Die Eiks von Eichen (continued 4)
Reading edition
Aber Bertold war schon geflohen, und immer noch lachte er, – jähzornig, wütend, weh, verzweifelt.
Ein paar Schwarzhausener Burschen standen mit ihren Liebchen vor den Haustüren.
An ihnen vorbei stürmte Bertold, sie sahen sein seltsames Gebaren und deuteten es sich in hellem Entsetzen und Empörung über so viel Verworfenheit.
»Er muß betrunken gewesen sein, – sonst könnte er nicht nachts – durch die stillen, ehrbaren Straßen planlos rennen und lachen – laut lachen am Abend des Tages, da man seine Mutter begrub.«
»O über den schlechten Kerl!«
Am nächsten Abend wußte man es in ganz Schwarzhausen, daß der Eichenborn nun wirklich verödet war.
Daß die großen Auslandskoffer gepackt im Zimmer des jungen Eik stünden, aber niemals abgeholt würden. Daß der alte, grimme Eik als ein einsamer Mann zurückgeblieben und sein Enkel geflohen war mit nichts als seiner Amatigeige – – – um ein Musikant zu werden.
***
Wird er kommen?
Das war die brennende Frage des Abends.
Erregte Gruppen standen zusammen, Künstler und Kunstfreunde.
Der schlicht-vornehme kleine Saal harmonierte gut mit den Menschen, die sich darin versammelt hatten; er sah feierlich aus in seinem Weiß und Gold und Kerzenschimmer, feierlich mit dem strengen, grünen Lorbeerschmuck.
Und wie Feiertagsstimmung lag es auch über den Versammeltem trotz einiger erregter Lautsprecher.
Wird er kommen?
Meister Joachims Gestalt löste sich jetzt aus der einen Gruppe und winkte abwehrend und lächelnd zurück.
»Versprechen kann ich gar nichts. Sie kennen doch den Malcroix. Der läßt sich weder in Krieg noch in Frieden etwas abnötigen, was er nicht selbst hergeben will, und ob er sich heute Ihnen gibt – –«
»Gehen Sie gleich jetzt zu ihm, Meister?« fragte ein blutjunges, blasses Bürschchen mit schwärmerischen Augen und blonder Künstlermähne.
»Ja, das tue ich. Aber ich weiß nicht, ob ich ihn treffe. Und weiß nicht, ob ich meinen ehemaligen Schüler dann nicht für mich behalte. – Kindskopf!!!« fuhr er gleich darauf den Frager an, dem wahrhaftig die Augen feucht wurden. »Närrisches Volk alle miteinander! Aber mir geht’s ja nicht um ein Haar besser. Herrgott, hat der Mensch gespielt! – – Guten Abend, meine Herrschaften!«
Man geleitete Meister Josef Joachim noch zur Tür und trat dann wieder zusammen, bildete neue Gruppen und behandelte doch nur das alte Thema: Bertold Malcroix und sein wunderbares Geigenspiel am heutigen Abend in der Singakademie.
Der Impresario ging mit lebhaften, kleinen Schritten von Gruppe zu Gruppe.
»Das war ein Erfolg!« Sein glatt rasiertes Gesicht glänzte und strahlte.
»Den halte ich noch fest – der darf mir nicht schon wieder ins Ausland, mag es nach ihm kabeln, so viel es will. Summen zahlt dies Amerika – – Aber dem Malcroix ist das einerlei – – ich halte ihn fest – –«
»Menschenkinder – ich hatte euch Berliner für viel nüchterner gehalten,« meinte jetzt halblaut ein dunkler, geistvoll aussehender Herr, der mit einem bekannten Berliner Maler allein an einem der Marmortischchen saß. »Ihr treibt ja Götzendienst mit diesem Malcroix.«
Der Maler lachte.
»Nennen Sie es so. Aber in Ihrem Munde hat das Wort Götzendienst einen spöttischen Klang. Er ist jedoch von allen Völkern und Stämmen immer sehr ernst betrieben worden, und so halten wir es auch mit Malcroix. Daß Sie zum heutigen Konzert noch nicht in Berlin waren, sondern genau eine Viertelstunde nach Schluß anlangten, machen Sie mit dem Unglücksstern aus, der schon über Ihrer Wiege geschwebt haben muß.«
»Na, da haben wir’s! Stopp, alter Freund! Ehe Sie mir ganz aus dem Häuschen geraten: Wer sind die zwei närrischen Zwickel dort in ihren vorsintflutlichen Fräcken? Sie sehen aus, als seien sie aus der Biedermeierzeit stehen geblieben, um für sie Reklame zu machen.«
»Ihr Scharfblick ehrt Sie,« lachte der Maler. »Diese beiden närrischen Zwickel, wie Sie sich auszudrücken belieben, sind eigentlich Eins, sind die Achse, um die wir uns hier drehen, sind der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht, sind Jonathan für unsern David Malcroix, sind Marquis Posa für unsern Don Carlos Malcroix, sind Pylades für unsern Orest Malcroix, sind unsere einzige Hoffnung, daß der Held heute abend doch noch erscheint, sind Brennstoff und Tüllen.«
»Herr Ober, bringen Sie sofort ein Glas eiskaltes Wasser und eine Stirnkompresse für diesen Herrn, wenn irgend möglich noch Leibumschlag und Wadenwickel,« rief der Doktor.
»Lieber Doktor, Sie scheinen uns hier alle etwas für geistesgestört zu halten,« wehrte lachend der Maler.
»Ich sprach bis jetzt nur mit Ihnen,« neckte der andere, »und halte da allerdings eine Ableitung vom Gehirn für geboten. Haben Sie Erbarmen und erzählen Sie mir meinetwegen auf deutsch, französisch, spanisch, italienisch, russisch, Volapükisch und Esperanto’sch von diesem Malcroix, – aber nüchtern – nüchtern!«
»Ich bin so nüchtern wie ein Kalb vor seiner Geburt,« versicherte der Maler. »Wie Sie sehen, ehren wir Bertold Malcroix noch auf andere Art, indem wir in den kargen Stunden des Zusammenseins mit ihm den Alkohol meiden.«
»Sind Sie verrückt?« entfuhr es dem andern.
