Einleitung
Reading edition
Das verschollene Grab
Grab — welch ein Wort! Gibt es ein zweites, das wuchtiger trifft, schauriger, zermalmender, erstarrender?
Tod — — man kann tot sein und noch im warmen Bette liegen, umgeben von den lieben, teuren Angehörigen — tot sein und beschienen werden vom Licht und Blau der Welt, gefächelt werden von Luft und Atemzügen der Lebenden, geküßt werden, umarmt, angeredet.
Aber Grab — dieses schwarze, hohle Loch ins Jenseits hinüber, durch das keiner zurückkriecht, und rauchte am andern End' die Hölle. Wer da hinuntersaust am schnurrenden Seil, im zugenagelten Sarg, und dann Scholle auf Scholle den Marsch trommelt, bis es stiller wird, dumpfer, immer dumpfer, so grabesstill, daß nichts mehr gehört wird in der schaurigen Höhle als der Erde blähendes Verdauen.
Droben jagen sich die Ereignisse Licht und Schatten gleich; auf und unter geht der Tag, jeder Morgen Frisches begrüßend, jeder Abend Gebrauchtes begrabend.
Drunten wartet der Tote auf Erwachen, Wiedersehen, Auferstehen. Vergessen von den Menschen, eh' er ganz verfault; vergessen von Menschen, die in hysterische Zuckungen verfielen aus Schmerz über sein Ableben; denen er alles war, Liebling, Vater, Mutter, Bruder, Schwester ... Du armer Tor da unten hoffst, die gedankenlose Natur werde sich deiner erinnern nach Milliarden Jahren — die herzlose Natur werde sich deiner erbarmen — die Brüterin der Brutalität — Natur, die Säugerin des Zähen, Starken, die Anbeterin des Lebendigen, die Todfeindin des Toten, werde sich verlieben in morsche, längstverweste Knochen? Natur, die nur das Neue will und nie ein zweites Mal das Selbe schafft — die Altes nur als Treppe nützt, als Dünger, Mist — herz- und sinn- und zwecklose, sie weiß nicht, was sie tut — die Experimentiererin, die in ruheloser Sucht nach immer wieder Neuem, allerletztem Neuem, der Evolutionen hunderttausend-generationenlange Leiter auf und ab hüpft — lawinengleich Systeme rollt, Welten schleift, Sonnen und Planeten fegt auf einen einz'gen, riesengroßen Trümmerhaufen — herrlichste Gebilde (der Vollkommenheit so nah um Haaresbreite) zu Scherben schlägt wie lose Kinder ihren Weihnachtsskram, und liegen läßt für eine halbe Ewigkeit — Schund und Mißgeburten aber stehen läßt für eine halbe Ewigkeit.
Oder hoffst du armer Tor: ein Gott, der sich um Lebende nicht kümmert, werd' sich um Tote scheren? Der keinen kleinen Finger rührt, wenn Millionen sich in Qualen drehen, Millionen untergehen; der sich nicht finden lassen will, der sich versteckt vor dir — der werd' suchen — dich? — —
Gottes Acker — welch ein Wort! Gibt es ein zweites, das majestätischer klingt, magischer, ehrfurchtsvoller, hoffnungsvoller? Ist es nicht ein Gefühl, als erwache man aus schwerem Fiebertraum in Mutters Armen, an Mutters warmer Brust, ein Kind — und all die Schreckensbilder der vergangnen Nacht (Tod, Grab, Verwesung) weggescheucht von ihrem Lächeln, Trösten, Küssen, Lieben?
Gottes Acker — — Und der Mensch mit seinen Hoffnungen ist der Same — mit seinem Lachen und Weinen, Genießen, Entsagen, Trotzen, Dulden, Lieben, Hassen ist der Same. Hier werden seine Tugenden und Laster eingebettet, seine Resignationen und Rebellionen. Hier werden seine ungezählten, nie erfüllten Wünsche eingeackert — all die Träumereien von Glückseligkeit, die in diesem Leben, ach! aus süßem Sehnen nur zu bittern Tränen reifen — all die Leidenschaften, die vom Maienzug, der Schmetterlinge weht auf Honigkelche, bis zum Tornado, der Felsen rollt und durch schwarze Trichter Trümmer an den Himmel bläst, des Menschen Seele schleifen wie Vandalen den Besiegten in die Sklaverei. All die Reminiszenzen tausender Geschehnisse; all die Pläne und Fragmente — all die großen und kleinen Sünden und Gebete, die aneinander gereiht erdenlebenslange, schwere Kette bilden vom ersten Atemzug bis hierher zu diesem Röcheln aus dem Bette dort — vom ersten Blick ins Licht, das die Sonne spinnt durch den Spitzenvorhang (ein Silbernetz um Kind und Wiege), bis hierher zu dieser Sterbekammerlampe, die am letzten Tropfen saugt.
Gottes Acker — — Und da liegen sie jetzt in langen Reihen, ruhig die unruhigen Menschlein; im Leben keiner dem andern gleich, hier alle gleich; im Leben höchst unbrüderlich, neidisch, egoistisch, hier Kameraden auf ewige Zeiten, bescheiden, nachgiebig, unterwürfig. Noch hat der Reiche sein Monument von Marmor über sich und der Nachbar nur ein hölzernes Kreuzlein. Noch hat der eine Blumenbeete, wohlgepflegten Rasen, Buchs und Zaun, von Gärtners kundiger Hand beschnitten, der andre nur was ihm die Natur vorübereilend gnädig fallen läßt, Blümchen, eingewickelt in ein Büschel Gras. Noch haben Leichensteine ihre Namen, Worte, Daten. Ach, wie lang oder kurz, und die Ausgleichung ist auch oben wie unten. Zeit und Wetter verwischen die Inschriften, zernagen Stein und Eisenwerke — und die sie setzten, sterben auch.
Mein lieber Leser! Zweifellos hast du schon Kirchhöfe besucht, teils aus Zufall, Langerweile, Pflicht, oder gar von jenem unbeschreiblichen Gefühl gezogen, das uns Menschen den Ort zu besuchen zwingt, der als Haltestation irdischer Laufbahn gilt. Und gewiß hast du dann mehr oder minder tiefsinnige Betrachtungen angestellt über die Gegend und ihre Bewohner, über das fernere Schicksal dieser Leutchen, das auch dein Schicksal werden wird.
Da ruht ein Vater, dort eine Mutter, hier ein Wiegenkind, daneben seine Urahne, daneben die geknickte Kraft von zwanzig Sommern. Wie alt sie waren am Todestage, wann geboren, wann gestorben, konntest du alles am Leichenstein ablesen. Ob sie reich waren oder arm, geschätzt oder nicht, das zeigt ziemlich genau die Beschaffenheit und Instandhaltung der Grabstätte. Vor solchen Begräbnisstellen, die mit Inschriften versehen sind und besucht und gepflegt werden von überlebenden Verwandten und Freunden, hat die Phantasie wenig Spielraum zum Malen; die Freiheit, im Rätselhaften, Geheimnisvollen jagen zu dürfen, wird sehr beschnitten durch die Bekanntmachungen oben.
Das richtige Grab mit allen seinen Mysterien und Schauern ist das »verschollene Grab«; das Grab bei der Kirchhofmauer oder außerhalb der Kirchhofmauer; das eingesunkene, mit schiefem, verwittertem Kreuz und Stein oder mit gar keinem Abzeichen versehene Grab. Vor so einem verwahrlosten, vergessenen, zugedeckten Loch stehen — etwa bei Nacht, oder Abends im Herbst, wenn der untergehende Tag, der naßkalte Nordost, der feuchte, schleichende, im Gras und Schilf entlang kriechende Nebel, der tiefstehende Sichelmond, die sterbende Natur in all ihrem Stöhnen, Röcheln vom Blätterrascheln bis zum Uhuschrei im Forst, zum Unkenruf im Moor, zum Sensenklappern verspäteter Mähder, Chorus spielt in leerem Haus vor ausgebrannten Bühnenlichtern und fallenden Kulissen — vor so einem verschollenen Grabe stehen und nicht »Bruder! Bruder!« klagen — mit schüttelndem Haupt und feuchten Augen und Reue, Reue im Herzen — »Bruder! wer du auch seiest tief da unten — wie schwer oder leicht die Erde dich drückt — ob du viel oder wenig zurückließest in dieser Welt, oder alles, und ein leeres Stück Papier, die Quittung an das Glück, in deinem Sarge liegt — ich kenne dich nicht. Vielleicht bist du ein Weib, ein Mädchen; vielleicht bist du ein Heiliger oder ein Tyrann, ein Mörder oder ein Gemordeter; ach! das eine nur weiß ich, fühle ich: du bist ein Stück von mir. Die gleiche Luft hast du geatmet wie ich — die gleiche Sonne hat dich beschienen, die gleichen Sterne — die gleichen Sorgen, Träume, Leidenschaften haben dich gequält, und Freiheit dich geneckt, und diese Erde, einst dein Spielplatz und der meine jetzt, zieht uns beide niederwärts.. .« Stehen vor so einem Grab und der Toten Mahnen und Gottes Stimme überhören können — es kann nicht sein.
Mein lieber Leser! Willst du mir folgen? Ich führe dich zu einem Grab, so verschollen, einsam; so wenig besucht, gepflegt; so wenig geweint und gebetet wird vor diesem versunkenen Hügel ohne Namen, wie du wohl nie in deinem Leben ein zweites Grab gesehen haben wirst; und ach! das arme Herz, das da mit rauhen Steinen zugeschaufelt liegt, hat's nicht verdient. Kaum zwanzig Monate sind es her, daß ich es zum ersten und letzten Mal besuchte. Damals schlängelte sich ein Fußsteig an jenem Grabe vorbei über den fichtenbewachsenen Hügelrücken; der Pfad ist heute wohl verwachsen und verschwunden. Damals bezeichnete ein mit der Axt gezimmertes Kreuz die Stätte des Todes; heute ist das Kreuzlein wahrscheinlich umgestoßen vom Schneewehen, Sturmeswehen oder von Bären und grasenden Büffeln. Damals war seine Umgebung eine Lichtung im Wäldchen, spärlich mit Unkraut bewachsen; das kann wohl geblieben sein; auch die sechs runden Steine mögen dort liegen, die geordnet ein Kreuz bilden sollen.
Und — — noch einmal, willst du mir folgen, lieber Leser? Der Weg ist weit, wild, steil (gebe Gott, nicht abschreckend); vielleicht ist er langweilig; vielleicht gereut es dich, ihn angetreten zu haben; vielleicht mußt du weinen, schon auf halbem Wege. Aber dessen bin ich sicher: bist du dort, der Lohn ist die Mühe wert; denn jede Träne, die wir unsern Toten weinen, jede Blume, die wir streuen, jedes Lächeln im Gefühl des Wiedersehens, jeder Blick, der tief und langgezogen teure Bilder der Vergangenheit aus ihren Gräbern saugt — ach! Brüder, Menschenbrüder! jeder Gang und Schrei und Krampf der Seele — mit Schmerzen nur erwärmen wir den kalten Puls der Körperwelt — auch die Allmacht spürt Grenzen ihrer Mittel, das einzige, womit sie Tote auferwecken kann, ist: (viele nennen's Liebe, Sympathie), ist: der Menschen himmelstürmend Sehnen.
Bellevue-Hospital, Neuyork. 25. August 1900.
Schwester!!
Jetzt ist es geschehen! — Was? — Das Langgefürchtete, Unausbleibliche: meine Hand liegt abgesägt in der Maschine — die linke — und die rechte kann der Lebensgefährtin Verbluten nicht stillen.
Schwester! Ich weiß, es ist grausam unvorsichtig, Dich so zu erschrecken, ohne Wahl der Worte, ohne Milderung im Ausdruck Dir die Schauerbotschaft zu schicken; aber Worte können meine Verzweiflung nicht mildern. Ich bin ruiniert, verloren, ein Krüppel; ich bin arbeitslos, hoffnungslos arbeitslos. Zwanzig, vierzig Jahre soll ich mit den mir noch übriggelassenen Knochen weiterleben ohne die Mittel zum Leben, ohne Arbeit. Was soll jetzt werden aus mir, aus meinem kranken, armen Weib, aus meinem Kind?! Die einzige Antwort, die mein fieberndes Gehirn mir gibt auf diese Fragen, ist Schweiß in kalten Tropfen.
Letzte Woche, Montag, kam das Unglück. Am Morgen — früh — gleich; es war das Allererste, was kam. Das Unglück schien förmlich gelauert zu haben auf mich die Nacht über, den Sonntag über. Kaum hatte die Dampfpfeife ihren Schrei in die Morgenluft hinausgekrischen und die Fabrikräder begannen sich zu drehen, und jeder von uns Arbeitern eilte auf seinen Posten, und ich setzte meine Maschine in Bewegung — die Bandsäge — diese kalte, glatte Schlange, diese zischende, schillernde, hundertzähnige Viper. Nie konnte ich das unnahbare, holzfressende Ding blitzen sehen und dabei die Erinnerung verscheuchen, wie es meinem Vorgänger den Daumen abbiß; wie es seinem Vorgänger vier Finger amputierte, ganz schräg der Länge nach, einem dritten die linke Hand zerfleischte und die zu Hilfe eilende Rechte erst recht. Keinem frißt diese fauchende Natter aus der Hand, dem sie nicht vorbeihauend einmal auf die Knochen beißt. Keinem. Mir auch nicht. Ich wußte das. Ich erwartete das. Aber Hunger kettete mich an den Platz, Pflicht an die Gefahr. Das Unglück hatte wenig Mühe, mich zu finden. O, meine Hand!!
Wie es kam? Warum? Das ist mir jetzt nur mehr schattengleicher Traum. Vielleicht war ich ausgerutscht mit meinen neubesohlten Schuhen, das ist wohl das Wahrscheinlichste — ja, so ist es — ich glitt auf dem glatten Boden aus und schlug mit dem linken Arm durch die Luft und mit voller Wucht in die Stahlzähne der Säge — und dann? — was? — ein wildes, himmelschreiendes »Oooo!« Eis und Feuer gemischt, ein Gefühl, zuckte elektrisch durch meinen Körper und blieb stecken — mich verrückt machend — in den Haarwurzeln meiner Kopfhaut. Ich sah Säge, Räder, Balken, Wände, Fenster, alles sich drehen, ringeln, überschlagen, auf mich los wälzen. Ich sah einen Fleischklumpen in die Sägespäne rollen und sich dort verkriechen — meine Hand! Ich sah Blut, Blut, wohin ich tastete, Blut. Hundert Stimmen hörte ich lärmen, durcheinander toben, schreien: »Doktor! Ambulanz! Er blutet sich tot! Hilfe! Hilfe!« Gestalten, jede mit hundert Augen, hundert Händen, stürzten von allen Seiten auf mich los; packten mich, hoben mich, drückten, trugen mich, preßten mich auf einen Stuhl nieder, spritzten mir Wasser ins Gesicht, umwickelten meinen Arm mit Stricken, Handtüchern, Taschentüchern — —
Und alle jene Schauergemälde zeichneten sich jetzt in die Luft, die im Wachen und Schlafen mich so oft beängstigten: Tom mit der abgesägten Hand — Tom arbeitslos — Tom ein Krüppel, Bettler — Toms Zukunft ruiniert — Toms Weib und Kind verwahrlost, weggerissen von ihm, entfremdet — das Familienglück, des armen Tom Einziges, das ihm all das lebenslange Schinden und Plagen wert war, verloren — verloren — verloren.
