob sich, um in die Garderobe zu gehen. Ohne Doppelspiegel konnte sie das im Rücken nicht richten, und ihr Lächeln war auch schon ganz durchgewetzt. Einen Augenblick zischten sie maskenlos gegeneinander an; das latent Megärenhafte, heraufgespien in ihre jungen Gesichter: zwei fletschende Gorillaweibchen mit schleifenden Vordergliedern unter Talkumpuder — bekleidet von Callot sœurs.
Wie Linda hinausschritt, betrachtete Horus die gerühmte Toilette. Sie schien ihm eine überaus verzwickte Angelegenheit: vorne schief, rückwärts gewickelt, mit der halben linken Brust auf der rechten Schulter und einer gestickten Geschwulst ohne ersichtliche Existenzberechtigung um den Nabel; es sei denn, das Ganze stilisiere einen verwachsenen Knaben im fünften Monat einer Gravidität.
„O, Callot“ — Genia sprach es Kéllo — „ich gebe meinen untersten Dollar bei Kéllo aus!“ Daß auch Europäerinnen in Paris arbeiten ließen, fand sie eigentlich anmaßend.
Sie trug den Kopf sehr hoch. Teils als Bürgerin der „grandest nation of the world“, teils der leisen Drohung des mütterlichen Doppelkinns sich bewußt. Sie mußte sich beeilen, ehe Linda zurückkam:
„Eine Rente; Kapital zahlt dad nicht heraus, aber er ist eine Million Dollar wert, und da mommo sich sicher scheiden läßt, bin ich einzige Erbin. Dads Leber ist auch gar nicht in Ordnung.“
Archangelo wandte langsam die schweren Spiegeleieraugen nach der Richtung, wo Josua Washington Waanebeeker, rosa und springlebendig, Ohren und Hände vital behaart, nicht einmal Whisky, sondern das bekömmliche Selters trank.
„600000 bar,“ sagte er. „Wir, die Nachkommen des alten Rom — die wir für ein größeres Italien kämpfen — für den Genius der Rasse ...“
Ihr Stolz bockte auf — „Von einem Mann ohne Titel verlangen wir Amerikanerinnen mit Recht, daß er sich selbst erhalten könne, übrigens entspricht meine Rente kapitalisiert ...“
Horus ging weiter. Tief herauf aus der Gegend der Privatkomptoirs: Apisgräbern mit Safes, drang „machtvoll dreischlündiges Bellen“. Schüchtern schienen Beteuerungen, Beschwichtigungen ihren Diplomatenschleim drüber streichen zu wollen. Elihu Lincoln Rosenbusch, einer der gefährlichsten Aasgeier von Wallstreet, mit einem kalten Cherubkopf, hatte eine Flasche Gingerale im Werte von sechzig Centimes zu viel auf seiner Wochenrechnung gefunden.
Alle vier Direktoren hatte er sich daraufhin kommen lassen, sein eigener Privatsekretär — er hatte den Irrtum übersehen — zerfloß in Schlotterschweiß, und nun ging der Alte daran, gewaltige Abzüge herauszuschinden. Dafür war er berühmt. Einer der wenigen so Reichen, daß sein Name nur mehr in Anfangsbuchstaben in den head lines der Zeitungen zu erscheinen brauchte, gab sein als Sport betriebener Geiz in persönlichen Ausgaben fast jede Woche den Journalisten Stoff zu Überschriften:
„E. L. R. erwirbt eine rosa Unterhose bei Giles und Smallweed um zwei Dollar 5 cent. Findet einen Webfehler, fordert Schadenersatz, gleicht sich aus, indem er das Warenhaus übernimmt, verkauft die rosa Unterhose in eigener Regie weiter, trägt nun wieder seine alte Gelbe auf.“ Oder:
„E. L. R. verdient an der Instandhaltung seines Golfplatzes jährlich 7680 Pfund Hammelspeck! Schickt Gärtner und Mähmaschinen fort, läßt die greens von Schafherden kurzfressen.“
Pausierte denn der Schacherkrampf nie und nirgends? Und wo er nicht in den Worten, da zog er sich unter der Haut hin, durch Blut, Herz, Hirn und Traum. Dabei war ihm vieles aus diesen Gesprächen, noch mehr an den Sprechern, unverständlich geblieben. Welchem Kulturkreis, Kasten gab es ja nicht, wie er erfahren, konnten etwa diese beiden Mädchen angehören? Er begriff es nicht. In Joshivara, der Luststraße Tokios, war er gewesen, in den Freudenhäusern Ispahans — kannte die Courtisanen von Madura und Travankor. Aber die letzte Pariafrau des letzten Hafenbordells Ostasiens hätte ihr erotisches Niveau nicht so gedrückt, selbst um ihren Preis zu feilschen. Bei den freien Prostituierten ordnete der Mittler oder eine Dienerin die pekuniäre Frage; in den öffentlichen Häusern wurde gleich beim Eintritt schweigend ein Betrag erhoben, dann erst erschien, unter Wahrung jeder Illusion, das Objekt der Liebe selbst: ein höflicher, sanfter, zwitschernder Traum. Anders hätte es die erotische Verwöhntheit eines Kuli nie ertragen.
