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Die Kegelschnitte Gottes

Viertes Buch (continued 2)

Reading edition

Andern Tags war wieder Minotauros Pose: er brauche, rein physiologisch, alle drei Monate eine Jungfrau — dies sei die letzte Ration, ehe er sich einer fairy-queen verbände.

„Also war die junge Wegzehrung wohl schon gefunden?“

„So halb.“ Die Hörige, beflissen, ging in die Falle, zeigte weitgehende Bilder, die sie „im Auftrag“ von dem Fräulein gemacht.

Drei Wochen auf den Tag heiratete er. Schrieb am lendemain „der großen schlanken Ehestifterin“ einen seiner perfiden, verworfenen, verbotenen, ersehnten Briefe, als wäre nichts verändert. Dann reiste das junge Paar.

Und es war keine Ruhe.

Die Hörige, im Kielwasser der Lustfahrt, schmeichelte, flehte, klagte:

„Ahnen Sie nicht, spüren Sie nicht, wie nötig jetzt ein paar Zeilen von Ihnen wären? Ich fürchte, Sie haben noch immer keine Ahnung von der ungeheuren Liebe, die er für Sie empfindet. Fancy — — — come!“

Dann wieder:

„Er hätte Ihnen so viel zu sagen. Aber wollen Sie denn hören? Sie haben ihm ja die Schleusen gesperrt. Vesta! Wie walten Sie des heiligen Feuers?“

Manches klang diktiert:

„Der Trotz, mit dem er diese törichte Scheinehe einging, ist mir beinah unheimlich. Es ist so komisch, die Menschen ihm dazu ‚Glück‘ wünschen zu hören. Es tut mir in der Seele weh, daß ihm nur Mesalliancen beschieden sein sollen. Ich liebe ihn und gönne ihm die einzige Erfüllung, die für ihn möglich ist. Oh, werden — werden Sie kommen?“

Immer lagen Kuverts mit verstellter Schrift bei und die Mahnung, nur diese zu benützen, denn:

„Die junge Frau hat keine Ahnung von Ralphs Stellung zu Ihnen, er hat noch kein Wort mit ihr darüber gesprochen.“

„Mein Gott, wie komm’ ich zu diesem Schmutz?“ Und Sibyl zerriß die falschen Kuverts bis auf eins, steckte die Schnitzel in dieses letzte — das schickte sie ihm zurück.

Doch auch in ihrer Ehe mochte sie nicht bleiben unter falschem Stern. Die Glut dieses Mannes hatte sie ruhelos gemacht, einsam und unfrei. Gabriel bewilligte die Probetrennung, hielt es für mystischen Urlaub nur. Behielt Charmion als Pfand. Das Arielewesen sollte nicht leiden, von nichts wissen, nicht in Heimlosigkeit gezerrt werden. Damit es sich ihr nicht entfremde, kam sie in Pausen immer wieder zu ihm. Bestimmte die Hälfte ihres kleinen Depots für seine Pflege.

„Notre Dame du wagon-lit.“ Ahasvera jetzt. Sie war beinah arm. Und lieber noch jeden Tag eine andere Fremde als „Heim“ nennen müssen, war unter ihrer Art.

Arbeitete bei Kocher in Bern, bei van t’Hoff in Berlin, lernte den Skisprung bei Sarnström in Dalarne, hörte Bergson in Paris. Kam aber aus Europa nicht hinaus, um Charmions willen.

Das Glättende und ortlos Weltgültige im Stil war jetzt über die so sehr kindlichen Spitzen ihres Wesens geschmolzen, aber ihre innere Fremdheit wuchs. Der Vorfrühling ihrer Glieder blieb fixiert, duftete nach Birken und Erdbeeren. Es war da nichts zu ändern, nur Übergänge auszugießen, zu feilen, zu veredeln. Welchen Sinn hätte denn das Älterwerden je gehabt, wenn nicht: Schönheitsfehler verbessern und überhaupt etwas dazu lernen. Wie ein Virtuose auf Urlaub übte sie auf dem stummen Wunderinstrument ihres Körpers. Alles oder nichts, auch hier. „Narzissa“ hatte Ralph Hersons wissendes Begehren sie einmal genannt.

Und es war keine Ruhe. —

Über Länder und Meere her rann das Gefälle seiner stechenden Wärme in einer heißen Linie auf sie zu und hetzte ihr Herz. Ein Buch kam, ihm einst geliehen. An ihrem Geburtstag, unbekannt woher, ein Päckchen mit seiner Schrift, darin retourniert ihr Hochzeitsgeschenk an seine Frau. Dann wieder ein andermal hatte sich die Hörige bei Papa eingeschlichen, die Dienstleute bestochen, um Nachricht. Sie fühlte Spione um sich. Gerüchte zerstäubten vor ihrem Weg: die junge Frau ein Jahr nach der Hochzeit tot. Hatte sich in einem schottischen See ertränkt.

Er, das Opfer von Erpressungen, wolle Cambridge verlassen.

Es war keine Ruhe.

Aber warum gerade dieser? Was gab ihm solch brennende Macht?

Sie ließ das wissende Haupt sinken.

Sein Erbteil: Die purpurne Wärme Asiens. Sie ließ sich sinken:

„Sweet Prince of darkness.“

Aus Olympia zwang sie ein Telegramm zurück. Papa war tot, sie selbst nun wohlhabend, fast reich. Tratsch trieb das Erbe zu Millionen auf.

Da brach er durch die Schranken. Der Anlaß war hinlänglich — ja korrekt. Kondolierte vom ligurischen Strand, wo er sich angekauft. Und siehe! Auch Lady Tatjana wieselte wieder über den Weg, wo immer man ging. Schließlich geschah es vor des alten Anwalts Haus, der die Verlassenschaft führte, daß die Hörige, einen Affront riskierend, herzu trat, ihr Beileid auszusprechen. Unter der Mache aber leuchteten die grauen Augen froh und echt — wie erlöst. Sie redete nur von ihm — in seinen eigenen Sätzen und, wie Sibyl dies einst gewidert, so rührte gerade dieser Zug sie jetzt. Dachte auch über manches milder. Die unbestechliche Kinderhärte von ja und nein, dies Kompromißlose! Weil es ihr eigenes Maß, mußten ihm deshalb andere standhalten? Sie ließ das Haupt sinken:

Sweet Prince of darkness.

Prinz Augenlust.

Sinn der Erde.

„Wie, sie wolle auf ein paar Wochen nach Spanien?“

Wie gut sich das träfe, da könne man vielleicht gemeinsam bis Genua fahren, und die Hörige sprach von dem Heim, das Ralph Herson im Begriff war, sich am Meer zu bauen. In den nächsten Tagen träfe er übrigens zum Besuche seines Vaters hier ein.

Beim Abschied warf Sibyl noch halb unbewußt hin:

„Und — das, wie die unglückliche junge Frau zugrund ging (dachte dabei: durch ihn zugrund ging), ist es schon überwunden?“

„O, er hat ihr längst verziehen,“ sagte die Hörige pathetisch, „er ist ja so gütig.“

Dieser nachgesprochene Satz war schuld, daß Ralph Hersons Besuch nur in der Hotelhalle und mit den äußersten Enden der Höflichkeit angenommen wurde. So großäugig natürlich, so geistig gelächelt, so sehr leidlose Anmut war alles um Sibyl, daß die Magie in seine ungleichen Augen tief zurücktrat und alle kauernde Freude dazu. Er blieb und blieb. Ging zögernd, fast mutlos endlich, als sie den Lift bestiegen. Drehte, schon an der Tür, doch noch um, — war in vier Sprüngen wieder am Aufzugschacht — horchte in ihn wie in leere, letzte Erwartung; vielleicht, um ihren Schritt über der Stufe oben zu spüren. Der Lift hielt falsch, etwas zu hoch, dann wieder zu tief. Da hörte er lotrecht über sich die mädchenhafte Damenstimme sagen:

„Aber Sie fahren mich ja hinab, statt hinauf.“

Ein vogelheller Jubelton —. Eine gerührte Erlösung — ein beispielloses Entzücken: eine Hymne der Hingabe — an den Liftboy.

Ralph Herson neigte den großgewellten Greifenkopf. Zog die Luft ein in einem endlosen Atemzug, ging ganz langsam ins Schreibzimmer, entnahm der Brieftasche vor dem Herzen die eigens für ihn gebaute Feder von niegesehener Breite, verschrieb die halbe Nacht und den ganzen Vorrat an Hotelpapier. Faltete es. Sammelte sich noch zu den starken und kühnen Zügen der Adresse, wie zu einem Weitsprung. Hielt. Es blitzte in dem Geäder seiner Schläfe. Kleine Verstöße, die er begangen, kamen ihm peinlich wieder: ein deplaziertes Wort, eine rauh gereizte Bewegung, wegstrecken des kleinen Fingers von der Teetasse.

Gutmachen sofort! noch mehr: vorbeugen. Er entbreitete noch einmal das ganze Pfauenrad der Verzückung, schrieb darunter:

„Meine liebe Zauberin! Lächeln Sie über mich? Doch bin ich mit Ihnen, ist stets die Hälfte meines Geistes in Adoration verloren — Du kennst mich nicht, mein besseres Teil. Die Schüchternheit vor Dir — vielleicht die Letzte, die mir im Leben geblieben — läßt mich dann trivialer, törichter, rauher erscheinen, als mir wirklich zu Mut ist, ja ich suche manchmal nach irgendeiner albernen Bemerkung, manierlosen Geste, um die wirkliche Bewegung zu verbergen.“

Als sie kam, fuhr er ihr doch zur letzten Station entgegen, wider alle Verträge. Sprang vom Rad, lief die bremsende Expreßkette entlang, die Arme voll blühender Zweige, warf sie durchs Fenster, dunkle Strahlenbündel hintennach.

„Dem liebsten Gast!“

Sprang aufs Rad zurück. Der Montmorency-Strähn auf seinem Kopf silberte im Sonnenstaub.

Dann fraß ihn Oleander- und Lorbeergebüsch weg.

„Abrasieren sollte man die alberne Gegend,“ dachte sie.

„Nichts sieht man.“

Und die Sternsaphire leuchteten.

Sein Gast? Nein. Stieg in einer kleinen Pension neben seiner Besitzung ab.

Am Morgen holte er sie, zeigte ihr das provisorische Haus — die Stelle des künftigen. Kaufte immer noch Gut auf Gut, Ufer und Hügel mit Wein.

Die weltgültigen Anreden der Fremdheit: „Gnädige Frau“ — „Herr Professor“, tanzten auf dem Äther und Kokainrausch ihres gemessenen Nebeneinander. Jedes genoß sie als Verheißung:

So viel liegt noch vor uns.

Nur einmal, als er Baupläne erläuternd, von dem Hügel niederwies auf seinen Grund, da hielt er an im Sachlichen und Klugen. Und in die lange Pause brach es leis, mühsam, gerührt und rührend:

„So im stillen habe ich mir doch immer gedacht, daß Du einmal hier wohnen wirst.“

Die nächsten Tage ließ er sie büßen. Ward sie an seinem verzehrenden Werben warm, winkte er ab mit zärtlichem Hohn, posierte Vorsicht — gebranntes Kind.

„Ja, wenn ich so was sagte, das wäre was anderes. Ich verspreche nicht — ich halte.“

Einmal brach er los:

„Verehrter Energievampir. Zeitvampir! Zeit, das Kostbarste! Jahre hast du mich gekostet: Jahre der Sehnsucht und Leere.“

An einem Hauch Humor über ihre abgewandte Wange hin sah er, sie rechne nach, womit er diese Leere minotauroshaft und auch ansonsten recht vergnüglich ausgefüllt.

„Aber verlieben konnt’ ich mich nie mehr, seit damals.“

Am Abend lag ein Blatt in ihrem Zimmer:

„... und dachte: sieh, zu andern, Laß Dein Begehren wandern Und liebe, was sich lieben läßt. Da hielt ihn stets die Schlinge fest. Oft prüft er sorgsam Herz und Sinn, Als spürt er eine Wandlung drin; Doch fand er stets darinne, Isolden und die Minne.“

Sie saßen in tiefen Stühlen, unterm Mond, auf der Terrasse seines alten Landhauses.

Die Ruhe ihrer Posen trog. Ruhe gab’s nicht bei ihm. Zeitvergeudung! Zirkus im Hirn war angesagt.

Im roten Frack festlicher Hatz stand er: Kenner, Liebhaber, Käufer, Dompteur, Publikum: alles in Einem. Ohne Peitsche, nur auf Zungenschlag ließ er sie getürmte Hürden nehmen, höher — höher, oder, indes billiger Erdenlärm schwieg, oben im Raum durch Trapeze stürzen und schwingen.

Seine stolze Wut nach Probe ihres Wissens, Erfassens, Durchdringens, Beherrschens, war ohne Maß. Nichts von Literatur, Kunst, Musik: dem Weiberschwatz. Er preßte sie ins Letzte, Ernsteste vor, drehte dann zäh wieder zurück ins Detail, verlangte einen Griff voll Fachwissen hier, einen dort. Genoß dabei das Luftgebäude ihres Tons in An- und Abklang, das Unsägliche am gepflegten Menschen, das um seine Worte ist. Erschöpft endlich vom bloßen Prüfen, Fragen, Hören, Folgen, fiel seine Gier die bessere Beute an, die langerlechzte. Bot ihr Champagner — er selbst, aus Angst um seine prachtvolle Konstitution, trank nie — doch am Andern schätzte er die rosenhafte Steigerung im Weine, und über alles den Griff der Grazie um den Kelch.

Sein zahmes Eichkätzchen, aus dem Schlaf geschreckt, hopste hinten auf den Stuhl, lief über Sibyl herab und nestelte in ihrem miederlosen Schoß; angenehm erstaunt. Sie bog das Bein ein wenig, legte eine Nuß aufs Knie, hob die schlanken Arme wie schneeige Äste, Früchte in den Fingerzweigen. Auf und ab, über sie hin schoß das fuchsrote Büschel den schwarzen Seidenstamm hinauf, entlang die nackten, schmelzend weißen Zweige und wieder zum Schoß zurück.

„Bist du am Ende Ratatöskr?“ frug sie den Kleinen, „der von der Weltesche? Ist das wahr, daß du, dasselbe Wesen, oben Gutes, unten Böses sagst?“ Es spitzte pfiffig das winzige Gesicht, lief an ihr, die aufstand, empor, und hinüber auf den Arm des Mannes, der sich ihm entgegenwarf.

Sein Schweif fegte ihre Haut zusammen.

Sie standen überschwemmt von ihrem Blut. Dann küßten seine Fingerspitzen sich, in streichelnden Bändern ganz langsam ihre Arme entlang, zu den Flügelschultern hin. Verweilten auf kleinen Inseln der Lust, umspielten die zwei winzigen Glockenblüten, die Brüste, rannen die Wege des Eichhorns entlang.

Sie stand nackt unter der zergehenden Seide.

Die Endchen der freien Rippen zwischen den Fingern, bog er in die glatte Sichel der Weichen ein. Da wurden beide Hände flach, bedeckten in einem rasenden Genießen den ganzen schleierschmalen Leib. Er stürzte in die Knie. Da lag der ersehnte dunkle Kopf endlich zum Greifen nah vor ihr. Sie hielt die Hände darüber, wagte nicht, ihn zu berühren, als ob er Flamme wäre. Trank seinen Nardenduft, vor Erregung fast besinnungslos. Und wieder flossen die küssenden Bänder seiner Finger, diesmal von den Fersenspitzen weise aufwärts, die edellangen, seidenschwarzen zitternden Beine in den Silberschuhen hinauf.

