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Die Geschichte meines Lebens

Anhang (continued 3)

Paul Seliger translation

Ich setzte ihr auseinander, sie sei noch nicht imstande, das Gesagte zu verstehen, und brachte sie mit leichter Mühe zu der Einsicht, es sei besser, über solche Dinge erst dann zu sprechen, wenn sie klüger geworden sei.

Im Laufe ihrer Lektüre war sie auf den Ausdruck »Mutter Natur« gestoßen, und lange Zeit pflegte sie alles, was nach ihrem Dafürhalten die menschliche Kraft überstieg, der Mutter Natur zuzuschreiben. Wenn sie vom Wachstum einer Pflanze sprach, sagte sie: „Mutter Natur sendet den Sonnenschein und den Regen, damit die Bäume und das Gras und die Blumen wachsen können.“ —

Eines Abends schien Helen nach dem Abendessen etwas ernster zu sein, und Frau H. fragte sie, woran sie dächte. „Ich denke daran, wieviel die liebe Mutter Natur in der Frühlingszeit zu tun hat,“ — antwortete sie. Als sie gefragt wurde, warum, erwiderte sie: „Weil sie für so viele Kinder zu sorgen hat. Sie ist die Mutter aller Dinge, der Blumen, Bäume und Winde.“ —

„In welcher Weise sorgt denn Mutter Natur für die Blumen?“ — fragte ich. „Sie sendet den Sonnenschein und den Regen, damit sie wachsen können,“ — antwortete sie, und nach einem Weilchen fuhr sie fort: „Ich denke mir, der Sonnenschein ist Mutter Naturs warmes Lächeln, und die Regentropfen sind ihre Tränen.“ —

Später sagte sie: „Ich weiß nicht, ob Mutter Natur mich erschaffen hat. Ich denke mir, meine Mutter erhielt mich vom Himmel her, aber ich weiß nicht, wo dieser Ort ist. Ich weiß, daß Tausendschönchen und Stiefmütterchen aus Samenkörnern kommen, die in die Erde gelegt worden sind; aber Kinder wachsen nicht aus der Erde hervor, das weiß ich ganz bestimmt. Ich habe noch nie eine Kindespflanze gesehen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wer die Mutter Natur geschaffen hat, können Sie es? Ich liebe den schönen Frühling, weil die knospenden Bäume, die blühenden Blumen und das zarte grüne Laub mein Herz mit Freude erfüllen. Ich muß jetzt in meinen Garten gehen. Die Tausendschönchen und Stiefmütterchen werden glauben, ich habe sie vergessen.“ —

Seit dem Mai 1890 war es mir klar, daß ihre Entwickelung soweit fortgeschritten war, daß die religiösen Anschauungen der Personen ihrer Umgebung ihr nicht länger vorenthalten werden konnten. Sie bestürmte mich förmlich mit Fragen, die der Ausfluß ihrer regen Intelligenz waren.

Anfang Mai schrieb sie folgende Fragen in ihr Notizbuch: „Ich möchte über Dinge schreiben, die ich nicht verstehe. Wer schuf die Erde und die Meere und alles? Was macht die Sonne heiß? Wo war ich, ehe ich zu Mutter kam? Ich weiß, daß Pflanzen aus Samenkörnern emporwachsen, die in der Erde liegen, aber ich bin fest überzeugt, daß Menschen nicht auf diese Weise entstehen. Ich habe noch nie eine Kindespflanze gesehen. Kleine Vögel und Hühnchen kommen aus Eiern. Ich habe sie gesehen. Was war das Ei, ehe es ein Ei war? Warum fällt die Erde nicht, da sie doch so groß und schwer ist? Sagen Sie mir etwas, was Vater Natur tut. Kann ich das Buch, die Bibel genannt, lesen? Bitte, sagen Sie Ihrer kleinen Schülerin viele Dinge, wenn Sie viele Zeit haben.“ —

Kann man, wenn man diese Fragen gelesen hat, daran zweifeln, daß das Kind, das imstande war, sie zu stellen, auch imstande war, wenigstens die einfachsten Antworten auf dieselben zu verstehen? Während Helens ganzer Erziehung habe ich unverrückbar daran festgehalten, daß sie verstehen kann, was sie zu wissen wünscht. Hätte freilich in Helens Geist kein solcher Denkprozeß stattgefunden wie der, von dem diese Fragen Zeugnis ablegen, so würde jegliche Erklärung dieser Punkte für sie unverständlich gewesen sein. Ohne jenes Maß geistiger Entwickelung und Regsamkeit, durch das man befähigt wird, die Notwendigkeit einer übermenschlichen schöpferischen Kraft einzusehen, ist keine Erklärung von Naturerscheinungen möglich.

Nachdem es ihr gelungen war, die Ideen, die langsam in ihrem Geist herangewachsen waren, in Worte zu fassen, schienen sie plötzlich all ihr Denken in Anspruch zu nehmen, und sie wollte durchaus alles erklärt haben. Als wir kurze Zeit, nachdem sie diese Fragen niedergeschrieben hatte, an einem großen Globus vorüberkamen, blieb sie vor ihm stehen und fragte: „Wer hat die wirkliche Welt geschaffen?“ — Ich antwortete: „Niemand weiß es, wie die Erde, die Sonne und alle die Weltkörper, die wir Sterne nennen, entstanden sind; aber ich will dir erzählen, wie kluge Männer es versucht haben, sich deren Entstehung klarzumachen und die großen, geheimnisvollen Kräfte der Natur zu enthüllen.“ —

Sie wußte, daß die Griechen viele Götter hatten, denen sie verschiedene Kräfte beilegten, weil sie glaubten, die Sonne, der Blitz und hundert andere Naturkräfte seien unabhängige, übermenschliche Wesen. Aber nach vielem Nachdenken und Forschen, sagte ich ihr, seien die Menschen zu der Ueberzeugung gelangt, daß all diese Kräfte nur Offenbarungen einer einzigen Macht seien, und dieser Macht hätten sie den Namen Gott gegeben.

Ein paar Minuten war sie still und dachte offenbar angestrengt nach. Dann fragte sie: „Wer hat Gott geschaffen?“ — Ich war genötigt, diese Frage ausweichend zu beantworten, denn ich konnte ihr das Geheimnis eines durch sich selbst existierenden Wesens nicht erklären. In der Tat würden viele ihrer eifrigen Fragen eine viel klügere Person, als ich bin, in Verwirrung gesetzt haben. Hier sind einige von ihnen: „Woraus machte Gott die neuen Welten? Woher nahm er die Erde, das Wasser, die Samenkörner und die ersten Tiere? Wo ist Gott? Haben Sie Gott je gesehen?“ — Ich sagte ihr, Gott sei allgegenwärtig, und sie dürfe sich ihn nicht als Person denken, sondern als das Leben, den Geist, die Seele aller Dinge. Sie unterbrach mich: „Nicht alle Dinge haben Leben. Die Felsen haben kein Leben und können nicht denken.“ — Man muß sie oft daran erinnern, daß es unendlich viele Dinge gibt, die die weisesten Leute auf der Welt nicht zu erklären vermögen.

Helen hat nie Unterricht über Dogmen oder Glaubensbekenntnisse erhalten, noch ist je ein Versuch gemacht worden, ihre Aufmerksamkeit mit Gewalt auf religiöse Lehrmeinungen zu lenken. Da ich mir meiner eigenen Unfähigkeit voll bewußt war, ihr irgendwelche zulängliche Erklärung von den Geheimnissen zu geben, die mit den Begriffen Gott, Seele, Unsterblichkeit verbunden sind, so hielt ich es stets für meine Pflicht, so wenig wie möglich mit meiner Schülerin über religiöse Dinge zu sprechen. Der hochwürdige Herr Philips Brooks[27] hat ihr die Vaterliebe Gottes in ergreifender Weise dargelegt.

Sie hat bis jetzt noch nicht in der Bibel lesen dürfen, weil ich nicht weiß, wie sie dies gegenwärtig tun kann, ohne einen ganz irrigen Begriff von den Eigenschaften Gottes zu bekommen. Ich habe ihr bereits in schlichter Sprache von dem herrlichen, hilfsbereiten Leben Jesu und seinem qualvollen Tode erzählt. Die Erzählung rührte sie tief, als sie sie zum ersten Male hörte.

Als sie auf unsere Unterredung zurückkam, so geschah dies, um zu fragen: „Warum ging Jesus nicht fort, sodaß ihn seine Feinde nicht finden konnten?“ — Die Wunder Jesu betrachtete sie mit sehr kritischem Auge. Als ihr erzählt wurde, daß Jesus auf dem See einherwandelte, um seinen Jüngern entgegenzugehen, sagte sie sehr entschieden: „Es heißt nicht wandelte, sondern schwamm.“ — Als ich ihr davon erzählte, daß Jesus Tote auferweckt habe, wurde sie ganz stutzig und sagte: „Das glaube ich nicht, daß ein Toter wieder lebendig werden kann.“ —

Eines Tages sagte sie traurig: „Ich bin taub und blind. Das ist der Grund, warum ich den lieben Gott nicht sehen kann.“ — Ich lehrte sie das Wort unsichtbar (invisible) und erwiderte ihr: „Wir können Gott nicht mit unseren Augen sehen, weil er ein Geist ist; wenn aber unsere Herzen voll von Güte und Sanftmut sind, dann sehen wir ihn, weil wir ihm dann ähnlicher sind.“ —

Ein anderesmal fragte sie: „Was ist eine Seele?“ — „Niemand weiß, was die Seele ist,“ — entgegnete ich; „aber das wissen wir, daß sie nicht der Körper ist und daß sie der Teil von uns ist, der denkt, liebt und hofft und der, wie die Christen glauben, weiterleben wird, wenn der Körper tot ist.“ — Dann fragte ich sie: „Kannst du dir deine Seele getrennt vom Körper denken?“ — „O ja,“ antwortete sie; „ich dachte vor einer Stunde sehr lebhaft an Herrn Anagnos, und da war mein Geist — meine Seele, verbesserte sie sich — in Athen, aber mein Körper war hier im Unterrichtszimmer.“ — In diesem Augenblicke schien ihr ein anderer Gedanke durch den Kopf zu gehen, denn sie fügte hinzu: „Aber Herr Anagnos sprach nicht zu meiner Seele.“ — Ich erklärte ihr, daß auch die Seele unsichtbar oder mit anderen Worten, ohne sinnlich wahrnehmbare Gestalt sei. „Aber wenn ich niederschreibe, was meine Seele denkt,“ versetzte sie, „dann wird sie sichtbar, und die Worte sind dann ihr Körper.“

Längere Zeit darauf sagte Helen zu mir: „Ich möchte sechzehnhundert Jahre leben.“ — Auf die Frage, ob sie nicht für immer in einem schönen Lande, Himmel genannt, leben wolle, erwiderte sie zunächst: „Wo liegt der Himmel?“ — Ich mußte zugestehen, dies nicht zu wissen, äußerte aber die Vermutung, es könnte einer von den Sternen sein. Ein Weilchen darauf sagte sie nun: „Wollen Sie nicht die Freundlichkeit haben, zuerst hinzugehen und mir dann alles über ihn erzählen?“ — und fuhr dann fort: „Tuscumbia ist eine sehr hübsche kleine Stadt.“ — Es verging mehr als ein Jahr, ehe sie auf das Thema zurückkam, und als sie dies tat, waren ihre Fragen sehr zahlreich und dringend. Sie fragte: „Wo liegt der Himmel und wie sieht es dort aus? Warum können wir über den Himmel nicht soviel wissen wie über fremde Länder?“ — Ich erklärte ihr in sehr einfacher Sprache, es könne viel Orte mit dem Namen Himmel geben, aber der Hauptsache nach sei er ein Zustand — die Erfüllung des Sehnens des Herzens, die Befriedigung seiner Wünsche; der Himmel sei überall dort zu finden, wo das Rechte anerkannt, ausgeübt und geliebt werde.

Vor dem Gedanken an den Tod schrak sie mit augenscheinlichem Schauder zurück. Als ihr vor kurzem ein von ihrem Bruder erlegter Hirsch gezeigt wurde, war sie sehr traurig, und fragte bekümmert: „Warum muß alles sterben, selbst der schnellfüßige Hirsch?“ — Ein andermal fragte sie mich: „Glauben Sie nicht, daß wir alle viel glücklicher sein würden, wenn wir nicht zu sterben hätten?“ — „Nein,“ entgegnete ich, „denn wenn es keinen Tod gäbe, so würde unsere Welt mit lebenden Geschöpfen bald so überfüllt sein, daß keines von ihnen behaglich leben könnte.“ — „Aber,“ erwiderte Helen rasch, „meiner Meinung nach hätte Gott ebensogut mehrere Welten erschaffen können, wie er diese eine erschaffen hat.“ —

Als ihr einige Freundinnen von der großen Glückseligkeit erzählten, die unser in einem anderen Leben warte, fragte sie sofort: „Woher wissen Sie das, wenn Sie noch nicht tot gewesen sind?“ —

Der Umstand, daß sie ganz gebräuchliche Worte und Redewendungen mitunter in buchstäblichem Sinne nimmt, beweist, wie nötig es für uns ist, uns zu vergewissern, daß sie diese in ihrer richtigen Bedeutung auffaßt. Als ihr vor kurzem erzählt wurde, die Ungarn seien geborene Musiker, so fragte sie erstaunt: „Singen sie denn, wenn sie geboren werden?“ — Als ihre Freundin hinzufügte, daß einige Schülerinnen, die sie in Budapest gesehen habe, mehr als hundert Melodien in ihrem Kopfe hätten, antwortete sie lachend: „Dann wird es in ihrem Kopfe wohl sehr geräuschvoll zugehen.“ — Sie besitzt einen scharfen Blick für das Lächerliche, und anstatt sich durch eine bildliche Ausdrucksweise in Verlegenheit setzen zu lassen, ergötzt sie sich oft an ihrer allzu wörtlichen Auffassung der betreffenden Redewendungen.

Als ihr einmal gesagt worden war, die Seele sei gestaltlos, stutzte sie bei Davids Worten: ‚Er führet meine Seele‘. — „Hat sie Füße? Kann sie gehen? Ist sie blind?“ fragte sie, denn für die war die Vorstellung des Geführtwerdens mit der Vorstellung des Blindseins verknüpft.

