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Die Kegelschnitte Gottes

Zweites Buch (continued 2)

Reading edition

Einen Blick noch warf er in die Grellhölle, wo die ruhelosen Barbaren, von drei Orchestern durchbohrt, violettgesprenkelt vor Schnaps und schon völlig verwildert, immer noch in ihrer eigenen Kohlensäure fatal herumwateten.

Hier, von oben gesehen und durch die Rauchschichten hindurch, war das Ganze einem infernalischen Aquarium nicht unähnlich.

Er dachte: vielleicht ist es hier wie mit den niederen Tiefseetieren: nähme man plötzlich den ganzen ungeheuren Druck von ihren Sinnen, unter dem sie zu leben gewohnt sind, hübe sie ins Leichte, Freie, in höheres Element — ob sie sich dann auch selber zu vomieren begännen ... auf einmal die Gallenblase nach außen, und überhaupt alles vornüber gestülpt?

Aber wozu leben sie unter diesem, alle Empfindung erschlagenden Sinnendruck?

Warum verwechselt der Europäer Grelle, Lärm und Gestank mit Freude?

Ja warum?

Er hatte damit zum erstenmal an ein Grundproblem gerührt — aber er wußte es noch nicht.

Plötzlich war Europa herrlich.

Dieses „ausgefranste Hundeohr am Kontur Asiens“ hatte eben die beispiellose Chance, daß Schnee drauf fiel — auf Barbarei und Irrsinn über Nacht bestirnte Reinheit wuchs.

Horus, von Pitz Nair kommend, lag in seinem brennheißen japanischen Bad — neben sich Tee und knusprig nachbrodelnde Muffins — in Händen ein edles Buch, mit dem man durch tausend Reiche fliegen konnte — vor sich Schlaf, eine runde Nacht voll, ausgeflaumt wie ein Vogelnest — die Wand hinauf aber lehnte, ganz nah im Schmeichelkreis seiner Finger, die neue grande Passion: Skier.

So ruhte er, ein köstlich zerbrochener Sieger am Fest des blauen Raumes, und genoß: auf der Haut schäumende Nadeln — im Herzen Ozon — im Blut Eis und Gefunkel. Lächelte gerührt den beiden gestreckten Schneeflügeln aus schwingendem Hickoryholz zu: schwarzes Schneeschilf, weiß gerippt, träumte an ihm seinen tiefen Tag zurück. Grüßte erst das entzückend linsenförmige Anschwellen der Spitzen, durchlocht wie Ohrläppchen, nahm jene klare, von der Bindung gekrönte Kantengruppe mit dem Finger in seinem Organismus auf: Verschneidungskurve zwischen dem mechanisch wirksamen Profil und der idealen Oberfläche des Skikörpers; so vollkommen fast wie jene, die an der Helice der Nabe zuschwillt. Vom Schneekiel, der Rinne an der Unterseite, in einem Myrtenblatt verstrahlend, mochte man gar nicht erst sprechen, direkt einen neuen Raumsinn schuf er in den Sohlen und war über Lob schlechtweg erhaben.

Jetzt fuhr er mit den Augen den Ski entlang, bis wo dies einfachste und freieste Gerät sich aufbäumt und aus dem Planen löst nach oben. — Sein Herz schlug — er glitt los zum Sprung; immer rascher hinein in ein Vorwärts ohne jede Wahl. Hinein ins Ducken, Abschnellen, dann Hinausgerissenwerden in den Raum. — Dort endlos im Nichts hängen, im Nichts Richtung halten müssen — die Arme zu Propellern geworden — das Bewußtsein in den Sprunggelenken, ganz dem Aufprall entgegengespannt und dem hirnwirbelnden Schuß. Das Unbegreifliche dieses Aufpralls, dieses Schusses trieb dem Entrückten das Herz ins Hirn vor Blut und Eislust. Seine Hände fand er an den Rand der Wanne wie an einen Starkstrom hingekreuzigt, und kalte Sterne sprühten hinter seiner Stirn.

Erst in den mildernden Wellen des Geländes, als schon bremsende Hügel dem Schuß in sein Rasen gefallen, vermochte er die duffen Finger der Rundung des Emails abzureißen. — Atem stürzte wieder in ihn, doch er wußte noch nichts Rechtes mit ihm anzufangen; es donnerte sein Herz.

Bei Auto, Flugzeug, Motorboot — immer ist noch etwas eingekeilt zwischen Mensch und Schnelligkeit. Auf diesem Zwischengliede hockt er dann: ein beherzter und recht lobenswerter Affe. Einzig auf Schneeschuhen: veredelten Sohlen, sind sie endlich ganz allein miteinander, die Geschwindigkeit und er. Schräg über sanfte Kristalle stürzend, wird der Mensch da selbst zum Alpha und Omega der Bewegung — auf diesen seinen zwei federnden Sohlen hinausschwingend über sich und in ein neues Maß.

„Und da sagen die Leute so schlichthin: ‚Bretter‘,“ dachte Horus, „für ihre verrotteten Klim-Bim-Gasometer und hingehudelten Prunkbaracken aber erfinden sie Ehrfurchtnamen: ‚Musentempel‘ etwa oder ‚Palais‘.“

Und Leute — Leute trifft man da oben. Angeschossen kommen sie mit verglasten Augen aus dem Nirgendwo: wasserdichte Flügelwesen, prachtvoll ruppig, mit ungeheuren Eiszapfen an der Nase, und künden von firnen Ruheplätzen, wo sie das kristallne Huhn mit dem Hammer gegessen und die Suppe als Biskuit.

Geht man ihnen dann in ihre Passantenhotels nach, trifft man sie meist schon aufgetaut zu kleinen Philistern vor einem Schweinsbraten sitzen, die Seele nikotinisiert und dreier Vorstellungen nur mächtig: Windharsch — Pulverschnee — feucht-salzig ... oder sie stoßen über Daumenknorpel rechteckige Löcher in bandenlahme Billards und wollen es dann nicht gewesen sein.

Da sind sie trübe wie Lachen zerschmelzenden Schnees. Null Grad ist ihre kritische Temperatur — eher etwas darunter.

Halben Weges wuchs dann diese Wächte dem Berg aus gläserner Flanke, war aber unschwer zu umfahren gewesen. Schweizer Offiziere, die hier ihre Übungen abhielten, hatten es soeben getan. Nur als Letzter — der junge Leutnant tauchte grade über ihr auf, unschlüssig-lüstern und vorgeneigter Silhouette, bis auf das reglementmäßige Rhomboid aus grauem Filz auf seinem Kopf; das bockte schräg nach hinten in den Äther und war offenbar dagegen. — Die andern Offiziere lachten und winkten ab. Von hier unten, gegen der Wächte überstehend, sah man deutlich, sie hing ein Stück frei in den Raum.

„Ischt ja wie’s Schterbe,“ sagte der junge Leutnant, dann glitt er los.

Das Rhomboid aus grauem Filz sollte aber recht behalten. Drei Sekunden später saß es irgendwo — — schräg wie immer, doch ganz allein auf dem Schnee, indem sein Besitzer sich einem Kopffüßler gleich gebärdete.

Doch oben über der Schneebrücke aus gestirnten Kristallen zuckte jetzt eine zweite Silhouette aus dem Nirgends her: die Ganz-Weiße, Lanzenkeusche, neigte sich langsam wie eine Rakete vom Zenith ihres lichten Stiels.

Horus hielt den Atem des Erinnerns an. — Nein, noch nicht, immer noch nicht. Doch allzulange, allzu künstlich schon hatte er der Erscheinung gewehrt; Berge, Leute, blaue Fröhlichkeit dazwischen gehäuft, damit ihr Kommen daure — denn ihr Dasein war nur ein Augenblick.

Nun brach sie — ein Dämon der Anmut — durch den süchtigen Geiz seiner Vorfreude, hing über dem Sturzweg, halb Luft, halb Eis, stand niederfahrend einen Augenblick als Sturm an seiner Schläfe, goß sich in eine Kurve hinein — war ganz unten auf dem Schneefeld, nur eine blanke Nadel noch am Faden einer feinen Spur.

Hinter ihr nach glänzte der Weg.

Gargi aber hatte in auffliegendem Entzücken, in jenem lieblichen Sich-Auslöschen an einer reinen Freude, die sie ganz enthielt, feierlich — fast priesterlich gesagt:

„Ein Elf von einem großen Stern.“

Unter den Schweizer Offizieren hieß es mürrisch anerkennend: „Die fremde Dame“.

„Ein Elf von einem großen Stern.“

Gargi — Gargi hatte das Wort gefunden. Er sprang auf ins Nebengemach zu ihr, alles ihr mitzuteilen — mit ihr zu teilen. Ein Läufer in dampfenden Nebeln. Sein Torso gleißte. Lachend fielen sie einander in die Arme. Tropfen stoben.

In dieser Nacht ward Gargi ganz zur Fee Peribanu. Das Orchis- und Perihafte schöpfte sie ihm aus ihrer Duft gewordenen Tiefe. Jaspisgeschöpfe mit Teeblütenfingern — Götzen mit goldenen Nägeln der Wollust — umstanden sein Herz die ganze Nacht.

Wie, was androgyn-vollkommen, ausschwingt in weiterer Amplitude der Anmut, so hätte Gargi hinschwingen können in dieser Nacht bis hinüber in das Lanzenkeusche, Unumarmte: auch dort noch sie — sie selbst auch dort noch: des eignen Iches andrer, silberner Rand. Doch war es noch nicht an der Zeit.

Hüterin des köstlichen Potentials, wahrte sie der Phantasie des Mannes — aufduftend als Asien in seinen Armen — die Weite eines ganzen Kontinents zum Reiz, an dessen Ende nicht mehr stand — noch nicht mehr stand — als auf Kristallen eine blanke Nadel am Faden einer feinen Spur.

Son Altesse Imperial le grand duc Wladimir Michailovics et suite

La Princesse Helena Petrowna Karachan et suite

las er in der Liste des Astoria als neue Gäste. So sollte er Helena Karachan begegnen, seiner Mutter Gespiel, jener einzigen Europäerin, von der sie je gesprochen. Tochter aus der morganatischen Ehe eines Großfürsten mit einer kaukasischen Prinzessin, hatte ein wilder und prachtvoller Ernst einen Teil ihres Wesens zur Medizin hingerissen, sie schon damals — ganz jung — zu einer der ersten Ärztinnen gemacht. Eine Hobby, die man der großen Dame gerne nachsah, schränkte sie doch hochdero Zeit für noch Bestürzenderes ein, denn gefaßt war man auf alles.

Früh verwaist, galt sie von je als Lieblingsnichte eben jenes Großfürsten Wladimir Michailovics, ihres Vaters einzigen Bruders. Vordergrundsdaten. Eigentliches wußte er um sie aus einer Klangfarbe in seiner Mutter Stimme: dem glücklichen, tiefübergoldeten Gong, der nur Ebenbürtiges einzuschwingen pflegte — so lebendig seinem Ohr, daß auf diesen fast körperlichen Wellen die entblätterten, toten Züge zurückkamen, sich aufrichten durften — faserfein — als ganzes Antlitz wieder um diesen Kern von Klang, als Glockengesicht — das silberzüngige Orgelgesicht, wie er es im stillen für sich nannte.

Nun war Helena Karachan da, ein Wesen aus Diana Elchos ihm unbekannter, früher Welt, und er sollte sie sehen. Eine kaukasische Prinzessin: geschmeidedurchrieselte Flechten langniederfallend auf milchweiße Fesseln, azurne Schleier und klare Knaben, die Türkise ihrem Weg streuen.

Zum dinner kam er ausnahmsweise in den Grillroom, schmeichelte für diesmal sogar Gargis Widerstand, solchen gemeinsamen Anfängen der Verdauungstätigkeit auch nur als Zuschauerin beizuwohnen, hinweg, ließ sich ein Tischchen anweisen, an dem die Fürstin vorüber mußte, das auch den Blick durch Glastüren in einen ihr reservierten kleinen Saal frei ließ.

Nein, der Großfürst sei noch nicht eingetroffen, berichtete der maître d’hôtel, vorerst die Prinzessin et suite.

Nun kam, zwischen aufgerissenen Flügeltüren, sie selbst.

Der schwabbelige schwarze Kaftan, durch den sich wilde Formen wälzten, war glitschig von Bratensauce und Eigelb; darüber hing, bis zu den Knien, eine Märchenkette nußgroßer Perlen von kaum abzuschätzendem Wert. Die Füße staken in karierten Schlapfen.

Sie schob sich in merkwürdigen Kreissegmenten sehr schnell vorwärts, offenbar hatte man die ungeheuren Schenkel bandagiert, um ein Wundreiben zu verhindern. Von den Armen hingen ihr zwei Reticuls — schwer wie Rucksäcke — der eine mit Konfekt, der andere mit Tabak gefüllt. Die großen längsgerunzelten Ohren waren mit Antiphonen abgedichtet gegen jeden Lärm, vor den Augen trug sie eine Autobrille mit gelben Scheuklappen.

In ehrerbietigem Abstand folgte ein flohbraunes Lemurenmännchen, das diese äußerlich erzwungene Distanz durch eine keineswegs fundierte Familiarität den übrigen Anwesenden gegenüber ins betulich Zirkusmäßige zu zerwitzeln offenkundig bestrebt war. Ein zweites Männchen, ebenfalls von polnisch-semitischem Typ, begleitete seine Herrin nur bis zu ihrem Separée und erhielt seinen Platz unter den übrigen Hotelgästen angewiesen.

Doch auch an den Flohbraunen richtete die Fürstin während der Mahlzeit kaum das Wort — füllte die Pausen der Gänge, indem sie aus dem Rucksack zur Rechten Bonbons verschlang, dem Rucksack zur Linken unaufhörlich Tabak entnahm und zu Zigaretten drehte, die kaum angerauchten aber spie sie sofort wieder weg.

Aß dann wie ein Oger. Mit tadellosen Bewegungen der langen, edel gebliebenen Hände. Das Embonpoint der Fürstin schien nicht an ihrem Kaftan enden zu wollen, war irgendwie ein respektloses — ein anarchisches Fett, evaporierte vielleicht heimlich, um sich, ganz weit weg, plötzlich auf einer firnen angelsächsischen Hemdbrust mit einem Klatsch niederzuschlagen; ganz gut zuzutrauen war ihm so etwas. Lag dergleichen in der Luft? — Bis zum vierten Tisch in der Runde, und trotz Glastüren, begann der maître d’hôtel immer wieder nervös über Gabel und Messer zu fahren, als kröchen dort Ölflecke aus.

Nach dem dinner, unausgesetzt kauend und rauchend, ging sie ins Spielzimmer. Der kleine polnische Jude wartete bereits vor einem Schachbrett. Unterdessen war im großen Musiksaal ein Wohltätigkeitskonzert ausgebrochen — die Neujahresrechnungen der Couturiers drohten. Irgend jemand plärrte bereits Patschuligebete von Gounod.

Eine Lady Patroneß näherte sich mit dem irrsinnigen Pferdegrinsen europäischer Gesittung dem Schachtisch: „Wollen Sie nicht zu unserem Konzert kommen, Fürstin?“

„Ja, es ist entsetzlich, wieviel Dreck einem unaufhörlich in die Ohren getutet wird.“

Und ohne auch nur aufzusehen, schob die Karachan mit hörbarem Knall ihr Antiphon wieder in das Runzelohr:

„Manasse, Sie sind am Zug.“

Es waren ihre einzigen Worte an diesem Abend.

Wie man einem bockenden Nilpferd achselzuckend ausweicht: „It’s the nature of the beast,“ so entfernte sich die Lady Patroneß.

