Einleitung (continued 2)
Reading edition
Und um und um drehen sich die Räder.
Oooo! Wie viele tausend halbgefütterte Mädchen und Mütter, Söhne und Väter der Armen müssen sich todmüde rackern, diesen Prassern ihren Tisch zu decken, ihre Häuser zu bauen, ihre Zimmer zu dekorieren, ihre Kleider zu weben, Unterhaltung zu schaffen, allen Launen einer verwöhnten, überfaulen, egoistischen Gesellschaft Leckerbissen zu streuen — bis Erbrechen folgt?
Bei solchen Studien kann es vorkommen, daß der Arbeitslose wahnsinnig wird, heimrennt und Bomben gießt. Der Unglückliche bildet sich dann ein, die runden Dinger seien Brotlaibe. Und wenn er sie abbrennt und knallen hört, denkt er, das sei der vierte Juli, der Tag der Unabhängigkeitserklärung. — Aber die Gesellschaft kann sich schützen gegen solche Narren. Der Anarchist wird per Strick am Hals zum Teufel geführt — der gibt ihm doch wenigstens gebratenes Fleisch zu riechen.
Ja, ja, es ist eine majestätische Weltordnung! Man möchte »Viktoria« schreien — oder besser noch hinaufsteigen irgendwo, auf den Chimborasso, und herunterpfeifen auf das ganze Eldorado.
Tom.
Brooklyn, den 25. November 1900. Schwester!
Letzte Nacht war ich lang und innig im Gespräch mit Gott. Wir hatten uns viel zu erzählen. Ich erzählte ihm vom Leben und Leiden in der Werkstatt; wie es staubt und stinkt in der Fabrik; wie man hustet, keucht, schwitzt, schwindsüchtig wird, und wenig verdient, und Weib und Kind schier nicht mitschleppen kann auf steiler Bahn.
Er erzählte mir vom Geisterreich, vom Schöpfungsplan, von Welten, die er machen wird und machte, von den Lichtern, die wir sehen jede Nacht, bis ganz hinten, tief, wo Sonnen frieren und die Allmacht Grenzen wünscht und keine findet.
Ich klagte über meine Not.
Über die Menschen er.
Ich betete ihn an.
Er hauchte mich an.
Wir gelobten uns ewige Treue.
So still das Wiesental, der Fluß. So halbdunkel, gespenstisch die Hügelwand mit Waldesschatten. So klar die Sternenwelt dort oben — wie nur das müde, schlafende Pilot Knob in warmer Sommernacht es geben kann.
Was der Nachtwind den lauschenden Fichten klagt; die Riesen nicken: »ja« — die Riesen schütteln: »nein«.
Was der Nachtwind abgehorcht dem Grollen der Donner, dem Rauschen der See, dem Krachen der Gletscher, dem Dünensand, dem Wüstensand, dem Hüttenraum der Armen, dem Prunkgemach der Reichen. Was der Nachtwind den Bergen erzählt: die Felsen überziehen sich mit Immergrün und Blütenstaub; die Felsen überziehen sich mit Eis — und weinen Wasserfälle.
Was der Wiesenbach den Blumen erzählt, was er sah und fühlte auf der Reise von der Quelle abwärts durch das Tal zum Meer — und auf Wolken wieder aufwärts bis zur Quelle — hin und her. Die Blumen hauchen ihre Seelen aus vor Lust und Sehnen — die Blumen weinen Tau — die Blumen sinken sterbend auf das Wasser, treiben mit der Flut zum Meer — und nimmer wieder.
Zwischen Nichts und erstem Werden. Durch jene Ewigkeit der Nacht, als Gottes Seele schlief und träumte noch, von Zukunft, Welt und mir — — mit einer Sehnsucht, Funken zu schlagen aus dem Nichts — mit einer Liebe, die Welt zu schwellen mit Wollust — mit Sonnen — Sonnen — — Sonnen — — —
Plumps! Ausgerutscht! Da liegt der Tom.
Nein, Schwesterchen! mit diesem Absprung komm' ich nicht an die Himmelstür, viel weniger hinein, zum Herrn der Heerscharen. Es geht nicht und geht nicht mehr. Ich hab's versucht. Oben kannst Du's, schwarz auf weiß, bemitleiden, wie ich mich anstrengte, mich ins Geschirr legte, einen Schwung machte ums Zentrum herum, daß die Zentrifugalkraft die Anziehungskraft förmlich sitzen ließ wie ein tanzwütiger Schwerenöter die alte Jungfer.
Ich bin nicht mehr Tom, der Dichter im Schurzfell. Tom, der mit den Seraphs Harfen spielte — mit den Cherubs Abendspaziergänge machte über blutgesäumte Wolken. Tom, der, wenn er nur wollte, dem lieben Gott auf die Schulter klopfen durfte und plaudern mit ihm wie ein Kind.
Ach! Ach! Dahin! Dahin! — —
Letzte Nacht war ich lang und innig im Gespräch mit Gott. Der Tag vorher war bis zum Abend — ein Waschtag. Eva legte sich, müde von der Arbeit, früh zu Bett. Bertie auch. Ich setzte mich ans offene Fenster in der Küche und betrachtete die Nacht. Sie war schwer und herbstlich; ich war still und traurig.
Seltsam — ich starrte eine Weile auf die Sternengruppe der Andromeda und — erschrak über die merkwürdige Veränderung der Lichter. Die wohlbekannte Milchstraße schien mir plötzlich eine weiße, endlose Wand, Mauer — eine Gartenmauer. Sie kam mir näher, oder ich ihr. Mit einem Mal dachte ich's und da war es so: die endlose weiße Wand war die Mauer um das Paradies. Ich hörte Singen, Lachen, Harfenspielen über der Mauer drüben. Ich sah fruchtbeladene Palmen, gewiegt von blumenduftenden Winden. Ich roch Weihrauchwolken, die aufstiegen wie Feuerwerke. Ich war tatsächlich dem Himmel so nah, daß mir nur das Loch in der Mauer fehlte zum Seligwerden. Ich trottete auf gut Glück entlang und sucht's.
Die Umgebung des Paradieses ist auch ein Paradies (mit eines Wunsches Unterschied); Blumen und Fruchtbäume und wundervoll grünes Gras bedecken den von magischem Licht verklärten Boden; aber alles Bewegliche neigt sich verlangend nach der Mauer hin — ein Zug, der auch mich erfaßte. Ich wußte keine Ruhe hier außen, auch in diesem idealen Zauberpark nicht, den ich doch, wie ich merkte, ungeteilt bewohnen durfte. Qual und Sehnsucht verzehrten mich.
Da — gewahrte ich eine Öffnung an der hellen, glatten Wand, und o Himmel! es war das Pförtchen — der tausendfach gelobte, geschilderte, besungene Eingang in das Paradies.
Als ich, durch Blumen watend, näherkam, bemerkte ich einen weißgekleideten, weißhaarigen Greis. Er saß auf einer rohgezimmerten Holzbank neben dem Pförtchen und schien zu schlafen. Das war unzweifelhaft der heilige Petrus. Er trug ein ziemlich reines, grobgewirktes, ungeheuer weites, weißes Nachthemd mit Matrosenkragen. Der Heiligenschein schwebte in Gestalt eines rotglühenden Kübelreifs über seinem Haupt. Die Himmelsschlüssel lagen nebenan auf der Holzbank, und ebenso ein Körbchen mit einer im Winde flatternden, blutroten Atlasschleife am Korbhenkel. Säuberlich hineingebettet ruhten im Körbchen zwei riesige Pflaumen, zwei Butterstullen, ein gesalzener Rettich und ein verblüffend demokratisches Bierkrügerl. Im Gras, nicht weit von der Bank, bemerkte ich ein goldenes, niedlich kleines Pantöffelchen, die Sohle nach oben. Das ließ erraten, daß die Engelein dem alten Mann sein Vesperbrot heraustrugen und sich dann im Gras herumjagten, wie's ja die Kinder lieben überall.
Um des Heiligen Aufmerksamkeit zu wecken, begann ich halblaut zu husten. Die Wirkung war — entsetzlich. Der heilige Mann schnellte wie von Skorpionen gebissen senkrecht in die Luft und starrte mich an mit verglasten Augen. Ebenso schnell jedoch kam er wieder ins Gleichgewicht und setzte sich. Er zuckte zwei-, dreimal mit der Schulter, schüttelte den Kopf, und legte dann sein linkes Bein, vom Knie an abwärts, wagerecht übers rechte. Und — jetzt erst ging mir ein Licht auf über das, was ich vorher an der zusammengekauerten Gestalt für ein Nachmittagschläfchen hielt: der Heilige beschnitt sich die Zehennägel mit einem Federmesser.
»Bist du sehr in Eile?« frug er mich, halb mürrisch, halb gleichgültig, und seine Beschäftigung wieder aufnehmend.
»Nicht sehr, heiliger Petrus,« gab ich zur Antwort.
»Dann laß mich diese drei Nägel noch abschneiden.«
»Hundert, wenn's Euch beliebt!« — Ich war so verwirrt, daß ich ganz vergaß, daß der Menschenkörper nur zwanzig solcher Dinger besitzt.
»Wo kommst du her?« frug mich der Apostel wieder nach einer Pause, aber bedeutend leutseliger dieses Mal.
»Von der Erde unten,« erwiderte ich.
»Das kann ich riechen, haha! — Von welchem Land oder Königreich, will ich wissen.«
»Von keinem Königreich, von einer Republik komme ich.«
»Von Transvaal?«
»Von Amerika.«
»Von Amerika?!« — Der Alte schüttelte den Kopf und seufzte. »Und woher in Amerika, wenn ich fragen darf?«
»Von Neuyork.«
»Neuyork? Neuyork? Hm — wo liegt das Ding?«
»Bei Long Island,« gab ich zurück, immer noch gepreßt.
»Long Island! Ah, jetzt erinnere ich mich. Neuyork — Long Island — das ist eine schlimme Weltgegend. In zehn Jahren bist du erst der zweite, der hier vorspricht.«
»Und wer ist der andere?« frug ich naseweis.
»Ingersoll.«
Ich schrie förmlich auf: »Ingersoll! Robert Ingersoll, der Ketzer?!«
»Und?« — Sankt Peter schaute von feiner Arbeit auf und mir ins Gesicht. »Und?«
»Ingersoll, der Atheist!«
»Und?«
»Der Gottesleugner!«
»Und?«
»Der Religionsspötter, Seelenvergifter, Teufelsagent, der ein Menschenleben lang die Bibel zerfetzte wie alte Zeitungen!«
»Und?«
»Und?! — Den habt ihr in den Himmel 'reingelassen?«
»Wenn ich so genau wollt' richten,« erwiderte der Heilige trocken, »dann könnt' ich überhaupt die Bude schließen und die Schlüssel wegwerfen. Im Buch steht nichts, daß er Menschen geschunden hat und meinen Herrn und Meister verkauft; und ich halte mich ans Buch — nur ans Buch.«
Ich mußte lachen. »Wieso kann er den Herrgott verkaufen, wenn er gar nicht an den Herrgott glaubt?«
»Ach was, glaubt, glaubt, glauben. Was gibt der Ewige für euern Glauben — er pfeift euch auf euern Glauben. Gute Werke will er sehen; Brüderlichkeit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit.«
Hier interessierte sich der Apostel mit einem Mal so für seine unterbrochene Beschäftigung, daß ihm das welterschütternde Thema Null war gegenüber dem Nagel am Zehen. Es war der große Zehennagel. Der Nagel war, wie man zu sagen pflegt, ein eingewachsener Nagel. Ein solcher Nagel verlangt ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit, Geduld und Kunst. Man muß mit Leib und Seele bei der Sache sein. Man darf da weder Übereilung noch Ängstlichkeit zeigen, noch an etwas anderes denken darf man.
Jetzt war es sterbensstill ringsum. Fernweg hörte man das Harfenspielen der Engel, aber kaum so laut wie das Summen der Glocken, wenn der Küster längst den Strang verlassen.
Und da saß er nun vor mir — und wie?
Das also ist der heilige Petrus, der Schiffer und Fischer, der die Segel reffte auf dem Galiläischen Meer vor neunzehnhundert Jahren. Das ist der biedere, grade, natürliche Arbeiter, den der Heiland auf den ersten Blick so lieb und sympathisch fand, daß er ihn zu seinem Stellvertreter erwählte. Das ist der Charakterkopf, der die Wucht und Größe einer welterlösenden Religion erfaßte. Das sind die schwieligen Hände, die Netz und Ruder zogen — und dann durchnagelt wurden am Kreuz. Das sind die Füße, die Palästina durchwanderten vom himmelblauen See Genezareth bis zum Toten Meer, vom Berg Tabor bis zum Ölberg, von der heiligen Stadt Jerusalem bis zur ewigen Stadt Rom — und dort durchnagelt wurden am Kreuz.
Unsägliches Mitleid mit dem Märtyrer ergriff meine Seele. Unwiderstehlich zog es mich drei Schritte näher. Aus Mitleid, und mehr noch um den Mann wieder reden zu hören, frug ich: »Wie geht's Geschäft, heiliger Petrus?«
Er wies mit der messerhaltenden Rechten nach der Himmelspforte, gleichsam den Staub und die Spinnenweben dort auffordernd, mir die Antwort zu geben.
»Da sieht nicht aus wie überlaufen,« erwiderte ich.
»Das sieht aus, als ginge die ganze Welt zum Teufel!« schrie Sankt Peter plötzlich, und so rasch sein Temperament verschiebend, daß er mit dem letzten Wort im Satz zu spät kam und es wegließ bis aufs »T«. Kirschrot vor Aufregung wurde er im Gesicht, seine Augen schossen Blitze; seine Skalpierkunst am Zehen wurde abgebrochen; das Federmesser schnappte zu und verschwand im Faltenhemd. »Wär' ich der Allmächtige, ich pumpte alles Wasser des Universums auf die Menschenbrut hinunter, daß sie schwimmen müßten bis an den Mond, um Land zu finden. Sind dass Menschen? Ebenbilder Gottes? Christen, erkauft mit dem Blut? — Und wenn der Teufel tausend Jahre lang an einem einzigen Halunken seine ganze Wissenschaft verschwendet, er kriegt keinen Schuft zu stande, wie ihn die Gesellschaft produziert im Handumdrehen, ohne Müh' und Kraftverlust! — — Ach was —«
Hier kühlte sich des Heiligen Zorn und wie resignierend setzte er hinzu: »Es ist eben ein Fehlschlag. Die ganze Schöpfung ist ein Fehlschlag. Es ist wahr, jeder kann hin und wieder mal sein Pech haben mit der Arbeit, aber so den Stoff verpfuschen, das ist zum Weinen. Man hätt' was Herrliches draus machen können mit Überlegung und Zeit; aber so in der Eile sein und in sechs Tagen die Welt machen wollen, wozu man von Rechts wegen die Ewigkeit nehmen sollt'. Jetzt ist's geschehen — und alles Dranrumflicken und Pflastern macht's nicht vollkommen.«
Er reckte sich gähnend, nahm den Rettich aus dem Körbchen, betrachtete ihn eine Weile und legte ihn wieder zurück. Dann machte er ein paar Schritte von der Bank weg, wo das goldene Pantöffelchen im Grase lag, und warf es im Bogen über die Mauer. »Die Rangen, ihre Flügel werden sie sich noch abreißen nächstens.«
»Das ist allerdings traurig, lieber, heiliger Mann,»stöhnte ich, wie betäubt von dem Gehörten und Gesehenen.
