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ZWEITER TEIL PERLE

Reading edition

ERSTES KAPITEL DIE ANKUNFT

Jenseits des Tores war es tief dunkel. Der Nebel drückte nicht mehr auf die Brust, laue Luft wehte. In der Nähe hörten wir pfeifen und stossweises Rasseln. Jetzt sah man auch ein paar rote und grüne Signallichter. Wir liefen auf ein niedriges Gebäude zu. Der Mann mit der Laterne erklärte: „Das ist die Bahnstation, es ist höchste Zeit!“ Am Schalter erhielten wir Fahrkarten zweiter Klasse nach Perle. Das erstemal sei die Fahrt frei, hiess es. — Nun traten wir auf einen menschenleeren Perron. Der Zugführer pfiff bereits zur Abfahrt, und man drängte uns in den Zug. „Wir fahren dritter!“ rief ich; da hoffte ich mehr zu sehen, denn die zweite Klasse war ganz leer. Als wir einstiegen fühlte ich, wie mir jemand etwas Schweres in die Hand drückte:

„Es ist Geld, jeder Neuangekommene bekommt das!“ tönte es schon aus der Ferne. — Ich schob es ein —.

Nach mehreren fruchtlosen Anstrengungen brachte die Maschine den Zug endlich in Bewegung. Die Geschwindigkeit war sehr mässig, noch mässiger die qualmende Ölbeleuchtung in den Wagen. Zurückblickend gewahrte ich gerade noch die hohe Mauer, sie ragte schwarz in den Nachthimmel. „Wie ein Festungswall“, dachte ich und sah interessiert hinaus. Sie verschwand immer mehr in der Finsternis.

Von dem Lande, durch das wir fuhren, sah ich nicht allzuviel. Unser Zug warf einen matten Schein auf Bäume, Sträucher, Wächterhäuschen. — Es war im allgemeinen so, wie eine Nachtfahrt zu sein pflegt.

Der Schaffner stieg von der Aussenseite des Zuges zu uns.

„Ihre Lampen riechen aber miserabel, da kann einem ja schlecht werden“, sagte ich zu dem Beamten.

„Es war noch nie eine Klage!“

„Wie lange ist’s noch nach Perle?“

„In zwei Stunden — um Mitternacht, — sind wir dort.“

„Können Sie mir ein Hotel empfehlen?“

„Nur die blaue Gans kommt in Betracht. Die kleineren Gasthäuser, die noch da sind, dürften Ihnen nicht zusagen.“

Er sprach das sehr gefällig und verschwand wieder im Dunkel.

Bei einigen Stationen bemerkte ich lange Schuppen und Berge von Kisten und Kolli. Einmal kaufte meine Frau ein Körbchen mit kaltem Abendessen und eine Flasche Wein. Ich zahlte mechanisch von dem Geld, das man mir zugeschoben hatte. Wir bemerkten da erst zu unserm Erstaunen, dass ich Kreuzer und Gulden in der Tasche hatte — auch ein Röllchen Gold war dabei.

Meine Frau war in Gedanken versunken. Sie hatte wohl den Chok vom Tor noch im Kopfe. Ach ja, die überreizten Nerven! Es ist hohe Zeit, dass man wieder in seine Ruhe kommt.

Zwei Arbeiter waren eingestiegen und unterhielten sich gleichgültig. Als sie sich beim nächsten Halten wieder entfernten, grüsste der eine und warf mir einen Blick zu, als kenne er mich schon. Auch mir kam er bekannt vor. Man findet eben immer wieder dieselben Gesichter auf der Welt. Eigentlich beneidete ich ihn. Er durfte schon heraus, und ich musste noch im Öldunst ausharren. Zum Glück würde es nicht mehr lange dauern! — Eine melancholische Fahrt!

Kurz vor Perle durchkreuzte der Zug eine wasserreiche Wildnis. Dann fuhr er immer langsamer und blieb schliesslich stehen. Ich blickte hinaus — wir waren da —!

Auch hier wieder nur geringes Leben. Hinter dem Bahnhof träumte eine vereinzelte Droschke. Wir weckten den Kutscher und liessen uns zur blauen Gans fahren. Neugierig schaute ich auf die Strassen, durch die das schlechte Gefährt klapperte.

„Das soll Perle, die Hauptstadt des Traumreiches sein?“ — Meine Entrüstung war nur schlecht zu verhehlen. „So sieht es ja bei uns in jedem Drecknest aus!“ sagte ich voll Unlust und Enttäuschung und deutete auf ein langweiliges Gebäude.

Von Verkehr war wenig zu spüren. Nur hie und da huschten Passanten vorüber. Mit der Beleuchtung wurde geknausert, kaum eine Gasflamme an den Strassenecken. Oft hätte ich schwören können: „Dieses Haus habe ich schon gesehen.“ Auch meiner Frau kam manches bekannt vor. „Bei uns daheim wird wenigstens nicht so mit dem Licht gespart!“ entschied ich grimmig. — Wir hielten.

