Einleitung (continued 3)
Reading edition
O, das Lied! ich kenne es. Der Engel, der es singt! ich kenne ihn — er ist mein Kind! mein Kind! — — O, der Mutterfreuden höchster Berg, den ich erstiegen habe — nur ein Schritt vom Himmel — nur noch sterben.
Allmächtiger! Darum meine Dornenpilgerreise durch das Leben. Darum diese lange Kette von Schmerzen, Sorgen, Enttäuschungen. Vom Schlaf in der Wiege bis hierher, die tausend ungestillten Tränen, unerfüllten Wünsche zagender Bescheidenheit. Darum dieses dunkle, wirre, rätselvolle Erdenwallen; der Zickzackgang zum Grab, das Hoffen, Harren, Hasten, Hängenbleiben, das Suchen nach der Ruh', das Grauen vor der Ruh'. Darum mußte Jennie geboren werden dort am Berg in Armuts Armen, in der Bettlerhütte. Von einer Mutter, reich nur im Entsagen, im Mut, den Kampf zu wagen gegen Hungers Not. Hungrig zur Schule gehen, barfuß zur Kirche — die ungestillte, verkrüppelte Lernbegierde mir ausartend zur wilden Sucht und Schwärmerei. Darum mußte die arme Jennie, die Waise — und der Bruder ihr so fern — sich anklammern an den Mann, der jetzt ihres Kindes Vater ist — — Gott! wenn das der Plan war, dann lob' ich das Schicksal und bet' es an!
Ein Kuß weckte mich aus meiner Träumerei. Willie lag mir in den Armen und lächelte: »War's schön, Mama?«
Siehst Du, Bruder Tom, ich war auch für ein Stündchen in des lieben Herrgotts Werkstatt und durfte sehn, wie die Räder laufen.
Dann verließen wir Gottes Haus ebenfalls. Wir waren die letzten. Draußen lag der frischgefallene Schnee. Leichentuchartig deckte er die Erde, ein Bild der Vergänglichkeit. Der Himmel zeigte durch zerrissener Wolken Schleier das Bild der Unvergänglichkeit. Zwischen beiden schwebten wir der Heimat zu; bergauf.
Willie ging voraus, mit trippelnden Schritten, leichtfüßig wie die Jugend. Und die Mutter folgte, schwerfällig wie das Alter.
»Willie!« sagte ich, als wir den Steg über den Bach hinter uns hatten, »hast du viel Angst gehabt beim Solosingen in der Messe?«
»Gar nicht, Mama.«
»Willie!« sagte ich, als wir an der Hütte des Murphy vorüberschritten, »hat der Herr Pfarrer Gute Nacht gewünscht, als du weggingst?«
»Sollt's meinen, Mama.«
»Willie! hast du dein Mäntelchen ausgezogen in der Kirche?«
»Ja, Mama.«
»Willie! friert's dich?«
»Nein.«
Der Weg wurde steiler und ich hatte Not, dem Knaben zu folgen. »Willie! kannst du langsamer gehen, ein wenig?«
»Ja, Mama.«
»Nur ein wenig. So. — Willie?«
»Mama?«
Ich blieb stehen. Der Knabe blieb auch stehen — und wendete sich um nach mir. Sein Gesicht glühte hochrot von Blut und Lebenswärme. »Willie!!« schrie ich auf einmal. Ein Windstoß wehte weiße Schleier kalten Schnees auf mich und ihn und versuchte uns zu trennen — aber ich lag auf den Knieen vor dem Kind und hielt es heftig an mein Herz gedrückt. »Warum so kalt und leer zu mir mit Ja und Nein, den Blick nach oben? Sind die Sterne dir schöner als deiner Mutter Augen? Küß mich, Kind! Lieb mich! O, lieb mich — bitte — bitte!«
Und da, vor Gott allein, getrennt von dieser Welt durch eine Wolke Schnee, die tausendfältig glitzernd uns verhüllte, wie Glorienschein die Seligen — da lag er mir am Herzen, glühend heiß mich küssend, liebkosend: »O Mama! Mama! so lieb!« — —
Tom! male weiter, wenn du willst — ich muß schwenken. Die wilde Jagd kommt: die Kinder kommen von Potters Farm mit Weihnachtsgeschenken, und Klein-Molly hat sich so müde gewirtschaftet, daß Peterchen sie tragen muß. Jetzt weg mit Tinte und Feder. Juchhe! meine Plagegeister. O, ich bin übernatürlich glückselig. Wirklichkeit ist doch schöner als schönstes Träumen!
Jennie.
Brooklyn, den 14. Januar 1901. Liebe Schwester!
Ich bin also abermals arbeitslos. Die meisten Stunden des Tages sitze ich in meiner warmen Küche zu Brooklyn, und schreibe ich nicht, dann gaffe und gähne ich durchs Fenster auf die winterliche Straße hinunter und zähle die Pflastersteine.
Letzten Samstag morgen passierte ich die Linie, die im Ausbeuterdialekt »Überflüssig« benannt wird, oder verständlicher gesagt: ich wurde mit einem Tritt auf den Hintern ehrenvoll entlassen.
Der Pat, der unverschämte, gewissenlose Irländer, wollte mir den Gefallen nicht tun und — — nein, den Tod wünsch' ich ihm gerade nicht — aber — aber — ja, hier ist guter Rat teuer, was ich dem armen Mann mit seinen elf Kindern wünschen soll. Eine Million Silberdollar wünsche ich ihm und Gesundheit dazu. Basta! Amen!
Ja, der Pat meldete sich zum Dienst zurück. Er ist noch gar nicht fähig dazu. Er sieht schrecklich krank und wackelig aus. Ich glaube kaum, daß er den fünften Stock des Warenspeichers erklimmen kann ohne Alpenstock. Aber so geht's halt im glorreichen Lande Onkel Sams. Die Sorge, ich möchte mich in seine Nachtwächterstelle festbeißen, die Angst um sein täglich Brot jagte den Proletarier, nur halb geheilt, aus dem Lazarett ins Kampfgewühl der Konkurrenz.
Daß genug Verdruß übrig bliebe, ohne den, den man sich selber macht — ich meine, die Menschen sollten sich wenigstens die Existenzsorgen vom Halse halten, und Jammer bleibt genug übrig, ohnehin, um verrückt werden zu können.
Das sind übrigens pensionierte Themas für mich. Tom Pratt hat keine Zeit mehr, der Mißwirtschaft Parade abzunehmen. Seine ganze Energie geht auf in seiner, jetzt nahezu fertigen Dichtung »Der Seestern«! — Schwester, nicht genug danken kann ich Dir für den Rat, ich soll das Dichten als Basis meiner Zukunft wählen. Du sagst, Gott habe Dir den erlösenden Gedanken eingehaucht. Ich glaub's. Das ist die Weise, wie er zu uns spricht! Wenn wir ruhig sind und lauschen, dann hören wir jedes seiner Worte. Darum bin ich (Du merkst wohl die Veränderung an mir jetzt schon), darum bin ich heute so geduldig, ergeben. Komm', was komm', ich hab' mir in den einsamen Nächten als Wächter viel zugelegt, was mich aufklärt über Zeichen und Wunder. Unmöglich hätt' ich meinen »Seestern« so zu stande gebracht außerhalb jener Kanzleistube und ihrer wunderbaren Abgeschlossenheit. Ach! jetzt packt mich gar das Heimweh nach meiner Nachtwächterzeit. Pat! ich verfolge dich in Gedanken durch alle Winkel des Hauses. Nimm dich in acht vor Gespenstern und bleib weg von Mister Rouß' Sanktum — der Einarmige sitzt dort!
Ich rechne, in acht Tagen werde ich ganz fertig sein mit meiner Arbeit und darf abliefern. Wie sehr wünsche ich, Du möchtest jetzt neben mir sitzen, damit ich Dir Stellen des Manuskripts vorlesen könnt'. Stellenweise ist der »Seestern« — lache nicht — geradezu meisterhaft! Er ist, wie schon der Titel erklärt, ein Ding vom Meer, ein Matrosenroman. Das Meer in allen seinen Bewegungen, Farben und Eindrücken auf den Menschen zu schildern, ohne überschwenglich und einförmig zu werden, das war die Idee. Die Handlung ist Trägerin nur all dieser Perlen, Steine, Juwelen, Muscheln, Flitter und Goldfische, die ich da (wie ich gar nicht bezweifle) mit einem Geschmack und Reichtum angehängt habe, den mir schwerlich einer übertrumpfen soll. Mein Jugendstreich, als ich ohne Abschied von Euch den Mississippi hinunterlotste, in Neuorleans die »Dora Doll« bestieg und herumsegelte mit ihr ums Horn nach Frisco — der Anschauungsunterricht damals kommt mir trefflich zu statten jetzt.
»Mitternachtswehen am Kap Horn« und »Morgen am Amazonenstrom« schilderte ich, Poesie, Natur, Liebeslust und -tragik, des Meeres und der Liebe Wellen so verschmelzend, daß dem Leser Salzwasser in Form seiner eigenen Tränen auf die Blätter träufeln und er das Buch festhalten wird wie ein Kleinod, aus Furcht, die wehende Brise der See möcht' es ihm entführen.
Schwester, Du wirst lachen und witzeln: jede Mutter hält ihr Kindlein für das schönste. Warte, Dichter Tom, bis die Herren Kritiker das Ding beurteilen: »Mißgeburt — Ohren zu lang — Nase platt — Augen blöde — Mund dumm.«
Es gibt aber Mütter, deren Kinder tatsächlich schön sind; und wenn ich zu dieser glücklichen Sorte gehöre, was dann? Warum soll es nicht möglich sein, daß Tom Pratt einen Treffer ins Schwarze macht beim allerersten Schuß? — Ein schlechter Schütze verknallt sein ganzes Pulverhorn und trifft die Scheibe nicht. Es kommt nicht aufs Vielschießen an — nicht einmal so sehr auf Übung — scharfes Auge (des Geistes beim Poeten), kühles Selbstbewußtsein sind Garantien für Treffen. Und diese Eigenschaften besitze ich, Gott sei Dank!
Der »Seestern« bleibt also vorläufig mein Hoffnungsstern.
Tom.
Brooklyn, den 22. Januar 1901. Teure Schwester!
Mein erstes Wort soll sein: »Verzeihe mir!«
Drei Wochen lang bin ich im Besitz Deiner Glückwünsche zum neuen Jahr, und jetzt erst komme ich, sie zu beantworten. Das ist wieder eine meiner Sünden, die nur entschuldigt werden kann, wenn man Schritt für Schritt die Schwierigkeiten mißt, mit denen schwacher Wille Träumer formt zu aufgeweckten Menschen.
