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Die Eiks von Eichen

Die Eiks von Eichen (continued 3)

Reading edition

»Weiß man das denn so genau? Er war doch immer leidend, der Herr Baldamus, und sah aus wie Braunbier und – – –«

Schreinermeister Hellwig muß verstummen, denn man dreht ihm entrüstet den Rücken. Es spricht ja auch nur der Ärger aus ihm, weil der Sarg nicht bei ihm bestellt ist, sondern in der Residenz. Im übrigen wollen sich die Schwarzhausener auch nicht ihren Prügeljungen nehmen lassen. »Na überhaupt der junge Bertold Malcroix! Ein Glück, daß man ihn los war, – der hätte noch mal die Stadt an allen vier Ecken angezündet.« –

Die Glocken läuten, und der Zug zieht langsam zum Kirchhof – – –

Im Eichenborn ist es auch still und leer. Sie sind alle zum Begräbnis mit Ausnahme des alten Fräuleins Adelgunde, der Frau Franziska und Hieronymus Teichmann. Der letztere hat einen Augenblick am Fenster gestanden und hinabgeschaut auf die vielen Kränze und Blumen und hinausgehorcht auf das mächtig tönende Geläute, und ein bitteres Lächeln hat dabei auf seinem Antlitz gelegen. –

Tante Adelgunde sitzt in ihrem großen, weiten, behaglichen Zimmer, aber nicht auf dem Fenstertritt, wo das Spinnrad steht, sondern weit ab vom Lichte in einem der großen, tiefen Sessel. –

Sie will den langen, ehrenden Leichenzug nicht sehen und nicht den blumenüberdeckten Sarg, sie will auch die Staatskarosse der Eiks nicht sehen, worin der einsame Mann sitzt, der allzeit so aufrecht ging …

Wie eigen mag ihm zumute sein, daß er jetzt in dem langsam fahrenden Wagen drüber nachsinnt, wie blind die Menschen doch sind.

Fräulein Adelgunde will auch die Musik nicht hören, die so aufdringlich laut mit Pauken, Drommeten und Schalmeien verkündigt: »Horcht alle auf! Hier wird etwas ganz Besonderes zu Grabe getragen, der Gerechtesten einer …«

Sie liest laut aus der großen, alten Familienbibel, die in ihrem Schoße ruht: »Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich tönendes Erz oder klingende Schelle«, und sie meint, solch tönendes Erz und solch klingende Schelle sei allzeit der Baldamus gewesen und seine Leichenmusik das Sinnbild seines Lebens.

Aber Tante Adelgunde liest auch in der Bibel: »Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet«, und ihr Haupt neigt sich tiefer herab auf das Buch der Bücher, und sie betet zum erstenmal seit dem Tode des Neffen: »Herr, nimm ihn gnädig in dein himmlisch Reich!«

Auch Frau Franziska sitzt allein und auch sie liest, – aber nicht in der Bibel. Ein kleines Lederbuch liegt in ihrer Hand, abgegriffen und viel benutzt. Vergilbte Blätter bilden seinen Inhalt, und sie sind bedeckt mit den feinen Schriftzügen einer Frauenhand.

Dieses Buch hatte Baldamus Eik ihr vermacht.

Sie war, – der Schmach nicht mehr denkend, die er ihr hatte antun wollen, – in sein Sterbezimmer geeilt, da man ihr sagte, der Kranke versuche unablässig ihren Namen zu formen, er könne nicht leben und nicht sterben, wie es scheine, ohne daß er sie noch einmal gesehen.

Als sie zu ihm trat, war ein Lächeln über sein Antlitz gegangen, – ein fürchterliches Lächeln, vor dem ihr graute.

Aber sie hatte sich selbst gescholten und war zu ihm getreten. Und weil sie das Nahen des Todes spürte, beugte sie sich tief über den Kranken und sagte laut: »Ich will vergessen und verzeihen.«

Da war wieder das fürchterliche Lächeln gekommen, und die matte Hand hatte sich gehoben und nach dem Schreibtisch gezeigt. Dort lag das Buch, umwunden mit Seidenband und mit dem großen Wappen der Eiks versiegelt. Die Aufschrift lautete: »Mein Vermächtnis für Franziska Malcroix, geb. Eik von Eichen.«

Erst als sie das Buch in Händen hielt und sich ihm so zeigte, – da wurde er ruhig und legte sich zum Schlafe hin, aus dem er nicht wieder erwachte. Und auf seinem toten, starren Gesicht lag der Ausdruck gesättigten Behagens.

Franziska hatte das Büchlein in ihr Zimmer mitgenommen und das Siegel dort gelöst.

Und wie sie sah, daß der Umschlag ein Buch enthielt, das ihrer eigenen Mutter gehört hatte, als sie die geliebten Schriftzüge erblickte von der treuen Hand, die schon so lange moderte, – da war das Verzeihen für die Schuld des Toten bewußt in sie gekommen, – er hat mir Gutes tun wollen, er wollte sühnen, indem er mir als letzte Gabe das Liebste reichte, was es für mich geben konnte.

Und sie hatte gelesen, was die teure Mutter in dem kleinen Buche niedergelegt – – –

Aber das Haupt der Medusa konnte nicht schrecklicher blicken, als dies kleine Buch mit den zarten Schriftzügen; und langsam, langsam erstarrte das Herz der Lesenden. –

Eichenborn, den 17. Mai …

»Nun bleiben aber Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.«

Das war unser Trauspruch.

»Und nun frage ich dich, Carola Dannenstein, willst du diesen gegenwärtigen Bertold Eik von Eichen lieben und ehren, und ihm treu sein, bis der Tod euch scheidet?«

»Ja!« rief ich hell und freudig, »ja!«

Die Schwarzhausener haben darüber gelacht und getuschelt, es ist nicht Sitte hier, daß eine Braut so laut das »Ja« herausjubelt, man darf es schon auf der ersten Kirchenbank nicht verstehen. Nur der Bräutigam darf es laut sagen.

Was kümmert’s mich? Ich komme aus der freien Reichsstadt Bremen und – wenn mein Herz »ja« jubelt, dann tut mein Mund es freudig kund.

Wie gern hätte ich mich in Bremen trauen lassen, in derselben alten, lieben Kirche, da ich getauft und konfirmiert wurde, – aber mir lebt niemand mehr dort, – so ganz verwaist bin ich. Da bin ich vom Hause meiner Schwiegereltern in das meines Gatten getreten, – es ist ja im Grunde ein und dasselbe, – der schöne Eichenborn. Aber der Flügel, da ich mit meinem Bertold hausen soll, ist hell und licht, – – die Zimmer der andern sind umschattet von hohen, dichten Eichen.

»So ganz verwaist bin ich?« Lieber Herrgott, vergib mir dies Wort, da mich doch der Eine, der Einzige, der Herzliebste heute an sein reiches Herz genommen hat, das vor mir noch keine geliebt, und das mir Vater, Mutter, Bruder und Schwester sein will. – Nein, ich bin wahrlich nicht verwaist.

Frau Therese Teichmann, die runde, stattliche Frau unseres Dieners und Faktotums, hat mir geholfen, den Brautstaat abzulegen und mir das Strumpfband gelöst, – eine alte, uralte Sitte im Hause Eichenborn. Bertold und ich wollten nicht in die Welt hinaus fahren, sondern die ersten, seligen Stunden des Vereintseins in unsern vier Wänden genießen.

Jetzt umfängt mich das traute Wohnzimmer mit lauter lieben, alten Möbeln aus meinem Vaterhause, dem alten Bremer Patrizierheim. Nebenan liegt der ungeheure Saal, weit und dämmrig tut er sich auf und die vergoldete Stukkatur seiner Decke leuchtet matt zu mir herüber. Prunkvoll ist er eingerichtet, – die Eiks sind ein reiches Geschlecht. – An den Saal reiht sich Zimmer an Zimmer, ich habe sie alle an Bertolds Hand durchschritten.

Nur das eine nicht, das neben diesem, meinem Wohnzimmer liegt. – Aber heimlich, ganz heimlich hab’ ich hineingesehen, – dort stehen zwei ungeheure Riesenbetten, und schneeiges Linnen bauscht sich in ihnen unter rotleuchtenden, seidenen Decken. Eine herzbeklemmende, süße Angst befällt mich, wenn ich an das Stübchen denke – – – Herzliebster! Herzliebster! Herzliebster!

Mein Ruf holt ihn nicht herbei, – – er ist fortgeholt worden zu einem Schwerkranken, zu einem Sterbenden.

Das war recht seltsam für mich, und Hieronymus Teichmann, der die Botschaft überbrachte, sah mich mit mitleidigem, ernstem Blicke an. Er wollte sich wohl überzeugen, wie tapfer oder untapfer ich sei an meinem Hochzeitstage.

Aber das liebe ich ja gerade so an meinem Bertold, daß er in dem großen, ihm unterstellten Getriebe alles ist, Herr und Arbeiter, Freund, Bruder, Körper- und Seelenarzt. Und so trete ich willig zurück, da man ihn an ein Sterbebett ruft.

Ach, – nicht nur das Ziel, auch der Weg dahin ist schön.

Könnte ich wohl dies kleine Buch mit meinen tiefinnersten Gedanken füllen, wenn mein Bertold neben mir säße?

Er würde mich stürmisch in seine urgewaltige Liebe reißen und mich ersticken mit seinen Küssen.

Es ist süß, darauf zu warten und in diesem kleinen Buch von ihm zu träumen. –

Eine Stunde später.

Die Nacht, die stille Mainacht ist hereingebrochen.

Vor dem geöffneten Fenster schluchzt klagend eine Nachtigall.

Frau Therese Teichmann hat mir die Lampe gebracht und nach meinen Befehlen gefragt.

Ich habe keine Befehle, ich habe nur den tiefen Wunsch, mein liebster Bräutigam möchte endlich bei mir sein, – er zögert lange. – Die Dienerin sah mich an, genau so seltsam ernst wie vorhin ihr Mann. Dann wollten wir beide scherzen, aber es gelang uns nicht.

Sacht strich sie mir über das Haar und die gefalteten Hände, die auf diesen Blättern ruhten. Sie hat etwas Mütterliches an sich, ich werde diese Dienerin sehr lieb haben.

»Eine ernste, stille Brautnacht!« meinte sie leise.

»So wird unser Leben hoffentlich um so froher,« rief ich dagegen, vielleicht lauter als nötig, – ich hatte viel Bangigkeit zu verscheuchen.

»Gott walt’s!«

Zwei Stunden später.

Ich bin schon ein paarmal aus dem Schlafe aufgeschreckt, der mich im Sessel überfallen hatte. Alles ist so totenstill um mich. Ich wage nicht die Tür zu dem großen, gähnenden Saal zu schließen und wage nicht, jene zu öffnen, welche das heimliche Gemach, das liebe, traute auf der anderen Seite für mich verbirgt.

Soll ich mich allein niederlegen? Der Schlaf wird mich fliehen, wenn er auch jetzt in öder Stille versucht, meine Augen zu schließen.

Bertold! Bertold! Komm! Ach komm! Ist denn niemand bei dem fremden Sterbenden, der dich ablösen könnte? Das Leben ruft dich, das süße, beglückende Leben. Dein junges Weib ruft dich und die Sehnsucht meines Herzens. Komm, ach komm zu mir!

Eine Stunde später.

Was ist dir jener Sterbende, Bertold? Warum findest du nicht ein paar karge Minuten Zeit, um zu mir zu eilen und mir ein liebes Wort zu sagen? Wie bin ich einsam!

Drei Stunden später.

Langsam dämmert der Morgen. Bleischwer liegt es in meinen Gliedern. Schon sendet die Sonne den ersten Schein über die dunklen Thüringer Berge, die von nun an meine Heimat sein sollen. – Meine Heimat ist Bertold.

Weh, ich bin heimatlos – – –

Den 19. Mai.

Soll ich die ersten Blätter mit ihren Seufzern und Tränen herauslösen aus diesem kleinen Buch? – – Ich will sie darinnen lassen, – sie sollen der Ring des Polykrates sein, die Opfergabe, den Göttern dargebracht.

Kann es nur so viel Glück auf dieser armen Erde geben?

Nicht nur in dem köstlichen Rausche der hingebenden Liebe liegt und leuchtet es, – – für mich ruht es weit mehr in dem Lächeln, das auf dem ernsten Antlitz meines Gatten erstanden ist, seit wir vereint sind.

»Der düstere Eik«, »der grimmige Eik!« Es paßt gar nicht mehr auf ihn.

So nannten sie ihn in Bremen und auch hier in seiner Heimat sind es seine Übernamen.

Er hat mir schon in unserer Brautzeit bekannt, daß der Jähzorn ein Erbteil der Eiks sei und daß seine Vorfahren ihn ganz besonders belastet hätten, aber er schreckte mich nicht mit diesem Geständnis.

»Jähzornige sind immer auch gut,« gab ich ihm zur Antwort und er küßte mich dafür.

Freilich ist seine Güte nicht augenfällig, – seine Augen schauen dreuend unter dichten, schwarzen Brauen hervor, sein Mund ist herb geschlossen und kein Bart verdeckt den verächtlichen Zug, der um die Winkel liegt.

»Wo hast du die Welt so verachten gelernt?« fragte ich ihn sinnend-neckend und strich mit meiner Hand sacht über die beiden Fältchen, die seinen schönen, großen Mund mit den eisenfesten, blitzenden Zähnen leicht herabziehen.

Eine feine Röte stieg in sein Gesicht.

Dann aber blitzten seine dunklen Augen mich an, sein dürstender Mund lag auf dem meinen, und wir tranken aus dem Becher der Seligkeit.

»Ich liebe die Welt, seit sie dich trägt,« flüsterte er mir zu. –

»Seit zwanzig Jahren?« fragte ich zweifelnd. »Wann kam denn das Verachten?«

»So lieb’ ich die Welt, seit du mein eigen bist!«

»Also immer!« rief ich jubelnd und schmiegte mich an sein Herz.

Den 22. Mai.

Eifersüchtig bin ich. Wer hätte das gedacht! Ich am wenigsten von mir selbst.

Ich hatte es ja nie gespürt, – wie sollte ich auch? Er liebte mich, er wählte mich, und aus den Wonnen eines kurzen Brautstandes, in welchem er nur für mich und ich für ihn lebte und webte, holte er mich in den Eichenborn, in das stille, düstere Haus seiner Väter.

Und hier auf einmal tritt das Gorgonenhaupt des grüngeäugten Scheusals vor mich hin.

