Der Jobsiadendichter Dr. Carl Arnold Kortum.
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Fast ein Jahrhundert ist verflossen, seitdem die Jobsiade, natürlich nur der erste, abgerundete und abgeschlossene Theil, 1784 im Druck erschien; in vielen Tausenden von Exemplaren ist das „komische Heldengedicht“ verbreitet, mehr als drei Generationen haben sich an dem grobkörnigen Humor erfreut, aber über die Lebensumstände des Dichters ist im großen Publikum wie in seiner zweiten Vaterstadt, der Kreisstadt Bochum in Westfalen, wenig bekannt. Man wird dem Fremden dort auf Befragen das Wohnhaus des Dichters zeigen, welches durch eine im Jahre 1876 daran angebrachte Marmortafel kenntlich gemacht ist, und vielleicht auf das Grab desselben auf dem alten Theile des sogenannten „Todtenkirchhofes“. Damit hat aber die Kunde über „Leben, Meinungen und Thaten“ des Jobsiadendichters auch in seiner Vaterstadt so ziemlich ein Ende.
Das Wohnhaus des Dichters, auf der oberen Marktstraße gelegen, trägt die Nr. 23 und charakterisirt sich durch seine Bauart und Giebelverzierungen als aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts stammend. Die Inschrift der Marmortafel lautet:
„In diesem Hause — lebte, dichtete und starb — der Königl. Hofrath — und doct. medicinae — Carl Arnold Kortum, — geboren den 5. Juli 1745, — gestorben den 15. August 1824.“
Angebracht ist diese Tafel von den Berufsgenossen des Dichters, wohl zu verstehen von den Berufsgenossen in dessen ärztlichem Berufe, nicht in der Dichtkunst, und verdienen die Bochumer Aerzte für diesen Act der Pietät alle Anerkennung.
Der Name des Dichters wird meistens falsch angegeben; derselbe heißt nicht Kortüm, sondern Kortum. Nicht allein die Encyclopädien, sondern auch wissenschaftliche Werke haben die erste, falsche Form des Namens. Der Irrthum beruht auf einer Verwechselung mit dem Namen des bekannten Historikers Joh. Friedr. Kortüm, geboren den 24. Februar 1788 zu Eichhorst in Mecklenburg-Strelitz, gestorben am 4. Juni 1858 als Professor der Geschichte an der Universität Heidelberg.
Carl Arnold Kortum wurde am 5. Juli 1745 von protestantischen Eltern zu Mühlheim an der Ruhr geboren, wo sein Vater eine kleine Apotheke besaß. Dieser starb schon früh, aber die Mutter, eine geborene Maria Helene Severin aus Bochum, setzte das Geschäft des Verstorbenen fort, und da sie obendrein ein ziemliches Vermögen mit in die Ehe gebracht hatte, so konnte sie ihrem Sohne eine sorgfältige Erziehung geben. Nach Kortums eigener Aussage, welche in der Form seines Namens einen weiteren Anhalt findet, stammte seine Familie aus Friesland; dieselbe habe dort einst ein ausgedehntes und reiches Grundvermögen besessen, sei aber durch widrige Umstände um Ansehen und Besitz gekommen, in Folge dessen verzogen und zum Stande und Broderwerb des kleinen Bürgers herabgedrückt worden.
Die Liebe und Sorgfalt, mit welcher die Mutter der Erziehung des kleinen Carl Arnold oblag, fand in den ersten Jahren wenig Belohnung; alle Sorge und Mühe scheiterte an den geringen Anlagen des Knaben und man verzweifelte schon daran, ihm auch nur das Alphabet und damit die Grundlage aller Wissenschaft beibringen zu können. Was der Mutter und vielen Andern nicht gelingen wollte, gelang endlich durch den glücklichen Einfall eines damals in Mühlheim lebenden Candidaten Namens Grabow. Derselbe fand den Schlüssel zu dem Geiste des Knaben dadurch, daß er auf das sogenannte „letterbanket“ der Holländer verfiel; er ließ nämlich aus Kuchenteig Buchstaben bilden, und spendete diese gebackenen Buchstaben dem Knaben als süße Belohnung, wenn er wieder einen Buchstaben begriffen und behalten hatte. Es kam nunmehr ein ganz anderes Leben in den Knaben; er bekam Muth und Selbstvertrauen und hatte sich bald in einen solchen Eifer zum Lernen hineingegessen, daß er ungewöhnlich rasch lesen lernte und seine Mutter ihm bald nicht genug Bücher mit Fabeln, Märchen und allerhand Kindererzählungen verschaffen konnte.
Der verstorbene Vater des Dichters hatte gewünscht, daß der Knabe studiren und zur Universität übergehen sollte. Im Herbst 1753 kam der Knabe daher, acht Jahre alt, auf die protestantische Lateinschule seiner Vaterstadt; da sich dieselbe aber in einem jämmerlichen Zustande befand, sah sich die Mutter genöthigt, ihn von da fortzunehmen und in die katholische Schule des Ortes zu schicken, wo das Lateinische gründlich betrieben und das Französische ebenfalls gelehrt wurde. Mit fünfzehn Jahren wurde Carl Arnold Schüler des Gymnasiums zu Dortmund, wo er bei einem Onkel von väterlicher Seite Wohnung und Pflege fand. Ein Sohn dieses seines Hauswirthes ist Karl Georg Theodor Kortum, den Pierers „Universal-Lexicon“ s. v. „Kortum“ fälschlich als Sohn unseres Jobsiadendichters bezeichnet. Derselbe, 1765 zu Dortmund geboren, starb am 9. Februar 1847 als Physikus in Stollberg bei Aachen.
Am Gymnasium zu Dortmund gehörte unser C. A. Kortum zu den tüchtigsten Schülern, und waren es nach F. W. Ebeling vorzüglich zwei Lehrer, welche einen nachhaltigen Einfluß auf denselben ausübten, der Rector Gotthilf August Hofmann und der Professor Pilger. Letzterer gab sich Mühe, den jungen Studiosus für den geistlichen Stand zu bestimmen, aber vergeblich, denn die Lust und Liebe zur Medizin als zu seinem Brodstudium hatte der Jüngling in der väterlichen Apotheke zu tief eingesogen; trotzdem blieb ihm zeitlebens eine gewisse Vorliebe für theologische Dinge anhaften. Der Rector Hofmann, ein für seine Zeit sehr verdienter Schulmann (gestorben 1770), war zwar ebenfalls Theologe, aber nach der obigen Quelle zugleich ein warmer Freund der Dichtkunst, deren Nutzen und Werth er in mehreren lateinischen und deutschen Schulschriften zu erweisen versuchte. Derselbe weckte in seinem Schüler die Liebe zu den schönen Wissenschaften und beklagte nur unaufhörlich, daß derselbe in allen seinen freien Arbeiten einen ungemeinen Hang zur Satire verrieth. Er warnte ihn, seinen beißenden Witz zu unterdrücken und seine Spottlust zu zügeln, durch welche er sich nur Feinde und Unannehmlichkeiten im Leben schaffen werde; dabei hatte der Lehrer selbst aber eine satirische Ader, fluthete von Sarkasmen völlig über und war sogar in einer literarischen Fehde öffentlich als Satiriker aufgetreten. So wenig ein Lehrer, der den ganzen Tag die Pfeife nicht erkalten läßt, seinen Schülern das Unpassende und Schädliche des Rauchens begreiflich machen kann, so wenig war auch Rector Hofmann geeignet, dem jungen Kortum die Freude an lachendem Witz und scharfem Spott zu verleiden.
Mit tüchtigen Kenntnissen ausgerüstet bezog Kortum 1763, achtzehn Jahre alt, die Universität Duisburg, um Medicin zu studiren. Hier, in der Vaterstadt des bekannten Geographen Mercator (Kremer), welche 1609 mit der Clevischen Erbschaft an die Kurfürsten von Brandenburg gefallen war, hatte der große Kurfürst 1655 eine reformirte Universität gegründet, welche 1802 theilweise und 1818 ganz und förmlich aufgehoben wurde. In der medicinischen Fakultät waren es besonders zwei Männer, die Bedeutung und Ruf hatten: Johann Gottlieb Leidenfrost (1715-1791) und Christian Arend Scherer (1714-1777). Beide standen auf der Höhe der medicinischen Wissenschaft ihrer Zeit, und hat der junge Kortum namentlich die Fußstapfen des ersteren dadurch betreten, daß er sich gleich ihm bemühte, populäre Kenntnisse über das Wesen des menschlichen Körpers und dessen rationelle Behandlung zu verbreiten. Die 1779 in Wesel und Leipzig bei F. J. Röder und J. S. Heinsius erschienene Schrift Kortums: „Anweisung wie man sich vor alle ansteckende Krankheiten verwahren könne, für solche die nicht selbst Aerzte sind“ — gibt den größtenteils noch jetzt richtigen Ansichten Leidenfrost’s einen populären Ausdruck und scheint vielfach auf dessen Vorlesungen zu beruhen.
Nach drei Jahren bestand Kortum glücklich seine ärztliche Prüfung, erwarb sich durch eine 1766 gedruckte Dissertation über die Epilepsie den Doctortitel und ließ sich, nachdem er noch ein halbes Jahr in Berlin hauptsächlich Anatomie und Chirurgie studirt hatte, in der liebgewordenen Musenstadt Duisburg als Arzt nieder. Kaum 23 Jahre alt, verheirathete er sich hier 1768 mit Margaretha Ehinger aus Bochum und erwarb sich wegen seiner gediegenen Kenntnisse, einiger glücklicher Aufsehen erregender Curen, sodann aber wegen seines leutseligen Benehmens, seiner geistreichen Unterhaltung und seiner gesellschaftlichen Talente rasch eine ausgedehnte Praxis. Die Zahl der von ihm in Duisburg behandelten Kranken soll sich in einem Jahre auf 600 belaufen haben. In einer Zeit, wo tüchtige Aerzte noch selten waren, wo Charlatane, Dorfbader und Feldscherer fast noch allein das Feld behaupteten und ungestraft an dem gesunden Körper unserer Vorfahren ihre unvernünftigen Quacksalbereien und bedenklichen Hundecuren versuchen durften, waren wissenschaftlich gebildete Aerzte gesuchter als heutzutage, und schon bald bewarben sich die Städte Wesel, Lennep und Hagen um Kortum als Arzt; in Rees wurde ihm gar das Kreisphysicat angeboten. Seine Mutter und Gattin waren aber beide aus Bochum, und wol deren Vorliebe für ihre Vaterstadt war es, die den jungen Arzt bewog, sich im Jahre 1770 in Bochum niederzulassen. Bochum wurde seine zweite Vaterstadt, und bis zum Ende seiner Tage, länger als ein halbes Jahrhundert, blieb er derselben treu.
Klein und beschränkt war dieser Wirkungskreis, und es ist nicht ohne Interesse, den Dichter selbst über die einfach-spießbürgerlichen Verhältnisse seines neuen Wohnortes zu vernehmen. In einer hinterlassenen Schrift: „Bochumer Nachrichten“, welche von der „Westfälischen Volkszeitung“ in Bochum im ersten Jahrgange 1872 veröffentlicht wurde und welche, wie aus dem Inhalte zu schließen ist, im Winter von 1789 auf 1790 entstanden sein muß, äußert sich Kortum an verschiedenen Stellen wie folgt:
„Augenblicklich (im Jahre 1789) wohnen überhaupt 366 Familien in der Stadt; die Personenzahl beträgt 1474 Seelen, ausgenommen die hier im Dienst stehenden Soldaten. Hierunter sind 294 Männer, 385 Frauen, 332 Söhne, 348 Töchter, 11 Gesellen, 17 Knechte, 1 Junge und 86 Mägde. Von diesen sind 983 über und 491 unter zehn Jahren alt. Zum Militärstande gehören noch besonders 47 Personen, deren Weiber und Kinder eingerechnet.
„Die Einwohner der Stadt sind meist starke, untersetzte Leute. Man trifft hier wenig Krüppel und im Verhältniß der Einwohnerzahl sehr viele alte Leute beiderlei Geschlechts. Siebenzig- und Achtzigjährige sind durchaus nicht selten. Die einfache Lebensordnung, die hier geführt wird, ist neben der gesunden Luft die Hauptursache des außerordentlich günstigen Gesundheitszustandes. Der gemeine Mann nährt sich nur von Brod, Butter und Gemüse; Fleisch wird von ihm nur selten genossen, noch seltener Fische; Gewürze fallen fast ganz fort. Kaffee wird viel getrunken, aber sehr dünn; derselbe macht mit einem Butterbrode oft die Mittagsmahlzeit, fast immer die Abendmahlzeit der Familie aus, die vertraulich beim Scheine des Herdfeuers um den Kaffeekessel („Wippop“) oder Milchnapf sitzt. Der Hausvater raucht dabei wol sein Pfeifchen Kölnischen Tabak, und wenn er bei Vermögenden in Arbeit steht, trinkt er auch wol ein Glas Branntwein oder eine Kanne Bier. In solchem Falle ißt er auch besser, bekommt Speck und sonstiges Fleisch und Pfannkuchen, und ist dann vergnügt wie ein Fürst.
„Die Bürger ernähren sich größtentheils vom Ackerbau. Fast jeder wohlhabende Bürger hat eigen Feld; doch nur wenige haben eigene Pferde und Ackergeräthe. Sie lassen vielmehr von Bauern aus den benachbarten Ortschaften entweder für Geld oder gegen die Hälfte des Ertrages den Acker bearbeiten.
„Ein anderer Nahrungszweig ist die Viehzucht. Jeder Bürger, er sei vornehm oder gering, hat eine oder mehrere Kühe; die ärmsten haben wenigstens eine Ziege. Da die Bürger im Sommer auf der Vöde frei Vieh treiben können, so ist ihnen das Vieh wohlfeil zu halten. Im Jahre 1719 war der ganze Viehstand in der Stadt 24 Pferde, 402 Kühe und 2 Ziegen. Nach der Zeit hat der Viehstand abgenommen, denn jetzt (1789) sind nur vorhanden 287 Stück Rindvieh, aber 42 Ziegen und 27 Pferde. Schafe werden gar nicht gehalten.
„Auch das Kohlenbergwerk nährt manchen Bürger. Einige haben an den Bergwerken selbst Antheil, Andere arbeiten an denselben, Andere fahren auf Sturzkarren, Schiebkarren, Schleppen und Tragkörben Kohlen zum Verkauf in die Stadt oder holen dieselben für andere Leute.
„Die Classe der vornehmen Leute besteht aus königlichen Beamten, Geistlichen, Gelehrten, Kaufleuten, Künstlern und Handwerkern. Die übrigen geringeren Bürger sind Tagelöhner, welche sich mit Dreschen, Steinbrechen, Holzhauen, Futterschneiden u. dgl., so wie durch Hilfe beim Ackerbau, Branntweinbrennen, Brauen und sonstigen wirthschaftlichen Arbeiten ernähren.
„Als im Jahre 1753 die Grafschaft Mark in Landgerichte bestellt wurde, erhielt auch Bochum ein solches (1878 leider nicht. D. V.) und wurden dazu 1 Landrichter, 2 Assessoren, von denen der jüngste zugleich das Amt eines Actuars mit verwalten muß, nebst einem Gerichtsschreiber angeordnet. Zu diesem Landgerichte gehört nicht allein das Amt Bochum, sondern auch das Amt Hattingen und Blankenstein. Das Landgericht hat zur Vollziehung der Befehle zwei Gerichtsdiener. Die Sitzungen werden in einem Zimmer des Rathhauses abgehalten.
