Der Jobsiadendichter Dr. Carl Arnold Kortum. (continued 4)
Reading edition
5.
Sie zeiget, trotz den besten Postkarten, Die kürzesten Wege und leichtesten Fahrten, Wie man von jedem Orte gleich Reisen kann aus einem ins andere Reich.
6.
Sie ist sehr gemächlich zu verstehen; Denn der große Fleck, den wir in der Mitte sehen, Ist Deutschland, und der dicke Punkt drein, Soll dermalen der Ort Ohnewitz sein.
7.
Hieraus kann man nun ohne Kopfbrechen Die Lage der übrigen Länder leicht berechnen; Zum Exempel: die 3 Klexe oben gegen linker Hand, Bedeuten Irland, Schottland und England.
8.
Das Land unten gegen der linken Seiten, Sollen die Reiche Spanien und Portugal bedeuten, Und der Stiefel fast unten da Ist das berühmte Italia.
9.
Oben gegen rechts ist’s Land der Siberiter, Drunter gegen das Mittel wohnen die Moskowiter, Und noch drunter sieht man zierlich und schön Die Ottomannische Pforte stehn.
10.
Die vornehmsten hierauf verzeichneten Länder, Haben zierlich und accurat punktirte Ränder, Und um die Jungfer Europa rund her Siehet man nichts als Himmel und Meer.
11.
Um diese Karte noch nützlicher zu machen, Hätte man zwar noch allerlei nöthige Sachen Darauf gerne, wie sich’s gebührt, Zum Behuf der Reisenden gezeigt und notirt;
12.
In specie deutliche Handweiser Auf die vorzüglichsten Wirthshäuser, Und wie der brave Mann jedes Orts heißt, Wo man für sein Geld bestens trinkt und speist.
13.
Denn den meisten Herren Passagieren Pflegt dieses am mehresten zu interessiren; Denn sie nehmen sich ja selten die Zeit, Zu untersuchen andre Merkwürdigkeit.
14.
Indessen habe ich von solchen schönen Dingen In der Karte nichts können anbringen, Denn der Stich davon ist gar zu fein Und der Raum selbst dazu zu klein.
Fünfundzwanzigstes Kapitel. Hieronimus soll Pastor werden. Item, Beschreibung seiner Pfarre.
1.
Siehe da! es starb der Pfarrer zu Ohnewitz plötzlich. Dieser Vorfall ist zwar ganz entsetzlich Unglaublich und sehr curios, Aber doch in Romanen kein Wunder groß.
2.
Der Ehrenmann hatte noch Abends vorher gehalten Eine gute Mahlzeit von Schinken und kalten Hammelbraten, mit Salat und Selerei, Und ein Rebhühnle verzehrt dabei.
3.
Auch seine täglich gewohnte zwei Rastadter Mäßle Getrunken aus dem alten Rheinweinfäßle; War also, Gottlob! weder krank noch voll, Sondern befand sich bis dahin gesund und wohl;
4.
Und seine Constitution schien versprechen zu wollen, Daß er ein alter Mann hätte werden sollen; Denn er war sehr stark und corpulent, Und dacht’ an nichts weniger als an sein End’.
5.
Er hatte erst kaum 4 oder 5 Jahre Lang genossen die Ohnwitzer Pfarre, Und diese schlug bei dem lieben Mann, Ratione seiner Gesundheit, trefflich an;
6.
Um so mehr, da er vorher auf dem Lande Lange in einer schmächtigen Pfarre stande, Dabei blieb dann sein Bauch und Kinn, Wie leicht zu schließen ist, mager und dünn.
7.
Aber sobald er nach Ohnwitz gekommen, Hat er augenscheinlich zugenommen, Und die Nase, vorher blaß und spitz, Ward bald roth und rund zu Ohnewitz.
8.
Schade also, daß so schnell und behende Der Tod mit ihm machte ein Ende, Und ihn aus diesem Jammerthal Transportirte in den Freudensaal!
9.
Die gnädige Herrschaft lag noch im tiefen Schlafe, Als diese Nachricht im Schlosse eintrafe, Denn es war noch früh und höchstens nur Des Morgens um 9 oder 10 Uhr.
10.
Doch der junge Herr und Hieronimus waren schon lange Auf einem unterhaltenden Spaziergange; Denn sie glaubten dem Sprüchwort fest: Aurora musis amica est.
11.
Sie fanden nach geendigtem Spazieren Um halb 12 Uhr die Herrschaft dejeuniren, Und Herr von Ohnwitz, als er Hieronimum sah, Rief ihm laut zu: „Victoria!
12.
Ich gratulire Ihm zur Ohnwitzer Pfarre!“ Hieronimus stund da vor Erstaunen wie ein Narre, Und wußte nicht eigentlich, ob dies da Aus gnädigem Spaß oder Ernst geschah.
13.
Aber er ließ sich bald näher überführen, Daß es Ernst sei mit dem Gratuliren, Und für Spaß ihm hier nicht Noth sei, Sintemal der Pfarrer wirklich todt sei.
14.
Nun überlege einmal der Leser mit kaltem Blute, Wie da dem Hieronimus geworden zu Muthe, Als er so urplötzlich unverhofft da Zum Pastor sich metamorphosirt sah.
15.
Denn diese Pfarrei war einträglich und wichtig, Und trug jährlich ganz gewiß und richtig, Ohne die Accidentien, rein Blanke 900 Gulden ein.
16.
Die Accidentien waren gleichfalls ansehnlich, Etwa 100 Gulden pro Jahr gewöhnlich; Also kamen nach der Summa Summarum draus Des Jahrs circa 1000 Gulden zu Haus.
17.
Davon ließ sich nun sehr gemächlich leben, Auch zum Sparpfennig etwas aufheben; So daß sich kein Pfarrer im ganzen Land So reputirlich als der Ohnwitzer stand.
18.
Wenn etwa andre dorfgeistliche Herren Sich von ihrem kleinen Dienstchen mußten kümmerlich nähren Und bei Wasser, oder höchstens Koventbier, Krumm liegen und verdursten schier,
19.
Und kaum hatten, was sie am nöthigsten brauchten, Aus kurzen Tabakspfeifen ihren Kneller rauchten, Und bei Sauerkohl, Kartoffeln und Erbsenbrei, Sungen die erbärmlichste Litanei;
20.
Da befand sich hingegen ein Ohnewitzer Paster Bei seiner langen Pfeife mit virginischem Knaster Und einem gut gefüllten Weinfaß Und Schinken, Braten und Wildpret, baß.
21.
Dabei thät er in mächtig großem Ansehen, Wie ein Klosterguardian, bei seinen Amtsbrüdern stehen, Und bei der Synode oder bei dem Convent, Bekam er das größte Compliment.
22.
Selbst wenn er auf dem freiherrlichen Schlosse Visiten gab und Mahlzeiten genosse, So saß er aus Regard während der Mahlzeit Der gnädigen Frau immer nahe zur Seit’.
23.
Der vorige Pfarrer wußte sowol Junge als Alten Vorzüglich in Furcht und Respect zu halten, Und behauptete überall, spat und früh, Seine Oberautorität in der Parochie;
24.
Und bei vorfallenden Kindtaufenschmäusen, Oder bei Hochzeiten, oder bei Leichenspeisen, Saß er oben an und führte immerfort, Als wär’ er in der Kirche, das große Wort.
25.
Wer nicht wollte ganz nach seiner Pfeife tanzen, Den pflegte er verblümt auf der Kanzel zu kuranzen, So daß ihm Hören und Sehen verging, Und er aus Angst ein neues Leben anfing.
26.
Er befand sich zwar weder kränklich noch gebrechlich, Sondern gut bei Leibe, war aber sehr gemächlich: Drum hielt er sich einen Candidat als Caplan, Welcher die Pfarrdienste für ihn gethan;
27.
Aber Copulationen, Taufen und derlei Pflichten Pflegte er doch gewöhnlich in persona zu verrichten; Wenigstens wohnte er der Schmauserei, Welche dabei vorfiele, bei.
28.
Er war übrigens in der Lehr’ weder Heterodoxe, Noch im gemeinen Umgang ein knurrender Ochse, Sondern führte seine Ohnwitzer Schäfelein Auf ’ner Weide vom ketzerischen Unkraut rein;
29.
Und seine Gemeinsgliederinnen, Besonders junge, wurden oft innen Seiner guten Laune, denn der lose Pastor Machte ihnen manch Späschen, doch in Ehren, vor.

30.
Kurz! ein Ohnwitzer Pfarrer lebt wie ein Engel, Hat wenig Arbeit, denn sein Kirchensprengel Ist nicht weitläuftig sondern klein und eng, Und der Communicanten ist ’ne geringe Meng’.
31.
Er kann im Schlafrock, Pantoffeln und Nachtmützen Im Großvaterstuhl fast den ganzen Tag sitzen, Und verrichten gewissenhaft allesammt, Was da vorfällt in seinem Pfarreramt.
32.
Nur des Sonntags einmal zu kanzliren, Alle Vierteljahr ein Paar zu copuliren, Nebst Taufen, Begraben und ein bischen Kinderlehr’, Dieses ist alles und sonst kein Haar mehr.
33.
Das Dorf selbst ist sehr herrlich gelegen, Ueberall blühet und lachet der Segen, Und alles, was die ländliche Natur Schönes hat, zieret Ohnwitzens Flur.
34.
Weiden, Wälder, Gebüsch und Gesträuche, Schattige Haine, glatte Bäche und Teiche, Wiesen, Obstgärten, Hügel und Thal, Garten und Feld, wechselt ab überall.
35.
Da kann mit Vögelfangen und Fischereien, Sich der Pfarrer nach Gefallen zerstreuen, Wenn ihn etwa ein sauers Amtsgeschäft Zu sehr angegriffen und entkräft’t;
36.
Oder auch manchem Kirschvogel, Rebhuhn und Hasen, Das Lebenslicht auf der Jagd ausblasen; Denn er hat Vogelfang, Jagd und Fischerei, Nebst Taubenflug bei seiner Pfarre frei.
37.
Wenn er sich dabei gut insinuiret Und die Bauern nicht zu sehr cujoniret, So kann er mit Frau und Kinderlein Bei einem oder andern täglich Gast sein.
38.
Wir wollen also, was wir ohn’ unsern Schaden auch können, Dem Hieronimus sein künftiges Glücke gönnen, Und in dem folgenden Kapitelchen Mit ihm ins geistliche Examen gehn.
Sechsundzwanzigstes Kapitel. Wie Hieronimus in dem Examen gut bestand und mehr wußte als seine Examinaters.
1.
Ehe er die Pfarre wirklich konnte antreten, War der Ordnung wegen, ein Examen von nöthen, Und er meldete sich bald darum Beim hochwürdigen Ministerium.
2.
Es geschah mit allen Umständen, wie sonst bräuchlich. Hieronimus betrug sich diesmal unvergleichlich, Und beantwortete Augenblicks Jeden Artikel frei und fix.
3.
Das erregte nun bei sämmtlichen Examinatoren Ein mächtiges Spitzen ihrer ansehnlichen Nasen und Ohren, Weil ihnen noch nie ein Fall war bekannt, Daß ein Ordinandus so gut bestand.
4.
Die Herren konnten ihn nichts mindeste fragen, Oder er wußt’ ihnen gleich alles vollkommen zu sagen, Ja, es fand sich, daß er weit mehr verstund, Als jeder von ihnen ihn fragen kunt.
5.
Keiner brauchte nun nach der Antwort auf die Fragen, So wie ehmals im Examen, Hem! Hem! zu sagen; Sondern es hieß nun: Domine Hieronime! Respondisti bene benissime!
6.
Sie fragten zwar mitunter einfältige Fragen, Worauf ein Schulkind hätte Antwort können sagen, Wie’s wol mal im Examen ergeht, Wenn man beim Exam’nator gut steht.
7.
Doch einige wünschten ihn zu fangen durch verfängliche Fragen, Sie konnten ihn aber dadurch nicht ins Bockshorn jagen; Gaben ihm also sämmtlich den Ruhm Als ’nen hochgelehrten Theologum.
8.
Das Testimonium ward förmlich concipiret, Mit dem großen Ministerialsiegel sigilliret, Alsdann ihm überreicht, und jeder hat Ihm gratulirt vorerst als Candidat.

Siebenundzwanzigstes Kapitel. Wie Hieronimus nun Pastor ward und für künftigen Sonntag auf seine Antrittspredigt studirte, welche im 29ten Kapitel zu lesen sein wird.
1.
Daß er so gut hatte thun bestehen, Gab ihm auf dem Schlosse ein wichtiges Ansehen, Und Herr von Ohnewitz hieß hinfort Hie- ronimum nicht mehr Er, sondern Sie.
2.
In folgenden Zeiten und Tagen heckte Man noch aus für ihn manche gute Projecte, Besonders wie er hübsch einrichten könnt’ Sein zukünftiges Etablissement.
3.
Unter anderm wollte man ihm nebenbei rathen, Die Wittwe des Seligverstorbenen zu heirathen; Allein, als man ihm dieses kund gab, Schlug er diesen Antrag rund ab.