Das Hotel war nicht ersten Ranges, aber halbwegs sauber und gemütlich. Ich liess Tee aufs Zimmer bringen. Es war geräumig und recht nett eingerichtet. Ein bisschen zusammengekauft sah das Mobiliar allerdings aus. Über dem Ledersofa hing ein grosses Bild Maximilians, des Kaisers von Mexiko, über den Betten hing Benedek, der Unglückliche von Königgrätz. „Wie kommt denn der hierher?“ konnte ich mir nicht versagen, das Stubenmädchen zu fragen.

Wer je zehn Tage kein richtiges Bett gesehen hat, wird begreifen, dass uns das jetzt wertvoller war als alle Traumschätze der Welt.

„Ich bin nur froh über die milde Luft, die hier zu herrschen scheint“, sagte meine Frau und untersuchte und lobte die Betten. Ich lag schon in köstlichen Federn und entgegnete gähnend: „Das scheint aber auch das einzige Erfreuliche hier.“ — — —

— — — Der Tag musste schon weit vorgeschritten sein, als ich entdeckte, dass ich bereits eine ganze Weile mit offenen Augen dalag. Ein Raum mit roter Tapete?!.... Jetzt habe ich’s ..... richtig .............. ich bin der Zeichner so und so, — ich liege in einem Hotelbett der Hauptstadt des Traumreiches, und neben mir schläft meine Frau.

Frisch, total ausgeschlafen erhoben wir uns und machten Toilette. Ich war äusserst gespannt in Erwartung aller Dinge, die ich sehen sollte.

Nach eingenommenem Frühstück gingen wir aus. Es war ein trüber Tag.

ZWEITES KAPITEL DIE SCHÖPFUNG PATERAS

Hier unterbreche ich den Faden der persönlichen Erlebnisse, um meinen Lesern zunächst einiges über das Land zu erzählen, dem ich fast drei Jahre angehören sollte. Es waren sehr merkwürdige Verhältnisse, die sich mir Tag um Tag entschleierten. Gänzlich enthüllt haben sich mir die letzten Zusammenhänge aber niemals; ich kann nur alles so hinschreiben, wie ich es selbst erlebt und aus den Mitteilungen der anderen Traumleute entnommen habe. Meine Meinungen über diese Zustände finden sich in dem Buche eingestreut, vielleicht weiss einer oder der andere Leser bessere Erklärungen.

Im grossen und ganzen war es hier ähnlich wie in Mitteleuropa und doch wiederum sehr verschieden! Ja, es gab eine Stadt, Dörfer, grosse Ländereien, einen Fluss und einen See, aber der Himmel, der sich darüber spannte, war ewig trübe; nie schien die Sonne, nie waren bei Nacht der Mond oder Sterne sichtbar. Ewig gleichmässig hingen die Wolken bis tief zur Erde herab. Sie ballten sich wohl bei Stürmen, aber das blaue Firmament war uns allen verschlossen. Ein gelehrter Professor, den ich noch einige Male erwähnen werde, brachte diese zähen Dunstbildungen mit den ausgedehnten Sümpfen und Wäldern in Verbindung. Ich habe tatsächlich während dieser Jahre die Sonne nicht ein einziges Mal gesehen. Darunter litt ich zu Anfang sehr, allen Neuangekommenen erging es darin ähnlich. Öfters gab es wohl in der Wolkenbildung eine auffallende Helligkeit, einige Male, besonders in der letzten Zeit meines Aufenthaltes fielen vom Horizont sogar ein paar schräge Lichtstreifen über unsere Stadt, aber zu einem sieghaften Durchbruche kam es nie — nie.

Wie unter solchen Bedingungen die Erde mit ihren Fluren und Wäldern aussah, ist leicht vorstellbar. Saftiges Grün war nirgends zu sehen, in ein stumpfes Oliv, ein grünliches Grau waren unsere Pflanzen, Gräser, Gesträuche und Bäume getaucht. Was in der Heimat in reichen Farben prangte, hier war es gedämpft, matt. Während bei den meisten Landschaften das Blau der Luft mit dem Gelb des Bodens die Stimmung beherrschen, und dazwischen die andern Töne nur eingesprengt erscheinen, waren hier grau und braun vorherrschend. Das Beste, die Buntheit, fehlte. Harmonisch war das Traumland anzusehen, das musste man zugeben.

Der Wetteranzeiger stand immer auf „anhaltend trüb und schlecht“, doch war eine warme, weiche Luft wie bei unsrer Ankunft die Regel. Ähnlich gegensatzlos verhielten sich die Jahreszeiten. Ein fünf Monate langes Frühjahr — fünf Monate Herbst; dauerndes Zwielicht in der Nacht kennzeichneten den kurzen, heissen Sommer, endlose Dämmerungen und ein paar Schneeflocken den Winter.

