Die Eiks von Eichen (continued 2)
Reading edition
Der alte Eik war aufgesprungen und lief wild im Zimmer umher. Es schüttelte ihn wie ein Sturm. »Bande!« knirschte er, »Bande! Sie sind um kein Haar besser geworden, meine lieben Schwarzhausener. Was nicht im Geleise geht mit hü und hott, das wird einfach verfemt und totgeschlagen, – ich kenne sie, o ich kenne sie!«
Immer wieder durchmaß er das tiefe, große Zimmer mit wuchtigen Schritten, und sein schweres, stoßweises Atmen begleitete jeden Schritt.
Mit hartem Ruck blieb er endlich vor dem Lehrer stehen.
»Und Sie wollen sich überwinden, Herr Tüllen, und täglich hierher kommen, meinen Enkel weiter unterrichten?« fragte er ungläubig.
»Ja, das will ich,« bestätigte der Rektor. Plötzlich reckte er seine schmächtige Gestalt hoch auf und sah dem alten Eik furchtlos in die düsteren Augen. »Unter zwei Bedingungen will ich’s.«
Eik von Eichen senior erstaunte. Er kannte seit seiner frühesten Jugend nur gebückte, demütige Kreaturen, oder hämische und schadenfrohe, immer aber furchtsame Seelen, die ihm, wenn möglich, weit aus dem Wege gingen.
Daß dieser »hungrige Lehrer«, der ganz mit seiner Existenz auf die Milde der Schwarzhausener Bürger angewiesen war, und der offenbar ihn doch jetzt auch brauchte, – – ihm Bedingungen zu stellen wagte, war ihm mindestens neu, und deshalb interessierte es ihn.
»Bedingungen?« lachte er kurz auf. »Und die wären?« –
»Daß ich niemals Herrn Baldamus von Eik zu sehen brauche, und daß ich niemals für meine geistige Arbeit an dem Knaben Bertold irgendein Honorar anzunehmen brauche.« – – –
»Was für eine Verrücktheit!« rief Eik von Eichen senior. »Was wollen Sie damit? Meinen Sie, ich lasse mir etwas von Ihnen schenken?«
Lehrer Tüllen sah ihn ruhig an.
»Das müssen Sie wohl, Herr von Eik, – oder Sie verzichten eben auf mich. Nur die – – Anhänglichkeit an Frau Franziska, meine ehemalige Schülerin, führte mich nach fünfundzwanzig Jahren über diese Schwelle, und der Gedanke, daß Bertold Eik von Eichen zu schade ist, um in die Schablone der Schwarzhausener eingepreßt zu werden.«
Eine lange Pause entstand.
Unverwandt schaute der Greis mit den düsteren Augen auf den kleinen Lehrer, der wieder zusammengesunken, wie unter einer großen Anstrengung, in dem tiefen Lehnsessel saß.
»Ich nehme beide Bedingungen an.« Wieder streckte sich die große Hand aus, und der Lehrer legte die seine hinein.
»Herr Baldamus von Eik, mein Pflegesohn, will in den nächsten Wochen eine Auslandsreise antreten. Vorher will er sehen, ob sich einige Wünsche und Hoffnungen von ihm verwirklichen lassen, – – – hm – – das würde dann große Veränderungen in meinem Hause bedingen, die auch den Knaben mit betreffen würden. Vorläufig – – sehe ich Sie also täglich hier, mein Arbeitszimmer ist tabu für jedermann,« (wieder lachte er rauh), »Sie werden niemandem hier begegnen. Ich stelle aber auch eine Bedingung.«
Lehrer Tüllen sah gespannt fragend auf.
»Sie erwähnten vorhin, daß mein Enkel im Hause Windemuth musiziert habe, ich hörte aus Ihren wenn auch noch so bedachten Worten heraus, daß Bertold das Talent seines Vaters erbte, – ich will davon nie wieder etwas hören, merken Sie wohl auf. In dem Augenblick, da auch nur ein Ton des verfluchten Instrumentes an mein Ohr dringt, ziehe ich meine Hand von meinem Enkel ab.«
Wieder ging die große Gestalt mit dröhnenden Schritten auf und ab.
»Das ist eine sehr harte – – und eine ungerechte Bedingung,« tönte die ruhige Stimme des Lehrers.
»Darüber habe ich zu entscheiden,« lautete die schroffe Erwiderung. »Ich habe dem Bengel Windemuth die zerstörte Geige ersetzt, – wie ein Hohn war’s auf die ganze Vergangenheit, – ich – Eik von Eichen kaufte eine Geige – –« Wieder das heisere, rauhe Lachen, und wieder der Unterton dabei, nur dem feinen Ohre des Lehrers vernehmbar, ein Ton des grollenden Schmerzes, der vom bitteren Hasse kaum mehr zu unterscheiden war.
Lehrer Tüllen stand auf.
Er überlegte, daß er heute genug erreicht hatte, er wußte wenigstens, daß der Junge ihm für einige Zeit wieder gehörte, und daß die Förderung dieser jungen Menschenseele die köstlichste Aufgabe für ihn sein werde. Ruhig verabschiedete er sich vom Herrn des Hauses. Es wurde kein Wort weiter gewechselt, dann fiel die schwere Eichentür hinter ihm ins Schloß.
Ganz erschöpft saß der Rektor dann noch eine Stunde in dem Stübchen von Hieronymus Teichmann, der gemeinsam mit Kantor Brennstoff auf ihn mit Spannung gewartet hatte. Das Wiedersehen mit dem alten Vater seiner einstigen Liebe griff den Rektor ungemein an. Er war ja kein Jüngling mehr, und es stürmten seit einiger Zeit zu viel neue Eindrücke auf ihn ein. Fast mechanisch berichtete er über seine Unterredung mit Herrn von Eik, und der alte Teichmann saß ihm stumm und bedrückt gegenüber. Jeder erlösende Reim schien ihm abhanden gekommen zu sein.
Desto lebhafter und aufgeregter war Brennstoff.
»Diese ganze Sache ist nur ein Danaergeschenk,« grollte er. »Himmelherrgott, was nützt uns alles, wenn diese verrückte, tolle, hirnverbrannte Bedingung mit der Geige bestehen bleibt. Diese ist sozusagen die Hauptsache im Leben des jungen Eik, wie Frau Musika überhaupt das A und O eines jeden musengeküßten Individuums sein müßte. Wenn Jung-Bertold auch weder schreiben, noch lesen könnte, – mit seinem Geigenspiel allein käme er durch die ganze Welt. Musik macht gut und groß und erbt in jedem Falle den Himmel, und die heilige Cäcilie ist wahrhaft anbetungswürdig!«
»Brennstoff, stoppe ein wenig!« bat jetzt Hieronymus. »Mir scheint, das Schicksal hat’s schon gut gemeint. Unser Junge, der Bertold, in sicherer Hut, – der Gedanke belebt schon meinen Mut. Paßt auf, – was heute noch meilenweit, das kommt schon näher mit der Zeit.«
»Unsinn, Hieronymus! Frau Musika ist ’n ungeduldiges Weibsen. Das wartet nicht. Und so’n Talent verkommen lassen, – was sag’ ich, Talent? – – so’n Genie!« – – –
»Ein Genie bricht sich immer Bahn,« warf Rektor Tüllen ruhig und etwas müde ein, reichte den beiden still die Hand und ging.
»Billige Brombeerenweisheit,« rief ihm Brennstoff nach. »Herrgott, ich hätte dem alten Eik gegenüber stehen sollen,« tobte er weiter und vergaß ganz, daß er vor kaum zwei Stunden noch ausgerufen hatte: »Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang, Gott sei gepriesen, daß ich mit dem Schlagetot nicht allein zu sein brauche!« – –
Schwarzhausen selbst stürmte, brauste und gärte in ungeheurer Aufregung. – Daß man den Bertold nicht sofort auf den Schub gebracht und irgendwohin expediert hatte, war so echt Eikensch. Alles sah dem alten Einsiedler in Eichenborn aufs Haar ähnlich nach der Meinung der Schwarzhausener Bürger:
Daß er dem Herrn Professor Windemuth wieder nachträglich die ersetzte Geige mit einem groben Brief abgejagt und sie dem Bertold geschenkt habe, damit dieser ein großer Künstler werde, daß er den »Rektor Dillen« mit unerhörten Drohungen gezwungen habe, den Unterricht des Knaben im Hause Eichen zu übernehmen, und daß er mit dem jähzornigen Enkel zusammen nun einen bitteren Haß gegen alle gut gesinnten Bürger der Stadt fühle und immer neu schüre, so daß man sich ja wohl seines Lebens nicht mehr sicher fühlen könne. Wie wohl der ehrenfeste Herr Baldamus Eik darunter litt. Er sah in letzter Zeit recht schlecht aus – – – ein Jüngling war er ja gerade auch nicht mehr, und es wäre wohl die höchste Zeit für ihn gewesen, sich nach einer Hausfrau umzusehen, die dann vielleicht die Macht gehabt hätte, etwas mehr Zucht und Ordnung in den Eichenborn zu bringen. Das, was einige munkelten, – – Herr Baldamus stiege noch immer der schönen Witwe Malcroix nach, die ihn einstens verschmähte, war natürlich Unsinn, – die hätte wohl mit beiden Händen zugegriffen, wenn ihr Gelegenheit geboten wäre, sich warm und unabhängig vom Vater in Eichenborn festzusetzen. Denn Herr Baldamus besaß ein großes, eigenes Vermögen. – – –
Durch die dicken Mauern des Eichenborns drangen diese Gerüchte nicht.
»Wie kann ich Ihnen danken!« hatte Franziska Malcroix mit hellen Tränen in ihren schönen Augen den Rektor gefragt, als er zum erstenmal den Unterricht beginnen wollte.
»Ich habe zu danken!« lautete die ruhige Antwort, »daß Sie so viel Vertrauen hatten, mir dies seltene, liebe Kind zu überlassen.«
über die Bedingungen, die von beiden Parteien gestellt waren, sprachen sie nicht. Bertold, dem Nächstbeteiligten, war der Befehl seines Großvaters unbekannt geblieben.
Seine Freunde, von denen ja die Mutter sein allerbester war, wollten ihn nicht zum bewußten Ungehorsam verleiten, aber sie wollten auch nicht die Schuld auf sich laden, dies herrliche Talent verkümmern zu lassen, so ging Bertold jeden Tag eine Stunde in das Haus von Kantor Brennstoff, und dieser gab ihm gediegenen theoretischen Unterricht mit dem innerlichen, heißen Wunsche, Gott möge ein Wunder tun und irgendeinen großen Meister nach Schwarzhausen führen, der dann den Jungen mit sich fortnehmen würde.
Inzwischen führte Bertold ein strenges Leben der Arbeit.
Er sah so wenig frohe Menschen, es war, als ob die Luft des Hauses Eichenborn jedes Lachen im Keime erstickte.
Und Bertold hatte doch so gern gelacht.
Seine Mutter bemühte sich wohl, in seiner Gegenwart heiter und froh zu erscheinen, aber sein feines Empfinden fühlte deutlich das Bemühen und den Schein heraus. Zudem glaubte er, daß sein häßlicher Jähzorn die Ursache von Frau Franziskas Tiefstimmung sei, und er grämte sich darum.
Täglich wurde sein nachdenkliches Gesichtchen etwas schmaler, trotzdem ihm seine Mutter die sorgsamste körperliche Pflege angedeihen ließ, trotzdem im Parke Luft- und Sonnenbäder errichtet waren für ihn und der Großvater, den er aber selbst kaum jemals zu Gesicht bekam, ihn auf vier Wochen nach Borkum geschickt hatte, unter Aufsicht des Herrn Rektors Tüllen, seines verehrten Lehrers.
War es die Scheu, täglich unter so vielen, fremden Menschen zu sein, war es die Sehnsucht nach seiner geliebten Mutter, die beim Großvater zurückgeblieben war, – – Bertold kam noch ein wenig blasser und hagerer, sowie gänzlich appetitlos aus dem Seebade zurück.
Sie forschten und fragten und ergingen sich in Mutmaßungen, aber keiner ahnte, daß es ein kleines, quecksilbriges Persönchen war, das dem Knaben beständig vorschwebte, – daß Liselottes altkluges Reden, ihr unermüdliches Interesse, ihre frische Lebendigkeit ihm fehlte, – wo er ging und stand, – ach so sehr fehlte!
Aber über seine Lippen kam kein Wort, und auf seinem ausdrucksvollen Knabengesicht lag ein neuer Zug, – etwas wie Verachtung; der war an jenem Tage entstanden, als seine kleine Freundin ihm so mitleidlos das liebevoll aufgespeicherte Sammelsurium vor die Füße warf. –
In dem ausgedehnten Parke hinter Eichenborn ging der alte Eik von Eichen täglich eine Stunde spazieren.
In früheren Zeiten, die aber weit, weit zurücklagen, hatte das Herrenhaus ganz einsam dagestanden, nur Wald und Wiesen, Sträucher und Hecken waren seine Nachbarn gewesen, und ganz am Ende der Besitzung, die sich weithin ausdehnte, schlängelte sich die wilde Gera wie ein silbernes Band.
Genau so entfernt, wie Haus Eichenborn vom Ort Schwarzhausen lag, war auch die seelische Entfernung der aristokratischen Bewohner von den Bürgern des Städtchens. Kaum einer fühlte das Bedürfnis, die lange und langweilige, schnurgerade Allee zu durchwandern, um das langgestreckte düstere Haus Eichen aufzusuchen, das wie ein verwunschenes Märchenschloß in seinem Eichendickicht lag, in welchem nur ruhig-ernsthafte oder boshaft-jähzornige Menschen wohnten, auf manches Glied waren auch beide Eigenschaften zusammengefallen.
Nur die jeweiligen Pfarrer hatten seit Generationen treu zu den Eichens gehalten, weil sie sich allzeit als ein frommes Geschlecht auszeichneten, zu denen auch die Kirche immer mit ihren Wünschen und Bedürfnissen kommen konnte, ohne Gefahr zu laufen, abgewiesen zu werden. Knauserei gehörte jedenfalls nicht zu den vielen Untugenden, die den Eik von Eichens mit Recht oder Unrecht nachgesagt wurden. Im achtzehnten Jahrhundert ward ein ganz besonders tatkräftiger Bertold Zacharias Eik von Eichen Erbe des Eichenborns, und er war es, der auf seinem eigenen Grund und Boden Reichtümer in Gestalt von Feldspat entdeckte. Er war der Begründer der großen Eikschen Porzellanfabriken und zugleich der festgegründeten Wohlhabenheit des Hauses Eichenborn.
Beziehungen mit Frankreich wurden angeknüpft, und der Gatte von Franziska Malcroix war der Urenkel jenes Mannes, der durch die erste Lieferung von weichem Frittenporzellan mit Haus Eichen in Verbindung trat.