4.
Zwar war die Wittwe ein herzensgutes Weibchen, Noch jung und liebevoll wie ein Turteltäubchen; Hatt’ nur ein einzigs Kind, dies aber gab, Weil’s kränkelte, Hoffnung zu sterben bald ab.
5.
Sie hatte sich manches Kapitälchen ersparet, Und zum Nothpfennig dafür sich aufbewahret, Wenn etwa ihres Herren Mannes Tod Sie setzte außer Nahrung und Brod.
6.
Sie wußte aus Butter, Käse und vielen andern Sachen, Sich manchen Extragroschen zu erwerben und zu machen, Verkaufte jährlich viel Honig und Wachs, Und spann fleißig aus selbst gezogenem Flachs.
7.
War auch sehr beliebt in der ganzen Gemeinde, Alle Bauern waren ihre Gönner und Freunde, Und sonntäglich trug manche Bäuerin Ihr Geschenke für die Küche hin;
8.
Sie besaß übrigens viel Herzensgüte, War gar nicht von zanksüchtigem Gemüthe, Und kurzum, insoweit wäre sie Wol gewesen für Hieronimum ’ne gute Partie.
9.
Aber er hielt es für Unrecht, durch eine Quarre Anzutreten eine geistliche Bedienung oder Pfarre, Er dachte auch ohnehin noch immer dran, Wie’s ihm mit der ersten Ehe gegahn.
10.
Zum Beweis aber, daß er uneigennützig verfahre, Verglich er sich mit der Wittwe wegen dem Nachjahre, Und sicherte aus den Pfarreinkünften ihr Jährlich 100 Gulden dafür;
11.
Jedoch nur so lange als ihr Wittwenstand bestehe Und sie nicht schritte zu einer neuen Ehe, Sollte bestehen dieser Pakt; Aber es endigte sich bald der Contrakt.
12.
Denn es hat kaum anderthalb Jahr gewähret, Da sie schon wieder zu heirathen begehret Und genommen einen andern Mann; Ich führe solches nur beiläufig an.
13.
Hieronimus ward bald drauf als Paster ordniret, Und hat auf eine feine Antrittsrede studiret, Und man machte für nächstkünftigen Sonntag schon Anstalten zur Introduction.
Achtundzwanzigstes Kapitel. Unruhe der Ohnwitzer Gemeinde über die Anstellung des neuen Pastors.
1.
Aber die Ohnwitzer Kossaten und Bauern Wollten hierüber für Aerger fast versauern, Und wo sie einer den andern sahn, Stießen sie brummend die Köpfe an:
2.
„Da schickt uns nun der gnädige Herr wieder den Narr her Und gibt uns denselben gar zum Pfarrherr! — Nein, das soll durchaus nit geschehn, Und sollte es auch drunter und drüber gehn.
3.
Denn es ist ja ein unerhörtes Exempel, Daß ein Nachtwächter in der Kirche oder im Tempel Weder in Ohnewitz noch in der Welt, Als Pastor oder Priester ward angestellt.“
4.
Eine Supplik, welche der Schulmeister vom Dorfe In der Schenke, vigore commissionis, entworfe, Nebst förmlicher Erklärung der Protestation, Ware das Resultat davon.
5.
Als nun solche in geziemenden Ausdrücken fertig, Waren des andern Tages alle Bauern gegenwärtig, Und damit wallte der ganze Troß Durch Dick und Dünne zum Herren aufs Schloß.
6.
Aber der gnädige Herr auf dem Schlosse Fürchtete sich nicht vor diesem großen Trosse, Nahm zwar die Supplik an mit Freundlichkeit, Gab ihnen aber mündlich folgenden Bescheid:
7.
„Ihr Ochsen, ihr Räckel, ihr Esel, ihr Flegel! Nehmt einmal für allemal euch dies zur Regel: Herr Hieronimus soll euer Pfarrer doch sein, Oder ich laß euch alle sperren ins Hundeloch ein!“
8.
Da hingen nun auf einmal die armen Tröpfe Ihre breiten Mäuler und dicken Köpfe, Sagten: Ach ja, lieber gnädiger Herr! Und gingen hin, wo sie gekommen her.
9.
Aber einige von ihnen nahmen, aus Rache Gegen den neuen Pfarrer, hoch und theuer Absprache, Seiner künftigen Predigt und Lehr’ Nicht zu geben das mind’ste Gehör;
10.
Auch von allem, was er aus Gottes Worte Ihnen vortrüg’ an diesem oder jenem Orte Zu ihrem Seelenheile, kurzum, Immer zu thun das Contrarium;
11.
Ihn auch sonst auf alle Weise zu kränken, Nie ihm etwas in die Küche zu schenken, Selbst jedes pflichtschuldige Accidens so klein Und so knapp, als möglich sei, zu richten ein.
12.
Als man indeß Sonntags die Glocke geläutet Und zur Antrittspredigt alles war bereitet, Fanden sich alle Ohnwitzer, groß und klein, Höchst zahlreich in die Kirche hinein.
13.
Selbst die, welche vorher das Gegentheil abgesprochen, Haben aus Neugier ihren Vorsatz gebrochen, Und sagten: Ich will doch einmal ’neingehn, Und, was der Kerl da saget, besehn.
14.
Der neue Herr wies recht seine Rednertalente In der Oration. Ich zeige die Hauptcontente, So viel ich davon mich erinnern kann, Im folgenden neuen Kapitel an.
Neunundzwanzigstes Kapitel. Eintrittspredigt des neuen Herrn Pfarrers; sehr erbaulich, aber abgebrochen, damit der Leser nicht einschlafe.
1.
„Geliebtesten Freunde und Zuhörer! ich betrete Hiemit zum erstenmal diese geweihte Stätte, Und zeige euch heute öffentlich Als euern rechtmäßigen Seelsorger mich.
2.
Der Himmel hat dieses ohn’ alles mein Denken, Ohne mein Suchen und Zuthun also wollen lenken, Indem er mich zum Prediger schüf Und mich zu euch nach Ohnewitz rief.
3.
Zwar weiß ich, meine Hochtheuer- und Vielgeliebte, Daß manchen von euch dieser Ruf herzlich betrübte, Sintemal ich in euerm Sinn Nur ein Aergerniß und Thorheit bin.
4.
Weil ich vorher euer simpler Schulmeister gewesen, Ja gar zu Schildburg als Nachtwächter gebläsen, Darum nun glaubet und denket ihr, Es stecke kein rechtschaff’ner Lehrer in mir.
5.
Allein ich will euch aus alten Geschichten Viele auffallende Beispiele berichten, Daß oft aus einem simpeln Ding und schlechten Mann, Was Rechtschaff’nes und Großes werden kann.
6.
Ihr könnt selbst gehörigen Ortes nachschlagen Alles, was ich euch hier werde vortragen. Wer war unser erster Stammvater Adam? War’s nicht ein Erdenkloß, wovon er herkam?
7.
Abram ging als Exulant aus Haran, Jakob hütete die Schafe bei Laban; Und dennoch wurden sie beide nachher Hochberühmete Erzväter.
8.
Ismael mußt’ als Jungfernkind fast todt dürsten Und ward doch ein Vater von 12 Fürsten. Joseph, erst Sklave und Arrestant, Ward Finanzminister in Egyptenland.
9.
Moses lag als Findling am Ufer im Schilfe, Wäre ertrunken ohne ohngefähre Hilfe, Und dennoch wurde er hernachmal Der große Israeliten-General.
10.
Gideon, erst Drescher, schlug die Midianiter. Jephtha, ein Hurkind und simpler Gileaditer, Schlug die Kinder Ammon und war Richter in Israel sechs Jahr.
11.
Saul triebe zuerst die Langohren, Ward doch hernächst zum König erkoren, Und David mit seinem Hirtenstab Ward König, that auch den Goliath ab.
12.
Hiob ward vom Satan arm geschlagen, Aber doch reich in seinen alten Tagen, Und Ruth, die Aehrenleserin, Wurde die reiche Frau Boasin.
13.
Jehu bedeutete erst als Capitain wenig, Ward doch nachher in Israel ein König, Und rottete des gottlosen Ahabs Haus, Bis zum letzten, der an die Wand pißt, aus.
14.
Nebucadnezar ging eine Zeitlang auf allen Vieren Und fraß Gras und Heu gleich andern Thieren, Und man nahm ihm Purpur und Königskron’; Doch bestieg er nachher den verlornen Thron.
15.
Esther, ein blutarmes Waisenwichtchen, Das nichts hatte als ein hübsches Gesichtchen, Ward doch eine große Königin Und des Ahasverus liebe Gemahlin.
16.
Auch unter den Propheten und Aposteln waren Leute Von geringer Abkunft und wenigem Bedeute; Hirten, Zöllner, Fischer, ein Teppichfabrikant, Und von anderm schlechten Gewerbe und Stand.
17.
Ich gehe zur mehrern Erweckung lieber, Meine Geliebten! zur Profangeschichte hinüber; Ob ich gleich, aus altem und neuem Testament, Euch viele Exempel noch nennen könnt’.
18.
Der allgemein bekannte große Artaxerxes, Jeder von euch, meine theuern Zuhörer, merk’ es! Stand erst in sehr geringem Ansehn Und ward doch König in Persien.
19.
Darius war gar nun ein ehrlicher Büttel, Bekam doch den Perserthron und Königstitel, Und Agathokles, eines Töpfers Sohn, Bestieg den sicilianischen Thron.
20.
Telephanes, ein Wagner, legte das Handwerk nieder Und ward ein großmächtiger König der Lyder. Hyperbolus fabricirte Leuchten zum Sehn, Und ward hernächst Fürst zu Athen.
21.
Vom berühmten Phokion kann man lesen, Daß er eines Löffelmachers Sohn gewesen, Und Egyptens große Rhodopin, Ward aus ’ner Bordellschwester Königin.
22.
Romulus und Remus, zwar vom Götterstamme, Hatten als Findlinge eine Wölfin zur Amme, Da doch Roma, die große Stadt, Von ihnen den ersten Ursprung hat.
23.
Vom König Tullius Hostilius melden die Schreiber, Er sei gewesen ein lumpichter Kühtreiber, Und vom Böhmer-König Primislas Melden die Chroniken eben das.
24.
Kaiser Valentinian drehte anfangs Seile und Stricke; Den Kaiser Probus hob aus dem Gärtnerstaub das Glücke; Bonosus und Johann Zimisces waren vorher Schulmeister und hernach Kaiser.
25.
Kaiser Aurel war ein Bauernbube vom Lande, Der große Tamerlan gleichfalls vom Bauernstande, Kaiser Mauriz, der Cappadocier, War gar, wie ich ehmals, Nachtwächter.
26.
Papst Niklas quintus war erst Mediciner; Der große Fürst Narses ein verschnittener Diener; Kaiser Justin, und Galer, und Papst Sixt, alle drei, Hüteten in ihrer Jugend die Säu’.
27.
Lutherus, ein armer Augustiner Pater, Ward nachher der so große Reformater, Schaffte das Fasten ab und machte die Klerisei Vom beschwerlichen Cölibate frei.
28.
Auch hat man viel alte Poeten und Philosophen, Welche blutarm waren, angetroffen: Plautus mußte die Mühle drehn, Arm waren Codrus, Epiktet, Demosthen.
29.
Euripid, Aesop, Horaz und andre Poeten Waren anfangs arme Schlucker und in Nöthen; Und es geht auch noch in der neuern Zeit Meist den Philosophen und Poeten nicht breit.
30.
Ich könnte noch gar leicht aus unsern Tagen Euch nicht nur viele Exempel, sondern auch Beispiele sagen, Wie das Glücksrad sich wunderlich dreht Und Geringe aus dem Staube erhöht.
31.
Mancher anfänglich elender Schuhputzer Ist jetzt ein ansehnlicher Herr und Stutzer, Und ihr müßt nolens volens für ihn Eure Mütze und Hut tief abziehn.
32.
Auch manche Frau thut mit Titeln stolziren, Und mit seidenen Kleidern schwenzeliren, Und ist, obgleich vom Mistfinken-Stamm, Nunmehr eine großherrliche Madam.
33.
Wenn ihr die angeführten Exempel genau betrachtet Und mich dann noch wegen meines vorigen Zustandes verachtet: So würde das, ihr sehet es selbst ein, Höchst ungerecht und unbillig sein.
34.
Ihr sollt’s in der Folge finden und erleben, Daß ich mir alle Mühe werde geben, Für euch alle, klein und groß insgesammt, Redlich zu führen mein Pfarreramt.
35.
Ich liebe euch alle hochtheuer und herzlich, Und würde es empfinden höchst schmerzlich, Wenn ich einen von euch dereinst sollte sehn Zur Linken unter den Böcken stehn.
36.
Auch meinen Feinden will ich gerne vergeben, Und ihr wahrer Freund zu sein, mich bestreben“ — — Den Rest der schönen Predigt übergeh’ ich, Als hieher eigentlich nicht gehörig.
Dreißigstes Kapitel. Was diese Rede für Sensation machte, und die Wirkung, welche sie hervorbrachte.
1.
Was diese Rede für Sensation machte, Und die Wirkung, welche sie hervorbrachte, Das übersteigt gewißlich hoch und weit Alle menschliche Begreiflichkeit.
2.
Alle Bauern saßen stumm und starr wie Pfeiler, Sperrten thürweit auf Augen, Nasen und Mäuler; Und die Bäurinnen, als von sensiblerer Haut, Weinten Thränen und schluchzsten laut.
3.
„Nun wahrlich! wir müssen es bekennen und sagen, Wir haben doch in allen unsern Lebenstagen, Keine Predigt so gelehrt und schön, Als diese vom neuen Herrn Pfarrer gesehn!
4.
Das ist ein Mann, ein Mann ohne Gleichen, Der kann einem ’s harte Herz recht erweichen, Und weiß von Adam an bis zu dieser Frist Alles, was in der Welt passiret ist.
5.
Alles, was er sagt, kann man begreifen und verstehen, Dabei thut er sich so sanftmüthig begehen, Und er spricht und redet kein einziges Wort Ueberflüssig und am unrechten Ort.
6.
Unser vor’ger Ehrnpfarrer konnte zwar auch gut fegen Und den Text stattlich sagen und auslegen, Und führte als ein sehr gelehrter Mann Manchen uns unbekannten Spruch an;
7.
Allein er konnte bei allem Ermahnen und Schändiren, Uns doch nie so das Herz prickeln und rühren, Und ihn übertrifft an Gelehrsamkeit, Unser lieber neuer Herr Pfarrer weit.“
8.
So lautete ohngefähr der Ohnwitzer jetzige Sprache, Und es hatte sich verändert der ganze Status der Sache, So daß, wer ihn vorher am meisten gehaßt, Jetzt für ihn war der größte Enthusiast.
9.
Kurz, nie war eine Predigt, wie diese so allgewaltig, Nie der Beifall so groß und so mannichfaltig, Und nie hat je eine solche Frucht und Kraft, Als diese Antrittsrede verschafft.
10.
Das konnte schon sofort an Thaten und Werken, Herr Hieronimus bei der neuen Gemeine sehn und merken; Denn man schleppte reichlich allerlei Geschenke für ihn ins Pfarrhaus herbei:
11.
Tische, Bänke, Spiegel, Kasten, Stühle, Oefen, Bettstellen, Betten, Polstern, Pfühle, Werg, Baumwolle, Leinewand, Flachs, Holz, Kohlen, Oel, Unschlitt, Schmalz, Wachs;
12.
Kaffeekannen, Theepötte, Dosen, Töpfe, Teller, Schüsseln, Löffel, allerlei Näpfe, Speck, Schinken, Fleisch und was sonst zur Noth Zur Haushaltung gehört unters tägliche Brod.
13.
Gerste, Hafer, Rocken, Weizen für den Söller, Wein, Bier und dergleichen für den Keller, Schweine, Kühe, Hämmel fett und schön, Tauben, Enten, Hühner, Gänse, Truthähn’.
14.
Das Pfarrhaus war schön getünchet und gezieret, Vor der Thür ein grüner Bogen aufgeführet, Und so führte man unter Jubel und Juchhein, Ihn ins Ohnewitzer Pfarrhaus hinein.
15.
Auch machten dabei ein Paar Musikanten, Die sich als Virtuosen im Dorfe befanden, Mit ihrer Leyer und Schalmei Ein sehr anmuthiges Dudeldumdei.
16.
Es haben auch die Herren Consistorialen Zu Ohnewitz angerichtet damalen Eine herrliche Mahlzeit mit Kosten und Müh’, Wozu Herr von Ohnwitz seinen Pariser Koch lieh.
17.
Auch ward in der ganzen Ohnwitzer Gemeine (Und jeder gab dazu reichlich das Seine) Eine Collecte von baarem Geld Für den neuen Herrn Pfarrer angestellt.
Einunddreißigstes Kapitel. Der neue Pfarrer schreibet mit frohem Sinn seiner Mutter noch einen Brief hin.