An einem der nächsten Tage kam Manasse und forderte Horus zu einer Partie Schach auf, wie er durchblicken ließ, auf Geheiß der Fürstin. Im übrigen ignorierte sie ihn genau wie den Rest der Gesellschaft. Nur zu markanten Persönlichkeiten — Menschen mit etwas wie Köpfen: dem vercherubten Aasgeier Elihu Lincoln Rosenbusch, auch Archie Payne, kam regelmäßig Manasse, um sie dem Schach zu gewinnen, denn er war ein faszinierender und außerordentlicher Lehrer.

Horus, der all seine Zeit auf Skiern verbrachte, hatte nach einigen Partien weiteres Spiel abgelehnt. Da ließ sie ihn sich vorstellen.

„Ich habe die Freßsucht,“ und auf den kleinen Lemur deutend, „das ist mein Darmlakai — oder heißt es Internist, kurz einer, der eine Lebensrente dem einmaligen ‚großen Schnitt‘ am Patienten vorzieht.“

Der also Eingeführte rutschte nervös hin und her — warf überquer allerhand Angelhaken nach Einverständnis.

„So hat Manasse versagt, Sie einzufangen,“ fuhr die Fürstin fort, „schade, Sie sehen begabt aus. Wissen Sie denn noch nicht, daß bei dieser heillosen Rasse eben alles zum Unheil ausschlagen muß — auch die Intelligenz — vielmehr gerade diese. Da sperrt man sie noch am sichersten ins Schach. Dort ist sie wenigstens unschädlich; eingekapselt wie eine Trichine.“

Und Horus sah zum erstenmal, daß dies Gesicht als schmaler Docht in seinem eigenen Talg stand, daß da vielleicht eine hohe Seele sich hinter einem Sack voll Eingeweide verschanze, hinter Autobrillen und Antiphonen, Tabak, Zynismus und Fraß.

Ihm schien, als wäre er hier zum erstenmal in Europa auf einen Menschen gestoßen, zum mindesten auf menschliche Überreste. Doch woher solcher Verfall — solcher Ruin? Er fühlte: diese blutigen Fleischstücke, diese Fisch- und Fettgerichte ohne Zahl — eigentlich fraß sie an ihnen immer nur wieder ihren Harm in sich hinein, wurde daran noch gelber, fetter und böser. Manchmal schien sie am Ziel: alles in pausenlosem Speisebrei breit animalisch zu ersticken. Litt dann augenscheinlich nicht mehr, verdaute ihr Leid, nur die beispiellose Brutalität des Ausdrucks — die auserwählten Gemeinheiten der Worte bei dieser wahrhaft großen Dame — lagen als erstarrte Schlacken einer einst feurig-flüssigen Qual immer noch im stumpfen Heute herum.

Mit offener Verachtung gegen die ganze Gesellschaft einzelte sie nur Horus heraus und Gargi, die sie Peribanu nannte, sprach aber auch mit diesen beiden manchmal tagelang kein Wort. Nie war Diana Elchos erwähnt worden, als wolle sie an nichts aus der Zeit ihrer jungen Höhe erinnert werden. Doch wußte sie, wessen Sohn er war. Er sah es deutlich am gierig gequälten Blick, der die Bewegungen entlangfuhr, in denen er seiner Mutter glich. Einmal, bei einer weiten, impulsiven Wendung aus den Schultern heraus, hatte die Fürstin, eine von Lorgnons starrende Umwelt völlig ignorierend, jäh seinen Kopf gepackt und ihm zärtlich, zornig in die Augen gesprochen:

„Nicht, Baby, nicht.“

Was sie, aus deren Herz das große Auge in den Raum wuchs, wohl empfunden hätte bei diesem Wiedersehen. Verse kamen ihm von einem, der ihr an Wort und Art wie ein früher kindlicher Bruder glich:

„Die meine Gespielen waren, die sind träge und alt.“

Oft, nach tagelangem Schweigen, wieder ein Strom von Hohn: „Ich stehe nämlich unter Kuratel: Freßsucht — verminderte Zurechnungsfähigkeit. Das bedeutet: zwei rechtskräftig bestellte Konsortien von Dieben, eins in Petersburg, eins in Tiflis, mit den dazugehörigen Paragraphenfallotten, versuchen, jedes gleich heftig, mein Geld auf die Seite ... auf seine Seite zu bringen, so daß es gerade über mir schweben bleibt. Krepieren darf ich nicht, sonst fällt das Vermögen aus ihren vormundschaftlichen Klauen heraus, darum ist der Darmlakai offiziell bestellt, die Diät zu überwachen — verkauft mir das Pfund Konfekt zu hundert Rubel und läßt sich mit der gleichen Summe bestechen für jeden Extragang.“

Doch auch der Flohbraune, er hieß Sobelsohn, suchte Vertrauen:

„Was soll ich Ihnen sagen! Unausbleibliche Folgeerscheinungen eines vor fünfzehn Jahren vorgenommenen operativen Eingriffs,“ erläuterte er sachlich anerkennend. „Totalexstirpation. Nu, Sie begreifen — keine Libido mehr, keine innere Sekretion — der Gesamtausfall an Leben bei einer so temperamentvollen“ — er grinste — „so hochgespannten Persönlichkeit, bei andern Frauen merkt mans oft kaum ... Unsere Wissenschaft jedoch,“ ein gockelhafter Rausch ließ seine Stimme sich überkollern, „schreitet selbstredend so glänzend — nu, so phänomenal glänzend vorwärts, daß heute kein Fachmann mehr daran denken würde, im Fall der Fürstin — es handelte sich um eine relativ geringfügige Sache — gerade diesen Eingriff auch nur vorzuschlagen! Von Stufe zu Stufe eilend, in rastlosem Forscherdrang, auf jeder gleich lichtvoll, gleich bewundernswert ...“

Er schrak ein wenig zusammen, unter dem Taumel der Fachbalz war die Fürstin unbemerkt herzugetreten.

„Pariser Hutmoden? Ach so, die chirurgischen. Unmöglich eine andere als die momentan moderne Operation zu bekommen, lieber Elcho. Wie bei der ‚Modiste‘ mit den Hüten. Wer den Schwachsinn des Augenblicks nicht mitmachen will, wird von der Clique der Interessenten mit dem Bannstrahl belegt.

„Nur daß man den vorjährigen Hut heuer nicht mehr zu tragen braucht, die vorjährige Operation leider stets. So trägt die Weiberherde immer eingeschnitten Marke und Datum des jeweiligen gynäkologischen Pferchs. In jedem Dampfbad können sie an Art und Lagerung der Schnitte die ärztlichen Moden der letzten Generationen studieren.

„Jahresringe der Wissenschaft am Bauch der Frau.

„Wir Alten tragen die machtvollen Spuren der Totalexstirpation, aus Zeitläuften, wo man das fröhlich machte, ohne süßes Ahnen, daß Gesamtverblödung, Schwund der Persönlichkeit erfolgen müssen. Kurz, was jeder Vollsinnige sich eigentlich ohne Experiment hätte sagen können, daß, wenn man einem Sexualwesen, wie der Frau, ihr zweites Ich, ihr großes Ur-Ich ausreißt, dies ihr immerhin schaden dürfte. Darauf waren sie aber dann besonders stolz, feierten es als höchsten wissenschaftlichen Triumph, herausgefunden zu haben, ihre Operation trage Ursach am Zugrundegehen des Patienten.“

Eine Zigarette nach der andern drehend, sprach sie wie im Fieber fort:

„Der vorletzte Wurf weist als Uniform der Verunstaltung den queren Blinddarmschnitt auf, die ganz jungen Frauen aber erkennt man an der Marke: Eierstockzisten. Da wird es wieder so zwanzig Jahre dauern, bis an den feineren Karnickelreaktionen, Versuchen an temperamentvollen Lurchen sich die desaströsen Folgen erweisen und Frauen in der Zeitung lesen können, welche Sinne ihnen damals eigentlich weggesäbelt wurden.

„Die ganze Chirurgie lebt ja von Verstumpfung, Vergröberung, sinnlicher Verarmung einer Menschheit, die gar nicht mehr von selber draufkommt, daß eine Reaktion entfällt, schneidet man ihr Organteile heraus. So haben es die Leute jahrzehntelang nicht gemerkt, wie sie zu Kretins werden, entfernt man ihnen die ganze Schilddrüse, wie sie vergreisen, wo die Generationsdrüsen fehlen. Begreifen Sie, Elcho: einfach nicht gemerkt, welche Edelrasse! Erst an den Ratten hat sich dann der ganze Betrieb als unhaltbar erwiesen; die drüben von der Biologie haben das Geschäft verpatzt, eine Verlegung der Finanzoperationen nötig gemacht.

„Und ihr Internisten,“ sie fauchte gegen Sobelsohn, „ihr seid die Lanzettfischchen dieser Schwerthaie im Ozean der Verstumpfung. Da hat man Eisen, Phosphor, Schwefel, organisierte Minerale, Verbindungen und Aberverbindungen aller chemischen Elemente in einer Feinheit und Variation im Körper, die organische Chemie noch lange nicht darzustellen vermocht.

„In diesen zartesten Chemismus der Welt — fein, daß an ihm subtilste Reaktionsmethoden noch versagen, schüttet ihr nun — damit ja nichts auf dem Kehrichthaufen der Farbfabriken verkomme, deren Aktionäre ihr seid — eure Medikamente relativ tonnenweise hinein, wo die Natur nur in homöopathischen Dosen regulieren kann und soll. Da wird mit Hilfe eurer scheinbar harmlosen Hydrogauner in Bädern und Sommerfrischen dem Publikum erst einmal der Unfug der Unselbständigkeit angezüchtet. Daß einer erst einen Arzt fragen muß, was er essen soll — der es ebensowenig weiß — noch als Erwachsener seinen Leib: den Kern der Sinne so wenig empfinden gelernt hat; so etwas war ja seit Anbeginn der Kreatur noch nicht da — außer vielleicht bei einigen Arten degenerierter Raubameisen, die sich im Bau eigenes Geziefer halten müssen, weil sie ihr Futter nicht mehr allein zu finden imstande sind.

„Hier mörtelt sich der Sonderschwindler, pardon: Spezialist, dem Gefüge ein. Hier kommen die Alchimisten der Medizin zu Wort. Eigene Lehrstühle werden errichtet zur Überleitung eines Gebrestes ins andere — daß nur nichts verloren gehe. Man muß es ihnen lassen: die Transmutation der Krankheiten ist lückenlos gelungen. Fundament aber bleibt stets die natürliche Schlechtrassigkeit; auf dieser wird durch falsche Pubertätshygiene zuvörderst Bleichsucht gezüchtet, aus dieser durch Überfütterung Fettsucht — aus dieser im reifen Alter durch Sarkomdiät: Diabetes. Dann sagen sie: Koma — und kommen sich weise vor.

„Sterben aber darf einer noch lange nicht — oh, das kostet noch Tausende. Adrenalin, Theobromin, noch ein Stich in die arme zähe Haut und noch eine Injektion.

„Schon will der letzte Atemzug in die Erlösung schlüpfen, da spießt ihn wieder eine neue Spritze irgendwo auf.

„Daß die Leute einmal in Frieden sterben durften, wie vergessenes Paradies klingt es ums Ohr. Aber auch in ihrer Krankheit dürfen sie nicht Ruhe finden. Daß der gleiche Mensch sein Leben lang nur ein Leiden habe — es wird nicht gern gesehen. Verpatzt die Statistik. So treibt man eine Krankheit mit einer andern aus, läßt ein Organ durch das andere einschweinzen, und aus jeder Abteilung wird der Patient geheilt entlassen.“

„Nu, was soll man denn tun mit ihm? Man muß doch lernen. An wem soll man lernen? — Die freie Wissenschaft wird doch noch probieren dürfen,“ ereiferte sich Sobelsohn.

„Gewiß — was aber mich, die in eine falsche ‚Frühlingsmode‘ Gekommene, empört, ist diese Bonzen- und Unfehlbarkeitspose für jeden Humbug des Augenblicks. Muckt aber einer aus dem Pferch auf, habt ihr so Abrakadabra-Worte wie: Eiweißzerfall — und schlotternd bricht der entsprungene Laie wieder ins Knie.“

Sie wurde infernalisch suav:

„Im übrigen verschließe auch ich mich den mancherlei Vorteilen des Wechsels nicht: wer sich zum Beispiel eines Kindes entledigen will, braucht nur ein ihm passendes Jahr abzuwarten, dann einen Kinderarzt extremer Moderichtung — irgendeinen rabiaten Eiweißianer oder Blinddarmentzünder beliebiger Observanz — kommen zu lassen und — wirklich zu tun, was er vorschreibt.“

„Wie bringen Durchlaucht dann den immerhin vorhandenen Prozentsatz lebender Kinder mit der Vorschrift, ärztliche Hilfe anzurufen, in Einklang?“

„Durch die rettende Fahrlässigkeit des Dienst- und Pflegepersonals, Sobelsohn. Sie vergessen, ich sagte ausdrücklich: tun — tun müsse man, was er vorschreibt. Ich, die in den Spitälern halb Europas gearbeitet habe, kann Ihnen sagen, daß noch nie eine Anordnung genau so ausgeführt wurde, wie der behandelnde Arzt geglaubt. Darum sind eure Statistiken falsch. Fachbehandlung, gemildert durch Schlamperei.“

„Nu, und die Asepsis, Fürstin — wollen Sie auch nörgeln an unsrer Asepsis?“

„Nein, denn sie ersetzt den Juden den Katholizismus. Man muß das nur gesehen haben, was ihr da treibt, ihr profanen Pfaffen des Leibes — bei einem der hohen Infektionsfeste: etwa Scharlach. Was da für ein hieratisches Zeremoniell entfaltet wird: die weißen Weiberröcke der zelebrierenden Ärzte — das Lysolopfer — der Bakterienexorzismus — die symbolischen Waschungen. Wie Ostern in Rom.“

„Ist Ihnen sonst noch was nicht recht an uns, Durchlaucht?“

„An euch.“ — Die Drehung ihrer Schulter war verächtlicher als je ein Wort. —

„Über Mißbrauch und Verzerrung eines Amtes, euch zu Unrecht verliehen, wer möchte da richten, wiewohl ihr’s etwas reichlich treibt. Doch eine Menschheit richtet sich selbst, die, instinkt-irr und salopp, das oberste Amt der Art: das Amt des Arztes, so wenig achtet, daß sie wahllos über ihr Schicksal hinwimmeln läßt, was Geschäft oder Drang oder Zufall eben erst heraufgespien aus jeder Tiefe, hin zu Jus, oder Schmieröl, oder Medizin oder Knoppernhandel: ungereinigt — unerprobt. Das oberste Amt der Art: das Amt des Arztes:

Aus Sinnenzartheit und Sinnenschärfe, aus Kraft, Anmut und Vitalität den Erzengel der Erde erziehen, pflegen, hüten helfen, das dürfte nur nach Proben, furchtbar und herrlich, in die Hände jener überantwortet werden, die ringsum ausgeblüht in langen, edlen Mühen — weisere, feinere, lichtere Organe sich selbst errungen, als uns Armen vergönnt.“

Helena Karachan hatte die letzten Sätze fast ausschließlich an Horus gerichtet, der, wie benommen von ihrem Schicksal, wie er es nun begriff, erschüttert und schweigend allem weiteren gefolgt war. Nun schien es ihm Zeit, in Leichteres unbemerkt zurückzulenken.

„In China,“ lächelte er, „ist es Sitte, den Arzt nur so lange zu honorieren, als man gesund bleibt.“

„Wie entzückend,“ rief die Fürstin, „wie weise auch. So lernt er etwas von Gesundheit verstehen — bei uns versteht der Arzt im besten Fall etwas von Krankheit.“

Sobelsohn aber hörte schon lange nicht mehr; vergnügt bis zu den Weisheitszähnen, memorierte er das mit dem „Erzengel der Erde“ und den „lichteren Organen“. —

Spaß würde das geben mit den Kollegen bei der nächsten Naturforscherversammlung. Für die „zwanglosen Zusammenkünfte“ war es gut, immer so Geschichtchen auf Lager zu haben, die großen Tiere lachten dann — wurden aufmerksam auf einen.