Schwarzhausen fing an, sich zu dehnen und zu strecken, Fabrikgebäude, Schmelzöfen und Ziegeleien wuchsen auf, alle unter der Firma: »Eik«, und um das düstere Haus selbst lagerten sich wie ein Kranz die roten Ziegeldächer der schmucken Häuschen, in denen die Angestellten wohnten.
Es hatte in merkwürdig genauer Abwechslung immer einen streng gewissenhaften, fleißigen Eiksohn gegeben, der das Besitztum mehrte, und dann wieder einen genialen Feuerkopf, der sich nicht in Schablonen pressen ließ, und der in einem selbstgewählten Berufe genügend Zeit fand, aus dem Geleise der Eiks zu weichen und das reichlich vorhandene Vermögen auch nützlich oder unnützlich zu verbringen. Ein solcher Feuerkopf war Lorenz Eik von Eichen, der Vater des Herrn Baldamus gewesen.
Bertold Eik senior hatte diesen jüngeren Bruder sehr geliebt, aber das Drohnenleben, welches Lorenz führte, war allezeit der Gegenstand heftigen Unfriedens zwischen ihnen beiden gewesen.
Durch die vom älteren Bruder und Chef des Hauses förmlich aufgezwungene Ehe mit einer stillen, demütigen Frau, die sich später als eine im ärgsten Muckertum steckende Seele entpuppte, wurde Lorenz zur Verzweiflung getrieben, – er nahm sich das Leben. – Bertold Eik holte den verwaisten Baldamus zu sich und führte einen jahrelangen erbitterten Kampf mit der Mutter des Knaben, bis auch diese starb. Baldamus war das getreue Ebenbild seiner Eltern. Vom Vater den Hang zum Leichtsinn, ohne die geniale Offenheit und Frohmütigkeit dabei, die ersetzt wurde von der glatten, gesellschaftlichen Miene des Scheines. Von der Mutter den Hang zum Duckmäusern. – »Laß dich nicht erwischen!« war ein Gebot, das obenan im Katechismus des Baldamus Eik stand, und da er es verstand, diese Lehre mit dem, was Kirche und Schule von ihm verlangten, in Einklang zu bringen, so fand sich niemand genötigt, seinem Pflegevater die Augen zu öffnen, ausgenommen der junge Hauslehrer vor vielen Jahren, der denn auch umgehend »flog«.
An all dieses dachte Herr Bertold Eik, wenn er in der Mittagsstunde seinen Spaziergang machte. Er schlief trotz seines hohen Alters niemals nach Tisch, wie er auch Schlafrock und Hausschuhe verachtete und wegen seiner immer noch scharfen, alles Ungehörige sofort entdeckenden Augen in Haus und Fabriken sehr gefürchtet war.
Heute dachte er noch an etwas anderes.
Seit fünfzig Jahren spielte er mit seiner Schwester Adelgunde jeden Abend eine Stunde Schach.
Die Schwarzhausener irrten sich sehr, wenn sie glaubten, Fräulein Adelgunde hätte keine weiteren Interessen als ihre Häkelspitze, die allerdings beinahe um das Fürstentum herumreichte, – sie hatte nur kein Interesse für Kaffee- und Teegesellschaften, für Skandalgeschichten und fahrlässige Verleumdungen, sie besaß aber eine tiefe Heimatliebe, einen Lokalpatriotismus, der weit über alles Maß hinausging, und der sie einst in jungen Jahren alle Bewerber ausschlagen ließ, – sie wollte ihre Geburtsstadt nicht verlassen. Sie liebte Schwarzhausen, wie eine Mutter ihr ungeratenes Kind liebt, denn als solches hatte sich das Städtchen ihr gegenüber immer bewiesen, freilich ahnte es ja auch nicht, wem es sein Krankenhaus, sein Säuglingsheim, seine schönen Anlagen und den bedeutenden jährlichen Zuschuß zum Damenstift verdankte.
Fräulein Adelgundes rechte Hand wußte niemals, was die linke tat, aber das war in Schwarzhausen nicht wohl angebracht. Deshalb liebte Fräulein von Eik mehr als die Mitbürger die Heimaterde, das heilige Fleckchen, darauf sie geboren und darinnen ihre Ahnen schlummerten, sie liebte die dunkeln Tannenwälder und grünen Fichten, die geheimnisvollen Waldwiesen und rauschenden Waldbäche und die muntere, glänzende, heiter-geschwätzige, wilde Gera.
Fräulein Adelgunde zählte fünfundachtzig Jahre, aber ihr Geist war klar, ihre Augen waren durchdringend und scharf, und wenn sie abends dem Bruder zurief: »Schach dem König!« dann klang ihre Stimme beinahe jugendlich und hell.
Hatte sie Herrn Bertold dann, wie es gewöhnlich geschah, matt gesetzt, dann warf sie froh-geschäftig die Figuren zusammen und äußerte wohl: »Gott Lob und Dank! Wenn ich heute nacht sterbe, so habe ich wenigstens die letzte Partie gewonnen!«
Und einmal hatte der Bruder darauf geantwortet: »Die vorletzte! Ob man die letzte Partie gewinnt, das weiß kein Mensch!«
Jedenfalls war dies Schachspiel allabendlich, wenn nicht unaufschiebbare Geschäftsreisen oder ernste Krankheiten dazwischen gekommen waren, seit fünfzig Jahren so wiederkehrend, wie das Amen in der Kirche, und deshalb hatte es denn auch Herrn von Eik stark verblüfft, daß gestern abend die Schwester weder die Figuren aufstellte, noch, als er ihr diese Obliegenheit abgenommen, irgendeinen Schachzug tat.
Tief nachdenklich hatte sie im Sessel gelehnt und zum ersten Male in ihrem Leben statt des Spieles ein absonderliches Gespräch eröffnet.
»Das ist sehr unrecht von dir, Bruder Eik!«
Daß irgend jemand es wagte, ihn, Bertold Eik senior, zur Rede zu stellen, war jedenfalls neu, und deshalb erregte es das Interesse des Alten.
»Was ist unrecht?«
»Ich kenne ja das Kind nicht,« fuhr Fräulein Adelgunde jetzt mit etwas belegter Stimme fort. »Ich will es nicht kennen, wie ich auch deiner Tochter noch meine Schwelle bis jetzt verweigerte. Sie hat das ehrenhafte Haus Eichen durch Flucht verlassen, und ich bin zu alt, um Eichenborn als ein Gasthaus ansehen zu lernen, in das man beliebig zu jeder Stunde kommen oder aus dem man ohne Gottbehüt gehen kann. Das müßt ihr erwachsenen, denkenden Menschen mit euch selbst ausmachen. Aber ich bin Mitglied vom Tierschutzverein, und ebenso hilfsbedürftig, wie die stumme Kreatur, dünken mich Kinder. Und hier bei uns im Eichenborn wird eins gequält, – das ist sehr unrecht von dir, Bruder.«
»Ich quäle keine Kinder,« war die rauhe Erwiderung.
Mit einem einzigen Griff hatte Fräulein Adelgunde alle aufgestellten Figuren umgeworfen. Damit zeigte sie, daß das Spiel ihr heute völlig verleidet sei.
»Du tust es!« entgegnete sie fest. »Nie kommt ein anderes Kind in unser stilles Haus, dein Enkel hat keinen Umgang als seine Mutter, die mehr Tränen als Lachen kennen gelernt hat. – Du hältst dem Knaben kein Pferd, und nie sah ich ihn im Hofe turnen oder spielen oder auf dem See rudern; die Schwimmanstalt am Ende des Parkes ist verfallen, weil Baldamus ein Weichling und du zu alt bist, – – hast du dir denn schon einmal überlegt, Bertold, daß dieses Kind der Letzte unseres Stammes ist? Weißt du etwas von ihm? Was hat er für Anlagen? Was für Eigenheiten? Hat er das Talent seines Vaters geerbt? Oder nur schlechte Anlagen von ihm? Liebt er dich und die Familienüberlieferungen unseres Hauses? Wird er in unser ehrbares, philisterhaftes Gefüge passen, oder –«
Wie scharfe Hiebe waren diese Fragen der alten Schwester auf den Herrn des Hauses gefallen und hatten einen seiner heftigsten Zornanfälle hervorgerufen. Aber dieser Anfall hatte gar keinen Eindruck auf Fräulein Adelgunde gemacht, – sie legte die Schachfiguren in den alten, wunderbar eingelegten und geschnitzten Kasten, und dann war sie mit der eindringlichen Mahnung: »Besinne dich, Bruder – – auf dich und unser altes Haus!« in ihr Schlafgemach gegangen.
Das fand Herr Eik von Eichen abscheulich von der Schwester, denn er selbst hatte natürlich kein Auge zugetan, und die ganze Nacht hindurch wie auch den heutigen Tag hatte ihn die Frage verfolgt: »Denkst du daran, daß er der Letzte unseres Stammes ist?«
Über Baldamus, der ja noch in den besten Jahren stand, war die Schwester einfach hinweggegangen.
Er war ihr sein Leben lang unsympathisch und fremd geblieben, und manchmal hatte auch Herr Bertold Eik an ein Kuckucksei denken müssen, denn die Vereinigung von böser Lust und Muckertum war bisher unbekannt in der Geschichte des Hauses gewesen.
Und daß niemand aus der weiteren Verwandtschaft, niemand aus seinem Fabrikbereich, niemand von den maßgebenden Persönlichkeiten in der Stadt selbst ahnte, daß Herr Baldamus nicht ganz der Erzengel Gabriel war, für den man ihn hielt, – das hatte den alten, grimmen Eik oft höhnisch und überhebend lachen lassen. Er war sich ja über sich selbst nicht klar.
Er wußte nicht, daß er selbst den einst so geliebten Pflegesohn noch immer viel zu hoch einschätzte, – wie hätte er sonst auch nur einen Gedanken an seinen ehemaligen Plan verschwenden können, seine Tochter Franziska mit seinem Neffen Baldamus Eik zu vermählen, – eine Hoffnung zu nähren für seine letzten Tage, daß der Name Eik von Eichen in aller Reinheit der Rasse neu erstehen könne.
Mit schweren, wuchtigen Schritten ging der Greis den schmalen, tannenbestandenen Weg entlang, der zu einem kleinen Tempelchen führte, von welchem man einen schönen Blick auf die Berge, Wiesen, Wälder und den Fluß hatte. Dieser steinerne Tempel hatte auf die Kinderspiele von Generationen Eiks hinabgeschaut, – die Chronik erzählte von Kinderbällen und Theateraufführungen, von Festgelagen der Stadt- und Dorfjugend, sogar von dem Besuche eines jungen königlichen Prinzen bei den Eiks, und so wenig sentimental der grimme Bertold Eik auch veranlagt war, er wußte, daß bei diesem altersgrauen Tempel immer etwas wie Heimatgefühl über ihn kam, weil seine Kindheit sich unter den Augen einer guten, sorglichen Mutter dort abgespielt hatte.
Ein schmaler Weg mündete von den Anlagen des Damenstiftes her an dem Tempel, aber er wurde beinahe nie begangen, denn die adligen Jungfrauen hatten eine wahre Dornröschenhecke um ihre Burg wachsen lassen, und nur wenige von ihnen wußten noch um den Weg, den einst Adelgunde von Eik und Hermine von Windemuth, eine Großtante der kleinen Liselotte, angelegt, als sie noch junge, reizende Mädchen voll glühender Freundschaftsgefühle gewesen waren. Jetzt war der Weg moosbewachsen und durch überhängende Zweige beinahe unkenntlich geworden, nur sehr schmale Füßchen konnten ihn durchwandeln und sehr schmale Persönchen: wie es auch damals die feingliedrige Hermine von Windemuth gewesen, der die erste, bewundernde Liebe des Bertold Eik senior gegolten.
Schmal und fein war auch das goldlockige Mädchen, das heute diesen Weg entlang geschlüpft war und – nun auf der Korbbank des Tempels saß, mit großen, trotzigen Blauaugen auf ein Bündel schauend, das in seinem Schoß lag.
Liselotte bemerkte kaum das Herannahen des alten Herrn, der unhörbar auf dem weichen Moose daherschritt, und als sein großer Schatten in den Raum fiel, erhob es erschrocken den Kopf.
»Ach du bist’s,« meinte Liselotte dann aber ganz ruhig, »ich glaubte schon, es sei der schreckliche Kerl.«
»Wer ist denn das?« fragte Herr von Eik und wunderte sich selbst, daß er sich mit der Kleinen in ein Gespräch einließ, aber dies Kind hatte die Windemuthschen Augen, und er sah gern in sie hinein.
»Eigentlich bist du es ja,« entgegnete Liselotte gleichmütig, »aber ich nenne den Herrn Baldamus so.«
Eik senior lachte heiser. »Und wer nennt mich so?« fragte er rauh.
»O – alle! Die Base Juliane und die Trine und die Frau Postverwalter und die Eiermale und der Briefträger und – –«
Liselotte streckte ihm plötzlich die Hand hin. »Ich hab’ dich nie so genannt,« versicherte sie treuherzig, »ich fürchte mich auch gar nicht vor dir, du darfst dich gern neben mich auf die Bank setzen, du störst mich nicht.«
Eik senior sah mit einem Gemisch von Zorn und Humor auf das kleine Ding hin, das ihm auf Eikschen Grund und Boden gnädigst erlaubte sich zu setzen. Aber zu seinem eigenen großen Erstaunen setzte er sich wirklich.
»Wo kommst du eigentlich her, Hermine?« fragte er weiter.
»Liselotte heiße ich. Hermine ist ja meine Großtante drüben im Damenstift, und die habe ich eben mit Base Juliane besucht. Es ist furchtbar langweilig bei ihr, und denke dir, – sie kann Puppe Emmy nicht leiden. Deshalb zwängte ich mich durch die Dornenhecke und lief hierher.«
Voll Entrüstung sagte es die Kleine, und gleichzeitig hob sie das Bündel von ihrem Schoß auf und drückte es in den Arm des neuen Freundes. »Ist sie nicht süß? Leider immer krank!«
Herr von Eik beschaute sich das grau-schmutzige Bündel, ohne sich zu rühren. »Ich kann den Kopf nicht finden,« meinte er unbehaglich.
»Den kann auch kein Mensch mehr finden,« berichtete Liselotte entsagungsvoll. »Weiß Gott, wo er sein mag. Das ist ja eben ihre schwere Krankheit. – Bitte, rühr’ dich nicht,« bat sie eindringlich, als Herr von Eik Miene machte, seine unbequeme Stellung als Kinderwärter aufzugeben, »Puppe Emmy mag gern so liegen, es beruhigt alle ihre Nerven so.«
Die Windemuthsaugen sahen vertrauend in die strengen, von buschigen Brauen umrahmten Eiksaugen und übten seltsame Macht. Herr Bertold senior rührte sich nicht. –
»Sprechen kannst du gern,« ermunterte ihn Liselotte nach einer Weile. »Auch lachen, wenn es dir Spaß macht.«
»Ich wüßte nicht, worüber,« war die kurze Antwort.
