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Die Kakomonade

Ein Brief als ein Supplement zu diesem Werke.

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Illustration from Die Kakomonade Ein Nachlaß vom Doktor Panglos, als ein Supplement des Kandide

An M. L. A * * *.

Uiber die Ursachen, die zu der schrecklichen Vermehrung der Kakomonade beitragen.

Bisher, lieber Freund, hab ich nur gescherzet. Lachend schrieb ich die Geschichte von einer der größten Geißeln des menschlichen Geschlechtes. Es ist sehr seltsam, daß die Gewohnheit es nur den Aerzten erlaubt, davon ernsthaft zu reden, und daß, in der feineren Welt, die üble Laune nicht die Wirkung

Sehr zuverlässig ist dieß die Folge jenes seltsamen Durcheinanders, den man in unsern Sitten und Gewohnheiten wahrnimmt. Sobald Jemanden das Fieber befällt, sobald er schlecht geschlafen hat, oder einen Abend nicht mit der gewöhnlichen Leichtigkeit ausspuckt; gleich sind mit dem nächsten Morgen die Bedienten von allen vier Winden in Bewegung; sein Thürepocher kommt nimmer zur Ruhe, und sein Portier hat nicht Worte genug, für all die höflichen Bothen, die aus ganz Paris ihn zu fragen kommen, wie der Herr diese Nacht sich befunden habe.

Ward nun aber der nämliche Mensch das Spiel einer jungen Spitzbübinn, — und ach! wie viel giebt es ihrer! — Bleiben ihm nagende Erinnerungen eines zärtlichen Rendezvous; sieht er sich bei dem Abschiede aus den

Ja, wird man sagen, das ist eine Frucht der Ausgelassenheit. Die Schande ist ein heilsamer Wermuth, den die Wohlanständigkeit in dieselbe gießt, um sie den Unvorsichtigen, die versucht werden, sie zu pflücken, zu verleiden. Dieser scheinbare Widerspruch ist ein Zug der Weisheit. Man hat große Ursache, Krankheiten, die eine

Ach! lassen Sie uns, mein lieber Freund, diesem Gegenstande nicht ins Innre dringen. Diese Frucht ist eine Geburt der Ausgelassenheit, ich wills glauben, aber sie muß dem Hundszahne gleichen, und überall ohne Unterschied wachsen, wie dieses Kraut, in einem bösen Erdreich sowohl, als in einem guten. Man ärntet sie an so vielen Orten, die das Wappen der Tugend führen, daß man wahrhaftig auf nichts schwören darf; und vorzüglich an derlei Plätzen sind die Schilde betrügerisch. La Fontaine sagte:

Unterm Jungfern-Unterröckchen kann Eben so viel Schönheit wohnen,

Als so mancher gute Ehemann Findet unterm Hemde bei Madonnen.

Aber gestehn Sie es nur ein, daß es, wenigstens in unsern Tagen, nicht die Schönheit allein ist, die da allenthalben so gleich ausgetheilt wohnt; und daß die Ungemächlichkeiten, die sie furchtbar machen, mit nicht weniger Gleichheit ausgetheilet sind.

Doch, das befremdet mich nicht, sondern, worüber ich mich wundere, was ich nicht begreife, ist die Sicherheit, mit welcher wir mitten unter so vielen Gefahren leben. Offenbar sehn wir die Kakomonade mit den nämlichen Augen an, wie die angesteckten Dünste zu Paris, die man daüberall einathmet, und an die man sich, trotz ihrer Anpestung, gewöhnet: allein zwischen ihnen beiden herrscht ein himmelweiter Unterschied.

Wenigstens trägt die Polizei doch einige Sorge, um das letztere zu mindern: Man

Unterdessen ist es hohe Zeit, daß die Regierungen aus der Lethargie, worinn sie über diesen Artikel zu liegen scheinen, erwachen. Mit welcher Ruhe sehn sie nicht das Uibel sich reißend um sie her verbreiten! Die Bevölkerung, von dieser Pest bis auf die Wurzeln angegriffen, verwelkt und vertrocknet. Man kann es merken, wie das menschliche Geschlecht an Anzahl und Stärke abnimmt, Uiberall findet man unzählige

So lange die Krankheit nur in den Städten herumgieng, war diese Nachlässigkeit noch einiger Maaßen zu entschuldigen. Aufgeklärte Politiker konnten weniger davor erschrecken, so lange sie nur müssigen Güterbesitzern, oder unarbeitsamen Bürgern drohte. Vieleicht dürfte man sich noch itzt nicht sehr entrüsten, wenn sie sich inner die Mauern der Städte beschränkte, wenn sie sich begnügte, daselbst die Ausschweifungen einer herabgewürdigten Jugend, oder eines schwärmerischen Alters zu strafen. Sie griffe dann nur Menschen an, die dieses Namens nicht

Aber zum Unglücke bindet sie sich hieran nicht; und fällt sehr oft in die Dörfer hinaus. Da greift sie unsern armen Stamm unter dem Strohdach an, das doch noch etwas seinen Adel, und seine Kraft erhält. Sie findet keine Schwierigkeit, sich da niederzulassen. Die Unwissenheit, und vor allen die Armuth erleichtern die Gefälligkeiten, durch die sie sich fortpflanzt, und verbannen hiemit die Mittel, die sie unterdrücken könnten.