Und dort dreht sich noch immer, als wär' nichts geschehen; die Säge, die Schlange, die Mörderin. Grenzenlose Wut schnellte mich auf meine Füße, und »Die Maschine,« schrie ich, »schlagt sie tot, die Maschine!« — Es muß ein grauenvoller Schrei gewesen sein, denn alle ließen mich los. Ich machte zwei, drei Schritte nach der Richtung — dann wurd's Nacht.
Im Bellevue-Hospital, schräg überm Weg, wo ich verkrüppelt wurde, erwachte ich aus langer, tiefer Ohnmacht.
O, wär' ich nie erwacht!
Schwester! ich muß aufhören. Ich darf nicht weiterschreiben. Es macht mich rasend, mein Elend zu zergliedern. Ich darf nicht denken; — essen, trinken, atmen — aber nicht denken. Ich werde zum Tier.
Tom.
Brooklyn, den 27. August 1900. Schwester!
Kaum hatte ich den Unglücksbrief abgesendet, so geschah mir eine große Erleichterung; ungesäumt will ich sie teilen mit Dir.
Mein Arbeitgeber bezahlt Doktor und Apotheke, bis ich geheilt sein werde; und weil das im eigenen Heim nicht weniger noch mehr kostet, so fuhren sie mich nach Brooklyn hinüber ins Nest. Die Bewegung hat mich angegriffen, sonst schrieb ich Dir schon gestern. Überhaupt werde ich häufig von Ohnmacht und Schwindel befallen. Ich habe viel Blut verloren, sagt der Arzt, und daß ich mit dem Leben davonkommen werde, zeuge von einer zähen, lebenskräftigen Konstitution. Ich werde noch meinen Spaß haben mit dieser zähen Lebenskräftigen — und leerem Magen. Doch lass' ich das Klagen für heute. Ich bin froh heute und guten Muts — sogar mit einem Anflug von »Sehr«.
Was doch die Umgebung aus dem Menschen machen kann; alles. Man schwimmt darin wie der Fisch, wie Treibholz im Fluß, und mit geht's; rasend schnell, wenn der Kurs paßt — langsam, wenn es gegen das Wollen ist — aber Wollen oder Nichtwollen, die Umgebung siegt.
Und ich bin aufrichtig glücklich über ihre Allmacht. Ich bin wie neugeboren, seit ich das Hospital verlassen und wieder die Heimat um mich seh'. Das Krankenzimmer in Bellevue war allerdings luftiger, höher, bequemer; ein Saal gegenüber dem engen Stübchen, das ich jetzt bewohne. Mein blasses, abgezehrtes Evchen kann auch den Vergleich nicht aushalten gegenüber der vollen, energischen Krankenwärterin mit ihren gesundheitsstrotzenden Lippen und Wangen; — aber — — Schwester, der leiseste Gedanke von Untreue, sollte er auftauchen in mir — noch tat er's nie — er wäre das Schurkenstück meines Lebens. Man sagt, im Unglück lerne man die Menschen kennen. Ich bin im Unglück. Zu all den körperlichen Schmerzen und den Seelenqualen, Kummer, Sorgen, Angst, Trostlosigkeit, gesellt sich jetzt ein neuer, der fürchterlichste Kumpan — die Reue. Ich war immer ein Mustergatte gewesen, ein guter Vater, ein Charaktermann; aber weißt Du auch, daß wir auf diesem Feld ins Unendliche wachsen können und mein körperlich schwaches Weib mich moralisch so riesenhoch überwachsen hat, daß Einholen hoffnungslos ausgeschlossen bleibt? O Schwester! Ich leide Qualen wie ein Gerichteter; die Liebe, das Mitleid, die Aufopferung dieses Engels brennt mich wie Rutenhiebe. Von dem Augenblick, als Eva mich besuchte in Bellevue — mit einem Schrei stürzte sie an mein Lager und schlug hart ihren Körper auf meinen; »Tom!« jammerte sie, »Tom! armer, armer Tom!« und schier ertränkte sie mich mit Tränen, erstickte meinen Atem mit Küssen, schier bohrte sich ihre Brust durch meine, ihre Stirn durch meine, bis aufs Herz und Hirn — — O Schwester! wie weh tut solche Liebe, wenn man sie erwidert nach Kräften und zurückbleibt in der Kraft. Und dann, wie jammervoll weh tut es, hier zu liegen jetzt im kleinen, engen Heim, hilflos gleich einem Kind, und das teure Wesen »Weib« schaffen, waschen, flicken, kochen — und husten sehn, und denken müssen, daß all ihr Mühen das sinkende Schiff nicht retten wird, daß wir untergehen, untersinken im Menschenmeer der Welt — unbemerkt. Was ist ein Hilfeschrei im Donnergebrülle dieser Riesenstadt, wo Millionen schreien, jammern, lachen, fluchen?
Schwester! Jennie! Ich will nicht wieder den Brief füllen mit Klagen. Wenn ich's hin und wieder tue, es ist der gestörte Geist, nicht mein Wunsch. Nimm's wörtlich: ich bin unzurechnungsfähig, unvollständig; die Hälfte ist verloren, und ich fürchte, die beste. Mit der lieben, teuren Hand ging auch mein guter Humor dahin, und wilde, wüste Witze, häßliche Sarkasmen werden jetzt die keusche Seele schänden dürfen. Vielleicht aber verstehst Du mein Geschreibe nicht, dann wär's besser. Vielleicht geht's Dir wie mir, ich sehe die Buchstaben zeitweilig auf dem Papier herumhinken wie lebende Figuren, wie sieche Krüppel an der Krücke, Spitalkrüppel — oder wie losgelaßne Kobolde; sie werfen die Beine in die Luft, die Mützen noch höher und purzeln über- und durcheinander, bis ein »O!« die Schelme verjagt und öder Jammer mir entgegenstarrt aus meinen Zeilen.
Dort hängt an der Wand Dein Bild, Schwester. Wo bist Du jetzt, derweil ich hier, aufrecht im Bette sitzend, an Dich schreibe? Der Gedanke tut weh. Neben Dir hängt das Bild meines unendlich geliebten Kindes, meiner Elsie, die jetzt tot und begraben draußen liegt im Kirchhof; der Gedanke tut weher. Gegenüber hängt der Spiegel, aus seinem Rahmen schaut mich das starre, blasse Antlitz eines Mannes an; er nickt mir zu — ich ihm. Er schüttelt langsam den Kopf — ich auch. Er zeigt mir einen gräßlich verstümmelten Arm — ich ihm den meinen. Er schüttelt wieder den Kopf. Er wartet auf ein Lächeln von mir — ich auf sein's.
Hölle! wohin soll ich schauen, dem Wahnsinn zu entrinnen? — Die Augen schließen und schlafen. »Eva! nimm den Brief — und fort!«
Pilot Knob, den 28. August 1900. Mein Bruder!
Mit Entsetzen habe ich Deinen Brief gelesen. Armer, armer Bruder! Ich finde keine anderen Worte, mein Mitleid auszudrücken, mein grenzenloses Mitleid auszudrücken. Armer, armer Bruder! — So gut, brav, fleißig, bescheiden — ein Ehrenmann jeder Zoll und Atemzug an Dir — und so geschlagen werden vom Schicksal. Gott! Gott!
Ich mußte aussetzen. Ich konnte nicht schreiben mit solchem Krampf. Die Feder fiel mir aus der Hand, die Hand aufs Herz, aufs zuckende, todwunde Herz.
Jetzt hab' ich mich ausgeweint und Gott hat mich getröstet; und so will ich Dich. O, welche Gnade, welche Kraft es dem gepreßten Herzen gibt, das Weinen. Tränen, Tränen, Tau vom Himmel, der des Erdenlebens Wüste tränkt zur üppiggrünen Wiese Hoffnung.
Bruder, jetzt höre. Ich komme zu Dir, wie der Engel zu mir kommt, der mich aufrichtet. Ich brauche Worte, er keine, das ist der ganze Unterschied. Mit tiefinnerster Schwesterliebe rufe ich Dir zu: »Bete!« — Du mußt beten; Du mußt wieder beten; Du mußt Gott suchen, mußt ihn finden wieder. Es gibt kein anderes Mittel, Kummer zu stillen, Verzweiflung zu bannen, dem Wahnsinn übers starre, eisigkalte Antlitz zu fahren, daß es aufwärmt zu milderer Form; keine Brücke trägt die Last, die die Herzen bricht, trägt Mutlosigkeit über den Abgrund zum Hoffen wieder, zum Glauben, Dulden, wie — die Religion. Ich weiß, Du lachst jetzt nicht über diese Aufforderung. Ich weiß auch, Du wirst es versuchen, weil ich Dich bitte. Du wirst es versuchen müssen. O, ich sage so ungerne »müssen« zu Dir, weil ich Deine Denkart so hoch schätze wie ein Geschenk vom Himmel; aber, Bruder! das Freidenken, das Zweifeln, Kritteln, all die Philosophie der Gebildeten, das überkluge Kunstgedicht der Menschen gibt die Erlösung nicht, die ein kindlich »Vaterunser« gibt.
Was kann Dich näherbringen zum guten, großen Vater dort oben, als wie sein Kind werden, sein bittend Kind, sein krankes, hilfloses, hilfesuchendes, unwissendes Kind. Und das bist Du, Bruder; Du bist hilflos; Du bist ein Krüppel, arm, arbeitslos. Dein Weib kann Dir nicht helfen. Ich auch nicht. Freunde wirst Du wenige haben als Fremdling in Neuyork — und jetzt erst recht nicht, im Unglück. Von außen her bist Du so elend und allein, so verlassen und verloren wie der Hauch in Wintersnacht. Bruder, geh nach innen, geh in Dich, in Deine Seele — die Seele ist Gott. Wo Millionen getröstet werden, Millionen gerettet werden — auf feiger Flucht plötzlich sich umwenden und mit Löwenmut den Kampf ums Dasein kämpfen bis zum Ende. Geh in Dich! Nichts kann Dir eine ruhigere, bekanntere, wärmere, ältere Heimat sein als Dein eigen Selbst; gar nichts eine nähere. Geh in Deine Seele, die Seele ist Gott — geh zu Gott. Die größten Wunder werden nicht gesehen — gefühlt! Geh in Dich, bete. Was ist das Dasein ohne Hoffnung? Ein erbärmliches Leben. Was ist ein erbärmliches Leben ohne Hoffnung? Hölle. Bruder, es gibt ein Schicksal, regiert von höchster Intelligenz zum Segen aller Wesen. Der Arme im Geiste fühlt es — der Reichste im Geiste sieht es. O, könnte ich Dir alles so lebendig sagen, schreiben, wie ich es empfinde. Bete, Bruder, und Du wirst es begreifen. Alles, was Du verloren hast an Mut, Vertrauen, Hoffnung, Glauben — und das ist viel — wird zurückkommen wieder. Tu's, lieber Bruder. Bitte, tu's! Versuch's! Du bist kein Fremdling dort oben. Du bist kein rettungsloser Mensch — nur ein wenig locker im Glauben, ein wenig eigensinnig im Kritisieren der Wunder, die wir nicht ermessen, der Rätsel, die wir nicht verstehen.
Ich muß schließen, es wird Nacht. Viel, viel hätt' ich noch zu sagen. Mein Herz ist noch so voll wie am Anfang — und wenig leichter. Aber Nacht wird es, Pflichten rufen. Die Gattin verdrängt die Schwester. Peter kommt vom Bergwerk, hungrig, müd, naß, schmutzig. Die Kinder lärmen. »Mutter!« schreit's in allen Ecken. Die Feder spritzt. Das Papier geht aus. Der Brief muß fort. Gott sei mit Dir und Deinem Weib und Kind. Amen!
Jennie.
Brooklyn, den 1. September 1900. Teure Schwester!
Ich bin doch ein miserabler Feigling, wenn ich an euch Frauen emporschaue. Du hast tausendmal recht, gute Schwester, ich brauche — mehr als das tägliche Brot — Mut zum Leben. Daß ich den mir holen muß beim schwachen Geschlecht, ist Beweis genug meiner elenden Lage. — — — Jetzt fällt mir die Feder auf den Boden. Gott! Gott! gibt es etwas Hilfloseres als ein Wickelkind? Ja, ein großer Mann im Bett und krank! — —
Eben kommt mein kleiner Bertie von der Straße herauf und küßt mich.
»Papa, tut's weh?« Er meint meine Wunde. Das ist seine immerwährende Frage jede Viertelstunde des Tages; bei Nacht schläft er wie alle gesunden Kinder. Aber das erste Wort am Morgen und das letzte am Abend ist: »Papa, tut's weh?« Glücklicher Knabe, der körperliche Leiden als die größten kennt.
Ja, ja, Schwester! ich werde ganz willenlos mich unterwerfen Deiner Zaubermacht. Du hast Gedanken geschrieben in Deinem Brief, zauberhaft überwältigend. Ich werd's versuchen — beten. Die alte Schule noch einmal besuchen. Sobald ich das Zimmer verlassen und die Treppe riskieren kann, wallfahre ich zur Kirche. Ich tu's. Ich hab's versprochen jetzt. Ob es hilft oder nicht hilft — ich versuche mein Menschenmöglichstes, den Weg zurückzufinden zum Kinderglauben. Ach, wie schnell und weit kommt man weg, wenn man rast und flucht! Aber ich geh' zurück. Ich werde Gott ersuchen um Brot, Wohnung, Kleidung, Arbeit für wenigstens eine Hand. Es ist freilich taktlos, sehr taktlos, nach vielen Jahren der Abwesenheit zum allererstenmal beten kommen und gleich mit einer Riesenbettelei. Ich wollt', es könnt' ein Dankgebet sein anstatt — — Aber Vertrauen, Tom, der liebe Gott verkehrt lange genug mit Geschöpfen, um zu wissen, daß vom Hund auf- und abwärts gerechnet der Mensch allein die Lumpeneigenschaft besitzt — betteln an der Pforte, die er gestern anspuckte — und Gott ist unendlich nachsichtig.
»Herr der Welt!« werde ich beten, »hier ist man wieder. Zwanzig Jahre oder mehr sind's her, daß man in der Wüste grast. Das Vaterunser hat man vergessen — halb. Den Glauben — ganz. Die Hoffnung ist verbraucht. Die Liebe verschenkt ans Weib. Die zehn Gebote, Rosenkranz und viel segenbringendes Anderes ist verloren gegangen im Laufschritt nach irdischen Reichtümern. Jetzt ist man müd, hungrig, bankrott. Man kommt, weil der Schuh drückt. Die Hühneraugen sind's, die Hilfe suchen. Wären die Leiden erträglicher, man dächte noch lange nicht ans Umkehren. Herrgott, rechne mir diese aufrichtige Unverschämtheit als den letzt gebliebenen Rest meiner Tugenden an! Allwissender, du kennst mich besser als ich dich, und das erspart mir die lange Erklärung. Allgütiger, du kannst mehr lieben als ich, und das steigert meine Hoffnung. Allmächtiger, du brauchst mich rein gar nicht, ich dich sehr, das entschuldigt meine Schnorrerei. Es gibt Geschöpfe, die lauter um Erlösung schreien — aber mich höre. Es gibt Geschöpfe, die keine Verzögerung deiner Hilfe ertragen können — aber mich zuerst. Mich, mich, dann wieder mich und immer mich!«
Nein, Schwester! so werde ich nicht Gott lästern. »Vaterunser!« werde ich rufen, »der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme zu uns. Gib uns heute unser täglich Brot« — —
O weh! ich höre den Doktor klopfen, und Eva öffnet dem Schrecklichen die Tür. Jetzt geht's los. Mein Gott! Mein Gott! Die Folter, die Metzgerei, die Messerschleiferei — — armer Tom! — —
Jennie! Jennie! sag mir's ehrlich: ist das Leben diese Qualen wert?
