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Die Kakomonade

Buchhändlernachricht.

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Es leben zwo berüchtigte Schwestern in der Welt, welche mit voller Gewalt auf derselben regieren. Man ist gesinnet, von der Einen derselben die Geschichte ihres Lebenslaufes hier vorzulegen. Dem Leser wirds gar nicht schwer fallen, zu errathen, wer die sei, von der man spricht, sobald er weis — was wir ihm eben sagen — daß man jene, von der die Rede nicht ist, nach unserer französischen 1).

Diese nun hat sich vor undenklicher Zeit in Europen ausgebreitet; der andern aber gelang es nur erst um viele Jahrhunderte später, in diesem Welttheile festen Fuß zu fassen; indessen mag man sie für Zwillingsschwestern

Die Kleine nahm das größte Stück für sich: Das ganze feste Land des Alterthums ward ihr Reich; Afrika, Asien, und Europa fielen unter ihre Bothmässigkeit. Ihre vornehmste Beschäfftigung war, die

Die Andere trieb Anfangs ihren Ehrgeiz nicht so weit: sie begnügte sich, den Zepter über Amerika zu führen: Da pflegte sie des Umgangs mit den Schlangen, und allem kriechenden Ungeziefer, welche diesen schönen Theil der Welt verheeren: allein der Theil, auf welchen sie ihre Gewalt ausbrechen ließ, war nicht das Gesicht; sondern sie griff unmittelbar das an, was die Schönheit nützlich, oder schätzbar macht.

So lebten sie über fünf tausend Jahre, einsam, jede in ihrem Aufenthalte. Nur erst im fünfzehnten Jahrhunderte kam sie die Lust an, sich zu besuchen, da sie zu ihrer Reise die spanischen Flotten sehr gemächlich fanden. Sie mußten keine Ursache gefunden haben, es sich gereuen zu lassen: von dieser Zeit an scheinen sie den Entschluß gefaßt zu haben, sich nimmer wieder zu verlassen. Sie verglichen sich, ihre Schätze gemeinschaftlich anzulegen. Ohne Unterschied, und ohne Eifersucht herrschen sie nun beide zusammen über die vier Theile dieser unteren Welt, wo, wie es ein Haufen erlauchter Philosophen beweist, alles gut ist. Der Vergleich dieser beiden Schwestern

Diese zu mildern, ja zum Theile gar zu unterdrücken, scheint die Absicht gewesen zu sein, welche sich der Verfasser dieses Werkes durch dasselbe zu erreichen bestrebet hat. Wir glaubten wahrzunehmen, daß er hierzu eben so sichre, als leichte Mittel an die Hand gab; und man wird sich von der Sache sogleich gute Begriffe machen, sobald man wissen wird, der Verfasser sei der Herr Doktor Panglos, Feldprediger des Freiherrn von Donnerstrunkshausen, und Hofmeister des Kandide.

Seine Abentheuer sind Jedermann bekannt, aber Niemand weis Etwas von seinen Schriften. Man weis, daß er eben sowohl, als sein Zögling, auf den Befehl der heiligen Hermandad den Staupbesen bekam, und, was noch mehr ist, gehangen wurde. Seine Unglücksfälle sind, Dank sei es der Feder des berühmten Herrn Ralph, seines Mitbruders in der Metaphysik, zum Besitze der Unsterblichkeit gelangt; hingegen zweifelte man nicht, daß es ihm nicht am Kützel, oder an der Zeit gefehlet habe2), ein Autor zu werden; dennoch

Es hält schwer, ihren Zeitpunkt genau zu bestimmen; unterdessen ist es doch ziemlich wahrscheinlich, daß sie der Doktor damal verfaßte, als er sich bei dem Wiedertäufer Jakob aufhielt3). ohne Zweifel wars diese heilsame Einsamkeit, wo Herr Panglos sichs zum Geschäfte, machte,