Die Zeit ist vorbei, wo man das Land als den Freiort der Unschuld, als die Zufluchtsstätte schuldloser Ergötzungen ansehn konnte. Mit Rechte lobten unsre alten Dichter seine Schönheiten, und Annehmlichkeiten; sie rühmten die Sicherheit der Wälder, die es umgeben; das Grün der Matten, die es

Nicht, als ob wir nicht auch noch Wälder, Gewässer, Matten, und Nymphen hätten: aber bei uns ists keine Diana mehr, die in unsern Wäldern jaget; keine Venus mehr, die sich in unsern Bächen bespiegelt; keine Flora, die in ihrem Laufe auf dem Grase ausglitscht. Die Stelle dieser Göttinnen hat die Kakomonade eingenommen. Alles, was vormals diente, die Vergnügungen, zu umschleiern, und zu vergrößern, dient nun unter ihren Händen zu nichts mehr, als nur die Gelegenheiten zur Reue zu vermehren; und wenn noch ein kühner Faun es wagt, die Schäferinnen ins Gehölze zu verfolgen, so fühlt er sich bald mit einer ganz andern Wunde geschlagen, als wie sie Amors Pfeile schlugen.

Welche Macht könnte doch eine so traurige Metamorphose in Gegenden verursachen, die von dem Verderbnisse so entfernt sind? Wie kann da jenes der Schein der Tugend verhüllen, was anderswo nur die Folge der Ausgelassenheit ist? Wie geht es doch zu, daß oft die Simplizität selber denen gefährlich wird, die sich schmeicheln, sie zu mißbrauchen? Man kann hiervon drei sehr dunkle, aber sehr wirksame Ursachen angeben, welche die Hauptbeweggründe der Verwüstung sind, welche die Kakomonade auf dem Lande hervorbringt.

Die erste davon ist jene ungeheure Anzahl Kinder, die mit jedem Tage aus den großen Städten fortziehn, um sich auf viele Meilen in die Runde, auszubreiten. Sie begehren da von ihnen gemietheten Nährmüttern jenen Beistand, den ihnen die Eltern, von denen sie das Leben haben, versagen. Dieß ist oft ein Glück für sie. Sie würden

Für die Milch, die sie daraus saugen, strömen sie das Gift darein, vor dem sie ihre Unschuld nicht retten konnte. Mit diesem Augenblicke wird die eheliche Zärtlichkeit ein Netz, worinn der Gatte sehr bald sich fängt. Er wird zum Zeitvertreibe mit einer Seuche behaftet, die er nicht fürchten konnte, da sie für ihn mitten in den Armen der Weisheit, und der Fruchtbarkeit entsproß. Wenn sich die Merkmaale davon sehen lassen, so hält die Schamhaftigkeit öfters ihre Entdeckung zurück, und fast immer steht die Dürftigkeit der Abhilfe derselben im Wege. Die Nothwendigkeit einer mühsamen

Nicht ein Zug ist hier übertrieben, sondern es ist dieß ein sehr wahres, ein sehr lebhaftes Gemälde von dem, was sich alle Tage um uns herum zuträgt. Man findet keinen Dorfpriester, keinen Landjunker in den Provinzen, der nicht die Wahrheit davon erkennte. Dieß ist die Gestalt der ersten Quelle der Entvölkerung der Dörfer, welche die Krankheit, von der hier die Rede ist, verursacht.

Doch, es sind es nicht die Kinder in der Wiege allein, durch die sie sich da einschleicht. Auch jene parfümirten Puppen, jene fünf und zwanzigjährigen Greise, welche ein grausames Loos bei Zeiten reich, und zu müssigen Herren gemacht hat, müssen ihr mittelbar zu ihren Absichten dienen. Sie führen öfters die Langeweile, die sie aufzehrt, die Eckelhaftigkeit, die ihnen das Herz abdrückt, auf ihren Landgütern mit sich spazieren. Aus Furcht, sie möchten in diesem neuen Aufenthalte sich selbst gelassen sein, sind sie sehr besorgt, all den Prunk, und Firlefanz des Luxus, der sie in den Städten, aus denen sie sich flüchten, tödtet, mit sich dahin nachzuschleppen.

