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Die Geschichte meines Lebens

Anhang

Paul Seliger translation

Von John Albert Macy

Nebst Briefen und Berichten

von

A. M. Sullivan.

Die Abfassung des Buches.

Schwierigkeit der Prüfung des mit der Schreibmaschine hergestellten Manuskriptes. — Braillekopie. — Revision mit Hilfe Fräulein Sullivans.

Man muß gestehen, Fräulein Kellers »Geschichte meines Lebens« erscheint gerade jetzt zur rechten Zeit. Die Entwickelung der Verfasserin ist im wesentlichen abgeschlossen, und was sie auch in Zukunft noch erreichen mag, es wird immer nur ein verhältnismäßig geringfügiger Zuwachs zu den Erfolgen sein, die sie schon jetzt aufzuweisen hat. Diese Erfolge liegen klar zutage, denn ihre Leistungen im Radcliffe College während der letzten beiden Jahre haben bewiesen, daß sie ihre Ausbildung so weit fortsetzen kann, als ob sie unter normalen Bedingungen studierte. Alle Zweifel, die Fräulein Keller etwa selbst gehegt haben mag, sind nun verstummt.

Um den Leser in den Stand zu setzen, Fräulein Kellers Aufzeichnungen von dem richtigen Gesichtspunkte aus zu betrachten, sind einige Erläuterungen notwendig. In der Schilderung, die sie von ihren ersten Unterrichtsjahren entwirft, gibt sie keinen wissenschaftlich genauen Bericht über ihr Leben, nicht einmal über die wichtigsten Ereignisse darin. Sie kann im einzelnen nicht wissen, in welcher Weise sie unterrichtet wurde, und die Erinnerung an ihre Kindheit ist zum Teil eine idealisierte Erinnerung an das, was sie später von ihrer Lehrerin und anderen erfahren hat. Sie ist weniger imstande, sich auf Ereignisse zu entsinnen, die fünfzehn Jahre zurückliegen, als die meisten von uns sich ihre Kindheit ins Gedächtnis zurückrufen können. Aus diesem Grund wird man stellenweise einen Unterschied zwischen den Aufzeichnungen Fräulein Kellers und den Berichten ihrer Lehrerin finden.

Die Art und Weise, in der Fräulein Keller ihre Biographie geschrieben hat, legt deutlicher als alles andere Zeugnis von den Schwierigkeiten ab, die sie zu überwinden hatte. Wenn wir schreiben, so können wir das Fertiggewordene überlesen, seitenlang zurückblättern, einfügen, die Anordnung ändern; wir können sehen, wie sich die Sätze im Konzepte ausnehmen, und so das ganze Werk offensichtlich vor unseren Augen aufbauen, wie ein Architekt seine Pläne entwirft. Wenn Fräulein Keller die Schreibmaschine benutzt, so kann sie das Niedergeschriebene nur prüfen, wenn es ihr jemand mittels des Fingeralphabets vorliest.

Diese Schwierigkeit wird zum Teil durch die Benutzung der Braillemaschine gehoben, die ein für sie lesbares Manuskript liefert; da ihre Arbeit doch aber zuletzt in Schreibmaschinenschrift übertragen werden muß, und eine Braillemaschine etwas unbequem zu handhaben ist, so hat sie sich daran gewöhnt, sofort mit der Schreibmaschine zu arbeiten. Sie ist so wenig von ihrem Braillemanuskript abhängig, daß, als sie vor länger als Jahresfrist ihre Biographie zu schreiben begann und etwa hundert Seiten des Entwurfes nebst einzelnen Bemerkungen hiezu fertiggestellt hatte, sie aus Unachtsamkeit diese Anmerkungen vernichtete, ehe sie ihr Manuskript beendet hatte. Daher schrieb sie einen großen Teil ihrer Biographie mittels der Schreibmaschine nieder und verließ sich behufs der Zusammenstellung der einzelnen Episoden, die ihr Fräulein Sullivan vorlas, bei der endgültigen Ausarbeitung ganz auf ihr Gedächtnis.

Als sie im vergangenen Juli unter großer Ueberbürdung mit Arbeit das Schlußkapitel beendet hatte, begann sie das ganze Buch mit der Schreibmaschine umzuschreiben. Ein guter Freund von ihr, Herr William Wade, hatte für sie eine vollständige Braillekopie nach den Niederschriften angefertigt. Nun hatte sie zum ersten Male ihr gesamtes Manuskript auf einmal unter den Fingern. Sie bemerkte Mängel in der Anordnung der Abschnitte und Wiederholungen einzelner Redewendungen; ferner erkannte sie, daß ihre Biographie von selbst in kurze Kapitel zerfiel, und teilte sie demgemäß von neuem ein.

Teils infolge ihres Temperaments, teils infolge der Bedingungen, unter denen ihr Buch entstanden war, hatte sie mehr eine Reihe glänzender Einzelschilderungen als eine einheitliche Erzählung gegeben; in der Tat sind verschiedene Abschnitte ihrer Biographie kurze Aufsätze, die sie in ihren englischen Unterrichtsstunden geschrieben hatte, und die lose Verbindung zeigt mitunter ihren ursprünglichen Umfang an.

Bei der Reinschrift brachte Fräulein Keller mit Hilfe ihrer Brailleschreibmaschine Korrekturen und Ergänzungen auf besonderen Blättern zu Papier. Längere Korrekturen schrieb sie mittels der Schreibmaschine nieder und bezeichnete die Stellen, an die sie gehörten, durch Stichworte. Dann las sie das ganze Buch von ihrer Braillekopie ab und brachte während des Lesens noch Korrekturen an, die auf das Manuskript niedergeschrieben wurden, das dann in die Druckerei kam. Während dieser Revision erörterte sie Fragen, die auf Inhalt und Form Bezug hatten. Sie saß da, ließ ihre Finger über das Braillemanuskript gleiten, hielt dann und wann inne, um die Blätter, auf die sie ihre Notizen in Brailleschrift aufgezeichnet hatte, zu vergleichen, und las die ganze Zeit über laut, um ihre Zuhörer in die Lage zu versetzen, das Manuskript zu kontrollieren.

Sie hörte auf die Kritik genau so wie jeder andere Schriftsteller auf das Urteil seiner Freunde oder seines Verlegers hört. Fräulein Sullivan, die eine ausgezeichnete Kritikerin ist, machte ihr sowohl bei der Ausarbeitung wie bei der Revision vielfach Verbesserungsvorschläge. Man hat behaupten wollen, Fräulein Keller sei durch übereifrige Freunde zur Abfassung ihres Buches sowie zur Einfügung gewisser Dinge gedrängt worden. In Wahrheit haben die Ratschläge, die sie erhalten und befolgt hat, mehr zu Streichungen als zu Zusätzen geführt. Das Buch ist Fräulein Kellers ausschließliches geistiges Eigentum und der entscheidende Beweis für ihre selbständige Begabung.

Helen Kellers Persönlichkeit.

Körperliche Erscheinung. — Lebhafte Gestikulation. — Personengedächtnis. — Vorliebe für Humor. — Hartnäckigkeit im Verfolgen ihrer Ziele. — Keckheit. — Ungeeignet für psychologische Experimente. — Liebe zur Geselligkeit. — Verständnis für Musik. — Interesse für die Tagesereignisse. — Ueberraschend vollständige Weltkenntnis. — Gefühlssinn nicht besonders fein entwickelt. — Verständnis für Plastik. — Wenig Orientierungssinn. — Benutzung der Schreibmaschine. — Fingeralphabet. — Hochdruck und Braillesystem. — Geruchssinn. — »Sechster Sinn«. — Zeitsinn. — Eigenartige Uhren. — Gesunde Auffassung der Dinge. — Sittliche Reinheit. — Abneigung gegen Tragödien. — Warmes Empfinden und Aufrichtigkeit. — Mangel an Eitelkeit. — Beschäftigung mit Politik.

Mark Twain hat behauptet, die beiden interessantesten Charaktere des neunzehnten Jahrhunderts seien Napoleon und Helen Keller. Die Bewunderung, mit der die Welt auf die letztere geblickt hat, wird durch ihre Leistungen mehr als gerechtfertigt. Niemand vermag etwas Zutreffendes über sie auszusagen, was nicht bereits gedruckt ist, und alles, was ich tun kann, besteht darin, einiges Tatsächliche über Fräulein Kellers Entwickelungsgang mitzuteilen und die Angaben über ihre Persönlichkeit in einigen Punkten zu ergänzen.

Fräulein Keller ist groß und kräftig gebaut und hat sich stets einer guten Gesundheit erfreut. Sie scheint nervöser zu sein, als sie tatsächlich ist, weil sie mehr mit ihren Händen gestikuliert als die meisten Menschen englischer Zunge. Der eine Grund für diese Gewöhnung liegt bei ihr darin, daß sie sich ihrer Hände so lange Zeit als Verständigungsmittel bedient hat, daß sie von selbst die rasche Beweglichkeit des Auges angenommen haben und einen Teil von dem ausdrücken, was wir mit einem Blicke sagen. Alle tauben Menschen gestikulieren von Hause aus. In der Tat war man früher der Meinung, diese Unglücklichen könnten sich am leichtesten durch ein System von Gestikulationen, durch die von dem Abbé de l’Epée erfundene Zeichensprache verständlich machen.

Wenn Fräulein Keller spricht, so belebt sich ihr Antlitz und drückt alle Nuancen ihres Denkens aus, ihre Gesichtszüge werden sprechend und geben ihren Worten erst den rechten Nachdruck. Wenn sie jedoch mit einem näheren Bekannten spricht, so faßt sie mit der Hand rasch nach seinem Gesichte, um, wie sie sagt, „das Bewegungsspiel des Mundes zu sehen.“ Auf diese Weise ist sie imstande, den Sinn solcher halb ausgesprochenen Sätze zu verstehen, die wir unbewußt aus dem Tone der Stimme oder dem Ausdrucke des Auges ergänzen.

Ihr Personengedächtnis ist erstaunlich. Sie erinnert sich bei der Berührung von Fingern, die sie früher in der Hand gehalten hat, all der charakteristischen Muskelzusammenziehungen, die den Handschlag des einen Menschen von dem des anderen verschieden machen.

Vielleicht der kennzeichnendste Charakterzug Helen Kellers (und ebenso Fräulein Sullivans) ist der Humor. Schlagfertigkeit und die Neigung zu Wortspielen verleihen ihr eine Vorliebe für Bonmots und witzige Redewendungen. Doch ist ihr Humor von jener tieferen Art, die gleichbedeutend mit Mut ist.

Vor vierzehn Jahren setzte sie es sich in den Kopf, sprechen lernen zu wollen, und sie ließ ihrer Lehrerin nicht eher Ruhe, bis ihr diese die Erlaubnis gab, Unterricht darin nehmen zu dürfen, obgleich kluge, erfahrene Leute, sogar Fräulein Sullivan, die klügste von allen, dies als ein Experiment betrachteten, das unmöglich gelingen könne und nur danach angetan sei, sie unglücklich zu machen. Diese selbe Hartnäckigkeit war es, die sie bewog, die Universität zu besuchen. Nachdem sie ihre Examina bestanden und ihr Abiturientenzeugnis erhalten hatte, wurde ihr von dem Dekan des Radcliffe College und anderen das Universitätsstudium widerraten. Sie schob es daher ein volles Jahr auf. Sie fühlte sich aber nicht befriedigt, bis sie ihren Plan ausführte und die Universität bezog.

Ihr Leben ist eine Reihe von Anläufen gewesen, alles zu tun, was andere tun, und es ebensogut zu tun. Sie hat damit einen durchschlagenden Erfolg erzielt, denn bei dem Versuche, so zu sein wie andere, ist sie dahin gelangt, sich selbst völlig zu finden. Ihre Abneigung gegen Niederlagen hat ihren Mut entwickelt. Was ein anderer erreichen kann, das kann sie auch. Ihre Achtung für persönliche Tapferkeit gleicht der Verachtung des Knaben für den weinenden Spielgefährten, mit einem Anflug von jugendlichem Bramarbasieren. Sie unternimmt Fußwanderungen in die Wälder, kriecht durch das Unterholz, wobei sie zerkratzt und zerschunden wird; aber man kann sie nicht dahin bringen, zuzugeben, daß sie sich verletzt habe, und um keinen Preis bewegen, das nächstemal zu Hause zu bleiben.

Wenn man versucht, Experimente an ihr zu machen, zeigt sie eine zähe Willensbestimmtheit, jede Probe, der man sie zu unterziehen wünscht, zu bestehen, so widersinnig sie auch sein mag.

Wenn sie die Antwort auf eine Frage nicht weiß, so rät sie frisch darauf los. Fragt man sie nach der Farbe des Rockes, den man anhat (kein Blinder kann eine Farbe erkennen), so befühlt sie ihn und sagt: Schwarz. — Ist er zufällig blau und sagt man ihr dies triumphierend, so ist sie imstande zu antworten: Danke. Ich freue mich, daß Sie es wissen. Wozu haben Sie mich dann überhaupt gefragt? —

Ihre spöttische, mutwillige Art macht sie zu einem sehr ungeeigneten Objekt für psychologische Experimente. Außerdem sieht Fräulein Sullivan auch nicht ein, warum Helen Keller wissenschaftliche Untersuchungen über sich ergehen lassen soll, und hat selbst nur wenig Experimente angestellt. Als ein Psychologe sie fragte, ob Helen im Schlafe mit ihren Fingern buchstabiere, entgegnete ihm Fräulein Sullivan, sie halte es nicht für der Mühe wert, aufzubleiben und Nachtwache zu halten, da derlei Dinge von so geringer Bedeutung seien.

Fräulein Keller ist eine Freundin von Geselligkeit. Wenn jemand, den sie berührt, über einen Scherz lacht, lacht sie mit, gerade als ob sie ihn gehört hätte. Wenn andere von Musik hingerissen werden, so erscheint, durch Sympathie hervorgerufen, ebenfalls auf ihren Zügen ein strahlender Ausdruck. In der Tat besitzt sie ein so feines Gefühl für die Gemütsbewegungen Fräulein Sullivans, daß sie sich derselben sofort anpassen kann, und so scheint sie auch zu wissen, was in ihrer Umgebung geschieht, selbst wenn die Unterhaltung ihr nicht in die Hand buchstabiert wird. In derselben Weise beruht ihr Verständnis für Musik teilweise auf Sympathie, obgleich sie sich an ihr auch um ihrer selbst willen erfreut.