Tom.
Brooklyn, den 5. September 1900. Teure Schwester!
Wenn ich wieder bei Kräften bin, werd' ich ein Waschweib werden. Dieser schaumweiße Stern der Hoffnung strahlt jetzt sein mildes, seifenblasenschillerndes Licht hernieder auf Toms Schmerzenslager. Eva saß diesen Morgen auf dem Bettrand bei mir und berichtete die Entdeckung dieses neuen Planeten am Ehehimmel. Sie streichelte mir, während sie redete, mit ihrer weichen, nervösen Hand unablässig über die Stirn, die Haare nach rückwärts, so lieb und zärtlich wie in den Tagen unserer Brautzeit. Es dünkt mich schier, ich sei ihr Kind, so mütterlich behandelt sie mich; oder will sie das Wäscheeinseifen schon im voraus probieren an mir. »Kind!« sagte sie, »ich hab' einen Plan ausgedacht und der ist gut. Bei den Nachbarsleuten bin ich herumgegangen, sie alle wissen von dem Unglück, das uns betroffen hat, und werden mir Arbeit geben. Ich werde jetzt eine Wäscherei einrichten.«
So weit meine Eva, jetzt höre mich. Also, Wäscherei einrichten! — Sobald ich aufstehen kann und stark genug bin, Tee zu trinken am Küchentisch, werd' ich eine lange weiße, gestärkte Schürze tragen; hinten zugeknüpft mit breiter Doppelschleife; vielleicht kommt dazu ein norwegisches Häubchen, Mieder, Spitzenkrause. Die Hosen darf ich anbehalten, Pantoffeln tragen auch. So steh' ich wenigstens bei Tage noch auf und nicht unter dem Pantoffel. Der Waschkübel ist schon gekauft, die Seife bestellt, das Wasser wartet in der Röhre, und — die Hemden, Socken und Bettücher werden schon noch verschwitzt werden bis dahin.
Ja — bis dahin. Ich kann vorläufig noch gar nicht mithelfen. Ich liege im Bett, so schwach und elend, wie nur ein Mensch liegen kann, der sich schier totblutete. Ich höre mein gutes, treues Evchen schaffen und mühen in der Küche nebenan — aber behilflich sein kann ich wohl noch lange nicht, und dann auch nur mit einer Hand.
Doch ist Hoffnung. Wir werden uns gegenseitig nicht verhungern lassen — Eva — Bertie — Tom. Die Wohnungsmiete ist bezahlt für September. Der Doktor kostet vorläufig nichts. Eva und Bertie haben neue Schuhe; ich brauche keine. Aber daß ich baumstarker Riese im Bett liege Tag und Nacht, und mein brustkrankes Weib für mich und das Kind sich abrackern soll am Waschbrett — — Schwester! das ist ein Stich ins Herz, das brennt, das vergiftet mich; das weckt so bittere Gefühle in mir gegen die reiche, bessergestellte Menschenklasse, daß ich ihr schwerlich je verzeihen werde.
Tom.
Brooklyn, den 9. September 1900. Liebe Schwester!
Ich habe einen guten Tag. Um neun Uhr fing er an mit gutem Frühstück am Küchentisch. Appetit und Schlaf sind fehlerfrei. Um zehn Uhr besuchte mich der Herr Doktor. Nachdem er mit seiner Salberei fertig war, kamen zum erstenmal tröstende Worte in meine Ohren. »Die Sache heilt jetzt, Mister Pratt. Noch eine Woche oder so, und Sie können sich wohl selber forthelfen mit Verbinden.« Ach, das klingt so tröstlich. Den Doktor loswerden, und besonders einen mit der Säge und dem Messer, ist die wahre, unverfälschte Erlösung.
Nach dem Mittagessen — jetzt kommt der Generalbericht des »guten Tages« — versuchte ich den ersten Spaziergang ins Freie seit dem Unglücksfall. Erst promenierte ich vom Schlafzimmer nach der Küche, von der Küche zurück ins Schlafzimmer, und so hin und her. Dann kriegte ich plötzlich das Freiheitsfieber, nahm Hut und Rock und Stock und machte einen Angriff auf den Korridor. Er gelang. Bis zur Treppe schlug ich mich durch; aber dort — hm! — ich bin noch immer wackelig, und die Treppe auch, und dass Schlimmste: das Geländer ist links beim Absteigen. Das sind drei Gefahren. Aber die Sehnsucht, Straßenluft zu atmen, war mächtiger als die Vorsicht, mächtiger als das Flehen meiner überängstlichen Eva — und rückwärtsschreitend ging ich die Treppe hinunter. So bekam ich das Geländer rechts und einen Halt. Aber komisch muß es ausgeschaut haben, denn Evchen lachte. — Ja, ja, liebes Weibchen, rückwärts geht's, den Krebsgang geht's. Auf der untersten Treppe mußte ich ausruhen. Ich ließ gleichzeitig die Hausmeisterin an mir vorbei.
»Ah, Mister Pratt!« grüßte sie mich, meine strategische Stellung mißverstehend. »Spazieren gewesen? Schönes Wetter draußen, Mister Pratt!«
So kam ich denn schließlich hinab — hinaus — und heraus. — — O Freiheit! wie bist du im schlichtesten Gewande noch die Königin der Himmelsgaben. Das bißchen Sonnenschein, getrübt vom Dampf der Stadt. Das bißchen Blau dort oben, verschleiert vom Rauch der Metropole. Die dicke Luft. Die arme Erde — ein Pflasterstein auf jedem Grashalm. Bäume — Sträucher — Natur so verkrüppelt, verschunden, verhunzt von des Menschen Gier nach Profit. Die Hügel abgetragen; Täler ausgefüllt; Wälder, Felder und Wiesen rasiert; Bäche und Quellen verstopft wie pulsendes Leben; die Ufer der Bai vermauert, mit spitzen Pfählen gemartert; ein paradiesisches Stückchen Erde verstümmelt zu einem Agglomerat von Straßen, Häusern, Fabriken, Magazinen, Steinhaufen — alles dampfend, rauchend, qualmend — die Hölle für Tausende. Und doch bleibt noch so viel übrig nach dieser Vandalenplünderung, mein dürstend Herz zu tränken mit Entzücken.
Ein Stündchen lang spazierte ich um das Häusergevierte herum und gelangte (körperlich erschöpft, geistig erfrischt) wieder heim zur Hoftür.
Mein Bertie rannte mir laut jubelnd entgegen und hielt einen Apfel in der Hand: »Papa! den hat mir die gute Frau Finnerty geschenkt, und noch drei für dich und Mama.«
Und so war es: Evchen hatte Damenbesuch. Wir setzten uns, fünf Köpfe stark, um den Tisch herum, tranken Tee und schwatzten, klatschten und lachten, bis der Nachmittag das Aussehen eines kühlen, schönen Abends bekam, der uns zum Ruhen und Rasten lockte.
Tom.
Pilot Knob, den 12. September 1900. Bruder!
Gott sei Dank! Die Briefe sind besser. Durch die Zeilen kann ich lesen, daß es besser geht bei Dir, daß Mut, Vertrauen, Hoffen und was dazu gehört, ein Kreuz tragen zu können, allmählich wieder zurückkehrt ins alte Lager, in Deine Brust.
So bleibst Du wenigstens geistig bei Kräften, und ist Dein Arm geheilt, dann — nun ja — es wird sich schon etwas finden für Dich. Es gibt Tausende von Krüppeln, es gibt Menschen, viel mehr verstümmelt und hilfloser als Du, und alle leben, essen, trinken, kleiden sich. Warum also verzagen? — Mut, lieber Bruder! Ganz glücklich sein, das können oder sollen wir nicht in dieser Welt. Auch der Beneidenswerteste hat Wünsche, die ihn quälen. Auch mit zwei Händen hat der Mensch Tränen zu trocknen, und hätt' er drei Hände, dann wär' wieder was unrecht. Zum Spaßmachen sind wir nicht ins Dasein gerufen worden — eine heilige, tiefernste Mission ist unser Leben — Seelen zu reifen.
Wie kleinmütig bist Du also, eines Mißgeschickes wegen so den Verstand zu verlieren, daß — — — Nein, ich will Dich nicht schelten, armer Tom. Ich begreife, wie Du gelitten hast und noch leidest — aber nichts mehr von der unseligen Vergangenheit. Die Zukunft wollen wir besprechen.
Bruder, Du sagst: Dein Arbeitgeber sei menschlich gegen Dich. Hier ist also schon Aussicht, daß Du Verwendung in seiner Fabrik erwarten kannst; freilich nicht an der Säge und Drehbank, aber sonstwie und -wo. Und wird's nichts in seiner Fabrik, dann wird's sonstwo. Die Welt ist weit und reich.
Mit jedem Tag wirst Du jetzt kräftiger und mehr im stande, Dich umzuschauen; und kommst Du nur erst unter Leute, auf die Straße, ins Gewühl und Getriebe, dann wächst Dir auch der Mut. Ich weiß das aus Erfahrung, daß nichts ihn so erschlafft wie das Bettliegen und nichts um und um haben als die Wand und Zimmerdecke. Es gehört zum Wunderbaren, daß man überhaupt gesund wird im Bett.
Dann, lieber Bruder! vergiß nicht Dein Versprechen, das ich von Dir habe — geh zur Kirche. Sobald Du Haus und Zimmer verlassen darfst, geh zur Kirche. Am liebsten wäre mir's, Du wähltest eine katholische; Du bist so erzogen worden und bist gleich daheim beim ersten Schritt über die Schwelle. Hundert Dinge werden Bilder wachrufen in Dir, die jahrelang, seit Deiner Jugendzeit geschlafen haben, und Gottes Nähe und der Kindheit Ferne (diese beiden Pole) müssen Dich erschüttern — sonst wärst Du nicht mein Fleisch und Blut. Es ist die Umgebung, die den Menschen festhält oder fortreißt; Du sagst das selber. Wir Menschen haben das Gottesgeschenk und dürfen unsre Umgebung wählen; wähle den sichersten Ort zum Ruhigträumen, die Kirche. Kniee mit den Armen im Geiste vor dem ewigen Licht und bete. Kritisiere nicht, studiere nicht, bete. Denke nicht, Du wärst zu weitsichtig, klug, gelehrt; Religion ist ebenso heilig für Dich, ebenso unerklärlich, mysteriös für Dich, ebenso notwendig für Deine Ruhe und Deinen Frieden. Was ist Menschenwitz vor diesem Rätsel? Der Weiseste ist nur ein Rater — und Narren raten besser.
Nun genug. Zurück zur Prosa, zur allertrockensten Prosa — zum Peter. Mein lieber Mann läßt Dich vielmal grüßen und — leid tut's ihm, daß sein Schwager Tom — — und so weiter. Wenn's dem Peter leid tut, wenn's diesen Felsen erweichen tut — Bruder, Du kannst Dir etwas einbilden auf Peters Sympathie. Ist's wenig — es ist sein Alles. Zehn, zwölf Stunden lang täglich schaufeln, graben, wühlen, heben, auf dem Bauch und Rücken rutschen, im Kot und im schlammigen, schwarzen Wasser herumkriechen wie niederste Tiere — Todesgefahr vor Augen sehen, verstümmelte Kameraden sehen — Leichen sehen — nicht im Sonnenschein und Blau der Oberwelt — in schwüler, fauler Grubenluft, Nacht und Felsen der Brust so nah wie der nasse Rock, das nasse Hemd. Mitleid aus solcher Tiefe, Bruder, das ist der Menschenseele ungekünstelt reinster Ton. — Also, dem Peter tut's leid!
Meine Kinder beten jeden Abend ein »Vaterunser« für Onkel Tom in Brooklyn; das sind sechs Vaterunser. Hoffentlich betest Du auch bald eins, damit es sieben werden. Sieben ist eine heilige Zahl, eine magische, segenbringende Zahl. Man soll nie aufhören mit fünf und sechs. Ach, jetzt widerspreche ich meiner eigenen Weisheit, denn ich möchte um alles nicht mehr als sechs »Kinder«. Beim Abstimmen mit Peter jedoch bin ich der unterliegende Teil, und sieben — —
Sssst!! Huh! Pfui! Schäm dich, Jennie. Könnt' ich das wegkratzen ...
Bruder! Wenn ich so hin und wieder, wie eben, übers Ziel haue, danke ich immer gleich der Vorsehung für das Bleigewicht, das sie mir aufladet. Wo rast' ich hin ohne dieses Kreuz, mit meinem Übermut zügelloser Gedanken?
Dann soll ich noch ein Beileid berichten nebst Gruß von Deinem Schulkameraden Dick Teller. Der geht auch herum den Arm in der Schlinge — und sein Bruder Bill geht überhaupt nicht herum — der liegt zwischen Leben und Sterben im Bett. Sie verunglückten beide beim Stollenstützen. Ein dritter wurde tot heraufgeschafft, ein Familienvater. Gott, war das ein Jammer; die Leute wohnten neben uns, und nächtelang hörten wir die Kinder und die Mutter schreien. Jetzt sind sie nach St. Louis geschickt zu Verwandten.
Ja, ja, die Armen haben viel Herbes zu tragen, viel Kreuz und Elend. Es scheint die ganze Last zu ruhen auf den Armen. Und doch haben es die Reichen noch unbequemer, die müssen sich ihre Sorgen selber machen — wir bekommen sie geschenkt.
So, nun ist Schluß der Debatte: das Papier geht aus. In der Ecke unten, rechts, soll ich aus dem Brief heraus. Das ist jedesmal der Fall, wenn ich schreibe. Ich bin eine leichtsinnige Schreiberin. Ich weiß gar nichts von Gesetz und Maßhalten. Zum Spaß möchte ich nur mal sehen, wie viel ich so per Zeilen mit Dir plauderte, wär' der Briefbogen tausend Meilen lang. Bruder, ich käme schreibend durch Missouri, Illinois bis zu Dir nach Neuyork!
Herzliche Segenswünsche für Eva und Bertie. Schier vergess' ich's wieder: dem Bertie Glück zu seinem vierten Geburtstag. — Gutes Kind!
Jennie.
Brooklyn, den 17. September 1900. Liebe Schwester!
Mein Wort ist eingelöst. Ich war gestern in der Kirche, und zwar in der Hochmesse. Das wird Dich freuen, und noch mehr wird es Dich wundern, wie es mir ergangen ist dort. Darum schreibe ich diesen langen, vielleicht zu langen Brief.