„Es geht zur Zeit (1789) hier noch kein Postwagen, wol aber kommt von Cleve über Duisburg die reitende Post Donnerstags und Sonntags hier an, und des Mittwochs und Sonnabends eine Fußpost von Lünen, welche desselben Tages wieder abgeht. An eben den Tagen kommt ein Postbote von Essen, geht hier durch nach Dortmund, und kehrt des anderen Tages zurück. Nach Hattingen geht auch ein Postbote Mittwochs und Sonnabends; außerdem sind noch besondere Postboten zur Ueberbringung etwaiger Briefe an die nahegelegenen Dörfer.“
Es waren demnach die philisterhaften Verhältnisse eines kleinen Landstädtchens, in welche der geistig und körperlich rege junge Arzt hineingezwängt war; aus ihnen ist die Jobsiade hervorgewachsen und aus dem Mangel an geistiger Anregung, den der reich angelegte und rastlos thätige Dichter doppelt fühlen mochte, erklärt sich die Entstehung und mancher Zug der Jobsiade. Der kleine Gesichtskreis genügte seinem regen Geiste nicht, und da er die kleinlichen Verhältnisse nicht ändern konnte, machte er sich in Wort und Schrift darüber lustig. Ferner erklärt sich hieraus, abgesehen von der natürlichen Anlage, seine ungemeine Vielseitigkeit und seine große schriftstellerische Fruchtbarkeit.
Mochte Bochum, welches bei der Volkszählung am 1. Dezember 1875 eine ortsanwesende Bevölkerung von 28,562 Seelen hatte, zur Zeit der Entstehung der Jobsiade aber auch nur kaum anderthalb tausend Seelen zählen: das alte Bochum brachte noch Originale hervor, kernige, gesunde, zufriedene Menschen, die sich als Bürger eines Gemeinwesens fühlten, sich bestens vertrugen, und mit allerhand lustigen Streichen und Einfällen aufzogen. Die leichtlebige und vergeßliche Gegenwart hat kaum noch eine Ahnung davon, welch’ originelle Menschen die Väter und Großväter der jetzigen Generation oft gewesen; nur mancher gute Einfall, manche gelungene Fopperei, mancher köstliche Eulenspiegelstreich klingt noch in die Jetztzeit hinüber. Und von diesem gesunden Sinne, dieser biederen Derbheit und urwüchsigen Originalität, vor Allem aber von dem grobkörnigen Humor des alten Bochums trägt die Jobsiade auch gar manchen Zug.
Unter rastloser Thätigkeit als Arzt und Schriftsteller verlebte Kortum in Bochum in Wohlstand und Ansehen seine Tage, umringt von Kindern, Enkeln und Urenkeln. Allerdings war sein Familienglück nicht ungetrübt; drei geliebte Kinder sanken vor ihm in das Grab, und der 1807 erfolgte Tod seines Sohnes, auf den er so große Hoffnungen gesetzt hatte und der ihm bereits nach glänzenden Studien als Gehilfe in seinem Berufe zur Seite stand, brach seine Lebensfreudigkeit und machte den sonst so heiteren Mann mürrisch, verschlossen und bitter. Von diesem Sohne, der als zweiter Bergarzt unter seinem Vater wirkte, stammt das im zweiten Theile, Kap. 32, Vers 10 erwähnte „Gesundheitsbüchlein für Bergleute.“ Bei Gelegenheit seines 50jährigen Doctorjubiläums im Jahre 1816 erhielt er vom Könige Friedrich Wilhelm III. den Titel „Königlicher Hofrath“; im Jahre 1818 feierte er seine goldene Hochzeit und im Jahre 1820 im engen Freundeskreise die Erinnerung an seine 50jährige ärztliche Wirksamkeit in Bochum. Gebeugt von der Last seiner Jahre, lebensmüde und verbittert starb er, im 80. Lebensjahre stehend, am 15. August 1824, wie es scheint, nach schmerzlichem Krankenlager. Darauf deutet wenigstens auf seinem Grabmonumente der Satz: „Non mihi mors gravis est — posituro morte dolorem,“ zu deutsch: „Der Tod wird mir nicht schwer, der ich durch den Tod den Schmerz ablege.“ Ihn überlebten seine Gattin, seine Tochter, sieben Enkel und zehn Urenkel. Noch jetzt leben Nachkommen von ihm in Bochum.
Was seinen Ruhm begründet hatte und in gesunden Tagen sein Glück gewesen war, seine Ader zu Witz und Humor, wurde ihm in den letzten Jahren seines Lebens zum Fluche. Er war ein strebsamer, tüchtiger Student gewesen und als junger Arzt gesucht und berühmt; er hatte sich zeitlebens bemüht, auf der Höhe seiner Wissenschaft zu bleiben, aber die Arzneikunde war gegen Ende des vorigen und namentlich im ersten Viertel dieses Jahrhunderts mit Riesenschritten vorwärts gegangen, und ehe er es sich versah, war er zurückgeblieben und wurde von jüngeren Kräften überflügelt. Der immer sichtlicher hervortretende Mangel an Vertrauen zu seiner Geschicklichkeit kränkte und verbitterte ihn und untergrub seine Berufsfreudigkeit und Heiterkeit. Aus dem Jüngling, der sich über Alles lustig machte, war ein Greis geworden, der sich über Alles ärgerte, und ein Convolut von hinterlassenen Papieren geschäftlicher Art, welches die Bochumer Gymnasialbibliothek aufbewahrt, zeigt keine Spur von dem Charakter und lachenden Humor, den man bei dem Dichter der Jobsiade voraussetzen sollte. Er hielt alle Menschen für undankbar und falsch, erblickte überall hämische Gegner und bösartige Feinde, verkannte die Liebe und Achtung, die ihm von Angehörigen und Fremden reichlich bezeugt wurde, und war in seiner bissigen Laune sich selbst zur Qual und Anderen zur Last geworden. Gewiß fiel ihm daher der Tod nicht schwer, der ihn dem Lebensüberdruß und der Selbstqual entrückte.
Die Grabstätte des Dichters auf dem ruhigen, schattigen alten Kirchhofe macht einen würdigen, ernsten Eindruck, und doch wird man davor stehend unwillkürlich an die launigen Verse erinnert, mit denen Kortum von der langen Reihe derer, die der dürre Knochenmann schon geholt, auf den Tod des Nachtwächter Jobs übergeht:
„Summa Summarum, weder vorn noch hinten Ist in den Chroniken ein Exempel zu finden, Daß Freund Hein etwa irgendwo leer Bei Jemand vorübergegangen wär’. Und was er übrigens noch nicht gefressen, Wird er doch in der Folge nicht vergessen; Sogar leider, lieber Leser, auch dich, Und was das Schlimmste ist, sogar mich!“
Das Grabmonument bildet in seinem Haupttheile einen Würfel aus Sandstein, der auf einem verzierten Sockel ruht und von einem dachartigen Gesimse bedeckt wird. Oben auf dem Denkmal steht eine mit einer Schlange umwundene Urne. Das Monument zeigt auf der Vorderseite die Inschrift:
„Hoc sub monumento quiescit C. A. Kortum Dr. medic. pro meritis nominatus consiliarius aulicus. Natus die 5. Juli 1745. Mortuus die 15. Aug. 1824.
Hier ruht die irdische Hülle des Dr. medic. und Hofrath C. A. Kortum. geb. den 5. Juli 1745, gest. den 15. Aug. 1824.
Darunter befindet sich als Symbol der medizinisch-chirurgisch-poetischen Thätigkeit des Verstorbenen eine Leyer, und kreuzweise darüber gelegt das Emblem der Aerzte und Apotheker, der Aesculapstab.
Rechts von dem Beschauer steht die oben schon verdeutschte Inschrift:
„Non mihi mors gravis est, posituro morte dolorem. Sirach, 22. v. 11. Man soll nicht so sehr trauern.“
Unter der Inschrift befinden sich zwei Palmbüschel.
An der linken Seite findet der Verehrer des Dichters die Worte:
„Per aspera ad astra! Offenbarung. Joh. 14. v. 13. Selig sind die Todten, die in dem Herrn sterben.“
Wenn der deutsche Spruch jedesmal die Uebersetzung des lateinischen sein soll, so würde man damit allerdings als Quartaner oder Quintaner schlecht durchkommen, denn „Per aspera ad astra“ heißt wörtlich: „Durch Mühen zu den Sternen“. — Unter dieser Inschrift befindet sich eine Sanduhr.
Auf der hinteren Seite des Denkmals befinden sich als Symbol der Trauer zwei umgekehrte Fackeln und darüber die Worte:
„Deploratus ab uxore, filia, septem nepotibus decemve pronepotibus.
Um ihn trauern seine Gattin, seine Tochter, seine sieben Enkel und zehn Urenkel.“
In der Nähe des hier beschriebenen Grabdenkmals liegen drei Verwandte des Dichters, seine Tochter Henriette Döring geborene Kortum, geboren den 1. März 1770, gestorben 5. Februar 1839, deren Schwiegersohn Constantin Brinkmann, geboren 9. März 1796, gestorben 9. Juni 1841, und dessen gleichnamiger Sohn, also ein Urenkel Kortums, Constantin Brinkmann, geboren 21. November 1821, der als junger Apotheker eines jähen, unerwarteten Todes, wahrscheinlich durch Gift, gestorben ist. Es heißt von ihm auf der Grabinschrift nicht ohne Phrasenschwall: „Er starb am 21. April 1851, ein früh gefällter, lebenskräftiger Baum. Geistesverwandt mit seinem Urgroßvater Dr. Kortum, dem bekannten Gelehrten, dessen späte Lebensjahre der hoffnungsvolle Enkel noch erheiterte, ruht er nun an dessen Brust. Das Grabmal des lichtvollen Vorfahren überschattet ihn, der Geist desselben geleite ihn zu den Thoren der ewigen Auferstehung!“
Nach Darlegung der äußeren Lebensumstände des Jobsiadendichters wollen wir nunmehr denselben als Schriftsteller betrachten, und dabei seine Versuche und Leistungen auf dem Gebiete der Poesie von seiner anderweiten literarischen Thätigkeit trennen.
Doctor C. A. Kortum begann seine fruchtbare schriftstellerische Thätigkeit bereits früh und schrieb über die verschiedensten, heterogensten Materien. Die meisten Arbeiten fallen in die Zeit von 1775 bis 1790, sind aber bis auf die Jobsiade so ziemlich alle der Vergessenheit anheimgefallen, obschon sich nicht läugnen läßt, daß manche derselben in der damaligen Zeit anregend und fördernd gewirkt haben. In den Jahren 1776 und 1777 erschienen in Bremen: „Der Kaffee und seine Stellvertreter“; — „Der Thee und seine Stellvertreter“; — „Grundsätze der Bienenzucht.“ Ueber letzteres Werkchen äußert sich der Verfasser in seinen „Bochumer Nachrichten“ etwas ärgerlich wie folgt:
„Einzelne Bürger treiben auch Bienenzucht, doch mehr zum Vergnügen als Nutzen. Es könnte dieser Nahrungszweig sehr verbessert und verdienstlich gemacht werden. Ich habe durch meine im Jahre 1776 herausgegebenen ‚Grundsätze der Bienenzucht‘ Anlaß genug dazu gegeben, aber es fehlt an gutem Willen und höherer Ermunterung.“
In das medicinisch-pädagogische Gebiet fällt Kortums „Märtyrer der Mode“; derselbe erschien 1778 anonym zu Wesel bei F. J. Röder. Es ist dies eine kleine, durch den weiten Druck auf 75 Seiten ausgereckte Satire auf die damals und noch jetzt grassirenden Modethorheiten und Lebensgewohnheiten vornehmer Stände, z. B. das Schnüren, Ammenwesen, Erziehung oder besser Vernachlässigung der Kinder durch fremdes Personal u. dgl. Der arme Märtyrer all dieser Moden, der von den ersten Anfängen seines Daseins bis zum Grabe bei all diesen Modekrankheiten schlecht genug wegkommt, erzählt sein Elend selbst. Der Verfasser hat dem Schriftchen nicht ohne Humor kurz und gut folgende „Vorrede an die Leser“ vorgesetzt:
„Es wäre zwar Mode, Ihnen erst ein Compliment zu machen und dann zu sagen, was vor hinreichende Gründe ich gehabt habe, diese Geschichte herauszugeben. Allein, zu dem ersten bin ich nicht aufgelegt, und das andere werden Sie schon selbst am Ende der Geschichte lesen. B-ch-m, 1778.“
Durch die letzte Bezeichnung verräth sich der Verfasser zur Genüge; nebenbei gesagt füllt diese bündige Vorrede zwei ganze Seiten.
Im Jahre 1779 erschien seine oben schon berührte populär-wissenschaftlich gehaltene „Anweisung wie man sich vor alle ansteckende Krankheiten verwahren könne“, und 1782 im Verlage der Helwingischen Universitäts-Buchhandlung zu Duisburg die von Lavater angeregte Schrift: „Anfangsgründe der Entzifferungskunst deutscher Zifferschriften.“ Beide sind je 114 Seiten stark; die erstere ist für den damaligen Stand der medizinischen Wissenschaft bezeichnend und die letztere ist ebenfalls noch jetzt lesenswerth, sehr instruktiv und verräth eine große Uebung und Sicherheit in der immerhin geistig anregenden Spielerei, Ziffer- und Zeichenschriften zu enträthseln. — 1789 erschien zu Duisburg die „Verteidigung der Alchemie“, welche bereits im Jahre 1791 in Aachen eine zweite Auflage (oder einen Nachdruck) erlebte. Einen glücklichen Griff that endlich der „Arznei-Doctor“, wie er sich meistens betitelt, in seiner „Skizze einer Zeit- und Literaturgeschichte der Arzneikunst von ihrem Ursprunge bis zum Anfange des 19. Jahrhunderts“, welche 1809 zu Unna erschien und 1819 eine zweite Auflage erlebte.
Das Verzeichnis dieser seiner gedruckten Schriften, noch mehr aber eine Uebersicht seines handschriftlichen Nachlasses zeigt die ungemeine Vielseitigkeit und Polymathie des Jobsiadendichters. Medicin, Pädagogik, Jurisprudenz, Naturkunde, Geschichte und Alterthumsforschung, Landwirtschaft, Technologie, Illustrationskunde u. s. w. sehen wir vertreten, und wenn das vorige Jahrhundert, wo die einzelnen Fachwissenschaften noch nicht den riesigen Umfang von heutzutage hatten, den studirten Leuten auch eher den Luxus einer solchen Vielwisserei gestattete, so muß man doch über die geistige Regsamkeit und den Bienenfleiß des Mannes füglich erstaunen. Namentlich zeigen auch die oben schon berührten, 1872 durch Clemens Ising aus dem handschriftlichen Nachlaß zum Druck beförderten „Nachrichten vom ehemaligen und jetzigen Zustande der Stadt Bochum“, wie rührig und eifrig der Autor sich umgesehen, Umfrage gehalten, gesammelt und gesichtet haben muß.
Den Ruhm und die Unsterblichkeit seines Namens hat Kortum jedoch auf einem Gebiete errungen, wo er sie selbst wol nicht erwartet hatte, auf dem Gebiete der Poesie, der komischen Muse. Wie nach seiner Naturanlage zu erwarten stand, fallen in dieses Gebiet auch seine ersten schriftstellerischen Versuche. Gebeten, für die in Wesel erscheinende Zeitschrift „Der Gemeinnützige“ und für die „Niederrheinischen Unterhaltungen“ Beiträge zu liefern, veröffentlichte er in denselben zunächst Anekdoten und scherzhafte Gedichte. Später folgten, zum Theil selbständig: „Lobschrift auf Herrn Ich.“; — „Komische Lebensbeschreibungen“; — „Die seltsamen Begebenheiten der Kinder des Medon und Sincer, ein Märchen nach dem Geschmack des vorigen Jahrhunderts“; — „Saadi oder der Lebensbalsam, eine arabische Erzählung“; — „Lebensgeschichte eines Carobuben“; — Alles kleinere Sachen zum Theil moralisirenden Inhalts in humoristisch-satirischer Behandlung. Den „Märtyrer der Mode“ (Wesel, 1778) kann man füglich auch hierher rechnen.