1.
Alsbald nun Ehren Jobs dergestalten Seinen Einzug ins Pfarrhaus hatte gehalten, So schriebe er mit ganz frohem Sinn Seiner Mutter folgenden Brief hin.
2.
Meine theure Mutter! Ich eile Euch zu sagen, Was sich mit mir kürzlich hat zugetragen; Erschrecket nur nicht so sehr davor, Ich bin zu Ohnewitz geworden Pastor.
3.
Nach meiner Retour von Akademien, Dachte ich zwar mit dem jungen Herrn auf Reisen zu ziehen, Aber der Himmel disponirt, Wenn gleich der Mensch proponirt.
4.
Denn als schon alles zur Reise war veranstaltet, Hat das Glück so über mich gewaltet, Daß der hiesige Pfarrer den Schlagfluß bekam Und aus dieser Welt sein Adieu nahm.
5.
Herr von Ohnwitz, qua Patron der Pfarreie, Bezeigte nun für mich die Gnade und Treue, Daß er mir bald und allsofort Die Pfarre ertheilte an diesem Ort.
6.
Es setzte zwar unter den hiesigen Leuten Anfangs einige Händel und Schwierigkeiten, Wie dann gemeinlich Zank und Geschrei Entsteht bei Besetzung einer Pfarrei.
7.
Allein es ist bald alles nach Wunsch und Verlangen Bei dieser mir interessanten Sache gegangen, Ich bin als Pfarrer geordinirt Und wirklich ins Pfarrhaus eingeführt.
8.
Die ganze liebe Ohnwitzer Gemeine, Reiche und Arme, Große und Kleine, Freuen sich, ehren und lieben mich, Als ihren neuen Pfarrer zärtlich.
9.
Man hat mich reichlich mit Hausrath versehen, Das sollt Ihr selbst künftig finden und verstehen, Auch in Söller, Keller, Küche und Stall Sind Lebensmittel in großer Zahl.
10.
Die Pfarre selbst ist sehr einträglich Und für ihren Besitzer nicht ungemächlich, Sie bringt gewöhnlich Jahr aus, Jahr ein, Reine 1000 Gulden baar ein.
11.
Meine Wünsche sind also alle gestillet, Nur ein einz’ger noch ist bisher unerfüllet, Nämlich Euch bald im Wohlergehn, Nebst Schwester Esther bei mir zu sehn.
12.
Ich bitte Euch also, nicht zu verweilen, Sondern je eher, desto lieber zu mir zu eilen, Und dann lebenslänglich bei mir Zu nehmen Euer künftig Quartier.
13.
Man ging im Dorf collectiren herumme Und sammelte für mich eine artige Summe; Dieses Geld sende ich Euch allhier, Um die Reisekosten zu bestreiten dafür;
14.
Denn ich habe ohnehin zu meiner Etablirung Und der vorläufig nöthigen Regulirung, Nebst zu einem Alltags- und Sonntagskleid Geld genug von des gnädigen Herrn Gewogenheit.
15.
Mit Euern dortigen Möbeln und sonstigen Sachen Könnt Ihr meinen andern Geschwistern ein Geschenk machen; Weil, so lange mir selbst nichts gebricht, Euch soll bei mir nichts gebrechen nicht.
16.
Denn ich will stets im Wittwerstande bleiben Und niemals eine neue Heirath treiben, Nur Ihr und mein liebes Schwesterlein Sollt meine Haushälterinnen sein.
17.
Und thäte ich etwa früher als Ihr sterben, So werdet ihr doch deswegen nicht verderben, Denn Herr von Ohnewitz hat auf diesen Fall schon Mir für Euch versprochen ’ne Pension.
18.
Euch die Reise desto besser zu bequemen, Könnt Ihr eine commode Extrapost nehmen. Ich erwarte mit kindlicher Sehnsucht Euch Und meine jüngste Schwester zugleich.“
19.
Um nun desto eher das Vergnügen zu genießen Seine Mutter und Schwester in die Arme zu schließen, Ward vorgedachtes Schreiben, zur Hand, Durch einen Expressen abgesandt.
20.
Daß Frau Jobs sich sehr gefreut und gelachet Und mit Estherchen sich bald aufgemachet, Und die commode Extrapost nahm, Und so endlich bei ihrem Sohn ankam,
21.
Das läßt sich alles wol von selbst verstehen. Wir wollen nun weiter schreiten und sehen, Wie der Herr Pfarrer sich fein und klug In seinem neuen Amte betrug.
Zweiunddreißigstes Kapitel. Hier werden die seltenen Verdienste eines Herren Dorfpfarrers beschrieben.
1.
Es war ein Plaisir Sonntags anzuhören Seine vortrefflichen Predigten und Lehren; Auch seine übrigen Amtsgeschäfte all’ Hatten höchstwohlverdienten Beifall.
2.
Auch in allen übrigen Stücken wußt’ er Zu geben allen seinen Amtsbrüdern ein Muster Der Tugend und der Rechtschaffenheit, Der Weisheit und der Gelehrsamkeit.
3.
Er suchte auch in andern Nebensachen, Sich seiner Gemeinde hochnützlich zu machen, Und war als allgemeiner Geheimerath Ihnen ersprießlich mit Rath und That.
4.
Waren etwa irgend Streitigkeiten, So suchte er gleich Frieden zu verbreiten, Schlichtete Processe bald, und so entriß Er den Advocaten manchen fetten Biß.
5.
Auch in manchen ökonomischen Affairen Suchte er sie zu leiten und zu belehren, Und wer seinen Vorschlägen Gehör gab, Mit dem lief es immer erwünscht ab.
6.
Die Kranken suchte er bestmöglichst allenthalben Abzuhalten von Pfuschern und Quacksalben, Gab oft selbst Hilfe durch Diät an, Oder wiese sie zu ’nem studirten Mann.
7.
Noch in mehr andern Sachen und Dingen Wußte er ihnen aufgeklärte Begriffe beizubringen, Ueber Kalendersachen, Jahrswechsel, Witterung, Und was man lase in der Zeitung.
8.
Vom Aberglauben und Alfanzereien Suchte er die Ohnwitzer besonders zu befreien, Und es währte daselbst keine volle zwei Jahr, Daß weder Hexe noch Gespenst mehr da war.
9.
Saßen sie zur Erholung in der Schenke beim Biere, So verschaffte er ihnen daselbst nützliche Lectüre; Führte Faustens Katechismus ein Und Beckers Noth- und Hilfsbüchlein.
10.
Auch Kortums Gesundheitsbüchlein für Bergleute, Theilte er aus in der Nähe und in der Weite; Weil in Ohnwitz und benachbartem Land Sich manches gefährliche Bergwerk befand.
11.
Aber nicht nur um Alte, sondern auch nicht minder Um die ehmals verwahrlosete Jugend und Kinder Gab er sich unbeschreibliche Müh’ Und bildete zur Tugend und Weisheit sie.
12.
Unterdessen, in einem einzigen Stücke, Hatte er bei der Gemeine anfangs kein Glücke; Ich meine das neue Gesangbuch, Welches er einzuführen vorschlug.
13.
Länger als andre Gemeinden hatten beim alten Gesangbuche die Ohnwitzer festgehalten; Denn sie sagten öffentlich, ’s sei Das neue Gesangbuch voll Ketzerei;
14.
Ihren Eltern und Großeltern wär’ es gelungen, Daß sie sich selig aus’m alten Gesangbuch gesungen, Und darum hielten sie auch beim Spruche sich: Altes Gesangbuch, dir leb’ ich, dir sterb’ ich!
15.
Diesen Starrsinn ihnen aus den Köpfen zu bringen Und sie einmal vernünftig zu lehren singen, War freilich Arbeit eines Herkules, Es gelang dem Herren Pfarrer Jobs indeß.
16.
Denn er zeigte ihnen sonnenklar und deutlich, Aber doch geziemendlich und bescheidlich, Daß in dem alten Gesangbuch weit mehr Von Ketzerei anzutreffen wär’.
17.
Ein gar frommer Arzt im benachbarten Lande, Der sich etwas auf derlei Sachen verstande, Half ihm darin getreulich und klug Und schrieb darüber ein kleines Buch.
18.
(Denn die eigentlichen geistlichen Amtsbrüder In der Nähe kümmerten sich nicht um die Lieder, Sondern ihnen war es vielmehr lieb, Wenn’s fein beim alten Gesange blieb.
19.
Denn da brauchten sie nicht sich zu incommodiren, Das neue Gesangbuch durchzustudiren, Und sie stießen so auch beim gemeinen Mann Nicht wegen vermeinter Ketzerei an;
20.
Weil man schon in einigen Gemeinden gesehen, Daß dadurch viele Unruhen geschehen Und man sich manches Geschenk entzog, Was sonst für den Pfarrer in die Küche flog.)
21.
Da hat sich endlich die Gemeinde geresolviret Und zu Ohnwitz das neue Gesangbuch eingeführet, Und die ganze Sache nahm behend Ein vergnügtes und vernünftiges End’.
Dreiunddreißigstes Kapitel. Wie sich Ehren Jobs im guten Wohlstande bis dato befindet, und wie seine Mutter starb, und wie seine Schwester ihm gut haushält.
1.
Ehren Jobs befand sich immer im Wohlstande Und ward bald berühmt im ganzen Lande, So daß manche ansehnliche Stadt Ihn zum Pfarrer verlanget hat.
2.
Aber er schlug aus alle Vocationen, Entschloß sich bis ans Ende zu Ohnwitz zu wohnen, Und bleibet auch, seinem Entschlusse getreu, Bis auf die jetzige Stunde dabei.
3.
Er hätte auch schon können werden Professer, Aber er steht sich als schlichter Pfarrer weit besser, Weil meistens ein Professoriat Viel Arbeit und wenig Einkünfte hat.
4.
Auch einige ansehnliche Provinzen ernennten Ihn schon lange zum Superintendenten; Allein er zieht wieder den simpeln Pastor Jedem großen Superintendenten vor.
5.
In manchem gedruckten gut recensirten Werke Bewies er in der Gelehrsamkeit seine Stärke; Jedoch schrieb der Autor Hieronimus Aus Bescheidenheit immer als Anonymus.
6.
Von seinem ehmaligen A-b-c-Buche waren In Ohnwitz noch hie und da Exemplaren; Diese kaufte er, wo er sie fand, Und opferte sie dem Vulkan zur Hand.
7.
Wollten manche Autoren sich dies wol merken Und eben so thun mit ihren frühern Werken; So handelten sie wahrlich weislich und klug, Denn man hat der elenden Bücher genug.
8.
Viele Gesellschaften nützlicher Künste, Nahmen ihn wegen seiner großen Verdienste, Auf in ihre hochgelehrte Zahl, Und machten ihn förmlich zu ihrem Sodal.
9.
Auch eine der berühmtesten Akademien Krönte gratis sein gelehrtes Bemühen, Und sandte ihm mit großem Compliment Das Doctoris Theologiae-Patent.
10.
Auch hat der Fürst ohne sein Wissen und Begehren Ihn mit Consistorialrathstitel thun beehren; Er hat zwar alle diese Ehren nicht veracht’t, Aber doch davon nie Gebrauch gemacht.
11.
Seine Mutter hat leider nur vier Jahre Vergnügt durchlebt bei ihm auf der Pfarre, Und er hat immer als treuer Sohn sie Geliebt und gepfleget spat und früh.
12.
Sie war sehr geplagt mit hysterischen Schmerzen, Hatte öfters Drücken am Magen und Herzen, Und längst schon traf man keinen einzigen Zahn In ihrem Munde zum Beißen mehr an.
13.
Drum verschlang sie meist die Speisen ungekauet, Diese wurden also nicht gehörig verdauet; Das erregte nun manche Indigestion, Und Wassersucht war endlich die Folge davon.
14.
Auch ward die Frau leicht zum Aerger beweget Und so die Galle heftig oft erreget, Denn, um ’ne Nadel oder ein Ei, Erhub sie manchmal Zetergeschrei.
15.
Der Kümmelbranntwein konnt’ zwar oft lindern Und ihr Magen- und Herzweh augenscheinlich mindern, Denn er trieb die Winde salva venia in die Höh’, Und curirte, wie sie sagte, das „historische“ Weh.
16.
Drum machte sie’s, wie viel andre alte Frauen, Welche sich oft ärgern und nicht gut verdauen, Nämlich, weil sie sich dabei so wohl befand, Hatte sie den Branntweinskrug immer zur Hand.
17.
Sie hätte gerne noch länger hier geweilet, Aber der Sensenmann hatte mit ihr geeilet, Und weil es dann nicht anders konnte sein, So schlief sie als ’ne gute Christin ein.
18.
Man wollte sie in der Kirche bei der Orgel begraben, Das wollte Herr Hieronimus aber absolut nicht haben; Denn er glaubte, der Kirchhof sei schicklicher zu Der abgestorbenen Leiber Ruh’.
19.
Er hat deswegen auch nachdrücklich befohlen, Daß, wenn Freund Hein ihn dereinst würde abholen, Man auch an ihm gleichfalls bei Leibe nicht In der Kirche vollstrecke die letzte Pflicht.
20.
Darin ist er nun billig hoch zu rühmen; Denn für ein Gotteshaus will’s sich nicht geziemen, Daß darin garstiger Leichengestank Die Zuhörer mache übel und krank.

21.
Er hat sogar gethan vernünftige Vorschläge, Daß man den Kirchhof auswärts des Dorfs verlege, Damit nicht etwa ’ne zu nahe Gruft Seuchen bringe und verpeste die Luft.
22.
Besonders pflag er noch immer dran zu denken, Daß man ihn einst hatte wollen lebendig versenken, Er war also fleißig darüber aus, In Ohnwitz zu errichten ein Leichenhaus.
23.
Weil aber solches Gebäude gegenwärtig Wegen allerlei Hinderniß schwerlich wird fertig, So macht er sich es zur strengsten Pflicht, Die Todten vor’m fünften Tag zu begraben nicht.
24.
Sintemal wir vom Erzbischof Willigis lesen, Welcher eines Rademachers Sohn gewesen, Daß er zum Andenken ein Wagenrad Zu Mainz sich zum Wappen gewählet hat:
25.
So ließ auch er, um des vorigen nicht zu vergessen, Noch sich seines jetzigen Standes zu übermessen, In seinem Musäo über der Thür vorn, Malen ein großes Nachtwächterhorn.
26.
Damit hat er andern ein Exempel gegeben, Daß man sich im Glücke nicht müsse überheben; Denn gewöhnlich thut einer groß und dick, Wenn ihn aus dem Staube hebet das Glück.
27.
Seine Schwester geht jetzt im 23ten Jahre Und ist noch immer bei ihm auf der Pfarre, Sie liebt ihn und hält ihm trefflich Haus, Sieht auch noch immer schön blühend aus;
28.
Ist gefolglich zum Heirathen nicht verdorben, Deswegen haben viel Freier um sie geworben, Aber sie fand noch keinen bequem, Daß sie ihn zu ihrem Manne nähm’.
29.
Einige wollen unmaßgeblich meinen, Als thät es manchmal nicht undeutlich scheinen, Daß der junge Herr Baron von Ohnewitz hätt’ Absicht auf sie fürs Ehebett.
30.
Wenigstens ist sie sehr gut von ihm gelitten, Und hat wegen ihrer Artigkeit und guten Sitten, Es auf dem freiherrlichen Ohnwitzer Schloß Auch beim Herrn und der gnädigen Frau gar groß.
31.
Alle Ohnwitzer mögen sie gut leiden, Denn sie behandelt sie freundlich und bescheiden, Erkundigt sich bei ihnen nach Kindern und Vieh, Nach Knechten und Ochsen, und Mägden und Küh’.
32.
Bauern, welche für die Küche was präsentiren, Pflegt sie mit Tabak und Schnaps zu regaliren, Und die Bäurinnen bekommen den Thee, Oder, wenn’s Präsent der Müh’ werth ist, Kaffee.
33.
Uebrigens ist gewiß, daß in keinem Dorfe nirgends, Weder im römischen Reiche noch sonst irgends, So gute und vernünftige Leute sind, Als man sie jetzt zu Ohnewitz find’t.

