Der Jobsiadendichter Dr. Carl Arnold Kortum. (continued 2)
Reading edition
7.
Es fehlt mir schier an allen nöthigen Dingen, Die gewaltig große Freude zu besingen, Welche der fromme Senator empfand, Fast entging ihm aller Verstand.
8.
Auch die Mutter konnte sich nicht fassen, Noch vor Freude Händ’ und Füße lassen, Als sie eben itzt und nunmehr Sah, daß es Hieronimus wär.
9.
Fast hätten im Uebermaß der Freude Klare Thränen geweinet alle beide, Und das Willkomm! und dem Himmel sei Dank! Und so weiter, währete lang.
10.
Es waren auch darauf nicht minder Des Senators Jobsens übrige Kinder Alle zusammen bei der Hand, Und kein einziges hat ihn gekannt.
11.
Es war recht spaßhaft anzusehen, Wie sich die Kinder thaten begehen: Eins hielt ihn für’n großen Herrn, Welcher gekommen wär von fern;
12.
Das andere hielt ihn, wegen dem Degen Und der übrigen gefährlichen Kleidung wegen, Für einen, der Kinder im Sack steckt, Besonders wurden die jüngsten erschreckt.
13.
Aber sehr lustig ging es mit der Esther, Unsers Hieronimi allerjüngsten Schwester, Denn sie hielt ihn noch lange hernach Für’n fremden Oheim von Gengenbach.
14.
In den drei Jahren, die er dort verschlendert, Hatte sich seine Person sehr verändert, Und er war dick geworden am Bauch, Sein Bart ziemlich gewachsen auch.
15.
Es war also eben kein Wunder zu nennen, Wenn ihn anfangs niemand mochte kennen, Besonders, da sein Studentenhabit Auch nicht, wer er eigentlich war, verrieth.
16.
Ein sehr großer Hut mit einer Feder, Hosen und Weste von gelbem Bocksleder, Ein kurzes Collet von grauem Tuch Verstellte den Hieronimus genug.
17.
Dabei kam ein mächtig großer Degen, Welcher, der mehreren Sicherheit wegen, Sowol zum Stich, als Hiebe im Streit Eingerichtet war spitz und breit.
18.
Imgleichen die martialische Miene, Welche Tod und Wunden zu drohen schiene; Die Haare hingen struppicht am Kopf Und den Nacken drückte ein dicker Zopf.
19.
Diese und mehr seltsame Kleidungsstücke Zogen bald auf sich des Vaters Blicke, Denn ein sittsames schwarzes Kleid Hätte den Alten weit mehr erfreut.
20.
Auch wollte des Hieronimus übriges Betragen Dem alten Vater Jobs nicht zum besten behagen, Weil bei dem Hieronimus fort und fort Flüche erfolgten auf jedes Wort.
21.
Er gab ihm also deutlich zu verstehen, Daß er nun anders sich möchte begehen, Denn ein junger Theologus Müsse leben nach geistlichem Fuß.
22.
Als er kurz darauf nach dem Koffer gefraget, Hat Hieronimus alsobald gesaget Und dabei kräftig geschworen: daß er Vom Postwagen jüngst ihm gestohlen wär’.
23.
Diese Nachricht, daß er den Koffer verloren, Klang unangenehm in des Vaters Ohren Und er fing zu knurren drob an, Hätte es nicht die Mutter gethan.
24.
Denn sie hielte den Alten zurücke, Sprach, das ist ja ein Ungelücke, Woran unser lieber Sohn nicht schuld; Er ergabe sich also in Geduld.
25.
Indessen verbreitete auch das Gerüchte, Des Hieronimus Wiederkunftsgeschichte Ueberall in dem Städtelein aus Und wälzete sich von Haus zu Haus.
26.
Der ganzen Bürgerschaft schien dran gelegen, Und überall that sich Verwunderung erregen, Und wo ein Mensch nur den andern sah, So hieß es: Hieronimus ist wieder da.
27.
Es wurde übrigens angenehm und freudig In Senator Jobsens Hause allerseitig Der Rest des übrigen Tages verbracht Und weiter nicht an den Koffer gedacht.
28.
Hieronimus labte sich an Trank und Speise Weidlich, denn er war matt von der Reise, Rauchte dabei auch ohne Beschwer Des Vaters großen Tabaksbeutel leer.
Achtzehntes Kapitel. Wie Hieronimus nun anfing geistlich zu werden und wie er ein schwarzes Kleid und eine Perücke bekam, und wie er auf der Kanzel zum ersten Mal predigte, u. s. w.
1.
Als nun der andere Morgen vorhanden Und alles im Hause war aufgestanden Und beim Frühstück und Kaffeetisch Jeder sich befande munter und frisch,
2.
Hub der Vater an zu discuriren: Mein lieber Sohn! es will sich gebühren, Daß deine bisherige Kleiderei Anders in Zukunft beschaffen sei.
3.
Vorab mußt du den schrecklichen Degen Von deiner Seite, von nun an, legen, Weil ein Geistlicher niemals nicht Anders als mit der Bibel ficht;
4.
Auch das graue Collet und die lederne Weste Nebst Hosen, Stiefeln und dem übrigen Reste, Wie auch den mächtigen Federhut; Denn alles dies steht keinem Geistlichen gut.
5.
Denn wenn Jemand diesen Anzug sähe, Möchte er billig denken: o wehe, Das könnte eher ein Kürassier Sein, als ein künftiger Pfarrer hier!
6.
Wisse auch, daß eine runde Perücke Auf den geistlichen Kopf sich besser schicke; Denn diese lässet ehrwürdig und wohl, Ein struppichtes Haar und Zopf läßt toll.
7.
Ich habe also mir vorgenommen, Um zu lassen den Schneider kommen, Damit dir dieser ein schwarzes Kleid Und einen Mantel noch mache heut.
8.
Auch ist der Perückenmacher bestellet, Damit er, wenn es dir gefället, Zu deines Kopfes künftiger Zier Eine Perücke bringe dir.
9.
Das wird ein ehrbares Ansehen dir geben, Es ist aber auch nöthig daneben, Daß du hinfüro nicht mehr so fluchst, Sondern auch geistlich zu leben suchst.
10.
Hieronimus hörte zwar etwas spröde Seines alten Vaters vernünftige Rede, Doch ließ er sich endlich ebenfalls Alles gefallen und bereden all’s.
11.
Man sah ihn darauf, eh der Tag noch vergangen, Im schwarzen Kleide und Perücke prangen, Es war auch ein weißes Krägelein da, Gemacht von der Mutter manu propria.
12.
Geistlich staffirt vom Kopf bis zu’n Füßen, That er nun den Eltern kund und zu wissen, Daß er, zu predigen in dieser Livrei, Am künftigen Sonntag gesonnen sei.
13.
Er hat sich auch treu des Versprechens entledigt, Und am folgenden Sonntag gepredigt, Und ohne einen sonderlichen Anstoß Ward er glücklich der Predigt los.
14.
Denn, wie oben, Kapitel sechszehn, gehöret, Hatte ein Freund ihm eine Predigt verehret, Diese kam ihm vortrefflich zur Hand, Weil er sie ganz auswendig verstand.
15.
Sie war gar vortrefflich componiret, Mit vielen erbaulichen Sprüchen gezieret, Und so voll vom gelehrten Tand, Daß sie Hieronimus selbst nicht verstand.
16.
Auch sein äußerer Anstand war prächtig, Seine Arme und Hände bewegte er mächtig, Und der Stimme starker Tenor Drang den Zuhörern stattlich ins Ohr.
17.
Es wurde übrigens von vielen hundert Zuhörern seine Predigt bewundert, Viele stießen die Köpfe an Und sagten: „das gibt ein ganzer Mann!
18.
Wer Henker hätte das denken sollen, Daß so was einst hätte werden wollen Aus des Jobsens dummen Hieronimus? Er erregt ja Verwundernuß!“
19.
Auch waren alle Verwandten gegenwärtig, Gafften Hieronimus an, der so fertig, Als hätte er längst gestanden im Amt, Sie erbauen konnte allesammt.
20.
Aber, ich vermag nicht das Entzücken Der beiden guten Eltern auszudrücken, Denn sie hielten nun beiderseits Ihn für den größten Redner bereits.
21.
Als nun der Gottesdienst verrichtet, Ward ein groß Freudenmahl angerichtet, Und in Senator Jobsens Haus Kamen alle Verwandten zum Schmaus.
22.
Da hat man, während dem Mittagsessen, Nichts zu Hieronimi Lobe vergessen, Und man trank öfters zu dieser Zeit Aus großen Gläsern seine Gesundheit.
23.
Es ward auch zu denselbigen Stunden Von der ganzen Versammlung für gut befunden, Daß bei obwaltenden Umständen nunmehr, Zu des Hieronimus größerer Ehr,
24.
Er es nächstens müsse wagen Und sich zum Candidaten lassen schlagen, Damit er in optima Forma hie Werde Candidatus Ministerii.
25.
Zwar wäre es dieserhalb wol vonnöthen Vorerst vors Examen hinzutreten, Doch bei der gezeigten Gelehrsamkeit Hätte dieses keine Schwierigkeit.
26.
Um so mehr, da der hiesige Pfarrer schwächlich Wäre, so könnte Hieronimus gemächlich Und ohne allen Zank und Geschrei Antreten die erledigte Pfarrei;
27.
Wenn es nämlich bald glücklich gelünge, Daß der Pfarrer den Weg alles Fleisches ginge, Denn seine kränkliche Constitution Ließe dieses fest hoffen schon.
28.
Hieronimus vermochte so viel Gründen und Flehen Nunmehro nicht länger zu widerstehen, Er gab also, obgleich ängstlich genung, Dazu seine Einwilligung.
29.
Er leerete übrigens zwar mit Vergnügen Manches großes Glas in starken Zügen, Doch wenn er ans künft’ge Examen gedacht, So hat ihm dieses ein Grausen gemacht.
30.
Endlich suchte er seine traurigen Grillen Durch einen tüchtigen Rausch zu stillen, Obgleich sein Mißfallen der alte Jobs Bezeigte, durch ernsthaftes Schütteln des Kopfs.
Neunzehntes Kapitel. Wie Hieronimus zum Candidaten examinirt ward, und wie es ihm dabei erging.
1.
Indeß ist es beim Entschlusse geblieben, Und nach wenigen Wochen hat man verschrieben Die ganze hochehrwürdige Klerisei Zu Hieronimus Examen herbei.
2.
Jedoch, wie ihm ob solcher Gefahre, Des nahen Examens zu Muthe ware, Und sein gemachtes ängstliches Gesicht, Dies alles begreift der Leser nicht.
3.
Es wäre also solches zu schildern vergebens. Die fürchterlichste Stunde seines Lebens, Nahte nunmehro endlich herzu; Ach! du armer Hieronimus, du!
4.
Nenne mir nun, Jungfer Muse, die Namen Der geistlichen Herrn, welche zum Examen Aus jeder Gegend der Schwäbischen Welt Am bestimmten Tage sich eingestellt.
5.
Der erste war der Herr Inspector, In der Lehre stark wie ein andrer Hector, Ein stattlicher dickgebauchter Mann; Man sah ihm gleich den Inspector an.
6.
Seine Verdienste schafften ihm diese Würde; Er trug übrigens seines Amtes Bürde Geduldig und mit gar frohem Muth Und aß und trank täglich gut.
7.
Nach ihm kam der geistliche Assesser, Ein Mann von Person zwar etwas größer, Doch an Körper und Waden dünn Und von etwas mürrischem Sinn.
8.
Er triebe nebst der geistlichen Sache Verschiedene Stücke aus dem ökonomischen Fache Und trank nur Bier und schlechten Wein, Denn seine Einkünfte waren klein.
9.
Auch Herr Krager, ein Mann von hohen Jahren, In den Kirchenvätern sehr wohl erfahren, Die er, so oft die Gelegenheit kam Seinen Satz zu erweisen, hernahm.
10.
Auch Herr Krisch, ein Mann von guten Sitten, Ungemein stark in Postillen beritten; Wobei er sich so gut und noch besser befand Als der beste Pfarrer im Schwabenland.
11.
Auch Herr Beff, ein weidlicher Linguiste, Und im Leben und Wandel ein ziemlicher Christe, Im Vortrag ein ewiges Einerlei, Doch niemals gegen Orthodoxei.
12.
Auch Herr Schrei, stark in der Rede, Weder in Gesellschaft noch auf der Kanzel blöde, Lebte übrigens munter und frisch Mit seiner Köchin exemplarisch.
13.
Auch Herr Plotz, ein Mann wie ein Engel, Er hatte zwar in der Jugend viele Mängel, Nachdem er aber sein Amt trat an, Ward er ein gar frommer Mann.
14.
Er hielte seine hochgeliebte Gemeine Von allen Lastern und bösem Wesen reine, Und strafte zur Zeit und zur Unzeit Alle und jede, doch nach Gelegenheit.
15.
Auch Herr Keffer, nie müde in Lehr’ und Strafen, Er nahm sich treulich an seiner Schafen, Doch fande sich in der Heerde sein Mancher hartnäckige Bock mit ein.
16.
Oft war er, um sie zurechte zu führen, Er deshalb genöthiget zu processiren, Denn er verstand die Jura, in der That, So gut als der beste Advocat.
17.
Außer diesen obengenannten kamen Noch mehr geistliche Herren zum Examen, Die ich nicht alle Mann für Mann Sogar genau mehr nennen kann.
18.
Als nun die ganze geistliche Schaare Der hochehrwürdigen Herren beisammen ware, So setzten, praemissis praemittendis, Sich alle um einen großen Tisch.
19.
Hieronimus trat mit Zittern und Zagen Vor die sämmliche Gesellschaft der weißen Kragen Und scharrete ihnen demüthig den Gruß. O weh dir! o weh dir! Hieronimus!
20.
Zuvorderst erkundigten die Examinatores Sich nach seinen bisherigen Sitten und Mores Und fragten ihn bald, ob er auch hätt’ Ein Zeugniß von der Universität?
21.
Hieronimus, ohne sonderliche Umstände, Gab das Attest in des Inspectors Hände, Welcher dasselbe alsbald dann luß; O weh dir! o weh dir! Hieronimus!
22.
Es war zwar, wie oben schon angeführet, In Latein und Griechisch concipiret, Folglich zu lesen ein schweres Stück; Doch verstand zu allem Ungelück
23.
Der Inspector etwas von den Sprachen, Um hier die nöthigste Dollmetschung zu machen; Denn für jeden andern geistlichen Herr War die Uebersetzung zu schwer.
24.
Damit nun hier nichts möge fehlen, Will ich dem geneigten Leser erzählen, Was eigentlich in dem Attestat Von Wort zu Wort gestanden hat.
25.
Zuerst Name und Titel vom Professer Und in drei Buchstaben etwas größer Wünschte er, durch L. B. S. dem Lectori Benevolo Salutem!
26.
Sintemal und immaßen drei Jahre Und einige Wochen hieselbst ware Herr Hieronimus Jobsius Als Theologiä Studiosus;
27.
Derselbe aber abzureisen nunmehro Ernstlich ist gesonnen, und dero- halben um ein schriftlich Attestat Mich geziemendermaßen bat:
28.