Die rührenden Schilderungen Deines häuslichen Lebens ... Schwester, wie machst Du es nur? Was treibst Du nur? Ist es Leichtsinn, der Dich lachen macht bei solchen Entbehrungen? — oder ist's Galgenhumor? — Hier lese ich von einer kinderlosen Dame, die in verschwenderischem Luxus lebte, umgeben von allem, was das Herz begehrt, Freiheit, Freundschaft, Gesellschaft, Gesundheit. Ihr Gatte betete sie an. Schwermut zog sie aber zum Selbstmord.
In Pilot Knob lebt eine Bergmannsfrau, die sechs unerwachsene, immer lärmende, immer essende Kinder als Plagegeister um sich hat, nebst all ihrer Haus- und Wascharbeit. Die Frau ist das wahre Opferlamm. Schlaf, Ruhe, gute Kleider, Speise und Trank, Vergnügen, alles muß sie opfern; und doch ist sie der Inbegriff von guter Laune, Frische, Zufriedenheit. — Schwester! warum begehst Du nicht Selbstmord und entfliehst einem Dasein so voller Schatten?
O, warum denn fragen — hier steht ja die Antwort neben mir: Arme Eva mein! Das Kind ist fort — ja, die Elsie ist fort — und mit dem Kind geht des Weibes Lebenszweck zu Grabe. Das ist das Geheimnis. Euer Ebenbild vor Augen haben, gesund und munter, brav und gedeihlich, das ist eure irdische Glückseligkeit; wie es des Ewigen überirdische, unendliche Glückseligkeit sein muß, Menschen leben zu sehen, die ihn lieben, anschauen, mit ihm reden.
Schwester! Gestern setzte ich mein Kind aus! Meines Geistes Erstgeburt, der »Seestern«, wurde abgeliefert an den Verleger in Neuyork. Es war mein schwerster Gang — und leichter dünkt es mich, Arbeit zu erbetteln, oder gar Almosen, als so ein armseliges Schreibheft abliefern und erwarten, der vielbeschäftigte hohe Herr solle sich's Zeit und Geduld kosten lassen und den Quatsch kritisieren. Nie kam ich mir kleiner vor, eingeschrumpfter als im Augenblick des Anklopfens an seine Kanzleitür.
»Herein!«
Ich trat ein. So bleich und schlotterig tritt höchstens Hamlets Geist auf die Bühne, wenn sein Schneider im Parterre wartet, wie ich das Kontor betrat.
»Setzen Sie sich!«
Ich setzte mich. Eigentlich fiel ich. Wie ein Taschenmesser mit starker Feder klappte ich zusammen und saß einem Fragezeichen dergestalt ähnlich auf dem Stuhlrand, daß der hohe Herr ohne weiteres frug: »Sie wünschen?«
»Ja,« hauchte ich.
»Was wünschen Sie?«
»Sir!« begann ich, »Sie sehen, ich habe ein großes Unglück erlebt. Mein linker Arm wurde mir abgeschnitten von der Maschine. Das war letzten Sommer. Seither versuchte ich mit allem guten Willen Arbeit zu erlangen, um mich und meine Familie vor dem Untergang zu bewahren — konnte jedoch nichts finden. Ein guter Geist gab mir den Rat, dieses Buch hier zu schreiben. Ich schrieb's. Ich weiß, es ist kühn, als ungeschulter Mensch zu wagen, was nur Hochgelehrte zu vollbringen vermögen; aber Not ist meine Entschuldigung. Ich bin in großer Not, mein Herr! und flehe um Nachsicht.«
Jetzt war nur noch der leere Bettelsack als würdige Schleppe fester zu binden und meine wohleinstudierte Rede wäre fertig gewesen; aber die Worte klebten mir an der Zunge fest und diese am Gaumen. Ich stockte.
Die Stimme des hohen Herrn klang wohlwollend, als er mich nach einer Pause anredete. Vielleicht fürchtete er, der Schlag werde mich treffen, wenn er mich schroff abweist, und einen Toten von meiner Größe bei sich liegen haben, bis der Leichenbeschauer kommt und wegräumt, das wär' Ursache genug, warum ich gnädig behandelt wurde. Vielleicht aber (o, ich bebte vor Freude) empfand der Herr ein menschliches Rühren.
»Mein lieber Freund! Daß Sie großes Unglück erlebt haben, kann ich sehen. Daß Sie in großer Not sind, kann ich ebenfalls sehen. Das allein soll mich bewegen, eine Ausnahme zu machen. Es ist mein Geschäftsprinzip seit Jahren, keine Manuskripte zu lesen, noch anzunehmen, außer gut empfohlene. Es läuft zu viel Mittelmäßiges ein. Der Markt ist überfüllt und meine Zeit ist kostbar. Dennoch werde ich, wie gesagt, mit Ihrer Dichtung eine Ausnahme machen — hoffend jedoch, daß Sie, falls meine Kritik abschlägig lautet, das Urteil wie ein Mann ertragen werden. Selbstverständlich würd' es mich Ihretwegen freuen, sollte das Buch druckreif erscheinen. Es kann ja sein. Es ist alles schon dagewesen. Sie werden von mir hören. Adieu!«
Er winkte ab.
Ich ging.
Jetzt heißt es, mit Vorsicht Hoffnung und Verzweiflung balancieren lassen, daß ja keines das andere sinken oder zu hoch steigen läßt. So zwischen Himmel und Hölle hängend — mein Gott! sind das Zeiten, die meiner harren.
Tom.
Brooklyn, den 24. Januar 1901. Teure, liebe Schwester!
Warum ich Dir schon wieder schreibe? — Ich lebe in qualvollster Ungewißheit über das Schicksal meines Manuskriptes, über den Unter- oder Aufgang meines »Seesterns«. Ein Gefühl habe ich, als schwebe ich an einem Bindfaden hängend über dem Niagara; wenn der Faden nicht reißt, werd' ich gerettet; reißt er, so fall' ich.
Ach, Jennie! Schwester! Denkst Du, meine Dichtung werde durchdringen? Ist so etwas möglich? Um zwei Zeilen Trost und Aufmunterung fleht Dich an Dein armer
Tom.
Brooklyn, den 28. Januar 1901. Liebe, teure Schwester!
Alles dreht sich vor mir und steht auf dem Kopf, das Unterste wird oben. Warten würgt sonst die Hoffnung — bei mir wird die Hoffnung blühender, je länger ich warte. Jetzt sind es sechs Tage, oder genau hundertachtundvierzig Stunden, daß ich meine schriftstellerische Produktion dem Verleger einreichte, und noch habe ich keine Antwort. Das würde vielleicht jeden anderen beunruhigen, mich tröstet es. Die ersten paar Tage lebte ich in peinlichster Sorge. Jede Stunde fürchtete ich, das Manuskript werde zurückgeschickt; sah ich den Briefträger über die Straße schreiten, so zitterte ich: er möcht's in der Tasche haben und mir aushändigen — und was das bedeutet, o Enttäuschung! Nun bin ich glücklich übers Anfangsstadium weg und fühle fester.
O, es ist himmlisches Gefühl, zu wandeln auf dem Pfad zu besseren Tagen. Der erste Schritt aus Waldesnacht, die den Verirrten grauenvoll umgarnte, der Sonne Licht, das die Nebel teilt und dem Schiffer Küsten zeigt, können kaum solche Zauber wecken.
Tom.
Brooklyn, den 4. Februar 1901. Liebe Schwester!
Es macht mir unerträgliche Pein, daß Du so lange schweigst. Nur ein paar Worte, von Deiner Hand geschrieben, würden mich beruhigen, aber nichts ist zu wenig. Bist Du krank? Oder quält Dich die Not? Oder bist Du erzürnt auf mich, weil ich Dich unablässig ärgere mit Lamentieren?
Liebe Jennie! Hab' ich Glück mit meinem »Seestern«, dann werden wir alle gute Tage erleben! Es bedeutet totale Umwälzung unserer Lage, von Notstand zu Wohlstand; denn viel Besseres werde ich schreiben nach diesem Erstlingswerk. Getragen vom Erfolg, von Begeisterung, Aufmunterung, Sorgenfreiheit, werd' ich fliegen so hoch — Freudenschauer schütteln mich, wenn ich denke, wie hoch ich fliegen kann, lastbefreit. Ich werd' dann wohl gar nicht mehr vom Himmel herunterkommen, und meine Berichte zur Tiefe schicken mit irgend einer Post, mit Sonnenstrahlen, Schallwellen, Tau und Regen. Ob mit Blitz und Hagelwetter, soll vorläufig nicht prophezeit noch abgeleugnet werden; unbedingt aber müssen die Menschen sich brüderlicher betragen, oder ich bombardiere die Erde mit Sonnenschlacken und faulen Eiern so groß wie Mondgebirge.
Schwester, Dir besonders werde ich ganz gehörig unter die Arme greifen. Deinen Waschkübel sollst Du zum Bach tragen und schwimmen lassen, den ganzen Mississippi hinunter in den Golfstrom, bis er da als Treibholz landet, wo Nansen den Pol stecken ließ. Dein Söhnchen Peter braucht nicht ins Bergwerk — nicht so früh untern Boden — ein passendes Handwerk laß ich ihn lernen. Und Deines Lieblings Wunsch, Pfarrer spielen zu dürfen, werde ich erfüllen; mit der einzigen Bedingung jedoch, daß er reines Christentum predige ohne das vorgeschriebene Beiwerk — und kost' es ihn seine Anstellung. Allen Deinen Kindern (ach, ich möchte allen Kindern) soll geholfen werden. — Glückauf!
Ist das, zusammengezählt und multipliziert mit brüderlichem Segen, nicht ein Briefchen wert? Bitte, antworte.
Tom.
Brooklyn, den 11. Februar 1901. Schwester!
Du antwortest mir also nicht. Dieser wird mein sechster oder siebenter Brief, den ich an Dich richte. Warum antwortest Du nicht auf meine Briefe? Weißt Du denn nicht, daß ich erschöpft bin, an der Grenze bin, daß ich armer, einarmiger, vergessener Krüppel nicht weiterhinken kann und stecken bleibe im Bitten, Flehen: schreibe mir! Schwester, schreibe mir!
Diesen Vormittag besuchte ich den Herrn Verleger. Ich konnte meine Unruhe nicht länger bemeistern und besuchte den Herrn Verleger. Und mein armes Manuskript lag noch ungelesen dort. Nein, viel schlimmer, es lag unter einem Berg von Papier und Büchern vergraben wie ein totes Ding, und der Herr war in schlimmer Laune obendrein.
