Erster Teil Die Geschichte meines Lebens (continued 3)
Paul Seliger translation
Ebenso liebe ich das Canoefahren, und ich glaube, der Leser wird lächeln, wenn ich erkläre, daß ich es namentlich in mondhellen Nächten liebe. Zwar kann ich den Mond nicht hinter den Fichten am Himmel emporsteigen und leise an der klaren Wölbung dahingleiten sehen und auch nicht den leuchtenden Pfad, den sein Licht in dem Wasser bildet; aber ich weiß es, Frau Luna ist da, und wenn ich auf meine Kissen zurückgelehnt liege und meine Hand ins Wasser halte, so stelle ich mir vor, sie berühre mich im Vorüberschreiten mit dem Saum ihres Gewandes. Bisweilen schlüpft mir ein kühnes Fischlein zwischen den Fingern hindurch, und oft streift eine Wasserlilie leise meine Hand. Häufig werde ich mir der Weite des mich umgebenden Luftraumes bewußt, wenn wir unter der Wölbung überhängender Büsche herauskommen. Eine leuchtende Wärme scheint mich dann zu umfluten. Ob dies von den Bäumen herrührt, die von der Sonne erwärmt wurden, oder vom Wasser, kann ich nicht sagen. Ich habe es an kalten, stürmischen Tagen und in der Nacht gespürt. Es ist wie der Kuß von warmen Lippen auf mein Gesicht.
Mein Lieblingsvergnügen ist das Segeln. Im Sommer 1901 besuchte ich Neuschottland und hatte dort mehrmals Gelegenheit, den Ozean kennen zu lernen, wie ich sie noch nie zuvor gehabt hatte. Nachdem ich einige Tage in der Heimat Evangelines zugebracht hatte, um die Longfellows schönes Gedicht einen berückenden Zauber gewoben hat, gingen Fräulein Sullivan und ich nach Halifax, wo wir den größten Teil des Sommers über blieben. Der Hafen war unsere Freude, unser Paradies! Was für herrliche Segelfahrten unternahmen wir nach Bedford Basin, Mc. Nabbs Island, York Redoubt und nach dem Northwest Arm! Und nachts, was verbrachten wir da für erquickende, wunderbare Stunden zwischen den großen Kriegsschiffen! O, es war alles so interessant, so schön! Die Erinnerung daran ist mir eine Freude für immer.
Eines Tages erlebten wir ein schreckliches Abenteuer. Es fand eine Regatta im Northwest Arm statt, an der die Boote der verschiedenen Kriegsschiffe teilnahmen. Wir fuhren mit vielen anderen in einem Segelboot hin, um uns die Wettfahrten mit anzusehen. Hunderte von kleinen Segelbooten schaukelten auf und nieder, und die See war still. Als die Wettfahrten vorüber waren und wir uns auf den Heimweg machten, entdeckte jemand von der Gesellschaft eine schwarze Wolke, die sich von der See aus näherte und immer größer und dichter wurde, bis sie den ganzen Himmel bedeckte. Der Wind erhob sich, und die Wogen brandeten zornig gegen unsichtbare Schranken an. Unser kleines Boot nahm furchtlos den Kampf auf; mit gespannten Segeln und straffen Tauen schoß es pfeilschnell vor dem Winde dahin. Jetzt verschwand es in den Wirbeln, jetzt tanzte es auf dem Kamme einer riesigen Woge, aber nur, um im nächsten Augenblicke unter furchtbarem Brausen und Zischen wieder in die Tiefe zu schießen. Das Hauptsegel wurde heruntergerissen. Wendend und beidrehend kämpften wir gegen den Wind an, der uns mit fürchterlichem Ungestüm von einer Seite zur anderen warf. Unsere Herzen pochten rascher, und unsere Hände bebten vor Aufregung, nicht vor Furcht; denn wir besaßen die Herzen von Wikingern und wußten, daß unser Steuermann Herr der Situation blieb. Er war durch manchen Sturm mit sicherer Hand und seekundigem Auge gesegelt. Als wir an der großen Barke und den im Hafen liegenden Kanonenbooten vorüberkamen, wurden wir stürmisch begrüßt, und die Matrosen brachten dem Lenker des einzigen kleinen Bootes, das sich in den Sturm hinausgewagt hatte, ein »Hipp, hipp, Hurra« aus. Endlich erreichten wir frierend, hungrig und müde die Landungsbrücke.
Den vergangenen Sommer brachte ich in einem der anmutigsten Winkel der Erde, einer der reizendsten Städte Neuenglands zu. Wrentham in Massachusetts steht beinah zu all meinen Freuden und Leiden in Beziehung. Viele Jahre lang war Red Farm, in der Nähe von King Philips Pond, das Besitztum von Herrn I. E. Chamberlin und seiner Familie, meine Heimat. Ich gedenke mit der tiefsten Dankbarkeit der Güte dieser meiner lieben Freunde und der glücklichen Tage, die ich bei ihnen verlebt habe. Die liebenswürdige Gesellschaft ihrer Kinder war mir unendlich wert. Ich nahm an allen ihren Spielen, ihren Spaziergängen durch die Wälder und ihren Lustfahrten auf dem Wasser teil. Das Geplauder der Kleinen und ihr Wohlgefallen an den Geschichten, die ich ihnen von Elfen und Gnomen, von dem Helden und dem schlauen Bär erzählte, sind angenehme Erinnerungen für mich. Herr Chamberlin weihte mich in die Geheimnisse der Bäume und der wild wachsenden Blumen ein, bis ich mit dem leisen Ohr der Liebe das Emporsteigen des Saftes in der Eiche vernahm und die Sonnenstrahlen von Blatt zu Blatt huschen sah.
Gleichwie die Wurzeln in der dunklen Tiefe Doch Anteil nehmen an des Wipfels Freuden, Den Sonnenschein, die milde Luft empfanden Vermöge der Alliebe der Natur —,
so besitze ich auch eine Anschauung von Dingen, die ich nicht sehen kann.