So habe ich nicht unterlassen können, Ihme solches schriftliches Zeugniß zu gönnen: Daß derselbe alle viertel Jahr Bei mir einmal im Collegio war.
29.
Ob er sich sonst des Studirens privatim beflissen, Wird ihm wol sagen sein eigen Gewissen, Dann in diesem schriftlichen Bericht Behaupte und zeuge ich solches nicht.
30.
Und von seinem sonstigen Betragen Wäre zwar nicht viel Gutes zu sagen, Allein die christliche Liebe will, Daß ich davon schweige still.
31.
Uebrigens wünsch’ ich ihm auf alle Weise Hiedurch eine glückliche Abreise, Und der gütige Himmel leite ihn Künftig zu allem Guten hin!
32.
Was man für große Augen gemachet, Und daß Herr Hieronimus nicht gelachet, Als man den Inhalt fand dergestalt, Ein solches begreifet der Leser alsbald.
33.
Indeß ist es für diesmal geschehen, Daß man die Sache hat übersehen, Und man redete von dem Attest Aus christlicher Erbarmung und Liebe das Best’.
34.
Denn die Herren dachten weislich zurücke, Daß sie auch wol viele lustige Stücke Auf Academien getrieben vor dem; Man schritte also weiter ad rem.
35.
Der Herr Inspector machte den Anfang, Hustete viermal mit starkem Klang, Schnäuzte und räusperte auch viermal sich Und fragte, indem er den Bauch strich:
36.
Ich, als zeitlicher pro tempore Inspector, Und der hiesigen Geistlichkeit Director, Frage Sie: Quid sit Episcopus? Alsbald antwortete Hieronimus:
37.
Ein Bischof ist, wie ich denke, Ein sehr angenehmes Getränke Aus rothem Wein, Zucker und Pomeranzensaft Und wärmet und stärket mit großer Kraft.
38.
Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes; Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem.
39.
Nun hub der Assessor an zu fragen: Herr Hieronimus! thun Sie mir sagen, Wer die Apostel gewesen sind? Hieronimus antwortete geschwind:
40.
Apostel nennet man große Krüge, Darin gehet Wein und Bier zur G’nüge, Auf den Dörfern und sonst beim Schmaus Trinken die durstigen Bursche daraus.
41.
Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes, Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem.
42.
Nun traf die Reihe den Herrn Krager Und er sprach: Herr Candidat! sag’ Er, Wer war der heilige Augustin? Hieronimus antwortete kühn:
43.
Ich habe nie gehört oder gelesen, Daß ein andrer Augustin gewesen, Als der Universitätspedell Augustin, Er citirte mich oft zum Prorector hin.
44.
Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes, Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem.
45.
Nun folgte Herr Krisch ohn Verweilen Und fragte: Aus wie vielen Theilen Muß eine gute Predigt bestehn, Wenn sie nach Regeln sollte geschehn?
46.
Hieronimus, nachdem er sich eine Weile Bedacht, sprach: die Predigt hat zwei Theile, Den einen Theil Niemand verstehen kann, Den andern Theil aber verstehet man.
47.
Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes, Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem.
48.
Nun fragte Herr Beff der Linguiste: Ob Herr Hieronimus auch wol wüßte, Was das hebräische Kübbuz sei? Und Hieronimus antwortete frei:
49.
Das Buch, genannt Sophiens Reisen Von Memel nach Sachsen, thut es weisen, Daß sie den mürrischen Kübbuz bekam, Weil sie den reichen Puff früher nicht nahm.
50.
Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes, Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem.
51.
Nun kam auch an den Herrn Schreie, Den Hieronimus zu fragen die Reihe, Er fragte also: Wie mancherlei Die Gattung der Engel eigentlich sei?
52.
Hieronimus that die Antwort geben: Er kenne zwar nicht alle Engel eben, Doch wär ihm ein blauer Engel bekannt Auf dem Schild an der Schenke, zum Engel genannt.
53.
Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes, Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem.
54.
Herr Plotz hat nun fortgefahren Zu fragen: Herr Candidate! wie viel waren Concilia oecumenica? Und Hieronimus antwortete da:
55.
Als ich auf der Universität studiret, Ward ich oft vor’s Concilium citiret, Doch betraf solches Concilium nie Sachen aus der Oeconomie.
56.
Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes, Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem.
57.
Nun folgte Herr Keffer, der geistliche Herre, Seine Frage schien zu beantworten sehr schwere, Sie betraf der Manichäer Ketzerei, Und was ihr Glaube gewesen sei?
58.
Antwort: Ja, diese einfältigen Teufel Glaubten, ich würde sie ohne Zweifel Vor meiner Abreise bezahlen noch, Ich habe sie aber geprellet doch.
59.
Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes, Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem.
60.
Die übrigen Fragen, welche man proponiret, Lasse ich hier aus Mangel des Raums unberühret; Denn sonst machte das Protocoll Wol mehr als sieben Bogen voll.
61.
Sintemal man noch Vieles gefraget, Worauf Hieronimus die Antwort gesaget Auf obige Weise Stück vor Stück Aus Dogmatik, Polemik und Hermeneutik.
62.
Imgleichen sonst noch manche Sachen Aus der Kirchenhistoria und Sprachen, Und was man einen geistlichen Mann Sonst wo zur Prüfung noch fragen kann.
63.
Ueber alle Antworten des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes, Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem.
64.
Als nun die Prüfung zu Ende gekommen, Hat Hieronimus einen Abtritt genommen, Damit man die Sache nach Kirchenrecht In reife Ueberlegung nehmen möcht’:
65.
Ob es mit gutem Gewissen zu rathen, Daß man in die Klasse der Candidaten Des heiligen Ministerii den Hieronimum aufnehmen könn’.
66.
Es ging also an ein Votiren, Doch ohne vieles Disputiren Ward man einig alsobald: Es könne zwar dermal und solchergestalt
67.
Herr Hieronimus es gar nicht verlangen, Den Candidaten-Orden zu empfangen, Jedoch aus besondrer Consideration Wollte man stille schweigen davon.
68.
Es hat auch wirklich in vielen Jahren Kein Fremder davon etwas erfahren, Sondern Jedermann hielt früh und spat Den Hieronimum für einen Candidat.
Zwanzigstes Kapitel. Wie der Autor gar demüthiglich um Vergebung bittet, daß das vorige Kapitel so lang gewesen und wie er verspricht, daß das gegenwärtige Kapitel desto kürzer sein sollte. Ein Kapitel, wovon die Rubrik länger ist, als das Kapitel selbst, und welches, unbeschadet der Geschichte, wol hätte wegbleiben können.

1.
Ich bitte um Verzeihung alle, die mich lesen, Daß voriges Kapitel so lang gewesen, Dabei soll auch dieses Kapitelein, Lieber Leser! desto kürzer sein.
Einundzwanzigstes Kapitel. Wie Vater Jobs der Senator dem Hieronimo eine Strafpredigt halten thät, und wie er vor Verdruß stirbt.
1.
Nun hätte man sollen das Lärmen sehen, Was da in Jobsens Hause geschehen, Weil es, wie gesagt, nicht allerding Mit dem Examen nach Wunsche ging.
2.
Aber was that denn des Hieronimi Vater? Lieber Leser! du magst wol fragen: was that er? Er gerieth drob in gar großen Grimm, Und sagte zu seinem Sohne: „du Lüm-
3.
mel! hab’ ich drum so viel angewendet Und ganze Hände voll Geld verschwendet, So daß fast worden zum armen Mann, Und habe itzt nur Verdruß daran?
4.
Hättest du fleißiger gestudiret Und dich rechtschaffener aufgeführet, So wärst du itzo nunmehro hie Ein Candidatus Ministerii!
5.
Und bekämest bald eine gute Pfarre; Aber du bist nun ein ungelehrter Narre, Der nichts von der Theologie versteht Und sein Leben lang brodlos geht!
6.
Deine Mutter und ich hofften beide An dir zu erleben viele Freude, Und nun haben wir bittern Verdruß Ob dich bösen Hieronimus!
7.
Alles was du vormals mir geschrieben, Als hättest du die Studia getrieben, Und wärest von allen der Fleißigste, Sind lauter Lügen, wie ich nun seh.
8.
Auch was du vom Privatissimo Und zehn Stunden im Collegio, Von der Professoren Zufriedenheit, Vom Theetrinken in der Einsamkeit;
9.
Item, von den vielen gelehrten Dingen, Wovon dir der Kopf wollte zerspringen, Vom Meditiren bis in die Nacht Und sonst noch etwa hast vorgebracht;
10.
Auch daß dein Magen vom vielen Sitzen und Lesen Geschwächet und verdorben gewesen, Das alles ist, wie sich’s nun befind’t, Nichts gewesen, als Lügen und Wind.
11.
Hätte ich doch ehmals unsers frommen Rectors guten Rath angenommen, Der es deutlich genug sagte mir: Es würde niemals etwas Gutes aus dir!
12.
So wäre das viele Geld ersparet Und manches Kapital rund bewahret, Das du, böser, unnützer Knecht! Auf der Universität verzecht.“
13.
So war ungefähr die Predigt beschaffen, Die der Alte hielte, den Sohn zu bestrafen, Und er hätte im ersten Affect, Fast den Hieronimus mit Prügeln bedeckt.
14.
Weil indessen Zürnen und Schelten Für die Gesundheit zuträglich ist selten, So fiel auch den guten alten Mann Gleich eine heftige Krankheit an.
15.
Denn er litte oft in gesunden Tagen Vom schmerzlichen Podagra viele Plagen; Sein Rathsherrnstand, guter Appetit und Ruh Disponirten den Körper dazu.
16.
Nun aber verließen ihn plötzlich die Schmerzen Und das Podagra trat ihm zum Herzen, Und nach vierundzwanzig Stunden Zeit Wanderte er aus der Zeitlichkeit.
17.
Alles im Hause rang nun die Hände Und des Klagens und Jammerns war kein Ende, Daß Hieronimus selbst sogar Kaum darüber zu trösten war.
18.
Der Leser möchte vielleicht gähnen, Wenn ich diese traurigen Scenen Näher beschrieb, ich lasse drum nun Den Senator Jobs in Frieden ruhn.
Zweiundzwanzigstes Kapitel. Wie Hieronimus beinahe ein Informator eines jungen Barons geworden wäre.
1.
Obgleich nunmehro schon vierzehn Tage Der alte Senator Jobs im Grabe lage; So dachte doch noch dann und wann Die Wittwe Jobsen an den seligen Mann.
2.
Hieronimus bekam indessen sein Futter Bisher noch zu Hause von der Mutter, Und hätte in solchem Müßiggang Zugebracht gerne sein Leben lang;
3.
Wenn ihm nicht wäre der Vorschlag geschehen, Sich nunmehro anderswo umzusehen, Wo er in der Zukunft bequem Seinen Unterhalt gebührlich hernähm.
4.
Denn die Hoffnung, eine Pfarre zu bekommen, War dem armen Schelm gänzlich benommen, Nachdem die gelernte Predigt einmal Gehalten war auf den Dörfern überall.
5.
Sintemal nun manche große Geister Ihr Glücke gemacht als Hofmeister, So fiel es auch dem Hieronimus ein, Irgendwo Hofmeister zu sein.
6.
Das Glück schien ihm nicht ungeneiget, Denn es hat sich ohngefähr gezeiget Nach etwa dreier Monate Zeit Für ihn eine schöne Gelegenheit.
7.
Denn ein benachbarter Herr von Adel Suchte einen Informator ohne Tadel, Für billige Kost und acht Gulden Lohn Bei dem jungen Baron, seinem einzigen Sohn.
8.
Religion, Sitten, fünferlei Sprachen, Schreiben, Rechnen und dergleichen Sachen, Philosophie, Physik, Geographie, Mathematik, Historie, Poesie,
9.
Zeichnen, Musik, Tanzen, Fechten, Reiten Et caetera, waren blos die Kleinigkeiten, Welche für die acht Gulden Lohn Lernen sollte der junge Baron.
10.
Es ließen also Ihro Gnaden Den Candidaten Hieronimus zu sich laden, Und fragten: ob er für die acht Gulden Lohn Uebernehmen wollte die Information?
11.
Hieronimus antwortete: Gnädiger Herre! Das Informatoramt ist sauer und schwere, Und es wären acht Gulden schier Viel zu weniges Lohn dafür;
12.
Doch, um Eure Gnaden zu gefallen, Entschließe ich mich sofort zu allen, Und nehme den jungen Herrn Baron Gleich in meine Information.
13.
Der Handel war also nun getroffen, Bis sich zuletzt wider alles Verhoffen Noch eine kleine Schwierigkeit fand, Welche bloserdings darin bestand:
14.
Ob auch Hieronimus in den verlangten Sachen Die erforderliche Probe könne machen, Welche für die acht Gulden Lohn Lernen sollte der junge Baron?
15.
Da hat sich aber balde gewiesen, Daß Hieronimus von allen diesen Sachen selbst nichts gewußt, die von Ihm lernen sollte der junge Baron.
16.
Er ward also in Frieden entlassen, Und zog wieder heim seine Straßen, Und verwünschte die Information Zum Henker, mit dem jungen Baron.
17.
Ihro Gnaden aber suchten kreuz und queere, Ob ein andrer aufzutreiben wäre, Welcher für die acht Gulden Lohn Uebernähme die Information.
18.
Ob er für die acht Gulden bis zu heutigen Stunden Einen solchen gelehrten Informator gefunden, Ist etwas, das ich nicht sagen kann, Es geht mich auch in der That nichts an.
Dreiundzwanzigstes Kapitel. Wie Hieronimus ein Hausschreiber ward bei einem alten Herrn, welcher eine Kammerjungfer hatte, mit Namen Amalia, und wie er sich gut aufführte bis im folgenden Kapitel.
1.
Unter allen Ständen, die da werden Angetroffen auf unserer Erden, Ist, zweifelsohne, wie bekannt, Der Wittwenstand der betrübteste Stand.
2.
Wo der Mann, als das Haupt des Weibes, Fehlt, da steht es um die Pflege des Leibes Und um die ganze Haushaltung schlecht, Und nicht das Geringste geht zurecht.
3.
Die Einkünfte werden nach und nach vermindert, Die unentbehrliche Nahrung wird verhindert, Und gleich wie in einem Jammerthal Ist Angst, Noth, Elend überall.
4.
Frau Jobs hat dies auch, leider! erfahren, Denn sie merkte, daß gleich in den ersten Jahren Alles im Hause den Krebsgang ging, Und sie arm an zu werden fing.
5.
Hieronimus nun hat dazu freilich Das Seinige beigetragen getreulich, Denn er lebte in müßiger Ruh, Aß gut und trank noch besser dazu.
6.
Indessen ward doch nun auf die Dauer Der guten Wittwe solche Wirthschaft zu sauer, Und ihr Hieronimus gereichte fast Der Oekonomie zur größten Last.
7.
Er hat es auch selbst eingesehen, Daß es nicht länger gut werde gehen, Und erkundigte sich also weit und breit Um eine andre Gelegenheit.
8.
Wie nun gewöhnlich die Dummen und Frommen Am allerbesten in der Welt fortkommen, So bot auch bei einem Edelmann Sich abermal für ihn eine Stelle an.