»Ich glaube nicht.« Der Maler wurde ernst. »Malcroix hat vor Jahren im betrunkenen Zustand irgend eine schwere Tat begangen – als halber Knabe allerdings, man weiß gar nichts Genaues, erzählt sich aber die tollsten Geschichten von ihm, und besonders in seiner Vaterstadt Schwarzhausen, berühmt durch Porzellan, viertausend und eine Seele stark, gilt Malcroix als gänzlich schwarzes, verlorenes Schaf. – Jedenfalls ist er völliger Abstinent, weil er einen angeborenen, furchtbaren, schier grotesken Jähzorn meistern will, und – alle Achtung vor ihm – wir helfen ihm stillschweigend dabei, wenigstens solange wir ihn erwarten und mit ihm zusammen sind.«
»Soll ich heute den ganzen Abend Element in einer Trockenbatterie spielen?« fragte der Gast kläglich. – »Was trinkt denn euer großer Geiger? Zu Beethoven und Bach paßt doch kein Himbeersaft?«
»Muß denn immer ges… trunken werden?«
Der Doktor seufzte. »Es wäre nichts für mich, nur am Busen der heiligen Cäcilie zu saugen, besonders da diese Dame älteren Semestern angehört, ich ziehe Pilsener vor – – –«
»Sie sind wohl nicht musikalisch, Doktor? – –«
»Ich weiß nicht. Als zweijähriger holder Knabe sollte ich in der Kindersymphonie von Haydn mitwirken, war aber noch nicht stubenrein und vergaß mich. Es war mein erstes und letztes Auftreten, aber ich getraue mich doch, das Gebet einer Jungfrau vom Radetzkymarsch zu unterscheiden.«
»Malcroix! Hurra! Malcroix! Evviva! Malcroix!«
Der Maler war, jegliche Gastfreundschaft schnöde vergessend, aufgesprungen und zur Tür geeilt, durch welche ein reckenhafter Hüne eintrat. Es entstand ein völliger Tumult.
»Malcroix, evviva! Malcroix willkommen! Malcroix hoch!«
»Sie sind verrückt – und alles ohne Alkohol,« murmelte der Doktor, der still an seinem Platze geblieben war.
Aber dann erhob er sich ebenfalls rasch und über sich selbst erstaunt, denn sein Malerfreund führte ihm den Helden des Abends zu.
Und vergessen war aller Spott, alle Kritik, alles Nörgeln, vergessen das Vorhaben, recht ruhig und objektiv zu urteilen, sich nicht planlos mitreißen zu lassen vom allgemeinen Taumel.
Es ging wirklich ein Zauber von diesem Hünen aus, der Zauber eines Sonntagskindes. Was für kluge, ernste, tiefe, gute, leuchtende Augen dieser Künstler hatte, was war er für ein bildschöner Kerl mit dem dunklen Lockenhaar, das doch so gar nicht romantisch flatterte, sondern einfach und schlicht gescheitelt die hohe sein gemeißelte Stirn umrahmte. Und wie er lachte! Dies Lachen kennzeichnete ihn schon als Liebling der Musen, – das war Musik, die auch den unmusikalischsten Menschen bezaubern mußte.
Und wie dieser Malcroix seine Mitmenschen um Haupteslänge überragte, so war sein ganzes Wesen eher väterlich zu nennen, trotzdem er kaum dreißig Jahre zählen konnte.
»Die Freunde meiner Freunde sind meine Freunde,« sagte Bertold Malcroix herzlich und schüttelte dem Gast die Hand. »Wenn Sie erlauben, setze ich mich nachher ein Weilchen still zu Ihnen, augenblicklich« – er deutete lachend auf die aufgeregten Verehrer ringsum – »habe ich noch keinen eigenen Willen.«
»Ein prächtiger Mann, ein lieber Kerl, ein Vollmensch!« Immer wieder sagte es sich der fremde Gast an diesem Abend, je länger er Malcroix beobachtete, wie er der gefeierte Mittelpunkt eines erlesenen Kreises war, ohne auch nur ein einziges Mal unbescheiden, protzig oder nervös-launenhaft zu sein. Dieser Malcroix besaß die »Höflichkeit des Herzens, der Liebe verwandt, aus der die Höflichkeit des äußeren Betragens entspringt«.
»Nicht wahr, Sie gehören ihm auch?« fragte scherzhaft-ernst der Maler, als er wieder allein bei seinem Gaste saß, während Bertolds hohe Gestalt bald hier, bald da unter neuen Gruppen auftauchte.
»Er muß ein treuer Freund und guter Lebenskamerad sein,« meinte der Doktor sinnend, ohne direkt zu antworten – »ist er verheiratet?«
»Nein. – Auch über diesen Fall berichtet Frau Fama ganze Legenden.«
»Um Gottes willen, sagen Sie mir nicht, daß dieser Mann Herzensbrecher oder Weiberfeind ist,« rief der Doktor. »Beides würde mir wie ein platter, trivialer Berg zu einem Meisterbilde sein.«
»Malcroix ist auch keins von beiden nach meiner festen Überzeugung, aber – wie gesagt, ein wahrer Rattenkönig von Legenden heftet sich an seine Person. Man kann sich ja schwer vorstellen, daß dieser Vollmensch ein Erzengel Gabriel ist, wie einige behaupten, – ich kann darüber gar nicht urteilen, denn er spricht selten über Frauen und niemals über ›Weiber‹. Mit klugen Frauen plaudert er in derselben Weise wie mit gescheiten Männern und mit Gänsen scherzt er gutmütig, ohne sich lange bei ihnen aufzuhalten.«
»Ich kann mir nicht denken, daß ihm irgend eine Frau widerstehen könnte,« meinte der Doktor, »und doch sieht er so gar nicht aus, als läge ihm etwas daran, oder als hätte er sich vergeudet – vielleicht ist er irgendwo gebunden – – –«
Der Maler nickte.
»Man sagt es. Und ich selbst habe meine Beobachtungen gemacht. Er tritt in keiner Stadt Deutschlands auf, ohne irgend ein geheimnisvolles Landhaus in der Nähe zu mieten, wo er dann wohnt und auch hier hat er in einer Tiergartenvilla sein Domizil aufgeschlagen – nicht allein. Aber das geheimnisvolle Wesen, das ihn begleitet, ist dicht verschleiert und er selbst trägt es in den Wagen hinein und aus dem Wagen heraus. Er mietet eine versteckte Loge, wo es seinem Spiel lauschen kann und – –«
»Ist wahrscheinlich eifersüchtig wie ein Türke, und das Weib ist schön – – item, dieser Malcroix versteht’s. Wird er heute abend noch spielen?«
»Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich nicht. Neulich kamen wir – es war in Amsterdam – ganz unverhofft zu so einem Genuß. Da stritt er sich mit einem Kritiker herum, wurde wütend, riß die Geige aus dem Kasten und überzeugte den Kerl mit der Tat, so daß dieser windelweich wurde.«
In diesem Augenblick trat eine kleine Stille im Saale ein, irgend jemand, der von draußen hereingekommen war, erzählte eine Geschichte, die sehr belacht wurde. Dann wurde die Unterhaltung wieder lebhaft und allgemein.
»Wo ist er denn?« hörte man Bertold Malcroix fragen.
»Immer noch vor der Tür.«
»Er soll hereinkommen.«
»Aber er ist sehr schmutzig.«
Malcroix winkte ungeduldig mit der Hand.
»Was ist denn los?« fragten einige neugierig, die nichts Genaues von dem Vorgang hören und sehen konnten.
»Nichts Besonderes,« war die Antwort. »Ein zerlumpter Bengel steht vor der Hoteltür und will durchaus den ›großen Malcroix‹ sehen. Er ist der Sohn eines verstorbenen Musikers, lebt bei fremden, harten Leuten und sieht jammervoll aus. Jetzt läßt ihn der Künstler holen.«
Man erhob sich von den Sitzen und spähte neugierig nach der Tür.
