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Die Eiks von Eichen

Die Eiks von Eichen

Reading edition

Roman aus einer Kleinstadt

von

Felicitas Rose

Sechsundvierzigstes bis fünfzigstes Tausend

Berlin * Leipzig * Wien * Stuttgart

Deutsches Verlagshaus Bong & Co.

Alle Rechte vorbehalten

Copyright 1910 by Deutsches Verlagshaus Bong & Co.

Graphia Akt.-Ges. vormals C. Grumbach in Leipzig

Illustration from Die Eiks von Eichen: Roman aus einer Kleinstadt

Motto:

Dort an der Ecke das alte Haus Wird doch noch stehn? An dem die Leute tagein, tagaus Vorübergehn? – – – – – – – – – O heil’ge Heimat, ich grüße dich An jedem Ort – – –

Carmen Sylva.

Da stand es noch. – Genau wie einst im Schatten der uralten Eichen.

Grau und langgestreckt mit einer langen Reihe niedriger Fenster. Und aus dem Giebelfenster schauten die steinernen Pferdeköpfe, beide von einem steinernen Eichenkranz umschlungen.

Wie ging noch die Sage? Die Sage vom Eichenborn?

Im Jahre 1298 hatte von diesem Fenster aus ein Jungfräulein Eik von Eichen nach ihrem Liebsten ausgeschaut.

Das war ein Musikant gewesen, »ein fahrender Schüler, ein wilder Gesell«, den erst die allmächtige Liebe zahm gemacht. Der ergrimmte Vater hatte gesprochen:

»Ebensowenig wie meine Rösser hier oben in deine Kemenate steigen, sich unser Wappen umhängen und aus dem Fenster hinabschauen ins Tal der wilden Gera, ebensowenig sollst du und dein Buhle jemals es tun.«

Aber da hatte es plötzlich getrammst und getrappelt, und die beiden Rosse waren die gewundenen Treppen hinaufgestiegen, umschlungen von einem Eichenkranz. Sie hatten sich eng aneinander geschmiegt und schauten ins Tal der wilden Gera, darinnen der herzwunde, einsame Spielmann seines Weges zog.

Darauf gab es eine fröhliche Hochzeit und – wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.

Es gab kaum einen alten Mann oder eine alte Frau in Schwarzhausen, die nicht auf diese Legende schworen.

Hinter dem schloßähnlichen Gebäude lag der weite, große, grasbestandene Hof, in seiner Mitte standen steinerne Bänke um einen Riesentisch, und über diesem Platz wölbte ein alter Nußbaum seine Riesenzweige.

O wie duftete ein Blatt von diesem Baum, wenn man es in die warme Kinderhand nahm – – –

Alles kann man vergessen in der raschen, hastenden, lockenden Welt da draußen, aber diesen Duft nicht, – niemals – – –

Und auch jenen leisen Klang nicht, so eng verwachsen mit der Kinderzeit, – jenes melancholische Rieseln und Rauschen des alten Brunnens im Grashof, der unter einem knorrigen Fliederstrauch stand.

Hatte man sich müde gespielt, dann setzte man sich unter den Nußbaum, oder lief nach dem Fliederstrauch und pflückte sich schwere zartlila Dolden. Die kleinen Blütchen steckte man ineinander und hing sich dann die langen Ketten um den Hals, – wie stolz sah man aus! Nicht nur die Gespielen, – nein, alle Hühner und Enten und der große, kollernde Truthahn und der bunte, häßlich schreiende Pfau bewunderten die kleine Tochter des Hauses.

Und ab und zu lief man nach dem Brunnen und besprengte die lila Fliederdolden – – oh – Nußbaum und Fliederstrauch – – –

Schwer seufzte die junge Frau auf.

»Mutter, sind wir jetzt daheim?« fragte eine klare Knabenstimme.

Da konnte sie zum erstenmal wieder weinen.

»Ja, Bertold, wir sind daheim!«

Und sie nahm den Knaben fest an der Hand und schritt mit ihm über die Schwelle ihres Vaterhauses.

In der dämmerigen Diele, in die sie eintraten, war es köstlich kühl. Die schwere Eichentür schloß sich hinter ihnen und sperrte die sengende Mittagsglut eines heißen Julitages ab.

Der von langer Postfahrt ermüdete Junge atmete hoch auf. »Hier ist’s schön, Mutter.«

Rings an den Wänden hingen Ölbilder. Ehrbare, ernste Gesichter in steifen Ratsherrnkrausen sahen aus schwarzen, strengen Augen auf die beiden Ankömmlinge nieder.

»Sind das die Onkel und Tanten, zu denen wir wollen, Mutter?« fragte der Knabe.

»Nein, Bertold, – diese hier sind lange tot.«

»Aber Großvater lebt!«

»Ja, mein Junge.«

Es fröstelte plötzlich die junge Frau.

Sie setzte sich auf die schmale Bank, die sich rings an der Diele entlang zog, und lehnte den Kopf an die Holztäfelung.

Die feinen Nasenflügel bebten und sogen den Duft des Heimathauses ein. Thymian und Lavendel. –

Spurlos war die Zeit an diesem Hause vorübergegangen – – alles deutete auf Thymian und Lavendel.

Der kleine Bertold schlief auf der harten Holzbank und seine Mutter saß und dachte nach in schwerer Beklommenheit.

Sie wußte, daß jetzt niemand kam.

Die Tante hielt ihren Mittagsschlaf, der Vater – war wohl auch, wie früher, zu dieser Stunde in seinem Arbeitszimmer, und Herr Eik von Eichen junior kam nie in diesen Flügel des ausgedehnten Gebäudes.

Sie sehnte sich plötzlich nach einer Menschenstimme.

Wenn doch der alte Teichmann käme oder seine Frau, oder irgendeiner der alten dienstbaren Geister.

Sie wußte, daß auch in ihren Reihen die letzten acht Jahre keine Veränderung gebracht hatten.

Nervös strich sie an ihrem Trauergewand herunter. Herrgott, wie die Gedanken auf sie einstürmten!

Sie krochen aus den Wänden und aus den Fugen der Holztäfelung, sie schwebten wie kleine Spukgeisterchen in der Luft und hingen in den Verschnörkelungen der Goldrahmen.

»Weißt du noch?« fragten sie wieder und wieder.

Und die junge Frau dachte daran, wie sie vorhin scheu aus der Postkutsche gestiegen war, damit der Postverwalter sie nicht sehen sollte und auch seine Frau nicht, die hinter dem »Spion« saß und strickte.

Sonst würde es ja sofort jeder im Orte wissen –

Und wie sie den schwarzen, fadenscheinigen Regenschirm aufgespannt und in der brennenden Mittagsglut unter seinem Schutze an den Häusern entlang geschlichen war.

Nur niemandem begegnen von den Menschen da draußen, – von den guten Freunden, getreuen Nachbarn – – und desgleichen.

Aber jetzt – jetzt sehnte sie sich nach einem Willkomm, – nach einem einzigen, kurzen, guten Wort.

»Alle guten Geister loben Gott den Herrn, – da sitzt Fräulein Franziska!«

Mit einem Schrei sprang sie auf, man wußte nicht, war’s ein Wehlaut oder ein Jubelruf, und der alte Mann, der aus einem Seitengang hervorgetreten war, setzte sich mit zitternden Knien auf dieselbe Stelle, wo sie vorhin geruht, und starrte die Dame an.

Der Knabe war jäh erwacht. Er rieb sich die Augen.

»Bist du der Großvater?« fragte er beherzt.

»Gott soll mich bewahren in meinen alten Jahren. Wie sollt’ ich mich vermessen, auch nur zum Schein, und dein Großvater sein?«

»Hieronymus!« jubelte die blasse junge Frau, – »alter Hieronymus Teichmann! Du bist’s noch! Gott Lob und Dank! Als du vorhin riefst: ›Da sitzt Fräulein Franziska‹, gab es mir einen Stich ins Herz. Er reimt nicht mehr, mein alter Teichmann – – – dachte ich, – aber nun –«

Der alte Diener hatte die runzligen Hände vor das Gesicht geschlagen, schwere Tränen quollen zwischen den Fingern hervor.

»Herrgott, es war der erste Schreck, den hatt’ ich weg,« stammelte er und trocknete sich die Augen.

»Guter, lieber Teichmann!«

Die junge Frau liebkoste seine rauhe Hand, sie lachte und weinte in einem Atem. »Teichmann, ich bin daheim!«

Der Alte war immer noch fassungslos. Er deutete auf den Knaben.

»Ja, Teichmann, das ist mein Junge, – hab’ ihn lieb, hörst du?«

Er nickte lebhaft.

»Herrgott, das Fräulein ist wieder da. Gott sei gepriesen, halleluja!« murmelte Hieronymus Teichmann.

***

An diesem Abende wurden drei Dinge in die Annalen der Schwarzhausener Geschichte aufgenommen.

Da waren zum ersten die neuen Gaslaternen angekommen und aufgestellt, zum zweiten war Franziska Malcroix, geborene Eik von Eichen wieder heimgekehrt, nachdem ihr plötzlich verstorbener Mann sie völlig mittellos und mit beflecktem Namen zurückgelassen, und drittens sollte Fräulein Adelgunde Eik von Eichen so etwas wie der Schlag getroffen haben, weil die verlorene Tochter des Hauses ihr die acht Jahre lang geführten Schlüssel abverlangt und sich wieder an die Spitze des Haushaltes gestellt hatte.

Der Provisor der Apotheke hatte unter dem Siegel der Verschwiegenheit einigen Honoratioren erzählt, daß Dr. Hempel im Hause Eichenborn Schröpfköpfe gesetzt habe, wem?, wußte er nicht zu sagen.

Aber mit ungewissen Dingen gaben sich die Schwarzhausener ungern ab und wenn auch dem schlechten Kerl, dem alten Eiken zuzutrauen war, daß er aus reiner Bosheit seinen Familienmitgliedern Schröpfköpfe setzen ließ, – so löste der Gedanke an einen Schlaganfall Fräulein Adelgundens doch mehr Befriedigung aus in den Herzen der lieben Mitmenschen. –

Der nächste Tag war ein Sonntag.

Die Schwarzhausener waren heute alle in der Kirche, und der alte Herr Pfarrer Klingenreuter lächelte fein, als er die Kanzel bestieg.

Er hatte halb Schwarzhausen getauft, konfirmiert und getraut, er kannte seine schwarzen und weißen Schäflein als getreuer Hirte. Er sah durch ihre fromm emporgerichteten Stirnen in ihre unfrommen Gedanken. Und predigte sehr schön und höchst unbequem heute vom Splitter im Auge des Nächsten und vom Balken im eigenen Auge. Man war nicht befriedigt. Vom Hören nicht und auch vom Sehen nicht. Denn der Kirchenstuhl der Eik von Eichens blieb leer, und Fräulein Adelgunde, die nach dem schweren Schlaganfall eigentlich auf dem Schragen liegen sollte, saß am Fenster und häkelte ihre bekannte Gardinenspitze, von der Böswillige behaupteten, sie ginge schon um das ganze Fürstentum herum. –

Es ward ein höchst langweiliger Sonntag vom Morgen bis zum Abend. Denn man hatte gehofft, wenigstens an einem der Fenster des »Eichenhauses«, wie es kurzweg genannt wurde, einen Schatten von Franziska Malcroix oder ihrem Sprößling zu sehen, und vom Mittagessen an pilgerte ganz Schwarzhausen dort vorbei, – vergebens. Nur der alte Teichmann, der so unverständig war, nie einen Ton über seine Herrschaft zu sagen, der er seit fünfzig Jahren diente, – ihn nur erspähte man. Er saß auf seinem bekannten Platz, auf einer der steinernen Bänke im Grashof, hatte sich das stadtbekannte Luftkissen untergeschoben, welches seit zehn Jahren schadhaft war und von der guten Frau Teichmann unentwegt aufgeblasen wurde. Man fürchtete sich etwas vor Hieronymus Teichmann, denn man begriff immer noch nicht seine wunderliche Art zu reden, trotzdem er schon als zehnjähriges Kind derselbe Reimschmied gewesen war. Ja, die verstorbene Hebamme von Schwarzhausen behauptete unter ihrem Eide, er sei »mit’n Versch« auf die Welt gekommen.

Was sie damit sagen wollte, verstand niemand, aber unheimlich war’s.

Nur Fräulein von Bebeleben, eine der zwanzig Stiftsdamen des adligen Klosters Schwarzhausen, fürchtete sich nicht vor ihm und überhaupt vor keinem Menschen und keinem †††.

Deshalb stelzte sie mit großen Schritten in den Grashof, und nun stand sie vor dem ungeheuer pfiffig Dreinschauenden.

»Warum waren Sie heute nicht in der Kirche, Teichmann? Es könnte Ihnen doch wahrhaftig nichts schaden, sich mit unserm Herrgott ein bißchen auf du und du zu stellen.«

Die Antwort war unbefriedigend.

»Bei allem Respekt vor der Heiligkeit,« meinte Teichmann bedächtig, »ich hatte dazu heut keine Zeit, und wo soviel Schafe im christlichen Stall, kann so’n alter Hammel wohl fehlen mal, der liebe Gott ist ’n braver Mann, aber ich schau’ ihn ganz gern von ferne an.«

»Ketzer!« rief die Stiftsdame entsetzt und wendete ihm den Rücken. Da lachte der alte Teichmann wieder sein feines, pfiffiges Lachen und nahm sein geliebtes Buch vor seine große Hornbrille, das Buch, das er Sonntags kaum aus den Händen legte, – das Neue Testament.

Aber die Frau Postverwalterin Nehring war heute die Heldin des Tages.

Sie hatte ja die schwarzgekleidete Fremde, welche mit der Post ankam, gesehen und – erkannt.

»Blaß, – liebe Damen, war sie und verweint.« So lautete später ihr Bericht. »Weiß wie mein Tischtuch, wenn ich’s Sonntags auflege, und der Schirm zerlöchert; und das Kleid, – höchstens eine Mark fünfzig Pfennig das Meter bei Dingelmann und Sohn. Und der kleine Junge machte ’ne närr’sche ›Fichur‹, – ich weiß nicht, hat er ’n Buckel, oder war’s ’n Rucksack.«

Die Schwarzhausener beschlossen, daß es ein Buckel gewesen sei.

Acht Tage später waren schon in aller Morgenfrühe die Fenster samt den Spionen in Schwarzhausen besetzt, und junge und alte Leute drückten sich die Nasen platt, – Franziska Malcroix brachte ihren Sohn zur Schule. Und vor dem Schulhause nahm sie das schöne Köpfchen in beide Hände und küßte ihn auf die Augen. Dann ging sie heim.

