Erster Teil Die Geschichte meines Lebens (continued 2)
Paul Seliger translation
Es ist hier vielleicht der geeignete Ort, etwas über den Gebrauch unseres Fingeralphabets zu sagen, das manche, die uns nicht kennen, zu befremden scheint. Wer mittelst seiner Hand mir vorliest oder mit mir spricht, bedient sich in der Regel des von den Taubstummen gebrauchten einhändigen Fingeralphabets. Ich lege meine Hand so leicht auf die Hand des Sprechenden, daß keine ihrer Bewegungen gehemmt wird. Die Stellung der Hand ist ebenso leicht zu fühlen wie zu sehen. Ich fühlte ebensowenig jeden Buchstaben wie andere jeden Buchstaben für sich sehen, wenn sie lesen. Beständige Uebung macht die Finger äußerst biegsam, und einige meiner Freunde buchstabieren sehr rasch, beinahe so rasch, wie jemand auf der Schreibmaschine schreibt. Das bloße Buchstabieren ist selbstverständlich in nicht höherem Grade eine bewußte Handlung als das Schreiben.
Als ich mir die Sprache angeeignet hatte, konnte ich es kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Endlich nahte der glückliche Augenblick. Während der Rückreise hatte ich fortwährend mit Fräulein Sullivan gesprochen, nicht um zu sprechen, sondern um mich bis zur letzten Minute zu vervollkommnen. Fast ehe ich es ahnte, hielt der Zug auf dem Bahnhofe in Tuscumbia, und auf dem Perron stand die ganze Familie. Meine Augen füllen sich noch jetzt mit Tränen, wenn ich daran denke, wie mich meine Mutter sprachlos und zitternd vor Freude an ihr Herz drückte und auf jede Silbe, die ich sprach, atemlos lauschte, während die kleine Mildred meine freie Hand ergriff, sie küßte und umhertanzte, und mein Vater seinen Stolz und seine Liebe durch tiefes Schweigen bekundete. Es war, als sei Jesaias Prophezeiung an mir in Erfüllung gegangen: Die Berge und Hügel werden vor dir Lieder anstimmen, und alle Bäume des Feldes werden vor Freude in ihre Hände klatschen.
Vierzehntes Kapitel.
Die Frostkönig-Episode. — Betrachtungen über Schriftstellerei.
Der Winter des Jahres 1892 wurde durch eine Wolke an dem heiteren Himmel meiner Kindheit getrübt. Anstatt der Freude waren für lange, lange Zeit Zweifel, Sorge und Furcht bei mir eingekehrt. Die Bücher verloren ihren Reiz für mich, und noch jetzt schnürt sich mir bei dem Gedanken an jene schrecklichen Tage das Herz zusammen. Eine kleine Geschichte mit dem Titel »Der Frostkönig«,[6] die ich schrieb und an Herrn Anagnos, den Direktor des Perkinsschen Blindeninstitutes schickte, bildete die Veranlassung zu all der Unruhe. Um die Sache klarzustellen, muß ich die Tatsachen in Verbindung mit folgender Episode auseinandersetzen, die zu erwähnen mich sowohl die Gerechtigkeit gegen meine Lehrerin wie gegen mich selbst nötigt.
Ich schrieb die Erzählung, als ich zu Hause war, in dem Herbste, nachdem ich sprechen gelernt hatte. Wir waren von Fern Quarry später als gewöhnlich aufgebrochen. Während unseres Aufenthaltes dort hatte mir Fräulein Sullivan die Schönheiten des herbstlichen Laubes beschrieben, und es scheint, als hätten ihre Schilderungen die Erinnerung an ein Märchen wachgerufen, das mir offenbar einmal vorgelesen worden war und das ich unbewußt behalten haben muß. Ich glaubte damals eine „Geschichte zu machen“, wie die Kinder sagen, und setzte mich voller Eifer hin, die niederzuschreiben, ehe sich die Gedanken wieder verflüchtigten. Die Gedanken flossen mir leicht aus der Feder; ich empfand lebhafte Freude bei der Ausarbeitung. Worte und Bilder strömten mir in reicher Fülle zu, und während ich mir einen Satz nach dem anderen ausdachte, schrieb ich alles mit meinem Braillegriffel nieder. Wenn mir jetzt Worte und Bilder ohne besondere Anstrengung kommen, so betrachte ich dies als einen ziemlich sicheren Beweis dafür, daß sie nicht mein geistiges Eigentum, sondern fremdes Gut sind, von dem ich nichts wissen will. Damals aber nahm ich alles, was ich las, begierig auf ohne irgend einen Gedanken an Verfasserrecht, und selbst jetzt kann ich die Grenzlinie zwischen meinen Gedanken und denen, die ich in meinen Büchern finde, nicht ganz scharf ziehen. Ich glaube, dies liegt daran, daß mir soviele Eindrücke durch die Vermittlung der Augen und Ohren anderer zugehen.
Als ich mit meiner Erzählung fertig war, las ich sie meiner Lehrerin vor, und ich erinnere mich noch jetzt lebhaft der Freude, die ich bei den gelungenen Stellen empfand, sowie meiner Ungeduld, wenn ich durch die Verbesserung der Aussprache eines Wortes unterbrochen wurde. Beim Mittagessen wurde sie der versammelten Familie vorgelesen, die ganz erstaunt war, daß ich so gut schrieb. Es fragte mich auch jemand, ob ich sie nicht in irgend einem Buche gelesen hätte.
Diese Frage überraschte mich sehr, denn ich hatte nicht die geringste Erinnerung daran, daß sie mir je vorgelesen worden sei. Ich sagte daher mit aller Entschiedenheit: O nein, es ist eine Geschichte von mir, und ich habe sie für Herrn Anagnos geschrieben.
Demgemäß schrieb ich die Erzählung ab und schickte sie dem genannten Herrn zu seinem Geburtstage. Es wurde mir geraten, den Titel, der ursprünglich »Herbstlaub« (Autumn Leaves) lautete, in »Der Frostkönig« (The Frost King) umzuändern, was ich denn auch tat. Ich trug die kleine Erzählung selbst zur Post, und es war mir dabei zu Mute, als ob ich in den Wolken schwebte. Ich ließ mir wenig davon träumen, wie hart ich für dieses Geburtstagsgeschenk zu büßen haben würde.
Herr Anagnos war über den »Frostkönig« entzückt und veröffentlichte das Märchen in einem seiner Jahresberichte über das Perkinssche Institut. Dies war der Gipfel meiner Glückseligkeit, von dem ich aber bald jäh wieder zur Erde geschleudert werden sollte. Ich war nur kurze Zeit in Boston gewesen, als es sich herausstellte, daß eine ähnliche Geschichte wie »Der Frostkönig«, nämlich »Die Frostelfen« (The Frost Fairies) von Fräulein Margaret T. Canby, vor meiner Geburt in einem Buche mit dem Titel »Birdie und seine Freunde« (Birdie and His Friends) erschienen sei. Die beiden Erzählungen stimmten in Inhalt und Form so sehr überein, daß kein Zweifel darüber bleiben konnte, daß Fräulein Canbys Märchen mir vorgelesen worden sein mußte, und daß das meinige — ein Plagiat war. Es hielt schwer, mir dies verständlich zu machen; als ich es aber begriffen hatte, war ich tief betrübt. Kein Kind hat je einen bittereren Kelch getrunken als ich. Ich hatte mir Schimpf und Schande zugezogen, ich hatte Verdacht bei denen erregt, die ich am meisten liebte. Und doch, wie war es möglich, daß so etwas geschehen konnte? Ich zermarterte mein Gehirn unablässig, um mich an irgend etwas zu erinnern, was ich über den Frost gelesen haben könnte, bevor ich den »Frostkönig« schrieb; ich konnte mich aber auf nichts entsinnen als auf die volkstümliche Redensart von Jack Frost und ein Kindergedichtchen: »Die Launen des Frostes« (The Freaks of the Frost), und ich wußte, daß ich dieses nicht bei meiner Arbeit benutzt hatte.
Zunächst schien mir Herr Anagnos zu glauben, obgleich er großen Kummer darüber empfand. Er war außergewöhnlich zärtlich und liebevoll zu mir, und eine kurze Zeitlang verschwand der Schatten. Ihm zuliebe suchte ich mich zu fassen und mich zur Feier von Washingtons Geburtstag, der bald nach dem peinlichen Zwischenfall festlich begangen wurde, so hübsch wie möglich zu machen.
Ich sollte die Ceres in einer Art von Maskenspiel darstellen, das von den blinden Kindern aufgeführt wurde. Wie gut erinnere ich mich an das reizvolle Gewand, das mich umhüllte, an das bunte Herbstlaub, das mein Haupt schmückte, an die Früchte und Aehren zu meinen Füßen und in meinen Händen, und unter all der Heiterkeit des Maskenspiels das drückende Bewußtsein eines nahenden Unheils, das mir das Herz schwer machte!
Am Abend vor der Feier hatte eine der Institutslehrerinnen eine Frage betreffs des »Frostkönigs« an mich gerichtet, und ich hatte ihr geantwortet, daß Fräulein Sullivan mir von Jack Frost und seinen Wunderwerken erzählt habe. Irgend eine Aeußerung von mir schien sie als Geständnis aufzufassen, daß ich mich an Fräulein Canbys Märchen von den »Frostelfen« erinnere, und sie teilte Herrn Anagnos dies mit, obgleich ich ihr ganz entschieden erklärte, sie habe mich mißverstanden.
Herr Anagnos, der mich zärtlich liebte, blieb den Beteuerungen meiner Liebe und Unschuld gegenüber taub, da er getäuscht worden zu sein glaubte. Er war der Meinung oder hegte wenigstens den Verdacht, daß Fräulein Sullivan und ich uns bewußt die Gedanken einer anderen angeeignet und sie ihm in betrügerischer Absicht zugeschickt hätten, um Bewunderung bei ihm zu finden. Ich wurde vor ein Gericht gestellt, das aus den Lehrern und Beamten des Institute bestand, und Fräulein Sullivan wurde aufgefordert, mich allein zu lassen. Dann wurde ich einem förmlichen Kreuzverhör unterworfen, das mich auf die Vermutung brachte, meine Richter seien fest entschlossen, mich zu dem Geständnis zu zwingen, ich erinnerte mich, daß mir das Märchen »Die Frostelfen« vorgelesen worden sei. Ich fühlte aus jeder Frage den Zweifel und den Verdacht heraus, den sie in ihrem Innern hegten, und ebenso empfand ich es, daß ein geliebter Freund uns vorwurfsvoll betrachtete, obgleich ich dies alles nicht in Worte fassen konnte. Alles Blut drängte sich mir nach meinem wild pochenden Herzen, und ich konnte kaum sprechen außer in abgerissenen Worten und Silben. Selbst das Bewußtsein, das Ganze sei nur ein furchtbares Mißverständnis, konnte meinen Schmerz nicht lindern, und als ich schließlich das Zimmer verlassen durfte, war ich noch ganz außer mir und achtete weder auf die Liebkosungen meiner Lehrerin noch auf die zärtlichen Worte meiner Freunde, die mir sagten, ich sei ein braves Mädchen, auf das man stolz sein könne.
Als ich diese Nacht in meinem Bette lag, weinte ich so herzbrechend, wie hoffentlich wenige Kinder geweint haben. Mir war so eisig kalt, daß ich glaubte, den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben, und dieser Gedanke tröstete mich. Ich glaube, wenn dieser Schlag mich einige Jahre später getroffen hätte, so würde mein Geist unrettbar zusammengebrochen sein. Aber der Engel des Vergessens hat viel von dem Elend und der Bitternis dieser traurigen Tage aufgesammelt und mit sich fortgenommen.
Fräulein Sullivan hatte nie von den »Frostelfen« oder dem Buch, in dem das Märchen erschienen war, gehört. Mit Dr. Alexander Grahams Hilfe untersuchte sie die Sache gründlich, und schließlich stellte es sich heraus, daß Frau Sophia C. Hopkins im Jahre 1888 ein Exemplar von Fräulein Canbys »Birdie und seine Freunde« besaß, als wir den Sommer mit ihr in Brewster zubrachten. Frau Hopkins konnte das Buch nicht mehr finden, sie hat mir aber erzählt, daß sie, während Fräulein Sullivan auf einer Ferienreise begriffen war, versucht habe, mir durch Vorlesen aus verschiedenen Büchern die Zeit zu vertreiben, und obgleich sie sich nicht deutlicher als ich erinnern konnte, die »Frostelfen« gelesen zu haben, war sie doch ganz sicher, daß sich ein Exemplar von »Birdie und seine Freunde« unter diesen Büchern befunden habe. Sie erklärte sich das Fehlen des Buches dadurch, daß sie vor kurzem ihr Haus verkauft und dabei verschiedene Jugendschriften, sowie alte Schulbücher und Märchen verschenkt hatte, und daß sich die betreffende Erzählung wahrscheinlich unter diesen befunden hätte.
Erzählungen hatten damals wenig oder gar kein Interesse für mich; aber das bloße Buchstabieren der seltsamen Worte genügte, einem kleinen Mädchen die Zeit zu vertreiben, das selber beinahe nichts zu seiner Unterhaltung beitragen konnte, und obgleich ich mich keines einzelnen Umstandes bei dieser Lektüre entsinne, kann ich doch nicht umhin zu glauben, daß ich mir die größte Mühe gegeben habe, die Worte zu behalten, in der Absicht, sie meiner Lehrerin nach ihrer Rückkehr zu wiederholen. Das eine ist unzweifelhaft, die Sprache war mir unauslöschlich eingeprägt, obgleich dies lange Zeit niemand wußte, am wenigsten ich selbst.
Als dann Fräulein Sullivan zurückkam, sprach ich mit ihr nicht über die »Frostelfen«, wahrscheinlich, weil sie sofort begann, mir den »Kleinen Lord Fauntleroy«[7] vorzulesen, der mich so begeisterte, daß ich an nichts anderes denken konnte. Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß mir Fräulein Canbys Märchen früher vorgelesen worden war und daß es sich mir, lange nachdem ich es vergessen hatte, mit solcher Ursprünglichkeit wieder aufdrängte, daß ich nie auf den Verdacht geriet, es könne das Geisteskind einer anderen sein.
Mitten in meinem Schmerze erhielt ich viele Beweise der Liebe und Teilnahme. Alle Freunde, die ich am meisten liebte, sind mir damals bis auf einen treu geblieben. Fräulein Canby selbst schrieb mir freundlich: Eines Tages werden Sie ein Märchen eigener Erfindung schreiben, das viele aufrichten und erheben wird. — Aber diese Prophezeiung ist nie in Erfüllung gegangen. Ich habe nie mehr zum Zwecke der bloßen Unterhaltung mit Worten gespielt. In der Tat bin ich seitdem stets von dem Gedanken gequält worden, daß das, was ich schreibe, nicht mein geistiges Eigentum ist. Lange Zeit wurde ich, wenn ich einen Brief schrieb, selbst an meine Mutter, von einem plötzlichen Angstgefühl befallen und ich zergliederte meine Sätze auf das genaueste, um sicher zu sein, sie nicht in einem Buche gelesen zu haben. Ohne den unausgesetzten Zuspruch Fräulein Sullivans würde ich, wie ich glaube, jeden weiteren Versuch, mich schriftstellerisch zu betätigen, aufgegeben haben.