Was war das für ein Hallo gewesen das letztemal, als der kleine Fekete Attila aus Budapest plötzlich gefragt hatte:

„Wollen Sie meinen Sohn sehen?“

Und aus der rechten Rocktasche ein kleines Einsiedeglas mit einem Embryo in Spiritus hervorgezogen hatte.

Kaum schien das Gelächter abgeflaut:

„Wollen Sie meine Tochter sehen?“

Und nun war aus der linken Rocktasche die gleiche reizende Überraschung gekommen. — „Ein emsiges Bürschel.“

Es hatte schwer geschneit — fast grau. Föhn über den Höhen wühlte böse blaue Trichter in einen löwengelben Dunst: danger of avalanches stand auf breiten Tafeln in den Hallen der Hotels.

Genia Waanebeeker hatte die Scheidung ihrer Eltern flotter betrieben, seit Linda Bordone durch Demütigungen aller Art dem Onkel in Bologna doch noch die fehlenden 50000 zur Mitgift zu entwinden vermocht und nun mit Archangelo Cavadini verlobt war. Genia störte das wenig. Er hatte eine verrottete Art, die Hand zu geben, und eine perfide, sie um eine Reitpeitsche zu ballen.

„Ich kaufe den Gauner,“ entschied sie.

Eine böse Wärme war an ihr herabgehaucht aus der Haut dieses der Amerikanerin neuen Typs: südliches Männchen, das auf Weibern lebt. Ihre eminent praktischen Nerven — wiewohl noch unerfahren — rieten zum Geschäft. Und Genia war fünfundzwanzig Jahre alt. — Die up-town und down-town clerks zu Hause: — das wurde automatisch am week-end aus einem city-block: so einem Kubus dummer Kraft, herausgeschossen, selbst ein kleinerer Kubus aus Homespun, endend in Stiefelkuben aus Leder; gab die Pfote kunstlos wie ein Bernhardiner und nahm die Reitpeitsche zum Reiten.

Heiratete man, blieb eigentlich alles gleich: Kleider, Hüte, der jährliche „trip to Paris“, Haufen von Geld. Genia kam sich sehr ins Ideale gehoben vor, daß ihr das nicht genüge. Nein, zum Geldverdienen waren die Eltern da — nicht nur dad, auch mommo hatte noch Verpflichtungen. Da war ein Jugendfreund in Minnesota. Genügend alt jetzt und vermögend ... auch hatte sich der Gynäkologe ihrer Mutter, auf Genias Erkundigung, durchaus beruhigend hinsichtlich etwa drohender Geschwister geäußert. Selbst wenn mommo so perfid hätte sein wollen. Daß dad nicht mehr heiratete, dafür mußte natürlich gesorgt werden; Archangelo aber würde bei der einzigen Erbin zweier Vermögen sich schon vorläufig mit einer Rente begnügen.

So hatte sie spielend, es war vor vier Tagen, eine Szene zwischen den Eltern in Gang gebracht. Hoffentlich die letzte. Mit blutgesprenkeltem Blick war dad zum Telephon gestürzt — hatte aus dem Dorf Giuseppe Piatti bestellt — sich in Skidreß geworfen, und war fort mit ihm. Erst zur Hütte, dann irgendwo hinauf; sein Gepäck solle man nach Zürich an die Adresse seines Anwalts schicken; direkt führe er nach der Tour hinunter.

Heute war Tango-Tee im Palace. In der Frühe des Nachmittags stoben Gerüchte auf, vor drei Tagen sei in der Suvrettagruppe eine Lawine niedergegangen, Spuren führten in sie, aber nicht mehr heraus. Man depeschierte an den Züricher Anwalt, bis jetzt war keine Antwort eingetroffen, noch konnte man also zum Tango-Tee. Abends lastete dann allerdings die ganze Verantwortung der Situation auf den beiden Frauen. Genia war tief erregt:

„Du kannst doch nicht Crêpe tragen, solange die Leiche nicht gefunden ist — eine Woche kann man verschüttet in einer Lawine leben.“

„Ich will doch nur das Korrekte tun.“ Mrs. Waanebeeker entrüstete sich — „aber man hat ja kein Beispiel. Nie noch war jemand aus unsrer „set“ verschüttet.“

„Dunkel, aber nicht Crêpe,“ entschied Genia.

Bis tief in die Nacht hinein war ein Hin und Wieder auf den Korridoren. Waanebeekers verhandelten mit der Rettungsexpedition. 30 Frs. pro Tag und Mann? — Das war ja horrend. Gut, fünf Mann sollten gehen.

Die Leute lachten. Die Lawine war durch die Talsohle gegangen, die andere Bergseite hinauf — hatte die Verunglückten vielleicht weit mitgerissen — auf zwei Kilometer, wenn nicht auf vier, mußte gegraben werden.

„Also dann sieben Mann. Aber um Himmels willen, es gab doch noch Piattis — der Andrea würde sich doch nicht bezahlen lassen, feilschen, wo es die Rettung seines Bruders galt. Piatti müsse noch gratis mit. Also mit Piatti acht.“

Der nächste, ein kalter und klarer Tag, klang voll Schellen. Archie Payne hatte zwanzig Schlitten bestellt zu einem Champagnerpicknick nach der Unglücksstelle. Man würde auf der Lawine selbst frühstücken.

Es war eben eine jener Eingebungen, die ihn so populär machten. The right man in the right place. Er triumphierte. Die Principessa Dango fuhr in seinem Schlitten, sie, die ihm bisher kaum den Fuß gegeben — geschweige die Hand. Zwei Schneeleoparden hatten sich um ihren Hals verbissen, das Gesicht war ihr mit einer köstlichen, handgeklöppelten Krätze aus Brabant bedeckt. Rankenwerk stieg aus der Nase, und Gruppen kleinerer Tiere aus feinstem Zwirn überliefen die Wangen. Ein Leopardenembryo saß als Toque im Henna. Archie fürchtete sich ein wenig, er hatte sie noch nie so nahe gesehen, der Snob im Herzkästlein aber strahlte ihm licht, denn Strondoli mußte ganz rückwärts zu Madame Bavarowska steigen.

Gloria Rawlinson, wunderschön in weinroter Affenhaut, wie es dann im „Herald“ hieß, fuhr mit her grace of D. und Monseigneur. Auch die Cadogans waren dabei, du Perron, die liebliche Margot, Quadrupedescu, Muriel Hitchcock, die Raeburn-Girls. — Horus war nicht dabei, wußte nichts von dem Picknick, hatte sich in der Nacht der Rettungsexpedition angeschlossen.

Die Damen Waanebeeker — dunkel, doch nicht in Crêpe — erwarteten unterdes auf ihren Zimmern die Ankunft des Anwalts aus Zürich.

„What a beautiful boy,“ sagte die Principessa Dango — als Italienerin von Rang sprach sie meist englisch, hob das neronische Einglas aus Smaragd in die Richtung des pauvren Fadens der Rettungsmannschaft, die, jetzt ganz nah, sich mit ihren Schaufeln in den Lawinenkegel einzuwühlen versuchte; so aussichtslos für diese Wenigen, denn zerrissene Bäume und Geröll mischten sich überdies den Schneemassen.

„What a beautiful boy,“ wiederholte die Princesse macabre.

„O, Elcho — — hallo, Elcho!“ und Archie winkte mit der Serviette —

„Principessa kennen ihn noch nicht? Berüchtigter Sklavenhändler aus dem dunkelsten Osten oder so was. Eigne Jacht — first rate. Gar nicht so jung, wie er sich macht. Steht mit seiner Schwester oder Tochter in Beziehungen, die das Gesetz nicht gerne sieht, gibt sie daher für seine Gattin und indische Prinzessin aus, streicht sie auch olivenfarben an, das verwischt die Ähnlichkeit. Sperrt sie im übrigen meist ein, mit einem chinesischen Drachen als Wache, und gibt ihr nichts zu essen; die arme Puppe hat noch kein geradegewachsenes europäisches dinner zu kosten bekommen.“

„Es ist etwas dran, sie sehen sich irgendwie ähnlich,“ mischte sich her grace of D. wohlig angeekelt ins Gespräch, „wie skandalös — ein Familienzug in den Bewegungen — auch die leichten langen wagrechten Augen, nur daß seine hell und ihre dunkel sind oder scheinen sollen, wissen kann man es ja nicht genau, bei diesen lächerlichen Wimpern.“

„O, die Wimpern,“ jubelte Archie. „Sir Osmond, erzählen Sie doch die Geschichte mit den Wimpern.“

Der schmunzelte: „Keine Geschichte — ein Wort höchstens. Nun, Sie wissen ja, wie Madame Bavarowska ist — scharmante Frau — nur ein bißchen Steinzeitpersonnage. Wir waren alle zusammen in dem gleichen Hotel in Paris. Madame Bavarowska sitzt neben dieser jungen Prinzessin oder Miß Elcho oder Mrs. Elcho, wie Sie lieber wollen. Plötzlich greift sie nach diesen berühmten Wimpern — zupft ein wenig daran, besieht ihre Handschuhe auf Koholspuren, findet keine, fragt ägriert:

„Wie macht man das.“

Da sagt dieser väterliche oder brüderliche Geliebte ganz ernst — ganz sachlich:

„Angeklebte Fliegenbeine aus den Galeries Lafayettes in Bagdad, das laufende Meter zu einer Zecchine six pence.“

„Doch recht brav für so einen Wilden,“ rühmte Archie — jetzt ganz Manager und Impresario.

„Und nichts war ihnen in Paris gut genug,“ erinnerte Winifred Cadogan Lady Eveline — „weißt du noch, bei Callot, bei Cheruit, bei der Chanel. Die Leute schwitzten Blut, wollten aber die große Bestellung auch nicht verlieren — alles mußte neu entworfen werden, kein Modell fand Gnade — und man sollte doch meinen, solch asiatische Provinzler ließen sich alles anhängen.

„Das Resultat war allerdings stunning. Der Manager von Martial & Armand versicherte, käme der Mann wegen Inzest ins Kriminal, er engagierte sie vom Fleck weg als Mannequin — so hätte ihm noch niemand seine ‚Creationen linear entwickelt‘ — was immer das heißen mag.“ — Winifred hielt nichts von Fremdworten.

Die Principessa Dango aber reagierte nicht — hörte nichts von diesem indirekten Angriff, war doch schon in ihrer Gegenwart von andrer Eleganz zu sprechen Sakrileg. Er war jetzt ganz nah — in Greifweite ihrer Augen. Taub für Zurufe und Einladungen, ignorierte er die ganze Picknickpartie völlig, schien mit irgendwelchen Messungen beschäftigt. Sie sah ihn hier zum erstenmal. Im Astoria war es schwer, in ihre Merkwelt zu gelangen; am Abend, weil das kobaltblaue Pulver auf den Lidern eine gewisse Starre der Blickrichtung forderte, nur was unmittelbar im Sehfeld lag, konnte aufgenommen werden — bei Tag, weil der Einfallswinkel des Hutes stets größere Teile der Umwelt ausschloß. Hier, in der Schlichtheit ihrer Schneeleoparden mit Brabanter Points, war es unbehaglich frei und weit, voll neuer Gesichter auf einmal.

Warum begrüßte er niemanden — welche Affektation — gab nur mit dem Fuß einem Champagnerkorb einen formidablen Tritt, der gerade im Wege stand. Eigentlich war er auch gar nicht hergekommen, vielmehr das Picknick ihm allmählich in sein Arbeitsfeld gerutscht. Erst hatte man sich an der Stelle gelagert, wo die Spuren verschwanden, dann aber war jeder der Damen alle paar Minuten gewesen, als vernehme sie irgendwo aus der Tiefe Seufzer oder Gestöhne. Natürlich wanderten hierauf Flaschen und Sandwichschüsseln den unheimlichen Lauten nach — immer weiter auf die schon konsolidierte Lawine hinauf.

Als Horus, wieder bei seinen Leuten, zur Schaufel griff, fühlte er etwas wie eine entschuldigende Haltung hinter sich:

„Kann ich irgendwie von Nutzen sein?“

Er wandte sich und sah in Sir Osmonds Gesicht. Das alte englische Herrengesicht, zwischen weißem Schnurrbart und weißem Haar, füllte sich langsam mit einem hellen Rot.

„Eine reizende Eigenschaft angelsächsischer Epidermis,“ dachte er. „Eine Art prästabilierter Harmonie zwischen ihren Taten und Vasomotoren“ — und er gab ihm eine Hacke zu beliebigem Gebrauch.

Dann entstand Aufsehen: die Principessa Dango erklärte plötzlich, sie wolle zur Rettungskolonne und schaufeln. Drei Schritte war sie schon gegangen. Strondoli hinter ihr sagte nichts als:

„Impossible. Um zehn Uhr Kostümball im Carlton — jetzt ist es halb zwei, impossible,“ dann geleitete er sie hinunter zum Schlitten.

Doch der Sensationen sollte kein Ende sein. Auf einmal bog um die Talnase ein endloser Zug an Menschen und Vieh: Kolonnen von Pionieren — hundert — zweihundert — fünfhundert Mann, Lastpferde daneben. Sie behaupteten, erst die Vorhut zu sein — Bergbauingenieure aus dem Rheintal seien telegraphisch herauf beordert, noch heute Nacht würden Schneepflüge eintreffen. Mürrisch fraß peinliche Anerkennung um sich. In etwas gestörter Stimmung erfolgte der Aufbruch. Um zu glossieren, daß nichts geschehe, war man doch all die Stunden heraufgefahren; wie kam man jetzt dazu?

In der Hall des Astoria fand Archie Payne ein artfremdes Wesen, einen Regenschirm mit ungeheurem Horngriff zwischen den Beinen. Es wartete scheinbar auf den Omnibus zur Bahn. Archie lud es zu einem „maiden’s blush“ in die Bar, denn er vermutete in ihm den Anwalt aus Zürich.

„Leicht zu liquidieren?“ frug Payne, auch Cavadini war hinzugetreten. „Man spricht von einer Million bar für jede der Damen?“

„Vorläufig keinen Cent,“ und der Fürsprech strich mit dem Horngriff seines Regenschirms den Schnaps im Schnurrbart glatt.

„Nicht — einen — Cent, ehe die Leiche gefunden und einwandfrei agnosziert ist, sonst gilt er für das Gericht lediglich als verschollen, und die Todeserklärung, nebst Freigabe des Vermögens, erfolgt erst nach drei Jahren. Im Frühling aber, bei plötzlicher Schmelze und Hochwasser, können die Reste leicht fortgeschwemmt werden ... es ist riskant.“

Archie, Fäuste in den Hosentaschen, warf sich hintüber und biß in den Plafond vor Lust.

Am Abend hatten Waanebeekers ihre frühere Beliebtheit in vollem Umfang wieder erlangt.

Um sieben, vor der Abreise des Fürsprechs, war es noch etwas peinlich geworden. Die Wittib Piatti kam in jener unerträglichen Haltung europäischer Mittel- und Unterschichten bei Schicksalsschlägen. Nicht aus Mangel an Herz — aus mangelndem Instinkt für natürliche Gesittung fallen sie in jene greinende Kinogeste, die das echte Leid überlügt und zwecklos entwürdigt. — Flucht oder Brutalität — ein drittes ist da schwer.