»Ich meine auch bloß so.«
»Woher kennst du denn diesen Platz?« fragte der alte Herr, und da er ein leises Kribbeln in seinem linken Arm wahrnahm, bettete er Puppe Emmy in seinen rechten, welche Tätigkeit ein ganz süßes, mütterliches Lächeln auf Liselottes Gesichtchen zauberte.
»Diesen Tempel? – Da hat mir zuerst Großtante Hermine davon erzählt,« beantwortete sie jetzt die Frage. »Auch von dir hat sie mir erzählt, lauter so gute, schöne Sachen, wie du früher warst vor hundert Jahren, und dann brachte ich ihr auch mal den Bertold. Da meinte sie, das wäre auf und nieder dein Ebenbild, – sie hatte auch so’n närrischen Namen für ihn, den lernten Bertold und ich auswendig: ›Schewalliee ßang Pör ang Minniatür‹.«
»So? Hm!«
»Ja und dann fragten wir sie, was das auf Deutsch wäre, – ein Ritter ohne Furcht und Tadel, aber nicht so’n großer, wie du, sondern ein winziger. Das war doch nett von ihr, nicht wahr, Herr von Eik? Ich habe ihr auch nicht erzählt, daß du dem Diener manchmal die Feuerschaufel an den Kopf geworfen hast und so viele Gläser.«
Mit einem einzigen Ruck stand der alte Herr auf, und Puppe Emmy flog auf den Boden. Ein Wehschrei ertönte, und jetzt sah ein blasses, zorniges Gesichtchen den Schloßherrn an.
»Du hast es wohl gar mit Willen getan?« fragte ein ungläubiges, bebendes Stimmchen. »Ja, ist denn das möglich? So ein armes, krankes Emmylein auf die Erde zu ballern? Mit ohne Kopf und Sägspänenentzündung? I, da glaub’ ich aber nun auch, daß du ein – – –«
Herr von Eik sah mit unbeschreiblichem Ausdruck auf das Kind nieder, und in seinem Blick mußte etwas liegen, was dieses unerschrockene Persönchen zwang, seinen Satz unvollendet zu lassen. Hastig nahm es die mißhandelte Puppe auf den Schoß und begann, sie kunstgerecht aufzuwickeln. »Natürlich,« – meinte Liselotte verlegen-sachverständig, »naß ist sie auch, – natürlich, bei der Aufregung, – sie tut es sonst nie.«
Rasch wurde dem Puppenwagen anderes Weißzeug entnommen und das Püppchen trocken gelegt.
Wie lange war es her, seit Herr von Eik senior solch weiche Kinderlaute gehört, solch zarte Fingerchen hantieren sah! – Seine Franziska, ja die war auch solch Puppenmütterchen gewesen, und hier am Tempel hatte sie halbe Tage lang gespielt und mit der eigenen Mutter ihre kleinen Sorgen und großen Freuden besprochen. Nie mit ihm, dem Vater. Er hatte immer nur zürnend oder spöttisch ihr gegenüber gestanden und kein Verständnis für Kinderlachen und Kindertränen gezeigt. Und als die Mutter starb, da lag alles kindliche Vertrauen mit in dem schwarzen Schrein, darin man sie begrub, und Vater und Kind waren arm und einsam. Zwar kam die Liebe und das Vertrauen wieder, aber das wurde dann dem fremden Manne geschenkt, mit dem sein Kind entfloh.
Vielleicht waren es alle diese schweren, so plötzlich auf den alten Eik hereinstürmenden Gedanken, daß er einen Schritt näher herantrat, den blonden Scheitel der kleinen Zürnenden sacht berührte und mit guter, sanfter Stimme sagte: »Gib her, ich will dein Kind wieder gesund machen.«
Liselotte sah ihn prüfend und forschend an.
»Aha,« meinte sie verständnisvoll, »du willst nun gewiß Doktor sein, weil du so’n schlechter Vater bist. Na dann nimm sie, aber – vooorsichtig – ohhhh vooorsichtig – – –«
Als trüge er seltenes Glas oder Porzellan, so besorgt schritt Herr Eik von Eichen den Waldpfad zurück nach Haus Eichenborn mit einem wunderlichen, nie gekannten Gefühl im Herzen.
Vorsichtig schaute er sich um, ob ihn auch niemand sähe, wie er das kleine, unförmliche Bündel auf seinem Arm hütete.
Es war niemand Störendes zu sehen, nur die blondlockige kleine Gestalt stand unbeweglich im Tempelchen und blickte ihm mit großen, vertrauenden Augen nach.
Da winkte er mit der Hand, und das Mädelchen zog ein winziges, arg schmutziges Taschentüchlein hervor und winkte auch.
So schaute er sich wohl dreimal um, blieb auch dabei stehen und hörte die klare Stimme rufen: »Komm bald wieder, hörst du? Morgen, oder übermorgen, – ade, ade!«
Dann kam eine Wegbiegung und entzog ihm den lieben, ungewohnten Anblick.
Auch im Herrenhause selbst begegnete dem alten Herrn niemand, aber es fiel ihm heute zum ersten Male auf, wie öde und einsam die großen, weiten Hallen und Gänge waren.
Ordentlich unheimlich kamen sie ihm vor, aber weil er sich doch nicht gut fürchten konnte auf seine alten Tage, so zog er es vor, ärgerlich zu werden. Schon wollte er mit Stentorstimme nach Hieronymus oder sonst einem dienstbaren Geist rufen, doch da war etwas, das hielt ihn vor solch rücksichtslosem Gebaren ab.
Vor seinem geistigen Auge gaukelte immer noch das kleine, zierliche Mädchen mit den mahnenden Blicken: »Vorsichtig, damit Puppe Emmy nicht aufwacht!«
Mit einem Male stand der alte Herr still und horchte.
Es klang wie unterdrücktes Weinen an sein Ohr, jedoch er konnte keine Menschenseele entdecken.
Wieder ging er ein paar Schritte vorwärts und blieb dann abermals lauschend stehen.
»Ist jemand hier?« fragte er halblaut.
Keine Antwort, doch drang das Schluchzen deutlicher zu ihm, was ihn plötzlich veranlaßte, den mächtigen Kleiderschrank zu öffnen, der ihm selbst in seiner fernen Knabenzeit als Unterschlupf gedient hatte. Er fand eine zusammengekauerte Gestalt in der Schranktiefe, und nach ein paar Sekunden stand sein Enkel Bertold vor ihm, und ein vom Weinen verschwollenes Gesicht schaute zu ihm auf. Der Junge sah nicht sehr schön aus in diesem Augenblick, sondern recht gedrückt, kläglich und verzweifelt, und sein Anblick erbitterte den Alten, der gerade eben das hübsche, unerschrockene Mädchen vor sich gehabt hatte.
»Warum heulst du?« fragte er barsch.
»Ich – ich weiß nicht,« – lautete die verzagte Antwort, verbunden mit einem verlegenen Schulterziehen.
»Jammerlappen!« stieß Herr von Eik rauh hervor. Die Abneigung gegen seinen Enkel übermannte ihn förmlich und er fühlte, wie ein sinnloser Zorn in wilden Wogen über ihm zusammenschlagen wollte. Als sei er selbst nicht fünfundsiebzig, sondern fünfundzwanzig Jahre alt, mit solcher Kraft hob er den Knaben hoch und schüttelte ihn derb und ungestüm, so daß die schlanke Gestalt hin und her taumelte. »Jammerlappen! Deiner Lebtage wirst du kein Kerl, – kein Eik von Eichen! – Und sowas ist mein Erbe!«
Der junge Bertold hatte die Lippen zusammengepreßt und sah dem Großvater starr und groß in die Augen.
Da ließ ihn Herr von Eik los und stampfte mit schweren Schritten und keuchendem Atem davon; an Bertolds Kopf aber flog ein Bündel, im höchsten Zorn geworfen, und dann fiel die Eichentür hinter dem alten Herrn ins Schloß und der Knabe stand allein. Mechanisch hob er das Bündel auf, – er zitterte vor Angst, Zorn und Weh.
Herrgott, was war er für ein unglücklicher Junge!
Wie verloren kam er sich vor in dem großen, weiten Hause, – es litt ihn nirgends.
»Sei doch tapfer!« hatte ihn die Mutter ermahnt, mit der er die Aufgaben für Rektor Tüllen zu lösen versuchte, – – doch konnte er nicht sehen noch lesen vor den verdunkelnden Tränen. »Sei doch tapfer, was fehlt dir denn?«
Und zu wem er auch kam, – sei es im Stübchen des Hieronymus oder in der Wohnung des Organisten Brennstoff, – überall ermahnte und fragte man ihn: »Wer wird denn so weinen, – so ein großer Junge!«
O wie er sich schämte! Wie die Schmach brannte, gleich einem Bündel hin und her geschüttelt zu sein, er meinte, ersticken zu müssen vor Zorn über die brutale Behandlung. Aber größer als der Zorn und die Scham war das Weh in seiner Brust, – das wunderliche Etwas, – wie nannte er es? O wenn er doch seine Geige hier hätte! Daß er seinen Jammer in all den Melodien vergessen könnte, die in den Saiten schlummerten, und die er so oft geweckt hatte, wenn er sich einsam fühlte. Aber die Geige war dauernd zu dem Organisten gebracht worden, und nur in dessen Zimmer durfte er spielen, – nie allein mit ihr sein, nie. Wie furchtbar weh das tat! Aber war es die Geige allein, die ihm so schmerzlich fehlte? Wirklich ganz allein die Geige?
Wie aus weiter Ferne hörte Bertold die Laute einer zornigen Kinderstimme: »Nie spiele ich wieder mit dir, nie!«
Das war es. – – –
Mit einem Wehelaut warf sich Bertold auf den harten Fußboden und stöhnte in das Bündel hinein, das ihm der harte Großvater in ausbrechendem Jähzorn an den Kopf geworfen hatte.
Aber von dem Bündel ging etwas Seltsames aus, ein Duft, den der Knabe kannte und den er jetzt spürend und begierig einsog. Alle Arzeneien und Belebungsmittel, deren Liselotte in ihrem jungen Leben habhaft werden konnte, besonders Baldriantropfen, Kamillentee und Eau de Cologne, hatte sie verschwenderisch über Puppe Emmy ausgegossen, und an diesem Duft erkannte Bertold mit einem Schlage, was da vom Himmel herunter gefallen war.
Ja, vom Himmel. – Vergessen war der Großvater und sein Jähzorn, vergessen die schmähliche Behandlung, vergessen selbst die Geige – – »Puppe Emmy!« sprach der Junge laut, und eine heiße Zärtlichkeit lag in den zwei Worten verborgen und eine feste Zuversicht, als ob ja nun alles gut werden müsse.
Er erhob sich vom Boden, versicherte sich noch einmal am hellen Fenster, daß er wirklich das liebste Eigentum der verlorenen Gespielin in seinen Händen halte, schob dann die Puppe in seine weite Knabenbluse und atmete tief auf.
Wo sollte er das Kleinod verbergen? Denn daß er es nicht wieder heraus gab, stand ganz fest bei ihm. Er fragte sich gar nicht, wie das Bündel in seines Großvaters Hand gelangt war, – – es war ihm in seiner weichen Stimmung lieb, an ein Wunder zu glauben. –
Aber er zermarterte nun seinen Kopf, ein dauerndes Versteck ausfindig zu machen, wo er doch ab und zu hingelangen konnte, um das Bündel zu sehen. Der Boden! Das war ein Gedanke! Auf seinen Streifzügen war er in die verschiedensten Regionen gekommen, aber vor dem Boden hatte er sich immer noch etwas gescheut. Denn an der Bodendecke prangte ein unheimliches, mächtiges Bild in düster-bunten Farben, den großen Christopher darstellend – – er sah das Bild, wenn er den Kopf weit zurückbog und in die Höhe blickte.
Heute fühlte er keine Angst.
Puppe Emmy war wie ein Talisman, – ein Amulett, das ihn vor allem Bösen schützen mußte.
Sinnend, lächelnd und glücklich stieg der Knabe die Treppen in die Höhe, aber er erreichte den Oberboden nicht, er verirrte sich in andere, weite Gänge, in nie zuvor gesehene Säle und Zimmer, auf hallende, von schön und seltsam geschnitzten Geländern umgebene Treppen und in unzählige geheimnisvolle, dunkle Winkel.
Endlich geriet er auch wieder auf weiche Teppiche, die seinen Schritt dämpften, er sah lichte Fenster- und dunkle Türvorhänge und entdeckte schöne, farbenprächtige Bilder an den Flurwänden. Eine große, weiße Katze strich an ihm vorbei, und als er sie anrief, rieb sie sich zärtlich an seinem Körper. Das Wunderbarste aber war, daß ihm jemand aus einem der verschlossenen Zimmer »Bertold! Bertold!« zurief.
Er klopfte bescheidentlich an und trat ein.
Zuerst sah er nur einen großen, grauen Papagei, der sich schwatzend und kreischend in seinem Ringe schaukelte, dann gewahrte er in dem behaglichen Raume einen teppichbelegten, altmodischen Tritt, auf diesem ein in voller Bewegung befindliches Spinnrad, und davor – – – das konnte nur die alte Spinnerin aus Dornröschens Zauberschloß sein. Etwas wie Furcht beschlich ihn, aber er bezwang sich tapfer. »Haben Sie mich gerufen?« fragte er höflich und mit tiefer Verbeugung. Die graue, etwas gebückte Gestalt, die so eifrig spann, sah ihn forschend an. –
»Bertold, Bertold!« krächzte der Papagei, und nun lachte der schlanke Junge, lachte so herzhaft, so klingend, so musikalisch, so aus dem Innersten heraus, daß es tönend von den Wänden zurückkam.
Da stand das Spinnrad plötzlich still, und der Stuhl, worauf die graue Gestalt saß, wurde polternd zurückgestoßen. Trippelnde Schritte näherten sich dem Knaben, dann umschlangen ihn zwei Arme, und er sah in ein gutes, altes Gesicht, dessen blaue Augen voll Tränen standen.
»Du Junge! Du Bertold! Du echter Eik mit deinem Eikschen Lachen! Willkommen bei Großtante Adelgunde!«
Es mußte ja ein Märchen sein. Bertold rieb sich immer wieder die Augen, aber der Papagei und das Spinnrad blieben und die graue Gestalt blieb auch leibhaftig vor ihm, nur daß sie jetzt geschäftig im Zimmer herumlief und kleine Kuchen, Obst und feine Schokolade vor Bertold hinsetzte mit der Aufforderung, tüchtig zuzulangen. Das tat der Junge gern, denn in seinem großen Kummer war er nicht dazu gekommen, sein Vesperbrot zu genießen. Nun saß er neben der plötzlich entdeckten Großtante, die wohl hundert Jahre nach seiner Schätzung zählte, und sie nötigte ihn immer wieder liebevoll zum Zulangen, bis auch kein Stellchen in seinem Magen mehr frei war.
»Jetzt erzähle!« bat die alte Dame.