Diese Stürme waren mit der Epoche, womit Herr Ralph seine Geschichte beschließt, nicht, wie man etwa denken konnte, vorüber. Die mühsame Vereinigung, welche die

Kunegunde, ihres guten Rathes beraubt, begieng eine Thorheit auf die andre. Die letzte davon war, daß sie bei Barzellona mit einem Korsaren auf dem mittelländischen Meere kreuzen schiffte. Bald darauf machte sich auch Kandide, bloß von Martinen begleitet, unsichtbar, ohne Zweifel nicht so viel, um seiner theuern Hälfte wieder habhaft, als um des Verdrusses, daß er sie geheurathet hatte, los zu werden.

Der Bruder Giroflee gieng einige Zeit vorher unter die Janitscharen. Panglos reiste mit Paquetten ab, um, falls er ihn treffen konnte, seinem Zöglinge Trost einzusprechen. Die kleine Mayerei blieb das Eigenthum des einzigen Kakambo, der zufolge des Kaim Akan von Konstantinopel, nachher Oberrichter geworden ist, aber trotz dieser Würde, sich so gut, als seine Herrschaften, neuen Unglücksfällen ausgesetzt fand.

Der Doktor, und seine Gefährtinn bestanden ein klein griechisch Kaufmannsschiff, um darauf nach Smirna zu fahren, wo sie sich Rechnung machten, einige Schiffe zu finden, um nach Europa zu kommen, in der Hoffnung,

Mittels einer sehr sinnreichen, und der Schule eines Leibnitz ganz würdigen Verkleidung fand Panglos den Weg, sie zu entführen. Sie durchstrichen hierauf ganz Asien. Die Kette ihrer Begebenheiten zog sie bis nach China, wo sie Kunegundens Bruder, Herrn Baron von Donnerstrunkshausen wieder fanden. Der war noch immer der alte Starrkopf, der alte Jesuite. Er gab sich hier, wie man im Verfolge dieses Werkes sehn wird, mit dem Gewerbe nützlicher Künste ab. Endlich trafen sie nach einer Menge neuer Märsche, und mehr, oder minder trauriger Trennungen zu Paris wieder zusammen. Paquette gab sich hier einen indianischen Namen. Durch diesen Kniff,

In ihrem Glücke verlor sie Panglosen nicht aus dem Gedächtnisse. Sie gab ihm bis zu seinem Tode, der sich den 11ten Dezember des vorigen Jahres ereignete, seinen Unterhalt. Er hatte ziemlich schnell das Französische begriffen, und das Werk, das wir hier herausgeben, selbst in diese Sprache übersetzt. Er hat es, wie man sehen wird, seiner Wohlthäterinn zugeeignet, und diese hat uns das Mannuskript davon mitgetheilt.

Man fand unter seinen Papieren viele andere Bemerkungen, in sehr guter Ordnung. Sie enthalten alle seine Reisen von der ersten von Konstantinopel aus angefangen.

Fräulein Paquette übernahm selbst die Sorge, sie durch sichre Hände an Herrn Ralph gelangen zu lassen; und wir wissen ganz zuverläßlich, daß dieser Gelehrte des Vorhabens ist daraus einen Zweiten Theil zur besten Welt zu verfassen, dessen Ausgabe nicht lange ausbleiben wird. Hierbei bedienen wir uns mit Vergnügen der Gelegenheit, das Publikum aus einem Irrthume zu ziehn. Man hat bei einigen nachgedruckten Ausgaben der besten Welt auf den Titel

Ohne Zweifel kömmt dieses Gerücht von des Herrn Doktors Feinden her. Sie gaben vor, er hätte sein Leben auf einem Schlachtfelde geendigt, gewiß nur, um verstehen zu geben, daß er vor Furcht gestorben. Diese Nachricht ist falsch. Der unsterbliche Herr Ralph befindet sich, zum Verdrusse seiner Neider, noch bei den besten Kräften. Die Herausgabe des zweiten Theils seines Werkes wird davon eine Probe seyn. Um