34.
Da sieht man, wie schön eine geistliche Heerde Unter guter Anführung gebildet werde; Indeme hier das Sprüchwort eintraf: Wie der Hirte ist, so ist das Schaf.
Vierunddreißigstes Kapitel. Zeiget kürzlich, wie sich alles weit besser hier gereimet habe, als im ersten Theile.
1.
Ich kann mich mit der Geschichte von Hieronimi Leben Dermalen nun nicht weiter abgeben, Sondern lasse ihn im vergnügten Besitz Der schönen Pfarre zu Ohnewitz.
2.
Sintemal wider jedes Denken und Verhoffen, Im zweiten Theile alles besser eingetroffen, Als es vormals im ersten Theile geschah; Denn nun ist die Erfüllung von allem da,


3.
Was der Traum der Frau Jobs ihr geprophezeiet, Und Frau Schnepperle gephysionomeiet, Und Frau Urgalindine gesaget wahr; An allem fehlt nicht ein einziges Haar.
4.
Indessen muß man doch darum nicht trauen Und auf dergleichen Vorbedeutungen bauen; Denn ich sage es und bleibe dabei, Es ist Aberglauben und Dummerei.
5.
Wir wollen uns vielmehr zum Beschluß bemühen, Aus der Geschichte einige Lehren zu ziehen; Denn ein solch Büchlein ohne Moral Schließt sich zu trocken und schmecket zu schal.
6.
Ob noch ein dritter Theil künftig werde erscheinen, Will ich weder bejahen noch verneinen, Doch glaub ich, ein geehrtes Publikum hat An den zwei Theilen schon genug und satt.
7.
Sonst läßt sich von Herrn Jobs künftigem Betragen Noch manches, theils Lustig’s, theils Ernsthaftes, sagen, Welches ich mir dann auch in der Still’ Zum möglichen Gebrauch notiren will.
8.
Da könnte es mir dann auch vielleicht gelingen, Seine Schwester Esther gut unterzubringen: Auch machte vielleicht der Franken Revolution Bei seinem Schicksal eine Diversion.
9.
Kurz, an Stoff zum Lügen und zum Erzählen Würde es mir schwerlich auch künftig nicht fehlen, Und zu einem solchen Knittelgedicht Gehört auch eben kein Kopfbrechen nicht.
Fünfunddreißigstes Kapitel. Hier folgt zum Beschluß die Moral und das Buch nimmt ein trocknes Ende.
1.
Pro primo kann man überhaupt hieraus sehen, Daß oftmals sonderbare Dinge geschehen, Und es auf unserm Lumpenerdenplanet Kraus und bunt durcheinander geht.

2.
Denn wenn wir die sämmtlichen Avantüren Des Hieronimi vernünftig ponderiren, So finden wir, daß in keinem Roman Etwas Curiosers geschehen kann.
3.
Pro secundo kann man hier erfahren Den Unterschied der jüngern und ältern Jahren, Und wie wahr das gemeine Sprüchwort spricht: Der Verstand kommt oft vor dem Alter nicht.
4.
Denn Hieronimus war vormals in seiner Jugend Eben kein Liebhaber der Gelehrsamkeit und Tugend, Bis er, als Schwabe, nach 40 Jahr, Ein vernünft’ger und gelehrter Mann erst war.
5.
Pro tertio muß man niemals verzagen In trüben und finstern Elendstagen, Weil im künftigen Lebenslauf Die Glückssonne sich oft kläret auf.
6.
Denn als Hieronimus im Nachtwächterstande, Ja gar als Todter im Sarge sich befande, Ging es ihm traurig und schlecht, nachher Ging es ihm desto angenehmer.
7.
Pro quarto wirkt ein vermeintes Ungelücke Manchmal günstige Aenderung im Menschengeschicke, Und aus Dornen sprießen sehr oft Gleichsam Rosen hervor gar unverhofft.
8.
Denn der Schlaf, drin Hieronimus drei Tage gelegen, Gereichte ihm zu seinem Glücke und Segen, Und sein ganzer Charakter und Verstand Wurde dadurch gleichsam umgewandt.
9.
Pro quinto notiren wir uns hier die Lehre, Daß Wohlstand, Reichthum, Glück und Ehre Oft von einer ohngefähren guten That Ungesucht ihren ersten Ursprung hat.
10.
Denn hätte Hieronimus auf der Reise den reichen Herren Nicht gefunden sich gegen die Räuber wehren Und ihm seinen Beistand geleistet darob, So wär’ er vielleicht jetzt noch so arm wie Job.
11.
Pro sexto muß man die große Pflicht betrachten, Daß man keinen Menschen dürfe verachten, Wenn ihn auch das Schicksal verächtlich neckt, Weil man nicht weiß, was hinter ihm steckt.
12.
Denn wer hätte im ersten Theil es sagen wollen, Daß Hieronimus der Mann hätte werden sollen, Der er, wie ich hoffe, mit guter Art, Im jetzigen zweiten Theile ward.
13.
Pro septimo läßt sich nicht undeutlich merken, Groß Glück sei nicht immer Folge von Müh’ und Werken, Sintemal es oft mancher im Schlaf Ohn alles sein Zuthun und Mühe antraf.
14.
Denn hätte Hieronimus kein Opiat genommen Und wäre nicht dadurch in Todesschlaf gekommen, So wär’ auf ihn von niemand reflectirt, Noch Herr von Ohnewitz zu ihm geführt.
15.
Pro octavo läßt sich finden und verstehen, Wie gut und ersprießlich alle Sachen ergehen, Wenn man nicht nur in Wort sondern auch That Reiche Patronen und Freunde hat.
16.
Denn wäre Herr von Ohnewitz, wie wir gelesen, Nicht sein wahrer Gönner und Freund gewesen, So bekleidete er jetzt nicht im Wohlstand Die reichste Pfarrstelle im ganzen Land.
17.
Pro nono ist es eine sehr geringe Mühe, Daß man daraus noch manche andre Lehre ziehe, Und das mögen nach bestem Gefallen nun Die hochgeehrten Leser allenfalls selbst thun.
18.
Pro decimo will ich nur noch den Rath ertheilen, Sich nie im Urtheilen zu übereilen, Sondern daß jeder das Respice finem, So wie ich jetzt, sich zur Regel hinnehm’.

Sie tranken des Mondes Silberschein Und das Flimmern der lieben Sternelein. Kap. XI. V. 26.
Leben, Meinungen und Thaten von Hieronimus Jobs, Excandidaten,
Exnachtwächter, Ohnwitzer Expfarrherr und endlich zu Schönhain gar Herr.
Abermals mit viel schönen Gebilden: Nachtstücken, Porträten, Monumenten und Schilden; Verfertigt von des Autors eigner Hand Nach Poussin, Raphael, Rubens und Rembrand.
Dritter Theil.
Erstes Kapitel. Wie der Autor noch einmal den Gaul Pegasus zäumet und ihn nach der Hippokrene reitet, welche ist eine Poetenschwemme in der Landschaft Boetia. Nebst mancherlei Präliminarien zum dritten Theile der Jobsiade.

1.
Noch einmal will ich den Gaul Pegasus zäumen, Und um ’nen dritten Theil zusammen zu reimen, Reiten in die Tränke Hippokrene hinein, Und damit soll es dann Punktum sein.
2.
Weil seit dem zweiten Theil von Hieronimi Leben Sich manche Veränderung mit ihm hat begeben; Denn in der Welt überhaupt wechselt’s sich, Besonders in unsern Tagen, gar wunderlich.
3.
An meinem guten Willen soll es nicht fehlen, Alles ausführlich und anmuthig zu erzählen, Und mit diesem dritten Theile steht Also die Jobsiade complet.
4.
Auch viel hübsche in Holz geschnittene Bilder, Monumente, Porträte, Wappenschilder, Imgleichen ein gar niedliches Nachtstück, Siehet man hier aus neuer Fabrik.
5.
Mit dem zweiten Theil bin ich, wie ich vernommen, Bei den Lesern ziemlich gut weggekommen, Und das machte natürlicher Weise dann, Daß ich gleich den dritten zu fabriciren begann.
6.
Zwar konnte freilich mein Büchlein allen Und jeden nicht eben gleich gut gefallen; Allein, daß nicht allen alles gefällt, Ist ja, wie bekannt, so der Lauf der Welt.
7.
Ich wollt’ auch nicht für alle und jede schreiben; Wer’s nicht lesen will, kann’s ja lassen bleiben, Mancher ist doch, der die Finger darnach leckt, Was einem andern so delicat nicht schmeckt.
8.
Es kommt leider auf unserm Erdenrunde Manche trübe und verdrießliche Stunde, Theils durch eigne, theils durch fremde Schuld; Davon entstehen im Herzen Ungeduld,
9.
Finsterniß in der Seele, Grillen im Hirne, Runzeln auf den Wangen, Furchen auf der Stirne, Im Systeme der Vena porta Symptomata hipochondrica,
10.
Gallenkrankheiten und allerlei Malheuren, Welche nach und nach die Kräfte zerstören, Und endlich heißt’s: Ade Partie! Er ist gestorben und nicht mehr hie!
11.
Da wollt’ ich nun gern ein Scherflein beitragen, Um einige dergleichen trübe Stunden zu verjagen; Wahrlich, dieses und etwas anders nicht, War bei der Jobsiade meine Absicht.
12.
Ich selbst habe, indem ich sie geschrieben, Mir manche Grillen aus dem Kopfe vertrieben, Und wenn ich war bei dieser Reimerei, Ging mir oft das Hypochonder vorbei.
13.
Ist mein Zweck erreicht, so wird’s mich erfreuen, Und mein Büchlein soll mich nicht gereuen, Posito, es enthielt’ solches auch nur Eine blose Palliativkur.
14.
Nebenbei suchte ich nützliche Kleinigkeiten, Wo es geschehen konnte, hier und da zu verbreiten, Und wo ich Dummheit und Bosheit fand, Gab ich wol ’nen Hieb en passant.
15.
’S kann sein, daß ein oder andrer griesgrammet, Und mich wegen dieser Hiebe hart verdammet Und denket: Ich glaube sicherlich, Der hämische Autor meinet mich.
16.
Ich für mein Theil aber kann’s vertragen, Daß er dieses möge gedenken oder sagen; Denn ich versicher’s ihm ins Gesicht: Ich meine nur seine Handlungen, ihn nicht.
17.
Ich lasse es übrigens auch gern geschehen, Daß Recensentenwetter über mich ergehen, Denn der Autor’n Haut ist bekanntlich dick Und fragt heuer nicht viel nach Kritik.
18.
Aber dem unbedeutenden Gekläffer Kleiner Geister und elender Käffer Gehe ich mitleidig und lächelnd vorbei, Und achte nicht auf das leere Geschrei.
19.
Alles, worüber man etwa kritisiret, Hab ich mir schon selbst zu Gemüthe geführet; Denn ich fühl’ es unerinnert gar wohl, Das Ding ist nicht ganz wie es sein soll.
20.
Ich will auch forthin mit Knittelversschreiben Die Zeit nicht mehr mir und andern vertreiben, Und nehme hiemit förmlich von Den geneigten Lesern Dimission.
Zweites Kapitel. Darin wird ausführlich gehandelt von dem braven Betragen des Herrn Jobs in seinem Pfarramte.
1.
Welch schönes Exempel in Lehr’ und Leben Herr Pfarrer Jobs den Ohnwitzern gegeben, Das haben wir, obgleich kurz und in Eil’, Schon gesehn Kapitel 32 im zweiten Theil.
2.
Es glich ihm im ganzen Schwabenlande Kein Amtsbruder an Frömmigkeit und Verstande, Und keiner streuete so wie Er Den Samen des Guten um sich rund her.
3.
An seinen vortrefflichen Kanzelgaben Konnten nicht blos die Ohnwitzer sich laben, Sondern auch aus der Ferne durch Dick und Dünn Ging man Sonntags, um ihn zu hören, hin.
4.
Denn seine Reden waren kräftig und rührend, Seine Spruchbeweise ächt und überführend, Und Ausführung und Application Alles im populären Ton.
5.
Seine Antecessores im Pfarramte Hatten geschriebene Predigten für gesammte Sonntage im ganzen Jahr, Auch für jedes hohe Fest ein paar.
6.
Da brauchten sie also sich nicht zu geniren, Um auf neue Predigten zu studiren, Sondern sie hielten jene, Jahr aus Jahr ein, Von Neujahr bis zu den unschuldigen Kinderlein.
7.
Auch für außerordentliche Begebnissen, Copulationen, Taufen und Begräbnissen, Hatten sie in ihrem Pulte früh und spat Einige hübsche Reden im Vorrath.
8.
Diese wußten sie dann nach Standesgebühren, Nach Proportion der Zahlung zu extendiren; Denn wo es nur wenig Gebühren gab, War die Rede meist etwas schal und knapp.
9.
Einige trieben ihre Kunstgriffe noch weiter, Und nahmen sogar als rüstige Reiter, Aus der Postille sich dann und wann Sonntags eine Predigt zum Vorspann.
10.
Herr Pfarrer Jobs hatte aber gar nicht nöthig Seine Predigten zu haben vorräthig, Denn sein geistiges Rednertalent War, wie wir schon wissen, excellent.
11.
Er brauchte nur einmal am Aermel zu rütteln, So konnte er gleich ’n halb Dutzend heraus schütteln; Das heißt: Ihre Verfertigung that gar nicht weh, Er konnte sie machen ex tempore.
12.
Ohne sich an gewöhnliche Texte zu binden, Pflegte er immer solche zu wählen und zu finden, Welche die Gelegenheit oder sonst’ges Bedürfniß Ihm als nützlich für die Leute anwies.
13.
Seine Bibliothek war schön und auserlesen, Größer als je bei einem Dorfpfarrer gewesen, Jedoch unter allen seinen Büchern traf man Keine einzige Postille an.
14.
Wenigstens in seinen öffentlichen Reden und Lehren Ließ er nie etwas Heterodoxes hören, Und er wiche keinen Fingerbreit von Der Augsburgischen Confession.
15.
Er vergab sich nicht die allerkleinsten Partikeln Von den einmal beschwornen Schmalkald’schen Artikeln, Und daran handelte er klüglich gewiß, Denn er vermied dadurch manches Aergerniß.
16.
Zwar war er Punkto der symbolischen Bücher Hier und da nicht so ganz feste und sicher, Doch hielt er sich bei solchem Dubium Gegen andere gewöhnlich dumm.
17.
Wenn ein Schaf seiner Heerde abwärts wiche, Oder auf verbot’nen Wegen herumschliche, So war er immer auf seiner Hut, Und lockte es wieder mit Pfiffen der Sanftmuth.
18.
Er betrachtete im Strafen keine Personen, Achtete nicht auf Stand, Würden und Connexionen, Sondern schor jedes Ohnwitzer Schaf und Lamm Unparteiisch über einen Kamm.
19.
Obgleich diejenigen, welche Bockstreiche machten, Ihm ansehnliche Küchengeschenke brachten, Nahm er sie drum nichts desto weniger Privatim unter vier Augen her.
20.
Der Herr Amtmann so wie der Küchenschreiber, Der erste Schulze so wie der Kühtreiber Galten ihm alle insoweit eins, Denn er schonte, wo’s nöthig war, keins.
21.
Selbst der gnädigen Frau und dem gnädigen Herren Gab er scharfe Vermahnungen und derbe Lehren, Wenn er etwa an ihrem Seelenzustand Eine Kleinigkeit auszuflicken fand.
22.
Doch pflegte er niemals öffentlich zu schmälen, Und jeden Unfug des Sonntags zu erzählen, Schlug auch nie im geistlichen Eifer und Wuth Seine Hand und das Kanzelbänkchen caput.
23.
So gewann er vollkommene Liebe und Vertrauen Im Dorfe bei allen Mannen und Frauen, Und sein gutes Gerüchte erschall Im ganzen Lande rund überall.
24.
Die Ohnwitzer alle, Grobe und Feine, Alte und Junge, Große und Kleine, Wären allenfalls gerne kühn Aus Liebe durch’s Feuer gelaufen für ihn.
25.
Die Bauern machten gemeinlich schon von ferren Einen Kratzfuß für den lieben geistlichen Herren, Und jede Bäu’rin war schnell und fix, Wenn sie ihn sahe, mit ihrem Knix.
26.
Ja sogar die kleinen Mädchen und Knaben, Wenn Herr Jobs ihnen begegnete, gaben Ihm mit allem möglichen Anstand Verehrungsvoll und freundlich die Kußhand.
27.
Ehmals waren leider die Ohnwitzer Kinder Erzogen schlimmer wie Böcke und Rinder; Aber seit Pfarrers Hieronimi Zeit Lernten sie Zucht und Ehrbarkeit.
28.
Denn er machte es zur Pflicht bei ihren Alten, Sie fleißig zu Schulen und Sitten anzuhalten, Und ließ es seinerseits auch ermangeln nicht An ’nem guten christlichen Unterricht.
29.
Er gab öfters in der Schule Visiten, Um bei dem Dorfschulmeister zu verhüten, Daß seine künftige Pädagogei Nicht so pedantisch wie vormals sei.