Ich habe seitdem die »Frostelfen« gelesen und ebenso Briefe von mir, in denen ich noch andere Gedanken Fräulein Canbys benutzt habe. In einem von ihnen, einem Briefe an Herrn Anagnos vom 29. September 1891, finde ich Worte und ganze Sätze, die deutlich an jenes Buch erinnern. Um dieselbe Zeit schrieb ich den »Frostkönig«, und dieser Brief enthält gleich vielen anderen eine Anzahl Redewendungen, die beweisen, daß mein Geist ganz mit dem Märchen gesättigt war. Ich lege meiner Lehrerin folgende Worte über das goldene Herbstlaub in den Mund: Ja, es ist schön genug, um uns über die Flucht des Sommers zu trösten — ein Gedanke, der unmittelbar aus Fräulein Canbys Geschichte stammt.
Diese Gewohnheit, mir zu assimilieren, was mir gefiel, und es dann als mein Eigentum auszugeben, tritt vielfach in meinem frühesten Briefwechsel und meinen ersten schriftstellerischen Versuchen zutage. In einem Aufsatze, den ich über die alten Städte Griechenlands und Italiens schrieb, entnahm ich meine glühenden Schilderungen Quellen, die ich jetzt vergessen habe. Ich kannte Herrn Anagnos’ Vorliebe für das Altertum und seine begeisterte Verehrung für Italien und Griechenland. Ich brachte daher aus allen Büchern, die ich las, die Brocken von Poesie oder Geschichte an, die ihm, wie ich glaubte, Vergnügen bereiten würden. Herr Anagnos hatte bei der Besprechung meines Aufsatzes gesagt: Diese Gedanken sind in ihrem Kerne poetisch. Aber ich verstehe nicht, wie er je hat der Meinung sein können, ein blindes und taubstummes Kind von elf Jahren habe diese selbständig gefunden. Doch kann ich nicht glauben, daß, weil diese Gedanken nicht meinem eigenen Kopfe entsprungen sind, mein kleiner Aufsatz aus diesem Grunde alles Interesses bar sein sollte. Er beweist mir, daß ich imstande war, schöne, poetische Gedanken in klaren, lebendigen Worten wiederzugeben.
Jene Jugendaufsätze stellten eine geistige Gymnastik dar. Ich lernte, wie es alle jungen, unerfahrenen Leute tun, durch Assimilation und Nachahmung, Gedanken in Worte zu kleiden. Alles, was ich in einem Buche fand und was mir gefiel, bewahrte ich, bewußt oder unbewußt, in meinem Gedächtnisse auf und paßte es meinen Zwecken an. „Wenn man zu schreiben beginnt,“ sagt Stevenson, „versucht man unwillkürlich nachzuahmen, was einem am bewundernswertesten erscheint, und wechselt auffallend rasch mit den Gegenständen seiner Bewunderung. Selbst große Männer haben erst nach jahrelanger Uebung gelernt, die Legion von Worten, die sich auf allen möglichen Nebenwegen ihrem Geiste aufdrängten, in gehörige Ordnung zu bringen.“
Ich fürchte, ich stehe noch jetzt mitten in dieser Entwickelung drin. Es ist klar, daß ich nicht immer meine eigenen Gedanken von denen, die ich irgendwo gelesen habe, sondern kann, eben weil das, was ich lese, das eigentliche Wesen und Gefüge meines Geistes ausmacht. Infolgedessen fördere ich beinahe in allem, was ich schreibe, etwas zutage, was große Aehnlichkeit mit der ungeschickten Stoppelei aufweist, die ich zustande brachte, als ich anfing, nähen zu lernen. Dieses Stoppelwerk bestand aus allerlei Fetzen und Lappen — hübschen Stückchen Seide und Sammet, aber die häßlichen Flicken, die durchaus keinen gefälligen Eindruck machten, herrschten stets vor. Ebenso bestehen meine schriftstellerischen Leistungen aus unverarbeiteten eigenen Begriffen, untermischt mit den klareren Gedanken und gereifteren Ansichten der Autoren, deren Bücher ich gelesen habe. Die Hauptschwierigkeit beim Schreiben scheint mir darin zu bestehen, daß die Sprache des hochgebildeten Geistes unsere verworrenen Ideen — halb Empfindungen, halb Gedanken — zu einer Zeit ausdrücken soll, da wir wenig mehr sind als Bündel instinktiver Antriebe. Die ersten schriftstellerischen Versuche haben große Aehnlichkeit mit einem Zusammenlegespiel. Wir sehen im Geiste ein Muster vor uns, das wir mit Worten darzustellen wünschen, aber die Worte passen nicht in die Zwischenräume, und wenn sie es tun, stimmen sie nicht mit der Zeichnung überein. Aber wir fahren in unseren Versuchen fort, weil wir sehen, daß andere Erfolg gehabt haben, und wir nicht gewillt sind, unseren Mangel an Begabung zuzugeben.
„Es gibt kein anderes Mittel, originell zu werden, als so geboren zu sein,“ sagt Stevenson, und obgleich ich gar nicht originell sein mag, so hoffe ich doch, dereinst meinen erkünstelten, unnatürlichen schriftstellerischen Versuchen zu entwachsen. Dann werden vielleicht meine eigenen Gedanken und Erfahrungen zutage treten. Inzwischen vertraue ich, hoffe ich, arbeite ich unermüdet weiter und suche es zu verhindern, daß die bittere Erinnerung an den »Frostkönig« etwa meine Kreise störe.
So hat diese traurige Erfahrung für mich auch etwas Gutes im Gefolge gehabt: sie ist die Veranlassung gewesen, daß ich über einige Probleme der Schriftstellerei nachgedacht habe. Ich bedaure nur das eine, daß der Vorfall den Verlust eines meiner teuersten Freunde, des Herrn Anagnos, zur Folge hatte.
Nach der Veröffentlichung der »Geschichte meines Lebens« im Ladies’ Home Journal hat Herr Anagnos in einem Briefe an Herrn Macy geäußert, er habe mich zu der Zeit, als sich der Vorfall mit dem »Frostkönig« abspielte, für unschuldig gehalten. Er erklärt, das Gericht, vor das ich gestellt wurde, habe aus acht Mitgliedern bestanden: vier blinden und vier sehenden. Vier von diesen, behauptet er, waren der Ansicht, Fräulein Canbys Erzählung sei mir vorgelesen worden, während die anderen vier die entgegengesetzte Meinung vertraten. Herr Anagnos erklärt, seine Stimme zu meinen Gunsten abgegeben zu haben.
Wie aber auch die Sache gewesen sein und in welchem Sinne er seine Stimme abgegeben haben mag, das eine ist sicher: als ich in das Zimmer trat, in dem mich Herr Anagnos so oft auf seinen Knien gehalten und seine vielfachen Sorgen über meiner Lustigkeit vergessen hatte, und hier Personen antraf, die Zweifel in mich zu setzen schienen, fühlte ich, daß etwas Feindseliges und Drohendes in der Atmosphäre lag, und die nachfolgenden Ereignisse haben diesen Eindruck bestätigt. Zwei Jahre lang scheint Herr Anagnos an der Ansicht festgehalten zu haben, daß Fräulein Sullivan und ich unschuldig seien. Dann änderte er offenbar seine günstige Meinung, aus welchem Grunde, weiß ich nicht. Auch die Einzelheiten der Untersuchung kenne ich nicht, und selbst die Namen der Mitglieder des »Gerichtshofes«, die überdies während der ganzen Verhandlung kein Wort zu mir sprachen, sind mir unbekannt geblieben. Ich war zu aufgeregt, um auf irgend etwas zu achten, zu eingeschüchtert, um Fragen zu stellen. In der Tat kann ich mich kaum entsinnen, was ich sagte, oder was zu mir gesagt wurde.
Ich habe den Vorfall mit dem »Frostkönig« so ausführlich dargestellt, da er für mein Leben und meine Erziehung von Wichtigkeit war, und um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, habe ich alle Tatsachen wiedergegeben, wie sie mir erscheinen, ohne die Absicht zu hegen, mich zu verteidigen oder irgend jemand anzuklagen.
Fünfzehntes Kapitel.
Erster Entwurf der »Lebensgeschichte«. — Zweifel und Unruhe. — Reise nach Washington zur Einführung des Präsidenten Cleveland, nach dem Niagarafall und der Weltausstellung in Chicago.
Den auf den Zwischenfall mit dem »Frostkönig« folgenden Sommer und Winter verlebte ich bei den Meinigen in Alabama. Ich erinnere mich mit Entzücken an jene Heimreise. Alles sproßte und blühte. Ich war glücklich. Der »Frostkönig« war vergessen.
Als der Boden sich mit den goldenen und purpurnen Blättern des Herbstes bedeckte und die würzig duftenden Trauben, die die Laube am anderen Ende des Gartens bedeckten, unter dem Einfluß der Sonnenwärme eine goldigbraune Färbung annahmen, begann ich eine Skizze über mein Leben abzufassen — ein Jahr, nachdem ich den »Frostkönig« geschrieben hatte.
Ich war noch über die Maßen peinlich in betreff jeder Zeile, die ich schrieb. Der Gedanke, daß meine Arbeit vielleicht nicht mein ausschließliches geistiges Eigentum sein könne, quälte mich unausgesetzt. Niemand wußte etwas von diesem Zagen als meine Lehrerin. Eine seltsame Empfindlichkeit hielt mich davon ab, den »Frostkönig« zu erwähnen, und oft wenn mir plötzlich im Laufe der Unterhaltung ein Gedanke kam, buchstabierte ich ihr leise zu: Ich weiß nicht genau, ob er mir gehört. Bisweilen sagte ich mir, während ich gerade einen Satz niederschrieb: Wie, wenn es sich herausstellen sollte, daß dieses alles schon vor langer Zeit von einem anderen gesagt worden ist? Eine unheimliche Furcht lähmte dann meine Hand, sodaß ich an diesem Tage nichts mehr schreiben konnte. Und selbst jetzt fühle ich noch mitunter dasselbe Unbehagen, dieselbe Unruhe. Fräulein Sullivan tröstete und unterstützte mich auf jede erdenkbare Weise; aber die fürchterliche Erfahrung, die ich gemacht hatte, ließ einen bleibenden Eindruck in meinem Geiste zurück, dessen Bedeutung ich erst jetzt zu verstehen beginne. In der Absicht, mein Selbstvertrauen wiederherzustellen, überredete mich meine Lehrerin, einen kurzen Abriß meines Lebens für den Youth’s Companion zu schreiben. Ich war damals zwölf Jahre alt. Wenn ich auf das Widerstreben zurückblicke, mit dem ich diese kleine Arbeit niederschrieb, so kommt es mir vor, als müsse ich eine prophetische Vision von dem Segen gehabt haben, der aus diesem Unternehmen für mich entsprang, sonst würde ich es sicher nicht durchgeführt haben.
Ich schrieb zaghaft, furchtsam, aber entschlossen, von meiner Lehrerin gedrängt, die wohl einsah, daß, wenn ich die Arbeit durchführte, ich mein Selbstvertrauen wiedergewinnen und einen Begriff von meinen Fähigkeiten bekommen würde. Bis zu der Zeit der Episode mit dem »Frostkönig« hatte ich das unbewußte Leben eines kleinen Kindes geführt; nun wandten sich meine Gedanken nach innen, und ich nahm unsichtbare Dinge wahr. Allmählich erwachte ich aus dem Hindämmern, in das mich jene Erfahrung versetzt hatte, mit einem durch praktische Betätigung klarer gewordenen Geist und mit einer richtigeren Erkenntnis des Lebens.
Die Hauptereignisse des Jahres 1893 waren meine Reise nach Washington zur Einführung des Präsidenten Cleveland und meine Besuche des Niagarafalls und der Weltausstellung in Chicago. Unter diesen Umständen wurden meine Studien fortwährend unterbrochen und oft viele Wochen völlig vernachlässigt, sodaß es mir unmöglich ist, einen zusammenhängenden Bericht von ihnen zu geben.
Zum Niagarafalle reisten wir im März 1893. Es läßt sich schwer in Worte fassen, was ich empfand, als ich auf der die amerikanischen Fälle überragenden Platte stand und die Luft erzittern und die Erde erbeben fühlte.
Es erscheint vielen seltsam, daß ich einen Eindruck von den Wundern und Schönheiten des Niagarafalles bekommen haben soll. Sie fragen mich stets: Was ist diese Schönheit und diese Musik für Sie? Sie können die Wogen nicht an das Ufer rollen sehen oder ihr Tosen hören. Was für eine Bedeutung hat dies für Sie? — Es hat im allerbuchstäblichsten Sinne die höchste Bedeutung für mich. Ich kann seine Bedeutung ebensowenig ergründen oder definieren, wie ich die Liebe, die Religion oder die Güte ergründen oder definieren kann.[8]
Im Sommer 1893 besuchten wir in der Begleitung Dr. Alexander Graham Bells die Weltausstellung. Ich erinnere mich noch heute mit durch keinen Mißklang gestörter Freude jener Tage, an denen tausend kindische Wünsche zu schöner Wirklichkeit erwachten. Jeden Tag machte ich eine Reise um die Welt und sah ungezählte Wunderwerke aus den entlegensten Teilen der Erde — staunenswerte Erfindungen, Schätze der Industrie, der Geschicklichkeit und aller Tätigkeiten des menschlichen Lebens tatsächlich unter meinen Fingerspitzen vorübergleiten.
Mit Vorliebe besuchte ich die Schaustellung an dem großen Mittelwege. Hier schienen sich mir die Märchen aus »Tausendund einer Nacht« verkörpert zu haben, so voll von Neuem und Interessantem war alles. Hier befand sich das Indien meiner Bücher in dem zierlichen Bazar mit seinen Shiwas und seinen Elefantengöttern wieder; hier war das Land der Pyramiden in ein Modell von Kairo mit seinen Moscheen und langen Prozessionen von Kamelen zusammengedrängt; dort drüben lagen die Lagunen von Venedig, auf denen wir jeden Abend in einer Gondel umherfuhren, wenn die Ausstellungsgebäude und die Springbrunnen illuminiert waren. Auch an Bord eines Wikingerschiffes ging ich, das in kurzer Entfernung von der kleinen Werft vor Anker lag. Ich war schon vorher, in Boston, auf einem Kriegsschiff gewesen, und es war mir interessant, auf diesem Wikingerschiff zu sehen, wie der Seemann einst alles in allem war — wie er dahinsegelte und Sturm und Windstille mit demselben unverzagten Herzen aufnahm, wie er Jagd auf jedermann machte, der seinen wilden Ruf: Wir sind von der See! beantwortete, wie er mit seinem Kopfe und seinen Sehnen arbeitete, selbstbewußt, selbstgenügsam, anstatt sich durch eine intelligenzlose Maschine in den Hintergrund drängen zu lassen, wie es heutzutage mit unseren Blaujacken der Fall ist. So ist es stets — „Der Mensch ist nur dem Menschen interessant.“
Nicht weit von diesem Schiffe entfernt lag ein Modell der »Santa Maria«, die ich ebenfalls untersuchte. Der Kapitän zeigte mir Kolumbus’ Kajüte und sein Pult mit einem Stundenglase darauf. Dieses kleine Instrument machte den tiefsten Eindruck auf mich, weil es mich daran erinnerte, wie schwer es dem kühnen Seefahrer ums Herz gewesen sein muß, als er den Sand Korn für Korn herunterrinnen sah, während die verzweifelte Schiffsbesatzung einen Anschlag gegen sein Leben plante.