Was das bedeutet? — Fehlschlag! Fehlschlag in zermalmendster Bedeutung. O, der Schlag ist härter als mein Widerstand. Ich werde wahnsinnig, das ist die letzte Offenbarung. Gott will mich vernichten, und weiß wie. Er hat Erfahrung im Fach und trifft jeden Nagel auf den Kopf. Warum? Bin ich ein zu ungeduldiges Ding? Bin ich im Weg? Ist einer zu viel im Schöpfungsraume, der Luft atmet? Was weiß ich von den Launen seiner Majestät, ich bin nicht allwissend. Aber den Glauben haben sie mir endlich beigebracht: mit Jammern rührt man Götter nicht; eher küss' ich Grönlands Felsen warm, bis seine Gletscher dampfen, eh ich mit allen meinen Klagen einen Gott erweichen kann.
Aber still! kusch! Genug gebellt, genug gepfiffen. Das Allerschlimmste: mein Weib wird kalt. Eva wird mir fremd! Gefühl und Liebe fängt zu rechnen an und multi-dividiert mit kalten Zahlen meinen — Bankrott. Sie meidet mich. Sie weicht mir aus. Sie fürchtet meine Liebkosungen. Zittert, wenn ich ihr nahe. Erschrickt, wenn ich sie ansehe. So fliehen sie mich alle! Bertie schlägt der Mutter nach und stiehlt sich fort. Das Schicksal ist mir todfeind. Gott auch. Die Menschen alle. Du auch. ... Der eine nur, den ich am meisten könnt' entbehren, den ich verwünsche bis ins Grab, der mich plagt und hetzt — mit Bitten und mit Drohen kann ich von seiner schrecklichen Gesellschaft nicht freikommen — der eine, letzte, der mir folgt in alle Ewigkeit, ist:
Tom.
Pilot Knob, den 16. Februar 1901. Armer Tom!
Gewiß — Du hast recht. Sechs oder mehr Briefe habe ich von Dir und keinen beantwortet. Und sag' ich die Wahrheit, keinen gelesen — oder gelesen und vergessen. Sie sind ja alle gleich. Jeder ist voll von Klagen. Und Du hast recht. Es geht dir schlecht. Herzlich schlecht. Was soll aus Dir werden jetzt? Ich seh' keinen Ausweg aus diesem Labyrinth von Unglück — gar keinen. Ich hab' nachgedacht, nächtelang, tagelang, und bin, aufrichtig gestanden, müd' und krank darüber. Es wird mir zum Ekel, das Denken. Ich kann Dir nicht helfen. Hilf Dir selbst! Sieh, wie Du fortkommst! Wann nicht, dann nicht. Ich zweifle, ob Du es kannst. Wahrscheinlich wirst Du keine Arbeit bekommen mit Deinem verkrüppelten Körper und — verkrüppelten Geist. Dein krankes Weib wird noch eine Weile waschen, und dann wird sie nicht mehr waschen. Man sieht den Schluß des Trauerspiels kommen — natürlich. Er kann nicht anders lauten als: »verdorben und gestorben.«
Tom, ich schreibe dieses alles nur so hin, wie mir die Worte einfallen. Ich denke nichts dabei. Das Denken hat mich krank gemacht. Das Reden, Bitten, Trösten hat mich krank gemacht. Ich muß mich schonen. Nachgeben. Wenn ich weinen könnte, dann würde mir wohler — das fühle ich. So recht heiß und lange weinen. Aber schreien hilft nichts. Ich hab' geschrieen, daß ich heiser bin. Es hilft nichts. Es gibt keinen Schrei, der hinüberreicht zu den Toten, Tom. Keinen ... Und das Kind ist fort ... Zerrissen haben sie mir das Kind ins Haus getragen. Als hätten wilde Tiere mein Kind zerrissen, so haben sie es mir ins Haus getragen. Ach Gott! warum ließ ich das Kind ins Bergwerk und schaffen wie ein Sklave um das bißchen Essen, dass es ißt. Jetzt ist es tot. Die Wand fiel auf die liebe, teure Form und zerdrückte mein Kind zur blutenden Masse ohne Atem, Leben. Das war der Anfang und das Ende seiner ersten Woche. So schnell. So gründlich.
O, mein Kopf! Mein weher Kopf! Ich möchte am liebsten liegen — hinliegen irgendwo im schwärzesten Winkel der Welt und schlafen — schlafen. — Das eine muß ich Dir aber noch sagen, eh ich die Feder weglege: Du sollst mir keine Antwort geben auf diesen Brief. Wir reisen ab ins nordamerikanische Sibirien, zu den Bären und Wölfen, nach Montana. Morgen. Auch das noch! Was dann? — Peter hat sich anwerben lassen ins Silberbergwerk. Der Vater kann nicht in der Grube schaffen, wo sein Kind erschlagen wurde, das ist die Ursache der Flucht. Und ich, ich kann mich nicht losreißen vom Grab meines Kindes. Beide haben wir recht. Aber ich verliere, er gewinnt. Ich verliere immer, immer. Daß ich eine Stunde meines Lebens wüßte, wo ich nicht die Verliererin war! — Aber still, still. Stumpfsinnigkeit, erbarme dich meiner! Es gibt keine Saite der Seele, die nicht wimmerte, würd' ich weiterschreiben jetzt. Darum still, still. Tom, ich muß schließen. Noch vieles, vieles möchte ich sagen. Aber besser so — wir nehmen Abschied auf Leben und Sterben hier. — — —
Die Abendsonne scheint ins Tal herab. Wenn Menschen sterben, die wir lieb gewonnen, so sind ihre letzten, langen Blicke — wie der Abendsonne Schein in meine Kammer hier. Leb wohl, Licht, Heimat, Welt. Und morgen scheinst du wieder in die Kammer hier — und Jennie ist gegangen.
Deer Lodge, Montana, den 27. Februar 1901. Lieber Schwager Tom!
Die Jennie ist jetzt auch gestorben. Sie hat sich das nicht ausreden lassen. Daß es kalt ist. Jetzt ist sie tot am Sonntag. Dann ist sie doch fortgangen. Dann ist sie begraben worden gestern. Das war auch kalt. Das Wetter ist immer kalt. Es schneit auch immer. Dann ist es noch kälter. Dann ist es zugefroren. Wenn man Wasser holt ist es immer zugefroren. Mann muß es aufhacken dann kommt das Wasser. Das Wasser gefriert auch immer in der Küche. Ich sagte zu Jennie daß es kalt ist. Jennie sagte eins muß gehen. Wenn es kalt ist muß doch eins gehen. Am Sonntag geht immer eins. Dann hab' ich gesagt es ist verrückt in die Meß gehen so weit. Weil der Peter tot ist bist du verrückt. Dann ist sie fortgangen in die Meß. Das tut mir leid daß sie ist fortgangen und hat wenig Kleider. Jennie hat auch alte Schuh. Weil ich neue Stiefel hab' hat sie wollen warten. Der Willie hat auch alte Schuh. Dann hat Jennie geweint und ist fortgangen zur Meß. Die ist aber vier Meilen weit oder fünf. Das sind aber acht Meilen weil sie in Buxton liegt auf der anderen Seite. Der Wald liegt auch noch drüben. Die Kirche liegt nicht im Wald. Auf der anderen Seite in Buxton liegt die Kirche wenn man dort ist. Dann ist die Jennie nicht heimkommen. Am Abend ist sie auch nicht heimkommen. Dann hat jeder die Laterne genommen und hat gesucht. Der Mister Kelly hat sie gefunden zuerst. Der ist auch ein guter Freund von mir und hat den Laden. Jennie kaufte meine Stiefel in seinem Laden. Dann hat sie noch gelebt. Sie ist aber schon ganz steif gewesen. Und mitten im Wald. Dann haben wir Jennie heimtragen ins Bett. Dann ist sie gestorben um zwölf.
Dein Schwager Peter Daly.
Deer Lodge, Montana, 17. März 1901. Lieber Onkel Tom!
Mama ist tot. Du weißt es. Vater hat es Dir geschrieben. Schon drei Wochen lang ist Mama tot und noch kann ich es nicht glauben. Jeden Morgen wenn ich aufwache schau' ich verwundert herum, warum Mama nicht klappert mit den Tellern in der Küche. Dann fällt mir ein, ach! Mama ist ja tot. Ach, es ist so still bei uns, seit Mama nicht mehr lacht und redet und kocht und wascht. Ich habe schon so viel geweint daß ich nicht mehr kann. Ich kann nur den Kopf schütteln und herumgehen und alles anschauen, antasten, was der Mama gehörte weil sie lebte. Ihr Gebetbuch, den Rosenkranz, ihre Kleider. Ach, Onkel! es ist traurig. Wenn ich schreiben könnte wie ich fühle, dann würdest Du weinen über diesem Brief; aber ich kann nicht schreiben wie ich fühle. Ich kann nicht leben ohne Mama. Warum ist sie fortgegangen von uns? Warum hat der liebe Gott die gute Mama weggeholt und wir brauchen sie doch so notwendig? Molly und Rose muß ich ankleiden jeden Morgen und auskleiden am Abend und waschen und kämmen. Lilli ist auch noch zu klein. Tommy auch. Ach, es ist traurig ohne Mama. Sie fehlt uns. Bei Nacht liege ich stundenlang wach und warte. Ich schließe die Augen und denke: Mama kommt und küßt mich. Ich deck' mich bloß und denke: Mama kommt und hüllt mich warm. Und wenn ich träume von ihr und aufwache mitten in der Nacht und alles nur ein Traum war und gar nichts um mich ist als nur das Atmen meiner schlafenden Geschwister in der Kammer, und draußen der Wind, der rüttelt am Fensterladen und heult im Wald — — ach, Onkel! ich kann's Dir gar nicht schreiben wie ich traurig bin. Ich muß dann aufstehen. Ich muß herumgehen im kalten Haus wie ein Geist. Manchmal nehme ich Mamas alte Schuhe ins Bett zu mir und halte sie am Herzen, bis ich wieder einschlafe. Ach, Onkel! tu mich nicht auslachen und nicht den Leuten erzählen. Ich kann mir nicht helfen. Und Vater ist auch ganz verzweifelt. Er mag nicht schaffen und läßt alles verwahrlosen. Er ist so bös, daß ich mich fürchte vor ihm.
Ach, wenn Mama nur noch einmal käm' und wenigstens Abschied nähme. Sie hat gar nicht Abschied genommen. Sie war kalt und ohnmächtig, als sie fortging. Die schöne, gute Mama.
Ach! jetzt muß ich doch wieder weinen. Ich meinte, ich könne nicht weinen, und jetzt muß ich doch wieder weinen.
Lieber Onkel! Jetzt werde ich den Brief schließen. Ich wünsche Dir viel Glück und Arbeit, damit Du Geld verdienst. Der lieben Tante Eva wünsche ich Gesundheit und dem lieben Bertie auch alles Beste. Mama hat so oft von Euch gesprochen. Nun ist sie tot.