»Zum Verzweifeln ist es!« erwiderte der Apostel und setzte sich abermals. »Mein Herr und Meister sagt es selber, daß es zum Verzweifeln ist. Erst vorige Woche war er hier außen bei mir auf ein Stündchen; dort saß er, wo das Krügerl steht, und hier saß ich. ›Peter,‹ sagte der Herr zu mir, und er war sehr traurig. Er ist immer traurig, aber den Abend war er auffallend traurig. ›Peter, jetzt feiern sie da unten das neue Jahrhundert; hörst du den Spektakel? Ein solcher Lärm war nicht, seit der Michel den Himmel säuberte von den Aristokraten. Auf drei Plätzen haben sie Krieg, auf zehn haben sie Massakres, auf hundert Schlachthäuser im Betrieb für ihre Brüder. Mord, Meineid, Lüge, Raub, Betrug, Trunksucht, Faulheit, Neid, Geiz, Hochmut, Heuchelei, Schändung — das Menschengeschlecht badet sich in Todsünden wie ein krätzig Tier im Morast. Den Reichen verfault ihr göttlich Teil im Prassen und Schwelgen, den Armen versiecht die Seele in Jammer und Verzweiflung; und keine Sonne am Himmel und kein Gott im Himmel ist den Menschen so warm und heilig wie Geld und Geld. Der alte Mann im Vatikan, mit seiner dreimaligen Krone, hat nicht die blasse Idee von dem Kommunismus, für den wir uns kreuzigen ließen. Mit seiner Politik, Peter, wär' ich Hohepriester geworden, du und Paulus römische Senatoren; und Judas — ah, der Schelm hat mich doch wenigstens nicht blamiert und hat seinen Preis verlangt; die Kuttenmänner aber verkaufen mich für zehn Cent, und nicht einer hängt sich auf vor Scham und Reue — nicht einer. Peter, ich zähle auf dein Prinzip, laß mir ja keinen durchschlüpfen, der nach Geld und Banknoten riecht!‹«
Der Alte erhob sich. »So, jetzt wollen wir zur Examination schreiten. Hoffentlich bestehst du sie. Es ist viel Platz im Himmel und (hier schnalzte der Heilige mit der Zunge und blinzelte schelmisch) verd...t gemütlich, seit das Radfahren aus dem Sündenregister gestrichen wurde.«
Ein Fieberfrost überlief mich bei dem Wort »Examen«, und kaum weiß ich, in welcher Tonart ich stotterte: »Lieber, heiliger Herr! Wollt Ihr das Essen kalt werden lassen meinetwegen und das Bier sauer? Ich bin rein gar nicht in der Eile, lieber, heiliger Herr.«
»Erst das Geschäft, dann das Vergnügen. Dass Bier kann 's Stehen vertragen, 's ist Anhäusers.«
Sankt Peter lachte und das ermutigte mich einigermaßen. Dann schloß er das Pförtchen auf und schritt hindurch. Ich blieb außen. Bald darauf öffnete er ein Schiebefenster neben dem Pförtchen. Ich verfolgte jede seiner Bewegungen. Er hob ein schweres, ledergebundenes, vergriffenes Buch aufs Gesimse. Ich verwandte kein Auge von ihm. Er setzte eine Brille mit Hornbeschlag auf die Nase, und das gab ihm ein zwischen Komik und Ehrwürdigkeit balancierendes Aussehen. Die Brille war alt und trug die Geschäftsmarke: »Levi u. Söhne, Esaustraße, Kapharnaum.« — Jetzt frug er mich nach Tauf- und Zunamen.
Ich antwortete: »Tom Pratt.«
Er blätterte im Register. »Tom Platt.«
»Um Himmels willen!« schrie ich, »Tom Pratt! — nicht Platt.«
»Tom Pratt — Pratt — Tom Pratt —«
Mit Todesangst hafteten meine Augen an des Alten Gesicht. Das geringste Stirnrunzeln bedeutet ewige Verdammnis. Das geringste Lächeln auf seinen Lippen heißt ewige Seligkeit.
Plötzlich verzerrten sich seine Züge wie die fluchende Fratze eines Ketzerrichters. Hochrot, blau, violett wurde die Hautfarbe seines Gesichts; Beulen, Klumpen schwollen heraus, förmliche Würste; Krampfknoten wie Trauben und kalifornische Zwetschgen. »Schwindler!« schrie er, »eine solche Unverschämtheit ist mir noch nicht begegnet seit der Himmelfahrt! Du lebst ja, du bist ja noch gar nicht tot! Den Himmel willst du haben bei Lebzeiten?« — Er griff nach dem dreipfündigen Schlüssel und — mir flog etwas an den Schädel, daß mir Sterne, Planeten und Saturnusringe vor den Augen flammten.
— — Ich wachte auf. Neben dem Küchenfenster sitzend war ich eingeschlafen, und im Schlaf fiel mir der Kopf aufs Fensterbrett — schwer wie Blei.
Tom.
Brooklyn, den 1. Dezember 1900. Teure Schwester!
Es gibt Augenblicke im Menschenleben, die nur verglichen werden können mit dem Reißen einer Wolke nach langer, trüber Regenzeit, wenn plötzlich augenblendend die Sonne leuchtet in die Finsternis. So, gleichsam durch Tränen lachend, war die gottgeschickte Stunde, die ich und meine Eva gestern morgen erleben durften.
Es war ein Regentag. Ich stand wie gewöhnlich auf, und weil es regnete und stark regnete, blieb ich im Haus.
Um acht Uhr pfiff der Briefträger nach »Tom Pratt«.
»Eva, ein Brief von Pilot Knob!« rief ich und rannte hinunter, ihn abzuholen. Es war kein Brief von »Jennie Dear« — sondern ein Schreiben war's von meinem ehemaligen Prinzipal in Neuyork. Keine Sekunde vermochte ich zu warten auf den Inhalt und riß den Umschlag in Fetzen — überflog die Zeilen. »Arbeit!« schrie ich, »Arbeit! ich habe Arbeit!« Und so laut schrie ich und so hastig lief ich die Treppen hinauf, daß ich in der Küche war, eh' mein Weib, durch mein Lärmen erschreckt, die Tür erreichte.
»Eva! Arbeit! Platz! Ich hab' eine Anstellung! Tom hat eine Anstellung — zwölf Dollar die Woche — — lies doch — hier sieht's schwarz auf weiß:
»Werter Herr Pratt!
Ich habe Ihnen nach langem Bemühen eine passende Stelle gefunden, die Sie jedoch sofort antreten müssen. Gehen Sie nach 700 Mercer Street. Mister Rouß ist unterrichtet von mir und wird Sie anstellen als Nachtwächter in seinem Lagerhaus. Gehalt zwölf Dollar. Zu arbeiten brauchen Sie nicht, aber ehrlich, nüchtern, wachsam, zuverlässig in jeder Art müssen Sie sein — und das sind Sie —«
Weiter kam ich nicht im Lesen. Mein Weib fiel mir laut weinend um den Hals; ich fiel ihr um den Hals; und dann fielen wir beide zusammen auf das Sofa. Dann erschien Bertie, aufgeweckt von dem Spektakel, im Nachthemdchen, und das Freudenschreien mißverstehend heulte er ebenfalls, und am allerlautesten, und vermehrte den Menschenhaufen mit seiner Persönlichkeit.
Es war jetzt ein so wirrer Knäuel auf dem Sofa, ein Schluchzen, Küssen, Lachen, Sprechenwollen, daß Minuten vergingen, eh' wir Alten vernünftig wurden und das Kind beschwichtigten. Das war höchste Zeit, wollten wir nicht die Nachbarschaft alarmieren oder gar die Feuerwehr.
Dann zog Papa seine Sonntagskleider an, Schuhe, weißes Hemd — derweil Mama das Kind küßte unter immerwährendem Schluchzen und Lachen, daß Bertie erstickt wär', hätt' ich Eva nicht weggerufen, mir die Halsbinde zu knüpfen.
Unter strömendem Regen trat ich meinen Weg an nach Neuyork. Eine Stunde später trat ich ins Kanzleizimmer des Mister Rouß.
Es war Tatsache: ich soll den Platz sofort antreten — das heißt, sofort nach sechs Uhr Abends. Das ist die Zeit, wo das Geschäft geschlossen und der Nachtwächter (das heißt: ich) eingeschlossen wird. Buchstäblich eingesperrt. Stündlich hat er das Gebäude abzupatrouillieren. Diebe, Feuer und Ratten sind die Hauptfeinde, auf die er seine Findigkeit konzentrieren soll.
Also den Nachtwächterposten hab' ich; »aber« — —
Noch nie in meinem Leben wurde ich von vier Buchstaben so überrumpelt wie von diesem »Aber«.
»Aber,« sagte Mister Rouß, »sollte Pat (Pat ist mein Vorgänger im Amt) — sollte Pat gesund werden, was wir alle sehnlichst hoffen, muß ich selbstverständlich als Geschäftsmann und Mensch ihm seinen Platz zurückgeben. Er ist Familienvater von elf Kindern und zudem ein alter, treuer Diener der Firma. Stirbt er, dann allerdings haben Sie die Stelle permanent. Kommen Sie heute abend um sechs zum Dienst. Instruktionen erhalten Sie jetzt sofort vom Aufseher.«
Der Herr winkte mir, zu gehen, und Tom zog die Kanzleitür ins Schloß, von außen. Vom Aufseher erfuhr ich ohne Zugpflaster (denn er ist ein solcher Schwätzer, daß er 's Maul nicht hält im Barbierstuhl und sich durch sein ewiges Schwätzen eine Papageienphysiognomie erworben hat, die nur stellenweise von blauer Brille und Zigarrenstummel verdeckt wird), daß Pat vierzehn Jahre lang Nachtwächterdienste tut fürs Haus, daß er vom Gliederreißen viel geplagt wird, daß seine Frau viel doktert und — trinkt, daß seine Kinder alle klein sind, daß er seit drei Wochen schwer krank an Erkältung das Bett hütet, daß seither abwechslungsweise Angestellte der Firma Nachtwächterdienste versahen für den kranken Pat. »Wohl denn,« sagte der Schwätzer zum Schluß, »verlieren wir den Pat, bekommen wir also einen Pratt. Hoffentlich ist der Unterschied zwischen Ihnen und ihm so klein wie im Namen, denn Pat ist ein sehr zuverlässiger Mann, ein sehr ehrlicher, zuverlässiger Mann. Adieu!«
Für meine Handlungen nach dieser aufregenden Stunde bin ich nicht verantwortlich. Die helle Freude, dann das trübe »Aber«, dann die vielen Zwerge, die an diesen zwei schwarz-weißen Riesen herumkrabbelten, erfüllten meine ohnehin nervöse Phantasie so mit beängstigenden Bildern, daß ich wie von Gespenstern gehetzt Hilfe suchte, irgendwo. Eine Kirche stand offen. Dort taumelte ich hinein, sank auf die Kniee, und so heiß, wie nur gebetet werden kann, betete ich dem Vater der Armen ein Dankgebet für die Erlösung aus der Hölle der Arbeitslosigkeit.
Daß ich meine Augen schloß; daß ich naß, kalt, müde und hungrig war und mein fieberndes Gehirn Bilder sah; mein Weib und Kind neben mir knieen sah, dann noch mehr arme, zerlumpte Menschen sah, die beteten und die Kirche füllten, daß ich dann plötzlich einen Mann aus der Menge die Hände aufheben sah und laut zu Gott schreien hörte um Brot für seine elf Kinder; daß ich unwillkürlich an Pat dachte, mein Traum aus, mein Gebet aus, meine Ruhe aus, alles, alles aus war — die ganze Himmelsharmonie von vorhin ausgellte in so schrille, wilde, nervenzerreißende Mißakkorde, wie das Chaos der heutigen Weltordnung — —
O Jennie! Ich kann nicht beten noch danken, ohne Gott zu lästern. Sünde wird mein Flehen, Fluch mein Danken, Brudermord mein Dasein. Was ich erbettle — ist meinem Bruder genommen. Was ich genieße, ist meinem Bruder geraubt. Meinen Bruder zerre ich unter Wasser, wenn ich schwimmen will. Meinen Bruder muß ich bestehlen, überlisten, würgen, totwürgen — so will es die Ordnung hier auf Erden.
Und ich bin für Ordnung.
Tom.
Pilot Knob, den 1. Dezember 1900. Mein Bruder!
Der Himmel hat mir den rettenden Gedanken geschickt. Ich habe nächtelang darum gebetet. Hier ist er: Versuche mit Kopfarbeit Dein Brot zu verdienen! Tausende leben, und viele sogar im Wohlstand, die mit der Feder produzieren. Eine Hand genügt dazu, und die hast Du noch; und Gehirn und Herz hast Du erst recht. Allerdings bist Du nur ein rußiger, staubiger Fabrikarbeiter, der keine höheren als Volksschulen genossen hat; aber wenn ich Deine außergewöhnlichen Geistesgaben bedenke und Deine ergreifenden Briefe lese — — Versuch's!!
War nicht unser Vater (Gott hab ihn selig), wenn auch nur ein hartarbeitender Erzgräber, der klügste Mann im Minendistrikt, Ingenieur und Verwalter mitinbegriffen. Und »Mütterchen unser« so seelenvoll. Bruder! Mut! Der Genius steckt uns im Blut. Was andere mühsam aus der Tinte saugen müssen, haben wir schlafend in der Muttermilch getrunken. O, hätt' ich Zeit und nur Zeit, ich wollte schier selber eins dichten, das zum — Weinen wär' — hahaha! — —
Nochmals, Bruder! Versuche es mit Geist und Gemüt; wähle ein Thema, ein Problem aus dem Leben, aus der Geschichte, aus der natürlichen, übernatürlichen, aus der Hexenwelt — irgend eins. Schreib einen Aufsatz: wie man ledig bleibt, wenn man sich verheiratet wünscht. Wie man verheiratet bleibt, wenn man sich ledig wünscht. Wie man runzlig wird vom Ausschweifen und rund vom Keuschsein, oder umgekehrt. Wie man reich wird durch Ehrlichkeit und arm durch Betrug und Schwindel, oder umgekehrt. Wie man zum Himmel kommt durch Frommsein und zur Hölle durch Fluchen, oder nicht umgekehrt.
Du liebe Zeit! so plaudere ich und drei Kübel voll schmutziger Wäsche stehen wie das Schwarze Meer unterm Nußbaum. Ich bin freilich ein Waschweib. Fort, Feder — Seife her.
Bruder, das für heute. Ein meilenlanger Brief zum nächsten Mal.
Jennie.
Pilot Knob, den 1. Dezember 1900. Teure Schwägerin!
Mit Zittern und Zagen schreibe ich diesen Brief an Dich. Tom darf ihn nie zu Gesicht bekommen, hörst Du — nie! Dieser Brief ist nur an Dich und für Dich. Wenn Tom ihn in die Hand kriegt, ist alles verloren.