Der Präsident der Weltausstellung, Herr Higinbotham, gestattete mir gütigst, die ausgestellten Gegenstände zu berühren, und mit ebenso unersättlicher Gier, wie sie Pizarro empfunden haben muß, als er von den Schätzen Perus Besitz ergriff, nahm ich die Herrlichkeiten der Ausstellung in meine Hand. Diese weiße Stadt des Westens bildete eine Art von „fühlbarem“ Kaleidoskop. Alles fesselte mich, namentlich aber die französischen Bronzen. Sie waren so lebensvoll, daß ich glaubte, es seien himmlische Visionen, die der Künstler aufgefangen und in irdische Formen gebannt habe.[9]
Auf der Ausstellung des Kaplandes lernte ich viel über die Art und Weise, in der nach Diamanten gegraben wird. Wo es mir irgend möglich war, berührte ich die Maschine, während sie in Gang war, um eine klarere Vorstellung von dem Abwägen, Schneiden und Schleifen der Steine zu erhalten. Ich suchte in der Wäscherei nach einem Diamanten, und fand ihn auch wirklich — den einzigen echten Diamanten, heißt es, der jemals in den Vereinigten Staaten gefunden worden ist.
Dr. Bell begleitete uns überallhin und beschrieb mir in seiner anziehenden Weise die Gegenstände, die das größte Interesse darboten. In der elektrischen Ausstellung untersuchten wir die Telephone, Autophone, Phonographen und andere Erfindungen, und er erklärte mir, wie es möglich sei, eine Botschaft auf Drähten in die weite Welt zu senden, die des Raumes spottet und der Zeit vorauseilt, und, wie es Prometheus tat, Feuer vom Himmel herabzuholen. Ebenso besuchten wir die anthropologische Abteilung, wo mich am meisten die mexikanischen Altertümer interessierten, die rohen Steinarbeiten, die so oft die einzige Erinnerung an ein Zeitalter bilden, die einfachen Denkmäler ungebildeter Naturkinder (wie ich glaubte, als ich sie mit meinen Fingern betastete), die bestimmt scheinen, die dereinst in Staub zerfallenden Schriften von Königen und Weisen zu überdauern. Ebenso fesselten die ägyptischen Mumien meine Aufmerksamkeit, vor deren Berührung ich jedoch zurückschreckte. Von diesen Altertümern habe ich mehr über den Fortschritt der Menschheit gelernt, als ich bis dahin je gehört oder gelesen hatte.
Alle diese Erfahrungen bereicherten meinen Wortschatz mit einer großen Menge neuer Ausdrücke, und in den drei Wochen, die ich dem Besuche der Weltausstellung widmete, machte ich einen gewaltigen Fortschritt von meinem kindlichen Interesse an Märchen und Spielzeug hin zu der richtigen Wertschätzung der realen und ernst arbeitenden Welt.
Sechzehntes Kapitel.
Geschichtsstudium. — Studium der französischen Sprache; Lafontaine, Molière, Racine. — Vervollkommnung der Lautsprache. — Latein. — Lektüre von Cäsars »Gallischem Krieg«.
Vor dem Oktober 1893 betrieb ich meine Studien in verschiedenen Fächern mehr oder weniger sprunghaft. Ich las Werke über griechische, römische und amerikanische Geschichte. Ich besaß eine französische Grammatik in Hochdruck, und da ich schon etwas Französisch verstand, machte ich oft kurze Uebersetzungen im Kopfe, in denen ich die neuen Wörter anwandte, wie sie mir gerade in den Wurf kamen, ohne mich im geringsten um Regeln und sonstige Vorschriften zu kümmern. Ich suchte sogar die französische Aussprache ohne Hilfe zu erlernen, da ich alle Buchstaben und Laute in dem Buche erklärt fand. Natürlich war dies beinahe verlorene Liebesmühe; aber ich hatte dann wenigstens etwas an regnerischen Tagen zu tun, und ich erwarb mir genügende Kenntnisse im Französischen, um mit Genuß Lafontaines »Fabeln«, Molières »Le médecin malgré lui« und Stellen aus Racines »Athalie« mit Genuß lesen zu können.
Beträchtliche Zeit widmete ich auch der Vervollkommnung meiner Sprache. Ich las Fräulein Sullivan laut vor und rezitierte auswendig gelernte Stellen aus meinen Lieblingsdichtern, wobei sie meine Aussprache verbesserte und auf richtige Betonung und Modulation achtete. Doch erst im Oktober, als ich mich von den Strapazen und den Aufregungen meines Besuches der Weltausstellung erholt hatte, begann ich zu bestimmten Stunden Unterricht in einzelnen Fächern zu nehmen.
Fräulein Sullivan und ich waren zu jener Zeit in Hulton in Pennsylvanien, auf Besuch bei Herrn William Wade und seiner Familie. Ein in der Nähe wohnender Herr Irons war ein tüchtiger Lateiner, und es wurde verabredet, daß ich bei ihm Unterricht haben sollte. Ich erinnere mich seiner als eines Mannes von seltener Milde und weitem Blicke. Hauptsächlich unterrichtete er mich in lateinischer Grammatik; oft half er mir aber auch beim Rechnen, das ich ebenso mühsam wie langweilig fand. Auch Tennysons »In Memoriam« las Herr Irons mit mir. Ich hatte schon viele Bücher gelesen, aber niemals von einem kritischen Standpunkte aus. Jetzt lernte ich zum ersten Male einen Schriftsteller wirklich verstehen, ich lernte seinen Stil kennen, wie man den Handschlag eines Freundes kennt.
Anfangs ging ich mit ziemlichem Widerstreben an das Studium der lateinischen Grammatik. Es erschien mir widersinnig, mit der Zergliederung jedes vorkommenden Wortes Zeit zu vergeuden — Nomen, Genetiv, Singular, Femininum —, wenn seine Bedeutung klar auf der Hand lag. Nach meiner Auffassung war dies genau so, als hätte ich mein Kätzchen folgendermaßen beschreiben müssen, um es zu erkennen: Ordnung: Wirbeltiere; Abteilung: Vierfüßer; Klasse: Säugetiere; Gattung: Katzentiere; Art: Katze; Individuum: Tabby. Als ich aber tiefer in den Gegenstand eindrang, bekam ich mehr Interesse daran, und die Schönheit der Sprache entzückte mich. Ich machte mir oft das Vergnügen, Stellen in lateinischen Werken zu lesen, indem ich mir die Wörter heraussuchte, die ich verstand, und mich bemühte, den Sinn herauszubringen. Ich habe nie aufgehört, mich an diesem Zeitvertreib zu ergötzen.
Es gibt meiner Meinung nach nichts Schöneres als die verschwimmenden, fließenden Bilder und Gedanken — Vorstellungen, die gleich Wolken am Himmel, in phantastischer Gestalt und Färbung am Geiste vorüberschweben, vermittelt durch eine Sprache, in die man soeben begonnen hat einzudringen. Fräulein Sullivan saß bei den Lektionen neben mir, buchstabierte mir in die Hand, was Herr Irons sagte, und achtete auf die Worte, die mir neu waren. Ich begann gerade Caesars »Gallischen Krieg« zu lesen, als ich nach Alabama zurückkehrte.
Siebzehntes Kapitel.
Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Taubstummen im Sprechen in Chautauqua (Sommer 1894). — Besuch der Wright-Humason-Schule in New York. — Arithmetik, physikalische Geographie, Französisch, Deutsch. — Lektüre von »Wilhelm Tell« und »Le médecin malgré lui«. — Zentralpark in New York. — Ausflüge in die Umgebung der Stadt.
Im Sommer 1894 wohnte ich den in Chautauqua stattfindenden Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen bei. Es war vereinbart worden, daß ich die Wright-Humason-Schule für Taubstumme in New York besuchen sollte. Diese Schule war namentlich zum Zwecke meiner gründlichen Ausbildung im Sprechen und Ablesen von den Lippen gewählt worden. Außer diesen beiden Fertigkeiten studierte ich in den zwei Jahren, in denen ich die Schule besuchte, Arithmetik, physikalische Geographie, Französisch und Deutsch.
Fräulein Reamy, meine deutsche Lehrerin, verstand das Fingeralphabet, und nachdem ich mir einen kleinen Wortschatz angeeignet hatte, sprachen wir deutsch miteinander, so oft sich eine Gelegenheit dazu bot, und in wenigen Monaten konnte ich beinahe alles verstehen, was sie sagte. Vor Schluß des ersten Jahres las ich »Wilhelm Tell« mit dem größten Genusse. In der Tat glaube ich, daß ich im Deutschen größere Fortschritte gemacht habe als sonst in einem Fache. Das Französische fand ich viel schwieriger. Ich lernte es bei Frau Olivier, einer Französin, die das Fingeralphabet nicht kannte und die daher ihren Unterricht mündlich erteilen mußte. Ich konnte noch nicht geläufig von ihren Lippen ablesen, und meine Fortschritte waren infolgedessen bedeutend langsamer als im Deutschen. Ich versuchte jedoch abermals Molière: Le médecin malgré lui zu lesen. Das Stück war sehr lustig; es gefiel mir aber nicht annähernd so gut wie »Wilhelm Tell«.
Meine Fortschritte im Ablesen von den Lippen und im Sprechen waren nicht so groß, wie meine Lehrerin und ich gehofft und erwartet hatten. Mein Ehrgeiz ging dahin, so zu sprechen, wie andere Menschen, und meine Lehrer hielten dies für durchführbar; allein trotz aller angestrengten und gewissenhaften Arbeit erreichten wir unser Ziel nicht ganz. Ich glaube, wir hatten es zu hoch gesteckt, und eine Enttäuschung war daher unvermeidlich. Die Arithmetik betrachtete ich noch als ein System von Fallgruben. Ich hielt mich auf der gefährlichen Grenze des Erratens und vermied das breite Tal des Denkens, was meinen Lehrern und mir selbst unaufhörlichen Verdruß bereitete. Wenn ich mich nicht aufs Raten legte, so machte ich Sprünge in meinen Schlußfolgerungen, und dieser Fehler in Verbindung mit meinen körperlichen Gebrechen erhöhte die Schwierigkeiten mehr, als es notwendig und in der Ordnung gewesen wäre.
Obgleich aber diese Enttäuschungen mich zuweilen recht niederdrückten, setzte ich doch meine anderen Studien mit unermüdlicher Ausdauer fort, namentlich das Studium der physikalischen Geographie. Es gewährte mir hohe Freude, in die Geheimnisse der Natur einzudringen, zu lernen, wie — um in der bilderreichen Sprache des Alten Testaments zu reden — die Winde von den vier Ecken des Himmels her blasen, wie die Dünste von den Enden der Erde aufsteigen, wie die Flußläufe zwischen den Felsen ausgeschnitten sind und Berge niederstürzen, und auf welche Weise der Mensch viele Kräfte überwinden kann, die stärker sind als er selbst. Ich verlebte zwei glückliche Jahre in New York, und noch jetzt blicke ich mit aufrichtiger Genugtuung auf sie zurück.
Namentlich erinnere ich mich der Spaziergänge, die wir alle zusammen jeden Tag in den Zentralpark unternahmen, den einzigen Teil der Stadt, in dem ich mich heimisch fühlte. Mein Entzücken über diesen großen Park blieb immer das gleiche. Ich hätte gewünscht, ihn jedesmal schildern zu können, wenn ich ihn betrat, denn er war in jeder Hinsicht schön, und seine Reize waren so mannigfaltiger Art, daß er an jedem Tage in den neun Monaten, die ich in New York verlebte, neue Schönheiten enthüllte.
Im Frühjahr unternahmen wir Ausflüge nach verschiedenen interessanten Orten. Wir segelten auf dem Hudson und wanderten an seinen grünen Ufern entlang, die Bryant mit Vorliebe in seinen Liedern verherrlicht. Unter den Orten, die wir besuchten, befand sich auch Tarrytown, die Heimat von Washington Irving, wo ich durch die »Schlafhöhle« wanderte.
Die Lehrer an der Wright-Humason-Schule waren stets darauf bedacht, ihren Zöglingen alle Annehmlichkeiten zu verschaffen, deren sich diejenigen, die hören können, erfreuen; die wenigen Anlagen und passiven Erinnerungen, die in ihnen schlummern, soviel wie möglich zu wecken und sie aus den beengenden Verhältnissen, in die sie die Ungunst des Schicksals versetzt hat, zu befreien.
Bevor ich New York verließ, wurden diese heiteren Tage durch den größten Schmerz verdunkelt, den ich je seit dem Tode meines Vaters erlebt habe. Im Februar 1896 starb Herr John Spaulding in Boston. Nur diejenigen, die ihm am nächsten standen, können ermessen, was seine Freundschaft für mich bedeutete. Er, der jedermann in zartfühlender, unaufdringlicher Weise beglückte, war gegen Fräulein Sullivan und mich äußerst gütig und liebevoll gewesen. Solange wir seine Augen auf uns gerichtet sahen und wußten, daß er den regsten Anteil an dem Gelingen unseres Werkes nehme, das mit so vielen Schwierigkeiten umgeben war, so lange konnten wir nicht verzagen. Sein Abscheiden ließ eine Lücke in unserem Dasein zurück, die nie ausgefüllt worden ist.
Achtzehntes Kapitel.
Besuch des Mädchengymnasiums in Cambridge zum Zweck der Vorbereitung für das Radcliffe-College. — Wunsch, eine Universität zu besuchen. — Schwierigkeit, dem Unterricht zu folgen. — Befriedigende Fortschritte, namentlich im Deutschen: »Lied von der Glocke«, »Taucher«, »Dichtung und Wahrheit« u. s. w. — Shakespeare, Burke, Macaulay. — Zusammensein mit sehenden und hörenden Altersgenossinnen. — Mildreds Aufnahme in die Schule. — Prüfungen.
Im Oktober 1896 trat ich in das Mädchengymnasium in Cambridge ein, um mich für das Radcliffe College vorbereiten zu lassen.
Als ich noch ein kleines Mädchen war, besuchte ich einmal Wellesley und überraschte meine Freundinnen mit der Ankündigung: Später gehe ich auf die Universität, aber auf die Harvard-Universität. — Auf die Frage, warum ich nicht nach Wellesley gehen wolle, antwortete ich, dort studierten nur Mädchen. Der Gedanke, die Universität zu besuchen, schlug in meinem Herzen Wurzel und wurde zum ernstlichen Verlangen, mit sehenden und hörenden Mädchen in den Wettbewerb um einen akademischen Grad einzutreten trotz des entschiedenen Widerspruchs von seiten vieler aufrichtiger und verständiger Freunde. Als ich New York verließ, war der Gedanke zur feststehenden Absicht geworden, und es wurde in der Familie beschlossen, daß ich nach Cambridge gehen sollte. Dies war ein Schritt, der mich der Harvard-Universität und der Erfüllung meiner kindlichen Erklärung nahebringen sollte.
Auf dem Gymnasium in Cambridge sollte Fräulein Sullivan die Unterrichtsstunden mit mir besuchen, um mir die Vorträge durch das Fingeralphabet zu vermitteln.