»Na, nun werden wir doch endlich was zu wissen kriegen.«

»Wundern kann’s einen doch, daß der reiche Eik von Eichen dem Enkel keinen Hauslehrer hält.«

»Wenigstens bis zum richtigen Gymnasium.«

»Man kann gespannt sein, was es für ein Früchtchen ist.«

»Nun, auf den Kopf gefallen sind ja die Eik’s nicht.«

»Die Franziska schon mal gar nicht.«

»Und der Lump, der Malcroix, auch nicht, sonst wäre er nicht mit der reichsten Schwarzhausener durchgegangen.«

»Du lieber Gott, man freut sich ja wahrhaftig, wenn die Vaterstadt sich durch Zuwachs vergrößert, ob aber der Buckolorum uns Ehre unters Dach trägt – der Enkel von so einem – und der Sohn von so einem – – –«

Nun, jedenfalls schärfte man den Kindern der Schule ein, heute tüchtig aufzupassen und gleich, aber auch gleich nach Schulschluß heimzuspringen, ohne erst vorher Stinnerte zu spielen. – – –

Bertold Malcroix stand mit sehr unbehaglichen Gefühlen in der Schulstube und wartete mit zwanzig andern Kindern, Knaben und Mädchen, auf den Herrn Rektor.

Es war eine Vorschule, die er bis zum zehnten oder elften Jahre besuchen sollte, je nachdem er für reif erklärt wurde, ins Gymnasium nach E. zu kommen. Auch Mädchen waren in der Klasse, die entweder beim Herrn Rektor bis zu ihrem vierzehnten Jahre »weitergingen« und dann in einen Dienst traten, oder – eine Gouvernante bekamen. Die Rektorschule erfreute sich eines großen Zuspruches und ungeteilter Beliebtheit nicht nur im Orte, sondern auch in der Umgegend.

Denn, was der Herr Rektor lehrte, das saß fest.

Ja selbst die ganz Vernagelten profitierten noch etwas von ihm, ehe sie abgingen; den dummen Buben gab er den ehrlichen Rat, nie zu heiraten, damit diese Rasse ausstürbe, und den »törichten Jungfrauen« schenkte er wenigstens »Kochrezepte«.

Zu jedem einzelnen dieser Unbegabten aber meinte er gütig:

»Du Brät! Sag’s nur kei’ Menschen, wie dei Lehrer geheißen hat.« – –

Rektor Dillen war eigentlich kein Rektor, er hatte nur das zweite Examen bestanden, aber zu seinem 50. Geburtstage beschloß man in Schwarzhausen, ihn zu ehren, indem man ihn von diesem Tage an »Rektor« nannte. Ihm selbst bekam die Standeserhöhung verhältnismäßig gut, aber seine zarte, kleine, bescheidene Frau, die sogar vor der Köchin des Herrn Bürgermeisters einen tiefen Knicks hinsetzte, war dem nicht mehr gewachsen, und sie flüchtete sich aus dieser Welt der Titulaturen.

Das war nun fünf Jahre her, und seitdem führte »Fräulein Rektor«, seine alte Schwester, ihm die Wirtschaft.

Sie pflegte zu sagen: »Ich habe bei Präsidents und bei Rats und bei Majören gedient, – nu werd’ ich wohl genug Benehmigung for’n Rektor Dillen, meinen Herrn Bruder, haben.«

Doch auch der Name des Rektors war falsch, er hieß eigentlich »Tüllen«. Aber mit so unerhörten sprachlichen Anstrengungen befaßt sich der echte »Dhiringer« nicht, und der Mann selbst stellte sich vor: »Mei Name is Dillen.«

Und als diesen Biederen einmal ein junger Kreisschulinspektor anschrie: »Herr, wenn Sie Tüllen heißen, warum nennen Sie sich nicht so?«, da antwortete er: »Es glingt so ibermit’ch, – – wenn ich ämol Gultusminister bin, – dann!«

Und zu ihm kam Bertold Malcroix, d. h. vorläufig noch nicht, denn es war erst acht Uhr und Rektor Dillen hatte die Angewohnheit, das akademische Viertel innezuhalten, das einzige Zugeständnis, das er einer glorreichen Vergangenheit machte, – er hatte einst Theologie studieren sollen. – An seinem fünfzehnten Geburtstage war ihm diese schwindelnde Aussicht eröffnet worden, die sich dann auch als Schwindel erwies. Denn er bekam nach und nach vierzehn Geschwister, und die fraßen ihm mit ihren hungrigen Mäulern die Zukunftshoffnungen auf, wenigstens knabberten sie so lange an der »Kanzel« herum, bis nur ein schlichtes »Katheder« übrig blieb. –

Vor diesem Katheder wartete Bertold Malcroix, bis es ein Viertel nach acht sein würde, sämtliche Mitschüler und Mitschülerinnen standen um ihn herum, aber sie redeten ihn nicht an, sie kicherten nur, schubsten ihn ein wenig oder traten ihm auf die Füße, es mußte irgend etwas Ehrenrühriges darin liegen, ein »Neuer« zu sein.

Aber fünf Minuten vor ein Viertel auf neun flog ein kleines Mädchen zur Tür herein, bahnte sich mit zwei rührigen Ellbogen durch die Kinderschar eine Gasse und stand nun vor Bertold, den sie von allen Seiten mit prüfenden Blicken musterte.

»Du hast ja gar keinen Buckel!« rief sie dann. Das war ihre Begrüßung. Bertold lachte.

Es war ein herzliches, sonniges, frohes Kinderlachen, so recht aus dem Innersten heraus, wie man es sonst nur bei ganz jungen Dreijährigen hört, und das Gesicht des kleinen Mädchens erstrahlte bei diesem Lachen, sie nahm den Jungen gleich fest bei der Hand.

»Warum sollte ich denn einen Buckel haben?« Und wieder lachte Bertold. Diesmal war’s ein Duett mit dem Mädel.

»Sie sagten’s alle, – aber es ist gut, daß du keinen hast, denn sonst hätte ich sanft mit dir sein müssen, meinte Trine.«

»Wer ist Trine?«

»Trine ist – Trine.«

»Wie heißt du denn?«

»Liselotte Windemuth. Aber halt jetzt nur den Mund, da ist der Herr Rektor.«

Rektor Dillen sah erst den kleinen Ankömmling gar nicht, so groß und schlank das Bürschchen auch war.

Oder wollte er ihn nicht sehen?

Wurde die Erinnerung zu mächtig in ihm, die Erinnerung an die Mutter dieses Knaben, die mit so sonnigen Augen in diese düstere Welt und insbesondere in die düstere Welt der Eichenborns geschaut hatte, und die seine Lieblingsschülerin gewesen war?

Neunzehn Zeigefinger fuhren in die Höhe, der zwanzigste lag still geborgen in der Hand des einundzwanzigsten Schülers.

Bertold hielt Liselottes Händchen fest umklammert.

»’s is ein Neuer da! Herr Rektor.«

»Ruhig, liebe Kinder! Wir wollen erst unser Morgenlied singen.«

»Unsern Eingang segne Gott, Unsern Ausgang gleichermaßen, Segne unser täglich Brot, Segne unser Tun und Lassen, Segne uns in sel’gem Sterben, Und mach’ uns zu Himmelserben.«

Schon bei dem ersten Vers, lange ehe die Strophe zu Ende ging, hatte der Lehrer die Geige sinken lassen, – denn eine helle, glockenreine Knabenstimme führte den Chor fest und sicher bis zu Ende.

»Tausend Wetter, mein lieber Junge,« rief Rektor Dillen in ehrlicher Begeisterung, aber dann mußte er sich umständlich die Nase schneuzen, weil die Bewegung ihn übermannte. Zwei wunderschöne tiefe Kinderaugen schauten ihn an, wie früher die stahlblauen Augen der Franziska, und dieselbe klare Kinderstimme, die einst das Schulstübchen mit Wohllaut erfüllte, rief ihm zu: »Ich soll Sie von der Mutter grüßen, und sie würde ihren verehrten Lehrer bald aufsuchen.«

»Schön, schön, mein Junge.« Wieder schluckte er heftig. »Und nun sage mir noch, wie du heißt und wie alt du bist.«

»Ich bin neun Jahre alt, und ich heiße: Bertold Eik von Eichen.«

Es ging ein Summen und Tuscheln durch die Kinderschar.

»Is ja gar nich wahr.«

»Malcroix, – Malcroix –«

»Wie heißt du, Kleiner? Besinne dich einmal!«

»Bertold Eik von Eichen. Großvater hat es gesagt, ich sollte so antworten.«

»Ahhh! So so – gut und schön! Setz’ dich! Oder nein, lies mir gleich einmal ein Stückchen aus dem Kinderfreund. Seite einhundertachtundsechzig oben, damit ich sehe, was du kannst. Liselotte Windemuth, ich glaube gar, du willst schon frühstücken, das ist sehr ungehörig.«

Liselotte wurde rot, aber es achtete niemand darauf, denn der neue Bertold las ganz unerhört schön und gänzlich fehlerfrei das schwierige Lesestück.

»Das war ja sehr gut, Bertold.« Die guten Augen des Lehrers strahlten. »Ich sehe schon, du bist der echte Sohn meiner braven Schülerin Franziska.«

Sei es nun, daß seine Stimme bei diesen Worten bebte, oder war es sonst etwas, – Bertold Eik warf plötzlich beide Arme auf den Tisch, legte sein Gesicht darauf und fing an bitterlich zu weinen. –

Liselotte Windemuth saß verstört neben ihm, – – die anderen waren je nach Veranlagung frech oder verlegen, beinahe aber alle stellten innerlich fest, daß es noch nie so »fein« in der Schule gewesen sei, – Mütter und Tanten würden Augen und Ohren aufsperren, was sie heute erführen.

Und Rektor Dillen stellte bei sich fest, daß die erste Stunde recht unruhig verlaufen sei und die Kinder wenig in ihr gelernt hätten, – nur ihm selbst hatte sie einen Gewinst gebracht.

Durch schöne, reine Kinderaugen hatte er in ein schönes, reines Kinderherz geschaut, ein Erlebnis, das einem Lehrer wohl einen ganzen Tag verklären konnte.

Er beschloß, die Pause heute etwas zu verlängern, um den Kindern Gelegenheit zu geben, ihre Neugierde zu befriedigen und sich zu sammeln. Und den arg verweinten Kinderaugen wollte er erlauben, sich zu waschen und zu kühlen, damit sie wieder hell würden für den Rest des Tages.

Rektor Dillen war ein erfahrener Lehrer, der ja auch in den dreißig Jahren seiner pädagogischen Tätigkeit viel hatte strafen müssen, aber Kindertränen waren seinem liebevollen Herzen immer etwas Heiliges gewesen. –

Kaum hatte das kleine, heisere Schulglöckchen, von Fräulein Rektor in Bewegung gesetzt, den Stundenschluß verkündigt, so wandte sich der Rektor gleich an Bertold.

»Du kannst in das Grasgärtchen gehen, mein Sohn, und die Liselotte wird dich begleiten, wenn du sie bittest.«

»Er braucht nicht zu bitten,« rief Liselotte rasch, »und ich hatte mir gerade dasselbe ausgedacht, während er das lange Lesestück vorlas. Komm, Bertold.«

Ihre schlanken Beinchen liefen sehr schnell, Bertold konnte kaum folgen, und dann saßen sie einträchtig auf dem kleinen Holzbänkchen in der Geißblattlaube.

»Warum hast du geweint, Bertold?« fragte die Kleine energisch.

»Ich weiß es nicht.« Seine Augen wurden schon wieder verdächtig blank.

»O, dann ist es sehr dumm. Man weint doch nicht, wenn man’s nicht weiß. Man hat schon genug zu weinen bei Ungerechtigkeiten und Leibweh. Willst du jetzt wieder heulen, oder kann ich dich viel fragen?«

»Frag’ mich nur.«

»Ich möchte wissen, ob wir sehr gut zusammen passen. Sieh mal, du bist schon neun und ich erst sieben, das paßt doch schon nicht. Aber sag’ mal, bist du auch altklug, Bertold?«

»Das weiß ich nicht, – bist du es denn?«

»Freilich, – sie sagen’s alle in Schwarzhausen. Es tut nicht weh, aber es ist nichts Schönes.«

»Nun dann sei es doch nicht.«

»Phh! Als ob das so ginge. Das ist so was Festgewachsenes, wie Haare und Augen.«

»Das glaube ich nicht.«

»Dann laß es bleiben.«

Eine Pause entstand.

»Schade wär’s, wenn wir gar nicht paßten,« meinte die Kleine endlich nachdenklich. – »Und dann habe ich auch absolutes Tonbewußtsein!«

»Was ist denn das?« rief Bertold in ungemessenem Erstaunen.

»Junge, du weißt aber auch rein nichts. – Das ist so: Wenn ich a singe, denn ist es auch a.«

»So? Und wenn du nun b, c, d, e, f, g, h, i, k, l, m, n, o, p singst?«

Da lachten sie beide und es klang wie zwei Glocken, eine hohe und eine tiefe, und der alte Rektor, der in einiger Entfernung an der Geißblattlaube vorbeiging, meinte, sie läuteten gewiß eine schöne, frohe Lehrstunde ein.

»Sag’ mal, Liselotte,« fragte jetzt Bertold, »warum meintet ihr denn alle, ich hätte einen Buckel?«

»Ach so! – Na ja, du hattest so ’ne Erhöhung auf dem Rücken, sagte die Frau Postverwalter, wie du aus der Postkutsche stiegst.«

»I, seid ihr komische Menschen! Das war meine Geige!«

»Eine Geige? Eine ganz wirkliche Geige? Und du kannst richtig spielen? Ist es eine kleine Kindergeige? Darf ich mal drauf probieren?«

»Oho, das ist nicht so einfach. Meine Geige ist außerdem eine echte Amati.«

»Was ist denn das?«

»Oho, nun fragst du auch, und ich könnte dir sagen: du weißt aber auch gar nichts. Amati und Stradivarius, das waren die zwei berühmtesten Geigenbauer.«

»Ach so, dann will ich Väterchen bitten, daß er mir Stra–ti–«

»Stradivarius – – –«

»Ja, – so ein Stratifarius kauft.«

»O du Dummerchen! Weißt du denn, wo man ihn so schnell kriegt? Meine Amati hat Vater in Nürnberg gefunden, auf einer Bodenkammer, in einer alten Truhe von einem alten Fräulein, die gar nicht wußte, wer sie da mal reingelegt hatte, und dann machte Vater sie zurecht, und nun soll sie fünfzigtausend Mark kosten.«

»So!!« Liselotte sah sehr nachdenklich aus. »Ich habe nur achtunddreißig Pfennige. Von Herrn Organisten Brennstoff. Das ist ein guter, lieber Mann. Immer, wenn er mich sieht, sagt er: Sing mal a, dann tu’ ich’s und dann zieht er die Stimmgabel raus und probiert und dann ruft er: Heil’ge Cäcilie, es stimmt! Du bist doch ä Luderchen. Und dann schenkt er mir einen Pfennig.«

»Achtunddreißigmal!« rief Bertold, »das muß sehr lustig für dich sein. Aber eine Stradivarius kriegst du nicht dafür.«

»Das ist einerlei, – ich habe ja auch noch ’ne Akkordzither.«

Herr Rektor Dillen zog jetzt die beiden aus ihrem Plauderwinkel.