Das allererste Gefühl, das mich erfaßte beim Beschreiten der Kirchenschwelle, war — Heimweh; und so überwältigend war es, daß ich herumgegangen sein muß wie ein Schlafwandler, denn ich fand mich plötzlich knieend in einem Betstuhl, nahe der Wand. Vor mir waren die Stühle besetzt mit Frommen; hinter mir, das sah ich nicht, aber hörte leises Flüstern betender Stimmen. Meine Nachbarin war ein berückend andächtig die Augen senkendes Mädchen, ihre Nachbarin ein altes Mütterchen mit schon geretteter Seele. Ich befand mich also in guter Gesellschaft. Verstohlen, um kein Ärgernis zu geben, ließ ich meine Blicke umherwandern und bemerkte viele alte Neuigkeiten, viele neue Altertümer, zahllose Bekanntschaften aus grauer Vergangenheit; mehrere grüßten mich bei Namen. Die Halle war geschmackvoll in Architektur, Skulptur, Malerei und ließ dem Tadel keinen, dem Lob allen Spielraum. Harmonische Harmonie, getaucht in wohltuendes Halbdunkel, füllte den Raum; dazu spielten die vielen Lichter und die Farbenpracht der Fenster feenhafte Akkorde. Wenn das die alltäglichen Kirchenbesucher zur Andacht neigt, wie viel mehr mich Fremdling. Ich empfand denn auch ein Regen im Busen, das wenig gesteigert mich zum Schluchzen gezwungen hätte. Tränen umflorten meine Augen, zwei davon tröpfelten auf den Ärmel nieder, die andern wischte ich fort. Unsäglich hilflos — mit tiefstem Menschenelend als Gesellschafter — ein Sünder vielhundertfach — ein Gottesleugner und Spötter — ein Bettler, den Verzweiflung zwingt, an die Pforte zu klopfen, die er in besseren Tagen besudelte mit Spott und billigen Sarkasmen — so kniete ich, zwischen Gott und mir die Schuld, zwischen mir und Gott die Schuld. Ich schaute mich um und gewahrte Menschen, knieende, singende, betende, nichtbetende; reiche, wohlgekleidete; arme, sehr arme — aber keinen so arm wie ich. Alle konnten sie das »Vaterunser« sagen — ich nicht. Alle konnten sie glauben — ich nicht. Alle konnten sie die Hände falten — ich nicht. Was tu' ich hier? — Gott! Gott! wenn du bist, was diese Betenden ahnen, gib mir (das Wenigste, um was gefleht werden kann), gib mir mein Eigentum wieder, ich hab's verloren — meinen Kinderglauben.
Jetzt begann die Orgel mit süßen Tönen, dann aus voller Brust den Raum füllend, ihr jubelnd Kyrie und Gloria. Anklammernd webten sich die Stimmen der Gläubigen in das Rauschen der Orgel, Natur und Kunst so eng verflechtend zu eins. Mein armes Herz — das letzte, wenn ihm alles fehlt, es preßt sich aus in wehem Krampf — blutete — blutete.
Armes Herz! bist, wenn auch nicht ewig, doch lebenslang Gefangener in des Körpers Kerker — wenn frei wie seine Wünsche der Geist kann fliegen. Ach! der Geist, der luftige, der lächelnde Titan, er lockt mich weg von dir und trägt mich adlergleich der Heimat zu. Jetzt zaubert er Mittagssonnenschein über die Gefilde und zeigt das teure Pilot Knob, die Berge und Täler, Fluren, Felder, Wälder, das Vaterhaus, die Hütten der armen, schlichten Leute — dort die Hütte der Jennie; zeigt ihre Kinder, sie, ihren Mann, wie sie vor dem Häuschen im Schatten der Nußbäume spielen; denn Sonntag ist's auch dort, so hat er's eingerichtet, der kleine Allmächtige, Allwissende. Jetzt zaubert er die Nacht auf Berg und Tal, und alles ruht. Des Himmels Sterne überwölben von Arkadien im Süden bis hinauf zu den eisigen Bergen ein blumenduftend Feld. Melodisch rauschen dort die Wasser des Wiesenbachs. Heilig rauschen hier die Weiden an der Kirchhofmauer. Leichensteine heben sich ab aus dem Dunkel der Nacht. Vollmond beleuchtet jetzt die Stätte. »Vater«, »Mutter« steht auf dem Grabstein. »Hier ruht« — »Hier ruht« — — Ja, ja, hier ruhet, Vater und Mutter; gestorben seid ihr, ohne gelebt zu haben. — Nun verhüllt sich hinter Wolken der Mond, und undeutlicher hängen am Hügel die Hütten. Hin und wieder flackert ein Licht auf und zeigt — — —
O Heimat! Heimat! Was ist Kummer, Elend, Sorgen? Was ist Kummer, Elend, Sorgen, gelitten in der Heimat? Was ist an Mutters Busen ein leidend Kind, in Schlaf geküßt? Was ist ein leidend Kind, nicht in Schlummer geküßt, weggerissen von der Mutter? Was ist Kummer, Elend, Sorgen in der weiten, weiten Welt, allein, allein im Menschenmeer verloren, verkannt, verbannt?
Hier bekam ich meinen Tritt. Erschrocken fuhren die Geister zurück zum verwaisten Leib. Die Gemeinde um mich war aufgestanden. Der Priester sang laut das heilige Evangelium. Ich stand, etwas verspätet, auch auf — und horchte. Der Gesang war in lateinischer Sprache, und mit Befriedigung fühlte ich mich den Anwesenden gleichgestellt, denn niemand verstand den Sinn noch die Worte der himmlischen Botschaft. Ihren Abschluß bezeichnete der Geistliche mit einem phlegmatischen Kuß aufs Buch. Der war gleichzeitig das Signal zum allgemeinen Niedersitzen.
Es schien mir, als käme nun der wichtigste, anziehendste Teil der Feierlichkeit: denn wer nur irgend einen Hals hatte, der hustete, räusperte, spuckte aus, schneuzte sich die Nase, rückte, rutschte, es glich einer vollständigen Auskehrung der Menschenbrust, um möglichst Raum zu schaffen für göttliche Dinge, die da kommen sollen. Langsam drehte sich der Priester um gegen die Gemeinde, und noch langsamer begann er zu verlesen: die Tagesneuigkeiten.
Heute ist der sechste Sonntag nach Pfingsten (oder ich weiß nicht was; einerlei).
Nächsten Donnerstag feiern wir die Himmelfahrt Christi.
Am Mittwoch ist ein gesetzlicher Fasttag.
Am Samstag noch einer.
Am Freitag sowieso.
Ganz arme Leute, die Kartoffeln mit Salz zum Festessen rechnen, sind vom Fasten suspendiert; ebenso Schwerkranke und kleine Kinder.
Die Geldsammlung bei der zweiten Kollekte am letzten Sonntag betrug 196 Dollar 45 Cent. Das sind 22 Dollar und 17 Cent weniger als am vorhergegangenen Sonntag. Ein Kirchenmitglied gab 10 Dollar. 22 Mitglieder gaben je 1 Dollar. 66 gaben je 50 Cent. 84 gaben je 25 Cent. 710 gaben je 10 Cent. 349 gaben je 5 Cent. Und 2200 gaben je 1 Cent. Dann kam ein scharfer Verweis gegen die Knauserigkeit der Gemeinde, besonders gegen schmierige Pennygeber. »400 Dollar in zwei Kollekten, das sind noch keine lumpigen 25000 im Jahr mitsamt den Nebengeldern!« schrie der Geistliche im Angesicht des armen, barfüßigen Nazareners.
»Eine heilige Messe wird gelesen,« begann er wieder, »jeden Montag für alle diejenigen, die zehn und mehr Cent geben in jeder Kollekte. Eine Messe wird gelesen für alle diejenigen, die zehn Cent und mehr geben bei der Haus-zu-Haus-Kollekte. Am Mittwoch ist eine Messe für die Geldsammler. Am Donnerstag Spezialkollekte auf Listen. Dann ist heute das Sitzgeld fällig. Sammelkästen sind aufgestellt für den heiligen Vater, ebenso für die Mission bei den Indianern. Heute abend sieben Uhr ist musikalischer Vortrag des beliebten Paters Bennett, nebst zugehörigen Nebelbildern, hier im Gotteshaus; Eintritt 50 Cent, 75 Cent und 1 Dollar.« Und so weiter. ...
Gottlob! ich war jetzt wieder vollständig nüchtern. Das Idealisieren war verdampft wie Spiritus im Rinnstein — nach solcher Zahlenschlacht am Hochaltar. Aber bewiesen war es gut: daß Seelsorger für den Leib sorgen.
Jetzt stand die Gemeinde abermals auf. Der Priester verlas das Evangelium, diesmal in gutem Englisch. Es war die Botschaft vom Himmelreich, das gleich ist einem Senfkörnlein. Ich kannte die Parabel noch aus meiner Schulzeit.
Hiernach folgte wieder ein Hinsitzen. Das ging überhaupt fleißig auf und ab. Man kam nie zum Ausruhen. Man halbierte und dreivierteilte in einem fort die Körperlänge, und die Kniescharniere wurden förmlich erhitzt — besonders bei dürren, ungeölten Beinen. Es war die reinste Turnschule.
Dann geschah die sogenannte Predigt. Der Pfarrer gab zu dem Senfkörnlein seinen Senf, und der Titel berechtigte mich, eine gewisse Schärfe zu erwarten; es war aber nicht einmal Mehlsuppe, ohne Schmalz und Salz. — Daß es sündhaft ist, dem heiligen Mann den Text zu verlesen, weiß ich selber, aber der heilige Mann hat zuerst angefangen und mir den Text verlesen. Er stieg auf die Kanzel und bombardierte mich von dieser Debattierfestung aus mit seiner Predigt. Predigen heißt: bekanntmachen, erklären, unterrichten, belehren, lehren. Er lehrte mich. Eigentlich lehrte er mich nicht, noch sonst jemand. Ein Leerer kann nicht lehren. Ein Lehrer kann lehren. Ein Leerer kann höchstens Taschen leeren. Ein Leerer kann aber gefüllt werden, und soll er gelehrt werden, muß er gefüllt werden mit Weisheit, Wissen, mit den sieben Gaben des heiligen Geistes; so wird der Geleerte gelehrt. Der Unterschied zwischen gelehrt und geleert dreht sich ums »Ha« rum. Ich könnte somit sagen: der heilige Mann ist ums »Haar« ein Gelehrter. Das endete die Kontroverse zufriedenstellend; aber unglücklicherweise denk' ich an meine abgesägte Hand und die Zwanzigtausenddollarkollekte, und eine unwiderstehliche Raufwut jagt mein Blut ins Kochen.
Nein, dieses Mannes Kopf war so hohl, öde, leer, geistlos — wie ein virginischer Weinkeller nach konföderierter Einquartierung. Und mit dieser Leere kommt er hausieren zu mir; nicht hausieren, er nötigt sie mir förmlich (unter Höllenstrafe) auf als himmlische Ware, als Heiliggeistfabrikation; verlangt, ich soll die Leere fühlen, sehen, hören, soll mit der Leere meine dürstende Seele füllen, im Leeren fischen nach Glaube, Hoffnung und Liebe, aus der Leere eine Lehre ziehen. Daß man zwanzig Winter lang studieren muß, um gescheit zu werden, ist bei einem Menschen, der Pfarrer werden will, begreiflich, aber so lang studieren und eine solche Predigt quacksalbern, das ist zum Zähneknirschen für Engel.
Also: »Das Senfkörnlein ist gleich dem Himmelreich.« Herrgott! welcher Spielraum ist hier einem Redner gegeben. Von der Wurzel im Erdboden bis hinauf zum blauen Saum der Unendlichkeit, in alle Höhen und Tiefen kann der Redner steigen und fallen und seine Hörer mit sich reißen wie der Wirbelsturm die losen Blätter. — Offenbar kannte der geistliche Herr gar nicht die Bedeutung der Parabel, oder verwechselte Senf mit sauren Gurken, Spinat und Linsen.
Mit nichts kann man nichts begeistern. Zwanzig Prozent der Gläubigen begannen denn auch einzuschlafen während der Predigt. Zwanzig weitere langweilten sich; fünfzig Prozent hielten zeitvertreibende Heerschau über die Anwesenden, über alte Bekannte in neuen Kleidern. Ich betrachtete mit Andacht ein Bild an der Wand: es stellte den Heiland dar, wie er fällt unter Kreuzeslast. Ein rührend Bild, ein ergreifend Bild; das Gute, Edle, Anbetungswürdige liegt am Boden, und Brutalität triumphiert. Armer Jesus!
Dann schweiften meine Blicke über die schläfrige Menge hin und berechneten, wie viele von diesen Christen wohl beispringen täten und helfen, falls der arme Jesus wirklich, leibhaftig, jetzt eben hier im Kirchgang mit seinem Holz auf dem Rücken daherwankte. Alle? — Ich mußte schier laut lachen, als ich die vielen Damen ansah mit Seidenkleidern, Straußenfederhüten und Diamanten im Ohrläppchen — und dann das arme Mütterchen nebenan, in schäbigem Tuch und wahrscheinlich krummen Schuhen.
Dann zogen meine Blicke an der Mauer entlang und gewahrten einen Mönch mit einem Kindlein im Arm, beide aus Holz geschnitzt und bemalt. Ich wollte eben dividieren und subtrahieren, wie viel der Heilige vergessen muß, bis er so unschuldig wär' wie ein Kindlein, und wie viel er lernen muß, bis er so herzinnig natürlich könnte sein wie ein Kindlein. ... Dann sah ich weiter vorne eine heilige Nonne, auch aus Holz geschnitzt. Sie hielt den Rosenkranz und blickte nach oben. Ich stellte Betrachtungen an über ihre wunderbare Gleichgültigkeit gegenüber dem Weltlichen (ich meine die Heilige, nicht den Holzklotz), und wie wenig das entsetzliche Ringen ihrer Schwestern sie bekümmert, behindert, den Weg zu spazieren nach dem Himmel — allein. Ja, ja, allein. Aus diesem grauenvollen Seelenschiffbruchsdurcheinander, das sie hier umtoset, rettet diese Selige — wen? — ihr liebes, teures Selbst. Das ist mehr, als manche Mutter kann, die beim Retten ihrer Kinder, ihres Gatten untersinkt.
So standen noch mehrere verschmitzte (geschnitzte, wollt' ich sagen), ungehobelte, aber vergoldete St.s an der Wand herum, in faulenzender Bequemlichkeit ihre nachahmungswerten Eigenschaften präsentierend. Sie waren größtenteils junge, ledige Leutchen, die bei Lebzeiten und löblichem Mühen den Weg entdecken konnten zur ewigen Seligkeit. Den heiligsten Heiligen aber, den armen, geplagten Familienvater, der ehrlich und redlich sich abschindet für Weib und Kinder, bis er Lunge und Leben verhustet im Staub der Werkstatt — dem sein Bild sah ich nirgends. Auch keinen Yankee-Heiligen konnte ich bemerken; lauter Ausländer mit fremden Gesichtern, Kleidern und wahrscheinlich Manieren. Ganz oben, links, im vordersten Chorfenster brannte die Sonne einem »Glasgemalten« so energisch auf den Rücken, daß sein ganzer Inhalt, des Leibs und der Seele, wie ein Balken farbiger Luft in die Kirche hineingeblasen wurde.