Illustration from Die Geschichte meines Lebens

Helen Keller »horcht« auf die Töne eines Klaviers

Die Musik kann für sie vermutlich wenig mehr bedeuten als eine rhythmische Bewegung. Sie kann nicht singen oder Klavier spielen, obgleich sie, wie frühere Experimente beweisen, es mechanisch erlernen konnte, eine Melodie auf den Tasten abzuspielen. Ihre Freude an der Musik ist nichtsdestoweniger völlig echt, denn die Töne werden ihr durch das Gefühl vermittelt, indem die Luftwellen sie berühren. Teilweise rührt ihr Verständnis für den Rhythmus der Musik ohne Zweifel von den Schwingungen fester Körper her, die sie berührt; des Fußbodens oder, was wahrscheinlicher ist, des Pianokastens, auf dem ihre Hand ruht. Doch scheint sie auch die Bewegung der Luft selbst zu empfinden. Als die Orgel in der Bartholomäuskirche für sie gespielt wurde, (vergl. S. 171) erbebte das ganze Gebäude bei den mächtigen Pedaltönen, aber dadurch wird nicht im geringsten erklärt, was Helen empfand und worüber sie sich freute. Die Vibration der Luft sowie die anschwellenden Orgeltöne versetzten sie ebenfalls in gleichartige Schwingungen. Mitunter legt sie ihre Hand an den Kehlkopf eines Sängers, um das Zittern und Zusammenziehen der Muskeln zu fühlen, und hat davon einen wahrhaften Genuß. Niemand weiß jedoch genau, welcher Art ihre Empfindungen dabei sind. Es ist belustigend, in einer Zeitschrift aus dem Jahre 1895 zu lesen, daß Fräulein Keller den verschiedenen Komponisten eine gerechte und verständnisvolle Würdigung entgegenzubringen vermöge, da sie deren Musik im buchstäblichen Sinne des Wortes fühle; Schumann sei ihr Lieblingskomponist. Wenn sie den Unterschied zwischen Schumann und Beethoven kennt, so rührt dies daher, daß sie darüber gelesen hat, sich an das Gelesene erinnert und mit jemand, der sie danach fragt, über dieses Thema sprechen kann.

Fräulein Kellers Streben, es anderen in Bezug auf Intelligenz gleichzutun, hält sie auch betreffs der Tagesereignisse auf dem laufenden. Als ihre Erziehung systematischer wurde und sie sich mit Büchern beschäftigte, würde es für Fräulein Sullivan ein leichtes gewesen sein, sie zur Einkehr in sich selbst anzuhalten, wenn sie dazu geneigt gewesen wäre. Aber jedermann, der mit ihr zusammenkam, hat ihr sein Bestes gegeben, und sie hat es angenommen. Wenn im Laufe einer Unterhaltung der ihr zunächst Sitzende auch nur einen Augenblick aufhört, in ihre Hand zu buchstabieren, so erfolgt unausbleiblich die Frage: Worüber sprechen Sie jetzt? Auf diese Weise speichert sie die Bruchstücke aus der täglichen Unterhaltung normal beanlagter Menschen in sich auf, und ihre Einzelkenntnisse sind daher äußerst umfassend und genau. Auch spricht sie gut über die kleinen täglichen Ereignisse des Lebens.

Einen großen Teil ihres Wissens erwirbt sie sich auf unmittelbarem Wege. Wenn sie ausgeht, bleibt sie oft plötzlich stehen, von dem Geruche eines Strauches angezogen. Sie streckt ihre Hand aus, befühlt die Blätter, und empfindet an der Pflanzenwelt denselben Genuß wie wir, wenn sie die Blätter zwischen ihren Fingern hält, den Duft der Blüten einsaugt und wenn sie sich später wieder daran erinnert.

Befindet sie sich an einer neuen Oertlichkeit, namentlich einer interessanten wie den Niagarafällen, so ist ihr Begleiter, — in der Regel ist es natürlich Fräulein Sullivan — bemüht, ihr eine Vorstellung von den sichtbaren Einzelheiten beizubringen. Fräulein Sullivan, die das Innere ihres Zöglings kennt, wählt aus der Landschaft die wesentlichen Züge aus, die imstande sind, Helens innerer Anschauung der Außenwelt, die unseren Augen eine verwirrende Fülle von Einzelheiten darbietet, eine gewisse Klarheit und Bestimmtheit zu verleihen. Wenn ihr Begleiter ihr nicht genug Einzelheiten mitteilt, so stellt Helen selbst Fragen, bis sie sich das Landschaftsbild zu ihrer Befriedigung ergänzt hat.

Sie sieht nicht mit ihren Augen, wohl aber mittels der inneren Fähigkeit, zu deren Unterstützung uns die Augen gegeben sind. Wenn sie von einem Spaziergang zurückkehrt und mit jemand über diesen spricht, so sind ihre Beschreibungen zutreffend und lebendig. Eine auf Vergleichung beruhende Erfahrung, die sie aus schriftlichen Schilderungen und aus den mündlichen ihrer Lehrerin schöpft, schützt sie vor Irrtümern im Gebrauche der Bezeichnungen für Gehörs- und Gesichtseindrücke. Ihre Anschauung vom Leben ist in der Tat höchst farbenreich, und die Welt, wie Helen sie erblickt, ist unzweifelhaft ein wenig besser als in Wirklichkeit. Doch ist Fräulein Kellers Kenntnis von ihr durchaus nicht so unvollständig, wie man annehmen könnte. Gelegentlich setzt sie ihre Umgebung durch ihre Unkenntnis einer Tatsache in Erstaunen, die ihr zufällig niemand mitgeteilt hat; so wußte sie zum Beispiel bis zu ihrem ersten Seebade nicht, daß das Meerwasser salzig ist. Viele der vereinzelten Ereignisse und Tatsachen unseres täglichen Lebens gehen an ihr unbemerkt vorüber, aber sie hat eine genügende Kenntnis von der Welt, um sich eine im wesentlichen lückenlose Anschauung von ihr bilden zu können.

Der größte Teil ihres unmittelbaren Wissens geht auf ihren Gefühlssinn zurück. Dieser Sinn ist jedoch nicht so fein ausgebildet wie bei anderen Blinden. Laura Bridgman konnte die winzigsten, fast verschwindenden Unterschiede in der Stärke von Fäden wahrnehmen und fertigte wundervolle Spitzen an. Fräulein Keller versteht zu stricken und zu häkeln, aber sie hat Besseres zu tun. Bei ihren mannigfaltigen Gaben und Anlagen hat sie sich des Gefühlssinns nicht genügend bedient, um ihn allzuhoch über die normale Schärfe hinaus zu entwickeln. Ein Bekannter stellte eines Tages bei Helen Versuche mit verschiedenen Münzen an. Das Wiedererkennen nach Maßgabe ihres Gewichts- und Größenverhältnisses ging langsamer von statten, als er erwartet hatte. Aber man muß dabei bedenken, daß sie fast nie Geld in die Hände bekommt und, nebenbei gesagt, so von einer der schmutzigen und kleinlichen Einzelheiten des Lebens verschont bleibt.

Sie erkennt den Vorwurf und die allgemeine Idee einer sechs Zoll hohen Statuette. Etwas, was flacher ist, als ein Basrelief von einem halben Zoll Höhe ist für sie ein leeres Blatt, insofern es sich dabei um die Empfindung des Schönen handelt. Große Statuen, bei denen sie den Schwung der Linien mit der ganzen Hand verfolgen kann, gewähren ihr einen höheren ästhetischen Genuß. Sie bemerkt selbst, daß sie sie besser zu würdigen imstande ist als wir, weil sie die wirklichen Dimensionen zu erfassen und die körperliche Natur eines plastischen Werkes unmittelbarer zu empfinden vermag. Als sie das Museum der schönen Künste in Boston besuchte, stand sie auf einer Stehleiter und ließ beide Hände über die Statuen gleiten. Als sie ein Basrelief mit der Darstellung tanzender Mädchen befühlte, fragte sie: Wo sind die Sängerinnen? — Nachdem sie diese gefunden hatte, sagte sie: Eine von ihnen schweigt. — Die Lippen der Sängerin waren geschlossen.

Am meisten bietet jedoch ihr tägliches Leben Gelegenheit, die Feinheit ihrer Sinne und ihrer Handfertigkeit zu beobachten. Sie scheint sehr wenig Orientierungssinn zu besitzen. Sie tastet ihren Weg mit ziemlicher Unsicherheit selbst in Zimmern entlang, mit denen sie ganz bekannt ist. Die meisten Blinden werden durch das Gehör unterstützt, sodaß man sie nicht mit diesen vergleichen kann, sondern billigerweise nur mit anderen taubstummen Blinden. Ihre Geschicklichkeit ist weder im Verhältnis zu normalen Personen, deren Bewegungen durch das Auge geleitet werden, noch, wie mir versichert wurde, zu anderen Blinden bemerkenswert. Sie hat keine einzige Fertigkeit ausgeübt, die den Gebrauch ihrer Hände erfordert haben würde. Als sie zwölf Jahre alt war, ließ ein Bekannter von ihr, der Künstler Albert H. Munsell, sie Versuche mit einer Wachstafel und einem Griffel anstellen. Er berichtet, sie habe sich ganz gut dabei angestellt und nach Modellen einige Umrißzeichnungen von Blättern und Rosetten angefertigt. Ihre einzige Beschäftigung, die Handfertigkeit erfordert, ist ihre Tätigkeit an der Schreibmaschine. Obgleich sie diese von ihrem zwölften Lebensjahre an benutzt hat, arbeitet sie an ihr eher sorgfältig als rasch. Sie schreibt mit angemessener Schnelligkeit und absoluter Sicherheit. Ihre Manuskripte enthalten selten Schreibfehler, wenn sie sie Fräulein Sullivan zum Durchlesen übergibt. Ihre Schreibmaschine weist keine besonderen Einrichtungen auf. Sie überzeugt sich von der Stellung der einzelnen Tasten zueinander durch eine gelegentliche Berührung des Außenrandes der Platte mit dem kleinen Finger.

Fräulein Kellers Verstehen des Fingeralphabets vermittelst des Gefühls scheint einigermaßen Verwunderung zu erregen. Selbst Leute, die Helen sehr gut kannten, haben in Zeitschriften von Fräulein Sullivans »geheimnisvoller telegraphischer Zwiesprache« mit ihrem Zögling gesprochen. Das Fingeralphabet ist das bei allen tauben Personen, die eine Erziehung genossen haben, übliche. Die meisten Wörterbücher enthalten eine bildliche Darstellung der Fingeralphabete. Der sehende Taube blickt auf die Finger seines Begleiters, aber es ist auch möglich, sie zu fühlen. Fräulein Keller legt ihre Finger leicht über die Hand dessen, der mit ihr spricht, und faßt die Worte so rasch auf, wie sie buchstabiert werden können. Wie sie erklärt, ist sie sich weder der einzelnen Buchstaben noch einzelner Wörter bewußt. Fräulein Sullivan und andere, die beständig mit Tauben zu tun haben, können sehr rasch buchstabieren — schnell genug, um die Geschwindigkeit einer langsamen Lektüre zu erreichen, jedoch nicht, um jedem Worte eines raschen Gespräches folgen zu können.

Jedermann kann das Fingeralphabet in wenigen Minuten erlernen, nach Verlauf eines Tages langsam anwenden und nach einer beständigen Uebung von dreißig Tagen sich durch dasselbe mit Helen Keller oder einer anderen tauben Person verständigen, ohne auf die Bewegung der Finger zu achten. Wäre das Fingeralphabet allgemeiner bekannt und erlernten die Bekannten und Angehörigen tauber Kinder es zugleich mit diesen, so würden die Tauben der ganzen Welt glücklicher und besser unterrichtet sein.

Helen Keller liest mit Hilfe von Hochdrucken und den verschiedenen Arten der Brailleschrift. Das gewöhnliche Buch in Hochdruck ist mit römischen Lettern, sowohl kleinen wie großen, hergestellt. Diese Lettern sind von einfacher, viereckiger, rechtwinkliger Gestalt. Die kleinen Buchstaben sind ungefähr 3/16 Zoll hoch und erheben sich über die Blattfläche ungefähr um die Dicke eines Daumennagels. Die Bücher haben ein großes Format, ungefähr Lexikonformat. Das französische Elementarbuch von Ploetz umfaßt zum Beispiel vier Bände. Die Bücher sind nicht schwer, weil die Blätter mit der erhöhten Schrift nicht dicht übereinander liegen. Am meisten fällt Helens Blindheit ihren Bekannten auf, wenn die plötzlich im Dunkeln zu ihr kommen und das Rascheln ihrer Finger über die Buchseite hören.

Illustration from Die Geschichte meines Lebens

Helen Keller bei der Lektüre

Der geeignetste Druck für die Blinden ist die Brailleschrift, die verschiedene Abarten aufweist, leider nur zu viele — die englische, die amerikanische, die New Yorker. Fräulein Keller liest sie alle. Die meisten Blinden mit Schulbildung verstehen verschiedene Systeme, aber es würde die Sache vereinfachen, wenn, wie Fräulein Keller vorschlägt, die englische Brailleschrift allgemein angenommen würde. Jedes Zeichen (entweder ein Buchstabe oder eine, der Brailleschrift eigentümliche Zusammenziehung mehrerer Buchstaben) besteht aus einer Anzahl von Punkten (zwischen 1 und 6 schwankend), die in verschiedenen Stellungen zueinander angeordnet sind. Fräulein Keller besitzt eine Brailleschreibmaschine, auf der sie ihre Notizen anfertigt und Briefe an ihre blinden Freunde schreibt. Diese Maschine hat sechs Tasten, und durch das Niederdrücken einer oder mehrerer von diesen zu gleicher Zeit (genau so wie man einen Akkord auf dem Klavier greift) bringt der Schreibende ein Zeichen in einem Bogen dicken Papiers hervor und kann halb so rasch schreiben wie auf einer gewöhnlichen Schreibmaschine. Die Brailleschrift eignet sich vorzugsweise zur Herstellung einzelner Abschriften von Büchern.

Bücher für Blinde gibt es verhältnismäßig wenige.[21] Ihre Herausgabe erfordert große Kosten, und sie haben einen zu kleinen Abnehmerkreis, als daß das Geschäft für den Verleger gewinnbringend sein könnte. Es gibt jedoch verschiedene Anstalten mit besonderen Fonds zur Herstellung von Büchern in Hochdruck. Fräulein Keller ist glücklicher daran als die meisten anderen Blinden, da ihre Freunde so aufmerksam waren, eigens für sie Bücher herzustellen und sich Herren, wie zum Beispiel Herr E. E. Allen vom Pennsylvania Institute for the Instruction of the Blind bereit fanden, Ausgaben von Büchern, deren sie gerade bedurfte, zu veranstalten.

Fräulein Keller liest in der Regel nicht allzu schnell, sondern eher bedächtig, nicht weil sie die Worte weniger geschwind fühlte, als wir sie sehen, sondern weil sie es sich zur Gewohnheit gemacht hat, alles gründlich und gut zu tun. Wenn sie sich für eine Stelle interessiert oder sich dieselbe zu künftiger Verwendung einprägen will, so buchstabiert sie sich diese mit den Fingern der rechten Hand vor. Mitunter geht dieses Fingerspiel ganz unbewußt von statten. Auch spricht Helen in Geistesabwesenheit oft zu sich selbst mittels des Fingeralphabets. Wenn sie in der Halle oder der Veranda auf- und abgeht, so bewegen sich ihre Hände mit der Geschwindigkeit von Vogelflügeln.

Es gibt, wie mir versichert wird, ebenso ein auf dem Gefühl beruhendes Gedächtnis, wie ein auf dem Gesicht und Gehör beruhendes. Fräulein Sullivan erklärt, daß sowohl sie wie Fräulein Keller sich »in ihren Fingern« daran erinnerten, was sie gesagt haben. Wenn Helen Keller einen Satz in der Fingersprache buchstabiert, so macht dies auf ihren Geist denselben Eindruck, wie wenn wir etwas, das wir oft gehört haben, dadurch unbewußt lernen, daß wir uns den Klang des Gehörten ins Gedächtnis zurückrufen können.