Ich kann es nicht bannen, ich kann es nicht nehmen, fassen und unschädlich machen. Es ist ein Schmerz, der immer mit mir geht. Es ist klein und unvornehm von mir. Denn ich habe keinen Grund zur Eifersucht. Und mir schwebt auch keine bestimmte Person, keine Frau, kein Mädchen vor, – mir ist, als sei ich eifersüchtig auf alles, was den Einzigen von mir fern halten könnte, auf seinen Beruf, – – ja auf die Luft, die er fern von mir atmet. Es ist ein so öder Gemeinplatz: »Eifersucht ist Mangel an Vertrauen.« Und dieser Gemeinplatz lügt.

Eifersucht ist Liebe, höchste Liebe. Und Eifersucht ist Angst. –

Auf die Stunden, die uns in der Brautnacht trennten, bin ich nie wieder zurückgekommen.

Er war so blaß und verstört, mein armer Liebster, als er heimkehrte zu seinem jungen, wartenden Weib.

»Ist er tot?« fragte ich.

»Ja, Liebste.«

»War er es wert, daß du mir fern bliebst?«

»Ja, Liebste.«

Das war unsere Unterredung.

Im August.

Heute führte uns der Weg nach dem kleinen, alten Friedhof. Man kommt zuerst an das Mausoleum mit untermauertem Grund, in welchem seit Jahrhunderten die Eiks von Eichen schlafen.

Ach, bei solch einer Anhäufung von Särgen, da kann ich nie an Schlaf denken, sondern nur an Moder. Im grünen Wald oder im dichtverwachsenen, kleinen Totenhain, unter Efeu und Immergrün, umrauscht von alten Bäumen, da kann man schlafen. Vom Mausoleum ab führen die stillen moosbewachsenen Pfade nach den Gräbern der andern, die aber immer mit dem Hause Eik in irgendeiner Verbindung standen: Angestellte und Arbeiter der Fabrik, Gutsleute und ihre Kinder.

»Warum ruht ihr Eiks nicht hier?« fragte ich, »o wie es hier nach Rosen duftet und Jasmin, nach Jelängerjelieber und Jesuskraut. Die Zypresse im Erbbegräbnis schaut so streng und traurig.«

»Die Eiks sind ja auch ein strenges und trauriges Geschlecht,« meinte mein Liebster ernst. »Außerdem,« setzte er kurz auflachend hinzu, »wollen sie selbst im Tode noch etwas Besonderes sein und getrennt von den übrigen Sündern.«

»Da liegt auch ein Sünder!« rief ich lebhaft und zeigte auf ein ziemlich neues Grab, dem mein Bertold den Rücken kehrte. Dünne Grashälmchen wuchsen darauf, durch welche man die kahle Erde überall hervorblicken sah. Ein kleiner, düstergrauer Stein schmückte die Stelle, – nein doch, er schmückte sie nicht, er zeigte sie drohend dem Beschauer. »Gott sei mir Sünder gnädig!« stand mit großen, schwarzen Buchstaben auf dem Stein.

Mein Bertold hatte sich herumgedreht, und sein braunes Gesicht war blaß, als er die Worte las.

»Wie furchtbar!« stieß er hervor. »Wie konnte der Alte das tun!«

»Wer ist der Alte?« fragte ich.

Bertold biß sich auf die Lippen. Vielleicht war ihm der Ausruf nur so entschlüpft, doch entgegnete er ruhig: »Der alte Hörschel. Sein Kind – – – es war ein Selbstmörder.«

»War es dein Freund?«

»Nein.«

Dann zog Bertold meinen Arm rasch und fest durch den seinen und schritt mit mir fort aus dem Reiche der Toten in unser lebendiges Heim. –

Ein Jahr später.

Schwer habe ich gelitten. So schwer, daß ich nicht dazu kam, mein Wohnzimmer zu betreten, viel weniger, dies Buch aufzuschlagen.

Eine Fehlgeburt brachte mich nahe an jenes dunkle Tor, das zum Erbbegräbnis der Eiks führt.

Und nun eröffnen mir die Ärzte, daß ich nie mehr ein Kind zur Welt bringen würde – – –.

Warum legte Gott solche tiefe Muttersehnsucht in mein Herz? Warum gab er tausend und abertausend vornehmen Frauen Kinder, die doch von den Müttern vernachlässigt und den Dienstboten übergeben werden? Warum sandte er tausend und abertausend siechen, verderbten, armen, hungernden Müttern und Vätern dies Gottesgeschenk und versagt es gerade mir so grausam? Warum, warum? Verlorene Frage! Aber sie verläßt mich nicht, sie wird zum Hammer und schlägt immerfort auf mein armes Herz. Warum? Warum? All mein Kinderglaube, mein starker Glaube, zerbricht, ich hadre mit Gott und nenne ihn nicht mehr den Allgütigen, Allweisen, nur noch den Allmächtigen, der mein Glück in Trümmer schlug. – – –

Ein Jahr später.

Wenn ich mein ganzes Leben lang so selten in diese Blätter schaue, – dann wird das Büchlein hundert Jahre aushalten. Und wer trägt die Schuld, daß die gern plaudernde Carola Eik verstummt ist? Verstummt? Kommt ins Kinderstübchen und lauscht dem sprudelnden Quell der Worte und Lieder, die ich meinem Kleinchen darbringe.

Meinem Kindchen? – – Muß man denn immer Unmögliches haben wollen? Immer wie unmündige, törichte Kinder nach den Sternen langen?

Mein Bertold wurde mein Arzt. Unter seinem guten, ernsten Zuspruch wurde ich ruhiger, wurde Trostgründen zugänglich, und er eröffnete mir das reiche Feld der Armen- und Krankenpflege, er schickte mich mit reichlichen Summen in die Wohltätigkeitsanstalten ringsum, damit ich mit eigenen Augen sähe, wo es not tut, mild und werktätig einzugreifen. So braucht der Liebesquell in meiner Brust nicht zu versiegen, täglich erneut er sich, und sein Reichtum wird größer, je mehr ich davon abgebe. –

Und als ich eines Abends zu ihm sagte, ganz leise in sein Ohr flüsterte: »Bertold, – für ein süßes Kindchen hätte ich doch noch Zeit bei all meiner Arbeit und vor allen Dingen, du großer Bertold brauchst so wenig Pflege, und ich habe solch einen Überschuß an Liebe in mir, – – es braucht doch nicht ein eigen Kind zu sein – – –«

Da – – am andern Tag lag’s in dem blau seidenen, weiß verschleierten Himmelbettchen, so recht mitten in den Thüringer Landesfarben. – Und es war ein süßes, holdes, zweijähriges Mägdelein, das mich zur Mutter begehrt, weil seine eigene, gute, treue Mutter tot ist. – Es heißt Franziska.

Ein halbes Jahr später.

Ei du kleine Franziska, – wie schwingst du dein winziges Machtzepterchen über den Eichenborn. Alles ist dir untertan, vom Vater an bis herunter zum kleinsten Küchenmädchen und Stiefelwichsjungen.

Du hast auch gar zu liebe, blaue Augen, gar so ein feines Näschen, du siehst eigentlich aus, wie eine echte Eik von Eichen. Das macht unsere Pflegeelternliebe, die dich geboren hat, zu einem neuen Leben im Hause Eik. – O ich könnte eifersüchtig werden, jetzt mehr denn je, ja jetzt sogar mit Berechtigung, denn mein Bertold liebt das Kind, – beinahe hätte ich geschrieben: »über alles!«

Aber das wäre Sünde, das darf ich meinem Liebsten nicht antun.

Und es ist eigen, – er kann nicht die zarteste Anspielung auf seine zärtliche Neigung zu Klein-Franziska vertragen. Er wird nicht heftig oder mürrisch oder abwehrend, – er wird so tief ernst und traurig, daß mir das Wort, kaum dem Munde entflohn, schon leid tut und ich mir immer mehr vornehme, diesen Fehler meines Herzens zu bekämpfen. – Eifersucht! Es ist ja auch zu häßlich, auf ein kleines, schönes, liebes Kind von zwei Jahren eifersüchtig zu sein. –

Manchmal meine ich, Franziska gehöre mir, und ich sei seine Mutter. Meine Phantasie arbeitet dann so stark, daß ich mich in die Schmerzen noch einmal hineinträume, die ich um mein totes Glück erlitt, und dann träume ich weiter, daß dies tote Glück nur ein Traum sei, – daß es in Wahrheit lebe und Franziska Eik heiße.

Kleines, liebes und geliebtes Fränzchen! Nie sollst du fühlen, daß ein andrer Schoß, als der meine, dich getragen – – mein Kindchen bist du! – – –

Ein halbes Jahr später.

Gestern sah ich die Großeltern von – meinem Kindchen. Das ist doch ein seltsames Gefühl. Mir war mit einemmal das Fränzchen fremder geworden, – Das sollte doch nicht sein. – Es war auf dem Friedhof, wohin ich so gern gehe, weil er so tief verwachsen die heiligste Ruhe predigt. Aber gestern war auch der Geburtstag der Urahnin und Stammutter der Eiks, und nach alter Familienüberlieferung pilgert an diesem Tage Herrschaft und Dienerschaft nach dem Mausoleum, um Blumen und Kränze niederzulegen. So auch gestern. Ich blieb dann mit Fränzchen noch etwas zurück, trotzdem mich mein Bertold gern mitgenommen hätte. Aber ich hatte zwei Charakterköpfe entdeckt, zwei alte Leute, die an dem Grabe beschäftigt waren, das mir von allen Gräbern am interessantesten dünkte, am Grabe des Selbstmörders: »Gott sei mir Sünder gnädig!«

Bertold zog den Hut, als wir an dem Grabe vorbeischritten, aber die beiden Alten erwiderten seinen Gruß nicht.

Nachdem wir den großen Kranz im Erbbegräbnis niedergelegt, nahm Bertold einen anderen Weg, um heimzugelangen, mir aber war Klein-Franziska entwischt, die sich gern zwischen Eibenhecken versteckt, wenn wir hier weilen. Dem Kinde dünkt der Kirchhof der liebste Spielplatz. – –

Klein-Franziska stand bei den beiden Alten, die so ernsthaft und düster dreinschauen, als habe der Tod des Sohnes jede Sonne von der Erde fortgenommen. Das Kind plauderte lieblich und hielt die Alten bei den Händen, – es ist ein rechtes Sonnenscheinchen und meint, daß jeder Mensch sein bester Freund sei. Beide Altchen sahen unverwandt das Kind an, und dann rang es sich schwer von den Lippen des Alten: »Es gleicht Zug für Zug meiner Tochter, aber es hat die Eikschen Augen«.

»So sind Sie die Großeltern?« fragte ich leise und befremdet, denn Bertold hatte mir gesagt, das Kind sei ohne Anhang, seit seine Mutter gestorben. Über den Nachsatz machte ich mir keine Gedanken, – ich wußte, daß alle mir, der kinderlosen Frau, gern etwas Liebes sagten, und Fränzchens Augen paßten ja auch wirklich in das Eikgeschlecht. Ich grüßte die beiden und schritt tief nachdenklich nach Hause.

Am nächsten Tage.

Wie mit unsichtbaren Händen zog es mich heute wieder nach dem kleinen Friedhof. – – –

»Gott sei mir Sünder gnädig.«

Da waren die beiden Alten wieder, und mir war es, als winke mir der Mann. Ich hatte die Kleine wieder mitgebracht, – sie weicht ja nicht von meiner Seite, wenn sie sieht, daß ich einen Ausgang habe, und ihre »Mutti« dünkt ihr alles – – –

Ich schritt auf das Grab zu und reichte beiden die Hand, als könne es nicht anders sein.

»Hören Sie nicht auf ihn!« raunte die alte Frau leise, »er soll nicht reden und darf es nicht. Wir leben jetzt schuldenfrei auf eigenem Grund und Boden, seit das Kind da ist, das vergißt er immer und ist undankbar.«

Und dabei vergaß die alte Frau, der jetzt, während sie Fränzchen anschaute, die helle Güte aus den Augen sprach, völlig, daß sie doch wohl auch nicht reden durfte. Mich fröstelte inmitten der warmen Sommersonne. Aber ich konnte mich nicht vom Platze rühren.

»Warum gaben Sie Ihrem Sohne solch’ einen traurigen Spruch?« fragte ich, um etwas zu sagen.

»Unserm Sohne? Hier liegt unsere Tochter, die Fränze, die Schande auf uns brachte.«

»Nicht Schande!« schluchzte die alte Frau, »sie war gut, – so gut.«

»Ja zu gut war sie!« lachte der Alte heiser und dann loderte es in seinen Augen auf und er trat vor mich hin und zeigte auf die kleine Franziska: »Hüten Sie das Mädchen! Es ist Zug um Zug mein Kind, aber es hat die Eikschen Augen! Hüten Sie es«. –

Das andere verlor sich im Murmeln, die Frau nahm den Arm des Mannes und zog ihn rasch vom Friedhof fort, sie weinte jetzt laut und bitterlich.

Und ich war wissend geworden!

O über jenen Augenblick, da mir so grausam die Augen geöffnet wurden!

Nun ist etwas zerrissen in mir, was sich nie wieder heilen läßt. –

O ich weiß, daß die Welt mich nicht verstehen wird. Es ist ja so etwas Alltägliches! Man kann darüber hinweggehen und lächeln. ›Man‹, aber nicht ›ich‹! Mir ist über dieser alltäglichen Geschichte das Herz gebrochen.

Als Bertold mich zum gemeinsamen Mittagsmahl aus meinem Zimmer abholte, da sah er, daß sein Glück zertrümmert am Boden lag.

Doch stand ich ganz ruhig vor ihm, – mir war’s, als sei ich gealtert um viele Jahre in den wenigen Stunden.

»Nicht deine Schuld trennt uns,« sagte ich ihm mit beinahe tonloser Stimme, so daß er sein Haupt zu mir neigen mußte, um mich zu verstehen, »uns trennt deine Lüge!«

»Du willst von mir gehen?« fragte er heiser, und seine Augen, seine lieben, dunklen Augen sahen mich wie erloschen an.

»Nein, – nicht von dir gehen, – nicht äußerlich – ich habe ja das Kind, – ich will ihm weiter Mutter sein.«

Kein Wort wurde sonst zwischen uns gewechselt. Bertold ging aus dem Zimmer und ließ sein Pferd satteln. Dann ritt er stundenlang in der Weite herum, und als er wiederkam, sah ich, daß er nicht mehr der »aufrechte Eik« war.

Nun soll das Leben so weiter gehen. –

Das Vertrauen zum liebsten Menschen ist dahin und das Kind? – – Ich sehe an ihm nur immer die Eikschen Augen und sehe Zug um Zug das Antlitz des unglücklichen Mädchens, das mein Bertold verdarb. Wo soll ich die Kraft hernehmen, weiter zu leben? Wie ein Gralskelch leuchtete mein Glück, – jetzt liegen die Scherben, ein billiger Tand, staubbedeckt zu meinen Füßen. – – –

Aber das Kind soll es nie erfahren. In jeder einsamen Stunde will ich mich stärken zu dem schweren Missionswerk, – – – hilf mir, – hilf mir, Allerbarmer, der du diese Last auf meine Schultern legtest.