»Kinder, Kinder, ’s is die hechste Zeit, – schreiben missen mer.«

Das war eine weitere Eigentümlichkeit des Herrn Rektors, – er sprach in der Aufregung, im Zorn und in der Begeisterung immer arg thüringisch, aber sobald er in Ruhe war, redete er ein völlig einwandfreies Hochdeutsch.

Und sie schrieben eine ganze Stunde lang Sprichwörter, und wieder mußte Rektor Dillen den Neuen loben, der eine geradezu vorbildliche Handschrift hatte.

»Aber ich kann nicht dahinter kommen, was du mit diesem Sprichwort gemeint hast, Bertold – –«

Und der Lehrer las aus des Knaben Heft vor: »Wer achtunddreißigmal a sagt, muß auch b sagen.«

Da lachte die ganze Klasse schallend, Bertold und Liselotte lachten auch ihr schönes, klingendes Glöckchenduett, und Rektor Dillen legte dem Knaben die alte runzlige Hand auf den dunkeln Lockenkopf und sagte leise: »Lache nur zu, mein Junge, – die im Eichenhause können Sonne brauchen.«

Dann war der Unterricht beendet.

Man konnte von diesem Tage an von Schwarzhausen das Bild gebrauchen: »Sturm im Wasserglase«.

Früher hatte es der alte gallige Herr Eik von Eichen öfter einen stehenden Teich genannt, – Teich mit Entengrün.

Es hatte ihm immer ungeheuern Spaß gemacht, ab und zu ein Steinchen hereinzuwerfen in die grünüberzogene Stille, aber der Stein, den sein eigenes, vergöttertes Kind durch kopflose Heirat und heimliches Durchbrennen in den Teich warf, war zu schwer und wuchtig gewesen. Der hatte einen brodelnden Morast aufgewühlt, dessen übelriechende Dünste dem alten Vater das Leben, mindestens aber die letzten zehn Jahre vergiftet hatten.

Jetzt war das Wasser heller und reinlicher geworden, aber es stürmte, brauste und zischte, wie eitel Kohlensäure.

Also der Name Malcroix sollte einfach abgetan werden?

Und der Knabe war etwas ganz Besonderes? Der die ganze Stunde hindurch über den Schellenkönig gelobt wurde und in den Pausen in Herrn Rektors Grasgärtchen sitzen durfte, damit nur ja kein Schwarzhausener Kind ihn necke und hänsele?

Man erwog ernstlich, ob der Rektor nicht etwa zu alt und kindisch würde und durch eine strammere Kraft ersetzt werden müsse. –

Franziska aber zog ihren Jungen mit einem Jubelruf in die Arme, sie war nur vier Stunden von ihm getrennt gewesen, aber ihr hatten es Tage gedünkt, und Bertold schmiegte sich innig an die Mutter und plauderte von seinen neuen Eindrücken und Erlebnissen.

Nur die Tränen des plötzlichen Heimwehs verschwieg er ihr, vielleicht, weil sie zu rasch getrocknet waren durch Liselottes Plaudereien. Immer wieder kam der Name des kleinen Geschöpfes in Bertolds Erzählungen vor: »Da sagte Liselotte, – da meinte Liselotte, – und da lachte Liselotte, – und ich soll sie besuchen. Und denk dir, Mutter, sie ist altklug und hat absolutes Tonbewußtsein und eine Akkordzither, und sie hat noch nie gewußt, was ’ne Amati ist.« –

Durch Frau Franziskas Herz war während dieser Erzählungen ihres Jungen etwas gehuscht, über das sie sich selbst ausschalt.

Wäre es möglich, daß sie Eifersucht empfand?

Aber sie war bis heute so ausschließlich das A und O ihres Jungen gewesen, bisher hatte er nach jedem Schultag so aus Herzensgrund gerufen: »Gottlob, Mutter, daß ich wieder bei dir bin!« Deshalb erblaßte sie heute leicht, als dies Jubelwort fehlte und Bertold statt dessen sagte: »Und nachher will ich Liselotte besuchen.«

Herr von Eichen senior kam ihr zu Hilfe. Er hatte dem Plaudern des Knaben mit ganz merkwürdigem Gesichtsausdruck zugehört. –

»Daraus wird nichts,« erklärte er finster. »Die Schule bringt Unruhe genug. Das fehlte noch gerade, daß mir hier kreischende, polternde, unzurechnungsfähige Sprößlinge fremder Leute ins Haus kämen – – –«

»Da bin ich,« sagte in diesem Augenblicke eine frohe Kinderstimme und ein warmes, kleines Händchen schob sich vertrauensvoll in die behaarte große Rechte des Scheltenden. »Ihr habt gewiß schon gewartet, aber ich konnte wirklich nicht eher, immer muß ich von dem Bertold erzählen, die Leute sind schrecklich neugierig. Und kein Mensch wollte es glauben, daß ich zu dir dürfte, denk bloß – –«

Und Liselotte Windemuth lachte silberhell und lehnte ihr weiches Körperchen an den grimmigen alten Herrn, so daß ihre blonden langen Locken über seinen grauen Flaus fielen.

Niemand von der Tafelrunde, die um den Familientisch der Eik von Eichens saß, sprach ein Wort. Aber von dem einen Ende des Tisches kam ein häßliches, meckerndes, hölzernes Lachen, und dies Lachen berührte um so verwunderlicher, als es aus dem Munde des »schönen Eiks« kam. So nannte man Eik von Eichen junior, den Pflegesohn und Haupterben der Eichenschen Besitztümer, den vorbildlichen Prachtmenschen, den korrekten, fleißigen, wohltätigen Handels-, Fabriks- und Gutsherrn, den »Heiligen von Schwarzhausen«.

Liselotte warf einen etwas scheuen Blick auf ihn, dann drückte sie rasch die Hand des stummen, alten Herrn und küßte sie, wie sie es von ihrem Vater gewohnt war, darauf wandte sie sich an den Jungen:

»Komm, Bertold, – komm rasch und zeige mir deine Geige,« rief sie, anscheinend höchst froh, aus der stummen Gesellschaft fortzukommen. »O, ich kann’s ja gar nicht erwarten, die Amati zu sehen, und Herrn Organist Brennstoff habe ich auch schon davon erzählt, der freut sich halbtot. Stunden will er dir geben, hat er gesagt, und etwas Großes aus dir machen, und er rief immer: Heilige Cäcilie, habe Dank!«

Das Kind verstummte, denn der alte Herr von Eichen hatte sich langsam aufgerichtet und sein verändertes Gesicht war furchtbar anzusehen. Die Adern lagen wie große, blaurote Schwielen auf der breiten Stirn und die grauen, düsteren Augen schossen Blitze. Schwer fiel seine Faust auf den Tisch, daß das Kaffeegeschirr tanzte und klirrte. –

»Die Geige« – keuchte er und faßte das Handgelenk seiner Tochter, die blaß und schreckensbang zu ihm aufschaute. »Du hast es gewagt, Franziska, sie mitzubringen?« – –

Und nun folgte ein Jähzornsausbruch, so gewaltig, so wuchtig und tobend, daß die jahrhundertealten Wände zu beben schienen. »Hinaus!« schrie er mit einer Stimme, die nichts Menschliches an sich hatte, und Frau Franziska nahm mit zitternden Händen die beiden Kinder und flüchtete mit ihnen auf die große Diele. Von hier aus lief sie, wie gejagt, in ihr eigenes Zimmer, während Bertold und Liselotte sich erschreckt ansahen.

Liselotte strich sich die wirren Locken hinter die Ohren.

»Na so was!« meinte sie empört. »Das erzähle ich aber zu Hause, – das ist ja ffffurchtbar nett, daß ich nun auch den schlechten Kerl mal gesehen habe.«

»Meinen Großvater,« stammelte Bertold, blaß bis in die Lippen.

»I wo, den mein’ ich ja gar nicht. Ich mein’ natürlich deinen Onkel, der so gräßlich lacht und grinst.« – – –

Sie streichelte liebevoll den verstörten Kameraden. »Fürchte dich nur nicht, Bertold, ich beschütz’ dich schon. Weißt du, ich hab’s furchtbar gern, wenn einer so losballert wie dein Großvater, mein Väterchen tut auch so, wenn die Base ihm Papiere verkramt, – komm, Bertold, komm zur Amati.«

Am andern Tage ging es in der Schule weit lebhafter zu als am ersten.

Denn in den letzten zwölf Stunden des vergangenen Tages und der vergangenen Nacht hatte man in Schwarzhausen so viel Neues erfahren, wie sonst nicht in Wochen, und in jeder Familie, die schulpflichtige Kinder besaß, ermahnte man die Kinder, den Bertold Malcroix ein bißchen auszuhorchen und vor allen Dingen es nicht zu leiden, daß er während der Pausen sich mit Liselotte Windemuth verkrümele.

Rektor Dillen war beim alten Herrn Eik von Eichen gewesen, das wußte man auch, und er hatte dort verbrieft und versiegelt vorgefunden, daß der Bertold wirklich Eik von Eichen hieß und daß der durch leichtsinnige und schlechte Streiche des verstorbenen Malcroix besudelte Name durchaus verschwinden solle. Das heißt, wenn dies Frau Fama, das geschwätzigste aller Weiber, das in Schwarzhausen Ehrendienstwohnung besaß, zuließ. Vorläufig nannte man den Bertold erst recht Malcroix, und es war ein fortgesetzter Ärger von den Schwarzhausenern, daß der hergelaufene Junge nicht auf ihn hörte, sondern den Rufenden höchstens mit ernsten, stillen Augen ansah, – mit höchst unbequemen Augen, vor denen man sich beinahe schämte.

Ja, einer schämte sich so gründlich, daß er ein guter, zuverlässiger Freund von Bertold wurde, trotzdem er wenige Minuten vor diesem Schamprozeß recht hämisch quer über die Straße gerufen hatte: »Komm einmal her, kleiner Malcroix!«

Dieser Mann, dem dann der abweisende, ernste, tiefe Kinderblick »bis an die Nieren« gegangen war, war der Apotheker von Schwarzhausen, Herr Nothnagel, – und da er zu den gewichtigen Leuten zählte, konnte sich Bertold zu dessen plötzlicher Freundschaft wohl beglückwünschen.

Und Herr Nothnagel bekräftigte diese Freundschaft mit einem halben Pfund »Abfallschokolade«, die er einem geheimnisvollen Fache seiner Apotheke entnahm und die Bertold und Liselotte auf einen Hieb vertilgten.

Darauf bekamen sie drei Tage heftigen Durchfall, ohne zu ahnen, daß sie ihn der plötzlich erwachten Zuneigung des Herrn Nothnagel verdankten.

In der Pause saßen Bertold und Liselotte doch wieder eng aneinander geschmiegt im Grasgärtchen.

Sie hörten gar nicht auf das Höhnen und die Schmährufe der anderen Kinder, sie waren auf der fernen, glückseligen Insel der Jugendfreundschaft und des ersten rückhaltlosen Vertrauens.

Liselotte erzählte stürmisch und temperamentvoll die wichtigsten Ereignisse ihres jungen Daseins.

Daß ihre Lieblingspuppe Emmy ein schleichendes Fieber habe und schon seit einem Jahre ohne Kopf daliege, aber »zu süß« sei und gescheiter und netter als alle anderen dreiundzwanzig Puppenkinder, – daß ihr Papa ein grundgelehrter Professor sei und »Väterchen« heiße, daß ihre Mama schon seit vier Jahren im Himmel sei, gerade dort, wo er am Tage am allerblauesten sei und wo des Nachts der Abendstern stünde – – – so hätte es Väterchen ihr erzählt. Und daß die Base Juliane den Haushalt führe und die alte Trine koche und flicke und stopfe und schimpfe, aber sonst beinahe so lieb sei, wie Puppe Emmy, – nur eben leider mit Kopf.

Bei der Trine waren auch alle Puppen in »Penzion«, denn die Base Juliane erlaube nicht, daß Liselotte viel mit ihnen spiele, und es seien doch ihre Kinder, ihre süßen, wonnigen Kinder, die der Storch gebracht habe und der habe sie Liselotte, ganz richtig ins Bein gebissen, sie könne Bertold jeden Augenblick ihre große Zehe zeigen, wo die Narbe noch dran wäre.

Liselottes Phantasie war großartig und ging jeden Tag zwölfmal mit ihr durch, aber für den ernsten Jungen war es ein tiefes Glück, in die begeisterten Augen seiner kleinen Gespielin zu schauen.

»Bring’ mir nur deine Puppen,« meinte er, »ich will sie auch lieb haben.«

Diese Aussicht überwältigte Liselotte dermaßen, daß sie die Ärmchen um seinen Hals legte und ihm einen Kuß gab, worauf sie sich beide den Mund abwischten.

»Du bist ein lieber Junge,« rief Liselotte, »willst du Puppe Emmy heiraten, oder lieber Vater sein?«

»Vater sein,« erklärte Bertold, und die Sache war abgemacht.

Als Rektor Dillen die Pause für beendet erklärte, hatte man sich schon für denselben Nachmittag verabredet, um fünf Uhr nach den Schularbeiten auf Windemuths Oberboden zusammen zu kommen, und zwar sollte Bertold seine Amati mitbringen und Liselotte ihre sämtlichen Puppen.

»Und wenn Base Juliane es nicht erlaubt, dann werde ich brüllen und um mich schlagen, daß das Haus wackelt,« erklärte Liselotte, »dann darf ich’s schon, denn Väterchen braucht Ruhe.«

Bertold lachte wieder sein herzliches, tiefes Lachen. Dann meinte er sinnend: »Meine Mutter hat früher auch immer mit Puppen gespielt, sie erzählt mir wunderschöne Geschichten davon. Deine Base Juliane ist wahrscheinlich nie Mutter gewesen.«

Dies rührende Kinderwort sollte später die Schwarzhausener darin bestärken, daß Bertold »Malcroix« ein grundverdorbener Bengel sei.

Denn als der Kampf mit Base Juliane an demselben Nachmittag wirklich entbrannte und Liselotte wie eine Löwin um ihre Jungen kämpfen mußte, rief das Kind ihrer Base empört zu: »Sag’ mal, bist du mal Mutter gewesen?«

Und auf die wütende Gegenfrage der alten Jungfrau: »Wer, – wer wagt es, so gemein zu fragen?« kam die Antwort: »Der Bertold.«

In all solchen Dingen handelte Schwarzhausen immer unglaublich rasch und holte die zehntausend Meilen, die es sonst in der Kultur zurück war, oft in einer Stunde ein.

Schon am Nachmittag brachte es Base Juliane dem Professor Windemuth, der natürlich gerade in einer wichtigen archäologischen Arbeit saß, unter Tränen, Wut, Zittern und schamhaftem Erröten bei, daß, – (o du mein himmlischer Vater, Vetter Windemuth, ich kann’s dir kaum andeuten), daß der hergelaufene Bengel Malcroix an ihrer, Julianes, Jungfrauschaft frech gezweifelt hätte, und der nun sehr aufgebrachte Professor, der sich ohnedem nach seiner schnöde unterbrochenen Arbeit zurücksehnte, rief: »Der Junge darf mir selbstverständlich nie ins Haus.«

Und am selben Abend wußte es ganz Schwarzhausen mit Ausnahme des Hauses Eik von Eichen, daß der neunjährige Bertold ein ganz und gar verdorbenes Früchtchen sei.