„Meine Zauberrappen,“ stammelte er — „aber eigentlich sind es Schimmel, und einmal werden wir sie ausschirren.“

Von der Schmalheit der Knie kam er nicht los. Da bog sie ein wenig das Bein. Er verstand. Die Fingerbänder rannen jetzt mit ihren kleinsten Muskeln um die Wette hinauf, stürzten in die Kniekehlen, umspannten hart die wundervollen Sprungsehnen, breit und rein wie Dolche.

„Zehntausend Entzückungen — — wie — wie soll ich dich genießen — ausgenießen!“

Dann taumelte er auf — stürzte fort, Tatjana aus dem Schlaf zu reißen:

„Das ist ja gar kein Wesen wie wir, was das für Knöchelchen hat, mein Hermelin vom Mars. Solche Lieblichkeit bei solcher Größe.“ Und er raste sich aus.

Etwas ruhiger kam er zurück — brachte sie, die zitterte, nach Haus, wie sie gebeten. Sie begriff, daß er alles aufsparen wollte für das, was sie „Noch-nocher“ nannte, und war stolz auf ihn in aller Qual. Stumm glitten sie nebeneinander über den Wiesenpfad. Vor dem Tor in der Mauer riß er plötzlich die Arme auseinander — weit, hing in ihnen wie gekreuzigt.

„Alles, was mir je geschehen, war nichts gegen das, was du mir damals angetan, als du nicht kamst, aber in diesen drei Tagen hast du alles gutgemacht — ja, es ist tausendmal aufgewogen und ich bin nur Dankbarkeit.“

Und wieder von diesen nur ihm eigenen magischen, unerhörten Strahlen gehoben, mit einer glücklich, heiseren brechenden Knabenstimme:

„I love you immensely.“

Da ließ sie ihre Hände durch die Flammen fallen und umfaßte den silberdunklen Kopf.

Es war zwei Uhr nachts, unter einsamen Sternen. Und sie hatten sich noch nicht ein einziges Mal geküßt.

Das war also der „berüchtigte Wüstling“ und „Materialist“, ihm hatte sie so lang mißtraut — seiner Rasse wegen.

Scham tropfte aus den jubelnden Sternsaphiren.

Noch ein böser Vorhalt kam: ihr schien in den nächsten Tagen, als miede er geflissentlich ihre Lippen — gewisse Berührungen. An ihrem Staunen zuckte er dann jedesmal hämisch und häßlich vorbei. Einmal, Gesicht an Gesicht, nahm er ihre Arme sich vom Hals, dann brutal:

„Kann ich dich denn so küssen, wie ich möchte? Was sich mir in solcher Weise bietet, muß ich dagegen nicht das größte Mißtrauen haben?“

Es war nur wie Auf- und Abtauchen im Strom endloser Anbetung gewesen. Sie wußte kaum, was sie gehört. Begriff es erst allein in ihrem Zimmer ganz.

Ihr — das. Er konnte glauben, daß sie — nicht nur widerlich verseucht, auch noch hierher gekommen, um ... ihn ...

Das kam davon: sie kannte doch seine offene Geringschätzung der Frau. „Ich, als Orientale,“ pflegte er zu sagen, und erhob damit jede Privatroheit zur „Weisheit des Ostens“. Der Kult ihrer Persönlichkeit: eine dünne Schicht Laune nur, die sie von der großen Weiberverachtung — so lang’s ihm paßte, notdürftig schied.

„Und wie war das gewesen, das andere? Was sich mir solcherweise bietet: anbietet.“

„Mein Gott, in welchen Schmutz bin ich geraten!“

Sie warf alles in die Koffer, frug nach dem nächsten Expreß — er ging erst in zwei Stunden, verlangte die Rechnung. Rache war es, heimtückische Rache, weil sie ihn damals abgewiesen. Hierher geschmeichelt war sie worden, aufgespart für diese Schmach.

„Brangäne“ erschien mit Botschaft, sah die Koffer, eroberte das Telephon, beweinte, beschwor das Mißverständnis ... hielt die Fliehende ... bis die Tür aufflog.

Der letzte Verbrecher habe noch das Recht, vorher gehört zu werden. Er bitte von vornherein um Vergebung, wiewohl er nicht wisse, worin er gefehlt.

Ein Wink und Brangäne verschwand.

Ach so. Das. Habe er geirrt? Niemand könnte dann seliger sein wie er. Sie selbst — so großes Kind wie Dame, wisse vielleicht nicht einmal, was ihr unbehütet geschehen. Daß sie, ohne ersichtlichen Grund und ohne doch zu ihm zu kommen, plötzlich ihren Gatten verlassen, habe bei ihm Verdacht — Pardon: Sorge erregt — — aber nein, vor diesen feindseligen Koffern könne er nicht sprechen, und er gab dem nächsten einen Tritt.

So galoppierten sie spazieren, den Weg des ersten Morgens hinan.

Er leugnete gar nichts. Wurde einfach vorurteilsloser Naturforscher. Ob sie, leider sehr unpraktisch erzogen, ahne, wie viel namenloses sexuelles Elend es gerade für die Vornehmsten gebe. Da sei Vorsicht nicht beleidigend, sondern einfach praktischer Idealismus. Doch mit einem Lachen — einem klaren Wort von ihr, wäre alles abgetan gewesen.

Ja, er kam so sehr ins Recht, daß sie nur beschämt gestehen konnte, sie sei es eben noch nicht recht gewohnt, weil bisher in Gesellschaft ihre Tischherren gerade diese Frage nie an sie gestellt. Und ließ den Kopf hängen.

Ein erstes, leichtes Funkeln von Humor erlöste ihre Seele schon. Und schließlich: nachdem sie durch Gabriel in eine Sackgasse des himmlischen Jerusalem geraten, nun zurücktastend, bei diesem hier den Sinn der Erde suchte, durfte sie sich gehaben, erwies er sich gröber, rauher, als der sterile Ätherpfad.

Da schrak sie noch einmal zusammen.

„Ja, aber das mit dem sich anbieten,“ und trotz aller Anstrengung brach die Stimme doch.

Er konnte sich nicht fassen vor entzückter Heiterkeit. Er — er hätte das gesagt, der seit Jahren zum Monomanen geworden — an ihr.

Und plötzlich ernst: ja doch, er habe so was gesagt: daß sich ihm eine solche Erfüllung doch noch biete. ... Mißtrauen gegen das Schicksal habe er gemeint, einfach Furcht, weil es doch noch nicht erlaubt sein könne, so glücklich zu sein.

Dann mit Bitterkeit: Also gerade im Zartesten, im Bescheidenen werde er verdächtigt.

Schließlich voll Trotz: „Warum soll nur ich immer der Rowdy sein? Weil man in England Erpressungen an mir versucht und meinen Namen durch die Schandpresse gezerrt hat? Jetzt glaubt man mir alles zumuten zu dürfen.“

Sie standen auf dem Hügel, er wies ihr, wie am ersten Tag, seinen Besitz:

„Und wo das doch alles für dich ist. Und wo ich dir so lieb sage: I love you immensely ... und wo ...“

Dann aber wurde er verschlagen und schmunzelte das Feinste:

„Gnädige Frau müssen ein sehr schlechtes Gewissen mir gegenüber haben. Aber, ich stehe turmhoch über Ressentiments. Fast bin ich froh über dieses kleine Mißverständnis, das dich — verzeih — Tränen gekostet hat, denn ich habe daraus ersehen, daß du doch endlich wenigstens zu ahnen beginnst, was dir da blüht.“

Vor dem alten Landhaus irrte die Hörige wie gejagt. Beim Anblick der beiden lebte sie auf. Er nickte ihr leicht zu:

„Ich habe das Reh wieder eingefangen und zurückgebracht.“

Am Abend erschien Sibyl noch einmal in Schwarz und Silber, und diesmal wurden die Rappen ausgeschirrt.

Sechzehn Stunden lang küßten sie einander, ohne Pause, ohne Schlaf. Tatjana, vermeinend, ein Unglück sei geschehen, störte sie endlich auf. Aber immer noch war ein Schwert zwischen ihnen gelegen.

Jetzt hieß es, die Abendrobe verhüllt, in geborgten Schuhen in die Pension zurück — am hellichten Nachmittag. Das erste Renkontre mit der „Welt“.

Ein rasendes Gebelle und Gekläff war plötzlich ausgebrochen in dem abgesperrten Raum unter Ralph Hersons biologischen Versuchstieren. Im schneeweißen Sezierkittel kam er pfeifend angelaufen. Dann mit spitzbübischem Gefunkel:

„Aufregung im Hundekotter, das Weibchen ist da.“

Und er sah mit Experimentier-Prüflust zu, wie sie es aufnehme.

Sibyl beeilte sich, Versuchskarnickel zu sein, gab eine so heitere und dabei verblüffende Antwort, daß er, in ruheloser Gier, sofort wieder den Hirnzirkus eröffnen wollte. In der Pension aber lag schon ein festlicher Brief für sie bereit und er begann:

„Wann wird uns beiden Je wieder hier auf Erden, Solch süße Stunde werden! Vergesset mein um keine Not, Süße, herrliche Isot.“

Andern Tags reiste sie — seufzend in die so lang vermiedene üble Stadt. Nun hoffentlich zum letzten Mal. Es hieß sofort ihre Ehe lösen, Ralph Herson Taten zeigen — diesmal. Ihr einstiges Schwanken gutmachen, denn er glaubte ihr noch nicht. Dieser Zustand war unwürdig, immer mußte ein Schwert zwischen ihnen liegen, ehe sie frei. Alles oder nichts, wie gut sie ihn begriff. Wie stolz es sie machte.

„Zeit, Zeit, das Kostbarste, wieviel meines Lebens wirst du noch vergeuden?“ hatte er gesagt. „Hätte ich dich doch mit fünfzehn Jahren gekannt, mit dir wäre ich sofort sogar eine katholische Ehe eingegangen, hätte ja gewußt, daß mir nie jemand besser gefallen könne, und besäße dich jetzt schon zum zweiten Mal in einem neuen großen, kleinen Mädchen.“

„Willst du denn ein Baby von mir?“

„Eins ist doch gar kein Ausdruck. Sechs will ich von dir haben — vorläufig.“

„Wie lang dauert eine Scheidung?“ frug sie den alten Familienanwalt.

„Ein Jahr. — Ist gar kein Hindernis (aber das gibt’s ja nicht) und schiebt man gewaltig an, ein halbes — vielleicht.“

Sie erschrak. Wußte, sehr weltfremd, in diesen Dingen nicht Bescheid.

„Welche Gründe übrigens? Falls Sie nicht auf Ehebruch besonderen Wert legen, der allerdings das Sicherste und Schmutzigste — auch Billigste ist, bleibt nur ‚unüberwindliche‘ Abneigung. Die muß aber bewiesen werden. Ich hoffe, Ihr Mann hat Sie vor möglichst vielen, einwandfreien Zeugen wiederholt angespuckt, blaugeprügelt — ärztliches Attest erwünscht — und mit den unflätigsten Ausdrücken belegt, ‚Hure‘ ist gut. Auch alle Komposita mit Sau ... Also bringen Sie mir das Material.“

„Niemals, wir sind doch zivilisierte Menschen.“

„Das Gesetz hat nichts mit dem zivilisierten Menschen zu tun.“

„Wenn aber zwei mündige Leute auseinander gehen wollen ohne Aufsehen, brauchen sie da nicht bloß ihren gemeinsamen Entschluß irgendeiner Behörde zu melden, und die Sache ist erledigt? Das Gericht hätte doch nur gefragt zu intervenieren, wenn es sich eben um Schlichtung von Streitigkeiten handelt, kurzum zu helfen, sollte man meinen.“

„Meinen Sie,“ sagte der Alte.

„Auch bin ich schon zwei Jahre von meinem Mann getrennt.“

Da belebte er sich. „Nie dazwischen in seinem Haus gewesen?“

„Ja, doch nur um meines kleinen Mädchens willen, damit dem Kind das Wissen um den Konflikt erspart bleibe.“

„Schade,“ sagte der Alte, „sehr töricht.“

„Aber“ — Sibyl war außer sich — „wenn drei Menschen ihre privatesten Privatangelegenheiten ordnen wollen: anständig, reinlich und ohne die einzige köstliche Spanne Glücks dabei zu versäumen — —“

„Ausgeschlossen,“ sagte der alte Anwalt, denn er war mosaischen Glaubens.

Sie schüttelte seinen ranzigen Jargon ab:

„Wenn also eine Frau in Yokohama von jemandem ein Kind bekommt, deren Mann in Berlin ist, und der in Yokohama, sowie die Frau bezeugen es beide, und der Yokohamaer will sein Kind haben und anerkennen, während der Mann in Berlin keinen Wert drauf legt — ist es dann automatisch durch Fernverkehr doch sein Kind — auf Jus?“

„Natürlich. Außer, der Gatte klagt auf Ehebruch, und dann wird im laufenden Verfahren schon ganz von selber eine großmächtige Schweinerei draus.“

„Welch prächtige Einrichtung,“ sagte Sibyl.

„Nun, dies eine Mal nur — dann mein Leben lang nichts mehr von Gerichten.“

Da setzte Dr. Lederer einen zweiten Zwicker auf, um sie mitleidig anzustarren.

„Jeder Tag ist verloren ohne Liebe,“ hatte er beim Abschied gesagt. Sie ging auf alles ein, nahm die Schuld „böswilligen“ Verlassens auf sich, trat durch Schenkung einen Teil des väterlichen Erbes an Charmion ab, Ralph Hersons Frau würde es entbehren können. Ihm Zeit ersparen war wichtiger. Gabriel, fanatisch und bigott verwildert, stellte immer bösere Bedingungen, nicht um sie erfüllt, um die Scheidung abgebrochen zu sehen. Ihm schien seine Frau, der gefallene Morgenstern — ein brünstig gewordener Seraph. Nur um Charmion rang sie mit ihm. Einen Teil des Jahres mußte ihr das Kind verbleiben. Er ging darauf ein mit einer Klausel: so lang ihr Wandel einwandfrei. Das ließ sich unterschreiben.

Ralph Herson traf sie in Paris, Venedig, Rom. Sein Heim mochte sie nicht als Gast, erst als Dame des Hauses wieder betreten. Warum er sich nicht lieber in England einen Landsitz errichte, als am ligurischen Strand?

Er wehrte erschrocken ab: „Unter solchen Gesetzen leben.“

Sie dachte an Wildes Schicksal, gab ihm recht.

Auch war das Land so wundervoll, auf dem er zu bauen gedachte.

„Ich hätte dich gerne gleich in ein fertiges Haus gesetzt, doch auch so ist es gut, nun magst du mitbestimmen.“

Hatte Bilder, Bronzen, edle Stoffe in vielen Jahren vorausgesammelt. Die alte Landvilla war vollgeräumt wie ein Museum.

„Daß ich jetzt nicht nach meiner innersten Art schenken kann,“ sagte er einmal trotzig, als sie durch die juwelene Rue de la paix gingen — „es demütigt mich. Da ich aber das schönste lebende Material verschmerzen mußte, verrannte ich eben meine Mittel in Totes —, und so wird es am Ende von mir heißen, daß ich geizig bin.