Von allem, was Helen in Unruhe und Verwirrung versetzt, stimmt sie nichts so traurig, wie die Erkenntnis von dem Vorhandensein des Schlechten, und von den Leiden, die aus diesem entspringen. Lange Zeit hindurch war es möglich, sie vor dieser Erkenntnis zu bewahren, und es wird stets verhältnismäßig leicht sein, sie vor persönlicher Berührung mit Laster und Verderbtheit zu behüten. Die Tatsache, daß die Sünde existiert und daß großes Elend aus ihr entspringt, dämmerte ihrem Geiste allmählich auf, je mehr sie das tägliche Leben und seine Erfahrungen kennen lernte. Es mußte ihr die Notwendigkeit von Gesetzen und Strafen erklärt werden. Es wurde ihr sehr schwer, das Vorhandensein des Uebels in der Welt mit der Vorstellung von Gott zu vereinigen, die man ihr eingeprägt hatte.

Eines Tages fragte sie: „Sorgt Gott allezeit für uns?“ — Als ihr dies bejaht wurde, fuhr sie fort: „Warum hat er denn dann meine kleine Schwester heute morgen fallen lassen, sodaß sie sich den Kopf so arg zerschlagen hat?“ — Ein andermal fragte sie nach der Allmacht und Güte Gottes. Man hatte ihr von einem schrecklichen Sturme auf der See erzählt, bei dem mehrere Menschen ihr Leben eingebüßt hatten, und sie fragte: „Warum hat Gott die Leute nicht gerettet, wenn er alles zu tun vermag?“

Umgeben von liebenden Angehörigen und Freunden und unter veredelnden Einflüssen aufgewachsen, hat Helen vom Beginne ihrer geistigen Entwickelung an stets bereitwillig das Rechte getan. Sie erkennt mit unfehlbarem Instinkt, was recht ist, und tut es mit Freuden. Sie hält die eine schlechte Handlung nicht für harmlos, eine andere nicht für bedeutungslos, eine dritte nicht für unbeabsichtigt. Für ihre reine Seele ist alles Schlechte gleich häßlich.

Die letzten Aeußerungen Fräulein Sullivans über ihre Methode finden sich in dem Berichte, den sie für die im Juli 1894 in Chautauqua abgehaltene Versammlung der »Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen« verfaßt hat. Es heißt darin unter anderem:

Sie dürfen nicht glauben, daß Helen mit einem Schlage den Wortschatz der englischen Sprache zu beherrschen lernte, sobald sie den Gedanken, daß jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe, erfaßte, oder daß »ihre geistigen Fähigkeiten in voller Waffenrüstung wie Pallas Athene aus Zeus’ Haupt aus der totenähnlichen Erstarrung, in der sie lebend schlummerten, emporstiegen«, wie einer ihrer begeisterten Bewunderer uns glauben machen möchte. Zu Anfang waren die Wörter, Redewendungen und Sätze, deren sie sich zum Ausdruck ihrer Gedanken bediente, sämtlich Nachahmungen derer, die wir in der Unterhaltung mit ihr angewandt hatten und die ihr Gedächtnis unbewußt festgehalten hatte. Und in der Tat, dies trifft auf die Sprache aller Kinder zu. Ihre Sprache ist die Erinnerung an die Sprache, die sie in ihrem Elternhause gehört haben. Die fortwährende Wiederholung der im täglichen Leben üblichen Unterhaltung hat ihrem Gedächtnis gewisse Wörter und Redewendungen eingeprägt, und wenn sie zu sprechen beginnen, so liefert ihnen ihr Gedächtnis die Wörter, die sie stammeln. Gleicherweise ist die Sprache der Gebildeten die Erinnerung an die Sprache der Bücher.

Die Sprache wächst aus dem Leben, dessen Bedürfnissen und Erfahrungen hervor. Anfangs war der Geist meiner kleinen Schülerin völlig leer. Sie hatte in einer Welt gelebt, die sie nicht erkennen konnte. Sprache und Erkenntnis sind unlöslich miteinander verknüpft; sie stehen zueinander in wechselseitiger Beziehung. Gute Leistungen im Gebrauch der Sprache setzen eine wirkliche Kenntnis der Dinge voraus und hängen von dieser ab. Sobald Helen die Vorstellung faßte, daß jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe und daß diese Bezeichnungen mit Hilfe des Fingeralphabets anderen übermittelt werden können, ging ich dazu über, ihr Interesse an den Dingen, deren Bezeichnungen sie mit so offenkundiger Freude buchstabieren lernte, wachzurufen. Niemals erteilte ich ihr Unterricht im Sprechen lediglich zu Unterrichtszwecken, sondern ich bediente mich stets der Sprache als eines Mittels zur Gedankenübertragung, und so fiel die Erlernung der Sprache mit der Aneignung von Kenntnissen zusammen. Um die Sprache in vernünftiger Weise zu gebrauchen, muß man etwas haben, worüber man spricht, und dies ist wieder das Ergebnis von Erfahrungen, die man gemacht hat. Kein Maß von Sprachübung wird unsere Kinder befähigen, die Sprache leicht und fließend zu handhaben, wenn sie sich nicht in ihrem Innern klargemacht haben, was sie sagen wollen, oder wenn es uns nicht gelungen ist, in ihnen den Wunsch rege zu machen, zu erfahren, was im Innern anderer Menschen vorgeht.

Anfangs band ich mich bei meinem Unterricht an keinen bestimmten Plan. Ich suchte stets herauszufinden, wofür sich Helen am meisten interessierte, und machte dies zum Ausgangspunkt der neuen Lektion, mochte es nun mit dem Gegenstand, den ich mir zu behandeln vorgenommen hatte, zusammenhängen oder nicht. Während der ersten beiden Jahre ihrer geistigen Entwickelung hielt ich Helen sehr selten zum Schreiben an. Um schreiben zu können, muß man einen Stoff haben, über den man schreibt, und dies erfordert wiederum einige geistige Vorbereitung. Das Gedächtnis muß einen Vorrat von Vorstellungen haben und der Geist muß durch Wissen bereichert sein, bevor das Schreiben eine naturgemäße und angenehme Arbeit wird. Unsere Kinder werden, glaube ich, nur zu häufig zum Schreiben angehalten, ehe sie etwas zu sagen haben. Man lehre sie denken, lesen und aussprechen, was sie meinen, und sie werden schreiben, weil sie nicht anders können.

Helen eignete sich die Sprache mehr durch Uebung und Gewohnheit an, als durch das Erlernen von Regeln und Definitionen. Die Grammatik mit ihrer verwirrenden Menge von Klassifikationen, Bezeichnungen und Paradigmen war aus dem Unterrichte gänzlich verbannt. Sie erlernte die Sprache dadurch, daß sie mit der lebenden Sprache selbst in Berührung gebracht wurde; sie lernte diese aus der täglichen Unterhaltung und aus ihren Büchern kennen und wurde veranlaßt, sie in der mannigfaltigsten Weise hin- und herzuwenden, bis sie imstande war, sie richtig zu gebrauchen. Zweifellos sprach ich mehr und anhaltender mit meinen Fingern, als ich es mit meinem Munde hätte zu tun brauchen; denn wenn sie hätte sehen und hören können, so würde sie in Bezug auf Unterhaltung und Belehrung weniger von mir abhängig gewesen sein.

Ich glaube, jedes Kind hat in seinem Innern wertvolle Eigenschaften verborgen, die belebt und entwickelt werden können, wenn wir nur den richtigen Weg einschlagen; niemals werden wir aber die höheren Naturen unter uns in angemessener Weise entwickeln, wenn wir fortfahren, ihren Geist mit den sogenannten Anfangsgründen vollzustopfen. Die Mathematik wird sie nie zu liebevollen Wesen machen, und ebensowenig wird die Kenntnis von der Größe und der Gestalt der Erde sie zur Würdigung von deren Schönheiten befähigen. Statt dessen wollen wir die Kinder in den ersten Jahren lieber dazu anleiten, ihren höchsten Genuß in der Natur zu finden. Wir wollen sie auf den Feldern umherspringen lassen, ihnen von Tieren erzählen und sie zur Beobachtung der realen Dinge anhalten. Kinder werden sich unter gesunden Verhältnissen selbst erziehen. Sie bedürfen viel mehr einer liebevollen Leitung als der Belehrung.

Ich glaube, daß zu Helens fließendem Sprechen viel der Umstand beigetragen hat, daß fast jeder Eindruck, den sie empfängt, ihr durch das Medium der Sprache vermittelt wird. Aber abgesehen von Helens natürlicher Beanlagung zum Erlernen der Sprache und dem günstigen Einflusse ihrer Umgebung werden wir, glaube ich, finden, daß der beständige Umgang mit guten Büchern von der größten Bedeutung für ihre Erziehung gewesen ist. Es ist nicht erforderlich, daß ein Kind jedes Wort in einem Buche verstehe, wenn es dasselbe mit Genuß und Nutzen lesen soll. In der Tat sollten nur solche Erklärungen gegeben werden, die wirklich wesentlich sind. Helen nahm die Sprache in sich auf, die sie anfangs noch nicht verstehen konnte, die aber in ihrem Geiste zurückblieb, bis sie ihrer bedurfte, und die Worte sich von selbst ihrer Unterhaltung und ihren schriftlichen Ausarbeitungen anschmiegten. In der Tat ist von einigen behauptet worden, daß sie zuviel lese, daß sie einen großen Teil ihrer schöpferischen Kraft in der Freude an Büchern zersplittere, daß, während sie selbständig urteilen und sich ausdrücken könne, sie die Dinge lediglich durch die Augen anderer betrachte und sich in deren Sprache ausdrücke; allein ich bin überzeugt, daß selbständiges Arbeiten ohne Vorbereitung durch fleißige Lektüre ein Ding der Unmöglichkeit ist. Helen hat die besten und reinsten Muster in der Sprache beständig vor Augen, und ihre Unterhaltung sowie ihre schriftlichen Darlegungen sind unbewußte Erinnerungen an das, was sie gelesen hat. Das Lesen sollte meines Erachtens unabhängig von den sonstigen Schularbeiten betrieben werden. Kinder sollten zum Lesen rein des Vergnügens wegen ermuntert werden. Die Haltung, die ein Kind seinen Büchern gegenüber einnimmt, sollte die der unbewußten Empfänglichkeit sein. Die großen Werke der Dichtkunst sollten einen Teil seines Lebens ausmachen, sowie sie einst der wahre Lebensinhalt für ihre Urheber waren. Es ist richtig, je empfänglicher und phantasiereicher der Geist ist, der das in der Literatur Gebotene aufnimmt, desto genauer werden auch die feinsten Züge wiedergegeben. Helen besitzt ein lebhaftes Empfinden, ein frisches, leicht erregbares Interesse an allem, einen geistigen Einblick in das Wesen des künstlerischen Temperaments und infolgedessen natürlich eine lebhaftere und intensivere Freude am Leben, einfach als Leben aufgefaßt, an der Natur, an Büchern und an Menschen als minderbegabte Sterbliche. Ihr Geist ist von den hohen Gedanken und den Idealen der großen Dichter so erfüllt, daß ihr nichts als Gemeinplatz erscheint, denn ihre Phantasie schmückt das ganze Leben mit ihren eigenen reichen Farben aus.

Fräulein Sullivan hat mit ihrer Methode dort eingesetzt, wo Dr. Howe aufgehört hat. Er erfand das Instrument, das physische Werkzeug, aber das Lehren der Sprache ist etwas ganz anderes als das mechanische Mittel, durch das die Sprache gelehrt werden kann. Durch Versuche, durch die Beobachtung anderer Kinder gelangte Fräulein Sullivan auf den praktischen Weg, die Sprache nach der natürlichen Methode zu lehren. Nach dieser »natürlichen Methode« hatte Dr. Howe gesucht, sich aber nie zu dem Gedanken aufschwingen können, daß man ein taubstummes Kind nicht jedes Wort einzeln für sich durch Definition lehren darf, sondern daß ihm die Sprache durch unaufhörliche Wiederholung von Wörtern, die es nicht versteht, beigebracht werden muß. Und hierin besteht Fräulein Sullivans große Entdeckung. Den ganzen Tag hindurch vom frühen Morgen bis zum späten Abend buchstabierte Fräulein Sullivan unverdrossen in die Hand ihrer Schülerin, und hierdurch fing Helen Keller Wörter auf, genau so wie das Kind in der Wiege Wörter auffängt, dadurch, daß es sie zu Tausenden hört, ehe es ein einziges gebraucht, und die Wörter mit der Gelegenheit, bei der sie gesprochen wurden, in der Erinnerung verknüpft. So lernt es, daß Wörter Gegenstände, Handlungen, Empfindungen bezeichnen. Dieses ist das erste Prinzip bei Fräulein Sullivans Methode, ein Prinzip, das praktische Ergebnisse gezeitigt hat und das, soviel ich finden kann, niemals bei der Erziehung eines taubstummen Kindes, geschweige denn eines taubstummen und blinden, praktisch angewandt worden ist, ehe es Fräulein Sullivan bei Helen Keller versuchte. Und dieses Prinzip ist auch nicht eher klar formuliert worden, bevor Fräulein Sullivan ihre Briefe schrieb.

Das zweite Prinzip bei ihrer Methode (die numerische Reihenfolge ist natürlich willkürlich) besteht darin, mit dem Kinde nie über Dinge zu sprechen, die ihm unangenehm oder langweilig sind. In der ersten Taubstummenschule, die Fräulein Sullivan überhaupt besuchte, war die Lehrerin damit beschäftigt, auf der Wandtafel den Kindern mittels geschriebener Worte etwas mitzuteilen, was diese nicht zu wissen verlangten, während sie die besuchenden Gäste mit der größten Neugierde umringten und dadurch den Beweis lieferten, daß es tausenderlei Dinge gab, die sie zu wissen verlangten. Warum knüpfte die Lehrerin beim Sprachunterricht nicht an das an, wofür sich die Kinder interessierten?

Verwandt mit dem Grundsatz, mit dem Kinde nur über Dinge zu sprechen, für die es sich interessiert, ist der weitere, einem Kinde, das Fragen stellt, niemals den Mund zu verbieten, sondern seine Fragen so gut wie möglich zu beantworten. Fräulein Sullivan paßte ihre Ausführungen weder in Inhalt noch in Form dem vermeintlichen niedrigen Stande der Intelligenz des Kindes an, sondern ersuchte jedermann, mit Helen natürlich zu sprechen, ihr ganze Sätze und vernünftige Gedanken mitzuteilen, gleichviel, ob Helen sie verstehe oder nicht. So erkannte Fräulein Sullivan, was so viele noch nicht begreifen wollen, daß nach der ersten allereinfachsten Definition von »Hut«, »Tasse«, »gehen«, »sitzen« die Spracheinheit für das Kind der Satz ist, wie dieser ebenfalls die Spracheinheit der Erwachsenen darstellt.