Schon wieder mußte ich pausieren im Phantasieren. Die Predigt war jetzt überstanden. Alles fühlte sich erleichtert. Man kann das nehmen, wie's paßt.
Dann geschah noch viel und vielerlei, die heilige Handlung vollständig, rund, fehlerfrei und gottgefällig zu gestalten. Endlich noch eins: Körbe an langen Stangen wurden den Betenden vors Gesicht gehalten, zum Füllen mit Bar, mit Geld; mit dem »Teufelszeug«, sagt der Prophet Jeremias; oder war's Herodes, der so sagt? Ich hab's einmal so gelesen, daß Geld Teufelszeug wäre; — und das ist wohl der Grund, warum die Seelsorger sammeln. Je weniger Geld die Gemeinde behält, je weniger hat sie Teufelszeug. Her mit dem Teufelszeug!
Amen! — Der Gottesdienst war aus. Eine Stunde und zwei halbe hat's gewährt. Herrgott! bist du genügsam.
Dann ging's heim: Ich machte meine Reverenz mit zwei krummen Knieen, krummem Rücken, Nacken, der gottgefälligsten Körperverrenkung, wie es scheint. Hierauf schlug ich das Kreuzeszeichen; das gelang mir gleichfalls. Man braucht keine zwei Hände, ein Kreuz zu machen; — ob ich's aber tragen kann mit einer? — Barmherziger! warum hast du mich so wenig getröstet, da drinnen da? Alle kommen sie heraus mit lachenden Gesichtern, und ich nur steh' hier betrübt auf der Straße und schau' zurück. »Ja, ja,« seufzte ich, »den Glauben muß man sich schon mitbringen, den kriegt man nicht da drinnen.«
Und doch geh' ich nächsten Sonntag abermals zur Messe. Ich tu's! Vielleicht erlebe ich die Wiederholung jener Träumereien, und das ist der armen Seele Himmel.
Tom.
Pilot Knob, den 23. September 1900. Lieber Bruder!
Ich bin Dir zwei Briefe schuldig — hier ist einer:
Also in der Kirche gewesen bist Du, he? Den lieben Gott besucht hast Du, he?
Du bist doch der allerhartgesottenste Ketzer, der dem Scheiterhaufen entronnen ist. Man geht nicht in die Kirche, um den Pfarrer zu kritisieren — man geht in die Kirche, das eigene Selbst zu kritisieren. Man geht nicht in die Kirche mit Zirkel und Zollstock, Hammer und Leimpfanne, um Reparaturen vorzunehmen — man geht in die Kirche mit dem Rosenkranz, Gebetbuch und einem »Herrgott, sei mir armem Sünder gnädig!« — Aber, Tom! Dir stecken die Spotteufel so im Mark und Bein, daß Du ersticken müßtest, kannst Du nicht Deinen Witz auf irgend eine Einrichtung abladen. Ich wollt', ich könnte hinüberlangen jetzt, wo Du gerade liegst oder sitzest, und Dir die Ohren strecken wie Hosenträger, die Haare zausen mit allen zehn Fingern. Ich könnte Dich prügeln, würgen, breitschlagen, Du ungezogener, unverbesserlicher, hoffnungslos verwilderter Sünder — Du fürchterliches Ding Du! — Ist das die versprochene Besserung, die Buße, die Reue? Ist das die Umkehr zum Kinderglauben? Ist das die Rückkehr des verlorenen Sohnes zu seinem Vater — die Schweine mitbringen — die Säu' hereinlassen zum Gastmahl, daß sie das Bittgesuch grunzen sollen Deinerstatt?
So, das ist Brief eins — jetzt kommt zwei:
Mein lieber Bruder nebst Familie!
Ich bin nur halb bei mir selber, seit Du das Unglück hattest, Deine Hand zu verlieren. Ich kann nicht aufstehen, nicht hinliegen — jede Stunde, halbe, viertel Stunde des Tages muß ich immer und immer an Dich und die armen Deinen denken. Wie geht es Euch? Du schreibst mir oft, öfter als ich erwarten darf, aber dutzendmal zwischen jedem Brief sehne ich mich nach Auskunft. Daß wir so weit auseinander leben müssen — tausend Meilen. Daß ich so wenig Dir helfen kann. So hilflos selber bin — o, Armut wär' so schwer nicht zu tragen, könnte man herzlos sein. Warum gibt Gott den Armen das Mitleid und Erbarmen, anstatt es den Reichen zu geben? Ist das der Ausgleich vielleicht, daß die Reichen Gold, die Armen ein fühlendes Herz besitzen sollen, aber keines alles? Ich will nicht murren, aber, Bruder, manches Mal scheinen auch meiner gottvertrauenden Seele die Dinge der Welt so verkehrt, daß ich bange vor der Möglichkeit einer Lösung.
Bruder! Du hast mich mit Deinem Kirchgang ungemein erfreut. Daß Du Eindrücke mitnahmst, beweisen die vielen Neuigkeiten Deines sehr langen Schreibens. Daß Du Heimweh und Sehnsucht fühltest, beweist, wie die guten Engel die empfindlichste Seite Deiner Seele merken. Daß Du keinen Glauben mit herausbrachtest, verblüfft mich weniger. Den Glauben hast Du zuerst und am längsten verloren und wirst ihn so leicht nicht finden wie andere Himmelsgaben, die Du nur verlegt hast in irgend einem Winkel der Seele.
Diese paar Sätze gehören zum Brief eins, jetzt verschluckt sie der Brief zwei und füllt sich den Bauch damit auf Kosten seines Vorgängers. Das leid' ich nicht. Jedem das Seine! Nur meine ich: der Brief eins sei so schauderhaft, daß er je kürzer je besser würde.
Ich meint's übrigens nicht so buchstäblich, wie's dort steht. Ich bin eben (wie Du auch) eine rücksichtslose, anarchistische Feder. Ich hätte wohl die Säu' und Schweine, das demokratische Viehzeug, weglassen können und mehr aristokratisches benützen können — Adler, Hirsche, Löwen. Aber diese Herren der Tierwelt wollen mit einem Menschen nichts gemein haben, der Bettler ist. Du hast recht, wenn Du behauptest in einem Deiner früheren Briefe: »Ein bettelnder Mensch steht unterm Hund!«
Lieber Bruder! Ich zermartere mir das Gehirn, einen Pfad zu finden für Deine Zukunft. Mein Bruder Tom und betteln! Almosen betteln, mein stolzer Bruder!
Warst Du bei Deinem Arbeitgeber in Neuyork? Was sagt er? Was denkt er? Ist Aussicht, daß er Dich beschäftigen kann, oder empfehlen kann — sonstwohin? Die großen Herren haben viel Einfluß beim Arbeitvergeben, und wenn sie nur wollten, es brauchte niemand zu hungern.
Hundertmal wünsche ich, Du wärst hier in Pilot Knob. Ich glaube, ich kriegte es fertig und erbettelte Dir eine Anstellung bei der Grubenverwaltung als Wächter, Schreiber. Tom! ich hab' eine Eisenstirne zum Betteln für — andere. Ich bin nicht häßlich, schlank bin ich sehr, geschickt im Drehen und Biegen, feurige Blicke sind mir auch noch möglich — und all diese Talente ziehen stark bei den Herren. Schon dreimal zog ich meinen Peter aus der Patsche bei der Kompanie mit solchen Schauspielerkniffen. Peter bekam jedesmal seinen Platz wieder, und die Herren bekamen auch was — das Nachsehen — denn Jennie weiß ganz genau, wie tief und nicht tiefer das Weib eines braven Arbeiters sich beugen darf beim Kniefall.
O Himmel! ich werde ausschweifend und weitschweifend. Die kurze Stunde Zeit, die ich mir aussuchte von den vierundzwanzig, ist verbraucht mitsamt der Nasenspitze der folgenden.
Bruder! meinen Segen Euch allen.
Deine Schwester.
Brooklyn, den 27. September 1900. Liebe, gute Schwägerin!
Ich will Dir nur auch schreiben daß wir vielmal danken weil Du so gut bist zu Tom. Er ist immer besser, wenn Du schreibst. Dann liest er den Brief laut und nachher lese ich den Brief wieder noch einmal. Ich kann nicht genug lesen. Und muß doch weinen bei jedem Brief. Weil Du so schön schreibst wie man sagt wenn man denkt manches Mal bei Nacht wenn man wacht und bei Tag wenn man traurig ist und alles elend geht dann denk' ich immer so und bete zu Gott daß es besser geht.
Mein Tom hat ein großes Unglück gehabt mit seiner Hand. Dann haben sie ihm den Arm noch zweimal abgeschnitten. Im Spital und hier weil es sein muß wegen Blutvergiftung. Sie haben ihm Lumpen herumgebunden mit Farbe an den Lumpen. Der Herr Doktor sagt das hat sein Blut vergiftet. Tom hat Dir das nicht geschrieben daß sein Arm abgeschnitten ist am Ellbogen. Er hat's nicht wollen. Er sagt das wird Jennie weh tun. Ich schreibe das nur weil es besser geht. Dann sagst Du immer Tom soll Mut haben und das hat mir weh getan, weil Tom so viel leiden tut und nicht einmal hat er laut geschrieen er hat nur sein Gesicht an mich gedrückt und ich hab' ihn gehalten und dann hat er nur gezittert, wenn der Herr Doktor und der andere hat das Fleisch weggeschnitten mit dem Messer und sogar mit der Säge. Das war so schrecklich. Ich bin schier ohnmächtig gewesen und ganz krank vor Mitleid. Dann hat Tom so wenig Blut übrig daß er kann nicht chloroformiert werden sagt der Herr Doktor sonst steht das Herz still.
Aber jetzt geht es besser. Tom kann herumgehen aber schaffen kann er nicht wieder. Das ist schrecklich. Solang er lebt.
Liebe Schwägerin ich muß Dir noch einmal danken daß Du so schöne Briefe schreibst. Schreibe recht oft. Tom freut sich jedesmal auf den Brief. Tom ist jetzt in Neuyork heute bei seinem Herrn Meister und fragt um Rat. Darum kann ich Dir schreiben. Tom soll nicht wissen daß ich Dir schreibe von seinem Unglück er will's nicht ganz wissen lassen. Ich kann nicht gut schreiben das ist schad. Ich bin nur ein Winter in die Schul und dann immer schaffen in die Spinnerei in St. Louis. Das kann nicht sein daß man viel lernt. Du kannst sehr schöne Briefe schreiben und bist immer sehr gut zu mir und ich bin gar nicht einmal amerikanisch und bin lutherisch und Bertie ist auch noch lutherisch aber wir haben Dich lieb und Du hast uns lieb und der liebe Gott hat uns alle lieb. So wollen wir leben im Frieden. Das ist mein Wunsch wenn ich sterbe ich will Dich und Tom und Bertie und Elsie und alle von Deiner und meiner Seite und alle guten Menschen wiedersehen im Himmel beim lieben, lieben Gott. Ich bete ein Vaterunser und schließe den Brief.
Deine treue Schwägerin Eva Pratt.
Pilot Knob, den 1. Oktober 1900. Teure Schwägerin!
Gute Seele! Du kannst also doch auch Briefe schreiben, und schöne, herzige Briefe. Ich spotte nicht. Ich meine es ernst und ehrlich, Dein Schreiben hat mich tiefer ergriffen als die längste Predigt — und nebenbei mein Urteil über Dich verworfen. Denke Dir, Schwester! ich wußte nie, daß Du schreiben und lesen kannst. Hätte ich das gewußt, wie oft würde ich Dir geschrieben haben — Intimes, Heimliches, unter Frauen so — Klatschiges — Du verstehst mich.
Der unflätige Tom ist aber schuld an diesem Mißverständnis — ich nicht — wahrlich nicht. Dann bist du selber, liebe Eva, auch ein ganz klein wenig schuld, daß ich Dich so verkehrt beurteilen mußte. Fünf Jahre lang bist Du meine Schwägerin und nie, nie hast Du mir eine Zeile geopfert. Dein Mann so oft, und Du nie. Nicht einmal hast Du meine zahlreichen Grüße und Glückwünsche (persönlich an Dich gerichtet) beantwortet, und die ganze Sache, als wäre sie Dir keinen Federstrich wert, Deinem teuren, treuen, anbetungswürdigen Herrn Gemahl, Deinem Götzen überlassen.
Wahrhaftig, das macht mich jetzt so wütend auf den Tom, daß ich — — jawohl, ich tu's — hier gleich — sofort fang' ich an und reiße ihm die Maske vom Gesicht und Dir, unglückliches, verblendetes Weib, den Schleier von den Augen. Ha! ich besitze Deines Gatten sämtliche Briefe seit seiner Abreise von Pilot Knob — und somit auch den Brief, worin er Dich als seine »Zukünftige« schildert. Hier ist er:
St. Louis, den — — Teure, herzensgute, einzige Schwester!
Ich bin Dir — — und so weiter (jetzt kommt er auf Dich zu sprechen). Sie ist eine Waise seit ihrem zehnten Jahr; das sind wieder zehn — macht zwanzig. Die Eltern waren eingewanderte Skandinavier und Eva deren einziges Kind. Sie ist ein Modell der nordischen Rasse: sehr blond, sehr schlank, sehr hochgeschossen, schneeig, eisig, frostig, gefroren, schier nicht zum auftauen. Hier ist kein Hauch von Aussicht, zum Herzen vorzudringen, als mit brennender, weißglühender, alles schmelzender Liebe! — Sie ist ein Modell des weiblichen Geschlechtes: keusch, züchtig, natürlich, häuslich, treu, scheu; schüchtern, so schüchtern, daß sie nicht einmal haltmacht an der Grenze der Ängstlichkeit. Ein solches Reh lebendig zu fangen, muß der Jäger ein göttlicher Apollo sein und mit Rosen und Girlanden seinen Speer verhüllen. Oder ein grausamer, blutsaugender Panther, vom Baum springend auf das ahnungslose Opfer. — Sie ist das Modell einer Christin: religiös, gottvertrauend, duldend, entsagend, Gutes leicht glaubend, Böses nicht begreifend. — Sie ist das Modell eines fleischgewordenen Engels: himmelschön, himmelrein, himmelhoch erhaben — über mich. Ich kann sie nicht und nie erobern — ergeben muß ich mich ihr, das ist die einzige Möglichkeit, eins zu werden mit diesem Engel Eva.
Das sind also die Lichtseiten meiner Braut. Jetzt gelange ich zu Evas Schattenseiten. Wäre das Mädchen unsichtbar für irdische Augen, ich ging' beschwören, es habe keine Schattenseiten, sondern überstrahle an Reinheit Licht und Sonne; aber Eva ist sichtbar, leibhaftig, körperlich und hat demgemäß ihre Dunkelheiten wie jedes Ding der Welt.
Hier folgen sie: Eva ist sehr arm, sehr unerfahren, sehr — — jetzt kommt der tiefste Schatten — ach, er lastet wie die Winternacht ihrer nordischen Heimat auf diesem Maienbild — Eva ist ungebildet. Sie hat, fürchte ich, kaum je ein Schulhaus gesehen von innen. Sie kann, fürchte ich — schreiben gar nicht und lesen nur im Schneckentempo. Daß Gott erbarm! Das arme Kind mußte zur Fabrik, ihr Kostgeld verdienen — anstatt zur Schule. Wer ist schuld? — Und so weiter und so weiter.
Liebe Schwägerin!