30.
Denn ehmals gab’s von der Ruthe und dem Bakel Auf’m Hintern und Rücken manchen blauen Makel, Oft wurden gar Rippen und Arme krumm, Und die Kinder vom Lernen vollends dumm.
31.
Diesen Uebeln in der Schule auszuweichen, Pflegten sie vormals gerne vorbei zu schleichen, Und sie sahn das in die Schule Gahn Als ihr größtes Kreuz und Unglück an.
32.
Aber jetzt wurden die Prügel abgeschaffet, Und die fehlenden Kinder mit Worten bestrafet, Drum gingen sie nunmehr sittig und fein Gern in die Schule, um zu lernen, hinein.
33.
Da thaten sie also mächtig profitiren Im Schreiben, Lesen und Buchstabiren, So daß ein unmündiges Kind von acht Jahr Jetzt gelehrter wie der alte Dorfschulz war.
34.
Auch die vorigen Ohnwitzer Herrn Pastores Bekümmerten sich nicht viel, wie es um die Mores Ihrer anvertrauten Heerde stand, Wenn sich sonst nur alles in statu quo befand.
35.
Drum war im Dorf Haß, Streit, Fressen, Saufen, Büberei, Unzucht, Balgen und Raufen, Dieberei, Prellerei, Neid und Betrug Sehr gemein und schier täglich genug.
36.
Fast alle Sonntage war in der Schenke Schlägerei, Schimpfen, Lärm und Gezänke, Und immer in jeder folgenden Woch’ Mußten ein Paar zur Strafe ins Hundeloch.
37.
Auch gab’s dabei viele ansehnliche Brüchten In die Canzleikasse gewöhnlich zu entrichten, Und insoweit sahn die Justizherrn Dergleichen Unfug eben nicht ungern;
38.
Aber seitdem Herr Jobs die Pfarre bekommen, Hat man wenig oder wol gar nicht vernommen, Daß es Brüchten gab oder einer ins Hundeloch Wegen verübeter Excesse kroch.
39.
Denn seine vortrefflichen Kanzellehren Mußten fast jeden Sünder bessern und bekehren, Besonders sein eigenes Leben war Ein ächtes Tugenden-Exemplar.
Drittes Kapitel. Fortsetzung des vorigen.
1.
Seine Vorgänger thaten bei gutem Muthe Sich gerne bei andern bene und zu gute Und waren mit Weib und Kindern viel, Wo was zu essen oder trinken vorfiel.
2.
Er aber ging höchst selten zum Schmause, Und geschah es, so eilte er doch früh nach Hause, Denn er haßte alle Schmarozerei Und blieb seiner geistlichen Würde getreu.
3.
Er war auch zu Hause kein heimlicher Prasser, Trunk wie Timotheus nur wenig Wein, doch mit Wasser, Bei der Tafel und sonsten nur für Den Durst ein leichtes Hausmannsbier.
4.
Bei gewissen hochfeierlichen Gelegenheiten Pflegte er wol bis zum halben Räuschlein zu schreiten, Aber er behielt doch immer den Verstand rein, Stank übrigens nie nach Tabak und Branntwein.
5.
Auch war er kein Leckermaul noch Fresser, Sein Magen- und Mundbedürfniß war selten größer, Als Suppe, ein Stückchen Fleisch und Zugemüß’, Oder sonst wo ’ne Kleinigkeit zum Anbiß.
6.
Die etwaigen Tafelüberflusse Hatten immer die Armen zum Genusse, Und diese hielten, Jahr ein Jahr aus, Offne Tafel in seinem Vorhaus.
7.
Besonders geschah dieses seit den Jahren, Als seine Mutter Schnaterin Todes verfahren; Denn die liebe, gute, selige Frau War zuweilen etwas ängstlich und genau.
8.
Hatte er dann und wann seltne Leckerbissen, So pflegte er selbst nur wenig davon zu genießen, Sondern dürftige Kranke bekamen davon Meistens die größeste Portion.
9.
Ueberhaupt war er voll Mitleid und Erbarmen Für alle und jede Nothleidenden und Armen, Und war mit möglichstem Rath und That Ihnen zu helfen immer parat.
10.
Er unterließ nicht, mit vollen Händen Almosen den Hilfsdürftigen auszuspenden, Und wo er einen nackt und unbekleidet sah, War er gleich mit Hemd, Rock, Schuh, Hosen da.
11.
Morgens war oft seine Kasse und Ficke Von eingekommenen Geldern voll und dicke, Aber Abends beim Zubettegehn War kein Batzen mehr drin zu sehn.
12.
Er gab aber alles in größester Stille Ohne Prahlerei, Vorwürfe oder Gebrülle, Und immer blieb gleichsam der linken Hand, Was die rechte machte, unbekannt.
13.
Er war stets freundlich und dienstfertig Und gleich bei Tag und Nacht gegenwärtig Zur Menschenliebe und zur Dienstpflicht, Und so commod’ wie sein Antecessor nicht.
14.
Besonders achtete er weder Frost noch Hitze, Wind und Regen, Donner und Blitze, Wenn ihn etwa dringende Noth Zu einem Kranken zu eilen gebot.
15.
Nie war er kriechend oder niederträchtig, Aber doch in Reden und Aeußerungen bedächtig, Und im Umgang kein pietistischer Murrkopf, Noch in Gesellschaften ein Sauertopf.
16.
Vielmehr suchte er im Umgang mit Leuten Frohsinn um sich her zu verbreiten. Denn er gedachte: das ächte Christenthum Besteht nicht im Kopfhängen oder Gebrumm.
17.
Doch Possen und zweideutige Narrendeutungen Trieb er nie bei Mädchen und bei jungen Weibern, sondern er bezähmte sein Fleisch Und blieb durchaus ehrbar, züchtig und keusch.
18.
Deswegen konnten mannbare Töchter und Frauen Ihm sicher alle Geheimnisse anvertrauen, Und weder Vater noch Ehmann sahen dazu, Wenn er bei jenen allein war, jaloux.
19.
Entfernt vom geistlichen Stolz und Hochmuthe, Blieb er vor wie nach bei kaltem Blute, Wenn man ihn just nicht „Herr Doctor“ hieß, Sondern es beim simpeln „Herr Pfarrer“ ließ.
20.
Drum will auch ich beim gewohnten Stil bleiben Und nicht Doctor, sondern Pfarrer Jobs meist schreiben, Weil ohnehin heut zu Tag der Doctorgrad Eben nicht hoch ansehnlich mehr staht.
21.
Allen Eigennutz und Geiz haßt’ er Als ein häßliches ungeistliches Laster, Und gab viel lieber, als daß er nahm, Wenn Geben und Nehmen in Collision kam.
22.
Deswegen wollte er auch nie wegen der Pfarrpächten Mit seinen Pfarrkindern krakelen oder rechten, Und er that nie mit seinen Schuldnern so Wie der Schalksknecht im Evangelio.
23.
War wo ’ne Kleinigkeit zu repariren, So ging er nicht gleich betteln und collectiren, Und enthielt sich von jeder Prellerei, Sie mag Namen haben, wie sie wolle, frei.
24.
Seine Vorgänger suchten durch Plusmachen sich zu bessern, Und die Pfarreinkünfte jährlich zu vergrößern, Und hatten immer bald hinten bald vorn Etwas zu tadeln an Beichtpfennig und Korn.
25.
Zwar geschah dies nicht immer ohn’ Ursach aus Geize; Denn viele Ohnwitzer waren schlimme Käuze, Und hielten es eben für kein Scandal, Wenn man den Pfarrer betrog oder bestahl.
26.
Drum gaben sie manchen falschen Beichtdreier Und Hühner, die den Pips hatten, und faule Eier, Und bei dem Getreide das mehreste mal, Fehlte es an Maß, Qualität und Zahl.

27.
Nie mischte er sich in fremde Händel und Sachen, Dachte vielmehr an die Lehre des alten Sirachen: Was deines Amts nicht ist zu Ohnwitz. Da laß, liebes Kind! deinen Vorwitz!
28.
Ehestiftungen und niederträchtige Kuppeleien Haßte er besonders bis zum Verabscheuen, Obgleich dies Geschäft seinem Amtsvorfahr Durch manchen Kuppelpelz einträglich war.
29.
Gegen andre Religionsverwandten Bezeigte er sich immer als einen Toleranten, Und schlug bei geringen Ketzerei’n Nicht gleich mit dem Prügel des Anathema drein.
30.
Er hielte, sowol Katholiken als Calvinisten, Für seine lieben Mitbrüder und Mitchristen, Und verdammte keinen mit kaltem Blut, Wär’s auch gewesen Türk’, Heid’ oder Jud’.
31.
Kurz, er machte seinem Amte und seiner Lehre Als ein ächter Religionsprediger, Ehre, Und in der ganzen Gegend umher War ein so braver Pfarrer nicht mehr.
Viertes Kapitel. Wohlstand in Ohnewitz.
1.
Gleichwie während Hieronimi Nachtwächterstande, In Schildburg sich alles ruhig und wohl befande, Und, so viel ich sicher weiß, allda Weder Einbruch noch Räuberei geschah;
2.
So und dermaßen, als nun geistlicher Hüter, Stimmte er die Ohnwitzer Seelen und Gemüther, Obgleich unter manchem Seufzer und Schweiß, Zur Rechtschaffenheit, Ordnung und Fleiß.
3.
Sie hatten zwar, wie wir schon wissen, harte Häute, Und wurden doch in kurzer Zeit die besten Leute, Und jeder wunderte sich schier sehr zu sehn Der Ohnewitzer vernünftigs Begehn.
4.
Sie heiratheten und urbarten wüste Räume, Zeugten fleißig Kinder und pflanzten Bäume, Gingen oft in die Kirch’ und aufs Feld, Hatten Verstand und Courage und Geld.
5.
Arbeiteten auch sonst wacker im Berufe, Baueten manche neue Scheune und Hufe, Und im ganzen Ohnwitzer Dorfe blieb Kein einziger müßiger Bettler noch Dieb.
6.
Sie zahlten die Martinspächte ohne Fehle, Thaten auf Zinse manche neue Kaptäle, Und so stieg in kurzem im schönsten Flor Das kleine Dorf ansehnlich empor.
7.
Zwar wuchsen auch mittlerweil’ Luxus und Moden Auf dem bisher altfränkisch ländlichen Boden, Und statt gesundem Bier und Milchbrei Trank man Kaffee und Zucker dabei.
8.
Die reichsten Männer spazierten in Pantoffeln, Aßen Braten und Blumenkohl statt Speck und Kartoffeln, Und trunken statt Kovent alten Pontak, Und rauchten vom allerbesten Tabak.
9.
Auch die jetzigen Ohnwitzerinnen, Statt Käse zu machen und Flachs zu spinnen, Lasen Romanen und strickten Filet, Hielten Visiten und trugen sich nett.
10.
Sogar die stolzirenden Dorfmädchen Zierten sich wie Jungfern in kleinen Städtchen, Trugen Kattun mit Zitz statt Leinwand Und aufgesteckte Mützen mit fein Band.
11.
Die jungen Kerls verließen oft Pflug und Flegel, Gingen des Nachmittags und schoben Kegel Und trunken in der Schenke firnen Wein Und luden zum Tanzen die Dirnen ein.
12.
Doch ward darin eben nichts übertrieben, Sondern alles ist in Fuhrmannswegen geblieben, Denn Herr Pfarrer Jobs hielte Tag und Nacht Ueberall getreu seine geistliche Wacht;
13.
Und steuerte überhaupt an seinem Theile Aller bösen Neuerung und jedem Unheile, Er hielt also wenigstens in essentialibus Alles auf dem alten deutschen Fuß.
14.
Auch der gnädige Herre auf dem Schlosse Geruhten zu haben eine sehr große Freude und Wohlbehagen dran, Wenn Hochdieselben diesen Wohlstand sahn.
15.
Sie entschlossen sich von nun an, zu verschonen Die Bauern mit den bisher beschwerlichen Frohnen, Und haben auch die uralte Leibeigenschaft Bei denselben allergnädigst abgeschafft.
16.
Das mehrte nun natürlich der Unterthanen Liebe, Und minderte die Zahl der Bettler und Diebe, Denn jeder konnte gemächlicher nun Für sich selbst arbeiten und gehörig ausruhn.
17.
Zuweilen gab der Herr ländliche Feste, Und da waren die Bauern sämmtlich seine Gäste, Und immer ginge lustig die Gei- ge und der ernste Brummbaß dabei.
18.
Die gnädige Frau hielt es nicht zu geringe, Mit dem Dorfschulzen zu machen einige Sprünge, Und der gnädige Herr öffnete jedes Mal Mit der artigsten Bäurin den Ball.
19.
Besonders gern tanzte der junge Herre Mit den hübschesten Mädchen ins Kreuz und die Quere Manches Menuet und englische Stück, Nach allen Regeln der Tanztaktik.
20.
Kam er mit Mamsell Esther an den Reihen, So that sich sein Herz vorzüglich erfreuen, Und es geschah alsdann hinc inde da Mancher Ausglitscher und faux pas.
21.
Da es nun zuging in allen Ehren, So mochte Herr Pfarrer Jobs es auch nicht wehren, Ja vielmehr billigte er ganz Einen unschuldigen ländlichen Tanz.
22.
Hätt’ auch wol selbst eins mögen mitmachen, Aber er enthielt sich gerne, um den Schwachen Nicht zu geben ein Aergernuß; Welch’s man dann auch von ihm rühmen muß.
23.
Auch ich meinerseits kann keine Sünden In dergleichen Leibesübungen finden, Wenn nur das Exercitium der Tanzkunst Geschieht ohne Anstrengung und Brunst.
24.
Wir werden übrigens in der Folge sehen, Was für gute Früchte daraus entstehen, Wenn regierender Herr und Unterthan Sich fein freundlich zusammen begahn.
Fünftes Kapitel. Dieses Kapitel handelt von des Herrn Pfarrers Jobs’ häuslichem Leben.
1.
Nun will ich auch von Herrn Jobs häuslichem Leben Noch eine vollständige Nachricht geben, Und wir sehen dann auch zugleich dabei, Ob auch auf’m Schlosse noch alles richtig sei;
2.
Denn beider Schicksal verwebt sich enger Mit einander desto mehr, je länger Die Erzählung der Geschichte währt Und man geduldig zu lesen fortfährt.
3.
Herr Jobs that, wie gesagt, mit aller Treue, Alles was gehörte zu seiner Pfarreie; Auch in seiner Oeconomie befand sich Alles fein sauber und ordentlich.
4.
Er konnte sich zwar selbst damit nicht befassen, Mußte sie also seiner Schwester überlassen; Denn sie war, nachdem die Mutter storb, Das Factotum und allein Henne im Korb.