„Die magische Laterne, in dreimal dreißig Vorlesungen“ erschien 1784 zu Wesel; in dem ersten Dreißig führt der Autor Charakterfiguren von Ständen, Berufsclassen und moralischen Eigenschaften, wie Geizige, Stutzer, Modenärrin u. s. w. vor; im zweiten Dreißig erscheinen Personen und Vorfälle aus der biblischen Geschichte des alten Testaments, und im dritten Dreißig will der Verfasser zeigen, „was zu uns’rer Zeit geschah.“ Er führt darin als lebende Zeitgenossen vor: Joseph II., Friedrich d. Gr., Katharina II., erwähnte die Reise von Papst Pius VI. nach Wien 1782, den nordamerikanischen Freiheitskampf 1777-1783, die heldenmüthige Vertheidigung Gibraltars durch Elliot 1779-1782, das Auffliegen Montgolfier’s 1783 u. s. w. Wenn daher ein Berufsgenosse des Jobsiadendichters, Dr. Müller, im Jahre 1878 einen Neudruck des kleinen Zeitspiegels in Knittelversen veranstaltet hat (Frankfurt a. M., Druck von G. Horstmann) und als eigenen Versuch unter der Ueberschrift „Fünfzig Jahre später“ eine Darstellung des Krieges von 1870/71 anfügte, so ist das ein colossaler historischer Schnitzer und wäre „Hundert Jahre später“ beinahe richtig gewesen. Auch schätzt sich der Herausgeber in der Vorrede glücklich, die „magische Laterne“ gleichsam neu entdeckt zu haben, irrt sich in dem Geburtsjahre Kortums um etwa 30 Jahre, ebenso in dem Geburtsorte, schreibt den Namen fälschlich „Kortüm“ und ist der Neudruck durch viele sinnstörende Druckfehler entstellt. Dem Jobsiadendichter selbst aber wäre vielleicht ein Dienst damit erwiesen worden, wenn die Laterne vergessen geblieben wäre. — Weitere poetische Erzeugnisse Kortums, welche allerdings erst nach der Jobsiade erschienen, sind: „Adams Hochzeitsfeier, ein komisches Gedicht“, (Wesel, 1788), und „Elisabeth Schlunz, ein Anhängsel zur Jobsiade“, (Hamm, 1819).
Keins dieser vielen Geisteskinder hat jedoch den Verfasser überlebt, alle fielen bald nachher der verdienten Vergessenheit anheim, und nur ein einziges sichert dem fruchtbaren Schriftsteller für immer einen Namen in der deutschen Literatur, die allberühmte „Jobsiade“ oder, wie der Titel der ersten Ausgabe ausführlich und genau lautete:
„Leben, Meynungen und Thaten Von Hieronimus Jobs, dem Candidaten, Und wie Er sich weiland viel Ruhm erwarb, Auch endlich als Nachtswächter in Sulzburg starb.
Vorne, hinten und in der Mitten Gezieret mit schönen Holzschnitten. Eine Historia lustig und fein In neumodischen Knittelverselein.“
Der in diesem Titel inhaltlich resumirte erste Theil der Jobsiade bildet ein abgeschlossenes Ganzes und erschien im Jahre 1784 anonym in Münster und Hamm bei Philipp Perrenon. Der Druck war jedenfalls schon im Jahre 1783 vollendet, wenigstens trägt das in meinem Besitze befindliche Handexemplar des Dichters dessen eigenhändige Namenszeichnung und darunter die Jahreszahl 1783. Das Titelbild von dem besungenen Helden zeigt die Unterschrift: „Hieronimus Jobs, lutherischer Candidat der Theologie und Nachtswächter zu Sulzburg in Schwaben Aetat: XL.“ Aus dem „Sulzburg“ der ersten Ausgabe ist in späteren Ausgaben „Schildburg“ geworden, welches an die bekannten Streiche der „Schildbürger“ von Schilda (Schildau) bei Torgau, dem sächsischen Abdera, erinnern oder diesen Ort bedeuten soll. Dem Autor ist es übrigens nie eingefallen, sein Werk als „grotesk-komisches Heldengedicht“ zu bezeichnen; in der ersten Ausgabe fehlt jede weitere Bezeichnung, und erst später, als die ferneren Theile erschienen, gab er allen drei Theilen den Gesammttitel: „Die Jobsiade, ein komisches Heldengedicht in drei Theilen.“ Die Bezeichnung „burlesk“ würde ziemlich richtig sein, denn die Dichtung erhebt sich nicht über die niedere Komik.
Verleitet durch den Beifall, den dieser erste Theil der Jobsiade, zwar nicht ohne anfänglichen Tadel und Widerspruch, schließlich gefunden, fügte der Dichter noch einen zweiten und dritten Theil hinzu; durch einen höchst unwahrscheinlichen Hokuspokus ließ er den im ersten Theile als Nachtwächter verstorbenen Hieronimus wieder aus dem Grabe hervorgehen und machte aus dem mißrathenen Taugenichts erst einen musterhaften Pastor und dann gar einen reichen Dorfdynasten. Alle drei Theile erschienen unter dem gemeinsamen Titel „Jobsiade“ 1799 zu Dortmund in dem Mallinckrodt’schen Verlage. Die dritte Auflage besorgte Kortum im Jahre 1806, und von der vierten, welche in seinem Sterbejahre 1824 erschien, hat er noch die Revision des ersten Theiles selbst vorgenommen. Neben diesen rechtmäßigen Ausgaben erschien noch zu Lebzeiten des Dichters eine Menge von Nachdrucken.
Geben wir zur Beurtheilung der Jobsiade zunächst das Wort dem Literarhistoriker Heinrich Kurz. Derselbe sagt darüber, Band III. p. 307a: „Großen Beifall fand und findet noch immer die Jobsiade und zwar mit vollem Recht. Denn wenn sich die Dichtung auch nur im niedrigsten Grade des Niedrigkomischen bewegt, so hat auch dieses seine volle Berechtigung, wenn der Dichter es nur mit vollem Bewußtsein beherrscht und durchführt. Und daß dieses hier der Fall ist, wird Niemand bezweifeln wollen, der das Gedicht gelesen hat. Die Jobsiade verdient schon deshalb Anerkennung, weil in ihr Alles zusammenklingt: Charaktere, Begebenheiten, Darstellung, Sprache, Versmaß, Alles bewegt sich im gleichen Gebiete des Niedrigkomischen; nirgends wird der allgemeine Charakter unterbrochen oder gestört. Aber was der Jobsiade noch größeren, wahrhaft poetischen Werth gibt, das ist die Wahrheit, die ihr zu Grunde liegt. Wenn auch im burlesken Gewande, ist das Leben der deutschen Spießbürger und Philister, der deutschen Gelehrten und Pedanten in einer noch gar nicht so lange verschwundenen Zeit meisterhaft und in der vollsten Wahrheit geschildert; ja selbst das burleske Gewand ist keine Andichtung des Verfassers, sondern dem Leben abgelauscht. Es ist freilich schade, daß der Dichter noch einen Theil (resp. zwei) hinzufügte, in welchem Jobs, der scheintodt im Grabe gelegen, ins Leben zurückgerufen wird, nun ein neues Dasein beginnt und ein Muster von einem Pastor wird; allein abgesehen davon, daß man diese Fortsetzung als selbständiges Ganzes betrachten muß, und die poetische Einheit und Wahrheit des ersten Theiles dadurch also nicht beeinträchtigt wird, so möchten wir darin eine treffliche Satire auf die damaligen Dramen erblicken, in denen das Tragische durch einen unpoetischen Umschwung oder an den Haaren herbeigezerrte innere Unmöglichkeiten zu glücklichem Ende geführt wurde. Wie der erste Theil, so ist übrigens die Fortsetzung reich an glücklichen Einzelheiten, und wenn auch keine dem in seiner Art classischen Examen oder dem eben so trefflichen Briefe des Candidaten Jobs gleichkommt, so sind doch manche Stellen äußerst glücklich, so z. B. die Verspottung der damals herrschenden Empfindsamkeit.“
Gleich günstig urtheilt über die Jobsiade W. Lindemann in seiner „Geschichte der deutschen Literatur“, Buch XI., der sie geradezu als das eigentliche und einzige komische Heldengedicht der neueren deutschen Literatur bezeichnet. Auch er hält die Fortsetzung für eine Schädigung des ersten Theils; durch dieselbe gehe das komische Interesse auf Nebenpersonen über.
Nicht zum geringsten Theil verdankt der Verfasser diese Wirkung dem gewählten Versmaße und der Illustration der einzelnen Scenen durch die allerklotzigsten und unbeholfensten Bilder. Die drollige Willkür, mit welcher der Verfasser seine seitdem oft, jedoch selten mit Glück nachgeahmten Knittelverse allen rhythmischen Gesetzen zum Hohn handhabt, die Naivität, mit der er den Leser schadlos hält, indem er erklärt:
„Es werden zwar in den Reimen manche Strophen Auf zu wenigen Füßen hinkend angetroffen, Es sind aber auch manche Strophen wieder dafür Länger, und mit zu viel Füßen laufend allhier,“
der glückliche Griff, mit welchem er häufig durch die Wahl eines verkehrten Casus oder einer falschen Form dem ausgedrückten Gedanken einen komischen Beigeschmack gibt und ihn so gleichsam zur erheiternden Caricatur umwandelt, das Alles verleiht den mitten aus dem Leben gegriffenen und lebenswarm dargestellten Vorgängen, außer dem inhaltlichen Interesse, auch noch den packenden Reiz der originellen Form. In richtigem Salondeutsch ausgedrückt, würde mancher Gedanke ohne Eindruck an dem Leser vorüberziehen; im Gewande der Kortum’schen Knittelverse aber prägt er sich dem Gedächtniß unauslöschlich ein und bleibt darin haften für immer.
Ein Pendant zu dem gewählten Versmaße bilden die Illustrationen. Eine Jobsiade, auf Velinpapier gedruckt und mit feinen Holzschnitten versehen, wäre gar keine richtige Jobsiade mehr; sie verlöre viel von ihrer Wirkung und ihrem eigenthümlichen Reize. Wer erinnert sich nicht mit Freuden des Autors, der wie ein zweiter Evangelist Lucas an seinem altmodischen Schreibtisch sitzt, seinem Büchlein den väterlichen Segen gibt und eine lange irdene holländische Pfeife vor sich liegen hat, oder der Schaar schnatternder Enten, die als Gevatterinnen bei der „Senaterin Jobsen“ Kindbettvisite machen, oder des steifen Reiters, der dem Reitersmann auf den Tabakpäckchen von Bönniger oder A. B. Reiter gleicht wie ein Ei dem andern und obendrein oft angebracht ist, wo er paßt wie Pilatus in’s Credo? Wie bezeichnend und hochkomisch ist nicht die Darstellung, „wie es mit Jobsens Gelehrsamkeit beim Abgange von der Universität bewandt war, fein artig in gegenwärtigem Kupfer vorgestellt“: ein leerer Rahmen ohne Inhalt? Wie stolz und dreist sieht der Hahn in die Welt, der in dem neuen A-B-C-Buche von Hieronimus Jobs ein Nest mit einem großen Ei hinter sich hat, „gleichsam als hätt’ er es selbst gethan“, wie glotzäugig verkündet die Nachteule den nahen Sturm in Ohnewitz, wie bezeichnend ist nicht der geschwätzige Papagei als Einführung in das Kapitel, in dem Amalie ihren nicht sehr erbaulichen Lebenslauf erzählt: „ein langes Kapitel, weil eine Frauensperson spricht; accurat hundert Verse?“ Gleich gelungen sind die Porträts der beiden Advocaten Schluck und Schlauch, die Silhouette und daran geknüpfte physiognomische Studie von Fräulein Esther, und das Titelbild zum dritten Theile, die beiden Liebenden in der Laube, wo „sie tranken des Mondes Silberschein und das Flimmern der lieben Sternelein“, ist der reinste Hohn auf die verliebte Mondscheinschwärmerei.
Die Bilder hat der Verfasser offenbar selbst entworfen; übrigens sind die kleinen, egal großen, mit Eckstein, Schüppen und Herz versehenen Bildchen mit den Beischriften Hogier, Hector, Judith so wie die inschriftslosen Bilder von dem jungen Baron und Esther ursprünglich Clichés von damaligen rohen Spielkarten.
Der Beifall, den die Jobsiade im großen Publikum fand, wurde anfangs von den Kritikern und Recensenten nicht allgemein getheilt; überhaupt ist Kortum, wie viele Stellen der Jobsiade zeigen, auf diese Herren herzlich schlecht zu sprechen. Namentlich wußte ein Recensent in der „Allgemeinen Deutschen Bibliothek“, (LIV. 72 ff.) nicht Worte genug zu finden, um „diese Mißgeburt, diesen Bastard der Komik, diese heillose Reimerei“ gebührend an den Pranger zu stellen. Alles sei darin zu finden, heißt es, nur nicht Witz, Ironie, scherzhafte Laune, Satire und treffende Charakteristik; überhaupt sei eine gröblichere, pöbelhaftere Darstellung in der ganzen deutschen Literatur nicht zu entdecken. Wahrscheinlich war dieser grimmige Recensent ein Berufsgenosse des verunglückten Studiosus Hieronimus, der durch solche maßlose und einseitige Kritik den seinem Stande vermeintlich angethanen Schimpf recht kräftig auswetzen wollte. Das erste Kapitel des zweiten Theiles, welches als Vorrede anzusehen ist, ergeht sich ausführlich über die Aufnahme, die der erste Theil gefunden. Eine sehr schmeichelhafte Besprechung findet sich im damaligen „Reichsanzeiger“, Jahrgang 1787, Nr. 123, Seite 1331. Wie Alles, was über das gewohnte alltägliche Geleise hinausgeht, sich nicht ohne Widerspruch Bahn bricht, so errang auch die Jobsiade, welche so ganz von dem hergebrachten Genre der zünftigen Poesie abwich, den allgemeinen Beifall nicht ohne Anfeindung. Gerade die günstige Aufnahme aber, welche der erste Theil trotzdem fand, war die Veranlassung, daß der Dichter die weiteren Theile folgen ließ; vielleicht mochte er, älter und ruhiger geworden, dabei auch beabsichtigen, Manches wieder gut zu machen, was er im ersten Theile am Stande der Theologen gesündigt hatte.
Ueber seine Absicht bei der Abfassung der Jobsiade sagt der Dichter im ersten Kapitel des dritten Theiles, er habe ein Scherflein dazu beitragen wollen, verdrießliche, trübe Stunden zu verjagen, habe nebenbei nützliche Winke und Kleinigkeiten zu verbreiten gesucht, „und wo ich Dummheit und Bosheit fand, gab ich wol ’nen Hieb en passant“. Trotz mancher anstößigen Stellen ist die Jobsiade im Grunde moralisch und moralisirend. Kortum will durch seine Satire bessern; er moquirt sich über Leben und Leute, weil er sie anders wünscht; er sucht dem spießbürgerlich genügsamen Philisterthum, welches ihn langweilte, wie dem sich spreizenden Pedantenthum, das ihn ärgerte, den Garaus dadurch zu machen, daß er beide in ihrer Lächerlichkeit hinstellte; seine komische Muse ist die eines launigen Sittenrichters, der durch beißenden Spott bessern will. Wenn er dabei oft zu unverblümt die nackte Wahrheit sagt, so muß man bedenken, daß die Jobsiade keine Lectüre für junge Mädchen ist und sein soll, und ferner seinen Stand und sein Zeitalter berücksichtigen. Seinen Stand, denn der Beruf des Arztes bringt es oft mit sich, daß er über delikate Verhältnisse kein Blatt vor den Mund nimmt, und sein Zeitalter, denn das vorige Jahrhundert war allerdings nicht prüde, aber trotzdem wol moralisch gesunder und besser wie die zimperlich thuende, blasirte Gegenwart.