Du siehst also, wie und wer mich auf den Wahn leitete, Du könnest weder lesen noch schreiben und ständest vollständig seitwärts der Korrespondenz, wie ich sie führe und liebe. Er ist es! Bezahl ihm's heim! — Eigentlich weiß ich ganz genau, warum er dieses Spiel treibt: er möchte Dich so unumschränkt allein besitzen und ausnützen, daß er eine Teilung fürchtet mit seiner Schwester, auf tausend Meilen Entfernung sogar. Es ist die verfluchte, höllische Eifersucht — die schwarze, gelbe, grüne!
Doch genug darüber. Ich bin nur froh, daß ich von jetzt an meine Waschfrauenkorrespondenz erweitern kann. Du sollst manchen Brief erhalten von Jennie — und Jennie erhält hoffentlich manchen Brief von schön Evchen. Das wird ja eine prächtige Zukunft — — Ach! Hier fällt's mir wieder ein, die klaffende Wunde der abgesägten Hand.
O, was hast Du leiden müssen, was wird noch kommen, Du arme Dulderin! Vater, Mutter verloren — die Heimat zweimal verloren — das heißgeliebte, goldlockige Kind, die Elsie verloren — dann Gesundheit verloren — und jetzt drückt mit diesem letzten, fürchterlichen Unglück das Kreuz Dich auf den Boden. Und niemand hast Du, der Dich aufrichtet, Dich tröstet, Dich ermutigt. Du armes Weib. Gott helfe Dir — — —
Ich muß so weinen, daß ich zittere. Ich werd' Dir später schreiben. Trösten kann ich Dich schwerlich, wenn ich weine und schluchze wie ein Kind. Leb wohl, Schwester! und Gott sei mit Dir und Deinen Schützlingen.
Jennie Daly.
Brooklyn, den 5. Oktober 1900. Liebe Schwester!
So — so — hm! — Hinter meinem Rüden also spielt mein Weibchen mit Dir und Du mit ihr. Bertie hat's verraten. Bertie ist ein Schwerenöter. Alles weiß Bertie, und was er nicht weiß, errät Bertie. Daß er seine lose Zunge von mir geerbt hat, gehört ins Gebiet der Erbsünden. Ich habe meine Zunge auch nicht selber gemacht — und mein Vater die seine ebenfalls nicht — und wenn die »Pratts« (nach Darwin) vom Spottvogel abstammen, dann wird das Sündenregister zu lang, den Schuldigsten dieser allerletzten Schwätzerei zu finden.
Also, Bertie sagte: »Papa, Mama hat einen Brief bekommen vom Postmann und hat den Brief versteckt, und dann hat Mama gesagt: Bertie, sag dem Papa nichts von diesem Brief, sonst ist Mama bös mit Bertie; und dann hab' ich Mama versprochen: ich werd' Papa nichts sagen von dem Brief.«
»Ja, warum erzählst du mir's jetzt?« forschte ich das Kind aus, »wenn Mama dir's verboten hat?«
»Weil ich Angst hab', du möchtest böse werden, wenn ich nichts sage, Papa. Und dann brauchst du ja der Mama nicht zu sagen, daß ich dir's sagte, sonst sagt Mama, der Bertie sagt alles, und ich sagte, er soll nichts sagen, aber alles sagt er.«
Das war allerdings genug gesagt. Warum auch Kindern Geheimnisse eingeben, dieses Gift der heutigen Gesellschaft.
»Freiheit für jeden und jede!« Ich ließ die Sache ruhen; nur ein klein wenig wunderte es mich, woher der Brief sein sollte; das ist ja verzeihlich.
Du treue, gute Seele! — »Mann und Weib sind ein Leib — und eine Seele« ruf' ich laut. Mein liebes Evchen gab mir, und mit strahlenden Augen, Dein Schreiben zu lesen. Es war das erste nach dem Kuß, was ich von ihr bekam, als ich ermüdet in die Küche trat.
Dann las ich Zeile für Zeile, und Eva berichtete mir gewissenhaft die Nebenumstände der jüngsten Korrespondenz; ein ganzer Heuwagen voll Neuigkeiten war es für das geschwätzige, alte Waschweib »Tom Pratt«.
Rache ist süß! Und weil ich gar viel Bitteres verschluckte in letzter Zeit, so fühle ich unbändiges Verlangen, die Süßigkeit zu naschen. Rache muß ich nehmen, süße, herzblutwallende Rache (an Dir, Schwester, später bei Gelegenheit) an meinem — hinterlistigen Weib, sofort, jetzt. Hinter ihrem Rücken werde ich ein Geheimnis preisgeben, das sie wähnt nur selber zu besitzen, das sie verschlossen hält in ihrem Busen wie der Tod das Leben.
Also — Verrat Nummer eins.
Es war vor etlichen Wochen — genau das Datum weiß ich nicht — ich hatte eine qualvolle, schlaflose Nacht überstanden. Mein Arm, mein armer Arm war vom Doktor verschnitten und verhackt worden wie Karbonade, am Tag vorher, und die Schmerzen ließen mir keine Ruhe. So schlummerte ich denn am folgenden Morgen gegen Mittag ein. Als ich bald wieder erwachte, hörte ich Eva sprechen in der Küche, Es konnte nicht Bertie sein, mit dem sie redete: den Knaben hatten sie fortgeschafft nach Neuyork zu einem Freund von mir, während der Operation und Krisis. Also mit wem redet mein Weib? Verstehen konnte ich nichts, die Konversation wurde im Flüsterton gehalten; aber hin und wieder vernahm ich ein Lachen, Kichern, allerlei unartikulierte Laute, wie Schluchzen, Stöhnen — sogar Küssen.
Ich bin ein Mensch. Trotz des Blutverlustes der paar vorhergegangenen Tage, die Eifersucht abzuzapfen war nicht gelungen; und sage: wenn Othello eines lumpigen Taschentuchs wegen so bullenwütig werden konnt', sein Weib totzudrücken im Bett — — Sapperment! ich wär' ein Klotz Polareis, hätt' ich stillgelegen bei diesem Geflüster nebenan in der Küche, bei diesem verdammten Kichern, Küssen, Stöhnen, diesen Ohs und Ahs!
Plötzlich — — sah ich etwas an der Wand, das mich blitzesschnell so mit Weh erfüllte, mit Schreck und Grauen, daß Feder und Tinte es nicht beschreiben dürfen. Eigentlich sah ich es nicht. Wenn ich sagte, ich sah es, ist das umgekehrt zu verstehen: das Bild meiner Elsie, das immer dort gehangen hatte, es war fort — verschwunden — und die ganze volle Ahnung, was das bedeute, kam in meine Seele.
Eva hat das Bild in der Küche und redet mit dem Kind.
So müd und krank ich war, unsägliches Verlangen gab mir Kraft, mein Bett zu verlassen. Vorsichtig, mich festhaltend an Bett und Wand, wankte ich zur halbgeöffneten Tür. Gott der Mutterliebe! es war wahr: Eva kniete, mit dem Rücken halb nach mir gewendet, am Boden vor dem Bild. Auf einem Stuhl hielt sie es mit beiden Händen; bald nah, bald weit von sich. Dann wieder preßte sie das Bild an die Brust, und heftig gegen das Gesicht. Ihr mageres, kreideweißes Gesicht — im Profil so unsäglich überirdisch, marmorgleich — die scharfe, dünne Nase — das scharfe, dünne Kinn — die merkwürdig tiefen Augen — ich hatte Angst, das Glas möchte zerbrechen an diesem Marmor ...
»Mein Kind!« kam es von den Mutterlippen. »Mein liebes Kind! Elsie! Elsie! Wo ist Elsie? Ist Elsie im Himmel? Ist Elsie bei Gottes Engelchen? — Goldenes Hemdchen haben sie Elsie angezogen, die Engelchen; goldene Schuh'. Und Elsie ist gern im Himmel — sehr gern im Himmel. Kind!!«
Das letzte Wort wurde geschrieen — die vorhergehenden gestöhnt in Grabestiefe — abwechselnd mit Schluchzen, hysterischem Lachen und einer Flüsterstimme, so übermenschlich zart wie das Zwitschern junger Schwalben im Nest.
Gott der Mutterliebe!
Dann küßte die Unglückliche wieder das Glas. »Wird Elsie Mama liebhaben, wenn ich komm'? Wird mich liebhaben? Und kennen? Papa ist krank, Elsie — sehr krank — Papa und Mama werden bald kommen — Mama kommt gern — Papa kommt auch gern — Bertie will noch spielen, dann kommt Bertie auch, dann sind wir beisammen wieder — alle. Wie lieb hat Elsie Mama? So lieb — so lieb!«
Herzbrechendes Schluchzen hob und senkte ihren Busen. Der abgemagerte Leib, durch dünne, ärmliche Kleider durch, zitterte wie im Fieber, und Tränen auf Tränen rieselten hernieder in heißen Tropfen — vom Marmor auf das Glas.
Gott der Mutterliebe, hab Erbarmen!
Ich mußte weg. Ich hätte noch länger dort gestanden an Himmels Tür, aber die Kräfte gingen mir aus. Ich suchte mein Bett. Dort gewahrte ich die abgerutschte, verbrauchte Wandtapete, wo das Bild gehangen hatte. Also oft — oft schon hat die Mutter das Bild heruntergelangt.
Ich schlief ein.
Tom.
Brooklyn, den 15. Oktober 1900. Liebe Schwester!
Ich wartete lang', damit ich Dir zur Abwechslung eine Freudenbotschaft mitteilen könnte. Die ist aber ausgeblieben — wie alles, was man wünscht, erwartet, hofft, ersehnt und so weiter.
Mein Arbeitgeber in Neuyork, den ich vor zwei Wochen etwa besuchte, versprach mir eine Antwort zu senden auf mein Bittgesuch um Arbeit; und diese Antwort blieb aus. Das ist ein so herbes Gefühl, daß man zusammenhängende Gedanken nicht schreiben kann damit. Lies, wie es kommt!
O, war die Welt schön; oder schien sie nur mir armem Gefangenen so schön, dem Stubenhocker, Bettlieger? Kühl wehte die Seebrise über den Sund, der plätschernd durchschnitten wurde vom Kiel des Fährboots. Melodisch gurgelten die Wasser unterm Bug. Seegeier kreisten in der Morgenluft, tauchten nieder auf die Flut, stiegen aufwärts zum Äther, schwammen in der Freiheit. Wolken trieben hin am blauen, stillen Dach dort oben — Gedankenstriche ziehend durch die Schöpfung — und die Königin der Lichter, wegküssend gleichsam Sorgen, Sünden, Tränen der Menschheit, küßte die Millionenstadt.
Und Tom wischte sich die Augen. Auf dem vordersten Rand des pfeilschnell dahinschießenden Fährboots stand er und — der Wind füllte seine Augen mit Wasser. — —
Ja, ja, so möchte ich den Brief beginnen und symmetrisch zum Himmel bauen, bis Freude mich zum Sklaven heißer Tränen preßt. Aber die Botschaft ist ausgeblieben. Ich habe bis zu dieser Stunde noch keine Antwort auf mein Bittgesuch um Arbeit. Dass ist schlimm. Das ist ein so herbes Gefühl. O! was haben wir drei arme Dulder durchgelebt in diesen paar Wochen an Hoffnung, Glauben, freudiger Erwartung, Zukunftsplänen — Enttäuschung.
Doch ich will trocken erzählen, wie es dem Mann mit der abgesägten Hand ergangen ist auf seiner Betteltour nach Arbeit.
Der Anfang war majestätisch. So majestätisch fing der Bettelsack am Morgen an, sich in Staat zu werfen; sein bestes Hemd anzulegen, sein bestes Gewand, Halstuch, Gesicht — sein Bestes hinten und vorne. Majestätisch stieg er die Treppe hinab auf die Straße, die Straße hinab nach dem Fährboot. Hinab — hinab, aber so majestätisch, daß es geradezu Notwendigkeit wurde, den Bettelsack heimzuschicken Abends, auf dem nämlichen Weg, so total verändert, verlottert, verdonnert, in Bettelsacks allertiefunterster Gottverlassenheit. Das stellt das Gleichgewicht wieder her!
Die Wasserfahrt von Brooklyn nach Neuyork währte zwanzig Minuten. In Neuyork ging Tom die altgewohnte Straße entlang zu seiner ehemaligen Arbeitsstelle; das währte nochmals zwanzig Minuten. Um zehn Uhr betrat Tom das Fabrikgebäude und stand vor der Kanzlei seines Herrn.
Angst und Hoffen! Das Herz klopfte ihm hörbar vor Aufregung. Hier liegt die Entscheidung. Wenn hier keine Anstellung wartet, wo er bekannt ist, geachtet, wo er verkrüppelt wurde im treuen Dienst für die Firma — wenn hier nicht, wo dann? Dann ist er gerichtet, verloren — arbeitslos. Gott der Armen, laß Tom nicht untergehen! Denk an sein Weib und Kind, lieber Gott, und laß Tom nicht untergehen!
Ich klopfte an und trat ein. Wurde merkwürdig gut aufgenommen. Der Empfang verblüffte mich. Das ganze Personal scharte sich teilnehmend oder neugierig um meine abwesende Hand. Ich war so plötzlich, unerwartet das Zentrum, die Hauptfigur, daß ich mir vorkam wie eine steigende Rakete, nach der sich alle Blicke kehren. Ach! die Himmelfahrt dauerte nicht. Die Rakete platzte an grauer, hängender Wolke, und alles, was übrig blieb aus der glühenden Verklärung, war der Stock — Toms Bettelstab.
In der Kanzlei saß ich dann auf dem äußersten Rand eines Stuhls, schier abrutschend vor Bescheidenheit — und Angst — und bettelte alleruntertänigst, unterwürfigst um Anstellung, Beschäftigung.
Und — wahrhaftig, ich bekam sie. Denke Dir, Schwester, ich bekam sie. Im ersten Anlauf. Welche Überraschung. Mein Arbeitgeber gab mir — Hoffnung, mich unterbringen zu können, irgendwo — nicht gerade in seiner Fabrik, das sei unmöglich, aber sonstwo — wahrscheinlich — möglich — allem Anschein nach — immerhin — kann ja sein — so oder so — wollen's abwarten. Abwarten. Wissen lassen per Postkarte. Hoffentlich.
Ja, ja, hoffentlich. Das war auch eine Litanei mit: »Herr, erbarme dich meiner!«
Der Werkführer der Fabrik war sogar noch hoffnungsreicher als der Prinzipal. Er hatte einen unerschöpflichen Vorrat und schmierte mir unglaubliche Bilder vor, wie Leute untergebracht wurden in feinen Anstellungen, die nur eine oder gar gar keine Klaue besaßen.
Meine Arbeitskollegen waren wiederum hoffnungsreicher als der Werkführer. »Tom!« sagten sie, »du kannst schreiben, rechnen und kannst einen Platz kriegen in der Kanzlei; du kannst einen Platz kriegen als Wächter« und so weiter.
Der Fabrikjunge verstieg sich sogar zu der Äußerung: es könne mein Glück sein, daß die Hand zum Schinder ging. Mit zwei Händen wäre ich zeitlebens am Werktisch gestanden im Staub und Rauch, jetzt aber dämmere mir eine neue, rosige, regenbogenfarbige Zukunft.