Willie Daly.
Deer Lodge, den 24. März 1901. Lieber Onkel Tom!
Ich habe Heimweh und niemand hier, dem ich's klagen kann. Darum schreibe ich Dir schon wieder. Vater ist zur Schenke gegangen. Er geht jeden Abend zur Schenke, seit die gute Mama tot ist. Er kann's nicht aushalten in der Stube ohne die Mama, sagt er. Ach, es ist ja wahr, es ist schaurig hier im Haus. Eben schlägt die Uhr auf dem Kamin neun. Vier Stunden lang ist es schon Nacht. Und was für eine Nacht. Schnee, Schnee, Eis und Sturm. Und hier sitze ich allein. Die Kinder schlafen nebenan, aber Lilli hustet. Sie ist krank. Sie haben alle Erkältung und Lilli am meisten. Was soll das werden? Wären wir doch nie von der lieben, schönen Heimat weggereist. Dann lebte die gute Mama noch und Vater blieb' zu Hause bei uns. Jetzt bleibt er gar nie zu Haus. Und ist so bös mit uns. Jeden Abend sagt er: wenn wir alle miteinander sterben täten, wär's gut. Das Unglück hat Vater so verändert. Er war gut mit uns in Pilot Knob.
Ach, Onkel! Jetzt sitz' ich hier am Tisch und schreibe. Am alten Tisch, vor der alten Lampe, auf dem alten Stuhl, meine Schulhefte, Tinte und Feder vor mir. Wir brachten alles von Pilot Knob herauf. Die Heiligenbilder an der Blockwand schauen mich an wie früher. Die Uhr tickt wie damals.
O, meine Mama! — Wie oft bin ich, seit sie tot ist, hier gesessen in der Stube, allein. Bis elf, bis zwölf, bis Vater heimkam von der Schenke, und habe das Licht herabgedreht, daß es schier auslöschte und mit dem glühenden Ofen zusammen überall herum Schatten zittern ließ, am Boden, an der Wand, an der Decke. Und bin herumgegangen von Schatten zu Schatten.
O, ich kann nicht leben ohne meine Mama!!
Willie Daly.
Deer Lodge, den 27. April 1901. Lieber Onkel Tom!
Du böser Onkel Tom! Warum antwortest Du nicht? Jeden Tag laufe ich nach Kellys Laden und frage, ob der Brief da wäre von Neuyork. Der Mann ist schon ganz ärgerlich. Ich weiß wohl, Du kannst uns nicht helfen. Du bist selber arm. Wir wollen auch kein Geld von Dir — nur gute Worte wollen wir, Trost und Mitleid. Wir sind so verlassen in diesem wilden, kalten Land — so verlassen.
Ach, Onkel! Vater hat mir strenge anbefohlen, Dir die Neuigkeit nicht zu schreiben. Er war wütend, als ich ihm sagte, ich hätte Onkel Tom zwei Briefe geschrieben. Onkel Tom kann uns nicht helfen, sagte Vater, und wenn Du ihm diese Neuigkeit schreibst, ich schlag' Dich tot. Das sind seine Worte. Er hat sich schrecklich verändert seit der guten Mama Tod und Peters Tod. Er spielt den ganzen Tag Karten in der Schenke. Alles verwahrlost. Wir sind alle krank.
Wär' ich allein, ich würde ja schweigen und nichts verraten, aber meine armen Geschwister, ach! die sind so hilflos, daß ich ihretwegen reden muß, sonst wär' ich kein braver Bruder.
Lieber Onkel Tom! Wir haben eine neue Mama. Ein böses Weib. Vater hat sie geheiratet in der Schenke. Dort war sie Kellnerin. Und jetzt ist sie unsere neue Mama. Vater hat sie ins Haus gebracht vor drei Wochen und gesagt: »Kinder, das ist nun eure neue Mama, und die müßt ihr ebenso lieb haben wie die alte Mama.«
Ach, Onkel! wir können das Weib nicht lieb haben. Sie ist schlecht. Sie flucht und lügt und betet nicht. Wir wollen keine fette, große Mama, die immer bös ist. Jeden Tag sagt sie, daß wir eine Last sind und sterben sollen. — Könnten wir doch sterben. Wir wollen ja sterben. Dann wären wir im Himmel bei der guten, einzigen Mama für immer und immer.
Onkel! wir fürchten sie sehr. Vater fürchtet sie auch und muß jetzt jeden Tag ins Bergwerk, arbeiten. Das ist noch gut. Sie läßt ihn nicht zur Schenke am Tag. Abends gehen aber beide zusammen zur Schenke, trinken und tanzen. Jeden Abend. Jetzt sind sie auch dort und darum kann ich Dir diesen Brief schreiben. Aber sei ja vorsichtig, lieber Onkel, und adressiere an mich »Willie« und nicht an Vater. Mister Kelly weiß alles von mir und wird den Brief nur mir geben. Mister Kelly ist sehr gut zu mir. Er schenkt mir Briefmarken, Papier und was ich brauche. Er sagt immer: »Willie, deine Mama ist im Himmel, aber dein Vater ist verrückt, seine Familie in diese Wildnis zu bringen. Das tut kein vernünftiger Mann.«
Wir sind auch die einzige Familie im Lager. Zwei sind wieder abgereist die erste Woche schon. Aber wir kommen nicht weg, wir sind zu arm und müssen schon bleiben, bis Gott uns Hilfe schickt.
Ach, Onkel! ich zittere so vor Angst. Ich werde doch besser tun und schließen. Die Tür hat nur einen Schieberiegel, und wenn Vater jetzt heimkäme und mich abfaßte beim Schreiben. Ich bin auch sehr müd.
Leb denn wohl! Ich bete. Gott verläßt keinen Betenden.
Willie Daly.
Die Abendsonne des letzten Maitags tauchte unter hinter dem Felsengebirge, und Schatten füllten langsam die endlich schneefreien Schluchten des Deer Lodge. Als die Röte am Horizont sich löste in farbloser Nacht und drunten im Tal einzelne Lichter blitzten, die Orte bezeichnend, wo Menschen inmitten der Wildnis wohnen, da kam ein Reiter von Buxton her in die Niederung geritten.
Offenbar war er nicht sehr in Eile, trotz der späten Stunde und des gefährlichen, holperigen Weges; vielleicht aber war er so tief in Gedanken versunken, daß ihm jeder Begriff von Tempo abhanden gekommen war und er das Allegretto nicht vom Andantino zu unterscheiden vermochte. Immerhin, das Maultier, das ihn trug, benützte diesen seltenen Fall, einen Dirigenten über sich zu haben, der sparsam mit dem Taktstock hantiert, und wählte den gemütlichsten Marsch, der noch erlaubt werden kann im Bereiche der Bewegung.
Erst als der Reiter an die erste Hütte gelangte und der Lichtstrahl aus dem Fensterchen sein Gesicht streifte, schrak er zusammen, richtete sich im Sattel auf und blickte, wie aus schwerem Schlaf erwachend, ringsum. Dann trieb er das Maultier dicht an die Hüttentür und pochte, ohne abzusteigen, mit dem Fuß. Vier bärtige, wettergebräunte Männer erschienen und tauschten mit dem Fremdling etliche Worte, die jedoch vom Gebell zweier Bulldoggen begleitet wurden. Der Fremde mußte sie doch verstanden haben, er bedankte sich und ritt dann im Trab weiter talwärts. Vor dem größten Blockhaus im Lager hielt er wieder an, sprang aus dem Sattel, warf die Zügel einem Stallknecht in die Hände und verschwand in Kellys Laden.
Schier eine volle Stunde lang konnte man ihn dort mit dem Eigentümer des Ladens gestikulieren sehen; beide nickten und schüttelten häufig die Köpfe, und beide behandelten das Thema als ein außergewöhnlich ernstes. Als er endlich wieder heraus auf den Weg trat, war er in Begleitung eines Mannes, der ihm vorausging, in die Nacht hinein. Vor einer ziemlich abseits vom Lager erbauten Bretterhütte machten sie halt. Der Wegführer empfing ein Geldstück und verschwand, dankend und pfeifend.
Sobald sich der Fremde allein wußte, kam es wie Erleichterung über ihn. Er blieb stehen, atmete auf, reckte sich. Dann zog er seinen breitrandigen Hut vom Kopf, murmelte etliche Worte, sich dabei gegen die Hütte verneigend, als wäre die Holzbaracke eine Kirche oder sonst ein heiliges Gebäude. Hierauf schritt er dicht an die Tür. Durch mehrere Ritzen drang Licht heraus. Er bückte sich und sah durch die größte in das Innere — in die Küche. Die war eigentlich der einzige Raum und füllte beinahe die Hütte; links waren allerdings zwei Türen zu abgesonderten Räumen, die wohl zum Schlafen dienten; groß konnten sie jedoch nicht sein. Eine Zimmerdecke gab es nicht; das Dach war die Decke. Ebenso fehlte die Tünche an der Wand, der Bretterboden, das zweite Fenster und noch unzähliges mehr. Alles war rauh, flüchtig, robinsonartig zusammengeschustert zu einer Menschenwohnung, ungastlich, unheimlich im höchsten Grad.
Plötzlich kam eine Unruhe in die große, kraftvolle Gestalt des Fremden. Er sah, wie die Tür der einen Schlafkammer sich öffnete und ein Kind in die Küche heraustrat. Es war ein Knabe von etwa zwölf Jahren. Er trug in einer Hand ein Bild im Rahmen, in der anderen eine kleine Statue. Beides stellte er vorsichtig auf den Tisch neben die Lampe. Dann kniete er auf den Boden, wickelte sich eine Schnur mit Kügelchen dran um die Finger und begann laut zu beten: »Gedenke, o seligste Jungfrau! daß noch nie erhört wurde, daß jemand, der zu dir seine Zuflucht nahm, von dir verlassen wurde —«
Der Fremde zog leise am Schieberiegel, öffnete ebenso die Tür und trat ein. Die kältere Luft von außen, die er mit hereinbrachte, störte den Knaben; er drehte sich um, und den Mann sehend sprang er rasch und erschrocken auf die Füße. Mit weitgesperrten Augen musterte er den Eindringling; zuerst dessen Gesicht; dann, heruntergleitend an der Gestalt, bemerkte er an der linken Schulter einen fehlenden — —
»Onkel Tom!!« schrie Willie und — —
Blitzesschnell setzte sich der Erkannte auf die Bank, riß das hingestürzte Kind vom Boden auf, warf es über die Kniee, preßte sein Gesichtchen hart an sich, rieb ihm Hände und Schläfe, Stirn und Hals, wiegte es hin und her, wie eine Mutter, wenn sie Schlummer erzwingen will. So gelang es Tom allmählich, das arme, in Konvulsionen zuckende Wesen wieder zu beleben. Ein langer, schriller Schrei entlud sich aus Willies Brust; dann kurze, pfeifende Laute, unterbrochen von Atemholen, begleitet von krampfhaftem Ballen und Öffnen der Hände, von verzweifelten Versuchen, sprechen zu wollen, Schluchzen in Worte formen zu wollen — bis endlich, wie lang zurückgedämmte Flut, alles wiederkam. Worte über Worte, grauenvolles Klagen ... Wie das Kind gelitten, geduldet; wie es getreten und geschlagen wurde, mutterlos allein, durch Wintersnacht, durch Hungersnot; und keine Menschenseele, die diese Last, zu schwer für Riesen, mit dem Knaben teilte.