Es ergab sich, daß die Wittib Piatti vor Schmerz zuvörderst nicht sitzen konnte; sie schleifte ein wildfremdes Kind rastlos im Zimmer herum und schüttelte es drohend gegen die Damen Waanebeeker, ließ hilflose Posen mit erpresserischen abwechseln. Endlich kam es heraus: den Führerlohn für die Tour wollte sie ausbezahlt haben.

„Den Ganzen?“

„Natürlich.“

Nun war Mrs. Waanebeeker oben auf:

Die Katastrophe hätte sich doch beim Aufstieg ereignet, die Spuren zeigten es unwiderleglich ... also höchstens halbe Taxe, aber höchstens. Hier gab ihr der Anwalt voll und ganz recht.

Die Witwe Piatti schäumte durch die Gänge, brach just vor der Bar zusammen und mußte gelabt werden. Sie lag in einer Lache ihr widerfahrenen Unrechts, und es wurde immer größer. Auf dem Heimweg frischte sie auf; Mr. Waanebeeker hatte im Dorf schon die halbe Taxe als Angabe vorausbezahlt — davon aber konnten die im Hotel oben nichts wissen.

In diesen Tagen und Nächten aß Helena Karachan zum Entsetzen. Ja — auch in den Nächten. Verweigerte ihre gewohnten Schlafdroguen. So saß sie bei gelöschten Lampen im Mondlicht, den Kaftan aufgerissen und schlang in Verzweiflung, bis fahles Frühlicht um die grauen Reste der Schüsseln lag. Keine Stunde Ruhe mehr den müden, entstellten Organen, als wolle sie sich von innen heraus zerreißen um jeden Preis.

Es war da nämlich noch eine Person vorhanden, die darauf sah, daß keine Betäubungsmittel, gegen der Fürstin Willen, den Speisen beigemischt würden: Ithnan, ihr georgischer Diener. Auf seiner ganzen Haut empfand er jeden Wunsch der Herrin. Ließe sie ihm den Kopf abschlagen, Hände und Füße dienten ihr noch nach. Manasse und Dr. Sobelsohn achtete er unreinen Tieren gleich. Letzterer verdiente Unsummen in dieser Zeit, ließ aber doch den Plan, sich ein zweites Konto in der Schweiz eröffnen zu lassen, weise und resigniert fallen. Stand eben von früh auf dem Boden der Tatsachen, seinem einzigen Heimatboden, wußte: bald versiegte der Segen. Die Fürstin sollte geheilt werden.

„Geheilt?“ frug Horus ungläubig-froh.

„Von der Freßsucht, ja — dafür steh ich gut.“

„Warum ist es dann nicht längst geschehen?“

Er wurde erregt:

„Wie soll es geschehen sein, wo sie sich wehrt wie me ... närrisch,“ verbesserte er, „und bis jetzt mit Erfolg, — Gewalt? — Nu, ma scheut vor Gewalt. Unter Kuratel? Gewiß Kuratel. Solang aber nicht unmittelbare Lebensgefahr besteht, was hat man davon? Keine gesetzliche Handhabe. Jetzt endlich, bei der fortschreitenden fettigen Degeneration aller Organe, hat er ein Machtwort gesprochen, der Großfürst. Kommt herauf mit einem berühmten Operateur aus Deutschland. Jener wird es machen auf seiner Klinik. Aber erst soll die Kapazität sagen — sie wird schon sagen,“ fügte er resigniert hinzu.

„Und warum ist denn die Fürstin so verzweifelt dagegen?“

„Nu, Sie kennen doch die Voreingenommenheit der hohen Frau gegen unsre Wissenschaft — rein pathologisch zu werten natürlich; wie soll man noch auf ihre Meinung geben über Medizin, wo sie doch ganz degeneriert ist durch die Totalexstirpation? Hätt’ sie sich wenigstens den Eierstock von einer Ratte einsetzen lassen, könnt man noch reden — aber so! Sehen Sie mich an; reg ich mich auf bei ihren Gehässigkeiten? Konträr! — Objektiv bleib ich als Fachmann. Nu, die Heilung: sind da Details, an denen der Patient selbst sich manchmal ein bissele stößt. Die Fürstin, sie kennt sich aus, man kann ihr da nichts vormachen, wie sonst aus Humanität geschieht. Aber eine glänzende chirurgische Leistung — ich sag ihnen glänzend,“ er wuchs immer höher, ein ferner Schein fiel auch auf ihn, den schlichten Internisten.

„Sie sind Laie, also Ihnen populär gesagt: der Magen wird künstlich verengert und gewisse Nervengruppen in der Weise gereizt, daß künftig keinerlei Speise — zu deren Aufnahme der pathologische Hang drängt — mehr behalten wird, sondern unter dauerndem Ekelempfinden erbrochen; das ist das Entscheidende,“ fügte er triumphierend hinzu. „Der Patient ist somit dauernd geheilt und wird von nun an künstlich ernährt.“

„Falls er es nicht vorzieht, sich zu erschießen.“

„Gegen das Erschießen haben wir allerdings noch keine Operation — aber es handelte sich doch um Freßsucht — von der ist er geheilt.“

Verdruß mit den Laien. Gar nicht einlassen sollte man sich mit ihnen — außerhalb der Ordination.

Nun sollte zur Stunde des dinner, gleichzeitig mit dem Großfürsten, die Kapazität eintreffen — Untersuchung und Gutachten blieben für den nächsten Vormittag anberaumt. Die Fürstin war zum besten. In einer heitren Wut an Grenzen ins Hell-Bacchantische. Sprach auch wieder, zum erstenmal seit Tagen. Der schwarze Kaftan wurde vor aller Augen auf dem Balkon mit Benzin gereinigt, die karierten Schlapfen geklopft; Ithnan mußte sogar den Coiffeur des Hotels holen, mit dem sie lange verhandelte. Er verließ ihr Appartement, eine Perle an der Krawatte. In Kugelwellen ging Begeisterung vor dieser sonst so glättenden Personnage her: „In der Tat, eine wahrhaft vornehme, eine durchaus seigneurale Gönnerin;“ da wisse man, wem man diene und wofür. Er schien wie in Brillantine getaucht und ward nachmittags beim Rennen gesehen.

Lange vor Abend erschien — ganz gegen ihre Gewohnheit — Helena Karachan in der Hall. Querhin, bis ans andre Ende, stieß ihre Stimme lanzettscharf:

„Elcho, bringen Sie schnell Peribanu fort — der Gynäkologe kommt und findet sich hier ein, ‚interessierter Laie‘, der gern ihren Uterus genauer von innen besehen möchte — legt er sie direkt auf die Bar. Allerdings, jetzt vor dem dinner, mit leerem Magen, vielleicht geht es nicht einmal letal aus.“

Sie hatte französisch, somit allgemein verständlich, gesprochen; wie eine zweite Schicht im Saal stand die Luft plan in allen Lungen hoch.

Zum erstenmal verlor Sobelsohn an betulichem Gleichmut, versuchte fast, sie aus der Hall zu drängen. Beim ersten Schritt schon hatte ihn Ithnan am Genick, trug ihn mit spitzen Fingern hinaus bis in eine ferne Besenkammer mit hoher Lichtluke, sperrte von innen ab und schwang sich oben hinaus — den Schlüssel zwischen den Zähnen. Sobelsohn hörte ihn wie eine Echse von Gesims zu Gesims rascheln, dann, es war aus Stockhöhe, einen dumpfen Sprung in den Schnee. Drei Minuten später stand Ithnan mit gekreuzten Armen hinter seiner Herrin wie zuvor.

Sie saß nun neben Horus, Gargi hatte sich entfernt, während die übrigen Damen fluchtbereit, doch hingegebenen Ohres die beiden umflatterten.

„Was, Sie kennen unsren Simon nicht, unsern Geheimrat und seinen letzten Triumph? Durch alle illustrierten Zeitungen ging doch der Gelehrtenkopf mit dem Denkerbart. Daß die Wissenschaft souverän sein und bleiben müsse — — er hat es glorreich bewiesen. War da eine mechante Chose: durch die Stadt, deren Frauenklinik er leitet, reiste jüngst ein Prinz. Der wußte — es regnete grade — mit seinem Vormittag nichts Rechtes anzufangen. Kino — nischt, Museum — Quatsch. Aber dem Lysolonkel könnte telephoniert werden, man möchte gern wieder mal ’nen Damenbauch von innen sehen. Ça fait toujours plaisi-i-i-r. Leider war keiner parat. Der Gelehrte, geschmeichelt durch das wissenschaftliche Interesse des hohen Herrn, pumpt behende einer Frau den Magen aus und läßt sie, trotz ihres Sträubens, narkotisieren, in Erwartung irgendeines Botokudenkreuzes für Kunst und Wissenschaft oder sonst eines mittleren Hundssterns. Die Frau stirbt natürlich in der Narkose infolge des flüchtig und ungenügend ausgepumpten Magens. Man hat vor Laparotomien, wie sattsam bekannt, vierundzwanzig Stunden zu fasten.“

Horus war, sehr blaß, aufgefahren. „Sparen Sie mit ihren Emotionen, Elcho, jetzt kommen doch erst die Pointen, die Hintergründe, die weiteren Perspektiven.

„Weltfremde Angehörige der toten Frau verklagen die Kapazität, verklagen einen europäischen Arzt, dem doch das Doktorat schon Freibrief ist für — wie heißt es doch drüben beim Jus, wenn’s einer nicht gelernt hat? — Richtig: für vorsätzliche schwere Körperverletzung mit Todeserfolg.

„Also, das war aussichtslos von vornherein. Es sterben ja auch sonst Leute in der Narkose — sozusagen selbständig — und unmittelbare, eindeutig nachweisbare Ursache des letalen Ausgangs ist ja immer ‚nur‘ — Herzschwäche.

„Aber da war ein andrer Punkt, in dem Richter und Geschworene, verschüchtert in ihren wirren Hundeseelen, um Belehrung, Unterweisung durch ‚Sachverständige‘ winselten. Und jetzt steht der ganze Schleim der Clique auf aus den Kanälen: aus Akademien — Universitäten — Kliniken und deckt die kriechende, verbrecherische Krapüle. Inkorrekt? — Nicht daß sie wüßten, vom Standpunkt der Wissenschaft sei durchaus nichts dagegen einzuwenden, daß ‚interessierten Laien‘ die Anwesenheit bei einer Operation gestattet werde.

„Begreifen Sie, Elcho. Wenn also ein beliebiger Schweinkerl die Geschlechtsorgane einer bestimmten Dame, ohne ihr Wissen von innen und praktisch mit Spiegeln erleuchtet sehen will, genügt es bei diesem wunderschönen Brauch, sich als ‚interessierter Laie‘ zu gebärden.

„Statt nun die Kollegen des saubern Herrn, wenn sie als Zeugen solches für ärztliche Usance erklären, schleunigst zu einem Bankwechsel aufzufordern — hopp, hinüber zum Angeklagten — bricht die instinktfremde Herde von Richter und Geschworenen auf den zuständigen Körperteil zusammen: die Herren möchten doch nur entschuldigen, man wisse in Fachdingen eben nicht so Bescheid — kenne die Bräuche nicht genügend ... aber nach so lichtvollen Ausführungen ... kurz: Freispruch mit Speichelfluß. Die weltfremden Angehörigen aber fliegen wegen Verleumdung ins Loch. Im Triumph kehrt der Edeling als Leiter in seine Frauenklinik heim, wo hundert ihm geweihte Ehrenbäuche lorbeerumwunden seiner harren.“

„Fürstin, verhält sich das so — auch nur annähernd so?“

„Die Verhandlungsberichte — im Stenogramm — stehen Ihnen jederzeit zur Verfügung, falls Sie den Zeitungsnotizen nicht trauen. —

„Das Frechste ist aber doch dieser Sachverständigenunfug mit Ausbeutung der Stumpfheitskonjunktur durch die Medizinmänner. War es je noch erhört, hatte ein Bock etwas ausgefressen, daß dann seine ‚Mitböcke‘ als Sachverständige einzusetzen seien über den im Garten angerichteten Schaden? Nein, über den werden wohl die Geschädigten gefälligst selbst bestimmen. Nur die allergrößten Kälber liefern sich dem Metzger selber.“

„Aber die Männer. — Sind denn europäische Männer so weit unter jedes Vieh gefallen, daß der adelige Schauder, sich schützend vor die Quelle des Lebens — für die Quelle des Lebens — zu stellen, ihre Herzen nicht mehr treibt? — Wie geborgen in der Männlichkeit, wie behütet ist die Frau bei uns. Wohl kommen erotisch sadistische Verbrechen vor — auch Gewinnsüchtige, wie überall; erwischt man aber das Schwein, so wird es in der Luft zerrissen. Den östlichen Menschen möchte ich sehen, der sich das, was Sie mir hier erzählt haben, diesen schlechtrassigen Zynismus von einer Fakultät als ‚korrekt‘, als ‚wissenschaftliche Usance‘ aufschwatzen ließe.“

Seit Marseille, seit ihm zum erstenmal das europäische Kotwesen durch das Auge an die Seele gespritzt war, hatte er nicht dies deprimierende Grauen mehr empfunden.

Die Fürstin grinste infernalisch: „Ja, das europäische Männchen. Für das sind solche Dinge schlichthin begähnenswerte Banalität. Gott, denkt es in seiner erotisch-ethischen Verstumpfung, ist’s eben wieder einmal beim Aufschlitzen schief gegangen, und trägts ansonsten mit der gleichen Standhaftigkeit, die es bei verzweifelten Entbindungen an den Tag zu legen pflegt — alles gesteigerte Feingefühl für den eigenen Schnupfen wahrend. Betrachtet sich eben hier ausschließlich als ‚interessierter Laie‘. In dieser Eigenschaft stellt es sich allerdings nicht ungern — wie sagten Sie doch — ‚vor die Quelle des Lebens‘. Aber einen ‚adeligen Schauder‘ dabei ...?“ sie lachte, daß ihr die Zähne zitterten.

Orgiasmus an Verachtung trieb ihr Worte aus, von abstoßender und doch wieder hinreißender Brutalität. Sie erinnerte ihn da irgendwie an Ganapati Sastriar und die Weltesche seiner machtvoll-breiten Unzüchtigkeit, wenn so der Geist: sein ‚guter Dschinn‘, über ihn kam — nur daß dieser ein Geist der Lust war, nicht der Empörung.

„Da gibt es nur Selbsthilfe der Frauen,“ die Fürstin jauchzte förmlich vor Hohn. „Die Gynäkologen boykottieren, bis jede Gepflogenheit, gegen die ‚nur‘ wissenschaftlich nichts einzuwenden wäre, fällt.

„Aus ist’s dann mit den Konsilien von drei Professoren und einem Stückchen Traubenzucker für die Analyse. Nota: 10000 Frs. — Mark — Kr. Im Abonnement 10% Rabatt. Nichts da. Schluß. Wir kehren zu den treuherzigeren Praktiken weiserer Völker zurück. Uns alle können sie ja dann doch nicht ins Zuchthaus sperren wegen lauteren Wettbewerbs.

„Denn darauf sah man in Sachverständigenkreisen von je und streng: der ‚unerlaubte Eingriff‘, der hatte auch unerlaubt zu bleiben. Sonst kamen ja Höchstpreise, behördlich kontrollierte Tarife, fatale Beschränkungen finanzieller Art. Da aber die Unterwerfung unter einen solch barbarischen Paragraphen alljährlich für viele Hunderttausende von Frauen den sozialen — ökonomischen — oder das Bitterste: erotischen Ruin bedeuten mußte, war es Juristen im idealen Zusammenfluß mit Medizinern stets ein Leichtes, ihn, als ‚dem sittlichen Empfinden des gesamten Volkes entsprechend‘, dauernd aufrecht zu erhalten — und freier Wucher treibt Früchte wie noch nie — ab.“

Mit Möwenschrei und gebreiteten „Sorties“ wandten sich die Frauen jetzt im Gleitflug zur Flucht; die jungen Mädchen aber waren schon längst nicht mehr zu halten gewesen, umdrängten Horus und die Fürstin, hätten sich, allem zum Trotz, am liebsten großäugig zu ihren Füßen gelagert — weit weg von der erquälten Naivität dieses zerdehnten Jahrzehnts.