Fräulein Sullivan liest Helen Keller vor
Natürlich hatten meine Lehrer nur Erfahrung im Unterrichte normaler Zöglinge, und mein einziges Verständigungsmittel bildete das Ablesen von den Lippen. Meine Studien erstreckten sich im ersten Jahre auf englische Geschichte, englische Literatur, Deutsch, Latein, Arithmetik, lateinischen Aufsatz und gelegentliche Übersetzungen. Bis dahin hatte ich nie einen wissenschaftlichen Kursus in der Absicht, mich auf die Universität vorzubereiten, durchgemacht; aber ich war im Englischen durch Fräulein Sullivan gut eingeübt worden, und meine Lehrer sahen bald, daß ich in diesem Fache außer einem kritischen Studium der vom College vorgeschriebenen Bücher keiner weiteren Unterweisung bedürfe. Außerdem hatte ich gute Fortschritte im Französischen gemacht und sechs Monate lateinischen Unterricht erhalten; das Fach aber, in dem ich am bewandertsten war, war das Deutsche.
Trotz dieser Vorteile gab es doch andererseits ernstliche Hindernisse, die meine Fortschritte verlangsamten. Fräulein Sullivan konnte mir nicht alles, was die Bücher verlangten, in die Hand buchstabieren, und es dauerte sehr lange, bis meine Lehrbücher in Hochdruck für mich hergestellt waren, obgleich meine Freunde in London und Philadelphia es sich angelegen sein ließen, die Arbeit zu beschleunigen. Eine Zeitlang mußte ich in der Tat meine lateinischen Aufgaben in Brailleschrift übertragen, wenn ich mit den übrigen Mädchen mitkommen wollte. Meine Lehrer wurden mit meiner unvollkommenen Sprache bald genügend vertraut, um meine Fragen rasch zu beantworten und Fehler zu verbessern. In den Stunden konnte ich keine Aufzeichnungen machen, noch mich an den schriftlichen Aufgaben beteiligen; aber ich schrieb alle meine Aufsätze und Übersetzungen zu Hause mit der Schreibmaschine nieder.
Jeden Tag begleitete mich Fräulein Sullivan in die Klassenräume und buchstabierte mir mit nimmermüder Geduld alles, was die Lehrer sagten, in die Hand. In den Arbeitsstunden hatte sie auf alle Wörter zu achten, die mir noch unbekannt waren, und Notizen und Bücher, die ich nicht in Hochdruck besaß, zu lesen und immer wieder zu lesen. Das Lästige einer solchen Arbeit ist schwer zu begreifen. Frau Gröte, meine deutsche Lehrerin, und Herr Gilman, der Direktor der Anstalt, waren die einzigen Lehrer am Gymnasium, die das Fingeralphabet erlernt hatten, um mich direkt unterrichten zu können. Niemand wußte besser als die liebe Frau Gröte selbst, wie langsam und mangelhaft ihr Buchstabieren war. Nichtsdestoweniger buchstabierte sie mir in ihrer Herzensgüte mühsam ihre Unterweisungen zweimal wöchentlich in besonderen Unterrichtsstunden her, um Fräulein Sullivan ein wenig Ruhe zu verschaffen. Obgleich aber jedermann freundlich und gefällig gegen uns war, so gab es doch nur eine Hand, die die Plage in Genuß verwandeln konnte.
In jenem Jahr absolvierte ich die Arithmetik, repetierte die lateinische Grammatik und las drei Kapitel aus Caesars »Gallischem Kriege«. Im Deutschen las ich, teils mit Hilfe meiner Finger, teils unter Fräulein Sullivans Beistande, Schillers »Lied von der Glocke« und den »Taucher«, Heines »Harzreise«, »Aus dem Staat Friedrichs des Großen« von Freytag, Riehls »Fluch der Schönheit«, Lessings »Minna von Barnhelm« und »Aus meinem Leben« von Goethe. Ich fand den größten Genuß an diesen deutschen Büchern, namentlich an Schillers wundervoller Lyrik, an der Erzählung von Friedrichs des Großen Heldentaten und an Goethes Selbstbiographie. Es tat mir leid, als ich mit der »Harzreise« fertig war, einem Werke, das soviel glücklichen Witz und soviel reizvolle Schilderungen von Rebenhügeln, murmelnden, im Sonnenschein dahineilenden Bächen und wilden Gebirgsgegenden, dem Schauplatz alter Sagen und Legenden, den grauen Zeugen einer lange dahingeschwundenen, phantasiebegabten Zeit enthält — Schilderungen, wie sie nur denen gelingen, für die die Natur „Gefühl, Liebe, Verlangen“ ist.
Herr Gilman unterrichtete mich einen Teil des Jahres in englischer Literatur. Wir lasen zusammen »Wie es euch gefällt«, Burkes »Rede über die Versöhnung mit Amerika« und Macaulays »Leben Samuel Johnsons«. Herrn Gilmans umfassende Ueberblicke über Geschichte und Literatur und seine trefflichen Erläuterungen machten mir die Arbeit leichter und angenehmer, als sie es gewesen sein würde, wenn ich nur mechanisch die Anmerkungen samt den im Klassenunterricht gegebenen notgedrungen kurzen Erläuterungen hätte nachlesen müssen.
Burkes Rede war interessanter als irgend ein anderes Buch politischen Inhaltes, das ich je gelesen hatte. Ich war selbst aufgeregt, als ich von den aufgeregten Zeiten las, und die Charaktere, die im Mittelpunkt des Kampfes der beiden Nationen standen, schienen sich leibhaftig vor meinen Augen zu bewegen. Ich wunderte mich immer mehr und mehr, je weiter Burkes meisterhafte Rede in den mächtigen Wogen seiner Beredsamkeit dahinrollte, wie es habe kommen können, daß König Georg und seine Minister für die warnende Prophezeiung unseres Sieges und ihrer Demütigung taube Ohren hatten. Dann wurde ich in die traurigen Einzelheiten über das Verhältnis eingeführt, in dem der große Staatsmann zu seiner Partei und der Volksvertretung stand. Ich mußte daran denken, wie seltsam es war, daß so kostbare Samenkörner von Wahrheit und Weisheit mitten unter das Unkraut von Unwissenheit und Korruption fielen.
In ganz anderer Art interessant war Macaulays »Leben Samuel Johnsons«. Mein Herz flog dem einsamen Manne zu, der das Brot der Trübsal in der Grubstraße aß und doch inmitten aller Mühseligkeit und der furchtbarsten körperlichen und seelischen Leiden doch stets für die Armen und Verlassenen ein freundliches Wort und eine offene Hand hatte. Ich freute mich über all seine Erfolge, ich schloß die Augen vor seinen Fehlern und wunderte mich, nicht daß er deren hatte, sondern daß seine Seele dabei nicht verkrüppelte. Aber trotz Macaulays glänzender Darstellung und seiner bewundernswürdigen Fertigkeit, Gemeinplätze frisch und bedeutungsvoll erscheinen zu lassen, ermüdete mich doch zuweilen seine kühle Verstandesmäßigkeit, und seine häufige Hintansetzung der Wahrheit zugunsten des Effekts erregte in mir ihm gegenüber sittliche Bedenken, die weit von dem Gefühl der Verehrung abstachen, mit der ich dem Demosthenes Großbritanniens gelauscht hatte.
Auf dem Gymnasium in Cambridge hatte ich mich zum ersten Male des Umgangs mit sehenden und hörenden Mädchen meines Alters zu erfreuen. Ich wohnte mit mehreren anderen zusammen in einem der hübschen mit dem Gymnasium in Verbindung stehenden Häuser, dem Hause, in dem Herr Howells wohnte, sodaß wir alle die Vorteile eines Familienlebens genossen. Ich beteiligte mich an vielen Spielen meiner Schulfreundinnen, selbst an Blindekuh und Schneeballwerfen; ich unternahm lange Spaziergänge mit ihnen; wir besprachen unsere Studien und lasen laut vor, was uns interessierte. Ein Teil der Mädchen erlernte das Fingeralphabet, sodaß Fräulein Sullivan mir ihre Worte nicht zu wiederholen brauchte.
Zu Weihnachten besuchten mich meine Mutter und meine kleine Schwester, um die Feiertage mit mir zu verleben, und Herr Gilman erbot sich in liebenswürdiger Weise, Mildred in seine Schule aufzunehmen. So blieb Mildred bei mir in Cambridge, und sechs glückliche Monate hindurch waren wir fast stets zusammen. Am glücklichsten macht mich die Erinnerung an die Stunden, in denen wir uns gegenseitig bei unseren Studien unterstützten und uns gemeinschaftlich von unserer Arbeit erholten.
Meine erste Prüfung für das Radcliffe College legte ich in der Zeit vom 29. Juni bis zum 3. Juli 1897 ab. Die Fächer, die ich angegeben hatte, waren Deutsch, Französisch, Latein, Englisch, sowie griechische und römische Geschichte, was neun Stunden zusammen ausmachte. Ich bestand in allen Fächern, — im Deutschen und Englischen „mit Auszeichnung“.
Vielleicht dürfte hier eine Schilderung der Art und Weise, in der ich geprüft wurde, am Orte sein. Für die Prüfung standen sechzehn Stunden zur Verfügung, zwölf für die Elementarkenntnisse und vier für die weiter fortgeschrittenen Studien. Die Prüfungsarbeiten wurden um neun Uhr auf der Harvard-Universität ausgegeben und durch einen besonderen Boten nach dem Radcliffe College gebracht. Die zu Prüfende war nicht ihrem Namen nach bekannt, sondern erhielt eine Nummer. Ich hatte Nr. 233, da ich aber eine Schreibmaschine benützen mußte, so konnte kein Zweifel über meine Person obwalten.
Man hielt es für rätlich, mich in einem besonderen Zimmer zu prüfen, weil das Geräusch der Schreibmaschine die anderen Mädchen gestört haben würde. Herr Gilman teilte mir alle Aufgaben vermittelst des Fingeralphabets mit. An die Türe wurde ein Mann gestellt, um jede Störung zu verhindern.
Am ersten Tage hatte ich Deutsch. Herr Gilman saß neben mir und las mir die Aufgabe erst im Zusammenhange vor, dann noch einmal Satz für Satz, wobei ich die Worte laut wiederholte, um ihm zu zeigen, daß ich ihn vollkommen verstanden hatte. Die Aufgaben waren schwer, und ich fühlte mich sehr ängstlich, als ich die Antworten auf der Schreibmaschine niederschrieb. Herr Gilman buchstabierte mir in die Hand, was ich geschrieben hatte, ich machte die mir notwendig scheinenden Verbesserungen, und er fügte sie ein. Ich möchte hier erwähnen, daß mir eine solche Erleichterung bei keiner meiner weiteren Prüfungen mehr gewährt wurde. Im Radcliffe College liest mir niemand meine Antworten vor, nachdem ich sie niedergeschrieben habe, und ich finde somit keine Gelegenheit, Fehler zu verbessern, wenn ich nicht fertig bin, bevor die Zeit um ist. In diesem Falle verbessere ich nur solche Versehen, auf die ich mich in den mir gestatteten paar Minuten entsinnen kann, und schreibe diese Verbesserungen am Schlusse meiner Arbeit nieder. Wenn ich die erste Prüfung besser bestanden habe als die zweite, so liegen dafür zwei Gründe vor. Bei der zweiten las mir niemand meine fertigen Arbeiten vor, und in der ersten gab ich Fächer an, mit denen ich schon vor meinem Besuche des Gymnasiums in Cambridge einigermaßen vertraut war; denn zu Anfang des Schuljahrs hatte ich Prüfungen im Englischen, in Geschichte, im Französischen und Deutschen nach Aufgaben abgelegt, die in früheren Jahren von der Harvard-Universität gestellt worden waren.
Herr Gilman sandte meine schriftlichen Arbeiten an die Prüfungskommission mit einer Bescheinigung, daß ich, Kandidatin Nr. 233, die Arbeiten angefertigt hätte.
Auch in den anderen Fächern ging die Prüfung in derselben Weise von statten. In keinem wurden mir so schwere Aufgaben gestellt wie im ersten. Ich erinnere mich, daß an dem Tage, an dem uns die lateinischen Aufgaben zugestellt wurden, Professor Schilling ins Zimmer trat und mir mitteilte, daß ich im Deutschen das Examen bestanden hätte. Dies gab mir neuen Mut, und ich ging mit leichtem Herzen und sicherer Hand an den übrigen Teil der hochnotpeinlichen Prüfung.
Neunzehntes Kapitel.
Beginn des zweiten Schuljahres. — Physik, Algebra, Geometrie, Astronomie, Griechisch, Latein. — Anfälle von Kleinmut. — Abgang vom Gymnasium und Weiterbildung durch Privatunterricht. — Rückkehr nach Boston (Oktober 1898). — Schlußprüfung für das Radcliffe College (Juni 1899).
Bei Beginn des zweiten Schuljahres war ich voller Hoffnung und Vertrauen auf einen endgültigen Erfolg. Aber in den ersten paar Wochen stellten sich mir unvorhergesehene Schwierigkeiten in den Weg. Herr Gilman hatte seine Einwilligung dazu gegeben, daß ich in diesem Jahre hauptsächlich Mathematik treiben sollte. Ich erhielt Unterricht in Physik, Algebra, Geometrie, Astronomie, Griechisch und Latein. Leider waren viele von den Büchern, deren ich bedurfte, zu Beginn des Unterrichts noch nicht im Hochdruck fertig, und es fehlten mir daher wichtige Hilfsmittel zu einigen meiner Studien. Die Klassen, die ich besuchte, waren sehr groß, und es war unmöglich für die Lehrer, mir besondere Unterweisung zu erteilen. Fräulein Sullivan mußte mir alle Bücher vorlesen und mitteilen, was die Lehrer vortrugen, und zum erstenmal in elf Jahren hatte es den Anschein, als sei ihre liebe Hand der Aufgabe nicht gewachsen.
Ich mußte in der Klasse beim algebraischen und geometrischen Unterricht nachschreiben und physikalische Aufgaben lösen, und dies war mir unmöglich, ehe wir eine Brailleschreibmaschine gekauft hatten, mittels deren ich die nötigen Aufzeichnungen machen konnte. Mit meinen Augen konnte ich den auf die Wandtafel gezeichneten geometrischen Figuren nicht folgen, und das einzige Mittel, mir eine klare Vorstellung von ihnen zu machen, bestand darin, daß ich sie auf einem Kissen mit Hilfe von geraden und gekrümmten Drähten mit spitzen, umgebogenen Enden nachmachte. Ich hatte, wie Herr Keith in seinem Berichte sagte, die Buchstabenbezeichnung der Figuren, die Voraussetzung und Schlußfolgerung, die Konstruktion und den Gang des Beweises im Kopfe zu behalten. Mit einem Worte, in jedem Fache zeigten sich Schwierigkeiten. Zeitweilig verlor ich allen Mut und verriet meine Empfindungen in einer Weise, deren ich mich noch jetzt schäme, wenn ich mich daran erinnere, namentlich da die Äußerungen meines Kleinmuts später zu Angriffen auf Fräulein Sullivan benutzt wurden, der einzigen von all den lieben Freundinnen in Cambridge, die imstande war, mir meine Pfade zu ebnen und meine Aufgabe zu erleichtern.