War vielleicht das ganze Hotel ...? Doch nein, er erinnerte sich nicht, auf seiner Wochenrechnung einen derartigen Posten gefunden zu haben. Auch hätte es ja, den Reden nach, ein öffentliches Männerhaus sein müssen, wie jenes, das er in Paris besucht.
Er fühlte wohl, daß da, rätselhaft noch in ihren letzten Ursachen, eine Sexualnot ohne Gleichen schrie aus solcher Depravation. Die beiden Frauen aber hatten auf alle Fälle aufgehört, es für ihn zu sein: Erreger seiner schöpferischen Phantasie. Und dieser romanische Ephebe: wodurch wurde dieses Männchen mit seinem eisig lümmelnden Gockeltum, das jede asiatische Dame abgestoßen hätte, zu einem Wertgegenstand?
Er lief mit den Augen über Hall, Salons, Bar. Endlich in soviel Geiz, Grelle und Gier das erste glückliche Gesicht. Der frohe Mann ruhte, einem friedlichen Engerling gleich, hell und fett mit dem Ausdruck verklärter Dankbarkeit gegen Gott und die Welt in einem easy-chair. Sein einziges Kind war hier im See ertrunken, und so war es auch der einzige Ort, den seine Gattin mied. Hier war er sicher. Überall anders hin reiste sie nach, nahm mit stürmender Hand Freudenhäuser, in denen sie seine Anwesenheit vermutete, überschüttete ihn dann mit tätlichen Insulten, Ehebruchsklagen; scheiden ließ sie sich nicht. „Bis zum Tod“ war die Devise ihrer zähnefletschenden Treue.
„Margot — Margot.“
Widerwillig löste sich ein leuchtendes Mädchen aus der Gruppe College boys auf Weihnachtsferien. Wie Enden des jäh abgerissenen Flirts wehte es hinter ihr her. Die Knaben wachten auf aus ihrer Freude, empfanden wieder die eigenen Bernhardinerpfoten überall um sich im Weg und wurden knurrig.
„Jeder ein Shiva mit siebzehn Ellenbogen,“ dachte Horus erheitert, dem Plumpheit — ungeschlachtes Wesen — an Jugend etwas ganz Neues war.
„Margot — Margot,“ die wenig elegante Frauensperson in seiner Nähe winkte das leuchtende Mädchen immer energischer zu sich. Dieses erlosch. Man sah förmlich, wie das Glück in ihren Nerven stockte.
„Was ist denn wieder — was störst du uns?“
„Sind das vielleicht Epouseure? Was treibst du dich mit solchen Buben herum? Sind das Aussichten?“
Sie hatte, gereizt wie sie war, so wenig leise gesprochen, daß Horus erst jetzt aus dem Bereich ihrer Worte herauskam. Dafür sah er Margot Chenal mit ihrer ganz verzerrten Miene die Antwort nicht schuldig bleiben.
In seinem Hotel zu Paris war ihm die auffallend rassige Südfranzösin öfter mit dieser Frau, einer Tante aus Rouen, wie er erfuhr, auf der Treppe begegnet oder im Lift, ohne daß die beiden jedoch Gäste des Hotels gewesen wären. Sie verschwanden immer entweder in den Zimmern der Mrs. Ralph Waldo Cushing, einer der Töchter Rosenbuschs, oder anderer, sehr reicher Amerikanerinnen.
An dem Mädchen, dessen Temperament ihm imponierte und angenehm auffiel, trotz etwas hilfloser Direktheit, war ihm zweierlei nicht entgangen: das pauvre, schlechtgeschnittene Tailormade und die außerordentlich eleganten Lackschuhe mit ihren kostbaren Schnallen. Immer das gleiche Kostüm, immer verschiedene neue Schuhe. Nur mühsam schien dem Kind das Gehen, und eine Falte des Unbehagens rann ihr dabei zum Kinn, und doch stieg sie oft und oft die Treppen auf und ab, oder lief rund um die Place Vendôme. Einmal erkannte er ein Paar besonders falsch gebauter Sämisch-Leder-Pumps, die große Zehe lag in der Mitte des Schuhes, an Mrs. Cushings Füßen wieder. Sie machte gar kein Hehl daraus. Es sei in Newyork Sitte, sich diese immer etwas schmerzhafte Schuhpremiere zu ersparen, die Chaussüre von jungen Personen, die man dafür bezahlte, erst ein paarmal weichtragen zu lassen, es schonte doch sehr.
Hier war Margot Chenal ebenso kostspielig, reizlos und irrsinnig gekleidet wie die übrigen, nur trug sie am Abend ausnahmslos das gleiche, offenbar durch Alter reichlich geweitete Paar weicher Seidenschuhe.
Bei Porphyrio Pães und Sir Osmond saß nun auch Dr. Hafis. Horus mochte alle drei nicht ungern um ihres trockenen Witzes willen, und weil sie — in Pausen — von Geld sprachen. In der Hoffnung auf solch eine Pause gesellte er sich ihnen zu.