Mag der gelehrte, ideale Aesthetiker die Jobsiade kritisiren, weil ihr derber Witz nicht salonfähig ist, mag der Moralist mit Recht Manches daran auszusetzen haben: die Jobsiade ist ein Volksbuch geworden, sie ist das versifizirte Lesebuch, in dem man Alles finden kann, und jedes andere Volk würde auf solch’ reiches Produkt der Komik stolz sein; hat doch der Candidat Jobs, der unter allgemeinem Schütteln des Kopfes von dem gelahrten Consistorio in Schwaben examinirt wurde, selbst in Amerika vor der Yankee-Kritik sein Examen ruhmvoll bestanden. In amerikanisch-englischen Knittelversen erschien er als:
„The life, opinions, actions and fate Of Hieronimus Jobs, the candidate, And how he whilome won great renown And died as night-watch in Schildebourg town.“
Ferner hat das Buch der Malerei Stoff zu mancher bedeutenden Kunstleistung gegeben; es sei hier nur an die drei großen Oelgemälde des Malers Hasenclever erinnert „Jobs im Examen“, „Jobs als Schulmeister“, und „Jobs als Nachtwächter“, die sich sämmtlich unter Nr. 33, 34 und 35 in der Gemälde-Galerie des Herrn Ravené, Wallstraße 93, zu Berlin befinden.
Zum Schluß kommen wir noch auf die interessante Frage: Sind die in der Jobsiade vorkommenden Personen und Geschichten lediglich dichterische Erfindung oder liegen ihnen wirkliche Persönlichkeiten und Thatsachen zu Grunde? Jedenfalls steht zunächst fest, daß nach dem Erscheinen des ersten Theiles sich manche Personen getroffen fühlten und dem Dichter das mit altbochumer Offenheit vorgeworfen wurde. Dafür spricht auch die Entschiedenheit, mit welcher Kortum sich in den Einleitungskapiteln der beiden letzten Theile gegen die Insinuation verwahrt, er habe „überall satirisirt oder gar personalisirt“. Er behauptet.
„Nun kann ich aber, bei meiner Treu und Ehren! Jedermänniglich laut und offen erklären, Daß ich von persönlicher Beleidigung frei, Und für Niemand das Büchel anstößig sei. Wer sich also in Zukunft etwa würde vergessen Und mir absurde Absichten beimessen, Den erkläre ich hiermit rund Für einen et cetera und bösen Leumund!!“
Wenn wir nun auch dem Dichter diese Erklärung, die er mit zwei !! am Ende bekräftigt, auf das Wort glauben, so ist doch zu bedenken, daß alte Leute in Bochum versichern, den leibhaftigen Hieronimus Jobs und dessen Brüder noch gekannt zu haben, und daß ein in „denen Studiis verunglückter Bochumer Bruder Studio“ Namens Boi, zu besagtem Hieronimus Porträt gesessen habe. Kortum habe den Namen desselben rückwärts gelesen, die körperkräftige Gestalt und viele „Meinungen und Thaten“ seien aber diesem „verbummelten Studenten“ abgelauscht. Als Stammhaus des weiland Hieronimus Jobs wird das Haus auf der oberen Marktstraße Nr. 8, den alten Bochumer noch jetzt als Flügel-Boi’sches Haus bekannt, mit aller Bestimmtheit bezeichnet. Ferner soll in dem arg mitgenommenen „Doctor Schneller“ ein ärztlicher Concurrent des Dichters versteckt, und in den beiden Advocaten Schluck und Schlauch auf damalige Personen angespielt sein. Uebrigens schonte Kortum auch seinen eigenen ärztlichen Stand keineswegs, wofür die Dichtung zahlreiche Belege bietet.
Die obige Versicherung des Dichters und diese Angaben lassen sich aber sehr gut vereinigen. Man schildert nur das lebenswahr und frisch, was man selbst innerlich oder äußerlich erlebt und durchgemacht hat. Wer sich von der geistigen Werkstatt eines Dichters eine Vorstellung machen kann, wird wissen, daß derselbe seinen rein erfundenen Gestaltungen entweder Züge, Einzelheiten, wirklich erlebte und bekannte Vorfälle unterlegen muß, oder daß er umgekehrt zur Unterlage, gleichsam zum Gerippe eines Charakters sich eine bestimmte Person nimmt, diese idealisirt, nach Anlage des Charakters freie Erfindungen anfügt, kurz Gestalten liefert, die einzelne bekannte Züge tragen, trotzdem aber völlig geistiges Eigenthum des Dichters sind. In beiden Fällen sagt der oberflächliche Leser, das soll der und der sein, und wenn er Züge oder zufällige Aeußerlichkeiten von sich selbst zu finden glaubt und im empfindlichen neunzehnten Jahrhundert lebt, kommt er wol gar dazu, den armen Poeten zu verklagen. Jedenfalls aber darf Bochum, in dem die Originale noch nicht ganz ausgestorben, stolz darauf sein, ein Original wie Hieronimus Jobs hervorgebracht zu haben.
Bochum in Westfalen.
Friedrich Schnettler.

Hieronimus Jobs, lutherischer Candidat der Theologie und Nachtwächter zu Schildburg in Schwaben.
Leben, Meinungen und Thaten von Hieronimus Jobs, dem Candidaten,
und wie Er sich weiland viel Ruhm erwarb, auch endlich als Nachtwächter zu Schildburg starb.
Vorn, hinten und in der Mitten Geziert mit schönen Holzschnitten, Eine Historia lustig und fein In neumodischen Knittelverselein.
Erster Theil.
Hieronimus Jobs, lutherischer Candidat der Theologie und Nachtwächter zu Schildburg in Schwaben.
Erstes Kapitel. Vorrede, und der Autor hebt an, die Mähr von Hieronimus Jobsen seliger zu beschreiben, und er gibt seinem Büchlein den väterlichen Segen.

1.
Euch und mir die Zeit zu vertreiben, Geneigte Leser! will ich itzt schreiben, Eine extrafeine Historiam Von Hieronimus Jobs lobesam.
2.
Mit welchem sich in seinem Leben Viel gar Wunderbares hat begeben Und welcher sowol in Glück als Gefahr Ein rechter curioser Hieronimus war.
3.
Zwaren wäre Vieles von ihm zu sagen, Der Leser möchte aber nicht Alles können tragen, Und Papier und Raum wäre für der Meng’ Seiner Abenteuer zu eng.
4.
Zwaren weiß ich von ihm viele Data; Ich erzähl’ aber nur die vornehmsten Fata, Und was er von seiner Geburt an Merkwürdiges hat gethan.
5.
Weil ich nun die preiswürdige Gabe Zu dichten vom Sanct Apoll erhalten habe, So habe, statt daß man sonst in Prosa erzählt, Dafür einen sehr schönen Reim erwählt.
6.
Wenn ich aber nach rechtem Maß und Ehle, Gleich nicht Alles, wie’s sich ziemt hätte, erzähle, So weiß doch der geneigte Leser schon, Daß man so was nennt Volkston.
7.
Von meinem Aeltervater Hans Sachsen Ist mir die Kunst zu reimen angewachsen, Drum lieb’ ich so sehr die Poesie Und erzähl’ Alles in Reimen hie.
8.
Man brauchet gar nicht darob zu spotten, Die Verse meines Vetters, des Wandsbecker Boten, Bleiben gewiß noch weit zurück Hinter den Versen aus meiner Fabrik.
9.
Ich habe mich zugleich emsig bemühet, Wie der geneigte Leser mit Augen siehet, Daß das Büchlein, wie sich’s gebührt, Mit schönen Figuren würde geziert.
10.
Konnte aber nicht neue Kupfer bekommen, Hab’ sie also anderswoher oft genommen, Doch passen selbige von ohngefähr, Wie man findet, genau hierher.
11.
Sind zwar nicht Chodowieckis Gemächte, Können jedoch, wie ich fast gedächte, Noch immer, wie jene gut genug, Durch die arge Welt helfen das Buch.
12.
Und ob die Bilder gleich nicht sind die feinsten, So sind die Verse ja auch nicht die reinsten; Und darum ist’s ja löblich und gut, Daß eins mit dem andern harmoniren thut.
13.
Nun, mein Büchlein, ich will’s nicht hindern, Geh, ohne mich, zu den Menschenkindern; Manches Büchel, nicht besser als du, Eilt ja jährlich den Messen zu!
14.
Hiemit will ich förmlich nun legen, Kraft meiner Finger und von Autors wegen, Als dein zärtlicher Vater gar mildiglich Meinen Segen, liebes Büchlein! auf dich.
15.
Der Himmel wolle dich fein lange bewahren, Vor Kritiken, Motten und Fidibus-Gefahren, Und was etwa noch sonst für Noth Denen gedruckten Büchelchen droht!
16.
Du müssest in- und außerhalb Schwaben, Deinem Vaterlande, viele Leser haben; Damit Schrift, Papier und Druckerei Nicht, Gott behüte mich! verloren sei.
17.
Allen und Jeden, die lesen und bezahlen, Melde meinen Gruß zu tausend Malen, Und jedem hochweisen Herrn Recensent Vermelde insonders mein Compliment.
18.
Sag’ ihnen, doch demüthig, wie sich’s gebühret, S’ hätten gepriesen und gerecensiret Manches geringe Büchlein hoch, Viel elender geschrieben als du noch.
Zweites Kapitel. Von den Eltern unsers Helden und wie er geboren ward, und von einem nachdenklichen Traum, den seine Mutter hatte.

1.
Eh’ ich weiter gehe, muß ich etwas melden Von den beiden Eltern unsers Helden, Auch noch ein oder anders Wort, Von seinem wahren Geburtsort.
2.
Und zwar war es ein Städtlein in Schwaben, Wo seine Eltern gewohnet haben, Alda sein Vater, Hans Jobs, ohne Gefahr Erster ehrwürdiger Rathsherr war.
3.
Er war reich, hatte Schafe, Kühe und Rinder, Auch außer unserm Helden noch viele Kinder, Sowol von männlich- als weiblichem Geschlecht, Und lebte übrigens schlecht und recht.
4.
Hatte dabei einen kleinen Weinhandel, War aufrichtig im Leben und Wandel, Und sowol im Rathhaus als daheim fromm, Dabei auch ein großer Oekonom.
5.
Er war von Religion ein ächter Lutheraner, In der Philosophie aber nicht Kartesian- noch Wolfianer, Weil er überhaupt weder Kartes, Wolf oder Kant Noch sonst eigentlich Philosophie verstand.
6.
Jedoch hatte er ein wenig studiret Und ein Jahr lang das Gymnasium frequentiret, Wußte folglich in so weit viel mehr Als sonst gewöhnlich ein hochweiser Rathsherr.
7.
Er lieh gern Dürftigen und Elenden, Wenn sie Etwas hatten zu verpfänden, Nahm höchstens zwölf Procent davon Und war sehr dick und klein von Constitution.
8.
Aß übrigens und trank nach Appetite Und bei seinem phlegmatischen Geblüte, Rauchte er manche Pfeife Tabak, Und fand am Zeitungslesen Geschmack.
9.
Doch oft litte er von überlaufender Galle An einem starken podagrischen Anfalle, Doch hinderte ihn dieses niemals nicht Zu verrichten als Rathsherr seine Pflicht.
10.
Die Mutter war von ehrsamem Stande, Die beredtsamste Frau im ganzen Schwabenlande, Groß und hager und tugendsam Und so sanftmüthig als ein Lamm.
11.
Doch, wie es in den allermeisten Ehen Leider! nicht selten pfleget zu geschehen, Hatte sie im Hause dann und wann, Bei Gelegenheit, die Hosen an.
12.
Dies gab nun zwar, wie leicht zu gedenken, Zuweilen kleine Händel und Gezänken; Im übrigen aber liebte sich Dieses theure Paar gar zärtlich.
13.
Sie hatten nun seit etlichen Jahren Die Geburt mehrerer Kinder schon erfahren, Doch geschahe es abermals zur Hand, Daß sich Frau Jobs wieder schwanger befand.
14.
Als sie nun nach etwa neun Monaten sahe, Daß die Zeit ihrer Entbindung sich nahe: So machte gedachte Frau Jobs alsbald Zur Niederkunft die gehörige Anstalt.
15.
Ehe ich aber nun weiter hier dichte, Erzähl’ ich erst eine besondere Geschichte, Oder einen Traum dieser Frau vielmehr, Welcher allerdings gehört hieher.
16.
Die Erfahrung lässet manches Mal sehen, Daß die Träume gewiß nicht zu verschmähen, Lieber Leser! das glaube mir, Du siehst davon ein Exempel hier.
17.
Einst nämlich lag Frau Jobsen im Bette, Und es kam ihr im Traum vor, als hätte Sie ein gewaltiges großes Horn, Statt eines kleinen Kindleins, geborn.
18.
Dieses Horn nun tönte und krachte So mächtig, daß sie darob erwachte, Und sie hat, seitdem sie erwacht, Oefters darüber nachgedacht.
19.
Eine Frau, welche sie über die Deutung gefraget, Hat ihr damals zu ihrem Troste gesaget: Es zeige deutlich der Traum an, Daß ihr Kind werde ein gewaltiger Mann.
20.
Und daß seine Stimme ihn würde ernähren, Er würde sie als Pfarrer lassen hören; Denn das beweise klärlich und schön Das große Horn mit seinem Getön.
21.
Doch wir wollen uns hieran nicht kehren, Die Zukunft wird die Bedeutung wol lehren, Wenn das Kind zu seinen Jahren wächst. Ich schreite nun wieder zum Text.
22.
Die Mutter legte nun Windel und Hemder Zurechte, und am dreißigsten September Wurde dieselbe zu rechter Zeit Durch die Geburt eines Knäbleins erfreut.
23.
Welch ein Vergnügen gab dies dem Vater! Himmel! wie freute sich der Senater! Und wie sprang er nicht, als er da Das artige Büblein zur Welt sah.
Drittes Kapitel. Wie Frau Kindbetterin Jobsen einen Besuch von ihren Freundinnen bekam, und was Frau Gevatterin Schnepperle dem Kinde geprophezeit hat.
1.
Frau Jobsen war also, wie eben gesprochen, Mit dem jungen Jöbslein in den Wochen, Er selbst lag eingewickelt neben ihr da, Schlief, und wußt’ nicht, wie ihm geschah.
2.
Wie voll Jubel Alles im Hause gewesen, Das läßt sich nicht Alles genau lesen; Verwandte und Nachbarn nahmen am Heil Auch, wie leicht zu erachten ist, Theil.
3.
Täglich war in der Wochenstube Lärmen, Als wenn im Maimonate Bienen schwärmen Und es ging immer sum, sum, sum Ums Wochenbette lustig herum.
4.
Es waren jetzt genau drei Tage, Seitdem die Mutter im Wochenbette lage, Als zum Kaffee auf den Nachmittag, Ein ganzer Schwarm Frauen ihr zusprach.

5.
Und zwaren von allen diesen Madamen, Die auf den Kaffee zu Frau Jobsen kamen, Zeichnete sich bei dem braunen Schmaus Frau Schnepperle durch Beredsamkeit aus.