Es scheint mir, als liege in jedem von uns die Fähigkeit, die Eindrücke und Empfindungen zu verstehen, die das Menschengeschlecht von Anfang an gehabt hat. Jedes Individuum besitzt eine unter der Schwelle des Bewußtseins verborgene Erinnerung an die grünende Erde und die murmelnden Gewässer, und weder Blindheit noch Taubheit kann es dieser von vergangenen Generationen her überkommenen Gabe berauben. Diese ererbte Fähigkeit ist eine Art sechsten Sinnes — ein Seelensinn, der zugleich sieht, hört, fühlt.
Ich habe viele Freunde unter den Bäumen in Wrentham. Einer von ihnen, eine herrliche Eiche, ist der besondere Stolz meines Herzens. Ich bringe alle meine übrigen Freunde zu dieser Königin des Waldes hin. Sie steht auf einer Anhöhe bei King Philips Pond, und diejenigen, die in der Baumkunde bewandert sind, behaupten, sie habe hier achthundert bis tausend Jahre gestanden. Nach einer Ueberlieferung warf unter diesem Baume König Philipp, der heldenhafte Indianerhäuptling, seinen letzten Blick auf Himmel und Erde.
Ich hatte auch noch eine andere Baumfreundin, liebenswürdig und nicht so unnahbar wie die große Eiche — eine Linde, die an dem Hoftore von Red Farm wuchs. Eines Nachmittages, während eines furchtbaren Gewitters, spürte ich einen heftigen Krach gegen die Wand des Hauses und wußte, noch ehe es mir jemand sagte, daß die Linde gefallen sei. Wir gingen hinaus, um uns den Heldenbaum anzusehen, der sovielen Stürmen widerstanden hatte, und mein Herz blutete, als ich ihn, der so machtvoll gestritten hatte und jetzt so machtvoll gefallen war, am Boden hingestreckt erblickte.
Ich darf jedoch nicht vergessen, daß ich von meinen Erlebnissen im letzten Sommer erzählen will. Sobald meine Examina vorüber waren, eilten Fräulein Sullivan und ich nach diesem grünen Winkel, wo wir ein kleines Landhaus an einem von den drei Seen besitzen, wegen deren Wrentham berühmt ist. Hier gehörten die langen, sonnigen Tage mir, und jeder Gedanke an Arbeit, College und die lärmende Stadt wurde in den Hintergrund gedrängt. In Wrentham vernahmen wir ein Echo von dem, was in der Welt vorging — Krieg, Bündnis, sozialer Kampf. Wir hörten von den blutigen, unnötigen Seeschlachten in dem weitabgelegenen Stillen Ozean und erfuhren von den Kämpfen zwischen Kapital und Arbeit. Wir wußten, daß jenseits der Grenzen unseres Edens die Menschen im Schweiße ihres Angesichts Geschichte machten, während sie doch besser getan hätten, sich einen Feiertag zu gönnen. Aber wir kümmerten uns wenig um diese Dinge. Sie würden vorübergehen; hier lagen Seen und Wälder, weite mit Tausendschönchen übersäte Felder und süß duftende Wiesen, und diese werden in aller Zukunft fortbestehen.
Leute, die der Meinung sind, daß uns alle sinnlichen Eindrücke durch Auge und Ohr zugehen, haben sich gewundert, daß ich, vielleicht abgesehen von dem Fehlen des Pflasters, einen Unterschied zwischen den Straßen der Stadt und den Wegen auf dem Lande bemerke. Sie vergessen, daß mein ganzer Körper auf die mich umgebenden Verhältnisse reagiert. Das Getöse und der Lärm der Stadt peitscht meine Gesichtsnerven; ich fühle das rastlose Auf- und Niederwogen einer ungesehenen Menschenmenge, und das mißtönende Treiben macht einen peinlichen Eindruck auf mich. Das Rollen der schweren Wagen auf dem harten Pflaster und das eintönige Klappern der Maschinen sind um so marternder für die Nerven, wenn jemandes Aufmerksamkeit nicht durch die bunten, wechselnden Bilder abgelenkt wird, die sich sehenden Menschen in den geräuschvollen Straßen auf Schritt und Tritt darbieten.
Auf dem Lande dagegen erblickt man nur die Schönheiten der Natur, und die Seele wird nicht traurig gestimmt durch den erbarmungslosen Kampf um das bloße Dasein, der in der dichtbevölkerten Stadt wütet. Zu verschiedenenmalen habe ich die engen, schmutzigen Straßen besucht, in denen die armen Leute wohnen, und heißer Zorn und Entrüstung steigen in mir auf bei dem Gedanken, daß gute Menschen es über sich gewinnen können, in prächtigen Häusern zu wohnen und gesund und stark zu sein, während andere dazu verurteilt sind, in häßlichen, sonnenlosen Behausungen zu weilen und in Armseligkeit zu verkümmern. Die Kinder, die sich auf diesen schmutzigen Straßen halbnackt und abgemagert umhertreiben, schrecken vor jeder ausgestreckten Hand zurück, als sollten sie einen Schlag bekommen. Ich kann die Erinnerung an die lieben kleinen Geschöpfe nicht loswerden, und empfinde einen fortwährenden nagenden Schmerz dabei. Auch Männer und Frauen gibt es, die alle an Körper und Geist verkrüppelt und zurückgeblieben sind. Ich habe ihre harten, rauhen Hände in den meinigen gehalten und begriffen, was für ein endloses Ringen ihr Leben sein muß — nichts weiter als eine Kette nutzloser Versuche, emporzukommen. Ihr Dasein scheint ein ungeheures Mißverhältnis zwischen Anstrengung und Erfolg zu sein. Sonne und Luft sind Gottes freies Geschenk an jedermann; sind sie dies aber in der Tat? In die schmutzigen Straßen der Stadt drüben dringt kein Sonnenstrahl, und die Luft ist verdorben. O Mensch, wie kannst du deinen Bruder vergessen, ihm hindernd in den Weg treten und dabei beten: „Unser täglich Brot gib uns heute“, wenn er keins hat. O wollten doch jene Menschen die Stadt, deren Glanz und geräuschvolles Treiben, ihr Gold verlassen und zu Wald und Feld, zu einer schlichten, ehrenhaften Lebensweise zurückkehren! Dann würden ihre Kinder kräftig wie edle Bäume werden und ihre Gedanken friedlich und lauter wie die Blumen am Wegesrain. Es ist mir unmöglich, diese Gedanken zu verbannen, wenn ich nach einem arbeitsreichen Jahre in der Stadt auf das Land zurückkehre.