Franziska Malcroix wußte nicht, wie lange sie gelesen hatte, – waren es Stunden, waren es Jahre? Sie strich mit der Hand über das kleine Buch, das die liebste Mutter geschrieben, welche es auf Erden gegeben hatte. –

Dann schritt sie langsam, – o so langsam die gewundene Treppe hinunter in ihres Vaters Zimmer.

Der alte Eik saß an dem wuchtigen Schreibtisch und schrieb und rechnete, aber mitten in die Belege seines Reichtums kam die Störung, und auf den Zahlen, die sich im letzten gesegneten Jahre wieder um eine Null vergrößert hatten, lag plötzlich das kleine Buch, das er einst vor so langen Jahren seiner jungen Braut geschenkt, damit sie ihre beiderseitigen, glückseligen Erlebnisse darin verewige. – – –

Er hatte das Büchlein zuerst wiedergesehen, damals als sein Weib starb. Von einem Eik konnte ja niemals Glück ausgehen, und so waren auch diese Blätter erfüllt von Leid, erfüllt von jener häßlichen Schuld und einzigen Lüge seines ehrenhaften Lebens. Er hatte das Buch am Todesabend seines Weibes gelesen und war von jenem Augenblicke an der düstere, grimme Eik geworden, der sich ganz in Schmerz und Bitterkeit versenkte und kaum noch seines Kindes achtete.

Aber die kleine Franziska trat mit sicherem Schritt in die Fußstapfen ihrer geliebten Mutter, deren Hinscheiden sie zuerst beinahe verzweifeln ließ.

Als das Kind damals die tiefe, wortlose Trauer des Vaters gewahrte, raffte es sich auf, und tausend kleine Aufmerksamkeiten, welche die Verstorbene für den Gatten gehabt, die übernahm nun das Fränzchen mit einer sicheren Liebe, welche den grimmen Eik rührte und zugleich erstaunte. Ganz eng schlossen sich Vater und Tochter aneinander an, und der alte Eik hatte nur die eine Sorge, das Buch, das kleine Buch mit den feinen, zarten Schriftzügen, die doch so furchtbar beredt von seiner Schuld erzählten, vor dem jungen Mädchen zu verbergen. Jahrzehnte lang hatte es in der Schublade seines festen dunklen Schreibtisches geruht, zu dem niemand gelangte, als er allein. Und nun lag es plötzlich vor ihm, und seine Franziska stand so blaß und mit so wehen, anklagenden Blicken im Zimmer, wie einst sein Weib. –

»Wer gab dir das Buch, Franziska?«

»Baldamus Eik.«

Der alte Eik stöhnte auf. »Dieb!« – murmelte er, »Dieb!« Und dann schüttelte ihn der Jähzorn, und wilde, schreckliche Worte und Flüche kamen aus seinem Munde.

»Was siehst du mich so an, Franziska? Was forderst du von mir? Deinen Namen? Deine Mutter? Deine Pflegemutter? – Herrgott, ich habe nichts, – nichts, – ich bin arm, arm – – –«

Franziska sah ihn an, – nicht anklagend, nicht scheu, nicht verachtend. Es wuchs etwas in ihr und blühte auf, etwas, das stärker war als die Schmach und Bitterkeit jener Minuten, da sie das Büchlein las – – ein tiefes, erbarmendes Mitleid mit dem armen Reichen vor ihr.

»Ich will nicht meine Mutter und nicht meinen Namen,« sprach sie leise, aber fest. »Ich will nur endlich meinen Bertold an dein Herz legen und dich bitten: ›Hab uns lieb‹!«

Da schlang der alte Mann beide Arme um sein Kind, und im schweren Weinen löste sich jahrelanges Leid.

Der junge Bertold Eik war fleißig.

Er lebte nicht gerade als Bücherwurm, aber er betrachtete es auch nicht als Vorrecht des Begabten, bummelig und nachlässig zu sein.

Für die Bezeichnung »Streber« und »Musterknabe« hatte er sein wohllautendes, klingendes Lachen, das ihm manchen Freund schuf. Aber es waren Schulfreunde, – keine Lebensfreunde.

Es war etwas Knappes und Stolzes an ihm, das mit Unrecht von manchen Lehrern mit Hochmut bezeichnet wurde. Denn Bertold hatte nie lange bei dem Gedanken geweilt, daß er einem reichen und alten Geschlecht zugehöre, sondern weit eher darüber gegrübelt, warum er seines eigenen Vaters Namen nicht tragen dürfe. Und aus den vielen Bitterkeiten, die sein junges Leben schon aufzuweisen hatte, aus den unschuldig erlittenen Kränkungen entstand und wuchs ein ernster Stolz. Seine beiden Begleiter waren wie zwei gute Gluckhennen, die Entlein ausgebrütet haben und nun sorgenvoll am Ufer stehen. Aber es waren verständige Gluckhennen, die es sofort einsahen, daß Bertold sich nicht zum Küchlein eigne, sondern unter allen Umständen schwimmen müsse.

Manch spottendes Wort fiel aus Schülermund über die beiden »Kindermädchen«, ohne deren Begleitung Bertold nie in den Freistunden zu sehen war, aber so lange der Spott harmlos blieb und sich mehr auf Bertold, als auf die beiden Getreuen bezog, lachte Bertold sein liebes Lachen und versöhnte die Spötter damit. Übelwollende aber banden nicht mit ihm an, denn der junge Eik hatte eine kräftige Faust, und viel Gras wuchs nicht mehr dort, wo er hinschlug.

Sein Geigenspiel aber war der Stolz aller.

Ganz unerwartet trat ein neuer Musikdirektor an die Spitze des Gesangvereins in E., und dieser war ein feinsinniger Geiger, der selbst einmal den glühenden Wunsch in sich getragen hatte, als ein heller Stern am Kunsthimmel zu glänzen, aber durch das harte »Muß« der Mittellosigkeit nach einer Brotstelle getrieben war.

Zu diesem Lieblingsschüler Meister Joachims kam nun Bertold Eik, und nicht nur in seine Hände nahm der Alte den Jungen, nein er zog ihn gleich in und an sein Herz.

»Der soll das erreichen, was mir das Schicksal versagte,« rief er nach der Prüfung den beiden Getreuen zu, »das ist einer von Gottes Gnaden. Und er soll sein bißchen Geld zusammenhalten, damit es zum ernsten Studium ausreicht, und er soll sich nicht verplempern mit irgend einer Hanne oder Suse, sondern nur zur heiligen Cäcilie beten. Zwei Jahre will ich das Büblein lehren, was ich selbst kann, dann soll er mir nach Berlin.« –

Organist Brennstoff hörte dies alles mit wahrer Vaterwonne und nickte begeistert dem Musikdirektor zu, aber Rektor Tüllen setzte gleich einen Dämpfer auf die Geige, auf welcher so hochtönend musiziert wurde.

»Bertold Eik wird nach uralter Familienüberlieferung der Eichens zuerst sein Abiturium ablegen, dann zwei Jahre die Universität Bonn beziehen und darauf ins Ausland gehen. Nach seiner Rückkehr übernimmt er dann Eichenborn und die übrigen ausgedehnten Besitzungen der Eiks – – –«

»Amen!« schrie der aufgeregte Direktor. Er dachte aber nicht »amen«, sondern: »Der Teufel hole diese Familienüberlieferungen!« Mit beiden Händen fuhr er sich durch seine Künstlermähne. »Da schafft nun unser Herrgott mal was nach seinem Herzen, und bläst diesem Goldjungen einen besonders musikalischen Odem in die Nase, – – nützt alles nichts, die Familientradition verhunzt ihm sein Kunstwerk, – ihm, dem großen Schöpfer. Es ist, um gleich aus den Stiefeln zu springen! Wenn der alte Banause von Großvater diesen Jungen durch’s Humanistische schleppt und ihn dann noch die besten Jahre verkneipen läßt, – – dann hätte er ihn gleich zu Anfang seines Daseins versaufen lassen sollen, – wie’n jungen Hund. – Denn der Junge verfehlt seinen Beruf, und sein Beruf ist: Sonne zu geben, Feuer zu entfachen in kalten Herzen, Himmelsfunken zu senden in das dürre Stroh der Verstandsköpfe. – Alles muß brennen, leuchten, glühen, wenn ein wahrer Künstler von Gottes Gnaden geigt, alle Zuhörer müssen durch himmlisches Feuer geläutert werden und geheiligt, Frau Musika aufzunehmen.«

»Amen!« rief Brennstoff und meinte es nun wirklich so und drückte die Hände des Musikdirektors, der noch ganz wild um sich blickte.

An demselben Tage noch ging ein langer Brief an Frau Franziska Malcroix ab, der recht beweglich darstellte, wie es am besten wäre, den lieben Bertold entweder gleich zu Meister Joachim zu geben, oder ihn auf eine andere Schule zu tun, damit er in zwei Jahren, wenn auch keine humanistische, so doch eine andere abgeschlossene Bildung erhielte, die er später als Künstler auf seinen Reisen erweitern könne. Sie schrieben alle Vier. – Der Musikdirektor herrisch in kategorischen Imperativen, denn hinter ihm stand die heilige Cäcilie mit göttlichen Forderungen; der Organist als Kenner der Verhältnisse in Eichenborn um eine Schattierung gedämpfter, aber immer noch beredt genug, um seinen Namen nicht zu verleugnen; Rektor Tüllen mit warmer Bitte, die vielleicht am eindringlichsten in ihrer Schlichtheit war. Bertold fügte nur eine kurze Nachschrift hinzu: »Liebes, liebes Mütterchen, es wäre schön, wenn Großvater und du ›ja‹ sagen möchtet. Aber nur, wenn du es richtig willst, mein Mütterchen!«

Acht Tage warteten die vier Verbündeten in Spannung und Sorge auf die Antwort, und dann kam nur ein kurzer, wehmütig-stiller Brief von Bertolds Mutter zurück:

»Mein Junge! Wenn es dein Beruf ist, Sonne zu geben, so teilst du ihn mit den andern Menschen. Wir sind alle dazu in die Welt geschickt, diese kalte Erde zu durchsonnen. Tut dies ein Jeder auch nur mit dem kleinen Teil, dem heiligen Heimatfleckchen, auf welches Gott ihn gestellt hat, so wird schon viel Wärme geschaffen. Laß uns Deinem Großvater Sonne geben, mein Junge! Dein Wunsch, schon jetzt die Geige als Beruf in die Hand zu nehmen, würde tiefer Schatten für ihn sein. Ich komme bald zu dir! Gott behüte Dich!«

Bertold steckte den Brief ruhig in seine kleine Brieftasche, die er immer auf dem Herzen trug, und zu seinen beiden Freunden, welche mit erwartungsvollen Mienen das Lesen des Schriftstückes verfolgt hatten, sagte er nichts als »Nein«.

Dies tapfere »Nein« wurde von Brennstoff dem Musikdirektor überbracht, der sich darüber weidlich austobte. –

Dies Toben hinderte ihn aber nicht, mit feinstem Verständnis den Knaben weiter zu führen, ihm alles zu geben, was er selbst besaß an technischem Können und tiefer Auffassung, und so reifte Bertold Eik zum Künstler heran, ohne daß man in Schwarzhausen eine Ahnung davon hatte, ja ohne daß er selbst es wußte. Auf diese Weise gab er reiche Sonne in die Herzen der drei alten Hüter seiner Jugend, und seiner Mutter ernste Augen lernten das Lachen. Die Musik und die Natur, – das waren Jung-Bertolds Zerstreuungen, beide gaben ihm Reichtümer und blieben doch selbst unerschöpflich reich und groß.

Die beiden alten Freunde führten ihn mit sorglichen Händen, auf daß Seele und Körper zugleich gediehen, und so kam es, daß gute Schulzeugnisse und schöne Prämien für Bertolds Wohlverhalten nach Schwarzhausen geschickt wurden, von denen aber nur der Großvater etwas erfuhr. Für die Schwarzhausener war und blieb Bertold der geheimnisvolle Tunichtgut und manchesmal des Abends, wenn die Bürger vor ihren Türen saßen und über das Wohl und Wehe der Stadt berieten, legten sie den Finger an die Nase und versuchten ein weises Gesicht zu machen: »Der alte Eik wird immer reicher. Aber ins Grab kann er nichts mitnehmen! Was wird aus dem vielen Gelde, dem großen Besitz und den Fabriken, wenn der schlechte Kerl, der junge Bertold, einmal alles bekommt?«

In den Ferien kam Bertold nicht nach dem Eichenborn und nicht nach Schwarzhausen. Sobald der Schulschluß da war, erschien sein Mütterchen und reiste mit ihm. Sie zeigte ihm das Thüringerland mit all seiner schlichten Schönheit, sie lehrte ihn die Heimat lieben und feste Wurzeln in ihr schlagen. Sie gab ihm hohe Vorbilder in guten, großen Menschen, die alle der Thüringer Mutterboden getragen und genährt, und stählte in ihm den Willen, diesen Großen nachzueifern. – Die Bücher, von Rektor Tüllen und Brennstoff sorglich ausgewählt, wurden nicht mit auf Reisen genommen, – Frau Franziska liebte nicht dies bequeme, elterliche Mittel, Störenfriede auf längere Zeit unschädlich zu machen, – sie erzählte dem Knaben. Durch scharfe, feine, kluge und gute Mutteraugen hindurch lernte er die Märchengestalten, die Helden der Sage und die Großen der Gegenwart, betrachten. Kehrte er dann in die Einsamkeit der großen Stadt und in die seines Studierstübchens zurück, im Herzen noch das Trennungsweh vom Mütterchen, dann holte er sich ein gutes Buch, schaute seine geliebten Helden mit geschärftem Verständnis und ließ sich von ihnen wieder zur Mutter führen. Für Bertold war ja sein Mütterchen der größte und liebste Held. Sie litt körperlich viel und sah oft leidend aus, aber sie klagte nie, sie litt seelisch unter dem gewiß oft harten Großvater und schien viele, ach so viele trübe Erinnerungen zu haben, aber immer erzählte sie Gutes und Liebes vom Eichenborn und seinen Bewohnern, so daß Bertolds Heimatliebe wachsen und erstarken konnte. Die Mutter predigte nicht langweilige Moral, sie lebte alle ihre Ermahnungen und guten Worte selbst vor, – wie hätte ihr Junge da nicht nachleben sollen? Und wie die Mutter so gehorsam gegen Gott war und sich beugte unter seinen Willen, so lernte Bertold nach diesem Vorbilde Gehorsam und straffe Selbstzucht. – – –

Innerlich unendlich reich kehrte Frau Franziska immer heim und ließ ihren Knaben gewachsen und reifer zurück. –

Trotz alledem behaupteten die Mitschüler in E.: »Der Eik hat was zu verbergen«.