Von Porphyrios Hals schlich eine brüchige Vene den kahlen Schädel hinauf, bog rechtwinklig am Ohr ab und mündete auf dem Scheitel in eine überhängende beerenschwere Warze. Beim Kauen oder Sprechen geriet die Vene jedesmal in Bewegung wie eine Klingelschnur, und oben bei der Warze entstand ein Moment atemloser Spannung: wird sie läuten?
Er sprach: „Peru hat Peruaner. Japan hat Japaner. Warum hat die Schweiz keine Schweizer?“
„Es muß doch welche geben,“ meinte Sir Osmond, „existiert da nicht ein Präsident?“
„Wie heißt er?“ Niemand wußte es. Der erste Nachtportier, der Barkeeper, fünf Lungerknaben, der Manager, alles wurde gerufen. Keiner wußte, wie der Präsident der Schweiz hieß.
„Sehen Sie wohl,“ triumphierte Porphyrio, „es gibt so wenig einen Präsidenten als ein Schweizervolk; dies haltlose Gerücht wird aus Reklame oder Gott weiß weshalb von der ‚International Alpenglühen limited‘ ausgestreut.“
Dr. Hafis meinte:
„In grauer Vorzeit muß es aber doch welche gegeben haben. Es werden eben jene zwei fremden Leute aus Bronze sein, die in jeder Stadt des Landes stehen. Entweder: ein Lackel im Nachthemd mit Eispickel in Kreuzform und drunter liest man: Zwingli; oder: ein Greis mit Basedow belästigt ein Kind: Pestalozzi. Welchen Zweck könnte es für die ‚International Alpenglühen limited‘ haben, einen Lackel im Nachthemd und einen Greis mit Basedow über das Land zu streuen? Sie erhöhen seinen Liebreiz nicht und verzinsen sich nur ungenügend.“
Aber mit greisenhafter Starrköpfigkeit ritt Porphyrio seinen ersten Einfall tot:
„Überhaupt ein europäischer Präsident,“ knurrte er, „das hat ja bloß drei Funktionen. Erstens: alle verbündeten Kaiser-, Königs- und Fürstenkinder zu Weihnachten mit Puppen zu versorgen. Zweitens: in allen zeitgenössischen Monstreskandalprozessen restlos verwickelt und auf das Schwerste kompromittiert zu sein. Endlich mindestens einmal in der Woche für das Kino bei strömendem Regen, mit triefendem Schirm und Zylinder, hinter einem berühmten Leichenwagen herzustapfen. Das ist ein Präsident — in Europa,“ fügte er mit der Miene eines Tigers, der ein Kipfel ausspuckt, hinzu.
Archie Payne schlurfte, Fäuste in den Hosentaschen, herbei. Glatt hinausgestrichen war das albinobleiche Haar aus dem eiskalten Hexengesicht des Neunzehnjährigen. Er wäre der erfolgreichste Snob Newyorks, also der Welt, geworden, hätte ihn seine explosive Frechheit nicht zuweilen wieder betrüblich zurückgeworfen — den restlos Bedientenhaften, den Geist ihrer Umgebung stets mit der Gewissenhaftigkeit von Chamäleons Widerspiegelnden, zum Gewinn.
Mit geheimnisvollem Sphinxlächeln raunte er den andern zu:
„Es gibt sogar noch heute lebende Schweizer, aber verraten Sie die armen Dinger nicht.“
Er schien mit Bardenhänden in eine imaginäre Leier zu greifen und machte Märchenaugen:
„Hark! In seltenen hellen Nächten — um die Mitternachtsstunde — da kommt es bisweilen im Mondlicht hervorgehüpft und heißt etwas, das klingt wie ‚Rüdisütli‘. Doch schon stürzt sich die lauernde Horde der Weltkommis mit Blitzlicht, Büchse und Selbstknipser, ‚hurra‘ aus dem Hinterhalt brüllend, drauflos, und mit einem Pfeifen der Angst verschwindet es, gleich dem Murmeltier, wieder hurtig im Gestein.“
„Nun versuchen Sie’s doch einmal mit einem Schmetterlingsnetz oder einer Zauberformel, Archie,“ meinte Sir Osmond. „Ich zahle jeden Preis und den doppelten für das lebende Exemplar.“
Der Marchese Strondoli wartete. Er wartete seit sieben. Jetzt war es halb elf. Seit vier Uhr machten die beiden Friseure Schichtarbeit, desgleichen die erste und die zweite Kammerfrau. Die strategische Leitung lag in den behaarten Händen des zahmen Russen vom Moskauer Ballett; Entwerfers der Kostüme und Garderobiers.
Im kleinen Drawingroom nebenan wartete auch die Gastgeberin: her grace of D. mit den übrigen Gästen. Strondoli aber hatte jene Dame, auf die alle warteten, in der Hall zu empfangen, als der erkorene Begleiter. — Vermutete man mehr, so lehnte er geschmeichelt und kraftlos ab. So einfach aber lagen die Dinge durchaus nicht.
Vor einer halben Stunde war gemeldet worden, sie stehe schon auf dem Korridor. Auch daraufhin blieb er innerlich noch immer mit untergeschlagenen Beinen sitzen — wußte: force majeure, was einer Dame im letzten Moment noch alles an Kosmetik einzufallen vermag.
