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Die Geschwister

Vorwort

Reading edition

Ich habe die Freude, meinen Landsleuten ein Buch zu übergeben, das, so recht aus der Tiefe unsrer Volkskraft heraufgekommen, eine merkwürdige, herzbewegende Erscheinung und in einem gewissen Sinn etwas Einziges ist.

Vor zwei Jahren und länger, im September 1900, schickte mir aus Brooklyn-Neuyork ein deutscher Fabrikarbeiter, Hugo Bertsch, ein Buch, in das er ein Schauspiel hineingeschrieben hatte und allerlei Gedankengänge, betitelt »Phantasien auf hohem Seil«. Er schrieb dazu: »Wie Sie an beigeschicktem Manuskript ersehen, bin ich einer von den Nichtallewerdenden, denen es in Kopf und Herzen stürmt. Einer, der verbotene Wege wandelt — wennso das Schriftstellern, wie ich annehme, Privilegium der Studierten ist. Denn, hochgeehrter Herr! ich habe leider, leider, außer meiner Schwarzwälder Dorfschule — unterbrochen noch mit schwerer Feldarbeit — keine Bildung genossen. Gelesen habe ich viel, in Büchern, mehr noch in Gottes großem Buch: die Welt, die ich seit dem Verlassen meiner Heimat kreuz und quer durchwandert bin. Als Farmer, Bergmann, Holzhacker, Ziegelbrenner, Matrose, Fabrikarbeiter, in grobem Kittel, mit rauhen, schweren Händen — aber (ohne zu erröten) reiner, unsäglich empfindlicher Seele — habe ich so für mich gelesen, gelebt, geduldet — geweint. Ein Sonderling.

»Daß ich schreiben kann schier wie ich denke, das erfuhr ich, als ich in ziemlich langen Briefen meine Reisen schilderte. Ich tat's einmal, dann öfter, und schließlich — gepackt von dem berühmten Buch: Im dunkelsten England — versuchte ich eine ähnliche Schilderung: Im dunkelsten London.

»Ein so ausgedehntes Werk zu schreiben war mir unmöglich, das merkte ich bald. Den ganzen Tag arbeite ich schwer, und nach dem Nachtessen ist es spät und die abgerackerten Knochen zerren auch den willigsten Geist hinab, hinab aufs Bett zum Ruhen. Zudem ist meine Umgebung so ruhestörend, daß ich oft lachen muß über die originelle Weise, wie ich dichten muß. Notwendig entschloß ich mich zur kürzesten Form, meiner armen, überladenen Seele Erleichterung zu verschaffen.«

So hatte er denn versucht, ein Schauspiel zu schreiben, »ohne viel zu wissen, was man Regeln des Dramas und dergleichen nennt«. »Mitleid und Tränen zu locken für seine Helden«, nur das hatte ihn seinen Weg geführt. »Mit Gottvertrauen ließ ich meiner Phantasie die Zügel schießen, und bin gelandet jetzt — im Graben? oder drüber? — Das zu urteilen überlasse ich Ihnen, edler Herr.

»Jetzt aber kommt der Gipfel meiner Aufdringlichkeit — und o, Bescheidenheit, verhülle dein Erröten — dein glühendster Verehrer wird dein Verräter.

»Nie und nimmer! schrie ich dutzendmal beim Schreiben des Manuskripts — nie wieder werde ich unter so unmenschlichen Hindernissen es versuchen zu schreiben. Nur wenn gute Aussicht ist, daß ich das Ziel erreiche, mit Dichten mein Brot zu verdienen, werd' ich's noch einmal versuchen. Selbstverständlich andernfalls nicht. Ich kann glücklich und zufrieden leben als Arbeiter — freilich glücklicher als Schreiber — schon wegen der Wollust, meine Seele zu entladen. Aber in Ungewißheit schwanken zwischen beiden, macht mich sehr elend.

»Geehrter, teurer Herr! Seien Sie mein Richter, Ratgeber, Erlöser. Was denken Sie?