Nach einer Weile ging diese auf und ein ungefähr zwölfjähriger Junge kam hereingestolpert, – er war offenbar geblendet von dem vielen Licht. Seine Jacke war zerrissen und verknüllt, so als hätten viele grobe Hände ihn daran herumgeschüttelt, auch der Junge selbst sah aus, als sei er öfters mit Mutter Erde in allzu dichte, unsanfte Berührung gekommen. –
Bertold hob das Kinn des Knaben leicht in die Höhe und sah ihm in das zitternde, verweinte Gesicht.
»Nun, mein Junge, – du wolltest mich sehen? Ich bin Malcroix.«
Und der fremde Junge sah.
Nicht wie Neugierde blickt, die sich mit Verständnislosigkeit paart, es war auch nicht Liebe, mit der der blasse Knabe den großen Künstler betrachtete, es war wie Durst.
Durst nach etwas Hohem, Herrlichem, das nie bis heute in sein armes Leben getreten war.
Und die Umstehenden schauten wieder auf die beiden und sie vermochten nicht einmal zu lächeln, so rührend war die Versunkenheit des Jungen.
»Wie heißt du?«
»Fritz Bach.«
»Du hast einen Wunsch an mich?«
»Ich habe den Herrn spielen hören – heute im Konzert, aber ich wußte nicht, ob ein Mensch spielte – – –«
»Was redest du da. Wo warst du? Im Saal drinnen? Erzähl ordentlich.«
»Hinter dem Vorhang auf der Bühne steckte ich. Die Frau, bei der ich bin« – der Junge schüttelte sich – »ist Garderobefrau, der Mann hat auch eine Anstellung da. Ich habe schon viele Musik gehört. Gestern hatten sie mich so geschlagen, weil ich den Herrn geigen hören wollte, daß ich mich nur noch hinter den Vorhang stecken konnte; ich meinte, ich müßte sterben. Und als der Herr geigte, glaubte ich, ich wär’ tot, und es wär’ schon ein Engel – – –«
Die Umstehenden sahen sich an.
Das war eine andere Sprache, als die gewohnten Huldigungen, die man dem begnadeten Künstler darbrachte, und dabei dies selbstvergessene Anschauen –
»Sprich weiter.«
»Dann wurde ich ohnmächtig, denn man fand mich, und dann wurde ich wieder geschlagen – es ist immer so – aber ich mußte Sie noch einmal sehen.«
»Du liebst die Musik sehr, Fritz Bach?«
»Ohhh!«
Nun lächelten doch die Umstehenden, der Ausruf kam zu rasch und urwüchsig heraus.
»Spielst du selbst?«
Der Junge nickte.
»Was kannst du?«
»Alles!!!«
Nun lachte Malcroix – und das war auch schon Musik, es war sein altes liebes Knabenlachen.
»Sieh, mein Junge, – das ist mehr, als irgend ein Mensch von sich sagen kann. Aber wenn du Bach heißt, ist’s ja nicht so verwunderlich. Bei wem hast du gelernt?«
»Ich kann’s von mir selbst.«
»Hm.« Malcroix winkte seinen getreuen Brennstoff zu sich heran und raunte ihm etwas zu, worauf der alte Organist hinauseilte. Nicht lange darauf kam er mit Bertolds Geige wieder, die er ihm reichte.
Jetzt kam Leben in die Versammlung, ein lautloses, rasches, freudiges Verständigen, ein Zuraunen: »er wird spielen«; ein sachtes Hinsetzen und gespanntes Lauschen.
Der Künstler stimmte leicht, dann führte er den Knaben zu seinem eigenen bekränzten Sessel und drückte ihn sacht hinein. Malcroix setzte die Geige an – –
Es war wohl ein erlesenes Programm heute abend gewesen und alle alten und neuen Meister hatten dem genialen Künstler ihre Stimmen verliehen, um mit ihnen die Zuhörer zu packen und hinzureißen, aber was Malcroix jetzt den Lauschern gab, das war mehr.
Sie saßen alle weltentrückt und Malcroix war es selbst. Der arme Junge in der schmutzigen, zerlumpten Kleidung, der im bekränzten Sessel kauerte, duckte sich immer mehr und kroch ganz in sich zusammen.
Denn der Reichtum war zu mächtig, der sich da auf ihn niederließ, und sein kleines, verzagtes, verstörtes Herz konnte ihn nicht bergen.
»Fahr wohl, du goldne Sonne!«
Aber die Sonne ging nicht fort, sie schritt im Gegenteil golden und groß in den Saal hinein. Alle ihre Strahlen verfingen sich in die braune Amati und der Künstler webte aus ihnen ein goldenes Netz, das alle umspann. –
Die Augen hingen an dem Geiger.
Was er ihnen sagte, war gewaltig.
Eine Predigt hielt die Geige, wie sie wuchtiger kaum je vernommen ward. – Mußte man wirklich einen solchen Dornenweg des Entsagens gehen, wenn man zu dieser Höhe klimmen wollte?
Denn jene unter den Zuhörern, welchen Frau Musika zur Seherin wurde, tief Verschlossenes offenbarend, sie fühlten jetzt mit dem Künstler den Segen des Leides. Sie schritten mit ihm durch Höhen und Tiefen und sahen mit leidgeschärften Augen, daß blumenumstandene Wege sich in Sümpfe verirren und nur ein schmaler, rauher und einsamer Weg hinaufführt ins lichte Kinderland, ins Hochland.
Dann war der letzte Ton verklungen, aber es blieb still im Saal. Nach einem Weilchen hörte man ein wildes, wehes Weinen – Fritz Bach sprang auf, schob ungestüm seinen Sessel zurück und umklammerte den Arm des Künstlers.
»Nichts kann ich, nichts!« stöhnte er und lief hinaus, quer durch den ganzen Saal mit den vielen fremden Leuten, ohne Gruß, ohne Dank.
»Den hole ich mir wieder,« sagte Bertold sinnend.
Er schlug das seidene Tuch um die Amati und legte sie wieder in Brennstoffs Hände. Dieser sah besorgt in Bertolds Antlitz. Es war tiefblaß und nur die rote Narbe quer über der Stirn brannte wie ein feuriges Mal.
»Nur einmal gar nicht mehr an andere denken,« meinte der Organist, »ganz und völlig ausruhen, nicht wahr, Meister Bertold?« Es klang, als spräche eine gute, alte Mutter mit ihrem Sohne. –
»Gewiß, mein Alter, – sei ganz ohne Sorgen.«
»Schmerzt die Narbe wieder?« fragte nun auch leise Rektor Tüllen. –
»Was soll ich’s hehlen? Ja, sie rumort etwas. –«
Die Umstehenden merkten kaum das Flüstern der drei. –
Nun der Bann des Schweigens gebrochen, waren sie alle völlig bei dem seltenen Genuß, den sie eben gehabt. – Sie redeten und gestikulierten heftig, sie legten die Sonde der Kritik an einzelne Stellen, und gegensätzliche Meinungen prallten hart aneinander.