9.
Dieser Herr lebte auf dem Lande In einem trefflichen ruhigen Stande, Und verzehrte als ein biedrer Cavalier Seine großen Einkünfte mit Pläsir.
10.
Er that in seiner Jugend einige Züge Im damaligen siebenjährigen Kriege, Doch lag er meistens in Garnison Und schonte so viel möglich seine Person.
11.
Indeß ward er bald dieses Lebens müde, Denn er haßte Krieg und liebte Friede, Und hielt folglich als ein tapfrer Mann Unterthänig um seinen Abschied an.
12.
Jedoch fand er noch immer viel Vergnügen, Oft zu reden von verschiedenen Siegen, Und wie er einmal von ohngefähr Auf der Flucht beinahe gefangen wär’.
13.
Uebrigens war er geneigt zu spaßen, Schoß auch wol auf der Jagd einen Hasen, Trank bei der Tafel Burgunderwein Und lebte ohne Gemahlin allein.
14.
Er war also, in soweit, ein Junggeselle, Doch war bei ihm, an der Gemahlin Stelle, Eine Kammerjungfer, die früh und spat Die nöthigen Bedürfnisse besorgen that.
15.
Er sparte als Greis den Rest seiner Kräfte Und bekümmerte sich um keine Geschäfte, Sondern ein treues Bedienten-Paar Besorgte, was zu besorgen war.
16.
Der eine war ein schlauer, alter, Treubefundener Hausverwalter, Und der andre Herr Bediente war Ein also genannter Secretar.
17.
Der Verwalter war noch am Leben Und befand sich beim Dienste nicht uneben, Denn er sorgte klug und weislich Wenig für’n Herrn und viel für sich.
18.
Der Secretar war vor einigen Tagen Weil er todt war, zu Grabe getragen, Und also und dergestalt fand Sich diese wicht’ge Bedienung vacant.
19.
Nun war der Verwalter ein alter Bekannter Von Hieronimi Eltern, und darum wandt’ er Als ein treuer dienstfertiger Mann Alle Müh’ für Hieronimus an,
20.
Und hat ihn sehr kräftig recommandiret, Ihn darauf in Persona präsentiret Bei der Jungfer und beim alten Herrn Als einen fähigen Secretärn.
21.
Es hat auch seine Person für allen Der Kammerjungfer nicht übel gefallen, Drum versprach sie ihm steif und fest Bei dem Herrn zu reden das Best’.
22.
Er schien ihr beim ersten Anblick schon besser Als der vorige Schreiber, sein Antecesser; Denn Hieronimus war stark und lang, Der vorige aber war mager und krank.
23.
Alldieweil er nun, wie gesaget, Der Kammerjungfer, als der Hauptperson, behaget, So gab auch der alte Herr sofort Dazu sein Fiat und adliges Wort.
24.
Um ihm desto mehr Gnaden zu erweisen, Mußte er sogar diesmal mit ihm speisen, Und der Herr sprach mit freundlicher Stimm’ Nach geendigter Mahlzeit zu ihm:
25.
„Seine Pflicht soll darin bestehen, Daß Er nach Vieh und Gesinde muß sehen, Und als der geheime Secretär Schreibe, was etwa zu schreiben wär’.
26.
Wird Er nun diese seine Amtspflichten Als ein braver Schreiber ausrichten; So geb’ ich Ihm dafür alle Jahr Vierzig harte Reichsthaler baar.
27.
Gefällt Ihm diese Bedingung, so bleib Er Bei mir, sub titulo als Hausschreiber, Und ich verspreche Ihm, wenn Er treu, Noch manche Accidenzien dabei;
28.
Doch muß Er niemals probiren, Mit der Kammerjungfer zu haseliren; Denn solchen Unfug leide ich durchaus nicht, Das sage ich Ihm trocken ins Gesicht.
29.
Der letzverstorbene Hausschreiber Sah gerne Mädchen und junge Weiber, Und es ward mir sogar kund, Daß er mit meiner Jungfer gut stund.
30.
Ich hätte ihn prostituiret Und ohne viele Umstände cassiret; Weil er aber klein war und schwach, So sah ich ihm noch den Fehler nach.
31.
Das Mädchen ist zwar schlau und witzig; Aber dabei verzweifelt hitzig, Und wie mir gar manchesmal däucht, Zu allerlei schlimmen Sachen geneigt.
32.
Vor fünf Jahren, unvermuther Weise, Traf ich sie an auf einer Reise; Und ihr lustiges Wesen gefiel mir, Machte also meine Jungfer aus ihr.
33.
Er wird übrigens, ohne zu fragen, Leicht schließen, was ich hiemit will sagen; Denn einmal vor allemal sage ich nu, Halte Er mit Amalien nicht zu!“
34.
Hieronimus wäre nicht klug gewesen, Wenn er nicht, ohne viel Federlesen, Auf obige Bedingung geworden wär’ Sehr gern der geheime Secretär.
35.
Er trat also sein Amt an geschwinde, Und sah täglich nach Vieh und Gesinde, Schrieb auch auf öfters und viel, Was etwa zu notiren vorfiel.
36.
Zum Exempel: eingekommene Pächte, Ausgegebenes Lohn für Mägde und Knechte, Der geschossenen Hasen und Rebhühner Zahl, Oder wenn man den Herrn bestahl;
37.
Oder was der Hausadvocat bekommen, Oder der Richter extra genommen, Oder was auf dem Markte indeß Man gelöset an Butter und Käs’.
38.
Oder wenn etwa der Hausschneider Der frommen Amalia ihre Kleider Unten und oben weiter gemacht, Oder die Kuh ein Kalb gebracht.
39.
Oder wenn die Jungfer Unpäßlichkeit wegen Zur Ader gelassen, oder krank gelegen, Oder ein Huhn geleget ein Ei; Ausgaben und Einkünfte mancherlei.
40.
Wenn auch etwa Briefe zu schreiben waren, So ließ der alte Herr, all’s Schreibens unerfahren, Dem Herrn Secretär auch diese Müh’, Und Hieronimus besorgte treulich sie.
41.
Mit Hilfe von Talanders Briefsteller Ward er in Briefen fertiger und schneller, (Und dieses zwar gar in kurzer Zeit) Als je ein Schulmeister in der Christenheit.
42.
In den übrigen Stunden ging er müßig, Aß, trank und schliefe überflüssig, So, daß er dieses Secretariat Sich lebenslänglich gewünschet hat.
Vierundzwanzigstes Kapitel. Wie dem Secretär Hieronimo curiose Sachen vorkamen, und er weggejagt wurde.
1.
Geneigter Leser! unsre alten Vorfahren Waren gewiß keine dummen Narren, Sie hatten vielmehr oftermal Einen klugen und gesunden Einfall.
2.
Und sie haben in ihrem Leben Den Nachkommen viel gute Lehren gegeben, Mancher stets wahr befundener Spruch, Zeiget noch ihre Weisheit genug.
3.
Es ist auch itzo fast in allen Landen, Unter andern ein altes Sprüchwort vorhanden, Dessen Gewißheit und Wahrheit man Noch täglich vor Augen sehen kann.
4.
Nämlich: wenn Einer soll können tragen Eine Last von lauter guten Tagen, So muß er mit sehr starkem Gebein Von der Natur versehen sein.
5.
Dieses alten Sprüchworts Wahrheit Zeiget sich auch mit großer Klarheit Im gegenwärtigen Kapitel, schon früh, An dem Exempel Hieronimi.
6.
Dieser lebte gleich einem Fürsten, Brauchte weder zu hungern, noch zu dürsten, Schlief früh ein und erhub sich spät Nach ruhigem Schlaf vom Federbett.
7.
Es mangelte ihm folglich an keinem Stücke; Doch es war, zu seinem Ungelücke, Bewußtermaßen die Jungfer da, Welche er täglich verliebt ansah.
8.
In ihren Mienen und ganzem Wesen Schien er deutlich zu können lesen, Daß sie in ihn den Secretär Ebenfalls sterblich verliebet wär’.
9.
Oft auch, wenn er sie ganz nahe Mit Aufmerksamkeit ins Gesicht sahe, So that der Gedanke bei ihm entstehn, Als hätt’ er sie vormals mehr gesehn.
10.
Trotz dem Verbote des alten Herren Wagt’ er’s nun, ihr die Liebe zu erklären, Und so wurden sie bald so vertraut, Als wären sie Bräutigam und Braut.
11.
Doch, in Gegenwart des alten Herren, Schien er ihrer gar nicht zu begehren, Und er nahm sich vor allem Verdacht Weislich und, so viel möglich, in Acht.
12.
Aber, ohne desselben Willen und Wissen, Brachte in allerlei Scherzen und Küssen Manches geheimes Stündelein um Amalia mit dem Hieronimum.
13.
Dieses des Hieronimi gutes Betragen That dem Mädchen trefflich behagen, Denn für die leere Schmeichelei Des Herrn hielt sie der Schreiber frei.
14.
Er bekam auch dafür viel schöne Dinge, Dosen und Hemder, Schnallen und Ringe, Tücher, Manschetten, Strümpfe, Handschuh, Halsbinden, Mützen und mehr dazu.
15.
Einst hatte er bei ihr, von Amts wegen, Ein Schreibergeschäfte abzulegen, Und da reichte sie ihm sogar Ein fürtreffliche Sackuhr dar.
16.
Er hat sie gar dankbarlich angenommen, Doch gleich, als er sie in die Hand bekommen, Rief er: Potz tausend Element! Diese Sackuhr habe ich gekennt.
17.
Amalia ward zwar betroffen, Doch gestund sie ihm sofort offen- herzig, sie habe von einem Student Sie ehmals erhalten zum Präsent.
18.
Wie’s doch so wunderlich pflegt zu gehen, Das kann man itzo deutlich hier sehen, Erwiderte Hieronimus; sicherlich! Dieser Studente war ich.
19.
Und nunmehr haben sich beide besonnen, Daß schon vor fünf Jahren ihre Bekanntschaft begonnen, Und aus der gestohlnen Sackuhr Machte die Jungfer itzt Schnack nur.
20.
Und sie haben beide herzlich gelachet Und über den Possen sich lustig gemachet, Daß nunmehr in die rechte Hand Sich die vermißte Uhr wieder fand.
21.
Uebrigens war es kein sonderlich Wunder, Daß die Jungfer nicht im Hieronimus jetzunder, Als Candidaten und Secretär, Den vorigen Studenten kannte mehr.
22.
Indessen machte diese lächerliche Affaire, Daß sich beide von nun an noch desto mehre, Zum Possen des alten Edelmanns, Geliebet haben von Herzen ganz.
23.
Ihr Umgang ward also auf die Dauer Täglich vertrauter und genauer, Und ihr Löffeln und Buhlerei Trieben sie fast offenbar und frei.
24.
War die Jungfer im Keller und Garten, So that der Herr Schreiber ihr aufwarten, Und in Küche, Kammer und Stall Folgte er nach ihr überall.
25.
Sogar, wenn sie etwa nicht, von Pflichtwegen, Den alten Herrn mußte wärmen und pflegen: So brach sich Hieronimus den Schlaf ab, Und ihr nächtliche Visiten gab.
26.
Auch bei dem Schreiben und Notiren That Amalia ihm treulich assistiren, Und befand sich ohne Unterlaß Bei ihm, wo er stand oder saß.
27.
Sie gab ihm auch manch schönen Leckerbissen Von des Herren Tafel heimlich zu genießen, Und vom Kälberbraten und Wildpret Bekam er immer die Nieren und Fett.
28.
Sie brachte ihm noch dabei unter- weilen manche Flasche Burgunder Heimlich aus dem Kellerhaus, Und Hieronimus trank sie aus.
29.
So verstrichen in lauter Wollust die Tage Des Hausschreibers Hieronimi, und ich sage, Daß kein hochwürdiger Herr Prälat Jemals besser gelebet hat.
30.
Es konnte sich aber dergestalten Dies Leben nicht lange so verhalten, Denn der alte gnädige Herr Merkte den Handel mehr und mehr.
31.
Und anstatt daß er sonst gelachet, Hat er nun saure Gesichter gemachet, Und er gab deutlich genug zu verstehn, Die Sache müsse nicht länger so gehn.
32.
Zum Ueberfluß führte er noch in aller Güte Dem Herrn Secretären zu Gemüthe, Daß, wenn er Amalien nicht künftig vermied, So ertheilte er ihm den Abschied.
33.
Hieronimus versicherte auf seine Ehre, Daß nichts Schlimmes vorgegangen wäre, Und er wollte lieber hinfort Mit Amalia reden kein einziges Wort.
34.
Wenn Er das thut, so kann Er bleiben, So lange Er will, und bei mir schreiben Lebenslang, als mein Secretär! Erwiderte nun der alte Herr.
35.
Obgleich nun seit diesem Augenblicke Hieronimus die verliebten Tücke Mit der Jungfer heimlicher trieb, Und desto fleißiger notirte und schrieb:
36.
So hat sich dennoch nach einigen Tagen Ein sonderlich Abenteuer zugetragen, Als der alte Herr, Abends spät, Schlaflos sich herumwälzte im Bett.
37.
Und deßwegen, wie er wol zu thun pflegte, Einen Besuch bei Amalien ablegte, Damit sie durch ihre Freundlichkeit Ihm vertriebe die Schlaflosigkeit.
38.
Da geschah alsbald ein groß Wunder; Denn er fand daselbsten itzunder, Daß schon Hieronimus, der Secretar, Bei der Jungfer im Bettlein war.
39.
Himmel! Tausend Element! Potz Velten! Da ging es an ein Fluchen und Schelten, Und es wurde noch in derselbigen Nacht Hieronimus aus dem Hause gejagt.
40.
Es half hier weder Bitten noch Flehen, Das Abenteuer war nun einmal geschehen, Und selbst die Kammerjungfer sogar Gerieth fast drob in große Gefahr.
41.
Doch ihre listigen Schmeicheleien Thaten sie diesesmal noch befreien, Aber dem unglücklichen Candidat Zu helfen, war nun weiter kein Rath.
Fünfundzwanzigstes Kapitel. Wie Hieronimus bei einer frommen Dame in Dienste kam, welche eine Betschwester war, und seiner in Unehren begehrte, und wie er von ihr weglief.
1.
Die von Amalien erhaltenen Gaben, Hemder, Ringe, Schnallen et caetera haben Zwar wol noch eine kurze Zeit Den Hieronimus aus der Noth befreit.
2.
Nachdem aber Alles verkauft und verzehret, Was ihm die gute Jungfer hatte verehret, So mußte er wieder nolens volens, Zur Vermeidung Hungers und Elends,
3.
Und um nicht vor Kummer zu sterben, Sich um eine neue Versorgung zu bewerben, Und sich desfalls irgendwo nun In eine gute Bedienung thun.
4.
Nun lebte auf einem einsamen Schlosse Eine verwittibte Dame, die eine große Also genannte Betschwester war, Sie war alt und hatte schon graues Haar.
5.
Brachte darum mit Beten und Singen, Und lauter andern geistlichen Dingen, Als eine sehr große Heiligin, Schon einige Jahre des Lebens hin.