»Was immer — sagen Sie es mir mit kurzen, trockenen Worten. Ich bin ein wahrer Virtuose im Entsagen, und Religion und Vertrauen auf das Weiterleben jenseits gibt mir mehr als Mut, mich einzuschließen, einzupuppen — allein mit meinen süßen Gespenstern.«

Ich las das Buch; mit Staunen, mit immer wechselnden Eindrücken und mit einem tief tragischen Gefühl. Das Schauspiel: »Der Dieb« war ein wildes, krasses Nachtbild aus der »unteren Schicht«, mit einer oft überraschenden Beredsamkeit fesselloser Leidenschaft, aber sonst so recht, was man »unmöglich« nennt. Nicht nur jede Kenntnis der Bühne fehlte, auch das Leben erschien oft in übertrieben greller, glühender Beleuchtung und verzerrter Gestalt. So schafft wohl leicht ein ermüdetes, von außen gestörtes, sich mit Gewalt erhitzendes, vom Willen gepeitschtes Gehirn. Es spielte aber auch — und mehr noch in den »Phantasien auf hohem Seil« — diese verhängnisvolle Zwitterschaft mit, die Verbindung von hohem Seelenschwung und Geistesflug mit der ungeschulten Unbehilflichkeit. So viel Denken, auch Wissen, und so viel Unorthographisches. So erstaunlich reiches Formtalent, feines Sprachgefühl, und so viel undeutsche Wendungen, aus der englisch redenden Umgebung unbewußt aufgenommen. Gewiß ein ungewöhnlich begabter Mensch, gewiß auch ein Poet; aber wer und was sollte ihm zur Ausbildung und zur Reife helfen? Nur wenn er den Arbeitskittel ausziehen und herüberkommen konnte, um in der Luft der deutschen Dichter und mit fördernden Genossen zu leben, nur dann konnt' er »werden«. Er war noch nicht.

Und so sagte ihm der lange Brief, den ich ihm in tiefstem Mitgefühl schrieb, eigentlich doch nur das: kannst du dich freimachen, dir Geld verschaffen, um ein paar Jahre sorgenlos dich auszubilden? Dann versuch's! Dann kann's gelingen!

Darüber ging seine Antwort wie mit stummem, entsagendem Kopfschütteln hinweg. Er dankte mir nur mit rührenden Worten, daß ich seinen Wunsch erfüllt; »in traurigen Momenten kam es ja über mich: Sie werden meine Kindergartendichterei gar keiner Beantwortung wert halten und das arme Geschreibsel als ›Schmiere‹ in den Korb werfen. ... Daß Sie aber einen achtseitenlangen Brief an mich schreiben voll Sympathie und Gefühl und Verständnis für meine Lage, hat mich so glücklich gemacht, daß ich vollauf belohnt bin für alle Mühe und Bitterkeit, das Manuskript herzustellen. ...

»Daß es nun aus ist mit meiner ›Schriftstellerei‹, ist selbstverständlich. ...«

So schrieb er mir am 21. Oktober; aber im April 1901 kam ein dritter Brief. Er stellte sich darin von neuem vor als »jenen zudringlichen Fabrikarbeiter von Brooklyn«; dann fuhr er fort: »Damals äußerten Sie sich ermutigend über mein Talent und zum Schluß Ihres langen Schreibens wörtlich: ›Ich hoffe, daß Gott Ihnen doch noch etwas an die Hand gibt, an dem Sie sich emporziehen können; solche Wunder sind schon oft geschehn.‹ Und, hochgeehrter Herr! es ist geschehen. Gott ließ das Wunder geschehen an mir. Sie wissen ja, daß ich die Feder wegzulegen beschloß wegen Mangel an Zeit, Freiheit, Aufmunterung. ... Ich verwünschte, verbannte die Ideale, die anstürmend wie Meereswogen mein ruhiges Arbeiterleben unterwühlen; aber allem Widerstand zum Trotz — ich mußte, mußte dichten und schreiben.

»Das war der Anfang des Wunders — nur der Anfang. Was ich jetzt schreibe, wie ich schreibe, das ist das Wunder, an dem ich mich emporziehen werde, so wahr mich Gott liebhat und ich ihn. ...

»Vielleicht ist es zum Kopfschütteln, wenn ich behaupte, daß ich über meine Arbeit nicht befriedigt, sondern geradezu erstaunt bin, verblüfft. Ich steh' vor dem Geschriebenen wie vor einem geahnten, aber nie gesehenen Wunder. Daß so tief ich denken kann, empfinden kann, ein solches Himmelreich voll Geister beherbergt habe ohne es zu wissen, die lange Reihe von Jahren, das alles dünkt mich wie ein Geschenk von Gott, eine Entschädigung für die erdrückenden Schwierigkeiten, unter denen ich schreiben soll. Oft lebe ich im Wahn, ein viel Höherer als Menschen dichte für mich und meine schwieligen, harten Hände seien nur sein Werkzeug, das Tinte und Feder beherrscht ....