Der Jähzorn war’s, den er verbarg, der ihn noch oft peinigte und quälte, den er doch Mütterchen zulieb als erstes bezwingen wollte.

Viele Anfechtungen hatte er durch ihn noch zu bestehen, und besonders bei rohen Handlungen seiner Mitschüler, bei Tierquälereien und häßlichen Lügen geriet er noch immer außer sich.

Und die tägliche Übung der Selbstüberwindung nahm ihm viel Kraft fort, er blieb schmal und mager, und trotz sorgsamer Pflege schauten seine großen, dunklen Augen ernst und viel zu düster aus seinem jungen Gesicht.

Aber Bertolds Körper war sehnig dabei, nicht schlaff, et turnte gut und gern und hob große Lasten ohne besondere Anstrengung. –

»Der Eik hat was zu verbergen.«

Dies war das einzige, was von allen Dingen, die Bertold tat oder versäumte, nach Schwarzhausen gelangte, und es wurde in allen Kaffeegesellschaften erzählt, besprochen, weise belächelt und als bestehende und längst bekannte Tatsache angesehen.

Und er hatte in Wahrheit etwas zu verbergen, drei Dinge: Den Jähzorn, Puppe Emmy und einen Brief, einen langen, einzigen Brief der früheren Gespielin, die er nun sechs Jahre nicht mehr gesehen hatte. Das Papier mit der festen Kinderhandschrift war nicht mehr ganz sauber, es war ja schon mehrere Wochen alt und vielfach von Bertold selbst aufgeplättet worden, wenn er es verknüllt unter seinem Kopfkissen hervorgezogen hatte. Die gute Hauswirtin, welche ihre fünf möblierten Zimmer noch nie so vorteilhaft vermietet hatte, wie diesmal an die beiden ruhigen Herren Lehrer und den braven, stillen, blassen Zögling, wußte schon immer Bescheid, wenn der Junge mit seinem immer dunkler werdenden Papier in ihre Küche kam: »Wenn ich bitten dürfte um ein Plätteisen!« Die brave Frau glaubte freilich, es sei mindestens ein wertvolles Dokument, das der »Jungherr« nicht von sich ließ, und hatte sich eine ganze Legende selbst gedichtet um dieses Papier, Testament oder unersetzliche Urkunde.

Den Jähzorn und Puppe Emmy kannten seine beiden Erzieher, aber diesen Brief kannte nur Liselotte, der liebe Gott und er, Bertold: »Lieber Bertold, ich soll fort in Pension, weil Base Juliane nicht mehr mit mir fertig werden kann. Sie kann schon, aber die Schwarzhausener wollen es. Es geht mir nun wie Dir, und deshalb schreibe ich Ihnen. – Ich soll nämlich ›Sie‹ zu Dir sagen, sagt die Gouvernante, und ich hatte es wieder vergessen. Nämlich ich habe eine Gouvernante, und wir sind nun fünf Frauenzimmer und nur der eine Papa. Die Gouvernante sagt, Du würdest jetzt auch im Gymnasium ›Sie‹ genannt mit fünfzehn Jahren und Sie müßten jetzt auch ›Sie‹ zu mir sagen. Ich hoffe, daß Du das nie tun wirst, ich würde es gemein finden. Wie siehst Du jetzt aus? Es ist schon wieder vor acht Tagen ein neues Bild von mir gemacht worden, und ich hätte es Ihnen gern geschickt, aber die Gouvernante sagt, es wäre der Gipfel der Pöbelhaftigkeit, wenn ein Mädchen einem Jungen ein Bild von sich schenkte. – Du siehst daraus, daß sie überhaupt sehr viel sagt. Aber ich will nichts über sie sagen, denn es soll edle und wohltätige Gouvernanten geben, meine ist es noch nicht. Lieber Bertold, wenn Sie es keinem Menschen und sonst auch niemand wieder erzählen, dann möchte ich es Dir allein kund tun, daß ich meine alte Puppe Emmy nicht wiedergefunden habe. Ich habe viele Jahre so gespielt, als ob sie von Zigeunern geraubt wäre, weil sie so schön und gut war. Aber es ist mir ein Rätsel. Dein Großvater ist ja auch eigentlich kein Zigeuner. – Ich mochte ihn auch beinahe immer so gern wie Dich, aber wir kommen nie mehr zusammen. Niemand hier versteht meinen Schmerz. Und nun soll ich in Pension, – von meinem Väterchen fort, und kein Mensch beschützt mich, sondern Papa steckt sich Watte in die Ohren, wenn ich tobe, und die Base und die Gouvernante blasen in ein und dasselbe Horn. Die Gouvernante will nämlich ihre letzten Nerven noch in Ruhe genießen, so ähnlich hat sie sich ausgedrückt. Wir haben immer sehr schöne Ferien gehabt und der Hans von Windemuth, – nein, ich glaube – ich darf Dir nichts darüber schreiben, denn sie sind alle noch genau so böse wie vor sechs Jahren auf Dich und höchstens noch mehr. Aber Hans’ Wunden von Dir sehen schneidig aus, wie’n Korpsstudent.

Und indem ich noch zum Schluß mit einer Kusine zusammen in die Pension komme, bleibe ich Deine

Liselotte Windemuth.

P.S. Es ist niemand gestorben in Schwarzhausen, und ich weiß meine neue Adresse nicht richtig, und ich grüße Dich! –«

O gewiß, es war nur ein dummer Brief eines kleinen Mädchens, aber er war so ganz aus der echten Liselotte heraus geschrieben. Mit diesem Briefe in der Hand träumte sich Bertold in die kargen Freudenstunden seiner Kindheit zurück, und all das Trübe und Häßliche versank in den äußersten Winkel des Erinnerns.

***

Schwarzhausen alterte nicht. Es blieb jahraus, jahrein das hübsche, schmucke Städtchen, dessen äußere Schäden sofort von einem aufmerksamen Magistrat ausgebessert wurden. Und innere Schäden wurden überhaupt selten bemerkbar, nur einem Fremden hätte es auffallen müssen und auch dann nur, wenn er sich allsonntäglich in der Stadtkirche die Predigt des alten Pfarrers Klingenreuter angehört, daß das Thema vom Balken und Splitter, vom Zöllner und Pharisäer und von den neunundneunzig Gerechten gar so oft wiederkehrte. Aber Fremde setzten sich nicht in die Stadtkirche, sondern stiegen zu den Bergen und Wäldern empor, und die Einheimischen hörten die Predigt, weil die gute Sitte es wollte, und bezogen die Pharisäer nicht auf sich. Denn es war ja des Pfarrers Beruf, von der Sünde zu reden, auch wenn diese nirgends vorhanden war. Also blieb Schwarzhausen leichten Gemütes, hatte ruhige Nächte, führte eine gute Küche und erhielt sich jung. Irgend ein moderner Leichtfuß war zwar einmal nach Schwarzhausen gekommen und hatte im großen Saale des Gasthauses zur Thüringer Edeltanne viel hohe Worte von Luftkurort und Sanatorium geredet und sich erboten, Bohrungen auf Solequellen vorzunehmen, aber er war bald wieder mit »dickem Kopfe« abgezogen, trotzdem er schwindelnd hohe Zahlen vor den Augen und Ohren der Zuhörer aufgebaut hatte. Nicht niedergeschrien wurde er, denn die Schwarzhausener waren durchaus nicht für Schreien und Lärmen, sondern einfach niedergeschwiegen. Erst nachher hielt noch der wohllöbliche Magistrat eine Sitzung ab und verständigte sich mit ein paar Worten sofort, daß sie die gute Thüringer Luft selbst brauchten, daß sie auch ohne Solbäder gesund seien und daß sie wohlhabend genug wären, um keine Sommerfremden zu brauchen. Dann redete man noch ein Weilchen über den Brief, der vom alten Herrn von Eik eingegangen war, und worin er der Stadt einen bedeutenden Zuschuß anbot, falls die Bohrungen vorgenommen würden, kopfschüttelte, zuckte die Achseln und legte den Brief zu den Akten. –

So fand der junge Bertold Eik von Eichen ein ganz unverändertes Bild, als er nach neun Jahren zum erstenmal seine Heimat wieder betrat.

Nur er selbst war anders geworden. Hochgewachsen und gut gebaut, überragte er seine Altersgenossen weitaus. Das zielbewußte Arbeiten, das Vertiefen in gute Musik und das anstrengende Üben hatten ihm etwas Vergeistigtes gegeben, das gut zu seinem scharf geschnittenen Gesicht paßte. Von Traumseligkeit war nicht mehr viel zu entdecken in seinen dunklen Augen, – etwas nachdenklich konnten sie blicken, waren aber sonst scharf und sogar ein wenig spöttisch. Frau Franziska hatte leicht ihre kühlen, weißen Hände auf diese Augen gelegt bei der ersten Begrüßung.

»Was ist denn da hineingekommen?« fragte sie forschend.

»Nun, – was sieht mein Mütterchen darin?«

»Zuerst mich selbst, Gott Lob und Dank!« meinte die Mutter, »aber dann noch tausend Teufelchen.«

Da war das alte, echte Knabenlachen erklungen, das sie so sehr liebte, und welches sie gleich beruhigte.

»Mütterchen, kam dir Schwarzhausen nicht heute etwas wie eine Humoreske vor?«

Sie hatte wohl dasselbe gedacht, aber doch schmerzte sie der Ausspruch aus seinem Munde. »Sahst du nichts anderes in deiner Heimat?« fragte sie mit leisem Vorwurf.

»Mütterchen, ich sah zuerst nur dich,« entgegnete er frohmütig und umschlang sie mit beiden Armen, »du wirst bei jedem Wiedersehen schöner!«

Frau Franziska lachte nun doch ein wenig. »Und was sahst du dann, du Schelm?«

»Unser altes Schwarzhausen! Das aussah, als hätte man es vor neun Jahren in eine Spielzeugschachtel gelegt, den Deckel fest draufgedrückt, damit kein Staub darauf falle, und es nun herausgeholt frisch und neu zu Ehren des Herrn Abiturienten Bertold Eik.«

»War es ein gutes Examen, Bertold?«

»Ja, Mütterchen! Nicht mit Befreiung vom Mündlichen. Weißt du, das litten Johann Sebastian Bach und der alte Musikdirektor nicht; beide wollten mir die Chaconne einverleiben, die ich vor Meister Joachim spielen soll, ehe ich nach Bonn gehe. Im übrigen war ich ja nie ein Musterbub’ und hab’ mich auch in Mathematik und Geschichte elend verhauen. Da hieß es denn: ›Antreten zum Mündlichen‹. Aber oberfein war’s. Da konnte man erst zeigen, was man intus hatte. Wir kreuzten nicht schlecht die Klingen, die Herren Schulmonarchen und wir sieben.«

»Sind alle durchgekommen?«

»Freilich, Mütterchen! Wir gaben ihnen aber Nüsse zu knacken!«

Frau Franziska lachte. »Oder sie euch, mein Junge.«

»Ergo, es war famos.«

»Und wie nahmen die Lehrer deinen Entschluß auf, später dem Eichenborn vorzustehen?«

»Mütterchen, – der prächtige Doktor Gabriel war eigentlich der einzige, der so mit mir drüber sprach, wie es nottat. Im ganzen finde ich’s ja nett, daß es in E. noch so patriarchalisch zugeht und die Tyrannen der Schulbank so gemütlich mit den Mulis zusammenkommen, – aber nur Doktor Gabriel sprach mir ernstlich zu, bevor ich zur Universität gehe, noch mal vor den Großvater zu treten, ihn zu bitten: ›Laß mich Musiker werden!‹ Und dabei das stramme und doch gütige Wort: ›Kopf hoch, Eik!‹ Das tat mir wohler, als die Moralpauke über das vierte Gebot, die mir Doktor Mops und die Schildkröte hielten. Ebenso gaben der Patagonier, der Gesprächsgegenstand und der Schreibkrampf noch ihren Senf dazu. Ach, und mir nützt das so gar nichts!«

Bertold sah mit einem Male sehr bekümmert aus. »Ich weiß nicht, Mütterchen, ob du mich verstehst, wie mir zumute ist, so abseits zu stehen, wenn die andern mit tausend Masten segeln.«

»Hat Doktor Gabriel keinen Spitznamen?« fragte Frau Franziska, sehr beflissen, Bertolds Gedanken von seinem letzten schmerzlichen Ausruf fortzulenken.

»Freilich, Mütterchen, – Erzengel heißt er, und – und er möchte so gern mit Großvater sprechen – –«

»Bertold! Wenn du ihm und uns doch das ersparen könntest! Kannst du dem Großvater nicht wenigstens deinen guten, ehrlichen Willen zeigen?«

»Mütterchen, ich habe hierin keinen guten ehrlichen Willen. Sieh’, ich würde ja gern die Universität beziehen, wenn ich Arzt werden dürfte. Lieber als alles aber ist mir die Musik. Darf ich weder Arzt noch Musiker werden, dann ist mein Platz auf Eichenborn, wo junge Kräfte unbedingt nötig sind. Für Frau Musika und für Eichenborn sind die zwei Universitätsjahre vergeudete Zeit.«

»Und für dich?«

»Für mich auch, – – das heißt – – Mütterchen, – ich habe nun mal kein Verständnis für Familienüberlieferungen, die einen so dingfest machen, wie mich jetzt eben.« Bertold lief im großen Zimmer auf und ab, genau wie es der Großvater tat, wenn er erregt war.