»Sie sind alle wild und verrückt,« plauderte Liselotte und sah ihren neuen Freund, der mit dem sorglich behüteten Geigenkasten vor ihr stand, ängstlich an. »Du darfst nicht rein zu uns, Bertold, ich soll nicht mit dir spielen.«

Ganz schwarz wurden seine Augen in der Schmach dieser Minute. Wortlos drehte er Liselotte den Rücken und ging zurück ins Eichenhaus. Sie sah ihm nach und begriff mit der ganzen Stärke ihres Empfindens seinen Schmerz, und nun schrie und tobte Liselotte so ausgiebig, wie sie sich’s am Vormittag vorgenommen, und weinte die Hausbewohner zusammen mit dem unerklärlichen Jammerwort: »Ohhh, er wollte Vater sein und ihr erlaubt es nicht.«

Ja, Schwarzhausen, das moralische Schwarzhausen, ging schweren Zeiten entgegen.

Im »Eichenborn« gab es einen Raum, ein echtes, rechtes Poetenwinkelchen, das hatte sich der alte Hieronymus Teichmann, der im übrigen eine schöne, geräumige Dienstwohnung besaß, ganz besonders für sich ausbedungen, und in diese heiligen Hallen verirrte sich nicht einmal seine liebe, gute, runde Frau.

Fingerdick lag der Staub allüberall, aber alles, was er bedeckte, waren für Hieronymus Heiligtümer und unantastbare Geheimnisse.

Nur einmal hatte Frau Thereschen Teichmann in diese Blaubartkammer hineingeschaut, und nachdem sie einen Schrei der Entrüstung ausgestoßen, hatte sie sich schnurstracks Wassereimer und Schrubber, grüne Seife, Besen, Schaufel und Wischtuch geholt.

Aber der unmelodische Schrei hatte die beiden Hüter des Heiligtums herbeigelockt, und Frau Thereschen fand sich einem Doppelposten gegenüber, der ihr den Eintritt samt den Abzeichen ihrer Hausfrauenwürde wehrte.

»Bei allem Respekt vor deiner Weiblichkeit, Teichweibchen, – halt’s Maul,« rief ihr der Gatte Hieronymus entgegen. »Staub ist alles hier auf Erden, auch du sollst einst zu Staube werden. Und nun mache kein Federlesen und heb’ dich hinweg mit deinem Besen.«

Frau Therese warf noch drei vorwurfsvolle Blicke zurück, den einen auf ihren Gatten, den andern auf den Staub und den dritten auf den Organisten Brennstoff.

Das war der andere Teil des Doppelpostens, der beste und geliebteste Freund ihres Hieronymus, an welchen niemand auch nur »tippen« durfte. Vom sechsten Jahre ihres Lebens an waren die beiden unzertrennliche Kameraden.

Brennstoff, selbst Lehrerssohn, hatte Musik studieren dürfen, gab sämtlichen Musikunterricht in Schwarzhausen und war Organist der Stadtkirche; Hieronymus Teichmann dagegen war der Nachfolger seines eigenen Vaters geworden, – die Teichmanns dienten seit Menschengedanken den Eik von Eichens, waren Schloßverwalter, Silberdiener und Haushofmeister seit Generationen. Originale waren sowohl Brennstoff wie Teichmann.

Beide liebten in ihrer Jugend das gleiche Mädchen, aber Teichmann durfte sie heiraten und hatte es nie bereut.

Thereschen Balian aber ahnte nichts von Kantor Brennstoffs Liebe und so wurde sie Teichweibchen.

»Das paßt und klingt gut,« meinte der Kantor entsagungsvoll. »Der Teichmann und das Teichweibchen. Hingegen der ›Brennstoff‹, und weiter gar nichts, noch mehr Brennstoff bringt nur Explosion.«

Ganz allmählich waren aus den zwei Freunden vier Unzertrennliche geworden, es hatten sich Beethoven und Wagner zu ihnen gesellt.

Auf irgendeinem spinnewebdunkeln Oberboden des grauen Hauses hatte ein Spinett gestanden; Hieronymus erhielt die Erlaubnis, es sich herunterzuholen, und auf diesem Spinett tippte er leise und andächtig in seinen Mußestunden herum, bis dann abends Organist Brennstoff kam und mit weichen, großen Händen wunderbare Töne daraus hervorlockte.

Diese Töne wühlten das Innere auf und sänftigten es wieder, diese Töne ließen die beiden alten Herzen wunderbar schwingen, also daß die Hände, die zu den Herzen gehörten, sich falten mußten.

»Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre!«

»Herrgott, lieber Zacharias Brennstoff, – gibt es denn nur noch so etwas auf dieser Erden! Man könnte wahrlich närrisch werden, – spiel’ weiter, Brennstoff, – damit ich mein’, es musizieren die Engelein.«

Dann präludierte der Stadtorganist weiter, und die schlichten Töne verdichteten sich zu einem Gemälde, und es war den beiden Alten, als hinge das Adagio der fünften Symphonie in breitem, wunderbarem Goldrahmen an der Wand über dem alten Spinett.

Aber den Beschluß machte immer dasselbe Lied, das so gut zu dem glutroten Ball stimmte, der allabendlich hinter den Tannen des Thüringer Waldes versank:

»Fahr wohl, du goldne Sonne, Du gingst zu deiner Ruh, Und voll von deiner Wonne Gehn mir die Augen zu. Schwer sind die Augenlider, Du nimmst das Lied mit fort, Fahr wohl, wir sehn uns wieder, Hier unten oder dort. Und trägt des Tods Gefieder Mich statt des Traums empor, Dann schau’ ich selbst hernieder Zu dir aus höherm Chor.«

So war es jahrelang gewesen, – da sah und hörte und fühlte der Organist Brennstoff zum ersten Male Bayreuth.

Ein Stipendium, eine Fahrkarte und eine Berechtigungskarte für den Nibelungenring fiel vom Himmel hernieder in seine Hand, – so meinte er heute noch, und doch hatte er den eingeschriebenen Brief dem Postboten selbst abgenommen.

Wie im Traum war er damals aus Bayreuth zurückgekommen, und die Schwarzhausener merkten es nicht, daß die heiligen Hallen der Stadtkirche sich mit Wotans und Siegfrieds Gesängen füllten, und daß sich von dem Platze ihres Organisten aus ein goldener Regenbogen spannte, auf dem der verzückte Orgelspieler geradeswegs in Walhalla einzog.

Es war ein Glück, daß Hieronymus Teichmann eine so gleichgestimmte Seele war, – Meister Richard Wagner brauchte gar nicht lange auf dieser Harfe zu schlagen, da hatte er den ganzen Menschen schon mit Haut und Haar.

Alles ersparte Geld ging beinahe auf Partituren drauf, die Brennstoff dem Freunde mit himmelhochjauchzender Begeisterung vorspielte, und Hieronymus sang beim Silberputzen: »Winterstürme wichen dem Wonnemond« und »Heialaweia«.

Und jedesmal, wenn die beiden Freunde über Wagner philosophierten, schlossen sie ihr Zwiegespräch: »Es war ein herrlicher Mann und ein göttlicher Musiker, aber auch der, der uns die Bayreuther Karten gab, soll bis in die Knochen gesegnet sein!«

»Uns« – sagten sie, – denn wenn auch nur der eine im gnadenreichen Bayreuth gewesen war, – sie fühlten sich eben beide als dieser eine.

Heute waren sie wieder einmal in Walhall gewesen, – hatten dann den herabsinkenden Sonnenball mit Beethoven heimgeleitet und wollten nun selbst die Ruhe aufsuchen, als der Organist plötzlich sagte: »Meister Beethoven hängt tatsächlich in der Luft. Mir ist’s, als hätte ich ihn heute immerfort in den Ohren, auch wenn dieses Klavizimbel schweigt, – hörst du nichts, Hieronymus?«

»Freilich, – ich wollt’ es nur nicht wagen, und dir von der Erscheinung sagen, – hör’ nur – – als ob’s hier oben wär’. Oder kommt es von draußen her?«

Die beiden Freunde sahen sich an und lauschten wieder.

Es war wie der Gesang einer Äolsharfe.

Aber Äolsharfen pflegen nicht Beethoven zu säuseln, und doch unterschieden die beiden alten Freunde gar genau, wenn auch nur harfenfein, die Töne.

»Heil’ge Nacht, o gieße du Himmelsfrieden in dies Herz – – –«

Sie forderten sich nicht zu irgendeiner Tat auf, – wann wären sie jemals uneins in ihren Gedanken gewesen?

Mit dem Finger auf dem Mund stiegen sie die gewundenen, schnörkeligen Holztreppen hinauf, und auf dem zweiten Absatz kam Beethoven schon deutlicher zu Wort. Aber nirgends eine Spur von dem Sänger oder Spieler, nur – die Tür eines uralten Schrankes klaffte ein wenig, allein dem strengen Auge eines ordentlichen Haushofmeisters bemerkbar, und dann zogen die Freunde aus den Tiefen des Riesenschrankes das Geigerlein hervor, das ganz betäubt war von Dunkelheit, Musik und – Mottenpulver.

»Jesus! Unser Junker Bertold!« rief Hieronymus »Nun sag’ nur mal, wie kommst du rein in diesen dunkeln Kleiderschrein?«

Bertold blinzelte die beiden an.

»Ach, nirgends darf ich spielen, – und nun hast du mich auch hier gefunden, Hieronymus. Wirst du es dem Großvater sagen?«

Der Alte schüttelte begütigend den Kopf und zog ihn mit sich die Treppe hinunter. Organist Brennstoff aber hatte vorsichtig die Geige dem Knaben abgenommen und prüfte nun beim Dämmerlicht, das durch das Flurfenster fiel, die herrliche Maserung des alten Holzes und erkannte schließlich mit andächtigem Entzücken den Namen auf dem Boden der Geige durch das geschwungene S hindurch.

»Heilige Cäcilie, ich halte eine Amati in der Hand, – Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren.« Brennstoff drohte zu explodieren, »Das, was ich sagte, ist keine Gotteslästerung, – das sei ferne von mir, – aber es ist etwas Heiliges um eine Amati, und dieser Jungherr scheint zu wissen, was er Kostbares hegt.«

Sie waren wieder in das Poetenwinkelchen eingetreten.

»Ja, ich weiß es,« entgegnete Bertold ernsthaft. »Vater hat sie mir ja gegeben, ehe – ehe er starb. Heiligtum, sagte er nur, und dann – – –«

Die Augen des Knaben waren wieder ganz schwarz vor Erregung, und Hieronymus strich ihm hastig über den dunkeln Kopf. Still bei sich dachten beide Männer dasselbe.

Daß der Name Malcroix auch ehemals ein Heiligtum gewesen sei und durch die Schuld des Mannes, der eine Geige so hoch hielt, zu einem wertlosen Fetzen geworden war, den man seinem Knaben zum eigenen Besten fortgenommen.

»Nun spiele,« brach Hieronymus das Schweigen, »hier ist mein Reich, und ich kann wehren, wer uns hier etwa wollte stören.«

Und der Knabe spielte.

Ob auch die goldene Sonne längst zur Ruhe gegangen war, es lag ein lichter Schein um das Haupt des Kindes.

Das jubelte und jauchzte, das klagte und zitterte in den Saiten, es war ein gewaltiges, sehnsüchtiges Klingen. – Spielte wirklich nur ein kleiner, schwarzlockiger Junge, oder meisterte unsichtbar ein anderer die Saiten des wunderherrlichen Instrumentes?

Organist Brennstoff saß mit gefalteten Händen da, und Träne auf Träne tropfte auf sie herab.

Er war nicht imstande, dem Jungen auch nur ein Wort zu sagen, als dieser endlich den Bogen sinken ließ und mit leisem, ernsten »Gute Nacht« das Zimmer verließ.

Aber dann brach es los bei ihm, – wie ein Sturzbach kamen die ungestümen Worte:

»Ich hab’ mich vermessen, Freund Hieronymus. Ich wollte ihn unterrichten und fühle, den kann ich nichts mehr lehren. Heilige Cäcilie, wie ist’s möglich, daß ein Kind so wunderbar spielt! Ich will dir etwas sagen, Freund, – dies Spielen hat ihn sein Vater gelehrt. O, ich habe die Fräulein Franziska immer verstanden, daß sie diesem Rattenfänger von Hameln folgte, – »sie mußten alle hinterdrein«. Und so ein zartes Weibchen, so eine schöne Seele in einem schwächlichen Gefäß – was sollte sie wohl widerstehen? Und wir zwei, Hieronymus, wir müssen diesem kleinen Musikus das Andenken seines Vaters retten, denn wo viel Licht ist, ist viel Schatten, und jener Malcroix war ein Genie. Heilige Cäcilie, es kommt wieder echte Musik nach Schwarzhausen, es kommt wieder Klang in unsere verdudelte Leierkastenatmosphäre – Hieronymus, die Manen Beethovens und Wagners schwebten heute in diesem gesegneten Raume!« – –

Er war ganz außer sich, der lange, hagere Organist, raffte seinen Hut und seine große Pelerine zusammen und stürzte zur Tür hinaus, kaum noch hörend, was Teichmann ihm unter Kopfschütteln nachrief: »Gute Nacht, gute Nacht! Allen Müden sei’s gebracht.« –

Im Frühstückszimmer des Hauses Eichen herrschte die Stimmung wie nach dem Gewitter. Eben war die schwere Tür mit lautem Krach zugeflogen, und die wilden Flüche und Reden des alten Herrn hingen noch in der Luft. Erschreckt und blaß saß Frau Franziska auf ihrem Stuhl, und ihre Augen standen voll Tränen.

Sie starrte gequält vor sich hin, und vielleicht ohne daß sie es wollte, kamen die Worte von ihren Lippen: »O Gott, soll das nun immer so fortgehen?«

Ihr gegenüber saß Herr Baldamus Eik von Eichen.

Er hatte sich mit keiner Silbe an dem vorhergegangenen Wortwechsel beteiligt.

Er liebte das Reden nicht und war zu korrekt für eine Einmischung. Er verabscheute Aufregungen und mied sie auch aus gesundheitlichen Gründen, – die wilden Jähzornsanfälle des Pflegevaters waren ihm höchst unsympathisch, und da er immer logisch dachte, so versuchte er jetzt, nachdem er mit großer Seelenruhe eine echte Importe in Brand gesetzt, seiner Pflegeschwester Franziska den einzig möglichen Schritt zur Vermeidung solcher Auftritte anzuraten.

»Tue Bertold von hier fort in eine Knabenpension,« meinte er in seiner leisen, lauernden Art, die immer sofort auf die Antwort horchte.