So schuf sich Fräulein Sullivan eine Methode, die so einfach ist und so sehr alles künstlichen Zuschnittes ermangelt, daß ihre Methode eher die Verneinung jeder Methodik zu sein scheint. Es ist zweifelhaft, ob wir etwas von Helen Keller erfahren hätten, wenn Fräulein Sullivan nicht schon vorher mit anderen Kindern verkehrt hätte. Durch deren Beobachtung lernte sie ihren Zögling soviel wie möglich wie ein normales Kind behandeln.

Das Fingeralphabet war nicht das einzige Mittel, Helen die Kenntnis von Wörtern beizubringen. Bücher ergänzten das Fingeralphabet, ja kamen diesem vielleicht an Bedeutung für den Sprachunterricht gleich. Helen saß voller Eifer über ihnen, bevor sie lesen konnte, anfänglich nicht des Inhaltes wegen, sondern um die Wörter, die sie kannte, herauszufinden, und die Erläuterung neuer Wörter durch den Zusammenhang, durch die Verbindung mit schon bekannten, bereicherten Helens Wortschatz. Die Bücher sind der Speicher der Sprache, und jedes Kind, mag es taub sein oder nicht, muß lernen, wenn seine Aufmerksamkeit in irgend einer Weise auf gedruckte Blätter gelenkt wird. Es lernt nicht dadurch, daß es liest, was es versteht, sondern dadurch, daß es Wörter liest die es nicht versteht, und deren es sich später erinnert. Und obgleich wenig Kinder ein so frühreifes Interesse an Büchern nehmen wie Helen Keller, so kann doch die natürliche Neugierde eines jeden Kindes auf gedruckte Blätter gelenkt werden, namentlich, wenn der Lehrer geschickt ist und ein Wörterspiel einleitet, wie es Fräulein Sullivan tat (s. S. 287 f.). Helen Keller soll eine besondere Sprachbegabung besitzen. Richtiger würde man sagen, sie besitze eine besondere Begabung für das Denken, und ihre Vorliebe für die Sprache sei auf den Umstand zurückzuführen, daß die Sprache für sie gleichbedeutend mit Leben ist. Die Sprache war kein besonderes Fach für sie wie Geographie oder Arithmetik, sondern das Mittel, durch das sie zur Kenntnis äußerer Dinge gelangte.

Als sie im Alter von vierzehn Jahren erst wenige Unterrichtsstunden im Deutschen gehabt hatte, überlas sie den Text von »Wilhelm Tell« und versuchte die Handlung des Stückes herauszufinden. Von der Grammatik wußte sie nichts und kümmerte sich auch nicht um sie. Sie lernte die Sprache von der Sprache selbst, und dies ist neben dem Hören der Sprache eine lebendigere und am Ende auch leichtere Art und Weise, eine fremde Sprache zu erlernen, als unsere Schulmethode, mit der Grammatik zu beginnen. Auf dieselbe Weise spielte sie mit dem Latein, indem sie nicht allein aus den Lektionen lernte, die ihr erster lateinischer Lehrer ihr gab, sondern auch daraus, daß sie die Worte eines Textes immer und immer wieder überlas — ein Spiel, das sie für sich selbst trieb.

Herr John D. Wright, einer ihrer Lehrer an der Wright-Humason-Schule, schreibt über Helen:

Oft fand ich sie, wenn sie einen Augenblick freie Zeit hatte, in ihrer Lieblingsecke auf einem Armstuhle sitzen, auf dessen Seitenlehnen das schwere in Blindendruck hergestellte Buch ruhte, während sie ihren Finger langsam über die Zeilen von Molières Lustspiel »Le Médecin malgré lui« gleiten ließ und bei den komischen Situationen und humoristischen Zügen leise vor sich hin lachte. Damals war ihr Wortvorrat im Französischen noch sehr klein, aber unter Zuhilfenahme ihres Verstandes vermochte sie die Bedeutung der Wörter zu erraten, sodaß sie sich den Sinn zusammensetzte wie ein Kind das Zusammenlegespiel betreibt. Die Folge davon war, daß nach Verlauf weniger Wochen wir beide, sie und ich, eines Abends eine höchst heitere Stunde verlebten, in der sie mir die ganze Handlung des Dramas erzählte, wobei sie mit großem Behagen bei dem darin herrschenden Humor und blendenden Witze verweilte. Es war keine Unterrichtsstunde, sondern nur eine ihrer Erholungen. —

So ist Helen Kellers Sprachbegabung identisch mit ihrer gesamten geistigen Begabung, die sich wegen des außerordentlichen Wertes, den die Sprache für das junge Mädchen besitzt, auf diese geworfen hat.

Man hat die Frage aufgeworfen, ob Helen Kellers Leistungen ihrer natürlichen Befähigung oder der bei ihrem Unterricht benutzten Methode zu verdanken seien. Ohne allen Zweifel würde eine Lehrerin, und wenn sie zehnmal so genial gewesen wäre wie Fräulein Sullivan, ihre Schülerin nicht so weit haben bringen können wie Helen Keller, wenn sie es mit einem unbegabten und geistig minderwertigen Kinde zu tun gehabt hätte. Andererseits würde aber Helen Keller unzweifelhaft, auch wenn sie noch zehnmal soviel Genie besessen hätte, sich nicht zu dem entwickelt haben, was sie ist, wenn sie nicht vom ersten Augenblick an, namentlich zu Anfang eine so vortreffliche Erziehung genossen hätte.

Fräulein Sullivan ist eine Persönlichkeit von ungewöhnlichen Fähigkeiten. Ihre Methode wird, von einem anderen Lehrer ausgeübt, nicht dieselben Erfolge zeitigen. Fräulein Sullivans starker selbständiger Geist hat viel von seiner Spannkraft auf ihre Schülerin übertragen. Dies heißt aber nicht, daß Fräulein Keller sich in vollständiger Abhängigkeit von ihrer Lehrerin befindet. Es wird erzählt, daß sie im Alter von acht Jahren einmal, als jemand sie zu etwas zu bewegen suchte, eine Weile ernst dasaß und dann auf die Frage, was ihr fehle, antwortete: I am preparing to assert my independence. Eine solche eigenwillige Persönlichkeit kann nicht in völliger Abhängigkeit aufwachsen, selbst nicht unter dem Einfluß eines Willens, der so stark ist wie der Fräulein Sullivans. Aber letztere hat vermöge ihrer natürlichen Veranlagung vieles für ihren Zögling getan, was sich nicht analysieren oder auf ein Prinzip zurückführen läßt: sie hat ihr die Anregungen zu teil werden lassen, die in dem Wesen der wahren Freundschaft begründet sind, die die Kräfte beider Teile weit mehr zur Entfaltung bringt als sie hemmt. Wenn Fräulein Keller außerdem ein »Engel an Sanftmut und Güte« ist, wenn sie eine starke Liebe »zu allem Guten und Schönen« hegt, so verdankt sie sicher etwas davon der Lehrerin, die volle sechzehn Jahre hindurch beständig um sie gewesen ist.

Fräulein Sullivan hat demnach vieles für Fräulein Keller getan, was keine andere Lehrerin in genau derselben Weise für eine andere Schülerin hätte tun können. Um eine zweite Helen Keller heranzubilden, müßte man eine zweite Annie Sullivan haben. Um ein anderes taubstummes und blindes Kind sorgfältig zu erziehen, dazu braucht man nur einen anderen Lehrer, der unter günstigen Verhältnissen tätig ist, eine Fülle von äußeren Interessen besitzt, stets mit seinem Zögling zusammenlebt, völlig freie Hand hat und die Prinzipien, die zu finden Fräulein Sullivan ihm die Mühe erspart hat, nach seinen Bedürfnissen anwendet, indem er sie modifiziert und ergänzt, je nachdem er es für nötig erachtet; ebenso muß der Zögling gesund, von guten natürlichen Anlagen und jung genug sein, um noch Bildungsfähigkeit zu besitzen. Jedes taubstumme oder taubstumme und blinde Kind kann, wofern es gesund ist, unterrichtet werden. Und die einzigen, die dies zu tun vermögen, sind die Eltern, oder ein Hauslehrer, nicht die Schule. Dieser Satz wird von den Leitern von Taubstummenanstalten sicher auf das heftigste bekämpft werden. Unzweifelhaft ist die Taubstummenanstalt die einzige Möglichkeit für den staatlichen Unterricht. Aber es ist klar, daß das, worin das taubstumme Kind unterwiesen werden soll, gerade das ist, was andere Kinder lernen, bevor sie überhaupt in die Schule gehen. Als Fräulein Sullivan in den Geflügelhof trat, ein junges Hühnchen aufhob und mit Helen darüber sprach (s. S. 236), so erteilte sie eine Art von Unterricht, der innerhalb der vier Wände unmöglich ist.

Augenscheinlich befindet sich Dr. Howe im Irrtum, wenn er sagt: Ein Lehrer kann kein Kind sein. Gerade dies ist es, was der Lehrer eines taubstummen Kindes sein muß, selbst ein Kind, bereit, zu spielen und herumzutollen und an allem kindlichen Tun Interesse zu finden.

Wesentlich für Helen Kellers Entwickelung war der Umstand, daß sie während der ersten neunzehn Monate ihres Lebens sehen und hören konnte. Dies bedeutete eine gewisse geistige Entwickelung. Außerdem besaß sie von ihren Eltern her gute körperliche und geistige Anlagen. Sie drückte ihre Gedanken durch Zeichen aus, ehe sie sprechen lernte. Frau Keller äußerte in einem Briefe, daß Helen vor ihrer Krankheit für all und jedes Zeichen gebrauchte, und glaubte, diese Angewohnheit sei schuld daran, daß das Kind so spät sprechen gelernt habe. Nach der Krankheit, als sie vollständig auf Zeichen angewiesen war, entwickelte sich Helens Neigung zur Gestikulation. Wie weit sich andere ihr verständlich machen konnten, läßt sich schwer feststellen, aber sie erkannte viel von dem, was um sie herum vorging. Sie wußte, daß andere ihre Lippen bewegten, sie »sah« ihren Vater eine Zeitung lesen, und als dieser sie beiseite gelegt hatte, setzte sie sich auf seinen Stuhl und hielt die Zeitung vor ihr Gesicht (s. S. 14). Ihre anfänglichen Wutausbrüche waren ein unglücklicher Ausdruck ihrer angeborenen Charakterstärke, die durch die Erziehung später in geschulte und geregelte Kraft umgewandelt wurde.

So war es denn eine dankbare Aufgabe für Fräulein Sullivan, einer solchen Schülerin ihre Hingebung, ihre Intelligenz und ihre vor keiner Schwierigkeit zurückschreckende Willfährigkeit zu widmen. Fräulein Sullivans Methode war so vorzüglich, daß jedermann deren Richtigkeit anerkennen müßte, selbst wenn sie keinen Erfolg gehabt hätte. Zudem besaß Fräulein Sullivan eine große Energie. Und schließlich begünstigten alle Umstände diesen ersten Unterricht, bei dem Lehrerin und Schülerin in untrennbarer Gemeinschaft miteinander spielten, sich gegenseitig ergründeten und gegenseitig erzogen.

Helen Kellers Sprache.

Fräulein Sullivans Bericht über Helens Unterricht in der Lautsprache. — Eigentümlichkeiten von Helens Aussprache. — Ansprache Helens in Mt. Airy bei Philadelphia.

Fräulein Keller hat selbst erzählt, in welcher Weise sie sprechen gelernt hat (s. S. 57 ff.). Eine wichtige Ergänzung zu dieser Darstellung bieten die Mitteilungen Fräulein Sullivans in dem Jahresbericht des Perkinsschen Instituts für 1891. Es heißt darin unter anderem:

„Ich wußte, daß Laura Bridgman dasselbe instinktive Verlangen wie Helen gezeigt hatte, Töne hervorzubringen, und sogar etliche einfache Wörter auszusprechen gelernt hatte, die zu gebrauchen ihr großes Vergnügen machte, und ich zweifelte nicht im geringsten, daß Helen mindestens soviel wie sie erreichen könne. Ich glaubte jedoch, daß der Vorteil, der ihr daraus erwachsen würde, in keinem Verhältnis zu dem Aufwande an Zeit und Mühe stehen werde, den ein solches Experiment erfordert hätte.

Außerdem macht der Mangel an Kontrolle durch das Gehör die Stimme eintönig und oft sehr unangenehm, und eine solche Sprache ist in der Regel, außer für die näheren Bekannten des Sprechenden, unverständlich.

Die Aneignung der Sprache durch taube Kinder, die noch keinen sonstigen Unterricht genossen haben, geht langsam und oft mühevoll vor sich. Es wird, wie es mir scheint, häufig zuviel Wert auf die Unterweisung eines tauben Kindes in der Lautsprache gelegt — ein Umstand, der für die geistige Entwickelung des Zöglings von Nachteil sein kann. In der Tat ist die Lautsprache ein ungenügendes Erziehungsmittel, während der Gebrauch des Fingeralphabets die geistige Regsamkeit fördert und kräftigt, da durch dieses das Kind in nahe Berührung mit seiner Muttersprache gebracht wird und die höchsten und abstraktesten Ideen seinem Geiste leicht und vollständig vermittelt werden können. Helens Beispiel beweist, daß es auch für die Aneignung der Lautsprache ein Hilfsmittel von unschätzbarem Werte ist. Sie war mit den Wörtern und der Konstruktion der Sätze schon vollständig vertraut und hatte nur noch mechanische Schwierigkeiten zu überwinden. Außerdem wußte sie, was die Sprache ihr für einen Genuß gewähren würde, und diese genaue Erkenntnis des Zieles ihres Strebens bereitete ihr schon eine Vorfreude, die alle Mühsal leicht machte. Das unterrichtete taube Kind, das zum Artikulieren angehalten wird, kennt sein Ziel nicht, und die Unterweisung im Sprechen ist ihm lange Zeit lästig und bedeutungslos.