»Mein Junge!« – Frau Franziska streckte ihm bittend die Hände entgegen, und er hielt in seinem Sturmschritt inne. »Gott weiß, ob ich dich verstehe. Aber, – was wir haben und sind, verdanken wir deinem Großvater. Ich – – ich – sieh’, Bertold, – ich wüßte gar nicht, wo wir die Mittel zum Studium hernehmen sollten, wenn wir uns gegen meinen Vater vertrotzten.«

»Das verstehe ich nun wieder nicht,« fiel Bertold erregt ein. »Soviel ich weiß, war deine Mutter doch, wie alle Dannenbergs, sehr reich, – – hat denn mein Vater alles – – ich meine – – –«

Frau Franziska war sehr blaß geworden. »Das war ein Irrtum, Bertold, Mutter war nicht reich, nicht einmal wohlhabend, – – ich bin ganz arm – –«

Bertold schüttelte den Kopf und seufzte. »Der ganze Eichenborn ist ein Geheimnis,« meinte er sinnend. »Es müßte schön sein, Mütterchen, wenn man einmal alles wüßte und Unrecht von Recht sondern könnte. Und dann allen Menschen klar in die Augen sehen. Manchmal habe ich schon gedacht – – es klebe unrecht Gut –«

»Bertold! Nein, nein! Sieh’ auf deine Worte! Wenn dich der Großvater hörte!« Franziska zog ihren Sohn neben sich auf das niedrige Sofa. Da hatte sie oft mit ihm gesessen, als er noch ein kleiner Junge war, – Bertold liebte das alte Möbel mit seinen vielen Erinnerungen. »Nein, mein Junge, – unser Eichenborn trägt kein unrecht Gut. – Viel, viel Schuld und Fehle anderer Art wohl – – verjährte Geschichten, aber die sollen meines Bertolds Augen nicht verdunkeln.« Sie küßte ihn, und er atmete erleichtert auf.

Frau Franziska lehnte ihren Kopf an Bertolds Schulter. »Wie gern hülfe ich dir! Ich leide am meisten unter meiner Armut und – daß ich meinem Einzigen nicht helfen kann.«

Bertold umschlang sie fest mit beiden Armen. »Du sollst nicht leiden, Mütterchen,« rief er zärtlich und küßte sie knabenhaft stürmisch. Dann bettete er sie wieder sorglich an seine Brust und sah auf den lieben, schönen Kopf herunter. War es denn möglich, daß sich schon so viele weiße Fäden durch das dunkle Gelock zogen? Wie er seine Mutter liebte! Wie viel sie gelitten haben mußte! Durch ihn, Bertold, sollte ihr nur Freude und Gehorsam kommen, das war sein Entschluß.

»Jetzt sage ich zu dir: ›Mütterchen, Kopf hoch!‹« versuchte er zu scherzen. »Wir wollen nachher zum Großvater gehen und alles Nötige wegen Bonn besprechen. Vielleicht kommt ihm auch selbst der Gedanke, daß ich hier am nötigsten bin.«

Frau Franziska sah halb zweifelnd noch in das liebe, ehrliche Gesicht ihres Jungen. Aber darin war nur ein fester Entschluß und mannhafte Entsagung zu lesen. »Mein Junge!«

»Mütterchen?«

Sie sahen sich beide wieder froh in die Augen und dachten nur daran, daß sie beisammen waren.

Nach einer langen Weile des Schweigens meinte Frau Franziska: »Sahst du die Liselotte Windemuth, als wir an der Kirche vorüberfuhren?«

»Ja, Mütterchen.«

»Sie ist groß geworden und sehr hübsch, Bertold. Das lange, schwarze Kleid veränderte sie heute etwas, und die Feierlichkeit der Konfirmation lag noch ganz auf ihrem Schelmengesicht.«

»Wie ist sie innerlich, Mütterchen?«

Die Frage klang seltsam, und ein Ton schwang mit – Franziska hätte keine Frau sein müssen, um die Worte nicht sofort als etwas Besonderes aufzufassen. Sie hob den Kopf von der Schulter ihres Jungen und sah ihn prüfend an. Da wurde er rot bis unter den dunkeln Lockenschopf.

»Deine erste Liebe, Bertold,« neckte die Mutter zärtlich. »Wie sie sich entwickelt hat, die kleine Liselotte? Nun, wie ein Mädchen, das keine Mutter hat und sich immer im Kampf mit halbgebildeten Hausunken befindet. Wie ein Mädchen, das einen Vater hat, der in ihr den ersehnten Buben vermißt und sie mit Gelehrsamkeit vollpfropft, – einen Knopf wird sie sich wohl nicht annähen können.«

»Mir schien, sie hatte heute alle Knöpfe am Kleidchen,« bemerkte Bertold mit leisem Humor, und die Mutter lächelte.

»Willst du damit sagen, daß sie sehr ›zugeknöpft‹ war?« neckte sie. »Aber ich will Liselotte nicht verkleinern, Bertold. Sie ist anders als die Schwarzhausener Mädchen, und das kann ihr ja nur zum Vorteil gereichen. Und aus der Pension, wo das arme Geschöpf sechs Jahre verbleiben mußte, ist sie verändert wiedergekommen.«

»Verbildet? Mütterchen?«

»Nein, im Gegenteil. Das ›arm‹ bezog sich auf die Tatsache, daß man so ein Mutterloses zu lange dem Vaterhause entfremdete. Aber dem alten Jüngferchen, das dem Institut vorstand, verdankt Liselotte viele unvergängliche Werte. ›Mütter werden geboren‹, sagt irgend ein Großer, und diese alte Jungfer war eine echte Mutter!«

»Woher weißt du das alles, Mütterchen?« Bertold drückte die Erzählende plötzlich zärtlich an sich, so als wäre der Ausspruch über jenes alte Jüngferchen überaus beglückend für ihn.

»Von Liselotte selbst. Wir treffen uns manchmal am Tempel der Geselligkeit unten im Park. Ich las diesen Namen in der Eikchronik. Es waren damals wohl andere Zeiten für die Eiks, – jetzt könnte man ihn Tempel des Schweigens nennen.« Frau Franziska seufzte.

Sie löste sich leicht aus den Armen ihres Sohnes und strich sich Haar und Kleid glatt. Denn es hatte an die Tür geklopft; der junge Diener meldete irgendeinen Namen, und vor Mutter und Sohn stand gleich darauf eine hochgewachsene, schlanke Mädchengestalt.

»Ich wollte meinen Dank für die Blumen selbst bringen,« sagte Liselotte Windemuth.

Die Einleitung war nicht sonderlich geistreich oder verblüffend, aber Bertold wußte nicht ein Wörtchen zu entgegnen oder sich selbst mit irgendeiner passenden Redensart nach neun Jahren wieder vorzustellen. Er, der den Herren Examinatoren »Nüsse zu knacken« gegeben, stand blöde und stumm vor der Jugendgespielin.

Liselotte sah nicht gerade freundlich auf ihn hin. Sie hatte sich von den Gratulanten fortgestohlen und selbst dem amüsanten, strahlenden Leutnant Hans von Windemuth den Rücken gekehrt, um Bertold in der Heimat willkommen zu heißen. Er war ihr ja fremd geworden, aber es war so eine Art heißer Trotz gewesen gegen den moralischen Dünkel der Schwarzhausener, sich plötzlich zu den Eiks zu bekennen, gerade als man den heimgekehrten Bertold wieder einmal zwischen die Scheren nahm.

Und nun tat der einstige Freund nicht dergleichen, stand abseits mit seinem düstersten Gesicht und schaute sie an, als empfände er ihre Störung höchst lästig, ja als wollte er sie beinahe verschlingen. Von beidem war ein Körnchen Wahrheit vorhanden, – dem Bertold war unglaublich beklommen zumute, und dabei fand er doch die erwachsene Liselotte mit dem Mozartzopf und den großen Schleifen so wunderniedlich, daß er sie nur immer und immer anschauen mußte. Es war ja die alte Liselotte, und sie war es auch wieder nicht. In die Augen des jungen sechzehnjährigen Menschenkindes war etwas getreten, ein Ausdruck, den sich der Achtzehnjährige nicht zu deuten wußte. Denn er sah beinahe wie »Hunger« aus, und wonach hätte die Liselotte wohl hungern sollen?

Sogar eine große Erbschaft hatten die Windemuths gemacht, und Liselotte plauderte sehr unbefangen über ihre veränderten Verhältnisse, daß sie nun mit dem Vater reisen wolle durch das In- und Ausland, erzählte auch, daß ihre Konfirmation eine Art von Familientag bedeute, denn durch die Erbschaft seien die adligen Windemuths arg benachteiligt worden, und da sollte nun ein Vergleich geschlossen werden.

Aber was sie auch plauderte, es riß Bertold nicht aus seinem schweigenden Anstarren, denn weit interessanter als die Erbschaft dünkten dem Jungen die blonden, eigensinnigen Löckchen, die sich so lieblich über der weißen Mädchenstirn krausten, und die trotzigen, stahlblauen Augen, in die richtig hineinzuschauen er sich doch nicht einmal getraute. – Zwei Dinge, zwei sonst so sehr wichtige, waren überhaupt im Gespräche nicht berührt worden: die Geige – und Puppe Emmy.

»Du warst nicht höflich zu Liselotte,« meinte Frau Franziska nachdenklich-vorwurfsvoll zu ihrem Jungen, als der Besuch sich entfernt hatte.

»Höflich? Zu Liselotte? Höflich???« fragte Bertold verblüfft. Er hätte am liebsten den ganzen Tag immerfort gestaunt und hätte es für das einzig Richtige gehalten, mit diesem kleinen, süßen Mädchen gar kein einzig Wort zu reden, es nur immer anzusehen und zu bewundern. Höflichkeit war für irdische Menschen, aber nicht für den ersten Engel, der zum Eichenborn herniedergestiegen war.

Tief enttäuscht schritt Liselotte heim.

Ihr Hinüberlaufen in den Eichenborn war ganz impulsiv gewesen. Sie hatte den Jugendfreund sofort erkannt, als sie aus der Kirche trat. Er saß neben seiner Mutter im Eikschen Viktoriawagen mit den stadtbekannten schönen Apfelschimmeln, und die festen hellen Koffer mit den leuchtenden Messingbeschlägen schienen vom Kutschbock herunter zu lachen: »Bertold kommt wieder.« Und nun war er so wiedergekommen.

So düster und ungesellig wie nur je. Steif und fremd hatte er dagestanden, – oh und sie hätten sich doch eine Menge zu erzählen gehabt! Liselotte dachte gar nicht entfernt mehr daran, daß sie ja ursprünglich das »Karnickelchen« gewesen war, sie tobte sich rechtschaffen aus und arbeitete sich in einen tiefen Groll gegen den »Unnahbaren« hinein.

Wäre sie doch nur nicht zuerst in den Eichenborn gegangen!

Hätte sie doch lieber erst Vetter Hans ins Vertrauen gezogen!

Neun Trennungsjahre hatten doch wohl eine zu tiefe Kluft gerissen, und ihr lebhaftes Temperament hatte diese zu rasch überbrücken wollen. Nie, nie würde sie wieder ungebeten den Eichenborn aufsuchen, nie!

Und sie, Liselotte Windemuth, glaubte nun auch, was sich alle von Bertold erzählten: Düster und greulich und hochmütig war er und – – –

So kam es, daß, als Bertold sich in seinen Träumen recht eng mit der Jugendgespielin verknüpft fühlte, er in Wirklichkeit weit – weit ab von ihr weilte. –

Haus Eichenborn versank nach Bertolds Abgang zur Universität noch ein wenig mehr in Dornröschenschlaf.

Von außen und in einzelnen Teilen auch von innen, hätte man es mit Recht für ein verwunschenes Schloß halten können, besonders, wenn man Fräulein Adelgundes graue Gestalt am Spinnrade erblickte, oder wenn man die alte Dame vor Beethovens Spinettchen sitzen sah, das unter dem weichen Anschlag ihrer runzeligen Hände zitternde Klänge hinaussandte durch das rosen- und efeuumrankte Fenster in den stillen verwachsenen Park.

»Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten, Adelaide – –«

Und von Beethoven, dem alten Meister, war es der Spielenden nur ein kurzer Gedankensprung zu dem lieben Jungen, dem die Musik eine Kapelle und Beethoven der Heilige darin dünkte. Tante Adelgunde hatte es dem Knaben nie vergessen, daß er sich einst nicht würdig genug befunden hatte, die Tasten auf dem Spinett zu berühren, das Beethovens Hände gemeistert.

Mit klaren Augen und scharfen Ohren, zu denen sich ein junges, warmes Herz gesellte, verfolgte die beinahe Neunzigjährige den Lebenslauf des Großneffen.

Seine Briefe aus Bonn waren stärkender Wein und heilkräftige Arzeneien für sie; Frau Franziska mußte ihr jede Epistel des Fernen bringen und ihr vorlesen, dann wurde sie abends vor dem üblichen Schachspiel dem Bruder noch einmal laut verlesen, hierauf nahm Tante Adelgunde den Brief mit in ihr Schlafgemach und plauderte noch mit Frau Therese Teichmann, während diese ihr kleine Handreichungen verrichtete, über den Studenten, der beiden so sehr ans Herz gewachsen war. Die Ferien führten Bertold nur auf kurze Tage in den Eichenborn, die übrige Zeit dagegen hinaus in Gottes weite Welt. Und auch hier war wieder seine Mutter sein treuer Reisekamerad, der mit so feinem Verständnis dem Jüngeren sich anpaßte. Frau Franziska hatte auch an manchem Kommers, sowie an einigen Ausflügen teilgenommen und die Kommilitonen verehrten die schöne, ernste, jugendliche Mutter des Eik und achteten das enge, innige Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. –

Freundschaften wurden geschlossen und begeisterte Berichte hierüber von Bertold heimgesandt, die die Vortrefflichkeit des Erkorenen in begeisterten Worten schilderten, nie aber spielte irgend eines der schönen, lebhaften, übermütigen, rheinischen Mädchen eine bedeutendere Rolle in Bertolds Leben, so scharf auch Frau Franziska beobachtete, wenn sie ihn in Bonn besuchte, und so aufmerksam sie auch zwischen den Zeilen seiner Briefe las.

Trotzdem munkelten alle Schwarzhausener Bürger von einem tollen Liebeshandel, als Bertold ein Säbelduell mit einem blutjungen Husarenoffizier austrug.

Bertold lag sehr lange in der Klinik, und dann hatte er eine tiefe Narbe über der Stirn von der dunkeln »Tolle« bis zur kühngezeichneten, dichten Augenbraue des linken Auges … das war wieder einmal etwas für das Städtchen.

Dieses letzte hatte ja noch gefehlt zur Charakteristik des bösen Buben: »cherchez la femme!« Noch so jung – und schon so Etwas.

Was dies Etwas gewesen war, wußte man nicht genau, aber man redete doch laut und zischelte leise über das schwarzhaarige, junge Ding in Bonn am Rhein, das den jungen Eik betört, um derentwillen der Zweikampf mit dem Offizier stattgefunden hatte.