Auf immer weg von einer Naivität, mit der sie hatten herumtasten müssen an dem abweisenden Gehaben der „Epouseure“ — immer wieder hingetrieben von säuerlichem Staunen — gesteigerter Mißbilligung ihrer Lieben im abgestandenen Heim. — Nur weg — gleichviel zu wem; nur es endlich anders haben, anders machen dürfen, als in dieser verwesenden, übergaren Mädchenstube neben dem krassen Elterngemach, an dem sie niedriger, unzarter sich werden fühlten von Jahr zu Jahr in abscheulichem Wissen. Hangend an Geräuschen. Ernüchtert ohne Rausch. Der Illusionen bar und bar der Klarheit.

Horus begriff. In diesen hemmungslosen Sekunden taten sich ihre Gesichter für ihn auf. Nicht geschlossene, strahlende Jungfräulichkeit, von Wildernis geheiligt, stand ihnen als freies Blau im Blick, vielmehr eine süßelose — hartabgedrängte strich in grünschwarzer Furche am Auge vorbei — bettete es in gar üble Kissen der Einsamkeit.

Ihm ward leid um sie — herzzersprengend leid, er fühlte: Welche fahrlässige Roheit einer Gesellschaft, ihren Jungfrauen demütigendes Herabsteigen in die sexuelle Arena aufzubürden, in deren nüchternem und weihelosen Dunst sie aus jedem Mann den möglichen Gatten sich erwittern müssen, in uneingestandenem, wie oft vergeblichem Versuch. Diese Schamlosigkeit — dies Crude bleibt jungen Wesen im Osten erspart.

Ja, das ist wohl der Sinn unseres obersten Gesetzes aller Vaterpflicht: zu sorgen, daß die Geschlechtsreife keines seiner Kinder unvermählt: hilflos finde und bedränge. Nichts darf gezeugt werden, dem nicht seinerseits das elementarste Recht der Kreatur: ebenbürtige Liebe, verbürgt ist, und zu rechter Zeit.

Und Glück! Soweit Glück überhaupt vorherzusehen in diesem rätselvollsten Chemismus, den erst das Letzte offenbart, hat es bei uns nicht, aller menschlichen Voraussicht nach, mehr Chance durchzubrechen: in zwei unlädierten jungen Wesen — parallel geboren — von hoch erotischer Kultur, ist nur die sinnliche Feinheit des Knabe-Liebhabers reich genug, erblich gepflegt genug, der kleinen Braut gerade das zu wecken, was sie sucht: ein junger Prinz im ganzen Reich der Liebe, befähigt, ihr die innere Heimat zu richten, wo sie will, denn alles ist ja sein.

Nur bei Rassen von ungepflegter Sinnlichkeit scheint für die Frau die Wahl so wichtig — der Irrtum eine Katastrophe.

„Freie Wahl.“ Seit Cavadini Genia durch das Lasso ihrer Rente geschlüpft, war diese Faselphrase öfter im Kreis um Miß Waanebeeker aufgetaucht, und die jungen Damen taten dabei fern und wunschlos unbekümmert.

Er überlegte. Wohl waren ihm noch wenig Orte bekannt, galt aber nicht dieser als Zentrum internationaler Geselligkeit? Und doch: die gleiche kleine „set“ wie früher in Paris, und sie schien sich von London, von Baden-Baden, von Kairo aus zu kennen; schwamm als winzige Blase von Klima zu Klima mit geschlossenem Oberflächenhäutchen. In der schmalen Spanne ihrer hohen Zeit — kaum zwanzig bis dreißig Männer kamen für diese Mädchen in Betracht. Von diesen zwanzig oder dreißig wollte die eine Hälfte offenbar überhaupt keine Ehen, die andere Hälfte schied aus pekuniären oder anderen — ihm noch viel rätselhafteren — Gründen aus.

Und das war die „große Welt“. Wie mochte es um individuelle Wahl erst in kleineren Orten — kleineren Verhältnissen bestellt sein.

Wenn Gargi solch lange Erniedrigung hätte leiden müssen, ehe sie seine Arme fand — wie eine Blasphemie wies er das schmutzige Bild ab. — Und gedachte des lieben Alters — ihm verschmolzen: des besonnten und bestirnten Märchens ihrer und seiner dreizehn Jahre, des nie zu Vergessenden.

Keine Kinderehe! — Ihm schauderte vor der Armut dieser Leute. Vor der Verarmung an Leben, an Glück, insonderheit an Frauenglück. Bedauernswerte Frauen, denen auch noch das Wunder jener wenigen Monde sinnlos verwelken muß, da es jedem Wesen, in bescheidenem Maße wenigstens, vergönnt ist — reizend zu sein. Wie viel ging hier unwiederbringlich — ungenossen — in Leere, zugrund: das Zarteste, Holdeste.

Oder verwechselten diese weißen Barbaren Eheschluß mit Ehevollzug. — Zuzutrauen war es ihnen schon. Kannten vielleicht überhaupt die Abstürze zwischen Sinnlichkeit, Erotik, Sexualität, Zeugung und die schwebenden Nervenbrücken über sie hin nur wenig oder roh. Anders konnte er sich die eisige Verlegenheit schon beim ersten Wort, das jene Sitte seiner Heimat streifte, nicht erklären. Und gar Sobelsohn. — In ein ganz leises Erinnern, mit Gargi halblaut getauscht, spie jüngst unaufgefordert sein infernalisches Grinsen. Gefragt, was er damit meine, ward er streng, und seine Stimme brodelte plötzlich im Schmalz der Würde:

„Die Wissenschaft brandmarkt das alles als der Rasse schädlich.“

Woher die Wissenschaft die Erfahrung habe, wenn es hier nie Sitte gewesen?

Das gebe einem der gesunde Sinn. —

Was sich der ‚gesunde Sinn‘ denn eigentlich vorstelle unter ‚dem allem‘?

Nun kam etwas heraus wie das Liebesleben eines geilen Pavians, nur mit weniger Sachkenntnis — zu widerlich für Worte. Massig entrüstetes Behagen, als ob da Gewicht reifer Mannheit auf ein Kind losgelassen würde, statt daß gleiches Reis: Weidengerte — Weidenrute, sich im Frühlingswind verzweigen.

Und so etwas maßte Urteil — maßte Richteramt sich an.

Nie mehr vor einem Europäer von feinen Dingen sagen.

Die Fürstin hatte damals einfach die Achseln gezuckt:

„Die Sobelsöhne haltens nicht für zuträglich. Sie leuchten der Rasse ja mit ihren Leibern voran. In deine Hände, o Herr ...“

Dann wollte er alles wieder auf die schlechte Kaste dieses promovierten Schimpansen geschoben wissen. Auch die Rhodias, die outcasts auf Ceylon, waren ja von den inneren Vorgängen der höheren Schichten getrennt.

Aber da gab es noch anderes. Woher die furchtbare Abhängigkeit der weißen Frauen: der Herrinnen der Erde, von Gynäkologen, also Männern, in ihrer eigensten Frage, ja der Frauenfrage überhaupt, selbst von Suahelinegerinnen längst gelöst?

Er gedachte Agai’s: der „Gewalt der Brandung“, und ihrer Stellung im Hause Elcho.

Es gab doch auch in Europa Erzieherinnen. Da war gleich dieses Frauenzimmer bei Beermanns. Wozu hielt man das? Doch nicht etwa nur zur „Schule der Geläufigkeit?“ Zu diesen scheußlichen Klavierübungen mit der Jüngsten, wie sie diesem Kinde und allem Lebenden in der Runde jede Lust am Klang zerhackten auf lange hinaus? Da, mit Ausnahme des Fräulein Erika Unbehagen, fast alle Erzieherinnen Französinnen waren, hatte er eben gemeint, diesen sei in Europa die Funktion der Suaheli anvertraut.

Und dann die Männer? Junge vermieden offenbar überhaupt, Ehen einzugehen. Aber die bereits Verheirateten. Warum nahmen die nicht das eine oder andere dieser armen Mädchen noch in ihren Harem? Mehrere Frauen hatten sie ja so schon, für elementare Beziehungen zwischen den Geschlechtern war ihm der Sinn untrüglich. Mochten die Frauen eines Mannes noch so kühl zueinander tun oder, wie die zweite Mrs. Beermann, gar in einem anderen Hotel wohnen.

Doch frug er nie. Hatte die Scheu des orientalisch erzogenen Mannes vor allem privaten Leben, vor allen Dingen der Innerlichkeit. Was sich ihm nicht — wie heute — optisch unwillkürlich bot, ließ er unbefragt an sich vorbeistreichen, sah auch wohl mit Absicht weg.

Eine Stille weckte ihn aus sich. Er fühlte seine übergeschlagenen Beine und eine Wange in der Hand. Die jungen Damen waren fort, und Helena Petrowna verschwand eben am Arm eines greisen Riesen aus der Hall. Hinter ihnen ging ein zweiter Herr in gut sitzendem Abendanzug und vielen Orden. Jetzt wandte er sich um. Der Riese war offenbar der Großfürst. Vom andern sah man nicht eben viel — auch jetzt en face. Scharfe Brillen über den Augen und von diesen niederrieselnd in dunkelblonden Wellchen ein überaus wohlgepflegter Denkerbart. Die Stirn schien einmal schlecht zusammengefaltet worden zu sein. Die Büge wie in der Mitte zerbrochen, und die zweite Hälfte setzte dann immer um ein Stückchen höher ein. Arme Fürstin.

Die Fürstin aber schien an diesem Abend gar nicht arm. Nein, ganz große Dame, Kaftan und karierten Schlapfen zum Trotz.

Man speiste ausnahmsweise zu dritt im Grillroom auf Helena Karachans Anordnung. Keine Glaswände dichteten die Herrschaften ab, und ihre Worte gingen, ohne von submissesten Grenzen gleich wieder in sie selbst reflektiert zu werden, rundum weg von ihnen, wie bei andern Leuten.

Zum ägrierten Staunen Eingeweihter verlief das dinner annähernd klaglos, mit Ausnahme eines passageren Zwischenspiels: man sprach von Musik. Zu Ehren des Großfürsten — eines Getreuen aus dem alten Bayreuther Kreis — verfiel Simon plötzlich in leicht gesteigerte Diktion:

„Mir und meinen Fachgenossen gilt Parsifal im wesentlichen als Symbol des heroischen Kampfes der Wissenschaft gegen die Lues, ja, wenn ich so sagen darf, handelt es sich bei dem Weihefestspiel ausschließlich um das Mysterium dieser Lustseuche, wie sie Amfortas sich unvorsichtigerweise, an verrufenem Ort, bei Tänzerinnen und Blumenmädchen geholt hat. Letztere gehen ja auch, wie sie selbst zugeben müssen, in kürzester Zeit an ihrem Beruf zugrunde: Im Herbst pflückt uns der Meister.

„Wenn nun auch die eigentlichen Symptome von Wagner — der eben doch nur Laie war — am Patienten nicht einwandfrei geschildert werden, immerhin, daß sich die Wunde absolut nicht schließen will, gibt zu denken. Natürlich,“ er lächelte nachsichtig, „sind laue Bäder da völlig zwecklos. Aber sehen Sie wiederum die treffliche Symbolik des Speeres: die Wunde heilt der Speer nur, der sie schlug — Serumtherapie. Parsifal muß von den Infizierten selbst das Heilmittel bringen, sozusagen musikalisch die Lymphe, wobei man den Speer als primitive Form der Spritze mag gelten lassen. Das Ganze ist natürlich nur als musikalisch-dichterische Vorahnung zu werten, die glorreiche Erfüllung der Vision war hier wie immer den Leuchten der exakten Forschung vorbehalten.“

„Noch eine musikalisch dichterische Vorahnung der glorreichen Erfüllung haben Sie vergessen, Geheimrat Simon,“ der Fürstin Ton war bezaubernd, „daß Amfortas noch während der Heilbehandlung den Geist aufgibt.“

„Durchlaucht belieben ungerecht zu scherzen. Störende Nebenerscheinungen, die der Laie zu überschätzen geneigt ist, sind zuweilen unvermeidlich.“

„Gewiß, gewiß, und da Sie uns so treffend, auch frei von der üblichen verschwommenen Mystik, die Serumbehandlung aus dem Geist der Musik erläutert haben, gestatten Sie mir, Ihnen zum Dank, die modernste Gynäkologie bis in ihre kleinasiatische Heimat an der Hand der Bibel nachzuweisen. Denn schon Evangelium Marci V, 25 steht geschrieben:

„Und da war ein Weib, das hatte den Blutfluß zwölf Jahre gehabt und viel erlitten von vielen Ärzten und hatte all ihr Geld darob verzehret und half sie nichts, sondern vielmehr ward es ärger mit ihr.“

Der Großfürst schmunzelte. Und es schmunzelte noch weit über die Tische hin und wieder zurück zu Simon. Da war es aber schon etwas in Gärung übergegangen. Und es gor:

„Wart, altes Beast. Hab ich dich erst unter dem Messer gehabt, sollst du mir für den Rest deiner Tage so schön jede halbe Stunde in dich hineinvomieren, daß dir keine Zeit bleibt, verdiente Männer mit deinen Niederträchtigkeiten anzuspeien.“

Und von nun an summste er devot ausschließlich um den Großfürsten herum.

Versöhnlich reichte sie ihm nach aufgehobener Tafel die Hand, und als er sich darüber neigte:

„Also darf ich Sie morgen pünktlich um elf Uhr zur Untersuchung erwarten; ich sehe Ihrem Urteil mit so viel Ungeduld als Vertrauen entgegen.“

Dann auf Ithnan hinter sich weisend: „Sie haben keinen Diener bei sich, darf ich Ihnen den meinen für morgen anbieten?“

Simon nahm dankend an. Es war ihm heute genant gewesen, etwas ungepflegt sogleich nach der Reise vor dem Großfürsten zu erscheinen, da dieser viel auf Äußeres gab, ja Leuten, deren Physiognomie ihm nicht paßte, einfach den Rücken zu drehen nicht ungewohnt war. Simon wollte Stirnbinde und Ohrenklappen auf alle Fälle heute Nacht anlegen.

Restlos durchlichtet wurden die Ereignisse dieses nächsten Vormittags nie.

Der Coiffeur beteuerte jedem, der es hören mochte, seine Unschuld.

Ein unseliges Mißverständnis — bedauerliches Versehen, wenn man so wolle. Für zehn Uhr sei er durch Ithnan zum Herrn Geheimrat bestellt gewesen, wie er verstanden habe, um diesen zu rasieren. Natürlich glatt, wie er es eben durch die vorwiegend amerikanische Klientel des Hauses nicht anders gewohnt sei. Die Zeit drängte sehr, und so erbot sich Ithnan — während er, der Coiffeur, unten beschäftigt sein würde — oben das etwas gelichtete Haar des Gelehrten mit Bayrum zu behandeln. Fürsorglich, daß nichts in die Augen rinne, habe Ithnan dem Herrn die obere Gesichtshälfte mit einem Tuch bedeckt. Nur so sei es zu erklären, daß diesem das tief bedauerliche Mißverständnis unten nicht rechtzeitig in seiner ganzen Tragweite augenfällig geworden sei.

An dieser Stelle griff meist der Zimmerkellner ein und pflag der weiteren Erzählung.