Gleich jedem Tauben oder Blinden besitzt Fräulein Keller einen außerordentlich feinen Geruch. Als sie ein kleines Mädchen war, roch sie alles und erkannte an den verschiedenen Gerüchen, wo sie war, an welchem Hause sie vorüberkam u. s. w. Als ihr Intellekt zunahm, wurde sie weniger abhängig von diesem Sinne. In welchem Umfange sie bis jetzt Dinge an ihrem Geruche wiedererkennt, läßt sich schwer feststellen. Der Geruchssinn ist in Mißkredit gekommen, und ein Tauber spricht nur ungern von ihm. In Fräulein Kellers feinem Geruchssinn mag jedoch zum Teil eine Erklärung für jenes Wiedererkennen von Personen und Dingen zu finden sein, das man sich gewöhnt hat, einem besonderen Sinne zuzuschreiben, oder einer außergewöhnlichen Entwickelung der Fähigkeit, die wir alle zu besitzen scheinen, nämlich der Fähigkeit, anzugeben, wenn sich jemand in unserer Nähe befindet.

Die Frage nach einem besonderen »sechsten Sinne«, wie man ihn Fräulein Keller beigelegt hat, ist eine sehr heikle. Soviel ist sicher, sie kann keinen Sinn haben, den andere nicht auch haben können, und das Vorhandensein eines besonderen Sinnes ist weder ihr selbst noch ihrer Umgebung bekannt. Fräulein Kellers Wesen gibt ganz bestimmt keine Stütze für Geheimlehren und mysteriöse Theorien ab, und jeder Versuch, ihre Eigenart auf diese Weise zu erklären, scheitert an ihrer Normalität. Ihre Natur ist nicht geheimnisvoller und verwickelter als die jedes anderen Menschen. Alles, was sie ist, alles, was sie geleistet hat, läßt sich auf natürliche Weise erklären, bis auf die Züge, die sich in jedem Menschen vorfinden, ohne daß sie jemals erklärt werden können. Sie liefert offenbar keinen Beweis für die Existenz eines Geistes ohne Materie, das Dasein angeborener Ideen oder die Unsterblichkeit oder für sonst etwas, wofür sich nicht in jedem anderen menschlichen Wesen ein Beweis finden ließe. Philosophen haben festzustellen gesucht, welcher Art ihr Begriff von abstrakten Vorstellungen war, ehe sie sprechen lernte. Hatte sie irgendwelchen Begriff von solchen, so läßt sich diese Frage nicht mehr beantworten, denn sie kann sich nicht darauf entsinnen, und natürlich liegen auch keine Aufzeichnungen aus jener Zeit vor. Sie hatte keinen Begriff von Gott, ehe sie das Wort »Gott« gehört hatte, wie ihre eigenen Aussagen deutlich bekunden.[22]

Ihr Zeitsinn ist vortrefflich ausgebildet; ob er sich aber zu einer besonderen Begabung entwickelt haben würde, läßt sich nicht feststellen, denn sie besitzt seit ihrem siebenten Jahre eine Uhr.

Fräulein Keller besitzt zwei Uhren, die ihr zum Geschenk gemacht worden sind. Sie sind, glaube ich, die einzigen ihrer Art in Amerika. Die Uhr hat auf der Rückseite einen flachen goldenen Zeiger, der soweit von links nach rechts gedreht werden kann, bis er, mittels eines Stiftes innen im Gehäuse, an den Stundenzeiger anstößt, und so eine diesem entsprechende Stellung erhält. Die Spitze dieses goldenen Zeigers ragt über den Rand des Gehäuses vor, auf welchem elf erhöhte Punkte angebracht sind, der Griff vertritt die Stelle des zwölften. Diese Uhr — eine gewöhnliche Uhr mit einem gewöhnlichen Ziffernblatt für den Sehenden, — wird durch die beschriebene Vorrichtung zur Blinden-Uhr, mit einem (einzigen) erhöhten Zeiger und erhöhten Stundenziffern. Obgleich der sechzig Minuten entsprechende Zwischenraum zwischen den einzelnen Punkten weniger als einen halben Zoll beträgt, so liest Fräulein Keller die Zeit doch ziemlich genau ab. Man muß übrigens sagen, daß auch eine Uhr mit doppeltem Gehäuse, aber ohne Glas, einem Blinden hinreichende Dienste leistet, wenn dessen Gefühl fein genug ist, um die Stellung der Zeiger zu erkennen, ohne sie zu beschädigen.

Die feineren Züge von Fräulein Kellers Charakter sind so allgemein bekannt, daß man nicht viel Worte über sie zu verlieren braucht. Gesunder Menschenverstand, guter Humor und Phantasie machen ihre Auffassung der Dinge zu einer gesunden und schönheitserfüllten. Niemals ist von ihrer Umgebung ein Versuch gemacht worden, sie vor Illusionen zu bewahren oder ihr diese zu rauben. Als sie noch ein kleines Mädchen war, wurde eine ganze Menge unverständiger und taktloser Dinge, die über sie gesprochen worden waren, dank der weisen Wachsamkeit Fräulein Sullivans vor ihr nicht wiederholt. Jetzt, wo sie erwachsen ist, denkt niemand daran, weniger offen mit ihr zu sprechen, als mit jeder anderen intelligenten jungen Dame.

Ich glaube, sie ist das reinste menschliche Wesen, das je existiert hat... Die Welt ist für sie das, was ihr eigenes Bewußtsein ist. Sie hat nicht einmal gelernt, »moralische Entrüstung« zu zeigen, worauf viele so stolz sind.

Als vor einiger Zeit ein Polizist ihren Hund totschoß, den sie zärtlich liebte und der ihr täglicher Begleiter war, fand sie in ihrem verzeihenden Herzen keine Verurteilung für diesen Mann; sie sagte nur: „Wenn er nur gewußt hätte, was für ein guter Hund es war, so würde er ihn gewiß nicht erschossen haben. — Vor langer Zeit wurde uns gesagt: ‚Vater vergib ihnen, denn die wissen nicht, was sie tun!‘“ —

Natürlich wird die Frage aufgeworfen werden, ob Helen Keller das sein würde, was sie heutzutage ist, wenn sie nicht vor jeder Berührung mit dem Schlechten behütet worden wäre. ... Ihre Seele ist weder durch verweichlichende und schmutzige Lektüre entnervt noch durch den leisesten Hauch von Gemeinheit befleckt worden. Infolgedessen ist ihr Geist nicht nur kräftig, sondern auch rein. Sie liebt edle Handlungen, edle Gedanken und den Charakter edler Männer und Frauen.

Sie zeigt noch jetzt eine kindliche Abneigung gegen Tragödien. Ihre Phantasie ist so rege, daß sie vollständig unter dem Einfluß einer Erzählung steht und in deren Welt lebt. Fräulein Sullivan schrieb 1891 in einem Briefe:

Gestern las ich ihr die Geschichte von Macbeth vor, wie sie von Charles und Mary Lamb erzählt wird. Sie geriet in heftige Erregung und sagte: Das ist ja schrecklich. Ich fürchte mich davor. — Nachdem sie eine Weile nachgedacht hatte, fuhr sie fort: Ich glaube, Shakespeare hat dies deshalb so schrecklich dargestellt, damit man sehen soll, wie furchtbar es ist, unrecht zu tun. —

Von der realen Welt weiß sie mehr Gutes und weniger Schlechtes, als die meisten Menschen zu wissen glauben. Ihre Lehrerin behelligte sie nicht mit den kleinen Miseren des Lebens; aber von den bedeutenden Schwierigkeiten, die sich ihnen in den Weg stellten, wurde Fräulein Keller völlig in Kenntnis gesetzt, nahm teil an den Sorgen und dachte über die Lösung der Probleme nach. Sie ist logisch und duldsam, voller Vertrauen zu einer Welt, von der sie stets mit Güte behandelt worden ist.

Als sie einmal aufgefordert wurde, den Begriff »Liebe« zu definieren, antwortete sie: Mein Gott, das ist doch leicht; es ist das, was jeder gegen jeden anderen empfindet. —

Duldsamkeit, — sagte sie einmal, als sie ihre Freundin Frau Laurence Hutton besuchte, ist die größte Geistesgabe; sie erfordert dieselbe Anstrengung des Denkens, die in körperlicher Hinsicht nötig ist, wenn man sich auf einem Zweirade im Gleichgewicht erhalten will. —

Sie besitzt eine umfassende, hochherzige Sympathie für alles und ein durch und durch ehrliches Wesen. Insofern sie sich offenkundig von anderen unterscheidet, ist sie auch weniger durch das Herkommen gebunden. Sie hat den Mut ihrer kühnen Metaphern und läßt sich von diesen himmelwärts erheben, während wir armen selbstbewußten Menschen sie für zu hoch halten, als daß wir sie in unsrer täglichen Unterhaltung anwenden könnten. Sie sagt stets genau das, was sie denkt, ohne Furcht vor der nackten Wahrheit, und dabei ist niemand taktvoller und gewandter im Umschreiben einer unangenehmen Wahrheit, um die Gefühle anderer so wenig wie möglich zu verletzen. Aber all die Aufmerksamkeit, die ihr seit ihrer Kindheit zu teil geworden ist, hat nicht vermocht, sie eitel auf sich selbst zu machen. Bisweilen nimmt sie einen geradezu salbungsvollen Ton an. Dann nennt ihre Lehrerin sie ihre kleine, unverbesserliche Sonntagsnachmittagspredigerin, und sie lacht dann über sich selbst. Oft jedoch sind ihre nüchternen Gedanken durchaus nicht lächerlich, denn ihr ernster Eifer reißt alle Hörer mit sich fort. Niemals ist die leiseste Spur einer falschen Sentimentalität in ihren Worten zu entdecken. Sie ist von allem, was sie sagt, so durchdrungen, daß selbst ihre Citate, die Wiederholungen dessen, was sie gelesen hat, den Eindruck eigener selbständiger Gedanken hervorrufen.

Ihre Logik und ihr warmes Empfinden halten sich stets ausgezeichnet die Wage. Ihr Empfinden ist von rascher und hilfsbereiter Art, wie sie es glücklicherweise so oft bei anderen angetroffen hat. Aber ihre Sympathien gehen weiter und beeinflussen ihr Urteil über politische und nationale Bewegungen. Sie war eine begeisterte Burenfreundin und schrieb einen geharnischten Artikel zugunsten der Unabhängigkeit der Buren. Als ihr die Waffenstreckung des tapferen kleinen Volkes mitgeteilt wurde, umwölkte sich ihr Antlitz, und sie verstummte für einige Minuten. Dann stellte sie klare, eindringliche Fragen nach den Bedingungen der Kapitulation und begann die letzteren zu erörtern.

Sowohl Herr Gilman wie Herr Keith, ihre beiden Lehrer, die sie für die Universität vorbereiteten, waren erstaunt über die Stärke des konstruktiven Denkens, die sie bei ihr wahrnahmen; ihre Leistungen in der reinen Mathematik waren ganz vorzüglich, obgleich sie niemals eine besondere Vorliebe für diese Wissenschaft gehabt zu haben scheint. Zu dem besten, was sie geschrieben hat, gehören, abgesehen von ihren phantasievollen dichterischen Ergüssen, ihre Examensarbeiten und ihre Abhandlungen über technische Fragen sowie einige Briefe, die sie zur Aufklärung von Mißverständnissen schreiben zu müssen glaubte und die Muster folgerichtigen Denkens und bestrickender Beredsamkeit sind. Sie ist Optimistin und Idealistin.

Ich hoffe, heißt es in einem ihrer Briefe, daß L. nicht allzu praktisch ist, denn in diesem Falle würde sie, fürchte ich, auf einen großen Teil des Lebensgenusses verzichten müssen. —

In das Tagebuch, das sie während ihres Aufenthaltes in der Wright-Humason-Schule in New York führte, trug sie unter dem 18. Oktober 1894 ein: Ich finde, daß ich während meines Schullebens hier und überhaupt im Leben viererlei zu lernen habe: klar zu denken ohne Uebereilung und Verwirrung, jedermann aufrichtig zu lieben, in allem mich von den höchsten Motiven leiten zu lassen und unverrückt auf den lieben Gott zu bauen. —

Helen Kellers Bildungsgang.

Dr. Howe und Laura Bridgman. — Helen Keller kein Objekt für psychologische Beobachtungen. — Unwahre und übertriebene Berichte über ihre Fortschritte. — Fräulein Sullivans Persönlichkeit. — Helens Entwickelung nach Fräulein Sullivans Berichten. — Psychologische und pädagogische Betrachtungen über Fräulein Sullivans Methode.

Es sind jetzt fünfundsiebzig Jahre verflossen, seit Dr. Samuel Gridley Howe erkannte, daß es ihm gelungen sei, sich durch Laura Bridgmans Finger einen Zugang zu ihrem Geiste zu eröffnen. Die Namen Laura Bridgman und Helen Keller werden stets zusammen genannt werden, und man muß zuvörderst einen Einblick in das gewinnen, was Dr. Howe für seinen Zögling getan hat, ehe man an eine Darstellung von Fräulein Sullivans Tätigkeit gehen kann. Denn Dr. Howe ist der große Pionier, auf dessen Wirken die Leistungen Fräulein Sullivans und anderer Lehrer von blinden Taubstummen unmittelbar beruhen.

Dr. Samuel Gridley Howe war am 10. November 1801 in Boston geboren und starb ebendaselbst am 9. Januar 1876. Er war ein großer Philanthrop, der sich namentlich für die Erziehung aller mangelhaft Beanlagten, der Schwachsinnigen, der Blinden und der Taubstummen interessierte. Weit seiner Zeit voraus, befürwortete er mancherlei öffentliche Vorkehrungen zum Besten der Armen und Kranken, wegen deren er damals verlacht wurde, die aber seitdem praktisch durchgeführt sind. Als Leiter der Perkinsschen Blindenanstalt in Boston hörte er von Laura Bridgman und brachte sie am 4. Oktober 1837 nach der Anstalt.

Laura Bridgman war am 21. Dezember 1829 zu Hanover in New Hampshire geboren; sie war also beinahe acht Jahre alt, als Dr. Howe seine Versuche mit ihr begann. Im Alter von sechsundzwanzig Monaten hatte sie ein Scharlachfieber überstanden, durch diese Krankheit aber Gesicht und Gehör und außerdem den Geruch- und Geschmackssinn verloren. Dr. Howe war ein Experimentalforscher, erfüllt von dem Geiste des Transcendentalismus von Neuengland, dessen Hauptmerkmale starker Glaube und großartige Liebeswerke sind. Wissenschaft und Glaube im Verein veranlaßten ihn, zu versuchen, ob er sich nicht einen Weg in die Seele bahnen könnte, mit der seiner Auffassung nach Laura Bridgman ebenso geboren worden sei wie jedes andere menschliche Wesen. Sein Plan ging dahin, Laura mit Hilfe von erhaben geprägten Buchstaben zu unterrichten. Er klebte aus solchen Buchstaben bestehende Wörter an Gegenstände und ließ sie dieselben mit den Gegenständen und die Gegenstände mit den Wörtern vergleichen. Nachdem sie auf diese Weise gelernt hatte, erhaben geprägte Wörter mit Gegenständen zusammenzubringen, wie er sagt, fast in derselben Weise, wie ein Hund Kunststücke lernt, begann er die Wörter in ihre lautlichen Bestandteile aufzulösen und Laura zu lehren, k–e–y, c–a–p zusammenzusetzen. Sein Erfolg überzeugte ihn davon, daß sich die Sprache durch Vermittelung des Gefühles dem Geiste des blinden und taubstummen Kindes beibringen läßt, das sich vor dem Beginn des Unterrichts in der Lage des kleinen Kindes befindet, das noch nicht sprechen kann; ja, ersteres befindet sich sogar in einer viel ungünstigeren Lage, denn das Gehirn hat sich jahrelang ohne seine natürliche Nahrung entwickelt.