Perle, die Hauptstadt des Reiches, am Negro-Fluss
Perle, die Hauptstadt des Reiches, am Negro-Fluss

Im Norden begrenzte ein mächtiges Gebirge das Reich. Seine Gipfel waren stets in einer Nebelregion verborgen. Es ging jäh und unvermittelt in die Ebene über und war der Ursprung einer mächtigen Wasserader: des Negro. Dieser Fluss stürzte in wilden Kaskaden eine Felsplatte hinab. Am Ausgange eines Engtales entfaltet, floss nun sein Wasser breit und träge dahin in auffallend dunkler, fast tintiger Färbung. Dann beschrieb er einen sanften Bogen. Hier war Perle, die Hauptstadt des Traumreiches, errichtet. Schwermütig düster wuchs sie aus dem kargen Boden in farbloser Einförmigkeit. Viele Jahrhunderte, meinte man, müsse sie schon so dastehen. Tatsächlich stand sie kaum ein Dutzend Jahre. Der Gründer dieser Stadt wollte den Ernst der Gegend nicht stören. Keine schreienden Neubauten waren hier errichtet worden; er gab viel auf Harmonie und liess sich seine alten Häuser aus allen Teilen Europas senden. Es waren nur Gebäude, welche hierher passten; nach einer Idee, mit sicherem Instinkt ausgewählt, fügten sie sich ins Ganze ein. Die Stadt zählte, als ich hinkam, gegen 22 000 Einwohner. —

Um eine genaue Orientierung zu ermöglichen, welche ich zum Verständnisse der später folgenden Ereignisse für nötig halte, habe ich dem Buche einen kleinen Plan beigefügt.

Wie man daraus ersehen kann, gliederte sich Perle in vier Hauptteile: Das Bahnhofviertel, an einem Sumpfe gelegen, gänzlich verräuchert, enthielt die öden Verwaltungsbauten, das Archiv, die Post. Es war ein unerfreulicher, langweiliger Bezirk. Die sogenannte Gartenstadt, der Wohnsitz der Reichen, schloss sich an. Dann die Lange Gasse; sie bildete das Geschäftsviertel. Hier wohnte der Mittelstand. Gegen den Fluss zu war ihr Charakter mehr ein dorfartiger. Von der Langen Gasse bis an den Berg gedrückt lag der vierte Distrikt: das französische Viertel. Dieser kleine Stadtteil mit seinen 4000 Einwohnern, Romanen, Slaven und Juden galt als verrufene Gegend. Die bunt zusammengewürfelte Menge hockte da in alten Holzhäusern eng aufeinander. Winkelgässchen und übelriechende Spelunken enthaltend, war dieses Viertel nicht gerade der Stolz von Perle. Über der ganzen Stadt gleichsam hängend und sie beherrschend erhob sich ein monströser Bau in ungeschlachter Grösse. Drohend blickten die hohen Fenster weit über das Land und auf die Menschen da unten. An den porösen, verwitterten Fels sich lehnend, schob er seine Massen bis an das Zentrum der Stadt, den grossen Platz vor. Das war der Palast — die Residenz Pateras.

In den dunklen Gassen der Stadt
In den dunklen Gassen der Stadt

⇒ GRÖSSERES BILD

Im Norden das Gebirge, im Osten der Fluss, im Westen der Sumpf, hätte sich die Stadt nur noch nach Süden hin ausdehnen können. Dort, neben dem Friedhof, waren allerdings noch grosse, unbebaute Flächen: Die Tomassevicfelder, nach ihrem verstorbenen Besitzer genannt. Aber alle Bauversuche erwiesen sich als trügerische Spekulationen. Nicht einmal unter Dach, wurden die Bauten Ruinen. Unter ihnen fiel ein verlassener Ziegelofen auf, der sich wie das Riesengrab irgend eines Pharao oder assyrischen Grosskönigs ausnahm. — Jenseits des Flusses durften sich keine Europäer ansiedeln. Da lag die Vorstadt, eine kleine Niederlassung mit besonderen Privilegien. Von ihr wird ein eigenes Kapitel handeln.

Nun zur Bevölkerung. Sie rekrutierte sich aus in sich abgeschlossenen Typen. Die besseren darunter waren Menschen von übertrieben feiner Empfindlichkeit. Noch nicht überhandnehmende fixe Ideen, wie Sammelwut, Lesefieber, Spielteufel, Hyperreligiosität und all die tausend Formen, welche die feinere Neurasthenie ausmachen, waren für den Traumstaat wie geschaffen. Bei den Frauen zeigte sich die Hysterische als häufigste Erscheinung. Die Massen waren ebenfalls nach dem Gesichtspunkt des Abnormen oder einseitig Entwickelten ausgewählt: Schöne Potatorentypen, mit sich und der Welt zerfallene Unglückliche, Hypochonder, Spiritisten, tollkühne Raufbolde, Blasierte, die Aufregungen, alte Abenteurer, die Ruhe suchten, Taschenspieler, Akrobaten, politische Flüchtlinge, ja selbst im Auslande verfolgte Mörder, Falschmünzer und Diebe u. a. m. fanden Gnade vor den Augen des Herrn. Unter Umständen befähigte sogar schon ein ins Auge fallendes Körpermerkmal ins Traumland berufen zu werden. Daher die vielen Zentnerkröpfe, Traubennasen, Riesenhöcker. Endlich lebten hier noch eine Anzahl von Personen, welche durch ihre finstern Schicksale ein seltsam ausgeprägtes Wesen bekommen hatten. Erst nach und nach schärfte sich mein Blick für die tiefer liegenden Charakterschattierungen, welche sich hier unter oft unscheinbarem Gewand verbargen.