Gepoltert habe es drinnen und dann geschrien: „Freiheitsberaubung, Hilfe.“

Ein umgeworfener Stuhl, und auf ihn losgaloppiert sei plötzlich ein wehender Mensch mit einem halben Gesicht, habe aber bei seinem, des Kellners Anblick, sozusagen auf allen Vieren in der Luft kehrt gemacht, sei mit einem Tigersprung zurück ins Zimmer, um vor der zugeschmetterten Tür nur einen Fluch lotrecht stehen zu lassen.

„Alles herunter jetzt,“ war von innen als gebrüllter Befehl vernehmbar geworden. Mehrere Minuten Lautlosigkeit ... dann ein Wutschrei und Klirren, als ob der Toilettenspiegel zu Pulver zerkrache.

Hier, als Relais, legte sich das Fräulein aus dem Frisiersalon in die Sielen der Geschehnisse:

Aus Zimmer 560 hätte der Chef wie rasend angeklingelt — nach den Ersatzteilen gerufen — Transformationen — Bärten. Alles herauf.

Im ersten Schreck sei sie mit einem Gretchenzopf am blauen Band in der Faust angestürzt gekommen; außerdem habe man noch auf Lager gehabt: einen eisgrauen zweiteiligen „Knecht Rupprecht“ vom „Nikolo“ her und ein Reserveexemplar jenes Haarkranzes für den Marqueß of Kar and Kinstone zum letzten Kostümball, auf dem seine Erlaucht als „Krao, das Affenweibchen“ durch das Lied:

„I like a wow-wow very good a chow-chow“

einerseits, andrerseits durch eine fulminante Buntheit allgemein entzückt hatte. Besagter Haarkranz war dazu bestimmt gewesen, sich mit Hilfe dünner Kautschukfäden über der örtlichen Buntheit zu schließen oder, nach Bedarf, als gesträubte Gloriole zu öffnen. Mancher Mühe und Probe hatte es dazu bedurft. Aber der Herr Geheimrat wäre ganz dagegen gewesen.

Indes sei es später und später geworden. Ein ums andre Mal hätte die Fürstin herübergeschickt, besorgt anfragen lassen, warum denn der Herr Geheimrat noch immer nicht zur Untersuchung käme; auch seine kaiserliche Hoheit warte mit Ungeduld des Resultats.

Kern und Wesen des Ganzen aber wußte natürlich wieder Archie Payne zu berichten, der auf dem frischgefällten Aas jedes Tratsches als erster: ein Weißkopfgeier, saß. Knapp vor der Abfahrt des Mittagszuges sei in der Richtung nach dem Bahnhof in einem Schlitten das bartlose Profil des Geheimrats Simon an ihm vorbeigejagt. Mancherlei wußte er über dieses Profil auszusagen, denn er selbst hatte einen recht gutgeschnittenen Kopf.

Wie jedes Erlebnis durch wiederholte Darstellung Neigung zeigt, erst steil zu einem Zenith der Stilisierung anzusteigen, dann aber teils durch Hypertrophie der Bilder, teils durch Verdrängung ins lustlos Unscharfe zu verquellen sich anschickt — so auch dieses. Der relativ reinsten Periode entstammte noch das Bild:

„Halb Hyäna-Schnauze, halb abgetropfte Kerze.“

Dem Großfürsten und der Fürstin meldete das hinterlassene Billett, eine dringende Depesche hätte den Herrn Geheimrat nach Deutschland berufen, es handle sich da um Tod und Leben, darum hätte er nicht zögern dürfen, im Interesse hoher Menschlichkeit, die er als edelstes Vorrecht seines Berufes stets zu betrachten gewohnt sei, den so ehrenvollen Auftrag seiner Kaiserlichen Hoheit vorläufig an zweite Stelle treten zu lassen. Indem er für die ihm erwiesene hohe Auszeichnung alleruntertänigst danke usw. usw.

Helena Karachan erachtete die ganze Episode als gar der Rede nicht wert. Gab sich, nach dem letzten Aufflackern ihrer Wut ins Hell-Bacchantische, nur mehr der Erfüllung ihres Schicksals hin. Mutig, scheußlich und wahr. Höheres Menschentum durfte ihr nicht mehr nahen. Sie wurde bös und stumm. Winkte Horus verzweifelt weg:

„Fort mit Ihnen, Sie machen mich wieder — denken, und Peribanu macht mich wieder — fühlen. Ich will nicht mehr.“

Wenige Tage danach reiste sie mit ihrer ganzen Suite grußlos ab. Noch vor Saisonschluß war es Archie zu melden vergönnt:

„Die alte Karachan ist in Nizza mitten in einem Evans-Gambit endgültig explodiert.“

„Mein Karma behüte mich davor, je in Europa als Schwester neben Schwester reinkarniert zu werden,“ dachte Horus. „Zur Bestie würde es mich machen, und die Arbeit von Jahrmillionen wäre glatt umsonst gewesen.“

Es waren natürlich wieder die Raeburn girls.

In Paris, wo Mrs. Raeburn mit ihren Töchtern zwar das gleiche Hotel bewohnte, doch einen andern Flur, war ihm gleichsam zwischen Tür und Angel lediglich aufgefallen, wie von diesen völlig gleichgekleideten Mädchen immer, je nach Schnitt und Farbe des jeweiligen Kostüms, die eine oder die andre übellaunig vor sich hinzumaulen und Tränen nahe schien. Die jeweils Unglückliche sah, wiewohl sonst nicht häßlich, auch an diesem Tag immer bis zur Karikatur unvorteilhaft aus.

Sie waren von entgegengesetztem Typ. Nicht nur an Größe und Gliederbau, auch an Haut und Incarnat. Hazel: bread and butter girl, frisch, plump, hochfarbig mit braunem Haar, Gwen: müde, käsig, hatte feine Hüften und elegante Beine. Was der einen stand, entstellte naturgemäß die andere, und stimmte es einmal halbwegs im Schnitt, so war es dann in den Farben umso desaströser. Hüte krönten die Katastrophenstimmung. Mrs. Raeburn aber schien, was immer geschah, von eiserner Zufriedenheit. Dies waren seine Pariser Eindrücke gewesen.

Seit hier im „Astoria“ die Raeburn girls ihr gemeinsames Zimmer neben seinem Appartement hatten, wußte er mehr von ihnen, als ihm nach zehnjähriger Ehe gut gewesen. Die zwangsläufige Vielliebchenschaft an Kleidern, Mänteln, Hüten, seit Jahrzehnten auch noch im gleichen Schlafzimmer gipfelnd, hatte eine Hemmungslosigkeit in der Erbitterung gezeitigt, die dem unfreiwilligen Nachbar, bei gesellschaftlicher Fremdheit, genante akustische Intimität aufzwang — jäh und voll Pein. Einen Erfolg ihres sonderbaren Familiensinnes jedoch konnte Mrs. Raeburn niemand abstreiten:

Die Schwestern haßten einander jetzt doch noch mehr als ihre Mutter. Sonst wäre es vielleicht anders gewesen. Aber diese pausenlose Gleichheit Tag und Nacht reizte die eine gegen die andre als unmittelbares Objekt zu sehr, als daß sie sich gefunden hätten gegen die wahre Urheberin.

Man hätte es bei Mrs. Raeburn beinah für Überlegung halten sollen, da es nicht Geiz sein konnte: dieses Doppelzimmer kostete ja durchaus nicht weniger als etwa zwei Kabinette. — Es war aber nur Dummheit.

Heute, am Tag des großen fox-trott match, war, was aus diesem Doppelzimmer drang, phonetisch von einer Qualität, daß er es vorzog, den Rest des Nachmittags — bis seine Nachbarinnen angekleidet sein würden — in der Hall zu verbringen.

Nach einer Weile schreckte ihn aus seinem easy-chair kleines pausenloses Wehen. Mrs. Raeburn jagte durch die Seiten ihres Romans, blätterte fieberhaft nach der Liebesnacht und der Leiche. Er wußte, wie aussichtslos das sei, weil Hazel diese Teile soeben oben laut las, beide Ellenbogen in halbe Zitronen aufgestützt. Als Sportdame litt sie an roten Armen, und wenn auch bestimmt worden war, daß heute die weißen Kleider mit den halblangen Ärmeln getragen werden sollten — zu Hazels Freude — es grellte doch durch das Gewebe hervor.

Nun schlenkerte Gwen mit feinen langen Beinen durch die Hall auf ihre Mutter zu. Bald wußte diese um Verbleib von Liebesnacht und Leiche. Mrs. Raeburn tat so empört, daß es Gwen ein Leichtes war, ihr doch noch die bananenfarbnen Ärmellosen für heute abend abzuschmeicheln.

Wie zur „Feier der Heraufkunft des Geistmenschen“, so gab man sich auch heute vor dem großen fox-trott match gegenseitig endlose Essereien. Elchos waren einer Einladung der Principessa Dango zu Früchten und Nachtisch gefolgt. Hier konnte Gargi beruhigt sein, denn der Gastgeberin selbst — ganz Hyänenprinzessin, mit scharfer Trennung von Tag- und Nachtdiät — durften lediglich rohe Gurkenscheiben auf Rubinglas und Eis serviert werden. Von diesen schnitt sie wieder Segmente rundum ab — aß also eigentlich nur die Differenz zwischen dem Kreis und der Ludolffschen Zahl, auf daß der chinesische Lack der langen Lippen nicht springe, die, querhin wie durch Taubenblut gezogen, den superben Totenkopf wagrecht orientierten.

Da leider keine Antiphone gereicht wurden — o weise Helena Petrowna, dachte Horus —, steigerte sich dieser Auftakt des Festes ins Unerträgliche. Zu Ehren Monseigneurs und her grace of D. hatten Payne und Quadrupedescu — letzterer schwamm seit der Geisterbeschwörung in Geld — eine berühmte Zigeunerkapelle von weither kommen lassen; dazu noch ein paar andre verdächtige Erscheinungen mit rotgetupften Schlipsen, Kastagnetten und Okarinen.

Der Zigeunerprimas stand hinter dem Ehrengast, winselte diesem, infernalisch falsch, eine Art getretner Katzenschwanzweis bis tief ins Ohr. Jede Blatternarbe an ihm grinste einzeln. Monseigneur lehnte aufatmend immer tiefer zurück — ganz in den Geigenbogen hinein — und genoß, wie man es ihn für solche Fälle gelehrt hatte.

„Erstaunlich,“ dachte Horus, „was der Organismus dieses Häufleins äußerlich Gewaschener innerlich an Dreck nicht nur verträgt, sondern direkt zu fordern scheint.“ Da traf den Primas das Auge seiner Bande:

„Du bist nicht mit diesen Idioten allein,“ schien es zu sagen, „wir verbitten uns das.“ Fürchtend, die Kapelle würde meutern, gab er nach.

Im großen Tanzsaal stand der Ball nun in seinem Zenith. Staunend sah Horus auf diese erotische Friktionsgymnastik. Nicht daß sie häßlich gewesen wäre, durchaus nicht. Es traf ihn nur etwas unvorbereitet, diese jungfräulich erhaltenen Damen der besten Welt plötzlich, wie auf Verabredung, mit ihren Körpern die Sprache südamerikanischer Prostitution mehr oder weniger begabt nachahmen zu sehen; als eine Art Esperanto des Berufs war sie natürlich auch in Asien bekannt. Etwa jener Wink mit dem Abdomen, wie er vor Hafenbordellen dem Zuhälter anzuzeigen pflegt, die Kundschaft sei abgefertigt. Über solchem Gebaren von der Taille abwärts standen nun oben, wie allein gelassen, hilflose Ladygesichter: gequält und unbeteiligt.

Dann wieder trieb der Gentleman-Zuhälter, ganz in sie gewühlt, das Fräulein mit langen glatten Stößen vor sich her durch den Saal, von einer Ecke in die andre, wo das Ganze jedesmal in einem verlotterten Bockssprung erlosch. Oder hinter sie schlüpfend, stieß er ihr von rückwärts das Knie unter den Schoß, warf sie ein wenig in die Luft, um die Wehrlose im Herabgleiten dann seinem Körper hart und zielstrebig entlangzuführen — immer wieder.

Was mochte das bedeuten? Offenbar erotisch zu verarmt, um einen neuen Eigentanz selbst zu schaffen, hatte man im Warenaustausch gegen gedrechselte Klavierbeine oder Biskuitgruppen oder Konfirmationsbecher außereuropäische Bordellwerte eingehandelt: Hafenware natürlich. Doch auch als solche an ihrem Ort gewiß voll Reiz, Berechtigung und Wahrheit; wertvoller als das Tauschobjekt auf jeden Fall. Doch was sollte man hier damit ... so wenig oder so viel, wie dort mit den Konfirmationsbechern.

Korrekt und ohne Tadel machte soeben Gloria Rawlinson, weiß und golden wie immer, nacheinander diese lebhaft verdauenden Bewegungen, wie sie ihr Machado Magalaes, der Tangomeister, zu hundert Frs. die Stunde, beigebracht. Nun und dann, am Ende dieser komischen Bewegungen, würde wohl heute Mr. Rawlinson noch in ihr Zimmer kommen. Warum man das eigentlich alles machte, wußte sie nicht recht — man machte es eben mit, wie ein Picknick über Verschütteten oder eine spiritistische Séance — the correct thing to do.

Unter Preisrichtern und Zuschauern stritt man indessen, was eigentlich die Principessa Dango heute anhabe. Es war von der Farbe Turnerscher Nebel, ganz erlesen, ganz pretiös, bestand aber aus keinerlei bisher irgendwie bekannten Kleidungsstücken. Sie selbst, ihre Haut blieb unsichtbar wie immer. Sonderbare lila und schwärzliche Flecke in seltener chinesischer Lacktechnik standen auf der mit Silberpuder überstreuten Herme. Ja, Herme. Was dann kam, nicht Kleid nicht Körper war es; am ehesten noch ein fließender, nach unten keilförmig sich verengender Gazeblock.

Man drängte um die Archäologen: ratbedürftig.

Dr. Hafis meinte schließlich versonnen:

„Gott straf mich, aber es ist doch eine Hose. Eine Hose, die bis zum Dekolleté hinaufreicht.“

Murren entstand. Wer rede denn vom „hinauf“. — Beim „hinunter“ beginne doch erst das Problem.

„Wissen Sie denn, was eine Hose ist?“ frug Horus.

„Nun, wissen Sie es?“ klang es zurück.

Er überlegte: „Mir scheint eine Hose ihrem Wesen nach aus drei Teilen zu bestehen. Zwei Röhren und einem Verbindungsstück. Dieses Verbindungsstück will offenbar hier fehlen, die beiden Röhren scheinen lediglich durch ein im Fadenkreuz schwebendes Feigenblatt aus Mondsteinen einander fragil anzuhangen. So fragil, daß es dort ganz ohne Reißnägel wohl nicht abgehen dürfte. Es sind also auch Märtyrermotive in die Toilette verarbeitet. Ein Drittel Kreuzigung etwa auf zwei Drittel Hose.“

„Was folgt daraus?“ gab Hafis ungerührt zurück.

„Daß es unanständig ist,“ entschieden die Damen, und enteilten mit diesem Urteil wie mit einer Köstlichkeit — rasch, ehe ein neuer fachlicher Gesichtspunkt Revision erzwänge. Sie irrten schwer. Unanstand fiel in ein so anderes Reich — vor der Princesse macabre verlor es jeden Sinn.

Sie tanzte wundervoll, in fast schmerzhaft geschlossener Vollendung. Nur mit Machado Magalaes, dem professional und hors concours. Sie tanzte weder um Gottes, noch um des Mannes, noch um des Tanzes willen. Nicht einmal mehr — narzißhaft — für sich selbst. Auch periphere Sehnsucht hatte sich ihr von den eigenen Gliedern gelöst, hinüber in das Gewand. Für dieses tanzte sie — entflammte sich an ihm; verzehrt von seinen ewigwechselnden Ansprüchen an Leib und Seele, wie von dem launenhaftesten Geliebten. Nach kläglichen Versuchen zur Untreue — zu ihm kehrte sie stets als ihrem vielseitigsten, raffiniertesten Gebieter zurück.