Ein zahlreicher Hofstaat, eine prächtige Equipage ist ihr Geleite bis in die Mitte der ländlichen Einfalt. Es gefällt ihnen, ihre groben, und verbordirten Bedienten, die sie schlecht bedienen, mitten unter demüthigen,

Dieses lächerliche Großthun, dieser unerträgliche Stolz wäre doch noch ein leidliches Uibel, wenn es nichts weiter schadete, als die Kleingeistigteit des Ortsherrn zu nähren. Aber was ihn erst wirklich schrecklich macht, ist dieß, daß er die Zügellosigkeit der Bedienten begünstigt, und die Folgen davon ins Unendliche vermehret. Die Kakomonade macht sie zu neuen Prometheussen, die sie mit ihrer Fackel bewaffnet; auf ihren Befehl ziehn sie aus, die Bildsäulen, womit das Land erfüllet ist, mit einer verderblichen Flamme zu beleben, die sie nicht von den Strahlen der Sonne entwendet haben.

Die drei Viertheile der Menschen, die sich bei uns zur Dienstbarkeit verschreiben, sind durch ihren Stand Müssiggänger, und aus Noth Hagestolze. Eine vollkommene Unabhänglichkeit ist das erste Bedingniß, welches der Luxus fordert, um sie zu den Würden der Livree zuzulassen, und er macht diese Forderung nur, um sie sich selbst zum Opfer zu bringen. Er will die Herrschaft über seine Unterthanen mit Niemandem theilen. Er macht Ansprüche über Sklaven zu gebieten, die außer ihm keinen Herrn haben sollen. Er meint sich hierdurch Unruhen zu ersparen. Er bildet sich ein, sich dadurch eines hurtigern Dienstes, einer genaueren Treue zu versichern.

Ich weis nicht, ob er es damit wohl macht; was ich gewiß weis, ist, daß dieser Haufen arbeitloser, einsamer Bedienten, überall, wo er sie nur zu finden glaubt, Gesellschaften aufsucht. Ihr Temperament treibt

Ihr gegenwärtiges Bedürfnis macht sie taub für die Folgen der Zukunft. Man weis, was man, von der Gattung Weibsleute, auf die sie sich beschränken müssen, zu erwarten hat, und in kurzer Seit erlangen sie die Erfahrung davon. Dadurch werden sie kecker, so, wie ein Mensch, dessen Kleid schon einmal durchnäßt ist, sich desto weniger gegen den Regen sperret. Die Kraft ihrer Jugend erhält sie eine Zeitlang. Die

Ist er nun einmal auf dem Dorfe, so sind seine Bedienten, in der Kleidung oft besser bestellt, als er, Leute von Wichtigkeit. Ihre Borden werden nun ein Ehrenzeichen. Sie behaupten unter diesen Leuten ohne Widerspruch den vornehmsten Rang, und ziehen alle Augen auf sich. Das Prächtige ihres Anzugs, ihr Bau, der Vorrang, den sie über die Landleute affektiren, unterwirft ihnen sehr bald die Mädchen

Und dann wehe der Tugend, die sich mit einem Bißchen Reiz, und Anmuth waffnet; wehe der Unschuld, welche die Jugend schmücket, und welche die Grazien dieses Alters vielmehr schwächen, als beschützen! Wie bald ist sie verführt, und vergiftet! Die ihrer genoß, — nichts bleibt der Unglücklichen, außer ein unaustilgbarer Jammer, und schändliche Schmerzen. Ihr Ende ist — sie bringt, oft ohne es selbst zu wissen, dem Hymen Blumen zu, die auf ihrem Erdreiche nicht wachsen sollten, und die die Liebe auf ewig verbannen, und es ist noch ein Glück; wenn sie der Versuchung nicht nachgiebt, in die Stadt zu ziehn, um mit den Reizen, die sie zu Grunde gerichtet haben, ein Gewerbe zu treiben, und die Folgen ihrer Schwachheit mit dem Publikum zu theilen!

So arbeiten denn ungeheure Armeen, unter der Uniforme der Sklaverei, daran, in den Schlund der Hauptstädte das Gift, das darinnen gähret, zurück zu gießen, und in diesem Geschäfte muß man ihnen noch eine andere Klasse von Sklaven beigesellen, die an sich selbst edler, obgleich in der Sache selbst sehr wenig in Betrachtung gezogen sind; jene Automaten muß man ihnen zugesellen, die mit zu dem Machwerk eines so genannten Regimentes gehören, und derer Ressorts, wenn sie einmal zugenommen haben, ihnen eine ziemliche Geschicklichkeit geben, eine gewisse Anzahl Bewegungen zu machen, die unter dem Namen Exercizien bekannt sind.