Auch Base Juliane verfehlte nicht, den interessanten Fall dem Professor Windemuth mitzuteilen und Liselottes Gesicht überflog jedesmal eine brennende Röte, wenn sie den Namen des Jugendgespielen nennen hörte, beinahe immer mit einem Zusatz, von denen noch der mildeste war: »Kind, den jungen Eik guck’ nur nie wieder über’n Weg an. Wie der sich aufführt! Wenn wir noch nicht genau wußten, wer der schlechte Kerl in Eichenborn ist, jetzt wissen wir’s.«

Professor Windemuth schüttelte in ehrlichem Bedauern den Kopf. »Schade, schade um den Jungen! Ein begabter Mensch! Ein hübscher Kerl! Ein musikalisches Genie, und nun will er sich zum Raufbold auswachsen? Schade um die nutzlos vergeudete Kraft!«

Liselotte war und blieb ein wunderliches Ding. Sie vergoß sogar heimliche Tränen über den Bertold Eik, trotzige Tränen, über deren Ursprung sie sich gar nicht klar wurde. Sie führte auch immer noch gelegentliche Selbstgespräche, was sie bei Base Juliane erst recht in den Geruch einer »überspannten Lise« brachte, und da Puppe Emmy schon so lange tot und verschwunden war, hielt sie Zwiesprache mit Bäumen und Blumen und irgendeiner unsichtbaren Person, zu welcher sie ehrlich sagte: »Pfui schäm’ dich, Bertold!«

Als Bertold nach der Verwundung übersiedlungsfähig war, holte ihn Frau Franziska nach dem Eichenborn, um ihn gesund zu pflegen. Noch ein anderes Geschöpf kam ebenfalls zur Pflege nach Eichenborn, ein unglaublich häßlicher Pudel, der genau so verklebt und verbunden war wie der junge Herr von Eik, und von dem man munkelte, daß er dem »jungen, reizenden Ding vom Theater« gehört habe.

Bertold war ziemlich matt von Stubenluft und Blutverlust, er konnte wohl schon auf Stunden aufstehen, aber er streckte sich noch immer mit ganz besonderem Wohlgefühl in seinem Bette aus; vielleicht war ihm auch der Anblick seiner sorgsamen Pflegerin, Mütterchen genannt, ein ganz besonders lieber, den er auszukosten wünschte. Er brauchte nicht mehr so streng mit Gesprächen und Aufregungen verschont zu werden, sondern konnte schon wieder einen Puff vertragen und dieser Puff war ihm auch von Tante Adelgunde nicht vorenthalten worden.

»Schlachtergesellen sind vom Eichenborn seiner Lebtage nicht zu seinesgleichen gerechnet worden«, hatte sie mit ihrer feinen, dünnen, alten Stimme zu Bertold gesagt. »Und ihr Raufbolde habt euch wie Schlachtergesellen verhackstümmelt. Schäm’ dich! Der liebe Gott hatte dich als hübschen Jungen erschaffen, jetzt gibt dir kein einigermaßen hübsches Mädel je wieder einen Kuß.«

Wahrhaftig, der Junge konnte noch lachen, – nicht mal verlegen, sondern frisch, frei, frohmütig, so, wie nur er es verstand, echt aus dem Herzen heraus. »Wieder? sagst du? Wieder? Tante Adelgunde? Meiner Seel’, ich hab’ noch nie einen Kuß von einem Mädel gekriegt.«

Ganz ehrlich klang es, aber er brauchte doch nicht so krebsrot und verlegen hinterher zu werden, – es war also geschwindelt und Tante Adelgunde verließ ärgerlich und aufgeregt den Kranken.

Frau Franziska hantierte ruhig und ernst im Krankenzimmer und bereitete alles für die Nacht vor, die Bertold nun nicht mehr mit einem gelernten Wärter, sondern nur noch unter Obhut von Hieronymus Teichmann zubrachte, der im Nebenzimmer sein Lager aufgeschlagen hatte.

Bertold betrachtete sein Mütterchen mit einem humorvollen Lächeln.

»Wie schlecht du dich verstellen kannst, Liebstes«, meinte er leise und ergriff ihre Hand, die ein Glas frischen Wassers auf das Nachttischchen setzte. »Deine Augen fragen den ganzen Tag und ebenso dein Mund, trotzdem er nur das Notwendigste mit deinem bösen Buben spricht. Soll ich nun jetzt antworten, Mütterchen?«

Frau Franziska beugte sich über ihren Sohn, sah ihm ein Weilchen in die Augen und küßte ihn dann auf die Stirn.

»Hast du es doch gemerkt, du Siebengescheidter?« lachte sie leise und verlegen auf, während helle Röte über ihr Gesicht flog. »Schön und gut, ich erwarte deine Beichte. Aber gleich eins sage ich dir vorher.« Frau Franziska reckte sich hoch auf. »Ich glaube nichts von dem Unsinn, den die Schwarzhauser über dich verbreiten und ich werde dir selbst nicht glauben, wenn du mir jetzt etwa tolles Zeug vorreden willst. Mein Junge bist du und ich bin dein treuer Kamerad. Unbesonnen und jähzornig kannst du handeln, aber nicht niedrig oder unritterlich, es ist einfach nicht möglich – und auch mit dem Mädel – ich glaub’s nicht, – mein Bub ist höchstens in mich verliebt, – gelt, Bertold?«

Ein wahres Leuchten zog über des jungen Burschen Gesicht. »Gibt es nun wohl noch eine solche Mutter?« lachte er glücklich. »Wie du mich kennst, deinen wilden Jungen! Komm her, Altchen, ganz nahe zu mir.«

Er zog die Mutter auf die Bettkante, wo sie sich möglichst bequem hinsetzte und schmiegte sich in ihren Arm. »Also nur neugierig ist meine kleine alte Dame?« fragte er zärtlich, – »kein bißchen mißtrauisch, trotz Schwarzhausen und angrenzender Raubstaaten? Aber ehe ich dir mein kurzes, gar nicht sehr interessantes Erlebnis schildere, muß ich erst von dir hören, wie rabenschwarz man mich in unserer lieben Vaterstadt anstreicht.«

Frau Franziska erzählte ruhig und sachlich. Es wurde ihr nicht ganz leicht, denn die Schwarzhausener waren hart und bös mit ihrem Jungen verfahren, und sie vermochte es nicht über sich, vor Bertold das ganze Gewebe von Häßlichkeiten auszubreiten. Immerhin blieb noch ein großer Teil unguter Verleumdungen übrig und Bertold mußte erst ein paar Mal rasch und heftig aufatmen und tapfer tausend Bitterkeiten hinunterschlucken, ehe er antworten konnte.

»Armes Mütterchen!« sagte er zuerst nur. Dann legte sich ein altmachender, verächtlicher Zug auf sein offenes Knabengesicht, so daß Frau Franziska sacht glättend mit der Hand über seine Stirn strich. Gerade diesen Zug mochte sie am wenigsten an ihm sehen, er tat ihr mehr weh, als irgend sonst etwas.

»Es ist eigentlich schade, daß die Leute ihre Phantasie an eine so kleine, unbedeutende Tatsache hängen,« meinte er spöttisch. »Du wirst lachen, mein Liebes, wenn du siehst, was für ein harmloses Mäuslein der kreisende Berg zur Welt bringt.«

»Je weniger es ist, desto lieber ist’s der Mutter von Bertold Eik,« erwiderte sie einfach, »erzähle mir alles.«

Nun ja, der Jähzorn war wieder einmal mit ihm durchgegangen, aber Mütterchen würde sich wahrscheinlich auch nicht beherrscht haben in solch unwürdiger Sachlage.

Bertold schmiegte sich wie ein Kind behaglich in den Mutterarm:

»Ein schöner, sonniger Morgen war’s,« erzählte er, »und ich wollte mir einen kleinen Brummschädel wegbringen durch rasches, kräftiges Zuschreiten. In der Nähe vom Münsterplatz, ich nicke immer gern dem Beethoven erst mal zu, ehe ich an mein Tagewerk gehe. – Da höre ich ein Jammergeschrei und Jammergeheul gleichzeitig von Mensch und Vieh und finde ein scheues, sich bäumendes Pferd, an dem ein Pudel unaufhörlich schnappend in die Höhe springt, und finde meine kleine filia hospitalis – Mutterle, du kennst ja die schwarze Gretel – die hat die Leine verloren, an der sie den Pudel halten soll, und wie sie mich sieht, schreit sie wie besessen »Herr von Eik, Herr von Eik!« und fällt mir beinahe um den Hals. Helfen konnte ich gar nichts, der Offizier brachte sein Pferd selbst zur Ruhe, sprang ab und übergab es seinem Burschen, der hinter ihm ritt.

Aber nun nahm er den Pudel vor, der ja wohl auch Prügel verdient hatte, aber – – – brrr!« Bertold schüttelte sich. »Na Mutterle, du weißt ja, was für ein sieches, krüppeliges Jammergestell aus dem Pudel Fidelio geworden ist – – ich riß ihn dem Leutnant aus den Fäusten – – es war nicht schön, Mütterchen – – ja – so kams.«

»Ihr wurdet handgreiflich?« fragte Frau Franziska leise.

»Was heißt da handgreiflich – Mutterchen – zwei neunzehnjährige Kerle, denen beiden der Jähzorn im Nacken sitzt. Am andern Tag war das Duell – ich habe für mein Leben den scheußlichen Schmiß weg, der mir noch genug Kopfschmerzen machen wird, und dem Leutnant von Senz habe ich die Nase gespalten – – Tante Adelgunde hat ganz recht: ›Schlachtergesellen!‹«

»Du böser Wilder!« Frau Franziska strich sanft über die rote Narbe; »du wirst dich nun umlegen und ganz ruhig schlafen viele Stunden lang, damit das Fieber nicht wiederkommt.«

»I, das ist ja schon da, Mütterchen,« lächelte Bertold matt, »und da schadet es nichts, wenn ich dir noch rasch sage, daß die schwarze Gretel mir den zerschlagenen, geschundenen Pudel samt seinen gebrochenen Rippen schenkte, weil sie meinte, ich hätte ihr und ihm das Leben gerettet – – –«

»Schlaf, mein Junge!«

Frau Franziska erhob sich und verließ sacht das Zimmer. Vor der Tür lag Fidelio. Trotz seiner Schmerzen schleppte sich der kluge, häßliche Hund immer wieder in die Nähe Bertolds, und Franziska ließ den Pudel gewähren, dessen Tage trotz guter Pflege gezählt waren – man hatte dem armen Tier gar so bös mitgespielt.

Sie dachte an die kleine filia hospitalis, die ihre Nelken und Geranienstöcke am Fenster plünderte, damals als der Bertold in die Klinik kam – die Mutter mußte ihm jede Blüte mitgeben. So ein gutes, kleines, dankbares Ding! Und aus dem mageren, verwachsenen Persönchen, das im Theater in dem Garderoberaum mithalf, weil es zu schwerer Arbeit zu schwach war, hatten die Schwarzhausener ein »üppiges, tolles, schwarzes Theaterfräulein« herausphantasiert!

Gottlob, daß es Phantasie war. Sie tat ja weh, doch das würde vorübergehen – ihr Junge gehörte noch ihr, der Mutter, und das war für das Mutterherz die Hauptsache. –

Der Großvater sah Bertold erst, als er sich schon wieder zur Abreise nach der »Universität« rüstete. Diesmal setzte er sich selbst die Gänsefüßchen in Gedanken vor das Wort. Denn er mußte erst einmal drei Monate auf eine andere Art studieren, aber auch sein Mütterchen vermied das Wort »Festung« und sprach immer nur von der Universität Bonn.

Nun hatte Bertold sich noch durch Teichmann in einer kleinen Privatangelegenheit beim alten Herrn melden lassen und das Gespräch zwischen Großvater und Enkel war sonderbar genug.

»Ich hatte dir deinen Wechsel schon durch deine Mutter zustellen lassen« – empfing Eik senior den Enkel.

»Es bedarf nicht noch eines besonderen Dankes, Bertold. Was wünschest du sonst?«

»Die Erlaubnis, meinen Hund Fidelio im Park beerdigen zu dürfen, Großvater.«

»Deinen Hund? Ist es der schauderhafte Pudel, den du aus Bonn herschlepptest?«

»Jawohl, Großvater.«

»Man sagt – – hm – er hätte einem Frauenzimmer gehört? Ist’s so?«

»Ja Großvater.«

»Die dir wert war? Du fängst früh an, Bertold, ich wünschte, du ließest dir zu derartigen Sachen noch Zeit.«

»Mir war das Mädchen fast unbekannt. Ein armes, verwachsens Geschöpf, älter als ich – –«

»Du sprichst die Wahrheit? – –«

Diesmal folgte als Antwort nur ein fester Blick.

»Also wieder einmal Schwarzhausener Geträtsch?«

»Ja Großvater.«

Laut und bitter lachte der Alte auf. –

»Bertold, dein Weg wird wahrscheinlich noch rauher, als der meine es war. Verstehst du das, mein Junge?« Es war das erste Mal, daß eine so gütige Bezeichnung erfolgte und Bertold empfand es mit dankbarer Freude. »Du hast das unglückliche Temperament der Eiks, daneben aber noch einen ganz unvernünftigen Idealismus, der dir – hm – wohl von anderer Seite vererbt ist.«

Herr von Eik senior schritt jetzt im Zimmer auf und ab, man sah, daß ihm die Trennung vom Enkel zu schaffen machte.

»Sich für ein unbekanntes, häßliches Weib aus dem Volke zersäbeln und außerdem drei Monate aufbrummen zu lassen, ist der Gipfel der Dummheit; auch für das Hundewrack, das du mit herschlepptest, fehlt mir das Verständnis, obwohl wir Eiks alle Ursache haben, die stumme Kreatur der schwatzenden, hechelnden, verleumderischen, hetzenden vorzuziehen. Deinen Begräbnisplatz für das Vieh sollst du haben, komm mit.«

Bald darauf standen Großvater und Enkel vor dem Gesellschaftstempelchen im Park, und Bertold sah sich nach einem geeigneten Platze um. Das tote Tier lag, in ein Leinentuch geschlagen, unter der Tannengruppe; Bertold hatte Schaufel, Hacke und Rechen mitgenommen.

»Hier!« rief der Großvater rasch und lebhaft und bezeichnete seinem Enkel die Stelle, wo dieser graben sollte. Bertold war es froh ums Herz, wie seit langer Zeit nicht. Er fühlte zum erstenmal bewußt, daß er dem alten Eik verwandt war und die Zukunft, in der er mit dem Großvater gemeinsam arbeiten sollte, sah ihn nicht mehr so fremd und kalt an. Mit jedem Spatenstich, den er tat, wurde es ihm freier ums Herz; es war ihm, als seien in dem verhüllten Bündel alle seine und Mütterchens Sorgen verborgen, die er nun für immer verscharren wollte.

Vielleicht bewegten den alten Eik ähnliche Gedanken, er erschien dem Enkel aufgeräumt und munter wie nie zuvor. Mit Interesse verfolgte er das Ausschaufeln der Grube, half dann dem Enkel die Last hineinzusenken und setzte sich beschaulich auf die Bank des Tempelchens. Als Bertold die Öffnung zuschaufelte, fiel ihm etwas auf.