Vom Verdienste des Doktor Panglos, als Schriftstellers, wird das Publikum das Urtheil sprechen. Wir zweifeln nicht, daß man dieses Werk seines Ruhmes würdig finden werde. Was uns Anfangs befremdete, war nur der Gegenstand desselben. Herr Ralph nannte das Kind, das sein Held aus seinen Versuchen in der Experimentalphisik erhielt, ohne Umschnitte beim rechten Namen. Allein selbst dieser soll, nachdem er es im Französischen zu einer vollständigen,

Man kann sich einbilden, daß diese Herabstimmung, ihm vieles kostete. Wir haben in seinen Schriften davon Proben gefunden. Er hatte sogar gegen diese sogenannte Delikatesse eine Abhandlung angefangen, wobei wir sehr bedauern, daß er sie nicht zu Ende bringen konnte. Der

Unterdessen wollen wir zur Rechtfertigung der Franzosen, bemerken,

Die Spanier sollten mit dem Namen und der Sache besser bekannt seyn; indessen weichen sie dem Begriffe

Uibrigens ist diese abgeschmackte Kleingeistigkeit nicht bei allen Völkern die Folge eines vagen Vorurtheils, wovon man nie versuchet hätte, einen Grund anzugeben. Große Schriftsteller haben sich bemühet, sie zu heben,

Der Herr Abbé untersucht sehr sorgfältig, und mit all dem kritischen Geiste, den er besaß, worinn die sogenannte Keuschheit unsrer heut zu tägigen Sprachen ihren Grund habe. „Das Christenthum, und die Moral der Europäer,“ sagt er, „machen sie so gewissenhaft in ihren Worten, da im Gegentheile das Griechische und Latein, welches von heidnischen Völkern gesprochen wurde, weit freier ist.“

Wir bitten den Herrn Abbé um Vergebung; allein wir sind nicht seiner Meinung; und was noch mehr ist, wir haben so gar sehr gute Gründe, es nicht zu seyn.

Der erste ist das Ansehn des Herrn Panglos, der sich ganz öffentlich für die entgegengesetzte Meinung erklärt, wie man in der Sammlung seiner Werke sehn wird, wenn man anders jemal das Fragment, von dem wir sprachen, darinnen mit heraus giebt. Der zweite Grund ist der, daß die Moral der Heiden nicht lockerer war, als die unsrige. Die wahren Begriffe von Schande, und Ehre findet man eben sowohl in ihren guten Schriften, als in unsern Kasuisten

Der Journalist denkt nicht, daß die Väter der beiden Kirchen Eingebungen vom heiligen Geiste hatten, und wenigstens eben so gut, als wir, in der christlichen Moral unterrichtet

Sehen wir uns ja vor, die scheinbare Grobheit der Alten, und selbst der Heiden, zu verachten. Wir haben einen heiligern Gottesdienst;

Weit gefehlt, daß die Sittsamkeit der kauderwälschen Europäer die Frucht einer ächten Sittsamkeit wäre,

Doch muß man, wenn man für sie schreibt, auf diese alberne Delikatesse Rücksicht nehmen. Man muß einen Gegenstand, vor dessen nackten Anblicke sie sich scheuen, mit einem durchsichtigen Schleier überdecken. Man muß sich zufrieden geben, die furchtbare Macht, deren Thaten man lesen wird, unter einem allegorischen Namen aufzuführen. Diese Nothwendigkeit wars, die den Herrn Doktor veranlaßte, den geheimnißreichen Ausdruck: Kakomonade zu ersinnen.

Man erkennt daran den Eifer des Lehrmeisters Kandidens für die Lehre des größten Metaphysikers von Deutschland. Das blosse Wort Monade,

NB. NB. Bei dieser zweiten Ausgabe hat man dem Werke einen

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