Da bemerkte er im Spiegel das Fräulein Erika Unbehagen, Erzieherin im Hause Beermann, eine Faust im Mund, sich käseweiß in die Wand des Foyers einkrallen: nun war es Zeit.
Der gläsernen Keimzelle des Lift entstieg die Principessa Dango: „la princesse macabre“. Der zahme Russe streute noch knieend den riesigen Dogaressamantel aus Kolibrifedern hinter ihr aus; von viertausend Vogelbälgen waren nur die rostgoldenen und rosigen Federchen eingestickt in ihn. Einen schrägen Fächer aus denselben leuchtenden Leichen hielt ihr starrer Arm hinter dem Haupt hoch, aus dem waberndes Henna hervorbrach, zu einem Adlerhorst auseinander toupiert.
Sie schien ein Wesen aus zitterndem Silberdraht.
Blutige Binden von Rubinen lagen ihr um den bläulich harten Totenkopf, und in Rubinen blutete es immer weiter über karfiolfarbene Windelgewänder herab und bleiche Arme — Herztropfen all der Kolibris — bis nieder zu den Händen, an denen lilablasse gewölbte Nägel gleich Magnolienblüten groß an kahlen Fingerzweigen ragten.
Sie wand sich vorwärts, als wäre sie erblindet von dem kobaltblauen Pulver in den mächtigen Augenhöhlen. Prachtvoll schnitt in den fahlen Kopf das Schwert ihres langen Mundes — querhin durch Taubenblut gezogen: der Hyänenprinzessin Mund, wie er ein viergeteiltes Reiskorn bei Tag — bei Nacht Leichen aus Juwelengewändern frißt.
Der Marchese war gezwungen, ihr den falschen Arm zu reichen, denn hochaufgerichtet hielt sie noch immer mit der Linken den schrägen Kolibrifächer über das wabernde Henna. Die Vision von Büßern stieg auf — den lebenslang Bewegungslosen an den Ufern des Ganges, und von verdorrten Gliedern, in denen die Vögel nisten.
Sie wand sich in den Fesseln ihrer Exklusivität dahin zwischen Inseln von gezischtem Schweigen; ein Kielwasser von Entsetzen, Bewunderung und Mißgunst hinter sich lassend. Lorgnons beschlugen sich mit Rauhreif vom todkalten Haß der Blicke, aber hier hieß es, sich ducken. Sie war eine zu hohe und weltbekannte Mondäne. Europas Spießer, noch feucht vom Brodem des Beisels, wären wohl nicht zu bändigen gewesen — hätten eine solche Erscheinung unter veitstanzähnlichen Symptomen niederzujohlen versucht. Diese hier waren immerhin wenigstens schon Snobs.
„Hohe Rasse,“ dachte Horus, „edel im Aufriß — schade, daß der letzte adelige Flügelschlag hinauf in schöpferische Vereinfachung offenbar versagt hat. So bleibt es raffinierte Barbarei. Immerhin, ich will sie kennen lernen.“
Sie interessierte ihn zu wenig, als daß seine Willkür hier ehrfürchtig beiseite getreten wäre, die geheimnisvolle Bahn ja nicht zu kreuzen, in der, nach tieferem Gesetz, jene sich begegnen sollen, die bestimmt sind, einander bis zu einem bedeutsamen Grade Schicksal zu werden.
Ein button-boy grinste eine Botschaft. Spuckte dabei die ihm unverständlichen Fremdworte unter Ekelerscheinungen aus, nachdem er ihnen den Sinn abgebissen — alles zwischen Tür und Angel von Dummheit und Frechheit — bereit, bei strafferem Zugriff sofort in unzugängliche Verblödung, gestützt auf einen natürlichen Kropf, zu versinken.
Endlich verstand Horus. Es handelte sich um eine spiritistische Séance bei Lady Cadogan mit ganz erstaunlichen Resultaten unter strengster wissenschaftlicher Kontrolle. Man bat ihn, hinaufzukommen, zur Verstärkung des Kreises.
Oben, in einem zu Tode langweiligen Zimmer, war es hell und leer. Aus dem geschlossenen Nebenraum — er schien schwer von Menschen — erschollen gedämpfte Fragen — tropfende Buchstaben antworteten endlos. Manchmal schienen die Fragen mit den Buchstaben unzufrieden, dann begann es wieder von vorn. Schließlich schlich sich eine Stimme auf den Zehen bis zur Tür und meldete breitgequetscht vor Rührung:
„Neieschte Nachricht aus der Hell: Der Nero fangt ebe aan zu bereie.“
Friedolin Eisele, Präsident der Theosophischen Gesellschaft zu Bopfingen, stand im Salon und zog Horus durch einen Spalt ins verdunkelte Sitzungszimmer, aber auch dort flammte es jetzt auf; die Herren verlangten eine Pause. Man rief nach Whisky-Soda.
Um den ovalen hölzernen Tisch des kleinen Raumes, Lady Cadogans Ankleidezimmer, von dessen Fußboden der Teppich zurückgerollt worden war, saßen Knie an Knie etwa acht bis zehn Personen. Eben fiel die geschlossene Kette ihrer Hände, die bisher wie Polypen die Platte umspannt gehalten, auseinander.