Allmählich begannen jedoch die Schwierigkeiten zu schwinden. Die in Hochdruck hergestellten Bücher und andere Hilfsmittel langten an, und ich machte mich mit neuem Mute an die Arbeit. Algebra und Geometrie waren die einzigen Fächer, die nach wie vor allen Anstrengungen meinerseits, in sie einzudringen, spotteten. Wie ich schon erwähnt habe, besaß ich keine besondere Beanlagung für Mathematik; die einzelnen Punkte wurden mir nicht so klargemacht, wie ich es gewünscht hätte. Die geometrischen Zeichnungen waren teilweise völlig unverständlich für mich, da ich selbst auf dem Kissen das Verhältnis der verschiedenen Teile zu einander nicht erkennen konnte. Eine klarere Vorstellung von der Mathematik erhielt ich erst, seit Herr Keith mich darin unterrichtete.
Ich war auf dem Weg, alle diese Schwierigkeiten zu überwinden, als ein Ereignis eintrat, das einen vollständigen Umschwung herbeiführte.
Unmittelbar bevor die Bücher eintrafen, hatte Herr Gilman Fräulein Sullivan Vorstellungen darüber gemacht, daß ich zu angestrengt arbeitete, und trotz meiner eifrigen Proteste setzte er die Zahl meiner Unterrichtsstunden herab. Anfangs waren wir dahin übereingekommen, daß ich nötigenfalls fünf Jahre auf meine Vorbereitung für die Universität verwenden sollte; am Ende des ersten Jahres aber überzeugte der Erfolg meiner Prüfungen Fräulein Sullivan, Fräulein Harbaugh (Herrn Gilmans erste Lehrerin) und noch eine andere Lehrerin von der Möglichkeit, daß ich ohne allzugroße Anstrengung meine Vorbereitung in zwei weiteren Jahren beenden könne. Herr Gilman erklärte sich anfangs damit einverstanden; als aber meine Ausgaben etwas verwickelter wurden, bestand er darauf, ich sei überarbeitet und solle noch drei weitere Jahre auf dem Gymnasium zubringen. Mir gefiel dieser Plan nicht, denn ich wollte mit meiner Klasse zugleich die Universität beziehen.
Am 17. November fühlte ich mich nicht ganz wohl und konnte den Unterricht nicht besuchen. Obgleich Fräulein Sullivan sah, daß es sich nur um eine leichte Unpäßlichkeit handle, erklärte Herr Gilman als er davon hörte, doch, ich stehe im Begriff, zusammenzubrechen, und traf Änderungen in meinem Studienplan, die es mir unmöglich machten, meine Abgangsprüfung zugleich mit meiner Klasse abzulegen. Schließlich führte die Meinungsverschiedenheit zwischen Herrn Gilman und Fräulein Sullivan dahin, daß meine Mutter meine Schwester Mildred und mich von dem Gymnasium in Cambridge wegnahm.
Nach einiger Zeit wurde beschlossen, daß ich meine Studien unter der Leitung eines Hauslehrers, Herrn Merton S. Keith aus Cambridge, fortsetzen sollte. Den Rest des Winters verlebten Fräulein Sullivan und ich bei der uns befreundeten Familie Chamberlin in Wrentham, einer fünfundzwanzig Meilen von Boston entfernten Stadt.
Vom Februar bis Juli 1898 kam Herr Keith wöchentlich zweimal nach Wrentham und unterrichtete mich in Algebra, Geometrie, Griechisch und Latein. Fräulein Sullivan übersetzte mir seine Erläuterungen.
Im Oktober 1898 kehrten wir nach Boston zurück. Acht Monate hindurch erteilte mir Herr Keith wöchentlich fünfmal Unterricht, jedesmal ungefähr eine Stunde lang. Er erklärte mir stets, was ich in der vorhergehenden Unterrichtsstunde nicht begriffen hatte, stellte mir neue Aufgaben und nahm meine griechischen Exerzitien, die ich während der Woche auf meiner Schreibmaschine angefertigt hatte, nach Hause, korrigierte sie sorgfältig und gab sie mir das nächstemal zurück.
Auf diese Weise schritt meine Vorbereitung für die Universität ohne Unterbrechung weiter fort. Ich fand es leichter und angenehmer, für mich allein unterrichtet zu werden als in der Klasse mit anderen zusammen. Es gab hier keine Überstürzung, keine Verwirrung. Mein Lehrer hatte vollauf Zeit, mir zu erklären, was ich nicht verstand, und daher machte ich raschere Fortschritte und hatte bessere Leistungen aufzuweisen als je auf dem Gymnasium. Ich fand jedoch noch immer mehr Schwierigkeiten bei der Lösung von mathematischen Aufgaben als in jedem anderen Unterrichtsfache. Ich wünschte, Algebra und Geometrie wären mir nur halb so leicht gefallen wie das Sprach- und Literaturstudium. Aber selbst die Mathematik machte mir Herr Keith anziehend; es gelang ihm, mir die Lehrsätze und Aufgaben so faßlich zu machen, daß ich dem Unterrichte mit Leichtigkeit folgen konnte. Er erhielt meine Aufmerksamkeit rege und lebendig und gewöhnte mich an klares Denken und ruhiges, logisches Schließen anstatt meiner früheren wilden, ziellosen Kreuz- und Quersprünge. Er war stets freundlich und zuvorkommend, wie ungeschickt ich mich auch mitunter angestellt haben mag, und man kann es mir glauben, meine Beschränktheit würde oft sogar eine Hiobsgeduld erschöpft haben.
Am 29. und 30. Juni 1899 legte ich die Schlußprüfung für das Radcliffe College ab. Am ersten Tage kamen die Anfangsgründe im Griechischen und lateinische Lektüre, am zweiten Geometrie, Algebra und griechische Lektüre an die Reihe.
Die Universitätsbehörden gestatteten Fräulein Sullivan nicht, mir die Prüfungsaufgaben vorzulesen; dafür wurde Herr Eugen C. Vining, einer der Lehrer des Perkinsschen Blindeninstituts, mit der Übertragung der Aufgaben für mich in amerikanische Brailleschrift betraut. Herr Vining war mir völlig fremd und konnte sich nur mittels der Brailleschrift mit mir verständigen. Auch der aufsichtführende Beamte war mir fremd und machte keinerlei Versuch, sich mit mir in Verbindung zu setzen.
Die Brailleschrift genügte zwar für die Sprachen vollständig; als aber Geometrie und Algebra an die Reihe kamen, ergaben sich Schwierigkeiten. Ich war schmerzlich überrascht und niedergeschlagen, da ich viel kostbare Zeit verlor, namentlich in der Algebra. Zwar war ich mit allen gewöhnlich zu literarischen Zwecken benutzten Braillesystemen vertraut — dem englischen, dem amerikanischen und dem New Yorker; aber die geometrischen und algebraischen Zeichen sind in diesen drei Systemen sehr verschieden, und ich hatte in der Algebra nur das englische benutzt.
Zwei Tage vor dem Beginn der Prüfungen sandte mir Herr Vining die Braillekopie einer früher von der Harvard-Universität gestellten algebraischen Aufgabe. Zu meinem Schreck bemerkte ich, daß sie in der amerikanischen Notation gehalten war. Ich setzte mich unverzüglich hin und bat Herrn Vining in ein paar Zeilen um eine Erklärung der Zeichen. Umgehend erhielt ich eine andere Arbeit und eine Tabelle, in der die Zeichen erklärt waren, und setzte mich hin, um die Notation zu erlernen. Aber am Abend vor der Prüfung in der Algebra, während ich über einigen sehr verwickelten Aufgaben brütete, hatte ich keine Zeit, mir die Zusammenstellungen von Klammern, Haken und Wurzelzeichen einzuprägen. Sowohl Herr Keith wie ich waren niedergeschlagen und voll trüber Ahnungen für morgen; wir gingen aber ein wenig vor dem Beginn der Prüfung nach dem Universitätsgebäude und baten Herrn Vining, uns die amerikanischen Zeichen etwas eingehender zu erklären.
In der Geometrie bestand die Hauptschwierigkeit für mich darin, daß ich stets gewohnt gewesen war, die Sätze im Liniendruck zu lesen oder sie in die Hand buchstabiert zu bekommen, und obgleich die Sätze jetzt dicht vor mir lagen, fand ich doch die Brailleschrift einigermaßen verwirrend und konnte mir nicht klar vorstellen, was ich las. Als aber die Algebra an die Reihe kam, brach eine noch härtere Zeit für mich an. Ich konnte mich in die Zeichen, die ich so spät erlernt hatte und die ich zu kennen glaubte, nicht finden. Außerdem konnte ich nicht prüfen, was ich auf meiner Schreibmaschine geschrieben hatte. Ich hatte stets meine Arbeiten in Brailleschrift oder im Kopfe gemacht. Herr Keith hatte sich zu sehr auf meine Fertigkeit, die Aufgaben im Kopfe zu lösen, verlassen und hatte mich nicht im schriftlichen Anfertigen von Examensarbeiten unterwiesen. Infolgedessen ging meine Arbeit peinlich langsam von statten, und ich hatte die Aufgaben immer und immer wieder zu lesen, ehe ich begriff, was von mir verlangt wurde. In der Tat bin ich selbst jetzt noch nicht sicher, alle Zeichen richtig gelesen zu haben. Es fiel mir schwer, meinen Kopf beisammen zu halten.
Aber ich klage niemand an. Die Universitätsbehörde wußte nicht, wie schwer sie mir meine Prüfung machte, noch begriff sie die besonderen Schwierigkeiten, die ich zu überwinden hatte. Aber wenn sie mir unabsichtlich Hindernisse in den Weg legte, so habe ich die Genugtuung, zu wissen, daß ich sie alle überwunden habe.
Zwanzigstes Kapitel.
Eintritt in das Radcliffe College. — Anfängliche Begeisterung und teilweise Enttäuschung. — Übelstände des Universitatsstudiums. — Erstes Studienjahr. — Französisch, Deutsch, englische Stillehre, englische Literatur. — Besuch der Vorlesungen. — Schreibmaschine. — Stunden des Unmuts. — Zweites Jahr: englische Stillehre, Bibel, politische Verhältnisse Amerikas und Europas, horazische Oden, lateinische Komödie, Nationalökonomie, Shakespeare, Geschichte der Philosophie. — Verknöcherung des Universitätswesens..— Pein der Prüfungen. — Enttäuschung.
Der Kampf um die Zulassung zur Universität war siegreich beendet, und ich konnte nun in das Radcliffe College eintreten, wann es mir beliebte. Bevor ich jedoch die Universität bezog, kamen wir überein, daß ich noch ein weiteres Jahr unter Herrn Keiths Leitung studieren sollte. Erst gegen Ende 1900 ging daher mein Traum, die Universität zu besuchen, in Erfüllung.
Ich erinnere mich heute noch meines ersten Tages im Radcliffe College. Es war ein interessanter Tag für mich. Ich hatte ihn jahrelang herbeigesehnt. Eine mächtige Kraft in mir, die stärker war als der Rat meiner Freunde, stärker selbst als die Warnungen meines eigenen Inneren, hatte mich dazu getrieben, meine Kräfte mit denen zu messen, die sehen und hören. Ich wußte, ich würde auf Hindernisse stoßen, aber ich war voller Eifer, sie zu überwinden. Ich hatte mir die Worte des weisen Römers zu Herzen genommen, der da gesagt hatte: „Aus Rom verbannt sein, heißt nur außerhalb Roms leben.“ — Abgeschnitten von der großen Heerstraße des Wissens war ich genötigt, meine Reise quer durchs Land auf wenig besuchten Straßen zurückzulegen — das war alles. Ich wußte, daß es auf einer Universität viele Nebenpfade gab, auf denen ich Hand in Hand mit Mädchen gehen konnte, die ebenso dachten, liebten und kämpften wie ich.
Ich begann meine Studien voller Eifer. Vor mir erblickte ich eine neue Welt, strahlend in Schönheit und Licht, und ich fühlte die Fähigkeit in mir, alles zu erkennen. In dem Wunderland des Geistes würde ich so frei sein wie jede andere. Seine Bewohner, seine Landschaft, seine Sitten, seine Freuden, seine Leiden sollten lebendige verkörperte Vermittler der realen Welt sein. Die Vorlesungssäle schienen mir mit dem Geiste der großen Weisen aller Zeiten erfüllt, und ich hielt die Professoren für Personifikationen der Weisheit selbst. Ich bin seitdem zu einer anderen Überzeugung gelangt, doch habe ich nicht die Absicht, irgend jemand mit Namen zu nennen.
Aber bald entdeckte ich, daß das College nicht ganz das romantische Lyceum war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Viele der Träume, die meine unerfahrene Jugend entzückt hatten, „verblaßten in dem grauen Lichte des Alltags“. Allmählich begann ich einzusehen, daß der Besuch der Universität auch seine Schattenseiten habe.
Die eine, deren ich mir am schmerzlichsten bewußt war und noch bewußt bin, besteht in dem Mangel an Zeit. Ich pflegte Zeit zum Denken, zum Sinnen zu haben, mein Geist und ich. Wir hatten manchen lieben Abend beieinander gesessen und der Melodie in unserem Innern gelauscht, die man nur in Mußestunden vernimmt, wenn die Worte eines Lieblingsdichters eine tiefe wohllautende Saite in unserer Seele anschlagen, die bis dahin noch nicht erklungen war. Aber auf der Universität hat man keine Zeit, mit seinen Gedanken zu verkehren. Man besucht, scheint es, die Vorlesungen, um zu lernen, nicht, um zu denken. Betritt man die Portale der Gelehrsamkeit, so läßt man die besten Freuden — Einsamkeit, Bücher und Phantasie — draußen bei den rauschenden Tannen. Ich glaube, ich müßte einige Beruhigung in dem Gedanken finden, daß ich Schätze für zukünftige Genüsse aufspeichere, aber ich bin zu unvorsorglich, um nicht den Genuß des Augenblicks der Ansammlung von Reichtümern für trübe Tage vorzuziehen.
Meine Studien erstreckten sich im ersten Jahre auf Französisch, Deutsch, Geschichte, englischen Stil und englische Literatur. Im Französischen las ich einige Werke von Corneille, Moliere, Racine, Alfred de Musset, Sainte-Beuve und im Deutschen von Goethe und Schiller. In der Geschichte verschaffte ich mir einen raschen Ueberblick über den ganzen Zeitraum vom Untergange des Römischen Reiches bis zum achtzehnten Jahrhundert, und in der englischen Literatur studierte ich kritisch Miltons Gedichte und »Areopagitica«.