Die mittlere Einwohnerzahl schwankte zwischen 20 und 24 000 Seelen, die sich stets aus neu Zugezogenen rekrutierten. Der Zuwachs durch Geburten fiel kaum ins Gewicht. Kinder waren nicht besonders beliebt. Es hiess, ihr Wert decke sich keinesfalls mit den durch sie verursachten Unannehmlichkeiten. Es war die herrschende Ansicht, dass sie nur Geld kosten, oft bis ins erwachsene Alter hinein, ungern und selten etwas zurückzahlen wollen, und fast niemals ihren Eltern für das Geschenk des Lebens dankbar seien, im Gegenteil oft zu der Meinung neigen, diese Gabe sei eine aufgedrungene. Kindersegen blieb gleichbedeutend mit Kindersorgen. Dass sie drollig und naiv sind, mein Gott, das sah man an den vorhandenen Exemplaren. Dies war aber alles ein zu geringer Antrieb, sich eine eigene Zucht anzulegen. Man lebte hier in einer bewegten Gegenwart, nicht in der unsichern Zukunft, von der doch kein Existierender etwas hat. Durch Kinder wollte man die Nerven nicht weiter ruinieren, die Frauen nicht altern machen. Ein Junges war das höchste, was man sich zulegte, Familien mit mehreren hatten diese aus dem Auslande mitgebracht. Einen Fall mit neun werde ich seiner Seltenheit halber später erwähnen. Ausserdem eigneten sich auch die wenigsten Traumleute zu Vätern oder Müttern.

Noch gibt es verschiedenes nachzutragen, was ein Staatswesen erst zu dem macht, was es ist. Es wurde eine kleine Armee gefüttert, die voll Begeisterung ihrem Berufe lebte, eine wirklich ausgezeichnete Polizei, deren Haupttätigkeitsgebiet das französische Viertel war, und das schon mehrfach erwähnte Zollwesen. Alle diese Institutionen wurden vom Archiv aus geleitet, einem niedrigen, enormen Gebäude — es war dasselbe, das mir bei meiner Ankunft schon aufgefallen war. — Gelbgrau, verstaubt und verschlafen, erweckte sein Anblick ein heftiges Gähnen. Es stand am grossen Platz und war der offizielle Sitz der Regierung. Ein Schienenstrang verband alle kleinen Flecken miteinander, gangbare, wenn auch übergraste Strassen führten bis in die entferntesten Gebirgstäler.

Zum weitaus grössten Teile waren die Träumer ehemals Deutsche. Mit ihrer Sprache kam man in der Stadt wie bei den Bauern durch. Andere Nationalitäten kamen dagegen nicht auf.

Damit glaube ich alles gesagt zu haben, was in dieses Kapitel gehört, das nur den skizzierten Hintergrund zu der wirklichen Geschichte abgeben soll.

DRITTES KAPITEL DER ALLTAG

I.

Das erste, was uns auffiel, die Kleidung der Traummenschen, — zum Lachen! — war gänzlich veraltet. Bei den sogenannten „feinen Leuten“ bemerkte man das ganz besonders.

„Diese Menschen tragen die Kleider ihrer Eltern und Grosseltern auf“, sagte ich belustigt zu meiner Frau. Ganz unmoderne geschweifte Zylinder, farbige Leibröcke, Kragenmäntel — so waren die Herren angezogen. In Krinolinen und seltsam altmodischen Frisuren, mit Häubchen und Umschlagtüchern, stolzierten die Damen einher. Wie ein Maskenscherz wirkte das!

Doch auch wir erregten Aufsehen und waren daher schon nach einigen Tagen gezwungen, uns anzupassen. Meine Frau bequemte sich zu einer kleinen Halbkrinoline, ich trug mit Anstand einen Taillenrock, eine weit ausgeschnittene geblümte Weste und Vatermörder à la 1860. Zu weiteren Konzessionen konnte ich mich nicht entschliessen. Spitze, enge Stiefel, die mir aufgedrängt werden sollten, wies ich entrüstet zurück. Man gewöhnte sich rascher, als man glaubte, an diese Veränderung des Äussern. Schon nach kurzer Zeit sah ich mit Verwunderung die Neuankommenden in ihren fremdartigen Trachten.