Je tiefer ich herabkam in der Rangstufe der Angestellten, je höher stieg ich in der Hoffnung. Schade, daß sie keinen Hund halten in der Fabrik, der Köter hätte sie alle übertrumpft und mir eine Anstellung gegeben — und wär's auch nur bei seinem Lampenpfosten.
Auf meiner Rundreise machte ich meinem früheren Werktisch eine Visite. Und der Säge. Ein Mann, doppelt so alt, doppelt so verwahrlost, doppelt so ungeschickt wie ich, quälte sich jetzt an dem Platz. Er schüttelte mir die Hand und sagte: er danke Gott, daß Tom Pratt die »Linke« verlor, oder die »Rechte«; welche von beiden, sei ihm übrigens gleich. — Nein, das sagte er nicht; aber daß er sieben Wochen lang die Straßen Neuyorks abgelaufen hätte nach Arbeit, und total bankrott sei mit seinem Hauswesen — das sagte er. »Mister Pratt, hätt' ich diesen Platz nicht gekriegt damals, ich hätt' den Strick genommen.« Er machte eine knotenschürzende Handbewegung um seinen Hals herum, damit ich die Meinung seiner Worte leichter begreife. Also das hat dem das Leben gerettet! Sag einer, es herrsche keine Weisheit dort oben, die für jeden Hilfe findet zur rechten Zeit! — Aber — hm — so nebenher und hintenrum gesagt: allmächtig sein ist doch nicht gar so schwierig, wie es ausschaut, wenn man's dem einen erst nehmen muß, soll's der andre bekommen.
Dann nahm ich Abschied vom Platz, auf Wiedersehen — hoffentlich. Im Glauben ging ich hinein — in der Hoffnung heraus. Wär' ich ein Frauenzimmer, ich müßt' zur Hebamme laufen mit der Last.
Was nun? Die Tür ist zu. Ich steh' auf der Straße. Und das ist alles, was ich erbetteln konnt'? Ooo! — Am Sonntag noch war ich zur Meß gegangen, und Bertie betete mit seinen Kinderhändchen und -lippen zum Vater der Armen, mein Weib betete.
Neben der Fabrik steht eine Kapelle. Ich fühlte mich so müd, so mutlos, daß ich eine Zeitlang überlegte, ob es angenehmer wär', wenn ich mich zuerst ertränkte im nahen East River, oder die paar Stufen hinaufginge zum Kirchlein. Ich wählte das letztere. »Du lieber Gott!« seufzte ich beim Eintreten in den Tempel, »auch du hast deine Sorgen.« Da stand groß und leserlich an die Wand geschrieben: Betender, hilf mit einer Gabe die Hypothek tilgen, die auf dem Hause Gottes lastet.
Im vordersten Stuhl ließ ich mich fallen. Mein Kreuz ließ ich nicht fallen. So ruht man schlecht. Beten konnt' ich auch nicht. Zum Danken war keine Ursache, und bitten, einen Herrgott anbetteln, der seine Hypothekenschulden nicht bezahlen kann, solche Schnorrerei muß ich erst lernen. Aber sympathisieren konnte ich mit dem Allmächtigen — und das tat ich. »Wohnst auch nicht am feinsten,« seufzte ich; »das hier ist ein armselig Kirchlein für dich, o Weltenschöpfer, der gewohnt ist zu schreiten von Fixstern zu Fixstern, auf sonnengepflasterter Milchstraße. Bretter, Blech, kein Turm noch Glocken — es könnt' ebensowohl ein Stall sein wie eine Kirche, ein Holzschuppen, eine Scheune. Hängt Rechen an die Wände und Mistgabeln anstatt der Heiligenbilder, und einen Heuwagen statt der Altärchen, und die Verwandlung ist fertig!«
Ich opferte einen Cent in die Opferbüchse (mich macht der Cent nicht ärmer, und dir hilft's!) und stolperte von dannen.
Wohin jetzt — zuerst? — Die paar Kirchenstufen herab auf die Straße brachten mich auch nicht näher gen Himmel. — Wohin jetzt? — Langsam schritt ich die Richtung entlang nach der Westseite. Planlos — zwecklos.
An der Ecke begegnete mir ein schäbig gekleideter Mann; der trug eine Blechtafel am Leib mit der Aufschrift: »Hilfe! Blind!« Dann begegnete mir ein Schuljunge, der trug eine Büchertasche. Dann begegnete mir ein Arbeiter, der trug einen Korb mit Kohlen. Dann begegnete mir eine Mutter, die trug ihr Kind. Dann begegnete mir ein Hökerweib, die trug einen Lumpensack, so groß wie — — pah! warum meinen Humor vergraben, eh er stinkt — raus!! — — die trug einen Lumpensack so groß wie der Planet Pallas. Dann begegnete mir eine Straßennymphe, die trug falsche Haare, Zähne und Diamanten. Dann begegnete mir ein Betrunkener, der trug einen falschen — nein! einen aufrichtigen — nein! einen beneidenswerten — ja! Rausch.
Hier bekam ich urplötzlich die Vision wieder und sah Gottes geheime Werkstatt offen. »Ha!« rief ich, und so begeistert, daß Passanten auf dem Bürgersteig sich umdrehten nach mir. »So ist es! Tragen ist die Bestimmung des Menschen, der Welt. Tragen, tragen — jeder, jede, jedes. Alles muß irgend etwas tragen, und das, zusammengerechnet, trägt den Bau der Schöpfung. Die Hochbahnpfeiler tragen die Hochbahn; das Haus den Giebel. Der Büttel dort muß seinen Knüppel tragen; der Soldat muß sein Gewehr tragen; der General seine Orden; der König muß die Krone tragen; und ich — die Verzweiflung.
An der nächsten Ecke stand ein Gebäude, das trug ein Riesenschild, und das Schild die Aufschrift: Eiskaltes Lagerhaus zur Aufbewahrung von Fleisch, Fisch, Käs, Butter, Speck (Ratten, Kellerschaben und rotzigen Schnecken). Wieder eine Kopierung aus der Werkstatt: so macht's der Allweise schon lang. Eiskaltes Lagerhaus: daß dem Menschen die Seele nicht verfault, steckt ihm die Vorsehung einen Eisklumpen in den Brustkorb — das Herz. Das hält dich kühl, das hält dich kalt — gelt, Bruder Mensch, das hält dich kalt.
An der nächsten Ecke zählte ich vier Schnapskneipen, eine neben der andern, und alle waren sie sperrangelweit offen. Schräg über sah ich eine Kirche. »Kommt herein, die ihr beladen seid,« stand über dem festverriegelten Kirchentor. Aber dort wurden die Beladenen aus der Schnapshöhle geworfen — und hier nicht hereingelassen.
Dann schlenderte ich in das Mammonsviertel von Groß-Neuyork, wo in jedem Häusergeviert vier Millionäre thronen und vier Straßenfeger fronen.
Dann kehrte ich dem Norden den Rücken und steuerte zum hochfeinen Hoffmanhouse, wo eingewanderte Nachkömmlinge der ehemaligen Republik Rom den Geldkönigen Amerikas die Schuh' putzen — anstatt Hände und Gewissen.
Nebenan steht der Dewey-Triumphbogen. Da sieht's faul aus mit dem Patriotismus in Gips. Armer Dewey, vor einem Jahr noch warst du größer als Jesus Christus, und heute — bist du ein Heros außer Arbeit. Ich bin ein Feigling außer Arbeit; aber ich werde begraben und dann vergessen, und du wirst vergessen und dann begraben.
Dann schwenkte ich östlich, durch den Park. Da sitzen täglich tausend arme, arbeitsslose Menschen und — warten auf den Messias. Wären mehr Parkbänke da, dann säßen Zehntausende fest und warteten auf den Messias. Millionen meinetwegen, und warteten auf den Messias.
Dann ging's heimwärts. Halb träumend vor Mattigkeit schwankte ich dem Flusse zu. Viel und vielerlei sah ich noch, das den Himmel über sich hat und die Hölle unter sich. Vielerlei, das den Himmel unter sich hat und die Hölle in sich. Manches, das einen Hypochonder zum Lachen und einen Luftibus zum Weinen treiben kann. Manches, das sich schämen sollt' vor ausgelöschtem Licht, und spazieren geht im Mittagsonnenschein auf breiter Straße. Manches, für das ein Gott geblutet hat und das jetzt im Rinnstein liegt. Verwahrloste Kinder sah ich, auf dem Weg zum Laster. Feingeschultes Schoßhündchen sah ich spazierenfahren in silberbeschlagener Karosse mit Madame, Kutscher und Lakaien. Zerlumpte, barfüßige Menschen sah ich — und ganze Warenhäuser voll Schuh und Kleider verderben vom langen Liegen. Hungrige Menschen sah ich, und ganze Warenhäuser voll Delikatessen verfaulen vom langen Liegen. Todmüde Menschen sah ich, vom Suchen nach Arbeit schier umsinkend. Todmüde Menschen sah ich, vom Überarbeiten schier umsinkend. Menschen, die auf dem Kopf stehen, sah ich nicht, aber eine ganze Menschheit, die auf dem Kopf steht, das sah ich. Ein Monster-Riesennarrenhaus, das sah ich.
Ein tintenschwarzes Meer. Sternenlose Nacht. Blinde regieren das Steuer, die Segel. Narren stehen am Kompaß. Wie das Schiff den Hafen finden kann — das seh' ich nicht.
Urwaldgrüne Finsternis. Greller Sonnenschein auf heißem Wüstensand. Des Mondes Schatten auf gefrorenem Schnee. Veilchenduft am Wiesenbach. Im hohen Norden Mitternacht. Harmonie der Schöpfung — das seh' ich.
Ein rauchendes Schlachtfeld voll zuckender, stöhnender Leiber. Wetterleuchtend grollt's herab vom Himmel. »Mord!« brüllt's hinauf zum Himmel. Millionen wetzen die Messer. Harmonie der Menschen — das seh' ich nicht.
Ein wimmernd Kind auf kranker Mutter Schoß. Hohl sind ihre Augen, ihre Wangen. Kalt ihre Lippen. Kalt die Kammer. Leer der Tisch. Leer dass Herz. Der letzte gute Engel fürchtet sich, zu bleiben. Armut, Menschenelendsgrenzen — das seh' ich.
Ein Hundebazar. Pferdeschau. Die Riesenhalle schwillt von Reichtum, Pracht, Verschwendung, Lichtern, Farben, Musikrauschen, Modekram, Perlen und Juwelen. Spitze, Pudel, Bullenbeißer, Dachse, Läufer, Affenpinscher, vollgefreßne Möpse, vom großen Bernhardiner bis herab zum geilen Rattenfänger — und Pferde, mehr im Wert als tausend Arbeitswochen eines armen Tom — sie alle führen hier ein Schwelgerleben wie im Paradies. Und Herren von der reichsten Sorte und Ladys von der feinsten herzen und liebkosen hier das wohlgepflegte Vieh. Aber eine Träne nur aus so vielen, vielen Augen, einen Tränentropfen aus der ganzen Menschenwolke, dem grausenvollen Jammer armer Leute geweint — das seh' ich nicht.
Schwester!
Ich kann den Brief nicht so wegschicken. Beim Durchlesen des Geschriebenen schauderte mir über die Wildheit, in der ich phantasiere, wenn ich allein gelassen bin. Jetzt steht ein Schutzengel neben mir, mein teures Weib, und diktiert die Zeilen.
»Man muß hoffen,« sagt der Engel, »man muß Gott vertrauen! Der liebe Gott prüft die Menschen im Unglück, und das ist der Weg zum Himmel. Der liebe Gott ist unser Vater, wir sind seine Kinder. Alles hat Gott so eingerichtet, wie es ist, und wenn es die Menschen nicht sehen, Gottes Weisheit sieht es. Wenn es Reiche gibt und Arme, Satte und Hungrige, Traurige und Freudige, Gott weiß, warum es so ist und so sein muß. Einmal hat das Leid ein Ende und nachher kommt die Glückseligkeit. Vater unser, der du bist im Himmel.«
O süßer Glaube! der Lasten trägt auf steilster Bahn der Leiden.
So darf ich schließen, Schwester. Leb wohl!
Tom.
Brooklyn, den 22. Oktober 1900. Meine Schwester!
Du hast mir nicht geantwortet auf mein letztes Schreiben — und das ist vollkommen recht von Dir. Solche Ungeheuer von Briefen können nur mit stillschweigender Verachtung erwidert werden. Das setzt der Wut den Dämpfer auf.
Ja, ja, je mehr ich darüber nachdenke, umso klarer wird es mir, daß ich mich ändern muß — total ändern. Nicht reformieren, sondern revolutionieren muß ich mich. Daß ich das begreife, ist ein Fundament wenigstens, auf das sich bauen läßt.
Dann, liebe Jennie, wird es nicht verlangt, daß Du mir ebensooft schreiben sollst wie ich Dir. Du hast Arbeit über Arbeit und wenig Zeit; ich hab' so viel Zeit, daß ich sie totschlagen muß, um einen Ausblick zu bekommen. Zudem kosten Dich Deine Briefe Porto und mich die meinen nichts.?. Das ist auch eine von den Miniaturausgaben göttlicher Vorsehung, die wir kurzsichtigen Weltbürger nicht begreifen, wenn es geschieht. Zu Ostern bekam ich neunzig Cent in Briefmarken von einem früheren Arbeitskollegen in St. Louis. Ich wetterte damals über die Gemeinheit, eine Schuld mit Postmarken abzugleichen, und über den Geiz, den Dollar nicht voll zu machen. Jetzt sind mir die Dinger der reinste Segen. So geht's.
Von meinem Prinzipal ist immer noch keine Nachricht eingetroffen. Er kann eben auch nichts finden. Beschäftigung finden für einen gesunden Menschen, ist heutigentags schier die Unmöglichkeit; für einen Krüppel aber — der Himmel helf!
Ich habe mir übrigens fest vorgenommen, zahm zu werden. Das Unglück soll sich austoben an mir, das Elend sich glatt reiben an mir, das Verderben alles Pulver verschießen. Ich lebe in der Hoffnung und werde soviel Geduld gebären — eine kleine Armee. Dann werde ich die Armee bewaffnen mit Mut und Standhaftigkeit und — selber angreifen. Jeden Tag schon mache ich Felddienstübungen nach Neuyork hinüber. Kommt das Unglück nicht auf den Gedanken, mich auszuhungern, dann schlag' ich jeden seiner Stürme ab. Vorige Woche gelang mir ein Ausfall und glaubte ich schon die Zernierungslinie gebrochen zu haben. Ich bekam eine Anstellung als Bücheragent. Was das ist: Bücheragent, weiß das lilienunschuldige Pilot Knob schwerlich.
Schwester, von Morgens bis Abends, vier Tage lang von Haus zu Haus, von Straße zu Straße, von Billy zu Jack quälte sich Dein Bruder ab, den Irving, Elliot, Holms, den Longfellow anzupreisen wie ein Krämer Käs und Kartoffeln. Ach, mit Schuhwichse hausieren am Kongo ist einträglicher als — — ich glaub', ich wär' verhungert, hätt' ich den Bücherhandel nicht aufgegeben am fünften Tag.