Ich bin häufig gefragt worden, in welcher Weise ich die eigenartigen Schwierigkeiten, unter denen ich die Universität besuche, überwinde. Im Auditorium bin ich natürlich so gut wie allein. Der Professor ist so weit von mir entfernt, als ob er durch ein Telephon spräche. Die Vorlesungen werden mir so rasch wie möglich in die Hand buchstabiert, und in dem Bestreben, das Tempo innezuhalten, geht mir viel von der Individualität des Vortragenden verloren. Die Worte eilen durch meine Hand wie Hunde auf der Jagd nach einem Hasen, der ihnen aber oft entkommt. Aber in dieser Beziehung glaube ich nicht, daß ich viel schlechter daran bin als die Mädchen, die sich ihre Aufzeichnungen machen. Ist der Geist mit dem mechanischen Prozesse des Hörens beschäftigt und soll man zu gleicher Zeit das Gehörte in fliegender Eile zu Papier bringen, so kann man, glaube ich, weder dem behandelten Gegenstande noch der Art des Vortrags die gebührende Aufmerksamkeit zuwenden. Ich kann während der Vorlesungen keine Aufzeichnungen machen, weil meine Hände mit Aufmerken beschäftigt sind. Gewöhnlich schreibe ich mir dann zu Hause das, was ich behalten habe, nieder. Ich fertige meine Exerzitien, Aufsätze, Kritiken, die Arbeiten zu den Semester- und Jahresprüfungen auf meiner Schreibmaschine an, sodaß die Professoren keine Schwierigkeit haben, herauszufinden, wie wenig ich weiß. Als ich das Studium der lateinischen Prosodie begann, schrieb ich meinem Professor eine Reihe von Zeichen auf, die die verschiedenen Metra und Quantitäten kenntlich machen sollten, und erklärte sie ihm.
Ich bediene mich der Hammond-Schreibmaschine. Ich habe viele Maschinen versucht, finde aber, daß die Hammondsche sich am besten für die Besonderheiten meiner Arbeit eignet. Bei dieser Maschine können Umschalttasten benutzt werden, und man kann deren mehrere haben, jede mit verschiedenen Typen — Griechisch, Französisch oder Mathematik — entsprechend der Art von Schrift, die man auf der Schreibmaschine hervorbringen will. Wenn ich die Hammondsche Schreibmaschine nicht hätte, so würde ich wohl schwerlich die Universität besuchen können.
Sehr wenige von den in den verschiedenen Kursen gebrauchten Bücher sind in Blindenschrift gedruckt, und ich muß sie mir in die Hand buchstabieren lassen. Infolgedessen brauche ich mehr Zeit zur Vorbereitung auf meine Lektionen als andere Mädchen. Die Handarbeit dauert länger, und ich habe mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die sie gar nicht kennen. Es gibt Tage, an denen die gespannte Aufmerksamkeit, mit der ich die Einzelheiten verfolgen muß, mein Blut in Wallung bringt und der Gedanke, daß ich stundenlang dasitzen muß, um ein paar Kapitel zu lesen, während andere Mädchen lachen, singen und tanzen, mich rasend macht; aber bald gewinne ich meinen Gleichmut wieder und lache mir die Unzufriedenheit vom Herzen herunter. Denn alles in allem muß jeder, der zur wahren Erkenntnis hindurchdringen will, den Berg Schwierigkeit allein erklimmen, und da für mich keine breite gerade Straße auf den Gipfel führt, so muß ich ihn eben auf dem für mich bestimmten Pfade im Zickzack zu erreichen suchen. Ich gleite häufig zurück, ich falle, ich stehe still, ich stoße gegen die Ecken verborgener Hindernisse, ich verliere meine gute Laune, bekomme sie wieder und halte sie von da an fester, ich schleppe mich weiter, komme eine kleine Strecke vorwärts, fühle neuen Mut, werde immer eifriger und klimme immer höher und höher, bis ich endlich den Horizont sich weiten sehe. Jeder Kampf ist ein Sieg. Noch eine letzte Anstrengung, und ich erreiche die leuchtende Wolke, die blauen Himmelstiefen, das Land meiner Sehnsucht da droben. Bei diesen Kämpfen stehe ich jedoch nicht stets allein. Herr William Wade und Herr E. E. Allen, der Leiter des pennsylvanischen Instituts für den Blindenunterricht, haben mir viele der erforderlichen Bücher in Hochdruck besorgt. Mit ihrer liebenswürdigen Aufmerksamkeit haben sie mir mehr Hilfe und Ermutigung gebracht, als sie es selbst je ahnen können.
Im vergangenen Jahre, dem zweiten, das ich im Radcliffe College zubrachte, beschäftigte ich mich mit englischer Stillehre, mit der Bibel vom literarischen Standpunkte aus, den politischen Verhältnissen Amerikas und Europas, den horazischen Oden und der lateinischen Komödie. Der Unterricht im englischen Stil war mir der liebste, weil er sehr lebendig war. Die Vorlesungen waren stets interessant und geistvoll; denn der Professor, Herr Charles Townsend Copeland, trägt die Hauptwerke der Literatur in all ihrer ursprünglichen Frische und Gewalt vor. Eine kurze Stunde darf man die ewige Schönheit der alten Meister ohne unnötige Erklärungen und Zergliederungen genießen und sich ihrer erhabenen Gedanken erfreuen; mit ganzer Seele kann man sich der milden Erhabenheit des Alten Testaments hingeben, ohne an das Dasein Jahwes und Elohims zu denken, und man geht nach Hause mit dem Bewußtsein, daß man einen Schimmer von jener Vollendung erhascht hat, bei der Geist und Form in ewiger Harmonie verschmolzen sind und Wahrheit und Schönheit dem alten Stamme der Zeit neues Wachstum bringen.
Dieses Jahr ist das glücklichste für mich, weil ich Gegenstände studiere, die mich besonders interessieren: Nationalökonomie, Literatur der elisabethanischen Zeit, Shakespeare unter Professor George L. Kittredge und Geschichte der Philosophie unter Professor Josiah Royce. Durch die Philosophie lernt man sich verständnisvoll in die Ueberlieferungen alter Zeiten und andere Denkweisen zu versenken, die einem vorher seltsam und unvernünftig vorgekommen sind.
Aber das College ist nicht das universale Athen, für das ich es gehalten habe. Man tritt hier nicht den großen, weisen Männern Auge in Auge gegenüber, man fühlt nicht ihren belebenden Hauch. Zwar sind sie gegenwärtig, das muß zugegeben werden, aber sie scheinen mumifiziert zu sein. Wir müssen sie von der sie umgebenden Hülle von Gelehrsamkeit befreien, sie zergliedern und analysieren, ehe wir sicher sein können, daß wir einen Milton oder Jesaias vor uns haben und nicht nur eine geschickte Nachahmung. Wie mir scheint, vergessen viele Gelehrte, daß unser Genuß an den großen Werken der Literatur mehr von der Tiefe unseres Mitempfindens als von der Schärfe unseres Verstandes abhängt. Der Hauptübelstand ist der, daß sehr wenige ihrer mühsamen Erläuterungen im Gedächtnis haften. Der Geist wirft sie ab, wie ein Baum seine reifen Früchte abwirft. Man vermag eine Blume zu kennen, Wurzel und Stengel und alles, ebenso den ganzen Wachstumsprozeß und ist vielleicht doch nicht imstande, die Schönheit der frisch im Tau des Himmels gebadeten Blume zu würdigen. Immer und immer wieder frage ich ungeduldig: „Was sollen mir all diese Erläuterungen und Hypothesen?“ Sie schwirren in meinem Geiste hin und her gleich blinden Vögeln, die die Luft mit ihren kraftlosen Schwingen zu zerteilen suchen. — Ich wende mich nicht gegen eine gründliche Kenntnis der berühmten Werke, die wir lesen, sondern nur gegen die endlosen Kommentare und verwirrenden Kritiken, aus denen nur das eine hervorgeht, daß es mehr Ansichten als Menschen gibt. Wenn jedoch ein großer Gelehrter, wie Professor Kittredge erklärt, was der Meister sagt, so ist’s, „als werde dem Blinden ein neues Gesicht gegeben“. Er bringt uns Shakespeare, den Dichter, zurück.
Es gibt jedoch Zeiten, in denen ich wünschte, ich könnte die Hälfte der Dinge, die ich mir zu lernen vornahm, streichen; denn der überbürdete Geist kann sich der Schätze nicht erfreuen, die er sich unter den größten Anstrengungen erworben hat. Es ist unmöglich, glaube ich, an einem Tage vier bis fünf verschiedene Bücher in verschiedenen Sprachen und über ganz verschiedene Gegenstände zu lesen und nicht die wahren Zwecke, wegen deren man liest, aus den Augen zu verlieren. Liest man hastig und nervös und denkt dabei an Zeugnisse und Prüfungen, so wird das Gehirn mit einer durcheinandergewürfelten Menge von Eindrücken belastet, für die es wenig Verwendung besitzt. Gegenwärtig ist mein Geist so sehr mit ganz heterogenen Dingen angefüllt, daß ich beinahe daran verzweifle, je wieder Ordnung in ihm zu schaffen. So oft ich die Gegend betrete, die einst das Reich meines Geistes war, so komme ich mir vor, wie der Stier im Porzellanladen, wie das bekannte Sprichwort sagt. Wie Hagelkörner sausen mir Tausende von winzigen Kleinigkeiten um den Kopf, und wenn ich mich ihnen zu entziehen versuche, so verfolgen mich Aufsatzgespenster und Vorlesungskobolde aller Art, bis ich wünsche — o möge mir dieser verruchte Wunsch verziehen werden! — die Idole zerschmettern zu können, die anzubeten ich hierher kam.
Aber die Prüfungen sind doch die Hauptschrecken meines Collegelebens. Obgleich ich ihnen schon oft Auge in Auge gegenübergestanden, sie zu Boden geschmettert und in den Staub getreten habe, so erheben sie sich doch immer wieder von neuem und drohen mir bleichen Angesichts, bis ich mich ganz mutlos fühle. Die Tage, die diesen hochnotpeinlichen Verhören vorangehen, werden darauf verwandt, den Geist mit mystischen Formen und unverdaulichen Daten — unschmackhaftem Zeuge — vollzustopfen, bis man wünscht, daß Bücher, Wissenschaft und man selbst auf dem Grunde des Meeres läge, wo es am tiefsten ist.
Endlich naht die gefürchtete Stunde, und glücklich die, die sich gerüstet fühlt, und zur rechten Zeit imstande ist, Gedanken, die ihr in dieser höchsten Not von Nutzen sein können, zu ihrem Beistande herbeizurufen. Es kommt nur zu häufig vor, daß der Trompetenstoß ungehört verhallt. Es ist im höchsten Grade verwirrend und erbitternd, daß gerade in dem Augenblick, in dem man sein Gedächtnis und einen scharfen Unterscheidungssinn am nötigsten hat, diese beiden Dinge Flügel erhalten und davonflattern. Die Kenntnisse, die man sich mit so unendlicher Mühe angeeignet hat, lassen einem im Notfalle unfehlbar im Stich.
„Geben Sie mir einen kurzen Ueberblick über Huß und seine Bedeutung!“ — Huß? Wer war denn das, und was hat er doch gleich getan? Der Name klingt so seltsam vertraut. Man wühlt seinen Vorrat historischer Kenntnisse um und um, genau so, als wollte man nach einem Stückchen Seide in einem Lumpensack suchen. Man ist überzeugt, es steckt irgendwo im Gedächtnisse ganz oben — man weiß, man hat es erst ganz kürzlich gesehen, als man den Beginn der Reformation betrachtete. Aber wo ist es nun? Man fischt allerhand Wissensbrocken heraus — Revolutionen, Schismen, Niedermetzelungen, Regierungssysteme — aber Huß, wo steckt der? Man wundert sich über das, was man alles weiß, was aber jetzt nicht in Frage kommt. In der Verzweiflung packt man seinen Sack und schüttet ihn um, und dort in einem Winkel steckt der betreffende Mann und brütet unbekümmert über seinen Privatgedanken, ohne eine Ahnung von dem Unheil zu haben, das er über unsereinen gebracht hat.
Gerade in diesem Augenblick aber kündigt der Examinator an, daß die Frist um ist. Mit einem Gefühl des äußersten Ekels wirft man die Masse Gerümpel in eine Ecke und geht nach Hause, den Kopf angefüllt mit revolutionären Plänen, die die Abschaffung des göttlichen Rechtes der Professoren bezwecken, Fragen ohne die Genehmigung der Befragten zu stellen.
Es mag sein, daß ich auf den letzten zwei bis drei Seiten dieses Kapitels Redewendungen gebraucht habe, wegen deren man mich auslachen wird. Ach ja, hier sind sie — die hinkenden Gleichnisse, die sich vor mich hinstellen und mich verhöhnen, indem sie auf den von Hagelkörnern umwirbelten Stier im Porzellanladen und die Schreckensgespenster mit bleichem Antlitz — eine noch nicht analysierte Art — hinweisen. Laßt sie höhnen! Die Worte schildern so getreu die Atmosphäre sich drängender und überstürzender Gedanken, in der ich lebe, daß ich sie mir später noch einmal vergegenwärtigen möchte, um dann eine ernste Miene anzunehmen und zu erklären, daß sich meine Ansichten über die Universität geändert haben.
Als mein Universitätsstudium noch im Schoße der Zukunft schlummerte, war es von einem Strahlenkranze von Romantik umwoben, den es jetzt eingebüßt hat; aber bei dem Uebergange von der Romantik zur Wirklichkeit habe ich vieles gelernt, was mir nie zum Bewußtsein gekommen sein würde, wenn ich dieses Experiment nicht unternommen hätte. Das eine ist die köstliche Wissenschaft der Geduld, die uns lehrt, daß wir unsere Bildung betreiben sollen, als wollten wir einen Spaziergang auf das Land machen, in voller Muße und mit Sinnen, die für die Eindrücke jeder Art ihre gastlichen Tore weit geöffnet haben. Solches Wissen überströmt unser innerstes Wesen mit einer unerschöpflichen Flutwoge tiefer Gedanken. Wissen ist Macht! Besser ausgedrückt: Wissen ist Glückseligkeit, denn der Besitz von Wissen — umfassendem, tiefem Wissen — ist gleichbedeutend mit der Fähigkeit, wahre Zwecke von falschen und erhabene Dinge von niedrigen zu unterscheiden. Die für den Fortschritt des Menschen entscheidenden Gedanken und Taten kennen, heißt den gewaltigen Pulsschlag der Menschheit über die Jahrhunderte hinweg fühlen, und wer in diesen Schlägen nicht ein himmelwärts gerichtetes Streben wahrnimmt, der muß in der Tat für die Harmonie des Lebens taub sein.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Bücherstudium. — Rückblick. — Bibliothek in Boston. — Heißhunger auf Bücher. — »Little Lord Fauntleroy«. — Lafontaines Fabeln. — Begeisterung für das griechische Altertum. — Ilias. — Aeneis. — Bibel. — Shakespeare: Macbeth, König Lear. — Geschichte. — Deutsche Literatur. — Französische Literatur. — Mark Twain. — Scott.
Bisher habe ich die Ereignisse meines Lebens kurz skizziert, aber noch nicht davon gesprochen, wieviel ich den Büchern verdanke, nicht nur hinsichtlich des Genusses und der Belehrung, die sie allen bringen, die da lesen, sondern auch betreffs jener Kenntnisse, die andere durch Vermittelung ihrer Augen und Ohren erhalten. In der Tat haben Bücher in der Geschichte meiner Bildung eine soviel wesentlichere Rolle gespielt als bei anderen, daß ich bis auf die Zeit zurückgreifen muß, da ich lesen lernte.
Meine erste zusammenhängende Geschichte las ich im Mai 1887, als ich sieben Jahre alt war, und von jenem Tage an bis zum gegenwärtigen Augenblicke habe ich alles, was in der Gestalt eines Hochdruckes in den Bereich meiner heißhungrigen Fingerspitzen geriet, förmlich verschlungen. Wie ich bereits erwähnt habe, erhielt ich während der ersten Jahre meiner Erziehung keinen regelmäßigen Unterricht; auch las ich nicht regelmäßig.