Lautes, anhaltendes Weinen, weniger und weniger von Zuckungen gestört, bildete den Schluß. Stiller und weicher wurde das Kind; wärmer, anschmiegender. Die Verzweiflung hatte sich ausgetobt, wie in einem Wolkenbruch, und der Hoffnung Sonne, der heiße Hauch des Mitleids richteten den gebeugten Halm wieder auf. Behutsam drehte Tom, nach einer Weile Wartens, des Knaben Gesicht zur Seite, um es zu betrachten. Es war blaß, langgezogen, mager. Die Augen hatten einen kranken, schläfrigen, geistesabwesenden Glanz und blickten empor, wie eben zurückkehrend aus schwerer Betäubung. Schaudernd drückte Tom das Kind wieder an sich — seiner Schwester Kind — und wiegte und wiegte. Summend und schaukelnd, noch fünf Minuten, und — Willie war im Traumland.
Der Onkel entkleidete ihn jetzt. Die Schuhe fielen von selber ab. Das Wämschen war dünn, aber noch gut. Das Höschen war, von Willies eigener Hand, zum Weinen ungeschickt geflickt. Die Unterkleider — — Tom zitterte vor Erregung über die entsetzliche Magerkeit des Kindes, und über mehrere blutunterlaufene Hautflecken — zweifellos Merkmale brutaler Schläge. Rasch trug er dann seinen Schützling, so gut er's vermochte, mit dem einen Arm und dem Stumpf ins Bett.
Aufatmend kam der Samariter zurück, nahm die Lampe vom Tisch und leuchtete hinein ins Schlafzimmer der Kinder. Drei Mädchen lagen zusammengenestelt am Fußende des Doppelbetts, das beinahe die Kammer füllte. Im selben Bett, aber Fuß gegen Fuß mit den Schwesterchen, schliefen die Brüder ... Der Einarmige schüttelte mehr als einmal sein traurig blickendes Gesicht. Mehr als einmal seufzte er herzbrechend. Dann drückte er geräuschlos die Kammertür zu, trug das Licht auf den Tisch zurück und setzte sich. Vor ihm stand jetzt, angelehnt an den Wasserkrug, das Bild seiner Schwester und blickte ihn an. Geschwind wendete er es um. Neben dem Krug stand eine abgegriffene kleine Statue der Muttergottes von Lourdes. Er führte sie zum Mund und küßte ihr Gesicht mit tiefernster Ehrfurcht. Er hob den Rosenkranz, der am Boden lag, auf und machte den Versuch zu beten. Er konnte nicht. Seine Zähne waren so fest aufeinander gebissen — er konnte nicht beten.
Darauf trug er die Heiligtümer weg vom Tisch und versteckte sie im Bett der Kinder. Noch einmal sah er über die fünf Schlafenden hin, aber ohne Licht dieses Mal. Im Halbdunkel glich die Kammer so sehr einem Kerker, einem Totenhaus — und die bleichen Gesichter glichen Leichen. Ein wildes Gefühl erwachte in Tom: die Kinder zu wecken und eins nach dem andern zu drücken, zu umarmen — eins nach dem andern abzuküssen auf Mund, Stirne, Augen — so lang und so feurig mit Küssen und Weinen, bis, von Liebkosungen trunken, sie alle wieder schlafen wie zuvor. — Rasch überwand er das, schloß die Kammer, nahm den Hut — schloß die Küche ebenfalls — verließ das Blockhaus und trat ins Freie.
Neben der Hütte war ein kahler Sandhaufen, gegen Unwetter von überhängenden Fichten beschirmt. Spuren bezeichneten den Ort als Spielplatz der Kinder; Tom wich ihm aus. Auf dem Rasenhügel abseits warf er sich nieder und sah herum, empor. Dann wischte er sich die Stirn. Der Mond schien viertelvoll über dem Felsenpaß des Deer Lodge und war nah am Untergehen. Wolkenlos und scharfkühl war die Nacht. Grabesstille herrschte im weit auseinander gebauten Lager. Des guten Himmels Sterne weinten hernieder auf das Tal, die Hütten, die Menschen, die ihre Sünden sogar in diese felsengesperrten Täler trugen.
Tom zog seine Uhr und besah die Zeiger im Mondschein. Zwölf. Er richtete sich auf und schritt die Halde hinab zur Hütte, schloß sich in die Küche ein. Er hatte Geräusch gehört; nun kam es näher und näher. Deutlich vernahm er Lachen, Sprechen, leichtsinniges Gebaren. Jetzt zog jemand am Schieberiegel. Die Tür ging auf; Peter und sein Weib traten ein. Sofort sahen sie den Fremdling, der schweigend am Tisch sitzend sein strenges Profil von der Lampe bescheinen ließ.
Sie erschraken ein wenig, die Eintretenden; Peter mehr als sie. Tom stand auf und gab sich zu erkennen. Nun begrüßten sie ihn; herzlich sogar. Peter stellte den Schwager Tom von Neuyork seiner Gattin vor, und dann seine Neuvermählte dem Einarmigen. Darauf empfand er das Bedürfnis, eine Entschuldigung zu salbadern an den Bruder seiner ersten Frau, wegen der kurzen Trauerfrist.
Tom gab ihm die Absolution, mit dem Zusatz, daß mancher Ehmann nicht so lange warte; es komme ganz auf den Wert der Toten an. Peter fühlte sich unsäglich erleichtert nach der Freisprechung und bekundete seine Dankbarkeit durch hündisch unterwürfiges Gebaren. Tom tätschelte dem Hund den Rücken. Tom war bei allerbester Laune. Tom war zu gerieben, um mit offenen Karten zu spielen; wenn doch der Zweck seiner Reise in dieses Bärenland war: ein Geschäft abzuwickeln mit diesen zwei Leutchen. Warum sich dann Feinde machen, die, wenn sie wollen, alle seine Pläne durchreißen können?
Er ließ die strenge, unbeugsame Wahrheit im Wartezimmer und nötigte die schlüpferige Heuchelei herein. Er schmeichelte vorerst seinem gewesenen Schwager ob des feinen Geschmacks, den er beim Erwählen der neuen Frau Daly bekundet habe. Das erweckte Heiterkeit in der ganzen Küche. Dann machte er einen Schritt weiter ins gute Verhältnis und ließ alle die Vorzüge der neuen Frau Parade laufen, die dem plumpen, kurzsichtigen Blick des Gatten bisher entgangen sein mußten: denn Peters rostige, von Schmarren und Runzeln durchfurchten Züge glätteten sich wie Lumpenzeug unterm Bügeleisen und glänzten am Schluß der Lobhudelei, daß sämtliche Gegenstände der Küche Doppelschatten warfen — vom Lampenlicht und von Peters Gesicht.
Endlich wurde es dem Heuchler selber übel zum Erbrechen; denn das Weib da neben ihm — das wußte er schon — war eine an Leib und Seele bankerotte Vettel, die sich nirgends mehr in Umsatz bringen kann als nur im Lager zwischen Spielern, Säufern, geistig verwahrlosten Gräbern; eine fünfzigjährige, geschwollene Kokette, die sich mit allen Mitteln der Verstellung, mit allen Farben der Falschheit übermalt, mit wohlstudierter Haltung, mit angepappter Bildung, ach! mit Herzensgüte sogar, mit des Kindes naivem Blick und Lächeln Laster übertüncht, Egoismus, Gemeinheit, und gleich der Natter, die ihr Kleid an Dornen hängen sieht, Gift spritzen möchte, eh der Fuß sie tritt. Ein unbedachtes Wort vor diesem Weib, und die Kriegserklärung ist fertig. Daß sie aus so vielen Herren des Lagers den Peter bevorzugte — das ist für Peter nicht schmeichelhaft.
Tom siegte; siegte, wie er mußte. Er gewann die Kokette als Verbündete in sein Geschäft — und legte aus — erklärte, erzählte. Viel wurde zwar herumgeredet, geschachert, gefeilscht. Peter war ein halsstarriger Gegner des Plans; hauptsächlich drehte und krümmte er sich, als man auf Willie zu verhandeln kam. Schließlich glätteten sich jedoch die Widerspüche, und als die Schlacht geschlagen war, hatten alle Parteien gesiegt. Der Friedensvertrag lautete:
Erstens: Peter Daly ist total mittellos, sogar in Schulden. Die Reise nach Klondyke ist Peters heißester Wunsch, kostet aber mit Frau zweihundert Dollar. Peter Daly und Frau reisen also nach Klondyke.
Zweitens: Tom Pratt bezahlt sofort an Peter Daly und Gemahlin hundertfünfzig Dollar, und fünfzig weitere Dollar innerhalb zwei Wochen, die er aus der Bank am Hudson ziehen wird. Das, zusammen mit Peters Monatslohn, der am fünfzehnten Juni fällig wird, reicht zur Auswanderung.
Drittens: Peter Daly gibt alle Ansprüche auf seine noch lebenden fünf Kinder ab zu Gunsten des Tom Pratt.
Der Einarmige zog aus der Brusttasche ein schönbeschriebenes Blatt hervor, eine Feder und sogar Tinte; und während Peter und Gemahlin das Dokument lasen, zählte er hundertfünfzig Dollar in Kassenscheinen auf den Tisch.
»Woher hast du all das Geld?« fragte Peter glotzend; er hatte vorhin schon einmal gefragt.
»Ein Seestern!« antwortete Tom und lachte. — »Nimm's nur!«
Peter unterschrieb mit zitternder Hand. Dann nahm er das Geld und gab es mit ebensolchen Händen seiner »Marianne«.
Beide Eheleute bedankten sich, und der Handel war abgeschlossen.
Eine merkwürdige Veränderung kam über Tom, als er das unterzeichnete Papier faltete und in der Brusttasche verschwinden ließ. Eisige Kälte überzog augenblicklich sein vorher freundliches, gewinnendes Gesicht. Ohne ein Wort zu sagen, stand er auf, griff nach dem Hut und verließ das Haus.