»Niemals!« war die rasche Erwiderung. »Mein Junge entbehrt schon den Vater in so jungen Jahren, mich soll er wenigstens behalten.«

»Hm.« – – Herr Baldamus bog sich etwas vor, um ihr besser in die Augen schauen zu können. »Und die Geige, – sein Wimmerholz – möchtest du ihm nicht fortnehmen? Dann wäre doch ein Stein des Anstoßes fort.«

»Aber auch seine einzige Freude,« rief Franziska leidenschaftlich.

»Ich denke, die einzige Freude bist du?« fragte die verhaltene Stimme des Mannes.

Sie sah ihn jetzt ruhig an.

»Bertold, die Geige und ich sind eins,« sagte sie langsam und betonend. »Und wo man dies eine verjagt, da verjagt man uns drei.«

Das unsympathische Lachen, welches die kleine Liselotte so sehr empört hatte, tönte wieder zu der jungen Frau hinüber, aber heute war es nicht so meckernd, – heute schwang etwas anderes mit, ein Unterton, der Franziska erschreckte, denn sie kannte dies Lachen ihres Pflegebruders von ihren Kindertagen her; es sollte oft sein Temperament verbergen, das er immer sorgsam gezügelt hatte vor anderen.

»Franziska – – komm zu mir!«

Sie sah ihn ohne Verständnis an.

»Franziska!!!« Er war sachte aufgestanden und trat mit lautlosen Schritten zu ihr. »In meinem Hause hat dir niemand etwas zu verbieten, und ich will deinen Knaben und« – jetzt kam doch das meckernde Lachen, – »auch das Marterholz will ich schützen.«

»Wir schützen uns schon selbst.« Ganz ruhig klang es. »Vater ist maßlos in seinem Zorn, aber – ich habe ja auch gefehlt und muß es büßen.«

»Du sollst aber nicht büßen, und du willst mich nicht verstehn,« flüsterte eine heiße Stimme, »Franziska, – hör’ mich, komm, – Franziska – –«

Er bebte vor Leidenschaft und suchte sie in seine Arme zu ziehen. Ganz weiß war ihr Gesicht und eisigkalt Stirn und Hände, – sie war aufgesprungen und wich vor ihm weit ins Zimmer zurück.

»Ich bitte dich, mein Trauerkleid zu achten, das ich um meinen Mann trage,« sagte sie tonlos.

»Wie lange noch?« fragte er lauernd.

»Immer!«

Er sah aus, als wolle er sich auf sie stürzen, – – aber da klopfte es an die Tür, und Hieronymus Teichmann meldete, daß Herr Eik von Eichen senior die Frau Tochter zu sprechen wünsche und recht matt wie nach einem schweren »Anfall« in seinem Zimmer liege.

Teichmann brachte seine Meldung, wie immer, in Reimen vor, ohne aber eine Miene dabei zu verziehen.

»Alter Schwätzer!« murmelte Herr Baldamus, während Franziska hastig zum Vater eilte.

Hieronymus sah den jüngeren Eik ernst an, – es lagen tausend schwere Worte in diesem einen Blick. –

»Du wirst noch deine Stelle verlieren, Bruder,« meinte Fräulein Rektor klagend und hob eindringlich die rechte Hand, in der sie einen großen Holzlöffel hielt, von dem es unaufhörlich blutrot herabtropfte, ohne daß sie es merkte.

Sie kochte Saft in der Küche.

»So will ich sie lieber verlieren,« meinte Rektor Dillen ruhig, »aber es geht nicht so rasch mit dem Absetzen.« –

»Gott, dieser Leichtsinn in deinen alten Tagen! Und alles wegen so ’nem Bengel. Du hast ’n Narren an ihm gefressen, wie früher an seiner Mutter, und eines schönen Tages wird er auch durchgehen.«

»Das gehört hier gar nicht her.« Der Bruder war plötzlich sehr ernst geworden. »Und in meiner Schule habe ich zu sagen.«

Die Schwester lief ärgerlich in die Küche zurück, und auf dem Teppich in der Studierstube blieb eine kleine Blutlache vom Saftlöffel zurück, als Zeichen des harten Kampfes.

Sturm im Wasserglase.

Die Schwarzhausener litten durchaus das liebe, köstliche Plauderviertelstündchen nicht, welches Bertold mit Liselotte alltäglich pflegte, und sie machten der braven Rektorschwester die Hölle heiß und das Leben sauer. Aber Rektor Dillen lief wie eine brave Glucke um seine zwei Kücken herum und verscheuchte jeden jungen Habicht, der es wagte, die beiden zu stören. Das tiefe, gute Lachen des Knaben und das altkluge Geplauder des Blondchens waren jetzt die Freude seines einförmigen, stillen Lebens geworden. Er wollte sie sich nicht rauben lassen durch Weibergeschwätz und Kleinstadtklatsch. – Er liebte den Eichenborn, er war mit dem Hause Eik verwachsen und mit ihm durch Höhen und Tiefen geschritten, trotzdem Jahrzehnte dazwischen lagen, seitdem er den Eichenborn das letztemal betreten.

Aber er war doch einmal ein Jemand gewesen, der in dem langen grauen Hause etwas zu sagen hatte, – der Hauslehrer des jungen stattlichen Baldamus von Eichen.

Aber der Volksschulmeister, der von früher Jugend an von jedem geduckt wurde, von vielen über die Achsel angesehen, die es wahrlich nicht nötig hatten, der spielte oft eine klägliche Rolle in dem Herrenhause.

Sein Brotgeber war der jähzornige Eichen senior, der damals noch nicht alt, dafür aber noch maßloser heftig war, als ihm jetzt die Leute andichteten, und sein Schüler war der schöne Pflegesohn, der sich nichts sagen lassen wollte von einem »Seminaristen«.

Und unbequem war es ja, daß auch Seminaristen helle, scharfe Augen haben und eine unbegreifliche Art, das Unrecht auch Unrecht zu nennen, selbst wenn es von reichen Zöglingen begangen wird.

Nun hätte der Seminarist Tüllen alias Dillen ja ruhig und unbehelligt alles von dem verwöhnten Baldamus denken können, nur das laute Denken war sehr unvorsichtig von ihm.

Eik von Eichen senior verbat es sich auch einfach, denn trotzdem er den Lehrer Tüllen schätzte, so reichte das doch nicht an den Stolz und die Liebe, mit denen er an seinem Pflegesohn hing.

Baldamus Eik war schon als Knabe unfehlbar in den Augen seines Pflegevaters, der dem höchst anfechtbaren und zweischneidigen Wahlspruch huldigte: »Nun gerade!«

Unter den Schwarzhausener Bürgern waren keine Pestalozzis, und auch der junge Lehrer Tüllen war keiner.

Hätte er nur ein einziges Mal Herrn von Eichen senior als lohnendes Erziehungsobjekt angesehen und sich überlegt, daß er ihn mit seinem eigenen Wahlspruch schlagen und auf den richtigen Weg bringen konnte, – er hätte sich wahrhaft Verdienste erworben, – aber krumme oder schwachbeleuchtete Wege waren vor Herrn Lehrer Tüllens Augen verborgen, und er tat aus Gewissenhaftigkeit, was die Schwarzhausener aus Freude am Schelten und Nörgeln taten, er sagte Herrn von Eichen senior, daß sein Neffe Baldamus sich zum Schleicher und Taugenichts auswachse. Aber der Wahlspruch: »Nun gerade« ließ die Ankläger als grobe Lügner scheinen. Mut besaß der kleine Seminarist damals für zwei, das mußte man ihm lassen, doch nachdem sich Herr von Eichen von seiner Verblüffung über die Dreistigkeit des Hauslehrers erholt, warf er ihn hinaus.

Das ließ sich Lehrer Tüllen auch gefallen, denn er war schmächtig und klein, und die Faust des alten Eiks hatte schon Stärkere geworfen, aber er ließ es sich nicht gefallen, daß Baldamus, sein Schüler, ihn auf offener Straße verhöhnte, sondern er verabreichte ihm eine ganz gepfefferte Ohrfeige vor allen Leuten, welche die Beleidigung angehört.

Diese Ohrfeige vergaß Baldamus nie, und auch Lehrer Tüllen hatte vollauf Ursache, sich stets ihrer zu erinnern, denn sie war sozusagen der Stein, über den er fortgesetzt in seiner Laufbahn stolperte, der Knüppel, der ihm ins Rad flog, der Balken, der sich vor jede Tür legte, durch welche er in ein besseres Amt schreiten wollte.

Schon hatte er sich es als das Beste ausgedacht, seine Heimat ganz zu verlassen, als sich etwas sehr Verwunderliches ereignete.

Die guten Schwarzhausener waren bibelfest, aber sie hielten sich zumeist an das Alte Testament, das gar kräftig »Auge um Auge, Zahn um Zahn« predigte, das Neue Testament mit dem Evangelium der Liebe war ihnen noch fremd.

Und so begriffen sie es niemals, daß Lehrer Tüllen ohne weiteres die rasenden Pferde aufhielt, welche das Gefährt des Baldamus und ihn selbst darin hinter sich herschleiften.

Arg zerschunden und zerrissen hing der Lehrer am Zügel des Handpferdes, das endlich zitternd stand, während der junge Herr Baldamus zwar blaß, aber nach dem bewährten Sprichwort: »Unkraut vergeht nicht«, doch völlig gesund aus dem Wagen kletterte, ohne seinem Todfeind ein Dankeswort zu gönnen.

Dafür dankte Eik von Eichen ihm mit der leitenden Stelle an der Rektorschule, und Lehrer Tüllen nahm sie ohne weiteres an. Hatte er doch eine alte, verwitwete Mutter und eine Menge halbwüchsige Geschwister zu unterstützen. Er nahm sie auch an, weil sein Herz ein energisches Veto gegen das Verlassen von Schwarzhausen einlegte, sein Herz, das gar nicht einmal mehr ihm gehörte, sondern der wunderlieblichen, ach so fröhlich-sonnigen Anna Teichmann, der Tochter des alten Hieronymus.

Er hatte sie schon als Kind geliebt, das Ännchen, und obgleich ihre Augen nachtdunkel waren, für ihn waren sie die Sonne.

Freilich war das Mädel viel jünger als er, aber er hatte sich innerlich jung, rein und herzwarm gehalten; der Vater Hieronymus liebte ihn, und das Ännchen vertraute ihm alle ihre Geheimnisse.

Nur das eine nicht, – – und er war doch jahrelang ihr treuester Freund, der nur auf ihren achtzehnten Geburtstag wartete, um die inhaltreiche Frage zu tun: »Hast du mich lieb, Ännchen?«

Zu spät, du dummer, gescheiter Herr Lehrer.

Denn an ihrem achtzehnten Geburtstage zog man Ännchen aus dem Mühlenteich, das kleine, liebevolle, vertrauende Mädel, das dem Lehrer Tüllen zu jung gedünkt hatte für die heilig-tiefe Frage – – –

Und wie er damals den rasenden Pferden in die Zügel fiel, so tat er es jetzt mit dem rasenden Vater Hieronymus, er nahm ihm den Revolver aus der Hand.

Schlaf ruhig, Ännchen!

Dein alter braver Vater soll nicht zum Mörder werden und – dein Liebster ist keinen Schuß Pulver wert.

Lehrer Tüllen betrat Haus Eichenborn nicht wieder.

Wenn er und Vater Hieronymus Teichmann sich begegneten, dann grüßten sie sich stumm mit schweren Blicken; gesprochen hatten sie nicht wieder miteinander.

Wie lange war das alles schon her!

Ewigkeiten!

Die Thüringer Edeltanne auf Ännchens Grab war schon ein stattlicher Baum, beinahe so stattlich, wie der Herr Baldamus Eik von Eichen. – – –

»Rektor Dillen« mußte jetzt manchmal dieser alten Zeiten gedenken, und er jagte nicht, wie früher, die düsteren Gedanken fort, sondern vertiefte sich in sie.

Denn er liebte den kleinen Bertold Malcroix und ahnte mit dieser Liebe, daß von dem glatten, korrekten, angesehenen und hochgeachteten Herrn Baldamus ein Unheil für den Knaben ausgehe.

Bertold und Liselotte saßen wieder im Grasgärtchen zusammen.

»Nun kommen bald Ferien,« lachte das Mädchen, »und dann kommt Hans.«

»Hans? Ist das dein Bruder?«

»O nein! Ein Vetter. Hans von Windemuth!«

»Wie komisch! Du bist doch nicht ›von‹!«

»Nein. Väterchen sagt, drei Buchstaben tun’s nicht, wenn’s nicht drin steckt.«

»Verstehst du das, Liselotte?«

»Ach – ich weiß nicht, ich denke nicht stark dran. Weißt du es denn? Du bist nur zwei Jahr älter als ich.«

Bertold reckte sich. »Zwei Jahre sind sehr viel. Ja, ich weiß, was dein Vater meint. ›Wenn man dumm und schlecht ist, dann kann einem der adlige Name nichts nützen.‹«

»Hans von Windemuth ist aber nicht dumm und schlecht.«

»O, den meine ich auch gar nicht. Erzähl’ mir von ihm, was ist er?«

»Kadett ist er. Schon beinahe Fahnenjunker. In Groß-Lichterfelde ist das Kadettenhaus.«

»Ist es ein guter Junge?«

»Hm – – ja – ich glaub’ – –«

»Klug?«

»Klüger als die meisten Menschen. Er weiß alles, das sagt er selbst.«

»Meinst du, daß er mich gern haben wird?«

»Aber natürlich. Du spielst ja Geige. Er spielt ja so prachtvoll Klavier, schon ganz rasend schwere Stücke. O, es ist zu fein, daß Hans kommt, dann können wir zusammen musizieren. Du Geige, – ich und der Hans begleiten dich abwechselnd – – –«

»Ja, das wird herrlich!« rief Bertold lebhafter, als es sonst seine Art war. »Du kannst mir nun jeden Tag von dem Vetter erzählen, damit ich ihn richtig kennen lerne. Und wenn er so furchtbar klug ist, dann will ich mich ordentlich auf die Hosen setzen.«

»Sitzt du denn nicht immer drauf, Bertold?«

Der Junge lachte. »Wie du ernsthaft fragst. Es ist nur so ’ne Redensart. Ich mein’ damit, ich will noch strammer arbeiten.«

Liselotte erhob Einspruch. »Das kannst du gar nicht, Bertold. Herr Rektor sagt, du wärst der Beste von uns allen.«

Bertold zuckte die Achseln. »Na weißt du, Liselott, viel gehört da nicht zu. Findest du nicht, daß die Kinder sehr faul sind?«

Liselotte zog ihr nachdenkliches Gesichtchen. »Weiß nicht. Aber es ist am Ende einerlei. Bertold, ich hab’ Sorgen, Puppe Emmy kommt gar nicht aus dem Fieber raus. Weißt du, die Base versteht gar nichts von Kinderkrankheiten, sie meint, Fieber käme nur vom Kopf, und Puppe Emmy hätte keinen, und deshalb könnte sie auch kein Fieber haben, aber das ist ja Unsinn. Wenn die Base ’ne Mutter wär’, wie ich, und an die vierundzwanzig Kinder hätte, dann würde sie nicht so dumm reden. Was meinst du, Bertold?«

Der Knabe sah voll Ernst und Mitgefühl in das Gesichtchen der Spielgefährtin, das im Schmerz um die kranke Puppe einen ganz rührenden Ausdruck zeigte. Er hätte es um die Welt nicht vermocht, ihr einen wehtuenden Vortrag über kopflose Geschöpfe zu halten, trotzdem etwas in ihm sagte: »Sie ist doch ein furchtbar dummes kleines Mädchen.«

»Puppe Emmy ist schwer krank,« meinte er zögernd, »weißt du, Liselotte, wenn der Kopf fehlt, wirft sich alles aufs Innerliche – – –«

Sie nickte ernst und sah beruhigt aus. »Du hast recht, Bertold. Es wird eine Sägespänentzündung sein. Gott, was hat man für Sorgen mit seinen Kindern!«

Dann schritten sie wieder zum gemeinsamen Unterricht, und so vergingen die Tage und Wochen im gleichmäßigen Einerlei.