Ach, es ist vermessen, zwischen Dich und Deinen Mann, zwischen Euer grenzenloses Vertrauen diese Wand zu schieben; — aber Notwendigkeit, Liebe und alle guten Geister gebieten mir, so zu handeln. Eva — mir graut vor der Zukunft Deines Gatten — meines Bruders. Nicht, weil er seine Hand verloren hat, seine Arbeitsgelegenheit und Euer schönes Heim zerstört werden kann — mir graut vor Toms Seele. Ich fürchte und sehe, wie meines unglücklichen Bruders Geist sich umnachtet — sein schöner, großer Geist. Eva, Du kennst Deinen Gatten, aber ich kenne meinen Bruder. Er ist heroischer als andere Männer, aber auch kleinmütiger. Er ist gleichgültiger, phlegmatischer, stoischer als andere Männer, aber auch empfindlicher, weicher, gewissenhafter. Er ist geistreicher als andere Männer — aber kurzsichtiger, beschränkter auch. Er ist, leider Gottes, viel zu viel in einer Seele.
Es ist nicht wahr, daß große Seelen am meisten ertragen können — gemeine Seelen können alles tragen. Eva! Schwester! wir müssen Tom betrügen — um ihn zu retten.
Immer wilder, unbändiger, irrsinniger werden seine Anklagen gegen Gott und Menschen. Wo kann er Halt machen, wenn er Ruhe sucht und keine findet? Das treibt so hin, und abwärts. Hoffnung! Hoffnung! Ein Licht in der Nacht, einen Stern im Raum muß der Unglückliche haben, und das zuerst, einzig und allein — vorläufig.
Schwester! ich habe Deinem Gatten ein Schreiben geschickt, gleichzeitig mit diesem an Dich, und ihm ein Heilmittel angepriesen gegen Verzweiflung. Er wird's Dir vorlesen, dann weißt Du's. Das ist neu für Tom. Das lenkt seine Grübeleien auf neue Bahnen. Das gibt ihm Hoffnung, etwas zu werden. Und wenn es gar keinen Zweck hätte, als sein überfülltes Gehirn entladen zu helfen — was er denkt und leidet, auszutoben mit der Feder aufs Papier — schon das ist viel gewonnen.
Daß Tom mir viel und oft schreibt seit dem Unglücksfall, ist gut — aber gar nicht gut, daß er einseitig immer das nämliche wiederkäut. So einseitig, zweck- und maßlos die Menschen kritisieren, das leitet zum Menschenhaß, zum Pessimismus, zur Versteinerung, zum Wahnsinn. Fernblick muß der Menschengeist haben, mit einem Auge muß er Gott sehen, mit dem andern Auge den Wurm, wie er sich tummelt im Staub. Fernblick verleiht dem Menschen Ausdehnung, Freiheitsdrang, Willen. Hat er das nicht mehr, ach! dann ist er nur Sklave der Umgebung. Die Seele wird zum tickenden Gewerke — die Erscheinungen der Welt ziehen durch die Seele wie magnetischer Strom, unverstanden von ihr.
Eva, laß diese Worte nie Deines Mannes Ohr erreichen. Sag ihm nie, was ich hier schreibe. Nichts ist gefährlicher für einen Mutlosen als die Warnung vor Wahnsinn. Ermutige Tom zum neuen Streben und Leben. Mach ihn glauben, seine Schriftstellerei bringe Glück, Ehre, Wohlstand. Laß Dir vorlesen von ihm. Kritisiere, lobe, tadle, lache, weine. Derweil er dichtet und hofft, wird sich doch irgend eine Anstellung finden, mit der er das Hauswesen retten kann; — denn aufrichtig gesprochen: ich zweifle, daß Tom mit Schriftstellern sein Brot verdienen können wird. Die Gelehrten haben auch ihre Angst und Not mit Konkurrenz. Es ist eine fürchterliche Welt, in der wir hausen. Alles lebt im Krieg. Einer reißt den andern weg vom Platz. Wann, o wann wird es besser kommen? — Unsere armen Kinder! — Die Nächte sind lang, auch hier im Süden. Es will nicht Morgen werden, wenn man Sorgen hat. Die Stunden vor zwölf — die Stunden nach zwölf — das Ticken der Uhr — wie Wassertropfen Eimer füllen, so monoton, langsam verdrängt's die Schatten. Man hört das Atmen der Schlafenden um sich — draußen vielleicht das Bellen eines Hundes, dass Rütteln des Windes am Fensterladen, das Regnen auf dem Hüttendach — keine Mutter könnt's ertragen und am Morgen noch ein Lächeln übrig haben für die erwachenden Kleinen — ohne Glauben an guter Geister Gegenwart.
Ich habe ein Kreuz zu tragen — das für Jennie. Sechs mehr von meinen Kindern — das für die Mutter. Peter legt auch noch Holz auf meine Schultern — das für die Gattin. Das schwerste aber, das mich schier erdrückt, ist das Kreuz, das mein armer Bruder der Schwester aufbürdet.
Ach, Eva! ich weiß, Du leidest wie ich — ebenso geduldig, stumm, gottergeben — und darum wollen wir uns umarmen als Leidensgefährten, als Märtyrer für eine Religion der Aufopferung, Aufopferung, Aufopferung.
Dann muß ich Dich noch etwas fragen, Schwester. Glaubst Du, es wäre Euch möglich, den Haushalt abzubrechen, zu verkaufen, was Ihr habt, und hierher zu reisen, wieder in Toms Heimat? Sechzig Dollar sind notwendig. Ein paar Dollar kann ich auch erübrigen und zulegen. Gott! So wäret Ihr doch wenigstens bei mir — und tothungern lassen wir Euch nicht. Sag das Tom.
Blut möchte ich weinen vor Weh, Euch nicht helfen zu können und so weit weg zu sein, so weit weg.
Dann muß ich Dich noch etwas fragen, das ich immer vergeß beim Schreiben. Wie geht es Deinem Leiden? Ich erfahre rein gar nichts mehr von meiner kranken Schwägerin, seit ihr Mann alles Interesse absorbiert. Hast Du noch immer Atemnot, Blutspucken? Arme Dulderin!
Küß mir Bertie und sei tausendmal gesegnet von Deiner Dich ewig liebenden Schwägerin, Schwester
Jennie Daly.
Brooklyn, den 4. Dezember 1900. Liebe Schwägerin!
Gott ist mit uns. Tom hat den Brief nicht bekommen. Er schläft bei Tag weil er den Platz hat bei Nacht. Er kommt am Morgen von Neuyork. Dann ißt er Frühstück und geht zu Bett. Nach Mittag steht er auf. Der Briefträger kommt immer am Morgen. So hat er den Brief nicht bekommen. Nur seinen eigenen Brief. Das ist gut.
O Schwägerin Schwester laß mich auch Schwester sagen. Es lautet so viel schöner. Du hast recht geraten mit Tom. Er macht mir viel viel Angst. Er nimmt sich das Unglück so zu Herzen daß er abzehrt. Daß er krank wird. Er kann nicht essen nicht schlafen nicht lachen nicht sprechen. Oft wache ich auf mitten in der Nacht dann sitzt er am Fenster allein und will nicht ins Bett so viel ich bitte und weine. Das macht ihn krank. Gott sei Lob und Dank jetzt hat er einen Platz in Neuyork als Nachtwächter. Das ist ein guter Platz für einen Krüppel. Er bekommt zwölf Dollar. Das ist sehr gut. Aber den Platz hat er nur wenn der andere stirbt. Das ist traurig. Er sagt so jeden Tag. Ich bete und bete daß er den Platz soll behalten daß wir leben können. Das Waschen ist hart für mich. Wenn ich hart arbeite tut mir schon die Brust weh. Dass sind große Schmerzen.
Liebe Schwester. Bitte rede kein Wort vom Wegreisen von Brooklyn zu Tom. O sag es ja nicht mehr. Bitte bitte. Du siehst ja ich kann nicht wegreisen weil Elsies Grab hier bleibt. Wer soll Elsies Grab besuchen wenn ich wegreise? Tom sagte auch einmal wir müssen nach Pilot Knob. Dann hab' ich so geweint. Die ganze Woche. O lasset mich leben hier die paar Tage noch. Ich will ja nicht viel. Nur meiner Elsie Grab sehen wenn ich Zeit hab'. Wenn ich das nicht kann bin ich so elend daß ich sterbe. Wenn Tom seinen Platz behält wird ja noch alles recht. Wir wollen hoffen zu Gott.
Liebe Schwester. Tom hat recht. Er lehrte mich schreiben und lesen nach der Hochzeit. Jeden Abend. Wenn er kam von der Arbeit. Ich konnte nicht schreiben und lesen. Nur schwedisch ein wenig. Tom hat's mich gelehrt. Das ist schön wenn man sich Briefe schreiben kann. Ich werde Tom loben mit seinem Verstand. Du hast recht er schreibt gern. Das tut ihm gut. Wenn er aber den Platz behält braucht er keine Bücher schreiben. Er ist doch nicht gelehrt genug. Und fein wie die Herren. Denkst Du nicht auch so? Jetzt muß ich aufhören weil er schlaft und ich hab' Angst er schlaft nicht. Das Schreiben dauert bei mir viel länger. Gott segne meinen lieben lieben Mann. Und Dich und Deine Kinder und Deinen Mann. Deine Dich liebende Schwester Schwägerin.
Eva Pratt.
Brooklyn, den 4. Dezember 1900. Teure, liebe Schwester!
Unsere Briefe haben sich dieses Mal gekreuzt auf dem Weg zur Bestimmung — irgendwo in Indiana oder Ohio. Sie tragen beide das gleiche Datum. Du hast demnach mein letztes Schreiben noch nicht beantwortet, wahrscheinlich aber gelesen jetzt.
Mit Deinem schwesterlichen Rat, ich soll's versuchen, mit der Feder Brot zu verdienen, kommst Du spät. Ich laufe, seit ich wieder gehen kann, schier die Beine weg, eine Anstellung als Schreiber zu erlangen. Wertloses Bemühen. Es ist das reinste Lottospiel. Einer aus zwölf, aus hundert oft, gewinnt die aussgeschriebene Schreiberstelle. Die anderen ziehen ab — und lauter Zweihändige, verstanden, bis auf den armen Tom.
Aber — hm — Schriftsteller werden? Bücher schreiben — Romane — Gedichte — Dramen? — Schwester! das ist ein Wort, mit dem Du mich tatsächlich erschrecken — nein, ruinieren kannst, weil es eine Brust voll gefesselte Geister loskettet zur Rebellion wider meine Ruhe. Ja, ja, sag' ich es freimütig, Du hast den gleichen Gedanken, wie er oft mich selber quält. Oft hab' ich zu mir selber gesagt: Tom, wie geht's? Wie steht's? Die Hand ist fort — und bis die wieder anwächst, wächst Gras über Dir und den Deinen. Du mußt ein neues Gewerbe ergreifen, anderes Handwerksszeug als Hobel, Hammer und Säge. Wie wär's zum Beispiel — —? Und mit der Nase stießen sie mich drauf, die friedenstörenden Kobolde.
Soll ich's probieren? — Ich werd' müssen. Ach, es ist so ungewohnt, so plötzlich, fremd. Seiltanzen dünkt mich passender. Ich, der Holzdreher, soll Schriftsteller werden. Soll ich zuerst lachen, oder weinen? Oder werden es andere tun für mich?
Schwester! Schwester! wenn ich es jetzt versuche, mit Löwenmut in die Wolken fliege, oder von dort herunterfalle — es ist Dein Werk. Auf denn, ich tu's! Weltgeist! steh mir bei. Ein Bettler kniee ich hier vor dir, ein armer, verkrüppelter Bettler. Nichts bin ich ohne dich. Weltgeist! laß mich nicht untergehen, ich fleh' dich an um — Inspiration!
Arme Jennie! Jetzt folgen etliche Zeilen, die uns beiden sehr ungewohnt sind. Ich muß Dich sehr hart tadeln und zurechtweisen. Nie wieder, hörst Du! nie wieder, unter gar keinen Umständen erlaube Dir eine Ausschreitung wie diese. Ich kann Dir meine brüderliche Verzeihung nicht garantieren, sollte es zweimal vorkommen. Dein Brief enthält, eingeschlossen, eine Fünfdollarnote. Das soll für mich und meine Familie sein, damit wir nicht Not zu leiden brauchen. Du schreibst es nicht, aber übersetzt vom Geist der Liebe liest es sich so. Nie wieder, hörst Du, um aller Vernunft willen — Jennie! Du mit sechs Kindern, die alle essen wollen wie die Hamster, und Schuh und Kleider brauchen für die kommende Kälte. Und Dein Gatte ein Bergmann, mit anderthalb Dollar Tagelohn. Nie wieder schick mir ein solches Blutgeld ins Haus. Mit diesem Brief kommt's zu Euch zurück — jeder Cent gesegnet von mir, meinem Weib und Kind.
Ich muß schließen. Um sechs Uhr beginnt meine Dienstzeit. Ich kann es kaum Arbeit nennen, denn ich habe nichts zu tun, als im Lagerhaus übernachten ein wenig herumspazieren, horchen, husten, riechen, herumleuchten, mißtrauen, und ja nichts hereinlassen noch hinauslassen als — meinen Gruß an Dich, und, den Deinen an mich. Jennie, Glück auf!
Tom.
Pilot Knob, den 9. Dezember 1900. Bruder Tom!
Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten. Der Vater der Armen läßt seine flehenden Kinder nicht verderben.
Also eine Nachtwächteranstellung hast Du jetzt für Deine alten Tage? Das möchte ein Witzbold die dunkelste Zukunft nennen. Ich nenne sie so lichtvoll, daß mich schon ihre Ankündigung blendet wie Sonnenschein und mir das Wasser in die Augen treibt — oder ist es nur die Freude? Ich werde schier kindisch über diesem Glück. Ich werde Unwillen gebärenden Unsinn schreiben in diesem Brief. Ich werde Dich quälen damit, wie Du mich quälst mit Deinen Ausbrüchen — nur umgekehrt. Ich werde witzeln, spotten, hänseln wie zur Zeit, als Jennie ihren Bruder aus dem Bett rollte und schneeballte auf dem Schulweg. — Gott! mein langvernachlässigter Leichtsinn, den ich bereits verhungert und verdurstet wähnte und begraben und vermodert, drückt mich so ausgelassen, unbändig in die Arme, wie ein alter, privilegierter Jugendfreund, zurückgekehrt nach langen Jahren aus der Fremde.
Also Nachtwächter bist Du. Abschied nahmst Du vom Licht und — gegrüßt seiest du, rabenschwarze Finsternis, du Jagdrevier der Hexen, Geister, Teufel, Fledermäuse und — Nachtwächter. Sagen die Leute: Gute Nacht! Schlafen Sie wohl! dann setzt sich Tom zum Frühstück. Sagen sie: Guten Morgen! dann geht Tom zu Bett. Mensch! das hat noch gefehlt, Dich total anders zu machen als andere. Jetzt ist auch gar nichts mehr an meinem Bruder »Sonderling«, das ausgebügelt, geglättet werden kann, modern, fashionabel, gesellschaftsmäßig. Tom Pratt, Du bist die Revolution!