An jenem ersten Tag war es meine ganze Sorge, baldmöglichst eine geeignete Wohnung zu finden. Dem Wunsche meiner Frau, tunlichst weit weg von dem unheimlichen Palaste zu sein, gab ich nach, und wir suchten mehr an der Peripherie der Stadt. In einer der hübschen Gartenvillen unterzukommen, daran war nicht zu denken. So irrten wir nun schon zum dritten Male die Lange Gasse hinauf und hinunter. Da zog ein mittelgrosses, zweistöckiges Erkerhaus meine Aufmerksamkeit auf sich. Wie aus Kindertagen bekannt kam es mir auf einmal vor. „Hier ist’s ja, was wir suchen“, rief ich darauf hindeutend. „Im zweiten Stock kommen wir unter!“ Meine Gefährtin war recht verwundert über meine Sicherheit. „Woher willst du denn das so bestimmt wissen?“ fragte sie mich, ein wenig spöttisch lächelnd. Dafür hatte ich allerdings keinen Grund, es erschien mir einfach selbstverständlich. Und gottlob! Ich hatte recht, es war wirklich eine Wohnung mit drei Zimmern und Küche zu haben. Ein Friseur — zugleich Hausverwalter — der unten seinen Laden hatte, führte uns hinauf. Die Räume sahen behaglich und einladend aus, die Einrichtung war hübsch, der Preis mässig. Wir zogen schon nachmittags ein.

Das Haus gehörte einem gewissen Dr. med. Lampenbogen.

II.

So waren wir nun richtige Traumstädter geworden. Ich musste meinen früher ausgesprochenen Verdacht, hier sei alles wie daheim, jeden Tag unzählige Male zurücknehmen, wenigstens in den ersten Monaten. Später vergass ich meine Heimat gänzlich. Man gewöhnte sich im Traumland derart an das Unwahrscheinlichste, dass einem nichts mehr auffiel.

Spaziergänger in altmodischer Kleidung
Spaziergänger in altmodischer Kleidung

Obwohl ich es wirklich nicht vorhatte, kam ich doch bald zu einem Beruf. Ich wurde einfach überrumpelt. — Es kam nämlich schon am dritten Tage ein äusserst flinker, kleiner Herr zu mir:

„Ich bin der Verleger und Redakteur des Traumspiegels, des bestbekannten illustrierten Blattes, eigene Druckerei!“ sprudelte er hervor. „Es ist gut, dass Sie da sind, auf einen Mann wie Sie warten wir schon lange. Castringius, unsere erste Kraft, hat sich leider etwas ausgegeben, und jetzt decken wir unsern Bedarf an Bildern, indem wir alle alten Holzstichplatten in Perle zusammenkaufen und abdrucken. Ach, sehen Sie, unsere letzte Nummer.“ Er zog ein Blatt hervor: „Kochem an der Mosel, Minister Graf Beust im Kreise der Seinigen, Indianer im Kriegsschmuck, — ist das schön? ist das traumhaft? ist das interessant?“ rief er aufgebracht, und fuchtelte mit der Zeitschrift herum. „Nein, mein Lieber!“ Einen Moment dachte er nach und wischte sich den Schweiss von der Stirn. Plötzlich brachte er einen säuberlich geschriebenen Kontrakt hervor. Ich brauchte nur zu unterzeichnen: Vierhundert Gulden im Monat, das ganze Jahr hindurch, ob ich viel oder gar nichts lieferte. Das war denn doch zu komisch, eine derartige Abmachung war mir noch nie zu Gesicht gekommen. Natürlich kratzte ich sofort meinen Namen hin; man entschloss sich im Traumreich sehr leicht zu so etwas, niemand überlegte lange. Unsicher waren alle Geschäfte. Ich hatte aber jetzt meine feste Anstellung, war Zeichner bei einer angesehenen Zeitschrift und stellte mit einem Worte etwas vor. — Und darauf kam es in diesem Land an: Etwas vorzustellen, irgend was, meinetwegen einen Tagedieb oder Strolch.

Mein Redakteur schraubte fidel seinen Stock auseinander. Er war hohl, der Griff ein Gläschen, aus der Röhre schenkte er mir einen guten Schnaps ein: „Zur Bekräftigung!“ wie er vielsagend meinte.

„Und bringen Sie mir möglichst Grelles und Schauriges! ich will nämlich das Blatt heben“, sprach er zukunftsfroh. Dann nahm er tiefbefriedigt den Kontrakt, empfahl sich, und tänzelte in seinem schwarz-weiss karierten Anzug hinaus.

III.