Biegsam, einsam und auserkoren, hatte diese grande passion „die Mode“ sie gemacht, sie herausgeeinzelt aus der faulen Herde, die gar nichts wollen konnte und voll Schrecken auf sie sah, wie etwa ganze Ballen dieser hopsenden College-Boys. Eine ratlosere junge Männlichkeit hatte Horus nie und nirgends noch gesehen; im Querstand aller Glieder suchte das mit eigentümlich taubem Holzgebein die Schlangenwindungen des großen Triebes in eigene Plumpeckigkeit zu übertragen. Erwarb auch wohl mit rotem Ohr, hier beim Tango, eine erste, verspätete Materialkenntnis an instinktlosen leeren Stengeln, die — längst mit Chemikalien und Säuren gegen das Leben abgedichtet — nur dem Schein nach menschlicher waren als die Principessa, weil sie, ungleich jener, der großartigen Konsequenz, der stilbildenden, ermangelten.

Quadrupedescu — du Perron — Cavadini: romanische Kenner, doch viel zu bequem, um wie Strondoli auf rare Abstürze der Principessa, herunter von ihren hohen Abwegen, zu warten, widmeten sich heute ausschließlich jungen Mädchen. Schlängelten sich in ihre Nerven, griffen in ihr Blut, rissen es an sich und hin, wo es ihnen beliebte — umspielten den Gattungsakt in immer engeren, gesteigerten Brunstbewegungen. Schließlich waren sie wohl selbst erregt in ihren Körpern, doch über diesen stand wie immer ein Boshaftes, ein Spöttisches auf den gar so selbstsicheren Gesichtern.

Die jungen Mädchen wanden sich im Tango wie Würmer an unsichtbarer Angelschnur, die von den Lorgnons der Mütter hing. Knapp vor dem Allerletzten schien diese Schnur immer mit einem Ruck anzuziehen, und die Begattung ging fehl.

Konnte das klaglos so weiter funktionieren? Immer schwerer und gejagter wurde die Luft; alles trieb einer Erlösung entgegen. Schon klebte Talkum-Puder von den Damendekolletés drüben als bläuliche Milch auf den Fräcken der Gentleman-Zuhälter, oder war mit den fettigen Wassern, die als Fixativ gedient, im Rücken breiig geronnen. Oben auf den Wangen zerfiel trockenes Pulverrot, wurde eingesogen in schwammig erweiterte Poren. Ganz drüber aber knickte schief und hilflos etwas, das nicht mehr Wellblech schien und noch nicht wieder Haar geworden. Etwas, das zu leben verlernt hatte — verlernt, in Kraftlinien liebliche und geheimnisvolle Gesetze eigenen Falles zu bilden. Und die Toiletten: schon in der Ruhelage an den Grenzen des Grotesken, weil anorganisch verbunden, hingen sie jetzt als verschobene Körperteile in ganz hoffnungslos untalentierter Weise um die glücklosen Frauen. — Dieser ganze, Milliarden verschlingende europäische Modebau, in dem sich nicht sitzen, liegen, gehen und leben ließ, dessen einziges, offen verkündetes Ziel sexueller Anreiz sein sollte: bei der ersten sinnlichen Welle, statt nun in seinem wahren Element, die Trägerin zu entfalten, desavouierte er sie — ließ sie lächerlich und entstellt im Stich. Denn nicht stammte er aus liebenden Sinnen, aus lebendigen Menschen — nein, Aktiengesellschaften hatten ihn zusammenkreiert — hadernd und amorph als Kontraimitation seiner vorletzten Erscheinungsform.

Da sagte Gargi auf einmal ganz leise, ganz sanft, ganz unerbittlich:

„Gestatte, daß ich mich entferne. Ich darf der Vermischung von outcasts nicht anwohnen.“

Das Weihelose dieser eisigen Affenhausgesten — der Mangel an Achtung vor dem Orgiasmus — das Zynische in den Mannsgesichtern stieß sie bis zum Ekel ab, sie, die unbedenklich im Haus der Elchos nackt durch die Farben getanzt — sie, grauenhaftester Verwöhntheit demütig und kühn gewachsen.

„Meine weise Gazelle hat recht,“ dachte ihr Gefährte. Es muß doch wohl wie bei den outcasts: den Rhodias im Felsentempel, so auch hier bei diesen zu einer Art Orgie der Shivatänze führen. —

Doch nichts dergleichen geschah. Die Scharen der Tänzer begannen sich sogar merklich zu lichten, während der Damen nicht weniger wurden. Immer mehr Männer verschwanden spurlos auf geheimnisvolle Weise, herausgesogen aus den Armen ihrer Partnerinnen. Öfter fiel aus einem vorbeieilenden Trüppchen mit etwas speichelnden Lippen das Wort „Sguerdo suleijl“.

„Kommen Sie mit, Elcho,“ sagte Archie. „Gar nicht weit. Gut eingeführter Betrieb. Filiale des Pariser Hauses,“ er nannte die Firma. „Diese Woche frischer Import.“

„Danke,“ sagte Horus, „ich kenne das Stammhaus. Die Versuchungen sind gering. Es ist einer der wenigen Orte, wo man leicht in Ehren ergrauen kann. Dazu sind wir doch etwas zu verwöhnt — danke.“

So also, mit Relais wurde das gemacht.

„Frisch gepudert werden sie jetzt dort wenigstens sein,“ sagte Cavadini mit bezeichnender Handbewegung ringsum. Er blinzelte du Perron zu. Der aber — Margot, die Glückliche, Glühende zwischen den Schenkeln — verneinte. Sie waren das siegende Paar im fox-trott. Erst mußte er mit ihr zur Preisverteilung, dann sollte der Triumph noch mit ein paar cock-tails begossen werden.

Vor der Bar staute sich indessen eine freudig erregte Menge und verfolgte die Vorgänge in dem kleinen Raum. Würde man — würde man wirklich zwei ganz große Damen raufen sehen? Her grace of D. und donna Maria de la concepción Jimenez de Monserrat y Garcia waren, jede aus einem Separée kommend, an diesem Abend erst hier in der Bar zusammengetroffen und hatten mit Bestürzung, dann wachsender Empörung bemerkt, daß sie beide die gleiche Creation von Lucile trugen.

„Sie müssen meine Vendeuse bestochen haben,“ rief her grace außer sich, „ich hatte das alleinige Recht darauf.“

„Dann haben Sie eben die Vendeuse vorher bestochen, es andern zu verheimlichen,“ höhnte Donna Maria.

„Das Haus verkauft eben seine Modelle jedem gern, der sie bar zahlt.“

Her grace pflegte lange schuldig zu bleiben.

„Wechseln Sie das Kleid sofort — die Idee ist mein Eigentum,“ kreischte her grace.

Donna Maria lachte bloß.

Plötzlich sprang alles mit einem Schrei zurück. Hoch sprühte es auf, wie ein Geysir. Her grace hatte den Hahn einer vollen Syphonflasche gespannt und ihren Inhalt in Donna Marias Dekolleté gespritzt — senkrecht durch, daß es in den silbernen Abendschuhen nur so plätscherte.

Wütend wie eine nasse Henne stürzte die Spanierin hinaus. Kam nach zehn Minuten zurück, in einer zweiten trockenen — her grace erstarrte zu einem Block Wut — der vorigen ganz gleichen Toilette. Her grace gab sich besiegt. — Vielleicht hatte die Gegnerin noch ein halbes Dutzend in ihren Koffern, da konnte man die ganze Bar vergeblich verspritzen.

Von neun Uhr abends bis drei Uhr früh war der Kaufherr aus Braila mäuschenstill in einer Ecke gesessen. Hatte kein Auge von den Tanzenden gelassen. Jetzt erhob er sich seufzend, schritt zum Foyer, sah hinaus und murmelte resigniert:

„Glatteis. Aber was will me machen.“

Ja, da ließ sich eben nichts machen. Es war ein zu exklusives Hotel; Frauen, in der Lage, ausschließlich von ihrem Liebreiz zu leben, wurden hier nicht geduldet.

Längst lagen die Säle leer: eingefressene Löcher, schwarz im Hotelleib. All ihre Lichtchen, die erst wie in eine Versenkung gesprungen schienen und dann irgendwie fortgelaufen, gleichsam durch schwarze Adern, durch innere Stollen, um auf einmal, jedes einzeln, in einer Zimmerzelle einer Einsamkeit gute Nacht zu leuchten — auch sie waren größtenteils erloschen.

Das Dunkel aber war falsch und schwieg ungern.

Durch Türen, Korridore entlang strich eine manische Ruhelosigkeit wie von eingesperrten Katzen.

Knisterndes Fluidum gelöster Haare, durch die gereizte Finger wie Nervenkämme fahren. Vages und Erbittertes aus ratlosen jungen Körpern stand in Herzhöhe durch das ganze Haus.

Aus dem Zimmer der Raeburn girls war erst greller Hader zu Horus herübergeschrillt. Die Ursache gar der Rede nicht wert: ein verwechseltes Stück Seife, dann ein Disput, wer morgen den Toilettetisch zuerst benützen dürfe. Hazels Stimme:

„Ich will nicht immer deine ausgegangenen Haare in meinem Coldcream finden.“

„Und ich nicht deinen ekelhaften Puder auf meinen Bürsten! Nützt ja doch nichts — schau nur, wie deine Nase wieder glänzt.“

Schließlich waren beide in hysterisches Weinen ausgebrochen. Hazel schluchzte aus den Kissen:

„Ist es jetzt nicht ganz — ganz egal, daß du heute mommo die Ärmellosen abgeschwindelt hast?“

„Satt hab ich’s — ich gehe zum Kino.“

„Wo man deinen Sprachfehler nicht merkt — na ja hübsche Beine hast du ja. Die in ‚Sguerdo suleijl‘ haben gewiß nicht so hübsche, man soll sie sich dort immer rasieren — vorher.“

Nun wiesen die Stimmen aneinander auf dies und das hin; wurden heißer, gieriger daran — kaum liebevoller. Der Haß blieb in ihnen, nur kicherte er jetzt und kam ganz nah, erlöste sich in Not und Verachtung.

„Hatte es nicht geklopft? Da, noch einmal!“

„Wer ist es,“ zischte Gwen — „ein Mann?“

„Mach auf!“

„Ja — auf!“

Die Tür ächzte leise in den Angeln.

„Ich bin’s,“ sagte Linda Bordones mühsames Stimmchen.

„Ich sah Licht bei Ihnen, o, bitte, können wir nicht noch ein wenig plaudern und ... und,“ sie zögerte — „zusammenbleiben?“

Linda stand da in voller Balltoilette. Die ganze Nacht hatte Cavadini fast ausschließlich sich um sie gewunden, in ihren Nacken geatmet, dann aber, kurz ehe er mit den andern nach ‚Sguerdo suleijl‘ ging, sich jäh, wie durch einen Schnitt, aus der Verschmelzung mit ihr gelöst, und ziemlich kühl angedeutet, er führe auf einige Zeit nach Paris, um den Damen Waanebeeker bei der Ordnung ihrer Verlassenschaftsangelegenheiten an die Hand zu gehen. Sie möge ihn nicht allzubald zurückerwarten und indessen lieber mit dem Onkel nach Bologna heimkehren. Eine Szene im Ballsaal, davor hatte ihr gegraut. Ein Handkuß, perfid und lang, dann war er, höchst angeregt, verschwunden.

Seitdem fürchtete sie sich derart vor dem Alleinsein, daß sie durch das Hotel gewandert war, bis zu diesen fremden englischen Mädchen. Hatte erst an Winifred, ihre Zimmernachbarin, gedacht. Aber das kannte man. Nach Tangonächten klang sofort stumpfer Schlafatem durch Winifreds Tür, eine Flasche Kognak, heimlich, von ihrer Mutter bridge-fond angeschafft, half ihr zu dieser sicheren Ruhe.

Hazel und Gwen waren unterdessen zu einem Doppelblock Wohlanständigkeit erfroren.

„Oh I beg your pardon,“ sie waren so erstaunt, so ins Mark erstaunt, daß es die arme kleine Linda nur trieb, ins Niegewesene zu zergehen. Ein paar vage Entschuldigungen und sie hastete zurück durch all diese Korridore — Röhren der Unrast, in die es aus den Komfortpferchen mündete: verzerrte Kälte oder übelberatende Not und gieriges Bellen des Stoffes — Sattheit aus einigen — aus keinem Glück.

Bei Hazel und Gwen löste sich der Haß der Übernähe nun in gemeinsame Entrüstung.

Nein, diese foreigners — man konnte eigentlich als Lady nicht mit ihnen verkehren — nicht proper waren sie — keine. Allein in der Nacht im Hotel herumlaufen. Fremde Damen aus dem besten Schlaf wecken. Sicher wollte sie wo anders hin und sich hier nur ein Alibi verschaffen. Nun, mommo würde Sorge tragen, daß man dieser verdächtigen Südländerin von nun an allgemein mit gebührender Zurückhaltung begegne. Sie entrüsteten sich bis zu Zärtlichkeiten, die erst das Frühlicht schied.

Lizzi Beermanns Zimmer stieß an das Gemach ihrer Eltern.

Sie preßte die Polster vor die Ohren. So — so war man also entstanden. So behäbig hingesudelt in eine träge Weite, gleich nach dem Disput über die letzte Hutrechnung, und vor dem ersten Gähnen verdrossener Abkehr.

Da lag man, gedemütigt in seiner ungetanen Jugend, die es so ganz anders wissen und wahrhaben wollte. Lag hilflos heiß auf planen, toten Laken; in Empörung gegen ein weiheloses Nebenan.

Aufspringen hätte man mögen, Türen aufreißen, drauflosschreien:

„Da — das ist der ‚Kinderschlaf‘ meiner dreiundzwanzig Jahre, an den eure Faulheit zu glauben vorgibt. Ja ihr — ihr, zu träg in euren salopp gewordenen Körpern, um auch nur ein Glied selber zu straffen — anregen laßt ihr euch von dem Blut in unsren obszönen Tänzen, die wir am Schnürchen machen dürfen. Dann fragt ihr: ‚Nun Kleine, gut unterhalten? So, jetzt aber brav ins Bett‘.“ — O, wie widerlich — welch ein verlogener Käfig, dieses ganze Leben. Aber ausbrechen? Nein, zu riskant. Lieber behalf man sich noch bis zum korrekten Ende.

Manchmal gelang es wohl und man vergaß ganze Teile von sich — sank dann wie an eine fremde Wärme — an sie hin. Da waren zum Beispiel die Arme: ferne Gliederwesen, die frei spielen konnten, wo sie wollten. Aber Kopf und Lippen blieben leider immer allein und zu weit weg von allem Wesentlichen. Wie gut es die Raubtiere, überhaupt die Tiere hatten: von nichts an sich waren sie getrennt; Kelch und Gegenkelch durch eine wunderbar bewegliche Wirbelschnur biegsam verbunden. Schon als Kind hatte man im Zoo immer davon träumen müssen, wenn „miß“ vor den Käfigen die Zahnformeln repetierte. Was sich da alles machen ließe.

Und die Träume gingen bald in Geschichten über — etwas beschämende Geschichten, an denen sich ein zweites, häßlicheres Ich mästete — zu vampirhaftem Leben erweckt von unbedenklicher Hand. Die arme junge Hand wußte nicht, daß sie das Glück entwurzelte in ihrer Not. Wie es dann, am Tag der Erfüllung, heimatlos sein würde am abgelenkten Quell.