Peter, todmüde von der Tagesarbeit in der Mine, vom Tanzen und Trinken in der Schenke und der Aufregung jetzt, streckte sich auf der Küchenbank aus und suchte in tiefem Schlaf Erholung. »Marianne« überzählte noch einmal das viele Geld und schmunzelte vergnügt.
Es war drei Uhr Morgens und stockfinstere Nacht. Der Mond war untergegangen. Da rollte an die Hütte ein Karren heran, mit zwei Maultieren bespannt. Ein Reiter folgte auf einem dritten; behende sprang er vom Sattel, gab die Zügel dem Fuhrmann auf dem Karren und verschwand im Schuppen. Wenige Sekunden später kam er wieder heraus. Er trug einen Knaben, in Bettzeug gewickelt und schlafend, zum Karren und legte ihn mit Hilfe des Fuhrmanns, der mit der Laterne leuchtete, ins Stroh.
Schnell wiederholte der Mann den Gang und brachte einen jüngeren Knaben heraus, in Lumpen und Laken gewickelt, und legte ihn ebenso in den kistenartigen, halb mit Stroh und Stalldecken gefüllten Karren. Das nächste Mal hatte der Räuber ein schlummerndes Mädchen, etwa fünf Jahre alt, im Besitz. Das vierte Mal trug er ein vierjähriges Mädchen in die Gefangenschaft. Das fünfte Mal — —
»Marianne« schüttelte den schnarchenden Peter. Er schlief weiter. Endlich zerrte sie ihn von der Bank herunter und schrie ihm ins Ohr: daß seine fünf Kinder gestohlen würden von einem einarmigen Einbrecher. Halbwachend erfaßte der Unglückliche die Situation in so milder Form, daß er mit Gähnen und Gliederrecken sich darüber wegsetzte. Er glaubte sogar ein Opfer zu bringen, als er das bequeme Liegen auf der Bank in Aufrechtsitzen umänderte.
»Peter! deine Kinder nimmt er dir weg!« kreischte die Stiefmutter. »Den Willie hat er, den Tom, die Lilli, die Rose —«
Jetzt trat Tom Pratt mit Molly, der Jüngsten, und zugleich mit einem Habersack voll Schulbücher, Bilder, Hefte, Briefe und Reliquien aus der Schlafkammer und versuchte zu fliehen.
Das war unmöglich. Der Räuber hatte sich überladen und Peter gelang es, ihm den Weg zu vertreten.
»Meine Molly!« jammerte der Vater. »Mein Kind! Laß mir wenigstens eins von fünfen, eins. Den Willie laß mir!«
Beim Versuch, das schlafende Kind zu küssen, taumelte der immer noch Schlaftrunkene seitwärts — und Tom rannte nach dem wartenden Wagen. Eilig bettete er Molly ins Stroh; der Fuhrmann hieb auf die Esel los; Tom sprang in den Sattel; und fort ging's in die Nacht hinein.
»Tom!« hörte man von der Hütte her ein klägliches Rufen; aber weiter flogen die Räuber durch Staub und Finsternis.
»Tom!« klang es noch einmal.
Dann noch einmal, jedoch so ferne, daß der ächzende Karren und die Hufschläge der Tiere es übertönten: »Tom! O, o, o!«
Der Morgen dämmerte in phantastischen Umrissen über Deer Lodge, als die Flüchtlinge den Hügelrücken erreichten, der es dammartig von Buxton trennt. Die Kinder waren inzwischen alle wach geworden und betrachteten sich gegenseitig; jedoch ohne sonderliches Erstaunen zu bekunden. Sie nahmen die gewiß neue Weltordnung, in welche sie über Nacht, im Schlaf sogar hineingefahren waren, als etwas ganz Selbstverständliches, als hätten sie es vorausgewußt und erwartet. Oder waren die unglücklichen Wesen durch Entbehrungen schon so stumpfsinnig geworden, daß nichts mehr sie bewegte?
Neben der Birkengruppe in dem mit der Axt ausgeschlagenen Fahrweg machte die Karawane halt. Tom stieg ab und befestigte die Zügel am Ast einer Weißrindigen. Der Fuhrmann unterrichtete ihn vom Wagensitz herunter, wie er gehen sollte. »So und so — fünf Minuten steigen;« dabei zeigte er mit dem Peitschenstiel auf eine riesige Tanne, die das Buschwerk überragte, als das Ziel. »Dort liegt's,« sagte er. »Wenigstens nicht weit von der Rottanne liegt das Grab. Sie können gar nicht fehlgehen, Sir, wenn Sie die Tanne im Auge behalten.«
Tom verschwand in der angegebenen Richtung.
Der Mann vom Lager, der Fuhrmann, sprang nun auch vom Wagen, löste die Halfter der Maulesel, befestigte sie am Karrenrad. Dann langte er einen Sack mit Welschkorn hervor und fütterte die Tiere. Auch Toms Geduldiger bekam sein Teil zu fressen. Darauf griffen zwei barmherzige Hände nach einer Pappschachtel mit süßem Zwieback und übergaben sie den Kindern zur Vernichtung. Dieselben Hände zogen dann einen Tabaksbeutel hervor, eine Tonpfeife, stopften die Pfeife, zündeten sie an und steckten sie einem gutmütig dreinschauenden Mann ins braune, bärtige Gesicht. Der Mann belohnte die zwei Barmherzigen, indem er sofort jede Arbeit ruhen ließ, sich aufs Moos lagerte und blaue Wölkchen hinaufblies in die knospenden Birken. Jetzt war es so ruhig ringsum, so still — man hörte nur das Kornkauen der Esel und das Knabbern guter Kinderzähne am Zwieback.
Da — plötzlich gellte aus der Richtung, wo die große Tanne stand, ein wilder Schrei durch den Wald. Kurzes Echo gellte zurück von den Felsen. Erschrocken sprang der Fuhrmann auf und beruhigte die Tiere, die scheu zu werden drohten. Gespannt horchte er: wiederholt sich der Schrei? — Ein wildes Tier? — Aber nein. Es blieb still. Die Maulesel begannen ihr unterbrochenes Frühstück zu vervollständigen. Die Kinder ließen sich überhaupt nicht stören.
Jetzt kam Tom zurück. Er ging in gewöhnlichem Schritt und trug den Hut in der Hand. Totenblässe bedeckte jedoch sein Gesicht und Schweiß seine Stirn. Als der Fuhrmann ihn fragend anschaute, schüttelte Tom den Kopf.
»Fehlgelaufen, Sir?«
Statt der Antwort zog der Einarmige seinen Reisegefährten beiseite, damit die Kinder nichts hören sollten, falls sie lauschen wollten. Er redete halblaut. Es schien, als frage er viele Fragen, denn wiederholt zuckte der andere die Achseln und schüttelte den Kopf. Endlich sagte er laut: »Ich werde behilflich sein, aber nicht um Geld, Sir; nur aus Mitleid, einzig aus Mitleid. Ich hab' Kinder in Portland und weiß, wie's tut. Gott helf' Ihnen, Sir!«
Seine Pfeife ausklopfend und einsteckend, ging er zum Karren und langte den Willie, wie er war, in Decken gewickelt heraus. Tom nahm Willies Brüderchen und beide Männer schritten mit ihrer Last in die Richtung der großen Tanne und verschwanden.
Nach zehn Minuten kehrten sie zurück, nahmen dieses Mal zwei der Mädchen und trugen sie den Hügel hinauf.
Wieder kamen sie zurück. Der Mann von Portland legte sich nun lang aus ins Grüne zur verdienten Ruhe. Tom nahm die kleine Molly auf seinen Arm und bahnte sich zum vierten Mal den Weg durch Hecken hinauf.
Erschöpft trat er in die Lichtung neben der Riesenfichte, setzte die Kleine zu ihren Geschwistern und sich selber — den Hut ab — etwa zehn Schritte seitwärts. Da kauerten sie nun alle fünf, in Stalldecken und Bettücher eingemummt, auf dem frischgeworfenen Hügel, unter dem frischgezimmerten Kreuz, in der kühlen, frischen Tagesdämmerung.
Die Kinder hatten, obwohl keines je hier war, den Ort gleich erkannt und wußten, was der Hügel, das Kreuz, die Zeremonie der Herreise bedeute. Sogar die Kleinste wußte es und begann das Mündchen zu verziehen zum Weinen. Merkwürdig jedoch, sie weinte nicht — und niemand. Niemand sprach ein Wort. Mit unnatürlich großen, tiefen Augen schauten die Kinder sich gegenseitig an; schauten ringsherum, mit heftigen, sogar wilden Blicken. Etliche davon trafen den armen Sünder nebenan, als hätte er, der Einarmige, die Mama getötet, ihr das Grab gegraben und sie da hinuntergeschaufelt.
Dann endlich bemerkte Tom, wie drei, vier, sieben, zehn kleine Hände nacheinander aus den Lumpen und Decken krochen; und das war es wohl, auf was er sehnsüchtig gewartet hatte. Denn sofort kniete er nieder, hielt seinen verstümmelten Arm nebst dem rechten in die Höhe, neigte sein Haupt tief zur Erde, und zitternd, leise, dann lauter, glockenreiner klang im Chorus, durch Wald und Wildnis, das göttliche Gebet: »Vater unser, der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme zu uns. Dein Wille geschehe ...«
Und mit Strahlen auf Strahlen vom Licht der erwachenden Sonne — durch Tannen, Birken, schwankendes Buschwerk, goldgelbe Bänder flechtend, gleichsam den Hügel und seine Heilige einspinnend in Netze himmlischer Farben — so kam der Gerufene herab zu den Kindern.
Mittags kamen sie endlich in die Niederung von Buxton. Der Fuhrmann trieb sein Fahrzeug nach einem abseits in halbwildem Garten stehenden Blockhaus und hielt vor der Umzäunung. Die Herauskommenden, zwei Frauen, grüßten ihn herzlich; die jüngere seine verheiratete Schwester, die andere deren Schwägerin, eine Witwe. Die beiden betrieben ein Waschgeschäft, nebst Flickerei von alten Kleidern. Der Hausherr war, wie schier alle seines Geschlechtes in dieser Weltgegend, Bergmann.
Zwischen Tom und seinem Reisegefährten war viel vereinbart worden während der Fahrt über den Hügel; sie hatten weiter nichts mehr zu unterhandeln. Tom küßte die Kinder, redete etliche wohlwollende Worte und entfernte sich dann auf seinem Reittier in der Richtung von Buxtons einziger Straße.