6.
Sie litte nicht die allermindeste Sünde An und bei ihrem sämmtlichen Gesinde, Und versammelte sie täglich zweimal, Zum Singen und Gebet, in ihrem Saal.
7.
Sie bestrafte bei ihnen auf liebreiche Weise Das kleinste Vergehn mit Entziehung der Speise, Und hielte viel vom Fasten und Kastei’n Und von einem halben Nösel Branntewein.
8.
Da nun, ohne Zweifel, zu zweien Sich besser läßt trinken und kasteien, Auch überhaupt in Gesellschaft Man singen kann mit größerer Kraft:
9.
So hatte sie schon längst sich umgesehen, Einen frommen Menschen auszuspähen, Welcher ihr, sowol spät als früh, Möcht’ leisten geistliche Compagnie.
10.
Es waren nun zwar viele frommen Müßiggänger zu ihr gekommen, Und hatten, wie sich’s ziemt und gebührt, Die geistlichen Dienste geofferirt;
11.
Aber bisher hatte keiner von allen Das Glücke gehabt, ihr zu gefallen, Denn bald schien ihr der eine zu alt, Bald der andre zu jung noch, und bald
12.
War einer zu mager, bald einer zu schwächlich, Bald einer ein Krüppel, oder sonsten gebrechlich, Bald einer stumm, taub, scheel oder blind, Oder ein häßliches Weltkind.
13.
Hieronimus that es endlich wagen, Seine Dienste ihr anzutragen Als geistlicher Assistent, und, siehe da! Er gefiel ihr, sobald sie ihn sah.
14.
Denn er war weder krank noch schwächlich, Weder stumm, taub, blind oder gebrechlich, Weder zu jung und weder zu alt, Auch eben nicht von magrer Gestalt.
15.
Seine halbgeistliche Kleidung und Perücke Gefiel auch der Alten im Augenblicke, Und er versicherte derselben geschwind, Daß er wäre kein Weltkind.
16.
Er mußte also bei so gestalten Sachen Die erste Probe noch heute machen, Und er wohnte mit großem Geschrei Der frommen, singenden Versammlung bei.
17.
Hat auch, mit einem ernsthaften Wesen, Aus der Hauspostill eine Predigt gelesen Und that alles mit besonderm Anstand, Daß die Dame Vergnügen drin fand.
18.
Durch ihn ward ihr frommer geistlicher Eifer Tagtäglich dann immer fester und steifer, Und ihr ohnedem geistlicher Sinn Mehr und mehr erbauet durch ihn.
19.
Sie ließ sich auch von dem frommen Candidaten In allen ihren Handlungen leiten und rathen, Und so ward in kurzer Zeit hier Hieronimus der Liebling von ihr.
20.
Wenn er sich zuweilen auch etwa verginge, Und sich ungeistlicher Dinge unterfinge: So übersah sie doch immer dies Als eine menschliche Schwachheit gewiß.
21.
Er brauchte auch, pro poena, solchergestalten Das sonst eingeführte Fasten nicht zu halten, Sondern er bekam vielmehr zum Trost Lauter leckere und gesunde Kost.
22.
Champagner, Kaffee und Chocolade, Liqueurs, Mandelmilch, Limonade Bekam der fromme Hieronimus, Auch täglich zu trinken im Ueberfluß.
23.
Er lebte also, mit einem Worte, Sehr vergnügt an diesem heiligen Orte, Wo er blos nur aß und trank, Und zuweilen las und sang.
24.
Das Schlimmste war, daß er der frommen Dame Fast gar nicht aus den Augen kame; Denn sie hatte zu bilden im Sinn Einen recht frommen Menschen aus ihm.
25.
Wenn er bei ihr im Canapee saße Und aus einem frommen Buch was vorlase: So streichelte sie das fromme Schaf, Und rief entzückt aus: das ist brav!
26.
Oft schmiegte sie sich an seine dicken Wangen, Wenn sie mit einander ein Lied sangen, Und so lagen sie Arm in Arm, Und sangen so rührend, daß Gott erbarm!
27.
Bei einem so vertraulichen Wandel, Merkte zuletzt Hieronimus den Handel, Daß es der alten Dame nun Um etwas mehr, als Singen zu thun.
28.
Ob dieser so wichtigen Entdeckung Ueberfiel ihn eine heftige Schreckung. Und ob solcher großen Gefahr Saß er da fast sprachlos und starr.
29.
Als er sich von der ersten Bewegung Erholet, dachte er, mit vieler Regung, An das vormals genossene Glück Mit der schönen Amalie zurück.
30.
Diese war schön, lieblich und ohne Mängel, Die Dame hingegen häßlich, wie ein schwarzer Engel, Gelb, zahnlos, kahl, hager und grau, Kurz, eine unerträgliche Frau.
31.
Nun hätte er sich sollen drücken Und in die Umstände einstweilen schicken, Und die Sache mit der alten Frau Nicht eben nehmen so genau;
32.
Allein dies wollte ihm nicht passen, Er hatte also freiwillig sie verlassen, Und so blieb dann hinfort die Dame allein Mit ihrem Gesangbuch und Branntewein.
Sechsundzwanzigstes Kapitel. Wie Hieronimus ein schlimmes und ein gutes Abenteuer hatte, und wie er einmal in seinem Leben eine kluge That verrichtet hat.
1.
Hieronimus, ehe und bevoren Er die Abreis’ von der alten Wittwe erkoren, Hat mit einem Beutel voll Geld sich schön Aus dem Kasten der Dame versehn.
2.
Denn dafür, daß er gesungen und gebetet, Und von frommen Dingen geredet, Und die Caressen gehöret an, Mußte er billig ja etwas han.
3.
Mit diesem Gelde that er nun wandern Von einer schönen Stadt zur andern, Und indem er also herumgeirrt, Lernte er kennen manchen Wirth.
4.
Traf er etwa hin und wieder Schöne Quartiere und lustige Brüder, Oder eine gute Wirthin im Haus, So ruht er gemeinlich einige Tage aus.
5.
Es hat sich aber einsmals begeben, Daß er auf seiner Wanderschaft gar eben, Als es schon war Nachmittags spat, In einer großen Schenke abtrat.
6.
Es war das allerbeste Wirthshaus in Schwaben, Man konnte viel fordern und wenig haben, Und der Wirth war ein redlicher Mann, Schrieb gerne mit doppelter Kreide an.
7.
Da waren ebenfalls, grade heute, Noch angekommen zwei fremde Leute, Welche Hieronimus, der Kleidung nach, Für reisende Handelsmänner ansach.
8.
Zwaren hat gleich einer von ihnen Ihm, von Person, etwas bekannt geschienen, Wenn nur ein großes Pflaster nicht Verstellet hätte das halbe Gesicht.
9.
Diese Herren haben gesellschaftlich indessen Mit dem Hieronimus getrunken und gegessen, Und in kurzem richtete drauf Hieronimus mit ihnen Freundschaft auf.
10.
Denn der Mann mit dem Pflaster im Gesichte Erzählte manche spaßhafte Geschichte, Theils geschehen, und theils erdacht, Worob sich Hieronimus fast krank gelacht.
11.
Auch Hieronimus hat ihnen erzählet Seine Begebenheit, und nichts verhehlet, Wie es alles gegangen wär’ her, Als er war bei der Betschwester.
12.
Sie haben über diese wunderlichen Sachen Ebenfalls recht herzlich müssen lachen, Und Hieronimus, bei dieser Gelegenheit, That mit dem eroberten Gelde breit.
13.
Nachdem nun lustig und guter Dinge Der Tag dermaßen zu Ende ginge; So eilte Hieronimus Abends spät, Trunken vom Wein und Lachen, nach Bett.
14.
Er war kaum in tiefen Schlaf begraben, Als sich die beiden Herren zu ihm begaben, Und sie nahmen fein säuberlich Den Beutel mit dem Gelde zu sich.
15.
Als Morgens spät Hieronimus erwachte, Und gar nun nicht an was Böses gedachte, So fand er, beim Ankleiden von ohngefähr, Den Geldbeutel verschwunden, die Tasche leer.
16.
Zwaren sahe er hier anfänglich Die Sache nicht eben für verfänglich, Sondern als eine Kurzweile an, Welche die lustigen Kaufleute gethan.
17.
Als er aber nach ihnen fragte, Und der Herr Wirth ihm sagte: Es wären schon in aller Früh Diese Herren stille gereiset von hie.
18.
Da gehub er an zu lamentiren Und großen Jammer und Klagen zu führen, Und für Ungeduld blieb fürwahr, In dem Kopfe kein einzig Haar.
19.
Ob seinem ängstlichen Klagen und Harmen That sich der fromme Wirth bald erbarmen, Und hat für Alles, was er verzehrt, Weiter nichts, als seinen Rock begehrt.
20.
That ihm dabei den Rath ertheilen, Sich nun nicht länger mehr zu verweilen, Denn ohne baares Geld hätte hier Niemals ein fremder Gast Quartier.
21.
Dieses Exempel Hieronimi kann uns lehren, Wie sich die Sachen in der Welt verkehren, Und wie sich manchesmal unverhofft Das menschliche Glück verändert oft.
22.
Noch gestern besaß er reiche Beute Und der Wirth hieß ihn Herr, aber heute Jug ihn fort, ohne Rock und Geld, Der fromme Wirth in die weite Welt.
23.
Er konnte nun, mit Muße, unterwegen Seinen kläglichen Zustand überlegen, Und er wünschte sich fast im Augenblick Zu der Betschwester auf dem Schlosse zurück.
24.
Doch, wenn er an ihre Caressen gedachte, Und ihre Person sich vorstellig machte, So überkam ihn ein Grausen schier, Und er verlangte nicht wieder zu ihr.
25.
Schon einige Tage hatte er mit rohen Rüben Auf seiner Reise den Hunger vertrieben, Und wie ein irrender Ritter sich Beholfen elendig und kümmerlich.
26.
Gleichwie nun, wenn die Noth ist am größten, Das nahe Glück einen pflegt zu trösten; So war auch dem armen Hieronimus da Nunmehro bald wieder Hilfe nah.
27.
Denn er hörte am vierten Nachmittage In einem Wäldchen, das am Wege lage, Ein erbärmliches lautes Geschrei, Und dieses lockte ihn bald herbei.
28.
Er ist schnell an die Stelle gekommen, Woher er das Jammergeschrei vernommen, Und es entdeckte sich ihm alsbald Eine Scene von traur’ger Gestalt.
29.
Eine stillstehende Kutsche mit vier Pferden, Den bärt’gen Kutscher ohnmächtig auf der Erden, Eine junge Dame, welche hie Ganz erbärmlich heulte und schrie;
30.
Auch einen reichgekleideten Herren, Bemüht, sich gegen zwei Räuber zu wehren, Welche, wie’s schiene, waren fest Entschlossen, ihme zu geben den Rest.
31.
Schon erkannte mein Held in einiger Weite In ihnen die sogenannten zwei Kaufleute, Er eilte also, wie eine Furie, Mit aufgehobenem Stocke auf sie.
32.
Spitzbuben! wo ist mein Geldbeutel? Rief er, und zerschlug den Scheitel Des einen Räubers mit starker Hand, Und streckt’ ihn also todt in den Sand.
33.
Mit eben solchen kräftigen Schlägen Ging er drauf dem andern Räuber entgegen, Welcher aber sogleich versucht, Sich zu erretten mit der Flucht.
34.
Hieronimus wollte zwar ohn’ Verweilen Auch noch dem fliehenden Buben nacheilen, Allein der Räuber, schnell wie der Wind, Floh aus seinen Augen geschwind.
35.
Uebrigens ist kaum zu schreiben und zu sagen, Wie freudig sich der Herr und die Dame betragen, Als die augenscheinliche Lebensgefahr Nunmehro glücklich vorüber war.
36.
Sie haben beide ihn gar freundlich gegrüßet, Und die schöne Dame hätte ihn fast geküsset, Wenn sie hätte gescheuet nicht Sein lange nicht gewaschnes Gesicht.
37.
Es war auch kein Lobspruch zu erdenken, Welchen sie ihm nicht thaten schenken, Denn als ihren Erretter sahn Sie nun den lieben Hieronimus an.
38.
Sie nöthigten ihn mit freundlichem Muthe Mitzureisen nach ihrem adligen Gute, Wo man mit Gaben mancherlei Würde belohnen die erwiesene Treu.
39.
In seinen so kümmerlichen Umständen Ergriff er die Gelegenheit mit beiden Händen, Und sofort, ohne weitere Bitt’, Entschloß er sich gleich zu reisen mit.
40.
Er half den verwundeten Kutscher noch tragen, Und sie legten denselben in den Wagen, Und in des erschlag’nen Räubers Rock Bestieg nunmehr Hieronimus den Bock.
41.
Ehe er aber noch aufgestiegen, Suchte er, und fand mit Vergnügen Seinen Geldbeutel beinahe noch voll In des erschlagenen Räubers Camisol.
42.
Das sonderbarste von der ganzen Geschichte, Betraf des Todten sein Angesichte; Denn es war kein Pflaster mehr da, Und, als ihn Hieronimus genau besah,
43.
Erkannte er in ihm, im Augenblicke, Den Herrn von Hogier mit der großen Perücke, Welcher ihn einstmals um vieles Geld Beim Spiel auf seiner Reise geschnellt.
44.
So nahm dann dies Abenteuer behende Für unsern Helden ein erwünschtes Ende, Und gleich dem Ritter von der traur’gen Gestalt, Fuhr er mit der Kutsche davon alsbald.
45.
Uebrigens, eh ich dies Kapitel will schließen, Thu ich dem Leser kund und zu wissen, Dies sei die einzige rühmliche That, Die bisher Hieronimus verrichtet hat.
Siebenundzwanzigstes Kapitel. Wie Hieronimus vergnügt zu Ohnewitz ankam, und wie er da Schulmeister ward, in einer Schule von kleinen Knäblein und Mägdlein.

1.
Derjenige Herr und die junge Dame, Zu deren Rettung Hieronimus herbei kame, Waren ein liebes artiges Paar, Welches kürzlich erst getrauet war.
2.
Der Herr hatte unter sein adliges Gebiete Dörfer und Schlösser von mancherlei Güte, Aber im Dörflein Ohnewitz War eigentlich sein Rittersitz.
3.
Um seiner Gemahlin den Gefallen zu erweisen, That er oft mit ihr kleine Reisen, Denn er hielte große Freundschaft Mit allen in seiner Nachbarschaft.
4.
Damalen hatte er auch eben Einem benachbarten Edelmann den Besuch gegeben, Und wurde bei der Rückkehr im Wald Angegriffen von den Räubern bald.
5.
Sogleich warfen sie den Kutscher zu Boden, Daß er da lag fast ohne Odem; Drauf forderten sie mit Ungestüm Sein Geld und sonstige Sachen von ihm.
6.
Sie rissen ihn auch aus dem Wagen Und fingen an auf ihn loszuschlagen; Als auf das ängstlich Geschrei der Dam’ Hieronimus, wie gesagt, zur Rettung kam.
7.
Diese Geschichte erzählten sie unter- wegens ihrem Erretter, der nun munter Daher fuhr mit gar leisem Schritt, So gut es der gehabte Schrecken litt.