Als man den Künstler zum Schiedsrichter nehmen wollte, war er mit den beiden Getreuen verschwunden.
Die letzteren schritten durch die Nacht, glückselig wie zwei Kinder über den wunderbaren Verlauf des Konzertes in Berlin, und auch darüber, daß das Ausland wieder hinter ihnen lag. Sie hätten sich ja nie dazu entschließen können, ihren jungen Meister Bertold allein ziehen zu lassen, – aber die Heimat übte ihre uralte Macht, und die Heimat war auch den beiden nicht mehr nur Schwarzhausen, sondern Deutschland. Und morgen, – morgen wollten alle drei nach Bayreuth – sie wollten Parsifal hören, zum ersten oder zum wievielten Male, sie wußten es nie zu sagen.
Es war ihnen ein Gottesdienst, den sie nie versäumten, wenn er sich ihnen bot. –
Bertold Malcroix schritt durch den stillen Tiergarten, rasch und weit ausschreitend.
Es ging schon stark auf Mitternacht, aber er wußte, daß er in dem kleinen, verschwiegenen Gartenhaus immer willkommen war, und daß die einsame Bewohnerin noch weniger Schlaf brauchte, als er selbst.
Etwas Starkes, Seltsames bewegte ihn heute.
Nicht der Künstlerstolz über den brausenden Erfolg des Abends, auch nicht der Gedanke, daß er heute wieder das Steuer eines Lebensschiffleins geworden war, denn daß er Fritz Bach die Mittel zu einem ernsten Studium gewährte, stand bei ihm fest.
Es war etwas anderes. Er hatte eine Erscheinung gehabt, ein Erlebnis, das ihn nicht losließ, und das er heute abend in Vergessenheit hatte bringen wollen bei sich selbst. –
Er, Bertold Malcroix, der nie einen Menschen vom andern im gefüllten Saale unterschied, er, dessen Sehen im Fühlen unterging, sobald er die Geige im Arm hielt, er hatte heute abend diese seltsame Erscheinung.
Im Adagio von Beethoven war sie auf ihn zugetreten und hatte ihn mit Augen der Erinnerung angeschaut.
Und sie war nicht leblos, trotzdem das schwarze Gewand der Trauer sie umschloß, sie atmete und schaute aus stahlblauen, ernsten Sternen auf seine Geige. Nur auf diese, nicht auf den Mann.
So jäh war sein Erschrecken und das wunderlich süße Entzücken gewesen, als er sie sah, daß er im Spiel ganz leise stockte, und da war auch über das süße Gesicht der Liselotte ein Rot des Erschreckens gegangen.
Jetzt quälte er sich mit dem Gedanken an ihr Aussehen, an ihr verändertes, blasses, ernstes Gesicht, aus dem jedes Schelmenlachen gewichen war.
Kleine Liselotte, dachtest du dir das Leben einfacher?
Du warst so für die Sonne geschaffen, gab es dir Schatten? Zu viel Schatten? –
An diesem Abend hatte er nur für die junge, mädchenhafte Frau gespielt, die so düster in dem tiefen Schwarz unter all den strahlend geschmückten Menschen gesessen. Für ihre Augen hatte er gespielt, die einst so lachen konnten, für die schlanken Hände, die gefaltet in ihrem Schoß lagen, für den Heiligenschein, der in Gestalt von flimmernden Löckchen das liebe Gesicht umgab, für die Seele der kleinen Liselotte Windemuth. Damit versank für ihn der große, helle Saal und alle Menschen dazu, und das stille Grasgärtchen des Rektors Tüllen stieg auf aus der Erinnerung. Nichts war auf dem Inselchen vorhanden, als die kleine Liselotte und er.
So kam es, daß seine Geige heute jubelte und weinte und so inbrünstig warb um die Vergangenheit. Die reiche, volle Tonflut der braunen Amati wollte die Kluft ausfüllen, welche acht Jahre gerissen, wollte einen neuen Weg schaffen zur Heimat und zum Herzen der Jugendgespielin.
Jeder Akkord, jeder Klang, jedes leise Schwingen der Saiten sprach zu ihr und fragte sie und klagte mit jeder Frage sich selbst an: »Kleiner Kamerad, warum blieben wir nicht zusammen? Meine Liselotte, warum ließ ich dich mit einem andern ziehn? Du erfahrenes Mütterchen von Puppe Emmy, warum verstandest du an deinem Konfirmationstage den großen, unbeholfenen Jungen nicht, dem die Liebe zu dir über Kopf und Kragen schlug?«
Und gerade bei dieser eindringlichen Frage, welche die Geige an das Herz der blassen, jungen Frau tat, war eine Störung im Konzertsaal entstanden und Bertold hatte gesehen, wie Liselotte aufstand und den Saal verließ.
Wo war sie jetzt? Wie sollte er sie finden in dem großen, weiten Berlin?
Unter all diesen drängenden Erinnerungen war Bertold Malcroix an das kleine versteckte Gartenhaus gekommen, das sich efeuumsponnen seltsam verwunschen in der Großstadt mit ihren ragenden Prachtbauten ausnahm. Bertold schloß die Gartenpforte auf, die sich lautlos in den Angeln drehte, und schritt den hellen Kiesweg entlang nach dem Häuschen hin, dessen Fenster erleuchtet waren.
Noch ehe er die Glocke zog, öffnete sich die Haustür.
Frau Thereschen Teichmann stand knixend auf der Schwelle.
»Wie geht es der Kranken?« fragte der Ankommende, »hat sie sehr auf mich gewartet?«
»Sehr! Sie ist aufgestanden und behauptet, ganz frisch zu sein. Denn es ist ein Eilbrief gekommen und sie will heim.«
»Heim? Es ist wohl nicht möglich!«
Bertold hatte rasch Hut und Mantel abgelegt und klopfte nun leise an die Tür des nächstliegenden Zimmers, deren Klinke er sacht herunterdrückte.
Und dann hielt der Hüne in den Armen ein feines, kleines, graues Persönchen und Tante Adelgundes verstaubtes Stimmlein schalt mit ihm.
»Du Langbleiber, du launischer Künstlerbub! Vergißt du mich ganz?«
Und als er besorgt nach ihrem Befinden fragte, wies sie ihn herrisch zurecht.
»Ich bin gesund, und ich will reisen. Bertold, wir müssen beide heim.«
Sie hielt ihm einen großen Brief hin und Bertold sah, wie ihre runzligen Hände zitterten. Und er selbst war blaß, nachdem er ihn gelesen; er mußte sich in einen der tiefen Sessel setzen.
Das alte, heisere Stimmlein schalt weiter.
»Gelt, das ist nun doch was anderes und Schwereres, sich zu entscheiden, wo deine Pflicht liegt, dummer Bub? Hier der Ruhm und die Welt, dort die verhaßte Arbeit.«
»Die Arbeit war mir nie verhaßt, Tante Adelgunde,« murmelte Bertold.