Jetzt ereignete sich etwas Unerwartetes. Kaum war Tom verschwunden, so ergriffen die drei andern die Kinder, schleppten sie hinter das Haus in den abgelegensten, verwachsensten Winkel und zogen die hilflosen Wesen aus, splitternackt, setzten sie so nebeneinander, dem Alter nach: Willie, dann weiter, auf ein rohes Brett und Holzklötze. Dann bewaffneten sich die beiden Weiber und ebenso der Fuhrmann mit scharfen Scheren, stürzten sich über die Mädchen, dann über die Knaben her und begannen sie völlig glatt zu scheren. Alles, was Haar hieß, schnitten sie herunter, so gründlich, daß die Opfer der Prozedur nach dem Angriff aussahen wie geschorene Schafe und keines das andere erkannte.
Sie ließen es sich aber schweigend gefallen.
Nach dieser Tortur kam der zweite Foltergrad: die Kinder wurden paarweise in warme Seifenbrühe gelegt, unbarmherzig gebürstet, getaucht und abgerieben mit Tüchern, und wieder gebürstet und abgerieben.
Auch das ließen sie sich schweigend gefallen.
Damit nicht genug: jetzt wurden alle die abgerissenen Unterkleider und Bettlaken, nebst den argverschnittenen Haarlocken, auf einen Haufen gekehrt und — zu Asche verbrannt.
Auch das ließen sie sich schweigend gefallen.
Jetzt schürten die Weiber den Herd mit frischem Holz, das der Portlander herbeischleppte, und stellten Bratpfannen auf. Als es so aussah, als sollten die Gefolterten in der Pfanne elendiglich gebraten und geröstet, mit Schweinefett und Zwiebeln vermischt und jedenfalls dann gefressen werden — da erschien als rettender Engel Tom. Er schleppte einen großen Pack unter dem Arm und ließ ihn neben der Küchenbank fallen, auf die man die Kinder gesetzt hatte.
»Ach, Onkel Tom!« klagten die kleinen Nackten, »wir sind schier nicht mehr da! Schau doch! schau!«
Der Einarmige lachte und wischte sich den Schweiß. Die Kinder lachten auch, die Folterknechte ebenfalls. Es war die erste heitere Szene.
Tom schnitt dem mitgebrachten Pack den Bauch auf, und lauter neue, schöne, reine Kleider und Schuhe und Strümpfe platzten heraus. Schnell, mit Hilfe der Frauen, wurden die Sachen verteilt und den nackten Gliederchen umgehängt. Schier alles paßte; und was nicht eben paßte, wurde so lange gelobt, bis es dann doch paßte. War das eine Freude! Das erste frohe Lachen seit Monaten kam aus der Kinder Innerstem. Die Mädchen hatten niedliche Kapuzen, die ihre geschorenen Köpfe verdeckten; Rose eine rote Kapuze, Lilli eine weiße, Molly eine blaue. Die Knaben hatten Jockeikappen, die ein Gleiches taten. Alles schillerte in Farben und Flitter.
Nun setzte sich die Gesellschaft an den Tisch; die Pfannen wurden auf die Teller umgeschüttet, und zu essen gab es. Und gegessen wurde mit einem Appetit, der — unterhalb des Polarkreises nicht wohl überboten werden kann.
Nach der Mahlzeit blieben Onkel Tom, der Fuhrmann, die beiden Frauen am Küchentisch, während die Kinder durch den Garten zogen und ihre neuen Kleider mit den wilden und gezähmten Blumen verglichen, sehr zum Nachteil der Blumen. Am Küchentisch wurden nun Rechnungen gemacht und beglichen, Schulden bezahlt. Viel Geld mußte Onkel Tom auslegen, viel Geld. Ohne Murren noch Seufzen zahlte er jedoch alles auf den Tisch. Endlich war er frei — und atmete auf.
Dann nahmen sie Abschied; Tom mit den fünfen einerseits, der Fuhrmann mit den zweien anderseits. Wie doch das Unglück Menschen rasch verbrüdert: dem bärtigen Karrenmann stand das Wasser in den Augen, als er dem Einarmigen die Hand drückte. »Sir!« sagte er, »leben Sie wohl, und glückliche Reise! Werd' auch bald nachreisen, nach Portland wieder. Das Geschäft geht miserabel schlecht in Deer Lodge; wird bald ganz aufhören über Sommer.«
Die beiden Frauen küßten die Kinder der Größe nach; die eine von unten nach oben, die andere umgekehrt. »Viel Glück! viel Glück!« riefen sie noch und schwenkten die Taschentücher, als Tom mit seinen Schützlingen schon fast verschwunden war zwischen Hecken und Büffelgras, auf dem Pfad zum Bahnhof.
Schon eine halbe Stunde wartete der Zug, und als die Reisenden eingestiegen waren in die nur schwachbesetzten Wagen, wartete er abermals eine halbe Stunde. Buxton ist Endstation; der Zug ist überhaupt der einzige täglich, der mit Butte City verkehrt, und das Dienstpersonal macht wohlverdiente Ruhepause hier.
Da saßen sie nun endlich im Eisenbahnwagen, fertig zur Abreise nach dem Osten, in die Zivilisation wieder, in die hoffentlich sonnige Zukunft. Tom stützte seinen verkrüppelten Arm auf das Gesimse des offenen Fensters und bedeckte sich mit der Rechten die Stirn, als hätte er Kopfweh oder sonst ein schweres Leiden. Er war seit dem Einsteigen plötzlich wieder tief traurig geworden und niedergeschlagener als je zuvor.
Ihm gegenüber saß Molly, das Gegenteil von Trauer und Niedergeschlagenheit. Vertieft in die Farben und Schönheiten ihrer neuen Kleider, schwelgte die dreijährige Kokette in Glückseligkeit. Abwechslungsweise hoch und höher zog sie ihr Röcklein und betrachtete mit schattenloser Befriedigung die blaubestrumpften, trotz aller Not rund gebliebenen Beinchen.
Neben der Molly saß Lilli — schneeweiß wie ihr Name. Die Unterlippe hatte sie ein wenig eingezogen; ebenso, nur fester, die Daumen in die innere, halbgeschlossene Handfläche. Mit tiefliegenden Augen, die von krankhaftem Blau unterstrichen waren, starrte das Kind unverwandt den großen, fremden Mann an, der sie von Deer Lodge hiehergebracht hatte. Wie sehr das notwendig war, und beinahe zu spät, bewies ein ungewolltes, erbarmungswertes Seufzen, das jede Minute wiederkehrend ihre kleine, abgemagerte Form erschütterte wie ein Schreck.
Rechts am anderen Fenster unterhielten sich Willie, Tommy und Rose heimlich miteinander. Ziel und Zweck der Reise war das Thema, und Willie zeigte eine an Allwissenheit streifende Prophetengabe.
Ah! jetzt zog die Lokomotive an, mit dem bekannten Ruck. Die Wagen bewegten sich. Die Station ging vorüber, vorüber der angrenzende Schuppen, der Schwellenhaufen, das Wasserfaß, die ärmlichen, verdrückten Blockhütten der Ansiedlung ... Jetzt — o jetzt — Tom schaute auf und hinaus. Seine Blicke trafen den Horizont, den waldbewachsenen Hügelrücken, der Buxton trennt von Deer Lodge; sie erkannten die Riesentanne auf dem Hügel, die gleich einem von der Abendsonne vergoldeten Finger gen Himmel zeigte.
Donnernd rasselte der Zug vom offenen Feld in eine Felsenspalte, und das Bild war fort, verschwunden auf Nimmerwiederkehr.
Jennie! dachte Tom, dem die Tränen aus den Augen stürzten. Und dort liegst du nun in alle Ewigkeit allein; niemand, der dein Grab besucht, als das Tier der Wildnis. O, daß es so enden mußte mit dir! Steine statt Blumen; Hagel statt Tränen; statt der lieben Kinder Weinen werden Wölfe heulen. Jennie! Meine Jennie!
Mit schaurigem Gepolter stürzte sich der Zug in den mitternächtigen Tunnel — wie ein Sarg ins Grab.
Krampfhaftes Schluchzen schüttelte Tom, Tränen auf Tränen rieselten heiß über seine Wangen. »Jennie! Schwester!« hörte man ihn nur hin und wieder seufzen. »Jennie! Schwester!«
Als es wieder heller wurde, und die letzten Abendstrahlen hereinleuchteten in den dahinschießenden Zug, saß er seitwärts gelehnt mit dem Haupt in die Wagenecke — und schlief.
Ein Sommernachmittag an den Jerseygestaden des Atlantischen Meeres.
Da rollen sie wieder heran und werden nicht müde, die schhaumgekrönten, grünen Wogen der See. In kühlen Armen schaukeln sie die Fischerboote, Ruderboote, Jachten und eisenschweren Dampfer, und werden nicht müde. Ist es die blaue Welt dort oben, die das Meer so harmonisch sekundiert und weiße Wolken, Himmels Segelschiffe, treiben läßt von Land zu Land, gleich der See? Ist es der Südwind, der palmenduftend die Küstenländer streicht und Wiesengras und Weizenhalme wogen macht in langen Reihen, gleich der See? Ein Gefühl ist's vielleicht, wie es unerklärlich, geisterhaft durch die Natur sich webt: wenn Schönheit auf die Bühne tritt, dann überkommt das Haus ein Verlangen, in dem Andacht und Wollust zusammenschmelzen. Das uralte Meer ist kindisch heut und spielt mit lachenden, jauchzenden Kindern am Strande, den ganzen, lieben langen Tag, und wird nicht müde.
Schon früh eh der Morgen graute wusch die Flut, des Meeres Magd, den Strand. Mit Wasser auf Wasser schwenkte sie, so weit ihr Eimer reichen konnte, Sand und Schilf und glättete der Dünen meilenlange, silberweiße Bank zum Spielplatz willkommener neuer Gäste. Und lange eh die Gäste kamen, trocknete des Himmels Licht und Wärme, freudestrahlend, das triefende Ufer. So oft und grimmig sie sonst sich stritten, des Himmels und des Meeres Mächte — mit Donnerrollen, Wogenbrüllen sich den Krieg erklärten — der Himmel seine Keulen breit schlug auf des Meeres höckerigem Rücken — und das Meer in blinder Raserei dem Blitz in seine Feuerpfanne spie — heute war Friede zwischen den Gegensätzen auf Erden. Heute war Versöhnungstag, Auferstehungstag.
Jetzt kamen sie! Sie kamen! Die Luft zitterte vor Erwartung; des Meeres lange Wogenreihen reckten ihre Hälse, eine die andere überschauend. Und Molly trat zuerst, barfüßig und das Röcklein hoch, in die sprudelnden Wasser. Jetzt folgten Rose und Lilli und hielten ihre nackten Spindelbeinchen hin als Wellenbrecher. Tommy und Klein-Bertie Pratt versuchten das wunderliche, fremde Bad. Und kecker wurden sie von Augenblick zu Augenblick.