8.
Hieronimus hat ihnen gleichfalls erzählet, Wie ihn das Schicksal bishero gequälet, Und so gelangten sie, wie der Blitz, Endlich an zu Ohnewitz.
9.
Hier vergaß man bald alles Leiden, Lebete herrlich und in Freuden, Und für den ehrlichen Hieronimus ward Gesorget auf die liebreichste Art.
10.
Neue Kleider, Essen und Trinken, Wein, Tabak, Braten und Schinken Waren da, alles in Ueberfluß, Zum Dienste unsers Hieronimus.
11.
Nach einigen so vergnügt verstrichenen Wochen Hat auch der Herr dem Hieronimus versprochen, Für seinen zukünftigen Unterhalt Zu sorgen ferner bester Gestalt.
12.
Nun ist auch grade dazumalen Ein absonderlicher Umstand vorgefallen, Welcher für unsern Hieronimus gar Sehr erwünscht und gelegen war.
13.
Nämlich, die Ohnewitzer Bauern haben Eine Schule für kleine Mägdlein und Knaben, Und der Herr, als des Dorfes Patron, Hatte darüber die Collation.
14.
Das A, B, C, D zu studiren, Und zu lernen Lesen und Buchstabiren, Waren alleinig die Studia, Welche man hieselbsten treiben sah.
15.
Alle Gelegenheiten, mehrers zu lernen, That der Herr Patron weislich entfernen, Denn ein Bauer, welcher gelehrt Ist, wird hochmüthig und höchst verkehrt.
16.
Ja, die Erfahrung lehrt es, wenn der Bauer schon versteht seinen Kalender Und sein Katechismus-Büchlein, So bildet er sich schon was Rechtes ein.
17.
Hat er sich nun noch höher verstiegen, So läßt er gemeiniglich die Arbeit liegen, Und dann sieht’s höchst elendig und kraus Mit den Pächten und Abgaben aus.
18.
Außer dreißig Thaler Fixum trug dies Dienstchen Dem Herren Schulmeister noch manches Gewinnstchen An Eiern, Butter, Hühnern und Gäns Und manchem ähnlichen Accidens.
19.
Auch ging er, wenn die Herrschaft zu Hause, Am Neujahrstag bei ihr zu Schmause Und bekam dann für die Gratulation Noch ein Geschenk, nach Proportion.
20.
Nun hat es sich damals just begegnet, Daß der Schulmeister dies Zeitliche gesegnet; Und also war man weislich bedacht, Daß ein neuer würde gemacht.
21.
Sobald dies der Herr Patron gehöret, Hat er dem Hieronimus den Dienst verehret; Und folglich trat Hieronimus dann Das Amt des Dorfschulmeisters an.
22.
Zwar wollte nun anfangs das Schulleben Ihm kein sonderliches Vergnügen geben, Denn er hielte von Müßiggang mehr, Als von solcher beschwerlicher Lehr’.
23.
Doch, da er auf dem herrschaftlichen Schlosse Manche Wohlthat und Mahlzeit genosse, Und sich nach geendigter Schule erquickt; So hat er sich in das Lehramt geschickt.
24.
Und sich nunmehr ernstlich vorgenommen, Seinen Pflichten möglichst nachzukommen, Damit er nun lebenslang hinfort Bleiben möchte an diesem Ort.
25.
Auch gedachte er, in verschiedenen Sachen Einige wichtige Aenderungen zu machen, Weil er im hiesigen Schulstand Viele eingerissene Fehler fand.
26.
Er fing auch, nach langem Deliberiren, Wirklich an, manches zu reformiren, Jedoch bekam ihm dieses nicht wohl, Wie der geneigte Leser bald hören soll.
Achtundzwanzigstes Kapitel. Wie Hieronimus ein Autor ward, und wie er ein neues A-b-c-Buch heraus gab, und wie er darob von den Bauern bei dem gnädigen Herrn hart verklagt ward.
1.
Gleich bei dem Antritt der Schulregierung, Fand Hieronimus, mit äußerster Rührung, Daß das eingeführte A-b-c-Buch Nicht für Kinder sei faßlich genug.
2.
Denn da bisher die Mädchen und Knaben Gebraucht hatten die Ballhornschen Ausgaben, So nahm Hieronimus hier und da Darinnen verschiedene Fehler wahr.
3.
Nachdem er nun bei sich zu Rathe gegangen, Hat er zu veranstalten angefangen, Unter folgendem Titel, davon Eine nagelneue Edition:

4.
Neues A-b-c-Buch, verbessert Und mit verschiedenen Zusätzen vergrößert Von dem Autor Hieronimus Jobs, Theologiä Candidatus.
5.
Zu den schon längst bekannten Buchstaben, Welche wir im Alphabete haben, Setzte er noch das fft, Imgleichen das sch, und sp.
6.
Die Sporen des Hahns auf der letzten Seiten, Und mehr andre solche Kleinigkeiten, Ließ er hingegen, weislich und klug, Aus dem nagelneuen A-b-c-Buch.
7.
Er fügte aber unterdessen nicht minder, Zur Ergötzung der lernenden Kinder, Ein Nestlein mit einem großen Ei Dem ungesporneten Hahne bei.
8.
Kaum war dies Buch zu Ohnewitz eingeführet, So ward es von den Bauern recensiret, Und gab zu einem grimmigen Streit Die allererste Gelegenheit.
9.
Denn es wollte keinem einzigen von allen Recensenten die Einrichtung gefallen, Und sie sahen alle, Mann für Mann, Die Aenderung als höchst gefährlich an.
10.
Selbst den allerklügsten unter ihnen Hat’s beim neuen A-b-c-Buch geschienen, Als hätte Hieronimus dadurch gezeigt, Wie sehr er zur Autorsucht geneigt.
11.
Wie wenn im Sommer von schwülen Düften Ein Ungewitter entsteht in den Lüften, So geht vor dem Donner ordinär Erst ein gelindes Murmeln vorher.
12.
Gleichermaßen entstund unter den Leuten Erst ein leises Gemurmel von allen Seiten Und es zoge sich bald darauf Ein Gewitter über Hieronimus auf.
13.
Er konnte nun zwar in Worten und Werken Den Unwillen der Ohnewitzer leicht merken, Doch verließ er, den Bauern zum Trutz, Sich auf des gnäd’gen Patron seinen Schutz.
14.
Jedoch die Ohnewitzer wollten nun zeigen, Daß sie länger nicht gesonnen zu schweigen; Denn sie spürten je länger, je mehr, An dem Schulmeister neues Beschwer.
15.
Sie traten also sämmtlich zusammen, Und der Küster verfertigte in ihrem Namen Eine Klagschrift in folgendem Ton: Hochwohlgeborner, gnädiger Patron!
16.
Wir sämmtliche Bauern und Kossathen In Hochderoselben Ohnewitzer Staaten Nehmen in aller Unterthänigkeit Unsern Schulmeister zu verklagen die Freiheit.
17.
Sintemal sich derselbe leider vergangen, Und verschiedene Neuerungen angefangen, Alles unter dem nichtigen Vorwand, Zu verbessern den hiesigen Schulstand.
18.
Sich auch dabei nicht so aufführet, Wie’s einem frommen Schulmeister gebühret, Sondern vielmehr, ofte und viel, Uns Bauern gibt ein böses Beispiel.
19.
Um von den Punkten, worüber wir queruliren, Nur die vornehmlichsten anzuführen, So hat er pro primo und erstens sich Unterfangen eigenmächtiglich,
20.
Ein neues A-b-c-Buch zu verfassen Und drin die Sporen des Hahnes auszulassen, Da doch der Sporen, zu jeder Frist, Ein wesentlich Stück des Hahnes ist.
21.
Dagegen hat er das Lernen selbst beschweret, Weil er das Alphabet hat vermehret; Denn fft, sp und sch, Steht wider alle Gewohnheit da.
22.
Auch, obgleich die Hähne niemals pflegen Hühnereier in Nester hinzulegen, So liegt doch ein Ei nun bei dem Hahn, Gleichsam als hätt’ es der Hahn gethan.
23.
Nun können solche Dinge beim Studiren Die Kinder leicht auf Irrthümer führen, Und ein neues A-b-c-Buch ist überhaupt Eine Neuerung und unerlaubt.
24.
Pro secundo lassen wir nicht unberühret, Daß von Alters her ein Eselskopf eingeführet, Welchen in unsrer Schule zur Buß’ Jedes muthwillige Kind tragen muß.
25.
So hart und empfindlich nun diese Strafe Sonst demjenigen war, den sie trafe, So trugen die Kinder doch gern und mit Lust Den Eselskopf an ihrem Hals und Brust.
26.
Herr Jobs ist aber nicht damit vergnüget, Sondern er hat jetzt zum Kopfe gefüget Einen Hals, Leib, Beine und Schwanz, Und so ist es nun ein Esel ganz.
27.
Wie jämmerlich indeß die Kindlein klagen, Wenn sie den ganzen Esel müssen tragen, Und stehen da gleichsam zum Spectakel so, Ist kaum zu glauben. Pro tertio
28.
Thut Herr Jobs mit mächtigen Ohrfeigen Sich gar zu barbarisch in der Schule bezeigen, Und einige Knaben sind wirklich schon Taub und gehörlos worden davon.
29.
Pro quarto: sind die Kinder der ärmern Bauern, Ob der vielen Prügel, höchlich zu bedauern; Denn, wegen Ansehen der Person, Kriegen sie meist doppelte Portion.
30.
Pro quinto: sucht er in den Taschen Der Kinder nach, ob sie auch naschen, Und findet er Aepfel und Nüsse allhie, So nimmt er sie weg und isset selbst sie.
31.
Pro sexto: ist von seinem sonstigen Betragen Noch allerlei Besondres zu sagen, Denn mit des Schulzen Einliegers Frau Lebt er, wie es heißt, gar zu genau.
32.
Auch besucht er fast täglich die Dorfschenke Und genießt da allerlei hitziges Getränke, Hat auch oft bis um Mitternacht Mit dem Schulzen beim Spiel zugebracht.
33.
Wir hätten zwar noch mehrere Klagen Allerunterthänigst vorzutragen; Denn es sind noch viele Gravamina Neben den schon erwähnten da.
34.
Wollen sie aber diesmal nicht berühren, Sondern nur unterthäniglich suppliciren: Daß Sie, lieber gnädiger Herr! Uns geben einen andern Schulmeister.
35.
Beharren übrigens Eure Hochwohlgeborne Gnaden Allerunterthänigste Bauern und Kossathen. Im Dorfe Ohnewitz gegeben. N. N. N. N. N. N.
Neunundzwanzigstes Kapitel. Wie die klagenden Bauern zu Ohnewitz von dem Herrn Patron eine gnädige Resolution bekamen, und wie sie zur Ruhe verwiesen wurden, und wie sie mit dem Loche bedrohet wurden. Alles im Canzlei-Stil.
1.
Es war nun durch zwei Deputaten Die Klagschrift übergeben an Ihro Gnaden, Und vom hochgedachten Herrn Patron Erfolgte folgende Resolution:
2.
Wir haben mißfällig wahrgenommen Aus der Vorstellung, womit ihr eingekommen, Wasmaßen ihr gar große Beschwer Führt über euern Schulmeister her.
3.
Ob Wir nun gleich höchst ungerne sehen, Daß solche Streitigkeiten bei euch entstehen; So haben Wir doch nach der Breite und Läng’ Erwogen eurer Beschwerden Meng’.
4.
Können indeß bis dato nicht finden, Daß Beklagter Schuld sei großer Sünden, Und daß man mit Recht, über die Sach’ Ein solches großes Allarm mach’.
5.
Zwaren ist es dermalen nicht ohne, Herr Jobs hat in seiner Schule schone Ein neues A-b-c-Buch eingeführt Und Uns unterthänigst dedicirt.
6.
Auch ist von ihm, wie vor Augen lieget, Einiges drin weggelassen, einiges beigefüget, Jedoch leuchtet es gar nicht ein, Wie dieses so schädlich könne sein.
7.
Denn obgleich hier der Hahn die Sporen Aus Versehen des Kupferstechers verloren, So kann man bei der zweiten Edition, Den Fehler leichtlich verbessern schon.
8.
Auch die wenigsten Recensenten heutiger Zeiten Merken in den Büchern auf solche Kleinigkeiten, Sondern die guten lieben Herrn Uebersehen solche kleine Fehler gern.
9.
Was betrifft die zugefügten Buchstaben, So stehn selbige schon in ältern Ausgaben; Wenigstens fft, sp und sch Dienen als Varianten da.
10.
Es scheint zwar sich weniger zu schicken, Bei dem Hahn ein Ei auszudrücken; Doch braucht drum das Ei vom Hahn Eben nicht zu werden weggethan.
11.
Denn vom Ei gleich aufs Legen zu schließen Wäre unvernünftig und gegen Gewissen; Denn es beweiset weiter nichts in der That, Als bei Menschen der Titel und’s Prädicat.
12.
Ueberdem weiß man ja auch gar eben, Daß Hähne sich oft mit Eierbrüten abgeben, In hoc casu wäre also, traun! Der Hahn eigentlich ein Kapaun.
13.
Wenn ihr pro secundo proponiret: Daß Herr Jobs einen ganzen Esel eingeführet, So hat er, Unsers Bedünkens, dran Als ein vernünftiger Mann gethan.
14.
Denn er zeigt damit nichts mehr, nichts minder, Als daß sowol ihr selbst als eure Kinder, Alte und junge, groß und klein, Leibhaftig vollkommene Esel sein.
15.
Pro tertio: wegen der Schläge an die Ohren, Worüber einige Knaben ihr Gehör verloren; Halten Wir es gar nicht für gut, Daß euer Schulmeister solches thut.
16.
Auch was ihr pro quarto zu klagen findet, Halten Wir in so weit für gegründet, Denn ein Richter und Schulmann Muß niemals sehn die Person an.
17.
Sondern Arme sowol als Reiche Verdienen, wenn sie böse sind, gleiche Streiche, Und man muß zu jeglicher Zeit Strafen mit Unparteilichkeit.
18.
Jedoch, wenn er die Kinder visitiret Und ihnen das Obst aus der Tasche entführet: So zeigt er, pro quinto, artig und wohl, Daß ein Kind in der Schule nicht naschen soll.
19.
Weil auch die Kinder im zarten Magen Nicht zu viel Aepfel und Nüsse können vertragen, So ist ja des Schulmeisters Absicht hier gut, Wenn er selbst alles verzehren thut.
20.
Was ihr da noch, pro sexto, klaget, Und von des Schulzen Einliegers Frau saget, Item von der Schenke und Kartenspiel, So wäre zwar dies von Herrn Jobs zu viel.
21.
Indessen ist es Unser gnädiger Wille, Daß man von solchen Dingen schweige stille, Denn wer davon etwas saget noch, Der soll zur Strafe zwei Tage ins Loch.
22.
Uebrigens sollen sämmtliche Beschwerden Künftig genauer untersuchet werden, Wenn von der vorhabenden Reise Wir Glücklich sind retourniret allhier.
23.