Wer ins Traumreich eintrat, der merkte im ersten Augenblick das ewig schwindelhafte Gebaren gar nicht so sehr. Flüchtig betrachtet, wurde hier gehandelt und gekauft wie es überall Brauch ist. Das war jedoch nur Schein, lächerlicher Schein. Die ganze Geldwirtschaft war „symbolisch.“ Wieviel einer besass, wusste er nie. Es wurde Geld gebracht, wieder geholt, man gab aus und nahm ein, Taschenspieler waren sie alle ein wenig, und auch ich lernte bald manchen schönen Kniff. Auf’s Mundwerk kam das meiste an. Dem Gegner etwas vorzutäuschen, das war der Witz. Anfangs erschrak ich, wie sehr die Traumleute der Suggestion unterlagen, aber wohl oder übel musste ich mich auch hierin finden und lebte mich immer stärker in eigene und fremde Einbildungen hinein. Der Wechsel von Glück und Unglück, Armut und Reichtum war ein viel rascherer wie in der übrigen Welt. Fortwährend überstürzten sich die Geschehnisse. Aber ging auch alles noch so sehr drunter und drüber, man fühlte eine starke Hand. Hinter den scheinbar unbegreiflichsten Zuständen witterte man ihre verborgene Kraft. Sie war die geheimnisvolle Ursache, dass sich dabei alles halten konnte und nicht ins Bodenlose stürzte. Es war das grosse Schicksal, das über uns allen wachte. Eine ungeheuerliche, bis ins Verborgene dringende Gerechtigkeit, glich es alle Ereignisse immer wieder aus. War ein Mensch verzweifelt, sah er vor Not keinen Ausweg mehr, so sandte er sein innerstes Gebet an diese Adresse. Jene schrankenlose Macht, voll furchtbarer Neugier, ein Auge, das in jede Ritze drang, war überall gegenwärtig; nichts entging ihm. Im Glauben daran war der Traummensch ernst, alles übrige war vergänglich.

IV.

Durch ein paar Beispiele will ich jetzt unser geschäftliches Gebaren erläutern. An einem der ersten Tage, da wir in Perle waren, wollte ich einen Stadtplan kaufen. Ich betrat eine der grossen Trödlereien in unserer Strasse, ich glaube die nebenan von Max Blumenstich.

„Ein Stadtplan? Die neuen sind noch nicht eingetroffen, eine ältere Ausgabe tut’s wohl auch?“ Es wurde gesucht und gekramt, zwischen Hirschgeweihen, Kronleuchtern und alten Schatullen war absolut nichts zu finden. Endlich brachte der Kommis ein scheussliches Tintenfass aus Gussbronze.

„Nehmen Sie dies, das können Sie sicher brauchen! Das müssen Sie haben, eine Notwendigkeit! Nur 72 Gulden.“ Mit schmelzender Stimme bot er seine ganze Überredungskunst auf. Ich gab ihm einen Gulden und erhielt noch eine Nagelschere als Zugabe. Neulinge wollten aus diesen Zuständen ein gutes Geschäft machen, mussten aber recht bald einsehen, dass sie dabei ohne den Wirt rechneten. Der, das Traumschicksal, war erbarmungslos; der zusammengeraffte Reichtum zerrann im Handumdrehen. Die Überschlauen mussten nämlich für die unumgänglichsten Lebensmittel Wahnsinnpreise zahlen oder es regnete Postaufträge. Wurden sie zurückgewiesen, dann ereigneten sich weit ärgere Unannehmlichkeiten, z. B. Krankheiten; die Ärzte waren unerschwinglich. Gläubiger traten auf, die einem nie etwas geliehen hatten und forderten ihr Geld. Aber da half keine Versicherung, sie brachten die Zeugen gleich mit. So glich sich alles immer wieder aus, und man hatte keinen Nutzen und keinen Schaden davon. Der unsichtbare Rechner liess nicht mit sich handeln. Sobald ich diesen merkwürdigen Modus erfasst hatte, ging alles gut.

Schon nach 14 Tagen kam einmal ein Diener in Livree zu uns. Sein Herr — er nannte irgendeinen grossartigen Namen — warte schon ungeduldigst auf die fünf erworbenen Zeichnungen. Er hatte den Auftrag, sie abzuholen. Was blieb da übrig? Ich packte fünf meiner besten Blätter ein und schrieb obendrein noch einen höflichen Entschuldigungsbrief. Wohin diese Sachen wanderten, davon hatte ich keine Ahnung. — —

Täglich besuchte ich das schräg gegenüberliegende Kaffeehaus. Einmal, als ich heimkam, zeigte mir meine Frau einen Riesenkorb, gefüllt mit prachtvollem Gemüse, Spargel, Blumenkohl, feinem Obst, sogar zwei Rebhühner waren dabei.

„Das ist alles vom Grünmarkt, rate, was es kostete?“ fragte sie frohlockend.

„Nun?“

„Zwanzig Kreuzer das Ganze.“

Jetzt rückte ich auch heraus und gestand, dass ich im Café für eine Schachtel Wachsstreichhölzer fünf Gulden bezahlen musste.

Bald hatte man Hunderte in der Tasche, dann wieder nichts. Schliesslich ging es auch ohne Geld ganz gut. Nur musste jeder einfach so tun, als gäbe er etwas her. Gelegentlich konnte man es sogar riskieren, sich auf nichts etwas herausgeben lassen. Es kam doch immer aufs gleiche.