»Denken Sie ja nicht, diese wilden Sätze seien Schwulst, Überschätzung, Überspannung — es sind nur die Jauchzer einer glücklichen Seele, die hofft, einen Freund gefunden zu haben, der sie kennt und schätzt.«

Hugo Bertsch hatte damals etwa ein Drittel seiner neuen Dichtung geschrieben; zunächst fragte er, ob ich mich ihrer wohl annehmen werde. Ich, in großer Freude, erbot mich zu jedem möglichen Liebesdienst. Das erfüllte ihn so mit Dankbarkeit, daß sie ihn fast niederdrückte, traurig machte: »Sie haben mich um ein gut Teil Freiheit gebracht. Eh ich Sie (brieflich) kennen lernte, schwelgte ich in voller Freiheit, meine Dichterei betreffend. Ich konnte die Feder führen oder wegwerfen, absolut wie es mir beliebte — aber jetzt nicht mehr so. Ich darf nicht das Vertrauen enttäuschen, das Ihre ... Seele mir schenkt. Ich muß jetzt die Hoffnung, die Sie in mich setzen, verwirklichen. ...« Er nahm mich aber als »Ratgeber«, »Wegweiser« an, weil er die Notwendigkeit fühlte. »Ich habe (wie Don Karlos) auf dieser weiten Erde niemand, niemand und so weiter, der mich aufmuntert, führen könnte.«

So begann denn meine beratende Mitwirkung an dem hier vorliegenden Buch. Es entstand langsam, mit großen Unterbrechungen, auch mit tiefen Senkungen des Selbstgefühls und der Schaffensfreude, in »nervenlähmender Mutlosigkeit«, wie er einmal schrieb; nicht zu verwundern bei der Art, wie es entstand. Der Dichter, kein Jüngling mehr, sondern »ein Mann in reifsten Jahren«, wie ich nun erst erfuhr, »aber außergewöhnlich gesund und stark«; auch glücklich verheiratet, mit einer Amerikanerin von irischer Abstammung, und »Vater zweier herzallerliebster Kinderchen«, »alle kerngesund« — er konnte eben doch nur nach des Tages Arbeit »komponieren und schreiben«, in der Küche, am Küchentisch. Und wenn er an Winterabenden schrieb, so saßen ihm die Kinder, die nicht mehr wie im Sommer auf die Straße gehen konnten, »schier buchstäblich auf dem Manuskript«. »Und wie die Jugend eben ist, sie vergessen jeden Augenblick, daß Papa nicht gestört werden möchte. Sprechen, lachen, an den Tisch stoßen stört mich wenig, das bin ich gewohnt; aber mit Fragen anrennen über dies und jenes, das holt mich rettungslos aus den Wolken herunter, wie der Pfeil den Vogel.«

Alle diese Hindernisse äußerer und innerer Art schadeten der Dichtung; es konnte nicht anders sein, umsoweniger, da sie ein Werdender schrieb. Das Gespinst ward ungleich, gröbere Fäden oder zu matt gefärbte liefen mit hinein. Hie und da verwilderte die müde, gehetzte, überreizte Phantasie. Der Plan des Ganzen entartete zuletzt ins Schwarze, Erbarmungs- und Hoffnungslose, Weltverneinende; gegen die eigentliche Natur des Dichters, der mit germanischer Gesundheit und Freudigkeit Gott und das Leben bejaht. Ich beriet ihn: kehr um! Geh einen andern Weg! Er ließ das Werk eine gute Weile liegen, dann begann ein neuer Anlauf. So gab er dem Buch die Form, in der ich es nun der Welt übergebe.