Nachdem Lauras Unterricht zwei Monate hindurch nur unter Benutzung erhaben geprägter Buchstaben fortgesetzt worden war, sandte Dr. Howe eine der Lehrerinnen der Anstalt fort, um von einem Taubstummen das Fingeralphabet zu erlernen. Nach ihrer Rückkehr unterrichtete sie Laura darin, und seit dieser Zeit wurde das Fingeralphabet als Verständigungsmittel im Verkehr mit ihr benutzt.

Nach ein bis zwei Jahren unterrichtete Dr. Howe Laura Bridgman nicht mehr selbst, sondern vertraute sie anderen Lehrern an, die sich unter seiner Leitung an die Aufgabe machten, ihr das Sprechen beizubringen.

Man kann gar nicht genug zum Lobe von Dr. Howes Unternehmen sagen. Als Forscher hatte er stets in erster Reihe wissenschaftliche Gesichtspunkte im Auge. Er vergaß niemals, seine Beobachtungen an Laura Bridgman in der Art jemandes niederzulegen, der in einem Laboratorium arbeitet. Die Folge davon ist, daß seine Berichte systematisch und sorgfältig abgefaßt sind.[23] Vom wissenschaftlichen Standpunkte aus ist es zu bedauern, daß es unmöglich war, eine so umfassende Darlegung von Helen Kellers Entwicklungsgang zu erhalten. Dieser Umstand an sich ist ein sprechender Beleg für den großen Unterschied zwischen Laura Bridgman und Helen Keller. Laura blieb stets ein Objekt für wissenschaftliche Forschung. Helen Keller machte so rasche Fortschritte, daß ihre Lehrerin Mühe hatte, den geistigen Bedürfnissen ihres Zöglings zu genügen, und weder Zeit noch Gelegenheit fand, wissenschaftliche Beobachtungen anzustellen.

Fräulein Sullivan erkannte gleich von Anfang an, daß der Unterricht Helen Kellers interessanter und von größerem Erfolg begleitet sein würde als der Laura Bridgmans, und erklärte in einem ihrer Briefe, es sei durchaus notwendig, Aufzeichnungen über den Entwickelungsgang ihrer Schülerin zu machen. Aber weder ihr Temperament noch ihre Vorbildung gestatteten ihr, ihren Zögling zum Gegenstand von Experimenten oder Beobachtungen zu machen, die für die Entwickelung des Kindes keinen praktischen Wert besaßen. Sobald etwas erledigt, ein bestimmtes Ziel erreicht war, blickte die Lehrerin nicht mehr zurück, um den Weg, den sie gegangen war, zu beschreiben. Die Erklärung der Tatsache war unwesentlich im Vergleich zu der Tatsache selbst und der Notwendigkeit, weiterzueilen. Es liegen auch noch zwei weitere Gründe für die Unvollständigkeit von Fräulein Sullivans Aufzeichnungen vor. Erstens war in ihren Augen das Schreiben stets eine schwere Aufgabe, und dann wurde sie auch schon bald durch die Willkür, mit der man ihre ersten Angaben benutzt hatte, von weiteren Veröffentlichungen abgeschreckt.

Als sie zum ersten Male aus Tuscumbia an Herrn Michael Anagnos, Dr. Howes Schwiegersohn und Nachfolger in der Leitung der Perkinsschen Anstalt, über ihre erzieherische Tätigkeit geschrieben hatte, begannen die Bostoner Zeitungen sofort, übertriebene Berichte über Helen Keller zu veröffentlichen. Fräulein Sullivan protestierte dagegen. In einem Briefe vom 10. April 1887, kaum fünf Wochen nach dem Beginn des Unterrichts, schrieb sie an eine Freundin:

... schickte mir eine Nummer des Boston Herald, die einen törichten Artikel über Helen enthält. Wie völlig albern ist es, zu sagen, daß Helen „schon fließend spricht“! Nun, ebensogut könnte jemand sagen, daß sich ein zweijähriges Kind fließend unterhält, wenn es sagt: Apple give oder Baby walk go. Ich glaube allerdings, daß wenn Sie ein Kreischen, Krähen, Wimmern, Lallen und Schreien nebst gelegentlichen Schluckanfällen mit zur Unterhaltung rechnen, die als fließend, ja sogar als beredt gelten könnte. Dann macht es mir auch Spaß, von den sorgfältigen Vorbereitungen zu lesen, denen ich mich unterzogen hätte, um mich für die große Aufgabe fähig zu machen, die meine Freunde mir anvertraut hätten. Ich bedaure nur, daß diese Vorbereitungen sich nicht auch auf den Gebrauch des Fingeralphabets erstreckten; ich würde mir dann eine Menge Mühe erspart haben. —

Am 4. März 1888 schreibt sie in einem Briefe:

Ich bin in der Tat herzlich froh, daß ich nicht alles kenne, was über Helen und mich selbst gesprochen und geschrieben wird. Ich versichere Sie, ich erfahre genug und übergenug. Fast jede Post bringt irgend eine alberne — geschriebene oder gedruckte — Auslassung. Die Wahrheit ist nicht sensationell genug, um die Zeitungen zufriedenzustellen; daher übertreiben sie und bringen lächerliche Ausschmückungen an. Eine Zeitung behauptet, Helen löse geometrische Aufgaben mit Hilfe ihres Baukastens. Ich erwarte, demnächst zu hören, daß sie eine Abhandlung über die Entstehung und die Zukunft der Planeten geschrieben hat! —

Im Dezember 1887 erschien der erste Bericht des Direktors des Perkinsschen Institutes, der sich mit Helen Keller beschäftigt. Für diesen Bericht verfaßte Fräulein Sullivan, einer Bitte Herrn Anagnos’ widerwillig nachgebend, eine Schilderung ihrer Tätigkeit. Diese ist neben den ebenfalls in dem Bericht veröffentlichten Auszügen aus ihren Briefen die erste zuverlässige Quelle über Helen Keller. Ueber diesen Bericht schrieb Fräulein Sullivan in einem Buche vom 30. Oktober 1887:

Haben Sie schon den Aufsatz gelesen, den ich für den »Bericht« geliefert habe? Herr Anagnos war ganz entzückt von ihm. Er meint, Helens Fortschritte seien „gleich von Anfang an ein Siegeszug“ gewesen und weiß über ihre Lehrerin viel Schmeichelhaftes zu sagen. Ich glaube, er neigt zu Uebertreibungen; jedenfalls ist seine Sprache zu begeistert, und ganz einfache Tatsachen werden in einer Weise vorgebracht, daß sie den Leser allerdings in Erstaunen setzen müssen. Ohne Zweifel erscheint ihm die Tätigkeit der letzten paar Monate im Lichte eines Siegeszuges, aber man beachtet dabei selten, wie langsam und mühevoll die Schritte sind, mittels deren man auch den unbedeutendsten Erfolg erreichen muß. —

Da Anagnos der Leiter des großen Instituts war, so hatten seine Aeußerungen mehr Gewicht als die von Fräulein Sullivan erwähnten Tatsachen, auf die sich seine Behauptungen stützten. Die Zeitungen wurden von Anagnos’ Ton angesteckt und übertrieben maßlos. Nach Ablauf des ersten Jahres ihrer Erziehungstätigkeit sah Fräulein Sullivan sich und ihre Schülerin als den Mittelpunkt einer erstaunlichen Legendenbildung. Die Erzieher der ganzen Welt wollten ihre Meinung sagen, trugen aber größtenteils nichts zur Klärung der Sachlage bei. Es erhoben sich eine Menge Streitfragen, die jetzt sehr belustigend zu betrachten sind. Taubstummenlehrer bewiesen a priori, daß das, was Fräulein Sullivan geleistet hatte, unmöglich sei, und ihren Angaben wurde mit Mißtrauen begegnet, weil sie von Anagnos’ phrasenhafter Beredsamkeit umkleidet waren. So hatte Helen Kellers Geschichte, die schon bei nüchternem Vortrage unglaublich war, das Mißgeschick, in übertriebenen Schilderungen in die Welt posaunt zu werden und begegnete natürlich entweder unverständiger Leichtgläubigkeit oder ungläubiger Feindseligkeit.

Im November 1888 erschien ein anderer Bericht des Perkinsschen Instituts mit einem zweiten Beitrage von Fräulein Sullivan, und dann wurde jahrelang nichts Offizielles mehr veröffentlicht, bis Anagnos im November 1891 seinen letzten Bericht erstattete, der Mitteilungen über Helen Keller enthielt. Für diesen Bericht verfaßte Fräulein Sullivan die ausführlichste und umfangreichste Abhandlung, die sie je geschrieben hat, und hier erschien auch der »Frostkönig«, von dem in einem späteren Kapitel ausführlich die Rede sein wird (s. S. 323 ff.[24]). Jetzt entbrannte der Kampf heftiger als je.

Da Fräulein Sullivan fand, daß andere Leute viel mehr von Helen Keller zu wissen schienen, als sie selbst, so schwieg sie und hat zehn Jahre lang geschwiegen, abgesehen von ihrem Beitrage für das erste »Volta Bureau Souvenir of Helen Keller« und die Abhandlung, die sie auf Wunsch Dr. Bells im Jahre 1894 für die in Chautauqua abgehaltene Versammlung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen verfaßte. Als Dr. Bell und andere ihr erklärten, was von einem unpersönlichen Standpunkte aus unzweifelhaft richtig ist, daß sie es der Sache der Erziehung schuldig sei, niederzuschreiben, was sie wisse, antwortete sie sehr treffend, sie schulde ihre ganze Zeit und ihre ganze Kraft ihrem Zöglinge.

Obgleich Fräulein Sullivan sich mehr darüber amüsiert als ärgert, wenn jemand, und wäre es selbst einer ihrer näheren Bekannten, in einem Artikel Irrtümliches über sie und Fräulein Keller berichtet, so sieht sie doch ein, daß Helens Buch alle Auskünfte enthalten muß, die die Lehrerin zur Zeit erteilen kann, und erteilte daher ihre Zustimmung zur Veröffentlichung von Auszügen aus Briefen, die sie während des ersten Jahres ihrer Erziehungstätigkeit geschrieben hatte. Diese Briefe waren an Frau Sophia C. Hopkins gerichtet, die einzige Freundin, an die Fräulein Sullivan stets schrieb, wie es ihr ums Herz war. Frau Hopkins war zwanzig Jahre lang Pflegerin im Perkinsschen Institute gewesen und vertrat während der ganzen Zeit, in der Fräulein Sullivan Schülerin der Anstalt war, Mutterstelle an dem Mädchen. In diesen Briefen haben wir einen beinahe allwöchentlichen Bericht über Fräulein Sullivans Tätigkeit. Manche Einzelheiten hat sie übergangen, da sie sich immer mehr daran gewöhnte, hauptsächlich die allgemeinen Gesichtspunkte zu betonen. Viele sind der Ansicht gewesen, daß jeder Versuch, Prinzipien in ihrer Methode zu finden, weiter nichts sei als eine spätere Theorie, die man Fräulein Sullivans Tätigkeit unterschoben habe. Aber aus diesen Briefen geht hervor, daß sie sich über ihr Tun und Lassen klare Rechenschaft abgelegt hat. Sie war ihre eigene Kritikerin, und trotz ihrer späteren Erklärung, die sie in ihrer bescheidenen Zurückhaltung abgegeben hat, daß sie keine bestimmte Methode befolgt habe, erkannte sie doch im Verfolg ihrer Aufgabe mit der höchsten Klarheit gewisse Erziehungsprinzipien, die nicht allein für den Unterricht der taubstummen, sondern aller Kinder überhaupt von hervorragendem Werte waren. Die Auszüge aus ihren Briefen und Berichten bilden einen wichtigen Beitrag zur Pädagogik und rechtfertigen vollauf das Urteil Dr. Daniel C. Gilmans, der ihr 1893, als er Rektor der John Hopkins-Universität war, schrieb:

Ich habe soeben... Ihren höchst interessanten Bericht über die verschiedenen Wege gelesen, die Sie bei der Erziehung Ihrer wunderbaren Schülerin eingeschlagen haben, und ich hoffe, Sie werden mir gestatten, daß ich Ihnen meine Bewunderung für die Weisheit ausdrücke, die Ihre Schritte geleitet hat und ebenso für die Liebe, von der Ihr ganzes Wirken erfüllt ist.

Fräulein Anne Mansfield Sullivan war in Springfield in Massachusetts geboren. In früher Jugend erblindete sie fast gänzlich und wurde am 7. Oktober 1880 im Alter von vierzehn Jahren in das Perkinssche Institut aufgenommen. Später erhielt sie ihr Gesicht teilweise wieder.

Anagnos sagt in seinem Berichte vom Jahre 1887: Sie mußte auf der niedrigsten und elementarsten Stufe beginnen, zeigte aber sofort beim ersten Anlauf, daß sie die Kraft und Fähigkeit in sich hatte, die den Erfolg verbürgen... Sie hat schließlich das Ziel erreicht, nach dem sie so unermüdlich strebte. Die goldenen Worte, die Dr. Howe aussprach, und das Beispiel, das er gab, gingen ihr in Fleisch und Blut über und unterstützten sie auf ihrer segensvollen Laufbahn, und jetzt steht sie ihm als seine würdige Nachfolgerin in einer der geachtetsten Abteilungen seines Unternehmens zur Seite... Fräulein Sullivan besitzt die höchste Begabung.

Im Jahre 1886 legte sie ihr Lehrerinnenexamen am Perkinsschen Institut ab. Als sich Hauptmann Keller mit der Bitte um eine Lehrerin an den Direktor wandte, empfahl dieser Fräulein Sullivan. Die einzige Frist, die ihr zur Vorbereitung für ihre schwere Aufgabe blieb, dauerte vom August 1886, in dem Hauptmann Keller geschrieben hatte, bis zum Februar 1887. Während dieser Zeit las sie Dr. Howes Berichte. Ferner wurde sie durch den Umstand unterstützt, daß sie während der sechs Jahre ihres Schullebens mit Laura Bridgman in einem Hause gewohnt hatte. Erst durch Dr. Howes Wirken an Laura Bridgman wurden Fräulein Sullivans Erfolge möglich; aber sie war es, die die Mittel und Wege entdeckte, den blinden Taubstummen die Sprache beizubringen.