„Wir haben heute Tiefergreifendes erlebt,“ begrüßte ihn die Hausfrau, „es war direkt eine Eingebung von mir, after dinner den heiligen Abend noch der Geisterwelt zu widmen. Das mit Nero haben Sie ja schon von unsrem lieben Adepten Eisele erfahren, aber auch ganze Schwärme andrer Seelen verdrängen einander heute förmlich aus dem Tisch. Einer sprach so komisch, wir dachten schon, es sei vielleicht Buddha. Darum ließ ich Sie heraufbitten, uns sein Sanskrit oder Pali zu übersetzen — denn,“ fügte sie zögernd hinzu, „vielleicht fällt ihm das Englische schwer.“
„Unsinn, Eveline,“ verwies sie Muriel Hitchcock, sich die Nase pudernd.
„Wenn es doch Nero konnte und ohne einen einzigen orthographischen Fehler zu klopfen, the darling, so rührend zerknirscht er auch war. Habe ich nicht recht, Monseigneur?“ wandte sie sich an den zwergischen Franzosen ihr gegenüber.
Monseigneur aber hatte nicht zugehört; er versuchte so angestrengt, mit Gloria Rawlinson, die gleich einer wunderschönen, nie angezündeten Lampe, weiß und golden dastand, ein Gespräch in Fluß zu bringen, daß ihm der Schweiß ausbrach. Er war vom Typ jener kleinen, instinktschwachen Rattler; überall, wo es mondän zugeht, wandern auch sie von Schoß zu Schoß, ohne daß man wüßte, wem eigentlich zur Lust sie gezüchtet werden. Sein Adjutant: Aquetil du Perron, von Schädel halb Birne, halb Schaf, massierte still seine weißverkrampften Finger und ließ sich von Winifred Cadogan mit petit Fours füttern. Madame Bavarowska, voll und wild, siebenarmige Leuchter in den Ohren unter der Carmenfrisur, erzählte unterdessen von einem sensitiven Kind, das sie einmal in der society of psychical research in London zur Beobachtung gehabt.
Sonst ein liebes Kind, aber — wie Kinder schon einmal sind — nachlässig eben, immer ließ es beim Spazierengehen seinen Astralkörper hinten hinaushängen. Ununterbrochen hieß es da aufpassen und hinterdrein sein, um ihn, wenn nötig, zurückstopfen zu können. In Oxfordstreet sei es einmal deshalb fast zu einem Skandal gekommen, denn das Publikum — in Astralkörpern wenig erfahren — vermutete etwas Unsittliches und bohrte die Regenschirme hinein.
Man beklagte den noch vielfach herrschenden Skeptizismus der Zeit, wo es doch jedem Gebildeten offen stünde, durch Auflegen der Hände auf den Tisch sich von dem persönlichen Fortleben nach dem Tode einwandfrei zu überzeugen.
Friedolin Eisele widersprach, lobte gerade die wachsende Beseelung der Zeit, und wie sie dem Wunder immer zugänglicher werde. Erschlug schließlich jeden Widerspruch mit dem jubelnden Argument:
„Mer havve schogar scho myschtische Bankdirektore.“
Er glich dem freundlichen Seepapagei: ein kugelrunder Anfang, und dann war es gleich ganz aus mit ihm — gar der Rede nicht mehr wert. Ein mystisches Furunkel aus gestanztem Blech wuchs in seiner Krawatte, und auf dem Zeigefinger der Rechten trug er den Siegelring der Blavatzky als einer der sechsundsiebzig, die sich rühmen, den echten von der großen Adeptin eigenhändig auf dem Totenbett erhalten zu haben. Auf der Reise zu einem Kongreß nach Bern war er — Lady Cadogans Gast — auf ein paar Tage in dieses ihm fremde mondäne Milieu verschlagen worden.
Verklärt hingen der Gastgeberin waschblaue Seheraugen an ihm. Da er geendet, wandte sie sich Horus zu:
„Und ist auch Ihnen, Mr. Elcho, der Sie zum erstenmal in Europa sind, diese mystische Atmosphäre, diese wachsende Macht der Magie an unsrem Kontinent aufgefallen?!“
„Bisher, offen gestanden, nur an Kellnern,“ lächelte dieser, „die mir als einzige in Europa über außernatürliche Kräfte zu verfügen scheinen, vermögen sie doch, wie durch Fernwirkung, Messer, Löffel und Teller von scheinbar ganz entfernten Tischen auf den Boden schmettern zu lassen.“
Man lachte oder entrüstete sich, beschloß aber, nun endlich die unterbrochene Séance wieder aufzunehmen und räumte den Schnaps weg. Die Lichter wurden gelöscht, alles rückte zusammen und umschloß aufs neue mit gespreizten Händen von oben die Tischplatte, wobei die kleinen Finger sich berühren mußten, um, wie Horus staunend erfuhr, jedem die wissenschaftliche Kontrolle über den andern zu sichern, und somit einwandfrei die Echtheit der Phänomene.
Und das alles im Zeitalter des „Nicholsonschen Versuchs“ — des „Raumgitters“ — der „Berechnung des Strahlendrucks“! dachte der Befremdete.