Ehe ich die Art und Weise schildere, in der Helen sprechen lernte, dürfte es angebracht sein, kurz zu erwähnen, in welchem Maße sie ihre Stimmorgane gebraucht hatte, ehe sie regelmäßigen Unterricht im Artikulieren erhielt. Als sie im Alter von neunzehn Monaten von der Krankheit befallen wurde, die den Verlust des Gesichts und Gehörs herbeiführte, begann sie gerade sprechen zu lernen. Das bedeutungsleere Stammeln des kleinen Kindes wurde von Tag zu Tage immer mehr zu bewußten, willkürlichen Zeichen für das, was es fühlte und dachte. Aber die Krankheit hemmte ihre Fortschritte in der Aneignung der Lautsprache, und als ihre körperliche Gesundheit zurückkehrte, fand es sich, daß sie aufgehört hatte, verständlich zu sprechen, weil sie keinen Laut mehr hörte. Sie fuhr fort, ihre Stimmorgane mechanisch zu gebrauchen, wie es die Kinder in der Regel tun. Ihr Weinen und Lachen sowie der Klang ihrer Stimme, wenn sie einzelne Wortelemente aussprach, waren vollkommen natürlich, aber das Kind verband offenbar keinen Sinn mit ihnen, und mit einer einzigen Ausnahme brachte es dieselben nicht in der Absicht hervor, sich mit seiner Umgebung zu verständigen, sondern aus dem bloßen Bedürfnisse, sein angeborenes, organisches, ererbtes Ausdrucksvermögen zu üben. Mit dem Worte water, das eines der ersten war, die ihre kleinen Lippen bilden lernten, verband Helen jedoch stets einen Sinn, und es war dies das einzige Wort, das sie auch nach dem Verluste ihres Gehörs zu gebrauchen fortfuhr. Ihre Aussprache des Wortes wurde jedoch allmählich undeutlich, und als ich sie kennen lernte, war nur noch ein eigentümliches Geräusch davon übrig. Nichtsdestoweniger war es das einzige Zeichen, das sie stets für Wasser gebrauchte, und sie vergaß das gesprochene Symbol nicht eher, als sie das Wort mit ihren Fingern buchstabieren gelernt hatte. Das Wort water und die Gebärde, die dem Worte »Lebewohl« entspricht, schienen alles zu sein, was das Kind von den natürlichen und erworbenen Zeichen behalten hatte, mit denen es vor seiner Krankheit vertraut geworden war.

Als sie durch den Gefühlssinn (ich gebrauche das Wort in dem umfassendsten Sinne, sodaß es alle Tasteindrücke einschließt) mit ihrer Umgebung bekannt wurde, empfand sie immer dringender das Bedürfnis, sich mit derselben zu verständigen. Ihre Händchen befühlten jeden Gegenstand und beobachteten jede Bewegung der Personen, mit denen sie zusammenkam, und sie ahmte diese Bewegungen rasch nach.

Als ich in Tuscumbia eintraf, hatte sie sich über sechzig Zeichen zurechtgemacht, die alle nachahmender Natur waren und von ihren Bekannten leicht verstanden wurden. So oft sie etwas sehr dringend verlangte, gestikulierte sie auf höchst ausdrucksvolle Art. Gelang es ihr nicht, sich verständlich zu machen, so wurde sie heftig. In den Jahren ihrer geistigen Kerkerhaft war sie gänzlich auf Zeichen angewiesen und konnte sich selbst keinerlei Art Lautsprache schaffen, die imstande gewesen wäre, Gedanken auszudrücken. Es scheint jedoch, daß sie noch während ihrer Leidenszeit die Lippenbewegungen ihrer Mutter verfolgte.

Wenn sie unbeschäftigt war, so irrte sie ruhelos durch das ganze Haus und stieß dabei sonderbare, obgleich selten unangenehme Töne aus. Ich habe sie ihre Puppe wiegen sehen, wobei sie ein beständiges monotones Summen hervorbrachte, während sie mit den Fingern der anderen Hand die Bewegungen ihrer Lippen verfolgte. Dies war eine Nachahmung des Wiegengesanges ihrer Mutter. Gelegentlich brach sie in ein lustiges Gelächter aus, und dann streckte sie ihre Hand aus, und legte sie irgend jemand, der sich in ihrer Nähe befand, auf den Mund, um sich zu vergewissern, ob er ebenfalls lache. Konnte sie kein Lächeln entdecken, so gestikulierte sie erregt und versuchte ihre Gedanken zum Ausdruck zu bringen; wenn es ihr aber nicht gelang, den anderen zum Lachen zu bringen, so saß sie ein paar Augenblicke mit verwirrtem und enttäuschtem Gesichtsausdruck still da. Die einzigen Wörter, die sie vor dem März 1890 mit einiger Deutlichkeit auszusprechen gelernt hatte, waren papa, mamma, baby, sister. Diese Wörter hatte sie ohne besondere Unterweisung ihren Bekannten von den Lippen abgelesen. Man sieht, sie enthalten drei vokalische und sechs konsonantische Elemente, und diese bildeten die Grundlage für ihren ersten wirklichen Unterricht im Sprechen.

Zu Ende der ersten Lektion war sie imstande, folgende Laute deutlich auszusprechen[28]: a, ä, â, ē, ĭ, ô, c (weich wie s und hart wie k), g (hart), b, l, n, m, t, p, s, u, k, f und d. Die Aussprache mehrerer miteinander verbundener harter Konsonanten in demselben Wort fällt ihr jetzt noch schwer; oft unterdrückt sie den einen und verändert den anderen, und manchmal ersetzt sie beide durch einen ähnlichen Laut mit einer sanften Aspiration. Anfangs machte sich die Verwechselung von l und r bei ihrem Sprechen recht bemerkbar. Wiederholt wollte sie den einen Laut für den anderen gebrauchen. Die große Schwierigkeit in der Aussprache des r machte diesen Laut zu einem der letzten, die sie bemeisterte. Auch das ch, sh und g verursachten ihr viele Mühe, und sie spricht sie jetzt noch nicht deutlich aus.

Als sie noch nicht eine volle Woche gesprochen hatte, traf sie eines Tages einen ihrer Bekannten, Herrn Rodocanachi; sie begann sofort sich mit der Aussprache seines Namens abzumühen, und ließ nicht eher nach, als bis sie imstande war, das Wort deutlich zu artikulieren. Ihr Interesse erlahmte keinen Augenblick, und in ihrem Eifer, die Schwierigkeiten zu überwinden, die sich ihr von allen Seiten in den Weg stellten, strengte sie ihre Kräfte bis zum äußersten an und erlernte in elf Lektionen sämtliche einzelnen Elemente der Sprache.“ —

Gegenwärtig ist ihre Stimme leise und angenehm. Ihre Sprache entbehrt jedoch der Mannigfaltigkeit und Modulation; sie fließt in einem singenden Tonfalle fort, wenn sie laut liest, und wenn sie einigermaßen laut spricht, so bewegt sich ihre Stimme um zwei bis drei Mitteltöne herum. Ihre Stimme besitzt einen ausgesprochen aspirierten Klang; sie hört sich an, als würde auf den Laut zuviel Atem verwendet. Einige von ihren Tönen sind musikalisch und wohlklingend. Erzählt sie eine Kindergeschichte oder trägt sie etwas Pathetisches vor, so gleitet ihre Stimme in angenehmen Uebergängen von einem Tone zum anderen. Ihre Vortragsweise erinnert dann an das nicht völlig gut getroffene Verweilen bei langen Wörtern, das man bei einem Kinde wahrnimmt, welches eine feierliche Geschichte erzählt.

Der Hauptmangel an Helens Sprache besteht in dem Fehlen der Satzbetonung und der Mannigfaltigkeit der Modulation bei dem Aussprechen der einzelnen Satzglieder. Fräulein Keller betont jedes Wort wie ein Ausländer, der noch mit den einzelnen Satzbestandteilen zu kämpfen hat, oder wie Kinder zuweilen in der Schule lesen, wenn sie jedes Wort für sich aussprechen.

Außer dem Englischen spricht sie Französisch und Deutsch. Ihr Freund, Herr John Hitz, dessen Muttersprache das Deutsche ist, bezeichnet ihre Aussprache als ganz vorzüglich. Ein anderer Freund, der sowohl mit dem Englischen wie mit dem Französischen vertraut ist, findet ihr Französisch viel verständlicher als ihr Englisch. Wenn sie englisch spricht, so verteilt sie die Betonung wie im Französischen und legt nicht genügend Nachdruck auf die accentuierten Silben; auch ist ihre Aussprache desselben Wortes von einem Tage zum anderen verschieden.

Sie begeht mitunter Fehler in der Aussprache, wenn sie laut liest und dabei auf ein Wort stößt, das sie noch nie zuvor ausgesprochen hat, mag sie es auch schon verschiedene Male geschrieben haben. Diese Schwierigkeit wird sich jedoch nebst einigen anderen beseitigen lassen, sobald sie und Fräulein Sullivan mehr Zeit haben. Seit 1894 haben sie sich so in ihre Bücher vergraben, daß sie alles vernachlässigten, was nicht unmittelbar mit der nächstliegenden Aufgabe der erfolgreichen Absolvierung ihrer Studien zusammenhing.

Als Helen die Wright-Humason-Schule in New York besuchte, bemühte sich Dr. Humason, ihre Stimme zu verbessern, und zwar nicht nur die Aussprache, und stellte mit ihr Laut- und Stimmübungen an.

Es läßt sich schwer sagen, ob Fräulein Kellers Sprache leicht zu verstehen ist oder nicht. Manche verstehen sie leicht, andere nicht. Ihre näheren Bekannten sind an ihre Sprache gewöhnt und vergessen, daß diese von der normalen abweicht. Kinder finden es selten schwer, sie zu verstehen; dies erklärt sich daraus, daß Helens bedachtsame, wohlabgemessene Sprache der ihrigen gleicht, bevor sie sich den Kunstgriff der Erwachsenen angeeignet haben, alle Wörter eines Satzes in einem Atemzug zu sprechen. Fräulein Keller soll besser sprechen als die meisten Tauben.

Im Ablesen von den Lippen ist sie nicht so gewandt und geschickt, wie von manchen behauptet wird. Es ist für sie höchst mühsam und umständlich, sich auf diesem Wege Kenntnis von dem zu verschaffen, was man ihr mitteilen will, wenn nicht Fräulein Sullivan oder jemand anders, der sich auf das Fingeralphabet versteht, zugegen ist, um Fräulein Keller die gesprochenen Worte in die Hand zu buchstabieren.

Präsident Roosevelt hatte im Frühjahr 1902 wenig Schwierigkeit, sich Fräulein Keller verständlich zu machen; sie verstand jedes Wort, denn des Präsidenten Sprache ist äußerst deutlich.

Man darf nicht vergessen, daß das Sprechen in keiner Weise etwas zu Fräulein Kellers erster Erziehung beitrug, obgleich sie ohne Sprachfertigkeit schwerlich imstande gewesen wäre, die höheren Schulen und die Universität zu besuchen. Aber sie weiß besser als sonst jemand, was für einen unermeßlichen Wert die Sprache für sie hat. Das beredteste Zeugnis dafür legt die Ansprache ab, die Helen am 8. Juli 1896 bei der fünften Versammlung der »Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen« in Mt. Airy bei Philadelphia gehalten hat. Sie lautet folgendermaßen:

Wüßten Sie, welche Freude mich beseelt, daß ich imstande bin, heute zu Ihnen zu sprechen, so würden Sie, glaube ich, einen Begriff von dem Werte der Sprache für die Tauben erhalten und verstehen, weshalb ich es wünsche, daß jedes taubstumme Kind auf dieser ganzen großen Welt Gelegenheit fände, sprechen zu lernen. Ich weiß, daß über diesen Gegenstand viel gesprochen und geschrieben worden ist und daß in Bezug auf den mündlichen Unterricht eine große Meinungsverschiedenheit zwischen den Taubstummenlehrern herrscht. Es erscheint mir äußerst seltsam, daß hier überhaupt von einer Meinungsverschiedenheit die Rede sein kann; ich kann nicht verstehen, wie jemand, der sich für unsere Erziehung interessiert, uns die Genugtuung nicht soll nachfühlen können, die wir empfinden, wenn wir imstande sind, unsere Gedanken in lebendigen Worten auszudrücken. Ich für meine Person wenigstens pflege beständig zu sprechen, und ich weiß nicht, wie ich Ihnen den Genuß schildern soll, den mir dieses gewährt. Natürlich weiß ich, daß es für Fremde nicht immer leicht ist, mich zu verstehen, aber auch das wird sich nach und nach ändern, und inzwischen habe ich das unaussprechliche Glück, zu wissen, daß meine Angehörigen und Freunde sich über meine Fähigkeit zu sprechen freuen. Meine kleine Schwester und mein kleiner Bruder haben es gern, wenn ich ihnen an den langen Sommerabenden Geschichten erzähle, und meine Mutter und meine Lehrerin bitten mich oft, ihnen aus meinen Lieblingsbüchern vorzulesen. Ebenso bespreche ich politische Dinge mit meinem geliebten Vater, und wir entscheiden die verwickeltsten Fragen gerade so befriedigend für uns, wie wenn ich sehen und hören könnte. So sehen Sie, was die Sprache für ein Segen für mich ist. Sie bringt mich in engere und zärtlichere Beziehungen zu denen, die ich liebe, und ermöglicht es mir, mich der trauten Gesellschaft einer großen Zahl von Menschen zu erfreuen, von der ich völlig abgeschnitten sein würde, wenn ich nicht sprechen könnte.