Wie — wie soll ich dich jetzt würdig genießen?“

Nun, so weit es an ihr lag, sollte auch der anspruchvollste aller Sinnenprinzen nichts zu vermissen finden. Sie bot ihm jenes letzte Zusammenspiel der Tadellosigkeit zu allen Stunden, das nur in Nerven anspannender Mühsal, um ein Vermögen bei den ganz großen Couturiers, erreichbar ist — für Wenigste. Fuhr manchmal eigens über den Kanal, um ein tea gown, einen Hut. Schade, daß ihre Mittel nicht so unbegrenzt. Doch nur ein einziges Mal versuchte sie zu sparen.

Es war in Rom. Am nächsten Abend sollte er eintreffen, ein Märchengewand, von Fortuny, lag schon bereit, da sah sie ihren Kontoauszug durch — und erschrak. Scheidung, Schenkung, Reisen, der vielfältige Luxus, den er als Ästhet brauchte zum Genuß, hatten mehr verschlungen, als sie geahnt. Was für Schuhe zu dem graugoldenen Nebelgewebe morgen? Roter Saffian, geschnabelt, und im Schnabel oben hängend, eine schwarze Perle. Der Kontoauszug. Sie seufzte, und verzichtete weise, doch bedrückt, auf die schwarze Perle.

Nach Stunden erschöpfender Pflege war sie pünktlich zur Minute — er liebte Warten nicht — im großen Vestibul: dem Treffpunkt. Wartete. Ging auf und ab. Ging ans Klavier. Spielte. Nacheinander gespannt, erregt, beflügelt, besorgt, enttäuscht, leer und namenlos zermartert. Drehte endlich mutlos der Treppe zu. Da kam er, verschlagen und selig, hinter einem Pfeiler hervor:

„Ich habe mir gedacht: erst schau’ ich, macht sie ein gar zu böses Gesicht, schleich’ ich mich wieder weg.“

Hatte unbemerkt in ihrer Art zu warten geschwelgt, und wie man ihn vermißte.

Sie umflammend, nahm er oben im Schlafgemach das Saffianschiffchen am Ende des feinen Seidenbeines an sein Herz, küßte die rote Spitze.

„Wäre ich reich, hier hinge morgen eine schwarze Perle — riesengroß.“

Dies: „wäre ich reich“, scherzend nannte sie es: seine irreale, hypothetische Periode. Doch das Festliche des Wiedersehens war für diesmal verdorben. Der nächste Kontoauszug blieb uneröffnet. Das Sparen hatte er ihr somit abgewöhnt und gründlich.

Wie sie ihn begriff, in der Ganzheit ihres Herzens, daß er den Anspruch höher trieb und höher: in die Grenzen des Unmöglichen hinein und, wenn ihr die Erfüllung doch gelang, wie war er voller Dankbarkeit:

„Endlich, ohne Surrogatempfindung lieben können, welche Erlösung. Wieviel Enttäuschungen habe ich schon an Frauen erlebt.“

Der Kult ihrer Persönlichkeit steigerte seine Härte gegen alle Anderen. Gern übertrieb er dann den Physiologen durch Kraßheit der Diktion:

„Jede Frau sollte man eigentlich, hat sie ihr Erstgebornes abgestillt, erschlagen, als für den Mann erotisch nicht mehr brauchbar und überflüssig für das Kind. Güte, Rücksicht, Großmut, Treue: alles Männerart, ob eine Frau einen wahrhaft liebt, weiß man ja erst, bis sie sich für einen umgebracht hat.“

Sibyl grübelte:

„Hat er das wohl auch seiner achtzehnjährigen Frau, der schwer hysterischen, gesagt, eh’ sie ins Wasser ging?“

Da ihnen die letzte Erlösung versagt war, übertrieben sie die periphere Lust. Glitt er nach endlos verküßten Nächten aus ihren Gliedern auf, stand ihm, dem Mann — ganz Rom — Paris — Venedig zur Erfüllung frei. Sie: die Dame, lag da, mit hilflos aufgewühlten Adern ohne Frieden, ohne Schlaf — nur Arbeit noch vor sich. Da warteten Werke seines engsten Faches neben dem Bett. Sie griff danach. Nichts gab es zwischen Himmel und Erde, über das er nicht plötzlich mit ihr zu sprechen begehrt. Dann schrak sie auf zum Morgenritt mit ihm, zu Dauerläufen durch Ausstellungen, Museen. Tage preßte er in Stunden — klagte: wir haben Jahre versäumt. Sein schnellstes Tempo ging er neben ihr: zur Probe, denn über alles beglückte ihn, was er die höherwesige Anmut ihres Ganges nannte, und dies auf Erden unbekannte Gleiten im kleinsten Schritt. Schlief er bei Tag, hieß es: sich umkleiden von Kopf zu Fuß, nach dem sechsfältigen Fächer täglicher Mondänität die Linien wechseln.

Als Physiologe studierte er den auserlesenen Organismus seiner Dame stolz, wie wenig Nahrung sie bedürfe — welch guter Motor sie sei —, wollte die Grenzen ergründen. Sie wußte kaum mehr, wie sie leben sollte.

Seine Gier, sie auszukosten, war ohne Maß.

Man trennte sich am Bahnhof. Nach letztem Abschied sank die Zerliebte tief erschöpft in ihr Kupee. Endlich Frieden, seliges Nachgenießen ohne getürmten Anspruch, Qual der Hast. Da ging die Tür. Heimlich war er mitgefahren, stand stürmisch, in Erwartung einer Freude — die nicht kam, in ihr erblaßtes Gesicht. Ein Augenblick Verstimmung nur, dann flog die echte Sonnigkeit drin auf.

Er scherzte:

„Du bist mich noch nicht los.“

Um seine Miene aber lag gekränkte Männcheneitelkeit. Dann aber war’s ihm wieder recht, erhöhte irgendwie den Wert der eigenen Glut und paßte in das Liebesspiel der beiden.

Sie spielten Faun und weiße Prinzessin, Pan, der die Pranken um den Mondstrahl schlägt. Er wollte jenen Schmelz an ihr aus Eis und Honig, und daß es mit dem Eis begänne. So überflog er seinen eigenen Brand, blieb alleiniger Herr des Feuers. Ihre Wärme, ihre Liebe aber neckte er hinweg:

„Du wirst doch nicht etwa ein Herz — so ein ganz gemeines irdisches Herz vortäuschen wollen, das, womit wir Menschen lieben. Auf den Mangel dieses Organs habe ich immer das entzückende Untergewicht meiner großen Fee geschoben.“

Er korrespondierte mit ihren Füßen, mit jedem Glied.

Seine Briefe schwollen jetzt zu Broschüren an, kamen zusammengeheftet und mit der Maschine geschrieben. Sie vermißte den stilisierten Eigensinn seiner breiten Feder. Damit, aus dem Papierkorb heraus, hatte es ja begonnen. Ihr war: geliebte Schrift in die Augen empfangen, sei ein sublimer Eros, und sagte es ihm auch.

Er bat: „Ich habe dir doch unaufhörlich Zehntausenderlei zu sagen — und endlich darf ich auch — die Feder ist viel zu langsam.“

Sie einigten sich. Den Inhalt gab sie der Mechanik preis, Nachschrift (eine mindestens) und Kuvert sollten der lebendigen Hand verbleiben.

Dafür bat er sich leihweise all seine Briefe aus, von jenem frühen, mit dem Antrag angefangen, damit er sie kopiere, fürs Archiv — um einst zu sehen, „wie alles ward.“ Wollte alles besitzen, was sich auf ihr gemeinsames Schicksal bezog.

Das „laufende Verfahren“ zog indes seine Schleimspur durch die Monde. Versöhnungsversuche, Verhandlungen, bei denen maßlos angeödete Leute in schwarzen Babykleidern schamlose Dinge fragen mußten, die sie nichts angingen, um Antworten zu erhalten, die notgedrungen Lügen waren. Es hieß „Erhärtung des Tatbestandes.“

Seit die Scheidung im Gang, wollte Ralph Herson nicht mehr ohne sie sein, fuhr einfach mit.

„Jetzt kann nichts mehr geschehen, vor einer Ehebruchsklage deines Mannes bin ich sicher.“

Angenehm war es ihr nicht, hetzte er sie hier, von allen gekannt, an seiner Seite durch die Straßen der Stadt.

Man klebte förmlich vor geblicktem Schmutz.

Ralph Herson staunte, wieder ganz Edelanarchist, über solch kleinliche Scheu bei einer so großen Dame. War auch sonst schwarz gelaunt und von wahnwitzig gereizter Höflichkeit. Sie befragte Tatjana.

Es sei um der Besitzungen bei Genua willen. Eben böte sich Gelegenheit, den Grund aufs Wertvollste zu arrondieren. Dann wäre man auf viele Kilometer im Umkreis für alle Zeit gesichert vor Fabriken, Lärm und Unflat. Doch müsse Ralph ihretwegen jetzt seine flüssigen Mittel für den neuen Bau bereit halten. Sibyl ließ sich die Summe nennen, bot sie ihm — war es doch für ihr künftiges Heim — diskret, fast en passant, als Darlehen an. Er brauste auf. Nach gutem Zureden ging es aber dann doch. Solche Gelegenheit kam ja nicht wieder. Er trug ihr einen Schuldschein an, die ganze Summe nach zehn Jahren rückzahlbar, die Zinsen zu jedem Quartal fällig.

Sie setzten es zusammen auf und lachten sehr.

Es ergab sich, daß der Millionärssohn in diesen Dingen ein weltabgeschiedener Gelehrter war, und gestand das auch freimütig zu. Da ihn dergleichen ekle, regle stets der Prokurist des Hauses Herschsohn alles Geldliche für ihn. Und so vergaß er denn auch richtig das mit den Zinsen hineinzunehmen. Sie mochte ihn nicht mahnen. War es nicht gleich? Die Flüssigmachung der Summe gelang nicht ganz leicht. Sie mußte Effekten ungünstig verkaufen, andere belehnen lassen, denn er brauchte die Summe gleich.

Rührend, wie chronisch er wieder sparte, an kleinsten Dingen, der große Herr, der Forscher und Ästhet, als wären sie von Belang. In Venedig hatte er mit dem Gondolier um eine halbe Lira einen Auftritt. Mitten im Kreis der Gaffer ließ er seine Dame stehen. In einer Wallung Zorn, Verachtung fast, griff sie bereits zur Tasche, dem Schiffer ein Geldstück hinzuwerfen und ihres Wegs zu ziehen. Da schoß ihr die Scham ins Gesicht.

„Es ist für mich — für unser Heim.“

Und wartete geduldig im Kreis der Gaffer, bis Fahrgast und Führer sich auf fünf Soldi geeint.

Endlich kam der letzte Verhandlungstag. Die Erniedrigung schien ausgelitten. Sibyl atmete schon auf, da stand plötzlich wieder ein neuer Jude da und sagte, er sei Ehebandsvertreter und von Staats wegen bestellt, auf alle Fälle dagegen zu sein. Nichts war ihm recht, nichts ließ er gelten. An „unüberwindliche Abneigung“ glaubte er so wenig, wie an böswilliges Verlassen. Riet im Gegenteil den anwesenden Parteien dringend zu neuerlichem Geschlechtsverkehr, von dem er sich viel erhoffe. Während sein eingespeicheltes Wohlwollen bewies, wie doch selbst so gewissenhaft geführte Verhandlungen gar nichts Trennendes zutage gefördert, das zu einer Scheidung berechtige, streifte Sibyl ganz langsam den Handschuh ab, betrachtete, Tiefes sinnend, die kleine Narbe am Gelenk, sah dem Ehebandsvertreter dann plötzlich mit solcher Kraft des Hohnes in den Mund, daß er zwar noch alberner wurde, von den dösenden Richtern jedoch nur ein Probejahr verlangte, statt zwei. Es nützte ihm aber nichts. Die Ehe wurde getrennt.

Also frei. Sie dankte ihrem Anwalt, sprach ihm, zum ersten Mal, von neuer Bindung.

„Ausgeschlossen,“ sagte der Alte — „erst in sechs Monaten — als Frau. Nur der Mann kann sofort wieder heiraten.“

Da verlor sie zum ersten Mal den Mut, stammelte:

„Und wann — wann dürfte sie ein Kind ...“

Der Alte kam ihr zu Hilfe, hatte dieses hohe, zartfremde Wesen lieb gewonnen, das da hilflos in seiner Kanzlei sich die Flügel zerstieß, und dem er als Baby einst das schmale Goldhaupt geküßt.

„Kommt das Kind ein Jahr nach erfolgter Scheidung zur Welt, gehört es der Ehe nicht mehr an, kann aber ohne weiteres durch eine andere Heirat legitimiert werden, die allerdings erst sechs Monate nach erfolgter Scheidung geschlossen werden darf.“

Sibyl war ganz perplex über die klare Antwort. Mochte der Inhalt auch Unsinn sein, man wußte wirklich, woran man war.

Wie zart, wie gut von Ralph Herson, daß er nie frug. Die ganze rechtliche Kloake vornehm ignorierte, durch die sie gemußt, um ans andere Ufer hinüber zu kommen, zu ihm, wie er gewünscht.

„Mein Wunderwesen vermag so wonnevoll leicht aus diesem trivialen Leben zu entgleiten,“ sagte er nur.

Und nach einer Pause:

„Daß wir sofort nach deines Vaters Tod uns wiederfanden, es ist, als hätte er dich irgendwie mir sterbend anvertraut, daß dir nur nichts geschehe.“

Sie sprachen nie von Täglichkeiten. Gewiß wußte er gleich ihr juristisch Bescheid. War die peinliche Wartezeit um, erledigte man eines Vormittages obenhin und möglichst in der Stille, was der Gesittung und der Kaste zukam.

So strichen noch drei Monate unter Qualen an den Grenzen der Erlösung hin, die heilige erste Flamme sollte erschaffen dürfen, nicht in Halbheit erstickt, verschwälen.

„Dir will ich meine ganze Liebe und meine ganze Zärtlichkeit auf einmal geben.“

Und ging aus ihren Armen zu Gleichgültigen. Konnte sie denn ein Jahr Askese von ihm verlangen — ja, nur wünschen?

Doch nun. Immer öfter, tiefer, sahen die mächtigen braunen Augen in ihr Herz und klagten:

„Begeisterung ist keine Heringsware, die man einpökelt für mehrere Jahre.“

Und die silberne Locke auf dem dunklen Greifenkopf im Spiegel angeseufzt, hieß:

„Ich bin nicht mehr so jung, wer weiß, wann die mächtige Flamme erlischt.“

Sollte noch mehr Leben und Glück vergeudet werden, um einer leeren Formalität willen, die ja in wenig Monaten nach Belieben nachzuholen war?

Und so geschah es. Manisch, brutal, nur einem Zwecke zu. Sie dachte:

„Daß er mich nicht nachher noch an den Füßen aufhängt, wie die Tartarenkhane ihre Weiber, ist alles.“

Er vertröstete: „Dann, ist das große Ziel erreicht, alle Orgien der Welt.“

Sie war wie eine Gefangene. Und doch tat er, als glaube er ihr das Kind nicht. Nur ein einziges Mal hatte sie davon gesprochen, wie eine Frau die Sekunde wisse, wann es in ihr um einen neuen Kern zu kreisen begänne, als du im ich. Wie das Empfinden da gleichsam blitzhaft zucke, her und hin, mit erstem Gruß und Gegengruß.