6.
Der Vater des Jöbschens war ihr Vetter; Zuerst sprach die Gesellschaft vom Wetter Und von dergleichen Sachen mehr, Die wichtig sind in das Kreuz und die Quer.
7.
Darauf forschte man, wie sich Frau Kindbetterin befinde? Erkundigte sich auch nach dem jungen Kinde: Ob’s mit Appetit den Futterbrei Genösse und fein stille sei?
8.
Man that ihm hierauf nach der Reih’ die Ehre, Hob es auf, rühmte seine Größe und Schwere, Und bewunderte einmüthig weit und breit Seine mehr als gemeine Artigkeit.
9.
„Meine hochgeehrte Frau Base!“ Schnatterte Frau Schnepperle, etwas durch die Nase, „Das Kind wird wahrlich ein gelehrter Mann, Ich seh’s ihm an seinem Gesichte an.
10.
Habe neulich ein schönes Buch gelesen, Als ich auf der Rathsbibliothek gewesen, Welches von der Kunst Physiognomei Handelt, und was davon zu halten sei;
11.
Darin stunden schrecklich viele Gesichter, Gelehrte, dumme, fromme Bösewichter, Silhouetten von feiner und schlimmer Gestalt, Auch Köpfe von Thieren, jung und alt.
12.
Wenn ich etwa nicht unrecht gesehen, So glaub’ ich daraus zu verstehen, Daß ein solches verkehrtes Gesicht Viel zukünftiges Genie verspricht.
13.
Und wollte schier gewiß versichern: Das Kind geht einst um mit Büchern; Und ist wol gar zum Pfarrer bestimmt, Wenn es künftig zu Jahren kümmt.
14.
Seine starke Stimme scheint es anzuzeigen, Daß es einst werde die Kanzel besteigen.“ (Notabene: Der kleine Jobs schrie hier just, Gerade als wenn er es hätte gewußt.)
15.
Die Frau Schnepperle sprach noch viel Worte, Sie gehören aber nicht an diesen Orte. Alle Frauen fielen mit großem Geschrei Der Rede der klugen Frau Schnepperle bei.
16.
Nachdem nun die Visite war zu Ende, Reichten sie alle der Frau Jobsen die Hände, Dankten für alle genossene Ehr’ Und gingen hin, wo sie gekommen her.
17.
Die Wöchnerin bekam zwar vom Lärm Kopfschmerzen, Nahm aber die Rede der Frau Schnepperle zu Herzen; Zumal da diese im Ruf stand, Als wäre ihr was von der Magie bekannt.
Viertes Kapitel. Wie das Kindlein getauft ward, und wie es Hieronimus genannt ward.
1.
Als noch einige Tage waren vergangen, Schien das Kind die Taufe zu verlangen, Indem es immer erbärmlich schrie Und seiner Mutter machte viel Müh’.
2.
Es half davor weder Brust noch Süppchen Noch ein im Munde gestecktes Zuckerpüppchen, Sondern es rief in einem fort, Daß Niemand hören konnt’ sein eigen Wort.
3.
Man machte drum in Senator Jobsens Hause Anstalten zum Kindtaufenschmause Und schleppte der Speisen mancherlei Zum morgenden Tractamente herbei.
4.
Auch wurden Torten, Kuchen und mehr Sachen Zum Nachtische bereitet und gebachen, Auch an Wein, und Tabak und Bier War gewiß kein Mangel hier.
5.
Gevattern, Freunde und Verwandte, Hebamme, Nachbarn und Bekannte Stellten sich darauf artig und fein, Zur gehörigen Stunde ein.
6.
Auch Küster und Pfarrer mit dem Formulare, Wie leicht zu gedenken ist, da ware; Imgleichen ein ganzer hochweiser Senat Sich zeitig dabei eingefunden hat.
7.
Es waren auch sonst noch viele Gäste Auf diesem großen und hohen Feste, Und ich sag’ es zu Jobsens Ehr’: Es ging Alles fein ordentlich her.
8.
Jedoch that sich ein Disput erheben, Was man dem Kind für einen Namen wollt’ geben: Heinz, Kunz, Matz, Peter oder Hans, Diez, Jost, Hermann oder Franz.
9.
Von diesen sonst schönen Namen allen Wollte keiner allgemein gefallen, Und es würde gewiß noch zuletzt Haben nicht geringe Händel gesetzt.
10.
Der Pfarrer aber, als ein kluger Herre, That den Ausspruch, daß es rathsam wäre, Bei diesem Zwist im Kalender zu sehen, Was am Geburtstag möcht’ für ein Name stehen.
11.
Es ward also, ohne weiter zu fragen, Vom Küster der Kalender aufgeschlagen, Und man fand darauf ohne Müh’ Den Namen des heiligen Hieronimus hie.
12.
Solcher kluger Rath hat gleich Allen, Sowol Gevattern, als Eltern gefallen; Und man faßte also in pleno den Schluß, Das Kind sollte heißen Hieronimus.
13.
Nachdem nun der wichtige Handel geschlichtet, Ward der Actus vom Herrn Pfarrer verrichtet, Und zwar nach dem gewöhnlichen Fuß, Und nun hieß das Kind Hieronimus.
14.
Alles Uebrige ging ruhig und schöne, Pfarrer und Küster thaten sich recht bene, Und es wurde fast die halbe Nacht Gegessen, getrunken, geraucht und gelacht.
Fünftes Kapitel. Womit sich das kleine Kind Hieronimus beschäftiget hat.
1.
So lang Hieronimüschen in Windeln geblieben, Hat er sich die Zeit damit vertrieben, Daß er schlief, aß, sog oder trank, Oder zuhörte der Mutter Wiegengesang.
2.
Und zwar schlief, aß, sog und trank er nicht minder, Als sonst zu thun pflegen zwei oder drei Kinder; Wurde dabei recht fleißig gewiegt, War aber bei dem allen noch nicht vergnügt.
3.
Sondern lärmte schier oft ganze Tage Und erhub in der Wiege bittere Klage, Als wenn ihn was Großes hätte gequält, Obgleich dem Schreier gar nichts gefehlt.
4.
Einige kluge Leute wollten behaupten, Als wenn sie nicht ohne Ursache glaubten, Daß etwa eine Behexerei (Mit Respect zu melden) im Spiele sei.
5.
Drob ward oft der Arzt herbeigeführet Und die Hebamme consuliret, Und manches Rhabarbartränklein Auch wol Mohnsaft gegeben ein.
6.
Er war also seiner Mutter fast beschwerlich, Indeß befand er sich dabei gar herrlich, Wuchs, und ward mit jedem Augenblick Fett, groß, mächtig, stark und dick.
7.
Vater und Mutter hatten also beide An diesem lieben Kinde viele Freude, Und gaben manchen herzlichen Kuß Ihrem kleinen Hieronimus.
8.
Mehr hab’ ich von den ersten drei oder vier Jahren Des kleinen Jöbschen nicht können erfahren. Beschließe also dies Kapitel hiemit Und thue zum folgenden den Schritt.
Sechstes Kapitel. Thaten und Meinungen des Hieronimus in seinen Knabenjahren, und wie er in die Schule ging.
1.
Von den andern Kinderjahren unsers Helden Kann ich zwar ebenfalls nicht viel melden, Sintemal die Laufbahn des Lebens sein Bishero gewesen noch eng und klein.
2.
Gefolglich ist von seinen Thaten und Werken Eben nichts Sonderliches anzumerken; Jedoch blieb immer, so lang er noch jung, Essen und Trinken seine Hauptbeschäftigung.
3.
Er hatte aber sonst noch viele gute Gaben, Spielte lieber mit Mädchen als mit Knaben, Zankte und neckte auch oft beim Spiel Und machte der losen Streiche viel.
4.
Auch lernte er ohne sonderliche Mühe Lügen, Fluchen und Schwören frühe, Und hat dadurch in der Nachbarschaft Bei andern Kindern viel Erbauung geschafft.
5.
Er schluckte und naschte ebenfalls gerne, Aß Obst, Rosinen und Mandelkerne, Und kaufte für sein bekommenes Geld Die leckersten Sachen von der Welt.
6.
Mit seinen Geschwistern konnt’ er sich nicht vertragen, Aber sein Vater that ihn nie schlagen, Und seine Mutter, die gute Frau, Nahm auch selten Alles so genau.
7.
Auch war er viel größer als andre Kinder, Keiner seinesgleichen sprang und lief geschwinder, Und kein einziger war so stark als er, Und wer ihn erzürnte, den nahm er her.
8.
Da es ihm nun nicht fehlte an Kräfte, So verrichtete er manche Hausgeschäfte, Holte zuweilen Futter fürs Vieh Und unterzog sich der Oekonomie.
9.
Oder er ritte die Pferde in die Tränke, Oder er holte Bier aus der Schenke, Brachte auch manches frische Ei, Aus dem Hühner- und Gänsstall herbei.

10.
War auch sonst ein guter dummer Junge, Hatte dabei eine starke kräftige Lunge, Und predigte oft auf der Bank aus Scherz. Dies alles ging seinen Eltern ans Herz.
11.
Denn sie sahen mit innigstem Vergnügen Solche Talente im Hieronimus liegen, Und dachten sehr oft in ihrem Sinn, Da stecket gewiß ein Pfarrer in.
12.
Besonders die Mutter, wenn sie daran dachte, Was ihr vormals Frau Schnepperle sagte, Und an ehmals gehabten Traum, Wußte sich für Freude zu lassen kaum.
13.
Denn Alles schien sich zusammen zu schicken Und die Sache natürlich auszudrücken; Und wenn sie dieses erwoge, so war Der künftige Pfarrer hier offenbar.
14.
Er wurde also und dergestalten Fleißig zur Schule angehalten, Welches doch Hieronimo übel gefiel, Denn er war viel lieber beim Spiel.
15.
Und die Bücher waren ihm zuwider, Er warf sie oft auf die Erde nieder, Und bei dem Lumpen A, B, C, D, That ihm immer der Kopf weh.
16.
Zwar der Präceptor that sich bemühen Ihn zu allem Guten zu erziehen, Und er und die Ruthe in Compagnie Arbeiteten fleißig an seinem Genie.
17.
Dieser Mann hatte vorzügliche Gaben Zu erziehen muthwillige Knaben, Und auf ihre Hosen und Rock Spielte sehr oft sein mächtiger Stock.
18.
Nach vielem Bemühen und sauerm Schweiße Gelang’s des Mannes herkul’schem Fleiße, Und Hieronimus buchstabirte bald, Als er ohngefähr war zehn Jahr alt.
19.
Wie alt er aber eigentlich gewesen, Als er fertig das Deutsche konnte lesen, Das weiß ich eigentlich in der That Nicht so genau und accurat.
20.
Da er nun zu größern Jahren gekommen, Ward er aus der Deutschen Schule genommen, Und, um zu lernen das Latein, Geschickt in die Lateinische Schule hinein.
21.
Wie es ihm nun daselbst ergangen, Und was er Gutes sonst angefangen, Dieses stell’ ich dem Leser hier In dem folgenden Kapitel für.
Siebentes Kapitel. Wie der Knabe Hieronimus in die Lateinische Schule kam, und wie er da nicht viel lernte.

1.
Hieronimus, um weiter zu studiren, Fing nun an Mensa zu decliniren, Trieb auch sonst jedes nöthige Stück Aus der lateinischen Grammatik.
2.
Lernte danebst manche Vocabel auswendig, Indeß ging doch Alles sehr elendig; Denn das verwünschte Lauselatein Wollte nicht in seinen Kopf hinein.
3.
Beim Conjugiren und beim Syntaxis, Und bei der lateinischen Praxis Da war vollends der Henker los, Und er bekam manchen Rippenstoß.
4.
Denn der Rector, als ein Hypochondriacus, Schonte gar nicht den Hieronimus, Und prügelte oft, als wäre er toll, Dem armen Knaben das Leder voll.
5.
Bei dieser peinlichen Lehrmethode Grämte sich der Junge fast zu Tode, Und wünschte oftmal in seinem Sinn Den mürr’schen Rector zum Henker hin.
6.
Zwar spielte er ihm wieder heimlich viel Possen Für die Schläge, welche er von ihm genossen, Und der Mann hatte manchen Verdruß Ob dem muthwilligen Hieronimus.
7.
Denn seine Papiere und große Perücke Riß er ihm incognito oft in Stücke, Und that auch sonst noch dem braven Mann Alles gebrannte Herzeleid an.
8.
Auch brachte er seine Schulkameraden Viel und manchmal in bittern Schaden, Weil er sich mit keinem vertrug Und sie öfters zu Boden schlug.
9.
Auch weder ihre Kleider, noch ihre Bücher Waren vor seinem Muthwillen sicher, Und er spielte viel Schabernack, Meistens von bösem Nachgeschmack.
10.
Wenn auch einer etwa sich übel betragen, Thät er ihn gleich beim Rector verklagen; Dann ging’s über den armen Buben her Und er freuete sich drob sehr.
11.
Der Schule übrigens überdrüssig Ging er zu Hause größtentheils müßig, Und so verstrich allmählich die Zeit In unnützlicher Unthätigkeit.
12.
Vom Griechischen will ich gar nichts sagen, Denn das wollte ihm nimmer behagen. Und beim barbarischen Typto, Typteis, Kam Hieronimus über und über in Schweiß.
13.
Er dachte also klüglich: das sei ferne, Daß ich solch kauderwelsches Zeug lerne; Und was nun noch das Hebräische betrifft, Dieses floh er vollends als Gift.
14.
Er machte also gar wenig Progressen. Außer im Lügen, Schwören, Trinken und Essen, Auch etwa in Erfindung eines Fluchs Ward der Knabe fein stark und wuchs.
Achtes Kapitel. Wie die Eltern des Hieronimus mit dem Rector und mit andern Freunden zu Rathe gingen, was sie aus dem Knaben machen sollten.
1.
Nachdem nun der Knabe achtzehn Jahre Und noch etwas darüber alt ware, Auch wirklich schon eines halben Kopfs Größer war, als der alte Hans Jobs;
2.
Fingen die Eltern an nachzusinnen, Was nun ferner mit ihm zu beginnen, Denn es war jetzt die höchste Zeit Und die Sache von äußerster Wichtigkeit.
3.
Vor Allen that man den Rector fragen, Was derselbe vom Knaben möchte sagen, Und wozu er das meiste Geschick Haben möchte zum künftigen Glück.
4.
Dieser Mann nun wollte nicht heucheln Noch den Eltern mit leerer Hoffnung schmeicheln, Drum sagte er ihnen gleich rund heraus: „Aus dem Knaben wird nichts Rechtes aus.
5.
Das Studiren ist wahrlich nicht seine Sache; Drum ist’s am klügsten gethan, man mache Einen hiesigen Rathsherrn aus ihm, Oder thu’ ihn sonst wo zum Handwerke hin.
6.
Ich habe es mannichmal in den Schulstunden Zu meinem höchsten Leidwesen gefunden, Daß in ihm nichts Besonders sitzt, Welches einem ehrsamen Publico nützt.“
7.
Diese Rede hat den Eheleuten Jobsen, Wie leicht zu schließen ist, heftig verdrobsen; Drum hörten sie solche mit Verachtung an, Und hielten den Rector für ’n dummen Mann.
8.
Es wurden nun mehr Freunde zu Rathe gezogen, Und die Sache vernünftiger pro et contra erwogen, Und ’s ging in der Versammlung gerade so her, Als wenn der alte Jobs zu Rathhause wär’.
9.
Nämlich, nach etwa drittehalb Stunden Ward ein Mittel zur Vereinigung funden: Man stellte weislich auf ’n neuen Termin Die Sache zur nähern Erwägung dahin.