Man darf nicht vergessen, daß Fräulein Sullivan ihre Aufgabe zu lösen hatte ganz ohne vorausgegangene Erfahrung und ohne die Unterstützung eines anderen Lehrers. Während des ersten Jahres ihrer Tätigkeit, in der sie ihre Schülerin sprechen lehrte, blieben beide in Tuscumbia, und als sie nach dem Norden kamen und das Perkinssche Institut besuchten, wurde Helen Keller hier nicht regelrecht als Schülerin aufgenommen und unterstand auch nicht den Anstaltsgesetzen. Die Annahme, Fräulein Sullivan habe Helen Keller „unter der Leitung des Herrn Anagnos“ erzogen, ist falsch. In den drei Jahren, während deren Fräulein Keller und Fräulein Sullivan zu verschiedenenmalen Gäste des Perkinsschen Institutes waren, erhielt Fräulein Sullivan von den Lehrern der Anstalt keine Unterstützung, ja der Direktor Anagnos konnte sich nicht einmal des Fingeralphabets mit Geläufigkeit bedienen. Der letztere schrieb in dem Bericht des Perkinsschen Instituts vom 27. November 1888: Auf mein dringendes Ersuchen kam Helen in Begleitung ihrer Mutter und ihrer Lehrerin in der letzten Maiwoche nach dem Norden, und alle drei blieben mehrere Monate als unsere Gäste bei uns... Wir gestatteten Helen mit Freuden die Benutzung unserer Bibliothek von Hochdruckbüchern, unserer Sammlung von ausgestopften Tieren, Muscheln, Modellen von Blumen und Pflanzen und unserer sonstigen Apparate zur Unterweisung der Blinden durch den Gefühlssinn. Ich zweifle nicht, daß sie viel Vergnügen daran gefunden und großen Nutzen davon gehabt hat. Mag aber Helen zu Hause bleiben oder andere Teile des Landes besuchen, ihre Erziehung steht stets unter der unmittelbaren Leitung und der ausschließlichen Kontrolle ihrer Lehrerin. Niemand hat Einfluß auf Fräulein Sullivans Unterrichtsplan oder nimmt an ihrer Aufgabe teil. Sie genießt völlige Freiheit in der Wahl ihrer Mittel und Methoden zur Vollendung ihres großen Werkes, und soviel wir aus ihren Erfolgen entnehmen können, macht sie einen höchst umsichtigen und taktvollen Gebrauch von diesem Vorrechte. Was ihre kleine Schülerin auf diesem Wege geleistet hat, ist weithin bekannt, und ihre erstaunliche Begabung erregt allgemeine Bewunderung; aber nur diejenigen, die mit den Einzelheiten des großen Unternehmens vertraut sind, wissen, daß der Erfolg zum großen Teile der Intelligenz, der Klugheit, dem Scharfblicke, der unermüdlichen Ausdauer und dem unbeugsamen Willen ihrer Erzieherin zu verdanken ist, die das Kind aus der Tiefe der immerwährenden Nacht und des ewigen Schweigens gerettet hat und über den einzelnen Phasen seiner geistigen und sittlichen Entwickelung mit mütterlicher Sorgfalt und begeisterter Hingebung wacht.

* * *

Im folgenden sollen nun Fräulein Sullivans Briefe und die wichtigsten Stellen aus ihren Berichten in chronologischer Reihenfolge wiedergegeben werden. Der erste Brief ist vom 6. März 1887 datiert, drei Tage nach ihrer Ankunft in Tuscumbia.

... Es war halb sieben Uhr, als ich in Tuscumbia ankam. Frau Keller und Herr James Keller warteten auf mich. Die Fahrt nach dem Landhause, das ungefähr eine Meile von der Station entfernt lag, war sehr angenehm. Ich war überrascht, in Frau Keller eine Frau von sehr jugendlichem Aussehen, nicht viel älter als ich selbst, möchte ich glauben, anzutreffen. Hauptmann Keller kam uns auf dem Hofe entgegen und bot mir ein fröhliches Willkommen und einen herzlichen Händedruck. Meine erste Frage war: „Wo ist Helen?“ Ich versuchte mit aller Kraft meine Aufregung zu unterdrücken, denn ich zitterte so stark, daß ich mich kaum auf den Füßen halten konnte. Als wir uns dem Hause näherten, sah ich ein Kind an der Tür stehen, und Hauptmann Keller sagte: „Dort ist sie. Sie hat den ganzen Tag gewußt, daß wir jemand erwarteten, und sie ist ganz ungebärdig geworden, seit ihre Mutter nach dem Bahnhof ging, um Sie abzuholen.“ — Kaum hatte ich meinen Fuß auf die Treppenstufen gesetzt, als sie mit solcher Gewalt auf mich zustürzte, daß ich zu Boden gestürzt wäre, hätte Hauptmann Keller nicht hinter mir gestanden. Sie befühlte mir Gesicht und Kleid, und ebenso meine Reisetasche, die sie mir aus der Hand nahm und zu öffnen versuchte. Sie ging nicht gleich auf, und Helen fühlte sorgfältig nach dem Schlüsselloch. Als sie es gefunden hatte, wandte sie sich zu mir und bewegte die Hand, als drehe sie einen Schlüssel herum, indem sie auf die Tasche deutete. In diesem Augenblick kam ihre Mutter herbei und machte Helen durch Zeichen klar, daß sie den Koffer nicht berühren dürfe. Sie wurde rot, und als ihre Mutter versuchte, ihr den Koffer aus der Hand zu nehmen, geriet sie in heftigen Zorn. Ich lenkte ihre Aufmerksamkeit ab, indem ich ihr meine Uhr zeigte und sie ihr in die Hand gab. Sofort legte sich der Sturm, und wir gingen zusammen die Treppe hinauf. Hier öffnete ich die Tasche und sie durchsuchte dieselbe sofort eifrig, wahrscheinlich in der Erwartung, etwas zum Essen zu finden. Bekannte hatten ihr vermutlich Zuckerwerk in ihren Koffern mitgebracht, und sie erwartete, solches auch in dem meinigen zu finden. Ich deutete auf eine Truhe, die im Hausflur stand, dann auf mich und nickte mit dem Kopfe, um ihr verständlich zu machen, daß ich eine Truhe hätte; dann machte ich das Zeichen, das sie für essen gebraucht hatte, und nickte wieder. Sie verstand mich sofort und rannte die Treppe hinunter zu ihrer Mutter, um ihr durch ausdrucksvolle Zeichen zu verstehen zu geben, daß sich Zuckerzeug für sie in einer Truhe befände. Sie kehrte nach wenigen Minuten zurück und half mir meine Sachen wegräumen. Es war zu komisch zu sehen, wie sie sich meinen Hut aufsetzte, ihren Kopf kokett erst nach der einen, dann nach der anderen Seite drehte und in den Spiegel blickte, genau als ob sie sehen könnte. Ich hatte einigermaßen erwartet, ein blasses, zartes Kind vor mir zu sehen — ich glaube, ich entnahm diese Vorstellung Dr. Howes Schilderung von Laura Bridgman bei ihrer Aufnahme in das Institut. Aber Helen zeigte keine Spur von Blässe oder Zartheit. Sie ist groß, stark, von blühender Gesichtsfarbe und in ihren Bewegungen so ungezügelt wie ein junges Füllen. Sie hat keine jener nervösen Gewohnheiten, die bei blinden Kindern so deutlich erkennbar sind und einen so traurigen Eindruck hinterlassen. Ihr Körper ist wohlgebildet und kräftig, und Frau Keller erzählt mir, sie sei seit ihrer Krankheit, die sie des Gesichts und Gehörs beraubt habe, auch nicht einen einzigen Tag unpäßlich gewesen. Sie hat einen schöngeformten Kopf, der ganz gerade auf ihren Schultern sitzt. Ihr Gesicht ist schwer zu beschreiben. Es ist intelligent, entbehrt aber der Beweglichkeit, der Seele, oder wie man sich sonst ausdrücken will. Ihr Mund ist groß und fein geschnitten. Man bemerkt auf den ersten Blick, daß sie blind ist. Ein Auge ist größer als das andere und steht auffallend vor. Sie lächelt selten; in der Tat habe ich sie seit meiner Ankunft erst ein- oder zweimal lächeln sehen. Sie zeigt kein anschmiegendes Wesen und sträubt sich sogar gegen Liebkosungen, ausgenommen ihrer Mutter gegenüber. Sie ist von sehr raschem Temperament und höchst eigenwillig, und niemand außer ihrem Bruder James hat den Versuch gemacht, sie zu zügeln. Die schwerste Aufgabe, die ich vor mir habe, besteht darin, sie zu zügeln und in Zucht zu halten, ohne ihren Geist zu brechen. Ich will zuerst langsam vorgehen, und ihre Liebe zu gewinnen suchen. Ich werde keinen Versuch machen, sie nur durch Kraft zu besiegen, aber gleich von Anfang an auf einem vernünftigen Gehorsam bestehen. Ein Umstand, der jedermann auffällt, ist Helens unermüdlicher Tätigkeitstrieb. Sie steht keinen Augenblick still. Sie ist bald hier, bald dort, kurz überall. Ihre Hände sind mit allem beschäftigt, aber nichts vermag ihre Aufmerksamkeit längere Zeit zu fesseln. Ein liebes Kind, dessen rastloser Geist im Dunkeln umhertappt. Ihre ungeschickten, unbefriedigten Hände zerstören alles, was sie berühren, weil sie nicht wissen, was sie sonst mit den Gegenständen anfangen sollen.

Sie half mir meine Truhe auspacken, als diese ankam, und war entzückt, als sie die Puppe fand, die die kleinen Mädchen ihr schickten. Ich hielt dies für eine gute Gelegenheit, sie das erste Wort zu lehren. Ich buchstabierte langsam d–o–l–l in ihre Hand, deutete auf die Puppe und nickte mit dem Kopfe, was ihr Zeichen dafür zu sein scheint, daß ihr etwas gehöre. Wenn jemand ihr etwas gibt, so deutet sie zuerst auf den Gegenstand, dann auf sich und nickt mit dem Kopfe. Sie machte ein ganz verwundertes Gesicht und befühlte meine Hand und ich wiederholte ihr nun die Buchstaben. Sie ahmte sie vortrefflich nach und deutete auf die Puppe. Dann nahm ich die Puppe, in der Absicht, sie ihr zurückzugeben, wenn sie die Buchstaben gemacht hätte; sie glaubte aber, ich wolle sie ihr wegnehmen, geriet augenblicklich in Aufregung und versuchte die Puppe an sich zu reißen. Ich schüttelte den Kopf und versuchte die Buchstaben mit Hilfe ihrer Finger zu bilden; aber sie wurde immer ungebärdiger. Ich zwang sie auf einen Stuhl und hielt sie dort fest, bis ich ganz erschöpft war. Dann fiel es mir ein, es sei nutzlos, den Kampf fortzusetzen — ich mußte etwas tun, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Ich ließ sie los, verweigerte ihr aber die Puppe. Ich ging die Treppe hinunter und holte einen Cake (sie ist eine große Freundin von Süßigkeiten). Ich zeigte ihn ihr und buchstabierte ihr c–a–k–e in die Hand, wobei ich ihr den Cake entgegenhielt. Natürlich bekam sie Lust auf ihn und wollte ihn an sich nehmen; ich buchstabierte jedoch das Wort zum zweiten Male und tätschelte ihr die Hand. Sie machte rasch die Buchstaben, und ich gab ihr den Kuchen, den sie eiligst aufaß, weil sie wohl glaubte, ich würde ihn ihr wieder wegnehmen. Dann zeigte ich ihr die Puppe und buchstabierte abermals das Wort, indem ich ihr die Puppe entgegenhielt wie vorhin den Kuchen. Sie machte die Buchstaben d–o–l, ich fügte das noch fehlende l hinzu und gab ihr die Puppe. Sie rannte sofort mit ihr die Treppe hinunter und konnte den ganzen Tag nicht dahin gebracht werden, in mein Zimmer zurückzukehren.

Gestern gab ich ihr auf, an einer Nähkarte zu arbeiten. Ich machte die erste Reihe senkrechter Stiche, ließ Helen die Karte befühlen und darauf achten, daß auf ihr mehrere Reihen kleiner Löcher angebracht waren. Sie begann eifrig zu arbeiten, vollendete die Karte in wenigen Minuten und machte dies wirklich ganz sauber. Ich wollte nun versuchen, ihr ein anderes Wort beizubringen und buchstabierte ihr c–a–r–d in die Hand. Sie machte c–a nach, dann hielt sie nachdenklich inne, machte das Zeichen für essen, deutete nach unten und schob mich auf die Tür zu, womit sie meinte, ich solle nach unten gehen und ihr einen Cake holen. Sie sehen, die beiden Buchstaben c–a hatten ihr ihre »Lektion« vom Freitag in das Gedächtnis zurückgerufen — nicht daß sie irgend eine Ahnung davon hatte, daß cake die Bezeichnung für den betreffenden Gegenstand sei, sondern es war, wie ich glaube, eine einfache Ideenassociation. Ich beendete das Wort c–a–k–e und erfüllte Helens Wunsch, worüber sie sehr erfreut war. Dann buchstabierte ich d–o–l–l und begann nach der Puppe zu suchen. Sie verfolgt mit ihren Händen jede Bewegung, die man macht, und wußte sofort, daß ich mich nach der Puppe umsah. Sie wies nach unten, was bedeuten sollte, die Puppe befinde sich im Erdgeschoß. Ich machte das Zeichen, das sie gebraucht hatte, als sie wünschte, ich solle ihr den Cake holen, und drängte sie auf die Tür zu. Sie schritt vorwärts, dann zögerte sie einen Augenblick und kämpfte offenbar mit sich, ob sie gehen sollte oder nicht. Sie entschied sich dafür, mich hinunterzuschicken. Ich schüttelte den Kopf, buchstabierte ihr das Wort d–o–l–l mit größerem Nachdruck in die Hand und öffnete ihr die Tür; aber sie weigerte sich hartnäckig zu gehorchen. Sie hatte ihren Cake noch nicht aufgegessen, und ich nahm ihn ihr weg, indem ich ihr bedeutete, daß wenn sie mir die Puppe brächte, ich ihr den Cake zurückgeben würde. Sie stand längere Zeit ganz still, das Gesicht wie mit Blut übergossen, dann siegte ihr Verlangen nach dem Cake, sie lief die Treppe hinunter und brachte mir die Puppe; natürlich gab ich ihr den Cake, konnte sie aber nicht bewegen, wieder in mein Zimmer zu kommen.

Sie war sehr unruhig, als ich heut morgen zu schreiben begann. Sie stellte sich hinter mich, legte ihre Hand auf das Papier und steckte sie ins Tintenfaß. Diese Kleckse hier sind ihr Werk. Schließlich erinnerte ich mich an die Kindergartenperlen und wies Helen an, sie aufzureihen. Zuerst nahm ich zwei Holzperlen und eine Glasperle und ließ sie dann die Schnur und die beiden Oeffnungen der Perlen befühlen. Sie nickte und begann sofort die Schnur mit hölzernen Perlen zu beziehen. Ich schüttelte den Kopf, nahm sie alle ab und ließ sie die beiden Holzperlen und die eine Glasperle befühlen. Sie prüfte sie nachdenklich und begann von neuem. Diesmal reihte sie zuerst die Glasperlen und dann die beiden Holzperlen auf. Ich nahm sie wieder ab und zeigte ihr, daß zuerst die beiden Holzperlen kommen müßten und dann erst die Glasperle. Sie hatte keine weitere Mühe damit und reihte die Perlen rasch aneinander, leider nur allzu rasch. Als sie fertig war, knüpfte sie die beiden Enden der Schnur zusammen und legte sie um ihren Hals. In der nächsten Schnur hatte ich den Knoten nicht groß genug gemacht, und die Perlen fielen fast so rasch wieder herunter, wie Helen sie aufgereiht hatte; sie löste aber selbst die Schwierigkeit, indem sie die Schnur durch eine Perle zog und letztere festknüpfte. Ich fand dies sehr geschickt. Sie unterhielt sich mit den Perlen bis zum Mittagessen und legte mir ab und zu die Ketten zur Begutachtung vor.