Diese, begabt mit der ausschließenden Befugniß, eine Flinte, oder eine Bajonette zu führen, haben noch in einem höheren Grade jene, überall die traurigen Geschenke, von denen wir sprechen, anzunehmen,

Offenbar sind dieses Laster, die sie gegen das menschliche Geschlecht begehn; doch läßt es sich schwer entscheiden, ob sie dabei mehr strafbar, als unglücklich sind. Gewiß ists, daß der Ehestand für den Soldaten sich nicht schicke. Noch gewisser, daß der Zölibat ihm die Ausschweifung nothwendig macht. Nicht weniger gewiß ists, daß diese Ausschweifung für ihn, und für alle Länder, die er durchzieht, die schrecklichsten Folgen habe. Um sich davon zu überzeugen, darf man nur den Zustand der Plätze, wo Krieg ist, und ihre Gegenden umher betrachten.

Täglich schleicht sich da, trotz aller Wachen, die ihn beobachten, ein verkappter Feind hinein. Er herrscht da mit größerer Macht, als die Statthalter des Königs. Die Wachsamkeit derselben, ihn hindanzuhalten, ist unnütz. Er ist sogar mit den Offizieren, die man dahin beordern könnte, verstanden. Uiber dieß, wie wollte man junge Leute hindern, sich einem Gelüste zu ergeben, das der Müssigang, aus dem sie sich eine Ehre machen, bei ihnen genährt hat? Wie wollte man Begierden unterdrücken, die ein, lange Zeit, bezähmtes Temperament, oder die Gewohnheit der Ausschweifung wüthig gemacht hat? Weder die Bestrafung so einer Unglücklichen, die sie anpestet, noch die langwierigen Peinen, womit sie die Schwachheit eines Augenblicks abbüssen müssen, werden sie je vor dem Rückfalle bewahren. Ein Soldat glaubt, er sei da, um des Gegenwärtigen zu genießen: seine Bestimmung ist, den Gefahren Trotz zu bieten, und er rechnet

Was noch trauriger ist: da sich der Soldat so selbst verderbt, verderbt er auch andere mit. Er erhält, wie Midas, die Eigenschaft, allem, was er berührt, die Kraft, die er empfangen hat, mitzutheilen. Und so wird eine Armee selbst in Feindes Lande dadurch viel verderblicher, als die schrecklichste Verwüstung des Krieges. Nicht das, was sie daraus fortträgt, sondern das, was sie darinnen läßt, schlägt ihm eine unheilbare Wunde.

Wahr ists; sie empfängt dafür bald ihre Strafe. Das Weibervolk dieses Landes bewaffnen sich ihrerseits gleichfalls mit der Plage, die sie verletzet hat, wie Montesquieus Präsident vom Despotismus sagt, daß er sich mit seinen eigenen Ketten bewaffnet, und dadurch desto schreckbarer wird. Pest, als die best eingerichtete Artillerie.

Auch dieses wissen alle, die die letzten Feldzüge mitgemacht haben. Die deutschen Bauerndirnen waren, wie die römischen Frauen, die sicherste Vormauer ihres Vaterlandes geworden. Die Gefälligkeit der kirre gewordenen Hessinnen war mehr zu fürchten, als das Schwert ihrer vaterländischen Helden. Eine einzige Westphälerinn brachte mehr Unordnungen aus, und füllte die Spitäler mehr an, als die Armee von einem ganzen Detachement Hanovrianer.

Lieber Freund, sehen Sie hier wirkliche, offenbare Thatsachen, an denen sich nicht zweifeln läßt. Sie geschehn vor unsern Augen, und leider! sind der Zeugen nur zu viele, die die Wirklichkeit davon bestättigen können. Unter allen den Reformazionsgegenständen, womit man sich in diesem philosophischen Jahrhunderte beschäftigt, ist vielleicht dieser der einzige, woran man nicht denkt, da er doch wahrlich der allerwesentlichste ist. Die übrigen interessiren nur die moralische Glückseligkeit der Menschen, indeß dieser sich mit ihrer phisischen Existenz befaßt. Die Mißbräuche bei den Finanzen und in der politischen Verfassung werden ganz gewiß übertrieben. Die Uibel, die daraus entstehn, lassen sich vielleicht bezweifeln, oder es könnten wenigstens die Verbesserungen derselben sehr leicht noch trauriger ausfallen. Allein hier stehts mit der Sache ganz anders. Das Uibel ist gewiß, die Nothwendigkeit, ihm zu steuern, ist dringend,

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