Was für eine Freude ist es für mich, den weichen, elastischen Boden wieder unter meinen Füßen zu fühlen, auf grasbewachsenen Wegen zu Bächen zu wandern, deren Ufer mit Farnkraut bedeckt sind und in deren sich kräuselnden Wellen ich meine Hände kühlen kann, oder über ein Steinmäuerchen zu klettern und mich auf grünen Wiesen in ausgelassener Fröhlichkeit umherzutummeln, mich auf dem Boden zu wälzen und die Abhänge emporzuklimmen.
Nächst einem behaglichen Spaziergange kommt als ein Hauptvergnügen für mich ein Ausflug auf meinem Tandem in Betracht. Es ist ein herrliches Gefühl, wenn mir der Wind ins Gesicht weht und ich die elastische Bewegung meines Stahlrosses empfinde. Das rasche Durchschneiden der Luft gewährt mir ein köstliches Gefühl der Kraft und des Schwunges, und bei der Anstrengung hüpfen meine Pulse und jubelt mein Herz.
Wenn irgend möglich, begleitet mich mein Hund auf meinen Ausflügen zu Fuß, Rad, Pferd oder Boot. Ich habe viele Freunde unter den Hunden gehabt — riesige Bullenbeißer, sanfte Wachtelhündchen, Jagdhunde und ehrbare, zutrauliche Bull Terriers. Augenblicklich besitzt einer von diesen letzteren die ganze Zuneigung meines Herzens. Er hat einen langen Stammbaum, ein geringeltes Schwänzchen und das drolligste Gesicht von der Welt. Meine Hundefreunde scheinen Kenntnis von meinen Gebrechen zu haben und halten sich stets dicht an meiner Seite, wenn ich allein bin. Ich liebe ihre Zärtlichkeiten und das beredte Wedeln ihres Schweifes.
Hält mich ein regnerischer Tag im Zimmer gefangen, so vertreibe ich mir die Zeit wie andere Mädchen. Ich stricke und häkele gern; ich lese aufs Geratewohl, wie ich es liebe, hier eine Zeile und dort eine oder spiele vielleicht mit einem Freunde eine oder zwei Partien Dame oder Schach. Ich habe ein besonderes Brett, auf dem ich diese Spiele spiele. Die Felder sind vertieft, sodaß die Figuren in ihnen feststehen. Die schwarzen Damensteine sind flach und die weißen oben gewölbt. Jeder Stein hat in der Mitte eine Vertiefung, in der ein Metallknopf zur Unterscheidung der Dame von den übrigen Steinen befestigt werden kann. Die Schachfiguren sind von zweierlei Größe, die weißen größer als die schwarzen, sodaß ich keine Mühe habe, die Operationen meines Gegners zu verfolgen, indem ich nach jedem Zuge meine Hände leicht über das Brett gleiten lasse. Das bei dem Bewegen der Figuren von einem Felde zum anderen entstehende Geräusch zeigt mir an, wann die Reihe an mir ist.
Bin ich zufällig ganz allein und in schlechter Laune, so lege ich mir eine Patience — ein Spiel, das ich sehr liebe. Ich benutze dazu Spielkarten, die rechts oben mit Braillezeichen versehen sind, die den Wert der Karte angeben.
Sind Kinder in meiner Nähe, so weiß ich kein größeres Vergnügen, als mit ihnen herumzutollen. Selbst das kleinste Kind gibt für mich einen ausgezeichneten Gesellschafter ab, und ich freue mich, sagen zu können, daß die Kinder mich in der Regel gern haben. Sie führen mich herum und zeigen mir die Dinge, die für sie von Interesse sind. Natürlich können die Kleinen noch nicht mit ihren Fingern buchstabieren, aber ich versuche, ihnen die Worte von den Lippen abzulesen. Wenn es mir nicht gelingt, so nehmen sie ihre Zuflucht zu Gestikulationen. Mitunter mißverstehe ich sie und tue etwas Verkehrtes. Dann brechen sie über mein Versehen in kindliches Gelächter aus, und die Pantomime beginnt von neuem. Ich erzähle ihnen oft Geschichten oder lehre sie ein Spiel, und die Stunden enteilen uns im Fluge und hinterlassen uns frohe und heitere Erinnerungen.
Auch Museen und Kunstsammlungen sind für mich eine Quelle des Genusses und der Begeisterung. Ohne Zweifel wird es manchem seltsam erscheinen, daß die Hand ohne Unterstützung durch das Gesicht in dem kalten Marmor Handlung, Empfindung, Schönheit soll wahrnehmen können; und doch habe ich in der Tat hohen Genuß bei der Berührung großer Kunstwerke. Wenn meine Fingerspitzen die Linien und die schwellenden Formen verfolgen, so finden die die Idee und die Empfindung heraus, die der Künstler dargestellt hat. Ich kann in den Zügen der Götter und Heroen Haß, Mut und Liebe wahrnehmen, genau so, wie ich diese Gemütsbewegungen bei lebenden Personen erkennen kann, wenn ich deren Gesicht berühren darf. Ich fühle aus der Haltung der Diana die Anmut, die Waldesfreiheit und den Geist heraus, der den Berglöwen zähmt und die wildesten Leidenschaften unterjocht. Meine Seele ergötzt sich an der Ruhe und den anmutigen Wellenlinien einer Venus, und in Barrés Bronzen enthüllen sich mir die Geheimnisse des Dschungels.