„Hysterische Faxen,“ hatte er gelacht, „mir, als Physiologen, macht man nichts weis. Sicher sind erst die Herztöne.“

Nun würde sie schweigen bis zu den Herztönen. Fuhr trotzig zu Charmion, das Kind mit sich in die Berge zu nehmen, verschmachtet nach Freiheit und Bewegung. Glitt auf Skiern ins Blaue über Wächten — da es ja doch nur „hysterische Faxen“ waren. Auch hatte er noch etwas gesagt, das sie verdroß und trotzig machte.

„Ich bin nicht mehr jung. Vom eugenetischen Standpunkt aus hätte ich eigentlich mit einer Sechzehnjährigen zeugen sollen.“

Sie hatte gelacht: „Recht aneifernd für mich.“

„Seine schöne Offenheit,“ fuhr Tatjana demütig dazwischen, „wie wunderbar objektiv er immer ist.“

Die Frau hatte ein hündisches Geschick, alle peinlichen Tatsachen um ihn zu verwedeln. So ertrug er — voll Sehnsucht nach Ebenbürtigkeit — doch kein freies Wort mehr, nur kritiklose Unterwerfung, unbewußt gewohnt, seine Umgebung ausschließlich von dem Gesichtspunkt zu wählen, sich ungestört überschätzen zu können.

An die „Krönung seines Lebens“ schien er wirklich noch immer nicht zu glauben, hätte er sonst von ihr, in diesem Zustand, Geld verlangt?

Natürlich nicht „verlangt“, eben nur angefragt, ob man nicht für ihren Baderaum jetzt einen Marmorblock kaufen solle — in Carrara sei ihm ein besonders schöner preiswert angeboten — käme sie aus den Bergen zurück, führe man zur Besichtigung hin. Auf alle Fälle möchte er die Summe als Scheck schon jetzt haben.

Sibyl wußte nicht so ganz genau, was ein Scheck sei, schämte sich, tief schüchtern, zu fragen, fürchtete Spott. Begriff nur, daß es sofort bares Geld bedeute, sagte nun zwar ja, später aber fiel ihr ein, er brauche die Summe ja nicht gleich, so könne sie neuerliche Belehnungszinsen bei ihrer Bank indessen sparen. Hatte Angst davor, seit dem letzten Mal. Diese ewigen Belehnungen zehrten zuviel auf, und Ralph hatte ja in seinem Schuldschein die Zinsen vergessen, so trug sie alle Lasten für ihn allein.

Ein bitteres Schreiben flog ihr in die Berge nach. „Geld“, als Wort, kam natürlich nicht vor. Er umschrieb es:

„Dein Benehmen gegen mich verschlechtert sich rapid. Du hältst Abmachungen nicht und bringst mich dadurch in peinliche Abhängigkeit. Hättest Du Deine Zusicherung aus irgendeinem Grund nicht halten können, es spielte gar keine Rolle, was wäre Finanzielles zwischen uns, nur in der Nicht-Mitteilung erblicke ich eine äußerst verletzende Geringschätzung meiner Person, um so weniger erträglich an jemandem, den man so sehr um guten Benehmens willen liebt, die ganze Natur hat sich da gleichsam so ‚gut benommen‘. Und all das — mir, der ich Dir eine Liebe entgegenbringe, wie sie nur noch im Märchen vorkommt.“

Ihn an die vergessenen Zinsen gemahnen: den wahren Grund des Aufschubs — niemals. So schickte sie zwar sofort die ganze Summe, doch kommentarlos, nahm lieber den Schein der Rücksichtslosigkeit auf sich, sein Gentlemantum zu schonen.

Wäre nur die erdenschwere Pein der nächsten Monate schon vorbei. Wie würde der Ästhet Entstellung ertragen? Was anderen fast verborgen, war für sein an Vollendung verwöhntes Auge bereits degoutant. Nie durfte der Vater Herschsohn nach Genua kommen, alte Leute duldete er nicht um sich, sein Kind mit Tatjana wuchs in Instituten auf, weil es unschön ausgefallen war. Das leichteste Unwohlsein schon galt als Schande. Welcher Jammer, als sie einmal die Spitze eines Fingernagels brach. Andern Tags kam er halb scherzend mit einem Formular von Lloyds angelaufen: „Wie Paderewski jeden Finger, so laß ich jetzt jeden deiner Fingernägel versichern.“

Oben kritzelte er etwas mit Bleistift, unten mußte sie wahrhaftig mit Tinte unterschreiben.

Man fuhr nach Carrara, nach San Gimignano, nach Ravenna, man fuhr, man fuhr ... Endlich war selbst er, der Unermüdliche, müde und die Zeit ihres freiwilligen Exils von seinem — ihrem Heim zu Ende.

Nur mehr wenige Wochen dort, als sein Gast, ein „gravider Gast“ allerdings, dann: Dame des Hauses. Alles Falsche, Schiefe, der Kaste unwert, war überwunden.

Endlich ein Heim haben. Sie fühlte, wie sich Tränen in ihr erzeugten, während der staubige, kleine Waggon gegen Padua holperte. In ihrem Schoß lag der dunkelhäutige Greifenkopf, den sie betreuen durfte, in tiefem Schlaf. Götterfrei weidete ihr Auge auf ihm in befiederter Erwartung eines namenlosen Glücks. In einem dichten Lichte schwamm ihr Herz. Ergriffen sah sie auf. Da, gleichsam geformt aus diesem Glück, zogen vor dem großen Glaswagen zwei wundervolle Menschenangesichte langsam und lautlos an ihr vorbei, wie eine ungeheure Erweiterung der eigenen Seele.

Die Versuchstiere waren fort aus der alten Landvilla, als sie ankamen. Wie lieb. Sie dankte ihm.

„Ich sagte dir ja vor Jahren schon, eine Zeit käme, wo ich das Tierexperiment zeitweise entbehren könnte.“

Hinter seinem breitweggerollten Mund lagen die schöngesetzten Zähne fest aufeinander.

Sibyl war morgens beim Arzt gewesen, hatte sich die Herztöne bestätigen lassen, nun waren es keine „hysterischen Faxen“ mehr. Nachmittags fuhr er in die Stadt zu seinem Anwalt. Kam spät nachts zurück. Ließ sie zu einer Unterredung in sein Arbeitszimmer bitten. Er liebte Form. Schon im Nachtgewand, kleidete sie sich nochmals sorgfältig an, wie zu einem kleinen intimen Souper, trat ein. Er rückte einen Klubsessel beflissen zum Schreibtisch, das undurchdringliche Gesicht lässig neugierig gespannt über der kerzensteifen Hemdbrust. Nahm dann eine frische Feder, prüfte die Spitze, legte sie ihr hin wie zu einer kommenden Unterschrift, entfaltete ein Dokument. Begann zu lesen. Es war ein Ehekontrakt.

Nein, eigentlich mehr ein Scheidungskontrakt. Ihr Vermögen und ihr künftiges Kind verblieben auf alle Fälle ihm, während er das Recht haben sollte, sie jederzeit entschädigungslos auf die Straße zu werfen. So ungefähr klang der verschleierte Sinn hindurch.

Sie saß ganz still. Alle Wirbel begannen zu zittern. Tief innen zuckte sein Kind.

Er erläuterte:

„Es war recht schwierig, das in rechtsgültige Formen zu bringen. Nach diesen lächerlichen gynäkokratischen Ehegesetzen, denen ich mich niemals unterwerfe, hätte ja meine Frau bei einer Trennung den Anspruch auf den vierten Teil meines Vermögens. Gegen solche juristische Attentate auf meine materielle Freiheit muß ich mich zu schützen suchen, und mit etwas gutem Willen und einem guten Advokaten läßt sich viel machen, also bitte zu unterschreiben. Es ist das wie ein Sicherheitsgürtel, ehe man sich auf hohe See begibt. Gerade weil du ja hoch über den selbstischen Interessen der gemeinen Weibchen stehst, liegt deiner Unterschrift nichts im Wege.“

„Vielleicht die Selbstachtung,“ sagte sie leise.

Es waren zwei Dokumente. Im ersten mußte sie ihm eine phantastische Summe, viel größer, als ihr tatsächliches Vermögen, als Mitgift zubringen. Das zweite, weit vorausdatiert, enthielt das Geständnis eines Ehebruches — aber, da verstand sie schon nicht mehr ganz — offenbar irgendeiner Infamie, die sie völlig in seine Hand geben sollte. Ob das alles wirklich rechtsgültig — ob es auch nur möglich, was ging es sie an. Ihr Gehirn stotterte nur in einem fort:

„Die ersten Herztöne seines Kindes benützt er zu Erpressungen.“

„Zu Erpressungen, die Not, in die er mich durch Vertrauensmißbrauch gebracht.“

„Wie eine Alimentenjägerin behandelt er mich. Aus Angst vor dem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestmaß an Anstand.“

„Mein Gott, nur heraus aus diesem Schmutz.“

Dann stieg langsam eine ungeheure Empörung in einer Welle von Rot auf. Sie erhob sich, ging zur Tür. Wenn nur die Stimme jetzt noch hielt, ohne zu brechen:

„Jemand, mit dem man erst einen Vertrag schließen muß, — mit dem schließt man auch keinen Vertrag mehr. Wie den Möbel-, den Marmorlieferanten, versuchen Sie nun auch der ‚Kinderlieferantin‘ nachträglich Abzüge zu machen? Einen Märchenprinzen glaubte ich zu finden und finde — Leiser Herschsohns Nachfolger.“

„Ganz wie gnädige Frau wünschen. Ich möchte nur konstatiert wissen, daß ich die Eheschließung wollte, die Sie — in der beleidigendsten Form — abgelehnt haben. Für weitere Konsequenzen bin ich demnach nicht mehr verantwortlich.“

Sie wollte an ihm vorbei. Er vertrat ihr die Tür. Seine ungleichen Augen genossen die Situation. Dann mit wohlwollender Tücke:

„Nun, vielleicht wäre die Klausel mit dem Kinde unnötig gewesen, es verbleibt mir ja auch so. Wenn du dich um dieses Künftige so wenig kümmerst, wie um Charmion — das genügt mir vollkommen.“

Auch das noch. Für ihn, um ihm andere schenken zu können, hatte sie unter bittersten Kämpfen auf das Arielwesen zum Teil verzichten müssen. Selbst daraus wurde ihr noch der Strick gedreht.

Menschenscheu, ganz allein, irrte sie von Stadt zu Stadt. Sprach durch Monate kaum ein Wort. Mied Seen, Brücken, Felsen. Einmal, in Madrid, war im Hotel nur noch ein hochgelegenes Zimmer frei.

„Nicht im vierten Stock, ich will nicht an dieser Bestie zugrunde gehen.“ Ganz laut geschrien hatte sie es wohl, die Leute schienen so verdutzt.

Nein, diesen Triumph befriedigter Eitelkeit sollte er nicht haben.

Ballten sich in ihr die kleinen Gliedmaßen und schlugen nach oben aus, gegen das Herz, begann sie zu rennen. Ins Freie. Hielt das Bewußtsein mit aller Kraft noch auf Armeslänge von sich ab. Stetig umkreiste es sie in unsichtbaren Sprüngen nach ihrer Kehle. Sie zählte krampfhaft, immer noch bis zehn, und dann noch bis fünf, um es wegzuhalten. Plötzlich, ein Moment inneren Erlahmens: da sprang es ihr an die Gurgel. Sie spürte den stinkenden Hyänenatem der Schmach. Ihre Wirbel zitterten vor Wut.

Im Gral ihres Wesens kreißte also die Jauche eines Wucherers. Was Niggergier in sie hineingespien durch Vertrauensmißbrauch ohnegleichen, sollte sich Leben ermästen dürfen durch sie.

Mutterinstinkt! Über nichts wurde wohl so ausdauernd, feig, schamlos gelogen, und gar von niemandem so heuchlerisch, wie vom Mann.

Das könnte ihm gefallen, den viehischen Bruttrieb als „heilige Pflicht“ ausplärren: als weibliche „Natur.“

In der Natur kann eine Löwin ihre Jungen auffressen oder liegen lassen, ohne daß die Vormundschaftsbehörde sich einmischt, sie vor die Wahl Ächtung oder Zuchthaus stellt. Das ist Natur: frei sein, zu gebären, frei das Geborene zu vernichten.

Wie, jeder Instinkt sollte sich veredeln, erhöhen dürfen, und nur die Schwangere wahllos, bestialisch bleiben müssen? Wahlloser Muttertrieb so verächtlich wie wahlloser Geschlechtstrieb! Wie aber könnte die Ärmste echt von falsch erkennen, ehe sie den Mann „erkannt“. Da erst fällt die Maske. Erst da weiß sie, was sie empfängt.

Das Gesetz. „Wer sich Infamem beugt, wird selbst infam.“ Nein, dies Kind würde sterben, ausgestoßen werden — reuelos, sie selbst aber leben, jetzt gerade.

Und dann schlug sie das Gesicht in die Hände und hoffte, daß ihr das Herz bräche.

Wie sie crude geworden war. Wie sie sich verrohen fühlte in dieser Hölle. Wo war die Zartheit, wo die Scheu? Wo das reine und kühne junge Wesen, dem selbst im Straßenschmutz der Saum des Schuhs noch ohne Makel blieb? Das Ärgste am Unglück war nicht, daß es unglücklich, daß es so schamlos machte.

Und nun begann das Pendel langsam zurückzuschwingen aus dem höchsten Haß. Sie litt so sehr, daß sie nach ihrem eigenen Unrecht suchte.

Zwei, drei, vier Stimmen erhoben eine bebende Litanei: rechtfertigend, beschwörend, ringend, hadernd:

„Du Philosophin, du neunmal Weise. Es wird ein Mensch doch nicht plötzlich zur Bestie, zum Verbrecher?“

„Nein, denn er war es stets, läßt nur die Maske fallen, sobald nichts mehr herauszuschinden ist.“

„Bedenke, er war Erpressungen ausgesetzt. Verfolgungswahn, nichts weiter. Er ist krank. Kann man nicht auch einen Kranken sehr lieb haben?“

„Krank? Ein recht gesunder Wucherer. Selbst aus Erpressungen, an ihm begangen, versteht er es noch Vorteile zu ziehen, markiert Verfolgungswahn, um seinen einfachsten Verpflichtungen heuchlerisch sich zu entziehen.“

„Und weiß nicht jede Pore deiner Haut von Liebe, wie sie nur im Märchen vorkommt?“

„Ja, solang’ es nur Vergnügen war. Zu einem Tee im Ritz reicht die Liebe, falls die Dame ihren beau jour hat und — den Tee bezahlt.“

„Weißt du denn wirklich, was er wollte in dieser schrecklichen Nacht? Hast du dich verhört am Ende? Warum nicht in Ruhe und Geduld den Kontrakt bei Tag noch einmal prüfen?“

„Aufs Nichtprüfen war es ja angelegt. Selbst um den ehrlichen Heiratsschwindel hat er sich noch herumzuschwindeln gewußt. Ist es nicht gerade meine Qualität, nicht pfiffig zu sein? Klugheit zu verachten? Oft genug schlich er sich mit Nachschlüsseln der Konversation in mein Innerstes ein, um das zu wissen.“

„Warum darfst nur du unklug sein, nicht auch er? Vergriff er sich nicht lediglich im Mittel? Durch deine Rechtlosigkeit solltest du ihm sicherer sein. Hat je eine Frau gezürnt, weil man sie angekettet, um sie besser küssen zu können.“

„Welch ein Arzt und Physiologe, der es nicht besser weiß, als eine gravide Frau zu beunruhigen? Anketten? Er läßt dich doch hilflos monatelang umherirren — ganz allein. Ist es nicht, als sehe man ruhig zu, wie ein Fieberkranker aus dem Fenster springt, und denkt dabei: ist er unten heil gelandet, wird er später schon wieder einmal depeschieren.“

Ach nein, alles hoffnungslos, und sie warf die Stimmen wieder in sich zurück.