Aber es waren in diesen gefährdenden Jahren eben immer wieder nur die Zahnformeln repetiert worden, und etwa: wann und unter wem Sizilien an das Haus Anjou gekommen — dann noch etwas Eckiges mit einer Hypotenuse, aber das hatte man nie recht verstanden.

Natürlich wußte man, das „andere“ sei wohl improper. Es war aber außerdem so viel „improper“, gar nicht zu leben wäre gewesen, hätte man sich überall daran gekehrt. Wie also Sinn von Unsinn am „improper“ scheiden, da die Erklärung, erhielt man sie, ja doch gelogen war und immer weithin sichtbar falsch.

„Oh wann — wann wieder.“

Und im langen saut-du-lit hing Margot abschiedtrunken mit gelösten Gliedern um du Perrons Hals.

Dieses rührende und entzückende Bild bot sich zwischen Tür und Angel von Mademoiselle Chenals Hofzimmerchen einem Trupp heimkehrender Herren, als sie in der Dämmerung auf Zehenspitzen jäh um einen Korridor lugten. Von der andern Seite hatte schon längst der Zimmerkellner verborgen geäugt, der, so lange nicht nach ihm geschellt wurde, die göttliche Allgegenwart „love“ zu schlagen pflegte.

Ob die Herren von dem Bilde entzückt gewesen, war schwer festzustellen — gerührt wohl kaum, denn es gab einen ungeheuren Skandal. Ganze angelsächsische Tribus erklärten abzuwandern mit ihrer Brut, mutete man ihnen die Gesellschaft einer solchen Person noch weiter zu. Man sehe ja so über manches hinweg, zum Beispiel — und nun wurden alle erdenklichen sexuellen Querstände nach der Variationsrechnung durchgeprobt —, aber eine Tochter neben Töchtern. Das war zu viel. Die übrigen jungen Mädchen indes blühten an diesem Tage argloser wie je in den Klubsesseln herum: es war das reine Konzert-Blühen, sahen mit etwas umränderten Kinderaugen süß und leer um sich.

Gegen Mittag ließ die Direktion Madame Chenal mitteilen, man bedaure unendlich, aber durch ein fatales Versehen seien die Zimmer der Damen telegraphisch an neue Gäste vergeben worden, auch habe man leider gar nichts anderes für den Augenblick verfügbar, ob vielleicht an ein anderes Haus telephoniert werden solle? Auf alle Fälle sei der Gepäckschlitten um vier Uhr bereit.

Die darauffolgende Szene zwischen Margot und ihrer Tante schrie durchs Mark des Hauses. Madame Chenal erbrach wie rasend nach einander alle Opfer, die sie der Nichte von der Wiege an gebracht, und wie nun das mühsam gesparte Geld für die Lancierung zu dieser kostspieligen Saison hin sei, und alles Schmach und Ruin. Keine Heiratchance mehr. Und was ihre bedauernswerte Mutter nur sagen würde, und nach Rouen könne sie überhaupt nicht mehr zurück. Sie selbst ziehe jedenfalls ihre Hand von der Deklassierten und enterbe sie.

Dann eine Atempause der Hoffnung. Madame Chenal ließ Aquetil du Perron zu sich bitten und erklärte ihm, sie gehe wohl nicht fehl, wenn sie ihre Nichte, nach dem Vorgefallenen, als mit ihm verlobt betrachte.

Du Perron wurde ganz Gentleman und so korrekt, daß einem das Atmen verging. Er höre wohl nicht recht. Männer von seinen Grundsätzen und seiner gesellschaftlichen Stellung pflegten wohl nicht eine junge „Dame“, — er lächelte Gänsefüßchen — die sich nach einer Ballnacht gleich einem quasi Fremden an den Hals werfe, zur Mutter ihrer Kinder zu machen.

Und als Madame Chenal etwas von Vergewaltigung und gerichtlicher Klage anfing, schnitt er ihr kurz das Wort ab:

„Ganz nach Belieben, er habe ja Zeugen genug dafür, ob der Abschied nach Gewalt von seiner Seite ausgesehen — oder eher anders herum.“

Tiefverschleiert schlichen sich die beiden Frauen durch einen Seitenausgang des Hotels zu ihrem Schlitten, ignoriert von den Hotelgästen. Dafür bildete das gesamte Personal, dem keine Abreise noch je entgangen war, auf dieser ungewohnten trace Spalier. Aus allen Korridoren quollen button boys, sonst gewohnt, sich auf der Freitreppe pompös zu entfalten. Dieses Spießrutenlaufen, bei dem die Verurteilten noch jeden ihrer Quäler zu beschenken hatten aus der mageren Tasche — es war zu viel. Endlich beim letzten Lungerknaben angelangt, brach aus Margot — der Beschimpften, Verhöhnten, Getretenen — der erste Strahl Menschenwürde. Als dieser glücklose allerletzte Lungerknabe, schon beim Schlitten, nicht nur die Hand, sondern auch — und gar nicht wenig — die Zunge vorstreckte, klappte sie ihr zwei Frankstück in die Börse zurück und gab ihm eine schallende Ohrfeige.

Aber eigentlich war dieser Skandal von weniger nachhaltiger Wirkung gewesen, als man hätte meinen sollen, denn ein neues, tieferes Zittern schwoll durch das Haus. Wie stets zur Zeit der Äquinoktien, war, gleichsam über Nacht, die Hutbrunst ausgebrochen und die bewegten und beunruhigten Frauen sammelten sich zum Zug nach Paris.

Schon vor Wochen war es Horus aufgefallen, daß die Neuangekommenen merkwürdig anders gebaut zu sein schienen als die Winterfrauen, besonders die Partie zwischen Schulter und Ellenbogen strebte offenbar immer mehr dem Schenkel eines Schweines nachzueifern, und so wähnte, was noch Frauenarme besaß, sich allzusehr im Nachteil. Und die Zeichen mehrten sich. Letztarrivierte sahen schon so vollkommen verkehrt aus, daß man ganz verzagt wurde.

Die Principessa Dango — als Sturmvogel der rue de la Paix — war längst fort mit ihren Hutkoffern: eine Art Löwenkäfigen mit Saugnäpfen, letztere bestimmt Toques — Cloches — Canotiers: alles pneumatisch — nadellos an den Innenwänden festzuhalten.

Als Elchos ihr Kupee bestiegen hatten, fiel Horus ein Herr auf, in englischer Reisekappe, und an dem nagelneuen Überzieher Nähte, wie die Nieten eines Dampfkessels. Wo hatte er den Mann schon gesehen? Eben schob er jene kostspielig aussehende Französin in einen Waggon erster Klasse, hinter der drein der Zimmerkellner am ersten Abend blitzschnell eine Geste von geradezu infernalischer Gemeinheit gemacht.

Wo war der Dame sonstiger Gatte — oder Begleiter? Glich nicht der Mann in der englischen Reisekappe auffallend besagtem Zimmerkellner? Wen-Kiün, Gargis Dienerin wußte Bescheid. Sie haßte den Zimmerkellner.

Ja, dieser „große Kerl Gauner“ hatte beim Rennen gewonnen und der Master der Dame hatte verloren. Und so war der Master ohne die Dame abgereist, und ohne die Rechnung zu bezahlen. Und so hatte der Zimmerkellner die Rechnung beglichen und die Dame für die Begleichung der Rechnung behalten.

„Warum auch nicht,“ sagte Horus zu Gargi, „hier, wo es keine Kasten gibt: sondern nur einen Pöbel mit verschieden viel Geld. Schließlich in einem easy-chair lümmeln, das bißchen Eßmanieren, die paar Redensarten! Leicht ist es da, Herrenbräuche erfüllen; gälte es, einer östlichen Teezeremonie gewachsen sein oder den Begrüßungsformalitäten zweier chinesischer Kaufleute, das wäre etwas anderes, das müßte gelernt werden. Aber europäischen Gentleman spielen — welchen Könnens bedürfte es da.“

Er lächelte Wen-Kiün zu in heiterer Erinnerung. Dieser Zimmerkellner war der Chinesin Privatfeind. Einmal standen um den ganzen „Astoria“-Block jene eigentümlichen Schnatterlaute, wie sie Chinesen in höchster Aufregung eigen:

„Du verkehrt gezeugtes Schildkrötenei, die Hund is eine Gentleman, nur noch nicht fertig. — Du fertig und nie Gentleman.“

Der Zimmerkellner hatte auf zwei Hunde, die sich im Sonnenschein zu paaren versuchten, wie das hier so Brauch, unter Zoten und Gelächter losgeschlagen.

Von ihrem Master scharf zurechtgewiesen wegen solch unziemlichen Fluches, hatte sie mit der Unbeirrbarkeit eines Kindes, das noch keine Kompromisse anerkennt, gesagt, demütig, und doch wieder mütterlich ihm überlegen an uralter Würde:

„Wir tüchtig im Unten Sein ... diese aber nirgends tüchtig.“

Die Gondel der Principessa Dango floß auf den ponte della paglia zu.

Silberbrokat schleifte breit im Kanalschlamm hinterdrein. Faulende Tomaten, ein paar Kohlblätter, zogen auf seinen harten Metallfäden mit. Zwei hypnotisierte Barsois, mit Silberpuder bestreut, flankierten steilen Profils die Principessa, schnitten, ihren unbegreiflichen Hut zwischen sich, wahnsinnige Dreifalt ins Blaue.

Jetzt stieg sie langsam zwischen ihren lebendigen Wappentieren hindurch, gegen den Dogenpalast an. Hinter dem Eckpfeiler mit dem betrunkenen Noah lauerte es ihr entgegen, duckte sich, stürzte vor: Strondoli. Eine ewige Sekunde wies der klotzige Browningfinger krachend auf die Niederstürzende.

„Abdrehen!“ schrie Archie Payne dem Mann am Apparat zu, und, Fäuste in Hosentaschen, zur Principessa:

„Oh! drat it ... was fällt denn Ihnen ein!“ Keine Spur Snob-Devotion lag mehr in seiner Stimme.

Mitten im Todeskampf hatte sie plötzlich das Lorgnon erhoben, ließ ihr Sterben liegen, ging an Regisseur und Filmstab vorbei in eine Gruppe Zuschauer hinein:

„Beautiful boy.“

Und sie hielt Horus Elcho den Mund des Handschuhs zum Kusse hin.

„Impossible.“

Schon führte Strondoli sie höflich-fest zurück. Aus Archies Stimme aber pfiff nackt die Impresariopeitsche; die „princesse macabre“ wurde Schulden halber von ihm verfilmt: ihr Palazzo — ihr grandioser Totenkopf mit Toque — ihre Windhunde — ihr Foxtrott, alles war diesem Raubepheben von Übersee hörig geworden, der in Schmieröl und Champagner spekulierte, einen Rennstall, eine Bar in Verbindung mit einem Kunstsalon betrieb, ein Filmunternehmen gegründet und nun unter der Hand ihre Wechsel aufgekauft hatte.

Also schnell den Todeskampf noch einmal; die anschließende Szene, bei der Lord Byron in Schwimmhosen aus zehn Meter Höhe per Kopf in den Kanal zu springen hatte, drängte sehr, denn schon zog Ebbe die Wasser von der Stadt zurück, wie wenn Speichel sich zurückzieht von einem entfleischten gelben Gebiß, die geschwärzten Ringe der falschen Kronen auf verfaulenden Wurzeln bloßlegt. Der schöne Archangelo, im Bademantel als Lord Byron, erklärte, den Sprung heute kaum noch riskieren zu können. Indessen umfeilschten er und Genia Waanebeeker bei dem Antiquitätenhändler an der Ecke des San Sovino einen römischen Sarkophag, den wollte er als Toilettetisch zum Rasieren und für seine englischen Reiseflacons im neuen Heim verwenden. Halb St. M. wirkte hier „im siebenfachen Mord an der Seufzerbrücke“ mit. Seine Darsteller — es war Archies Clou für „drüben“ — sollten Mitglieder der „Gesellschaft“ sein. Taten auch jetzt untereinander sportlich-heiter, amateurisch-unbeschwert, nach der eiskalten Wut, mit der jeder um den Vertrag gerungen, Vorschüsse heraus, Vorteile hineingekniffen und seine Fußangeln heimlich durchgenagt hatte.

Archie bereute. Diese Amateurverdiener, von kaufmännischen Usancen völlig unbeschwert, hielten im Geschäftsverkehr einfach alles für erlaubt, waren stumpf für Grade innerhalb merkantiler Unanständigkeit und von uferloser Beutelust.

Zuweilen gab es ja Spaß, wenn etwa Gwen Raeburn ihm mit ihren hübschen Beinen beinah die Schlafzimmertür einrannte, zu allem bereit, damit er sie nur ja nicht mit Hazel gleich einkleide zu einem venezianischen Pagenpaar.

Die Erschießung der Principessa Dango aber hätte sich auch besser in St. Peter gemacht, während der Papst die Ostermesse zelebrierte. Wie bei dem Schuß die Kardinäle gehüpft wären; first rate, so eine echte Panik. Wenn man Glück hatte, gab’s wirkliche Tote. Ein Fehler, daß er sich nicht direkt mit dem heiligen Vater ins Einvernehmen gesetzt. Lord Byron in Schwimmhosen konnte ebensogut von der Engelsbrücke springen.

Hätte ihm nur dieser goldäugige Sklavenhändler seine Reisefrau für die Film-G. m. b. H. verkauft. Er hatte Gargi einmal in den „fließenden Wassern von Bengalen“ überrascht, wie sie mit ihren Armen spielte, die — zwei Schlangen — aus ihr erwacht, fortglitten, Milch aus Schalen tranken, dann aufgereckt, rosige Opale auf den schmalen Köpfen, ihren bösen Schwebetanz begannen um eine zitternde junge Antilope, die ein zarter Frauenschenkel war. Mit eins hatten all diese Zauberwesen sich dann aufgerollt und dahin wie Wolke am Boden, die langsam steigt, sich loslöst aufwärts in eine andre Dimension. Was Opale in Schlangenköpfen gewesen, stand nun hoch, zwischen Schleiernebeln, zeitlos: ein Sternbild über einer weiblichen Säule, gleich Rauch.

Tausend Prozent.

Auf was wartete dieser asiatische Wucherer denn noch? Dort schritt er über die Piazetta — schien immer über alles hier wegzuschreiten und trat es doch nicht nieder dabei. Diese Höflichkeit gegen seine Sklavenprinzessin! Kein Zweifel, entweder sie hatte das Geld oder wußte eine ganz üble Schweinerei von ihm. Jetzt nahmen sie einander gar bei den Fingerspitzen wie Kinder im Märchen. Perverse Sache.

Ja, sie gingen Hand in Hand, wie einst zur Schillerfalterjagd, auf hohen, schlanken Beinen in die Goldhöhlen von San Marco hinein. Gargi um Weniges voraus. Hier in der Insel von Byzanz, schwimmend auf gestohlenen Säulen des Ostens, blühten wieder die unerhörten Farben ihres Sonnenblutes auf, glänzend wie Blätter; über Silber ein grünlicher Samt. Als Ampel, auf magischer Spur, leitete sie den Mann an hingekreuzigten Tieren, toten Engeln und Goldadern entlang, in lieblichem Triumph einem noch Dunklen zu — vor Freude ernst. In der Apsis, hinter der malachitnen Schlachtbank für das Meßopfer, hob sie den schweren Ledervorhang — ließ ihn schauen:

In den Raum der pala d’oro.

Durch seine enge Nacht hing leuchtend die morgenländische Altarplatte aus Gold und aus Lazur. Gebuckelte Juwelenbeeren trieben blasig aus ihr und um die erzenen Engel ihres Grundes. Auf diese Engel fiel von oben Honigschein einer Kerze hoch aus der Hand eines neuen Wesens. Einer Frau?

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