Ein Medaillon Homers hängt in meinem Studierzimmer an der Wand, in passender Höhe, sodaß ich es leicht erreichen und mit liebender Verehrung das schöne, traurige Antlitz berühren kann. Wie gut ich jede Linie auf dieser hoheitsvollen Stirn kenne — Furchen, die das Leben und die bitteren Erfahrungen des Kampfes und des Schmerzes gezogen haben, diese blinden Augen, die selbst in dem toten Gips das Licht und den blauen Himmel seines geliebten Hellas suchen und vergebens suchen, diesen schönen festen, aufrichtigen, liebevollen Mund! Es ist das Antlitz eines Dichters und eines Mannes, der mit dem Schmerz vertraut ist. Ach, wie gut ich dieses Gebrechen verstehe, das ewige Dunkel, in dem er weilte —
O Nacht, Nacht, Nacht beim hellen Glanz des Mittags. O Nacht, unwiderruflich, Finsternis Jedweder Hoffnung bar, den Tag zu schau’n!
In meiner Phantasie kann ich hören, wie Homer singend sich mit unsicheren, langsamen Schritten seinen Weg von Lager zu Lager tastet — singend von Leben, von Liebe, von Krieg, von den Heldentaten eines edlen Volkes. Es war ein wunderbares, herrliches Lied, das dem blinden Dichter unsterblichen Ruhm, die Bewunderung aller Zeiten eintrug.
Ich bin mitunter im Zweifel, ob die Hand nicht empfänglicher für die Schönheiten der Plastik ist als das Auge. Ich sollte meinen, der wunderbare rhythmische Fluß der Linien ließe sich besser fühlen als sehen. Wie dem aber auch sei, ich weiß, daß ich den Herzschlag der alten Griechen in ihren marmornen Göttern und Göttinnen fühlen kann.
Eine fernere Unterhaltung, zu der sich freilich seltener die Gelegenheit bietet als zu den übrigen, ist der Theaterbesuch. Ich habe viel mehr Genuß von der Beschreibung eines Stückes während der Bühnenaufführung als von seiner Lektüre, weil ich mich dabei in die Mitte der dargestellten aufregenden Ereignisse selbst versetzt glaube. Ich habe das Glück gehabt, ein paar große Schauspieler und Schauspielerinnen kennen zu lernen, die die Macht besaßen, die Zuhörer so in ihrem Bann zu halten, daß diese darüber Zeit und Raum vergaßen und in der romantischen Vergangenheit lebten. Ich habe Gesicht und Kostüm von Fräulein Ellen Terry berühren dürfen, während sie das Ideal einer Königin verkörperte, und ihr ganzes Wesen atmete eine Erhabenheit, die auch das herbste Weh verklärt. Neben ihr stand Sir Henry Irving, angetan mit den Insignien der Königswürde, und in jeder Gebärde, in seiner ganzen Haltung lag eine Geisteshoheit, in jedem Zuge seines ausdrucksvollen Gesichtes sprach sich ein Herrscherbewußtsein aus, das überwältigend wirkte. In dem Königsantlitz, das er als Maske trug, lagen eine Vornehmheit und ein Erhabensein über den Schmerz, die ich nie vergessen werde.
Auch Herrn Jefferson kenne ich. Ich bin stolz darauf, ihn zu meinen Freunden zählen zu dürfen. Ich besuche das Theater stets, wenn ich mich an dem Orte befinde, wo er auftritt. Zum erstenmal sah ich ihn spielen, als ich in New York in die Schule ging. Er trat als Rip van Winkle auf. Ich hatte oft die Erzählung gelesen, aber niemals war mir der Reiz von Rips sanfter, kluger, gütiger Handlungsweise so zum Bewußtsein gekommen, wie in dem Stücke. Herrn Jeffersons schöne, ergreifende Darstellung riß mich vor Entzücken hin. Ich habe ein Bild des alten Rip in meinen Fingern, das sich denselben unauslöschlich eingeprägt hat. Nach der Vorstellung führte mich Fräulein Sullivan zu ihm hinter die Kulissen, und ich betastete hier sein seltsames Gewand, sein wallendes Haar, seinen Bart. Herr Jefferson ließ mich sein Gesicht berühren, sodaß ich mir eine Vorstellung von seinem Aussehen machen konnte, als er von jenem seltsamen zwanzigjährigen Schlafe erwachte, und er zeigte mir, wie der arme alte Rip auf seinen Füßen hin- und herschwankte.

Helen Keller, Frl. Sullivan und Schauspieler Jefferson
Auch in den »Rivals« habe ich ihn gesehen. Einst spielte er mir, als ich ihm in Boston, wo er auftrat, einen Besuch machte, die packendsten Szenen der »Rivals« vor. Das Empfangszimmer, in dem wir saßen, diente als Bühne. Er und sein Sohn setzten sich an den großen Tisch, und Bob Acres schrieb seine Herausforderung. Ich verfolgte alle seine Bewegungen mit den Händen und erhielt einen Eindruck von der Komik seiner seltsamen Gebärden, den ich nie erhalten hätte, wenn mir alles nur in die Hand buchstabiert worden wäre. Dann erhoben sich beide, um das Duell auszufechten, und ich folgte den schnellen Stößen, dem Parieren der Degen und dem Zittern des armen Bob, als ihm allmählich der Mut entsank. Dann gab sich der große Schauspieler einen Ruck und zog seine Mundwinkel herunter — und im Nu befand ich mich in dem Dorfe Falling Water und fühlte Schneiders rauhes Haupt an meinem Knie. Herr Jefferson rezitierte die schönsten Szenen aus »Rip van Winkle«, in denen die Träne dem Lächeln dicht auf dem Fuße folgt. Er bat mich, ihm, soweit es mir möglich sei, die Gestikulationen und das Spiel anzugeben, die ich zu beobachten wünschte. Natürlich habe ich keine Ahnung von dramatischem Spiel, und ich konnte nur aufs Geratewohl Andeutungen machen; aber mit meisterhafter Kunst paßte er das Spiel den Worten an. Rips Seufzer, als er murmelt: „Wird denn ein Mann so rasch vergessen, wenn er fort ist?“, die Verdutztheit, mit der er Hund und Gewehr nach seinem langen Schlafe sucht, und seine komische Unentschlossenheit betreffs der Unterzeichnung des Vertrages mit Derrick — all dies schien aus dem Leben selbst gegriffen zu sein, das heißt, aus dem idealen Leben, in dem sich die Ereignisse nach unseren Wünschen richten.