Dann eine Pause bitterster Verliebtheit. Was war die ganze alberne Ethik gegen das Wehen seiner Haare im Wind!

Und nur einmal ist das da, in allen Ewigkeiten. Wenn ich an dem Kind sterbe, sehe ich das nie wieder. Wertlos alle Seelenwanderung für die Liebende. Denn steht er auf und hat nur ein Haar auf seinem Kopf anders wehen, so ist alles wie nichts.

Da schrieb sie ihm. Eine Zeile bloß:

„So hast Du mir in solcher Zeit kein einziges liebes Wort zu sagen?“

Keine Antwort. Plötzlich stürzte sie über seine Briefe her, ein Koffer voll, der sie nie verließ. Wählte nur mit der Maschine geschriebene. Ein unerträglicher Verdacht war in ihr aufgestiegen. Hatte seine schlaue und lachende Stimme nicht einmal zu Tatjana gesagt:

„Eigentlich sollte man dem Empfänger nur den Durchschlag schicken, so behält man das Original, das Ursprünglichere, Wertvollere für sich, und der Andere merkt es ja nicht.“

Sie prüfte genau. Ja, es waren Durchschläge. Und vernichtete nun alle: Blatt um Blatt.

Der berühmte Gynäkologe in Berlin sagte ihr nichts Neues.

Nach Charmions Geburt, als Fachleute dazukamen, war irgendein schwerer Kunstfehler begangen worden, weitere Kinder mußte das Messer ans Licht bringen, sonst starben sie ungeboren.

Das Schicksal gab ihr somit alles noch einmal in die Hand. Sie brauchte nur — nichts zu tun. Sich nicht rechtzeitig der Operation unterziehen; wer konnte sie zwingen? — und die Schmach war tot. Auf ganz korrekte Weise tot.

Eine Nacht lang rang sie nach Gerechtigkeit. Das Todesurteil über diesen Bastard zu verhängen, war ihr gutes Recht. Ja. Doch hat eine gravide Frau ein Urteil? Eine arme belastete Irre nur ist sie, mit verdrängten Nerven; ein Wesen mit verschobenem Kern. Wie, wenn sie erwachte, vom Druck befreit und die bös verzerrte Welt, die durch das Doppelich Gebrochene, war wieder eins und heil. Alles wieder gut, und jenseits der Nachtmahr stand der geliebte Mann, frei von Schuld, und zwischen ihnen lag das vernichtete Kind. Es war nicht auszudenken. Sie spornte sich an die Tat heran, wie an eine Hürde. Ein Bravourstück ihres alten „Noch-Nocher“. Sie mußte hinüber. Aber um Gottes willen rasch. Hinüber in die Gewißheit.

Auf seiner Klinik hatte sie eine letzte Unterredung mit dem Geheimrat. Beschwor ihn, sie nicht zu schonen, aber das Kind müsse leben, um jeden Preis. Stürzend durch die stechende Süße des Chloroforms, noch aus dem Abgrund herauf, lispelte sie durch das Zählen hindurch immer wieder: Telegramm, Telegramm. Hatte Auftrag gegeben, während sie noch bewußtlos, Ralph Herson sofort die Geburt des Kindes zu melden.

Lange war nichts. Vielleicht ein Jahrhundert. Dann wurde sie zur Erde, und ein Bergwerk voller Stollen hämmerte und zerriß dumpf ihr Inneres, riß durch alles durch und plötzlich rotierten vierzig Rasiermesser in ihr, Arzt und Wärterin hielten Arme und Beine. Nach vier grauenvollen Tagen und Nächten war die erste Frage nach der Post. Nein, nichts da. Ob sie das Kind sehen wolle, es sei ein so schöner Knabe.

Nein, die Post.

In der Klinik sprach man von nichts anderem. Diese fremdlinghafte Dame. Ganz allein. Flehte um die Operation und wollte dann nicht einmal ihr Kind sehen. Frug nur immer um ein Telegramm. Acht Tage, vierzehn Tage. Der Geheimrat stand vor einem Rätsel. Medizinisch ging alles bei dieser Vitalität ans Wunderbare grenzend gut, und die Patientin wurde immer elender. Aß nicht, schlief nicht, verfiel. Nach drei Wochen hieß es, ein Herr sei da, ließe diesen Brief übergeben, warte auf Antwort.

Sie schickte die Pflegerin fort. Legte die Wange auf den Brief und schloß die bebenden Augen. Streichelte ihn lange, öffnete endlich andächtig den Umschlag.

„Geehrte gnädige Frau,“ stand mit Bleistift, flüchtig gekritzelt. „Ich halte wohl eine Besprechung jetzt nicht für unbedingt notwendig und um so weniger dringlich, als ich selbst in hohem Grade der Erholung bedürftig bin. Eines ist aber doch vielleicht wichtig, und zwar eine unterzeichnete Erklärung Ihrerseits, daß alle nötigen Schritte getan werden, um mir die Vormundschaft über Ihr durch Kaiserschnitt von Geheimrat C. zur Welt gebrachtes Kind zu übertragen, ferner Ihres Einverständnisses damit, daß alle Abmachungen über Unterhalt, Aufenthalt, Aufzucht des Kindes zwischen uns, ohne Prozesse oder Geltendmachung rechtlicher Ansprüche Ihrerseits spätestens in zwei Monaten getroffen werden.

Hochachtungsvoll Ralph Herson.“

Kein liebes Wort. Keine Blume.

Sie klingelte und ließ ihn hinauswerfen.

Als er am nächsten Tag um eine Unterredung ersuchte, schickte sie eine Zeile hinaus:

„Nur noch durch den Advokaten.“

Und war dann lange Zeit schwer krank.

Oh, warum, warum hatte sie ihn nicht wenigstens angeschaut in der Klinik. Dann ihm die Tür weisen, aber erst sehen, wie es heller wird im Zimmer, wenn er hereinkommt. Nur eine Minute ihn sehen. Monate ließe sich’s wieder davon zehren.

Sie versuchte zu reisen. Umsonst. Jede Person Plage, jeder Ort Pest, wertlos jeder Weg, der nicht zu ihm führt.

Manchmal packte sie die Wut des Gradgewachsenen, den man krummgeschlossen hat. Es war ja nicht mehr Liebe, war Besessenheit, hatte er doch nicht geruht, bis jedes Stückchen seiner Haut unentrinnbare Macht der Erinnerung über sie gewonnen.

Nach zwei Monaten schrieb der alte Lederer, ein Dr. Kosches als Vertreter Ralph Hersons habe angefragt, ob und wann Verhandlungen über das Kind stattfänden. Also noch einmal in Tratsch und Schmutz dieser Stadt zurück. Immer noch besser als in andrer einem fremden Anwalt die Situation, in die sie gezerrt worden, erzählen müssen.

„Was wollen Sie?“ frug der Alte.

Sibyl saß mit Blut übergossen da.

„Haben Sie nicht sogar Vermögen bei der Sache zugesetzt?“ Er schüttelte den Kopf. „Vor allem heißt es schauen, das irgendwie herauszukriegen.“

Sie beschwor ihn, nichts davon zu erwähnen. Welch ein Niveau!

„Mag er es behalten! Auch nichts von seinem Geld oder seiner Person will ich, das er mir nicht aus freien Stücken bietet, aber ich verlange Eines als mein Recht: die meiner Kaste gebührende Form. Man kann jemanden auffordern, gemeinsam eine Reise dritter Klasse zu machen. Gut — dann weiß er es im voraus, kann mitfahren oder wegbleiben. Nicht aber geht es, jemanden in den Salonwagen zu laden, um ihn dann, ist der Zug in voller Fahrt, nachträglich in den Viehwagen zu stoßen. Ich verlange eine Scheinehe mit sofortiger Scheidung. Ist das Soziale erst in Ordnung, kann alles Menschliche wieder anheben oder zu Ende sein. Nach der Scheidung stehen wir aufs neue frei, ‚herrlich wie am ersten Tag‘ einander gegenüber.“

„Nebbich,“ sagte der Alte und begann eine Art Schlangentanz um seine Klientin zu vollführen.

„Ich sag’ Ihnen: Heirat um jeden Preis, welche Bedingungen die Gegenseite immer stellen mag, sonst verlieren Sie Ihre kleine Tochter — völlig, wegen der Klausel vom ‚makellosen Wandel‘. Kommt die Geschichte mit dem unehelichen Kinde heraus, hat ihr früherer Gatte das Gesetz für sich — ich höre, er wartet nur darauf. Also Achtung.“

Sie verließ ihr Hotelzimmer kaum mehr, ging erst in der Dunkelheit, Luft zu schöpfen, so sehr war ihr die neue Schmach ins Mark gefahren. Nur jetzt niemandem begegnen, mit niemandem sprechen müssen. Eines Tages schrillte das Telephon: Dr. Lederer erwarte beide Parteien in der Kanzlei um vier.

Nein, nein, erst morgen, noch eine Gnadenfrist! Jetzt war es Mittag. Schon um vier! Sie stand wie eine Gerichtete. Weinen wallte auf. Mit einem Schwung des Körpers warf sie sich flach auf den Rücken, daß ja nicht Tränen in die Augen stiegen, das Weiße trübend. Lag dann still und wartete. Kannte die geheimnisvolle Transfiguration durch die erregenden Ströme der Erwartung, wußte, wie sich Haut, Aug’, Duft, Haar wandelten, sich bereiteten; die letzten Stunden vor jeder Begegnung etwas Blumenhaftes, Durchscheinendes bekamen, das für ihn sich erschuf und mit ihm ging.

Aber was anziehen? Jede Modelinie war scheußlich oder entzückend, je nach der freiwilligen Einstellung auf sie, und in zeitlosem Gewand erschien man nicht in Advokaturskanzleien. Dieses Wetter dazu: einmal Regen, einmal Sonne — immer Sturm. Endlich schien wirklich nichts mehr auszusetzen, und völlig erschöpft, noch schwach von der Operation, ließ sich die Überreizte in einen Stuhl sinken, aufs Bett wagte sie nicht, des Hutes wegen, und fürchtete sich so, und wollte nicht fort, in das Lauernde hinaus. Doch auch hier im Sessel, mitsamt dem Sessel, zerrte sie ja die Zeit ebenso stetig und unerbittlich dem Schicksalsaugenblick entgegen.

Wie gut, daß die Kanzlei im dritten Stock lag. Jetzt noch zwei Treppen Gnade. Eine. Jetzt noch Stufen. Anläuten. Woher kannte sie dieses grüne Eis im Rücken so genau? Von der Abbitte im Tanzinstitut Wokurka-Crombée. Schon einmal durchlitten, also. Irgendwie wurde es viel leichter dadurch. Aus Dr. Lederers Privatzimmer kamen Stimmen — die seine. Sie lehnte den Kopf an die Tür. Einen Augenblick war alles Harmonie, Klarheit, Süße. Leuchtend trat sie ein, ganz Sicherheit und Anmut. Die Herren sprangen auf, man wurde also doch noch als Dame behandelt. Sie hatte noch so gar keine Erfahrung im Deklassiertsein. In einem Augenblick hatte er ihre Erscheinung ganz überschaut; wohin er auf sie blickte, war’s, als würden köstliche Früchte gestreut. Die Luft um ihn zitterte wie über einer Flamme. Dann senkte er die Lider, die sich wölbten von gesammeltem Triumph.

Gleich zwei Advokaten hatte er sich mitgebracht. Außer dem süßflüssigen Dr. Kosches einen, der aussah, als sei er wieder aus Amerika zurückgekommen. Ein gerupfter Nackthalsgeier, Norman Bleiweiß mit Namen.

Es ergab sich, daß alles ein Mißverständnis gewesen und er, Ralph Herson, den Eindruck habe gewinnen müssen, genarrt und verlassen worden zu sein, nachdem er sich in exorbitante Ausgaben für das künftige Heim gestürzt. Als milder Psychiater sehe er zwar manche Entschuldigung, das Vertrauen aber — ja, das müsse erst wieder verdient werden. Die bedingungslose Abtretung seines Kindes sei er gern bereit als erstes Zeichen beginnender Einsicht gelten zu lassen.

Sie saß zurückgelehnt und schwieg. Jetzt schoß ihr feurige Scham durch die Haut: Dr. Lederer hatte das Wort Heirat fallen lassen. Oh, in ein Mauseloch kriechen, noch lieber in seine Arme kriechen und ihn anflehen: „Schau, ohne dich kann ich schwer leben, ohne Selbstachtung aber doch gar nicht — mach’ ein Ende; keine Verhandlungen mehr.“ Und es fiel ihr ein, daß sie noch nie im Leben, an einer Schulter gelöst, hatte ruhen dürfen — in ihm ließ sich nie ruhen, so wenig wie in Gabriel.

Da kam seine verschlagene Stimme und log:

„Ich will nicht lügen. Erst Ehe, dann Scheidung aus ‚unüberwindlicher Abneigung‘ — aber ich scheine doch — ganz im Gegenteil — eine unüberwindliche Neigung für Frau Sibyl zu haben.“

Und streichelte lange ihren Namen und ließ ihn nur ungern.

Um eines Wortspiels willen sollte sie also für ihr Leben deklassiert bleiben. Als ob er nicht um ihre verzweifelte Situation wüßte. Welcher Hohn! Und weiter:

Ihm läge es ob, die Dame vor einer Mesalliance zu bewahren, und das sei die Eheschließung mit ihm: einem Juden, offenbar in ihren Augen, da sie dieselbe doch absichtlich verhindert habe, als er ihr den Ehekontrakt zur Unterschrift gereicht.

Sie saß ganz still, gesenkten Hauptes, trank seinen Umriß ohne hinzusehen und jede Pore schrie:

„Weiß er denn nicht: man ist eine Frau, man geht fort, weil einem das Fortgehen die Seele bricht und man bleiben will, und man ist eine Säule Stolz, weil man zerbrochen sein will, man zürnt, weil man lieb sein will, man leidet Jammer, Haß, Qual, weil man noch mehr geküßt sein will; noch besser gehalten, in noch härteren, lieberen Armen. Fester. Und spüren, tief in die Nüstern einziehen das, wo man hingehört. Er aber läßt es geschehen, daß meine gerechte Empörung mich wegträgt von ihm, und braucht nur einen Schritt zu machen und alle Stacheln schließen sich, und mein Herz ist eine wilde Rose der Lust und will nichts sein, als Haut unter seiner Hand. Er aber tut, als wäre Haß Haß und glaubt mir — der Heuchler. Doch lieber sterben, als es ihm sagen und die heiligen Spielregeln der Liebe brechen. Das ist das unbestechliche Erz an mir, denn ich bin eine Frau.“

Jetzt hörte sie seine kühle Infamie ganz zu Dr. Lederer sich wenden, vertraulich, als wären die Herren unter sich:

„Ich bin, wie Sie sich denken können, schon öfter in ähnlicher Situation gewesen, nun, da pflege ich mich jedesmal von den Damen einfach auf Alimente verklagen zu lassen und der Fall ist für mich erledigt.“

Da sie aufspringen wollte zur Tür, kamen schon seine dämpfenden Arme, wie eines Dirigenten, sein flehendes Lächeln über sie, als sei diese ganze Kanzlei doch lediglich eine Liebhaberbühne, auf der die Heldin so obenhin, von Pausen und höfischen Scherzen unterbrochen, gerade eine Griseldisrolle probte. Die Geste erinnerte auch, daß sie dabei durch edle Haltung des Zuschauers Schönheitsgefühl zu befriedigen habe. Ja, er verlangte unbedingt Anmut während der Vivisektion, alles, was eben ein Kaninchen doch nicht zu bieten imstande war. „Charmion, Charmion,“ sagte sie sich, wie man ein Pferd abklopft.