Ich kann mich noch der Zeit entsinnen, bevor ich sprechen lernte, und wie ich mich bemühte, meine Gedanken mittels des Fingeralphabets auszudrücken — wie meine Gedanken fortwährend gegen meine Fingerspitzen schlugen wie kleine Vögel, die nach Freiheit strebten, bis eines Tages Fräulein Fuller ihnen die Kerkertür weit öffnete und sie entfliehen ließ. Ich möchte wohl wissen, ob sie sich noch daran erinnert, wie munter und fröhlich sie ihre Schwingen entfalteten und davonflatterten. Natürlich fiel ihnen das Fliegen anfangs ziemlich schwer. Die Sprachschwingen waren schwach und gebrochen und hatten alle Anmut und Schönheit verloren, die sie einst besessen hatten; es war in der Tat nichts übriggeblieben als der Trieb, zu fliegen; aber dies war immerhin schon etwas. Wer den Trieb zum Schweben in sich fühlt, kann nie mehr mit dem Kriechen zufrieden sein. Nichtsdestoweniger aber kam es mir bisweilen vor, als würde ich meine Sprachschwingen nie so gebrauchen können, wie ich sie nach Gottes Ratschluß benutzen sollte; es stellten sich mir so viele Hindernisse in den Weg, ich mußte so viele Enttäuschungen erfahren; aber ich ermüdete nicht, da ich wohl wußte, daß Geduld und Ausdauer am Ende den Sieg erringen. Und während ich unausgesetzt an mir arbeitete, baute ich die schönsten Luftschlösser und gab mich den entzückendsten Träumen hin, daß einst eine Zeit kommen würde, da ich so sprechen würde wie andere Menschen, und der Gedanke an die Freude, die meine Mutter empfinden würde, wenn sie noch einmal meine Stimme hören könnte, versüßte mir jede Mühe und machte jeden Fehlschlag zu einem Ansporn, mich das nächstemal noch mehr anzustrengen. Daher möchte ich zu denen, die sprechen lernen, und ebenso zu denen, die diese sprechen lehren, sagen: Seid gutes Mutes! Denkt nicht an die Fehlschläge von heute, sondern an den Erfolg, der morgen kommen wird. Ihr habt euch eine schwierige Aufgabe gestellt, aber ihr werdet euer Ziel erreichen, wenn ihr Ausdauer besitzet und ihr werdet Freude am Ueberwinden von Schwierigkeiten, Genuß am Begehen rauher Pfade finden — eine Genugtuung, die euch vielleicht nie zuteil würde, wenn ihr nicht ab und zu rückwärts glittet, wenn die Straße stets eben und glatt wäre. Beherziget die Wahrheit, daß keine Anstrengung, die wir machen, um ein herrliches Ziel zu erreichen, je verloren geht. Einst, irgendwo, irgendwie werden wir finden, was wir suchen. Ja, wir werden sprechen und auch singen, wie wir nach Gottes Ratschluß sprechen und singen sollen.

Helen Keller als Schriftstellerin.

Helen Kellers hervorragende stilistische Begabung und deren Pflege. — Gute Lektüre. — Unausgesetzte Kontrolle der Stilübungen Helens durch Fräulein Sullivan. — Fräulein Sullivans Darstellung der Episode mit dem »Frostkönig«. — Gegenüberstellung der beiden Fassungen des Märchens. — Fräulein Canbys Aeußerungen über den Zwischenfall. — Allgemeine Betrachtungen über den »Frostkönig«. — Kleinerer Aufsatz Helens über ihr Traumleben.

Niemand kann Fräulein Kellers Selbstbiographie lesen, ohne die Empfindung zu haben, daß sie ein außergewöhnlich gutes Englisch schreibt. Jeder Aufsatzlehrer weiß, daß er seine Schüler dahin bringen kann, ohne syntaktische und phraseologische Fehler zu schreiben. Eben diese Korrektheit ist es, die sich Fräulein Kellers früheste Erziehung als ein Ziel gesteckt hat, das jedes gesunde Kind erreichen kann, für die aber auch die Analysis dieser Erziehung eine Erklärung bietet. Diejenigen, die Helen zu einer Ausnahme stempeln möchten, die sich durch keinerlei Analyse ihrer ersten Erziehung erklären ließe, berufen sich zur Unterstützung ihrer Behauptung auf die außerordentliche Gewandtheit, mit der sie schon als Kind die Sprache handhabte.

Diese Berufung ist bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigt, denn in der Tat sind der Wohllaut der Sprache und die Schönheit der Gedanken, die den vollendeten Stil ausmachen, freie Gaben der Götter. Kein Lehrer hätte Helen für die Schönheiten der Sprache und das feinere Herüber- und Hinüberspielen der Gedanken empfänglich machen können, das seinen Ausdruck in wohlklingenden Wortzusammenstellungen sucht.

Andererseits kann aber die angeborene stilistische Begabung unterdrückt oder gepflegt werden. Kein Genie vermag aus sich selbst heraus eine schöne Sprache zu schaffen. Der Stoff, aus welchem sich der gute Stil bildet, muß dem Geiste in guter Form von außen her zugeführt werden. Kein noch so begabtes Kind wird ein gutes Englisch schreiben können, wenn es nicht von Jugend auf gutes Englisch gehört hat. In diesem Punkte, wie in allen anderen, hat sich Fräulein Sullivan als weise Lehrerin bewährt. Hätte sie kein Gefühl und keine Begeisterung für gutes Englisch besessen, so würde Helen Keller unter dem Einfluß der »Jugendliteratur« aufgewachsen sein, die unter dem Vorwande eines für Kinder berechneten einfachen Stils das Niveau der Sprache herunterdrückt, als ob Kinderbücher nicht auch in gutem Stile abgefaßt sein könnten, wie z. B. Robinson Crusoe.

Schriebe Fräulein Sullivan ein gewähltes Englisch, so ließe sich die Schönheit von Helen Kellers Stil zum Teil unmittelbar erklären. Aber die mitgeteilten Auszüge aus Fräulein Sullivans Briefen und Berichten weisen, obgleich sie klar und deutlich sind, nicht die Schönheit auf, durch die sich Helen Kellers Englisch auszeichnet. Was sie als Lehrerin des Englischen geleistet hat, darf nicht nach ihrer eigenen stilistischen Gewandtheit bemessen werden. Der Grund, weswegen sie ihrer Schülerin so viele gute Bücher vorlas, liegt zum Teil darin, daß sie erst vor kurzem ihr Augenlicht wieder erlangt hatte. Als sie Helen Kellers Lehrerin wurde, war sie eben erst zum Bewußtsein der in den Büchern ruhenden Schätze erwacht, von denen sie während der langen Jahre ihrer Blindheit ausgeschlossen gewesen war.

In Hauptmann Kellers Bibliothek fand sie ausgezeichnete Bücher vor: Lambs »Tales from Shakespeare« und die noch vortrefflicheren Schriften von Montaigne. Nach Ablauf des ersten, dem Elementarunterricht gewidmeten Jahres betrachtete sie ihre Schülerin als mit ihr auf demselben Standpunkt stehend, und nun lasen beide die guten Bücher zusammen, und erfreuten sich an ihnen.

Außer der Wahl guter Bücher gibt es noch einen anderen Grund für Fräulein Kellers ausgezeichnete schriftstellerische Leistungen, der Fräulein Sullivans ausschließliches Verdienst ist. Es ist die unermüdliche und unablässige Kontrolle, die sie in ihrer gesamten Tätigkeit kundgibt. Sie gestattete ihrer Schülerin niemals, einen Brief abzuschicken, der Verstöße gegen den guten Geschmack enthielt, sondern ließ sie ihn immer und immer wieder abschreiben, bis er nicht nur fehlerlos, sondern auch gut stilisiert war.

Ein weiterer Umstand, der zu Helen Kellers meisterhafter Beherrschung der englischen Sprache beigetragen hat, besteht gerade darin, daß sie des Gesichts und Gehörs beraubt ist. Die Nachteile der Taubheit und Blindheit waren überwunden worden, und die Vorteile blieben. Sie zeichnet sich vor anderen Tauben aus, weil sie unterrichtet wurde, als wäre sie normal. Andererseits veranlaßt sie der spezielle Wert, den die Sprache für sie hat (während die Vollsinnigen diese als ebenso selbstverständlich betrachten wie den Gebrauch ihrer rechten Hand), zum Nachdenken über die Sprache und zu deren Wertschätzung. Die Sprache war Helens Befreierin, die sie vom ersten Augenblick an liebte.

Den besten Beweis für Helens frühzeitige Gewandtheit im Gebrauche der englischen Sprache liefert der Zwischenfall mit dem »Frostkönig«. Zu der Darstellung, welche Fräulein Keller selbst davon gibt,[29] tritt ergänzend ein Brief Fräulein Sullivans an den Leiter des »Volta-Bureau« John Hitz in Washington. Es heißt darin unter anderem:

„Vielleicht entsinnen Sie sich, daß in meinem Aufsatz,[30] in dem ich Helens ungewöhnliches Gedächtnis erwähne, sich auch die Bemerkung findet, daß sie in ihrem Geist viele Ausdrucksformen zu bewahren scheint, die sie zu der Zeit, als sie ihr mitgeteilt wurden, wahrscheinlich noch nicht verstand, daß aber mit fortschreitender Entwickelung die in ihrem Gedächtnis aufbewahrte Sprache ganz oder teilweise ihren Ausdruck in Helens Unterhaltung oder ihren schriftlichen Aeußerungen findet, je nachdem sich diese Ausdrucksformen mehr oder weniger ihren neuen Erfahrungen anpassen.[31] Zweifellos ist dies bei jedem intelligenten Kinde der Fall und verdient vielleicht bei Helen nur von dem Gesichtspunkte aus besondere Erwähnung, daß man von einem des Gesichts und Gehörs beraubten Kinde nicht eine so bedeutende geistige Begabung erwartet, wie sie dieses kleine Mädchen tatsächlich zeigt. Es ist daher auch sehr leicht möglich, daß wir geneigt sind, vieles, was wir in Helens Entwickelung entdecken, als wunderbar zu betrachten, was aber in der Tat eine solche Bezeichnung gar nicht verdient.

Ich möchte hinzufügen, daß, während ich nie verkannt habe, daß Helen vielfach Gebrauch von solchen Schilderungen und Vergleichen machte, wie sie ihrer lebhaften Phantasie und feinen poetischen Natur entsprachen, mich neuere Beobachtungen davon überzeugt haben, daß ich früher noch nicht in vollem Maße erkannt habe, bis zu welchem Grade sie sich die Sprache ihrer Lieblingsschriftsteller zu eigen macht. In den ersten Jahren ihrer Erziehung hatte ich volle Kenntnis von allen Büchern, die sie las, und von nahezu allen Erzählungen, die wir ihr vorlasen, und konnte ohne Schwierigkeit die Quelle aller Anlehnungen feststellen, die ich in ihren schriftlichen Aeußerungen oder ihrer Unterhaltung bemerkte, und ich habe mich immer recht gefreut, zu beobachten, wie angemessen sie die Ausdrücke eines Lieblingsschriftstellers in ihren eigenen Ausarbeitungen anwendet.

Die folgenden Auszüge aus einigen ihrer veröffentlichten Briefe beweisen, wie stark dieses Vermögen, eine schöne Sprache im Gedächtnis zu bewahren, bei ihr ausgebildet ist. An einem schönen sonnigen Tage zu Beginn des Frühlings, den wir im Norden zubrachten, schien die balsamische Atmosphäre in ihr die Empfindung geweckt zu haben, die Longfellow im »Hiawatha« ausspricht, und sie singt beinahe mit dem Dichter: Die Erde erzitterte unter dem Jubel des neuerwachenden Lebens. Mein Herz sang vor lauter Freude. Ich dachte an mein teures Vaterhaus. Ich wußte, daß in jenem sonnigen Lande der Lenz schon in all seiner Pracht erschienen war, mit all seinen Vögeln und all seinen Blüten, all seinen Blumen und seinen Gräsern. —

Um dieselbe Zeit gibt sie in einem Briefe an eine Freundin, in dem sie ihrer südlichen Heimat gedenkt, eine so genaue Umschreibung eines Gedichtes eines ihrer Lieblingsschrifststeller, daß ich die Auszüge aus Helens Brief und dem Gedichte selbst nebeneinanderstellen möchte.[A]

Aus Helens Brief.

The blue-bird with his azure plumes, the thrush clad all in brown, the robin jerking his spasmodic throat, the oriole drifting like a flake of fire, the jolly bobolink and his happy mate, the mockingbird imitating the notes of all, the red-bird with his one sweet trill, and the busy little wren, are all making the trees in our front yard ring with their glad songs.

Aus dem »Spring« betitelten Gedichte von Oliver Wendell Holmes.

The blue-bird, breathing from his azure plumes The fragrance borrowed from the myrtle blooms; The thrush, poor wanderer, dropping meekly down, Clad in his remnant of autumnal brown; The oriole, drifting like a flake of fire Rent by a whirlwind from a blazing spire; The robin, jerking his spasmodic throat, Repeats imperious, his staccato note; The crack-brained bobolink courts his crazy mate, Poised on a bullrush tipsy with his weight: Nay, in his cage the lone canary sings, Feels the soft air, and spreads his idle wings.

In einem Briefe an eine Freundin im Perkinsschen Institute vom 17. Mai 1889 gibt sie eine Nachbildung eines Andersenschen Märchens, das ich ihr kurz zuvor vorgelesen hatte.[32]

Ihre Bewunderung für die eindrucksvollen Belehrungen, die Bischof Brooks ihr über die Vaterliebe Gottes erteilt hatte, war sehr groß. In einem seiner Briefe spricht er davon, wie Gott uns in allen Dingen von seiner Liebe predigt, und sagt: Er schreibt auf alle Wände des großen Hauses der Natur, in dem wir leben, daß er unser Vater ist. Im darauffolgenden Jahre sagte sie in Andover: Die Welt scheint mir voller Güte, Schönheit und Liebe zu sein, und wie dankbar müssen wir unserem himmlischen Vater sein, der uns so viel Veranlassung zur Freude gegeben hat! Seine Liebe und Treue stehen mit großen Lettern auf allen Wänden der Natur geschrieben. —

Später, als Helen mit so vielen Menschen in Berührung kam, die sich ungezwungen mit ihr unterhalten konnten, wurde sie mit manchen Werken bekannt, von denen ich nichts wußte; auch fand sie in Hochdruckbüchern, bei deren Lektüre ich ihr nicht folgen konnte, viel Material zur Ausbildung ihres Geschmackes an poetischen Schilderungen. Die Blätter des Buches, das sie liest, werden ihr zu Gemälden, denen ihre Phantasie Leben und Farbe verleiht. Die Bilder, die die Sprache des Buches in ihrem Gedächtnis zurückläßt, scheinen einen unauslöschlichen Eindruck auf sie zu machen, und oft, wenn sie einer ähnlichen Situation gegenübersteht, strömt dieselbe Sprache mit wunderbarer Genauigkeit wieder hervor.