»Ach, – versteh mich doch recht, ich versteh’ dich ja auch. Hier liebt und vergöttert dich alles und in dem fernsten Auslandsnest bist du heimischer als in Schwarzhausen. Dort wartet schwere, verantwortungsvolle Arbeit auf dich und ein verbitterter Greis, der jetzt – – –«
Das verwitterte Stimmchen schlug um und Bertold trat zu dem uralten Dämchen und umarmte es zärtlich. »Wann mag der Schlaganfall gekommen sein, Tante Adelgunde?«
»Gott mag’s wissen. Der alte Prokurist schreibt ja nichts drüber, aber du liest ja, daß der Großvater dringend nach dir verlangt – – –«
»In einer Stunde geht der Nachtzug, – ich reise, Tante Adelgunde. Du kommst morgen nach mit Brennstoff und Tüllen und Frau Teichmann. Wirst du die Fahrt ertragen können?«
Da richtete sich das zusammengesunkene Körperchen auf. »Du fragst, wie dumme Buben fragen.« Das Stimmlein war jetzt fest und ernst. »Wenn man sich mit neunzig Jahren noch auf die Wanderschaft begibt, wie ich vor acht Jahren, dann muß etwas Großes, – das Größeste uns treiben: die Liebe, du dummer Bertold Eik. Ich allein hatte dich lieb und ich wußte, daß man einen Eik nicht mit dem Haß und der Menschenverachtung in die Welt hinaus lassen darf. Aber nun hat dich deine Geige die Menschenliebe gelehrt und du brauchst mich nicht mehr. Bald bin ich hundert Jahr – – ich möchte in der Heimat sterben.« – –
***
Das alte Windemuthhaus hatte lange einsam gestanden.
Man wunderte sich in Schwarzhausen darüber, denn man hatte eine ausgeprägt praktische Veranlagung.
Das Grundstück mit dem schönen, geräumigen Wohnhaus und dem großen Park hatte hohen Wert, und mancher Schwarzhausener Bürger suchte es an sich zu bringen, aber ohne Erfolg.
Man sagte, die verwitwete Frau Oberleutnant von Windemuth wolle mit ihrem einzigen Kinde nach Schwarzhausen ziehen, um das Grab des Vaters pflegen zu können.
Aber es geschah nichts dergleichen, und die Einwohner der Stadt und Umwohner des Windemuthschen Grundstückes gewöhnten sich schließlich an die zugezogenen Fenster und freuten sich, daß der große Garten dem Stadtgärtner übergeben war, der ihn sorglich pflegte.
Durch das Ereignis der Übersiedlung des berühmten Malcroix nach Schwarzhausen wurde das Interesse für die Windemuths in den Hintergrund gedrängt.
Man konnte sich zuerst gar nicht darein finden, daß der verachtete Name mit einem Male so hoch in Ehren stand, daß viele Fremde nach Schwarzhausen kamen und die Unbequemlichkeit des Reisens auf der Nebenlinie und Klingelbahn nicht scheuten, nur um die Heimat des großen Geigers zu besuchen. –
Und nun, da der Sohn den befleckten Namen des Vaters wieder ehrlich gemacht, also daß jeder mit abgezogenem Hute davor stand, nun führte Bertold wieder den Namen »Eik von Eichen«. – Er war und blieb eben »närrsch« und für die Schwarzhausener unverständlich. Und unverständlich blieb ihnen lange Zeit der ungeheure Aufschwung, den der Betrieb der Fabriken nahm, – es war doch unmöglich, daß der »Musikant« sich solche Fach- und Sachkenntnis angeeignet hatte, die den Erfolg bedingten.
Bertold Eik schritt durch alle Neugierde, allen Spott und einen guten Teil Nichtachtung, die sich trotz der acht Jahre gut erhalten hatte, mit eherner Stirn hindurch.
Der alte Herr von Eik hatte sich wieder erholt, aber er überließ dem Enkel die volle Verwaltung aller Geschäfte, und dieser ehrte den Großvater als Senior und holte seinen Rat ein, kehrte jedoch mit eisernem Besen jeglichen zopfigen Schlendrian aus. Das schaffte ihm einige neue Feinde zu den vielen alten, aber es verschaffte ihm auch treue Anerkennung und der Erfolg war auf seiner Seite.
Der Eichenborn blieb geheimnisvoll, weil niemand gebeten wurde, ihn von innen zu besehen; man munkelte von Lebenspülverchen, die darin nach einem Teufelsrezept verfertigt würden und zu tausendjährigem Dasein berechtigten. Irgendwo mußte ja immer noch die Tante Adelgunde leben, die man nie mehr sah; und doch brachte man nicht die Hundertjährige mit der geheimnisvollen Person in Verbindung, welche Bertold mit auf Reisen nahm und durch Heben und Tragen vor jeder unsanften Berührung schützte.
Es war doch weit interessanter, vom »schlechten Kerl« zu sprechen und sich alle seine schlimmen Taten ins Gedächtnis zurückzurufen, als in dem Herrn von Eichenborn einen ruhigen, arbeitsamen Staatsbürger zu sehen.
Der Eichenborn blieb geheimnisvoll, weil das langgestreckte, düstere Haus niemals Gäste sah, niemals Fremde hineinließ. Und weil Dienstbotenklatsch keinen Nährboden hatte, denn die Schar der Dienenden im Eichenborn war altbewährt und wurde im Todesfall immer nur durch erprobte und empfohlene Verwandte des Verstorbenen ersetzt.
Die neue Zeit schritt rings um den Eichenborn und Bertold Eik junior tat ihr weit die Pforten der Fabrikräume auf und setzte sie auf den Ehrenplatz. – Was zum Wohle der Arbeiter geschehen konnte, das wurde in den Eikschen Fabriken eingeführt; alle neuen Erfindungen im Betriebe der Schutzeinrichtungen fanden einen warmen, tätigen Förderer in dem jungen Besitzer. Aber die neue Zeit kam nicht nach dem Eichenborn selbst; sie mußte Halt machen vor dem mächtigen schmiedeeisernen Portal, das jeden Abend mit wuchtigem Schlüssel verwahrt wurde, und sie durfte sich nicht einmal erlauben, den uralten Klopfer durch den kleinen, weißen, elektrischen Knopf zu ersetzen.
Der Fürst des Landes war durch Schwarzhausen gereist und hatte dem Städtchen dadurch ungeheure Kosten, Mühe und Aufregung bereitet. Und wenn wirklich, wie man sagt, der Grad der Kultur eines Volkes nach dem Verbrauch der Seife abgemessen wird, so stand Schwarzhausen durchaus auf der Höhe.
Aber der Fürst fuhr mit dem ernstesten Gesicht durch all die Reinlichkeit und Kultur, selbst der Anblick der jungen und alten Ehrenjungfrauen vermochte sein Antlitz nicht zu erhellen, trotzdem die alten schon seinen Vater und Großvater begrüßt hatten.