Die „Verhandlungen“ zogen sich durch Wochen ohne Resultat hin. Seine Advokaten brauten einen zählebigen Brei von Mißverständnissen, in den sie immer wieder zurückgestoßen wurde vom klaren Ufer der Tatsachen. Und hätte man ernstlich verhandelt, jede menschliche Beziehung wäre ja dann zu Ende gewesen, so mußte es schon deshalb vages Gerede bleiben: Schmollerei zwischen Verliebten, die ihre Stelldicheine aus fragwürdiger Laune in Advokaturskanzleien verlegt hatten. Für Sibyl ein kostspieliger Treffpunkt, diese stundenlangen Sitzungen, bei denen sie selbst nur ab und zu erschien, nicht für Ralph Herson, denn es ergab sich, daß er den beiden Anwälten ein jährliches Pauschale zur Ordnung all seiner Angelegenheiten seit langem ausgesetzt. Norman Bleiweiß war für Bilanz und Steuersachen, der süßflüssige Dr. Kosches fürs Private.

Und nie ließ er sie zur Überlegenheit der Verzweiflung kommen, trieb sie immer wieder in schwächende Hoffnung, und auch so sehr war dies in ihr, dies zu höchst Menschliche: dies Über-Allem-Stehen, daß sie auf Augenblicke sogar hinüberlächeln konnte, zu seinem genießenden Skalpell.

Endlich eines Tages sah Sibyl die Erlösung knapp vor sich und schlich ihr nach. Da war ein entfernter Vetter Ralph Hersons, Winkeladvokat und völlig deklassiert. Hatte eine ähnliche Art um Augen und Lippen, wenn ihm was gefiel, nur wie mit ranzigem Schmalz übergossen. Der sollte die Marter der Verzauberung brechen helfen. Sibyl, in einem alten Regenmantel versteckt, kroch um Straßenecken hinterdrein zur schmierigen Spelunke, wo er verkehrte. Sah stundenlang in leidender Schadenfreude zu, wie das entgötterte Abbild des andern, gütig und gerissen die Kellnerin unter einspeichelnden Worten in den Arm zu kneifen versuchte, bis eines Tages eine furchtbare Entdeckung kam: der schmutzige Winkeladvokat verschönte sich, blühte in den andern hinauf, statt daß jener zu ihm zerfiele. Sie schauderte: „Mein Gott, ich bin verloren.“

Zwischendurch fuhr man spazieren, als wäre nichts geschehen. Ralph kam, holte sie ab, sonniger, inbrünstiger als je, wie beglückt, wieder sprechen zu können mit ihr. So blieb alles in der Schwebe. Sie ließ es geschehen, barg lieber das Haupt im Schoß der Ungewißheit, denn wenn eine übergroße Liebe unter infernalischen Schmerzen ausgetrieben werden soll aus den Sinnen, wo allein die große Liebe wohnt, entstehen Wehenpausen: linde Inseln aus Frieden zwischen der zerreißenden Not.

Sie lebte fast ein wenig auf, wagte sich wieder hinaus und sah in diesen milden Pausen zuweilen, wie große fremde Vögel, zwei wundervolle Menschen ihre Straße ziehen: Herr und Dame von nie gesehener Art. Zufällig immer vor ihr — die Gesichter sah sie nicht, wußte sie schon aus Halshaltung, Kopf- und Ohransatz, verlangte nicht mehr, ganz erfüllt von dem Guß des Ganges allein. Nachlaufen dürfen, zwischen sie hinein, sie überflügelnd, einen Arm um jeden legen, mitziehen, in diesen Guß des Ganges geschlossen. Wie sich das fühlen müßte: als Durklang gefügt sein, in die reine Quint der beiden?

Dann schrak sie auf. Wieder ein ganz alleines Ich unter lauter fragwürdigem Draußen, wie einst als Kind.

Plötzlich brach er die Verhandlungen ab. Ein Telegramm riefe ihn nach Hause. Übergab alles seinen Vertretern. Dr. Kosches und Dr. Bleiweiß baten dringend um eine private Unterredung. Sie waren menschlichen Wohlwollens voll und bedauerten aufrichtig den — Pardon — falschen Stolz der gnädigen Frau. Alles wäre längst zu allgemeiner Zufriedenheit geordnet, hätte sie der Gegenpartei das Kind bedingungslos überlassen. Wenn sie Professor Herson doch nachreiste, mit diesem gewiß sehr erfreulichen Wesen überraschte! Er warte ja nur auf die goldene Brücke zur völligen Versöhnung.

Also gut, war nur das Schachern zu Ende, lieber den letzten Trumpf aus der Hand geben: das Kind.

Die kleine Pension am ligurischen Strand lag finster, als sie tief nachts mit Baby und Amme aus Berlin ankam. Sie hatte „Brangäne“ brieflich in ihr Kommen eingeweiht, wollte hier im Verborgenen die Überraschung vorbereiten. Nein, Zimmer seien nicht reserviert. Erst nach zwei Tagen erschien Tatjana, triefend vor Entschuldigungen, bat um Geduld: Der Hausherr sei krank zu Bett, sie würde täglich kommen, Bericht erstatten. Kam nicht. Am dritten Abend brach die Gefolterte aus, hingetrieben auf den breiten Schwingen eines schwarzen Windes nach dem alten Landhaus, wo sie ihm verfallen war. Schlich im Mondlicht über den blühenden Grund voll Öl und Wein, von ihrem Vermögen erworben, wie eine Diebin von Baum zu Baum. Waren die Hunde los? Drückte auf die geheime Feder der linken Seitentür. Stand zitternd im Park. Ein einziges gelbes Fensterauge hing voll in der fahlen Mauer. Die Hunde, wenn die Hunde sie als Einschleicherin entlarvten!

Das Haus zog wie ein Magnetberg.

Lotrecht unter dem einsamen Licht warf sie sich mit ausgebreiteten Armen gegen die Wand.

Da drinnen lag er, wer weiß wie krank. Der Mörtel blätterte ab unter dem Druck ihrer Stirn. Quer — ein Sprung im Welthirn — klaffte oben die Milchstraße durchs Dunkel. Leichter, grünlicher Nebel: Mehltau des Mondes hing auf der Luft, knochenhell schlich Kies auf krummen Wegen des Gartens. Plötzlich stand das Krankenzimmer voller Lärm, mitten im Mondschweigen. Rasend schnelles Schnattern hub an. Seine Stimme, doch ganz anders als sonst, wie aus dem Körper eines Hundskopfaffen heraus. Weibliches Lachen dazu, wie von einer gekitzelten Nonne. „Brangäne?“ Johlend irres Lachen, als kitzle das zotenfreche Affengeschnatter sie zu Tode. Unten — die Hingekreuzigte — verstand kein Wort. Galt das ihr? Machte man sich lustig über sie? Doch so infernalisch, so mit geheimer Verworfenheit vollgekichert war dieses obszöne Schnattern, daß ihr vor Grauen Glied um Glied abzufrieren begann.

Und es hörte nicht auf dort oben.

Endlich entstand an ihrem Daumenballen wieder ein Fleckchen warmes Fleisch. Dandy, die große Bulldogge, hatte es mit seinem Ledermaul ins Leben zurückgeleckt, sah mit weichen, weisen Krötenaugen hinauf, wie ein Freund, in ihr ganz zerstörtes Gesicht. Jetzt erst konnte sie flüchten.

Mitten in die fiebrige Abreise des Morgens schlenderte „Brangäne“; machte erschrockene Augen:

„Ja, was sei denn geschehen, ja, was?“

Ja, was? Jetzt, im nüchternen Tagblau, durch das der Briefträger daherkam, vor Rock und Bluse dieser robusten Vermittlerin, verkroch sich der Hundskopfaffen- und Nonnenspuk der Nacht. Also bleiben, die Überraschung vorbereiten.

In der Mitte seines Geburtstags legte Sibyl dem in der Hängematte seines Parkes Schlummernden von rückwärts das Baby auf den Schoß. Feig schreiend stob er weg, wie vor einem Browninglauf, sah dann nichts als Größe und Süße in ihrem Gesicht und fing sich wieder ein. Tat nur allzu programmäßig erfreut jetzt. Tatjana hatte sie also doch verraten, alles war abgekartet, man sah es an Blick und Gegenblick der beiden.

Sofort entkleidete er das Kind, nahm den Zollstab, das Hörrohr. Maß den Schädel, prüfte die Genitalien, die Pupillen, das Herz. Das Kleine sah aus vielen Wimpern groß und dunkelblau zu ihm auf, kupferhäutig wie ein Indianerprinz unter goldenem Flaum.

„Es ist fehlerlos. Hat deine unvergleichliche Anmut ins Männliche übertragen. Welch richtiger Instinkt, dich zur Aufzucht zu verwenden.“

Er nickte, offenbar gewillt, die lebende Ware franko mit Zustellung zu übernehmen. Behielt sie gleich im Haus. Sibyl zog ins Hotel. Vom Neubau stand sonderbarerweise noch immer kein Stein, in der alten Landvilla aber mußte erst Platz geschaffen werden. Auch kam die Zeit des Jahres, da ihr Charmion gehörte; da war kein Tag zu verlieren, mochte geschehen, was wollte. Man hatte sich geeinigt, nach ihrer Rückkehr die Eheformalitäten zu erfüllen, bis dahin sollte das Baby bei ihm im Verborgenen bleiben — diskret. Er tat peinlich erstaunt über diese Scheu, als kennte er die sozialen und rechtlichen Folgen für sie nicht. —

„Was kümmert das einen freien, modernen Menschen.“

Und er hob die Schultern. Preßte sie in diesen Tagen aus bis in die Sinnenspitzen. Seine wissenden Hände, seine raffinierten Gluten überströmten sie, seine Blicke aus bösem Samt liefen brennend ihren zarten Schenkeln nach, doch hinter seiner Stirn blieb er für sich. Ward sie unter seinen Liebkosungen zu schön, glatt wie das Licht, duftend nach Birken und Erdbeeren in dem langen Glück ihrer Haare, zog er sich hart, feig, lauernd zurück — nie erster Regung folgend.

Sein Mund war voller Küsse, die er dann boshaft wieder zerbiß. Aus Angst vor der eigenen Hingabe klügelte er unmöglichen Anspruch aus, in der Hoffnung, enttäuscht zu werden. So jagten sie hutlos durch Salzgischt und Mittagsglast, aber wehe, hatte die Linie des Lichts dann Grenzen gebrannt auf Milch und Silber des abendlichen Ausschnitts. Im Gesellschaftskleid — er liebte Förmlich-Festliches am Abend, — führte er sie nach dem Diner noch in die Dunkelheit hinaus, Wege voll Gestrüpp, durch Dornenhecken und boshaft dann ins Lampenlicht zurück. Ein Fleck, ein Riß, und triumphierend angewidert sah er diskret zur Seite.

Kam sie korrekt in Juchtenstiefeln die steinigen Wege daher, vermißte er das offene Spiel der feinen Fesseln, kam sie in Schuhen, wars nicht Stil.

Bei einem alten, schwerhörigen Bauer blieb er stundenlang, ließ alle Rede mit dem beinahe Tauben ihr, damit die weiche, gepflegte Vogelstimme, zum Schreien gezwungen, hier ihren Reiz verlöre.

Sie trug es, wie man mit dem Gefährten auch schlechte Zeiten trägt. Die Zeit der Wahl lag lang schon hinter ihr.

Nie ging er mit bis zum Hotel; kam es in Sehweite, nahm er Abschied. Endlich in ihr Staunen hinein, gereizt, daß sie ihn nicht von selbst begriff:

„Der Portier sieht mich bereits ein wenig sonderbar an — deinetwegen. Unter diesen Philistern muß man vorsichtig sein.“

Sie lachte ein wenig traurig:

„Und wie war das mit den freien, modernen Menschen?“

„Oh, du bist frei.“ Sie dachte: ja, vogelfrei. „Ich aber, als Grundbesitzer hier, bin von der öffentlichen Meinung in hohem Grade abhängig, brauche auch den Sindaco für allerhand Konzessionen.“

Wie praktisch, als Sturmbock gegen Weltdummheit und Bosheit benutzte er allein die Frau, ließ sich den Preis für seine Ideale von ihr bezahlen.

Zwei blaugoldene Wochen verspielte sie mit Charmion am Gardasee, gab dem Kinde ein pausenloses Fest. Ganz für sich blieben die beiden, begafft nur von morgens bis nachts, in dem einzigen Hotel des Orts von Kaum- und Halbbekannten, denn die Welt ist unerträglich eng.

Da kam eines Tages aus Genua ein Dokument zur Unterschrift, darin Ralph Herson die Vormundschaft und sonstigen Rechte an dem Kind übertragen wurden.

Sie staunte. In wenig Wochen der legitime Vater, was brauchte er noch dies?

Legte es nachsinnend beiseite, wiewohl die Unterschrift als dringend für ein nahes Datum gefordert war.

Einige Tage darauf, zur Teestunde, machte der Postbote wie immer seinen Gang von Tisch zu Tisch auf der Terrasse und reichte ihr ein Telegramm. Sibyl sah vom „Dschungl-book“ auf, das Charmion immer wieder hören wollte, prüfte den Inhalt des kurzen Klebestreifens — man starrte wie immer zu ihrem Tisch herüber — steckte ihn ruhig ein, las laut dem Kinde das Kapitel zu Ende, schickte es auf den Spielplatz, lachte ihm nach, ging schwingend über die Terrasse ins Hotel, in ihr Zimmer, fiel in einem Herzkrampf aufs Bett. Die Depesche lief:

„Amme und Kind nach Gardasee unterwegs.“

Weder Strecke noch Zug bestimmt, so daß sie hätte entgegenfahren, die Ankunft verhindern können. Und Charmion hier, von der sie bisher mit übermenschlicher Kraft diesen ganzen Schmutz weggehalten! Ihr seinen Bastard mit Amme heimtückisch herschicken, welch namenlose Niedertracht.

Ein nasses Tuch auf dem Herzen, kroch sie zur Klingel. Sofort das Motorboot. Warf alles in die Koffer, floh zwanzig Minuten später mit Charmion über den See, ohne eine Adresse zurückzulassen, dann mit einem Zug in die Schweiz hinauf, und weiter bis an den Kanal. Mochte da hinten im Hotel geschehen, was wollte.

Seit diesem Tag spürte sie ihr Herz.

Der lädierte Köter fiel ihr ein, der seine tückisch-streichelnde Hand geleckt, nicht wissend, wann er wieder „dran käme“.