»Großvater«, rief er lebhaft, »hier daneben ist noch ein Grab, – da liegt gewiß schon ein vierbeiniger Eichenborner Hausgenosse.«

Wie sonderbar doch der Großvater war! Er lachte mit einem Male rauh und schallend auf und schaute den Enkel belustigt mit wetterleuchtenden Augen an.

»Nein Bertold, da ruht eine Staatsdame«, rief er zurück, und dann sah ihn Bertold mit wuchtigen Tritten nach dem Herrenhause schreiten.

Kopfschüttelnd blieb der Enkel zurück.

***

Schwarzhausen schwelgte in der Behaglichkeit des Rechthabens. Es war alles bis auf das I-Tüpfelchen eingetroffen, was man seit zehn Jahren vorhergesagt.

Bertold Eik taugte wirklich nichts. Der Ehrenhandel, den er in Bonn ausgefochten hatte, mußte etwas ganz Unsauberes gewesen sein, denn der Student saß im Gefängnis.

Man wußte nicht recht, sollte man empört sein über dies Vorkommnis, das eine der angesehensten Schwarzhauser Familien betraf, oder sollte man das Behagen überwiegen lassen, daß endlich einmal etwas Richtiges in Schwarzhausen passierte. – Es half nichts, daß Dr. Hempel und Pfarrer Klingenreuter jedem, der es hören wollte, das Wort »Festung« in die Ohren schrie, die lieben Mitbürger wurden dadurch weder gescheidter noch wohlwollender. Und als irgendeiner von den »ganz Klugen« aus Fritz Reuters »Festungstid« nachwies, daß in den Kasematten hauptsächlich »Königsmörder« untergebracht würden, wurden die Mutmaßungen immer geheimnisvoller und belastender für den Übeltäter. Man brauchte auch nur Frau Franziska, die bedauernswerte Mutter anzusehen, um zu spüren, daß das nichtsnutzige Leben ihres Einzigen ihr beinahe das Herz brach. Wie sie aussah, – so blaß, so erschöpft und hinfällig! Sie war doch noch jung und die Nachtwachen und Krankenbesuche, die sie seit einiger Zeit aufgenommen, konnten unmöglich solche Verheerungen in ihrem Körper anrichten. –

Man fing wirklich an, die »arme« Frau aufrichtig zu bedauern, die solch ein Kreuz zu tragen hatte, und den alten Herrn von Eik dazu, der seinen herrlichen Besitz einst solchen unwürdigen Händen überlassen mußte. Man sah jetzt Frau Franziska täglich.

Was man ursprünglich in edlem Zorn und Gerechtigkeitsgefühl für Haus Eichenborn vom Himmel erfleht, nämlich eine kleine, reinigende Sintflut, das kam mit einem Mal höchst unbegründet für ganz Schwarzhausen, der Typhus. Wie aber nicht anders zu erwarten, war auch hier die Quelle des Übels der Brunnen im Eichenborn, aus dem seit uralten Zeiten die Mägde aus der Stadt das Brunnenwasser holten. Man hätte doch vorsichtiger sein und von dem Augenblicke an, da Bertold Malcroix sich zum Taugenichts auswuchs, den Eichenborn überhaupt meiden sollen. Nun wurde er zum »mal croix« für ganz Schwarzhausen. Irgend ein Schlingel des Städtchens, der viele krumme Wege ging, Vogelnester ausnahm und reifes und unreifes Obst stahl, machte sich wichtig und erzählte, daß er nach der Krankheit des jungen Herrn Bertold und kurz vor dessen Abreise den alten Herrn mit seinem Enkel im Parke gesehen habe, wie sie ein großes, geheimnisvolles Bündel in die Erde vergraben. Man hätte dem als verlogen und diebisch bekannten Jungen sonst nicht die einfachste Mitteilung geglaubt, aber diese Nachricht schlug ein und zündete sofort. Der Erzähler wurde beinahe der Held des Tages und in der Parochialschule umstanden ihn die Schüler, auf der Straße die Bürger und seine Wahrnehmungen wurden andächtig aufgenommen. Natürlich schwoll sein Kamm und je öfter er die Geschichte erzählte, desto unheimlicher wurde der Inhalt des Bündels. Der Schauplatz des Begebnisses verschob sich immer mehr, bis er schließlich nahe der Quelle alles Übels, dicht vor dem verseuchten Brunnen lag. –

Es war nur Gerechtigkeit des Himmels, daß die Seuche als erstes Opfer den Hieronymus Teichmann forderte, ihn, der immer und ewig die Partei des schlechten Eiks genommen hatte und auch bei den letzten Munkeleien, die sich ja leider als nur zu wahr erwiesen, ganz aus dem Häuschen gekommen war. Nun hatte er’s, – nun lag er in einer der Isolierbaracken und seine Stunden waren jedenfalls gezählt.

Daß diese Isolierbaracken und alle die Vergrößerungen und Neuanschaffungen im Krankenhause Geschenke des alten Herrn von Eik waren, erschien nicht mehr als billig und ebenso richtig war es gewesen, daß Frau Franziska sich tatkräftig der Kranken und ihrer Pflege annahm, um die Schuld des schlechten Sohnes etwas zu versühnen.

Der alte, brave Teichmann schickte sich wirklich zum Sterben an.

Und so ruhig war er darüber, und so wenig Macht hatten die Schmerzen über ihn, daß seine poetische Ader nicht versiegte, sondern bis zum letzten Atemzuge kräftig quoll. –

Sein gutes Auge leuchtete, als Frau Franziska zu ihm trat; doch gleich darauf erlosch der Glanz wieder, und bekümmert schaute er seinen Liebling an:

»Das Fräulein – sollt an sich – selber denken – und mir nicht noch Zeit und Weile schenken,« flüsterte er zärtlich besorgt mit matter Stimme.

»So blaß sieht Fräulein Fränzchen aus, – ich kann’s nicht sehn und nicht verstehn, vielleicht liegt es am Eichenhaus, daß Lust und Freuden dort vergehn – –«

»Das mag wohl sein, alter lieber Hieronymus, aber davon wollen wir jetzt gar nicht sprechen, sondern nur sehen, wie wir dir Linderung bringen. Wie geht es Frau Thereschen? Ruht sie sich ein wenig?«

Er nickte matt.

»Sie hat sich Ruhe nie gegönnt, hat all ihr Lebtag nur geschafft, doch nun sie sieht, daß man uns trennt, da holt sie sich zum Schmerz die Kraft, – ich bin ohn’ Sorgen allerwegen, – kann ja mein Weib in Eiksche Hände legen.«

»Du Treuer! Frau Thereschen wird nie verlassen sein, wie du uns nicht verlassen hast in guten und bösen Tagen.«

Er lächelte dankbar, schlummerte dann ein Weilchen und schlug wieder die Augen auf. »Wenn ich bitten dürft – – mit schuldigem Respekt, – daß man den Herrn von Eichen weckt, – möcht gern die starke Hand noch drücken und mich dann still bei Seite rücken. – Und Brennstoff – – und den Rektor Tüllen – wird man mir wohl den Wunsch erfüllen? Ich möchte sie beide noch mal sehn – – und kann dann ruhig – – nach Hause gehn.«

Er sprach abgerissen, leise und langsam, aber Franziska hörte deutlich jedes Wort und nickte ihm gewährend zu. »Sie werden alle bald da sein, mein guter Teichmann, soll ich auch Frau Thereschen holen?«

Er schüttelte abwehrend den Kopf. »Ich glaube nicht, daß ihr das frommt; sie braucht die Ruh für das, was kommt, – – sie würde jammern auch und klagen, – ich kann das jetzt nicht gut vertragen« – – Teichmann schlummerte wieder und Frau Franziska verließ sacht das Zimmer. Es währte nicht lange, und sie standen alle um ihn, die seine Treue im Leben besessen und sie fühlten, daß etwas Gutes von ihnen wegschritt. Die rechte Hand reichte der Sterbende dem Rektor Tüllen und die Linke Frau Franziska. Zwischen ihm und dem alten Lehrer bildete das längst verstorbene Ännchen das Bindeglied, aber der Tochter seines alten Herrn schlug sein Herz unmittelbar entgegen.

Am Fußende ragte die hohe ungebeugte Gestalt des alten Eik, und zu Häupten des Bettes mühte sich Kantor Brennstoff vergebens, einer heftigen Bewegung Herr zu werden. –

»Will mir mein Herr ein gutes Sprüchlein sagen?« fragte Teichmann mühsam. »Ich muß den letzten Gang nun wagen und aus dem Eichenhause ziehn – – – Den Pfarrer möcht’ ich nicht bemüh’n – –«

Der alte Eik trat rasch näher, – er legte seine große Hand auf die des Kranken: »Ei du frommer und getreuer Knecht, du bist über Weniges getreu gewesen, ich will dich über Vieles setzen, gehe ein zu deines Herren Frieden!« – –

Das war ein wunderschönes Lächeln, das jetzt auf dem Antlitz des alten Dieners lag. Das Sprüchlein war wohl mitten in sein treues Herz hineingesprochen worden und hatte ihm den Trost gegeben, nach dem er verlangte. Deshalb suchten seine müden Augen nun nicht mehr die umstehenden Menschen, sondern richteten sich in weite, lichte Fernen – – –

»Brennstoff, ich sehe den Großen, ich sehe Beethoven« sagte er laut und dann mühte sich seine sterbende Stimme, eine Melodie zu formen, aber es war nur mehr eine zersprungene Glocke, die ihm heimläutete, – heim. Nur die Worte konnte man deutlich verstehen:

»Fahr wohl, du goldene Sonne – – –«

***

Dem Schnitter Tod schien es in dem kleinen, freundlichen Schwarzhausen wohl zu behagen, er kümmerte sich nicht um Hygiene und nicht um die Ärzte, er rief: Arzt, hilf dir selber, und winkte Doktor Hempel. Dieser sträubte sich zuerst mächtig, er war ein kräftiger, willensstarker Mann und unermüdlich in dieser schweren Zeit auf dem Posten gewesen. Vielleicht zu sorglos und unermüdlich.

Als er den Totenschein für Hieronymus Teichmann ausstellte, sprach Doktor Hempel noch eindringlich mit Frau Franziska, daß sie sich schonen und hinlegen müsse, sie sähe erbärmlich aus von ihren angreifenden Nachtwachen, und die Schwarzhausener hätten es den Kuckuck nicht verdient, daß sie sich aufopfere.

Doktor Hempel war überhaupt verdrießlich und heftig aufgebracht gegen die ganze Welt, die einen schiefen Gang ginge, gegen die Seuche insbesondere, die so tat, als hätte es nie die bewährten und berühmten Hempelschen Reinigungskuren gegeben, und welche über Kurellasches Brustpulver, Zitwersamen und Brennersches Pflaster einfach hinwegschritt.

Ganz besonders aber war er aufgebracht gegen Schwarzhausen, welches noch hinter dem Monde zurück war und von absichtlicher Brunnenvergiftung »gärte und märte«.

»Und Sie müssen die Ohren steif halten, meine liebe Frau Fränzchen, und sich für Ihren Bertold schonen und tapfer aufbewahren, denn der braucht Sie wie das liebe Brot. Er hat nicht viel Freunde in Schwarzhausen und die wenigen sind alt. Und das Heer seiner Feinde sieht scharf nach ihm hin, der später doch einmal so eine Art Vater von ihnen sein soll und doch ist es so kurzsichtig von den Einwohnern, nicht den Segen zu erkennen, der vom Eichenborn für Schwarzhausen ausgeht. Darum hüten Sie als Mutter Bertolds guten Engel, – und der sind Sie selbst. – Und nun Gott befohlen! Mir ist heute selbst gar nicht »extra«, – ich werde mir jetzt einen Aromatique genehmigen und dann zu den Porzellinern gehn, – die sterben reineweg wie die Fliegen, weil sie alle Zwetschenbäume gepachtet haben und »nichts umkommen« lassen wollen, das verbohrte Volk – – –«

Aber Doktor Hempel ging nicht zu den Porzellinern und nahm auch keinen Aromatique. Es war immer seine Art gewesen, sich hinter diesem köstlichen Dietendorfer Schnabus tüchtig zu schütteln, aber diesmal schüttelte es ihn selber vorher und er mußte sich ins Bett legen.

Und weil er selbst sein Wort nicht hielt, glaubte auch Frau Franziska ihm nicht gehorchen zu müssen. –

Bertold Eik saß unter fröhlichen Kumpanen auf der Kneipe, als man ihm den Eilbrief von seinem Großvater brachte.

Schon den ganzen Abend hatte man Bertold seiner großen Schweigsamkeit halber geneckt und ihn auf »tiefsten Dalles« oder »höchste Verliebtheit« taxiert; er konnte einer unerklärlichen Bangigkeit nicht Herr werden.

Sein Großvater schrieb sonst nie an ihn, alle Nachrichten, auch die geschäftlichen, gingen ihm durch seine Mutter oder durch den Prokuristen der Firma Eik zu, – der Eilbrief übte einen seltsamen Bann, – er spornte nicht zur Eile, er lähmte alles Denken und Fühlen und nur mechanisch betrieb Bertold seine Abreise, die noch in derselben Nacht erfolgte.

Grau und trübe der Himmel über Schwarzhausen, grau und trübe die ganze Stimmung in den Straßen, grau und düster das langgestreckte Herrenhaus der Eik von Eichen.

Bertold fröstelte, als er heimkehrte in das Haus seiner Väter. Selbst die Gesichter der Menschen, die ihm in der Herrgottsfrühe begegneten, waren ihm grau erschienen, und sie waren es wohl auch wirklich, – vor Sorgen, vor Angst, weil die Seuche nicht schwinden wollte aus Thüringer Landen.

Und noch etwas starrte dem jungen Studenten aus den Augen seiner Landsleute in grauer Öde entgegen, – tiefe Abneigung gegen ihn und seine Heimkehr.

Er hatte in ruhig ernstem Gruß den Hut gezogen, als er rasch durch die morgenstillen Straßen schritt und hatte den wenigen Kindern freundlich zugenickt, die sich an den Fenstern zeigten. Aber sein Gruß war nicht erwidert worden, und die Kinder hatten sich eilig und scheu zurückgezogen.

Selbst die geliebten Thüringer Berge hatten eine Nebelkappe aufgesetzt, die sie verhinderte, freundlich, heimatlich, vertraut auf den Heimkehrenden zu blicken und die sonst so silberne Gera schien allen Glanz verloren zu haben und schlich grau und langsam dahin.

Einmal mußte doch wieder alles hell und licht werden, mußte doch dieses öde Grau verschwinden, dachte Bertold, und suchte durch junge, hoffnungsfrohe Gedanken die unerklärliche Bangigkeit zu verscheuchen, welche sich um sein warmes, junges Herz legte.