Heute ist es Sonntag. Meine Kinder sind ausgegangen für den Nachmittag, zum Wald. Peter schläft. Jetzt habe ich am Ende die beste Zeit, Dir eine Neuigkeit mitzuteilen. Das rettet mich zugleich vom Delirium und Überschnappen. Die Neuigkeit hätte ich Dir schon längst können mitteilen, aber — nun ja, Dein Unglück, und dieses auch dazu.
Wir hatten einen Grubenstreik hier. Sechs Wochen hat er gedauert. Das war ein Leben in den Bergen, das tote Indianer erwecken könnte zum Tanzen ums Feuer.
Jetzt ist der Streik beendet und — verloren. Ich habe nie etwas Kopfloseres gesehen als diesen Ausstand. Eigentlich hatte er zu viel Köpfe. Lauter Köpfe. Aber keiner der Köpfe, oder alle zusammen hatten nicht soviel Gehirn wie ein pensionierter Abschreiber. Mäuler, Mäuler — ja. Ein Gelärm war es, ein Geheul, Getue, ein Versammeln, Auflösen, Marschieren und Redenhalten vom Morgen bis in die Nacht hinein.
Mein Peter hat am lautesten, dafür auch am gründlichsten sich ausgeschrieen. Jetzt liegt das Streikkomitee dort auf der Bank und schnarcht, daß ich kaum schreiben kann. Alles vergessen schon — oder nichts vergessen und nichts gelernt. »Peter! he, Peter! Protokoll verlesen! Antrag stellen! Schluß der Debatte! Zur Tagesordnung, meine Herren!« — Ja, ja, ja.
Und so ist der Rest. Bruder, die Arbeiter sind die klobigsten Schüler in der Lebensschule, das steht bewiesen. Nichts haben sie gelernt bei diesem sechswöchentlichen Ausstand als das Hungern. Wann, o wann wird der heilige Geist herabkommen auf diese Heerscharen der Unwissenheit?
Du kannst Dir vorstellen, Bruder, wie der Streik uns schwer wurde — besonders uns Frauen. Das Borgen und Schuldenmachen wurde epidemisch; denn Bankbücher besitzen nur die wenigen. Ich gehöre zu den vielen. Und die Herren Männer? Diese bullenwütigen Oratoren, die 's Maul aufrissen wie feuerspeiende Krater — ein förmlicher Streikkatzenjammer ist in sie hineingefahren. Sie haben so alle Lust am Streiken verloren, daß sie eher umsonst graben als nochmals ausstehen. Das Herz ist ihnen fast wörtlich in die Hosen gefallen. Sie schleichen, kriechen, katzenbuckeln so über alle Maßen hündisch ängstlich vor dem Grubenverwalter, daß, wenn das so fortgeht, sie rettungslos zu Hufeisen verwachsen. Und wir armen Mütter — Gott steh uns bei mit solchen Männern — wir sollen eine Generation aufrichtiger Bürger gebären.
Und wie widerwärtig sie sind — knurrig — bissig beinah. Mein Peter ist der reinste Sauerampfer geworden in unserem ehelichen Paradiesgärtchen, seit dem verlorenen Ausstand. Er macht ein Gesicht (jetzt, während er schläft), als fütterte ich ihn sechs Wochen lang mit Essig und Schnupftabak. Und wacht er auf und kann denken gleich (was schwer fällt), dann multipliziert er seine Grimasse mit dreizehn. Er will mit Gesichterschneiden (ich lese Peters Ideengang wie guten Druck) mir solche Angst einflößen, daß ich vor Zittern und Beben nicht zum Lachen komme über seine großmäuligen Streikreden.
Der Rest ist — Schnarchen!
Aber, Gott hab' ihn im Schirm und Schutz. Er ist doch nicht so schlimm, wie viele andere sind. Wenn meine Ehe auch keine beneidenswerte heißt, mein Peter ist mir doch teuer wie keiner — der Vater meiner sechs herrlichen Kinder. Er ist ein lieber, herziger, wohldressierter Brummbär. Nicht mit der Peitsche dressiert, aber mit Zucker und Honig, mit ewigem Nachgeben, Schweigen, Gutsein von meiner Seite. Meine Geduld gibt ihm keine Gelegenheit, seine Grizzlinatur in Übung zu halten, und so hat er sie jetzt verlernt. Wir vertragen uns. Ich bin der Honigstock und Peter der Bär. Daß er mich jedoch bald aufgefressen haben wird, fühl' ich leider; ich wiege keine hundert Pfund mitsamt den Knochen.
Du lieber Gott! Es gibt ja Männer, die sind schlimmer. Es gibt Männer, die sind Tiger. Welche sind Hunde, Affen, Esel, sogar Schweine. Die Löwen sind selten — und auch bei denen ist das Lamm nicht sicher. Die besten Männer sind die, welche Menschen sind — wie Du, mein teurer, teurer Bruder. Oft denke ich: wie lange zwei Menschen, so begabt wie Du — oder besser: wie lange Millionen Menschen, so gut, ehrlich, gerechtigkeitsliebend wie Du, auf dieser Erde zusammenleben könnten, ohne Krieg zu haben, oder Hungersnot, Selbstmord. Ich wette mein Seelenheil, wenn alle so wären wie mein Tom, der Himmel käm' zwischen Wolken und Erde zu liegen. Ach!! —
Bruder, verzeih der Briefschreiberin den Tintenklecks; mein Peter hat sich eben umgewälzt, mit einem Schnarchen, an dem er selber erwachte. Er hat mich so erschreckt, daß die Feder spritzte. Tom, er könnte alle Bären und Berglöwen von Alaska bis Mexiko in ihre Höhlen jagen mit so einem Schrei wie dieser.
Jetzt schläft er wieder — und lang. Er träumt vom Streik. Ruhe! Die Debatte wird begonnen. Peter Daly hat das Wort.
Tom! Bruder! Nachtwächter! Ich weiß mich nicht zu halten über Deine Versorgung. Gott wird dem »Pat« sonstwie helfen und Du behältst den Platz. Du wurdest hart mitgenommen, jetzt kommt die Erlösung. Glück und Unglück — diese Extreme im Menschenleben sind das Läuterungsfeuer für bockbeinige Charaktere. Bei Deiner Aufrichtigkeit wirst Du mir zustimmen, daß Dich das Unglück schon ganz anständig gehobelt hat. In jedem Deiner Briefe lese ich das Wort »Gott« häufiger, das vordem fast nie von Dir geschrieben wurde (aus Respekt oder Geringschätzung, bleibe anheimgestellt).
Und in die Kirche gehst Du auch fleißig.
Und, und, und — Lebt wohl und lang' und glücklich!
Jennie.
Neuyork, den 20. Dezember 1900. Liebe Schwester!
(9 Uhr Nachts.)
Wenn das mein neuer Prinzipal wüßte, möcht' es gelbe Papierschnitzel regnen. Ich benütze seine Privatkanzlei die ganze Nacht lang als Studierstube. Das heißt: ich mache zwölf Runden durchs Gebäude (eine per Stunde), wie's die Vorschrift erheischt, halte zudem Ohren und Nase kriegsbereit wie ein belagerter Fuchs. Aber in der Kanzlei auf gepolstertem Drehstuhl sitze ich dreißig Minuten von je sechzig, als wäre ich Mister Rouß der Millionär. Ich bin aber nur Tom Pratt der einarmige Nachtwächter, der ohne Balancierstange über das hohe Seil tanzen möchte zur Unsterblichkeit.
Nach der Neun-Uhr-Runde, gewöhnlich, sitzt der Nachtwächter am Pult und erwartet — seinen Verwandlungsprozeß zum Dichter. Er nimmt Kanzleipapier, Tinte und Feder der Firma (denn so verrückt ehrlich ist er doch nicht, daß er verhungern würde im Bäckerladen, ohne Geld) und versucht den Flug über den Olympus. Was der dann über Nacht zusammenschreibt an konfusem Durcheinander, ist zum Krämpfe kriegen. Ich möchte nicht der Dichter Tom Pratt sein, wenn ich die Wahl haben könnte. Das einzige, was mir an diesem dilettantischen Tintenkleckser imponiert, ist seine wunderbare Kompositionssicherheit, oder richtiger, sein Größenwahn. Nie seh' ich ihn kauen am Federhalter, nie hinterm Ohr kratzen, am Schnurrbart zupfen, nie simulieren, stöhnen, Atem verhalten, nie ein Wort ausstreichen oder ändern; nicht einmal das Geschriebene durchlesen seh' ich ihn. Wie der allweise Erschaffer der Welt macht er seine Arbeit ohne Vorher und Nachher, und gibt den Pfifferling um Rezensenten und lesendes Publikum.
Das wird einmal eine Katastrophe absetzen, wenn das Ungeheuer einen Verleger sucht, der's fressen soll — das Ungeheuer nämlich.
O, Schwester! es ist nicht zum Spaßen und Lachen: in meinen Verhältnissen die Gedanken konzentrieren müssen auf eine Arbeit, die sogar Genien ermattet — den Glauben behalten an die Kraft, die Kraft behalten zur Hoffnung — und die Liebe zum Ideal. Ja, wenn ich jetzt meine Anstellung fest und sicher hätte, dann wären meine Gedanken leicht und könnten fliegen ins Ätherblau. Aber, aber, »Pat« mit seinen elf darbenden Kindern wird jeden Tag rüstiger — und kommt Pat, dann geht Pratt — und wohin?
Der Gedanke: »wohin« lastet mit solcher Wucht auf mir, daß sämtliche andre Gedanken — wie die Liliputaner den Gulliver — diesen Riesen nicht fortschaffen können. Ich weiß nicht, ob es ein weiser Rat von Dir war, mich zum Schriftstellern aufzumuntern. Zu spät jedoch — der Kampf ist begonnen — die Geister stürmen — ich werde geschleift — — Wohin??
(10 Uhr Nachts.)
Ich schreibe, schreibe, schreibe. Ist es das Ungewohnte, Neue, was mich so berauscht, daß ich Visionen habe? Ich sehe meines Geistes Kinder in greifbarer Form herumgehen um mich. Alles lebt, atmet, redet, lacht, weint, — es ist der leibhaftige Zauberpalast, den ich hier bewohne. Glückselige Schwärmerei! Wenn nie ein Wechsel käme, es wär' mein Himmel.
(11 Uhr Nachts.)
Stundenlang ohne Rast und Ruhe arbeite ich in der neuen Werkstatt. Ich denke viel an Dich — und schreibe. Ich denke an mein Kind — und schreibe. Mein krankes Weib macht mir viel Sorge — aber ich schreibe. Werde ich je das Ziel erreichen, oder soll auch hier wieder die Enttäuschung das zarte, scheue Kind vom Himmel, Hoffnung, mit krallenden Fingern erdrosseln?
Ich bin manches Mal so mutlos, so schwach, daß ich mich fürchte wie der feigste Knabe und erst wieder ruhig werden kann, wenn ich mein Weib und Kind umarme.
(12 Uhr Nachts.)
Das ist die Geisterstunde. Von zwölf Uhr bis ein Uhr ruht die Feder und jede Arbeit. Ich zergliedere in Gedanken die Rätsel des Daseins. Ich bete. Das ist meine Gebetstunde.
(1 Uhr Nachts.)
Gewöhnlich nach dem dritten Vaterunser, manches Mal beim zweiten, öffnet dann der liebe Gott die Tür und ruft mich ein in seine Werkstatt. Jetzt bin ich schon ein ziemlich alter Gast. Das erste Mal jedoch, als ich die fremde Stube sah, war ich in solcher Furcht, daß schnell der Meister jede Arbeit ruhen ließ und mich beschwichtigte. Dann führt' er mich herum und zeigte mir die Wunder: den Kran, an dem die Schöpfung hängt — die Räder, die sie treiben — die Walzen, Formen, Pfannen, Feilen, Zangen — die Drehbank, auf der Planeten rund geraspelt werden — die Feueressen, aus denen er die Sonnen schöpft — das Sternensieb — Seiher für die Nebelflecken — und hundert Fragen, wie ein wißbegierig Kind sie fragt, erklärte mir der Gott mit unbeschreiblicher Geduld und Güte. Eine Frage nur, und sie dünkte mich die wichtigste, die machte ihn verlegen. Er küßte mich auf Stirn und Mund und seufzte schwer: »Kind, Allwissenheit macht halt vor dieser Frage — du allein kannst sie beantworten.«
(2 Uhr Nachts.)
Wenn Gott der Herr mir den Erdball mit allem was dran, drin und drauf klebt, als Geschenk präsentierte, und ich den Planeten absuchen sollte nach einem Ort und Wesen, wo mir so wohl wäre wie nirgend sonst — ich eilte schnurgerade nach Brooklyn in die Schlafkammer meiner Eva. Sitz' ich hier allein und eingesperrt wie ein Unzuverlässiger, und die Nacht ist still und lang wie jetzt, dann überkommt mich so unsägliche Sehnsucht nach meinem Weib, daß ich herumgeh', irgend etwas zu finden, das ich umarmen und ans Herz drücken kann. Ich möchte mich selber küssen — nur weil ich ihr Beschützer bin, ihr Ernährer. Das klingt schier albern von einem Ehemann, der fünf Jahre verheiratet ist. Aber, Schwester! wenn Du sie sehen könntest — schlafen — und ein Mann wärest anstatt ein Weib, Du würdest niederknieen vor ihrem Lager und sie anbeten. — Ich tu's oft.
In einer jener qualvollen Nächte, als ich, meinen Arm in der Schlinge, vor Schmerzen nicht ruhen konnte und Küche und Kammer abschritt, da saß oder kniete ich oft vor ihrem Bett — mit einer Andacht wie der Pilger vor dem Bilde der Madonna.
Einmal schien der Vollmond so grell und plötzlich aus Wolken brechend auf die Schlafende, daß ich nie den Moment vergessen werde. Das war nicht Fleisch und Blut, das war atmender Marmor. Es gibt Frauengesichter, die vom Kranksein schöner werden, engelgleicher, idealer, vom Dulden, Entsagen — sogar Hungerleiden.
Schwester! Wenn ich jetzt auf dem Punkt steh', Dir Geheimnisse zu beichten, ich rechne felsenfest auf Verschwiegenheit (Du bist mir eine schuldig), sonst wird Tom nie wieder vertraut.
Also:
Erstens: Ich werde mich total verändern müssen, eh' ich mit Gleichgültigkeit ein schlafendes Weib betrachten kann.
Zweitens: Daß Mitleid bei solcher Betrachtung jedes andere Gefühl überwiegt, ist mir nicht angeboren, sondern Philosophie.
Drittens: Gott segne euch Frauen.
Viertens: Und beschütze euch große, immerwährende Kinder — eure wohlgepflegten, wohlverdienten, wohltuenden Reize.
Fünftens: Ich liebe euch alle — sehr, oder weniger — aber alle.