Bis dahin befehlen Wir, bei Hals und Kragen! Euch ruhig und stille zu betragen. Gegeben auf Unserm Rittersitz. Resolution für die Bauern in Ohnewitz.
Dreißigstes Kapitel. Wie zu Ohnewitz an einem Mittwochen ein Aufruhr entstand und allerlei Wunderzeichen vorhergingen, und wie Herr Hieronimus mit Prügeln u. s. w. fortgetrieben wurde.
1.
Und diese Resolution machte durchgehends Im ganzen Dorfe viel Aufsehens, Und es entstand überall herum Unter den Bauern ein mächtig Gebrumm.
2.
Denn sie sahen itzo offenbare, Daß der Patron Jobsens Gönner ware, Und daß nichts auszurichten mit Glimpf Und sie schwuren also zu rächen den Schimpf.
3.
Dieser wichtigen Ursache wegen kamen Sie oftmals in der Schenke zusammen, Und überlegten bei Tabak und Bier, Wie die Sache anzugreifen allhier.
4.
Sie haben auch sämmtlich alsobalden Ihre Kindlein alle zu Hause gehalten, Und kein’s von ihnen, weder groß noch klein, Ferner geschickt in die Schule hinein.
5.
Aber die Vernünftigsten von den Bauern Riethen, auf gute Gelegenheit zu lauern, Da alsdann alle mannichfalt Gebrauchen könnten Ernst und Gewalt.
6.
Dieser gar kluge Vorschlag hat ihnen Sämmtlich gut und thunlich geschienen, Und man bestimmte dazu nunmehr Die Zeit, wenn der Patron verreiset wär’.
7.
Zwar wurden alle diese Anstalten Noch zur Zeit höchst geheim gehalten, Bis endlich der erschreckliche Tag kam, Da die Unruhe den Anfang nahm.
8.
Ehe aber dieses alles geschehen, Sind zu Ohnewitz große Zeichen gesehen, Wie denn vor wicht’gen Begebenheiten sich Vorbedeutungen zeigen gemeiniglich.
9.
So hat zum Exempel eine kleine Weile Vorhero eine sehr große Eule Auf dem Kirchthurm, um Mitternacht, Ein erschrecklich Geschrei gemacht.

10.
Auch hat einer von den Ohnewitzer Leuten, Als er aus der Schenke kam, die Glocke hören läuten, Auch fiel der sehr alte Schornstein Auf der Schule mit Geprassel ein.
11.
Auch hat des Küsters Kuhe geboren Ein Kalb mit ungewöhnlich langen Ohren, Auch viel Hunde führten zum Theil In dem Dorfe ein gräßlich Geheul.
12.
Auch sah man hier und da Irrlichter, Und sonst bei Nacht wunderbare Gesichter, Auch trug sich’s zu, im hellen Mittag, Daß des Müllers Esel ein Bein brach.
13.
Dieses alles schiene anzuzeigen, Daß sich bald etwas werde ereigen; Doch merkte man da erst die Gefahr, Als schon alles erfüllet war.
14.
Nun war es gerade ein Mittwochen, Da der Aufruhr endlich ausgebrochen Und jeder Bauer, um Glocke acht, Hat sich Morgens aus dem Hause gemacht.
15.
Es war recht gräulich anzusehen, Wie sich ein jeder mit Waffen versehen, Prügel und Flegel in großer Zahl Hatten die Zusammenverschwornen all’.
16.
Alles ward nun in dem Dorfe rege, Und man weissagte Tod und Schläge, Und jeder Hund und jeder Hahn Fing zu bellen und zu krähen an.
17.
Auf der Haide, die beim Dorfe ware, Versammelte sich die ganze Schaare, Und nun gingen sie in Procession Nach des Schulmeisters Wohnung schon.
18.
Ihnen folgten zu beiden Seiten Viele Kinder, welche sich sehr freuten, Daß sie nunmehro würden heut Vom bösen Schulmeister befreit.
19.
Noch lag Herr Jobs ruhig in seinem Bette, Als wenn alles sicher gestanden hätte, Bis da plötzlich der ganze Schwarm Hereinbrach mit großem Allarm.
20.
Aber sobald er vom Schlaf erwecket, Hat er sich darob heftig erschrecket, Weil er nun erst den Hochverrath Wider ihn gespürt und gemerket hat.
21.
Ohne ihm viele Zeit zu lassen, That man ihn gleich derbe anfassen, Und zur genauen Noth erlaubte man, Daß er sich vorhero kleidete an.
22.
Man that ihm nun sehr ernstlich bedeuten, Nie Ohnewitz wieder zu beschreiten, Sagte ihm auch manches Scheltwort, Und jug mit Prügeln unsern Held fort.
23.
Also war dieser Handel geschlichtet, Und die Expedition glücklich verrichtet, Und mit einem lauten hu! hu! Eilte man nun der Schenke zu.
24.
Jeder behauptete itzt steif und feste, Er habe bei der Sache gethan das Beste, Und jeder wollt’ nun beim Branntewein Der größeste Held gewesen sein.
25.
Jedoch einige, anstatt sich zu freuen, Wollte nun der Handel schier gereuen, Und es ahneten sie gleichsam von fern Brüchte und Loch bei der Rückkunft des Herrn.
Einunddreißigstes Kapitel. Wie Hieronimus auf seiner Flucht nach dem Bayerlande ein neues Abenteuer hatte, indem er seine geliebte Amalia in der Komödie antraf. Sehr freundlich zu lesen.
1.
Wie der Fuchs, wenn er den jagenden Hunden Endlich aus dem Gesicht ist verschwunden, Froh ist, daß nur ein Maul voll Haar, Und weiter nichts, diesmal verloren war.
2.
So wußte sich auch in seinem größten Ungelücke Hieronimus damit zu trösten, Und war froh, daß er eben mit hei- ler Haut den Bauern entgangen sei.
3.
Zwar hat, seitdem er sich von Ohnewitz entfernet, Er mit seinem eigenen Schaden gelernet, Wie gar sauer, elend und schwer Es im Schulamte gehet her.
4.
Er nahm sich auch vor, nie in seinem Leben Wieder Bücher im Druck herauszugeben, Denn blos und allein von Autorsucht Rührte sein Unglück und jetzige Flucht.
5.
Indeß, da der Patron nach dem Bayerlande Sich jetzt mit der Gemahlin auf Reisen befande, So wollte auch Hieronimus dort bei ihm Schutz suchen vor der Bauern Grimm.
6.
Er hat sich also nicht lange besonnen, Sondern auch seine Reise dahin begonnen, Jedoch hielte bald seinen Lauf Ein neues Abenteuer auf.
7.
Denn er hat, wider alles Verhoffen, Auf der Reise ein Hinderniß angetroffen, Als er just in einer großen Stadt Einige Tage ausgeruhet hat.
8.
Hier, um seine melancholischen Grillen Einigermaßen zu dämpfen und zu stillen, Fiel es ihm einmal des Abends ein, Zu gehen in die Komödie ein.
9.
Er ward bald unter den Schauspielerinnen Einer wohlgeputzten Schönen innen, Welche an Gesicht, Stimme, Wuchs und Haar, Seine ehmals geliebte Amalia war.
10.
Himmel! wie ward er da entzücket, Als er selbige so unvermuthet erblicket! Fast wäre das ganze Parterre davon Gerathen in schreckliche Confusion.
11.
Sie hatte kaum ihre Rolle geendet, Als er sich sofort zu ihr gewendet, Und nun gab’s manchen Freudenkuß Zwischen ihr und dem Hieronimus.
12.
Beide waren begierig zu vernehmen, Durch welchen Zufall sie hier zusammen kämen, Hieronimus eilte drum bald mit ihr Höchst vergnügt ins sichre Quartier.
13.
Da hat erst Amalia alles vernommen, Was ihm Wunderbares vorgekommen, Seitdem ihn damals, in der Nacht, Der alte Herr hatte fortgejagt.
14.
Und wie’s ihm mit der frommen Dame gegangen, Und was sie gedachte mit ihm anzufangen, Und wie man ihm nachhero einmal Des Nachts sein Geld im Wirthshause stahl.
15.
Und wie er im Wald einen Räuber getödtet Und einem Gnädigen das Leben gerettet, Und er darauf zu Ohnewitz gar Ein Schulmeister geworden war.
16.
Und das Unglück, welches ihn betroffen, Und wie er jetzt, wider alles Verhoffen, Sie in der Komödie gefunden allhier, Dies alles erzählte er weitläuftig ihr.
17.
Nunmehr war auch des Hieronimi Begehren, Von ihr alle Begebenheiten zu hören, Und die Schöne erzählte darauf Ihm folgendermaßen ihren Lebenslauf.
Zweiunddreißigstes Kapitel. Wie die Jungfrau Amalia dem Hieronimus ihren Lebenslauf erzählen that. Ein sehr langes Kapitel, weil eine Frauensperson spricht. Accurat hundert Verse.
1.
Amalia Ripsraps ist eigentlich mein Name. Derjenige Ort, wo ich zur Welt kame Und das Tageslicht zuerst gesehn, Ist die berühmte Stadt N. N.
2.
Mein Vater war dort ein Advocate, Welcher viele Processe zu führen hatte, Sintemal er die Jura aus dem Grund Und das Chicaniren verstund.

3.
Auch die allerverworrensten Rechtssachen Wußte er noch weit verworrener zu machen, Und durch manche List und Rank Zoge er kurze Processe lang.
4.
Seine Geschicklichkeit that erretten Manchen guten Schelm von Galgen und Ketten; Und ein grade zu gehöriger Zeit Von ihm angerathener falscher Eid
5.
Machte manchen muthwilligen Betrüger Ueber seinen ehrlichen Gegner zum Sieger, Und half theils manchen aus harter Noth, Theils manchen armen Teufel vom Brod.
6.
Er haßte herzlich Frieden und Verträge, Und riethe viel lieber in alle Wege, Auch bei der geringsten Kleinigkeit, Zum Processe und Rechtsstreit.
7.
Seine Clienten ließ er immer tanzen Durch alle mögliche rechtliche Instanzen, Bis dann endlich selbige zuletzt Ihren letzten Heller zugesetzt.
8.
Uebrigens diente er mit möglichsten Treuen Seinen sich ihm anvertrauenden Parteien, Jedoch nahm er auch dann und wann Von der Gegenpartei Geschenke an.
9.
So erwarb er sich ein ziemliches Vermögen; Was andern ein Fluch war, war ihm ein Segen, Und wenn andre gezankt und gekriegt, Zog er den Vortheil und war vergnügt.
10.
Meine selige Mutter war die Tochter Von einem ehemaligen reichen Pachter, Der, weil er sehr gerne geprocessirt, Sich und sein Vermögen geruinirt.
11.
Mein Vater hatte ihm als Advocate Gedient mit seinem getreuen Rathe, Und er truge dafür zum Lohn Die artige Tochter des Pachters davon.
12.
Sie hatte schon viele ausgeschlagen, Welche sich, sie zu freien, angetragen, Als sich noch ihr Vater im Wohlstand Und bei gutem Vermögen befand.
13.
Jedoch als sich die Actien verschlimmert, Hat sich keiner mehr um sie bekümmert; Denn auch das schönste Mädchengesicht Reizt ohne Geld zum Ehestand nicht.
14.
Indessen hat es ihr doch geglücket, Daß sie endlich meinen Vater bestricket, Denn höchst gründlich verstand sie Alle Künste der Galanterie.
15.
Mein Vater hatte sie sehr oft gesehen, Und da ist es dann, wie gesagt, geschehen, Daß er dieselbige unbeschwert Von dem Pachter zur Frau begehrt.
16.
Sie schmeckten zusammen in ihrer Ehe Vieles Vergnügen und weniges Wehe, Wenigstens im ersten Vierteljahr Da ihnen die Ehe noch neu war.
17.
Sie wußten von den processirenden Partieen Für die Küche manchen Vortheil zu ziehen, Denn die Frau Advocatin bekam, Was etwa der Herr Advocate nicht nahm.
18.
Auch zog sie noch manche heimliche Gewinnste Durch ihr schönes Gesicht und galante Künste, Wenn etwa eine verliebte reiche Partie Sich besonderlich bewarbe um sie.
19.
Wenn der Herr Gemahl Acten geschrieben, So ist sie selten auch müßig geblieben, Und sie nahm in der Schlafstube dann Gemeiniglich geheime Audienz an.
20.
Ob ich’s nun gleich eben nicht will wagen, Drauf zu schwören und als gewiß zu sagen, Daß just gedachter Herr Advocat Mein Vater gewesen in der That;
21.
So habe ich doch niemals es gehöret, Daß sich derselbe hätte beschweret, Als mich, nach ohngefähr einem Jahr, Meine Mutter zur Welt gebar.
22.
Von meinen ersten Kinderjahren Habe ich zwar nichts Sonderliches erfahren, Doch liebten mein Vater und Mutter mich Als ihr einziges Töchterlein zärtelich.
23.
Man sparte auch gar keine Bemühung An meiner Bildung, Pflege und Erziehung, Und schickte mich frühe, da ich noch klein, Fleißig zu lernen, in die Schule hinein.
24.
Jedoch schonte man an mir in alle Wege Vorwürfe, herbe Verweise und Schläge, Und richtete in jeder Kleinigkeit sich Nach meinem Willen sorgfältiglich.
25.
Als ich kaum zehn Jahr alt gewesen, Fing ich schon an Romane zu lesen, Und ward von der Liebe schon mehr gewahr, Als andre Mädchen im achtzehnten Jahr.
26.
Mit muntern Jünglingen und artigen Knaben Mochte ich herzlich gerne zu schaffen haben, Und fing gar manchen prakt’schen Roman In meinem dreizehnten Jahre schon an.
27.
Vielleicht war es ein Fehler der Erzeugung, Daß ich auch sehr frühe eine Neigung, Die auch nachher niemals verschwand, Eine Neigung zum Stehlen empfand.
28.
Meine Eltern, geschlagen mit Blindheit, Hielten dieses für Triebe der Kindheit, Und haben, wenn ich was Böses gemacht, Nur über ihr schlaues Töchterchen g’lacht.
29.
Mein funfzehntes Jahr war kaum verschwunden, Als sich schon Freier bei mir eingefunden, Denn bei meinem nicht häßlichen Gesicht Fehlte es mir an Anbetern nicht.
30.
Ob nun gleichwol mancher von ihnen Meinem Vater nicht verwerflich geschienen, So fande indessen meine Mutter jedoch Vieles an ihnen zu tadelen noch.
31.
Nur einen Mann von sehr hohem Stande, Allenfalls aus den Vornehmsten im Lande, Bestimmte sie einzig und allein Für mich, ihr artiges Töchterlein.
32.
Es kam aber kein Mann von hohem Stande, Der mich zur Frau zu machen rathsam befande, Mir wurde indessen dabei recht bang, Denn die Verzög’rung fiel mir zu lang.
33.
Ich suchte also und dergestalten Mich anderweitig schadenfrei zu halten, Und ließ zum geheimen Rendezvous Manchen jungen artigen Herrn zu.
34.
Aus Furcht, etwas Schlimmes zu erleben Und daß es künftig möchte geben In meiner Heirath ein Hinderniß, Wenn sie mir zu viel Freiheit ließ,
35.