Ich erinnere mich meines ersten Theaterbesuches noch sehr gut. Es war vor zwölf Jahren. Die kleine Schauspielerin Elsie Leslie war in Boston, und Fräulein Sullivan nahm mich zur Aufführung von »The Prince and the Pauper« mit. Nie werde ich den Wechsel von Heiterkeit und Trauer vergessen, der in dem hübschen kleinen Stück herrschte, oder das wunderbare Kind, das in ihm auftrat. Nach Beendigung der Vorstellung durfte ich hinter die Kulissen gehen und sie in ihrem Königsgewande betasten. Es würde schwer gewesen sein, ein lieblicheres oder liebenswürdigeres Kind zu finden als Elsie, wie sie mit ihren auf die Schultern herabfallenden goldenen Locken dastand, mit einem strahlenden Lächeln um den Mund, ohne die geringste Spur von Befangenheit oder Ermüdung, trotzdem sie vor einer zahllosen Zuschauermenge gespielt hatte. Ich lernte damals eben sprechen und hatte mir vorher ihren Namen so oft wiederholt, bis ich ihn ganz deutlich aussprechen konnte. Man kann sich mein Entzücken denken, als sie die wenigen Worte, die ich zu ihr sprach, verstand und mir sofort die Hand zur Begrüßung entgegenstreckte.
Ist es nun nicht wahr, daß mein Leben mit all seinen Beschränkungen in vielen Punkten dem Leben der großen Welt gleicht? Alles besitzt sein Wunderbares, selbst Dunkelheit und Stille, und ich lerne mich unter allen Umständen mit meiner Lage bescheiden.
Manchmal allerdings befällt mich ein Gefühl der Vereinsamung wie ein kalter Nebel, wenn ich allein bin und vor dem geschlossenen Tore des Lebens wartend sitze. Da drinnen ist Licht und Musik und heitere Geselligkeit; aber mir ist der Eintritt verwehrt. Das Schicksal versperrt mir schweigend, erbarmungslos den Weg. Gern würde ich wegen seines unabwendbaren Beschlusses mit ihm hadern, denn mein Herz ist noch ungebärdig und leidenschaftlich; aber meine Zunge will die bitteren, nutzlosen Worte, die sich auf meine Lippen drängen, nicht aussprechen, und sie sinken in mein Herz zurück wie unvergossene Tränen. Unermeßliches Schweigen lagert über meiner Seele. Dann naht sich die Hoffnung mit einem Lächeln und flüstert mir zu: „Auch im Selbstvergessen liegt Genuß.“ Und so versuche ich das Licht in anderer Augen zu meiner Sonne, die Musik in anderer Ohren zu meiner Symphonie, das Lächeln auf anderer Lippen zu meinem Glücke zu machen.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Beglückendes Gefühl der Freundschaft. — Bischof Brooks. — Kein Verlangen nach dem Jenseits. — Henry Drummond. — Dr. Oliver Wendell Holmes. — Whittier. — Dr. Edward Everett Hale. — Dr. Alexander Graham Bell.— Charles Dudley Warner. — Mark Twain u. a. — Schlußwort.
Ich wollte, ich könnte in dieser Skizze die Namen aller derer aufführen, die zur Erhöhung meines Glückes beigetragen haben! Teils würde man sie in den Annalen unserer Literatur aufgezeichnet finden, vielen Herzen teuer, während andere den meisten meiner Leser völlig unbekannt sein dürften. Aber der Einfluß ihrer Persönlichkeit wird, obgleich nichts von ihm verlautet, in dem Dasein derer, die durch ihn gebildet und veredelt worden sind, eine unvergängliche Rolle spielen. Das sind Festtage in unserem Leben, wenn wir Menschen begegnen, die auf uns wirken wie ein schönes Gedicht, Menschen, deren Handschlag voller unausgesprochener Sympathie ist und deren milde, reiche Naturen unserem ungestümen, ungeduldigen Gemüte eine wunderbare Ruhe mitteilen, die im innersten Kerne ihres Wesens göttlichen Ursprunges ist. Die Rastlosigkeit, die Erbitterung, die Qual, die uns verfolgt haben, verschwinden wie böse Träume, und wir erwachen, um die Schönheit und Harmonie von Gottes wirklicher Welt mit neuen Augen zu erblicken und mit neuen Ohren zu vernehmen. Die leeren Förmlichkeiten, die unser Alltagsleben ausfüllen, gewinnen plötzlich eine höhere, tiefere Bedeutung. Mit einem Worte, in der Nähe solcher Freunde fühlen wir, daß alles gut ist. Vielleicht haben wir sie nie zuvor gesehen, und vielleicht werden sich unsere Lebenspfade nie wieder kreuzen, aber der Einfluß ihrer ruhigen, milden Naturen wirkt wie ein kühlendes Bad auf unsere Unzufriedenheit, und wir spüren die von ihm ausgehende heilkräftige Erquickung, wie der Ozean die Bergströme spürt, die seine Fluten erfrischen.