Aber doch nicht ganz.

Denn Bertold war die feierliche Erlaubnis zuteil geworden, in das Haus von Professor Windemuth zu kommen. Die Base war zwar noch immer von tiefem Mißtrauen gegen ihn erfüllt und überhaupt gegen alles, was von dem alten »Eik« abstammte, aber Liselotte war wenigstens beschäftigt, wenn sie mit dem Freunde zusammen war, und die Base konnte nichts Anstößiges entdecken, wenn sie einmal »revidierte«, was gewöhnlich in der Weise geschah, daß sie auf Filzpantoffeln zu der Kinderstube schlich und mit einem ganz plötzlichen Ruck die Tür aufriß.

Weder Bertold noch Liselotte waren nervös, sie guckten manchmal kaum von ihrem Spiel auf, während die Base doch gewohnt war, bei derartigen Überfällen, z. B. der Dienstboten, diese mit glühend roten, arg verlegenen Gesichtern verschiedenes verbergen und fortpacken zu sehen. So ließ sie jetzt tagelang die beiden unbehelligt. Noch lieber freilich war es dem Bertold, wenn er zu Professor Windemuth ins Arbeitszimmer durfte. Im Gegensatz zum Großvater war der Gelehrte nicht wortkarg oder mürrisch und ernst, sondern ein herzensheiterer, mitteilsamer Mann, der mehr als einmal einen lustig sprühenden Humor zu Hilfe nahm und mit ihm gegen Base Juliane zu Felde zog. Für alle kleinen Herzensnöte seines Töchterchens hatte Professor Windemuth offene Augen und Ohren, und daher kam es, daß Liselotte die längst verstorbene Mutter gar nicht vermißte, vielmehr noch nie darüber nachgedacht hatte, was ihrem Leben eigentlich mangelte. Der Vater ersetzte ihr alles und nahm sie auch gegen allzu heftige An- und Übergriffe der Base kraftvoll in Schutz.

Der Professor hatte längst erkannt, daß seine kleine wilde Hummel nur gewinnen könne, wenn Bertold ihr Spielkamerad bliebe, es hatte ihm imponiert, daß der Junge streng das einstmalige Verbot, das Haus zu betreten, innehielt. Von wem er wohl diesen festen Gehorsam hatte? Vom Großvater sicherlich nicht, der sich in seinem ganzen Leben noch niemandem gebeugt, und von der Mutter, die das vierte Gebot so wenig geachtet, daß sie bei Nacht und Nebel aus dem Hause entwich, um ihrem Liebsten zu folgen, doch sicher auch nicht.

Gewiß hielt der ehrenfeste Herr Baldamus von Eichen seine strenge Hand über den Knaben. Dieser Sproß des Hauses ging wenigstens seine geraden Bahnen, wie sie Schwarzhausen jedem seiner Bürger vorschrieb – – – sympathisch war er ja dem Professor nicht, aber das lag wohl mehr daran, daß Eik ein vollständiger Zahlenmensch war, während bei ihm, Professor Windemuth, das Herz öfter mal mit dem Verstande durchging. Vom weiblichen Einfluß hielt Professor Windemuth nicht viel. Seine eigene, früh verstorbene Gattin war ein hilfsbedürftiges Wesen ohne jede eigene Meinung gewesen, der Inbegriff aller zarten Weiblichkeit. Liselottes Geburt kostete ihr das Leben, und da ihre Nachfolgerin in Küche und Haus, Base Juliane, das genaue Gegenteil von ihr bildete, mürrisch, ungehobelt, lärmend, aber tüchtig und umsichtig schaltete, so nahm der Professor an, daß Frauenzimmer unberechenbare Geschöpfe seien, durchaus keine Logik und erwiesenermaßen anderthalb Lot Gehirn weniger besäßen.

Das alte Fräulein Adelgunde von Eichen aber, das am liebsten das ganze Deutsche Reich umhäkelt hätte, zählte überhaupt nicht mit.

Armer, kleiner Bertold!

So sollte er wenigstens ein klein wenig den Zuspruch eines gebildeten Mannes genießen. –

Vielleicht hätte sich das Schicksal dem jungen Bertold ein bißchen gnädiger erweisen sollen; es wäre so gut gewesen, wenn Liselotte ihr feines musikalisches Gehör vom Vater geerbt hätte, anstatt von der früh heimgegangenen Mutter, die ihren Gatten nun nicht mehr darauf aufmerksam machen konnte, daß da in unmittelbarer Nähe ein Genie steckte. Infolgedessen bekam Bertold keinen weiteren Unterricht und hatte nichts als die beinahe vergötternde Zustimmung von Brennstoff und Teichmann, bei denen er noch allabendlich musizierte, ein gelegentliches Melden beim Großvater, der aber den Enkel so wenig als möglich zu sehen wünschte, ferner einen täglichen einstündigen Besuch bei Tante Adelgunde von Eik und ihrer sprichwörtlichen Häkelei und – seine Mutter.

Frau Franziska Malcroix war so jung, so schön und – so ernst. Sie lebte nur für ihren Bertold, – sie erhob sich des Morgens um vier Uhr und blieb, nachdem sie abends neun Uhr mit ihrem Knaben gebetet, noch ein Stündchen in dem neben Bertolds Schlafstube befindlichen Zimmer, wo sie arbeitete und schrieb und auf die regelmäßigen Atemzüge ihres Einzigen lauschte. An den Tag, der ihr den Knaben nehmen und in das Gymnasium nach E. führen würde, dachte sie mit Grauen. Jetzt gehörte er ihr noch, wenn sie auch mit leisem Schmerz fühlte, daß sie seine Liebe mit der kleinen Liselotte teilen müsse.

So handelte sie wie eine echte Mutter und nahm auch das Mädelchen noch an ihr Herz, – ja sie ließ die beiden kaum von sich, denn sie waren der sicherste Schutz gegen die Besuche ihres Vetters Baldamus. –

Franziska Malcroix hatte Angst vor ihm.

Sie konnte sich selbst nicht begreifen, denn sie war doch sonst so energisch und zielbewußt gewesen.

Sie hatte Angst vor Herrn Baldamus, wenn dieser auch ganz ruhig und scheinbar in ein interessantes Buch oder eine Zeitung vertieft in seinem Lehnstuhl saß, oder wenn er Bertold etwas erklärte, der seinen Wissensdurst stillte, wo immer er eine Quelle fand. Ja, sie hatte Angst, auch wenn er nur Bertolds Geige zur Hand nahm, – Angst, daß er das Instrument mit einem Griff seiner schmalen, weißen Hände zerbrechen könne. Sie hatte Angst, daß er irgendein Mittel besitzen oder ergreifen könne, sie zu zwingen, sein Weib zu werden.

Denn er war beinahe allmächtig in Schwarzhausen, das konnte sie täglich erfahren, und sie wäre wohl mit einem Male wieder angesehen in dem Städtchen gewesen, wenn sie plötzlich die Braut des hochmögenden Herrn Baldamus wurde.

Wie sie dieser Gedanke schauern machte und ihre Arme so fest um ihren Bertold legen ließ, ja er ließ sogar den Schmerz um den verachteten, toten Gatten milder werden und die Liebe heller leuchten, die doch die Vergangenheit geheiligt hatte.

Merkwürdig war es, daß der Vater, Herr Eik von Eichen senior, sich in keiner Weise in die Angelegenheiten des Pflegesohnes Baldamus mischte, – er, der die Tochter einst verstieß, weil sie diesem Pflegesohn einen Korb gab um eines Unwürdigen willen.

Die Liebe der Schwarzhausener hatte Herrn Eik senior kopfscheu gemacht. »Nun gerade!« war und blieb sein Wahlspruch, und der Pflegesohn sank um so viel Grade in seiner Wertschätzung, wie er in der seiner Vaterstadt stieg. Die verachtete Tochter aber kam dem alten, verbitterten Vaterherzen wieder näher, während der Junge, der Bertold, weit, weit von ihm abrückte, denn von diesem Knaben erzählten die Leute Wunderdinge; und besonders Rektor Tüllen und Hieronymus Teichmann taten sich in begeisterten Lobeserhebungen hervor.

Und nun kamen die Ferien, und Hans von Windemuth, der Herr Fahnenjunker, zog in Schwarzhausens Hallen ein.

»Das ist also Hans?« fragte sich selbst Bertold von Eiken, der mit einer Mischung von begeisterter Erwartung und leiser Eifersucht der Bekanntschaft entgegengesehen hatte.

»Das ist Hans!« bestätigte strahlend Liselotte Windemuth, und der Herr Fahnenjunker brauchte gar nichts zu sagen, dem sah man das stolze Bekenntnis schon auf drei Schritte weit an: »Ich bin Hans von Windemuth!«

Die dreiundzwanzig Puppen wurden in die tiefsten Tiefen des Schrankes versenkt und Puppe Emmy ohne Kopf ganz besonders fest und weitab verstaut, denn der Fahnenjunker fand sie »scheusälig«. Bertold wunderte sich über all diese Dinge, wunderte sich auch, daß Liselotte so fröhlich und gleichmütig blieb und nur leise ihm zuflüsterte: »Weißt du, Bertold, die Puppen verreisen jetzt ins Bad, und Puppe Emmy kommt zu einem Kopfspezialisten. Wenn dann Hans abgereist ist, holen wir die Puppen wieder von der Bahn ab, und dann spielen wir weiter.«

»Puppe Emmy hat dann aber immer noch keinen Kopf,« gab Bertold zu bedenken.

»O, ich hab’ mir das alles überlegt,« meinte Liselotte. »Dann ist eben die Operation nicht geglückt, – es kommt oft vor bei großen Leuten, nur daß ich eben meine süße Emmy nicht sterben lasse.«

Liselotte sah ernsthaft und wichtig aus; dann zog sie Bertold mit sich nach Hause in das große, tiefe Zimmer, in welchem der prächtige Bechsteinflügel stand, und sagte: »Nun wirst du gleich nicht mehr an die Puppen denken, denn Hans will uns vorspielen.«

Der Fahnenjunker betrachtete etwas spöttisch seine gespannt dasitzende Zuhörerschaft, – die kleine, strahlende Base, den ernsthaften Jungen und die Base Juliane, welche Tränen vergoß, wenn er den »guten Mond«, den »schönen Schweizerbub« oder »das Gebet der Jungfrau« vom Stapel ließ, während sie bei Chopin und Grieg in der Stube herumwirtschaftete, mit Scheren und Fingerhüten, Messern und Gabeln, Gläsern und Tellern viel Spektakel vollführte und schließlich türschlagend das Zimmer verließ.

Hans von Windemuth war ein künstlerischer Dilettant.

Die schwersten Sachen perlten unter seinen weißen, wohlgepflegten Händen, Grieg und Schumann, Chopin, Liszt, er spielte sie alle herunter, und Bertold und Liselotte starrten ihn an, als sei er etwas ganz Unglaubliches.

Das gefiel dem jungen Krieger über die Maßen.

»So, nun spielt ihr,« meinte er gnädig und überließ seinen Platz am Flügel der kleinen Base.

Aber sie kam nicht zum Spielen, denn die Tür war mit leisem Klapp hinter Bertold zugefallen, – er ging ohne Abschiedswort.

»So ist er nun,« klagte Liselotte. »Du hast zu schön gespielt, dann kann er immer kein Wort sagen.«

»Er hat keine Manieren,« meinte Hans von Windemuth streng.

Bertold aber war nach Hause gelaufen, hatte seine Geige aus dem Kasten gerissen, und in den tiefsten Tiefen des Riesenkleiderschrankes ließ er das, was seine Seele bewegte, ausklingen. Dann stieg er langsam aus dem Schranke heraus, sah sich vorsichtig um und huschte in das Zimmer von Hieronymus Teichmann.

»Gott steh’ mir bei und soll mich bewahren, Büblein, was ist in dich gefahren?« fragte dieser erschrocken, als er den blassen Jungen sah.

»O Teichmann, – Teichmann –« murmelte Bertold.

»Du siehst ja aus, als wolltst du versaufen, – welche Laus ist dir über die Leber gelaufen?«

Ein stoßweises Schluchzen brach aus der Brust des Knaben.

»Teichmann, er verhunzt mir den Grieg – –«

»Büblein, – wo soll Krieg sein?«

»Ach, Teichmann, ich meine ja den Komponisten, – – der Hans von Windemuth spielt ihn und verhunzt ihn, ich kenne ihn nicht wieder, – – hör’ nur mal, Teichmann – (Bertold nahm hastig die Geige und fuhr mit ein paar Strichen darüber hin) – hör’ nur, das Grollen und Stöhnen der Nordsee, das Kreischen der Möwen, die Klagen des Mädchens – – o und so spielt er das, – – Teichmann, ich kann das nicht mit anhören, und die Liselotte ist doch ganz begeistert.«

»Büblein, ich kann dich nicht recht verstehn, – Grieg? sagst du, oder wer und wen?«

»Teichmann, du wirst doch den großen Grieg kennen? Kantor Brennstoff hat dir doch so viel von ihm vorgespielt.«

Der Alte strich sich besinnend über die Stirn.

»Den großen Grieg, sagst du? Ich kenne nur einen Großen, das ist der alte Beethoven. Schweig’ still, Büblein, sag’s dem Brennstoff nicht, er zieht dann gleich so’n närrisch Gesicht, – er steckt so ganz im Wagner drin und, weiß es Gott, ich lieb’ auch ihn, aber sie sind nicht zu vergleichen. Ob der eine den andern mag erreichen, – ich weiß es nicht, mich kümmert’s nicht. Nur eins tu’ ich mir ausbedingen, zu jedem Tag, zu jeder Stund’, man soll mir immer den Wagner singen, so lange ich lebe und bin gesund. Aber in Krankheitstagen, in bangen, will ich nach meinem ›Großen‹ langen, – und die Fünfte Symphonie führ’ mich zur ew’gen Harmonie.

Büblein, was schaust du mich so an?«

Bertold sah in der Tat ganz selbstvergessen in das Gesicht das alten Faktotums.