»Warum ruft der Papagei immer Bertold?« wollte der Junge gern noch wissen, »er kennt mich ja gar nicht.«
»Das gilt deinem Großvater,« lachte leise die Großtante. »Früher war der Papagei immer bei ihm, – – aber er ist so sehr gelehrig und gewöhnte sich alles an, was dein Großvater rief – – hm, – das war oft lästig – wenn er es so unablässig wiederholte. Jetzt habe ich ihm alles bis auf den Namen seines früheren Herrn abgewöhnt, – – der ja auch der deine ist, mein kleiner Bertold!«
Sie war so vertrauenerweckend, die Großtante Adelgunde!
Weit tat sich Bertolds Herz auf und erzählte ihr alles, seine Freuden, seine Leiden, seinen ganzen letzten Kummer.
»Du stehst jetzt unter meinem Schutz,« bedeutete ihm die alte Dame. »Und du wirst nicht mehr heimlich beim Organisten Brennstoff spielen, sondern du wirst hier laut und deutlich bei mir üben, und ich werde nach E. schreiben und den besten Lehrer für dich bestellen. Du wirst gleich heute noch deine Geige holen und sie zu mir bringen, – du lieber Herrgott, ich soll wieder einmal eine Amati in den Händen halten – und vielleicht können wir beide sogar zusammen musizieren.«
Die Achtzigjährige wurde ganz lebhaft, – sie trippelte zu dem hellen Mahagonispinett und öffnete es feierlich. »Mach’ noch einmal eine tiefe Verbeugung, kleiner Bertold, denn auf diesem Instrument hat – Beethoven gespielt.«
Der Junge atmete tief auf. Immer noch meinte er, alles müsse vor seinen Augen plötzlich verschwinden, – es war zu wunderseltsam, was er erlebte. Ungestüm warf er beide Arme um den Hals der alten Dame, daß sie sogar ein wenig taumelte.
»Ei, ei,« mahnte sie, »du ungestümer Eik! So sind und so waren sie eben auch alle. Aber ungestüm und musikalisch darfst du sein, wenn du nur nicht jähzornig bist,« setzte sie leise hinzu, indessen doch laut genug, daß Bertold sie verstanden hatte. Er erblaßte bis in die Lippen. »Schließ das Beethovenspinettchen!« bat er schmerzlich. »Ich – ich verdiene nicht, drauf zu spielen.« – – –
Der Abend brach herein. Mit einem zärtlichen »Gott behüt« wurde der Junge entlassen unter dem feierlichen Bedeuten, sein Mütterchen aufzufordern, sie möchte Großtante Adelgunde besuchen. Dann schritt er all die Gänge, Treppen und Treppchen wieder zurück bis zu dem Seitenflügel, den er und seine Mutter bewohnten.
Lange saß er noch mit Mutter Franziska in eifriger, zärtlicher Zwiesprache zusammen, und dann brachte sie ihn zu Bett und betete dankbar mit ihm. Unter seinem Kopfkissen aber lag, ohne daß es eine Menschenseele außer ihm selbst ahnte, ein schmutzig-weißes Bündel, und vielmals in der mondhellen Sommernacht zog er es hervor, um die geliebte Puppe Emmy ohne Kopf anzuschauen und sich zu vergewissern, daß dieser Gruß und Augentrost wirklich bei ihm sei. – Bis ihm nach all den aufregenden Sachen am heutigen Tage die müden Augen zufielen. –
Gegen Abend des nächsten Tages schritt Frau Franziska über Gänge und Treppen des Vaterhauses denselben Weg, den Jung-Bertold zurückgelegt. Sie aber kannte jedes Winkelchen, und aus jedem Eckchen schaute sie die Erinnerung an.
Das ernste Zürnen von Großtante Adelgunde hatte ihr schmerzlich weh getan, kaum wollte sie die liebe, freudige Botschaft aus dem Munde ihres Jungen als richtig ansehen.
So klopfte sie nur zaghaft an, aber auch ihr erschien der Ruf des grauen Papageis als eine günstige Vorbedeutung. Still öffnete sich die Tür, so als ob jemand schon lange, lange dahinter gestanden und auf ihren Schritt gewartet habe, – still öffneten sich zwei alte Arme, und das alte, dazugehörende Herz hatte wohl schon längst offen gestanden und sich nur noch etwas gewehrt, das auffordernde »Herein« laut zu rufen.
Die Liebe zu Jung-Bertold überbrückte auch lückenlos die große Kluft, welche die Flucht der Nichte vor Jahren gerissen, Tante Adelgunde dachte nicht mehr an Unrecht und Schmach, sie dachte nur an das Leid, das Frau Franziska getroffen, und das wollte sie jetzt mit ihren schwachen Kräften in Sonnenschein wandeln.
»Von gestern ab gehört der Junge mir mit,« rief die alte Dame in ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, »er selbst hat mein Reich erobert.«
In all den Tagen, die nun folgten, sah Frau Franziska ihren Vater wenig oder gar nicht, und Fräulein Adelgunde mußte es erleben, daß der Schachtisch und das Schachbrett völlig verwaist blieben.
Das war etwas Unerhörtes, und die Schwester nahm sich vor, dem Oberhaupt vom Eichenborn einmal wieder gründlich ihre Meinung zu sagen; als sie aber durch Zufall ihm begegnete, erschrak sie vor dem finsteren, gequälten Ausdruck in seinem Gesicht und verlor den Mut, ihn nach der Ursache zu fragen. Herr Baldamus von Eik war verreist.
Frau Franziska freute sich dieser Tage, – man hörte sie sogar mit ihrem Knaben lachen, und ihre Wangen bekamen einen Anflug feiner Röte, so daß sie oft wie ein junges Mädchen aussah.
So gern hätte sie nun recht gemütliche Mittagstunden mit ihrem Vater genossen, aber sobald sie mit Jung-Bertold das große Eßzimmer betrat, meldete ihr der Diener, daß Herr Eik von Eichen senior heute allein zu speisen wünsche. Dies »heute« bezog sich nun aber schon auf viele Tage. –
War es der junge Diener, der die Meldung machte, dann begnügte sich Frau Franziska mit einem Kopfnicken, – als aber Hieronymus Teichmann bei Tisch aufwartete und sie wieder nur zwei Gedecke erblickte, da trat sie rasch auf den alten Getreuen zu.
»Hieronymus, was ist’s mit dem Vater? Irgend etwas bedrückt ihn schwer, – ich sorge mich. Und du scheinst es zu wissen, Hieronymus, was hier vorgeht.«
Der Diener wich ihrem forschenden Blicke aus.
»Da ist nichts zu raten und nichts zu sagen,« murmelte er. »Haus Eichen hat einen guten Magen, und wenn wir dem lieben Herrgott trauen, kann der Eichborn auch das verdauen.«
»Ist es etwas sehr Schweres, Hieronymus?« fragte Franziska, ängstlich geworden, – – »ich kann es mir gar nicht zusammenreimen. Sind es etwa gar – Zahlungsschwierigkeiten?«
Ein leises Lächeln trat auf das gute, alte Gesicht des Faktotums.
»Du liebe Zeit, – so Schwierigkeiten, was haben die für Haus Eik zu bedeuten? ’s sind weiter nichts als Mückenstiche. – Aber es gibt so andere Schliche, – – die sich nicht ziemen für Eichenborn – die bringen Herzweh und heiligen Zorn. Ich bin nur ein Diener und hab’ nichts zu sagen, aber der Herr sollt’ dazwischen schlagen mit Knüppeln – und mit eisernem Besen auskehren all das schlimme Wesen.«
Er hatte sich in Zorn geredet, der Alte, und nun erschrak er, daß sowohl Frau Franziska, als auch Bertold die Suppe völlig unberührt gelassen hatten, und daß beide mit traurigen, ängstlichen Augen zu ihm aufschauten.
»Ich bin ein Schwätzer, Fräulein Franziska,« stotterte er, denn diese Bezeichnung gebrauchte er immer für seine liebe Herrin; sie sah so mädchenhaft aus, und der fremdländische Name, der ihr zukam, wollte nicht über seine Lippen.
»Vorhin ging der alte Valentin die Treppe hinunter,« nahm Bertold das Wort. »Er grüßte mich gar nicht, ich glaube, er war sehr krank und sah aus, als ob er geweint hätte.«
»Der alte Valentin?« fragte lebhaft Frau Franziska. »Ich war lange nicht bei ihnen, das ist eine häßliche Unterlassung von mir. Hat das hübsche Jettchen genug zu tun immer? Ich will ihr gern wieder Aufträge für Wäschesticken zuwenden – – –«
Hieronymus antwortete nicht, er hatte sich plötzlich zur Tür gewendet und war mit dem großen Präsentierbrett hinausgeschritten in unziemlicher Hast, die er sich noch niemals sonst hatte im Beisein der Herrschaft zuschulden kommen lassen. Mit bangen Blicken schaute ihm Frau Franziska nach.
Als er mit dem zweiten Gang herein kam, winkte ihm die junge Frau, damit er recht leise hantiere.
Im Nebenzimmer, dem Arbeitsgemach des alten Herrn von Eichen, hatten sich laute Stimmen erhoben, die sich immer mehr steigerten. Bekümmert und verständnislos sah Frau Franziska drein.
Jetzt nickte Hieronymus gleichmütig.
»Das ist die Arbeiterdeputation,« meinte er. »Wenn doch da unser Herr nachgeben wollte. Sie verlangen nicht zu viel, die Leute, es ist eben alles teurer geworden, und die Eiksche Fabrik sollte lieber mit gutem Beispiel vorangehen, als im alten Schlendrian verbleiben. Es gärt schon allzuviel unter den Böswilligen, aber das sind alles junge, verführte Leute, – unsere Arbeiter sind gut, – nur besser möcht’s eben jeder haben.«
»Ihr irrt euch,« tönte von drüben scharf und laut die Stimme, »zu mir kommt nur nicht mit so hirnverbrannten Ideen. Ob ich euch aufbessern kann, habe ich allein zu entscheiden, jedenfalls will ich es nicht, weil die letzte Aufbesserung erst vor Jahresfrist erfolgte und ich eine neue noch nicht für nötig halte; zwingen lasse ich mich nicht, das wißt ihr ja.«
Man konnte die Erwiderung nicht verstehen, aber jedenfalls wurde sie von einem Einzelnen in heftigem Ton gegeben.
»Der Heinrich Liebetraut ist’s,« murmelte Hieronymus ängstlich. »Nur beim Reden tut der Kerl nicht faul, – ich wollt’, er hielte jetzt – den Mund.«
Dem treuen Hieronymus versagte plötzlich der beabsichtigte, kräftigere Reim, denn drüben hatte Herr von Eik mit seiner kräftigen Faust auf den Tisch geschlagen. »Hinaus!« brüllte er, »macht, daß ihr hinaus kommt!«
Dann ein nicht eben sachtes Türenschlagen, das erregte Sprechen von drei oder vier Menschen auf dem Hausflur und hastiges Entfernen stark und polternd auftretender Männerfüße.
Mit klopfenden Herzen standen Franziska und Bertold nebeneinander, während Hieronymus leise das Zimmer verlassen hatte. Er konnte es nicht mit ansehen, wie eine Speise nach der anderen unberührt stehen blieb, und er konnte auch nicht der verehrten Tochter seines Herrn ganz genau Rede und Antwort stehen, konnte vor allen Dingen ihren ernsten, reinen Augen gegenüber nicht der Aufklärende sein, der ihr sagte, daß ihre letzte Zuflucht, ihre geliebte Heimat, in welche sie sich aus Unehre und Schmutz gerettet, längst eines eisernen Besens bedürfe, der viel Fäulnis, viel böse Stoffe herauskehren müsse.
Als Hieronymus die Tür öffnete, steckte Herr Eik von Eichen senior zur gleichen Zeit den Kopf aus seinem Zimmer herein, und der Diener erschrak, so grau und verärgert sah das Gesicht aus, so zornig die Augen zwischen den starken Brauen.
»Ich bin für niemand zu sprechen,« rief der alte Herr ihn an, »für niemand, weder jetzt, noch nachher, noch heute abend. Sorge dafür, daß keine Menschenseele auf diesen Flügel kommt, – meine Tochter und ihr Sohn sollen anderswo essen.«
»Sehr wohl, Herr von Eichen!« war die leise Antwort des bestürzten Hieronymus, und dann war er auf leisen Sohlen zu Frau Franziska zurückgekehrt, um ihr Bescheid zu bringen. Sie entfernte sich traurigen Blickes mit Bertold, – gar zu gern hätte sie mit ihrem Vater alle Vorgänge besprochen, wäre ihm so gern eine verständnisvolle Gefährtin gewesen in all diesen Wirren einer neuen Zeit, die den patriarchalischen Zuschnitt vom Hause Eichenborn längst nicht mehr verstand.
Aber Franziska wußte, daß ein Hereinreden in den väterlichen Zorn ihn nur noch mehr schüren und zur lodernden Flamme anfachen würde.
Mit mächtigen Schritten durchmaß der alte Herr sein Riesenarbeitszimmer. Beide Hände hielt er geballt, – ein schweres Stöhnen, unartikulierte Laute, die beinahe nichts Menschenähnliches hatten, entrangen sich seiner heftig atmenden Brust. Ein Jähzornanfall schlimmster Art hielt ihn gepackt, dabei schlug sein Herz hart und schmerzhaft gegen die Brust, und kalter Schweiß bedeckte seine Stirn. Immer wieder nahm er die Wanderung auf, der dicke Teppich minderte nur wenig das Dröhnen seiner Schritte.
Wütende Flüche und eine Flut von Schmähungen ergossen sich aus seinem Munde, er tobte in wilden Drohungen, bis er sich erschöpft niedersetzen mußte. Aber auch jetzt noch umkrampften seine großen Fäuste die Lehnen des tiefen Sessels, als wollte er sie zerdrücken. – – –
»Da bist du ja!« tönte ein durchaus tapferes, selbstbewußtes Stimmchen durch die schwüle Zornatmosphäre des großen Raumes. Liselotte Windemuth schloß sorgfältig die Tür wieder, legte beide Händchen auf den Rücken und schritt ruhig zum Arbeitssessel des alten Herrn. »Wo hast du Puppe Emmy?« fragte sie energisch.
Herr von Eik griff mit beiden Händen nach seinem Kopfe. Es sah aus, als glaubte er eine Erscheinung vor sich zu haben. Dann wich allmählich dieser Wahn von ihm, um einem erneuten Wutanfall Platz zu machen. Beide Hände hob er, als wolle er diese unglaublich freche, kleine Person da vor ihm niederschlagen.
Liselotte fing aber die Hände unterwegs auf und hielt sie fest. »Was machst du denn?« fragte sie unwirsch. »Du hast wohl Angst, ich tu’ dir nun was? – Ich will bloß mein Kind wieder haben. Auch wenn’s noch krank ist. Macht nichts! Gib’s her!«
»Ich habe es nicht,« stotterte Herr von Eik verblüfft. Ja, es muß gesagt werden, der grimmige, jähzornige, gegen jegliche Gefühlsduselei abgehärtete Herr von Eik war verlegen diesen blauen, unerschrockenen Kinderaugen gegenüber, besonders weil noch etwas anderes aus ihnen sprach, eine wirkliche, mütterliche Angst um ihr Puppenkind.