Ohne Aufenthalt begab er sich nach den Eikschen Fabriken, wo er alles auf das eingehendste besichtigte. Und der Abend fand den Landesherrn nicht auf dem Honoratiorenball in der Thüringertanne, wo verschiedene Hände und Knopflöcher bereit waren, Segen zu empfangen, sondern er fand ihn im Gartenhause des Parkes Eichenborn, und das Gesellschaftstempelchen sah zum erstenmal wieder fürstliche Gäste, wie in längst vergangenen Glanztagen.
Schwarzhausen hatte Ursache, wieder den Kopf zu schütteln. Denn der als streng moralisch bekannte Fürst machte auch der geheimnisvollen Liebsten des jungen Bertold seinen ehrenden Besuch, ja er nahm sogar das »Pfand der Liebe«, die Frucht des unerhörten, lichtscheuen Verhältnisses mit nach der Residenz, damit die musikalische Ausbildung durch berühmte Hände erfolge.
Die neue Schwarzhausener »Schmach«, welche Bertold Eik den sittenstrengen Mitbürgern angetan hatte, war ein vierzehnjähriger Knabe, der in Eichenborn vom Rektor Tüllen unterrichtet wurde, wie denn überhaupt Tüllen und Brennstoff auf Wunsch der Eiks sich dauernd in Eichenborn niederließen.
Der »Sohn« von Bertold Eik junior wurde Fritz Bach genannt, und trotzdem sich der Fürst zu der unerhörten Heimlichkeit hergab, die sich im Gartenhause des Eikschen Parkes abspielte, und trotzdem überall wachthabende Eichenborner Garde auf Posten gestellt war, hatte doch ein Schwarzhausener Schlingel Gelegenheit, sich in einem Tannenwipfel einzunisten; er erzählte dem atemlos lauschenden Städtchen, daß der Fürst neben »der« gesessen. Er habe ihr sogar eigenhändig einen Schemel gebracht. Bertold Eik junior habe Geige gespielt, worauf der Fürst ihn umarmt und geküßt habe. Das gleiche habe darauf plötzlich »Fritz Bach« getan und Bertold Eik habe darüber herzhaft gelacht, worauf der Fürst laut und deutlich gesagt habe: »Mein lieber Eik, auch ohne Ihr Geigenspiel, schon durch Ihr Lachen allein wären Sie der musikalischste Mensch unter der Sonne!«
Man konnte sich nur denken, daß der Fürst schon »alt« wurde und deshalb solche – (mit tiefem Bückling wurde es gesagt) – Ungereimtheiten vorbrachte. – Außerdem hatten sich Durchlaucht ja nie die Mühe gegeben, sich zu überzeugen, wie seine übrigen Landeskinder lachten, so z. B. ganz besonders laut die Tochter des Bürgermeisters, wenn sie keinen Heuschnupfen hatte.
Irgend einen Haken besaß natürlich die ganze Geschichte; denn trotzdem der Fürst öfters »unerhört gemütlich« zu den Eiks kam und Bertold Eik junior der Lieblingsgast des fürstlichen Residenzschlosses wurde, nannte sich noch niemand der Eiks »Kommerzienrat« und nicht die geringste Ordensdekoration wurde von ihnen getragen. –
Es war gut, daß das Schicksal dem Städtchen Ersatz gab und es an einem anderen Schwarzhauser Kinde Freude erleben ließ. Das war die Frau Liselotte von Windemuth, die nun als junge, ehrbare Witwe des Oberleutnants in ihr Vaterhaus eingezogen war. Daß die achtundzwanzigjährige Frau keinen Verkehr suchte, sondern nur der Erziehung ihres Töchterchens lebte, daß sie weder Kaffees, noch Abendgesellschaften mitmachte, sondern sich der Pflege der Musik hingab, war freilich nicht nachahmenswert, aber sie war ja ein Mensch und Fehler haben die alle. Die Schwarzhausener rechneten sich selbst nicht eigentlich in die Kategorie des homo sapiens Linné, sie waren eben etwas Besonderes, waren »Fürstlich Schwarzhausensch«.
Frau von Windemuth hätte wohl eigentlich bei ihrer Jugend noch nicht so allein leben sollen, aber sie war nicht zu bewegen, der verstorbenen Base Juliane eine würdige Nachfolgerin zu geben, und setzte allen Anzapfungen dieser Art ein Lächeln entgegen, von dem man nicht recht wußte, ob man es lieblich oder spöttisch nennen dürfe.
Wunderschön war jedenfalls die junge Witwe, und um einen Blick aus den stahlblauen Augen zu erhaschen, ging, fuhr und ritt die Schwarzhausener Männlichkeit mit besonderer Vorliebe durch die Straße, wo sie wohnte, und der Verkehr in diesem Stadtteil hob sich, ohne daß Frau Liselotte selbst eine Ahnung hatte. Einige hochangesehene, ernsthafte Bewerber waren über die Schwelle des Windemuthhauses geschritten, aber die junge Frau zeigte keine Bereitwilligkeit, ihr eigenes Ansehen und ihre Ernsthaftigkeit zu teilen. –
So mußte man sich damit begnügen, manchmal beim Sonnenuntergang vor dem Zaun des parkartigen, dicht verwachsenen Gartens zu stehen und nach dem geöffneten Fenster des ersten Stockwerkes zu spähen, »bis die Liebliche sich zeigte«.
Aber sie zeigte sich nie.
Nur die wunderbar weiche Altstimme drang zu den Lauschenden, ein Klang wie aus anderen Welten: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar – – –«
Das kleine sechsjährige Wesen, das man im Windemuthsgarten spielen sah, hatte den Unternehmungsgeist der Mutter geerbt. Es stieg über den Windemuthzaun in Nachbargärten und sprach mit den Inhabern wie ein alter Verstandskasten. Es lernte stundenweise ernsthaft sein Abc und teilte ein Herzchen voll Liebe mit Blumen, Vögeln, Puppen, Mutti und dem lieben Gott.
Stahlblaue Augen schauten aus rosigem Gesicht lachend und zeitweise wiederum ernsthaft prüfend. Flimmernde Goldlöckchen umrahmten eine feine Stirn und unter dem geraden Näschen plauderte ein nicht allzukleiner Mund mit Mausezähnchen und etlichen Zahnlücken. –
Die Puppen des quecksilbrigen Wesens liebten weite, gefährliche Spazierfahrten in der »Kajüte«, wie der uralte Puppenwagen genannt wurde; und manche hatte schon ihr Dasein eingebüßt bei den verwegenen Ausflügen und lag begraben im Garten. Etliche waren Krüppel für Lebenszeit und dadurch ganz besonders verhätschelte Lieblinge.
Frau Liselotte erlaubte ihrem Kinde Selbständigkeit.