»Rektor Dillen fragte heute, ob wir schon mal ’n Dichter gesehen hätten – – –« antwortete er stockend, »und da riefen wir alle ›nö‹, aber nun, – aber nun, – bist du ein Dichter, Teichmann?«

Der alte Diener sah sehr ärgerlich aus, weit ärgerlicher und grimmiger, als er eigentlich war, denn er war in der Hauptsache verlegen.

»Ein Dichter! Wie kann ein kluger Junge so dummerhaft fragen! Schiller, Goethe, Lessing und Uhland sind Dichter, und dann die Loreley und die Wacht am Rhein und Heil dir im Siegerkranz, verstanden?«

»O, Teichmann, jetzt hast du nicht ein einziges Mal gereimt, wie kommt das?«

»Junge, du bist genau wie deine Mutter war, – die fragte mich auch immer das Blaue vom Himmel runter. Ich kann dir aber nichts Gescheites antworten. Das kommt eben vom Himmel geflogen, daß es dann so mit den Wörtern paßt.«

»Aber nun, Teichmann, aber nun? Es paßt ja gar nicht – – –«

»Weil ich in Wehmut und Aufregung bin, Bertold. Dann verliert sich das. Sobald milde Denkart eintritt, kommt das andere so sachtchen mit, ich merk’ es freilich selber nicht, Freund Brennstoff steckt mir auf das Licht, und Thereschen freundlich auf mich blickt und sagt: Mein Teichmann, du bist verrückt.«

Bertold lachte.

»Wie einem gleich froh ums Herz wird, wenn man bei dir ist, Teichmann. Ich war ganz unglücklich und zerschlagen vorhin. Vielleicht ist auch Grieg zu schwer und wunderlich. Er dürfte nur von musikalischen Menschen gespielt werden. Gelt, Teichmann, du verstehst mich doch, daß ich das so einfach sage? Klingt es sehr eingebildet? Denn ich spiele ja Grieg – o so gern!«

»Musik ist eine Gottesgabe. Ich kann nichts dafür, daß ich sie habe, und dir geht es ebenso, sei darüber ganz ruhig und froh!«

»Sieh, Teichmann, weil der Grieg so leicht aussieht, da meinen alle, sie könnten ihn spielen, und mein Vater sagte – – –: ›Das kleinste lyrische Stück von ihm sollte man erst einmal ein Jahr lang durchleben, ehe man wagte, es mit einem Instrument anzufassen‹.« –

Teichmann antwortete nicht. Vielleicht verstand sein einfacher Sinn nicht diese Tiefe der Auffassung, – aber sein feines Gefühl spürte aus den Worten des Knaben und aus der Art, wie dieser den Vater erwähnte, die grenzenlose Verehrung, welche dem verachteten Toten bewahrt wurde. Und mit einem Male fühlte er auch, daß das Leben dieses jungen Menschenkindes ein Dornenweg sein würde, voll Stacheln, voll Lieblosigkeit und Häßlichkeiten, wie der seiner Mutter. Und das Ende des Dornenweges?

Teichmann schüttelte seinen grauen Kopf. »Was kümm’re und vergrübel’ ich mich? Da oben ist einer klüger als ich.«

»Was murmelst du da, Teichmann? – Wenn sie nun morgen wieder mit mir spielen wollen, und ich kann es doch nicht mit anhören?«

»Ich will dir etwas sagen, Bertold.« Der alte Mann geriet in Begeisterung. »Du nimmst Beethoven mit. Ganz einfach Beethoven! Und den spielt ihr! Himmelherrgott, – den können sie einfach nicht verhunzen, – sie können’s nicht. Der bleibt immer Beethoven, – verstehst du, Sohn? Und wenn sie ihn dreschen und hacken oder schludern und verludern, – Junge, er bleibt Beethoven. Das ist einer, das ist einer!«

»Teichmann, du hast wieder nicht gereimt!«

Der Alte sah den Knaben starr an.

»Das hörst du? Auf solchen Kram achtest du, wenn ich von dem Großen rede? Schäm’ dich, Bertold! Und könntest du irgendeinen Reim auf Beethoven finden? Ich nicht! Schäm’ dich, Bertold!«

Drei ganze Tage ließ Bertold dahingehen, ehe er sich den Spielkameraden wieder zugesellte.

Aber diese drei Tage dünkten ihm Jahre. Frau Franziska sah bekümmert auf ihren Jungen, der mit großen Augen sehnsüchtig aus dem Fenster schaute in der Richtung, in welcher man den Giebel des roten Windemuthhauses erblickte.

Die leise Eifersucht regte sich wieder in ihrer Brust. Drei Tage war ihr Junge verändert und scheu, bis sie selbst ihm zurief: »Du warst so lange nicht bei Liselotte, habt ihr euch gezankt?«

Da leuchtete sein Blick. »Mutter, – ich gehe! Darf ich lange bleiben? Ich nehme die Geige mit! Mutter, und Beethoven nehme ich mit. Den können sie mir nicht verhunzen! Den nicht! Teichmann hat’s gesagt.«

Frau Franziska strich sanft über sein dunkles Haar.

»Du Wilder! Geh nur – geh! Sei brav! Und kehr’ mir gesund wieder!«

Ihre eigenen Worte hallten in ihr nach, als sie ihrem Jungen nachblickte, wie er mit dem Geigenkasten dahinschritt durch die Eichenstraße und immer wieder zurückwinkte nach der Mutter.

Er war doch ihr Junge.

Du Wilder! Sei brav! Diese Worte sprach ihr Herz und ihr Mund täglich unzählige Male und hatte sie gesprochen beinahe von dem Tage an, da man ihr den Knaben zuerst in die Arme gelegt hatte.

Denn vom ersten Atemzug an war er ein ungebärdiges Büblein gewesen. Als der Verstand kam, wurde er merkwürdig still, nachdenklich und ernst. Aber daneben wucherte ein Kräutlein auf, das giftige, verderbliche, zerstörende Erbteil der Eik von Eichens, – der Jähzorn.

Wie Franziska Malcroix diesen Jähzorn haßte! Die Chronik des Hauses war erfüllt von Beispielen seiner unheimlichen Macht über die Eiks.

Er überschlug aber immer eine Generation.

So war sie selbst verschont geblieben von diesem unseligen Temperament, das ihren Vater bis zur Sinnlosigkeit beherrschte und einen gehaßten, gefürchteten, gemiedenen Mann aus ihm gemacht hatte.

Aber ihr Junge, ihr lieber Trost, ihr ein und alles, den sie herausgerettet aus einer tief unglücklichen Ehe, welche der Tod zur rechten Zeit noch getrennt hatte! Sie hatte schon geglaubt, daß das böse Erbteil vor ihm haltmache, hatte dankbar die Hände gefaltet, daß ihr Sohn weder den haltlosen Leichtsinn seines Vaters, noch den lodernden Jähzorn des Großvaters geerbt, hatte sich in der Sicherheit gewiegt, daß ihm ein gütiges Geschick nur die heilige Wahrheitsliebe und den eisernen Fleiß der Eik von Eichens in die Wiege gelegt habe – bis vor drei Jahren.

Ja, so lange war es her.

Da hatte sie an einem heißen Nachmittage arbeitend am Fenster gesessen, ihr Mann war wieder einmal auf »Kunstreisen«, von welchen er immer haltloser denn je und oft in zweifelhafter Gesellschaft heimkehrte, – – ihre Gedanken weilten bei dem Fernen, dem sie von Tag zu Tag fremder wurde, – da hatte sie gellendes Kindergeschrei gehört und war auf die Straße gestürzt, ohne Hut, ohne Tuch, wie sie gerade war.

Zur rechten Zeit kam sie, um Bertolds kleine, feste Fäuste aus dem dunkeln Schopf eines Spielkameraden loszulösen, aber ganze Büschel Haare blieben trotzdem in der Hand des Raufenden.

Frau Franziska hatte entsetzt in die entstellten Züge ihres Knaben gesehen.

Dunkelrot das kleine Gesicht, schneeweiß die Lippen und die Nasenspitze, und die Augen sprühend vor Zorn.

»Er liegt, Mama, er liegt!« Mehr konnte der Junge nicht hervorkeuchen.

Ja, das war der Eiksche Jähzorn.

Eine Menschenmenge hatte sich damals angesammelt, o sie wußte es so genau noch. Der Vater des gemißhandelten Jungen war dazu gekommen und hatte von »Zwangserziehung« gesprochen. Böse Reden waren gegen sie und Bertold geflogen – – welche Schmach für die feinfühlige Frau!

Und ihr kleiner, guter, stolzer Junge!

Als die lodernde Aufregung nachließ, weinte er bitterlich und war ganz krank. Es hatte sich um eine Kinderei gehandelt, um eine Unwahrheit, wie sie unter Kindern im täglichen Spiel oft vorkommt, aber dem streng wahrheitsliebenden Jungen war sie unerhört erschienen.

An all dies dachte Frau Franziska und dachte auch an die große Ähnlichkeit zwischen Großvater und Enkel.

Zug für Zug glich der junge Bertold dem alten Bertold.

Nichts hatte er von seinem Vater bekommen, als etwa die dunkeln Augen, die bei Lotar Malcroix aber übermütig gestrahlt hatten, während Bertold gewöhnlich ernst dreinschaute.

Auch die große Figur und die kerzengerade, aufrechte Haltung würde er gleich dem Großvater haben, ebenso die dichten, schöngeschwungenen Augenbrauen, den energischen Mund und – – den Jähzorn.

An all dies dachte Frau Franziska, als sie ihrem fröhlichen Knaben nachschaute, wie er federnden Ganges mit seiner geliebten Geige dahinschritt, und an all dies dachte sie, als er nach kaum einer halben Stunde totenblaß zu ihr ins Zimmer zurückkam und sich vor ihr auf die Knie warf, den wirren Lockenkopf in ihren Schoß drückte und nur immer wieder stammelte: »Mutter, ach Mutter!«

»Was war geschehen?« So fragte sie sich selbst, als sie nur einen Augenblick in das verstörte, gramvolle Gesicht ihres Buben geschaut hatte, das so traurig, so krank aussah, daß sie die Frage gar nicht laut stellen mochte.

»Mutter, ach Mutter!« Wieder ein wehes Aufschluchzen.

»Werde ruhig, mein Herzensjunge!«

»Ich kann nicht ruhig werden, nie wieder, Mutter! Mutter – sag’ – ist es wahr? War der Papa, – mein Papa, – – sie sagen, er wäre ein Schuft gewesen.«

Das Gespenst! Da stand es wieder vor Franziska Malcroix und grinste sie an. Es würde nie verschwinden, das wußte sie. Und ob sie fliehen würde weit über die lieben Thüringer Berge, das Gespenst ihres befleckten Namens würde neben ihr schreiten oder hinter ihr drein laufen und sie immer wieder einholen.

Frau Franziska weinte bitterlich. »Mein Junge, mein armer Junge!«

Bertold strich sich die feuchten Locken aus dem verweinten Gesicht und sah die Mutter an. »Du sagst nichts, Mutter? Ist es wahr?«

Ihre Augen sahen über ihn hinweg ins Weite.

»Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!« sprach sie laut und hart, und dann schlossen sich ihre Lippen fest. Ein unendlicher Jammer lag in ihren Augen, und Bertold fühlte, daß er nicht fragen, daß er nur trösten müsse.

Seine Arme umschlangen sie fest, und so saßen Mutter und Sohn schweigend mit ihren übervollen Herzen.

Die Abendsonne stahl sich herein und wob überall lichte Kränzlein: das eine legte sie um Bertolds dunkeln Lockenkopf, der an der Brust seiner Mutter ruhte, ein anderes flimmerte an dem Rahmen, der ein Pastellbild des alten Eik von Eichen aus seiner Knabenzeit darstellte, ein drittes tanzte auf Bertolds poliertem Geigenkasten.

Und als die Sonne unterging, ließ sie das Licht dieser drei Kränzlein in den Herzen von Mutter und Sohn zurück. –

Franziska küßte die Stirn des Knaben.

»Erzähle mir alles,« bat sie.

Bertold bettete seinen Kopf wieder fest an ihre Schulter.

»Mutter, sie spielten wieder Grieg, als ich hinkam, die Ballade, die – – die Väterchen noch vor seinem Tode mit uns aus der Partitur las, – oh – weißt du noch?« Die Erinnerung überwältigte das Kind förmlich.

»Ich weiß,« flüsterte Frau Franziska.

»Ich hatte die Hände an den Ohren, denn ich konnt’s nicht ertragen, wie der Hans von Windemuth alles herunterspielte, – du weißt ja, wie Vater so eine Technik haßte, die nur Technik war. Irgend was spielte Hans, nur eben Grieg war es nicht. – Dann sollte ich sagen, es sei herrlich gewesen, die Liselotte verlangte es. – Ich rief nur immer, der Hans spiele sehr schön und fertig, und das war ihnen denn auch genug. Dann legte ich still den Beethoven auf das Pult, – es war nur der Auszug aus Vaters Lieblingssymphonie, – wir spielten es zu deinem letzten Geburtstag zusammen, und du sangst uns damals die Worte dazu: ›Still sank der Abendsonne Gold hinunter an das Himmelszelt, in Abendfrieden süß und hold ruht um uns her die ganze Welt‹ – – –«

»Mein Junge!« stöhnte Franziska, denn alles Leid und alle kargen Freudenstunden der Vergangenheit wurden in diesem Liede lebendig.

Bertold hatte den Kopf aufgerichtet und sah jetzt mit leuchtenden Augen in den dämmernden Abend.

Sein Kindergesicht sah reif und ernst aus, als habe die Hand des Schicksals heute darüber gestreift und die harmlose Freude daraus mitgenommen.

»›O wohnte doch im Herzen mein so tiefer Friede für und für; mein Gott, laß mich dein Eigen sein, den Frieden find’ ich nur bei dir!‹ Mutter, – als du das sangst, da hielt uns Vater beide umschlungen und war so gut, so gut – –«

Bertold drückte sich wieder fest in den Arm der Mutter, als könne dieser allein ihm Schutz gewähren vor dem Furchtbaren, das heute auf ihn geschleudert worden war. –

Und die Mutter hielt ihn fest, so fest – aber sie schwieg.

Dies Kindergemüt war ihr zu heilig, zu zart noch, um es auch nur schattenhaft ahnen zu lassen, wie furchtbar sie unter dem genialen Künstler Malcroix gelitten, wie selbst die härtesten Beschuldigungen, die fremde Menschen aussprachen, noch nicht die Wirklichkeit erreichten – – –

Der Knabe schrie plötzlich weh auf, und seine Fäuste ballten sich.