Und der alte Herr war all sein Lebtag ein zu gewissenhafter Mensch und Geschäftsmann gewesen, als daß er jetzt nicht eine Art unbehaglicher Beschämung empfinden sollte, weil er das Eigentum eines anderen verschleppt hatte. Wo in aller Welt hatte er Puppe Emmy gelassen?
Ob er diese Frage laut getan hatte? Jedenfalls zog sich Liselotte Windemuth einen der großen Sessel herbei, lehnte sich behaglich hinein und meinte: »Besinn dich nur, – ich habe Zeit!«
Dieses Wort hatte sie öfters von ihrem Väterchen gehört, wenn sie irgendeinen wertvolleren Gegenstand verschleppt hatte und sich nicht erinnern konnte, wohin er gekommen war. –
Bei Herrn von Eik war dies Verfahren aber doch nicht angebracht. Denn beim Besinnen kam ihm auch wieder der Zorn über den Eindringling, kam ihm das Bewußtsein, daß der Wertgegenstand eine abscheuliche, zerschlagene und zerrissene Puppe sei, und daß er über dem für ihn unwürdigen Forschen nach ihrem Verbleib eine Menge wertvoller Zeit vertrödele.
»Du mußt jetzt gehen,« beschied er die Kleine. »Die Puppe wird sich finden.«
Liselotte setzte sich noch etwas fester zurück. »Wo ist sie denn?« fragte sie ungerührt.
»Ich weiß es jetzt nicht, du hörst es ja.«
»Du hast sie jetzt schon viele, viele Tage, Herr von Eik. Hast du sie immer gut gefüttert?«
»Wen? Die Puppe? – Nein!«
»Nicht gefüttert? So lange nicht? Du hast sie hungern lassen?«
»Ach, Dummheiten! Puppen hungern nicht.«
Liselotte war starr über diese vermessene Behauptung. Aber sie hielt sich nicht dabei auf, sondern setzte streng das Verhör fort.
»Hast du sie gebadet?«
»Nein.«
»Trocken gelegt?«
»Nein.«
»Hast du ihr Geschichten erzählt und sie abends mit in dein Bett genommen?«
Liselotte hatte den Bogen zu straff gespannt. Die letzte Zumutung brachte dem gestrengen Herrn von Eik seine unwürdige Lage diesem Dreikäshoch gegenüber besonders zum Bewußtsein.
Mit einem energischen Ruck hob er das kleine Mädchen aus dem Sessel hoch, es wehrte sich kräftig und stieß und schlug um sich, verschlechterte aber dadurch nur seine Lage. Denn der Griff, der sie umklammert hielt, wurde nun fester und äußerst schmerzhaft, sie wurde von dem jetzt sehr aufgebrachten Herrn einfach zur Tür hinausgeworfen, die er dann unbarmherzig hinter sich abschloß. Liselotte wußte zuerst kaum, was ihr geschehen war, sie strich ihr zerknülltes, weißes Röckchen glatt und schüttelte die zerzausten blonden Locken, dann aber begannen ihre kleinen Fäuste energisch an die verschlossene Tür zu schlagen und zu pochen, – ein ohnmächtiges Beginnen diesem schweren Eichengefüge gegenüber. »Gib mir Puppe Emmy her! Ich will meine Emmy wieder haben!« schrie und schluchzte in Zorn und Verzweiflung das kleine Ding, daß das Echo gellend von den hohen, hallenden Gängen wiederkam. »Du da drinnen! Du großes Ungetüm! Du schlechter Kerl! Ich will meine Emmy ohne Kopf wiederhaben!«
Und als dieser Ausbruch nichts nützte, – ach so ganz und gar nichts, und nichts in dem weiten, unheimlichen, einsamen Gebäude sich rührte, niemand sich blicken ließ, der ihr Antwort auf ihre tobenden Fragen geben konnte, da brach Liselotte in ein schluchzendes, bitterliches Weinen aus, dann lief sie die Treppe herunter, durch das Grasgärtchen, zum Tor hinaus, durch die Straßen an schwatzenden Kindern, an neugierig stehen bleibenden Leuten vorüber, und in jammervoll hohen Tönen schrie sie: »Der schlechte Kerl! O der schlechte Kerl!« bis sie das Haus Windemuth erreicht hatte und Base Juliane das aufgeregte Kind in Empfang nahm. –
Der Spätabend war hereingebrochen, als Herr von Eik sich von seinem Sessel erhob und auf ein sachtes Pochen an der Tür diese öffnete.
Stundenlang hatte er allein gesessen, er hatte auch hin und wieder einen leichten Schritt sich nahen hören, und einmal hatte auch eine bittende Stimme gerufen: »Vater, willst du nicht wenigstens etwas zu dir nehmen? Ich ängstige mich.«
Aber er hatte mit finster gefalteter Stirn geschwiegen, und die leichten Schritte hatten sich wieder entfernt. Dann wieder nach Stunden hatte Schwester Adelgunde sich energisch gemeldet: »Bruder, – das ist ja Torheit, du wirst uns ja krank!« Aber auch sie war ohne Erfolg in ihre Gemächer zurückgekehrt.
Auch Hieronymus war zur Tür gekommen und hatte sich in wohlgeformten, etwas unsicher hervorgebrachten Reimen zur abendlichen Kammerdienstleistung gemeldet und durch die unerbittlich verschlossene Tür den Bescheid bekommen, daß sie alle der Teufel holen solle, als endlich ein bekanntes, etwas zögerndes Schreiten draußen vernehmbar wurde und auf das vorsichtige Klopfen die Tür sich öffnete.
Baldamus Eik von Eichen glitt in das Zimmer.
Es war erhellt von einer hohen, altertümlichen Öllampe, die auf dem Schreibtisch stand. Herr von Eik haßte Gaslicht und ebenso elektrische Beleuchtung, er war ganz und gar altmodisch vom Kopf bis zu den Füßen und stach gar nicht so sehr von seinem Pflegesohn ab, der in neuester Biedermeiertracht sich äußerst würdevoll präsentierte.
Nicht vereinbaren mit dieser äußeren Würde ließ sich der flackernde Ausdruck in seinen Augen, das verlegene Vorbeisehen an der imposanten Gestalt des Greises, der ihn düster und scharf ansah.
»Du hast mir hübsche Neuigkeiten zutragen lassen, Baldamus,« begann der alte Herr ohne Umschweife.
Dieser zuckte die Achseln. »Willst du es nicht meine Angelegenheit bleiben lassen, Pflegevater? Wir werden uns darüber nicht verständigen können und –«
»Allerdings nicht.« Man hörte in der Stimme des alten Herrn den aufsteigenden Sturm. »In derartig schuftigen Dingen habe ich keine Erfahrung.«
»Ich muß doch bitten – Pflegevater!« fuhr Herr Baldamus auf, aber er sah dem Alten nicht in die Augen. »Es ist meine Angelegenheit,« setzte er trotzig hinzu.
»Nein, die ist es nicht.« Herr von Eik senior war einige Schritte näher getreten. »Der alte Valentin Erkner ist seit vierzig Jahren an unserer Fabrik, er und seine alte Frau sind ganz gebrochen von der Schande ihrer Enkelin.«
Herr Baldamus zuckte unbehaglich die Achseln. »Laß uns doch nicht darüber sprechen! Ich werde alles mit ihnen abmachen.«
»Du willst sie heiraten, Baldamus?«
Ein häßliches Lächeln trat auf das Gesicht des jüngeren Mannes, – es verschwand aber sofort wieder und machte einem harten, wilden Ausdruck Platz. »Ich heirate niemand und will niemand heiraten, als die eine, die du mir einst fest versprachst. Hörst du, Pflegevater, – fest versprachst,« zischte Herr Baldamus. »Weiß Gott, ich bin ein geduldiger Warter gewesen, – – – hilf mir, Pflegevater!« Diese letzten Worte wurden mit völlig veränderter Stimme gerufen, er schien in großer Aufregung zu sein, ein ganz ungewohnter Anblick bei dem sonst so glatten, ruhigen, gesetzten Manne, den ja auch die Schwarzhausener gerade wegen dieser Ausgeglichenheit so sehr schätzten. Der alte Eik sah seinen Pflegesohn zornig und ungläubig an.
»Du weißt wohl nicht mehr, was du sprichst, Baldamus. Ich – soll Franziska zureden? Ich? Nachdem ich dies weiß? Und nachdem mir schon jahrelang der Anblick von Hieronymus Teichmann unerträglich war – – –«
»Laß doch die uralten Geschichten, Pflegevater. Ich wärme ja auch nicht auf – – –«
Lauernd richteten sich seine Augen auf den alten Herrn, der plötzlich müde und verfallen aussah. »Du weißt ja selbst, Pflegevater,« fuhr er langsam und streng betonend fort, »wie schwer es wird, immer und immer den Schein zu wahren, – – deine ganze Lebensarbeit hast du daran gesetzt, und die sittenstrenge Kleinstadt lohnt dir nicht einmal deinen einwandfreien Lebenswandel. Mehr als einmal schon – – –« er lachte hölzern und meckernd, »hörte ich, wie man dich einen ›schlechten Kerl‹ nannte.«
»Schweig!« rief Herr Eik senior heftig, und die Adern auf seiner Stirn schwollen an.
»Gut, ich schweige! Aber dann erzähle auch du keine ollen Kamellen und – – – sprich mit Franziska.«
Herr von Eik senior antwortete nicht, er ließ sich schwer in den Sessel fallen, und man sah, wie die furchtbare Aufregung in ihm arbeitete. Erst als er bemerkte, daß Baldamus das Zimmer verlassen wollte, beruhigte er sich etwas und rief mit heiserer Stimme seinen Pflegesohn an.
»Bleibe noch, Baldamus! – Ich habe noch etwas mit dir zu besprechen. Wie kommst du dazu, den Leuten zu sagen, daß ihre höhere Lohnforderung von mir berücksichtigt werden würde? Die Arbeiterdeputation war heute bei mir, der Heinrich Liebetraut war der Sprecher, – er ist ein Stänker, behauptet aber, von dir besonders ausgesucht worden zu sein.«
»Damit hat er recht,« meinte Herr Baldamus gelassen. »Ich wollte durch diesen verbissenen Krakehler, dem beinahe einzigen Wühler in unserem kleinstädtischen, biederen Betriebe den Worten der Arbeiter etwas mehr Nachdruck geben, falls du etwa zögern solltest, ihren unverschämten Forderungen nachzugeben. Du hast bewilligt, Pflegevater?«
»Bewilligt? Ich denke nicht dran. Du nennst ja selbst ihre Forderungen unverschämt. Besonders sind sie es deshalb, weil ich erst vor Jahresfrist erhöhte.«
»Du wirst sie wohl annehmen, Pflegevater. Es ist besser, wir wenden bei diesen Leuten Vorsicht an, als daß wir merken lassen, daß wir ihre Nachsicht brauchen. Die Eiks wirft die Mehrbewilligung nicht um, den Leuten wird der Mund gestopft, und sie trotten in ihrem Schlendrian weiter, ohne Verlangen zu tragen, uns etwas am Zeuge zu flicken.«
Es sah aus, als striche wieder eine Hand über das Antlitz des alten Herrn und ließe es grau und verfallen erscheinen.
»Baldamus, ich kann nicht. Ich helfe ihnen, wo es nur möglich ist, offen oder heimlich, aber nach meinem Willen und Gesetz. Lasse ich mir jetzt plötzlich von ihnen vorschreiben, dann bin ich nicht mehr der alte Eik, und sie schieben mich zu den Fabrikbesitzern, die vor ihren Arbeitern zittern, und ich bin bei ihnen drunter durch, denn für Ertrotztes sagen sie mir keinen Dank.«
»Meinst du, sie danken dir, wenn du ihnen gar nichts gibst?« fragte Baldamus heftig; innerlich dachte er, daß sein Pflegevater jetzt doch recht alt würde und sich mit einem Male durch verrückte Empfindungen leiten ließe. Dieser starre Eiksche Ehrbegriff mußte etwas ins Wanken gebracht werden.
»Ja, das meine ich,« stieß Herr Eik senior hastig heraus. »Die meisten von unseren Leuten hängen an unserem Hause, wissen, daß sie es gut haben, daß sie nicht gedrückt werden. Ihre Forderungen sind ihnen von den paar jungen Kerlen, die frisch von der Walze kommen und unverdauliches Zeug gehört und gelesen haben, aufgeschwatzt worden. Ich werde ihre Entlassung verfügen, mit den Alten dann noch ein vernünftiges Wort reden und – – –«
Herr Baldamus lachte laut und erbittert.
»Und Heinrich Liebetraut wird Herr der Situation sein.« Baldamus legte schwer die Hand auf den Arm des Pflegevaters. »Du mußt nachgeben,« sagte er hastig. »Du mußt. Heinrich Liebetraut ist gefährlicher, als du ahnst. Er hat viel gelernt, ist mit der Feder gewandt und lauert darauf, uns einen Knüppel in den Weg zu werfen.« Herr Baldamus dämpfte jetzt seine Stimme. »Er ist außerdem Jettchen Erkner nachgestiegen, – – ahnt aber noch nichts. Bewilligen wir die Zulage, so geht er als Agitator fort, denn in Schwarzhausen ist ihm der Horizont zu eng, – bewilligen wir sie nicht, so bleibt er als unser Feind und wird nicht ruhen, bis er alles herausgebracht hat. Dann ist aber auch dein Königtum von Schwarzhausen vorbei, und du bist nichts als – – –«
»Ein schlechter Kerl,« lachte der alte Eik bitter-schmerzlich auf. »Das meintest du ja wohl. – Ich werde bewilligen!«
Das Letzte kam so unvermittelt heraus, daß Herr Baldamus über den plötzlichen Sinneswechsel ganz verblüfft dastand und auf seinen Pflegevater starrte, der jetzt mit gebietender Handbewegung nach der Tür zeigte. Und wenn sein Königtum auch auf tönernen Füßen stand, wenn es auch etwas im Leben dieses starren, unzugänglichen, finsteren Mannes gab, das einen schweren, tiefen Schatten auf die Eik-Ehre warf, – – Herr Baldamus fühlte doch, daß er dieser gebietenden Hand, die ihm die Tür wies, zu gehorchen habe. –
Ruhelos wanderte der alte Herr in seinem Zimmer umher. Ein paarmal griff seine Hand nach dem altmodischen Klingelzug, der den Diener herbeirufen sollte, aber er ließ sie immer wieder sinken.
Bis wieder ein leichter Schritt heran kam und auf sein müdes »Herein!« Frau Franziska sich im Türrahmen zeigte.