Hier waren Einbildungen einfach Realitäten. Das wunderbare dabei war nur, wie solche Vorstellungen in mehreren Köpfen zugleich auftraten. Die Leute redeten sich in ihre Suggestionen gewaltsam hinein.

Ich will einen typischen Fall anführen. Ein wohlsituierter Familienvater wacht eines Morgens auf in der Überzeugung, gänzlich verarmt zu sein. Seine Frau weint, seine Bekannten bedauern ihn. Schon schreitet der Gerichtsvollzieher zur Pfändung, es kommt zu einer Versteigerung des Eigentums, ein neuer Besitzer zieht vielleicht schon am selben Tag ein, Dienstmänner tragen den notwendigen Hausrat des alten in ein armseliges, karges Häuschen. In einem Monat hat sich alles getröstet, denn es gab auch wieder glückliche Zufälle.

Die vornehmen Leute trieben natürlich grossen Luxus. Ihr Missgeschick lag auf anderer Seite und trat ebenso offen zutage. Daher schwoll der Klassenneid nicht besonders an. Man oblag seiner Beschäftigung und hatte seine Lust und seinen Ärger. Ging es halbwegs, so konnte man zufrieden sein; allenthalben liebten die Traummenschen ihr Land und ihre Stadt. Ich arbeitete ruhig als Zeichner des Traumspiegels und machte vorläufig vergebliche Versuche, eine Visite bei Freund Patera abzustatten.

Da kam leider alles mögliche dazwischen. Das eine Mal hiess es, der Meister sei derartig mit Geschäften überlastet, dass niemand vorgelassen werden dürfe. Ein anderes Mal war er verreist; gerade als hätte ein verteufelter Kobold die Hand im Spiel. Da hörte ich, im Archiv würden Audienzkarten abgegeben. Ich ging hin. Schuldbewusst wie ein Störenfried durchschritt ich das wappengeschmückte Tor. Der Portier schlief. Ich suchte mich auf eigene Faust zurecht zu finden und trat in ein geräumiges Vorzimmer. Ungefähr zehn bis zwölf Amtsdiener waren hier anwesend.

Ich wurde wohl eine Viertelstunde lang überhaupt nicht bemerkt, als wäre ich unsichtbar. Endlich frug mich einer mürrisch, was ich wollte, wartete jedoch die Antwort nicht ab, sondern setzte das unterbrochene Gespräch mit einem Nachbar fort. Ein etwas gnädiger Gelaunter beugte sich zu mir und forschte nach meinem Vorhaben. Er legte sein gelbes, zerknittertes Gesicht in strenge Falten, tat ein paar Züge aus seiner langen Pfeife, deutete mit derselben nach dem Nebenraum und sagte:

„Da drinnen!“

An der Türe stand: Nicht anklopfen! und „da drinnen“ schlief ein Mensch. Ja, ohne Spass, dreimal räusperte ich mich, bis einiges Leben in die völlig erstarrte Pose tiefsten Nachdenkens kam. Dann streifte mich ein majestätischer Verachtungsblick und eine Stimme knarrte:

„Was wollen Sie? Haben Sie eine Vorladung? Welche Papiere tragen Sie bei sich?“

So kurz angebunden wie draussen war man hier nicht, im Gegenteil, die Auskünfte schäumten:

„Um eine Audienzkarte zu erhalten, brauchen Sie ausser Ihrem Geburts-, Tauf- und Trauschein das Schulaustrittszeugnis Ihres Vaters, die Impfbestätigung Ihrer Mutter. Im Korridor links, Amtszimmer Nr. 16 machen Sie Ihre Angaben über Vermögen, Bildungsgang und Besitz von Orden. Ein Leumundszeugnis Ihres Schwiegervaters ist erwünscht, aber nicht unbedingt erforderlich.“

Darauf nickte er herablassend, beugte sich wieder tief über den Tisch und schrieb, wie ich sehen konnte, mit trockener Feder. Ich blieb ganz verdutzt stehen. Ein Glück, dass ich nicht auch alle quittierten Rechnungen vorlegen sollte. Betreten stotterte ich:

„Es wird mir vielleicht unmöglich sein, all das Verlangte herbeizuschaffen. Ich besitze nur einen Reisepass. Ich kam als Gast Pateras hieher, mein Name ist so und so.“

Als ich dies vorgebracht, erlebte ich einen wahren Schrecken. Der Gestrenge sprang unvermutet auf:

„Bitte sehr, Sie sind längst angemeldet! Ich werde Sie sofort zu Seiner Exzellenz führen!“

Er war nun die Höflichkeit selbst. Sollte man glauben, zwei Herzen in einer Brust? Das verstand ich nicht!