Neuntes Kapitel. Wie die Zigeunerin Urgalindine auch wegen des Hieronimus um Rath gefraget ward, welche die Kunst Chiromantia verstand.
1.
Die Gesellschaft war nun kaum in Frieden Aus Rathsherrn Jobsens Hause geschieden, So führte das Glück von ohngefähr Eine alte Zigeunerin her.
2.
Sie war von einem uralten Stamme, Urgalindine war ihr Name, Und Aegypten ihr eigentliches Vaterland, Und die Mutter ehemals als Hexe verbrannt.
3.
Sie konnte der Menschen Thun und Wesen Deutlich in den Strichen der Hände lesen, Sagte auch manches so deutlich vorher, Als wenn’s wirklich schon geschehen wär’.
4.
Manches Mädchen hat sie recht sehr erfreuet, Wenn sie ihm nahe Hochzeit geprophezeiet, Und den Bräutigam so klärlich genannt, Als hätte sie ihn schon längstens gekannt.
5.
Manchen unmuthsvoll wartenden Erben Wahrsagte sie des reichen Onkels Sterben, Und erfreuete solche oft; Denn die Onkels starben unverhofft.
6.
Manchen fast verzweifelnden Ehegatten, Welche, leider! böse Weiber hatten Und den Tod derselben gerne sahn, Kündigte sie nahe Erlösung an.
7.
Manchem Stutzer, der kräftig gerochen Nach Jasmin und Pomade, hat sie versprochen, Trotz aller seiner Lächerlichkeit, Dennoch dummer Schönen Gewogenheit.
8.
Ihre Rede wußte sie stets also zu fügen, Daß sie immer gereichten zum Vergnügen; Doch half eine kluge Zweideutigkeit Ihr manchmal aus der Verlegenheit.
9.
Jedem verkündigte sie eine besondere gute Märe, Tapfern Soldaten Pulver, Kugeln und Ehre, Armen Schluckern einen Haufen Geld, Alten Matronen das Himmelszelt.
10.
Sie verstund noch viel mehr andere Künste; Aber ihre große und seltene Verdienste Machten sie nicht von Häschern frei, Denn sie stahl ein wenig nebenbei.
11.
Kurz! man fand nirgends ihresgleichen, Endors Hexe hätte ihr müssen weichen, Wenigstens in Lügen und Chiromantie War keine Zigeunerin klüger als sie.
12.
Als Frau Jobs ihre Ankunft vernommen, Ist sie zu ihr hinaus gekommen, Und hielte wol an des Hauses Thür Folgende kurze Rede an ihr:
13.
„Meine geliebte Frau Urgalinde, Kommen Sie doch einmal zu meinem Kinde, Um ihm zu sagen gutes Glück Von seinem zukünftigen Geschick.
14.
Sie werden hoffentlich die Güte haben; Und mir es sagen, was von dem Knaben Hieronimus eigentlich zu machen ist Ohne Trug und arge List.“
15.
„Madame“, antwortete sie, „das soll geschehen, Lasse sie mich nur seine Hände sehen; Dann sag’ ich als eine aufrichtige Frau Ihm sein künftiges Schicksal genau.“
16.
Man ließ also den Hieronimus holen, Und Frau Urgalinde hat ihm befohlen, Seine rechte Hand zu reichen dar, Welche etwas beschmutzet war.
17.
Die Zigeunerin mit forschendem Blicke Erkundete nun alle und jede Stücke, Maß die Flächen und Linien auch, Alles nach Chiromanten Gebrauch.
18.
Darauf ward sie einen Augenblick stille, Endlich gleich einer Delphischen Sibylle Murmelte sie etwas zwischen dem Zahn Und hub folgende Prophezeiung an:
19.
„Ich sehe, mein lieber Hieronimus, ich sehe, Nach der Kunst, die ich gründlich verstehe, Dein ganzes künftiges Schicksal. Mein Sohn! Deines Halses gewaltiger Ton
20.
Wird manchen frechen Bösewicht schrecken, Manchen schlafenden Sünder wirst du aufwecken, Dermaßen, daß die ganze Stadt An deiner Rede Erbauung hat.
21.
Fromme und Böse wirst du bewahren, Sie warnen für Leibes- und Seelen-Gefahren Und über Jung und Alt, Groß und Klein Ein munterer getreuer Hüter sein.
22.
Jedermann wird deine weisen Lehren In dieser Stadt dereinst öffentlich hören, Und wenn dann dein geöffneter Mund spricht, So antwortet dir Keiner nicht.
23.
Ich darf es für dieses Mal nicht wagen, Dir ein mehrers von deinem Geschicke zu sagen, Es ist auch dieses dermalen genug, Nun gehe hin, mein Sohn, und sei klug.“
24.
Hier endigte sich Urgalindinens Rede; Sowol Mutter als Vater waren beede, Ob dem, was itzo geprophezeit, Sehr zufrieden und höchlich erfreut.
25.
Denn in ihren Gedanken war er Ganz gewiß ein künftiger Pfarrherr, Wenn anders die Weissagung träfe ein; Denn wie könnte es deutlicher sein?
26.
Urgalindine ist drauf weggegangen, Nachdem sie einen stattlichen Lohn empfangen. Man saget, als sie linksum gemacht, Habe sie über Eltern und Sohn gelacht.
27.
Nunmehr wurde dem Rector zum Possen Sowol vom Herrn Jobs als Frau Jobs beschlossen, Daß der geliebte Hieronimus Werden sollte ein Theologus.
28.
Es wird also nach Akademien Im folgenden Kapitel Hieronimus ziehen, Wenn wir vorhero haben gesehn, Was noch bei seinem Abschied geschehn.
Zehntes Kapitel. Wie Hieronimus von seinen Eltern und Geschwistern Abschied nahm und nach der Universität verreiste.

1.
Ehe man den Hieronimus ließ gehen, Wurde er erst im Ueberfluß versehen Mit Kleidern, Wäsche, Büchern und Geld Und was man sonst zum Studiren nöthig hält.
2.
Es ward gefolglich auf diese Weise Alles bereitet zur nahen Abreise; Aber beim Abschied ging’s bitter und schwer Auf einer und der andern Seite her.
3.
Der gute alte Jobs, der dicke Senater, Weinte laut, wie im Mai ein Kater, Und reichte schluchzend den Abschiedskuß Seinem theuern Sohne Hieronimus.
4.
Gab ihm auch den väterlichen Segen: „Fahre wohl auf allen deinen Wegen Und studire fleißig, mein Sohn, Damit wir haben Freude davon!
5.
Wenn dir etwa künftig etwas fehlet Und vielleicht ein Geldmangel quälet: So schreibe nur immer kühnlich mir; Was du verlangst, das schicke ich dir.“
6.
Hieronimus wurde, wie sich’s gebühret, Ob des Vaters Rede höchlich gerühret, Und versprach öfters zu schreiben hin, Wenn ihm der Beutel würde dünn.
7.
Mit der Mutter ging es noch schlimmer, Sie erhob ein jämmerliches Gewimmer, Und durchdrungen vom herbesten Schmerz Drückte sie den lieben Sohn lange ans Herz.
8.
Endlich trat sie auf einige Augenblicke Mit Hieronimus ein wenig beiseite zurücke, Und reichte ihm noch ein Päcklein dar, Worinnen verschiedenes Geld war.
9.
Dieser fromme, mütterliche Segen That den Hieronimus inniglich sehr bewegen, Und er steckte, unter lautem Gewein, Das erhaltene Päcklein ein.
10.
Nun kamen seine Geschwister an die Reihe, Denen er, unter erbärmlichem Geschreie, Allen nach einander die Hand gab Und nunmehr reisete Hieronimus ab.
11.
Der lieben Eltern Trauern und Klage Währte noch nachher verschiedene Tage Und dem guten Vater schmeckte schier Weder Wein, Zeitung, Tabak noch Bier.
12.
Bei der Mutter war die Betrübniß am größten, Und man vermochte fast nicht sie zu trösten, Doch bei den Schwestern und Brüdern war, Wie ich vernommen, weniger Gefahr.
Eilftes Kapitel. Wie Hieronimus zu Pferde bis zur Poststation kam, und wie er im Wirthshause einen vornehmen Herrn fand, Herr von Hogier genannt, welcher ihm heilsame Lehren gab und ein Spitzbube war.

1.
Hieronimus also nunmehro wegreitet, Seines Vaters Hausknecht ihn begleitet Bis zu dem nächsten Städtelein, Da steigt er dann i’n Postwagen ein.
2.
Ob nun gleich der Abschied nahe gegangen, So truge derselbe doch großes Verlangen Nach der geliebten Universität, Wo es täglich so lustig ergeht.
3.
Kaum hatte er nun Schildburg verlassen Und er sich befand auf der Landstraßen, Als er Vater, Mutter, Geschwister vergaß, Und sich höchlich ergötzte, daß
4.
Er nunmehr, als ein freier Studente, Baß sich täglich vergnügen könnte, Und des mürrschen Rectors Prügel und Lehr’, Dem Himmel sei Dank! entloffen wär’.
5.
Vorzüglich freuete er sich nicht wenig Und dünkte sich reicher als ein König, Wenn ihm das Geld im Sinne kam, Das er von Hause mitte nahm.
6.
Vor Allem vergnügte ihn besonder Das liebe Päcklein, welches er von der Hochbetrübten Frau Mutter empfing, Als es ans bittere Scheiden ging.
7.
Da es ihm nun an Zeitvertreib fehlte, Zog er das Päcklein hervor und zählte Das Geld, welches drin enthalten war, Und fand mit innigster Freude baar
8.
Mehr als dreißig verschiedene Stücke, Alle von Silber, groß, schwer und dicke, Gulden und Thaler mannichfalt Meistens von Gepräge rar und alt.
9.
Seine Mutter hatte sie nach und nach ersparet, Und zum Nothpfennige aufbewahret, Denn sie war eine weidliche Frau Klug und sparsam, oder vielmehr genau.
10.
Zuweilen mußte ihm auch imgleichen Der Knecht, sein Begleiter, etwas reichen Zum Zeitvertreib von den Victualien, Womit ihn die Eltern zur Reise versehn.
11.
Als nun unter diesen Gedanken und Dingen Dem reisenden Hieronimus die Stunden vergingen: So gelangte er endlich sehr müde und matt Ins Wirthshaus der oben gedachten Stadt.
12.
Allhie befand sich nun der Postwagen, Der ihn nach der Universität sollte tragen; Selbiger war aber zu dieser Zeit Noch nicht völlig zur Abfahrt bereit.
13.
Hieronimus ließ nun vor allen Dingen Seinen getreuen Gaul zu Stalle bringen, Welchem sein Knecht das Futter gab, Und band den schweren Mantelsack ab.
14.
Er hat aber auch nicht vergessen, Sich zu erlaben mit Trinken und Essen, Und so ward er bald darauf am Tisch Wieder gestärket, munter und frisch.
15.
Es war auch da ein fremder Herr logiret, Mit einer großen Perücke und reich schameriret, Welcher aus fernen Ländern kam, Herr Baron von Hogier war sein Nam’.
16.
Dieser erzeigte unserm Helden viel Ehre Und erkundete freundlich, wer er wäre. Hieronimus antwortete drauf behend: „Gnädiger Herr! ich bin ein Student
17.
Zu Hochdero Diensten, und ich ziehe Gleich itzo nach der Akademie Um zu studiren spät und früh Die Wissenschaft der Theologie.“
18.
„So! dazu wünsch’ ich Ihnen viel Glücke!“ Antwortete der Herr mit der großen Perücke; „Aber nehmen Sie sich wol in Acht, Daß Sie nicht werden in Schaden gebracht!
19.
Ich hab’ auch hohe Schulen vormals gesehen Weiß wol, wie’s da pflegt zu ergehen, Mancher junge Bursche wird da ums Geld, Durch das verwünschte Spielen geprellt.
20.
Und viele, anstatt fleißig zu studiren, Lassen sich zu Ausschweifungen verführen, Und verbringen die kostbare Zeit In aller erdenklicher Liederlichkeit.
21.
Ich selbst habe öfters in jüngern Jahren Die traurige Wahrheit davon, leider! erfahren, Nehmen Sie also sich fleißig in Acht, Und denken sie dran, ich hab’ es gesagt!“
22.
Hieronimus versetzte: „Lieber Heere! Ich danke viel für die weise Lehre, Und werde Ihren trefflichen Unterricht In meinem Leben vergessen nicht.
23.
Uebrigens muß ich Euer Gnaden sagen, Das Spielen thut mir zwar sehr behagen, Hab’ die Ehre zu versichern doch, Wenn ich spiele, spiel’ ich nicht hoch.“
24.
„Niedrige Spiele laß ich passiren, Denn so kann man eben nicht verlieren, Und man vertreibet sich doch die Zeit Sehr angenehm und mit Artigkeit.
25.
Wir, zum Exempel, könnten nun Beide, Blos zum Zeitvertreib und zur Freude, Etwa ein kleines Spielchen auch thun.“ Erwidert der Herr mit der Perücke nun.
26.
Hieronimus, gleich im Augenblicke, Fand den Vorschlag des Herrn mit der Perücke, Ein Spielchen zu machen, sehr angenehm, So lange bis der Postwagen käm’.
27.
Sie brauchten nun gar nicht lange zu warten, Der Wirth brachte alsbald neue Karten Für seine beiden Gäste heran, Und nunmehr fing man zu spielen an.
28.
Anfangs ward niedrig pointiret, Aber Hieronimus, durch Gewinnsucht verführet, Fing nun höher zu setzen an, Weil er die ersten Spiele gewann.
29.
Nun aber wendete sich das Glücke Zum Herrn von Hogier mit der großen Perücke, Als welchem itzo in jeglichem Spiel Immer die Karte günstiglich fiel.
30.
Das Geld, welches Hieronimus zur Reise Bestimmt hatte, ging auf diese Weise Bald hin, und da er noch weiter verlor, Zog er nun auch das Päcklein hervor.
31.
Aber das Glück warf stets noch günstige Blicke Auf den Herrn mit der großen Perücke, Und mit einem jeglichen neuen Satz, Entstand im Päcklein ein leerer Platz.
32.
Und in weniger als dreiviertel Stunden War der mütterliche Segen ganz verschwunden, Und der Herr mit der großen Perück’ Hatte Alles gewonnen, Stück vor Stück.
33.
Denn, daß der Herr mit der großen Perücke Ihn listiger Weise beim Spiele berücke, Das merkte der gute Hieronimus nicht — Denn Herr von Hogier hatte ein ehrlich Gesicht.
34.
Es wär ihm endlich gar noch eingefallen Auch seinen Mantelsack loszuschnallen, Und er hätte das drin erhaltene Geld Auch noch auf die unglückliche Karte gestellt.
35.
Doch, zu des Hieronimus größtem Glücke Und zum Leidwesen des Herrn mit der Perücke, Blies grade itzo der Postillon Und Hieronimus fuhre davon.
36.
Beim Abschied warf er viele unwillige Blicke Auf den Herrn mit der großen Perücke, Und mit einigem Ungestüm Nahm er nunmehr Ade von ihm.
Zwölftes Kapitel. Wie Hieronimus auf dem Postwagen fuhr, und wie er daselbst eine Schöne fand, welche er liebgewann, und welche ihm die Sackuhr stahl.
1.
Wie’s dem Hieronimus im Postwagen Ferner erging, will ich nun sagen, Denn er kam so noch nicht los, Sondern hatte wieder einigen Anstoß.
2.
Er dachte hieselbsten öfters zurücke An den Herrn mit der großen Perücke, Und es fiele ihm itzo erst ein, Er müsse ein Spitzbube gewesen sein.