»Endlich, Vater! Ich habe Angst um dich gehabt! Seit deinem Frühbrot hast du nichts genossen. Denke doch auch ein wenig an dich selbst – – –«
»Ich habe mit dir zu reden, Franziska.«
Seine Tochter sah erstaunt-forschend zu ihm auf. Die Stimme des alten Herrn klang sonderbar rauh, gebrochen und müde, und er sah die junge Frau nicht an.
»Ich höre, Vater!«
Lange Pause. – – »Baldamus Eik hat heute wieder um deine Hand angehalten.«
»Ich trage noch Trauer, Vater – – –«
»Ich weiß es, – und drängen wird dich Baldamus nicht, er will wohl nur Gewißheit haben.«
»Ich begreife Baldamus nicht, Vater. Was mir vor Jahren unmöglich war, – ist es auch heute noch. Er will mich nicht verstehen.«
»Franziska, – bist du ganz von Grund aus mit dir zu Rate gegangen, und – bist du dir klar, was du aufgibst? – Das große Vermögen würde in einer Hand bleiben und dein Knabe einmal alles bekommen. Baldamus liebt dich – – –«
Frau Franziska schauerte zusammen. »Laß mich bei dir bleiben, Vater,« bat sie müde. »Ich habe so überreichlich zum Leben durch deine Güte, und mein Junge soll werden wie du, so einfach – und so aufrecht.«
Der alte Herr Eik zuckte zusammen, aber er litt es still, daß die Tochter seine Hand an ihre Lippen zog.
Sie wußte, wie er an dem Gedanken hing, sie mit dem Pflegesohn eins zu wissen, sie wußte, daß sie ihm auch heute wieder weh tat, wie sie ihm vor Jahren den bittersten Schmerz seines Lebens zufügte, und daß nun wieder eine Kluft zwischen Vater und Tochter sich auftat, die sich nie mehr überbrücken ließ – – –
»Du weinst, Franziska?«
Sie schluchzte weh auf.
»Daß ich dir so wenig zeigen kann, wie lieb ich dich habe, Vater – – –«
Er strich ihr sacht über das dunkle, wellige Haar mit einer scheuen, verlegenen Bewegung, der man wohl anmerkte, daß Liebkosungen etwas Seltsames für ihn bedeuteten.
Franziska hatte ihren Kopf tief geneigt, und der alte Eik schaute über sie hinweg durch das Fenster in die grünen Parkwipfel hinein in ernstem Sinnen.
Franziska fühlte ihr Herz hart und schwer klopfen. »Wie wird alles werden,« dachte sie, »was wird er bestimmen, was wird er mir sagen, wenn diese Pause vorüber ist?«
Herr von Eik richtete sich hoch auf.
»Ich habe eine Bitte an dich, Franziska, – eine seltsame – – –«
»Wenn ich sie erfüllen kann, Vater, – – –« entgegnete sie zögernd.
Da zog es wie ein Lächeln über seine ernsten, finsteren Züge, – und Frau Franziska meinte, ihr eigener, lieber Junge schaue sie auf einmal aus diesem erhellten Antlitz an.
Es fiel dem Alten schwer, seine sonderbare Bitte in Worte zu formen: »Franziska, – bringe mir, – – besorge mir aus der Stadt eine Puppe – – eine große, schöne Puppe, – – hörst du, – die schönste, die das Nest hat.«
Liselotte Windemuth führte ein recht einsames Dasein.
Der Professor lebte mit seinen Büchern, Base Juliane mit ihren Kochtöpfen, und so kam es, daß Liselotte nur auf die Schule, auf Herrn Rektor Tüllen, auf ihre Schulkameraden und ihre Puppen angewiesen war.
Unter den Schulgespielen hatte sie keinen Freund und keine Freundin.
Sie war zu eigenartig, das kleine Ding, und nichts verzeiht eine Kleinstadt weniger als Eigenart.
Liselotte ließ sich in keine Schwarzhausener Schablone pressen, und niemand wußte etwas mit ihr anzufangen. Ihre unerschrockene Offenheit und Wahrheitsliebe, ihre wißbegierige Fragelust, – das waren lauter unbequeme Dinge für die Mitbürger und deren Sprößlinge. Man lachte wohl laut und anhaltend über ihre närrischen Einfälle und Fragen, aber weit öfter ärgerte man sich darüber und schalt; auch Base Juliane war mehr grillig und grimmig mit dem Kinde, als liebenswürdig.
Ab und an, wenn der Professor Windemuth in seinen Arbeiten auf einen toten Punkt geriet und eine kleine Rast halten mußte, fiel ihm wohl sein kleines Töchterchen ein. Befand es sich gerade in der Schule, so rief er Base Juliane und fragte, wie es dem Kinde ginge und ob es auch ja alles empfange an Körperpflege, wie es die verstorbene Mutter bestimmt.
Über diese Fragen empörte sich aber die Base immer weidlich.
»Wie eine Prinzessin hat sie’s,« – das war gewöhnlich die Antwort, »der Vetter braucht ja nur zu gucken, wie sauber und ordentlich ich das Kind halte, – eine leichte Arbeit ist’s nicht bei dem Quirlefitsch. Und gesund ist’s auch alleweil, – dafür bin ich da und der Herr Doktor.«
So war der Professor beruhigt. Doktor Hempel war ein Mann der alten Schule, recht für Schwarzhausen geboren. Er arbeitete mit altbewährten Mitteln, bei den Erwachsenen mit Schröpfköpfen, Aderlässen und Kamillentee, bei Kindern mit Wurmpulver und »Kurella«, und jedes Frühjahr, wenn die Hausfrauen »reinegemacht« hatten und auf ihren Lorbeeren ausruhten, benutzte Doktor Hempel diese Ruhezeit und unterzog sämtliche Mitbürger einer Reinigungskur, wonach sie sehr abgemattet und zahm wurden und manches für die Stadt bewilligten, was sonst noch gute Weile gehabt hätte. –
Ja, Professor Windemuth sah es, seine Liselotte war ein gesundes, blühendes, schönes Kind, und ihr lockenumrahmtes, blondes Köpfchen mit den blauen, tiefen Schelmenaugen, die doch auch wieder so ernst blicken konnten, wurde der verstorbenen Mutter immer ähnlicher.
Daß sein Kind geistige Nahrung entbehren könne, kam dem Manne nicht in den Sinn. Ja, wäre Liselotte sein heißersehnter Knabe gewesen! – Aber Mädchen blieben ja zu Hause, kochten, strickten und – wurden geheiratet.
So stillte denn Liselotte ihren geistigen Hunger durch Lesen, und sie las bunt durcheinander, was ihr in den Weg kam, sie las aber auch hauptsächlich immer wieder, was in dem Bücherschränkchen der heimgegangenen Mutter steckte, und das war gut. Und sie las mit großem Eifer, was der sorgende, wachsame Rektor Tüllen in ihre kleine Hand legte, und das war noch besser. –
Was Liselotte gelesen, das erzählte sie gern wieder, und da Base Juliane und der Professor nie Zeit für sie hatten, so erzählte sie es ihren Puppen und wurde dadurch altklug und etwas selbstherrlich, denn die Puppen widersprachen ihr niemals.
Seit dem Erlebnis mit dem »schlechten Kerl«, wie sie innerlich den bösen, alten Herrn nannte, war Liselotte recht nachdenklich geworden, so daß es selbst Base Juliane auffiel.
»Ist dir nicht extra?« fragte sie das Kind wohl zehnmal am Tage, »du hast gewiß Würmer.«
»Es kann schon sein,« bestätigte Liselotte, denn sie aß Zitwersamen mit Sirup recht gern. Und während sie das Kindertäßchen mit dem braunen Saft auslöffelte, hatte sie eine eingehende Unterredung mit Base Juliane.
»Darf man Müttern ihre Kinder einfach wegnehmen, wenn man groß ist, Base Juliane?«
»Hm! Das ist eigentlich noch nichts für dich, Kind. Aber sowas gibt es. Die Leute haben sich dann lieb und heiraten sich.«
»Weißt du das ganz sicher, Base Juliane?«
»Freilich, du Dreikäshoch.«
»Warum hat dich denn niemand der Mutter fortgenommen?«
»Das sind sehr unanständige Fragen, Liselotte, du solltest dich was schämen. Es hat eben nicht jede Jungfrau das Glück – – –, ich meine, – nicht jede Jungfrau kann sich entschließen, ihr gottwohlgefälliges Leben aufzugeben.«
»Bitte, sag’ das noch mal langsam, Base Juliane, und erkläre mir’s recht ordentlich – – – so kann ich dich nicht recht verstehen.«
»Du schreckliches Kind! Nein, das ist nichts für dich. Durchaus nicht. Wo du nur immer die Fragen her hast!«
Liselotte saß tief nachdenklich da.
»Base Juliane, wenn nun aber der Mann alt und schrecklich ist und das Kind ganz kopflos – – –«
»Du gerechter Gott,« schrie Base Juliane, »wie kommst du bloß auf so was Fürchterliches! Das muß ich deinem Vater erzählen. Kind! Hast du etwa schlechten Umgang? Mit wem redest du so am Tage?«
»Nur mit dir,« meinte Liselotte harmlos. »Mit dir und den Puppen, aber sie wissen mehr als du und fahren mich nicht an und petzen nicht alles, was ich sage, dem Väterchen.«
»Nur zahm, nur zahm!« meinte Base Juliane und sah doch selbst aus wie ein geharnischtes Sonett. »Das ist längst nicht gepetzt, wenn ich so gefährliche Sachen dem Herrn Professor wieder erzähle. Weiß Gott, kein anderes Kind aus Schwarzhausen würde solche Dinge gefragt haben.«
In voller Entrüstung stand sie auf, räumte Zitwersamen und Sirup fort, und Liselotte wischte sich das klebrige Mäulchen ab, packte ihren Puppenwagen voll geliebter Babys und murmelte dabei unverständliche Worte, von denen die entsetzte, kopfschüttelnde Base nur immer wieder: »Alter schlechter Kerl« und »Kopfloses Kind« verstand.
Sie beschloß, umgehend dem Herrn des Hauses Mitteilung von dem eben Erlebten zu machen, während Liselotte eilig das Haus verließ und sich auf ihr stilles Plätzchen, zu dem Tempelchen im Park Eichenborn, begab.
Friedlich lag der Spielplatz da, – goldene Sonnenlichtchen tanzten auf den Zweigen der Tannen, und ein köstlich-herber Harzduft füllte rings den Platz. Liselottchen fuhr schnuppernd mit ihrem feinen Näschen in der Luft umher.
»O wie gut riecht es hier, wie gut!« meinte sie anerkennend zu sich selbst, und den Puppen rief sie zu: »Kinder, sperrt die Nasenlöcher auf, – es ist ja zu gesund!«
Rasch strebte sie der Steinbank zu, um ihre Kleinen darauf zu verteilen und eine große »Bettensömmerung« vorzunehmen, aber zu ihrem höchsten Erstaunen fand sie das Rundteil bereits von einer Persönlichkeit besetzt, die ihr mit weit aufgerissenen und doch ziemlich ausdruckslosen Augen entgegensah.
»Was ist denn das?« fragte Liselotte laut und sah sich nach allen Seiten um, ob wohl jemand zu der Balldame gehöre, denn als solche erwies sich die sehr große, majestätische Puppe, die da auf der Steinbank mit tief ausgeschnittenem und weit ausgebreitetem Staatskleide lehnte.
Niemand war ringsum zu sehen, nur Liselottes Puppenkinder schauten auf den fremden Eindringling hin.
»Kannst du nicht antworten?« fuhr Liselotte ihn an. – Auch nicht das geringste Gefühl der Zuneigung zog sie zu der feinen Dame hin, und so verschmähte sie es auch, auf ihre Frage selbst Antwort zu geben, wie sie es sonst immer mit ihren Lieblingen tat.
Am Staatskleide der Puppe steckte ein Zettel mit den Worten: »Diese Puppe soll Liselotte Windemuth gehören.«
Die Kleine entzifferte ihn mühelos, aber in ihrem Gesichtchen veränderte sich kein Zug. »Wer schickt dich?« fragte sie noch einmal, und als die Puppe nicht antwortete, sondern dumm weiter stierte, sagte ihr Liselotte ehrlich und zornig die Meinung:
»Du bist furchtbar häßlich. Ich mag dich gar nicht. O Gott, wenn ich denke, wie schön meine Puppe Emmy ohne Kopf war. Wie ihr alles gut stand! Wenn ich nur wüßte, was ich mit dir anfangen soll! Du versperrst nur den Platz, und ich will doch Betten sömmern. Pfui, was für ’n ausgeschnittenes Kleid! Ich hab’ mal heimlich zum Hoffenster reingesehen, wie Fräulein Ziddelmann auf den Ball ging. Base Juliane sagte, ein Christenmensch müßte sich tot schämen. So siehst du aus. So sprich doch! Kannst du nicht? Willst du nicht? Bist du am Ende schon tot und willst es nur nicht sagen?«
Liselotte gab der Staatsdame einen derben Stoß, so daß sie auf die Bank polterte und mit geschlossenen Augen liegen blieb.
»Siehst du, daß du tot bist? Du konntest es gleich sagen, du arme, häßliche Person, dann hätte ich dich nicht erst so angefahren. Komm, ich will dich begraben, – ich habe es erst gestern gesehen beim Nachbar. Base Juliane nahm mich mit auf den Kirchhof, – ich weiß alles gut.«
Liselotte sah sich aufmerksam um. – Der Waldboden rings umher hatte lockere, weiche Erde, und mit einem flachen Stein und ihren eigenen, festen, kleinen Händen grub sie rasch und emsig ein genügend weites Loch. –
»Kinder, ihr müßt jetzt stark weinen, es kommt was Trauriges,« wandte sie sich an die anderen Puppen und fing sogleich selbst ein jammervolles Heulen und Piepsen an.
»So, und nun ein Choral! – Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren,« sang sie andächtig, und währenddem hob sie die Staatsdame vorsichtig auf und trug sie unter die Tannen hin, wo sie feierlich in die Erde gebettet wurde. Und da gerade die Sonne durch die grünen Zweige auf das Grab schien, gab Liselotte noch ein Lied zu: »Goldne Abendsonne, wie bist du so schön!«
Dann schickte sie sich an, das Grab zuzuschaufeln.
»Was spielst du denn da?« fragte eine tiefe Stimme hinter ihr.
Liselotte fuhr herum und starrte ihren größten Feind und Widersacher an.
»Beerdigen!« meinte sie kurz und ließ sich nicht weiter stören, sondern grub und schaufelte, bis auch nicht ein Schimmer des himmelblauen Seidenkleides mehr zu entdecken war.
Tief atmend sprang Liselotte auf und wischte sich mit den schwarzen, erdigen Händen die feuchten Locken aus dem erhitzten Gesicht.
»Wie du aussiehst,« rief Herr von Eik vorwurfsvoll, »die Base Juliane wird sich freuen – – –«
Liselotte sah ihn mürrisch an. »Nein, die freut sich nicht, wenn ich schmutzig bin,« gab sie zur Antwort.