Es ist in jeder Zeile sein Werk und fast immer auch sein Wort; ich habe nur die kleinen »orthographischen Schandtaten«, wie einer seiner Briefe sie nennt, brüderlich verbessert, undeutsch englische Wortfügungen deutsch gemacht, und Längen gekürzt oder ein Übermaß weggeschnitten, da es in der Natur seiner »Inspirationen« liegt, gern und zuweilen unaufhaltsam in die Verschwendung des Reichen zu entarten. Daß ich dies alles mit seiner Zustimmung und auf seinen Wunsch getan hab', brauch' ich kaum zu sagen. Auch so wird der Leser wohl noch hie und da etwas »gröberes Gespinst« verspüren, halbversteckte Zeugen bejammernswerter Schaffensnot. Auch sei er hiermit freundlich gewarnt, daß er nicht zu viel Handlung oder Spannung erwarte. Es ist eine Seelengeschichte, die sich langsam, beinahe ganz in Briefen fortschiebt; viel Persönliches drin, in den »Helden« der Geschichte, Bruder und Schwester, sehr viel Eigenstes. Tom, der Bruder, ist Arbeiter wie Hugo Bertsch, Ausnahmsmensch an Begabung wie er, Grübler, Denker wie er. Und wenn sich der gewarnte Leser mit gelassener, nicht stoffhungriger Sammlung an den Tisch seines Gastgebers setzt, so wird er wohl staunen, denk' ich, was dieser Fabrikarbeiter aus Brooklyn ihm auftischt: wie viel Beredsamkeit, Geist, Satire, Stimmung, Humor, Tiefsinn, Phantasie.

Hierin ist er meines Erachtens etwas Einziges, wie ich vorhin sagte; und überhaupt wüßte ich ihm in unsrer Literatur nur einen zu vergleichen, Ulrich Bräker, den »armen Mann im Tockenburg« aus Jung Goethes Zeit, den auch ein unbezwingbares Talent aus der Tiefe emporzog und zum »Naturdichter« machte. Sie haben auch Stammesgemeinschaft, beide sind Alemannen; nur daß Bertsch ein Landsmann Schillers, ein Schwabe, Bräker ein Schweizer ist. Auch in ihrem innersten Wesen, deucht mir, ist viel Verwandtschaft; aber das Leben hat sie verschiedene Wege geführt, und die Glocken der Zeit haben ihnen sehr verschieden geläutet. Uli Bräker, der nach kurzen Abenteuern das Leben in seinem stillen Tal verbrachte, nur den eintönigen Kampf mit der Sorge kennend, blieb der träumerische, lyrische, kindliche, naturselige Mensch, als den die Natur und die Muse ihn geschaffen hatten. Hugo Bertsch, in früher Jugend hinaus und lange Jahre die Welt durchwandernd, dann von den tausend Stimmen einer gewaltig aufstrebenden Riesenstadt umbraust, von den Leiden und Wünschen und Begierden seiner emporringenden Standesgenossen im Innersten ergriffen, härtete sein weiches Herz für den großen Kampf. Noch nie hat ein Mensch des »vierten Standes« mit so geist- und seelenvoller, hochaufflammender Beredsamkeit für die Rechte dieses leidenden Standes und gegen das Babel der Zeit gestritten, wie Hugo Bertsch in diesem Buch. Es ist aber die edle, reine Beredsamkeit des Dichters, der zuletzt, im ruhelosen Weitertrachten der Gedanken — ein echt deutsches Blut! — zum Philosophen wird. Die altpersische Weltvorstellung lebt auf eine wunderbare Art in ihm auf: der gute und der böse Geist, die den großen Weltkampf kämpfen, in dem der Geschaffene, der Mensch mitstreiten soll. So findet sich sein »Held«, Tom Pratt, in der Schöpfung wieder zurecht, und die Sonne kann auch ihm wieder scheinen.

Doch ich sage nun nichts mehr von ihm und dem Buch. Es soll selber reden.

Auch mit Maxim Gorki, dem Russen, will ich ihn hier nicht vergleichen — so nahe der Gedanke liegt; vielleicht hat schon jeder, der bis hierher las, an Gorki gedacht. Wer das ganze Buch gelesen, mag, wenn er will, hernach selbst vergleichen. Ich sage nur: lest das Buch!

Möchte doch der Erfolg es segnen und dem Schwaben in Brooklyn so viel Mut und Freude und Freiheit schaffen, daß er von neuem auffliegen kann, und höher noch und höher; daß er den Inhalt seines Lebens, die Welt, die er gesehn, mit dem Jugendfeuer des endlich zum Wort kommenden Erzählers vor uns ausbreiten kann, oder, wie er in einem seiner Briefe sagt, »seiner Vergangenheit buntgewebten Teppich ausklopfen mit der Zauberrute Poesie«.

Adolf Wilbrandt

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