Ich bin oft gefragt worden: „Werden Sie von den Leuten nicht belästigt?“ Ich verstehe nicht ganz, was dies heißen soll. Ich glaube, die Besuche beschränkter und neugieriger Menschen, namentlich die der Zeitungsberichterstatter, sind stets unbequem. Auch liebe ich Leute nicht, die sich im Gespräch zu meinem Standpunkt herabzulassen bemühen. Sie gleichen denen, die, wenn sie neben uns hergehen, sich bemühen, ihre Schritte zu verkürzen, um sie den unsrigen anzupassen; die Heuchelei wirkt in beiden Fällen gleich erbitternd.
Die Hände der Menschen führen für mich eine beredte Sprache. Die Berührung mancher Hände ist eine Beleidigung. Ich bin Leuten begegnet, die so bar aller Lebensfreude waren, daß, wenn ich ihre eisigen Fingerspitzen berührte, es mir vorkam, als reiche ich einem Nordoststurm die Hand. Es gibt andere, deren Hände gleichsam Sonnenstrahlen an sich tragen, so daß mir ihre Berührung das Herz erwärmt. Es braucht nur der Druck einer Kinderhand zu sein; aber für mich liegt darin ebensoviel erquickender Sonnenstrahl wie für andere in einem Liebesblicke. Ein herzlicher Händedruck oder ein freundlicher Brief macht mir stets Freude.
Ich habe viele Freunde in der Ferne, die ich nie gesehen habe. In der Tat sind ihrer so viele, daß ich oft außer stande bin, ihre Briefe zu beantworten; ich wünsche ihnen jedoch hier zu sagen, daß ich ihnen stets für ihre gütigen Worte dankbar bin, so unzulänglich auch die Anerkennung meinerseits ausfallen mag.
Ich rechne es zu den angenehmsten Erinnerungen meines Lebens, viele bedeutende Männer kennen gelernt zu haben und mit ihnen in persönliche Berührung gekommen zu sein. Nur wer Bischof Brooks kennt, vermag zu ermessen, wie wertvoll seine Freundschaft für die ist, die sie besitzen. Als Kind liebte ich es, auf seinen Knien zu sitzen und meine kleine Hand auf seine große zu legen, während Fräulein Sullivan mir in die andere seine herrlichen Worte über Gott und das Jenseits buchstabierte. Ich hörte ihm mit kindlichem Staunen und Entzücken zu. Mein Geist konnte dem Fluge des seinigen nicht folgen, aber er lehrte mich wahren Lebensgenuß, und ich verließ ihn nie, ohne einen erhebenden Gedanken mit mir davonzutragen, der an Schönheit und Tiefe der Bedeutung zunahm, je mehr ich heranwuchs. Als ich einst über die große Menge der Religionen verwirrt war, sagte er zu mir: „Es gibt nur eine Weltreligion, Helen — die Religion der Liebe. Liebe deinen himmlischen Vater von ganzem Herzen und mit ganzer Seele, liebe jedes Kind Gottes, so innig du es nur kannst, und erinnere dich daran, daß das Gute eher Aussicht auf Verwirklichung besitzt als das Böse, und du hast den Schlüssel zum Himmelreich.“ — Und sein Leben bildete ein treffliches Beispiel zu dieser großen Wahrheit. In seiner edlen Seele standen Liebe und das umfassendste Wissen im Bunde mit dem Glauben, der zur Erkenntnis geworden war. Er erblickte
Gott in allem, was erhebt, befreit und tröstet, So auch in allem, was uns niederdrückt.
Bischof Brooks lehrte mich kein besonderes Glaubensbekenntnis oder Dogma; allein er prägte meinem Geiste zwei große Ideen ein — die Eigenschaft Gottes als Vater und die der Menschen als Brüder — und setzte mir auseinander, daß diese Wahrheiten allen Glaubensbekenntnissen und Kulturformen zugrunde liegen. Gott ist die Liebe, Gott ist unser Vater, wir sind seine Kinder; daher werden sich die dunkelsten Wolken dereinst zerteilen, und obgleich das Recht mit Füßen getreten werden kann, so soll das Unrecht doch nicht triumphieren.
Ich bin hier auf Erden zu glücklich, um viel an das Jenseits zu denken, abgesehen davon, daß ich mich erinnere, daß geliebte Freunde im Himmelreich meiner warten. Trotz der Reihe von Jahren scheinen sie mir doch so nahe zu sein, daß ich mich keinen Augenblick wundern würde, wenn sie meine Hand ergriffen und zärtliche Worte sprächen, wie sie dies vor ihrem Hinscheiden zu tun pflegten.
Seit Bischof Brooks’ Tode habe ich die Bibel von Anfang bis zu Ende gelesen, ebenso einige philosophische Werke über Religion, unter ihnen Swedenborgs »Himmel und Hölle« und Drummonds »Ascent of Man«; ich habe jedoch kein Glaubensbekenntnis oder System gefunden, das mich mehr befriedigt hätte als Bischof Brooks’ Religion der Liebe. Ich kannte Herrn Henry Drummond persönlich, und bei der Erinnerung an seinen kräftigen, warmen Händedruck ist es mir, als erteilte er mir seinen Segen. Er war der angenehmste Gesellschafter, den man sich denken kann. Er besaß ein so reiches Wissen und war so geistvoll, daß er jedermann mit sich fortriß.
Ich erinnere mich noch sehr gut meines ersten Zusammentreffens mit Dr. Oliver Wendell Holmes. Er hatte Fräulein Sullivan und mich eingeladen, ihn eines Sonntagnachmittags zu besuchen. Es war zu Beginn des Frühjahrs, kurz, nachdem ich sprechen gelernt hatte. Wir wurden sofort nach der Bibliothek gewiesen, wo wir ihn in einem großen Armstuhl bei einem offenen Feuer, das im Kamin glühte und prasselte, sitzen fanden, in Erinnerungen vergangener Zeiten versunken, wie er sagte.
„Und zugleich in das Rauschen des Charlesflusses“, — fügte ich hinzu.