»Du bist ein närrisches Ding!« meinte der alte Herr kopfschüttelnd. »Komm, setze dich zu mir auf die Steinbank dort, da will ich dir etwas Schönes zeigen, – das soll dir gehören, – weil die Puppe Emmy verloren ist – weißt du – die alte, häßliche, kranke Puppe Emmy ohne Kopf – – – da, – ich habe dir eine wunderschöne, neue Puppe gekauft –«
Herr von Eik wandte sich sehr verlegen zur Steinbank, denn ihm selbst war seine Rolle als Beschützer und Beglücker kleiner, puppenspielender Kinder neu, – doch die Bank war leer, keine neue, feine, teure Puppe weit und breit, aber vor ihm stand mit schmerzlich verzogenem, schmutzigem Gesichtchen ein zartgliedriges, lebendiges Püppchen, das warf beide Arme über die harte Steinbank und verbarg laut weinend das Gesicht darein: »O meine Puppe Emmy, meine liebe, einzige, schöne Puppe Emmy!!!«
»Immer dasselbe Lied!« stieß Herr von Eik hervor. »Was bist du für ein sonderbares, unbändiges Kind! Wenn ich nur wüßte, wo die neue ist? Ich habe sie vorhin selbst hergesetzt.«
»Da!« schluchzte Liselotte und wies nur eben mit dem Kopf nach der Begräbnisstätte.
Herr von Eik ging mit schweren Schritten nach dem schwarzen Erdhügel, und sein wuchtiger Stock schaufelte und bohrte in der Erde, bis er nach einer Weile ein Stückchen blaue Seide entdeckte, – das arg zugerichtete Staatskleid der begrabenen Balldame. Rasch schaufelte er sie wieder zu und kehrte mit finsterem Antlitz zu der heftig Weinenden zurück.
»Warum tatest du das?« fragte er mit heiserer Stimme.
»Weil ich sie nicht lieb habe,« brach das Kind leidenschaftlich los. »Weil sie dumm und häßlich und tot war. O du hast mir meine schöne, süße, lebendige Emmy gestohlen und die garstige Balldame hingelegt! Tot und häßlich war sie und deshalb habe ich sie beerdigt.« –
In fliegender Eile raffte Liselotte ihre Püppchen zusammen, man sah es ihr an, ihr kleines Herz zitterte vor Angst, der große, harte, böse Mann könnte sich an ihnen vergreifen. Dann fuhr sie, immer noch bitterlich schluchzend, mit ihnen davon, ohne auch nur noch einen Blick zurückzuwerfen. Auch Herr von Eik schritt langsam den Weg nach seinem düsteren Hause zurück. Ein seltsames, bitteres Lächeln lag um seinen Mund. »Tot und häßlich« hatte dieses Kind sein farbenprächtiges, leuchtendes Geschenk genannt. Tot und häßlich hatte ihn auch gestern seine Vergangenheit angestarrt, – aber er konnte sie nicht so verblüffend einfach beseitigen und begraben, wie dies mutige, kleine Mädchen es vorhin getan, und für ihn gab es keine »goldene Abendsonne« mehr. – – –
Schwarzhausen schüttelte wieder einmal den Kopf.
Da lag das kleine Städtchen so recht warm eingebettet in den thüringer Bergen, durchduftet von Tannenluft, umrauscht von der lustigen, wilden Gera. Es war wohlhabend und stattlich gebaut, es hatte treue Väter, die sein Wohl zu dem ihrigen machten, aber es hatte Sorgen, und so kam es eigentlich nicht aus dem Kopfschütteln heraus.
Sorgen um das schwarze Schaf inmitten der reinlichen, frommen, guten und vor allen Dingen ach, so selbstgefälligen Schäflein, – Sorgen um den Eichenborn. Würde er das Städtchen nie zur Ruhe kommen lassen???
Nun hatte Schwarzhausen wohl einen treuen, guten Stadtvater, der sich mit gelegentlichem Kopfschütteln begnügte und wohlmeinend murmelte: »Wir verdanken den Eiks eigentlich alles, und wenn ich bloß reden dürfte – –« Aber es hatte keine milde, liebe, ältliche, rundliche Stadtmutter, sondern eine unendlich lange, hagere, spitze Frau Bürgermeisterin, die es sich nicht einfallen ließ, wie gute Mütter tun, sich von der mutmaßlichen Schlechtigkeit ihres Kindes persönlich zu überzeugen, sondern die in vielen, besonders zu diesem Zwecke anberaumten Kaffeegesellschaften die Abneigung gegen den Eichenborn und seine Bewohner noch schürte. Und wenn der Kaffee auch koffeïnfrei war, den die Frau Bürgermeisterin ihren Gästen vorsetzte, ihre Reden waren es nicht, in denen saß das Gift und harrte seiner Bestimmung.
Schon nach der dritten Tasse waren beinahe alle Damen einig darüber, daß es so nicht weiter gehen könne.
Und daß Frau Pfarrer Klingenreuter und Frau Doktor Hempel so arg zugeknöpft taten und besonders die Pfarrerin so gar nichts gegen, wohl aber manch mildes Wort für die Verurteilten einlegte, nun das war ihre eigene Sache und störte die bösen Zungen nicht im mindesten in ihrem Verdammungsgeschäft.
»Das ist nun eben Ihr Beruf, Frau Pfarrer,« meinte die Bürgermeisterin, »ich könnt’s nicht, meine Ohren und Augen sind zu offen dazu.«
Die Pastorin lächelte.
»Meinen Sie, daß ich Augen und Ohren von Berufs wegen schließe?« fragte sie mit feinem Spott. »Und sollte es nicht der Beruf jeder Frau sein, Gutes zu reden und erst einmal das Beste von jedem Menschen anzunehmen?«
»Bitte, Frau Pfarrerin, zeigen Sie uns bei dieser Geschichte das Gute!« rief die Bürgermeisterin aufgeregt. »Sie können es einfach nicht, denn es ist nicht vorhanden. Aus reiner Schlechtigkeit und Bosheit hat dieser Bertold Malcroix, genannt Eik, den von uns allgemein so verehrten Herrn Baldamus schwer verletzt – – –«
»Ich bitte mich von der Allgemeinheit auszunehmen, – ich verehre den Herrn nicht,« rief Frau Doktor Hempel kampfesmutig dazwischen.
»Und offenbare Schlechtigkeit gut nennen, das kann eben nur ein Pfarrer,« schloß die Bürgermeisterin.
Logik war nie ihre Stärke gewesen und bei dem hellen Ärger, in dem sie sich augenblicklich befand, besann sie sich überhaupt nicht auf ihre Worte.
Frau Pfarrer Klingenreuter war rot geworden.
»Ei ei,« meinte sie dann. »Ich glaube, wirklicher Schlechtigkeit und Bosheit gegenüber darf jeder Mensch, also auch jeder Pfarrer in ehrlichen, heiligen Zorn geraten. Hier handelt es sich aber gar nicht darum. Und das Gute kann ich Ihnen nicht zeigen, weil es nicht auf der Oberfläche liegt. Es ist aber tatsächlich vorhanden. Selig sind die, die da nicht sehen und doch glauben.«
Die Bürgermeisterin stieß unter dem Tisch die Frau Postverwalter an und beide Damen verbargen darauf ein überlegenes Lächeln hinter ihren Spitzentaschentüchern.
Natürlich, wenn die Pfarrerin mit Bibelsprüchen kam, – da mußte man schweigen. Man war ja freilich ein beglaubigter Christ, getauft, konfirmiert und kirchlich getraut, aber – – Bibelsprüche waren doch mehr für einfache Leute.
Die Unterhaltung ging weiter.
»Ist Herr Baldamus von Eik sehr krank?«
»Sehr.«
»Weiß man, was nun mit dem Bengel, dem Bertold geschieht? Kommt er nun endlich in Zwangserziehung?«
»Ich weiß es nicht. Jedenfalls nicht nach dem rauhen Haus, was doch das einzig richtige wäre. Für die Eiks wird ja aber immer eine besondere Wurst gebraten, und so soll Bertold Malcroix nach E. aufs Gymnasium kommen – – –«
»Aufs Gymnasium?« schrien sämtliche Frauen, mit Ausnahme von Frau Pfarrer Klingenreuter und Frau Doktor Hempel, welche still mit ihrer Arbeit beschäftigt schienen. »Das ist doch ganz unmöglich! Solch einen Buben in eine öffentliche Anstalt? Wenn er nun die Mitschüler massakriert? Das ist ja gemeingefährlich!!!«
Die Frau Bürgermeisterin antwortete erst eine Weile nicht. Sie war buchstäblich geschwollen vor Stolz und Mitteilungsbedürfnis. Denn sie wußte alles und noch ein bißchen mehr.
Erst nachdem sie sich zurecht gesetzt und eine tief heruntergefallene Masche ihres Strumpfes wieder auf den Pfad des Rechtes gebracht, kam sie mit dem Trumpf zum Vorschein.
»Unsere Rektorschule in Schwarzhausen verliert ihren Leiter,« sagte sie langsam, wichtig und betonend. »Rektor Tüllen geht als Aufpasser mit nach E., weil er den schlechten Charakter des Burschen kennt, und damit er selbst geschützt ist, wenn Bertold Malcroix seine zerstörenden Tobsuchtsanfälle bekommt, geht der Organist Brennstoff auch mit.«
»Herr du meines Lebens! Warum nicht noch zehn Hofmeister und seine ganze Sippe dazu?« eiferte die Frau Postverwalter.
»Ja wahrhaftig! Da kann man auch sagen: ›Viel Lärm um einen Eierkuchen‹,« rief Frau Großschlachter und Hoflieferant Bentel. Sie konnte das Sprichwort auch französisch sagen und hätte es brennend gern getan, aber sie wußte nicht genau, ob es »un« oder »une omelette« hieß, und so unterließ sie es lieber. Manche Menschen waren so »penniebel« in so was, und sie wollte ihren Ruhm als gebildete Frau, die in »Penksion« gewesen, nicht einbüßen. –
»Und das sollen wir uns gefallen lassen?« Diesmal waren es mindestens sechs aufgeregte Damen, die Antwort auf diese Frage heischten.
Die Bürgermeisterin zuckte die Achseln.
»Was sollen wir tun?« fragte sie dagegen. »Die Rektorschule ist Privatsache, und der Organist sollte auf alle Fälle pensioniert werden, weil ein Bericht über ihn gekommen ist, daß er heidnische Gesänge in der Kirche spielt. Also, sagt mein Mann, wir täten klug, wenn wir ihn einfach gehen ließen. Solchen Musiknarren ist überhaupt nichts zu beweisen. Die halten manchen Kram für hochheilig, vor dem man sich eigentlich bekreuzigen sollte.«
»Was sagen Sie denn eigentlich zu dem allen, Fräulein Windemuth? und was sagt Ihre Kleine?« wandte man sich jetzt an die eifrig stickende und zählende »Base Juliane«, die sich noch mit keinem Worte an der Unterhaltung beteiligt hatte, teils weil sie für den Professor ein Paar Schuhe stickte mit schwierigem Muster, teils weil ihr der Vetter eingeschärft hatte: »Halt lieber den Mund in der Kaffeeschlacht. Es geht uns nichts an, und der Kleine war doch mal Liselottes Freund.«
Sie warf jetzt auch nur einen Blick gen Himmel und rief: »Ich sage gar nichts.«
Aber dieser Himmelblick und ihr übereifriges Weitersticken redeten ganze Bände und stellten sie sozusagen über die Parteien.
Wenn Base Juliane, die allzeit Redegewandte und Redelustige, schon schwieg, wie entsetzlich mußte da die Wirklichkeit sein, – und was mußte sie mit dem altklugen, kleinen Mädchen erlebt haben, das von allen Schwarzhäuser Kindern das einzige war, das sich nicht entblödet hatte, mit Bertold Malcroix zu spielen.
Aber Base Juliane empfand mit einem Male ihre Schweigsamkeit als etwas Entehrendes. Wo jeder seinen Senf dazu gab, sollte sie, die Base des angesehenen und gelehrten Professors, alle schmackhaften Gewürze für sich behalten? Sie grübelte und grübelte, welche von den vielen pikanten Geschichtchen aus dem Hause Eik, die sie als verbürgt von maßgebender Seite vernommen, sie wohl zum besten geben könnte, aber immer sah sie die ernsten Augen des Vetters Windemuth vor sich und begnügte sich deshalb mit der Bemerkung: »Ihr Bild wollte sie ihm durchaus zum Abschied schenken, – die Liselotte nämlich, – wir waren beim Photographen gewesen und gestern kamen die Bilder, – sie hat ’n weißes Spitzenkleidchen an mit rosa Schärpe, – bildschön – und auch teuer genug – die Bilder nämlich, aber das Kleid auch – und da sagte ich: ›Um Gottes willen, Liselotte, doch bloß so was nicht tun, da kann man ja wohl noch mal ins Verbrecheralbum kommen mit dem Jungen‹.«
Das war stark! Aber Base Juliane war als furchtlos bekannt, und man freute sich, von angesehener Seite etwas gehört zu haben, was Hand und Fuß hatte, und das man abends überall wiedererzählen konnte, ohne das bekannte Siegel der Verschwiegenheit zur lästigen Bedingung zu machen. –
Es war wirklich nicht nett von der Frau Pfarrer, daß sie so einen Aufstand um diese Bemerkung machte und mit so tränendurchzitterter Stimme rief: »Tut denn niemandem von Ihnen der arme Junge leid, der im Jähzorn fehlte? Wollen wir ihn mit so lieblosen Worten ziehen lassen?«
Und die sanfte Frau hatte mit flammenden Augen die ganze Kaffeegesellschaft angeschaut, und als auf ihre Frage sich niemand meldete, war sie ohne Abschied fortgegangen und Frau Doktor Hempel mit ihr.
Das sah beinahe ein bißchen wie Verachtung aus, aber man war viel zu sehr überzeugtes »weißes Schaf«, als daß man so etwas auf sich bezogen hätte.
Mindestens aber war es ärgerlich.
Doch konnte ja die Frau Pfarrer tun, was sie wollte. Man würde sie eben so bald nicht wieder einladen und ihretwegen sich gewiß nicht scheuen, seine eigene Meinung über die Eiks zu haben und auch auszusprechen. –
Frau Doktor Hempel ging direkt von der Kaffeeschlacht heim und in die Studierstube ihres Gatten, während Frau Pfarrer noch einige Schwerkranke besuchte, um »ins Gleichgewicht zu kommen«, wie sie meinte.
Doktor Hempel war noch auf Praxis, aber seine Frau nahm sich gar nicht Zeit, sich bis zu seiner Ankunft ihres seidenen Kleides zu entledigen und sich’s hausfraulich bequem zu machen, – ja sie setzte sich nicht einmal, – sie war zu aufgeregt dazu. Wie der förmlichste Besuch wartete sie in Hut und Mantel auf ihren Mann, und auf ihrem offenen, energischen Gesicht lag ein Ausdruck von Zorn und Trauer.