Fing die Mutter an ernstlich drauf zu denken, Meine Liebesstreiche einzuschränken, Und gab sowol bei Tag als bei Nacht, Auf meine Schritte und Tritte Acht.
36.
Ward nun gleich dadurch meine Neigung gehindert, So ward sie doch mehr vermehrt als vermindert, Denn eine stark verbotene Frucht Wird nur desto emsiger gesucht,
37.
Und je größer Hinderniß, je mehr Verlangen. So ist es auch mit meiner Neigung gegangen, Denn ich suchte zu jeder Zeit Sie zu befriedigen Gelegenheit.
38.
Des Nachts ließ ich oft durch mein Fenster Manche mit Fleisch und Bein versehene Gespenster, Die dann meistens die halbe Nacht Bis am Morgen bei mir zugebracht.
39.
Auch konnte ich oft mir die Zeit vertreiben Mit manchem erhaltenen Liebesschreiben Von so herzbrechendem Inhalt, als man In jedem Romane lesen kann.
40.
Ich ging grade im zwanzigsten Jahre, Als ich einstmals auf einem Balle ware; Da ward ich mit einem Herren bekannt, Herr Baron von Hogier genannt — —
41.
Hier fiel ihr Hieronimus ins Wort plötzlich: „Herr von Hogier? — — das ist entsetzlich! Sein Name sowol als sein eigentlicher Stand Ist mir, meine Seele! nicht unbekannt;
42.
Herr von Hogier war ein Bärenhäuter!“ Ja, das war er, sprach Amalia weiter, Und Sie sollen, lieber Hieronimus! sehn, Was zwischen mir und ihm ist geschehn.
43.
Herr von Hogier hat mir dazumalen Von Person und Wesen höchlich gefallen, Denn sein reiches Kleid und große Perück’ Nahm mich schon ein im Augenblick.
44.
Er that mir höchst verliebte Anträge Und mir gefielen seine Vorschläge, Um desto mehr, da er hoch und theuer schwur: Ich sei seine einzige Göttin nur.
45.
Auch sprach er viel von seinen Gütern und Vermögen, Welche im Lande Sachsen wären gelegen, Ob er gleich bishero nur so Reisete durch die Welt incognito.
46.
Er that mir auch deutlich proponiren, Er wolle mich gerne von Hause entführen, Ich möchte nur mit vielen Juwelen und Geld mich versehn auf die bestimmte Stund.
47.
Als mich nun Nachts nichts verhindert, Hab ich zu Hause Kisten und Kasten geplündert; Steckte, was ich da bekam, zu mir Und entfloh mit dem Herrn von Hogier.
48.
Wir eilten, bis wir uns endlich befanden Fast an den äußersten Grenzen der schwäbischen Landen, Und haben in den ersten vier Tagen fast Keine zwölf Stunden ausgerast’t.
49.
Was wol die Eltern gedacht, als sie gefunden Ihre Kasten leer und die Tochter verschwunden, Und wie sie geweinet, geflucht und geschmählt, Das bleibt an seinen Ort gestellt.
50.
Als wir endlich in X. angekommen, So haben wir uns einmal vorgenommen, Einige Tage da auszuruhn Und uns etwas zu Gute zu thun.
51.
Wir blieben da also ruhig liegen, Lebten in Wonne und Vergnügen, Und der Herr Baron von Hogier Stellte sich zärtlich gegen mir.
52.
Ich hielte mich nun in meinem Sinne Glücklicher als eine Prinzessinne, Und gedachte an nichts als Freud, Lust, Liebe und Ergötzlichkeit.
53.
Doch war nunmehro mein Unglück nahe; Denn ehe ich es mir versahe, Hat sich einst heimlich in der Nacht Herr von Hogier per Post davon gemacht.
54.
Auch mein Geld, lieber Hieronimus! denk’ Er! Nebst meinen Juwelen waren zum Henker, Auch alle Kostbarkeiten zumal, Welche ich vorher meinen Eltern stahl.
55.
Nun sah ich alsobald offenbare, Daß Herr von Hogier ein Spitzbube ware, Und daß es nicht allzurichtig stand Mit seinen Gütern im Sachsenland.
56.
Es ist also leichtlich zu gedenken, Wie sehr mich diese Sache mußte kränken, Denn ich hätte vom Herrn von Hogier Nie eingebildet den Streich mir.
57.
Einsam nunmehr und von allen verlassen, Konnte ich vor Betrübniß mich kaum fassen, Und wußte nicht, wohin und woher Für mich eine sichere Zuflucht wär’.
58.
Wieder nach meinen Eltern zu gehen, Das durfte unmögelich geschehen; Denn es wäre da sicherlich Gar nicht gut gegangen für mich.
59.
Indessen waren zu allem Gelücke, Noch vierundzwanzig Ducaten zurücke, Welche ich mit aller Vorsichtigkeit Genäht hatte in mein Unterkleid.
60.
Diese übrige vierundzwanzig Ducaten Kamen mir diesmal recht gut zu statten, Denn sie waren nun, um und um, Mein ganzes Vermögen und Reichthum.
61.
Ich wollte nun nicht länger verweilen Dem Herrn von Hogier nachzueilen, Sondern jug gleich am selbigen Tag Ihm ebenfalls mit der Post nach.
62.
Denn ich hatte im Posthause vernommen, Daß er da Extrapost bekommen, Und daß er also im Schwabenland Sich noch vermuthlich reisend befand.
63.
Hätte ich ihn unterweges attrapiret, So wäre er sogleich arretiret, Und so hätte ich gewiß alsdenn Meine Sachen wieder bekommen.
64.
Mein Lieber! es war grade diese Reise, Als ich auf die bewußte Weise Sie auf dem Postwagen traf an, Wo unsre Bekanntschaft zuerst begann.
65.
Uebrigens ist es mir niemals geglücket, Daß ich Herrn von Hogier hätte erblicket, Und ich habe auch niemals nachher Gehöret, wo er geblieben wär’ — —
66.
Hier ist Hieronimus abermalen Der Amalia in die Rede gefallen: „Potz tausend! ich weiß es, wo der Dieb, Der Herr von Hogier, der Schurke, einst blieb!
67.
Kurz vor unsrer Bekanntschaft, liebe Amalie! Hatte mich Herr von Hogier, die Canaille, Im Wirthshause um vieles Geld Mit seinem falschen Spiele geprellt;
68.
Dies war die Ursache meines Kummers Und meines melancholischen Schlummers, Den ich endlich bei Ihnen vergaß, Als ich damals auf dem Postwagen saß.
69.
Auch war Herr von Hogier einer der beiden Angetroffenen verkleideten Kaufleuten, Welche im Wirthshause hernachmal’n, Mir den Beutel mit dem Gelde stahl’n.
70.
Auch der Räuber, den ich getödtet, Als ich jenen Herrn mit der Dame gerettet, War wahrlich, von Person und Gesicht, Kein andrer als dieser Bösewicht.
71.
Sie können sich also zufrieden geben, Der Spitzbube ist nicht mehr am Leben, Und ich habe uns also mit Recht Für alle Betrügereien gerächt.“
72.
Amalie versetzte: diese Geschichten, Welche Sie, mein Lieber! mir da berichten, Sind wahrhaftig recht sehr curios, Und meine Verwunderung drob ist groß!
73.
Das Sprüchwort: was auch gar klein gesponnen, Kommt doch endelich an die Sonnen, Trifft auch gewiß hier haarklein Bei dem Schurken von Hogier ein.
74.
Doch, um im Erzählen fortzufahren, Als wir damalen getrennet waren, Setzte ich wegen der Sackuhr Meinen Weg fort, doch zu Fuß nur.
75.
Gleich drauf mußte es sich zutragen, Daß ein alter Herr mit seinem Wagen Grade auch diese Straße kam, Welcher mich, da gehend, wahrnahm.
76.
Er nöthigte mich durch sein freundlich Bezeigen, In seinen Wagen bei ihm einzusteigen; Und weil ihm meine Person gefiel, Gab er mir der guten Worte viel:
77.
Immer bei ihm als Kammerjungfer zu bleiben Und ihm die Zeit angenehm zu vertreiben; Denn er wäre mit Leib und Seel’ Unbeweibt und noch Junggesell.
78.
Nun ware es eines Theils gefährlich, Andern Theils, wie ich itzt dachte, auch thörlich Gehandelt und gethan von mir, Ferner zu suchen den Herrn von Hogier.
79.
Was mir der alte Herr angetragen, Wollte ich also nicht ausschlagen, Obgleich sein Alter und graues Haar Mir so recht nicht anständig war.
80.
Ich bin also bei ihm geblieben, Habe ihm die Zeit gut vertrieben, Und ich betrug mich gegen ihn, Als wäre ich seine Gemahlin.
81.
Er hat mich deswegen hochgehalten, Ließ mich im Hause schalten und walten, Und über Gesinde, Mägde und Knecht’, Hatte ich zu befehlen ein Recht.
82.
Ich durchsah Stuben, Küche und Keller, Scheunen, Kammern, Boden und Söller, Besorgte die Wäsche, Tische und Bett Und was noch sonst vorfallen thät.
83.
Von allen Kasten hatte ich die Schlüssel! Jedes Geschirre bis zur kleinsten Schüssel, Sogar Silbergeräthe und Leinewand, Stunde alles unter meiner Hand.
84.
Auch von manchem Abend bis zum Morgen Trug ich für den alten Herrn alle Sorgen Und beruhigte ihn, wenn er allerhand Gewisse geheime Bedürfnisse empfand.
85.
Denn der gute alte Herre thate Nicht das mindeste ohne meinen Rathe, Und nichts geschahe überall Ohne meinen gegebenen Beifall.
86.
Ich bekam, wie leicht zu gedenken, Von ihm viel ansehnliche Geschenken, Stahl auch überdies von Zeit zu Zeit Noch heimlich manche Kleinigkeit.
87.
Ob’s nun gleich äußerlich an nichts fehlte, So war doch noch etwas, welches mich quälte, Und mir fiele deswegen im Anfang Bei dem alten Herren die Zeit lang.
88.
Zwar in der Folge war der Hausschreiber Zuweilen wol mein Zeitvertreiber, Doch weil er sich meist kränklich befand, So war sein Umgang nicht interessant.
89.
Es gereichte mir also zum wahren Vergnügen, Nach seinem Tode einen neuen Hausschreiber zu kriegen, Und Sie, mein Lieber! waren just der Damals neu angesetzte Secretär.
90.
Sie gefielen mir gleich, da ich Sie gesehen, Ich muß es Ihnen offenherzig gestehen, Und dieses war dann die Ursach, Warum ich für Sie so kräftig sprach.
91.
Uebrigens ist Ihnen von den Dingen allen, Welche damals unter uns vorgefallen, Bis er Sie Nachts einst bei mir fand, Lieber Hieronimus! nichts unbekannt.
92.
Als er Sie damals dimittiret, Hat mich Ihr Abschied sehr gerühret, Er fuhr aber noch destomehr Ueber mich mit Verweisen her.
93.
Fast hätte ich ebenfalls müssen reisen, So zornig that er sich beweisen, Und gewiß mit sehr vieler Müh’ Befriedigte ich ihn mit Caressen noch hie.
94.
Indessen war doch seit diesen Stunden Seine Neigung zu mir sehr verschwunden, Weil eine junge neue Küchenmagd Ihm besser als meine Person behagt.
95.
Um nun meinen Kummer und Melancholeien Wegen Ihrer Abwesenheit zu zerstreuen, Lebte ich nachhero etwas frei Mit des alten Herren Lakei.
96.
Als er aber unsre Vertraulichkeit gesehen, Da half mir kein weiter Bitten noch Flehen, Sondern ich mußte allsofort Mit Sack und Pack wandern von dort.
97.
Da ich nun mit Geld ziemlich versehen, Entschloß ich mich so lange durch die Welt zu gehen, Bis eine neue Gelegenheit sich Zeigte zum künft’gen Unterhalt für mich.
98.
Auf meiner Reise durch diese Lande Stieß ich auf eine Schauspielerbande, Und auf meine Bitte nahm man Mich als eine neue Actrice an.
99.
Schon hab’ ich mich bei ihnen solchergestalten Einige Monate lang aufgehalten, Und gespielet sehr gut und wohl Jede mir aufgegebene Roll’.
100.
Uebrigens ist’s mir eine große Freude, Daß uns das Schicksal nunmehr beide Wieder hat so gesund und vergnügt Zum dritten Male beisammengefügt.
Dreiunddreißigstes Kapitel. Wie Hieronimus Lust bekam, ein Schauspieler zu werden, und wie er dazu von der Jungfrau Amalia überredet ward.
1.
Hieronimus hat die in vorigen hundert Versen erzählte Geschichte sehr bewundert, Und vergaß, in seinem jetzigen Zustand, Den Herrn Patron und das Bayerland.
2.
Er that vielmehr von nun an den Schluß fassen, Amalien niemals wieder zu verlassen, Und nahm sich desfalls vor zur Hand, Auch zu werden ein Komödiant.
3.
Als dieses Amalia gemerket, Hat sie ihn in seinem Vorsatze gestärket, Und rühmte drauf diesen Stand hoch In dem folgenden Apolog:
4.
„Ich weiß es aus sehr vielen Proben, Daß der Schauspielerstand höchlich zu loben Vor einem jeglichen andern Stand, Der da ist in der Welt bekannt.
5.
Denn man sieht darin deutlich und eben, Wie es in dem ganzen menschlichen Leben Bald sehr böse und bald sehr schön, Unter einander pflegt herzugehn.
6.
Bald gibt’s gar lustige Komödien, Bald aber jammervolle Tragödien, Bald lachet man, tanzet und singt, Bald greint man, seufzet und hinkt.
7.
Bald sieht man recht komische Possen, Bald werden Thränen und Blut vergossen, Bald ist man dürftig, bald ist man reich, Bald jung und roth, bald todt und bleich.
8.
Bald ist man Bauer, bald ist man Kaiser, Bald ist man ein Narre, bald ein Weiser, Bald ist man vornehm, bald ist man arm, Bald ist man kalt und bald wieder warm.
9.
Bald General, bald ein Gemeiner, Bald Kapuziner, bald ein Zigeuner, Bald ein Bettler, bald ein Baron, Bald ein Büttel, bald ein Herr von.
10.
Bald Renommist, bald ein Stutzer, Bald Kammerherr, bald Schuhputzer, Bald Passagier, bald ein Wirth, Bald ein Abbé, bald ein Kühhirt.
11.
Bald ein Pfarrer, bald ein Küster, Bald ein Dummkopf, bald Polyhister, Bald Monarch, bald Unterthan, Bald Scharfrichter, bald Amtmann.
12.
Bei dergleichen Abwechselungen Hat man immer neue Vergnügungen, Und es wird der Lauf der Welt Gar artig dadurch fürgestellt.
13.
Wenn wir die aufgetragenen Rollen Nur klug und vernünftig spielen wollen, So lohnt ein Klatschen der Händ’ Unsre Actionen am End’.
14.