„In demselben Europa, dem meine ganze Sehnsucht und Begeisterung galt, um seiner wissenschaftlichen Gewissenskraft willen; das unaufhörlich in Tausenden von Publikationen, die seine Adelsbriefe sind, über die Erde hin kündet von Genialität und göttlicher Verbissenheit ohnegleichen, kündet von Hilfskonstruktionen, Präzisionsapparaten, Sicherungen und Gegensicherungen, damit ein einziger Nebenversuch um ein weniges verfeinert werde und sich einordne jenem lauteren, herben, lückenlosen Geisterbau, der selbst nichts soll als einen neuen Annäherungswert an das Geschehen ermöglichen — und gerade durch diese Beschränkung an Gewalt und Tiefe des Einblicks alle Intuition andrer Kulturen weit hinter sich gelassen hat?“
Wie war solcher Abstand im Kritisch-Geistigen unter Menschen der gleichen Rasse, der gleichen Zeit überhaupt erklärbar?
Durch das Fenster kam blaues Schneelicht und zeichnete jedes Einzelnen Kontur mit einem Meßband aus vergastem Metall. Einige Minuten herrschte erwartungsvolles Schweigen. Nun wollte jemand eine wandernde Flamme unter dem Tisch bemerkt haben. Sie erwies sich jedoch als silbernes Zigarettenetui, das du Perron mit den Füßen Monseigneur auf den Schoß hinüber zu praktizieren versuchte. Diese triviale Auslegung des Phänomens fand wenig Anklang. Man solle sich nie durch solch scheinbar einfache Erklärungen beirren lassen.
Ursprünglich sei es doch eine Flamme gewesen. Der magische Kreis ermangle eben noch der nötigen Kraft zu dauernden Materialisationen. Das hätte das Flammengespenst gerade noch rechtzeitig gemerkt, um seinen Rückzug auf scheinbar natürliche Weise durch das Zigarettenetui zu decken, dessen Überreichung in diesem Moment durch magische Einwirkung auf du Perrons Unterbewußtsein erfolgt sei. Nichts schien einfacher.
„They are sooo smart“ — sie sind ja so gerieben, bestätigte Lady Eveline.
Also den Kreis verstärken: Monseigneur und Quadrupedescu, Glorias Nachbarn, vertraten die Ansicht, intensiverer physischer Kontakt zwischen den Teilnehmern würde die Phänomene wesentlich fördern. Doch man heischte Ruhe, wartete wieder. — Nun knackte die Platte deutlich. Alles glimmerte vor Erregung, nur Muriel Hitchcock blieb ruhig, das graue Papiergesicht voll Herablassung seitwärts einem Unsichtbaren zugelehnt.
„Es ist Alastair. Ich spüre ihn schon die ganze Zeit hinter meinem Sessel. Nie versäumt er eine Gelegenheit, mir nahe zu sein.“
Sie war aus Philadelphia, trotz wurmiger Haut hübsch, hypersmart, und gab sich, da sie ein wenig hinkte, gern für eine etwas beschleunigte Reinkarnation der Lavallière aus. Das mit Alastair aber ging, wie man nun erfuhr, schon viel länger; seit sie eine wunderschöne griechische Hetäre zu Alexandrien gewesen und er, als Säulenheiliger, aus Leidenschaft zu ihr sein Gelübde gebrochen hatte und für sie gestorben war. Durch diesen gewaltsam frühen Tod waren sie seitdem immer um eine Drittel-Inkarnation auseinander — very trying indeed — und konnten sich nur mehr oder weniger durch Tischplatten hindurch angehören. Jetzt wollte keine der Damen in Astralflirts zurückstehen. Eine Art makabren Erotelns hub an, und es ergab sich, daß alle schon einmal wunderschöne griechische Hetären gewesen. Madame Bavarowska aber schoß den Vogel ab mit einer extra Fleißinkarnation als Pharaonentochter. Es bedarf wohl der Erwähnung nicht, daß sie auch in dieser Gestalt von einem Liebreiz war, der vielen zum Verhängnis werden sollte. Nun begannen die Damen zu erörtern, was sie jedesmal angehabt, und die Sitzung drohte in einer Modediskussion zu verenden; die Weiber zerschnatterten alles, als der Tisch deutliche Zeichen von Ungeduld gab, Friedolin Eisele um Ruhe bat und die Leitung der Séance wieder übernahm.
Es wurde mit dem Tisch vereinbart, ein Klopflaut bedeute — „ja“, zwei — „nein“, damit man in zweifelhaften Fällen wisse, ob richtig buchstabiert worden sei. Nun begann Eisele langsam immer wieder das Alphabet herunterzusagen, wie Horus es schon vom Salon aus vernommen. Der Buchstabe, bei dem es klopfte, galt, und so setzten sich mit der Zeit Worte zusammen. Der Tisch war gerade bis Mia gelangt und wollte fließend weiterreden, da warf sich Madame Bavarowska mit einem Aufschrei über ihn.
„Mia — c’est pour moi — für mich, so heiße ich!“
„Sie heißen doch Natalie,“ widersprach es aus grollender Runde.