Montag nachmittags.

Heute früh hatte ich einen heißen Kampf mit Helen zu bestehen. Obgleich ich mich mit aller Kraft dagegen sträubte, gewaltsame Mittel zur Anwendung zu bringen, so fürchte ich doch, dies wird sich auf die Dauer nicht umgehen lassen.

Helens Benehmen bei Tische ist entsetzlich. Sie greift mit ihren Händen auf unsere Teller und nimmt davon weg, und wenn die Schüsseln herumgegeben werden, so greift sie hinein und nimmt sich, was ihr beliebt. Heut früh wollte ich ihr nicht erlauben, mit der Hand auf meinen Teller zu fassen. Sie beharrte bei ihrem Vorsatz, und es folgte nun ein sehr heftiger Auftritt. Natürlich verließ die übrige Familie voller Verlegenheit das Zimmer. Ich verschloß die Türe zum Speisezimmer und setzte mich wieder zu meinem Frühstück hin, obgleich mich die Speisen beinahe anwiderten. Helen lag schreiend und mit Händen und Füßen um sich schlagend auf dem Fußboden und suchte meinen Stuhl unter mir fortzuziehen. So verging eine halbe Stunde; dann stand sie auf, um zu sehen, was ich tat. Ich zeigte ihr, daß ich aß, ließ sie aber nicht mit der Hand auf den Teller fassen. Sie kniff mich, und ich schlug ihr jedesmal, wenn sie dies tat, auf die Hand. Dann ging sie um den ganzen Tisch herum, um zu sehen, wer da sei, und war ganz erstaunt, als sie außer mir niemand fand. Nach ein paar Minuten kam sie zu ihrem Platze zurück und begann ihr Frühstück mit den Fingern zu verzehren. Ich gab ihr einen Löffel, den sie aber auf den Fußboden warf. Ich zerrte sie von ihrem Stuhle herunter und zwang sie, ihn aufzuheben. Endlich gelang es mir, sie auf ihren Stuhl zurückzubringen; ich drückte ihr den Löffel in die Hand und nötigte sie, damit zu essen. Nach einigen Minuten fügte sie sich und beendete ruhig ihr Frühstück. Darauf hatten wir einen anderen Zwist über das Zusammenfalten ihrer Serviette. Als sie mit ihrem Frühstück fertig war, warf sie das Tuch zur Erde und lief zur Tür. Als sie diese verschlossen fand, begann sie wieder mit den Füßen auszuschlagen und zu schreien. Es dauerte eine volle Stunde, ehe ich sie dazu bringen konnte, ihre Serviette zusammenzulegen. Dann ließ ich sie in den warmen Sonnenschein hinaus und begab mich nach meinem Zimmer, wo ich mich ganz erschöpft auf das Bett warf. Ich weinte mich ordentlich aus und fühlte mich darauf besser. Ich glaube, ich werde noch mehr solcher Kämpfe mit der jungen Dame zu bestehen haben, ehe sie die beiden wesentlichen Dinge lernt — die einzigen, die ich ihr beibringen kann — Gehorsam und Liebe.

Gott befohlen, meine Liebe! Aengstigen Sie sich nicht um mich. Ich will mein Bestes tun und das übrige der Macht anheimstellen, die das vollbringt, was uns zu leisten unmöglich ist. Frau Keller ist mir sehr sympathisch.

Tuscumbia, Alabama, 11. März 1887.

Seit ich das letztemal schrieb, sind wir, Helen und ich, nach einem kleinen Gartenhause, das nicht weit von Ivy Green, dem Familienhause, entfernt liegt, umgezogen und leben hier ganz für uns allein. Ich sah sehr bald ein, daß mit Helen im Schoße ihrer Familie, die ihr stets in allem den Willen gelassen hat, absolut nichts anzufangen sei. Sie hat jedermann tyrannisiert, ihre Mutter, ihren Vater, die Dienerschaft, die kleinen Negerkinder, die mit ihr spielten, und niemand ist ihr je bis zu meiner Ankunft ernstlich entgegengetreten, mit Ausnahme ihres Bruders James, der dies ab und zu getan hat, und wie alle Tyrannen hält sie an diesem ihrem angestammten Rechte von Gottes Gnaden, alles zu tun, was ihr beliebt, mit Zähigkeit fest. Als ich sie zu unterrichten begann, hatte ich mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie wollte um keines Haares Breite nachgeben, ohne es auf einen verzweifelten Kampf ankommen zu lassen. Im guten konnte ich gar nichts von ihr erreichen. Selbst zu den einfachsten Dingen wie zum Kämmen ihres Haares, zum Händewaschen, zum Zuknöpfen ihrer Schuhe mußte sie mit Gewalt angehalten werden, und natürlich war ein peinlicher Auftritt die Folge. Die Angehörigen fühlten natürlich Neigung, sich einzumischen, namentlich ihr Vater, der es nicht ertragen kann, sie weinen zu sehen. So waren sie alle gewillt, des lieben Friedens halber nachzugeben. Ich sah klar ein, daß jeder Versuch, sie im Gebrauch der Sprache oder in sonst etwas zu unterrichten, zwecklos sei, solange sie nicht gelernt habe, mir zu gehorchen. Ich habe viel darüber nachgedacht, und je reiflicher ich mir die Sache überlege, desto fester bin ich davon überzeugt, daß Gehorsam das Tor ist, durch welches das Wissen, ja sogar die Liebe ihren Einzug in die Seele eines Kindes halten. Wie ich Ihnen schon schrieb, glaubte ich anfangs nur Schritt für Schritt vorgehen zu dürfen. Ich hatte mir vorgenommen, mir die Liebe und das Vertrauen meines kleinen Zöglings durch dieselben Mittel zu gewinnen, die ich in Anwendung gebracht haben würde, wenn sie hätte sehen und hören können. Aber bald fand ich, daß mir kein Weg zu ihrem Herzen offen stand. Sie nahm alles, was ich für sie tat, als selbstverständlich hin, wehrte meine Liebkosungen ab, und es war mir schlechterdings unmöglich, mir ihre Zuneigung zu erwerben.

Ich hatte eine freie, offene Aussprache mit Frau Keller und setzte ihr auseinander, wie schwer es für mich unter den obwaltenden Umständen sei, etwas mit Helen zu beginnen. Ich erklärte ihr, daß meiner Meinung nach das Kind mindestens für einige Wochen von der Familie getrennt werden und daß Helen mir gehorchen lernen müsse, ehe ich irgend etwas anderes unternehmen könne. Nach einer langen Pause antwortete mir Frau Keller, sie wolle sich die Sache überlegen und hören, was ihr Gatte zu dem Plane meinte. Der Hauptmann Keller willigte gegen mein Erwarten sehr rasch ein, und ich beeilte mich, die Vorkehrungen zum Umzuge so bald wie möglich zu treffen.

In der neuen Wohnung zeigte sich Helen anfangs sehr ungebärdig und ließ sich am ersten Abend erst nach einem erbitterten zweistündigen Kampfe zu Bett bringen. Am nächsten Morgen war sie ruhiger, litt aber offenbar an Heimweh. Sie spielte mehr als sonst mit ihren Puppen und behandelte diese mit großer Zärtlichkeit, wollte aber nichts von mir wissen.

Helen kennt jetzt verschiedene Wörter, hat aber weder eine Ahnung von ihrem Gebrauche, noch weiß sie, daß jedes Ding einen Namen hat. Ich glaube jedoch, daß sie leicht und schnell lernen wird. Wie erwähnt, ist sie außerordentlich lebhaft und geschäftig und in ihren Bewegungen ebenso rasch wie unstet.

13. März 1887.

Sie werden sich freuen, zu hören, daß mein Experiment einen guten Ausgang nimmt. Weder gestern noch heut habe ich mit Helen die geringste Mühe gehabt. Sie hat drei neue Wörter gelernt, und wenn ich ihr die Gegenstände gebe, deren Bezeichnung sie gelernt hat, so buchstabiert sie diese unverzüglich; sie scheint aber froh zu sein, wenn der Unterricht vorüber ist.

Wir machten heut früh einen fröhlichen Spaziergang im Garten. Helen wußte augenscheinlich, wo sie war, sobald sie die Buchsbaumhecken berührte, und machte mehrere Zeichen, die ich nicht verstand. Ohne Zweifel waren es Bezeichnungen für die verschiedenen Mitglieder der Familie in Ivy Green.

20. März 1887.

Mein Herz jauchzt heute vor Freude. Ein Wunder hat sich ereignet. Das Licht des Verständnisses ist im Geiste meines kleinen Zöglings aufgegangen, und siehe da, alles hat ein verändertes Ansehen gewonnen.

Das kleine wilde Geschöpf von vor vierzehn Tagen hat sich in ein artiges Kind umgewandelt. Helen sitzt, während ich schreibe, mit heiterem und fröhlichem Gesichte neben mir und häkelt eine lange Spitze aus roter schottischer Wolle. Sie hat in vergangener Woche nähen gelernt und ist sehr stolz auf ihre Fertigkeit. Als sie die Spitze so lang gemacht hatte, daß sie über das Zimmer hinwegreichte, so klopfte sie sich selbst auf den Arm und legte das erste Werk ihrer Hände zärtlich an ihre Wange. Sie läßt sich jetzt von mir küssen und setzt sich, wenn sie besonders guter Laune ist, kurze Zeit auf meinen Schoß, erwidert aber meine Liebkosungen noch nicht. Der große Schritt, — der Schritt, auf den es ankommt — ist geschehen. Die kleine Wilde hat ihre erste Lektion gehorsam genommen und findet die Sache ganz ergötzlich. Es entsteht für mich jetzt die dankbare Aufgabe, die schöne Intelligenz, die sich in der Kindesseele zu regen beginnt, zu leiten und zu bilden.

Auch andere bemerken schon die Veränderung, die mit Helen vorgegangen ist. Ihr Vater besucht uns jeden Morgen und jeden Abend und ruft, wenn er sie ihre Perlen eifrig aneinanderreihen oder auf ihrer Nähkarte horizontale Stichreihen machen sieht, voller Verwunderung aus: Wie ruhig sie ist! Als ich kam, waren ihre Bewegungen so unstet, daß man stets fühlte, sie habe etwas Abnormes, ja beinahe Krankhaftes an sich. Auch habe ich bemerkt, daß sie viel weniger ißt, ein Umstand, der ihren Vater so sehr beunruhigt, daß er sie durchaus wieder nach Hause nehmen will. Er behauptet, sie leide an Heimweh. Ich bin damit nicht einverstanden, doch fürchte ich, wir werden unser kleines Bauer sehr bald verlassen müssen.

Gestern ließ ich während der Unterrichtsstunde einen kleinen Negerknaben hereinkommen, und zeigte auch ihm die Buchstaben. Dies machte Helen großes Vergnügen und stachelte ihren Ehrgeiz an, sich vor Percy hervorzutun. Sie freute sich, wenn er einen Fehler machte, und ließ ihn den Buchstaben mehrere Male wiederholen. Wenn es ihm gelang, sie zufriedenzustellen, klopfte sie ihm so kräftig auf seinen wolligen Kopf, daß ich glaubte, er habe die Fehler absichtlich gemacht.

Hauptmann Keller brachte eines Tages »Belle« mit, einen Hühnerhund, auf den er sehr stolz ist. Er war begierig, ob Helen ihren alten Spielkameraden wiedererkennen würde. Helen badete Nancy gerade und bemerkte anfangs den Hund gar nicht. Für gewöhnlich fühlt sie den leisesten Schritt und streckt die Arme aus, um sich zu vergewissern, ob sich jemand in ihrer Nähe befindet. Belle schien es nicht sehr eilig zu haben, Helens Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich glaube, sie ist mitunter von ihrer kleinen Herrin recht rauh behandelt worden. Der Hund war aber kaum eine halbe Minute im Zimmer, als Helen herumzuschnobern begann, die Puppe in die Badewanne warf und im Zimmer umherfühlte. Sie stolperte über Belle, die am Fenster lag. Sie erkannte sofort den Hund, denn sie schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte ihn an sich. Dann setzte sich Helen neben das Tier und begann sich an seinen Pfoten zu schaffen zu machen. Wir konnten uns für den ersten Augenblick ihr Verhalten nicht erklären; als wir aber bemerkten, daß sie die Buchstaben d–o–l–l mit ihren Fingern bildete, wußten wir daß sie Belle das Buchstabieren beizubringen suchte.

28. März 1887.

Helen und ich sind gestern nach Hause gekommen. Ich bedauere, daß wir nicht noch eine Woche bleiben durften; aber ich glaube, ich habe die Gelegenheit, die mir in den letzten vierzehn Tagen geboten war, nach besten Kräften ausgenützt, und hoffe nicht, mit Helen in Zukunft noch ernstliche Mühe zu haben. Die größten Hindernisse, die sich einem Fortschreiten in den Weg stellten, sind gebrochen. Ich glaube, »nein« und »ja«, begleitet von einem Schütteln oder Nicken des Kopfes sind für Helen so greifbare Tatsachen geworden wie Wärme und Kälte oder der Unterschied zwischen Schmerz und Behagen. Und ich werde auch dafür sorgen, daß die Lektion, die sie unter soviel Kummer und Schmerz gelernt hat, nicht wieder vergessen wird. Ich werde mich zwischen meine Schülerin und die übergroße Nachsicht ihrer Eltern stellen. Ich habe Herrn und Frau Hauptmann Keller erklärt, sie dürften in keinerlei Weise meine Anordnungen durchkreuzen. Ich habe mein Bestes getan, um ihnen klarzumachen, wie furchtbar sie sich an Helen versündigten, wenn sie ihr in allen Dingen ihren Willen ließen, und habe darauf hingewiesen, daß die Versuche, dem Kinde beizubringen, es könne nicht alles nach seinem Willen gehen, notwendig für dieses selbst wie für seine Lehrerin von schmerzlichen Empfindungen begleitet seien. Sie versprachen, mir freie Hand zu lassen und mich nach Kräften zu unterstützen. Die unverkennbaren Fortschritte, die ihr Kind gemacht hat, haben ihnen größeres Vertrauen zu mir eingeflößt. Natürlich ist es hart für sie. Ich begreife, daß es ihnen wehtut, zu sehen, wie ihr unglückliches kleines Kind bestraft und gezwungen wird, gewisse Dinge gegen seinen Willen zu tun. Nur wenige Stunden nach meiner Unterredung mit Herrn und Frau Hauptmann Keller (und sie hatten mir in allem beigepflichtet) setzte sich Helen bei Tisch in den Kopf, die Serviette nicht zu benutzen. Offenbar wollte sie probieren, was nun geschehen würde. Ich versuchte mehrmals, ihr die Serviette um den Hals zu legen, jedesmal aber riß sie sich das Tuch ab, warf es zur Erde und begann endlich den Tisch mit den Füßen zu bearbeiten. Ich nahm ihr den Teller weg und stand auf, um sie aus dem Zimmer zu führen; da aber schlug sich der Hauptmann ins Mittel und erklärte, er werde es unter keinen Umständen zugeben, daß eins seiner Kinder nichts zu essen bekäme.