Hingegen wenn wir irgendwo gefehlet, Dann wird die Haut uns voll geschmälet, Und alle Zuschauer im Schauspielhaus Lachen, zischen und pfeifen uns aus.“ —
15.
Der Stand, liebe Amalia! den Sie da zeichnen, Ist angenehm, ich kann es nicht läugnen, Antwortete darauf mit einem Kuß Der neue Schauspieler Hieronimus.
16.
Er ward nun dem Director präsentiret, Und ihm von Amalia recommandiret, Der nahm denn des folgenden Tages drauf Ihn unter die spielende Gesellschaft auf.
Vierunddreißigstes Kapitel. Wie Hieronimus ein wirklicher Schauspieler ward, und wie ihm Jungfrau Amalia untreu ward und mit einem reichen Herrn davon ging, und wie er auch in Desperation von hinnen ging.
1.
Geneigter Leser! jetzt will ich dir sagen, Wie sich Hieronimus im Spielen betragen, Nachdem ihn der Director examinirt Und seine Fähigkeiten probirt.
2.
Tartüffische Schurken, verdorbene Priester, Trunkene Studenten, lächerliche Küster, Bange Poltrons, verliebte Schreiber Und dergleichen ähnliche Rollen mehr
3.
Spielte er alle sehr manierlich, Denn ihre Rollen waren ihm natürlich, Und er bekam darin jedes Mal Der Zuhörer lauten Beifall.
4.
Auch wenn er den Schulmeister hatte, Oder als Autor auf die Bühne trate, So sah man ihm auch dann und wann, Den Schulmeister und Autor leibhaftig an.
5.
Hingegen war im ernsthaften Philosophen Für ihn nicht der mindeste Beifall zu hoffen, Auch im zärtlichen Schäferspiel Leistete Hieronimus gar nicht viel.
6.
Imgleichen spielte er sehr ungeschicklich Den vornehmen Herrn und war unglücklich So oft er etwas Vernünft’ges bekam, Oder eine sehr lange Rolle nahm.
7.
Hieronimi jetzige Tage verflossen Indessen in Vergnügen und unverdrossen Im Arm seiner schönen Schauspielerin, Im Arm seiner lieben Amalie hin.
8.
Er hätte, von der Liebe gleichsam berauschet, Mit keinem Könige nunmehro getauschet, Und alle sein Trübsal und Elend Schien nun gekommen zu sein zum End’.
9.
Aber leider ist, wie das Sprüchwort heißet, Nicht alles Gold und Silber, was gleißet, Und das unbeständige Glück Zeiget oft unvermuthete Tück’.
10.
So erfuhr auch Hieronimus in folgenden Zeiten Bald des Glückes Veränderlichkeiten, Denn, da er’s am wenigsten geglaubt, Ward ihm sein größtes Vergnügen geraubt.
11.
Und es hat sich mit ihm begeben Der schmerzlichste Vorfall in seinem Leben, Denn es wurde ihm untreu Seine geliebteste Amalei.
12.
Nämlich: es traf sich von ohngefähre, Daß ein junger, vornehmer, reicher Herre Einstmals in der Komödia Die schöne Amalia spielen sah.
13.
Gleichwie es nun überall Narren gibet, So hat auch er sich in sie verliebet, Und Amalia ware so klug, Daß sie seinen Antrag nicht ausschlug.
14.
In ihrer Geschichte können wir es lesen, Daß sie ohnehin sehr geneigt gewesen (Sie war ja eine Frauensperson) Zur oftmaligen Variation.
15.
Der reiche Herr that sie oft besuchen, Hieronimus fing drob an zu fluchen, Und hat theils geweint, theils gedroht, Und wünschte sich in der Verzweiflung den Tod.
16.
Dadurch ward er aber nur täglich Bei Amalien mehr verhaßt und unerträglich, Und sie sagte ihm bald darauf Ihre Liebe formaliter auf.
17.
Da er nun ihren Entschluß vernahm, so hat er Abschied bald genommen vom Theater, Und er ging in äußerster Desperation Wenige Tage nachhero davon.
18.
Was indessen Amalia thut anlangen, So ist selbige mit dem Herren davon gegangen, Und soll bei demselbigen zwei Jahre hernach Gestorben sein, als sie im Wochenbette lag.
Fünfunddreißigstes Kapitel. Wie Hieronimus nach seiner Heimat gen Schildburg gereiset ist und wie er da allerlei Veränderungen fand.
1.
Es befande sich nun auf diese Weise Hieronimus abermals auf der Reise, Doch war er gereist kein einziges Mal So mißvergnügt als im gegenwärtigen Fall.
2.
Amaliens nie vermuthete Untreue Ware seinen Gedanken stündlich neue, Und er hätte aus Verzweifelung Fast gewagt einen gefährlichen Sprung.
3.
Zwar wäre in seinem betrübten Zustande Für ihn beim Herrn Patron im Bayerlande Die beste Zuflucht gewesen wol, Wenn ich mein Gutachten sagen soll.
4.
Aber einer, der mit Betrübniß besessen, Pflegt oftermal sich zu vergessen, Und ist gemeinlich zu solcher Zeit Mehrmals ein Thor und nicht gescheidt.
5.
Also statt sich andershin zu wenden In seinen gegenwärtigen Umständen, Stellte Hieronimus seinen Sinn Nach seinem Geburtsorte Schildburg hin.
6.
Weil ihm nun eben keine Hindernissen Auf der Heimreise sonderlich aufstießen, So ist er, dem Himmel sei gedankt! Wohlbehalten endlich da angelangt.
7.
Hier hat er bei seiner Ankunft gesehen, Daß große Veränderungen waren geschehen In manchen Sachen, während der Zeit Seiner so langen Abwesenheit.
8.
Seine Mutter war zwar noch am Leben, Aber ihre äußerlichen Umstände standen eben Nicht allzu wohl, sondern jämmerlich Und sie ernährte sich kümmerlich.
9.
Einer seiner Brüder war gegangen Den Weg alles Fleisches, einer hat angefangen Einen kleinen Nürnberger Kram, Wovon er seinen Unterhalt nahm.
10.
Der älteste Bruder lebte im Ehestande Mit dem häßlichsten Weibe im ganzen Lande, Doch machte das Geld, welches sie besaß, Daß er ihre Häßlichkeit vergaß.
11.
Seine älteste Schwester hatte Den Küster Loci zum Ehegatte, Und dieselbige lebte ziem- lich vergnügt und wohl mit ihm.
12.
Die Schwester Gertrud hatte ein Kind vom Procrater Geier, welcher, als er worden war Vater, Sich davon hatte gemacht geschwind Und die Braut verlassen sammt dem Kind.
13.
Sie suchte sich so gut als möglich zu ernähren, Hatte vielen Umgang und Verkehren Mit jungen Leuten von reichem Stand, Bei welchen sie ihren Unterhalt fand.
14.
Eine andere Schwester war bei einem alten Wittwer, ihn zu wärmen und hauszuhalten; Und auch diese lebte mit ihm insoweit In Friede und guter Einigkeit.
15.
Und seine allerjüngste Schwester, Ein blühendes Mädchen, genannt Esther, War noch bisher der Mutter Trost Und bekame von ihr die Kost.
16.
Ob nun gleich des Hieronimi Ankunft zware Mutter und Geschwistern angenehm ware, Weil es sehr lange hatte gewährt, Eh sie von ihm gesehn oder gehört:
17.
So wollte es sich doch für ihn nicht fügen, Als ein Faulenzer müßig da zu liegen, Man ware also darauf bedacht, Daß er irgend würde untergebracht.
Sechsunddreißigstes Kapitel. Wie Hieronimus Nachtwächter ward in Schildburg, und wie seiner Mutter Traum und Frau Urgalindinens Weissagung erfüllet ward.
1.
Nun ware gerade in diesen Tagen Der Nachtwächter in Schildburg zu Grabe getragen, Und seine Bedienung war bisher Noch unbesetzet, vacant und leer.

2.
Da nun in allen gutgeordneten Staaten Man den Nachtwächter nicht kann entrathen, So ward von den Bürgern deliberirt, Damit ein andrer würde ordinirt.
3.
Nun fanden sich zwar fähige Subjecte, Denen der entledigte Dienst wol schmeckte, Doch wegen der Stimme starkem Ton Nahm man auf Hieronimus Reflexion.
4.
Zwar machten Anfangs einige Personen Dagegen Einwürfe und Objectionen, Als wenn Hieronimus eben nicht sehr Zu dieser Bedienung geschicklich wär’.
5.
Denn weil man ihm die Nachrede machte, Daß er lieber schliefe als wachte; So wäre infolglich auf diese Art Das Städtlein nicht gehörig bewahrt.
6.
Indessen ward er doch bald einhellig Von der ganzen Bürgerei, förmlich und völlig, So daß am Berufe nichts gefehlt, Zum neuen Nachtwächter erwählt.
7.
Jedoch mußte er sich vorhero bequemen Des vorigen Wächters Wittwe zur Frau zu nehmen, Denn der verstorbene selige Mann Nahm sich gar treulich des Städtleins an.
8.
Um also seine Treue zu vergelten An der hochbetrübten Wittwe, so stellten Die Bürger die Heirath ihrer Person Als eine Conditio sine qua non.
9.
Weil sie nun erst alt war dreißig Jahre Und ihre Person nicht häßlich ware, So nahm Hieronimus den Vorschlag an Und wurde also ihr Ehemann.
10.
Es wurden nunmehro Alten und Jungen Die Stunden der Nacht wieder vorgesungen, Denn der neue Wächter Hieronimus Nahme das Horn vor’s Maul und blus.
11.
Und so oft er die Glocke hörte schlagen, Hub er an Folgendes zu sagen: „Höret ihr Herren in der Still, Was ich euch singen und sagen will:
12.
Die Kirchglocke hat so eben Eilf, zwölf, ein, zwei, drei Schläge gegeben, Bewahret, wenn ich euch rathen soll, Das Feuer, das Licht und eure Töchter wohl;
13.
Damit sich Niemand etwa verbrenne, Oder sonst Schaden entstehen könne, Und seid sehr wohl auf eurer Hut, Hut, Hut, Hut, Hut, Hut, thut gut.“
14.
Er hat sich übrigens stets aufgeführet, Wie’s einem frommen Nachtwächter gebühret, Er schlief am Tage desto mehr, Damit er des Nachts fein wachsam wär’.
15.
In aller Zeit, da er gewacht und gesungen, Ist es keinmal einem Diebe gelungen, Daß in Schildburg eine Räuberei Irgendwo nächtlich geschehen sei.
16.
Und jeder Bürger, wenn er noch so hart schliefe, Erwachte, wenn Hieronimus blies oder riefe, Und seines Horns und Halses Schall Hörte man im Städtlein überall.
17.
So hat sich denn alles curios gereimet, Mit dem, was Frau Jobs Kapitel zwei geträumet, Und alles trafe nun haarklein, Bei dem Nachtwächter Hieronimus ein.
18.
Auch von dem, was Urgalindine gesaget, Als man sie um das Schicksal des Knaben gefraget, Nach den Gründen der Chiromantia, Ware nunmehro die Erfüllung da.
19.
Man konnte, nach nun vollendeten Sachen, Von allem diesem die beste Deutung machen, Wie’s dann mit Prophezeiungen überhaupt geht, Daß man selbige hernach erst versteht.
20.
Was indessen Frau Schnepperle gesprochen, Als Frau Jobs war mit dem Kind in den Wochen, (Wie Kapitel drei zu ersehn) Das ist vor diesesmal nicht geschehn.
21.
Aus demjenigen, was wir nunmehro wissen, Lässet sich gegen Frau Schnepperle schließen, Daß sie in der Kunst der Physiognomei Nicht genug erfahren gewesen sei.
Siebenunddreißigstes Kapitel. Wie Hieronimus einen Besuch bekam von Freund Hein, der ihn zur Ruhe brachte. Ein Kapitel, so gut als eine Leichenrede.
1.
Es ist gewesen schon sehr lange, Wie uns Gelehrten bewußt ist, im Gange, Ein gar kluges Sprüchwort, es hat’s Der alte Kirchenvater Horaz:

2.
Sowol gegen die Paläste der Großen, Als gegen die Hütten der Armen pflegt zu stoßen Der überall bekannte Freund Hein Mit seinem dürren Knochenbein.
3.
Das will eigentlich nach dem Grundtext sagen: Alles, was da lebt, wird zu Grabe getragen, Sowol der Monarch als der Unterthan, Sowol der reiche als der arme Mann.
4.
Sintemal Freund Hein pflegt unter beiden Nicht das mindeste zu unterscheiden, Sondern er nimmt alles, weit und breit, Mit der strengsten Unparteilichkeit.
5.
Und er pflegt immer schlau zu lauern Sowol auf den Cavalier, als auf den Bauern, Auf den Bettler und Großsultan, Auf den Schneider und Tatar-Khan.
6.
Und er geht mit der scharfen Sensen Zu Lakeien und Excellenzen, Zu der gnädigen Frau und der Viehmagd Ohne Distinction auf die Jagd.
7.
Es gilt bei ihm gar kein Verschonen, Er achtet weder Knotenperücken noch Kronen, Weder Doctorhut noch Hirschgeweih, Zierathen der Köpfe mancherlei.
8.
Er hat bei der Hand tausend und mehr Sachen, Welche ein End’ mit uns können machen; Bald gibt ein Eisen, bald die Pest, Bald eine Weinbeere uns den Rest.
9.
Bald eine Krankheit, bald plötzlicher Schrecken, Bald Arzeneien aus den Apotheken, Bald Gift, bald Freude, bald Aergerniß, Bald Liebe, bald ein toller Hundsbiß.
10.
Bald ein Proceß, bald eine blaue Bohne, Bald eine böse Frau, bald eine Kanone, Bald ein Strick, bald sonstige Gefahr, Wofür uns alle der Himmel bewahr’.
11.
Da helfen, um sich zu befreien, Nicht d’Arçons schwimmende Battereien; Denn Freund Hein, der hungrige Schelm, Fürchtet weder Festung, Schild, Degen noch Helm.
12.
Der Commandant in den sieben Thürmen, Der Großvezier zwischen hundert Dirnen, So wie Diogenes in seinem Faß Waren alle für ihn ein Fraß.
13.
So ist es von jeher gehört und gewesen, Wie wir in den Geschichtbüchern können lesen: Jakob Böhme und Aristoteles, Klaus Narre und Demosthenes,
14.
Der ungestalte Aesop und die schöne Weltberühmte griechische Helene, Der arme Job und König Salomon Mußten endlich alle davon.
15.
Kaiser Max und Jobs der Senater, Virgil und Hans Sachs mein Aeltervater, Der kleine David und große Goliath Starben alle, theils früh, theils spat.
16.
Niclas Klimm und Marcus Aurelius, Cato und Eulenspiegelius, Ritter Simson und Don Quixot, Sind leider nicht mehr, sondern todt.
17.
Auch Cartouche und König Alexander, Einer nicht ein Haar besser als der ander’, Held Bramarbas und Hannibal, Sie starben alle Knall und Fall.
18.
Auch August der Held Polens, Und Karl der Zwölfte mußten volens nolens, So wie der Perser Schach Kulikan, Und der große Czaar Peter dran.