Helens Geist ist so geartet, daß die leiseste Anregung genügt, ihr die denkbar größte Fülle äußerer Eindrücke zu vermitteln. Als wir eines Tages in Alabama in der Nähe der Quellen an den Hügelabhängen Feldblumen pflückten, schien sie gleich beim ersten Male zu begreifen, daß die Quellen von Bergen umgeben seien, und rief aus: Die Berge drängen sich um die Quellen, um ihr eigenes schönes Spiegelbild zu betrachten. — Ich weiß nicht, woher sie diese Ausdrücke hatte; doch ist soviel klar, daß sie ihr von außen zugeflossen sein müssen, da es für ein des Gesichtes beraubtes Kind wohl schwerlich möglich sein dürfte, von selbst auf eine solche Vorstellung zu verfallen. In der Schilderung eines Ausflugs nach Lexington schreibt sie: — Während wir weiterfuhren, konnten wir sehen, wie die Herrscher des Waldes ihre stolzen Wipfel zu den kleinen Kindern des Waldbodens niederbeugten, um den Geheimnissen zu lauschen, die diese ihnen zuflüsterten. Die Anemone, das wilde Veilchen, das Leberblümchen und die komischen kleinen aufgerollten Farne schauten uns alle unter den braunen Blättern hervor an. — Sie schließt ihren Brief mit den Worten: Ich muß zu Bett gehen, denn Morpheus hat meine Augenlider mit seinem goldenen Stabe berührt. —

Schon zwei Jahre vor dem Zwischenfall mit dem »Frostkönig« hatte Helen in einem Briefe an Herrn Anagnos (vom 2. und 3. Februar 1890) den wesentlichen Inhalt eines anderen Märchens von Fräulein Canby, »The Rose Fairies« als einen Traum erzählt, den sie vor langer Zeit gehabt habe.[33]

Es mögen nun die beiden Fassungen der Frostmärchen einander gegenübergestellt werden.[B]

Die Frostelfen.

(Aus »Birdie und seine Freunde, die Elfen«) von Margaret T. Canby.

König Frost oder Jack Frost, wie er mitunter genannt wird, wohnt in einem kalten Lande fern im Norden; aber jedes Jahr unternimmt er eine Reise über die ganze Erde in einem Wagen von goldenen Wolken, der von einem starken, pfeilschnellen Rosse, »Nordwind« mit Namen, gezogen wird. Wohin ihn auch sein Weg führt, überall verrichtet er viele wunderbare Dinge: er schlägt Brücken über jeden Strom, die so durchsichtig wie Glas und dabei doch so fest wie Eisen sind; er schläfert die Blumen und Kräuter durch eine bloße Berührung mit seiner Hand ein, und sie beugen sich alle nieder und versinken in die warme Erde, bis der Frühling zurückkehrt; dann zaubert er, damit wir um die Blumen nicht weinen, an unseren Fensterscheiben liebliche Ranken und Zweige seiner weißen nordischen Blumen oder zarte kleine Wälder von Elfentannen hin, schlohweiß und gar prächtig anzusehen. Doch sein wunderbarstes Werk ist die Bemalung der Bäume, die nach Vollendung der Arbeit aussehen, als wären sie mit dem glänzendsten Gold und den funkelndsten Rubinen überzogen, und schön genug sind, um uns über die Flucht des Sommers zu trösten.

Ich will euch nun erzählen, wie König Frost zuerst auf den Gedanken an eine solche Arbeit kam, denn es ist eine sonderbare Geschichte. Ihr müßt wissen, daß dieser König wie alle andern Könige große Schätze von Gold und Edelsteinen in seinem Palaste hatte; da er aber ein gutmütiger alter Mann ist, hält er seine Reichtümer nicht für immer verschlossen, sondern sucht mit ihrer Hilfe Gutes zu tun und andere glücklich zu machen. Er hat zwei Nachbarn, die noch weiter nördlich wohnen; der eine ist König Winter, ein rauher, unfreundlicher alter Fürst, der so hart und grausam ist, daß er sich freut, wenn er den Armen wehe tun und sie zum Weinen bringen kann. Der andere Nachbar aber ist Santa Claus, ein stattlicher, gutherziger, lustiger alter Mann, der gern Gutes tut und den Armen sowie den artigen Kindern zu Weihnachten Geschenke bringt.

Nun, eines Tages dachte König Frost darüber nach, was er wohl mit seinem Schatze gutes stiften könne, und entschloß sich einen Teil seinem freundlichen Nachbar Santa Claus zum Einkauf von Lebensmitteln und Kleidern für die Armen zu schicken, damit diese nicht so viel zu leiden hätten, wenn König Winter sich ihren Häusern näherte. So rief er seine lustigen kleinen Elfen zusammen, zeigte ihnen eine Anzahl von Gefäßen und Vasen voller Gold und Edelsteine und befahl ihnen, diese sorgsam nach dem Palaste Santa Claus’ zu tragen und sie ihm mit Empfehlungen von König Frost zu übergeben. Er wird schon wissen, wie er den Schatz am besten verwenden soll, setzte Jack Frost hinzu; dann befahl er den Elfen, sich unterwegs nicht aufzuhalten, sondern sein Gebot rasch auszuführen.

Die Elfen versprachen Gehorsam und machten sich bald auf den Weg, indem sie die großen gläsernen Gefäße und Vasen nachschleppten, so gut sie konnten, und ab und zu ein wenig über die schwere Arbeit brummten; denn es waren faule Elfen, die lieber spielten als arbeiteten. Schließlich gelangten sie in einen großen Wald, und da sie ganz ermüdet waren, beschlossen sie, ein wenig zu rasten und sich nach Nüssen umzusehen, bevor sie ihre Wanderung fortsetzten. Damit aber der Schatz nicht gestohlen werden sollte, versteckten sie die Gefäße unter das dichte Laub der Bäume, indem sie die einen hoch oben in der Nähe der Wipfel, andere an verschiedenen Stellen der Bäume unterbrachten, bis sie glaubten, niemand könne sie mehr finden.

Dann begannen sie, umherzustreifen nach Nüssen zu suchen und auf die Bäume zu klettern, um die Früchte herunterzuschütteln, und arbeiteten zu ihrem eigenen Vergnügen viel angestrengter, als sie es je auf das Geheiß ihres Herrn getan hatten; denn es ist eine sonderbare Tatsache, daß Elfen und Kinder sich niemals über Mühe und Arbeit beschweren, wenn sie dabei ihre eigene Belustigung im Auge haben, während sie oft brummen, wenn von ihnen eine Arbeit zum besten anderer verlangt wird.

Die Frostelfen waren bei ihrem Nüssesammeln so geschäftig und ausgelassen, daß sie bald ihren Auftrag und den Befehl des Königs, sich zu beeilen, vergaßen; als es aber bei ihrem Spiele Mittag wurde, sahen sie endlich den Grund ein, weshalb ihnen Eile anbefohlen worden war; denn, obgleich sie ihrer Meinung nach den Schatz sehr sorgfältig versteckt hatten, so hatten sie ihn doch nicht vor der Gewalt der Frau Sonne geschützt, die eine Feindin Jack Frosts war und sich freute, wenn sie ihm einen Schabernack spielen und Schaden zufügen konnte.

Ihre strahlenden Augen entdeckten bald die Gefäße mit dem Schatze auf den Bäumen, und da die faulen Elfen sie bis zur Mittagsstunde, wenn Frau Sonne am stärksten ist, hier gelassen hatten, so begann das zarte Glas zu schmelzen und zu zerbrechen, und in kurzer Zeit waren alle Gefäße und Vasen gesprungen oder entzwei gegangen, und ebenso schmolzen die in ihnen enthaltenen kostbaren Schätze und rannen in Strömen von Gold und Purpur langsam über die Bäume und Sträucher des Waldes.

Eine Zeitlang bemerkten die Frostelfen dieses sonderbare Ereignis nicht, denn sie hatten sich in das Gras gelagert, so weit von den Wipfeln der Bäume entfernt, daß es lange dauerte, ehe der wunderbare Schatzregen sie erreichte; endlich aber sagte der eine von ihnen: Horch, ich glaube, es regnet; ich höre die niederfallenden Tropfen. Die anderen lachten und erklärten ihm, es regne selten, wenn die Sonne scheine; als sie aber genauer aufpaßten, hörten sie deutlich, wie im ganzen Walde die Tropfen von den Bäumen herabfielen und von einem Blatt zum anderen glitten, bis sie auf die Brombeersträucher, neben denen die Elfen saßen, herabklatschten. Jetzt entdeckten sie zu ihrem großen Verdruß, daß die Regentropfen geschmolzene Rubinen waren, die auf den Blättern erstarrten und sie augenblicklich mit leuchtendem Rot überzogen. Als sie sich dann die Bäume ringsum genauer ansahen, bemerkten sie, daß der gesamte Schatz wegschmolz und daß sich ein großer Teil davon bereits über die Blätter der Eichen und Ahornbäume ergossen hatte, die in ihrem prächtigen Gewande von Gold und Bronze, Purpur und Smaragd weithin leuchteten. Es gewährte einen sehr schönen Anblick; aber die faulen Elfen waren über das Unglück, das ihr Ungehorsam verschuldet hatte, zu sehr, erschricken, als daß sie die Schönheit des Waldes hätten bewundern können, und im Nu suchten sie sich in dem Gebüsch zu verstecken, damit König Frost sie nicht finden und strafen könne.

Ihre Befürchtungen waren wohlbegründet, denn ihre lange Abwesenheit hatte den König beunruhigt, und er hatte sich aufgemacht, um nach seinen lässigen Dienern zu sehen, und eben, als sie sich alle versteckt hatten, kam er langsam einhergeschritten und sah sich überall nach den Elfen um. Natürlich bemerkte er bald das Glänzen des Laubes und entdeckte auch deren Ursache, als er die zerbrochenen Gefäße und Vasen erblickte, aus denen der geschmolzene Schatz noch immer heruntertropfte. Und als er zu den Nußbäumen kam und die von den faulen Elfen zurückgelassenen Schalen und die Spuren ihres Umhertollens bemerkte, wußte er sofort, was sie angestellt hatten und daß sie ihm ungehorsam gewesen waren, indem sie bei ihrer Wanderung durch den Wald gespielt und die Zeit versäumt hatten.

König Frost runzelte die Stirn und machte zuerst ein sehr böses Gesicht, und seine Elfen zitterten vor Furcht und duckten sich noch tiefer in ihre Verstecke. In diesem Augenblick aber kamen zwei kleine Kinder daher gehüpft, und obgleich sie den König Frost und die Elfen nicht sehen konnten, bemerkten sie doch die prächtige Färbung des Laubes, lachten vor Entzücken und begannen große Sträuße für ihre Mutter zu pflücken. Die Blätter sind so schön wie Blumen, sagten sie, nannten die gelben »Butternäpfchen« und die roten »Rosen« und waren sehr fröhlich, als sie singend durch den Wald weiter zogen.

Ihre Freude besänftigte König Frosts Zorn; auch er begann die bemalten Bäume zu bewundern und sagte schließlich zu sich selber: Meine Schätze sind nicht verloren, wenn sie kleine Kinder glücklich machen. Ich will meinen faulen, gedankenlosen Elfen nicht zürnen, denn sie haben mich eine neue Art, Gutes zu tun, gelehrt. Als die Frostelfen diese Worte hörten, krochen sie einer nach dem anderen aus ihren Verstecken hervor, knieten vor ihrem Herrn nieder, gestanden ihre Schuld ein und baten ihn um Verzeihung. Er war zwar noch eine Weile ungehalten und schalt sie tüchtig aus; bald aber wurde er milder und erklärte, er wolle ihnen diesmal noch verzeihen; ihre einzige Strafe solle darin bestehen, daß sie noch mehr Schätze in den Wald tragen und in den Bäumen verstecken sollten, bis das gesamte Laub mit Hilfe der Frau Sonne mit Gold- und Purpurfarben bedeckt sei.

Die Elfen dankten ihm für seine Verzeihung und versprachen, recht angestrengt zu arbeiten, um seine Huld wiederzugewinnen, und der gutherzige König nahm sie alle auf seine Arme und trug sie sicher heim in seinen Palast. Von dieser Zeit an, glaube ich, ist es ein Teil von Jack Frosts Aufgaben, die Bäume mit den glühenden Farben, die wir im Herbste erblicken, zu bemalen, und wenn sie nicht mit Gold und Edelsteinen bedeckt sind, so weiß ich nicht, auf welche Weise er sie so glänzend macht; wißt ihr es vielleicht?

Der Frostkönig.

Von Helen A. Keller

König Frost wohnt in einem schönen Palast fern im Norden, in dem Lande des ewigem Schnees. Der Palast, der über alle Beschreibung prächtig ist, war schon vor Jahrhunderten, unter der Regierung des Königs Gletscher, erbaut. In geringer Entfernung von dem Palaste könnten wir ihn leicht für ein Gebirge halten, dessen Gipfel sich zum Himmel erheben, um den letzten Kuß des scheidenden Tages zu empfangen. Wenn wir aber näher kommen, so werden wir bald unseren Irrtum bemerken. Was wir für Bergesspitzen hielten, sind in Wahrheit Tausende von weithin glänzenden Türmen. Nichts kann schöner sein als die Architektur dieses Eispalastes. Die Wände sind merkwürdigerweise aus massiven Eisblöcken erbaut, die in klippenartige Türme auslaufen. Das Portal des Palastes liegt am Ende eines überwölbten Ganges und wird Tag und Nacht durch zwölf grimmig aussehende Eisbären bewacht.

Doch, Kinder, ihr müßt dem König Frost bei der ersten Gelegenheit, die sich euch biet einen Besuch abstatten und euch diesen wundervollen Palast selber ansehen. Der alte König wird euch freundlich willkommen heißen, denn er liebt die Kinder, und es ist sein Hauptvergnügen, ihnen Freude zu bereiten.

Ihr müßt wissen, daß König Frost wie alle anderen Könige große Schätze von Gold und Edelsteinen besitzt: da er aber ein freigebiger alter Fürst ist so so er bestrebt, einen richtigen Gebrauch von seinen Reichtümern zu machen. So verrichtet er, wohin ihn auch sein Weg führt, viele wunderbare Dinge; er schlägt Brücken über jeden Strom, so durchsichtig wie Glas und doch oft so fest wie Eisen; er schüttelt die Waldbäume, bis die reifen Nüsse lachenden Kindern in den Schoß fallen; er schläfert mit einer Berührung seiner Hand ein, und damit wir uns nicht nach den strahlenden Blumengesichtern sehnen, bemalt er das Laub mit Gold-, Purpur- und Smaragdfarben, und wenn er mit seiner Arbeit fertig ist, so sind die Bäume so schön, daß wir uns über die Flucht des Sommers trösten. Ich will euch erzählen, wie König Frost auf den Gedanken verfallen ist, das Laub zu bemalen, denn es ist eine sonderbare Geschichte.