»Onkel Tom, wie das kitzelt!« jauchzten die Mädchen, »wie das kitzelt!«
»Und kühlt!« schrieen die Knaben.
»Ach, Onkel Tom! ist das Meer immer so groß wie heute?« riefen die Mädchen.
»Ach, Onkel Tom! — Papa! lieber Papa! — Ist das Meer immer so schön wie heute?« lachten Bertie und sein Vetterchen vom Westen und liefen hin und her, in unbändiger Lust Luft atmend, Freiheit saugend.
Und melodisch schwatzte das Meer mit den Kindern, ihnen Märchen erzählend. Das ungeheure Meer, das Stahlkolosse wirft wie Bälle, sich auf Klippenküsten stürzt, bis die Felsen wanken, und bäumend nach des Himmels grauer Decke schnappt — liebkosend wusch es ihre Beinchen, so dünn und schwach, spülte durch die Zehen, spritzte neckend Schaum in ihre Gesichter, zog schelmisch den Sand weg unter ihren Sohlen und hüpfte vor Lust, wenn die wilden Gäste fielen.
O, Meer und Kind!
Sie hatten sich noch nie gesehen, und gleich erkannt und gleich geliebt, und gleich die Verwandtschaft herausgefühlt, daß ein großer, guter Vater, der des Kindes Busen hebt und senkt, des Meeres Flut und Ebbe will.
Und jetzt kommen die Wasser näher. Ein neues Paar haben sie entdeckt und drängen heran und winken und rufen. Dort sitzt, etwas weiter ab vom nassen Strand, ein schönes Weib und hält auf ihrem Schoß einen schönen Knaben. Sie kann nicht seine Mutter sein, dafür ist sie doch zu jung. Aber die gleichen hellen, nordischen Locken haben beide; die gleichen, wohlgeformten Züge und ach! das gleiche, kranke Blaß der Wangen, mit dem Anflug von Rot, den des Meeres Odem eben angehaucht. Der gleiche engelhafte Friede schaut aus beider Aug' ... Ja, das kann nicht beschworen werden, denn der Knabe schläft. Gleichmäßig atmet er mit dürstenden Zügen die Salzluft ein, im Traum der Wirkung unbewußt; aber bald wird sein müder Körper stark in dieser Pflege, und bald wird er gesund sein und auch spielen dort unten bei der schäumenden Brandung der See, mit den andern; und so seine Hüterin, die schöne Frau.
Jetzt führt sie mit der rechten Hand ein Buch, in dem sie las (derweil ihr linker Arm den Schützling umschlingt), an die Lippen und küßt es lang, süße Schmeichelworte stammelnd zwischen Küssen und Lächeln.
Jetzt legt sie das Buch beiseite auf den Dünensand und greift nach dem offenen Schirm und hält ihn über sich und den Schlafenden. Sprunghaft schier war die Sonne wieder aus der Wolke getreten; die Licht- und Lebenspenderin versuchte nun schon zum zehnten Mal, mit überraschender List ihren Zweck zu erhaschen, sich satt zu weiden, oder wenigstens mit einem heißen Kuß die Krankenstubenwangen dieses stillen Paars zu erwärmen. Aber abgeschlagen rollt das Licht vom aufgespannten Schirm herab auf das Buch im Sand; und gierig schier, als wäre dieses Buch und nicht die Leserin der Zweck des Niedersteigens aus der Himmelshöhe, beginnt die Königin zu buchstabieren:
»Der Seestern. Roman von Tom Pratt. (Sechstes bis zehntes Tausend).«
Und wie glühendes Entzücken zieht es hinauf und herunter — auf Sonnenfäden wie ein Weberschifflein auf- und abwärts, durch die Natur und tote Körper seelische Gefühle webend.
Plötzlich pfeift der Seewind ins aufgeschlagene Buch und schüttelt die Blätter zausend und zerrend durcheinander, gleich einem losen, wilden, schadenfrohen Buben Sand und Muschelscherben darüber streuend; und die gekränkte Sonne verbirgt ihre Enttäuschung hinter Wolkenhaufen.
Und wieder greift die schöne Frau nach dem Buch und senkt den Schirm zu Boden. Aber diesmal liest sie nicht. Suchend schweifen ihre Blicke meerwärts zu der Gruppe lachender, jauchzender Kinder, die sich dort in der Brandung tummeln, und haften fest an dem einarmigen Mann, der bei ihnen steht als Beschützer und Belehrer. Und dieser Mann ist der Dichter des herrlichen Buchs, das sie in der Hand hält; das sie liest und wieder liest, wie man Vaterunser betet unzählige Male. Ja, dieser einarmige Krüppel, dieser arme, tiefgekränkte Bettler hat, wie man Funken schlägt aus kaltem Stein, mit Gottvertrauen aus der Verzweiflung sprühendes Feuer gehämmert, das die Empfänglichkeit zur Flamme schürt und Wärme geben kann an das kälteste, gefrorene Herz. Und dieser einarmige Dichter ist ihr Gatte, ihr teurer, teurer Tom! — Ein kindischsüßes Lächeln spielt um ihre Lippen und zieht durch die bleichen Wangen aufwärts; — ein weher Schatten zieht von ihrer Stirn niederwärts. Auf halbem Weg treffen sich die Gegner, und der armen Eva himmelblaue Augen zittern unter dem Druck der streitenden Gäste und heiße Tränen tröpfeln auf den Sand, die Kleider, des Knaben Locken, auf das Buch, das ihr und sein und aller Erlöser wurde.
Als sie ausgeweint hat und mit der letzten Träne jenes Seufzen, fiebergleich doch wohltuend, ihren Körper schüttelt, das den Übergang bildet vom Sturm zur Ruhe — da ist es ihr, als sei noch nie im Leben diese Welt so schön gewesen wie in dieser Stunde. Weit, so weit ihr Auge reicht, dehnt sich das Meer, und Meer und Himmel, wie zwei ausgespannte Arme, schlingen sich um ihn und sie und diese lieben Kinder. Was die Wogen rauschen, klingt wie das Reden wohllautender Stimmen. Was die Wasser singen, ob Kinderjauchzen oder Plätschern der Brandung — alles ist ein einzig herrliches, liebes, oft gehörtes Lied in ihren Ohren, und die Wolken formen sich zu teuren Wesen und Gestalten, und der Schaum der Brandung zu Gesichtern, und jedes Ding ist verschönerte Verklärung.
Da liegt sie endlich tot und ausgetobt, die Angst und Sorge; die Vergangenheit wie eine schwere, schwere, schrecklich lang durchwachte Nacht. Mit Gefühlen, wie der Auferstandene sie haben mag am ersten Tag im Himmel, denkt sie jetzt zurück ans ferne Vaterland im kalten Norden — an der Heimat hohe Berge, wilde Wälder — an das Wanderlied, das ihre Eltern lockte übers Meer ins breite Tal des Mississippi — an die Leiden und Mühen der Armen in dem fremden Land — an Vaters jähen Tod — der Mutter frühes Sterben — die Verlassenheit der Waisenzeit — die Nächte, die sie mit Gottes Engeln durchbetete im stillen Kämmerlein — an die schaurigen Gefahren, die Schlangenringen gleich sich legen um ein Mädchenbild, so jung und so wohlgeformt und so bettelarm — an den Sonntag auf dem Kirchhof in St. Louis — an Toms Geständnis — an das erste Licht nach langer Finsternis — ans Paradies der Liebe — an der Vermählung Doppelfrucht — höchstes Glück auf dieser Erde — — ach! an Elfies Sterben — an des Gatten gräßliche Verstümmelung — Tränen — Elend — Hunger und Verzweiflung. Lawinengleich bricht jetzt das Verderben über Haus und Heim. Und dahinein gellt ein Schrei von außen: Jennie ist erfroren in Montana — der Jennie Kinder verderben — die Welt geht unter, und es gibt keinen Gott!
Da, o da — mit welcher Voraussicht hat der große Geist gerechnet! Das gräßlichste Geschehnis wird zum Heil: die abgesägte linke Hand zwingt die verwaiste Rechte zur Selbständigkeit, und verwirrt in ihrer neuen Stellung, greift sie gleich zum Allerhöchsten, was die Menschenhand erreichen kann: Verkörperung von Idealen ... So schreibt sie dem Krüppel Tom sein erstes Buch: »Der Seestern.«
Und Glück auf! es gefällt. Die Leser wollen mehr. Und Tom Pratt wird weiterdichten — muß weiterdichten; aus Pflicht für Weib und Kinder, aus Dankschuldigkeit gegen Gott, seinen Schöpfer, aus unbändigem Verlangen nach dem Kuß der Musen.
Auch die allerlängsten Nächte haben ihre Morgen!
O, warum wir leiden, leben müssen? Um sterben zu dürfen? — Nein, um auferstehen zu können! — Leiden schmieden, Hammerschlägen gleich, die Ketten der Zusammengehörigkeit ums ganze menschliche Geschlecht. Gäb's hunderttausend Wege aus dem Nichts zum Sein, aus Verwilderung zur Veredlung, aus diesem Kampf ums Dasein zur Glückseligkeit und zu Gott, keiner führt vorbei und jeder durch die salzigbittere Wüste: Schmerz.
Doch haben die Tränen längst den kürzesten entdeckt. Und der sicherste der Führer bleibt die Sehnsucht ...
Schon seit einer Weile ist der Knabe wach und schaut empor. Er sieht das Wolkentreiben droben und das grenzenlose tiefe Blau der Welt, hört der Brandung geisterhaftes Rauschen, des Meeres röchelndes Atmen, und alle die Wunder drücken seine Nerven mit Ermüdung.
Jetzt kommt die schöne Frau zurück zur Gegenwart und blickt in die offenen Augen ihres Schützlings. Freude füllt ihre Brust. Dann, sich tief herabbeugend und des Knaben Stirn küssend, haucht sie: »Guten Morgen, Willie! Hast du gut geschlafen?«
Ein selig Lächeln ist die Antwort.
»Und darf ich wissen, was mein Liebling schönes träumt, derweil ihm das Meer die Schlummerlieder singt?«
Hier verändert sich des Knaben Aussehen. Abwehrend, tiefe Schwermut zeigend, senkt und öffnet er die Lider.
»Nicht?« klagt die Frau. Aber plötzlich schrickt sie zusammen — weicht zurück — langsam vergrößern sich die Pupillen in ihren Augen und bleiben so.
Zweimal nickt der Knabe, wie ein doppelt Ja.
Die schöne Frau nickt auch.
Sie hatten sich verstanden; das Kind war dort und hat's besucht. Was? Das verschollene Grab.