5.
Er befand sich dabei auch gar nicht übel, Und seine Bücher, besonders das Studium der Bibel, Vertrieben ihm angenehm die Zeit In seines Musei Einsamkeit.
6.
Er ging auch, um sich zu divertiren, Bei guter Witterung zuweilen spazieren; Wobei er dann fein gesund blieb Und verhütet wurde das malum Hyp.
7.
Auch pflegte er sich oft persönlich zu erkünden Nach der herrschaftlichen Familie Wohlbefinden, Und sowol die gnädige Frau als beide Herrn Sahen ihn jedesmal herzlich gern.
8.
Er war auf dem freiherrlichen Ohnwitzer Schlosse Gleichsam Spiritus familiaris und Hausgenosse, Und wenigstens jeden Sonntag fast Nach geendigtem Gottesdienst Gast.
9.
Auch hat sich der junge Baron oft zu ganzen Stunden, Zum Besuche im Pfarrhause eingefunden, Und es verginge kein einziger Tag, Daß er nicht wenigstens en passant einsprach.
10.
Doch was diese Besuche betrifft, so scheinet, Daß er eben nicht immer damit den Bruder gemeinet; Denn es kümmerte ihn nicht, wenn er vor der Hand Nur blos die Schwester zu Hause fand.
11.
Er ging am liebsten in der Pfarrgegend jagen, Auch der hübsche Garten da that ihm behagen, So daß er beständig einen Vorwand Zu seinen frequenten Visiten erfand.
12.
Zum Exempel: Abends fand er in diesem Reviere Das sanfte Wehen der kühlen Zephyre In den Bäumen daselbst sehr angenehm, Und das Wäldchen da zum Spazieren bequem.
13.
Oder, er hatte über gewisse gelehrte Sachen Mit Herrn Doctor Hieronimus etwas zu sprachen; Oder er brachte ein Häschen oder Rebhühnlein, Das er geschossen, in die Küche hinein;
14.
Oder er pflegte ins Pfarrhaus zu eilen, Angenehme Neuigkeiten dort zu ertheilen; Oder er kam, und es war noch zu früh, Zum sonntäglichen Gottesdienst hie;
15.
Oder er hatte Aufträge und Freundschaftspflichten Von seinen Eltern an Herrn Jobs zu entrichten; Oder er erkundigte sich auch wol blos, Ob nichts zu bestellen sei fürs Schloß.
16.
Die Ohnwitzer haben mit Verwunderung gesehen Ihn so ofte ins Pfarrhaus hinein gehen; Denn es begab sich, daß er Gelegenheit nahm Und täglich wol zwei- bis dreimal kam.
17.
Kurzum, auch im häuslichen Geschicke Lächelte dem Herrn Pfarrer Jobs das Glücke, Besser als manchem Prinzen und Rex, Oder in neuerer Zeit einem Pontifex.
Sechstes Kapitel. Wie Herr Jobs auch sein Hauskreuz hatte, ob er gleich keine Frau hatte und von seiner Schwester Krankheit.
1.
Indessen das Erdenglück hat hinten und vornen Doch immer etwas von Stacheln und Dornen, Und nach diesem Sprüchwort ging es auch so Dem Doctor und Pfarrer Hieronimo.
2.
Seine Haushälterin die geliebte Schwester, Das sonst muntre Mädchen, die gute Esther, Nahm, dies bemerke er schon einige Zeit, Augenscheinlich ab an Lebhaftigkeit.
3.
Zwar versah sie ziemlich alle Geschäfte, Es fehlten ihr auch eigentlich dazu keine Kräfte, Und sie befolgte treulich spät und früh Die beste Aufsicht in der Oeconomie.

4.
Allein sie schien oft in Gedanken zerstreuet, Ward durch gewöhnliche Sachen nicht erfreuet, Und man sah, daß sie nicht so gar flink, Wie vormals, in allem zu Werke ging.
5.
Auch Seufzer, sowol publice als im Stillen, Entstiegen oft der Brust ohne ihren Willen, Wenn sie bei ihrem Spinnrädchen saß, Oder gar indem sie trank oder aß.
6.
Ja man sah nicht selten auf ihrem Backenpärchen Hangen einige perlfarbene Zährchen, Und ihre klaren blauen Aeugelein Waren oft roth, naß und unrein.
7.
Auch hörte man einigemal in ihrer Schlafkammer Des Nachts ein heimliches Stöhnen und Gejammer, Und dennoch sagte oder klagte sie Ihr dringendes heimliches Anliegen nie.
8.
Auch die frische Farbe ihrer runden Wangen Ist nach und nach verloren und vergangen; Vormals war sie schön rosenroth, Und nun ward sie schier blaß wie der Tod.
9.
Ehmals war sie immer bei gutem App’tite, Dies setzte bei ihr natürlich gesundes Geblüte; Aber nun war App’tit, Durst, froher Sinn, Nächtliche Ruhe et caetera dahin.
10.
Auch hatte sie zuweilen mit Nervenkrämpfen Und kleinen Anfällen von Ohnmachten zu kämpfen, Und die allergeringste Kleinigkeit Erregte Vapeurs und Uebelkeit.
11.
Sie suchte sich allen Vergnügungen und Compagnien, So oft es der Wohlstand nur litte, zu entziehen, Und ihre beste Unterhaltung blieb, Wenn sie einsam etwa was las oder schrieb.
12.
Dies alles merkte, wie gesagt, Herr Jobs lange, Drum ward er ob ihres Zustandes sehr bange, Und dachte, sie laborire an der Atrophie, Und Freund Hein kriegte in seine Klauen bald sie.
13.
Um ihre Krankheit zu erklären und zu curiren, That er oft studirte Leute consuliren, Und mancher berühmter Aesculap Gab drüber seine Meinung und Recepte ab.
14.
Der eine suchte den Quell des Uebels im Magen, Und gab Vomitive, ihn draus zu verjagen, Aber es begab sich, daß’s mit dem Vomitiv Immer schädlich für die Patientin ablief.
15.
Andre riethen auf vorhandene Würmen Und suchten sie mit Wurmmitteln zu bestürmen; Einer wagte sogar einen schrecklichen Landsturm Auf einen vermeinten langen Bandwurm.
16.
Andre suchten das vorhand’ne Uebel zu stillen Mit Aloe, Galbanum, Stahl und Polychrestpillen; Denn sie leiteten die ganze Krankheit perfect Aus einem gewissen weiblichen Defect.
17.
Andre suchten sie mit starken Purganzen Wegen vermeinter Verschleimung zu curanzen; Andre curirten gradezu auf Schwindsucht nur Und riethen Isländisches Moos und Milchcur.
18.
Andre meist alte practische Polipheme Suchten der Krankheit Sitz im Nervensysteme, Und nach reiflicher Erwägung riethen sie an Moschus, Teufelsdreck, Bibergeil und Baldrian.
19.
Andre versicherten dem Herrn Jobs aufrichtig, Jedoch sub rosa, sie würde wassersüchtig, Und sagten, seiner Schwester Krankheit sei Wiß und wahrhaftig eine Kachexei.
20.
Aber alle ihre häufig verschrieb’ne Arzneien Wollten nicht bei ihr anschlagen noch gedeihen, Und sie ward nach dem Gebrauch vielmehr Täglich schlimmer und kränklicher.
21.
Einige alte ehrbare sachkundige Dorffrauen Sagten sich eine der andern im Vertrauen, Die Krankheit der Mamsell Esther wäre nur klein, Und hätte Leben, Kopf, Hals, Arm und Bein.
22.
Aber wir werden’s künftig finden und sehen, Daß dem guten Mädchen drin zu viel geschehen, Denn die Folge bewies es genung, Daß jene Sage nur sei Verleumdung.
23.
Dem Pfarrer Jobs däuchte es unerhörbar, Daß seiner Schwester Krankheit so verschieden erklärbar Bei den Kennern der Arzneikunst sei, Und dachte heimlich das Seine dabei.
24.
Er hielt es darum für klug und vernünftig, Daß sie gar keine Arznei mehr brauche künftig, Und daß man sie fortan in Gottes Namen nur Blos überließ ihrer eigenen Natur.
25.
Und das war ihm dann auch gewiß gerathen; Denn unter den Händen der Herrn Hippokraten Wäre sie bei dem gesundesten Blut Doch endlich unfehlbar gemachet caput.
26.
Er suchte aber sie möglichst aufzuheitern, Und damit sich das Uebel nicht möchte erweitern, Rieth er, als ein vernünftiger Mann, Spazieren und angenehmen Umgang ihr an.
Siebentes Kapitel. Wie auch der junge Herr von Ohnwitz krank ward, und wie ihm keine medizinische Fakultät helfen konnte, wie dieses wol oft in Krankheiten der Fall sein thut.
1.
Sonderbar ist’s zu vernehmen und zu hören, Daß auch bei dem jungen adligen Herren Von Ohnwitz, jedoch mutatis mutandis, Sich eine ähnliche Krankheit anwies.
2.
Er war sonst ein herzlieber edler Junge, Hatte großen Verstand und ’ne geläufige Zunge, Und ein gar vornehmes adliges Ansehn, Und war von Angesicht bräunlicht und schön.

3.
Auch hatte der junge Herr, Ihro Gnaden, Ziemlich runde Wangen und passable Waden, Und übte mit seinen Muskeln voll Kraft Immer eine gute Ritterschaft.
4.
Ich will hier zur Ergötzung und zum Vergnügen Sein Porträt einsweilen beifügen; Es gleicht ihm zwar nicht, doch stelle ich’s her, Man muß sich nur vorstellen, als wenn er es wär’.
5.
Aber, wie gesagt, seit einigen Zeiten War auch er geplagt mit Uebelkeiten, So daß er weder app’titlich trank noch aß, Und dabei verginge wie Laub und Gras.
6.
Er schlich traurig oft weg ins Geheime, Hatte Nachts allerlei beschwerliche Träume, Und weder sein Lakei noch Reitknecht Konnten ihm je etwas machen recht.
7.
Weder Musik, Spiel oder Studiren, Konnten ihn aufmuntern oder amüsiren, Denn, gleich dem ärgsten Hypochondricus, Hatte er an allem und jedem Verdruß.
8.
Er verfiel dabei augenscheinlich, Sein Embonpoint wurde mehr und mehr kleinlich, Das machte dann viel Sorge beim Herrn Papa, Und noch mehr dito bei der Frau Mama.
9.
Manche Arztfacultät ward zu Rath gezogen, Da hat man den Zustand collegialisch erwogen, Aber in methodo medendi war Einer dem andern directe contrar.
10.
Der eine focht mit medicin’schen Sophismen, Der andre mit Hippokratis Aphorismen, Ein andrer berief sich mit guter Art Auf langjährige Praxis und grauen Bart.
11.
Der eine verschrieb Pulver und Mixturen, Der andre Latwergen und Tincturen, Der eine rieth zum Purgiren und Schweiß, Der andre zu einer Brunnenreis’.
12.
Doch nach langem Fechten und Disputiren Und pro et contra Deliberiren, Kam man, nach geendigtem gelehrten Zank, Drin überein: der junge Herr sei krank.
13.
Aber ob diesem Lärm, Disputiren und Zanken, Hätte Patient schier mögen erkranken. Drum that derselbe weislich und klug, Daß er alles Einnehmen rund abschlug.
14.
Er nahm indeß täglich an Munterkeit abe, Schien fast zu stehn mit einem Fuß im Grabe, Obgleich weder an Lunge noch sonst innerlich Eigentlich befande kein Fehler sich.
15.
Es schien doch, als könn’ er seine melanchol’schen Grillen Am besten damit wegjagen und stillen, Wenn er ein bischen spazierte aus Nach dem Ohnewitzer Pfarrerhaus.
16.
Sintemal nun für junge, kränkliche Naturen Die Heirathen oft sind die zuträglichsten Curen, So fielen auch seine gnäd’gen Eltern für ihn Auf diese besondre Art von Medicin.
17.
Es waren aber im District von rund um einigen Meilen Viele mannbare sehr artige Freiinnen und Fräulen, Welche wol eine schier baldige Heirath Gleichfalls gehalten hätten für ’ne Wohlthat.
18.
Ihm ward also von den Eltern dringend empfohlen, Sich ein Fräulein daher bald heimzuholen, Und sie gaben ihm gerne im voraus, wenn’s Nur ritterbürtig sei, ihren Consens.
19.
Denn sie hielten große Stücke auf ihren Adel, Der war auch bisher blieben ohne Tadel, Und von allem unsaubern bürgerlichen Blut Noch unvermischt und durchaus kerngut.
20.
Alles andre hielten sie für Kleinigkeiten, Welche bei Convenienz-Ehen nichts bedeuten; Es war ihnen sogar durchaus einerlei, Ob die künftige Schwiegertochter reich oder arm sei.
Achtes Kapitel. Wie man den jungen Herrn, um ihn zu curiren, mit der Fräulein Judith verheiraten will, und wie er diese Medicin nicht nehmen will.
1.
Es wohnte aber an der Ohnewitzer Grenze Eine freiherrliche Wittwenexcellenze Auf einer alten, ehmals festen Burg, Welche jetzt verfallen war durch und durch.
2.
Ihre Ahnenzahl war längst übervollwichtig, Und der Stammbaum bis zur Wurzel ächt und richtig: Aber (nichts ist ja vollkommen in der Welt) Es fehlte ihr am Besten: an Geld.
3.
Sie hatte deswegen nicht viel zu verzehren, Aber erzog doch in allen Züchten und Ehren Eine einzige Fräulein Tochter zart, Sehr reizend und von englischer Gemüthsart.

4.
Sie war eine ächte Perle des Landes, Sehr geehrt wegen ihrer Schönheit und ihres Verstandes, Und mancher Cavalier hatte wol Appetit Zu der angebeteten Fräulein Judith.
5.
Aber weil diese sonst nicht verwerfliche Sachen Doch das Wesentlichste bei der Heirath nicht ausmachen, So hatte auch eigentlich keiner dafür Sinn, Sie zu wählen zu einer Gemahlin.
6.
Sie fuhr oft, in Ermang’lung ’ner ordentlichen Kutsche, Nach Ohnwitz mit ihrer Mutter in ’ner schlechten Birutsche, Weil sie daselbst sehr dick und groß stand, War auch von Noah her noch etwas verwandt.
7.
(Denn ich bemerke solches nur beiläufig, Die Ohnwitzer Vons befanden sich sehr häufig Unter dem Adel überall hier und da Zerstreuet im Lande Germania.)
8.
Sie weilten daselbst gemeinlich viele Tage, Vergaßen pro tempore ihre sonst dürftige Lage, Aßen und tranken allda wohlgemuth Und befanden sich auch im übrigen gut.
9.
Ihre sämmtlichen mitgenommenen Domestiken Konnten sich gleichfalls daselbst mal erquicken; Es war zwar ihrer keine große Schaar, Sondern in toto nur ein einziges Paar.
10.
Nämlich: Johann, Jäger und zugleich Kutscher, Gärtner, Kellermeister und Schuhputscher, Geheimer Kammerdiener, Lakei, Friseur, Und bei Ihro Excellenz sonst noch allerlei mehr.
11.
Nebst dem das 46jährige Käthchen, Sie war Köchin und zugleich Kammermädchen, Flickte die Strümpfe und kehrte die Flur, War Viehmagd und zugleich Dame d’atour.
12.
Sogar das Pferdegespann, zwei magere Gerippe, Wieherte froh zu Ohnewitz an der Krippe, Denn sie aßen da, vom vielen Fasten matt, Im Marstall in Hafer und Häcksel sich satt.
13.
Auch der Fräulen Judith Schooßhund, ein schmächtiger Pudel, Aße sich da bald rund wie eine Nudel, Bekam Suppe, Braten und fettes Butterbrod, Und vergaß alle seine vorige Noth.
14.
Der junge Herr sahe von Kindesbeinen An gern die Judith zu Ohnwitz erscheinen, Und auch sie spielte und tändelte schon Als Kind gerne mit dem jungen Baron
15.
Auch in ihren Jünglings- und Mädchenjahren Thaten sie noch gern sich zusammen paaren, Ja man sahe auch später ex post Auf der alten Liebe noch keinen Rost.
16.
Indeß seit Herr Jobs die Pfarre bekommen, Hat sich der junge Herr ganz curios benommen; Denn er zog sich mit guter Manier, Unvermerkt, nach und nach zurücke von ihr.
17.
Papa und Mama hätten allenfalls gern gesehen Eine Mariage zwischen beiden entstehen; Denn sie liebten, wie gesagt, die Fräulen Judith Wegen ihrer Artigkeit und dem guten Gemüth.
18.
Allein der junge Herr wollte davon nichts hören, Suchte überhaupt alle Vermählung abzukehren Ob er gleich an und für sich eben zwar Kein Feind des schönen Geschlechtes war.
19.
Den Schlüssel zu allen diesen Curiositäten Und zu der Brunnquelle der Leibesnöthen Des jungen Herrn und der Mamsell Esther Zeigt das folgende Kapitel näher.
Neuntes Kapitel. Wie eine Liebschaft sich angesponnen hat zwischen dem jungen Herrn und der Jungfer Esther.