3.
Das mütterliche Päcklein ging ihm sehr zu Herzen Und er konnte dessen Verlust nicht verschmerzen. Seufzte, und wünschte in seinem Sinn Den Herrn mit der Perücke zum Henker hin.
4.
Er murmelte sogar unverständliche Töne, Jedoch eine neben ihm sitzende Schöne, Welche er anfangs bemerkte kaum, Riß ihn bald aus dem schwermüthigen Traum.
5.
Sie schien alt zu sein etwa zwanzig Jahre, Schön von Gesicht, schwarz von Augen und Haare, Und rosenroth von Wangen und Mund, Dabei auch von schönem Wuchse, und
6.
Kurz zu sagen, in ihrem ganzen Wesen, Konnte man nichts als lauter Anmuth lesen; Sie erkundigte sich in Kurzweil und Scherz Alsbald nach des traurigen Hieronimi Schmerz.
7.
Wobei sie denselben freundlich anlachte; Dies Lächeln that gute Wirkung und machte, Daß er, da er dichte neben ihr saß, Seinen Verlust des Päckleins vergaß.
8.
Er gerieth auch wirklich fast in Entzücken, Weil er in ihrer ganzen Person und Blicken So viel treffliche Reize fand, Gefährlich vor sein bischen Verstand.
9.
Es hatte noch keine halbe Stunde gewähret, Als er schon die Lieb’, in bester Form, ihr erkläret, So bündig, als je ein Held im Roman Die Brunst seiner Schönen erklären kann.
10.
Sie schien nicht ungern ihn anzuhören, Und that ihn gar nicht im Vortrage stören, Hieronimus ward also endlich so frei Und rückte näher zu ihr herbei.
11.
Ich weiß nicht, ob sonst noch etwas passiret, Was, laut zu sagen, sich nicht gebühret, Genug, sie vertrieben sich beide die Zeit In süßer, vertraulicher Zärtlichkeit.
12.
Als sie endlich zur Poststation gekommen, Hat sie freundlich von ihm Ade genommen, Wohin sie sich aber nachhero gewandt, Das soll uns künftig werden bekannt.
13.
Da indessen nach einigen Stunden, Seitdem die Schöne vom Wagen verschwunden, Hieronimus nach der Sackuhr mal sah, War auch diese verschwunden und nicht mehr da.
14.
Dieser abermalige fatale Possen, Hat den guten Hieronimus mächtig verdrossen, Denn er dachte alsbald daran, Daß die Schöne den Diebstahl gethan.
15.
Indeß war nun für den guten Knaben Weiter nichts übrig, als Geduld zu haben, Es fiel ihm jedoch nun hintennach ein Hinfüro etwas vorsichtiger zu sein.
16.
Er hat sich dabei feste vorgenommen, Sobald er auf die Universität gekommen, Um Geld und um eine neue Uhr Seinen Eltern zu schreiben nur.
17.
Er ist endlich, ohne weitere Unfälle, Angelangt glücklich an Ort und Stelle, Folglich war unser Hieronimus Nunmehro ein Academicus.
Dreizehntes Kapitel. Wie Hieronimus auf der Universität gar fleißig die Theologie studiren thät.
1.
Als nun Hieronimus arriviret, Ist er, stante Pede, immatriculiret Und ward also sofort allhie Ein Studiosus der Theologie.
2.
Sintemal sich nun auf Universitäten Aus mancherlei Landen, Orten und Städten Viele Studenten finden ein, Junge und alte, groß und klein.
3.
Gleichergestalten und imgleichen fanden Sich auch hier solche aus allerlei Landen Und jährlich kamen noch viele herbei, Um zu studiren Mancherlei.
4.
Zum Exempel: die Theologiam, Jura, Medicin und Philosophiam, Und was man sonst für gute Künste hält, Zum Fortkommen dereinstens in der Welt.
5.
Die meisten aber, anstatt zu studiren, Thaten nur ihre Gelder verschlemmiren Und lebten lustig und guter Ding, Indessen die edle Zeit verging.
6.
Hieronimus, dem’s Studiren zuwider, Mengte sich bald unter die lustigen Brüder Und betrug sich in kurzer Zeit schon so, Als wäre er längstens gewesen do.
7.
Denn so gut als der beste Academicus Lebte er täglich in Floribus, Und es wurde manche liebe Nacht In Sausen und Brausen zugebracht.
8.
Wein, Tabak und Bier war sein Leben, Er that dabei die Stimme hoch erheben, Wenn er mit lautem und starkem Klang Das Gaudeamus igitur sang.
9.
Als ein wahres Muster fideler Studenten Verfuhr er bei Allen, die ihn kennten, Und lebte immer fein burschikos: Sein drob erhaltener Ruhm war groß.
10.
Jene drei verhaßte Geschwister: Häscher, Pedellen und Philister, Hat Hieronimus als ein Held Oeftermalen jämmerlich geprellt.
11.
Mehrmals hat er sie periiret, Oder sie sonst lästerlich vexiret, Ansonsten sich noch gezeiget auch, Alles nach Renommistengebrauch.
12.
Des Sommers ist er fleißig ausgeritten, ’s Winters beim Schnee gefahren auf Schlitten, Und keine Ergötzlichkeit überhaupt Hielte Hieronimus für unerlaubt.
13.
Mehrmals ist er auch zum Vergnügen Nach den benachbarten Dörfern gestiegen, Allwo er dann meistens auf dem Land Manche gutwillige Schöne fand.
14.
Die Fenster hat er oft nächtlich eingeschlagen, Jungen Füchsen angethan viele Plagen, Spielte Würfel, Karten und Billiard Und also nicht sehr gelehrt ward.
15.
Im Raufen und Schlagen fand er Vergnügen, Täglich that er in der Schenke liegen, Ging aber auch, alle zwei Monat einmal Zur Abwechselung in den Collegiensaal.
16.
Wenn er muthwillige Schulden gemachet, Hat er die Gläubiger ausgelachet. Auch ihnen gespielet manchen Betrug, Sonst auch gemachet der Streiche genug.
17.
Kleider und Bücher that er versetzen Und sich dafür mit Schmausen ergötzen, Kurz zu sagen zu seiner Zeit Uebertraf ihn Keiner an Lustigkeit.
18.
Zwar mußte er oft ins Carzer gehen, Ist ihm auch sonst noch wol Strafe geschehen, Hätt’ auch beinahe einmal zum Lohn, Fast bekommen die Relegation.
19.
Drei Jahre lang hat er dies Leben getrieben Und seinen Eltern oft um Geld geschrieben, Doch waren die Briefe so eingericht’t, Daß sie seine Aufführung merkten nicht.
20.
Zu unsers Hieronimus großem Lobe Kommt im folgenden Kapitel eine Probe Von dieser curiosen Correspondenz! Beschließe also das itz’ge eilends.
Vierzehntes Kapitel. Welches die Kopei enthält von einem Briefe, welchen nebst vielen andern der Student Hieronimus an seine Eltern schreiben thät.

1.
Sehr geliebteste Eltern! Ich melde, Hiebei, daß es mir fehlet an Gelde, Habet also die Gewogenheit Und schicket mir bald eine Kleinigkeit.
2.
Nämlich etwa 20 bis 30 Ducaten, Denn ich weiß mich kaum mehr zu rathen, Weil es alles so knapp geht hier, Drum sendet doch dieses Geld bald mir.
3.
Alles ist hier ganz erschrecklich theuer, Tisch, Stube, Wäsche, Licht und Feuer, Und was sonst etwa vorfällt noch, Drum schicket die 30 Ducaten doch.
4.
Kaum begreift ihr die starke Ausgabe, Welche ich auf der Universität habe Für so viele Bücher und Collegia, Ach wären doch die 30 Ducaten schon da!
5.
Ich studire täglich recht fleißig. Sendet mir doch nächstens die 30 Ducaten, so bald als möglich ist, her, Denn mein Beutel ist jämmerlich leer.
6.
Wäsche, Schuhe, Strümpfe und Kleider, Friseur, Nähterin, Schuster und Schneider, Tinte, Federn, Bleistift, Papier, Kosten viel, schickt die Ducaten mir!
7.
Das Geld, welches ihr hoffentlich bald sendet, Wird, ich schwör’ es euch, gut angewendet. Ja, liebe Eltern! ich behelfe mich Sehr genau und höchst kümmerlich.
8.
Wenn andre Studenten saufen und schwärmen, So entziehe ich mich allem wilden Lärmen, Und schließe mich mit den Büchern allein Auf meiner Studirkammer weislich ein.
9.
Außer den nöthigen Kosten und Speise Erspar ich, liebe Eltern! auf alle Weise Und trink vor’n Durst kaum einmal Thee, Denn Geld ausgeben thut schrecklich mir weh.
10.
Andre Studenten, die lüderlich prassen, Thun mich wegen meiner Eingezogenheit hassen, Und sagen: da geht der Knicker einher, Er studirt, als wenn er ein Pfarrer schon wär.
11.
Manchen Verdruß sie drob schon mir machten, Ich thu aber ihre Spötterei verachten, Und was man von meiner Frömmigkeit spricht. Vergeßt doch die 30 Ducaten nicht!
12.
Täglich hab’ ich mich zehn ganze Stunden In den Collegiis bisher eingefunden, Und wann dann diese Collegia aus, Studir’ ich in übrigen Stunden zu Haus.
13.
Die Professors sind trefflich mit mir zufrieden, Und rathen fast, mich nicht so zu ermüden In meinen beständigen Studiis Philosophicis und Theologicis.
14.
Es möchte sich zwar nicht geziemen Mich gegen euch, liebe Eltern! selber zu rühmen, Doch sage und versich’r ich euch frei, Daß ich der fleißigste von Allen sei.
15.
Oft will mir von allen gelehrten Dingen Fast der Kopf, sammt dem Hirn, zerspringen, Und manchmal wird mir gar wunderlich. (A propos! die Ducaten erwarte ich.)
16.
Ja, liebe Eltern! ich lese schier beständig Und strap’ziere meine Sinnen sehr elendig, Und meistentheils wird sogar die Nacht Mit tiefem Meditiren zugebracht.
17.
Nächstens gedenk’ ich auf die Kanzel zu steigen, Und mich einmal im Predigen zu zeigen; Ich disputir’ mich auch im Collegium Ueber gelehrte Materien tapfer herum.
18.
Vergesset doch nicht die Ducaten zu schicken, Damit ich sie schier baldigst möge erblicken. Ihr bekommt einst dafür in meiner Person Einen hochgelehrten und klugen Sohn.
19.
Da ich auch ein Privatissimum gesonnen Zu halten und wirklich schon begonnen, Welches 20 Reichsthaler kosten thut: So erwart’ ich auch diese wohlgemuth.
20.
Auch thu ich euch, liebe Eltern! zu wissen, Daß ich jüngst meinen Rock sehr zerrissen, Also füget zu obigen Geldern doch Zwölf Thaler zum neuen Rocke noch.
21.
Habe auch neue Stiefel sehr nöthig, Es ist auch kein Schlafrock mehr vorräthig, Imgleichen sind meine Pantoffeln und Hut Auch andre Kleidungsstücke caput.
22.
Da ich nun dies alles nicht kann entbehren, Wollt ihr mir noch a part 4 Louisd’or verehren, Welche alsdann zur Nothdurft mein Vielleicht möchten hinreichend sein.
23.
Ich bin auch kürzlich todtkrank gewesen, Und kaum mit genauer Noth wieder genesen, Doch versich’re ich euch mit Hand und Mund Daß ich itzo sei wieder ziemlich gesund.
24.
Der Medicus, welcher mich curiret, Hat dafür 18 Gulden aufgeführet, Und die aus der Apotheke gebrauchte Arznei, Machet, laut Rechnung, zwanzig und drei.
25.
Damit nun Arzt und Apotheker kriegen Das Ihre, werdet ihr gütigst fügen, Diese ein und vierzig Gulden dazu. Seid übrigens wegen meiner Gesundheit in Ruh.
26.
Die Aufwärterin, welche mich that laben In der Krankheit, möchte auch wol was haben. Drum sendet noch sieben Gulden dafür Und addressirt’s mit dem übrigen an mir.
27.
Für Citronen, Geleen und Confituren, Zur Stärkung kranker und schwacher Naturen, Steht auch noch als ein kleiner Rest, Acht Gulden bei dem Conditor fest.
28.
Diese bemeldte Posten allzumalen Möchte ich gerne nächstens richtig bezahlen, Denn ich liebe Ordnung und hüte mich Vor allen Schulden sorgfältiglich.
29.
Ich traue also zu euern milden Händen, Daß sie mir Alles, nebst den 30 Ducaten senden, Sobald als euch es möglich wird sein. Noch fällt mir eine Kleinigkeit ein:
30.
Vor 15 Tagen hatte ich’s Ungelücke, Und fiel hoch von der Treppe zurücke, Als ich ging ins Collegium, Und stieß mir den rechten Arm fast krumm.
31.
Der Chirurgus verlanget derohalben Zwölf Thaler für Balsam, Pflaster und Salben, Spiritus und sonstige Schmiererei; Drum thut auch diese zwölf Thaler noch bei!
32.
Doch, damit ihr euch nicht alteriret, Ich bin, Gottlob! ganz wieder curiret Und geh’ mit gesundem Arm und Bein Täglich in das Collegium ein.
33.
Nur habe ich einen sehr schwachen Magen, Die Aerzte, die ich consulirt habe, sagen, Das käme vom vielen Sitzen her, Und weil ich so erstaunlich fleißig wär.
34.
Sie haben mir dieserhalben angerathen: Warmen Burgunderwein, mit Zimmt und Muskaten, Des Morgens zu trinken statt des Thee, Das wäre gut für’s Magenweh.
35.
Leget also noch bei zwei Pistolen, Um dafür Burgunder und Würze zu holen; Gewiß, liebe Eltern! ich trinke es nur Blos zur verordneten Magencur.
36.
Endlich habe ich noch einige Schulden Von etwa 30 bis 40 Gulden, Schicket mir also auch, ohne Fehl, Liebe Eltern! dies Bagatell.
37.
Könnte ich, neben bei, für andere Ausgaben Auch etwa noch ein Dutzend Louisd’or haben, So käme mir dieses recht bequem, Und wäre mir wirklich auch angenehm.
38.
Wenn ihr euch übrigens gesund befindet Und nächstens im Briefe mir verkündet, So wird mir dieses erfreulich sein, Schließt aber auch ja das Geld mit ein.
39.
Hiemit will ich also mein Schreiben beschließen, Meine Geschwister thu ich freundlich grüßen Und verharre hierauf zum Schluß Euer gehorsamer Sohn Hieronimus
40.
Ich setze noch eilig zum Postscripte: Meine hochgeehrte und sehr geliebte Eltern! ich bitte kindlich, Schicket doch bald das Geld an mich.
41.
Denn, lieber Vater! ich legte 14 französische Kronen Zurück, sie bis zur äußersten Noth zu schonen, Allein zum größten Schmerz und Verdruß Stahl mir solche gestern ein Anonymus.
42.
Ich weiß, ihr ersetzt mir, ohne drum zu bitten, Den Schaden, den ich unschuldig erlitten, Denn Ihr, als ein hochvernünftiger Mann, Begreift leicht, daß ich solchen nicht tragen kann.
43.
Ich werde indeß möglichst dafür sorgen, Daß der Anonymus heute oder morgen Zu eurer Beruhigung und Satisfaction Bekomme den hanfenen Strick zum Lohn.
Funfzehntes Kapitel. Folget auch die Kopei der schriftlichen Antwort des alten Senator Jobs auf vorgemeldeten Brief.
1.