Sechstens: Zartes, hilfloses Wesen, Weib! (Schwester, das rede ich jetzt ganz persönlich, individuell zu meiner Eva und geht Dich nichts an. Willst Du Dich aber zu ihr legen ins Bett und gar etliche Freundinnen mitbringen — ihr seid alle willkommen. Dann spreche ich zu allen:) Schlafet, träumet, schöne Frauen! Die einzigen Stunden sind es, wo ihr frei seid. Arme, arme Träumer! Schwärmer! Schwaches Geschlecht! Was habt ihr erdulden müssen im langen Lauf der Weltgeschichte? Was werdet ihr noch leiden müssen, bis das Ziel erklommen ist, bis zu eurer Krönung? Denn ihr seid die Krone der Schöpfung — nicht der Mann. Ihr habt die Freundschaft mit dem Weltgeist warm gehalten mit Sehnsucht, Schwärmerei und Idealen. Ihr habt das Menschengeschlecht vom Aussterben gerettet, das der Mann mit Feuer und Schwert dezimierte wie ein rasender Verrückter. Ihr habt die zarten Blümchen (Kinder) geboren, getränkt, gepflegt und großgezogen, derweil der Mann das Messer schliff und Ketten schmiedete. — Er wird seine Handlungen Vaterlandsverteidigung nennen, Religionseifer, Freiheitssturm. Sagt ihm: daß Frauenschändung nicht im Programm steht; Kinderschlachten auch nicht; Haus- und Herdverwüsten auch nicht; Sklaven treiben auch nicht; Despotismus auch nicht; Kapitalismus auch nicht. Sagt ihm, er sei ein Feigling, der sich fürchtet, sogar vor dem geknebelten Weib. Der sich fürchtet, das schwache Geschlecht frei zu machen aus dem Joch der Unterwürfigkeit, Ergebenheit, Dienstbarkeit — aus Angst vor ihrer Konkurrenz. Er kann nicht Schritt halten mit dem Weib der Gegenwart; sie tritt ihm auf die Fersen. Das Weib der Zukunft läßt ihn stehen wie ein Wirbelsturm den Bauern am Weg, ihm Hut und Schirm entführend nach den Wolken — hahaha!
Ist das zu viel gesagt? — Ich nehme kein Wort zurück. Schaut ihn an, den Jammermann, wie er schwächer wird, kleiner, leichter, nervöser von Generation zu Generation. Wie er abwärts wächst — aber das sind nur physische Kleinigkeiten. Schaut seinen moralischen Vorsprung, den er gemacht hat in sechstausendjährigem Wettlauf mit einem geknebelten Weib. Schaut die Wirtschaft an, die er führt, mit seinem Bürgerrecht und freien Wahlzettel — hahaha!
Die Erde ein fruchttragendes Paradies, strotzend von allem, was Menschen befriedigen kann — Wohlstand förmlich gebärend — und Tausende leiden Mangel, frieren, sterben Hungers, verderben, verzweifeln. Nicht wilde Bestien, Ratten und Heuschrecken sind es, nein, seine eigenen Kinder, seine Brüder, Schwestern, sein Weib, er selber.
(3 Uhr Nachts.)
Was ist doch das für ein Ding, das wir Menschen Seele nennen?
Gehöre ich ihr, oder sie mir? Ist sie meine Herrin, oder ich der ihre? War sie eher als ich, oder gleichzeitig mit mir? Wer von uns wird das andere überdauern? Eins sind wir nicht, sie und ich, das steht sonnenklar. Was zusammengeschmolzen und eins ist, führt nicht ewigen Krieg. Ach, es sieht aus wie eine miserable Verkuppelung, eine verfehlte Ehe, eine Zwangsheirat ohne Liebe noch Interessengemeinschaft. Das eine stammt von hier, das andere von dort. Eins wurzelt im Erdboden, das andere fiel vom Himmel. Eins möchte leben und hausen, natürlich, frei, gesetzlos — das andere nötigt dem ersten widernatürliche Pflichten auf, importiert von irgendwoher, vom Traumland, Feenland, Wolkenkuckucksheim. Da ist keine Aussicht, daß es Frieden wird zwischen diesen Eheleutchen, in diesem Haushalt, eh' nicht eins von beiden weggetragen wird als Leiche.
Wenn ich über dieses verworrenste aller Rätsel nachdenke, dann ist es mir jedesmal, als schreite ich verirrt, führerlos, mit ausgeblasener Kerze durch ein grenzenloses Labyrinth — durch die Mammuthöhle. Der einzige Laut, der von Leben zeugt, ist mein eigener Atem; der Widerhall meiner nimmer ruhenden Schritte auf krummer, holperiger Bahn ist der einzige Ton, der noch ein wenig auszittert — wie Echo — das Lied der Hoffnung: »Licht! Gefunden!« — Manchem Geist und Gespenst begegne ich, im angstvollen Herumtasten. Manchem Lebenden begegne ich, der so wie ich, so ratlos, hoffnungslos, verirrt herumsucht nach — nach — was? Dem Eingang, dem Ausgang.
Schöner, blauer Himmel dort draußen! Schöne, warme Sommerluft dort draußen. Wiesen, blumenbesät — Wälder, duftend von Harz und Blättern — spielende, lachende, singende Welt. Ach, könnt' ich ihn finden, den Ausgang — oder hätt' ich nie gesucht, gefunden — den Eingang. — —
»So ihr nicht werdet wie eines dieser Kinder, könnt ihr in das Himmelreich nicht eingehen.«
»Und was kein Verstand der Verständigen sieht, Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt!«
Diese herrlichen Worte eines Gottmenschen, und eines göttlichen Menschen fallen mir ins Gedächtnis, weil ich soeben an Bertie denke. Schier ärgert es mich jedoch, die obige Schmiere geschrieben zu haben, wenn ich Berties praktischen Pfeilschuß aufsteigen sehe neben meiner lahmen Theorie.
Bertie ist ein philosophisher Haudegen; ein kleiner Alexander, der jeglichen Knoten löst. Bertie verbindet Philosophie mit Diplomatie und Unverschämtheit zu einer Dreieinigkeit, vor der, wohl oder übel, der Allmächtige sich verneigen muß.
Eigentlich sollte ich es Dir nicht schreiben, was Bertie verübt hat; Du bist seine Tante und hast ein Recht, den Bengel auszuschelten — was ich bis jetzt unterlassen habe (aus Feigheit oder Sympathie, bleibe auch anheimgestellt).
Am Dekorationstag waren wir zwei auf dem Kirchhof und schmückten Klein-Elsies Grab. Als das geschehen war, setzte ich mich, Bertie aufs Knie hebend, dem Hügel gegenüber und begann mit jeder Faser meines Geistes Garantien zu sammeln: ob je wieder eine Zeit kommen werde, wo das liebe Kind, das hier vor mir vergraben liegt, ebenso mich umhalsen wird und ich es küssen auf die purpurroten Lippchen, auf die goldlockige Stirne, wie wir's taten so oft und oft.
Hier begann Bertie, etwas unsicher wie mich dünkt, zu fragen: »Papa!«
»Was ist es, mein Kind?«
»Darf ich dich fragen, Papa?«
»Ja, mein Kind.«
»Was tätst du sagen jetzt, wenn der liebe Gott dich sterben läßt und der Mann dich begraben tut da hinab und dann — —« Er hielt inne.
»Und? — Weiter.«
»Und der liebe Gott dich vergessen tut und drunten läßt, Papa. Was tätst du sagen?«
»Du meinst, wenn der liebe Gott mich nicht von den Toten auferstehen läßt?«
»Ja, Papa. Wenn er dich drunten läßt für immer und immer und immer, und nie wieder 'raufkommen läßt — was tätst du sagen?«
»Hm — ich glaub', ich hielt 's Maul und sagte nichts.«
»Ich tät's aber sagen, Papa.«
»Und was?«
»Ich mag's nicht sagen, es ist wüst.«
»Wüst? — Mir kannst du's schon sagen, was ist es?«
»Ich würd' halt sagen zum lieben Gott: So — — du lügst auch!«
Schwester, das ist stark; ist es nicht? — Aber Bertie sagt's, Du kannst Dich drauf verlassen, er sagt es dem lieben Herrgott ins Gesicht, gerade so wie er's mir sagte.
(4 Uhr Nachts.)
Das ist die stillste, ruhigste Stunde in der Großstadt. Kein Geräusch von nah noch ferne stört den Frieden. Keine Wagen rasseln über das Straßenpflaster noch. Keine Dampfpfeifen heulen durch die Nacht. Uhus, Hähne, Frösche und Moskitos gibt es nicht auf Manhattan.
Ich denke an Dich — und mein liebes, teures Pilot Knob. Träume, ruhe, gute Jennie!
(5 Uhr Morgens.)
Morgenstund' hat Gold im Mund. Schwester, wenn ich je so glücklich sein werde, ohne Existenzsorgen meine ganze Energie und Seele konzentrieren zu können auf den einzigen Punkt — ich werde ein Gedicht schreiben, einen Pegasus reiten, ein so wildes, rasendes, unbändiges Prärieroß über den Büchermarkt klappern lassen, daß sich Händler, Agenten und Rezensenten die herumfliegenden Papierschnitzel und den Manuskriptenstaub nicht aus den Augen reiben werden, bis der Greif im blauen Äther kreist — unerreichbar für Speer und Bogen.
Schlag den Athleten mit Nervenfieber. Schlag den Poeten mit Nahrungssorgen. Schlag dem Kondor die Flügel ab. Oooo! Es ist ein Gefühl, das mich überkommt, wenn Dichtergedanken abprallen von Sorgengedanken — wie der Schreck eines Lebendigbegrabenen, dessen Finger abprallen vom Deckel seines zugenagelten Sarges.
Ich habe Augenblicke, wo ich fühle, wie der Ewige über den Sternen sitzt, neben mir, und mir Gedanken einhaucht, die ich schreiben soll.
Ich habe Augenblicke, wo ich fühle, wie die Fürchterlichen der Finsternis mir ein Loch bohren durch die Gehirnrinde — und all mein Denken zischt ins Leere.
(6 Uhr Morgens.)
Bald ist es Tag. Ich habe mich eine Nacht lang mit Dir unterhalten. Was würde werden aus mir ohne diese Unterhaltung? Gesegnet sei Feder, Tinte und Papier!
(7 Uhr Morgens.)
Von jetzt an bis acht Uhr muß ich verschiedenes in Ordnung stellen, und das Schreiben hört auf. Das Geschäft wird um acht präzis in Betrieb gesetzt; eine halbe Stunde früher jedoch öffnet der Aufseher die Türen von außen. Tom Pratt, der vierzehn Stunden lang sämtliche Spitzbuben Neuyorks (und das sind viele, die in Wallstreet gar nicht gezählt) am Einbrechen hinderte, wird herausgelassen.
Warum sie mich einschließen? Die Menschen sind heutigentags so mißtrauisch, daß sie den Nachtwächter, der das Haus bewacht, durch einen abermals bewachten Wächter wieder bewachen.
Tom.
Neuyork, Neujahrsnacht 1900-1901. Teure, teure Schwester!
Da sitz' ich nun die halbe Nacht schon, eingeriegelt in der unheimlichen Warenburg, und schüttle den Kopf in peinlicher Untätigkeit. Ich kann absolut keinen zu meiner Dichtung brauchbaren Gedanken fassen. Die Inspirationen, die mein Gehirn belagern, sind wahnsinnig. Was soll ich tun? Singen, beten, Geister beschwören? Schlafen darf ich nicht, und kann und möchte ich nicht. Und noch ist es so lang', bis sie mich herauslassen hier — und heim.
Die Uhr schlägt eins.
Wir feiern Neujahr. Soeben hat der Lärm nachgelassen, mit dem unsere Durchschnittsbürger den Wechsel begrüßen. Sie haben wieder, wie in jeder Silvesternacht, gewaltig getutet, geknallt, gebrüllt, getrunken. Jetzt sind sie müd und legen sich aufs Ohr und saugen Sauerstoff ein zum frischen Lachen und Lustigsein, morgen.
Ach, Schwester! Ich habe meinen melancholischen Anfall — und bin allein. Wär' ich unter Menschen, ich möchte meine Schwermut abladen können durch überirdische Gutherzigkeit, aber hier bin ich aller Linderung bar.
Die Toten lassen mich nicht ruhen, bis ich ihnen meine Schuld bezahlt!
Hier sitze ich. Die Pendeluhr tickt. Die Feder kratzt auf dem Papier. Ein armes Mäuslein nagt an Brettern unterm Fußboden — und die öde, graue Nacht ist Silvesternacht. Und zwölf Monate zurück? Was kann ein einzig Jahr verwüsten? Saß ich nicht ebenso still wie jetzt, aber am Bettchen meiner noch lebenden Elsie, meiner noch gesunden Eva, und mit zwei kräftigen Armen, und zählte, bis ich müde war vom Zählen — mein Glück.
Da lagen herumgestreut, weiß wie Flocken, die Seelen, die Gott der Allgütige mir schenkte zu meiner eigenen — und saugten sich fester und fester mit jedem Atemzug, Lächeln, Seufzen, Erwachen.
Draußen jagte der Wind in wildem Zug durch Finsternis und Häusermeer. Kälte drückte an Türen und Fenster und wimmerte um Einlaß; und ich saß und träumte, schwärmte, schwelgte, betrachtete wieder und wieder meine Schützlinge: mein schönes, treues Weib, wie es hingebettet auf das eigene Lockenpolster ausruhte von des Tages Last; meine Kinder, Bertie schlafend sein Schwesterchen umarmend, als fürcht' er Raub, Elsie mit dem wehen Zug um ihre Lippen, die im Traume mehr als sonst den Stempel Gottes »Engel werden« trugen.
(3 Uhr Nachts.)
Dreimal drei ist neun — das kann bewiesen werden. Dreimal drei ist vier — das kann auch bewiesen werden vor einer Versammlung von Schafsköpfen. Beweis ist also nicht so unfehlbar, als er sich ausgibt. Daß Advokaten das Gegenteil, sogar von bewiesenen Beweisen, beweisen, beweist die Unzuverlässigkeit der ganzen Beweiserei. Es kommt also weit mehr darauf an, wie der Kopf oder der Mensch beschaffen ist, der den Beweis glaubt, als über was und wie da bewiesen und vereinbart wurde.
Sagt mir also einer: »Bruderherz! du hast eine unsterbliche Seele in deinem Korpus,« und beweist mir, daß ich ein solches Ding herumtrage, dann steigt (in meinem Schädel wenigstens) das Mißtrauen auf, ich gehöre möglicherweise zu der Schafskopfkategorie, die sich vorrechnen läßt: dreimal drei ist vier — und unwillkürlich beginne ich Selbstkritik zu üben an meiner geistigen Befähigung. Ich gelange zu dem Schluß: daß ich, ich selber die Unsterblichkeit meiner Seele fühlen, spüren, wissen, beweisen muß — nicht der andere. Er kann wohl unterrichtet sein über seine, aber über meine? — Sapperment! Wenn er nicht einmal weiß, ob ich Leibschmerzen habe, wenn ich Gesichter schneiden muß, um ihn auf den Gedanken zu führen — —-
Halt!!