»Ein schlechter Kerl! Mutter, – Mutter – einen schlechten Kerl nannte ihn der Hans, und die Liselotte nickte dazu, – ja Mutter, das tat sie. Und ich hatte ihnen doch nichts zuleide getan, – – war nur ein paarmal aufgesprungen und hatte gerufen: ›Es, es, um Gottes willen es‹, – kannst du dir vorstellen, Mutter, daß der Hans e spielte in As-dur? Da lachten sie über mich, und das machte mich so wütend; und immer mehr lachten sie, und dann verhunzten sie den Beethoven weiter – – – und Teichmann hatte doch gesagt – – – es ginge gar nicht – – – da riß ich Hans die Geige aus der Hand und schlug – – –«

»Bertold!!!«

Der Knabe war aufgesprungen, – starrte seiner Mutter ins Gesicht, und es war, als käme er durch ihren Ruf erst langsam zur Besinnung. Langsam strich er sich über die Stirn. »Mutter,« stammelte er, »ich glaube, ich habe ihn sehr geschlagen, sehr, Mutter, – er gab ja dem Beethoven Schimpfnamen, und dann – dir – und dann – – dem Vater – – ich solle nicht mit ihm prahlen, – er sei ein großer Künstler gewesen, aber ein schlechter Kerl, – ein ganz, ganz schlechter Kerl – – –«

»Schweig!« rief Franziska außer sich. »Du sollst das Wort nicht sagen, ich kann es nicht hören.« Sie schüttelte ihren Knaben in Zorn und Weh und hielt ihn dann doch wieder umschlungen, ihren Einzigen, – ihren Augen- und Herzenstrost.

So brach die Nacht herein über den beiden, – die große Trösterin.

Nur mit einem aufgescheuchten Wespennest konnte man anderntags Schwarzhausen vergleichen.

Es war ganz unerhört, was geschehen war.

Der Wagen des Herrn Kreisphysikus Dr. Hempel hielt vor Professor Windemuths Hause, und Dr. Hempel selbst hatte beim üblichen Abendschoppen im »Weißen Roß« sehr freimütig erzählt, daß der kleine schwarze Satan, Bertold Eik von Eichen, alias Malcroix, dem hübschen Fahnenjunker Hans von Windemuth die Geige buchstäblich auf dem Kopfe zerschlagen habe. »Kaput, – ganz kaput!«

»Um Gottes willen, der Kopf?«

»Nein, die Geige.«

Und wieder sprach man von Zwangserziehung und »Rauhem Haus«, wieder erörterte jeder Vetter und jede Base, vom Bürgermeister an bis herunter zum Nachtwächter, daß der Knabe erblich belastet sei, und daß es wohl nur ein Mittel gebe: eine feste Hand und gebietende Persönlichkeit über ihn zu setzen, und für die Schwarzhausener konnte diese Persönlichkeit nur Herr Baldamus Eik von Eichen sein, dessen Zuneigung für Frau Franziska stadtbekannt war. Aber würde seine Liebe groß genug sein, um sich aufzuopfern für eine Frau mit beflecktem Namen und mit einem mißratenen Buben, wie dieser Bertold war?

Der eine ganze Stadt durch sein bisheriges Wohlverhalten und Ehrbarkeit getäuscht hatte?

Der schon an seinem letzten Aufenthalt reif für eine Besserungsanstalt gewesen war und dessen schlechter Charakter noch gerade zeitig genug zum Vorschein kam?

Das Haus Windemuth konnte die Zahl der teilnehmenden Frager kaum fassen, – freilich sah der Professor immer aus, als nähme er am liebsten die Mitbürger beim Kragen und würfe sie zur Tür hinaus; aber man hielt sich an Base Juliane, die bereitwillig und ausführlich die Schreckensszene immer wieder schilderte und stundenlang schwatzend vor der Haustür stehen konnte. »Zerrissen und zerschunden sei das hübsche Gesicht des Fahnenjunkers,« berichtete sie, »und die Kopfhaut an zwei Stellen genäht, und die wertvolle Geige – – –«

»Sei sofort vom alten Herrn Eik von Eichen ersetzt worden, und zwar durch eine weit wertvollere,« war hier Hieronymus Teichmann eingefallen, der gerade vorbeiging und sich ausnahmsweise und nur zum Steuer der Wahrheit in die Verhandlung mischte.

»Nun ja freilich – ersetzt,« murrte Base Juliane, »als ob damit alles abgetan sei! Der Hieronymus Teichmann war eben Partei. In seinen Augen, das wußten alle, waren die Eik von Eichens geborene Engel, und sie hätten auch einen Raubmord begehen können, Teichmann würde doch noch Entschuldigungsgründe für seine langjährige Dienstherrschaft gefunden haben.«

Aber man wollte in Schwarzhausen nicht so lange warten, bis etwas ganz Schreckliches durch diesen Bertold Malcroix geschah; man wollte den Brunnen zudecken, ehe das Kind hereinfiel, und da man nicht den Mut hatte, zum alten Eik zu gehen, der nun doch einmal die meisten Steuern zahlte, und ihm zu sagen: »Nimm dein Enkelkind aus der Schule heraus, es stört da unsere sorgfältig erzogenen Sprößlinge«, so bearbeitete man eben jene sorgfältig Erzogenen, und diese isolierten den Bertold.

Er fand sich immer allein, beim Spiel und beim Lernen, beim Plaudern, beim Stillsitzen und beim Frühstücken.

Während der ersten Tage nach jenen bösen Jähzornsstunden fehlte Liselotte ganz in der Schule. Der Anblick ihres leeren Platzes gab dem Jungen immer einen Stich ins Herz, mehr noch die kummervollen Augen des Rektors Tüllen, zu welchem die aufgebrachten Schwarzhausener gesagt hatten: »Entweder der jähzornige Bengel geht, oder wir nehmen unsere Kinder fort.« Es war verlorene Liebesmühe des braven Rektors gewesen, daß er alle guten Seiten des Knaben hervorgehoben hatte; man machte die Frage einfach zu einer Existenzfrage für den Rektor und seine brave Schwester.

Als Liselotte zum ersten Male wieder in der Schule erschien, hatte sie etwas Merkwürdiges mitgebracht, ein längliches, sauber zusammengeschnürtes Paket, das sie hastig unter die Bank steckte.

Erst als die lange Pause kam, holte sie das Päckchen vor und begab sich mit ihm nach dem Grasgarten. Bertold folgte ihr dorthin, wie er es ja immer getan hatte, ehe er sich durch sein strafwürdiges Verhalten die Pforten zum Paradiese verschloß.

Und ein Stück Paradies war ihm das Windemuthhaus gewesen. – Die ganze Klasse wollte den beiden nachstürmen, aber Rektor Tüllen stand sozusagen mit feurigem Schwerte vor der kleinen, grün angestrichenen Tür, die zum Grasgarten führte, und sein Lineal, mit dem er wild umherfuchtelte, glänzte leuchtend in der Sonne. »Weg da,« rief er und scheuchte die Neugierigen fort, »in das Grasgärtchen dürfen nur die besten Schüler.«

Das war die Wahrheit, und das half auch. –

Liselotte setzte sich, Bertold stand vor ihr mit bekümmerter, ernster Miene. Liselotte hatte das Paket auseinandergeschnürt, und nun lag »Puppe Emmy ohne Kopf« auf ihrem Schoß.

»Liselotte, bist du böse mit mir?« begann Bertold das Gespräch.

Das kleine Mädel schaute nicht auf, ihre Augen guckten nur die Puppe an, und dann erwiderte sie:

»Sieh mal, liebe Puppe Emmy, ich darf doch nicht mit dem bösen Bertold sprechen, weil er ein schrecklicher Bengel ist. Nun habe ich dich mitgenommen, und du kannst ihm alles sagen.«

Der Schatten eines Lächelns flog über des Knaben Gesicht, als er die List der kleinen Evastochter verstanden, aber es war nur ein Augenblick, dann fragte er ganz ernst: »Puppe Emmy, ist Liselotte Windemuth mir böse?«

Und die kopflose Puppe Emmy besaß ein furchtbar erregtes Stimmchen, das antwortete: »Gräßlich böse ist Liselotte, und aus und vorbei ist’s. Hans von Windemuth ist ganz schwach und dösig, er hat so schauderhaft geblutet und liegt immer noch zu Bett. Nie darfst du wieder zu Liselotte kommen, – du wärst ein Rowdy, hat Vater gesagt. Und wenn du wieder Geigen zerschlügst, solltest du lieber deine eigene Geige an deinem eigenen Kopf zertrümmern.«

»Meine Amati!« stammelte Bertold.

»Jawohl, deine Amati,« bestätigte Puppe Emmy ohne Kopf ungerührt. »Und es ist eine ganz schreckliche Geschichte. Hans wartet jetzt bloß, bis du ein Mann bist, dann fordert er dich zum Duell, hat er gesagt, und schießt dich tot.«

Bertold wollte laut rufen, daß er doch auch dabei den Hans totschießen könnte, aber sein Gerechtigkeitsgefühl verbot es ihm, und im Bewußtsein seiner Schuld senkte er tief den Kopf.

»Darf ich auch nicht, bis ich tot bin, mit Liselotte spielen?« fragte er zaghaft.

»Nein,« lautete Puppe Emmys unbarmherzige Antwort. »Die Liselotte mag auch gar nicht. Alle Leute sagen, du wärst so ein Zornnickel, daß man seines Lebens nicht sicher wäre.«

In Bertold begann sich schon wieder etwas zu regen, – es stieg ihm heiß ins Gesicht, und Tränen des Zorns füllten seine Augen.

»Wie die Nachtwächter habt ihr Beethoven gespielt,« brach er leise grollend los, »und dann nachher – – –«

»Wenn es doch aber wahr ist –« eiferte Puppe Emmy und stürzte sich in des Wortes vollster Bedeutung unüberlegt und »kopflos« in eine höchst gefährliche Situation, – »dein Vater hat doch auch –«

»Schweig!« schrie Bertold und sah mit seinen erhobenen Fäusten so schreckenerregend aus, daß Liselotte einen gellenden Schrei ausstieß.

Auf diesen Ausbruch lief sofort Rektor Tüllen herbei, und auch seine Schwester kam aus der Küche gelaufen, und die übrigen Kinder verließen ihre Spiele und schauten neugierig in das verbotene Gebiet des Grasgärtchens.

Da stand der Junge, der beste Schüler, der seit wenigen Tagen das schwarze Schaf des Städtchens war, mit rollenden Augen und knirschenden Zähnen, aber in Gegenwart des Herrn Rektors fürchtete sich Liselotte nun nicht mehr. Sie raffte Puppe Emmy an sich, nestelte an ihrer Tasche, die sich ziemlich dick und auffällig unter ihrer Schulschürze bauschte, und dann flog etwas vor Bertolds Füße, und noch etwas und noch etwas.

»Da! – da! und da!« rief diesmal nicht Puppe Emmy, sondern Liselotte, die ebenso blaß war, wie ihr ehemaliger Freund rot; und alle Schwarzhausener Kinder sahen mit Genugtuung, daß hier eine von ihnen längst geneidete Freundschaft in Stücke ging.

Unzählige Bildchen flatterten zur Erde vor Bertolds Füße, viele seltene Steinchen, getrocknete Vierkleeblättchen und bunte Glaskugeln – lauter Sachen, die Bertold ach so mühselig einst gesammelt und der kleinen, geliebten Freundin dargebracht hatte. Auch seine wertvollsten Marken waren darunter und selbstgezeichnete Bildchen – – es lag nun alles im Kies des Grasgärtchens, und viele schmutzige Kinderhände bückten sich danach und schlugen sich darum. – – –

Totenblaß, aber mit hoch erhobenem Kopf schritt der Knabe über all die verschmähten Liebesgaben hinweg, die Hände hatte er tief in den Taschen vergraben, seine Augen schauten geradeaus – – – so ging er zur Schultür und zum Hause hinaus, ohne sich nur ein einziges Mal umzusehen.

Zum erstenmal seit ungezählten Jahren stand Rektor Tüllen wieder im Hause Eichen vor dem alten Herrn, der einst sein Gönner und Brotgeber gewesen war.

Und daran, daß er dort wirklich wieder stand, konnte der Rektor die Kraft der Liebe ermessen, die ihn mit seinem kleinen Schüler verband.

Diese Kraft allein hatte ihn über die Schwelle des Hauses gezogen, aus dem er einst fortgewiesen wurde, und das er mit einem jungen Herzen voll Haß und Bitterkeit verlassen hatte.

Jetzt war er alt und mild geworden, und der Greis, der ihm einst wilde, harte Worte zugerufen, streckte ihm heute die Hand entgegen. Dabei wetterleuchtete es förmlich in dem alten Gesicht, – er setzte auch ein paarmal zu einer Begrüßung an, aber das Reden war nie eigentlich seine Sache gewesen, und er fühlte wohl, wie schwer es war, nach fünfundzwanzig Jahren plötzlich eine Anknüpfung zu finden, besonders bei einem so jäh zerrissenen Faden.

Aber sein Händedruck war ehrlich und fest, und Rektor Tüllen erwiderte ihn ebenso.

Herr Eik von Eichen senior führte seinen Gast zu einem der tiefen Sessel in seinem Arbeitszimmer, und beide setzten sich.

»Erzählen!«

Es war nur ein barsch geknurrtes Wort, aber der Rektor hatte ein scharfes Auge und ein feines Ohr, er sah, daß sein Gegenüber heftig erregt war, und er hörte aus der Art, wie das einzige Wort hervorgestoßen wurde, etwas heraus, das ihn veranlaßte, sofort zu willfahren.

Ruhig und mit mildem Ernst setzte er dem alten Herrn alles auseinander, schilderte mit etwas trockener Sachlichkeit die Freundschaft des Knaben Bertold mit der kleinen Liselotte Windemuth, schilderte den Auftritt im Hause des Professors, soweit er ihn vom Hörensagen kannte, und betonte den heftigen Jähzorn des Knaben, der sich am letzten Schultage wieder erschreckend gezeigt und die Schwarzhausener von neuem aufgeregt habe. Er selbst, der Rektor, würde den Knaben nie aus der Schule gewiesen haben, denn Bertold sei ein kluger Kopf und lerne fleißig, im übrigen sei es ihm, Rektor Tüllen, gleichgültig, was seine Mitbürger dächten, aber Bertold habe vor drei Tagen die Schule freiwillig verlassen und sei bis heute nicht zurückgekehrt, deshalb sei er hier und wolle Herrn Eik von Eichen gut überlegte Vorschläge unterbreiten. –

Rektor Tüllen fühlte plötzlich bei dieser Unterredung, daß ein Diplomat an ihm verloren gegangen war.

Mit keiner Silbe lobte er den Jungen, dem sein ganzes altes Herz gehörte, mit keinem Worte beschönigte er Bertolds Jähzorn, – und von dem gottbegnadeten, wunderbaren musikalischen Talent des Knaben sprach er mit einer Nüchternheit, daß der argwöhnische Zuhörer auch nicht schattenhaft die Sorge spürte, welche Rektor Tüllen beseelte, wenn er an eine Erfolglosigkeit seiner Mission dachte. Er hatte ja vor diesem Gang eine lange Unterredung mit dem Organisten Brennstoff gehabt, und dieser hatte ihn nach allen Regeln der Diplomatie bearbeitet.

»Immer an den Wahlspruch des Alten denken: ›Nun gerade‹. Nicht das Herz ›weghuppen‹ lassen, wir müssen das Kind für Frau Musika retten, und dazu brauchen wir den alten Isegrimm. Rektor, reden Sie vorsichtig, Rektor, machen Sie keine Dummheiten!«

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