Einmal? Gleich! Jetzt! – sobald er die Mutter an seine Brust drückte, an seine junge, kraftvolle Brust, nach welcher sich die liebe Kranke sehnte, wie der Großvater ihm geschrieben. Schien nicht die Sonne schon ein wenig in das Nebelgrau des Morgens, da er so innig an die Mutter dachte und sein Herz ihm selbst schon voraus flog zu ihr? Er würde nicht wieder die Heimat verlassen, die liebe Heimat, die für ihn gleichbedeutend war mit seiner Mutter Herz. Nie wieder! Er würde von nun an immer zu ihren Füßen sitzen, und herrliche, trauliche Abende sollten kommen nach des Tages Last und Mühe, frohe Feste nach sauren Wochen. – Liebe sollte den Eichenborn durchsonnen.

Der Großvater empfing den Enkel am Portal des Hauses – war denn heute alles so anders? Das hatte der gestrenge, alte Herr noch nie getan. Die Förmlichkeit der ersten Begrüßung durch sämtliche Dienerschaft war bisher immer streng innegehalten worden.

Und noch etwas verwunderte Bertold und erschreckte ihn zugleich:

Die gebeugte, müde Haltung des Großvaters, die ungewohnte Milde in seinem strengen Gesicht.

»Grüß Gott, Großvater!«

»Lieber Bertold – – –«

Ihre Hände lagen mit festem Druck ineinander, dann lief der Jüngere mit eiligen Schritten durch die Diele, die Treppen hinauf, daß er nichts versäume, nicht eine heilige Minute, die er bei der Mutter sein konnte. Er hörte hinter sich den Großvater rufen, – vielleicht sollte er auf ihn warten, bis der alte Herr mit seinen wuchtigen, langsamen Schritten ihn begleitete, aber das war ja sonst auch nie geschehen, immer hatte er seine Mutter allein begrüßt. Beinahe lächelte der Student ein wenig, daß er so knabenhaft ungestüm und trotzig dem Großvater entlief. Und nun kam noch die braune Tür mit den blitzenden Messingbeschlägen, die den Sohn noch trennte von der lieben Kranken. Wenn er als Knabe Sehnsucht nach der Mutter empfand, dann stand diese braune Tür vor seinem geistigen Auge, und es war ihm, als brauche er nur die Klinke niederzudrücken, um sofort wieder daheim zu sein.

Sacht, sacht! – die Mutter könnte schlafen, könnte erschrecken. Aber eine Mutter erschrickt nicht, wenn der Einzige heimkehrt – sie muß ihn ja lange schon erwartet haben, sie hat sich gebangt nach ihm, so schrieb der Großvater.

»Mütterchen!«

Nein, eine Mutter stört der heimkehrende Sohn nie – besonders nicht, wenn sie so fest schlummert wie Mütterchen Franziska – – aber trotz des tiefen Schlafes hat sie das liebe Lächeln auf ihrem Antlitz für ihn, für ihren Einzigen.

»Mutter! Mutter!«

Nie wieder vergißt der Eichenborn diesen Ton. Denn das Weh einer Welt liegt in ihm. Und er wird noch tagelang und nächtelang nichts anderes hören, als diesen Ruf.

Mutter! Mutter!

Die junge Seele drinnen ist aus den Fugen. Kleiner, großer, törichter Bertold! Glaubtest du, ein Mutterherz sei so heilig und hehr, daß niemand daran rühren könne; sei so lebendig, so liebeübervoll, daß es nie verstumme? Daß es klopfen müsse in alle Ewigkeiten?

Mutter! Mutter!

Störe den heiligen Schlaf nicht, Bertold! Jammere nicht so wild! Es ist umsonst, du weckst sie nicht. Du bist ein zwanzigjähriger Knabe und da sind zwei Gewaltige, die leben seit Urbeginn, und sie sind wider dich.

Der Tod und – der ihn rief.

Weine dich gesund.

Denn du brauchst Kraft, dir jetzt deinen Kinderglauben zu retten. – Du kanntest sie ja bis in ihre innersten Gedanken, deine Einzige.

Du weißt, daß sie ihren Mutterberuf als heilige Mission auffaßte, an deren Erfüllung sie sich selbst hingab.

Nach ihrem unerschütterlichen Glauben warst du ihr von Gott gegeben – würde Gott dich auch wieder von ihr fordern: »Wo ist dein Kind? Wie erzogst du es? Was können seine Mitwanderer und Weggenossen von ihm erwarten? Warst du würdig, eine Mutter zu sein?« –

Weine dich gesund, Bertold!

Denn du sollst jetzt einen einsamen Weg gehen, sollst aus dir selbst heraus etwas Tüchtiges werden, ohne Mutterwort und Mutterrat, sollst eine Persönlichkeit werden.

Kraft brauchst du, um Gottes Fragen an deine Mutter zu beantworten. – – –

***

Dicht hinter dem Sarge von Frau Franziska schritten Großvater und Enkel.

Die Augen des alten Herrn streiften besorgt das Antlitz des jungen Mannes an seiner Seite.

Es war wie versteint in Schmerz.

Die Schwarzhausener fanden erst lange Zeit nach dem Begräbnis die richtigen Worte, das Wesen des Bertold Eik zu zeichnen, – während der ganzen Zeremonie war er ihnen unheimlich und unverständlich.

»Bertold! Aber Bertold!«

Der alte Herr von Eichen nahm die Hand des Enkels und hielt sie fest. Er wußte nicht, weshalb? – er hatte das unbestimmte Gefühl, der junge, verstörte Mensch an seiner Seite könne irgendeine kopflose Handlung begehen.

Aber Bertold dachte gar nicht daran. Er hatte die Augen nicht zu Boden gesenkt, wie es eigentlich die ehrbare, altväterische Trauersitte vorschrieb, sondern hatte sie, weit aufgeschlagen, in Fernen gerichtet.

Wo war die Mutter?

Sein übermüdetes Herz klopfte flatternd und schmerzhaft in seiner Brust. Er sah und hörte nichts, was um ihn vorging, vernahm nichts von den herzlichen Worten des Predigers und hob die schlaffe, herniederhängende Hand nicht, als man sie teilnehmend drücken wollte.

So schritt er wieder aus der Kirchhofspforte heraus und die Karosse der Eiks nahm ihn auf und führte ihn zurück in den verödeten Eichenborn.

Er saß bei Großtante Adelgunde und die Neunzigjährige klagte mit feinem, verstaubtem Stimmlein, daß der Herrgott sie vergessen habe und alle die Jungen vor ihr fort hole.

Er hörte es, aber er faßte nicht den Sinn ihrer Worte. Er hörte auch den Großvater sprechen und raten mit ernster, gütiger Stimme und sprach selbst zustimmende Worte.

Seine Koffer standen wieder gepackt und ein Auslandspaß war ausgefertigt.

Nach Paris würde er gehen, nach London und New York, er würde Holland und Belgien bereisen und alle Plätze besuchen, an denen Haus Eik von Eichen angesehen und berühmt war.

Aber er würde nicht die braune Tür wieder öffnen, die nahe, ganz nahe an seinem eigenen Zimmer lag, die Tür, hinter welcher das leere Bett stand und all die lieben Sachen lagen, die seine Mutter getragen.

Den Schlüssel zu dieser Tür barg er auf seiner Brust.

Der Vollmond stand am abendlichen Himmel und sah auf den rastlos Wandernden, der noch einmal im Parke von Eichenborn alle Plätzchen aufsuchte, die er als Kind geliebt.

Rastlos kamen und gingen die Gedanken.

Er hatte ja die Heimat nicht wieder verlassen wollen – – nun hatte seine Heimat ihn verlassen.

Drum ging er gern in die weite Welt.

In seiner wilden Verzweiflung hatte er nicht mehr an die offenkundige Abneigung der Schwarzhausener gedacht und auch ehe der tiefe Schmerz kam, hatte ihn seine Wahrnehmung nur stutzig, nicht grübeln gemacht.

Bertold war ja so jung, so gesund und so erfüllt von guten Gedanken für die Heimat, für Schwarzhausen und den Eichenborn.

Er würde den närrischen Leuten schon zeigen, daß er nicht nur jähzornig, sondern auch arbeitswütig war, und daß er gewissenhaft in seines Großvaters Fußstapfen treten wollte.

Das war gewesen. –

Waren es Jahre, die zwischen dem Tage seiner Ankunft und heute lagen? Heute grübelte er, heute wurden ihm die vielen, unbeantworteten »Warum« zu einer unerträglichen Pein.

Aber der Duft der Thüringer Tannen, die so dicht den Tempel der Geselligkeit umstanden, und welche Bertold immer wieder auf schmalem Wege umschritt, übte eine wunderbare Macht. Dieser Duft umfaßte den jungen Menschen weich und stark zugleich – wie Mutterarme.

Bertold lehnte seinen Kopf an die Rinde des nächststehenden Baumes und griff über sich in das Geäst, wie er als Knabe oft getan, um in kindischem Spiel zu fühlen, wie die spitzigen, braunen, welken Nadeln herunterfielen und sich in seinem dichten Haar versteckten.

Seitwärts von der Tanne auf dem weichen Erdboden wölbten sich zwei Hügel, ein großes und ein kleines Grab.

Da lag Fidelio, der häßliche, gute Hund und dort – – die Staatsdame. So hatte der Großvater ohne weitere Erklärung ihm gesagt.

Aus dem kleinen Erdhügel schimmerte im Mondlicht etwas Weißes hervor – es mußte vor kurzem ein größeres Tier hier gewesen sein; vielleicht ein Hund aus der Fabrik, der durch Zäune und Wiesen herlief. Das kleine Grab war zerwühlt.

Bertold befühlte das weiß schimmernde Etwas mit seinem Stock und blieb daran hängen; als er den Stock hob, fiel die wenige Erde zur Seite und legte eine größere weiße Fläche frei, die Bertold, jetzt doch etwas neugierig geworden, mit der Hand betastete. Seidenstoff war es, rauh geworden von Erde und Nässe, aber an dem Seidenstoff hing ein kleiner, harter, runder Gegenstand. Immer mehr schüttelte Bertold den Kopf, denn er sah nun, daß er eine Puppe vor sich hatte, keine Emmy ohne Kopf, aber einen Kopf ohne Haare und nun fand er auch die abgelöste Perücke und einen dicht zusammengelegten Zettel. Der hatte so verborgen in den Kleiderfalten der Puppe gelegen, daß die Schrift sich gut gehalten hatte und er las die Buchstaben, von seines Großvaters Hand geschrieben, deutlich im hellen Mondlicht: »Diese Puppe soll Liselotte Windemuth gehören.«

Ergründen konnte Bertold dieses Rätsel nicht, – aber er wollte es auch gar nicht ergründen.

Er legte die Puppe wieder sorglich in die Grube hinein und holte noch mehr Erde, die er darauf schüttete und dann gleichmäßig fest trat.

Viel ruhiger wurde er durch diese seltsame Arbeit – denn der wehe Schmerz um seine Mutter wurde abgelöst und abgelenkt durch ein warmes, herzliches Sehnen nach einem lebendigen Menschenkinde, nach einem lieben, rosig-weißen, trotzigen Mädchengesicht, nach einem Paar stahlblauer Augen – – nach dem herzlieben, närrischen Mütterchen der kopflosen Puppe Emmy und der begrabenen haarlosen Staatsdame.

Hoch atmete Bertold auf – das Herz wurde ihm zu eng in der Brust.

Er mußte sie noch einmal sehen, die kleine Liselotte, seine Jugendfreundin, ehe er ins Ausland ging.

Wie hatte er sie nur vergessen können drei lange Tage!

Mutter, liebe Mutter!

Verzeihst du es deinem Jungen, wenn er das lachende Leben mit seinen tiefsten Gedanken verschwiegen grüßt?

Bertold schritt rasch aus dem Park. Im klaren Mondlicht schaute er noch einmal alles hell und schön und vertraut, jeden Baum, jeden Strauch, jede alte, seltsame, verwitterte Steinfigur. Im Grasgarten rauschte der Born, da erzählten sich die Eichen flüsternde Märchen, Märchen von Mutterliebe und Heimat, Märchen von Thüringer Edeltannen, von denen die schlankste und schönste und lieblichste die Liselotte Windemuth war.

Bertold hielt die Hand unter die murmelnde Quelle, und auch sie erzählte und rannte. Von einem jungen Burschen, der seine Mutter verlor und der in die weite Welt ging. Aber er würde wiederkommen, bald – in einem Jahr oder in zweien, dann würde er in das hohe Giebelhaus treten dort in der nahen Straße und würde das schöne Haustöchterlein fragen und – – dann könnte es doch noch einmal sonnig werden im düstern Eichenborn.

Hinschritt er durch die stille Straße mit leuchtenden Augen, mit raschem Atem und jung – junger Liebe.

Da lag es, das Windemuthhaus.

Aber nicht so still wie der trübe, ernste, schweigsame Eichenborn, aus dem man die letzte Freude hinausgetragen und in die Erde versenkt hatte.

Die schöne, warme, helle Sommermondnacht hatte die Bewohner des Hauses im Garten festgehalten.

Bertold unterschied ganz deutlich die einzelnen Personen: Base Juliane, den alten Herrn Professor und eine junge Dienstmagd, welche noch einige Blumen mit der Gießkanne tränkte.

Wie sah das alles so traut und heimelig aus.

Er trat in den Schatten der Geisblattlaube, die dicht am Straßenzaun lag. Seine Augen spähten und suchten.

Wo bleibt sie? Wo bist du, Liselotte? – Sieh – ich will Abschied nehmen.

Wie durch Gedankenübertragung schickte zu gleicher Zeit Professor Windemuth seine Augen suchend durch den Garten, und deutlich vernahm Bertold dessen behagliche Stimme: »Wo bist du Liselotte? Hans! Wo bleibt denn unser Brautpaar – – –?«

Furchtbar deutlich – lächerlich deutlich.

Und furchtbar und lächerlich war doch auch das, was der unverantwortlich helle, abscheuliche Mond da beleuchtete, – ein eng verschlungenes Paar, das den Weg heranschritt, Arm in Arm, Auge in Auge. – Das weiße Kleid des Mädchens schimmerte zu Bertold hinüber und ebenso die blitzende Uniform des Leutnants Hans von Windemuth.

Lächerlich deutlich.

So lächerlich, daß man eben lachen mußte.

Gellend lachte Bertold auf – – daß das glückliche in sich versunkene Pärchen zusammenschreckte und der alte Herr eilends nach der Stelle hin lief, von welcher das unheimliche Lachen ausging.

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