Es gibt Philosophen, die beweisen, daß die Existenz Gottes und der Seele nicht kann bewiesen werden mit den gegebenen Anhaltspunkten. Es fehle, was die Mathematiker heißen, die bekannte Größe, auf der sich aufbauen läßt. Diese Herren sind die Vogelstrauße im großen Wildpark der Gelehrtenwelt. Sie rennen (vom Problem verfolgt) unablässig im Kreis herum, am gleichen Punkt immer wieder anlangend, wo sie absprangen, und glauben, weil sie (mit dem Kopf im Sand) nichts sehen, können andere auch nichts sehen. Sie legen manches Mal ziemlich große, vielversprechende Eier. Die Hauptsache aber, das Ausbrüten, überlassen sie dem heiligen Licht und Feuer dort oben; und bis das es fertig kriegt mit seinem natürlichen, langsamen Prozeß, da haben Ratten und Käfer den Dotter gefressen. Daß Spatzen und Bachstelzen sich hin und wieder erdreisten, die Eier ausbrüten zu können, ist die komische Seite. Daß die Strauße nicht gerader laufen und so aus der Wüste heraus ins üppige Grenzland gelangen, ist die betrübende Seite.
Es gibt aber auch Philosophen, die so geradeaus laufen, daß sie mit dem Schädel ein Loch durch jegliche Mauer rennen, die ihnen im Wege steht. Durch dieses Loch schauen die Herren die allerübernatürlichsten Dinge, und je nach dem Grad der gehabten Gehirnerschütterung beim Mauerbrechen sehen sie den Himmel offen, die Zionsstadt mit Perlentor und goldenem Straßenpflaster. Den Herrgott sehen sie im Wolkenpolster ruhen leibhaftig, oder im Rollstuhl unter Blitz und Donner im Paradies herumkutschieren wie ein preiswütiges Automobil. Die Engel sehen sie tanzen, geigen und geschäftig die einlaufenden Seelen abwiegen, wie der Krämer Butter und Kartoffeln. Kurzum, sie sehen das ewige Leben mit Haut und Haaren als vollständig bewiesene Tatsache, und so weiter, Amen.
Diese Sorte Philosophen sind die Büffel im Wildpark der Gelehrtenwelt. Sie sind hartköpfig, eisenstirnig. Mit gewalttätigen Hörnern zerquetschen, was nicht zu ihrem Vaterunser schwört, das nennen sie Kopfarbeit. Rote Farben, rote Lappen und Fahnen reizen sie zum Schäumen; dafür stehen sie aber, ungleich den Straußen, bis an den Bauch im Futter. Daß ihnen das üppigste Gras (während die Herdenglöcklein läuten) zum Hals hineinwächst und gleichzeitig Stroh zu den Ohren heraus, ist die komische Seite. Daß sie lebenslang Gottesgelehrsamkeit studieren und gerade in diesem Fach Hornviecher bleiben, ist die betrübende Seite.
Dann gibt es Philosophen, sogenannte Pessimisten, Weltschmerzapostel, die vom Resignieren buchstäblich austrocknen, verdorren. Sie verlieren Fleisch, Fett, Appetit, warmes, eisenhaltiges Blut, tätige Leber, Galle, Magensäure, Zähne, Haare, Glauben, Hoffnung, Liebe, Freude am Dasein. Arm in Arm mit dem Weltschmerz schreiten sie durchs Leben, sorgfältig Dornen und Distelköpfe sammelnd — Blumen zertretend — Harmonien und Schönheiten ignorierend — glücklichen, lachenden Menschen ausweichend wie der Pest — auf Kirchhhöfen herumgeisternd — mit Gerippen und Totenschädeln spielend. Dem Tantalus flogen die gebratenen Tauben vom Munde weg, so oft er die Zunge reckte danach; der Pessimist macht sich die Höllenqualen umgekehrt, er beißt die Zähne zusammen, wenn das Füllhorn sich ausleeren möchte in ihn. Das ist jedoch nicht die betrübende Seite, sondern er sagt es selber, was: »mein Geborenwordensein halte ich für das allergrößte Unglück«. Daß ihm hierin jedermann beistimmt, sogar sein leiblicher Vater, ist die komische Seite. Verglichen mit Tieren können diese Sorte Denker nicht werden: es gibt kein Tierchen, das sich nicht mehr oder weniger wärmt und sonnt in Gottes herrlicher Natur.
Dann gibt es lachende Philosophen. Die Hälfte von ihnen ist jedoch kindisch. Die anderen stehlen Witze und hängen ihre Marke dran.
Dann gibt es philosophische Piraten (Atheisten), die jeder vorüberziehenden Seele Steuer, Anker, Segel, Kompaß, kurzum alles rauben bis auf die leere Schale.
Dann gibt es egoistische, geizige Philosophen. Sie behalten alles, sammeln mit eifrigem Betrachten Wissen, Weisheit, Urteilskraft — geben nie etwas von sich — Schweigen ist ihr Grundsatz. Sie sterben wie alle Geizhälse, reich an geistigen Schätzen, ohne übrigens jemand beschenkt und glücklich gemacht zu haben.
Dann gibt es verschwenderische Philosophen, die mit Schwatzhaftigkeit sich so entleeren, daß sie geistig schier zu den Bankerotten zählen. Sie machen allerdings manchen um sich herum klug, vorsichtig, sterben aber wie jeder Verschwender, ausgepumpt.
Dann gibt es — — Der Globus wimmelt von Philosophen. Die Luft ist dick und schwefelsauer von ihrem Stöhnen, Seufzen, Lamentieren und sogar Fluchen. Und ach, was haben die Herren zusammengedichtet? Das Denkerregiment mit Sokrates am rechten Flügel und Spencerlein am linken, was haben sie bewiesen, entdeckt, festgenagelt im Lauf von vielen hundert Jahren? Andere Wissenschaften haben Wunder gewirkt. Was kann die Philosophie am Tag der Prüfung zeigen? Bücher, tonnenschwer, und leiht wie Spreu ihr Inhalt. Bücher, tausendzählig, und — drei Originalitäten nur — kein einziger Beweis darin, der zieht und hält. Es ist der wackeligste Turm von Babel, den sie in den Himmel bauen möchten.
Und ach, was bin ich herumgeirrt in dieser Steppe der Irrenden, und hab' gesucht nach Quellen und Oasen — nach dem Körnchen Wahrheit im Berg von Kleie — in diesem Chaos von Einerseits und Anderseits Beweise gesucht und keinen gefunden, mit dem der Zweifel nicht Fußball spielen darf nach Lust und Vergnügen. Ach, was hab' ich gelesen, geschluckt, studiert, mit philosophischen Rosinen, Zwiebeln, Gurken und Limburgerkäsen mich so überfüttert, daß ich elendiglich sterben müßt' an Verstopfung — schluckt' ich nicht hin und wieder eine Kontroverspredigt als Abführmittel.
Die Unterhaltung zwischen Gott und Mensch geschieht einzig durch Gefühl.
Gefühl ohne Erfahrung bleibt die unterste Stufe des Leben.
Der Unterschied zwischen höchstem Geist und Geschöpf besteht in des letzteren geringerer Erfahrung.
Ich zweifle nicht, daß mit höchster Erfahrung das Problem des ewigen Lebens gelöst ist.
Die Bestimmung des Menschen ist: jenes Problem zu lösen. Daß er das kann, wenn er will, garantiert die ewige Gerechtigkeit.
— Aber das ist ja wieder greulicher Quatsch — mir wird ja selber übel.
Sonntag im Sommer. Sehr heiß, staubig. Sehr windstill. Die Straßen von St. Louis glühen gleich einem Backofen. Jung und alt, was nur irgend sich freimachen kann, flüchtet hinaus in die schattigen Vorstädte, die Parks, oder treibt in Booten den großen Mississippi auf und ab.
Schon früh am Morgen warf ich mich in feiertäglichen Staat. Ich hatte die Einladung meines Freundes, mit ihm und seiner Neuvermählten nach deren Eltern Farm einen Ausflug zu machen, angenommen. Mit verzeihlicher Eitelkeit putzte, frisierte und rasierte ich den damals noch ledigen Tom Pratt.
Dann ging's los. Eigentlich nicht: zu meinem Ärger und meines Freundes noch viel größerem Leidwesen lag der Ärmste, als ich in seine Behausung trat, im Bett und stöhnte. Er laborierte an den Nachwehen einer in der Nacht gehabten Cholera.
Er behauptete, das Biertrinken bei der Hitze hab's verschuldet. Sein Weibchen meinte, das Apfelmus, das sie ihm kochte zum Abendbrot, sei die Ursache. Zu dieser rührenden, in der Dissonanz sogar noch wohllautenden Harmonie der Neuvermählten schlug ich Takt mit der Bemerkung: »Bier und Apfelmus hat's getan — Punktum!«
Nach dem Mittagessen (so lange nötigte die Gastfreundschhaft mich auszuhalten) durfte ich endlich gehen. Der halbe Sonntag war nun verbraucht, verpfuscht; meine Feiertagslaune ebenfalls. Ärgerlich schritt ich nach der Avenue, um mit dem ersten mir begegnenden Straßenwaggon irgendwohin zu fahren — nur weg, weg vom bratenden Weichbild der Häusermasse. Halbwegs mußte ich meiner blankgewichsten Schuhe wegen einem Neubau ausweichen, ganz hinüber auf die sonnige Seite der Straße; dann wieder herüber auf die schattige. Das kühlte mich nicht; auch nicht, als mir ein nördlich fahrender Tramwaggon entschlüpfte, den ich hätte erreichen können, wär' die verdammte Kreuzung nicht gewesen.
Nach längerem Warten bestieg ich den nächsten, einen westlich fahrenden Waggon. Der war jedoch zum Erdrücken vollgepfropft; die Sitzenden erstickten schier, so tief saßen sie drunten; die Stehenden schoben sich hin und her und schwankten wie Betrunkene, je nach dem ungleichmäßigen Rollen des Fuhrwerks. Den außen am Geländer Hängenden, den Allergemartertsten, zu denen ich gehörte, wirbelte Staub ins Gesicht; die Sonne brannte ihnen Blasen auf die Haut; der Hut wollte fortfliegen; und mit des Jammers stummen Blicken schauten die armen Hühneraugen. Aber fort ging's, fort wenigstens, immer an den Häusern vorbei wie geflogen.
Mit einem Mal tauchten Bäume auf, Grasflächen, Blumenbeete, lange Eisengitter längs der Straße. »Ein Kirchhof!« zuckte es mir durchs Gehirn wie Erlösung, und ich weiß nicht, wie noch warum ich absprang von dem raschfahrenden Waggon. Graziös hüpfte ich einer vorbeirasselnden Equipage aus der Fahrlinie, etwas ungeschickter einem wahnsinnigen Radfahrer.
Dann trat ich durchs Gitterportal ins Reich der — Schlafenden.
Welch labende Kühle fächelte mir der heilige Ort ums Haupt, das ich ehrfurchtsvoll entblößte. Die Luft gewürzt mit tausend Düften; wie Segen, wie ein Zug aus offener Himmelstür wehte es mich an.
»Gott sei mit euch!« grüßte ich die Anwesenden; »Gott sei mit euch! Wie schön haben euch die Lebenden gebettet. Wie schön die Kinder ihre Eltern — die Eltern ihre Hoffnungen. Liebe und Verehrung haben sich wund und augenmüde gesponnen an der Decke, die euch hüllt, bis Gott sie hebt.« Wie nah sind doch die Lebenden den Toten; ein Pulsschlag ist die Trennung. Wie innig nah verwandt ist Freud und Leid, Glück und Unglück. Schmerz und Lust sind Bettgenossen. Haß und Liebe wohnen eng beisammen in derselben Kammer; wenn eines wacht, legt sich das andere nieder. Und eine Wiege hat genügt für Myriaden Gegensätze, die sich stoßen, reiben lebenslang, bis sie müde liegen wieder wie im Anfang so am Ende, friedlich, eng beisammen — aber hier.
Langsam schritt ich die geschlängelten Pfade des Friedhofs entlang, immer tiefer hinein ins Herz, bis wo die Kapelle steht mit geweihtem Altar. Dort betete ich für die Toten — für alle Toten. Dann schritt ich weiter und weiter, zikzackig, planlos, rechts und links schwenkend, über Hügel, Rasenplätze, Kieswege. Bald zog mich ein gigantisches Monument, bald ein hölzernes Täfelchen, ein Blümchen »Einsam«, oder ganze Garben Hyazinthen, Lilien und Maßliebchen, als liege dort ein Heiliger und hauche sich durch Lehm und Sand hindurch zum Himmel.
Gott! Da, ein Weib! Ein Mädchen! — Ich bebte vor Angst, mein Atem könnte die Erscheinung verwehen, und hielt inne zu atmen. Keine zehn Schritt von da, wo ich stand, kniete ein Mädchen auf rasenbewachsenem Grab, das Kreuzlein als Stütze gebrauchend für Gesicht und Hände. Gott, das Bild, das mich bannte, als wär' mein ganzes Erdenwallen hier am Ziel und machte halt: da kniete endlich leibhaftig vor mir die, die ich suchte, träumte, wünschte — so wünschte ich mir die Begegnung, den Ort, den Zufall, Umstände, Zeit und alles — so träumte ich ihre Gestalt, Jugend, Kleider, ihre Verlassenheit, Armut, Hilflosigkeit. Und ich ihr Retter jetzt! Ich der Auserkorene, Gottgesandte, der diese auf ihrer Mutter Grab verzweifelnde, von aller Welt verlassene Waise aufhebt, heimträgt, glücklich macht ...
Ob ich einen Schrei ausstieß? — Das Mädchen richtete sich erschrocken auf, sah mich an und — — der Traum war aus. Das Bild verwischt. Das arme, hilfesuchende Waisenkind mit den flehenden Augen — das schutzlose Wesen, dem ich Retter wollte sein — ach! das herrliche Idyll von naiver Jugendschwärmerei, das ich mir malte mit so stillem Blau, als nur die Sehnsucht noch vom kälteren Blau des Himmels unterscheiden kann, fort war es — fort.
Und vor mir stand an seiner Statt ein Cherub, der mich anblickte, so majestätisch, daß ich zum Bettler schmolz — so überirdisch, daß ich nackt in aller meiner Sinnlichkeit mich fühlte. Ein Cherub, der die Schlüssel trug zu meinem Himmelreich — den Zutritt zur Glückseligkeit mir gestatten konnte oder verwehren, je nach seiner Willkür. Jetzt war ich der Arme, Hilflose, Bettler und Verzweifelte. Hier blieb nichts mehr zu retten für mich, nichts als mit letztem Atem aus gepreßter Brust zu wimmern: »Gnade!«
Ich tat's — und sank zu Füßen meiner — Eva.
Goldorangengelb am wolkenlosen Horizont stieg die Abendsonne in die Nacht hinab. Das himmlische Licht, das mit blendender Majestät den Tag beherrscht, daß aller Augen Blicke sich verhüllen müssen —- es ist doch nur der Venus Vorgespann.