Dann lanzenhart im Schwung des Hasses:

„Nein.“

Der alte Lederer hockte, wie immer, im Bureau, setzte seinen zweiten Zwicker auf, um besser reden zu können.

Ralph Herson war auf einen Tag nur erschienen, hatte erklärt: er, als gütige und vornehme Natur, sei tief erschrocken über solche Gewissenlosigkeit einer Mutter, ihren Säugling in unverantwortlicher Weise an fremdem Ort einfach im Stich zu lassen. Das stoße natürlich alle Vereinbarungen um. Gehe er, aus Ritterlichkeit, vielleicht doch noch auf eine Scheinehe mit Scheidung ein, verlange er als Sicherstellung, als Kaution gleichsam, zweimalhunderttausend Franken. Danach aber werde Frau Sibyl, die sich leichtsinnigerweise bei ihrer Trennung von Gabriel Gruner einer allzu großen Summe entäußert, wohl kaum mehr in der Lage sein, ein Heim zu erwerben und einzurichten. Unsicheren Verhältnissen könne er aber, als gewissenhafter Vater, ein Kind, das er so lange ersehnt, nicht preisgeben. Daher müsse es ganz und gar ihm verbleiben.

Warum er denn annehme, eine Frau werde plötzlich ihre Stellung materiell ausbeuten, die sich doch bisher stets selbstlos gegen ihn gezeigt, ja, bedeutende Geldopfer auf sich genommen?

O gerade deshalb, das gebe ihr dann eben einen Schein von Recht und überdies: Frau Sibyl pflege, wie er sich persönlich oft zu überzeugen Gelegenheit gehabt, enorme Summen unbedenklich für erlesen kostbare Gewänder auszugeben. „Die Kosten der Verschwendungssucht solch verwöhnter Dame zu riskieren, scheue er sich und baue deshalb vor durch die Kaution.“

Dr. Lederer sah zu seiner Klientin auf, sie lachte so irr:

„Besitzen Sie noch so viel Geld wie er verlangt?“

„Nein, ich bin ruiniert.“

So hatte er sie geschickt und planmäßig an eine Stelle im Schicksal gebracht, wo jeder Versuch einer Tat zu Skandal, Ruin oder — Verbrechen leitet, zu einem: sich überall an blinden Mauern die Stirn zerschmettern, die Knöchel blutig und schmutzig schlagen, wo das ganze Leben grau und rot wird vor Schmach bei jeder Bewegung, der Schlamm-Geysir nur gebannt bleibt durch regloses Stillhalten, Atemanhalten und Sichausplündern lassen; denn eine Dame kann nicht durch Gerichtssaal und Zeitungen zerren lassen, was ihr geschlechtlich geschehen. Sie ist das Wehrloseste der Welt, noch der Feigste darf sich beruhigt an ihr vergreifen; bezahlen muß sie ihn noch, damit er die ihr angetanen Infamien nicht bekannt mache.

So brauchte ein Ralph Herson nur die flottierende Niedertracht in Sitte, Meinung und Brauch für sich arbeiten zu lassen, und jeder Cerebralsadismus, jede Profitgier ward automatisch und ohne Risiko befriedigt, wenn nur frech genug, schamlos genug zu Ende geführt.

Doch wie, wenn er sich diesmal irrte? Wenn sie ihm einen Schadenersatz-Prozeß machte? Allen Ekel vor Maul und Ohr der Öffentlichkeit überwand, um ihn an der einzigen Stelle tödlich zu treffen, wo er verwundbar: mitten in die Brieftasche hinein.

Der alte Lederer schüttelte den Kopf.

„Haben Sie Beweise? Liebesbriefe — wenn schon. Lauter Ekstase, kein positiver Inhalt, und der Schuldschein ist zwar unvorteilhaft, aber unanfechtbar, er behält Ihr Geld. Also: Prozeß zweifelhaft, Schadenersatz sicher gleich Null. Sie bleiben ruiniert und er — kaum geschädigt. Ja, in England, dort wäre es freilich anders, dort hätte er es sich auch wohlweislich überlegt. Da ruiniert ein ‚breach of promise case‘ den Mann.“

Dies also war der echte Grund seiner Übersiedlung aus Cambridge, daher die Flucht vor britischem Recht.

„So ist juristisch nichts zu machen?“

„Nichts, was einer Sühne gleich käme, denn wann hätte ein Gauner nicht das Gesetz für sich.“

Sie ging. Lahm vor Ekel. Auf der Straße, in einer Gruppe Leute, hob eine Frau das Lorgnon, frug:

„Was, die kennen Sie nicht?“ rief einer aus dem Kreis: „Ich werde Ihnen gleich ihre Geschichte erzählen,“ und Tratschgeifer troff ihm schon aus dem Mund.

Fern und leicht, das Gesicht hoch wie ein Windenkelch, schritt sie knapp an der Gruppe vorbei, und in den längst ausgefressenen Bahnen der Empörung jagte ein Verzweiflungskrampf den andern durch ihr Hirn.

Jetzt schlug ein Haßstrahl leuchtend seine Kraft hindurch: die Zwillingskraft der Liebe, doch mächtiger als sie, weil frei vom Wahn des Glücks. In diesem Haßstrahl erhellt, sah die Zerstörte, zum ersten Male, Leiser Herschsohns Nachfolger als neuen Typus — unzähliger Variationen fähig:

Den Lebenswucherer.

Nicht mehr mit schmierigem Seinesgleichen nur um Geld — o nein, — als physisch Hinaufgepflegter auch noch mit seinen Generationszellen wuchernd, die Kalorien seiner Händedrücke berechnend: Geist, Schönheit, Kultur, Liebe: alles bereits ein Fremdwort für Wucher!

Seine Güte: daß er den Schaden, den er zufügt, leicht vergißt.

Seine Treue: wenn ihm in der Zwischenzeit begangener Verrat weniger Vergnügen macht, als er glaubt beanspruchen zu können.

Seine Großmut: besten Falles eine unterlassene Infamie.

Ohne innere Not allen fremden Werten durch Gentleman-Mimikri falsch verbunden, hatte er in Büchern gelesen von Noblesse, von Vornehmheit, schaffte sich die Worte an, fing sich mit ihnen fremde Taten ein, die ihm den Preis der neuerworbenen Ideale dann bezahlen mußten, denn keine Bindung galt für ihn, der stets auch anders konnte als Entraßter; sich beim „soll“ in den weltfremden Gelehrten wandeln, beim „haben“ behende in den Wucherer zurück.

Hatte sich nebst seinen Bronzen, Bildern, Büchern auch eine uneheliche Kindersammlung angelegt, als millionenfache Verzinsung einer einzigen investierten Zelle. Spesen: ein paar gut angewärmte Briefe, die ihn zu nichts verpflichteten, weil er durch seine Advokaten längst belehrt worden, wie ein Betrug, der im Geschäftsverkehr zwei Jahre Zuchthaus kostet, in Form von — Liebe, straflos bleibt.

Ein Zu-früh-Freigelassener auch, mit allen seinen Merkmalen, als da sind: Gier, Geiz, Mißtrauen und — Grausamkeit, wo sie ohne eigenes Risiko zu befriedigen: am sichersten somit an der graviden Dame, hat man sie vorsichtshalber erst durch Scheidung, Schmach und Schmutz getrennt von ihrem schützenden Milieu. Erfreulicher für den Ästheten jedenfalls, als der Geschäftsverkehr mit seinesgleichen, für den Gelehrten so spannend wie der Tierversuch, und lukrativer obendrein, da man vom Adler, dem gefesselten, ehe ihm die Augen ausgeschnitten werden, kein Geld entlehnen kann.

Nun glaubte er sich frei von ihr, nachdem er ja in diesem Jahr den ganzen Tierkreis seiner Perfidien durchlaufen. Somit bereit:

„Zu neuen Taten teurer Helde.“

Doch siehe: auf dem Kursblatt seiner Emotionen notierte sie noch immer „pari“ wie es schien, und die Verfolgte spürte seinen namenlosen Haß, ja, sein Entsetzen, lieben zu müssen, wo nichts mehr herauszuschinden blieb, denn: Mittel war ihm jede Kreatur.

Was aber gab ihm solche Macht?

Die purpurne Wärme Asiens: sein Erbe. Unter erotischen Schwerblütlern, mit niederem Wissen um den Körper, in einem Ozean lauer Geilheit, schoß dieser Menschenhai umher nach Beute, und alles Liebesreiche, Blühende fiel ihm voll Inbrunst zu.

In Schönheit glühen: auf dieser Sehnsucht aller Kreatur kam er dahergeschlichen, hinter den strahlenden Gaben seines Maules.

Der absolute Egoist.

Unschädlich machen! Mitsamt seiner Zutreiberin, mit der ganzen Brut — alles unschädlich machen — sofort.

Doch erst quitt sein, nichts ihm schulden. Und für jede Mahlzeit, je in seinem Haus genommen, für jeden Tag in seinem Haus verbracht, und für die erste Liebesnacht insonderheit, schickte sie die angemessene Summe an das Bankhaus Herschsohn. Raffte dann in irrer Trunkenheit ihr letztes Geld zusammen, — es reichte eben für die Reise, — und fuhr zu ihm.

Als Chauffeur verkleidet, zwei Revolver in den Ledertaschen, klingelte sie am Tor des alten Landhauses.

Eine fremde Person kam herausgeschlurft:

Alles verreist.

Der Herr und Mylady, auch das neue Kind seien fort. Nach Madeira, vielleicht auch Tunis, jedenfalls auf lange.

In ihren muffigen Gasthof zurückgekehrt, warf sie das Fenster auf. Es verspreizte sich, Anstrich blätterte ab. Vor ihr stieg, reich und frei, das herrliche Land, sein Eigentum, so weit man sah.

Da riß der allzu überspannte Wille jäh und traf das Herz. Also entflohen, unerreichbar weit; denn wie das Gesetz den Gauner schützt, so diesen wieder sein Raub, der ihm Freizügigkeit des Reichtums gibt — dem Opfer nimmt.

Sie kroch in die entwürdigende Verlassenheit des Fremdenbettes.

Lag so eine ewige Nacht.

Diese Nacht trat langsam, wie ein drehender Absatz, etwas in ihr aus, ohne das kein Mensch weder leben will noch kann. Etwas, das niedergeknüppelt doch — wie oft — verharrt. Nicht größer zuweilen, als im Riesendom ein gasblauer Stecknadelkopf, doch gespeist mit heimlichem Herzhauch, der von Gott kommt oder ganz aus seiner Nähe: Hoffnung.

Eben noch, in steigernder Gewalttat, waren Vernichtung und Hoffnung einander nicht feind gewesen. Auf unbegreifliche Art hätte aus dem blauen Stecknadelkopf heraus gerade dann aller Äther noch einmal aufflammen können zu Glorie, weil in dem Blick des Sterbenden vielleicht etwas erschienen wäre, um darzutun: Auch dies sei nur ein armer, irrender Mensch.

Diesem Ende hatte sie heimlich zugehofft. Nun war der blaue Nadelkopf erloschen.

Und es ward grau. Oder war das öde Blei auf den Augen schon wieder Tag? So einer, der sich nicht aufknien kann aus dem Fahlen. An der übel grünlichen Kälte bis in die Herzkammern hinein erkannte sie: jetzt müsse der tiefste Stand des Blutes sein. Jene heillose halbe Stunde, ganz grün von verwester Nacht, wo die zähen Greise es aufgeben und sich strecken. Im Stuhl die müde Schwester nickt dazu.

Mühsam, widerwillig hob sie die zerquälten Lider. Herein schnitt das grenzenlos gemeine Hotelloch. Im Fensterviereck stand als grauer Pflasterstein die Luft.

Sibyl hielt den Atem an. Ließ das Verfaulte aus der Nacht in allen Adern sich zu Klumpen der Zersetzung stocken.

Wartete.

Da kam, erst schwach, weit herauf eine Straße ohne Anfang, Holpern eines Karrens, und auf ihm festgebunden ein Geheul.

Kein Schritt, kein Huf von etwas, das den Karren zog. Es fehlte wohl ein Rad. Der Karren hinkte.

Immer näher kam das liegende Geheul. Ein gemartertes Tier? Ein Kind? Eine Frau? Kein Erkennungszeichen mehr: die Qual hatte jede Form zerbrochen. Was vielleicht einst Merkmal gewesen: Klage, Empörung, Angst, war längst matt herabgeglitten auf die Straße ohne Anfang.

Jetzt war es da. Gerade unter dem Fenster. Da schwoll das Geheul zu einem Laut von so hemmungsloser Erniedrigung, daß das Graue aus der Luft an ihm gerann.

Ein gemartertes Tier? Ein Kind? Eine Frau?

Oder Schauer gereizter Ermattung, die sich aus Klang ein Gleichnis schufen? Sie würde es nie erfahren. Lag festgefroren an das Bett — die Brust bis oben voll bleicher Herzen im Kampf.

Langsam knirschte der Karren seinen schauerlichen Bogen vom Zenith des Fensters hinunter, wieder eine Straße ohne Ende, über der langhin das verblassende Geheul stand. — Fern und immer noch.

Sie erhob sich, um zu sterben. Tastete, in allen Knöcheln zerbrochen, nach der Waffe. Etwas klirrte. Das Graue schwand.

Endlich ganz schwarz.

Aus der tiefen Nacht, auf der andern Seite der Zeit, trieb es sie langsam wieder zurück.

Der Tod schmolz ab, doch sie grub sich mit allen Fingern in ihn ein, wollte nicht mehr weg aus dem linden Schwarz.

„Genug“ war ihr erstes Wort. Dann brachen, angesogen von einer tiefen Wonne um sie her, die Lider auf. Über ihrem Gesicht schwebten zwei wagrechte Augen aus unbegreiflich sanftem Samt, deren Wimpern flügelhaft bis in die Schläfen schnitten.

„Wie gut“ und die Zurückgeholte ließ sich von nun an leben, ohne Widerstand.

Zwei Augenpaare waren es, die abwechselnd über ihr kreisten: wie große, fremde Vögel und bebrüteten ihr Herz.

War es der Ort, wo man die unerfüllten Wünsche lebte? In scheuer und tiefer Vertraulichkeit legte sie eines Tages um jeden einen Arm: als Durklang gefügt in die reine Quint der beiden. Wußte ihre Namen nicht, nichts — frug nicht einmal, wie es gekommen, wie ihre Spur verfolgt, wie sie gefunden worden war. Lag hier selig und vollendet eingefügt als kühne Liebesstufe zwischen ihnen: frauenweicher als der Freund — jünglingherber als die Freundin, dies köstlich fremde Damenwesen, am ganzen Körper so vollkommen, wie es der Ringfinger ganz junger Mädchen zuweilen ist.

So einfach, so natürlich schien alles, als hätte sie es immer schon gewußt, daß sie dazugehöre, seit jenem ersten Mal, da, einer ungeheuren Erweiterung der eignen Seele gleich, zwei wundervolle Menschenangesichter durch ihre einzige Sekunde Glück gezogen kamen, als sie den fremden Mann im Schoß gehabt, bis zu der Stunde, die wie Gold, weil der warme Schatten des brüderlichen Gentleman den ihren fand und ehrte. Die Haltung seines Schattens hatte alles offenbart.

Dazwischen aber war ein fremder Mann in ihrem Schoß gewesen: Der Lebenswucherer — der absolute Egoist.

Empörung überbebte in Stürzen der Erinnerung ihr aufgescheuchtes Blut.