Eines Tages dachte König Frost, während er sein großes Vermögen einer Durchsicht unterzog und überlegte, was er damit wohl Gutes stiften könne, mit einem Male an seinen freundlichen alten Nachbar Santa Claus. Ich will meine Schätze an Santa Claus senden, sagte der König zu sich selber. Er ist der richtige Mann dazu, sie gut zu verwenden, denn er weiß, wo die Armen und Unglücklichen wohnen, und sein gütiges altes Herz steckt immer voller Pläne, sie zu unterstützen. So rief er denn die lustigen kleinen Elfen seines Hofstaates zusammen, zeigte ihnen die Gefäße und, Vasen, die seine Schätze enthielten, und befahl ihnen, sie so rasch wie möglich nach Santa Claus’ Palaste zu tragen. Die Elfen versprachen Gehorsam und waren im Nu auf und davon, indem sie die schweren Gefäße und Vasen hinter sich herschleppten, so gut sie konnten, und ab und zu ein wenig über die schwere Arbeit brummten; denn es waren faule Elfen, die lieber spielten als arbeiteten. Nach einiger Zeit kamen sie in einen großen Wald, und da sie müde und hungrig waren, beschlossen sie ein wenig zu rasten und sich nach Nüssen umzusehen, ehe sie ihre Wanderung weiter fortsetzten. Da sie aber glaubten, ihr Schatz könne ihnen inzwischen gestohlen werden, so verbargen sie die Gefäße in dem dichten grünen Laub der verschiedenen Bäume und waren sicher, daß niemand sie finden könne. Dann begannen sie lustig umherzustreifen, um sich Nüsse zu suchen, auf die Bäume zu klettern, neugierig in die leeren Vogelnester zu schauen und hinter den Bäumen Verstecken zu spielen. Diese unartigen Elfen waren nun bei ihrem Herumtollen so geschäftig und so lustig, daß sie ihren Auftrag und ihres Herrn Befehl, sich zu beeilen, ganz vergaßen, aber bald entdeckten sie zu ihrem Verdruß, warum ihnen Eile anbefohlen worden war, denn obgleich sie ihrer Meinung nach den Schatz sorgfältig versteckt hatten, so hatten die strahlenden Augen der Königin Sonne doch die Gefäße zwischen dem Laube erspäht, und da sie und König Frost sich über die beste Art, der Welt Gutes zu tun, nie einigen konnten, so war sie froh, eine gute Gelegenheit zu haben, ihrem ein wenig rauhen Nebenbuhler einen Streich zu spielen. Königin Sonne lachte still vor sich hin, als die zarten Gefäße zu schmelzen und zu zerbrechen begannen. Schließlich waren alle Gefäße und Vasen gesprungen oder entzweigegangen, und ebenso schmolzen die in ihnen enthaltenen Edelsteine und rannen in kleinen Strömen über die Bäume und Sträuche des Waldes.

Noch bemerkten die faulen Elfen nicht, was sich ereignete, denn sie hatten sich in das Gras gelagert, und es dauerte lange, ehe der wunderbare Schatzregen sie erreichte; schließlich aber hörten sie deutlich, wie die Tropfen gleich einem Regen im ganzen Walde herabfielen und von einem Blatt zum anderen glitten, bis sie auf die kleinen Sträucher, neben denen die Elfen saßen, herabklatschten. Jetzt entdeckten sie zu ihrem Erstaunen, daß die Regentropfen geschmolzene Rubine waren, die auf den Blättern erstarrten und sie augenblicklich mit Purpur und Gold überzogen. Dann sahen sie, als sie sich genauer umblickten, daß ein großer Teil des Schatzes bereits geschmolzen war, denn die Eichen- und Ahornbäume waren in prächtige Gewänder von Gold-, Purpur- und Smaragdfarbe gehüllt. Es gewährte einen sehr schönen Anblick; aber die ungehorsamen Elfen waren zu sehr erschrocken, als daß sie die Schönheit der Bäume hätten wahrnehmen können. Sie fürchteten, König Frost könne kommen und sie strafen. So versteckten sie sich denn zwischen den Sträuchern und warteten schweigend auf das, was sich ereignen würde. Ihre Befürchtungen waren wohlbegründet, denn ihre lange Abwesenheit hatte den König beunruhigt, er bestieg den Nordwind und ritt aus, um seine säumigen Boten zu suchen. Natürlich war er noch nicht weit gekommen, als er das Glänzen des Laubes bemerkte, und er erriet rasch die Ursache davon, als er die zerbrochenen Gefäße bemerkte, aus denen der Schatz noch immer herunter tropfte. Zuerst war König Frost sehr zornig, und die Elfen zitterten und duckten sich noch tiefer in ihre Verstecke, und ich weiß nicht, was geschehen, wäre, wenn nicht gerade in diesem Augenblick eine Schar von Knaben und Mädchen den Wald betreten hätte. Als die Kinder die Bäume alle in den herrlichen Farben schimmern sahen, klatschten sie in die Hände, stießen ein Freudengeschrei aus und begannen sofort große Sträuße zu pflücken, um sie mit nach Hause zu nehmen. Die Blätter sind so hübsch wie die Blumen! riefen sie in ihrem Entzücken. Ihre Freude verscheuchte den Zorn aus König Frosts Herzen und glättete seine gerunzelten Augenbrauen, und auch er begann die bemalten Bäume zu bewundern. Er sagte zu sich selber: Meine Schätze sind nicht verloren, wenn sie kleine Kinder glücklich machen. Meine faulen Elfen und meine grimmige Feindin haben mich eine neue Art, Gutes zu tun, gelehrt.

Als die Elfen dies hörten, wurde es ihnen bedeutend leichter ums Herz, und sie kamen aus ihren Verstecken hervor, gestanden ihre Schuld ein und baten ihren Herrn um Verzeihung.

Seit dieser Zeit hat es König Frost stets großes Vergnügen gemacht, die Blätter mit den glühenden Farben, die wir im Herbste erblicken, zu bemalen, und wenn sie nicht mit Gold und Edelsteinen bedeckt sind, so kann ich mir nicht denken, was sie so glänzend macht; könnt ihr es euch vielleicht denken?

Wenn das Märchen von den »Frostelfen«, bemerkt Fräulein Sullivan zu den beiden Erzählungen, Helen im Sommer 1888 vorgelesen wurde, so konnte sie damals noch nicht viel davon verstanden haben, denn sie hatte erst seit dem März 1887 Unterricht gehabt.

Ist es möglich, daß die Sprache des Märchens in ihrem Geiste schlummernd gelegen hat, bis meine Schilderung von der Schönheit der Herbstlandschaft sie ihr im Jahre 1891 wieder lebendig vor ihr geistiges Auge brachte?

Noch eine andere Tatsache ist in diesem Zusammenhange von großer Bedeutung. Das Märchen »Die Rosenelfen« war in demselben Bande erschienen wie »Die Frostelfen« und somit Helen wahrscheinlich um dieselbe Zeit wie dieses vorgelesen worden.

Nun spricht Helen in ihrem Briefe vom Februar 1890 (s. oben S. 328), von diesem Märchen Fräulein Canbys als von einem Traume, den sie vor sehr langer Zeit als ganz kleines Kind gehabt habe. Sicherlich werden anderthalb Jahre einem kleinen Mädchen wie Helen als »sehr lange Zeit« erscheinen; wir haben daher Veranlassung zu der Annahme, daß die Märchen ihr spätestens im Sommer 1888 vorgelesen worden sein müssen.

Helen Keller erwähnt (S. 68) einen freundlichen Brief, den ihr Fräulein Canby geschrieben habe. Auch mit Fräulein Sullivan trat die genannte Dame in Briefwechsel. So schrieb sie ihr z. B. am 9. März 1892 unter anderem: „Was für einen wunderbar regen Geist und was für ein treues Gedächtnis muß dieses begabte Kind besitzen! Hätte sich Helen eines kurzen Märchens erinnert und es niedergeschrieben, kurz nachdem sie es gehört hatte, so würde dies schon ein Wunder gewesen sein; aber das Märchen ein einzigesmal vor drei Jahren gehört zu haben und noch dazu auf eine Weise, daß weder ihre Eltern noch ihre Lehrerin darauf zurückkommen und die Erinnerung daran auffrischen konnten, und dann imstande gewesen zu sein, es so lebendig wiederzugeben und sogar noch einige selbständige Striche hinzuzufügen, die in völligem Einklang mit dem übrigen stehen und das Original in der Tat verbessern — das ist etwas, was sehr wenige Mädchen reiferen Alters, die im Besitze aller Vorteile des Sehens, Hörens und selbst großer schriftstellerischer Begabung sind, so gut geleistet hätten, wenn sie überhaupt dazu imstande gewesen wären. Unter diesen Umständen sehe ich nicht ein, wie irgendjemand so lieblos sein kann, dies ein Plagiat zu nennen; es ist eine wunderbare Leistung des Gedächtnisses und steht einzig in seiner Art da. Ich habe viele Kinder gekannt, habe mein ganzes Leben in ihrer Mitte zugebracht und kenne keinen größeren Genuß, als mich mit ihnen zu unterhalten, sie zu erheitern und ihre Geistes- und Charakterzüge ruhig zu beobachten; aber ich entsinne mich keines Mädchens von Helens Alter, das den gleichen Wissensdurst gehabt und über dieselbe Fülle literarischer und allgemeiner Bildung sowie über dieselbe schriftstellerische Begabung verfügt hätte wie Helen. Sie ist in der Tat ein Wunderkind. Vielen Dank für Helens Tagebuch! Es läßt mich klarer als zuvor die große Enttäuschung erkennen, die das liebe Kind zu erdulden gehabt hat. Bitte, sagen Sie ihr, wie sehr ich sie in mein Herz geschlossen habe und daß sie sich keine Gedanken mehr darüber machen soll. Niemand darf sagen, sie habe unrecht getan, und eines Tages wird sie eine große schöne Erzählung oder ein Gedicht schreiben, das vielen Menschen Freude machen wird. Sagen Sie ihr, ein paar bittere Tropfen seien in jedermanns Lebenskelch enthalten, und es bleibe uns nichts anderes übrig, als die bitteren geduldig, und die süßen dankbar hinzunehmen.“

Der Zwischenfall hatte, wie aus Helens eigener Darstellung hervorgeht, auf sie und auf Fräulein Sullivan eine geradezu vernichtende Wirkung. Letztere fürchtete, der Neigung zur Nachahmung, die in Wirklichkeit Fräulein Keller zur Schriftstellerin gemacht hat, allzugroßen Spielraum gelassen zu haben. Aber jetzt, da sie auf der Universität zusammen mit ihrem Zögling in die Geheimnisse des geistigen Schaffens eingedrungen ist, weiß sie, daß der Stil jedes Schriftstellers und in der Tat jedes Menschen, mag er gebildet oder ungebildet sein, eine Erinnerung ist, die sich aus allem, was er gelesen und gehört hat, zusammensetzt. Der Quellen seines Wortschatzes ist er sich größtenteils so wenig bewußt wie des Augenblickes, in dem er die Nahrung zu sich nahm, die einen Teil seines Daumennagels bilden sollte. Bei der Mehrzahl von uns kreuzen und vermischen sich die Zuflüsse aus den verschiedensten Quellen. Ein Kind, dem nur wenige Quellen zur Verfügung stehen, kann das, was es aus jeder einzelnen zieht, getrennt halten. In dieser Lage war Helen Keller, die den Wortlaut einer Geschichte, die sie zu der Zeit, als sie ihr vorgelesen wurde, noch nicht ganz verstand, fast unverändert und ohne Vermischung mit anderen Vorstellungen in ihrem Geiste bewahrte. Die Bedeutung dieses Umstandes kann nicht hoch genug bewertet werden. Er liefert den Beweis dafür, daß der Geist des Kindes Worte in sich aufspeichert, die es gehört hat, und daß diese hier gleichsam auf der Lauer liegen, stets bereit, hervorzutreten, wenn der äußere Anreiz dazu eintritt. Der Grund, weswegen wir diesen Prozeß bei normalen Kindern nicht wahrnehmen, liegt darin, daß wir sie selten als Ganzes beobachten, und daß sie ihre geistige Nahrung aus so vielen Quellen beziehen, daß die Erinnerungsbilder verworren sind und sich gegenseitig aufheben. Das Märchen vom »Frostkönig« trat jedoch nicht unverändert aus Helens Geist hervor, sondern war durch die Eigenart des Kindes umgeformt worden und hatte sich in Worte gekleidet, die aus anderen Quellen stammten. Der Stil von Helens Fassung ist sogar in manchen Beziehungen besser als der von Fräulein Canbys Erzählung. Sie weist die naive Phantasie eines echten Volksmärchens auf, während Fräulein Canbys Erzählung ersichtlich für Kinder von einer älteren Person geschrieben ist, die die Art und Weise eines Feenmärchens annimmt und didaktische Wendungen nicht immer vermeidet. Helens Märchen ist in demselben Sinne ein Original, wie die dichterische Bearbeitung einer alten Sage ein solches ist.

Aller Sprachgebrauch beruht auf Nachahmung, und jemandes Stil ist ein Ausfluß aller Stilarten, die ihm vorgekommen sind.

Der einzige Weg, ein gutes Englisch schreiben zu lernen, ist der, es zu lesen und zu hören. Daher kommt es, daß man jedes Kind ein korrektes Englisch lehren kann, wenn man es kein anderes lesen oder hören läßt. Bei einem Kinde ist die Scheidung des Besseren von dem Schlechteren nicht bewußt; es ist der Sklave seiner sprachlichen Erfahrung.

Der gewöhnliche Mensch wird sich nie von der irrigen Auffassung losmachen können, daß die Worte dem Gedanken gehorchen, daß man zuerst denkt und das Gedachte dann in Worte kleidet. Es muß allerdings zuerst die Absicht, der Wunsch vorhanden sein, etwas auszusprechen, aber der Gedanke nimmt meistenteils erst dann feste Form an, wenn er in Worte gekleidet ist; auf jeden Fall wird der Gedanke dadurch, daß er in Worten ausgedrückt wird, ein selbständiges Gebilde. Worte rufen oft Gedankengänge hervor, und wer das Wort beherrscht, wird Bedeutenderes sagen, als er sonst vermöchte. Als Helen Keller den »Frostkönig« schrieb, sagte sie mehr, als sie selbst glaubte.