Da kam Doktor Hempel schon über den Platz in heftigen Schritten, er grüßte die ihm Begegnenden nur mit einem Handwink und zerstreuter Miene, und die Schwarzhausener sahen ihm nach und tuschelten miteinander. Er kam ja vom Eichenborn. –
Als Doktor Hempel in sein Zimmer trat, kam ihm seine Frau entgegen und forschte angstvoll in seinen Augen.
»Nun?«
»Es geht zu Ende. –«
»O der arme Junge!« rief sie aus, »der arme Junge!«
Der Doktor war zu seinem Schreibtisch gegangen, um die eingetroffene Post nachzusehen, jetzt drehte er sich schroff um.
»So ein Unsinn! Was hat der Junge damit zu tun? Das heißt, ja – – natürlich, – etwas schon, – aber was will das besagen? Für den Arzt gar nichts.«
»Aber für die Schwarzhausener,« fiel seine Gattin erregt ein und erzählte ihm alles, was das Kaffeekränzchen an Gift entwickelt hatte.
»Verdammte Klatschweiber!« fluchte Doktor Hempel. – »Jawohl, ich höre sie ordentlich reden: ›Der allgemein verehrte Herr Baldamus!‹ So’n Kerl! Pfui Teufel! Jetzt kann ich ja noch schimpfen. Du bist ja meine liebe, dienstlich vereidigte Alte. Und wenn er erst tot ist, dann halte ich’s mit dem Wort: ›De mortuis nil nisi bene‹.«
»Wird er wirklich sterben?« fragte sie bang.
Er nickte ernst. »Ich bitte dich, – zuckerkrank in diesem Alter, außerdem verseucht bis oben hin, – herzleidend, – – nun ist eine Fußwunde aufgebrochen und – der heftig blutende Biß dazu – – –«
»Sie werden alle, alle dem letzteren die Schuld geben,« meinte Frau Doktor Hempel traurig.
»Aber das ist Unsinn, – verrückter Blödsinn,« fuhr der Doktor auf. »Unsere verehrten Mitbürger sind Hornochsen, besonders aber die Ehehälften. Ein paar vernünftige Kerle hielten heute Kriegsrat mit mir, der Postverwalter und der Apotheker. Den Rektor Tüllen wollten wir mit zuziehen, um dann dem alten Eik vorsichtig beizubringen, daß es das beste wäre, den Jungen erst mal aus Seh- und Hörweite der lieben Schwarzhausener zu bringen. Aber siehe da, der Alte war schon von selbst so weitsichtig gewesen, – die Übersiedlung des Bertold junior nach E. war schon beschlossene Sache. Herr von Eik senior ist vernünftiger als alle Schwarzhausener zusammen.«
Doktor Hempel schüttelte sich.
»Gib mir’n Kognak, liebe Alte! Brrr! Ich muß gleich nachher wieder hinüber. Jetzt ist der Pfarrer dort. Aber dem wohnten auch ›zwei Seelen, ach, in seiner Brust‹, – – ich möchte nicht die Beichte des Herrn Baldamus abhören – – –.« Und der Doktor schüttelte sich noch einmal.
Am nächsten Abend war alles vorüber. – – –
Der junge Bertold konnte sich später, als er zwischen seinen beiden treuen Begleitern im Arbeitszimmer zu E. saß, nur weniger Einzelheiten erinnern, so rasch war alles gegangen. Aber die wenigen Einzelheiten saßen um so fester, teils weil sie so schrecklich und traurig und teils, weil sie so wunderlich süß waren.
Der Abschied von seinem Mütterchen, das war das Herbste an dem Ganzen und der Knabe konnte nicht einmal darüber weinen. Denn in seinem tiefen Empfinden und frühreifen Nachdenken meinte er, er müsse all seine eigenen Tränen noch für sein Mütterchen aufheben, die sonst am Ende mit heißen, trockenen, brennenden Augen dasäße, – soviel weinte Mütterchen jetzt.
Aber Bertold wußte wenigstens seit seiner Abreise, daß Mütterchen nicht über ihn selbst weine, über seinen greulichen Jähzorn und seine unheilvolle Tat, sondern hauptsächlich über die schlimmen Menschen, die ihn dazu gebracht und nun so häßlich und verstockt und richtend dastanden.
Auch der letzten Unterredung mit dem Großvater erinnerte er sich. Man konnte dies Beisammensein wohl eigentlich nicht »Unterredung« nennen, es war mehr ein Kampf gewesen. Wer war der Unterliegende darin? Der junge Bertold wußte es nicht. Vielleicht war er es selbst, denn man hatte ihn ja nach E. geschafft, und hier mußte er nun bleiben, – ohne Mütterchen. Aber in den Augen des harten Großvaters hatte etwas gelegen, – Bertold wußte es nicht sicher zu deuten, etwas Müdes, etwas, das den jungen Enkel beinahe veranlaßt hatte, zu sagen: »Stütz’ dich auf mich, Großvater, ich bin stärker als du!« War man aber unterlegen, wenn man sich so stark fühlte? –
»Wir müssen den Jungen auf andere Gedanken bringen,« meinte Rektor Tüllen und sah sorgenvoll auf Bertold Eik. »So sieht doch kein Kind aus! Kein Zehnjähriger! Lieber Brennstoff, wir haben eine schwere Verantwortung!«
»Das weiß ich, Rektor! Aber ich glaube, dies verträumte Hinstarren hat einen Grund, der uns keine Sorge zu machen braucht. Er denkt an Beethoven! Welch ein Umschwung seiner Verhältnisse! Aus der Wüste des musik- und geigen-, kurz des tonlosen Daseins, plötzlich in eine Oase des ungestörten Harmoniegenusses versetzt zu werden, muß ja etwas Überwältigendes haben.«
Aber Rektor Tüllen teilte nicht die Ansicht des poetischen Brennstoffs, und sein Antlitz blieb sorgenvoll.
Bertold aber sann weiter, und wie er alle Erlebnisse in seine Herz- oder Gehirnkämmerchen verteilte, trat ein gespannter, frühreifer Ausdruck auf sein schmales Jungengesicht.
Wie sie alle entsetzt gewesen waren im Eichenborn, als der Onkel Baldamus starb. Und er selbst, Bertold, hatte nur einen Gedanken gehabt und ihn auch gleich ausgesprochen: »Mütterchen, nun kann er dich nicht mehr quälen!«
»Still, o still!« hatte die Mutter erwidert, aber in ihrem ganzen Wesen lag doch etwas wie aufatmende Zustimmung. O Bertold sah viel, – sah mehr, als andere sahen. Und sein Ohr war scharf, schärfer als das der anderen, hätte es sonst wohl den halberstickten Hilferuf vernommen, der damals aus Mütterchens Zimmer kam? Wie der Wind war er aus seinem Bette gesprungen und von dort gleich durchs Fenster auf das platte Dach, und von dort hatte er durch das offene Balkonfenster in Mütterchens Zimmer geschaut. Sie hatte noch Licht gehabt, – mitten in der Nacht. Armes Mütterchen, gewiß las sie wieder stundenlang in des verstorbenen Vaters Briefen – – –
Aber das Licht stand nicht an ihrem Bett – das flackerte auf dem Ofensims nahe der Tür und – Mütterchen rang mit jemand – rang mit Onkel Baldamus.
Oh – jetzt in der Ruhe kam die Erinnerung wieder klar über Bertold, – damals ging alles so furchtbar schnell. Der Jähzorn war über ihm zusammengeschlagen, als er sein Mütterchen in Gefahr sah. Als ihm die volle Besinnung wieder kam, da hatte ihn Onkel Baldamus schon vor den Großvater geschleppt, und da sollte er angesichts des heftig blutenden Baldamus Eik gezüchtigt werden. Warum hatte Großvater es nicht getan?
Mütterchen hatte sich zwischen ihn und Großvater geworfen und ihn verteidigt, – o wie seltsam hatte Mütterchen ausgesehn! Viel weißer und starrer und seltsamer, als damals, da man Bertolds Vater tot ins Haus brachte.
Und Onkel Baldamus hatte auf einen gebietenden Wink des Großvaters das Zimmer verlassen müssen, und Bertold hatte ihn nicht wieder gesehen.
Dann schlich man auf leichten Sohlen durch den Eichenborn, denn Onkel Baldamus war todkrank. Und auf alle seine, Bertolds, Fragen an das Mütterchen: »Ist er von dem kleinen Biß krank, Mütterchen? Der so blutete? Bin ich schuld? Was wollte er dir tun?« da hatte die Liebste immer nur geantwortet: »Still, o still! Nicht fragen, mein Liebling!« Und sie hatte ihn auf die Augen geküßt, daß er sie schließen mußte und seiner Mutter blasses Antlitz nicht mehr sah. –
Dann waren seine Koffer gepackt worden, und Frau Thereschen Teichmann hatte Betten verschnürt, und sein ganzes Jungenzimmer war auf einen Wagen geladen worden und stand nun hier in der fremden Stadt E.
Wenigstens hatte man ihn nicht allein ziehen lassen.
Zwei so gute, treue Freunde, Mütterchens Freunde, waren mit ihm gegangen. Und sie sahen ihn nicht mit häßlichen, beobachtenden Augen an, wie alle die andern Leute in Schwarzhausen, sie redeten lind auf ihn ein, daß er nicht schuld sei an Herrn Baldamus’ Tode – – sie waren gut, – gut. –
Und noch jemand war gut. Ein kleines, blondlockiges Mädchen, das er, Bertold Eik, bestohlen hatte. Ja, es nützte gar nichts, daß er sich vor sich selbst entschuldigt hatte: »ich habe sie ja gefunden,« oder, »es ist ja nur Puppe Emmy ohne Kopf,« er war doch ein ganz abscheulicher Junge, er war wirklich ein »schlechter Kerl«.
Aber er hätte Puppe Emmy um die Welt nicht herausgeben können, – etwas mußte er sich aus dem Eichenborn hinüber retten in die fremde Stadt.
Und nun, – als er am Bahnhof in Schwarzhausen mit seinen beiden Beschützern aus dem Eikschen Wagen gestiegen war, hatte sich im Gedränge der Reisenden die Liselotte an ihn gedrängt, – gute Liselotte! – und hatte ihm hastig und sprudelnd zugeraunt: »Ich darf ja nicht mit dir reden, – aber ich tu’s, weil du doch so weit fortgehst. Da – nimm! Es ist mein Bild. Steck’s ja nicht ins Verbrecheralbum, sonst schimpft die Base Juliane. Dies hat mir der Photograph geschenkt, – weil’s verdorben war, – ich habe gewackelt, es kam gerade Musik vorbei. Ade, ade, ade!«
Oh, Bertold wußte noch Wort für Wort. Dann war sie davon gesprungen, aber ihr Händchen hatte ihm wohl zehnmal noch zugewinkt, und er selbst war wie angewurzelt auf einer Stelle stehen geblieben, bis ihn Rektor Tüllen aus seiner Versunkenheit rüttelte.
Wie im Traum war er in den Zug eingestiegen und hierher gefahren. Zu tiefst in seinem Reisekoffer ruhte Puppe Emmy, er hatte sie gleich hervorgeholt und unter sein Kopfkissen gelegt, dort hatte sie Rektor Tüllen gefunden.
Aber Bertold verriet mit keinem Wort, woher das kleine, unförmige Bündel stammte, und man ließ es ihm stillschweigend.
Jetzt holte er es plötzlich sacht hervor und legte es vor sich auf den Tisch. Und aus der Brusttasche holte er das Bildchen der Jugendgespielin, legte es daneben und betrachtete es aufmerksam. Ja, Liselotte hatte wohl gewackelt. Er nickte dem Bildchen ernsthaft zu und fand es ganz in der Ordnung, daß es zwei Köpfe zeigte, denn Puppe Emmy hatte ja gar keinen. Und plötzlich raffte er Puppe und Bild an sich und legte seinen schwarzen Lockenkopf fest – fest darauf.
»Er weint,« sagte Rektor Tüllen leise und winkte dem Organisten.
Dann war der Junge allein mit seinem tiefen, tiefen Heimweh. –
In Schwarzhausen waren alle Fenster der kleinen und großen Häuser besetzt, die an der Hauptstraße standen. Es lohnte sich wohl, heute einmal alles stehn und liegen zu lassen und nur zu schauen. – Was nicht an den Fenstern stand, das kam aus den Nebenstraßen herangeschritten und stellte sich dicht an die Häuser in langen Reihen. Die Mütter hatten ihre kleinen Kinder auf dem Arm und die größeren an der Hand. Wo ein Prellstein an der Ecke stand, hob man eine kleine Person hinauf und besonders wagehalsige Buben saßen sogar in den Bäumen.
Herr Baldamus Eik von Eichen wurde zu Grabe getragen. –
Das war draußen auf dem neuen Friedhof für ihn ausgeschaufelt, wo es noch recht kahl und unwirtlich aussah; aber er hatte es verschmäht, als der »Frömmsten und Gerechtesten einer« in das Erbbegräbnis der Eiks aufgenommen zu werden, wo gar zu viel wilde Gesellen drin moderten und sogar ein paar heidnische Urnen standen; denn drei seiner Vettern hatten sich in Gotha verbrennen lassen und der alte Eik hatte bereits dieselbe Bestimmung getroffen, wenn er einmal mit Tode abgehen würde. Aber das heutige Begräbnis war wirklich etwas für Herz und Gemüt. Dieser prachtvolle, gelbe, silberbeschlagene Eichensarg, der beinahe verschwand unter Lorbeer und Rosen, die Träger nebenher bis an die Nasen in teuren Krepp gewickelt und mit Zitronen in den Händen, die Kirchenjungen in schwarzen Mäntelchen, die Stadtkapelle mit Hofmusikus Kniller an der Spitze, dessen rote Nase heute das einzig Leuchtende in dem schwarzen Zuge darstellte. Und die ungeheure Menge Leidtragender! Und die stattliche, unabsehbare Reihe leerer Staatswagen hinterher, deren Kutscher sämtlich florumhüllte Peitschen trugen.
Man mußte selbst als unbeteiligter Zuschauer herzbrechend weinen, denn so ungeheure Liebe und Verehrung für den hochangesehenen Toten können und müssen überwältigen – – –
Hinter dem Sarge fährt ein einzelner Wagen und nach diesem kommen erst die Verwandten, die Geschäftsfreunde und Angestellten der Eikschen Fabrik, dann die lange Reihe der Arbeiter, der »Porzelliner«. Der einzelne Wagen ist die alte Staatskarosse der Eiks und in ihr sitzt Bertold Eik von Eichen senior. – »Ganz allein,« raunt man sich zu, »Franziska Malcroix geleitet den Pflegebruder nicht zur letzten Ruhestätte.«
»Das kann sie doch gar nicht. Wo ihr Junge, der schlechte Kerl, dran schuld ist.«