1.
Wir müssen jetzt auf einige Augenblicke In der Geschichte wieder ein wenig zurücke, Und fangen nachher aufs neue dann, Wo wir eben aufhörten, wieder an.
2.
Möchte wol wagen eine ansehnliche Wette, Daß mancher es längst schon gemerket hätte, Oder es wenigstens doch jetzo begreift, Daß das Ding auf ’ne Liebesgeschichte ausläuft.
3.
Schon habe ich wohlbedächtlich im zweiten Theile, Kapitel 33, suchen vorzubereiten Den geneigten Leser auf den Roman, Der sich mit dem jungen Herrn und Esther anspann.
4.
Nun wollen wir, um methodisch zu gehen, Stück vor Stück ordentlich besehen, Wie alles vom ersten Anfang Nahm den gewöhnlichen Romangang.
5.
Schon auf der Akademie hatte der Baron viele Dunkele angenehme Vorgefühle Für Esther, und gab dem Hieronimus, Wenn er nach Haus schrieb, an ihr ’nen Gruß.
6.
Denn mit Bücherschreiben und Verlieben Wird manches seltne Abenteuer getrieben; Beides kostet heuer wenig Müh’, Und man kommt dazu und weiß nicht wie?
7.
Und weil Hieronimus seine Schwester sehr schätzte, Und an ihrem Andenken sich sehr ergötzte, So sprach er von ihr dem Baron oft vor, Und das hob sein Gefühl noch mehr empor.
8.
Als sie nachher selbst nach Ohnwitz gekommen, Hat seine Liebe mehr überhand genommen, Und flammte und brannte lichterloh, Aerger als Flachs und lichtes Stroh.
9.
Denn sie hatte ein Gesichtchen wie ein Engel, Eine Taille schlank wie ein Rohrstengel, Rabenschwarzes Haar, einen schönen Mund, Und Wangen et caetera zart und rund.
10.
Er mußte es sofort bei sich gestehen, Daß er so ein Mädchen noch nie gesehen, Und durch ihren himmlischen Verstand Ward er vollends noch ärger verbrannt.
11.
Er hielte zwar lange seine verliebte Grillen Für sich allein, incognito und im Stillen, Und wagte es durch Liebeserklärung nicht, Von sich zu wälzen das schwere Gewicht.
12.
Auch Esther, als sie zuerst den Baron sahe, Wußte nicht recht, wie und was ihr geschahe; Denn ein unbekanntes Etwas innerlich Bemächtigte ihrer gewaltsam sich.
13.
Sie hatte noch nie eigentlich geliebet, War auch in Romanenlectüre nicht geübet, Sonst hätte sie es wol gleich gewußt, Was da so wurmte in ihrer Brust.
14.
Nach und nach entwickelten sich ihre Triebe, Wuchsen, und sie merkte, es sei die Liebe, Und sie gestand sich, sie hätte nie gesehn Einen jungen Herrn so artig und schön.
15.
Aber sie suchte die Gefühle zu bestreiten, Und die aufwachsende Liebe auszureuten; Jedoch sahe sie immer den jungen Herrn, Wenn er zu ihnen ins Pfarrhaus kam, gern.
16.
Und oft, wenn sie ihn in der Nähe erblicket, Ward ein aufsteigender Seufzer in ihr zerdrücket, Und es ging hervor aus ihres Herzensschrein Manchmal ein gewagtes Wünschlein klein.
17.
Allein sie war bemüht in kältern Augenblicken, Alle diese Wünsche in der Geburt zu ersticken; Denn als ’ne vernünft’ge Person gedachte sie: Die Wünsche würden doch realisiret nie.
18.
Freilich für ’nen Herrn solch hohen Standes, Einz’gen Sohn des reichsten Cavaliers des Landes, War sie zur Abkühlung für’s adlige Blut, Nur höchstens allenfalls als Maitresse gut.
19.
Aber sie ware seit ihrer frühen Jugend Eine Bewahrerin unverdorbener Tugend, Und hätte so was selbst keinem Königssohn Für jährlich Lohn von tausend Ducaten gethon.
20.
Auch der junge Herr konnte sich nicht bequemen, Die Sache auf einem solchen Fuße zu nehmen; Denn er hielte es für eine große Sünd’, Zu verführen andrer Leute Kind.
21.
Auch hätte er alles in der Welt lieber Gesehen gehen darunter und darüber, Als seinem lieben Freunde Hieronimus Zu machen einen so bittern Verdruß.
22.
Er wußte aber mit vollkommenster Ueberzeugung Seiner freiherrlichen Eltern Ekel und Abneigung Gegen jede Beschmutzung des Stands Durch eine niedrige Mesalliance.
23.
Saße folglich mit seinen zärtlichen Gefühlen Gleichsam geklemmt zwischen zweien Stühlen, Und so ginge er lange und trug sich stumm An seiner Liebe fast lahm und krumm.
24.
Was sonst hinc inde noch passiret, Wird in jedem Romanbuche recitiret, Darauf beziehe ich mich, weil jedermann Es umständlich und genau da lesen kann.
Zehntes Kapitel. Wie die Liebschaft weiter gehen und zu einer förmlichen Liebeserklärung kommen thut.
1.
Indessen konnt’ es nicht immer so sein und bleiben, Amor mußte das Spiel weiterhin treiben, Und so kam’s binnen einem Vierteljahr Zu einer Liebeserklärung baar.
2.
In welcher Form dergleichen Erklärungen geschehen, Kann man in Romanbüchern gleichfalls nachsehen; Denn sie besonders zu beschreiben hier, Verdürbe nur die Zeit und ’s Papier.
3.
Daß der Baron am ersten sich erkläret, Sich Esther aber anfangs sehr gewehret, Und alles geschah mit herzbrechendem Weh, Versteht sich von selbst als latus per se.
4.
Den Zeitpunkt, in welchem er’s erst gewaget, Und ihr sein Herzensanliegen geklaget, Weiß ich nicht genau, doch mein’ ich, es sei Ohngefähr gewesen anfangs Mai.
5.
Denn in diesem wonniglichen Monate Geschehen Liebesanträge früh und spate, Theils an Toiletten, theils in Büschen, theils im Stall, Von jungen Herrn bis zu Kater und Nachtigall.
6.
Esther hörte zwar mit vielem Entzücken Den schönen Baron so zärtlich sich ausdrücken, Und wurde innerlich so tief gerührt, Als hätte sie Mesmer magnetisirt.
7.
Aber sie führte ihm vorab zu Gemüthe, Daß ihr bürgerliches und sein adliges Geblüte Zu einem ernsthaften Liebesverein Sich so wenig fügten, wie Wasser zu Wein.
8.
Und sie gegen jede andre Art der Verbindung Und unerlaubte Leidenschaft und Empfindung, Bei aller sonstigen Seelenharmonie, Hätte eine ewige Antipathie.
9.
Um sich also der Liebe zu entschlagen, Suchte sie allerlei Vernunftgründe vorzutragen, Jedoch mittlerweile sie also sprach, Floß aus ihren Aeuglein ein Thränenbach.
10.
Sie hatte noch allerhand gewöhnliche Ausflüchte, Theils von größerm, theils geringerm Gewichte, Fügte auch manches von der Untreu Und dem Wankelmuthe des männlichen Geschlechts bei.
11.
Er aber versicherte hoch und theuer: Er sei kein Lügner oder Alltagsfreier, Und noch vielweniger wolle er Ueber ihre jungfräuliche Unschuld her.
12.
Schwor gar, daß die Bäume hätten mögen krachen: Bei Cav’lierparol’ und derlei zuverlässigen Sachen, Er würde seine heftige Liebe und Sie, So lange er athmete, quittiren nie.
13.
Redete auch von Verzweiflung, Degen und Pistolen, Von Halsbrechen, ja gar von Teufelholen Und andern Dingen, welche rührend schön In Werthers Leiden beschrieben stehn.
14.
Von diesen so fürchterlichen Schwüren Ließ sich Esther endelich rühren; Denn sie dachte, sie möcht’ den verliebten Baron Sonst wirklich bringen zur Desparation.
Eilftes Kapitel. Wie aus obgedachter Liebschaft endelich gar ein Siegwartsfieber entstehet.
1.
Die Liebe des Barons und der Mamsell Esther Wurde nun tagtäglich stärker und fester, Nachdem man auf der schlüpfrigen Liebesbahn Den ersten und schweresten Schritt gethan.
2.
Schon gleich auf die wechselseitigen Entschlüsse, Sich ewig zu lieben, folgten einige Küsse, So wie nach dem gemeinen Sprüchwort auf A B, Wie schon die Kinder wissen, folgt das C D.
3.
Man hat alle Gelegenheit wahrgenommen, Oft bei einander und zusammen zu kommen, Und der junge Herr hatte fortan nun Immer was im Pfarrhaus zu thun.
4.
Es traf sich bei seinen Besuchen auf der Pfarre, Daß Herr Jobs meistens nicht zu Hause ware, Oder daß er auf seiner Studierstube saß, Und für sich andächtig studirte oder las.
5.
Aber der artige, liebe, junge Herre Bat ausdrücklich, daß man ihn ja nicht störe, Viel weniger daß er es übel nahm, Wenn Herr Jobs nicht ’runter zu ihm kam.
6.
Denn die eigentlichen importanten Sachen, Welche er im Pfarrhause hatte auszumachen, Gehörten wenigstens das meiste mal In des Gott Amors Cameral.
7.
Auch Jungfer Esther hat fast alle Wochen Mehrmals ins herrschaftliche Schloß eingesprochen, Wenn etwa ein Geschäft sie dazu veranließ, Und hatte sie kein Geschäft, so machte sie’s.
8.
Man conferire über diesen besondern Titel Die Verse 9 bis 16 im fünften Kapitel, Woselbst ich schon lang und breit beschrieb, Wie der Baron seine Besuche betrieb.
9.
Um ja im Liebeswandel nichts zu versäumen, Thaten sie gar des Nachts von einander träumen, Und da wurde dann, was des Tages passirt, Des Nachts weitläufiger ausgeführt.
10.
Er, um seiner noch besser zu gedenken, Ueberreichte ihr manche schöne Geschenken, Zum Beispiel: einen herrlichen Brillantring, Und viele andre Galanterie-Ding’.
11.
Weil es ihr aber an Golde und Juwelen Vielleicht dermalen mochte fehlen, So flochte sie ihm dafür fein und rar Einen Ring von ihrem eignen Haar.
12.
Er gab ihr auch eingefaßt im goldnen Rahmen Sein Portrait, nebst dem Zug von seinem Namen, Nahm dagegen beim Lichte an der Wand Ihre Silhouette mit eigner hoher Hand.