So viel sie auch singen und dichten mögen, predigen und beweisen vom Höchsten, das eine Sonne über allen Sonnen ist — laß sie nur predigen und blinzeln, weil es Tag ist: des Abends magnetische Schatten führen, ohne auf Widerstand zu treffen, auch sie zu dem Hochaltar, auf dem die Schöpfung opfert — zum Weib. — —
Ich konnte keine Stunde lang leben, das fühlte ich. Meine Kammer war eng, jetzt war sie tatsächlich ein Sarg, der sich zu schließen drohte. Ich kniete nieder und versuchte zu beten; aber die Verbindung war gerissen zwischen Gott und mir — irgend jemand stand zwischen mir und Gott. Ich ging ein wenig hin und her — aber das brachte mich nicht näher. Ich setzte mich ans Fenster — aber das machte mich unruhiger. Ich stand wieder auf — kniete nochmals. Die letzten Küsse eines Mädchens, das ich vom Kirchhof nach ihrem Kosthaus geleitet hatte, brannten meine Lippen, meine Wangen, meine Stirne wie glühende Kohlen.
»Ich ersticke!« schrie ich, und Hut und Rock ergreifend eilte ich hinaus ins nächtliche Gewühl der Stadt, von dem wahnsinnigen Gedanken gerissen, eine unbescholtene Jungfrau mitten in der Nacht aus ihrem Bett zu rufen.
Ein vorübersausender Straßenbahnwagen schnappte mich jedoch weg vom Erdboden, und fort ging's auf rollendem Gefährt — entgegengesetzt aber von »Ihr«.
Eine Stunde später, im Norden, wo die Großstadt sich malerisch auflöst in Landschaft, wankte ein Mensch, offenbar ziellos, durch Farmland. Auf Augenblicke blieb er stehen und reckte die Arme aus, als wollte er die Welt mit allem, was sie birgt, umfangen. Dann setzte er seine Wanderung wieder fort. Wer ihn nicht kannte, würd' ihn für einen Verirrten halten, oder gar für einen jener Unglücklichen, die dem Dasein entfliehen möchten. Plötzlich machte er halt — warf sich platt ins Gras, mit dem Gesicht nach unten — und so blieb er liegen.
Dicht an ihm vorüber rauschte ein mächtiger Strom, unerschöpfliche Wassermassen wälzend. Ringsum wogten, wie die Wasser dort, die Felder und Wälder hier. In eifersüchtigem Wettstreit, sich gegenseitig überragen zu können, reckten sich die Bäume über Sträucher, diese über Blumen und Gräser. Lauwarm wehte die Nachtluft um das Ganze, des Stromes züngelnde Wellen, des Waldes wogende Wipfel, das Weben und Leben der Welt hier unten, hinauftragend in die lichtgefüllten Höhen als Schlummerlied der Sommernacht.
Als ich mich von langem, erlösendem Weinen endlich wieder aufrichtete und umsah, war es mir, als wäre ich das Leben und alles andere tot. Mir war, als sei die Welt ein Nebelbild, Schein, und ich der Zweck, der Mittelpunkt, der rote Faden, der die beiden Enden knüpft; als sei ich das Bild und dieser unermeßlich weite Raum nur der Rahmen zum Bild. Vor mir lag in weitem Becken ein Wasser; ich bemerkte nicht, daß es der große Mississippi war, der gurgelnd und plätschernd am Ufer vorbeimarschiert durchs Tal, zum Meer, und unablässig Wasser auf Wasser drängend ewig sich verändert. Ringsherum standen Gebüsche, Fruchtbäume, Schilf und wilde Blumen, wie leblose tote Dinge; ich bemerkte nicht, daß sie alle grünen, wachsen, blühen, ewig sich recken und dehnen, sich verändern. Hoch über meinem Scheitel pendelten die Sterne als eine Welt über der Welt. Mir schien sie regungslos, immer gleich, auf dunkelblauem Samt die edelsteingestickte Bettgardine einer eingeschlafenen Natur. Ich bemerkte nicht, daß alles dort oben wie hier unten sich dreht und treibt und stößt und zieht — Leben saugt und gibt — mit gleichem Recht und Grund wie ich Unendlichkeit und Ewigkeit benützt als Tummelplatz für der Liebe Maientanz, für der Sehnsucht Herbstgefühl, für sommerschwüle Lust — und Wanderung durch winterkalte Nacht.
Dort stehen sieben Sterne und spiegeln sich auf dem Wasser. Das ist der Orion. So strahlte er in stiller Majestät über dem Griechischen Meer, während Homers Lieder die gottgeschwängerten Lüfte tränkten. So strahlte er in stiller Majestät über der Urwelt dampfendem Morast, während giftig hauchendes Gestöhn der Drachen durch das Schweigen banger Nächte ging.
Es gab eine Zeit, wo jenes Licht dort oben nicht am Firmamente glänzte, wo andere Lichter oder keine jene Kohlensäcke füllten, und keine Erde hier am Boden lag, kein Meer noch Land.
Senkrecht über meinem Scheitel hängt ein grüner, magisch reiner Stern und schaut herab aus seiner Welt in meine. Welch ein Weg von dort zu mir? von jener Sonne, von jener Welt in Brand und Glut, die feuerlodernd ihre Fackeln wirft, als gält' es Untergang der Finsternis und Kälte. Welch einen Raum zum Denken, Staunen — Beten hat der Schöpfer aussgespannt zwischen hier und dort?
Aus all den kreisenden Systemen und den ungezählten Wesen, die sich decken und verstecken hinter Kohlenstaub und Eis, die heute sind und morgen nicht; aus allem, was da oben und hier unten den Raum erfüllt — nur einer hat den Platz behauptet — nur einer hat sich durchgerungen, durchgelebt. Aus diesem Chaos von Atomen einer. Von allem, was sich regt im Kampf ums Dasein — einer war der Stärkste, Zäheste — der Glückliche, der Sieger aus der Schlacht einer halben Ewigkeit, mit Feinden wie der Sand am Meer so viele — einer, einer nur. Und dieser eine, der bin ich! — Ich bin der Unbezwingliche, der einzig Lebensfähige, das Meisterwerk, der Schöpfung Krone, dem Schöpfer nah — und drücken sie das Universum durch ein Sieb, sie treffen nichts, das ebenbürtig zwischen uns sich stellen kann und darf.
Ist das hochmütig geredet? Ist das Gotteslästerung?
O, tiefste Demut ringt in mir mit höchstem Dank um die Oberhand! — Mein Gott! um welchen Preis bin ich das Ebenbild von dir? Um welche Opfer?! — Da liegt meine Mutter als das erste hinter mir; ihr Weh und Winseln, das mich in die Welt gestellt, bis müd und abgespannt von tausend Mühen meinetwegen ihr Leib zu Grabe sinkt — das erste Opfer. Arme, arme Mutter du! — Und hinter dir, zum gleichen Zweck verwendet, deine Mutter. Und hinter ihr ihre Mutter. Und ihre Mutter. Und ihre, ihre. Unerschöpflich wie im Strom die Wassertropfen, Kopf an Kopf, Gesichter an Gesichter, marschiert das Totenreich, mobil in allen seinen Regimentern, aus der Vergangenheit heraus — vorbei an mir.
Mein Gott! Um welchen Preis bin ich hierhergestellt? Um welche Opfer? Über so viel Leichen wie auf Treppenstufen mußt' ich steigen? Gibt's keine andere Leiter, die vom Boden unten hinaufreicht zu dir? — Ach, es gibt nur diese eine, sonst stellte Weisheit und Barmherzigkeit die andere hin.
Und diese Blicke all auf mich geheftet — dieser Augen Trillionenzahlen starr und fragend, als wäre ich das Rätsel aller Rätsel, der Mittelpunkt in Raum und Zeit. Und dieses fremde, wüste Treiben. Je weiter rückwärts mein entsetztes Schauen greift, dieses Würgen, Morden, Schlachten. Verwilderung hält Schritt mit Rückgang — und so mein Ekel. Behaarte Menschen seh' ich splitternackt, auf allen vieren aus der Höhle kriechen und kannibalisch rohes Fleisch zerreißen. Und hinter ihnen dampft der faule, mitternächtige Morast mit riesenwürmergleichen Schachtelhalmen, schlüpferigen Kröten, Molchen, stacheligen Saurusdrachen, die von sich spritzen, was sie trinken, mit der Eingeweide Gift gemischt.
Durch diese Höllengasse mußt' ich wandern? Und du mit mir? Gott, du mit mir? Gibt's keine andere Leiter?
Und all die Greuel dieser langen Reise, all die Barbareien, die viehischen Verbrechen, all die Sünden, die zum Himmel schreien, mußtest du, Allheiliger, vorüberziehen lassen. Billionen kalte Morde, Billionen Tyranneien, Flüche, Meutereien, falsche Eide, Ungeheuerlichkeiten, die um Rache schreien — Bastardmischung zwischen Tier und Menschen unterm Hurrabrüllen und Gewieher schadenfroher Teufel — mußtest du vorüberziehen lassen. Mit keinem andern Trost als: »Später, später« überladene Herzen brechen lassen; Gottvertrauen untergehen lassen; Unschuld untergehen lassen. All die Blicke, die zum Himmel flehen; all die Klagen, Seufzer — der Schlachten Brüllen — der Folterkammern schrilles Schreien — der Kerker hohles Heulen — der Krankenstuben Stöhnen — den Jammer einer ganzen Welt von End' zu End', mit keinem andern Trost ertragen als: »Später, später!« bis der schneckenträgen Weltgeschichte Räderwerk (mit klebrigem Blut geölt) der Hölle tierisch Teil an mir zu Kot zermahlt.
Hat je mit so viel Gram und Wehen eine Mutter ihre Frucht geboren, wie du, o Ewiger, dein Ebenbild?
— — — Ha, ist es das?! Allmächtiger, ist es das?! (Mir ist, als seh' ich ein reibend Schwefelholz an meiner Kerkerwand und find' die Tür — — Haltet mich, o haltet mich!) Auch du, Gott?! Auch du? Ist es möglich, auch du? O mein Erzeuger, der du bist, ist es möglich, auch du kämpfst wie ich den Kampf ums Dasein? — Die gleiche Scheu vor Stillstand wie die meinige ist dein. Das gleiche Fühlen, Denken, Sehnen ist uns eigen — nur in allergrößtem Maße dir. Die gleiche Sucht nach Einigkeit, Fortschritt, Freiheit, nach einem Gegenstand der Liebe (außerhalb), nach ewiger Glückseligkeit macht uns kämpfen — mich im engen Zirkel meines Selbst — dich im unermessenen Raum, mit einem Feind, dir ebenbürtig an Mitteln, Macht und Zähigkeit. Du mit Licht — er mit Nacht. Du mit Wärme — er mit Kälte. Du mit Leben — er mit Tod. Du mit Geist und Willen — er mit Körperträgheit. Du mit Liebe, Wahrheit, Schönheit — er mit allen Gegenteilen. — — Und dieses Riesenkampfes Gleichgewicht verschieben können nach rechts oder links, Ewiger! das kann ich?? — Ich kann dir trotzen und deine Allmacht entthronen? Deine Majestät entkleiden? Dir Glückseligkeit verbittern? Den ganzen, weiten Plan der Schöpfung stempeln mit Fehlschlag? Dich ausliefern dem Hohngelächter deines Feindes?
O, daß du mir diese Waffe zeigst — scharfgeschliffen wie sie ist, sie mir anvertrauest — welch ein Vertrauen! — Nach langer, langer Nacht gedankenlosen Schlafens wach' ich auf, und wie ein Kind zuerst aus der Mutter Augen Liebe trinkt und dann die Milch der Brust — ich liebe dich, Gott! Zum ersten Mal in meinem Dasein ruf' ich ehrlich aus: »Ich liebe dich, Gott!« Bis heute betete ich dich an — mit Staunen und Grauen maß ich deine Majestät — aber lieben? — Leere Worte waren meine Schwüre. In Maß und Form warst du ein überirdisch Ding für mich, so unverwandt und fremd wie ein Gespenst.
Ist Mitleid inniger als Staunen, und Liebe wärmer als Angst — ist Vater schöner, inniger als Gott — »Vater, ich liebe dich! Vereint sind wir allmächtig. Vereint sind wir die ewige Glückseligkeit — getrennt verloren.«
Und jeden Morgen, wenn ich neugestärkt zur Wirklichkeit erstehe und flüssig Blut, geerbt von dir, durch meine Adern pulsen spüre — lebendig Hirn, geerbt von dir, an meine Schläfe pocht — »Vater, ich liebe dich!«
Kürzen kann ich dieses pulsende, warme Leben; enden plötzlich, wenn ich will; die ganze Arbeit einer halben Ewigkeit von dir vernichten, wenn ich will; dem Feinde »Tod« mich ins Lager liefern als ein Meuterer von dir — — »Vater, ich bleib' dir treu!«
Wenn Waldesschatten mich in ihrer seelenvollen Sprache bitten: »Bleib — hier ist Moos zum Ruhen, dort der Quell; Beeren, Blumen überall, wohin du greifst; die Bäume schützen dich vor grellem Licht und rauhem Wetter; die Felsen mich vor allzuviel Besuch. Ist Gott nicht gut, daß er sich meiner Einsamkeit erinnert, und jedes Jahr mir viermal passend neue Kleider schenkt« — — »Vater, ich liebe dich!«
Wenn Sommermittagssonnenschein das vollste Treiben weckt, Gärten, Fluren, Felder schwelgen im Leben, die Schöpfung dröhnt von tausend Stimmen, alle durcheinander jauchzend, lachend, singend; oder wenn Nachts die Allmacht auf die Bühne tritt in voller Majestät der Kraft, und vor aufgezogenem Vorhang zeigt, was sie dem Tod und Stillstand abgerungen in der Zeiten Lauf — und jeder Blick in jene sternenvollen Tiefen mit Demut beladen zurücksinkt — — »Vater, ich liebe dich!«
Ein Fackelwurf aus meiner Hand genügt, und jene Waldidylle brennt zu Asche. Ein Losketten meiner Instinkte genügt, und jenes Paradies von Gärten, besäet mit Wohnungen glücklicher Geschöpfe, verwandelt sich zum Pandämonium eines brüllenden, rauchenden Schlachtfeldes, und Leichengeruch statt Blumenduft qualmt dir ins Angesicht. Und was, mit deiner vielgepufften Sternenherrlichkeit? Steck deine Kerzen du auf trillionmeilenhohe Leuchter — ich kann mir das Denken verhalten — die Vernunft schänden — bis blöd und tierisch Gottes Ebenbild dein Schauspiel sieht wie die ausgesperrte Kuh den Mond. Soll ich noch mehr dich höhnen? — — »Vater, ich bleib' dir treu!«
Hat je ein Künstler seine Arbeit gut gemacht — mit vollster Seele liebsten Stoff geformt, bis alle seine Wünsche sich verwirklichten im Meisterwerk. O, dieser Spiegel — und der Rahmen zu dem Spiegel! Vor keinem Spiegel lacht und weint der Mensch so ehrlich und so viel wie hier. In keinem Spiegel sieht der Mensch sich selber so wie hier. Vom hellsten Blau herab zum tiefsten Schwarz, in allen Farben, die ergreifen, strahlt der Spiegel ihm sein Bild zurück. Hier sitzt der Greis und schaut die hundert Schichten seines Lebens, die er im Flügelhemdchen bis herab zur Krücke durchgelebt mit Leib und Seele, und Gefühle, die geschlummert haben jahrelang, sie tauchen aus dem Spiegel auf und grüßen oder zürnen. Hier kniet die Mutter, der in langer Sorgennacht das Herz gebrochen, stundenlang vor diesem Spiegel, bis vom Schauen ihre Tränen trocknen, der bittre Mund sich öffnet zum verklärten Lächeln. Vor diesem Spiegel steht der Ewige mit Stolz und triumphierender Genugtuung — gemischt mit weher Sorge, der Spiegel möcht' zertrümmert werden von verfluchten Buben — denn Schöneres kann er nimmer machen, das ist sein Meisterwerk. Das ist das Gegenteil vom Tod — das ist der Allmacht stärkste Karte, die sie dem Feinde Tod auftrumpfen kann im Spiel um die Oberherrschaft dieser Weltkontraste. Der Spiegel ist das Kind! Des Kindes Seele, des Kindes Augen — Leib und Seele widerspiegelnd.