Was hierauf des Vaters Antwort gewesen, Das soll man gleichermaßen nun lesen: Mein herzvielgeliebtester Sohn! Dein Schreiben hab’ ich erhalten schon,
2.
Und deine Gesundheit und Wohlergehen Mit Vergnügen aus demselbigen ersehen, Jedoch vergnügt es mich eben nicht, Daß dein Brief wieder von Geld spricht.
3.
Es sind noch nicht drei Monate vergangen, Da du hundert und fünfzig Thaler empfangen, Fast weiß ich nicht, wo in der Welt Ich hernehmen soll alle das Geld.
4.
Ich höre gern auch, daß du studirest Und dich fleißig und ordentlich aufführest, Aber höchst ungern vernehme ich von dir, Daß du 30 Ducaten forderst von mir.
5.
Fast, mein Sohn! sollte ich sagen und glauben, (Du wirst mir meine Anmerkung erlauben) Daß, wenn man auf der Universität Sparsam ist, nicht so viel nöthig hätt’.
6.
Zwaren ist es wol gewiß und sicher, Man hat nicht umsonst Collegia und Bücher, Jedoch bekommt man für solche Summ’ Manches Buch und Collegium.
7.
Tisch, Stube, Wäsche, Licht und Feuer Kann auch unmöglich sein so theuer, Auch Federn, Bleistift, Tinte, Papier Kaufst du für wenige Groschen g’nug dir.
8.
Ich vernehme es zwar auch sehr gerne, Daß du dich von böser Gesellschaft ferne Hält’st, und auf der Studirstube sitzst Und bei den geliebten Büchern schwitzst;
9.
Auch daneben nur Thee thust trinken: Indessen will’s mir wahrscheinlich dünken, Daß, wenn man über den Büchern ruht Und Thee trinkt, nicht 30 Ducaten verthut.
10.
Wenn dich Andre einen Knicker schelten, So mag dir dieses gleich viel gelten; Doch, wer so viel Geld verschwendet als du, Dem kommt der Name Knicker nicht zu.
11.
Weil du übrigens von deinem Fleiße schreibest, So rathe ich, daß du fein dabei verbleibest, Damit das Geld und die edle Zeit Angewandt werde in Nützlichkeit.
12.
Doch mußt du dich nicht so sehr angreifen Und im Kopf so viel Gelehrsamkeit häufen, Denn es trifft, leider! mannichmal ein, Daß große Gelehrte meist Narren sein.
13.
Dein Vorsatz, zu predigen, thut mir gefallen, Drum übe dich fleißig darin vor allem; Aber, bei vieler Disputation Kommt eben nichts Kluges heraus, mein Sohn!
14.
Wozu auch das Privatissimum nützet, Wenn man schon zehn Stunden im Collegio sitzet, Das begreif’ ich um destoweniger wol, Da es 20 Reichsthaler kosten soll.
15.
Doch lasse ich’s vor allen andern passiren: Denn das Geld, welches du zum Studiren Gebrauchest, gebe ich gerne her, Und wenn’s auch noch dreimal so viel wär.
16.
Da auch, wie du schreibst, dein Rock zerrissen, So kannst du freilich einen neuen nicht missen; Jedoch das Tuch würde suprafein Für die verlangten zwölf Thaler sein.
17.
Wer aber zum Pfarrherrn will studiren, Muß nicht mit kostbaren Kleidern stolziren; Drum wäre ein etwas gröberes Tuch Zum neuen Rocke dir gut genug.
18.
Auch für noch sonstige Kleidungsstücke Willst du, daß ich vier Louisd’or schicke, Nämlich für Schlafrock, Pantoffel und Hut, Weil sie nicht zum Gebrauche mehr gut.
19.
Wenn ich aber solches allzumalen Posten für Posten sonders soll bezahlen, Wozu sollen dann, lieber Hieronimus mein! Die verlangten dreißig Ducaten sein?
20.
Ich habe es mit Mitleiden gelesen, Daß du jüngsthin todtkrank gewesen; Aber du hast nicht wol gethan, Daß du viele Arznei gewendet an.
21.
Denn ich habe oft und viel erfahren, Daß, besonders in den jüngeren Jahren, Die sich selbst überlaßne Natur Mehr wirkt, als die beste Mixtur.
22.
Dein gebrauchter Arzt und Arzeneien, Sind fast theuer zum Verabscheuen, Und wie mir dünken sollte, so ist Weder Apotheker, noch Arzt ein Christ.
23.
Da auch eine Wärterin, wie ich gelesen, In der Krankheit bei dir ist gewesen; So reichte für diese Aufwärterin, Statt sieben, ein einziger Gulden hin;
24.
Wenn sie nicht etwa sonst, vor diesen, Liebesdienste andrer Art dir erwiesen, Denn, lieber Sohn! ich schließe dies Schier aus den sieben Gulden gewiß.
25.
Was auch nun den Conditor anlanget, Welcher ebenfalls acht Gulden verlanget, So wäre gewesen ein Thaler genug, Und du warest gewißlich nicht klug.
26.
Denn Citronen, Confituren und Leckereien Geben eigentlich dem Kranken kein Gedeihen, Aber ein Hafer- oder Gerstentrank Nutzet weit mehr, wenn man ist krank.
27.
Es ist nicht gut, daß du bist gefallen Von der Treppe, drum sorge ja für allen, Daß du hinfüro nicht wieder fällst, Denn die Cur beträget viel Gelds.
28.
Dein Wundarzt hat dich recht hergenommen, Denn für zwölf Thaler, wie ich vernommen, Heilt unser berühmter Stadtbalbier Einen Arm- oder Beinbruch schier.
29.
Doch freut’s mich, daß dein Arm wieder curiret; Denn wenn ein Pfarrer auf der Kanzel peroriret, So muß der Arm geschmeidig und fein Beim Klopfen und Gestusmachen sein.
30.
Ich muß dich ferner auch herzlich beklagen Wegen deinem sehr schwachen Magen; Mein Magen ist, leider! auch nicht viel nütz, Weil ich sehr öfters zu Rathe sitz.
31.
Indeß thut Burgunder mit Gewürzen Dich nur unnöthig in Kosten stürzen; Schlucke lieber oft ein Pfefferkorn ein, Das soll sehr gut für den Magen sein.
32.
Du willst auch noch 30 bis 40 Gulden Haben, zur Bezahlung einiger Schulden; Ich sinne nun hin, die Kreuz und die Queer, Beim Himmel! wo kommen die Schulden doch her?
33.
Du hast ja schon Alles specificiret Und Posten für Posten zum höchsten aufgeführet, Und vierzig Gulden, bei meiner Seel! Sind nicht, wie du glaubst, ein Bagatell.
34.
Endlich soll ich gar noch ein Dutzend Pistolen Zu andern Ausgaben für dich herbei holen; Es wäre dir vielleicht zwar angenehm, Mir aber kommt’s höchst unbequem.
35.
Denn mit den verlangten 30 Ducaten Kannst du dich wegen der Ausgaben schon berathen, Dieses letztere Dutzend Louisd’or Kommt mir also als Ueberfluß vor.
36.
Auch mit dem Ersatz der dir gestohlnen 14 Kronen Hättest du mich billig sollen verschonen, Denn, wahrlich! der Ersatz schmerzet mir Weit mehr, als der angebliche Verlust dir.
37.
Daß du übrigens zu meinem Troste willst verlangen, Man solle den Dieb sans façon drum aufhangen, Dieses wäre gewiß gar nicht christlich, Vielleicht bessert der Anonymus einst noch sich.
38.
Ueberhaupt muß ich dir im Vertrauen sagen: In unsern heutigen aufgeklärten Tagen Ist Gottlob! die heilige Justiz Nicht wie ehemals so scharf und spitz.
39.
Und um den Raub solcher Kleinigkeiten Braucht Keiner mehr die doppelte Leiter zu beschreiten, Wenigstens in unserm klugen Schildburg Gehen viel größere Diebe frei und frank durch.
40.
Wenn du künftig Gelder willst aufsparen, So rathe ich, solche vorsicht’ger zu bewahren; Denn auf keinem Dinge in der Welt Wird so allgemein speculirt als auf Geld.
41.
Ich und deine Mutter verstehn es besser, Wir bewahren unsre Baarschaft hinter Riegel und Schlösser Und geben sowol bei Tag als bei Nacht Darauf sehr sorgfältig und ängstiglich Acht.
42.
Doch um deinen Geldmangel zu stillen, Will ich noch einmal dein Verlangen erfüllen, Und ich sende die Gelder mancherlei Im versiegelten leinenen Sacke hiebei.
43.
Jedoch muß ich dir hienebst andeuten, Es sind heur gar nahrlose Zeiten, Und es fällt mir wahrlich gar schwer, Alle Gelder zu nehmen woher.
44.
Mit dem Handel gibt’s nur Kleinigkeiten, Denn es ist kein Geld unter den Leuten, Und die Rathsherrnschaft wirft auch nicht viel ab, Drum sind meine Einkünfte so knapp.
45.
Ich werde es also sehr gerne sehen, Wenn du von der Universität thust gehen, Zumalen da du, zu dieser Frist, Gewißlich schon ausgelernet bist.
46.
Denn wenn du noch länger alda bleibest Und das kostbare Studiren forttreibest, So werde ich noch zum armen Mann Und keine Gelder mehr schaffen kann.
47.
Wir werden dich hier mit großem Verlangen Als einen gelehrten Sohn stattlich empfangen, Besonders freut deine Mutter sich Auf deine Zuhausekunft inniglich.
48.
Ich möchte dir gern etwas Neues schreiben, Es thut aber Alles hier beim Alten bleiben; Ich bin indessen früh und spat Nach Gewohnheit gewesen oft im Rath.
49.
Da haben wir, in Pleno, thun dichten, Um verschiedene Aenderungen einzurichten, Damit in der hiesigen Polizei Alles fein sauber und ordentlich sei.
50.
Deine Mutter hat an Zähnen viel ausgestanden; Aber ein großer Wundarzt aus fremden Landen Vor einigen Tagen hier kam Und die bösen Zähne wegnahm.
51.
Deine Schwester Gertrud hat einen Freier, Es ist der Procurator Herr Geier, Die Sache ist schon gekommen sehr weit, Und die Gertrud ist schon ziemlich breit.
52.
Unser Pfarrer ist immer kränklich, Man hält seinen Zustand für bedenklich, Stürbe einst dieser rechtschaffene Mann, So würd’st du vielleicht unser Pfarrer dann.
53.
Unsers reichen Nachbars sein Lieschen Vermeldet dir ein herzliches Grüßchen, Das Mädchen wird wirklich artig und fein Und könnte einst deine Frau Pfarrerin sein.
54.
Endlich grüßen dich allesammt wieder Deine sämmtlichen Schwestern und Brüder, Sie freuen sich über dein Wohlergehn Und hoffen schier baldigst dich hier zu sehn.
55.
Ich beharre übrigens Dein treuer Vater Hans Jobs, pro tempore Senater. N. S. Dein Schreiben mir zwar gefällt, Aber verschone mich weiter mit Geld.
Sechszehntes Kapitel. Wie Hieronimus ausstudirt hatte, und wie er nach seiner Heimat reisete, und wie es mit seiner Gelehrsamkeit bewandt war; fein artig im gegenwärtigen Kupfer vorgestellt.

1.
Sintemal man nicht ewig auf Universitäten Bleiben kann, so war’s endlich vonnöthen, Daß nach verflossener drei Jahren Zeit, Sich Hieronimus machte zur Abfahrt bereit.
2.
Um seiner Eltern Verlangen und Willen, Die nun seine Heimkunft begehrten, zu erfüllen, That er Alles zu dieser Frist, Was zum Abmarsche nöthig ist.
3.
Zwar brauchte er nicht viel einzupacken; Denn außer Stiefeln, Degen, Weste und Jacken, Und was man an seinem Leibe sonst sah, War nicht ’s mindeste Geräthe da.
4.
Nach Büchern brauchte man gar nicht zu fragen, Denn diese thaten ihm niemals behagen, Und außer einer einzigen Predigt nur Besaß er nicht die geringste Scriptur.
5.
Ein Freund hatte ihm selbige verehret Und sie ihm nach und nach auswendig gelehret, Damit er doch einmal ohne Beschwer Zu Hause könnt’ predigen, wenn’s nöthig wär.
6.
Es that also der Gedanke bei ihm aufsteigen, Wie er sich daheim den Eltern könnt’ zeigen, Damit man nicht auf diese Manier Den kahlen Zustand der Sache erführ.
7.
Zuletzt fiel es ihm ein zu sagen, Wenn man nach Koffer und Mantelsack wollt fragen, Daß ihm Alles gestohlen wär Auf seiner Reise gen Hause her.
8.
Auch thaten einige Seufzer entstehen; Armer Hieronime! wie wird’s dir ergehen, Wenn man dich einmal examinirt? Denn du hast nichts gelernt noch studirt.
9.
Zwar hat’s ihm herzlich gereut und verdrossen, So daß er fast Thränen darob vergossen, Weil er für alle Kosten und Zeit Nicht erworben mehrere Gelehrsamkeit.
10.
Aber alles sein Trachten, Dichten und Denken, Wünschen, Seufzen, Jammern und Kränken Brachten ihm itzo keinen Gewinn, Denn die Zeit war einmal dahin.
11.
Um also seine Grillen zu verlieren, Ließ er formaliter invitiren Seine Freunde auf der Universität, Und gab ihnen den Schmaus zum Valet.
12.
Hier wurde dann tapfer nochmal geschmauset, Getrunken, gelärmet und gesauset, Bis endlich der traurige Morgen kam Und Hieronimus Abschied nahm.
13.
Dieser ging ihm recht sehr zu Herzen Und erregte ihm fast herbe Schmerzen, Ja, er hat wirklich laut geweint Und im Arm seiner Freunde gegreint.
14.
Eh er aber sein Ade genommen, Ist er vorher zum Professor gekommen, Dieser hat ihm für baares Geld, Ein academisch Zeugniß zugestellt.
15.
Es ist zwar nicht gar löblich gewesen, Doch Hieronimus, ohne es zu lesen (Denn es war gesetzt in Griechisch und Latein) Steckte es in den Schubsack hinein.
16.
Ich lasse ihn also nach Hause reisen, Und vorher will ich noch dem Leser weisen Im oben bevorstehenden Kupferblatt, Wie’s um seine Gelehrsamkeit gestanden hat.
Siebzehntes Kapitel. Wie Hieronimus mit Stiefeln und Sporen bei den lieben Seinigen wieder angelanget ist.

1.
Als einst nach eingenommener Mittagsspeise Der Senator Jobs (denn es war so seine Weise) Mit seinem Pfeifchen im Lehnstuhl saß Und die politische Zeitung las;
2.
Indeß Frau Jobs einiger Sachen wegen In der Küche ein kleines Lärmen that erregen, Auch sonst einige Ordnung gemacht Und keine Seel an was Böses gedacht;
3.
Kam ein stolzer Reiter mit starken Schritten Auf der Straße eilig daher geritten, Und gleich hörten sie, Knall und Fall Vor der Hausthür einen Karbatschenschall.
4.
Ob diesem fast fürchterlichen Knallen Ließ Jobs die Zeitung aus der Hand fallen, Und die Pfeife selbst war in Gefahr; Frau Jobs aber verstummte gar.
5.
Aber aus diesem recht panischen Schrecken That sie der Reiter bald aufwecken; Weil er, im völligen Reisestaat, Zu ihnen in die Stube trat.
6.
Die Alten schienen beide ihn nicht zu kennen, Er wollte sich auch vorerstlich nicht nennen, Bis endlich der gute Vater da In ihm seinen lieben Hieronimus sah.