13.
Viele Liebende müssen sich bequemen, Mit solchen Kleinigkeiten vorlieb zu nehmen, Denn eine Copie ist doch allenfalls Ein Behelf in Ermanglung des Originals.
14.
(Apropos! ich will einmal probiren, Drüber ein bischen zu physiognomisiren, Denn in diesem tiefsinnigen Studium Bin ich so wenig als Herr Lavater dumm.)
15.
„Man sieht in dem etwas zurückstehenden Hute Gar deutliche Züge vom Edelmuthe, Und es zeugt die gerundete große Stirn Vom drinliegenden guten Gehirn.
16.
Die etwas hervorstehenden Augbraunen Beweisen ein Mädchen von muntern Launen, Und das Näschen, etwas mehr stumpf als spitz, Zeigt eine künftige Frau von Ohnewitz.
17.
Das hier kaum bemerkbare Backengrübchen Beweiset ein immer freundliches Liebchen, Und der ein wenig geöffnete Mund Machet süße Gesprächigkeit kund.
18.
Die ein wenig hängende Unterlippe Zeigt an, daß sie sei keine Xantippe, Sondern daß etwas Hang zur Schwärmerei In ihrem sanften Temperamente sei.
19.
Die nette Ründung und das Pünktchen am Kinne Deutet auf etwaigen Hang zur Minne, Und die ziemliche Stärke des Hinterkopfs Zeiget deutlich an eine noch Jungfer Jobs.
20.
Das hangende Haar auf Nacken und Rücken Scheint ein je ne sais quoi auszudrücken, Und des Halses und der Brust Contour Deutet auf eine gute Natur.“
21.
Der Baron machte also, wie leicht zu ermessen, In seiner Liebe erstaunliche Progressen, Verfertigte auch manches Schäfergedicht, Wo beim Lesen einem das Herz schier bricht.
22.
Oft wandelten sie in einsamen Feldern, Oder spazierten in schattigen Wäldern Hand in Hand und Arm in Arm, Und wurden inner- und äußerlich warm.
23.
Auch an sanft rieselnden Silberbächen Pflegten sie über ihre Liebe sich zu besprechen, Und, siehe da, ihr zärtlichs Gespräch ergoß Sich so sanft und glatt, wie der Bach floß.
24.
Oder sie sanken aufs weiche Moos nieder, Hörten des Hänflings und andrer Vögel Lieder, Und ahmten ihnen in der zärtlichen Klag’, So viel als es nur menschmöglich war, nach.
25.
Am zärtlichsten waren ihre Wechselgefühle Auf den Wanderschaften in der Abendkühle, Bei dem melodisch rührenden Schall Der Philomel’, sonst genannt Nachtigall.
26.
Sie saßen auch in mancher Abendstunde Unterm blauen Himmel mit offnem Munde, Tranken des Mondes Silberschein Und das Flimmern der lieben Sternelein[1].
27.
Oder sie saßen und liebelten in der Laube, Wie ein trauter Tauber und eine zärtliche Taube, Und dann schmolzen ihre Herzen stracks In einander wie Unschlitt und Wachs.
28.
Oder sie weilten in der abgelegnen Grotte, Spielten daselbst fast den Werther und die Lotte, Und hantierten und koseten so süß, Wie vielleicht Adam und Eva im Paradies.
29.
Kurz, das Liebesleben ging je länger je lieber, Ward endlich ein ordentliches Siegwartsfieber, Denn diese gar närrische Krankheit Grassirte ohnedem damals weit und breit.
30.
Oft traf der Baron sein Mädchen bei der Toilette, Einmal überraschte er sie gar im Bette, Jedoch bei aller dieser verdächtigen Liebschaft Behielte Esther ihre Jungferschaft.
31.
Ueberhaupt versichere ich’s hoch und theuer: So groß auch ware ihrer Liebe Feuer, So ward doch dadurch in der Tugendpflicht Kein unglücklicher Brand angericht’t.
32.
Bei allem dem war die Aussicht ihrer Liebe Im ganzen genommen sehr neblig und trübe, Denn man kam mit allem diesen Spiel Doch nicht zum reellen Zweck und Ziel.
33.
Denn Hieronimus konnte dies Bündniß nicht billigen, Die gnädigen Eltern noch weniger einwilligen, Es blieb also blos bei den Präliminarien, Ohne im Hauptartikel weiter zu gehn.
34.
Da kann man nun leicht bei sich gedenken, Wie sehr das den guten Kindern mußte kränken, Und wie allgemach ein heimlicher Gram Bei dem einen und der andern überhand nahm.
35.
Der arme junge Herr, wie weiland Werther, Besuchte einsame melancholische Oerter, Und die noch ärmere Esther weinte baß In der Einsamkeit ihre Aeugelein naß.
36.
Indessen war nichts übrig, als sich zu fassen Und das Ende dem Schicksale zu überlassen, Und man kam darinnen überein, Sich auf künft’ge bessere Zeiten zu freun.
37.
So kann man nun hier das Räthsel lösen, Was die Kapitel 6 und 7 beschrieb’ne Krankheit gewesen, Von der kein studirter Arzt den Grund fund, Und noch weniger sie curiren kunnt.
Zwölftes Kapitel. Wie die Buhlschaft ganz incognito getrieben ward, ohne daß wenigstens der Herr Pfarrer Jobs etwas davon merken kunnt.
1.
Es geht den Liebhabern wie den Gaudieben, Beide pflegen ihr Gewerb im Geheimen zu üben; Und nach dieser wohlhergebrachten Manier Verfuhren auch unsre Liebenden hier.
2.
Herr Hieronimus hat in einigen Jahren Vom ganzen Handel nicht ’s mindeste erfahren; Denn, nach dem Sprüchwort, gewöhnlich sind Die Menschen in den nächsten Sachen blind.
3.
Aber Esthers Mutter war pfiffiger und schlauer, Und sie merkte es endlich und auf die Dauer, Daß ein verliebtes Geschäfte vorging; Denn sie kannt’ noch aus alter Erfahrung das Ding.
4.
Sie ließ, ohne die Sache selbst zu verstärken, Sich doch gegen andre davon nichts merken; Denn sie übertraf an Verschwiegenheit Alle andre Frauen, alt und jung, weit.
5.
Auch im Dorf war schon lange ein Gerüchte Von des Barons und der Esther Liebesgeschichte, Und es hatte sogar fast jedes Kind Von den geheimen Händeln Wind.
6.
Selbst die alte Herrschaft merkte diese Händel, Und aus manchem verstohlnen Getändel, Was ihr Herr Sohn mit Esther gemacht, Schöpften sie allgemach Verdacht.
7.
Zwar hielten diese ihre verliebten Blicke In Gegenwart der Schloßherrschaft möglichst zurücke, Und ratione ihres Betragens und Gesichts Hätt’ man sollen denken: mir nichts, dir nichts.
8.
Aber Verliebte können just in allen Fällen Nicht andre täuschen und sich immer verstellen; Das Ding währet höchstens eine Zeitlang, Denn Naturtrieb gehet vor Zwang.
9.
Besonders erregten die Besuche und Gänge Nach dem Pfarrhause, wegen ihrer Menge, Aufmerksamkeit und gerechten Argwohn Ueber Jungfer Esther und den jungen Baron.
10.
Aber daß es Ernst sei mit dieser Minne, Stieg ihnen nie zu Gedanken oder zu Sinne, Vielmehr glaubten beiderseits sie, Es sei nur ’ne spaßhafte Galanterie.
11.
Der alte Herr wußte aus jüngern Zeiten, Wie wenig dergleichen Buhlschaften bedeuten, Denn er hatte selbst manchen temporellen Roman Mit unadligen Mädchen gesponnen an.
12.
Und die gnädige Frau that mit allem Vertrauen Auf die hochadlige Gesinnung ihres Sohnes bauen, Der nie durch eine Mesalliance Verdunkeln würde des Geschlechtes Glanz.
13.
Hatte übrigens einen baumstarken Glauben, Der Herr Sohn würde Esthern ihr Kränzchen nicht rauben, Sondern daß alles nur abgesehn sei Auf eine platonische Löffelei.
14.
Man ließ also diese Liebesgeschichten, Ohne den Herrn Jobs davon zu benachrichten, Als ein Bagatell auf sich beruhn, Wie wir dann vor der Hand auch thun.
Dreizehntes Kapitel. Wie Herr Jobs die Liebenden in der Laube attrapiren that, zur Nacht und Unzeit.
1.
Phöbus hatte vollbracht auf gewöhnliche Weise Um die Erde herum seine Tagereise, Und die Postpferde schon abgeschirrt, Und die Räder für morgen eingeschmiert.
2.
Verschlossen waren Kramläden und Buden, Sowol bei beschnittenen als christlichen Juden, Und im Dachstübchen im Hinterhaus Blies ein Philosoph sein Thranlämpchen aus.
3.
Auf den Schneidertischen lagen pêle-mêle Gestohlne Lappen, Scheere und Ehle, Und müßig in des Schreiners Werkstätt’ Säge und Hobel auf halbfert’gem Brett.
4.
Vom Armenwächter bis zum Staatsminister, Vom Erzbischof bis zum Hundeküster, Vom Profoß bis zum General hinzu, Hatte alles von der Amtspflicht Ruh.
5.
Gott Morpheus streuete Schlummerkörner, Luna zeigte ihre glänzenden Hörner, Und manchem abwesenden Ehemann Ward ein Horn zu Hause zugethan.
6.
Ueberall herrschte feierliche Stille, Nur hier und da zirpte eine Grille, Oder ein wachsamer Kettenhund Machte in ihrem Beruf gehende Diebe kund.
7.
In der unermeßlichen weiten Ferne Schimmerten droben tausend freundliche Sterne, Und das azurne Himmelblau Ward durch kein Wölkchen noch Nebel grau.
8.
Auf des verflossenen Tages Schwüle Folgte eine sanfte erquickende Kühle; Ich erinnere mich, es war grade just Um die Mitte des Monats August.
9.
Das Mondlicht fiel hell durch Ritzen und Fenster, Manches Sonntagskind sah Phantome und Gespenster, Die Eule flog auf die Fledermaus-Jagd, Mit einem Wort: Es war Mitternacht.
10.
Wer gewohnt ist, seine Menschenpflichten Des Tages durch gehörig zu verrichten, Und dabei satt gegessen und getrunken hat, Dem ist die Nacht eine wahre Wohlthat.
11.
Denn weder sein leerer Magen noch volles Gewissen Plagt ihn mit Drücken und peinlichen Bissen, Und nach ausgezogenem Pantoffeln oder Schuh Kommt er im Bette sofort zur Ruh.
12.
Herr Hieronimus hat baß, als manche Großen, In seinem Pfarrstande dies Glücke genossen, Denn kein Hunger noch Gewissensgewicht Drückte seinen Unterleib noch Kopf nicht.
13.
Jedoch hat es sich einsmalen zugetragen, Daß er, vielleicht wegen überladenem Magen, Die oben beschriebene Augustnacht Etwas schlaflos hat zugebracht.
14.
Er entschloß sich sofort aufzustehen, Und im Garten ein wenig spazieren zu gehen, Um durch diese kleine Motion Zu fördern den Schlaf und die Concoction.
15.
Er fand die Hinterthür seines Hauses offen, Und ward davon zwar ein wenig betroffen, Doch glaubte er, die Hausmagd habe dies Vielleicht gethan gestern per abus.
16.
Er wandelte im Schlafrock mit langsamem Schritte Ohngefähre bis zu des Gartens Mitte, Wo unfern davon, linker Hand, Sich eine kleine dichte Laube befand.
17.
Aber plötzlich ward sein Spazieren unterbrochen, Denn es wurde in dieser Laube laut gesprochen, Und es däuchte sogar, indem er horchte, ihm, Es sei seiner Schwester Esther Stimm’.
18.
Er schlich näher, sehr langsam und leise, Ohngefähr wie Katzen nach dem Gerispel der Mäuse, Und hörte drauf im wohlbekannten Ton Auch die Stimme vom jungen Herrn Baron.
19.
Er erstaunte natürlicher Weise darüber, Ja sein Erstaunen ging in Erstarren gar über, Als er fürder zur Laube kam, Und den Inhalt des Gesprächs vernahm.
20.
Denn er hat da nun deutlich erfahren, Daß man schon seit mehrern Jahren Diese Laube hatte gewählet zu ’nem nächtlichen geheimen Rendezvous.
21.
Er hat sogar mit Schaudern vernommen, Daß die Sache sehr weit mit beiden gekommen, Und daß vielleicht eine Entführung gar, Wie es schiene, auf’m Tapete war.
22.
Ohne vorerst weiter was anzufangen, Ist er stille zurücke ins Haus gegangen, Um zu überlegen bei kaltem Blut, Wie das böse Ding sei zu machen gut.
23.
Wie lang das Rendezvous in der Laube gewähret, Drüber bin ich so genau nicht belehret; Es kann dieses, lieber Leser mein, Dir und mir auch wol gleiche viel sein.
Vierzehntes Kapitel. Wie Herr Hieronimus mit seiner Schwester ein Kapitel hält, ohne jedoch so niederträchtig zu schimpfen, wie mancher andere in seiner Stelle würde gethan haben und hier anfangs zu lesen ist.
1.
„Schämst du dich nicht, du liederliche Metze! Du et cetra! du schmutzige Petze! Ist denn all’ Ehre, Reputation und Respect In deinem jungfräulichen Herzen verreckt?
2.
Pfui dich! ba! du garstige Esther! Es verdreußt mich zu han eine solche Schwester, Die wider alle Regeln der Moral Treibet ein solch ärgerlich Scandal!
3.
Was wird nun ’s Publikum davon sagen, Daß sich bei mir so ’n Aergerniß zugetragen? Gibt es nicht für den Pfarrer zu Ohnewitz Wegen seines Amtes Stank und Präjudiz?
4.
Ich soll, wird man nun sagen, als Paster Bestrafen andrer Leute Fehler und Laster, Und doch treibt’s in meinem eig’nen Haus Meine Schwester so malhonett und kraus!
5.
Du hast doch die Kinderschuh schon verschlissen, Müßtest längst weg sein über Tändeln und Küssen, Und bist nach richtiger Rechnung bald Sechsundzwanzig Jahr, oder gar was drüber, alt!
6.
Oder meinest du etwa, daß ich es glaube, Daß ein Mädel mit ’nem Buhler allein in der Laube, Besonders zur Nachtzeit, was Gutes üb’? Es heißt ja: Gelegenheit machet Dieb’!
7.
Aber warte, ich will es schon verfügen, Daß ihr sollt, ehe ihr’s vermuthet, kriegen, Du sowol, als dein verliebter Hasenpfot, Die hunderttausend Element Sakerlot!“
8.
So hätte vielleicht mancher in Zorn und Eifer Seine Drohung, Gift, Galle und Geifer Ueber das arme Mädchen ausgeschüt’t; Aber das that Herr Pfarrer Hieronimus nit.
9.
Er hielt es zwar für’s erste nöthige Mittel Mit seiner Schwester zu halten ein geheimes Kapitel, Aber es geschah doch mit möglichstem Glimpf, Ohne alle obige Drohung und Schimpf.
10.
Nämlich, Herr Jobs hatte vollbracht unter viel Sorgen Den Rest der Nacht, und entbot gleich am Morgen Die Schwester zu sich nach der Studierstub’, Wo er das geheime Examen anhub.
11.
Sie vermuthete nur blos häusliche Aufträge, Denn sie glaubte, ihr Bruder hätte durch keine Wege Von ihrer Liebe zum jungen Baron Die geringste Nachricht noch Suspicion.
12.
Sie erschien vor ihm etwas schüchtern, Ihr Auge blickte noch ein wenig trübe und nüchtern, Wegen der nächtlichen Assemblee, Und sie war noch im Negligee.
13.
Herr Jobs wollte sie nicht zu sehr erschrecken, Noch das erfahrne Abenteuer plötzlich aufdecken, Denn er fürchtete vorerst davon Eine gar zu heftige Alteration.
14.
Sprach erst überhaupt von ihrem Lebenswandel, Kam allgemach näher zum Liebeshandel, Ging aber so vorsichtig herum dabei, Wie die Katze um einen heißen Brei.
15.
Vorab mußt’s ihm am meisten interessiren, Sich ausdrücklich bei ihr zu informiren, Ob bei verloffenen Händeln sie Noch ächt seie im puncto puncti.
16.
Da versicherte sie nun unter vielen Thränen, Mit unterbrochnem Schlucksen, Händeringen und Stöhnen, Daß bei aller geschehenen Liebelei Noch res integra in puncto puncti sei.
17.
Ich wette, jedes andre Mädchen hätte Noch alles übrige geläugnet an ihrer Stätte, Nach der wohlerfundenen prima regula Juris: si fecisti, nega.
18.
Aber Esther hatte ein zu gutes Herze, Das, gar bei gegenwärtiger Scham und Schmerze, Doch haßte jeden Lug und Betrug, Und für Wahrheit und Tugend schlug.
19.
Sie gestund, daß schon seit vier Jahr und sechs Wochen Sich der Baron ehelich mit ihr versprochen, Und daß sonst in allen Züchten und Treun Gemeinet sei ihr geheimes Verein.
20.
Zwar kenne sie längst gar wol und wisse Die große Schwierigkeit bei ihrem Bündnisse, Doch habe der Baron und sie oft Auf künft’gen guten Ausgang gehofft.
21.
Ihr Gewissen gebe ihr übrigens das Zeugniß, Daß nichts Strafbares sei in diesem Ereigniß, Und daß der Baron sowol als sie Diese Liebe würden quittiren nie.
22.
Sie sagte auch noch manches Specielle Ueber die hiebei vorgekommenen Fälle, Kurz, sie that aufrichtig Confession Ueber den ganzen Handel mit dem Baron.
23.
Während der Relation ihrer Geschichte Stieg manche Röthe auf in ihrem Gesichte, Und von ihren glühenden Wangen floß Manche Thräne wie ’ne Haselnuß groß.
24.
Herr Jobs zeigte ihr mit vernünftigen Gründen, Welche Obstacula vor ihrer Liebe stünden; Obgleich er froh war, als er befand, Daß die Sache selbst nicht noch ärger stand.
Funfzehntes Kapitel. Wie Herr Jobs den jungen Herrn gleichfalls coram nimmt; item wie er Löschanstalten des Liebesbrandes macht, nach den Regeln einer guten Polizei.
1.
Als nachher der junge Herr gekommen, Hat Herr Jobs ihn gleichfalls coram genommen, Und erschöpfte seine ganze Redekunst, Um zu löschen seine zärtliche Brunst.
2.
Er suchte ihn besonders zu belehren, Daß, wenn er sie auch meinte in allen Ehren, So könne doch seine Schwester nie Für ihn sein eine schickliche Partie.
3.
Sintemal nach des Kirchenlehrers Ovids Spruche Besser sei, daß Gleich und Gleiches sich suche, Und im Gegenfalle manch Leid und Unheil Entstehe für den einen oder andern Theil.

4.
Gesetzt auch, man könnte in den ersten Tagen Sich gut mit einander begehen und betragen, So wäre nach verfloss’ner Flitterwoch’ Immer der Henker los doch.
5.
Der junge Baron aber hatte dagegen Viele exceptiones einzulegen Und zeigte, daß hoch, gering, arm und reich In der Liebe so wie in der Natur sei gleich.
6.
Bewies auch aus der Geschichte alter und neuer Häuser, Daß nicht nur Edelleute, sondern auch Kön’ge und Kaiser Aus niedrigem Stande sich eine Braut Mit glücklichem Erfolge hätten angetraut.
7.
Bat auch und beschwor ihn, daß er von seiner Seite Ihm kein Hinderniß in der Liebe bereite, Sondern zur Erfüllung des Wunsches vielmehr, So viel ihm möglich, behilflich wär’.
8.
Er versprach auch bei seinen gnädigen Eltern Den Consens dereinst herauszukeltern. Aber was that dann Herr Jobs? Je nu! Er schüttelte vor wie nach den Kopf dazu.