„Aber Mia ist mein Kindername. Maman, bist du’s? ... Sag, soll ich Rio Tinto kaufen?“
Der Geist der Mutter bejahte.
„Zu welchem Kurs?“ Der Geist der Mutter nannte einen exorbitant hohen. Dann verschwand er. Der Tisch fing etwas Neues an. Bis dais kam er. Da sprang wieder Madame Bavarowska vor und verteidigte ihn, wie eine greise Leopardin ihr letztes Junges.
„Daisy — c’est pour moi! der Kosename meines ersten Gatten für mich. Bogumil, was hast du deiner Daisy zu sagen?“
Bogumil sagte einiges. Später, als es „pip“ klopfte — die Dame zum drittenmal aufzuspringen und auch so zu heißen Miene machte, wurde es Winifred Cadogan zu bunt. Sie gab dem Tisch mit dem Knie einen Stoß, daß er gegen die Namenreiche flog, und nur das außerordentlich starke straight-front Mieder verhinderte ernstlicheren Schaden.
Madame Bavarowska war ganz entzückt:
„Ça pèse — ça pèse ... welche Kraft der Materialisationen, welch eine Sitzung.“
Winifred platzte aus.
„Und da könnt ihr scherzen, mais mes enfants, nie wieder werdet ihr so eine Séance erleben“ ...
Der Tisch puffte weiter in sie hinein, bis endlich du Perron und Quadrupedescu Winifreds Knie gebändigt hatten.
Der Beobachtungsgabe der übrigen schienen diese Vorgänge andauernd zu entgehen.
Schließlich war man ja auch nur der Klopfphänomene: der harten kleinen Schläge im Inneren der Platte, wegen da, die niemand mit Knieen und Beinen hervorbringen konnte. Auf der Oberfläche des boxenden Tisches aber spannten sich, weithin sichtbar, von kleinem Finger zu kleinem Finger, immer noch die Hände aller Teilnehmer im blauen Schneelicht.
Mit der Zeit meldeten sich auch Goethe und Napoleon zu Wort. Ersterer unterhielt sich auf das Angeregteste mit Lady Eveline über die Verwerflichkeit des Dumpingsystems neudeutschen Handelsbrauchs, und so wickelte sich der Verkehr zwischen Lebenden und Toten klaglos ab, bis urplötzlich Verwirrung entstand — geradezu heilloser Unfug. Viertelstundenlang wurden immer tollere, sinnlosere Worte geklopft, Fragen in einem bejaht und verneint, bis Eisele die Geduld verlor:
„Saumäßig schwätzet se daher,“ fuhr er Napoleon an, den er heimlich im Verdacht hatte. Es half. Die Antworten ebbten wieder ins Verständige zurück. Was hatte sich ereignet? Horus war es bei dieser seiner ersten Séance schon nach drei Minuten klar geworden, die Klopflaute müßten sich durch Spannungen im Holze der Platte willkürlich erzeugen lassen: gleichmäßiger, dauernder, geschickt verteilter Druck ruhender Fingerspitzen den Flader entlang und dann wieder plötzliches Nachlassen dieses Druckes, würden wohl genügen, um bei dem gewünschten Buchstaben ein leises, kurzes Krachen zu erzwingen.
Nach einer Weile riskierte er diskret den Versuch. Der gelang sofort. Nun war es ihm eine Erheiterung, dem Phänomen konstant die Pose zu verpatzen; in jedes Wort irreparable Buchstaben hineinzuklopfen. Nach Eiseles Zuruf hörte er auf. — Die Methode war ergründet, jetzt hieß es nur noch den eigentlichen Klopfer herausfinden, und ob sein Ziel schlichthin idiotisches Gesellschaftsspiel in after dinner Mystik bedeutete oder Zweckhafteres vielleicht.
Die Damen — sie hatten wohl in ihrem Leben noch nie einen Flader am Holz bemerkt — schieden allesamt von vornherein wegen geistiger und manueller Minderwertigkeit aus, desgleichen Monseigneur. — Friedolin Eisele? Nein — ein Rindvieh voll Lauterkeit. Es war eben ganz einfach nicht mehr zu leugnen, Horus hatte eine Schwäche für ihn gefaßt, seit Eisele nach der lauten Auseinandersetzung mit Napoleon noch leise leise, nur Luchsohren vernehmbar, auf den Korsen den großen Fluch seiner Tribus geschleudert:
„Daß di’s Meisle beischt.“
Es dünkte ihn der herzigste Fluch, den er je gehört: das Ärgste, was ja überhaupt passieren konnte, war, daß er eben in Erfüllung ging ... schließlich schien das Malheur dann noch immer nicht gar so groß.
In die engere Wahl kamen somit du Perron, das Birnenschaf und Quadrupedescu: Deponens von Clubmann und Hundedresseur.
Sensation! Im Tisch erschien Moltke, nannte den Namen eines osmanischen Prinzen und prominenten Heerführers, der eben jetzt im Balkankriege gegen Bulgarien im Felde stand. Aller Augen wandten sich Lady Cadogan zu. Man wußte, daß sie, seine langjährige Freundin, auch ihn durch fast unbegrenzten Einfluß zum Spiritismus zu bekehren vermocht. Totweiß über den Tisch gelehnt, ganz benommen vor Stolz über die eigene Bedeutung, harrte sie weiterer Botschaft. Warnung kam: wenn bestimmte Armeekorps, ihre Nummern wurden genannt, die gegenwärtig für den soundsovielten bestimmten Bewegungen ausführen würden, fiele Adrianopel in Feindeshand.