„Ja,“ — antwortete er, „der Charlesfluß erinnert mich an viele glückliche Stunden.“ — Es herrschte ein Geruch von bedrucktem Papier und Leder in dem Raume, der mir sagte, daß es voller Bücher sei, und ich streckte unwillkürlich meine Hand aus, um sie zu suchen. Ich ergriff eine schöne Ausgabe von Tennysons Gedichten, und als mir Fräulein Sullivan gesagt hatte, was es für ein Buch sei, begann ich zu rezitieren:
Break, break, break On thy cold gray stones, O sea!
Aber ich hielt plötzlich inne. Ich fühlte Tränen auf meiner Hand. Ich hatte meinen geliebten Dichter zum Weinen gebracht und war ganz untröstlich darüber. Er nötigte mich in seinen Armstuhl und brachte mir verschiedene interessante Dinge zum Befühlen, und auf seine Bitte deklamierte ich ihm auch »The Chambered Nautilus«, das damals mein Lieblingsgedicht war. Später besuchte ich Dr. Holmes noch öfters und lernte in ihm sowohl den Menschen wie den Dichter lieben.
An einem schönen Sommertage, nicht lange nach meiner ersten Begegnung mit Dr. Holmes, besuchten Fräulein Sullivan und ich Herrn Whittier in seinem stillen Heim am Merrimac. Seine Ritterlichkeit und seine gewählte Ausdrucksweise gewannen ihm sofort mein Herz. Er besaß einen Band seiner Gedichte in Hochdruck, aus dem ich »In School Days« las. Er war entzückt, daß ich die Worte so gut aussprechen konnte, und sagte, es sei ihm nicht schwer gefallen, mich zu verstehen. Dann richtete ich einige Fragen betreffs des Gedichtes an ihn und las seine Antwort ab, indem ich ihm meine Finger auf die Lippen legte. Er erklärte, er selbst sei der kleine Knabe in dem Gedicht, der Name des Mädchens sei Sally gewesen und noch mehr dergleichen, was ich aber vergessen habe. Ich deklamierte auch »Laus Deo«, und als ich die Schlußworte sprach, legte er mir die Statue eines Sklaven in die Hände, von dessen zusammengekrümmter Gestalt die Ketten abfielen, gerade so wie sie von Petrus’ Gliedern abfielen, als der Engel ihn aus dem Kerker herausführte. Später gingen wir in sein Studierzimmer, und hier schrieb er ein Autogramm[12] für meine Lehrerin nieder und drückte ihr seine Bewunderung über das, was sie getan hatte, aus, indem er zu mir sagte: „Sie ist deine geistige Befreierin“. Dann geleitete er mich bis zur Gartenpforte und küßte mich zum Abschiede zärtlich auf die Stirn. Ich versprach ihm, ihn im folgenden Sommer wieder zu besuchen; er starb aber, ehe ich mein Versprechen erfüllen konnte.
Dr. Edward Everett Hale ist einer meiner allerältesten Freunde. Ich kenne ihn seit meinem achten Lebensjahre, und meine Liebe zu ihm hat zugenommen, je älter ich wurde. An seiner weisen, liebevollen Teilnahme haben Fräulein Sullivan und ich uns in den Tagen der Prüfung und Trübsal aufgerichtet, und seine starke Hand hat uns über manche steile und steinige Strecke unseres Pfades hinweggeholfen, und was er für uns getan hat, das hat er für tausend andere getan, die schwierige Aufgaben zu erfüllen haben. Er hat die alten Schläuche des Dogmas mit dem neuen Wein der Liebe gefüllt und den Menschen gezeigt, was es heißt, zu glauben, zu leben und frei zu sein. Was er gelehrt hat, das haben wir in seinem Leben auf das schönste ausgedrückt gefunden — Vaterlandsliebe, Güte dem geringsten seiner Brüder gegenüber und ein aufrichtiges Verlangen, sich über das irdische emporzuschwingen. Er ist ein Prophet und Herzenskündiger gewesen, ein mächtiger »Täter des Worts«, der Freund seines ganzen Geschlechtes — Gott segne ihn!
Meine erste Begegnung mit Dr. Alexander Graham Bell habe ich schon erwähnt. Seitdem habe ich viele glückliche Tage mit ihm in Washington und auf seinem schönen Landsitz im Innern von Cape Breton Island verlebt, in der Nähe von Baddeck, dem durch Charles Dudley Warners Buch berühmt gewordenen Dorfe. Hier habe ich in Dr. Bells Laboratorium oder auf den Feldern am Ufer des großen Bras d’Or viele genußreiche Stunden zugebracht, in denen er mir von seinen Experimenten erzählte und ich ihm bei dem Steigenlassen von Drachen half, mittels deren er die Gesetze, die die Luftschiffahrt der Zukunft beherrschen werden, zu ergründen hofft. Dr. Bell hat bedeutende Leistungen auf vielen wissenschaftlichen Gebieten aufzuweisen und besitzt die Gabe, alles, was er in die Hand nimmt, interessant zu machen, selbst die verwickeltsten Fragen. Man hat bei ihm das Gefühl, daß, wenn man nur ein wenig mehr Zeit hätte, man auch ein Erfinder sein könnte. Dazu hat er eine humoristische und eine poetische Seite. Seine Hauptleidenschaft ist seine Liebe zu Kindern. Nie ist er so durchaus glücklich, als wenn er ein kleines taubstummes Kind in seinen Armen hält. Seine Arbeiten zum Besten der Taubstummen werden fortleben und noch über künftige Generationen von Kindern Segen verbreiten, und wir lieben ihn ebenso für das, was er selbst geleistet, wie für das, wozu er andere angeregt hat.