»Vater, ich liebe dich!«
Schaudere — — was kann ich hier verwüsten, wenn ich will, an dieser hilflosesten der Kreaturen? Mit Ärgernis, mit Grausamkeit, mit Vernachlässigung, mit Mißleitung, mit Mißbrauch meiner Zeugungstriebe? Hier bin ich selber schier allmächtig, wollt ich zerstören, was du aufgebaut.
»Vater, ich bleib' dir treu!« Dein Wille sei der meine. Dein Geist der meine. Dein Feind der meine. Wahrheit um jeden Preis und jedes Opfer sei von nun an meine Religion! Gerechtigkeit meine Religion, Opferwilligkeit meine Religion; zu großer, friedlicher Familie deine Menschen vereinigen, bis alle dich sehen wie ich, meine Religion. Und fortschreitend wie ein Siegesmarsch, im Schlachtenrauch, zu immer höheren Höhen — aus bettender Nacht des Stillstands zu immer lichterem Leben, zu reinerer Erkenntnis — aus des Daseins Sturm und Drang die Treppe bauen, bis die letzte Stufe den Thron streift und Gottes Ebenbild zu deiner Rechten sitzen kann — von dannen es kommen wird am Ende der Schlacht mit aller Kraft und Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und Toten!
»Vater, ich liebe dich!«
Und nahet mir des Lebens letzte Stunde — und jenes Ding, das Blut gerinnen macht und Todesschweiß durch alle Poren preßt — —
Noch einmal seh' ich dann, wie der Wanderer auf höchstem Paß, zurück und schaue mein Erdenwallen einer weißen Straße gleich. Dort im Tal liegt meiner Jugend immergrüner Tummelplatz. Dort seh' ich die ersten Schatten, die mir Wetterwolken auf den Weg geworfen. Dort die erste steile Felsenwand. Dort den jähen Abgrund mit der schwanken Brücke. Dort den Wald mit Angst und Sehnen nach dem Ausgang. Noch einmal empfind' ich Verlangen zum Bleiben in der Welt, so heiß wie nie zuvor — und Trennungsschmerzen, eh ich fort bin — und Heimweh, eh ich abgereist — und Reue, eh ich gerichtet bin. Noch einmal, ach! durchschauert meine Seele jenes himmelahnende Gefühl, das Gesang und rauschende Musik allein im Menschenherzen wecken kann, bis wollustgleich in Tränen Lust und Leid sich entladen.
Kühl war der Morgen; heiß der Mittag; müde wankt das Kind am Abend in die Kammer, an sein Bett. Das Erdenleben gleicht dem langen Tag. Viel Blumen sind zertreten worden — viel ist herumgestritten und gerissen worden — Gesicht und Händchen sind ihm schmutzig, sein Kleidchen schier in Fetzen — wild war sein Spiel im langen Tag — doch, gebe Gott, es war ein Spiel. Noch einmal weint das Kind aus Müdigkeit, aus Leid ums abgerissene Spiel an seiner Mutter Brust: Natur; und dann — — ist Schlafenszeit.
»Vater, ich liebe dich!«
Ob ich unsterblich bin? — Unwiderruflich, ja! wenn ich will.
Ob mein Endziel höchste Glückseligkeit wird sein? — Unwiderruflich, ja!
O, meine Eva! meine Eva! Auf halbem Weg zu der Vollkommenheit erst, und deiner Küsse Seligkeit!
Dank, Dank, Allgütiger! Ich danke dir, vom ersten Werden bis hierher und ewig. Vater unser, der du bist! Ich verbleibe grenzenlos dankend
Dein liebes Kind.
Pilot Knob, den 1. Januar 1901. Lieber Bruder mit Weib und Kind!
Heute ist Neujahr. Mit ungezählten Segenswünschen beginne ich diesen Brief. Möge Gott Euch die Vergangenheit vergessen machen im Rausch einer fröhlichen Zukunft. Möge alles, was er zurückhielt an Freud' und Wohlergehen, hundertprozentig Euch ausbezahlt werden.
Das war ein böses, rauhes Jahr, das vergangene. So ein paar mehr noch könnten selbst dem Leichtsinn graue Haare wachsen machen. Wir armen Menschen — wir armen Leute!
Also, Neujahr.
Als ordnungsliebende Hausfrau — (lieber Bruder! Du hast in sämtlichen Briefen seit Deinem Unglückstag so viel Unverdauliches zusammengebraut und gebraten, daß unbedingt hausbackene Kost auf den Tisch muß zur Abwechslung, oder wir werden noch alle krank. Trockenes Brot — hier ist es:) Als ordnungsliebende Hausfrau nehme ich jetzt, gleich einem guten Geschäftsführer, die Warenaufnahme vor und beginne mit dem Hauptartikel der Haushaltung — mit Peter.
Mein Peter ist heute vierzig Jahre alt und vier Wochen. Er kam also herausgekrochen zu einer Jahreszeit, wo andere Bären sich verkriechen in ihre Höhlen zum Winterschlaf. Er machte auch hierin die eigensinnige Ausnahme, wie immer und überall. Wenn's schneit und friert, geht er in Hemdärmeln spazieren. Im Sommer ist ihm am wohlsten im schweren Rock, und — die Pelzmütze ist ihm buchstäblich auf dem Kopf verlaufen wie ein zu stark gebrühter Waschlappen, sonst hätt' er sie nicht abgelegt ums Verzweifeln. Daß Peter schlafen kann sitzend, stehend, mit dem Kopf nach unten, die Füße hoch, das hab' ich Dir schon früher berichtet. Ich zweifle nicht, daß er über die Waschleine gehängt wie ein nasser Strumpf ebensogut träumt und schnarcht wie im Federbett. Er ist das Ausnahmegesetz. Fahren die Bergleute zur Grube, ist Peter immer der letzte, der hinuntergeht, und Abends der erste, der 'raufkommt. Gelt, Bruder, das dünkt Dich ein fauler Arbeiter. Aber Peter ist nichts weniger als faul; er ist der längste Bergmann in der Schicht, und fährt der Fahrstuhl zur Tiefe, so verschwindet sein geliebtes, teures Bild zuletzt; und Abends erscheint sein Grizzlischädel schon, wenn seine Kameraden noch weit unten im finsteren Schacht atmen — hahaha!
Sonst ist Peter ja schon recht. Er kaut allerdings fürchterlich viel, raucht aber weniger und trinkt noch weniger, und fleißig ist er für drei. Er hat das ganze Jahr über keinen Arbeitstag versäumt (den Streik ausgenommen). Das ist abermals eine Ausnahme, verglichen mit andern Bergleuten, jedoch eine so gute Ausnahme, daß ich Gott danke und bitte, mir meinen Gatten noch viele, viele Jahre zu erhalten.
Nach dem Vater kommt von Rechts wegen die Mutter im Haushalt. Und geht's dem Alter nach, bin ich noch einmal Nächstes; ich bin schier dreiunddreißig alt. Weil Ihr beide jedoch stark im Waschgeschäft interessiert seid und ich ebenfalls (ich wasche außer meiner Hauswäsche für zwei Dutzend ledige Miner, die nebenan in Kost sind), so möchtet Ihr am Ende denken, ich trommle Reklame für meine Popularität und versuche Euch Kunden wegzuschnappen; darum werde ich Jennie vollständig ignorieren und die Ware, anstatt dem Alter nach, der Größe nach vornehmen.
Ich bin jetzt nur mehr die dritte Größe im Haus. Ja, ja, 's geht abwärts mit mir. Zwischen meinem Mann und mir, oder besser gesagt: zwischen dem alten Peter und mir, steht der junge Peter. Der junge Peter ist mein Ältester. Trotzdem er der Älteste ist, ist der andere der Älteste. Der Älteste ist also nicht mein Ältester, sondern mein Alter, und der Jüngere ist mein ältester Sohn.
Lieber Tom, Du siehst wie ich närrisch werde vor Freud', komm' ich auf meine Kinder zu sprechen. Und warum auch nicht; sie sind mein Leben, mein Leib und Seel', mein alles. Sie glücklich machen ist meiner Liebe allerhöchstes Ziel, mein schier einziges Gebet zu Gott.
Also noch einmal der Peter. Damit die Verwechslung aber endgültig aufhört, sage ich: der kleine Peter. Der kleine Peter ist größer als ich!
Er ist jetzt vierzehn Jahre alt — und seines Vaters Ebenbild. Er hat ganz die niedere Stirn, die braunen, phlegmatischen Augen — aber auch die undurchkämmbaren Borsten auf dem Dickschädel und den Knochenbau des Alten. Er wird noch ein Riese werden. Oft erfaßt mich eine Wut wider die Natur, die mit einer geradezu eselsgeduldigen Pünktlichkeit sich abgemüht haben muß, die beiden Peter so gleich zu machen wie — Billardbälle. Es gibt doch so viele und gefälligere Modelle.
An meinem Sohn kann man aber ersehen, was Erziehung macht aus dem Menschen. Peterchen ist ein Kind und wird's noch lange bleiben. Groß, schier wie ein Mann, und kräftiger als manche Männer, ist das Kind so weich und still, innig, gefühlvoll. Schauen wir uns an — es dünkt mir oft, es lese der armen Mutter Sehnen, Weh und Klagen aus ihren Augen. Ja, ja, und oft drängt es mich zum Weinen beim Kuß und »gute Nacht«. So war einmal der Jennie Traumbild gewesen, als sie ihr blutjunges Leben opferte — einem Wahn.
Im neuen Jahr nun muß Peterchen zur Grube. Der Alte will's. Meine Angst wird dann verdoppelt: Vater und Sohn; denn Bergmannsleben ist ein gefährliches Leben. Ach!
Nach dem Peter kommt der Willie. Der ist elf Jahre alt. Den Zeitraum zwischen Peters und Willies Erscheinen (Du weißt es selber) füllte die Vorsehung aus mit dreijähriger Prüfung an mir. Schier war es zu viel und zu lang für mich armes Weib; und daß ich herauskam aus der Angst und Qual, der Ratlosigkeit, Trostlosigkeit, Armut, Entbehrung, Enttäuschung — sag' ich es gerade heraus — aus der markverzehrenden Reue, einen Mann geheiratet zu haben, so rasch und leichtsinnig, wie ein weltunerfahrenes Mädchen es fertig kriegt, wenn es schwärmt, träumt, träumt — —
Das war ein Tag, als meines Mannes erstes herzloses Wort mich aufschreckte vom Träumen und mich stehen ließ in kalter Hütte der Not, getrennt von Mutter, Vater, Bruder, Jugend — ungeliebt. Daß ich das überleben konnte und stärker, besser noch herauskam aus der Schule, das zeugt, denke ich, von großer Kraft der Seele. — Ich bin also auch eine Riesin und stärker noch als Peter!
Begreiflich, wo solche Kräfte existieren und produzieren, muß das Resultat ein Wunder werden. Und Willie ist das Wunder! Willie ist das Wunderkind, das Zauberkind, ist meiner Wünsche Erfüllung, meines Himmels hellster Stern. Mir scheint, der Allgütige habe mich entschädigen wollen, belohnen wollen für mein Stillhalten auf der Folterbank des Lebens und schenkte mir Willie.
Mein Kind! Mein Kind! Kann so viel Segen, Seligkeit, Harmonie, Himmel zusammengehäuft werden in diese kleine, schwache Form — Gott! wie muß dein Ganzes sein, ein Sonnenmeer!
Soll Willies Hoffnung erfüllt werden, dann wird er Priester. Das ist sein heißer, schier einziger Wunsch. Meiner auch. Wenn ich diese Freude erleben darf, mein Kind stehen sehen vor dem Hochaltar als Priester — — Aber ich will nicht sündigen, guter Gott — ich will nicht zu viel verlangen. Gott, du weißt, es ist nur die fieberphantasierende Mutterliebe, die solch verwegene Bitten richtet an dich. Verzeih mir's, Gott. — Aber ich wär' sehr glücklich, sehr, sehr.
Willie ist der beste Schüler in der Klasse und der Lehrerin Liebling. Talent und Fleiß eroberten ihm diese Stellen. Dann ist Willie noch Ministrant in der Kirche. Dann ist er noch der Liebling des Herrn Pfarrers. Er ist überall und aller Menschen Liebling; sogar meiner, hahaha!
Bruder, jetzt muß ich Dir die Geschichte doch erzählen. Eine Weihnachtsgeschichte. Ich wollte sie eigentlich nie erzählen. Wie einen am Weg gefundenen Schatz wollte ich's verbergen, verstecken, heimtragen und die öden Räume meines armen Herzens damit schmücken, und damit spielen in traurigen Stunden. Jetzt aber will ich Dich einweihen und zugleich meine überschäumende Mutterfreude erleichtern.
Elf Uhr Nachts. Um zwölf begann die Messe. Willie und Mama wickelten sich so warm wie möglich in Kleider und verließen still die Hütte. Peter und die Kleinen schliefen. Der Weg zur Kirche ging talwärts und kostete uns kaum die halbe Zeit, die wir hatten. Dünner, frischgefallener Schnee deckte Flur und Feld, Sternenpracht die Berge und Wälder, Ruhe alles.
In der Kirche angelangt, nahmen wir Abschied. Das Kind verschwand oben im Chor, die Mutter unten links, im hintersten Winkel.
Dort kauerte ich nieder und zitterte ein wenig. Ich hatte Kopfweh und kalte Füße. Dann schloß ich müde meine Augen.
Als ich sie wieder öffnete, brannten die Kerzen auf dem Hochaltar und Lichter ringsum. Die Orgel begann harmonische Laute durch den Raum zu wälzen — geisterhaft wie Sturmesklagen in der Waldesnacht — anschwellend, zurücktretend, donnernd laut, flüsternd, wehmütig flehend, auf jedem Pfad der Möglichkeit den Eingang suchend in das Menschenherz — die müden Geister aufzuwecken zum Gebet, zum Lieben, Hoffen.
Und wieder schloß ich meine Augen.
Da — o Gott! Ein Lied, eine Stimme, süß, engelrein, meine Sinne so ergreifend, die Seele mir aussaugend, zitterte herab zu mir:
»Stille Nacht! heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht Nur das traute, hochheilige Paar —«