Ungeheure Erregung. Lady Eveline nahm jedem Teilnehmer das Wort unverbrüchlichen Schweigens ab, ehe sie nach einem Telegrammformular hinausstürzte, in der nur ihr und dem Prinzen bekannten Chiffrenschrift das vom Geiste Moltkes ergangene Verbot unverzüglich zu drahten. Die Sitzung fortzusetzen, fiel niemandem mehr ein.
Madame Bavarowska stieß plötzlich aus allen Körperöffnungen schwarze Schleier aus, hatte ein Stück schwarzes Fließpapier — kein Mensch wußte woher — vor sich auf den Tisch gebreitet und zog aus ihrer juwelenbesetzten Goldtasche ein Paket Spielkarten von geradezu phantastischem Schmutz.
Ob man sich weissagen lassen wolle? Den ekelerregenden Zustand der Karten begründete sie durchaus plausibel damit, jene stammten aus einer Kaperbeute ihrer Vorfahren mütterlicherseits, die alle berühmte Seeräuber im Schwarzen Meer gewesen. Andre Familien behaupteten solches zwar auch, von der ihren sei es aber dokumentarisch nachweisbar.
Horus entkam im allgemeinen Wirrwarr. Schon einen Augenblick vorher hatte Quadrupedescu, sein blaurasiertes Lächeln wie mit Schmieröl übergossen, den Clowntorso aus der Tür gedreht.
Horus beutelte sich: ein Glück für euch, daß Geistergrenzen fester versiegelt sind, als after-dinner Mystik sich träumen läßt. Welche Astralhaie müßten im Kielwasser solchen Seelen folgen. Was müßte aus dem Unsichtbaren her, solchem Ruf gehorchend, an der Schwelle einer Horde lauern, die blind, taub, flirtend, gierend, gerade ihren christlichen Schlangenfraß mit Whisky-Soda wieder aus allen Poren dampfen läßt? Hielte die Schranke nicht, in die Hände welch ultravioletter Fallotten würden diese Nekromanten nach dem Gesetz der Korrespondenz wohl fallen?
Und gedachte der vornehmen indischen Dame, deren Gatte zu sein er die Ehre hatte, dort oben auf ihrem bestirnten Altan. Sein Herz ging aus zu ihr und strebte zurückzukehren in die Heimat ihres Kusses, denn „es drängt zum geliebten Wesen die Begierde, gerührt zu sein“.
Unten im Foyer bestieg eben die Principessa Dango wieder die gläserne Keimzelle des Lift. Noch immer hielt ihr gereckter Arm den Fächer aus leuchtenden Leichen über das wabernde Henna. Strondoli vervielfältigte sich um sie in Brunstbewegungen. Alle Facetten seines Männchentums waren in Rotation — ganz schwindlig konnte einem dabei werden.
Sie sagte nichts als: „Impossible“.
„Um elf Ski-kjöring nach Sils. Bleiben kaum zwei Stunden Schlaf. Impossible.“
Strondoli riß die Uhr heraus. Beteuerte mit Blicken, Lippen, Haut, Haar, wie früh es noch sei, indes sein markiger Arm das „elf Uhr“, ganz weit draußen, platt an den Rand der Ewigkeit gestemmt hielt.
Vergebens. Rundum abgedichtet mit Durchsichtigem, entglitt sie am Draht des Lift, der lose in seinem Nabel kreiste, durch den Plafond nach oben.
Der Marchese zog seinen edlen Leib ein — wurde konkav vor Enttäuschung; pfiff dem Boy und frug nach Mademoiselle Fifi.
Bei der Loge des Nachtportiers stand Quadrupedescu, übergab ein dichtbeschriebenes Formular als dringend zu drahten. Auch diese Depesche war, gleich der Lady Cadogans, chiffriert, bis auf zwei Worte: Bestimmungsort und Adressat. Berne und irgend etwas ... de Bülgarie. Also darum, nach verhüllenden Mätzchen, Präliminarien: Moltkes Geist samt „Warnung“. Es hatte sich eben darum gehandelt, eine für Bulgarien gefährliche Operation des türkischen Heeres zu verhindern, und das hatte dieser geriebene Agent auf so primitive Weise erreicht, daß kaum ein Botokudenpaar darauf hereingefallen wäre. Von solchen Vorgängen also hingen europäischer Völker Schicksale im zwanzigsten Jahrhundert ab.
Morgen hieß es, bei Lady Eveline Moltkes Ansehen sanft untergraben, nicht etwa sein Erscheinen leugnen, das hätte ihre Eitelkeit nie zugegeben, nur einfach ihren Jingoismus gegen sein Deutschtum aufstacheln. Vernunft: wenn zwei entgegengesetzte Dummheiten gerade gleich stark sind. Ja, er hatte in diesen wenigen Wochen im dunkelsten Europa schon viel gelernt.