Automobile und elektrische Bahnen gab es nicht in Schwarzhausen; kläffenden, knurrenden Hunden trat das kleine Mädchen furchtlos entgegen und der Begriff des Bösen und Schlechten ging ihm überhaupt ab, so daß es mürrische und garstige Leute einfach fragte: »Was fehlt dir?«
Vor dem lauschigen, verwachsenen Eingang zum Eichenborn, darinnen die Quelle murmelte, war die Kleine wohl manchmal mit ihrem Puppenwagen stehen geblieben und hatte in das tiefe Grün des Parkes hineingestaunt. Denn es erbte die Eigenart der Mutter, allüberall Melodien zu hören, und im Eichenborn schienen wundersüße Klänge in der Luft zu hängen. Aus der Quelle tönten sie, aus dem Gründickicht quollen sie hervor und dort unten, wo sich das silberne Band der wilden Gera schlängelte und das dunkle Gartenhaus stand, schienen sich die Weisen zu einer geheimnisvollen Symphonie zu verdichten. –
Schon oft wollte das kleine Persönchen all dieses näher ergründen, aber »Mutti« hatte es immer vor dem Eichenborn besonders eilig gehabt und das Kind rasch vorbeigeführt.
So lebte in der Kleinen das unbewußte Gefühl, daß der Eichenborn verbotenes Gebiet sei.
Wenn aber das Schicksal es gerade vor dem Eichenborn erlaubte, daß die Lieblingspuppe heftiges Nasenbluten bekam und abgewaschen werden mußte, dann konnte man natürlich ohne Bedenken hineingehen, und ebenso mußte es jedermann als berechtigt ansehen, daß man die Schwerleidende nach dem Abwaschen noch ein wenig in dem stillen Parke umherfuhr.
Also die kleine Diplomatin.
Sie schritt mit Trippelschrittchen den Melodien nach und machte mit erhobenem Zeigefinger ihre zwei Puppen auf die immer lauter werdenden Klänge aufmerksam. Vor dem Gartenhause hob sie unter Ächzen und Seufzen den schweren Puppenwagen über die Schwelle und schob ihn und sich selbst durch die Tür in die große, altväterisch möblierte Diele. Da saß ein steinaltes Mütterchen am Spinnrade.
»Um Verzeihung –« begann die Kleine mit tiefem Knix, »sind Sie vielleicht Frau Holle?«
Sie nannte sonst noch alle Menschen »du«, aber bei Personen aus dem Märchenlande mußte eine höfliche Ausnahme gemacht werden.
»Komm her zu mir,« rief ein verstaubtes, heiseres Stimmchen, aber die Kleine wehrte ab. »Danke, danke, ich muß rasch zu Mutti, aber vorher möchte ich ›das da‹ sehen.«
Ohne Zögern klinkte sie das Nebengemach auf, und »das da« stand vor ihr und starrte mit Schrecken und Entzücken in das liebe Kindergesicht.
»Liselotte!« rief der große dunkle Mann, der die Geige im Arm hielt, aus welcher die märchenhaften Klänge gekommen waren.
Ein grauer Papagei, der im Bauer am Fenster saß, fing plötzlich an, sich wild und heftig im Ringe zu schaukeln.
»Liselotte! Bertold!« krächzte er.
Die Kleine erschrak und machte einen tiefen Knix.
»Woher weiß er es?« fragte sie neugierig und schmiegte sich an den Mann.
»Was meinst du, du liebes Kind? Heißt du nicht Liselotte?«
Bertold Eiks Hand strich sacht und zärtlich über das blonde Gelock.
»Nein, ich heiße Elfi. Aber die beiden hier.«
Sie schlug die Wagendecke zurück und hob zwei Puppenkinder hoch, das eine im Steckkissen mit verbundener Nase, das andere in schwarzen Samthöschen: »Liselotte und Bertold«.
»Liselotte! Bertold!« schrie der Papagei.
»Siehst du, er weiß es,« triumphierte Elfi, »woher weiß er es?«
»Das war immer so,« murmelte der große Mann, dann legte er mit raschem Griff die Geige in den Kasten, hob die federleichte Elfi hoch, was die Kleine zu jubelndem Lachen veranlaßte, und drückte sie stürmisch an seine Brust.
»Du hast mich wohl lieb?« fragte sie erstaunt-zutraulich, und ihre Ärmchen legten sich weich und herzlich um seinen Hals.
Dann zog sie ein verknülltes, nasses Taschentüchlein, mit dem sie vorhin die Puppe abgewaschen, aus dem perlengestickten Margaretentäschchen und wischte damit dem fremden Mann über das Gesicht.
Denn er hatte Wasser in den Augen und immer mehr Tränen kamen noch, trotzdem ihm die Elfi so mütterlich-zärtlich zusprach, genau so, wie es ihre eigene Mutti bei ihr selbst tat: »Nicht weinen, – nicht doch – es ist ja gar kein Grund da!«
Plötzlich lachte er herzlich und glücklich, was sehr hübsch klang, und sie durfte mit ihren kleinen Fingerchen die Saiten der Geige zupfen und nach Herzenslust mit ihrem neuen Freunde plaudern. Sie erzählte von Mutti und vom Windemuthhaus und dem großen Garten, und daß Großvater und Großmutter und auch der Papa im Himmel seien und daß Mutti oft weine.
Unglaublich rasch verflog die Zeit, denn der ernste Mann und das holde Kind hatten sich gar so viel zu erzählen, und als endlich Elfi mit dem Puppenwagen heimfuhr, lag zutiefst auf seinem Boden ein graues, närrisches Bündel und Klein-Elfi und Bertold von Eik hatten ein wundersüßes, großes Geheimnis miteinander.
Frau Liselotte schritt in ihrem Garten auf und ab; er war so dicht verwachsen, daß er sie vor jedem Späherauge schützte, und das war gut und verständig von seinen dichten Zweigen. Denn in den lieben Garten des Vaterhauses trug Frau Liselotte viel heimlichen Kummer; all die vertrauten Stellen darin kannten ihr Leid, wußten, wie schwer sie an der Ehe mit Hans von Windemuth getragen hatte, und wie sie geistig beinahe verhungert war an seiner Seite. Sie war auf Wunsch des Arztes nach dem plötzlichen Tode des Gatten auf Reisen gegangen, aber Mutterliebe trieb sie wieder, seßhaft zu werden, weil Klein-Elfi nicht die Unruhe vertrug. Frau Liselotte hatte sich eine Villa im Tiergarten gemietet, um ihre Stimme in Berlin noch weiter auszubilden, aber sie litt unter dem Tanz um das goldene Kalb, der begann, als man erfuhr, daß die schöne Gesangschülerin der Königlichen Hochschule reich und frei war.
Ernst und unnahbar wurde sie und – einsam.
Dann kam der Konzertabend in der Singakademie, an dem sie Bertold Eik zum ersten Male wiedersah.
Wiedersah als großen, unerreichten Künstler.
Und das Kinderherz in ihr flog ihm entgegen und alles Trennende schien zu versinken, aber sie hörte, daß er jäh die Künstlerlaufbahn abgebrochen habe und die großen Besitzungen der Eiks übernehmen werde. Sie hörte, daß seine schwere einstige Kopfwunde ihm immer noch zu schaffen machte, und man verhehlte ihr nicht die häßlichen Einzelheiten ihrer Entstehung.
Auch seine geheimnisvolle Begleiterin sah sie und hörte von ihr, aber nichts von alledem drang in das Stillste und Tiefste ihres Herzens, das dem Jugendfreunde seit Urbeginn gehörte.