In den zwei Jahren, die ich in New York verlebte, hatte ich oft Gelegenheit, mit hervorragenden Männern zu sprechen, deren Namen ich oft gehört, mit denen ich aber niemals zusammenzutreffen gehofft hatte. Zum größten Teile lernte ich diese in dem Hause meines lieben Freundes Herrn Laurence Hutton kennen. Es war eine große Vergünstigung, ihn und die liebe Frau Hutton in ihrer reizenden Villa besuchen zu dürfen, ihre Bibliothek zu besichtigen und die herrlichen Empfindungen und glänzenden Gedanken zu lesen, die begabte Freunde für sie niedergeschrieben hatten. Man hat mit Recht gesagt, Herr Hutton besitzt die Fähigkeit, aus jedem die besten Gedanken und die zartesten Empfindungen herauszulocken. Man braucht nicht die Erzählung »A Boy I Knew« zu lesen, um ihn zu verstehen — den mit dem reinsten, kindlichsten Gemüt begabten Mann, den treuen Freund in allen Lebenslagen, der sowohl das Leben der Hunde wie das seiner Mitmenschen liebevoll verfolgt.
Frau Hutton ist eine aufrichtige, bewährte Freundin. Vieles, was ich für das Beste und Wertvollste halte, verdanke ich ihr. Oft hat sie mir während meines Universitätsstudiums mit Rat und Tat beigestanden. Wenn ich meine Lebensaufgabe schwer und entmutigend finde, so schreibt sie mir Briefe, die mich wieder froh und tapfer machen; denn sie gehört zu denen, von denen wir lernen können, daß die Erfüllung einer mühevollen Pflicht die Erfüllung der nächsten einfacher und leichter macht.
Herr Hutton führte mich bei vielen seiner literarischen Freunde ein, von denen die bedeutendsten Herr William Dean Howells und Mark Twain sind. Auch mit Herrn Richard Watson Gilder und Herrn Edmund Clarence Stedman traf ich zusammen. Auch Herrn Charles Dudley Warner lernte ich kennen, den reizendsten Erzähler und liebenswürdigsten Freund, dessen Gutherzigkeit so umfassend war, daß man von ihm in Wahrheit sagen konnte, er liebte alle lebenden Wesen und seinen Nächsten wie sich selber. Einmal stellte mir Herr Warner den Dichter der Wälder, — Herrn John Burroughs, vor. Sie waren alle liebenswürdig und sympathisch, und ich wurde mir des Zaubers ihrer Persönlichkeit ebenso bewußt, wie ich früher die Schönheit ihrer Abhandlungen und Gedichte bewundert hatte. Ich konnte nicht Schritt halten mit all diesen Schriftstellern, wie sie von einem Gegenstand zum anderen übersprangen und sich in tiefsinnige Disputationen einließen oder in der Unterhaltung ihren Witz glänzen ließen. Ich glich dem kleinen Ascanius, der mit seinen trippelnden Füßchen den heroischen Schritten seines Vaters Aeneas auf seinem Lebenswege, der ihn mächtigen Geschicken entgegenführte, folgte. Aber sie teilten mir viel Interessantes mit. So erzählte mir Herr Gilder von seinen Reisen im Mondschein durch die weite Wüste zu den Pyramiden, und in seinem Briefe, den er mir schrieb, drückte er unter der Unterschrift seinen Stempel so tief in das Papier hinein, daß ich ihn fühlen konnte. Dies erinnert mich daran, daß Dr. Hale seinen Briefen an mich einen persönlichen Zug verlieh, indem er seine Unterschrift in Brailleschrift gab. Von Mark Twains Lippen las ich ein paar seiner prächtigen Erzählungen ab. Er hat seine eigene Art, zu denken, zu sprechen und zu handeln. Ich fühle das Zwinkern seines Auges in seinem Händedrucke. Eben dadurch, daß er seine cynische Weisheit in einer unsagbar drolligen Weise vorbringt, erweckt er die Empfindung, daß sein Herz voll des tiefsten, innigsten Mitgefühls ist.
Es gibt noch eine Menge anderer interessanter Leute, mit denen ich in New York zusammengetroffen bin: Frau Mary Mapes Dodge, die beliebte Herausgeberin vom »St. Nicholas-Magazine«, und Frau Riggs (Kate Douglas Wiggin), die anmutige Verfasserin von »Patsy«. Ich erhielt von ihnen Geschenke, bei deren Auswahl das Herz mitgesprochen hat, Bücher mit ihren eigenen Gedanken, seelenvolle Briefe und Photographien, die ich mir immer und immer wieder beschreiben lasse. Allein mir fehlt der Raum, hier aller meiner Freunde zu gedenken, und in der Tat gibt es in Bezug auf sie Dinge, die sich hinter Cherubsschwingen bergen, Dinge, die zu heilig sind, um in kalte Druckschrift umgesetzt zu werden. Nur mit innerem Widerstreben habe ich soeben von Frau Laurence Hutton gesprochen.
Ich will noch zwei weitere befreundete Personen erwähnen. Die eine ist Frau William Thaw in Pittsburgh, die ich oft auf ihrem Landsitze in Lyndhurst besucht habe. Sie ist stets damit beschäftigt, jemand glücklich zu machen, und all die Jahre über, die meine Lehrerin und ich sie kennen, haben wir stets bei ihr großmütige Hilfe und weisen Rat gefunden.
Auch meinem anderen Freunde bin ich zu tiefem Danke verpflichtet. Er ist wegen seiner mächtigen Hand, mit der er große Unternehmungen leitet, weit und breit bekannt, und seine bewundernswerten Eigenschaften haben ihm die allgemeine Achtung erworben. Freundlich zu jedermann tut er unausgesetzt in der Stille und unbemerkt Gutes. Wiederum berühre ich den Kreis geachteter Namen, die ich nicht nennen darf, aber ich möchte gern seine Hochherzigkeit und seine rege Teilnahme an meinem Geschick hervorheben, die es mir möglich gemacht haben, die Universität zu besuchen.
So haben meine Freunde mein Leben zu dem gemacht, was es ist. Auf tausenderlei Art haben sie meine Gebrechen in herrliche Vorrechte verwandelt und mich in den Stand gesetzt, heiter und glücklich in dem von meinen körperlichen Mängeln geworfenen Schatten zu wandeln.