Zuerst besaß ich nur wenig Bücher in Hochdruck — »Fibeln« für Anfänger, eine Sammlung von Kindergeschichten und ein geographisches Buch, »Our World«. Ich denke, das war alles; aber ich las sie immer und immer wieder, bis die Worte so abgenutzt und abgegriffen waren, daß ich sie kaum noch erkennen konnte. Bisweilen las mir Fräulein Sullivan vor, indem sie mir kleine Geschichten und Gedichte in die Hand buchstabierte, von denen sie wußte, daß ich sie verstehen konnte; ich zog es jedoch vor, für mich selbst zu lesen, weil ich es liebte, das, was mir gefiel, immer und immer wieder zu lesen.
Erst während meines ersten Besuches in Boston begann ich systematisch und mit vollem Ernste zu lesen. Es war mir gestattet worden, an jedem Tage eine bestimmte Zeit in der Bibliothek zu verweilen, von Bücherbrett zu Bücherbrett zu gehen und mir jedes Buch herunterzunehmen, auf das meine Finger stießen. Und ich las und las, ob ich nun ein Wort von zehn oder zwei Wörter auf einer Seite verstand. Die Wörter selbst übten eine Art von Zauber auf mich aus; aber ich hatte kein bewußtes Verständnis für das, was ich las. Mein Geist muß jedoch zu dieser Zeit sehr eindrucksfähig gewesen sein, denn er behielt viele Wörter und ganze Sätze, von deren Bedeutung ich nicht die mindeste Ahnung hatte, und als ich später zu sprechen und zu schreiben begann, kamen mir diese Wörter und Sätze ganz von selbst wieder ins Gedächtnis, sodaß sich meine Freunde über die Reichhaltigkeit meines Wortschatzes wunderten. Ich muß Abschnitte aus vielen Büchern (in jenen frühen Tagen habe ich, wie ich glaube, nie ein Buch vollständig gelesen) und eine große Menge Gedichte auf jene unverstandene Art gelesen haben, bis ich den »Little Lord Fauntleroy« entdeckte. Dies war das erste zusammenhängende Buch, das ich mit Verständnis las.
Eines Tages fand mich meine Lehrerin in einer Ecke der Bibliothek, wie ich meine Finger über die Seiten von Hawthornes »The Scarlet Letter« gleiten ließ. Ich war damals ungefähr acht Jahre alt. Ich erinnere mich, daß sie mich fragte, ob mir little Pearl gefalle, und erklärte mir einige Worte, die ich nicht verstanden hatte. Dann erzählte sie mir, sie habe eine wunderhübsche Geschichte von einem kleinen Knaben, die mir sicherlich besser gefallen würde als »The Scarlet Letter«. Der Titel dieser Geschichte lautete »Little Lord Fauntleroy«, und sie versprach es mir im nächsten Sommer vorzulesen. Aber wir begannen mit dieser Lektüre erst im August; die ersten paar Wochen meines Aufenthaltes an der Küste waren so voller Entdeckungen und Aufregungen, daß ich darüber das Vorhandensein von Büchern ganz und gar vergaß. Dann reiste meine Lehrerin nach Boston, um einige Freunde zu besuchen, und ließ mich kurze Zeit allein.
Nach ihrer Rückkehr war beinahe das erste, was wir taten, daß wir die Geschichte von dem »kleinen Lord Fauntleroy« zu lesen begannen. Ich erinnere mich noch deutlich der Zeit und des Platzes, wo wir die ersten Kapitel dieser reizenden Kindergeschichte lasen. Es war ein warmer Augustnachmittag. Wir saßen zusammen in einer Hängematte, die zwischen zwei mächtigen Fichten in der Nähe unseres Hauses befestigt war. Wir waren gleich nach dem zweiten Frühstück aufgebrochen, um möglichst viel Zeit für die Geschichte zu haben. Als wir durch das hohe Gras zu der Hängematte eilten, sprangen die Grillen in großer Menge um uns herum und blieben an unseren Kleidern hängen, und ich entsinne mich, daß meine Lehrerin darauf bestand, sie alle abzusammeln, ehe wir uns hinsetzten, was mir jedoch als unnötiger Zeitverlust erschien. Die Hängematte war mit Fichtennadeln bedeckt, denn sie war während der Abwesenheit meiner Lehrerin nicht benutzt worden. Die Sonne schien warm auf die Fichtennadeln, sodaß sie all ihren Wohlgeruch ausströmten. Die Luft war erquickend und hatte etwas von der Seeluft an sich. Ehe wir zu lesen begannen, erklärte mir Fräulein Sullivan alles, wovon sie wußte, daß ich es nicht verstehen würde, und während des Lesens selbst erklärte sie mir die unbekannten Wörter. Anfänglich waren es sehr viele Wörter, die ich nicht verstand, und die Lektüre wurde beständig unterbrochen; sobald ich aber die allgemeine Situation aufgefaßt hatte, wurde ich von der Erzählung selbst zu stark in Anspruch genommen, als daß ich auf einzelne Wörter geachtet hätte, und ich fürchte, ich paßte sehr wenig auf die Erläuterungen auf, die Fräulein Sullivan für nötig fand. Als ihre Finger zu müde waren, um noch ein weiteres Wort zu buchstabieren, hatte ich zum erstenmal ein deutliches Empfinden von meinem körperlichen Gebrechen. Ich nahm das Buch in meine Hände und versuchte die Buchstaben mit einer Sehnlichkeit des Verlangens zu fühlen, die ich nie werde vergessen können.
Später übertrug Herr Anagnos auf mein inständiges Bitten die Erzählung in die Blindenschrift, und ich las sie immer und immer wieder, bis ich sie beinahe auswendig kannte, und während meiner Kinderzeit blieb der »kleine Lord Fauntleroy« mein holder, lieber Begleiter. Ich habe diese Einzelheiten mitgeteilt, selbst auf die Gefahr hin, langweilig zu erscheinen, weil sie in so starkem Gegensatze zu meinen sonstigen unbestimmten, schwankenden und verworrenen Erinnerungen an meine erste Lektüre stehen.[10]
Von »Little Lord Fauntleroy« datiert sich der Beginn meines wirklichen Interesses an Büchern. Während der nächsten beiden Jahre las ich viele Bücher zu Hause und bei meinen Besuchen in Boston. Ich kann mich nicht auf alle entsinnen, auch nicht, in welcher Reihenfolge ich sie gelesen habe; aber ich weiß, daß sich unter ihnen befanden »Greek Heroes«, Lafontaines Fabeln, Hawthornes »Wonder Book«, »Bible Stories«, Lambs »Tales from Shakespeare«, »A Child’s History of England« von Dickens, »The Arabian Nights«, »The Swiss Family Robinson«, »The Pilgrim’s Progress«, »Robinson Crusoe«, »Little Women« und »Heidi«, eine hübsche kleine Geschichte, die ich später deutsch las. Ich las sie in den Pausen zwischen Unterricht und Spiel, mit einem sich immer mehr vertiefenden Verständnis. Ich studierte die Bücher nicht, noch analysierte ich sie — ich wußte nicht, ob sie gut geschrieben waren oder nicht, ich dachte weder an ihren Stil noch an ihre Verfasser. Sie legten mir ihre Schätze zu Füßen, und ich nahm sie hin, wie wir den Sonnenschein und die Liebe unserer Angehörigen hinnehmen. Die Erzählung »Little Women« gefiel mir sehr gut, weil sie in mir das Gefühl der Verwandtschaft mit Mädchen und Knaben erweckte, die sehen und hören konnten. Da mein Leben in so vielen Beziehungen eingeengt war, mußte ich in Büchern nach der Kunde von einer Welt suchen, die außerhalb meiner eigenen lag.
Lafontaines Fabeln las ich zuerst in einer englischen Uebersetzung, fand aber keinen rechten Geschmack an ihnen. Später las ich das Buch französisch; es gefiel mir aber trotz der in ihm enthaltenen lebhaften Schilderungen und der wunderbaren Beherrschung der Sprache nicht besser. Ich weiß nicht, woher dies kommen mag, aber Geschichten, in denen Tiere vorkommen, die wie menschliche Wesen sprechen und handeln, haben mich niemals besonders angesprochen. Die possierlichen Karikaturen der Tiere nehmen mein Interesse so in Anspruch, daß ich an die moralische Lehre gar nicht zu denken vermag.
Ferner wendet sich Lafontaine selten, wenn überhaupt, an unser höheres moralisches Bewußtsein. Die höchsten Saiten, die er anschlägt, sind die der Vernunft und des Egoismus. Alle seine Fabeln durchzieht der Gedanke, daß die Sittlichkeit des Menschen ausschließlich aus dem Egoismus entspringe und daß, wenn dieser letztere durch die Vernunft geleitet und im Zaum gehalten werde, notwendig Glückseligkeit die Folge sein müsse. Nun ist aber, soweit ich zu urteilen vermag, der Egoismus die Wurzel alles Schlechten; ich habe aber natürlich vielleicht unrecht, denn Lafontaine hatte bessere Gelegenheit, die Menschen zu beobachten, als ich wahrscheinlich je haben werde. Ich wende mich nicht sowohl gegen die cynischen und satirischen Fabeln, wie vielmehr gegen diejenigen, in denen wichtige Wahrheiten von Füchsen und Affen gepredigt werden.
Wohl aber liebe ich »The Jungle Book« und »Wild Animals I Have Known«. Für die Tiere selbst empfinde ich ein wahrhaftes Interesse, weil sie wirkliche Tiere und keine Karikaturen von Menschen sind. Man sympathisiert mit ihrer Liebe und ihrem Hasse, man lacht über ihre Possen und weint über ihre Leiden. Und wenn sie eine moralische Lehre verkünden, so ist diese so fein versteckt, daß wir uns ihrer gar nicht bewußt werden.
Mit Freude und Bewunderung erfüllte mich die Betrachtung des klassischen Altertums. Griechenland, das alte Griechenland übte einen geheimnisvollen Zauber auf mich aus. In meiner Phantasie wandelten die heidnischen Götter und Göttinnen noch auf Erden und verkehrten persönlich mit den Menschen, und in meinem Herzen baute ich denen, die ich am meisten liebte, Altäre. Ich kannte und liebte die ganze Schar der Nymphen und Helden und Halbgötter — nein, nicht alle, denn die Grausamkeit und Leidenschaftlichkeit Medeas und Jasons waren zu ungeheuerlich, um vergeben werden zu können, und ich habe mich stets gewundert, warum die Götter ihnen erst gestatteten, Böses zu tun, und sie dann für ihre Verruchtheit bestraften. Und das Geheimnis ist noch jetzt nicht gelöst. Ich wundere mich auch jetzt noch oft, warum
Gott schweigen kann, da doch die Sünde Kriecht grinsend durch das hehre Haus der Zeit. —
Es war die Ilias, die mir Griechenland zum Paradiese machte. Ich war mit der Geschichte von Troja vertraut, ehe ich sie noch im Original las, und stieß infolgedessen auf geringe Schwierigkeiten, als ich daran ging, die Schätze, die in dem griechischen Text verborgen liegen, zu heben, nachdem ich einmal die Vorhalle der Grammatik durchschritten hatte. Wahre Poesie, mag sie in griechischer oder englischer Sprache geschrieben sein, bedarf keines anderen Auslegers als eines empfänglichen Herzens. Möchte doch die Menge der Philologen, die die großen Werke der Dichter durch ihre Analyse, ihre Interpolationen und mühsamen Kommentare ungenießbar machen, diese einfache Wahrheit einsehen! Es ist nicht notwendig, daß man imstande sei, jedes Wort zu erklären und ihm seine grammatische Stellung im Satze anzuweisen, um ein schönes Gedicht zu verstehen und zu würdigen. Ich weiß, meine gelehrten Professoren haben größere Reichtümer in der Ilias gefunden, als ich je finden werde; ich bin aber nicht scheelsüchtig. Ich bins zufrieden, daß andere klüger sind als ich. Aber all ihr umfassendes und gründliches Wissen kann ebensowenig den Maßstab für ihren Genuß an dem herrlichen Epos abgeben wie mein lückenhaftes Wissen für meinen Genuß. Wenn ich die schönsten Stellen der Ilias lese, so werde ich mir einer Seelenkraft bewußt, die mich weit über die engen, mich einzwängenden Schranken meines Daseins hinaushebt. Meine physischen Gebrechen sind vergessen — meine Welt liegt droben, der ganze Himmel gehört mir, so weit und hoch er sich wölbt.
Meine Bewunderung für die Aeneis ist nicht so groß, aber nicht weniger echt. Ich lese sie soviel wie möglich ohne die Hilfe von Anmerkungen oder Wörterbuch und finde stets Genuß an der Uebersetzung der Episoden, die mir besonders gefallen. Vergils Schilderungen sind manchmal prachtvoll; aber seine Götter und Menschen bewegen sich in Leidenschaft, Streit, Mitleid und Liebe wie die anmutigen Gestalten in einem Maskenspiel aus der Zeit der Königin Elisabeth, während sie in der Ilias jauchzend emporspringen und singend einhergehen. Vergil ist heiter und lieblich wie ein marmorner Apollon im Mondschein; Homer ist ein schöner, lebender Jüngling im vollen Sonnenschein, dessen Locken im Winde flattern.
Wie leicht ist es doch, mittels papierner Schwingen zu fliegen! Zwischen den »Griechischen Helden« und der Ilias lag eine Strecke, die ich nicht an einem Tage habe zurücklegen können; auch war die Reise nicht allzu angenehm. Man hätte vielmal rund um die Erde reisen können, während ich mir meinen steilen Pfad mühsam durch labyrinthische Massen von Grammatiken und Wörterbüchern bahnte oder in jene furchtbaren Fallgruben, Examina genannt, stürzte, die von Schulen und Universitäten zum Verderben derer angelegt werden, die Erkenntnis suchen. Ich glaube, diese Pilgerfahrt wird durch die Erreichung des Zieles gerechtfertigt; allein sie erschien mir endlos trotz der schönen, überraschenden Ausblicke, die ich dann und wann bei einer Biegung der Straße hatte.
In der Bibel begann ich zu lesen, lange bevor ich sie verstehen konnte. Jetzt erscheint es mir seltsam, daß es je eine Zeit gegeben haben soll, in der meine Seele gegen die wunderbaren Harmonien der Bibel taub war; aber ich entsinne mich noch ganz gut eines regnerischen Sonntagvormittags, als ich nichts anderes zu tun hatte und daher meine Cousine bat, mir eine Geschichte aus der Bibel vorzulesen. Obgleich sie nicht glaubte, daß ich sie verstehen würde, begann sie mir die Geschichte von Josef und seinen Brüdern in die Hand zu buchstabieren. Aber sie interessierte mich nicht. Die ungewöhnliche Sprache und die fortwährenden Wiederholungen ließen mir die Geschichte als unglaubwürdig erscheinen, besonders da sie in dem weit entlegenen Lande Kanaan spielte; ich schlief ein und wanderte in das Land der Träume hinüber, ehe die Brüder mit dem bunten Rock in das Zelt Jakobs kamen und ihre verruchten Lügen vorbrachten! Ich kann nicht begreifen, aus welchem Grunde die Erzählungen der Griechen für mich so voller Reiz und die der Bibel so interesselos gewesen waren, wenn dies nicht vielleicht daher rührte, daß ich in Boston die Bekanntschaft mehrerer Griechen gemacht hatte und durch deren Begeisterung für die Sagen des Vaterlandes angesteckt worden war, während ich noch mit keinem einzigen Hebräer oder Aegypter zusammengekommen war und daher zu der Ueberzeugung gelangte, daß diese Völker nichts als Barbaren und die Geschichten über sie alle wahrscheinlich erdichtet seien, eine Annahme, die die vielen Wiederholungen und die sonderbaren Namen erklärte. Seltsam, es war mir nie eingefallen, die griechischen Patronymika »sonderbar« zu finden.