Nach dem Abendessen kam Helen nicht mehr in mein Zimmer, und ich sah sie vor dem Frühstück am nächsten Morgen nicht wieder. Sie saß auf ihrem Platze, als ich herunterkam. Sie hatte sich ihre Serviette unter das Kinn gesteckt, anstatt, wie es ihre Gewohnheit war, sich das Tuch auf dem Rücken festzustecken, und lenkte meine Aufmerksamkeit auf diese Neuerung; als ich keine Einsprache dagegen erhob, schien sie erfreut zu sein und streichelte sich selbst. Als sie das Eßzimmer verließ, ergriff sie meine Hand und streichelte sie ebenfalls. Ich war begierig, was sie zu tun beabsichtigte, und beschloß, der Gewöhnung an Zucht und Sitte etwas nachzuhelfen. Ich ging nach dem Eßzimmer zurück und holte mir eine Serviette. Als Helen zum Unterricht heraufkam, legte ich alle Gegenstände in gewohnter Weise auf den Tisch; nur der Kuchen fehlte, von dem ich ihr ein Stückchen zur Belohnung zu geben pflegte, wenn sie ein Wort recht rasch buchstabiert hatte. Helen bemerkte dies sofort und machte das entsprechende Zeichen für »Kuchen«. Ich zeigte ihr die Serviette, band sie ihr um den Hals, riß sie dann ab und warf sie zur Erde und schüttelte dabei den Kopf. Dies tat ich mehrmals hintereinander. Helen verstand mich vortrefflich, denn sie schlug sich ein paarmal derb auf die Hand und schüttelte gleichfalls mit dem Kopfe. Inzwischen begann der Unterricht. Ich gab ihr einen Gegenstand in die Hand, und Helen buchstabierte das betreffende Wort. Mit einem Male hielt sie inne, als ob ihr ein Gedanke durch den Kopf schösse, und griff nach der Serviette, die sie sich rasch um den Hals knüpfte, wobei sie ihr Zeichen für »Kuchen« machte. Ich nahm dies für ein Versprechen, daß, wenn ich ihr etwas Kuchen gebe, sie ein artiges Kind sein wolle, und gab ihr ein größeres Stück als gewöhnlich; Helen war darüber sehr erfreut und klopfte und streichelte sich selbst voller Befriedigung.

3. April 1887.

Wir bringen fast unsere ganze Zeit im Garten zu, wo alles sproßt und blüht und grünt. Nach dem Frühstück gehen wir hinaus und sehen den Leuten bei ihrer Arbeit zu. Helen liebt es, zu graben und im Schmutze herumzuspielen wie jedes andere Kind. Heut früh pflanzte sie ihre Puppe in die Erde und deutete mir an, sie erwarte, die Puppe werde so groß werden wie ich.

Um zehn Uhr gehen wir hinein und reihen einige Minuten lang Perlen auf. Helen kann sie schon in sehr verschiedener Weise zusammenstellen und denkt sich öfters selbst neue Arten aus. Dann überlasse ich es ihrer Wahl, ob sie nähen, stricken oder häkeln will. Stricken lernte sie sehr schnell und fertigt jetzt einen Waschlappen für ihre Mutter an. In der vergangenen Woche machte sie ihrer Puppe eine Schürze und kam damit so gut zustande wie jedes andere Kind ihres Alters. Um elf Uhr haben wir Turnen. Sie kennt alle Freiübungen mit und ohne Hanteln. Die Stunde von zwölf bis eins wird zur Erlernung neuer Wörter benutzt. Sie dürfen aber nicht glauben, daß dies die einzige Zeit ist, in der ich mit Helen buchstabiere; ich buchstabiere ihr im Gegenteil alles, was wir den ganzen Tag über tun, in die Hand, obgleich sie bis jetzt noch keine Ahnung hat, was das Buchstabieren eigentlich bedeutet. Nach dem Mittagessen ruhe ich eine Stunde, und Helen spielt mit ihrer Puppe oder tummelt sich im Hofe mit den kleinen Negern umher, die vor meiner Ankunft ihre beständigen Spielgefährten waren. Später geselle ich mich zu ihnen, und wir machen dann die Runde durch die Wirtschaftsgebäude. Wir besuchen die Pferde und Maultiere in ihren Ställen, suchen nach Eiern und füttern die Truthühner. Oft gehen wir, wenn das Wetter schön ist, von vier bis sechs Uhr spazieren oder besuchen Helens Tante in Ivy Green oder ihre Verwandten in der Stadt. Helen hat einen stark entwickelten Geselligkeitstrieb; sie liebt es, Menschen um sich zu haben und ihre Bekannten zu besuchen, zum Teil allerdings, wie ich glaube, weil diese stets einige Leckerbissen für sie übrig haben. Nach dem Abendessen gehen wir in mein Zimmer und vertreiben uns die Zeit mit allerlei Beschäftigungen bis um acht, dann ziehe ich das kleine Fräulein aus und bringe es zu Bett. Helen schläft jetzt bei mir. Frau Keller wollte mir eine Wärterin für sie geben; ich glaube aber, es ist besser, ich bin ihre Wärterin, als daß ich eine dumme, faule Negerin zu beaufsichtigen habe. Außerdem ziehe ich es vor, daß Helen ganz allein auf mich angewiesen ist, und ich finde es viel leichter, sie bei allen sich bietenden Gelegenheiten zu unterrichten als zu festgesetzten Stunden.

Am 31. März fand ich, daß Helen achtzehn Substantiva und drei Verba kannte. Hier eine Liste dieser Wörter. Die mit einem Kreuz bezeichneten sind Wörter, nach denen sie selbst fragte: doll, mug, pin, key, dog, hat, cup, box, water, milk, candy, eye (×), finger (×), toe (×), head (×), cake, baby, mother, sit, stand, walk. Am 1. April lernte sie die Substantiva knife, fork, spoon, saucer, tea, papa, bed und das Verbum run.

5. April 1887.

Ich muß Ihnen heut morgen eine Zeile schreiben, denn es hat sich etwas sehr Wichtiges zugetragen. Helen hat den zweiten großen Schritt in ihrer Erziehung getan. Sie hat gelernt, daß jedes Ding einen Namen hat und daß das Fingeralphabet der Schlüssel zu allem ist, was sie zu wissen verlangt.

Die Wörter mug und milk machten Helen mehr Mühe als alle übrigen. Sie verwechselte die Substantiva mit dem Verbum drink. Sie kannte das Wort für trinken nicht, sondern half sich damit, daß sie die Pantomime des Trinkens machte, so oft sie mug oder milk buchstabierte. Als sie sich heute früh wusch, wünschte sie die Bezeichnung für Wasser zu erfahren. Wenn sie die Bezeichnung für etwas zu wissen wünscht, so deutet sie darauf und streichelt mir die Hand. Ich buchstabierte ihr w–a–t–e–r in die Hand und dachte bis nach Beendigung des Frühstücks nicht mehr daran. Dann fiel es mir ein, daß ich ihr vielleicht mit Hilfe dieses neuen Wortes den Unterschied zwischen mug und milk ein- für allemal klarmachen könnte. Wir gingen zu der Pumpe, wo ich Helen ihren Becher unter die Oeffnung halten ließ, während ich pumpte. Als das kalte Wasser hervorschoß und den Becher füllte, buchstabierte ich ihr w–a–t–e–r in die freie Hand. Das Wort, das so unmittelbar auf die Empfindung des kalten über ihre Hand strömenden Wassers folgte, schien sie stutzig zu machen. Sie ließ den Becher fallen und stand wie angewurzelt da. Ein ganz neuer Lichtschein verklärte ihre Züge. Sie buchstabierte das Wort water zu verschiedenenmalen. Dann kauerte sie nieder, berührte die Erde und fragte nach deren Namen, ebenso deutete sie auf die Pumpe und das Gitter. Dann wandte sie sich plötzlich um und fragte nach meinem Namen. Ich buchstabierte ihr »teacher« in die Hand. In diesem Augenblick brachte die Amme Helens kleine Schwester an die Pumpe; Helen buchstabierte »baby« und deutete auf die Amme. Auf dem ganzen Rückwege war sie im höchsten Grade aufgeregt und erkundigte sich nach dem Namen jedes Gegenstandes, den sie berührte, sodaß sie im Laufe weniger Stunden dreißig neue Wörter ihrem Wortschatz einverleibt hatte.

P. S. Ich konnte meinen Brief gestern abend nicht mehr zur Post geben und will daher noch eine Zeile hinzufügen. Helen stand heute früh wie eine strahlende Fee auf. Sie flog von einem Gegenstande zum anderen, fragte nach der Bezeichnung jedes Dinges und küßte mich vor lauter Freude. Als ich gestern abend zu Bett ging, warf sich Helen aus eigenem Antrieb in meine Arme und küßte mich zum ersten Male, und ich glaubte, mein Herz müsse springen, so voll war es vor Freude.

10. April 1887.

Helen macht von Tag zu Tag, ja beinahe von Stunde zu Stunde Fortschritte. Alles muß jetzt einen Namen haben. Bei allen unseren Ausgängen fragt sie voller Eifer nach den Bezeichnungen für die Dinge, die sie nicht zu Hause gelernt hat. Sie wird nicht müde mit Buchstabieren und will jeden, dem sie begegnet, das Alphabet lehren. Sobald sie das betreffende Wort kennt, wendet sie ihre früheren Zeichen und Pantomimen nicht mehr an, und das Erlernen eines neuen Wortes bereitet ihr das lebhafteste Vergnügen. Auch bemerken wir, daß ihre Züge von Tag zu Tag ausdrucksvoller werden. — Ich habe mich dazu entschlossen, Helen augenblicklich noch nicht regelmäßigen Unterricht zu erteilen. Ich behandle sie genau wie ein Kind von zwei Jahren. Es kommt mir widersinnig vor, zu verlangen, daß ein Kind zu einer bestimmten Zeit in ein bestimmtes Zimmer geht und bestimmte Lektionen hersagt, wenn es noch nicht über einen genügenden Wortschatz verfügt. Ich fragte mich: Wie lernt ein normales Kind sprechen? Die Antwort lautete einfach: Durch Nachahmung. Das Kind kommt mit der Fähigkeit, zu lernen, auf die Welt und lernt von selbst, vorausgesetzt, daß es ihm an dem erforderlichen äußeren Anreize nicht fehlt. Es sieht, wie andere bestimmte Dinge tun, und versucht, sie ebenfalls zu tun. Es hört andere sprechen und versucht selbst zu sprechen. Lange bevor es sein erstes Wort spricht, versteht es, was man zu ihm sagt... Diese Erwägungen weisen mir den richtigen Weg, Helen das Sprechen beizubringen. Ich muß ihr in die Hand sprechen, wie wir dem kleinen Kinde in das Ohr sprechen. Ich nehme an, daß sie dieselbe Assimilations- und Nachahmungsgabe besitzt wie ein normales Kind. Ich werde in vollständigen Sätzen zu ihr sprechen und ihr, wenn nötig, die Bedeutung durch Gesten und ihre beschreibenden Zeichen klarmachen, aber nicht versuchen, ihre Aufmerksamkeit auf nur einen einzigen Gegenstand zu lenken. Ich will alles tun, was in meinen Kräften steht, um Helen anzuregen und anzuspornen, und geduldig das Ergebnis abwarten.

24. April 1887.

Die neue Methode bewährt sich vorzüglich; Helen kennt jetzt die Bedeutung von mehr als hundert Wörtern und lernt täglich neue hinzu, ohne im geringsten auf die Vermutung zu kommen, sie verrichte eine besondere Heldentat. Sie lernt, weil sie nicht anders kann, genau wie der Vogel fliegen lernt. Doch dürfen Sie nicht glauben, daß sie »fließend spricht«. Wie ihre kleine Cousine drückt sie ganze Sätze durch einzelne Worte aus. „Milch“, mit einer Handbewegung bedeutet: „Gib mir mehr Milch“; „Mutter“, begleitet von einem fragenden Blick, bedeutet: „Wo ist Mutter?“ „Gehen“ bedeutet: „Ich möchte ausgehen.“ Buchstabiere ich ihr aber in die Hand: „Gib mir etwas Brot,“ so reicht sie mir das Brot, und wenn ich ihr sage: „Hole deinen Hut, wir wollen spazieren gehen,“ so gehorcht sie augenblicklich. Die beiden Worte: „Hut“ und „spazieren gehen“ würden dieselbe Wirkung ausüben; wird aber der ganze Satz mehrmals am Tage wiederholt, so muß er sich mit der Zeit dem Gehirne einprägen, und Helen wird ihn allmählich selbst anwenden.

Wir beschäftigen uns mit einem kleinen Spiele, das nach meiner Meinung für die Entwickelung des Intellekts höchst nützlich ist und zugleich den Zweck einer Sprachlektion erfüllt. Es ist eine Art Versteckspiel. Ich verstecke irgend etwas, einen Ball, eine Spule oder dergleichen, und wir suchen danach. Als wir vor zwei bis drei Tagen mit dem Spiele begannen, benahm sich Helen ziemlich ungeschickt. Sie suchte an Stellen nach, wo es unmöglich gewesen wäre, den Ball oder die Spule zu verstecken. Wenn ich z. B. den Ball versteckte, so suchte sie unter ihrer Schreibtafel. Versteckte ich die Spule, so suchte sie in einer Schachtel, die nicht länger als einen Zoll war. Sie gab auch bald das Spiel auf. Jetzt kann ich ihr Interesse daran eine Stunde und länger rege erhalten, und sie zeigt mehr Intelligenz und oft große Geschicklichkeit beim Finden der Gegenstände. Heute früh versteckte ich einen Zwieback. Helen suchte überall, ohne ihn finden zu können. Plötzlich kam ihr ein Gedanke, sie lief auf mich zu und öffnete meinen Mund, um ihn gründlich zu untersuchen. Als sie hier nichts fand, deutete sie auf meinen Magen und fragte: Eat?, was bedeuten sollte: Haben Sie ihn vielleicht gegessen?

Freitag begegnete uns ein Herr auf der Straße, der Helen einige Bonbons gab, die sie aufaß bis auf ein kleines Stückchen, das sie in ihr Schürzentäschchen steckte. Nach Hause gekommen, traf sie ihre Mutter und sagte aus eigenem Antriebe: Give baby candy. Frau Keller buchstabierte ihr in die Hand: No—baby eat—no. Helen näherte sich der Wiege, faßte Mildred in den Mund und deutete auf ihre eigenen Zähne. Frau Keller buchstabierte: Teeth. Helen schüttelte den Kopf und buchstabierte: Baby teeth—no, baby eat—no, womit sie natürlich sagen wollte: Schwesterchen kann nicht essen, weil es keine Zähne hat.