Wer einen Satz aus Wörtern bildet, spricht nicht seine Weisheit aus, sondern die Weisheit des Volkes, dessen Leben in den Worten enthalten ist, selbst wenn sie vorher noch nie in dieser bestimmten Weise zusammengesetzt worden sind. Wer Geschichten schreiben kann, denkt an zu schreibende Geschichten. Das Medium der Sprache ruft den Gedanken hervor, den es begleitet, und je bedeutender das Medium ist, desto tiefer sind die Gedanken.

Gebildet ist der, dessen Ausdrucksweise gebildet ist. Der Träger des Denkens ist die Sprache, und im Gebrauch der Sprache muß das taube Kind so gut wie jedes andere unterrichtet werden. Gebt ihm die Sprache, und es erhält mit ihr das Material, aus dem die Sprache gebildet ist, das Denken und die Erfahrungen seines Volkes. Die Sprache muß eine von einem Volke gebrauchte sein, nicht ein Kunstprodukt. Volapük ist ein Unsinn. Das taube Kind, das nur die Gebärdensprache kennt, bleibt bei allen Völkern ein Fremdling; seine Gedanken sind nicht die eines Engländers, eines Deutschen oder eines Franzosen. Das Vaterunser in der Zeichensprache ist nicht das Vaterunser im Englischen.

De Quincey sagt in seiner Abhandlung über den Stil, das beste Englisch finde sich in den Briefen der gebildeten vornehmen Engländerinnen, weil diese nur einige gute Bücher gelesen haben und nicht durch den Zeitungsstil, den Jargon der Straße, des Marktes und der öffentlichen Versammlungen verdorben worden sind.

Genau diese selben äußeren Umstände kommen für Helen Kellers Englisch in Betracht. In den ersten Jahren ihrer Erziehung bekam sie nur gute Sachen zum Lesen; einiges darunter war allerdings trivial und zeichnete sich auch nicht besonders durch seinen Stil aus, aber nichts war nach Form oder Inhalt geradezu schlecht. Diese glücklichen Verhältnisse haben ihr ganzes bisheriges Leben lang angedauert. Sie hat sich an Werken der Phantasie genährt und aus diesen den Stil großer Schriftsteller in ihr starkes, zähes Gedächtnis aufgenommen. Als sie zwölf Jahre alt war, wurde sie gefragt, was für ein Buch sie auf eine lange Eisenbahnfahrt mitnehmen wolle. »Das verlorene Paradies«, war ihre Antwort, und sie las das Werk im Zuge.

In den Tagen, als Helen den ersten Entwurf ihrer Lebensgeschichte für den »Youth’s Companion« verfaßte,[34] schrieb ihr Dr. Holmes: „Ich bin entzückt über den Stil Ihrer Briefe. Es ist nichts Affektiertes in ihnen enthalten, und da sie Ihnen unmittelbar von Herzen kommen, so gehen sie auch mir unmittelbar zu Herzen.“

In den Jahren des Uebergangs vom Kinde zur Jungfrau verlor Helens Stil seine frühere Schlichtheit und wurde steif und, wie sie sich selbst ausdrückte, gedrechselt. Damals wurde Fräulein Sullivan oft von der Furcht befallen, daß die Fortschritte ihrer Schülerin mit dem Ende der Kindheit aufhören würden. Zuweilen schien es Fräulein Keller an Geschmeidigkeit zu gebrechen; ihr Gedankengang bewegte sich in herkömmlichen Redewendungen, und sie schien nicht die Kraft zu haben, diese zu ändern oder in neue Bahnen zu lenken, und erst als sie die Kunst des Ausdrucks zum Gegenstand eines bewußten Studiums gemacht hat, hat sie aufgehört, das Opfer der Phrase zu sein. Charles T. Copeland, der lange Jahre hindurch Professor der englischen Sprache und Literatur an der Harvard- und der Radcliffe-Universität gewesen ist, erklärte einst: „In einigen ihrer Arbeiten hat sie gezeigt, daß sie besser schreiben kann, als irgend ein Schüler oder eine Schülerin, die ich je gehabt habe. Sie besitzt ein ausgezeichnetes »Ohr« für den Fluß der Perioden.“ —

In allem, was Fräulein Keller geschrieben hat, zeigt sich, wie bei den meisten großen englischen Schriftstellern, unverkennbar der Einfluß des Stils der Bibel. In ihrer Selbstbiographie finden sich viele Zitate aus der Bibel, entweder als gesonderte Einfügungen in den Text oder in diesen hineinverwoben, während das Ganze ein durchaus selbständiges Gepräge trägt. Ihr Wortschatz umfaßt alle Ausdrücke, die andere gebrauchen, und die Erklärung dieser Erscheinung und zugleich das Vernunftmäßige, das darin liegt, muß jedermann einleuchten. Es liegt kein Grund vor, warum sie alle Wörter, die einen Gehörs- oder Gesichtseindruck bezeichnen, aus ihrem Wörterbuche streichen sollte. Solange sie die Wörter richtig gebraucht, sollte man ihr das Recht einräumen, sie nach freiem Ermessen zu verwenden und dürfte von ihr nicht verlangen, daß sie sich auf einen Wortschatz beschränke, der ihrem Mangel an Seh- und Hörvermögen entspreche. In Bezug auf die Form sowohl wie den Inhalt ihres Buches müssen wir der Künstlerin zugestehen, was wir der Autobiographin versagen. Dazu kommt, daß für »wahrnehmen« von den Blinden die Ausdrücke »blicken« und »sehen« und von den Tauben »hören« gebraucht werden; es sind allgemein verständliche und gebräuchlichere Wörter. Nur ein Wortklauber könnte daran denken, den Blinden auf den Terminus »wahrnehmen« festnageln zu wollen, wenn »sehen« und »blicken« um so viel natürlicher sind und außerdem allgemein sowohl die Bedeutung des geistigen wie des sinnlichen Erkennens haben. Wenn Fräulein Keller eine Statue befühlt, so sagt sie in ihrer natürlichen Ausdrucksweise, während ihre Finger über den Marmor gleiten: Sie sieht aus wie ein Kopf der Flora. —

Andererseits ist es richtig, daß sie in ihren Schilderungen das künstlerisch Beste dann leistet, wenn sie sich streng an ihre eigenen sinnlichen Wahrnehmungen hält, und genau dasselbe gilt von allen Künstlern.

Infolge des Unterrichts in der letzten Zeit hat sie gelernt, ein gut Teil ihrer herkömmlichen Ausdrucksweise über Bord zu werfen und über Erfahrungen ihres Lebens zu schreiben, die sie selbst gewonnen hat. Sie hat mehr und mehr begonnen, den Stil aufzugeben, den sie aus Büchern entlehnte und den sie zu gebrauchen suchte, weil sie wie andere Menschen zu schreiben wünschte; sie hat gelernt, daß sie das Beste gibt, wenn sie »fühlt«, wie die Lilien hin- und herschwanken, sich die Rosen in die Hand drücken läßt und von der Hitze spricht, die für sie Licht bedeutet.

Fräulein Kellers Selbstbiographie umfaßt nahezu alles, was sie zu veröffentlichen beabsichtigte.[35] Es existieren jedoch noch einige kleinere Aufsätze, die weder so formlos wie ihre Briefe noch so sorgfältig abgefaßt sind wie ihre Lebensgeschichte. Einer von diesen enthält Mitteilungen über ihr Traumleben, die bei einer Blinden von doppeltem Interesse sind; wir lassen ihn daher noch in Uebersetzung folgen.

* * *

„O, die Streiche, die die Nixe von Traumland uns während des Schlafes spielen! Ich glaube, es sind die Spaßmacher des himmlischen Hofhalts. Oft nehmen sie die Gestalt von Aufsatzthemen an, um mich zu verspotten, sie stolzieren auf der Bühne des Schlafes wie die törichten Jungfrauen einher, nur daß sie anstatt der leeren Lampen saubere Kollegienhefte in ihren Händen halten. Ein andermal examinieren sie mich kreuz und quer in allen Fächern, die ich je studiert habe, und stellen Fragen an mich, die so leicht zu beantworten sind, wie die folgende: Wie hieß die erste Maus, über die sich Hippopotamos, der Satrap von Cambridge unter Astyages, dem Großvater Kyros’ des Großen, ärgerte? Ich wache vor Entsetzen auf, während mir noch die Worte in den Ohren klingen: Eine Antwort oder das Leben!

Solchergestalt sind die verzerrten Phantasien, die durch die Seele eines Mädchens ziehen, das die Universität besucht und, wie ich es tue, in einer Atmosphäre von Ideen und Begriffen lebt, die halb Gedanken, halb Gefühle sind, die sich gegenseitig drängen und jagen, bis man beinahe verrückt wird. Ich habe selten Träume, die nicht im Zusammenhange mit dem stehen, was ich wirklich denke und fühle; aber eines Nachts schien sich meine ganze Natur verwandelt zu haben, und ich stand als mächtiger, furchtbarer Mann vor den Augen der Welt da. Selbstverständlich liebe ich den Frieden und hasse den Krieg nebst allem, was zum Kriege gehört; in der blutbefleckten Laufbahn Napoleons erblicke ich nichts Bewundernswertes, abgesehen von seinem Ende. Nichtsdestoweniger war in jener Nacht der Geist jenes mitleidslosen Menschenschlächters in mich gefahren! Ich werde es nie vergessen, wie die Kampfeswut in meinen Adern tobte — es schien, als wolle das stürmische Schlagen meines Herzens mir den Atem nehmen. Ich ritt einen feurigen Renner — ich kann noch jetzt das ungeduldige Emporwerfen seines Kopfes und den Schauer fühlen, der beim ersten Kanonendonner durch seinen Körper rann.

Von dem Gipfel des Hügels aus, auf dem ich stand, sah ich meine Truppen über eine sonnenbeschienene Ebene anstürmen wie zornige Wellen, und als sie sich bewegten, erblickte ich das Grün der Felder, das aussah wie die kühlen Täler zwischen den Wogen. Trompeten erklangen mitten in den unaufhörlichen Trommelwirbel und den Massenschritt der heranmarschierenden Bataillone hinein. Ich spornte mein schnaubendes Roß, schwang mein Schwert in die Höhe und rief: Ich komme! Blickt auf mich, Krieger — Europa! Ich stürzte mich in die heranbrausenden Wogen wie ein starker Schwimmer in die Brandung taucht und stieß — ach, es ist die Wahrheit! — gegen den Bettpfosten.

Jetzt schlafe ich selten, ohne zu träumen; bevor aber Fräulein Sullivan zu mir kam, waren meine Träume selten und mit Ausnahme derer von rein physischer Natur, gedankenarm und zusammenhanglos. In meinen Träumen fiel stets etwas plötzlich und schwer herab, und mitunter schien mich meine Wärterin für mein unfreundliches Benehmen, das ich im Laufe des Tages gegen sie gezeigt hatte, zu züchtigen und mir meine Fußtritte und mein Kneifen mit Wucherzinsen heimzuzahlen. Ich fuhr aus meinem Schlafe empor unter verzweifelten Anstrengungen, meiner Peinigerin zu entgehen. Ich aß sehr gern Bananen und eines Nachts träumte mir, ich fände eine lange Schnur mit diesen Früchten in dem Speisezimmer, in der Nähe des Buffets, alle geschält und von köstlicher Reife, und alles, was ich zu tun hatte, war, daß ich mich unter die Schnur stellte und aß, soviel ich konnte.

Nachdem Fräulein Sullivan zu mir gekommen war, träumte ich umso öfter, je mehr ich lernte; aber mit dem Erwachen meines Geistes stellten sich oft schreckhafte Phantasien und unbestimmte Furchtanwandlungen ein, die meinen Schlaf lange Zeit zu einem sehr unruhigen machten. Ich fürchtete mich vor der Dunkelheit und liebte das Kaminfeuer. Sein warmer Hauch kam mir wie die Liebkosung einer Menschenhand vor, ich glaubte wirklich, es sei ein beseeltes Wesen, imstande, mich zu lieben und zu beschützen. An einem kalten Winterabend war ich allein in meinem Zimmer. Fräulein Sullivan hatte das Licht gelöscht und war fortgegangen, in der Meinung, ich schliefe schon. Mit einem Male fühlte ich mein Bett erzittern, und es war mir, als spränge ein Wolf auf mich zu und heulte mich an. Es war nur ein Traum, aber ich hielt ihn für Wirklichkeit und geriet in das größte Entsetzen. Ich wagte nicht zu schreien, aber ich wagte auch nicht im Bett zu bleiben. Vielleicht war der Traum eine verworrene Erinnerung an das Märchen vom Rotkäppchen, das ich vor kurzem gehört hatte. Jedenfalls schlüpfte ich aus dem Bett und kauerte mich dicht neben dem Feuer nieder, das noch nicht ausgebrannt war. Sobald ich seine Wärme fühlte, war ich beruhigt, und ich saß lange Zeit da und sah es in leuchtenden Wogen höher und immer höher steigen. Schließlich übermannte mich der Schlaf, und als Fräulein Sullivan zurückkehrte, fand sie mich in eine Decke gehüllt am Herde liegen.

Oft, wenn ich träume, ziehen Gedanken durch meinen Sinn wie vermummte Schatten, schweigend und in weiter Ferne, und verschwinden dann. Vielleicht sind es die Geister von Gedanken, die einst den Geist eines Vorfahren von mir bevölkerten. Zu anderen Zeiten fallen die Dinge, die ich gelernt habe, und die, in denen ich unterrichtet worden bin, von mir ab, wie die Eidechse ihre Haut abstreift, und ich erblicke dann meine Seele so, wie Gott sie sieht. Es gibt auch schöne, seltene Augenblicke, in denen ich im Traumland sehe und höre. Wie, wenn in meinen wachen Stunden ein Ton durch die schweigenden Hallen des Gehörs erklänge? Wie, wenn ein Strahl des Lichtes durch die dunklen Gemächer meiner Seele blitzte? Was würde sich dann ereignen? frage ich mich immer und immer wieder. Würde die allzustraff gespannte Saite des Lebens springen? Würde das Herz, überwältigt von freudigem Schreck, infolge des Uebermaßes von Glück aufhören zu schlagen?

Notes in this chapter

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