Wie soll ich aber von den Herrlichkeiten sprechen, die ich seitdem in der Bibel entdeckt habe? Jahrelang habe ich dieses Buch der Bücher mit immer wachsendem Entzücken und begeistertem Genuß gelesen, und ich liebe es, wie ich kein anderes Buch liebe. Es steht zwar vieles in der Bibel, gegen das sich jede Faser meines Wesens so sehr empört, daß ich die Notwendigkeit bedaure, die mich zwang, sie von Anfang bis zu Ende zu lesen. Ich glaube nicht, daß die Kenntnis, die ich von der Geschichte ihrer Entstehung und ihren Quellen gewonnen habe, mich für die widerwärtigen Einzelheiten entschädigt, auf die ich meine Aufmerksamkeit habe lenken müssen. Ich für meinen Teil wünsche mit Herrn Howells, daß die Literatur der Vergangenheit von allem häßlichen und barbarischen gesäubert werden möge, obgleich ich mich ebenso sehr dagegen sträube, daß diese großen Werke verstümmelt oder verfälscht werden.
In der Schlichtheit und der furchtbaren Folgerichtigkeit des Buches Esther liegt etwas Wirkungsvolles und Erhabenes. Kann etwas dramatischer sein als die Szene, in der Esther vor ihrem schändlichen Herrn steht? Sie weiß, ihr Leben liegt in seiner Hand, es gibt keinen Schutz für sie gegen seine Gewalttätigkeit. Und doch bezwingt sie ihre weibliche Furcht und nähert sich ihm, beseelt von der edelsten Liebe zu ihrem Volke und nur von dem einen Gedanken beherrscht: Wenn ich sterbe, so sterbe ich; wenn ich aber am Leben bleibe, so soll mein Volk auch am Leben bleiben.
Auch die Geschichte von Ruth — wie echt orientalisch ist sie! Und doch wie verschieden ist das Leben dieser einfachen Landleute von dem Leben und Treiben am Hofe des Perserkönigs! Ruth ist so pflichtgetreu und gutherzig, daß wir sie notgedrungen lieben müssen, wie sie unter den Schnittern in dem wogenden Kornfelde steht. Ihre edle, selbstlose Gesinnung glänzt hell wie ein strahlender Stern in der Nacht einer finsteren und grausamen Zeit. Eine Liebe wie die Ruths, eine Liebe, die sich über feindliche Glaubenssatzungen und tiefgewurzelte Rassenvorurteile hinwegzusetzen vermag, ist in der ganzen Welt selten zu finden.
Die Bibel predigt mir den tiefen, tröstlichen Gedanken, daß die „sichtbaren Dinge zeitlich, die unsichtbaren ewig sind“.
Seitdem ich Bücher zu lieben imstande bin, kann ich mich keines Zeitpunktes entsinnen, in dem ich Shakespeare nicht geliebt hätte. Ich kann nicht genau angeben, wann ich Lambs »Tales from Shakespeare« zu lesen begann; ich weiß nur, daß ich sie zuerst mit kindlichem Verständnis und kindlichem Staunen las. »Macbeth« scheint auf mich den tiefsten Eindruck gemacht zu haben. Ein einmaliges Lesen genügte, jede Einzelheit der Erzählung meinem Gedächtnisse für immer einzuprägen. Lange Zeit hindurch verfolgten mich die Geister und Hexen sogar bis in meine Träume. Ich konnte den Dolch und Lady Macbeths kleine weiße Hand sehen, buchstäblich sehen — der furchtbare Fleck stand so leibhaft vor meinem inneren Auge, wie die von ihrem Gewissen gefolterte Königin.
»König Lear« las ich kurze Zeit nach »Macbeth«, und ich werde nie das Grauen vergessen, das mich befiel, als ich zu der Szene kam, in der Gloster die Augen ausgestochen werden. Zorn erfaßte mich, meine Finger wollten nicht weiter, ich saß lange Zeit starr da, das Blut hämmerte in meinen Schläfen, und aller Haß, dessen ein Kind fähig ist, stieg in meinem Herzen auf.
Die Bekanntschaft mit Shylock und Satan muß ich ungefähr um dieselbe Zeit gemacht haben, denn die beiden Charaktere waren lange in meinem Geiste miteinander verbunden. Ich erinnere mich, daß sie mir leid taten. Ich hatte die unbestimmte Empfindung, daß sie nicht gut sein konnten, selbst wenn sie gewollt hätten, weil niemand bereit schien, ihnen zu helfen oder Gelegenheit zu bieten, ihre Güte zu betätigen. Selbst jetzt kann ich es nicht über mein Herz bringen, sie gänzlich zu verurteilen. Es gibt Augenblicke, in denen ich die Empfindung habe, Männer wie Shylock, wie Judas und selbst der Teufel seien zerbrochene Speichen in dem großen Rade des Guten, die der Meister zu gehöriger Zeit schon wieder ausbessern wird.
Es erscheint seltsam, daß meine erste Shakespeare-Lektüre so viele unangenehme Erinnerungen bei mir hinterlassen hat. Die heiteren, anmutigen, phantasievollen Stücke scheinen anfangs keinen Eindruck auf mich gemacht zu haben, vielleicht weil sie den Sonnenschein und die Heiterkeit, die in der Regel über dem Leben eines Kindes lagern, wiederspiegeln. Aber nichts ist launenhafter als das Gedächtnis eines Kindes betreffs dessen, was es behalten und was es nicht behalten will.
Seitdem habe ich Shakespeares Stücke zu wiederholtenmalen gelesen und kenne Stellen aus ihnen auswendig, aber ich kann nicht angeben, welches von ihnen mir am besten gefällt. Mein Genuß an ihnen wechselt mit meiner Stimmung. Die kleinen Liedchen und die Sonette schätze ich in ihrer wunderbaren Frische ebenso hoch wie die Dramen. Aber bei all meiner Liebe für Shakespeare fällt mir es oft schwer, aus seinen Versen alle Bedeutungen herauszulesen, die Kritiker und Erklärer ihnen untergeschoben haben. Ich habe den Versuch gemacht, ihre Erläuterungen zu behalten, aber ich habe bald entmutigt davon Abstand genommen, und einen heimlichen Vertrag mit mir selbst geschlossen, keinen weiteren Versuch zu unternehmen. Diesen Vertrag habe ich nur einmal gebrochen, und zwar bei meinem Studium Shakespeares unter Leitung Professor Kittredges. Ich weiß, es gibt viele Dinge in Shakespeare und in der Welt, die ich nicht verstehe, und ich bin froh, zu sehen, wie sich allmählich Schleier nach Schleier lüftet und mir neue Reiche des Gedankens und der Schönheit enthüllt.
Nächst der Poesie liebe ich Geschichte. Ich habe jedes historische Werk gelesen, auf das ich meine Hände habe legen können, von der Aufzählung trockener Tatsachen und noch trockenerer Daten bis hin zu Greens unparteiischer und glänzend geschriebener »History of the English People«; von Freemans »History of Europe« bis zu Emertons »Middle Ages«. Das erste Buch, durch das ich einen richtigen Begriff von dem Werte der Geschichte erhielt, war Swintons »World’s History«, die ich an meinem dreizehnten Geburtstage erhielt. Obgleich ich glaube, daß das Werk gegenwärtig als veraltet angesehen wird, betrachte ich es doch immer noch als einen wertvollen Schatz. Aus ihm habe ich gelernt, wie sich die Menschenrassen über die Erde verbreitet und große Städte erbaut haben, wie einige große Herrscher, irdische Titanen, alles unterworfen und durch ein einziges Wort Millionen den Zugang zum Glücke geöffnet, aber vor noch mehr Millionen denselben verschlossen haben, wie verschiedene Völker in Kunst und Wissenschaft Pionierdienste geleistet und den Grund zu den bedeutenderen Leistungen künftiger Zeiten gelegt haben, wie die Kultur gleichsam zum Brandopfer eines entarteten Geschlechtes wurde und einem Phönix gleich unter den edleren Söhnen des Nordens wieder erstand und wie große, weise Männer durch Pflege der Freiheit, Duldung und Bildung den Weg für die Erlösung der ganzen Welt gebahnt haben.
Durch die Universitätsvorlesungen wurde ich auch einigermaßen mit der französischen und deutschen Literatur bekannt. Der Deutsche zieht sowohl im Leben wie in der Literatur Kraft der Schönheit und Wahrheit dem Herkommen vor. Es liegt eine Stärke in allem, was er tut, die mit der Gewalt eines Schmiedehammers wirkt. Wenn er spricht, so geschieht es nicht, um andere zu überzeugen, sondern weil sein Herz springen würde, wenn er den Gedanken, die in seiner Seele brennen, keinen Ausweg eröffnete.
Ferner liegt in der deutschen Literatur eine keusche Zurückhaltung, die mir sympathisch ist; ihr größter Ruhm aber besteht meines Erachtens in der Anerkennung der erlösenden Macht der selbstaufopfernden Liebe des Weibes, die sich in ihr findet. Dieser Gedanke durchdringt die gesamte deutsche Literatur und findet in mystischer Weise seinen Ausdruck in Goethes »Faust«:
Alles Vergängliche Ist nur ein Gleichnis; Das Unzulängliche, Hier wird’s Ereignis; Das Unbeschreibliche, Hier ist’s getan; Das Ewig-Weibliche Zieht uns hinan.[11]
Von allen französischen Schriftstellern, die ich gelesen habe, sagen mir Molière und Racine am meisten zu. Bei Balzac finden sich einzelne Schönheiten und bei Merimée Stellen, die wie ein frischer Windstoß von der See her wirken. Alfred de Musset ist unmöglich. Ich bewundere Victor Hugo — ich schätze sein Genie, seine glänzende Sprache, seine Romantik; trotzdem gehört er nicht zu meinen Lieblingsschriftstellern. Goethe und Schiller, überhaupt alle großen Dichter großer Völker sind Verkünder ewiger Wahrheiten, und mein Geist folgt ihnen verehrungsvoll in die Regionen, wo das Schöne, Wahre, Gute eins sind.
Ich fürchte, ich bin in der Aufzählung meiner Lieblingsbücher zu ausführlich geworden, und doch habe ich nur die Schriftsteller erwähnt, die mir am besten gefallen; dabei könnte man leicht auf die Vermutung kommen, daß mein Freundeskreis sehr engbegrenzt und undemokratisch sei, und doch wäre dies ein gewaltiger Irrtum. Ich habe viele Schriftsteller aus mancherlei Gründen gern, — Carlyle wegen seiner Rauheit und seiner Verhöhnung alles falschen Wesens, Wordsworth, der die Einheit von Mensch und Natur lehrt; ich finde einen hohen Genuß an den Seltsamkeiten und Abenteuerlichkeiten Hoods, an Herricks Zierlichkeit und dem Duft von Rosen und Lilien, den seine Verse ausströmen; ich liebe Whittier wegen seiner Begeisterung und sittlichen Geradheit. Ich kenne ihn persönlich, und die Erinnerung an unsere Freundschaft verdoppelt den Genuß, den ich beim Lesen seiner Gedichte empfinde. Ich liebe Mark Twain — wer tut dies nicht? Auch die Götter haben ihn geliebt und in sein Herz alle Keime der Weisheit gepflanzt, auch aus Furcht, er könne Pessimist werden, über seinen Geist den Regenbogen der Liebe und des Glaubens gespannt. Ich liebe Scott wegen seiner Frische, und seiner stürmisch sich Bahn brechenden Rechtlichkeit. Ich liebe alle Schriftsteller, deren Empfindungen wie bei Lowell in dem Sonnenschein des Optimismus emporquellen, Jungbrunnen der Freude und des guten Willens, die gelegentlich auch einen Zornesspritzer von sich geben und eine erquickende Atmosphäre von Liebe und Erbarmen um sich her verbreiten.
Mit einem Worte, die Literatur ist mein Utopien. Hier bin ich von keinem Rechte ausgeschlossen. Keine Sinnesschranke schließt mich von dem wohltuenden, genußreichen Verkehr mit meinen Lieblingsbüchern aus; sie sprechen frei und unbehindert zu mir. Alle Schulweisheit erscheint mir lächerlich gering gegenüber der „weltumspannenden Liebe und himmlischen Barmherzigkeit“, die sich in ihnen ausspricht.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Liebe zur Natur. — Körperliche Uebungen. — Rudern. — Segeln. — Halifax. — Regatta. — Sturm. — Aufenthalt in Wrentham. — Weltbegebenheiten. — Krieg mit Spanien. — Soziale Kämpfe. — Unterschied zwischen Stadt und Land. — Soziales Mitgefühl. — Spaziergänge. — Radfahren. — Liebe zu Hunden. — Dame- und Schachspiel. — Liebe zu Kindern. — Museen und Kunstsammlungen. — Theaterbesuch. — Zeitweiliges Gefühl der Vereinsamung.
Ich hoffe, meine Leser werden aus dem vorhergehenden Kapitel, das sich mit meiner Lektüre beschäftigt, nicht etwa die Folgerung ziehen, daß Bücher meine einzige Unterhaltung bilden; meine Unterhaltung und Erholung sind sehr mannigfaltiger Art.
Mehr als einmal habe ich in dem Verlauf meiner Selbstbiographie meine Liebe zur Natur und zu körperlichen Uebungen im Freien erwähnt. Schon als ich ein ganz kleines Mädchen war, lernte ich rudern und schwimmen, und wenn ich mich im Sommer in Wrentham in Massachusetts aufhalte, so verbringe ich den größten Teil meiner Zeit im Boote. Nichts gewährt mir größeres Vergnügen, als meine Freunde, die mich besuchen, auf den Fluß hinauszurudern. Selbstverständlich kann ich das Boot nicht gut allein leiten. In der Regel sitzt jemand am Steuer und lenkt es, während ich rudere. Bisweilen rudere ich jedoch auch ohne Steuer. Es ist ganz amüsant, an den Wasserrosen und Wasserlilien oder an den Büschen, die das Ufer umsäumen, entlangzufahren. Ich benutze Ruder mit Lederstrippen, durch die sie in ihrer Lage in den Dollen festgehalten werden, und merke an dem Widerstande des Wassers, wann sich die Ruder im Gleichgewichte befinden. In derselben Weise kann ich auch erkennen, wann ich gegen den Strom rudere. Ich liebe den Kampf mit Wind und Wellen. Was wirkt erfrischender auf unser Gemüt, als wenn unser kleines festes Boot, unserem Willen und unserer Muskelkraft gehorchend, leicht über die glitzernden, auf und nieder tanzenden Wellen dahinschießt und wir das beständige, unwiderstehliche Anbranden des Wassers spüren!