„Mein Elf von einem großen Stern“ — Gargis entsetzte Zärtlichkeit umschlang das vor Haß grau gewordene Gesicht.

„Gazellenfee, wie könntest du begreifen, was Unbeschütztsein heißt.“

Dann löste sich der Krampf der Einsamkeit zum ersten Mal, und Sibyl sprach — deutete an, nur herb, schamdurchblutet, was ihr geschehen.

Eines Tages breitete Horus sehr zart, sehr ernst ein Manuskript über ihren Schoß: jenes, das Erasmus dem Knaben in der Bibliothek gegeben, am Tag des Traumes und der Schillerfalterjagd, als sein Leben einschwang für immer in die beiden Bahnen: Ellipse und Parabel der Kegelschnitte Gottes.

Vor ihrem Lager hingekniet, legte er sie ganz in die Stärke seiner Hände, sprach: „Alles ist darin: West und Ost — Ihr und Wir.“

Und sie las, wie einstmals er:

Der Kreis symbolisiert mir die Eigenliebe: den Egoismus.

Die Ellipse das Ideal der Liebesfreundschaft.

Die Parabel das der Liebe gegen das Unendliche, Göttliche.

Die Hyperbel das Ideal des bittersten Hasses.

Der Brennpunkt in jeder der angeführten Linien stelle eine Seele vor; die Strahlen, die von da nach dem Umkreis gehen, die Bestrebungen dieser Seele, wiefern sie nach außen (durch Handlungen) wirksam sind, und die Richtung der zurückgebrochenen Strahlen den Zweck, zu welchem die Bestrebungen auf das Äußere gingen. — Ich kann z. B. nach außen handeln, teils um meinetwillen, teils um eines andern willen. Wenn die Strahlen also, die von dem Brennpunkt ausgehen, die aktiven Bestrebungen der Seele vorstellen, so müssen umgekehrt — wenn wir das Symbol treu verfolgen wollen — die Strahlen, die von der Peripherie in den Brennpunkt fallen, die Gefühle und Empfindungen vorstellen, welche die Seele passiv von außen in sich aufnimmt. Wird daher ein Strahl, der von einem Brennpunkt an die Peripherie fiel, in einen andern Brennpunkt zurückgebrochen, so sind des letzteren Gefühle — nach dem Symbol — durch Bestrebungen oder Handlungen des ersten Brennpunktes veranlaßt worden.

Der absolute Egoist handelt nur um seinetwillen. Er läßt nur Strahlen gegen die Peripherie ausgehen, damit angemessene Gefühle in seine Seele durch die Rückwirkung kommen; er ist ganz in sich abgeschlossen. Was er auch tun mag, davon hat nichts auf eine Seele außer ihm Bezug. Der Strahl, der aus dem Mittelpunkt des Kreises kommt, wird ewig wieder in ihn zurückgebrochen.

Die Ellipse läßt sich als ein Kreis mit in zwei Brennpunkten auseinandergetretenen Mittelpunkten betrachten.

Eine Seele hat sich in zwei gespalten, und beide existieren nur mit- und durcheinander; jeder ist die Seele eines Freundes; jede wirkt nur, um in der andern angemessene Gefühle und Empfindungen zu erregen, denn welcher Strahl auch von dem einen Brennpunkt an die äußere Peripherie fällt, der nimmt seine Richtung nach dem andern Brennpunkt zu. Was der eine nur denkt und hat, das gießt er in des andern Seele aus. Um die Außenwelt bekümmern sich beide nur, insofern sie mittels ihrer in bezug aufeinander wirken können; beider Gefühle ergänzen einander stets: alle gebrochenen Ellipsenradien sind gleich der großen Achse, die beide Brennpunkt-Seelen zunächst verbindet. Sie können jede einzeln nichts denken, nichts fühlen, was nicht mit des andern Gefühlen und Bestrebungen zusammenstimmte, daß es dieses Band darstellte: das Ideal der Liebesfreundschaft hat viel schönere Symbole — wohl kaum ein wahreres.

Nehmt die Hyperbel: beide Liebende sind durch einen ungeheuren Haß gespalten worden! Der eine hat sich von dem andern abgekehrt, jeder reißt seinen Brennpunkt heraus, hält ihn für sich fest und mag mit dem andern nichts zu schaffen haben. Sie fliehen sich in Ewigkeit — nein, sie sind noch aneinander gebunden, aber durch die Bande des feindseligsten Hasses. Ihre Gesinnungen beben divergierend voreinander zurück bis ins Unendliche, aber doch bleiben sie hadernd einander gegenüberstehen, und daß jedes Gedanken nur von des andern Seele zurückfahren, sieht man daraus, daß die Divergenz der Strahlen ihr Zentrum in dem gegenüberliegenden Brennpunkt findet. — Was in der Ellipse das Band war: die große Achse ist in der Hyperbel in den Gegensatz übergegangen und alle Strahlen, die von einem Brennpunkt in den andern fallen könnten, sind sich nur in der Differenz gleich.

Die Parabel ist ein erhabenes Symbol der Liebe zu einem Ideal, zum Übersinnlichen, zu jedem Großen und Schönen, was nur in der Unendlichkeit erreichbar, der Seele vorschwebt: alle Strahlen, die der Brennpunkt der Parabel aussendet, laufen in gleichförmiger Richtung nach dem andern Brennpunkt, der in der Unendlichkeit liegt; alle Bestrebungen und Gedanken sind nur dahin gerichtet. Umgekehrt kann kein Strahl in die Seele fallen, der nicht vom Unendlichen ausgegangen wäre. Alle Gefühle beziehen sich auf dieses.

Sie ließ den Kopf an seiner Schulter ruhen, dann mit verdunkeltem Gesicht:

„Der Kreis und die Hyperbel; so bin ich immer noch durch einen achsengraden Strahl von Haß mit ihm verbunden.“

„Haßt du ihn noch?“

„Bis zum Tod, ich — ihn, er — mich.“

„Du warst wie tot, dies ist eine neue Wiederverkörperung, und alle Bindung gelöst. Du ziehst in unsere Bahnen hinüber als meine Frau, und mit meinem Haupt zwischen den Füßen frage ich:

„Willst du das sein?“

Zweifelnd sah sie auf Gargi:

„Bist du ein Europäer?“

Er hob die Schulter nur:

„Nein, ich bin Asiate, gehorche den Sitten Asiens, in wenig Wochen zergeht der ganze Irrenkerker hier, ganz klein und schmutzig, an unserem Horizont für immer. Und jedes Jahr nur kreuzt meine Jacht herüber und bringt dir Charmion mit.“

Sie atmete auf, zu glücklich — müd, um viel zu fragen.

Sobald der Lungenschuß verheilt war, fuhr Horus mit Sibyl nach England, ließ sich dort so rasch wie möglich trauen, dann kehrten sie auf den Kontinent zurück.

In Hamburg lag schon die milchweiße Jacht unter Dampf bereit.

Sie eilten über den Kai, Horus und Gargi, am Ende ihres weißen Traums.

Zwischen sich, eingeschlossen in ihres Ganges morgenländischen Guß, entführten sie den „Elf von einem großen Stern“ in seine neue Heimat.

Ringsum barsten Beete von Sirenen, vomierten üble Trichter von Geheul in eine widerwillige Luft, gleich einem Unding, das sich selbst bejammert. Schneller schritten sie dahin, fast laufend schon, und wie Horus, im Andrang seines Herzens bei der Ankunft von Bord gesprungen war, so breitete er jetzt, den Landungssteg schon unter sich, die Arme weit der süßen Freiheit Asiens zu — und — fühlte sich gepackt an diesen liebesoffenen Armen, zurückgehalten, wie das erstemal.

Zwei Polizisten standen da. Blech vor dem Hirn. Und an dem einzigen Streifen freier Haut, dort wo der harte Kragen rieb, hatte der eine ein aufbrechendes, der andere ein abheilendes Furunkel im Nacken.

„Halt.“

Ein Dritter in Zivil trat vor, wies seine Karte:

„Sie sind verhaftet wegen Bigamie. Die Frauensperson da auch.“

Er streckte die Hand nach Sibyl. Sie riß ihre Waffe heraus, von der sie sich nicht mehr getrennt, traf diesmal gleich das Herz. Glitt still in sich zusammen.

Horus, herumgeworfen, brüllte auf, daß die Sirenen schwiegen, bäumte sich los; rechts und links traf sein erbarmungsloser Schlag. Dann nahm er die unvergleichliche geliebte Form aus Gargis Arm und fühlte sie an seiner Schulter sterben.

Die armen Sternsaphire wurden blind. Ein langer Strähn bananenfarbenen Haars durchschnitt, gleich einem bleichen Säbelhieb, das ganz verirrte Gesicht; bei aller Kühne wie eines übermüdeten, zu Tod gehetzten Kindes.

Die Kaution war, dringender Fluchtgefahr wegen, vom Gericht abgelehnt worden. Er blieb in Haft, wehrte sich verzweifelt, pochend auf sein Indertum, begriff nicht.

„Sie mußten doch wissen, daß Monogamie in Europa herrscht,“ mahnte sein Verteidiger und schüttelte den Kopf.

Da lachte er zum erstenmal seit Sibyls Tod.

„Ein Jahr bin ich jetzt hier und hab’ sie nie gesehen. Wußte bisher nur, daß bei den Weddas, dem beinah ausgestorbenen Affenurvolk Ceylons, das nicht bis fünf zu zählen vermag, etwas wie Monogamie, Gesetz und Zwang besteht. Wie hätte ich bei der berühmten weißen Rasse darauf verfallen sollen? Nun erst verstehe ich den Größenwahn, den Zynismus, die widerliche Arroganz des weißen Männchens gegen alle Frauen ganz. Die Gnade und Affaire, wen er mit seiner einen, einzigen, kostbaren Hand beglückt, umkrochen von den überzähligen Weibern. Welche Schmach der Europäerin, daß sie das duldet, ihm Macht gibt, so viele ihrer Schwestern notwendig zu erniedrigen, dies Wettwimmeln der Eierchen um das Sperma: welche Perversion der Natur!“

„Doch was geht all das mich — was geht einen gesitteten Asiaten dieser Qualstall an, in dem bösartige Irre einander dafür bezahlen, sich gegenseitig in infernalischen Netzen Hirn, Kehle, Gedärm und Geschlecht abzuschnüren? Wie bin ich in die Gefangenschaft weißer Barbaren geraten? Wirklich durch nichts, als eine einzige Tat natürlichen Anstandes allein?“

„Monogamie ist die größte ethische Errungenschaft des Christentums,“ sagte der Verteidiger gekränkt in seiner tiefsten Rasseneitelkeit, denn er war Jude.

„So habt ihr es sogar dahin gebracht, das klare Urfeuer eurer Lenden stinkend zu machen? So ordnet sich bei euch Geschlechtsverkehr nicht nach Physiologie, Medizin, Bevölkerungszahl des Augenblicks —, nein, nach irgendeinem Hokus-Pokus, viel tausend Jahre alt? So bedroht euer Staat — wie immer man es machen möge — in der Liebe den einen oder anderen Teil mit schwersten Strafen: durch Einehe, den Mann mit lebenslangem Sexualkerker, ohne Ehe, die Frau mit Ächtung, Verlust der Kaste und Ruin? So bringt Europa es richtig fertig, all seine passager entstandenen Wahnsinne noch zu verewigen, ohne daß gegenteiliger Blödsinn sich etwa aufhöbe — welch ein Wunder wider die Natur.“

Bis zur Verhandlung glaubte er es doch nicht recht, wußte es noch immer nicht, wie ihm geschah.

Dann saßen eines Tages fünf beisammen und hielten wirklich über ihn Gericht, Barette auf den Glatzen.

Dem einen ragten Knöpfelschuhe, dem anderen Schnürstiefel, dem dritten das Ende eines Sockens unter priesterlichem, unreinlich wallendem Gewand hervor. Dann stand ein sechster auf: der Staatsanwalt. Begann ein langes, trostloses Geschwätz von der Verletzung ethischen und sittlichen Gefühls, als höchsten Gütern der Kultur. An allen Wänden hingen Zettel: das freie Ausspucken ist untersagt.

Erst ganz am Ende, als sein Verteidiger sich erheben wollte, da fuhr auch er empor:

„Nein, ich; Sie schweigen.“

Sibyl zu Tod gehetzt, und da saß Gargi: seine liebe Gazelle „als Zeugin,“ von Fragen geschändet für ihn — durch ihn. Nun wuchs er klar über die Empörung und stand auf. Höflich, ruhig war seine Stimme, wie eines Wägenden und Richtenden.

„Ich bin ein Fremder und kenne nun die grauenhafte Not, in die ein Mensch auf diesem Kontinent geraten kann, wenn er ein Recht begeht.

Ich bin Asiate und daher gewohnt, wohl jeder Frau, die ich besitze und die mir teuer, Ehre, Würde und Geborgenheit zu bieten bis zum Tod.

Ahnte nicht, daß man nur gegen eine einzige hier sich gut benehmen dürfe, wohl aber gegen alle wie ein Schuft.

Doch war’s nicht dies — ich stünde doch als Angeklagter hier, denn irgend etwas Würdiges, Natürliches und Wahres, das hätte ich sicherlich einmal begangen, da ich kein Europäer bin.

Ethisches und sittliches Gefühl soll meine Tat verletzt haben?

Was weiß Europa von Gefühl? Von Sittlichkeit? Nie noch war einer Rasse Sinn und Maß des Schicklichen so sehr entfallen, besteht sie doch aus Wesen, deren Blut seit zwei Jahrtausenden verlernt, aus freien, holden, heilen und verwöhnten Sinnen sich dieses Maß selbst aufzubauen in Notwendigkeit und Harmonie.

So kam der Pöbel durch Europa in die Welt:

Pöbel: was Hemmungen nur kennt aus Zwang, nicht Wahl, was sich vor nichts und niemandem zusammennimmt, wenn es nicht muß. Es scheint — vor vielen hundert Jahren nahm sich der Europäer noch Sonntag vormittag, so zwischen zehn und elf, vor einem fremden Judengott zusammen. Adel und Bürgertum nahmen sich vor ihren Herrschern zusammen, der vornehme Mensch aber, der nimmt sich vor sich selbst zusammen: also immer.

Doch hier! Wohl nirgends noch hab’ ich solch geile, kalte, rüpelhafte Brunst gesehen, jetzt da der Zwang gefallen, wie in dem tausendjährig ungepflegten Eros von Europa. Endlich ausgebrochen aus dem fremden Pferch, gröhlt die verkommene Sinnlichkeit durch eure weiße Welt wie eine tollgewordene Mißgeburt, der jedes Edelmaß abhanden kam, denn alles will gepflegt, geehrt, geheiligt sein, damit es hold und herrlich werde. Da tragen eure trägen Weiber Kind auf Kind in ihren kalten Bäuchen aus, die Welt mit Unlustfrüchten überfüllend, weil sie noch nicht einmal gelernt, was jede Negerfrau vermag.

Und neben dem verworfenen Ungeschick der Leiber wächst das verworfene Geschick der Hirne auf, belebt der Stahl sich zur Maschine.

Was Hochgezüchteten in ihren Sinnen Erlösung geworden von aller Erdenlast: die Mechanisierung der Welt, reißt den erblindeten, instinktirren, amorphen Lebenshaufen unters Rad, statt ihn in Freiheit auf den Lenkersitz zu heben.

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