8. Mai 1887.

Nein, ich brauche kein Kindergartenmaterial mehr. Ich habe anfangs meinen kleinen Vorrat von Perlen, Karten und Strohhalmen benutzt, weil ich nicht wußte, was ich sonst tun sollte; aber die Zeit für sie ist jetzt auf alle Fälle vorüber.

Ich beginne allen ausgeklügelten pädagogischen Systemen zu mißtrauen. Sie scheinen mir auf der Voraussetzung aufgebaut zu sein, daß jedes Kind eine Art Idiot ist und im Denken unterwiesen werden muß, während es, wenn es sich selbst überlassen bleibt, mehr und besser denken wird, wenn es auch nicht so in die Augen fällt. Laßt es nach seinem Belieben gehen und kommen, laßt es reale Gegenstände berühren und seine Eindrücke selbständig ordnen, anstatt daß es im Zimmer an einem kleinen runden Tische sitzt, während eine Lehrerin mit sanfter Stimme ihm sagt, es möge eine steinerne Mauer aus seinen Holzklötzchen bauen, einen Regenbogen aus farbigen Papierstreifen herstellen oder Bäume aus Strohhalmen in Blumentöpfe aus Perlen pflanzen. Solcherlei Unterricht füllt den Geist mit künstlichen Assoziationen an, die erst ausgerottet werden müssen, ehe das Kind seine Gedanken aus eigener Anschauung entwickeln kann.

Helen lernt Adjektiva und Adverbien so leicht wie sie Substantiva gelernt hat. Die Vorstellung geht stets dem Worte voran. Sie hatte Zeichen für »klein« und »groß« lange, bevor ich zu ihr kam. Wollte sie einen kleinen Gegenstand haben und wurde ihr ein großer gegeben, so schüttelte sie den Kopf und hob ein Stückchen von der Haut ihrer einen Hand zwischen Daumen und Zeigefinger der anderen hoch. Wollte sie etwas Großes bezeichnen, so spreizte sie die Finger beider Hände so weit wie möglich und näherte die Hände einander, als wolle sie einen großen Ball auffangen. Eines Tages ersetzte ich diese Zeichen durch die Wörter small und large; sofort wendete sie die Wörter an und verschmähte von nun ab die Zeichen. Ich kann ihr jetzt sagen: Bringe mir ein großes Buch, einen kleinen Teller, gehe langsam die Treppe hinauf, laufe rasch und gehe langsam. Heute morgen gebrauchte sie die Konjunktion and zum ersten Male. Ich befahl ihr, die Tür zuzumachen, und sie fügte hinzu: and lock.

Vor ein paar Minuten kam sie in großer Aufregung die Treppe heraufgestürmt. Ich konnte mir zuerst gar nicht erklären, was geschehen war. Sie buchstabierte immerwährend dog—baby, indem sie dabei der Reihe nach auf ihre fünf Finger deutete und an ihnen saugte. Mein erster Gedanke war, einer von den Hunden habe Mildred verletzt, aber Helens strahlendes Gesicht beschwichtigte meine Furcht. Es half nichts, ich mußte mit ihr hinunter. Sie führte mich in einen Schuppen, und hier in der Ecke lag einer von den Hühnerhunden mit fünf kleinen niedlichen Jungen! Ich lehrte Helen das Wort puppy, ließ sie die Hündchen alle befühlen, während sie saugten, und buchstabierte puppies. Sie interessierte sich sehr für das Nährgeschäft und buchstabierte mehrmals die Wörter mother-dog und baby. Helen bemerkte, daß die Augen der Hündchen geschlossen waren, und sagte Eyes—shut. Sleep—no, womit sie sagen wollte: Die Augen sind zwar geschlossen, aber die Hündchen schlafen nicht. Sie deutete der Reihe nach auf jedes Hündchen und dann auf ihre fünf Finger, und ich lehrte sie das Wort five. Dann hielt sie einen Finger in die Höhe und sagte: Baby. Ich begriff, daß sie von Mildred sprach, und buchstabierte: One baby and five puppies. Dann bemerkte sie, daß eins von den Hündchen kleiner war als die anderen, und buchstabierte small, indem sie zu gleicher Zeit das entsprechende Zeichen machte; ich buchstabierte very small. Sie verstand augenscheinlich, daß very die Bezeichnung für den neuen Begriff sei, der in ihren Kopf gelangt war, denn auf dem ganzen Rückwege nach Hause gebrauchte sie das Wort ganz richtig. Ein Stein war »small«, ein anderer »very small«. Als sie ihre kleine Schwester anfaßte, sagte sie: Baby—small. Puppy—very small.

Seit ich Helen keinen regelmäßigen Unterricht mehr erteile, finde ich, daß sie viel rascher lernt. Ich bin überzeugt, daß die Zeit, die ein Lehrer darauf verwendet, sich zu vergewissern, ob das Kind seine Lektion auch behalten habe, so gut wie weggeworfen ist. Meines Erachtens ist es viel richtiger, anzunehmen, daß das Kind tue, was in seinen Kräften steht, und daß die ausgestreute Saat zur rechten Zeit schon Frucht tragen wird.

16. Mai 1887.

Wir unternehmen jetzt jeden Morgen unmittelbar nach dem Frühstück weite Spaziergänge. Auf dem ganzen Wege stellt Helen unaufhörlich Fragen an mich. Wir machen auf Schmetterlinge Jagd und fangen ab und zu einen. Dann setzen wir uns unter einen Baum und sprechen über ihn. Später lassen wir ihn frei, falls er die Lektion überlebt hat; aber in der Regel werden sein Leben und seine Schönheit auf dem Altar der Lernbegierde geopfert, obgleich er in einem anderen Sinne für immer fortlebt; denn hat er sich nicht in lebendige Gedanken verwandelt? Es ist wunderbar, wie Wörter Gedanken erzeugen! Jedes neue Wort, das Helen lernt, scheint das Bedürfnis nach weiteren zu erwecken. Ihr Geist wächst infolge seiner rastlosen Tätigkeit. Gewöhnlich gehen wir um die Zeit des Mittagessens nach Hause, und Helen erzählt ihrer Mutter voller Eifer alles, was sie gelernt hat.

Dieser Wunsch, zu wiederholen, was ihr gesagt worden ist, deutet auf einen unverkennbaren Fortschritt in der Entwickelung ihres Intellektes hin und ist ein unschätzbarer Ansporn zur Aneignung der Sprache. Ich bitte alle ihre Bekannten, sie zu Mitteilungen über ihr Tun und Treiben zu ermuntern und soviel Teilnahme und Vergnügen wie nur möglich an ihren kleinen Erlebnissen zu zeigen. Dies befriedigt ihr kindliches Bedürfnis nach Anerkennung und hält ihr Interesse an den Dingen aufrecht. Ebenso bildet es die Grundlage der wirklichen Unterhaltung. Helen macht zwar noch manche Fehler und verwechselt Wörter und Redensarten miteinander; aber dies tut auch ein hörendes Kind. Ich bin sicher, diese Schwierigkeiten werden sich von selbst geben. Der Antrieb zum Sprechen ist das wichtigste. Ich füge hier und da ein Wort, manchmal einen Satz ein und erinnere sie an das, was sie ausgelassen oder vergessen hat. So nimmt ihr Wortschatz rasch zu, und die neuen Wörter bringen neue Vorstellungen hervor, und diese sind der Stoff, aus dem Himmel und Erde geschaffen sind.

Meine Aufgabe nimmt alle meine Kräfte und mein Interesse von Tag zu Tag ausschließlicher in Anspruch, schreibt Fräulein Sullivan am 22. Mai 1887. Helen ist ein wunderbares Kind, so voller Lernbegierde und Lerneifer. Sie kennt jetzt gegen dreihundert Wörter und eine große Menge alltäglicher Redensarten, und es sind noch nicht drei Monate her, seit sie ihr erstes Wort lernte. Es ist ein seltenes Glück, das Entstehen, das Wachsen und die ersten schwachen Betätigungen eines lebenden Geistes zu beobachten; ich genieße dieses Glück, und noch mehr, es ist mir vergönnt, diesen herrlichen Intellekt zu wecken und zu leiten.

Wenn ich mich für diese große Aufgabe nur besser eignete! Ich fühle mich ihr täglich weniger gewachsen. Mein Geist steckt voller Pläne; nur kann ich sie leider nicht in die Tat umsetzen. Sie sehen, mein Geist ist undiszipliniert, ich irre plan- und ziellos umher. O wenn ich nur jemand hätte, der mir helfen könnte! Ich brauche einen Lehrer genau so gut wie Helen. Ich weiß, daß die Erziehung dieses Kindes das Hauptereignis meines Lebens sein wird, wenn ich nur die Kraft und Ausdauer habe, sie zu vollenden. Eins ist mir klar geworden: Helen muß Bücher benutzen lernen, wir müssen sie beide benutzen lernen, und dabei fällt mir ein — wollen Sie die Freundlichkeit haben, Herrn Anagnos zu bitten, mir die Psychologien von Perez und Sully zu besorgen? Ich glaube, sie werden mir nützlich sein können.

Wir halten jetzt jeden Tag Leseübungen ab. In der Regel nehmen wir eins der kleinen Lesebücher mit auf einen hohen Baum, der in der Nähe des Hauses steht, und verwenden eine bis zwei Stunden auf das Aufsuchen von Wörtern, die Helen schon kennt. Wir betreiben es als eine Art Spiel und sehen zu, wer die Wörter rascher finden kann, Helen mit ihren Fingern oder ich mit meinen Augen, und sie lernt soviel neue Wörter, wie ich ihr mit Hilfe der ihr bereits bekannten erklären kann. Gleiten ihre Finger über Wörter, die sie kennt, so schreit sie vor Vergnügen auf und herzt und küßt mich voller Freuden, namentlich wenn sie glaubt, sie sei die Siegerin. Später setze ich die neuen Wörter im Rahmen zu kleinen Sätzen zusammen, und manchmal ist es möglich, sie zu einer kleinen Geschichte von einer Biene, einer Katze oder einem kleinen Knaben zu gestalten. Ich kann sie jetzt heißen die Treppe herauf- oder hinuntergehen, Gegenstände wegtragen oder bringen, sitzen, stehen, gehen, laufen, liegen, kriechen, sich herumwälzen oder klettern; sie ist über Tätigkeitswörter entzückt; daher macht es überhaupt keine Mühe, ihr die Verben beizubringen. Sie ist auf die Aneignung eines Satzes so stolz wie ein Feldherr, der die Streitkraft des Feindes gefangen genommen hat.

Eine von Helens alten Gewohnheiten, die am festesten gewurzelt und am schwersten zu bekämpfen ist, ist ihre Sucht, Gegenstände zu zertrümmern. Wenn sie irgend etwas auf ihrem Wege findet, so schleudert sie es zur Erde, gleichviel, was es ist: ein Glas, ein Krug oder gar eine Lampe. Sie besitzt eine große Menge Puppen, und jede von ihnen ist in einem Anfall von Wut oder Langeweile zerbrochen worden. Eines Tages hatte ihr ein bekannter Herr eine neue Puppe aus Memphis mitgebracht, und ich wollte versuchen, ob ich es nicht Helen begreiflich machen könnte, daß sie sie nicht zerbrechen dürfe. Ich ließ sie die Bewegung machen, als schlüge sie den Kopf der Puppe auf den Tisch auf, und buchstabierte ihr in die Hand: No, no, Helen is naughty. Teacher is sad — und ließ sie den bekümmerten Ausdruck meines Gesichtes fühlen. Dann ließ ich sie die Puppe liebkosen, auf die getroffene Stelle küssen und zärtlich in ihren Armen wiegen, buchstabierte ihr dabei in die Hand: Good Helen, teacher is happy — und ließ sie das Lächeln auf meinem Gesichte fühlen. Sie machte diese Bewegungen mehrmals und gab dabei auf jede Kleinigkeit acht; dann stand sie einen Augenblick ganz still mit bekümmertem Gesichtsausdruck, der sich aber plötzlich aufhellte, buchstabierte. Good Helen — und verzog ihr Gesicht zu einem breiten, künstlichen Lächeln. Dann trug sie die Puppe die Treppe hinauf, legte die in das oberste Fach des Kleiderschrankes und hat sie seitdem nie wieder berührt.

2. Juni 1887.

Das Wetter ist drückend heiß. Wir schmachten förmlich nach Regen. Wir sind alle in großer Sorge um Helen. Sie ist sehr nervös und aufgeregt. Sie kann des Nachts nicht schlafen und leidet an Appetitlosigkeit. Es ist schwer zu raten. Der Arzt sagt, ihr Geist sei zu rege; wie sollen wir sie aber vom Denken abhalten? Sie beginnt zu buchstabieren, sobald sie aufwacht, und fährt damit den ganzen Tag lang fort. Wenn ich nicht mit ihr sprechen will, so buchstabiert sie in ihre eigene Hand und unterhält sich augenscheinlich auf das lebhafteste mit sich selbst.

Ich gab ihr meinen Braillestift in der Meinung, das mechanische Einstechen von Löchern in das Papier würde sie zerstreuen und ihren Geist beruhigen. Wie groß war aber mein Erstaunen, als ich fand, daß die kleine Hexe Briefe schrieb! Ich hatte keine Ahnung davon, daß sie wußte, was überhaupt ein Brief sei. Sie ist öfters mit mir nach der Post gegangen, wenn ich Briefe besorgte, und ich glaube, ich habe ihr manches aus dem Inhalt meiner Briefe an Sie mitgeteilt. Auch wußte sie, daß ich ab und zu »Briefe an blinde Mädchen« mit dem Braillestift schrieb, aber ich glaubte nicht, daß sie irgend eine klare Vorstellung davon habe, was ein Brief sei. Eines Tages brachte sie mir einen Bogen, den sie über und über mit Löchern bedeckt hatte, wollte ihn in einen Umschlag stecken und nach der Post tragen. Sie sagte: Frank—letter. Ich fragte sie, was sie denn an Frank geschrieben habe. Sie entgegnete: Much words. Puppy motherdog—five. Baby—cry. Hot. Helen walk—no. Sunfire—bad. Frank—come. Helen—kiss Frank. Strawberries—very good. —

Helen liest fast ebenso eifrig, wie sie spricht. Ich finde, sie versteht den Inhalt ganzer Sätze, indem sie die Bedeutung der ihr unbekannten Wörter aus dem Zusammenhang errät.

Als ich eines Abends zu Bette ging, fand ich Helen fest eingeschlafen, während sie ein großes Buch fest in ihren Armen hielt. Sie hatte offenbar gelesen und war dabei eingeschlafen. Als ich sie am nächsten Morgen danach fragte, antwortete sie: Book—cry und ergänzte dies durch Zittern und andere Zeichen von Furcht. Ich lehrte sie das Wort afraid, und sie sagte: Helen is not afraid. Book is afraid. Book will sleep with girl. Ich erklärte ihr, daß sich das Buch nicht fürchte und in seinem Schranke schlafen müsse und daß »girl« nicht im Bett lesen dürfe. Sie sah mich ganz verschmitzt an und begriff offenbar, daß ich ihre List durchschaut hatte.

Notes in this chapter

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