Und als die Sehnsucht nach der Thüringer Heimat sie packte und schüttelte, daß sie meinte in der fremden Großstadt verzagen zu müssen, da ließ sie die Pforten ihres Vaterhauses öffnen, ließ Licht und Luft und Sonne durch die unverhüllten Fenster einziehen und duckte sich mit ihrem Kinde in das stille, sonnenwarme Nest. –
Heute an dem Sommernachmittag, der sich schon sacht mit dem Abend grüßte, wartete Frau Liselotte auf Elfi, die ihren Gesundheitsspaziergang mit den Puppen etwas gar zu lange ausdehnte, so daß die Mutter schon ein paarmal in Sorge über den Gartenzaun gelugt hatte.
Nun setzte sie sich in die Geisblattlaube und die sonst immer fleißigen Hände, die am liebsten jedes Stück, dessen der Liebling bedurfte, selbst nähten, lagen gefaltet auf der kühlen Platte des alten Steintisches.
Allgemach kam ein süßes Träumen über sie und der Kopf sank auf die verschlungenen Hände.
»Gewiß weint Mutti wieder,« meinte Elfi zu sich selbst, die ganz leise durch das Gartenpförtchen über den weichen Rasen herangefahren war. Ein glückliches Lachen überzog das Schelmengesicht und wechselte mit einem rührend sorglichen Ausdruck.
Was hatte der große, gute Herr im Eichenborn ihr zugeflüstert?
»Wenn deine Mutti wieder weint, dann leg ihr dies Bündelchen in den Schoß; gib acht, sie wird dann froh.« – –
Und Elfis Herzchen pochte in Erwartung, das graue Bündel wanderte aus dem Puppenwagen auf den alten Steintisch und berührte die gefalteten Hände der Ruhenden. Langsam und verträumt hob Frau Liselotte den blonden Kopf und kichernd schlüpfte Klein-Elfi, sich versteckend, hinter einen dichten Fliederbusch.
Von dort aus sah sie, daß Mutti gar nicht geweint, vielleicht nur ein wenig geschlafen hatte, aber nun lag der Trost doch einmal neben ihr und – – –
O was hatte Elfi da angerichtet!
Sie sah, wie das Bündel mit stürmischen Küssen bedeckt wurde, wieder und immer wieder, und die Mutti rief einen Namen dabei, den Elfi nicht verstand; was sie aber wohl verstand, war, daß Mutti nun weinte, – weinte, wie Elfi es nie gesehen, herzbrechend und bitterlich. –
Also hatte der Herr vom Eichenborn unrecht gehabt und sehr, sehr bös gehandelt, daß er der Mutti solchen Kummer mit dem greulichen Bündel verursachte, und Elfi war sofort entschlossen, es ihm zu sagen, gleich jetzt – sofort.
Die flinken Beinchen legten den kurzen Weg unglaublich rasch zurück und Bertold von Eik war sehr erstaunt, seine kleine, neue Freundin sobald schon wieder zu sehen. Der Plaudermund Elfis strömte über von raschen, zornigen Vorwürfen und sie verhehlte ihm gar nichts von dem jähen Leid, das über Mutti beim Anblick des grauen Bündels gekommen war.
Noch viel zorniger aber wurde ihr Herzchen, als sie den großen Herrn lachen sah, ganz strahlend und herzlich lachen, und sie wehrte sich mit Händen und Fäustchen, als er sie stürmisch lieb haben wollte, und fing nun selbst an, kläglich zu weinen.
Da wurde er ernst und redete gute, liebe Worte und sie legte vertrauensvoll ihre kleine Rechte in die seine und er ließ sich von ihr leiten bis ins Windemuthhaus.
Dort ließ sie aber die große Hand nicht los, sondern gemeinsam schritten die beiden durch das Portal des Windemuthhauses und hinaus in den Garten.
Erst vor der Geisblattlaube löste sich Elfis Händchen aus der Hand des Freundes, und sie stieß ihn ein wenig unsanft hinein. »Da!« sagte sie nur –
Und der große ernste Herr von Eichenborn mußte seine böse Tat wohl sehr bereuen, denn er lag vor Mutti auf den Knien und küßte immer wieder ihre beiden Hände und diese Hände legten sich auf seinen Kopf und schlangen sich um seinen Hals und Mutti, die gute Mutti, schien ihm auch verziehen zu haben, denn sie küßte ihn ja und sah unbeschreiblich glückselig aus.
Da umfing Klein-Elfi beide liebe Menschen mit ihren weichen Kinderarmen.
An Tante Adelgundes hundertstem Geburtstag führte Bertold Eik von Eichen seine Liselotte heim. – Eine hundertjährige Bürgerin hatte Schwarzhausen seit seiner Begründung noch nicht aufzuweisen gehabt. –
Die Schwarzhausener waren sehr stolz.
Nirgends in der Welt passierten so seltsame Dinge, wie in ihrem Städtchen, und es hatte den Anschein, als ob der liebe Gott die Schwarzhausener ganz besonders liebte und ehrte.
Denn daß die liebe, gute Liselotte Windemuth, die so viel für die Armen der Stadt tat, den Bertold Eik heiratete und damit den einzigen schlechten Kerl, den Schwarzhausen aufzuweisen hatte, zur Besserung vorbereitete, das wollten sie ihr nie vergessen, ja manchem dämmerte es in seinem Pharisäerherzen, daß Herr Bertold Eik von Eichen es doch am Ende verdiente, ein Schwarzhausener Bürger zu sein.
Und mehr kann der Leser wohl von Schwarzhausen nicht verlangen.
»Du willst meinem Enkel das Glück bringen?« fragte Eik senior die junge, blonde, schöne Frau.
Es war am Abend ihres Hochzeitstages.
»Ich will ihm die Heimat geben,« antwortete Liselotte schlicht.
Da schloß der alte grimme Eik sie in seine Arme, und er fühlte seherisch, daß das heilige Feuer in diesen beiden Menschenkindern wohl imstande sein würde, das Gold, welches im Eichenborn verborgen lag, von allen Schlacken zu läutern.
Vom Großvater fort schritten Bertold und Liselotte in Tante Adelgundes Gemächer.
Und das Geburtstagskind segnete sie und gab ihnen die silberbeschlagene Bibel, aus der sie noch eben gelesen: »Und wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich tönendes Erz und klingende Schelle – –«
Denn sie ist die Größeste – – –!
Fräulein Adelgunde blickte aus hellen Augen dem schönen Paare nach – es schritt Hand in Hand über den Hof des Herrenhauses und dann stand es vom hellen Mondlicht beschienen im gegenüberliegenden Turmzimmer, dem Brautgemach, von dem man weithin schauen konnte über die geliebten Thüringer Berge.
Ein Rauschen ging durch die Edeltannen, wie eine ernste Mahnung, und ihr herbes Duften war wie stilles Grüßen in dieser heiligen Nacht.
»Heimat ist Glück,« murmelte die Hundertjährige.
Ende.