Dann hatt' ich für zehn Stunden eine Anstellung, wo das Verhungern ausgeschlossen blieb. Eine kuriose Anstellung, eine Erfindung der Großstadt und total unbekannt bei Euch im Hinterwald. Diese Anstellung besteht im Abtreten. Man tritt sie ab, sowie man sie antritt. Das Abtreten beginnt beim Eintreten. Das Austreten beim Abtritt. Es ist also halbwegs eine Abtrittanstellung. Pardon, Schwester! ich kann das Roß nicht zähmen und wenn ich's sieben Wochen lang mit Verzweiflung füttere — es schleift mich fort am Halfter.
In großen Städten wie Neuyork, St. Louis ist es gebräuchlich, lebende Anzeigen laufen zu lassen. Irgendwelchem Schlucker, der nichts zu schlucken hat, aber möchte, dem wird eine Tafel mit Anzeigen auf die Brust gebunden und eine ditto auf den Rücken. Der also Beladene muß das Straßenpflaster abtreten. Die Passanten können die Anzeigen auf seiner Oberfläche studieren, der Anzeigenträger kann oberflächlich die Passanten studieren. Beim Eintritt zum Antreten kriegt der Schlucker das Versprechen zu einer saftigen Belohnung, beim Abtritt erhält er sie, aber so dürr bemessen, daß man keinen Hund zweimal aus dem Stall lockt damit.
Ich spazierte auch einen Tag so auf und ab in der Bowery, vor einem billigen Speiselokal. Auf die Brust (eigentlich auf die Tafel vor der Brust) hatten sie mir ein schäumendes Bierglas gemalt. Ich konnt's beinah, mit ausgereckter Zunge sogar bequem betupfen. Unterm Bierglas stand, gerade außerhalb meines Magens, ein Teller mit Suppe, etlichen Kartoffeln und Brötchen. Hinten hatte ich Schinken, Würst' und Schweinefüß'.
Das war ein demütigender Tag für mich. Jeden Augenblick fürchtete ich erkannt zu werden von Vorübergehenden, und zog, um das zu verhindern, die greulichsten Grimassen. Gefressen werden mit samt der Speisekarte am oberen Nil und Aruwimi ist nicht halb so abschreckend wie dieses Spießrutenlaufen meines Ehrgefühls, für armselige Küchenabfälle als Bezahlung.
Eva war ernstlich böse, daß ich eine solche (beschämende, sagte sie) Stellung überhaupt nur denken konnte, und so verlor ich auch diesen Platz durch Hausarrest am folgenden Tag.
Daß ich nächtelang von dem Abenteuer träumte, wirst Du begreiflich finden; Du kennst meine Empfindlichkeit. Jede Nacht (im Traum) trage ich die vermaledeiten Speisezettelbretter die Straßen entlang. Manchmal verwandeln sich die Bretter in alle nur denkbaren andern Dinge. Einmal waren es zwei riesige Heringe, dann zwei gerupfte Hühner, dann zwei lebende, jämmerlich schreiende Ferkel; sogar Türen, Fensterläden, Grabsteine. Letzte Nacht hatte ich die Pflicht, dem Moses seine Gesetzestafeln spazieren zu tragen; eine hing mir vorn, die andere hinten.
Es war höchste Zeit, daß Eva mich aus dem Platz vertrieb. Allerdings bekommt sie und Bertie keine Stullen und Würste, wenn ich Abends heimkehre; dafür aber werd' ich etliche Wochen später wahnsinnig — und das ist auch was wert.
Dann war noch eine Anstellung, die ich verlor, eh' ich sie hatte. Mein Weib erbettelte sie mir bei ihrem Seelsorger. Eine Hilfsmesnerstelle ist es, mit wenig Arbeit und noch weniger Bezahlung. Als der Pfaffe jedoch auskundschaftete, ich gehöre weder seiner noch sonst einer Kirche an, wurd's »bumm!« Ein Schafskopf bekam die Anstellung, und — 'raus mit dem Bock! —
So geht's halt und wird's gehen, weil's immer so gegangen ist. Amen!
Mittlerweile wiederkäue ich die Hoffnung, von der ich einen Vorrat besitze, daß er mir schier verfault. Gott, ist das ein Fressen für die unruhige Seele, so ohne Salz und Schmalz — — aber ich will nicht murren. Geduld, Tom, Geduld! Schwester, es kostet mich übermenschliche Zurückhaltung, nicht auf die Straße zu laufen und zu brüllen wie ein toller Stier — aber Tom ist nicht verrückt.
Eva hat neben der Wäsche künstliche Blumen übernommen. Ich bin ihr Laufbursche. Wir vertragen uns gut. Bertie ist im Hof und macht Kuchen von Dreck — wir werden nicht verhungern.
Tom.
Brooklyn, den 3. November 1900. Teure Schwester!
Weißt Du auch schon, daß Arbeitslosigkeit der kürzeste Weg ist zur Hölle? Hat der Arbeitslose Charakter, Ehrgefühl, ein Herz für seine Familie, dann — brät er schon hier auf dieser Erde in der Pfanne. Hat er kein Herz und kein Ehrgefühl, dann wird er des Teufels so gewiß, als er hungrig wird beim Fasten.
Ich bin erst zwei Monate beschäftigungslos und wate schon bis über den Hutrand in Todsünden. Ich bin neidisch auf jeden, der arbeiten kann, und neidisch auf jeden, der zwei Hände hat und faulenzen kann. Es gab eine Zeit, wo ich niemanden beneidete, nicht einmal einen Beneidenswerten, und heute bin ich's gegen jeden Lump und Schuft. Der Lump hat keine Pflichten, keine Sorgen, kein Weib zu kleiden gegen Winterskälte, kein Kind zu füttern, ausreißen darf er vor dem Unglück bis nach Kalifornien und Kairo, ohne Heimweh fürchten zu brauchen oder nagendes Gewissen.
Dann könnte ich jetzt schon manches Mal, ohne mich sonderlich aufzuregen, einen Menschen totschlagen, nur weil er lacht und lustig ist oder kein Krüppel.
Heute saß ich auf der Vortreppe eines leeren Hauses und betrachtete meine übriggebliebene Hand. »Was kann ich mit dir jetzt anfangen?« frug ich das faule fünffingerige Glied. »Arbeit vertrauen sie dir keine an. Brot verdienen kannst du nicht. Weib und Kind vom Verderben retten kannst du auch nicht — — aber stehlen kannst du — stehlen — sogar schwören, einen falschen Eid schwören — einem reichen Protzen die Kehle abschneiden, wenn er schnarcht, und seine Taschen leeren — die ganze Stadt in Brand und Feuer setzen und zuschauen, wie andere auch verzweifeln.«
Siehst Du, Schwester, wie mich der Erzfeind gepackt hat. Das kommt vom Müßiggang. Der Teufel hol die Arbeitslosigkeit.
Tom.
Brooklyn, den 12. November 1900. Teure Schwester!
Es ist doch ein gnädigeres Geschick, nur eine Hand zu haben, als nur einen Fuß. Wenn mich die Leute fragen: »Wie geht's, Mister Pratt?« so kann ich aufrichtig antworten: »Gut.«
Das wäre gelogen, hätt' ich nur einen Fuß. Dann müßten sie mich schon fragen: »Wie steht's, Mister Pratt?«
Aber vorsichtig sind die Menschen, wenn sie einem Unglücklichen begegnen; dass hab' ich längst gemerkt. Sie hüten ihre Interessen mit einer Sicherheit, einer Schlauheit, mit einer so raffinierten Berechnung, die dem Kronenträger der Schöpfung Ehre machen könnte — wär's nicht purer Instinkt. Sie fragen nie: »Was machen Sie, Mister Pratt?« Sie wissen wohl, daß ich nichts mache, nichts machen kann mit einer abgesägten Hand; und ein Krüppel, der nichts macht, verdient nichts; und verdient er nichts, dann — nun ja, dann hört alles auf!
Ein Mensch, der Gefahr läuft, von innen heraus aufgefressen zu werden, ist im stande und verwildert zum Bettler. Der Bettler aber ist das Greulichste, was den Leuten den Weg vertreten kann. Mit nichts können diese gottesfürchtigen, frommen Christenkinder so in Verlegenheit gebracht werden als mit Anbetteln. Ich zweifle sehr, ob sie den Straßenräuber mehr verwünschen als den Bettler. Ist der Bettler ein Fremder, dann geht's noch. Der leiseste Ruck am Sehnerv genügt und der volle Hutladen rechts ist merkwürdiger als der leere Hut des Krüppels links. Ist der Bettler sehr herabgekommen, abgestanden, abgenutzt, verwittert, fadenscheinig, vom Schicksal durch die Walze gezogen, vom Unglück durch den Rinnstein — dann macht die christliche Barmherzigkeit vor solchem Jammer den Purzelbaum und stellt sich auf den Kopf. Aus dieser Lage betrachtet sieht dann selbstverständlich die Geschichte anders aus, als sie in Wirklichkeit ist. Der arme Lazarus sieht aus wie ein Lump. Die Ursache seiner Armut sieht aus wie leichtsinniges Selbstverschulden. Seine vor Erschöpfung unsichere Gangart — das kommt vom Saufen! — Ist der Bettler jedoch ein Bekannter, ein Freund, ein Blutsverwandter gar, dann — ja, hier beginnt der Eiertanz, der zwischen Geiz und Gewissen getanzt wird vom Witz des Menschen. Schau ihn an, den Jammermann, wenn er angebettelt wird, wie er schrumpft, schwitzt, errötet, stöhnt, knurrt, klagt, wimmert — lügt. Wie er herumschielt nach Erlösung von dem Bettler — nach einem Wagen, dem er ausweichen muß — nach einem Regentropfen, dem er entfliehen muß — nach einem irgend Etwas — nach einem scheuen Gaul — tollen Hund. Wie er (um alles zu bekräftigen, was er lügt) mit der Hand die Herzgegend reibt — als hätt' er eins — — —. Mephisto! Wenn bei dieser Heuchelei, Verlogenheit, Unverschämtheit, Grausamkeit der Teufel nicht lachen muß, daß ihm der Ziegenbart wackelt wie ein Staubwedel, dann hat der Alte keinen Sinn mehr fürs Detailgeschäft. Fertig!
Ich kann dieses Kapitel nicht ausschreiben — mir ekelt.
Tom.
Brooklyn, den 15. November 1900. Liebe, gute Schwester!
Ich habe schwer gesündigt in meinem Urteil über die Menschen im letzten Brief — und werde abbitten.
Heute saß ich im Navy Park auf einer Bank und betrachtete meine Schuhe. Ein vorübergehendes altes Mütterchen drückte mir zehn Cent in die Hand. Ich kaufte dafür einen Apfel fürs Kind, eine Orange für die Mutter und einen Laib Brot für uns drei.
Danke, danke, edle Geberin! Wer du auch seiest — Gott wird dich finden und belohnen. Du hast die Hungrigen gespeiset.
Es gibt doch noch gute Menschen.
Tom.
Brooklyn, den 20. November 1900. Liebe Schwester!
Unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist eine Schule, in der mehr gelernt und gelehrt wird als sämtliche Professoren der Welt zusammenstudieren.
Ich bin sicher, daß Newton hundert Gesetzfälle entdeckt hätte anstatt des einen Fallgesetzes, würd' er diese Musterschule besucht haben. Darwin hätte nicht den Unsinn geplaudert: der Mensch sei die veredelte Abstammung von der Bestie, sondern umgekehrt, wie's richtig ist. Galilei hätte den Zusatzt beschworen: »Sie bewegt sich doch — aber rückwärts.« Dem unerschöpflichen Shakespeare wäre der Spiritus vertrocknet, hätt' er, statt seines Shylock, als Arbeitsloser den Mordskerl »Kapital« studiert. Der Dulder von Gethsemane hätt' zu fühlen bekommen, daß Menschenerlösung das allerundankbarste Geschäft unterm Himmel ist. Archimedes könnte rechnen lernen, wie man eine zehnköpfige Familie ernährt mit neun Dollar Wochenlohn — oder gar keinem Lohn. Diogenes könnte Bekanntschaft machen mit dem Mietzinszahlen für seine Tonne. Mit der Laterne braucht' er den Mietsherrn nicht zu suchen, wenn der Monat fällig ist.
Es bleibt Tatsache: die Welt wird immer besser und schöner! Ein Arbeitsloser, mit der Hungerpeitsche durch die meilenlange Schulbank (Straße) gepeitscht, bis er das »Einmalkeins« und das »Ach—O—Weh« so im Schädel hat, daß er's schreit im Schlaf — der weiß, wie schön die Welt ist und wie sie herrlicher und besser wird von Tag zu Tag!
Häuser bauen sie wie Zauberschlösser aus »Tausend und eine Nacht«. Und der Arbeitslose hat das unantastbare Privilegium, daran vorbeizuspazieren, im Regen, Schneegestöber, Sonnenbrand, und Betrachtungen anzustellen über das Wohlbehagen der Insassen. Musentempel bauen sie, Sommergärten, Feengärten, Paläste — daß sich die Engel schämen beim Abstauben der himmlischen Möbel, über des Herrgotts altmodischen Krempel. Der Arbeitslose hat das unantastbare Recht, daran vorbeizuspazieren im Regen, Schneegestöber und Sonnenbrand ...
Im Park stehen Bänke unter schattigen Bäumen; der Arbeitslose darf sitzen dort, ausruhen, abkühlen, Luft ein- und ausatmen, herumschauen, auf und ab. Ist er durstig — dort steht ein Wassertrog für ihn, ein Blechkessel hängt am Kettchen; Wasser trinken darf er, bis sein Magen plantscht wie ein halbgefülltes Trinkhorn. Ist er hungrig — zahllose Schaufenster stehen ihm zur Verfügung mit gekochten und ungekochten Leckerbissen; die darf er angaffen mit allen Gefühlen, vom Ekel an die Leiter hinauf zum Verlangen, Sehnen, Schmachten, Gier, Heißhunger, Wolfshunger, bis ihm das Kinn tröpfelt wie ein kleiner Niagara.
Braucht der Arbeitslose Abwechslung, Unterhaltung, Zerstreuung — am Rennweg fahren die Protzen, die Reichen spazieren für ihn den ganzen Tag. Der Arbeitslose darf — stehen darf er nicht dort — sitzen auch nicht lang' — aber scheu durch die Hecken blicken und sehen: wie's geht, wenn's fährt. Sehen, was die Herren für reinliche Wäsche tragen mit Manschetten und Stehkragen; Krawatten mit Diamantennadeln; Handschuhe vom rarsten Ziegenleder; Stiefelchen wie geleckt; Höschen, Rock und Weste gebügelt, gemodelt von Schneiders kundiger Hand. Die Damen wie sie blühen, wenn sie glühen; wie sie schmachten, wenn sie trachten; wie sie faul sind vom Nichtstun; wie sie müde werden vom Faulenzen; wie sie verwöhnt werden von höfischer, kriechender, dienerischer Umgebung. Wind und Wetter werden ausgewählt, die Sonnenstrahlen gezählt, Wolken gewogen, eh' Fräuleins Haut oder Madames Hut das Wagnis wagt, spazierenzufahren in Gottes herrlicher Natur. Pfeilschnell fliegen die Renner durch die schattigen Alleen. Kühl fächelt der Wind die wohlgepflegten Gesichter; ist es kalt, die kostbarsten Pelze hüllen die Glieder ein wie warme Betten.