Es begann eine endlose Wanderung durch öde Gänge, Kanzleien, wo man bei unserem Kommen wie ertappt auffuhr; kahle Säle und Kabinette, bis an die Decke mit Akten und Mappen gefüllt. Endlich gelangten wir in einen grossen Warteraum, wo die verschiedenartigsten Menschen herumsassen. Mein Führer und ich wurden sogleich in eine Art Allerheiligstes eingelassen. Exzellenz sassen ganz allein da und warteten. Der arme Beamte wurde trotz seinen schönen Bücklingen recht unsanft angefahren und verschwand.

Se. Exzellenz waren ein sehr vornehmer Mann. Das ersah man schon aus seiner ganzen Umgebung. Aber nicht nur daraus ersah man das, auch an ihm selbst waren Auffälligkeiten. Er hatte beispielsweise viel Gold an seinen Kleidern aufgenäht und eine grosse Reihe aller möglichen Ordensbänder angesteckt. Ein breites rotes ging extra noch quer über seine Brust. Ob sich an seinem Körper weitere Hoheitszeichen befanden, kann ich nicht bestimmt sagen. Vermutlich ja. Ich habe das nie geschaut.

Wir waren allein. Im Gegensatz zu den andern im Archivgebäude war er sehr freundlich. Mich entzückte diese grosse Huld. Nachdem er mich angehört hatte, sprach er zuvorkommend: „Aber das ist doch selbstverständlich, Verehrtester! Die Karte wird Ihnen sogleich zugeschickt werden.“ Dann erhob er sich und sprach automatisch wie zu einer Zuhörerschaft:

„Meine Herren! Meine Herren! Im Interesse der öffentlichen Wohlfahrt und unseres Ansehens erkennt die Regierung ihre volle Verantwortlichkeit an. Ich stehe nicht an Ihre sämtlichen Gesuche vor der höchsten Adresse zu vertreten. In Fragen der Armenfürsorge finden Sie bei mir stets ein geneigtes Ohr. Unser nächstes Ziel soll eine Vervollkommnung des Theaterwesens sein. Ich hoffe dabei auf Ihre tatkräftige Unterstützung. Die Erfahrungen, welche wir mit der Freigabe gewisser Institutionen im französischen Viertel gemacht haben, bürgen uns .... meine Herren .... ich bin überzeugt, Ihnen aus der Seele zu sprechen, wenn .... wenn .... wenn ....“ Der Redner verlor seine Gewandtheit, er blickte mich gänzlich verwundert und gläsern an. Ich half ihm aus der Verlegenheit, indem ich mich unter Verbeugungen und Danksagungen empfahl. Im Herzen nahm ich keinen grossen Respekt vor dem Archiv mit nach Hause. Ich habe seinen Frieden nicht wieder gestört.

Das was ich da erlebte, passierte allerdings nur Neulingen. Solange man diesen Weg einschlug, wurde nie etwas Positives erreicht. Die dringendsten Anliegen wurden wegen nebensächlichster Formfehler zurückgesandt. Mit unentrinnbarer Sicherheit war von dieser Seite auf eine Durchkreuzung der Pläne zu rechnen. So erhielt ich auch die Audienzkarte zwar richtig, tags darauf aber die Mitteilung ihrer Ungültigkeit.

Das war im Traumstaat die reinste Komödienobrigkeit. Hätte man sie fortgenommen, es wäre alles genau so gut und so schlecht gegangen. Diese enormen Aktenstücke — aus aller Herren Länder zusammengekauft — hatten mit dem Traumreich gar nichts zu tun. Um es herauszusagen, wie es sich verhielt: die mit Papierstaub geschwängerte Atmosphäre brauchte man zur Züchtung einer besonderen Spielart des homo sapiens, die zur Buntheit des Ganzen beitrug.

Die wahre Regierung lag wo anders. Den Besuch gab ich nach diesen Erfahrungen vorläufig auf, um so mehr, als andere Dinge meine Aufmerksamkeit fesselten.

V.

So deutlich, als hätte ich es erst vor einigen Wochen gesehen, steht mir unser Wohnhaus heute noch vor Augen.

Zu ebener Erde befand sich die Stube des Friseurs, darin er selbst, ein sehr belesener, blonder Mann, Junggeselle mit einem goldenen Zwicker. Seine Leidenschaft war die Philosophie. Dabei liess er seine Gedanken ordentlich austoben. Wild wucherten die Kenntnisse und er geizte keineswegs damit. „Ich könnte Ihnen manches erzählen!“ meinte er mit scharfen Blicken.

Weiss Gott, was er in mir vermutete, aber ich genoss von Anfang an sein Vertrauen. „Kant, das ist der grosse Fehler. Ha, Ha! So einfach segelt man um das Ding an sich nicht herum! Vor allem ist die Welt ein ethisches Problem, das werde ich mir nie ausreden lassen. Sehen Sie, der Raum wirbt um die Zeit; der Vereinigungspunkt, die Gegenwart, ist der Tod; oder, was sich genau so gut dafür setzen lässt; die Gottheit, wenn Sie wünschen. Mitten hineingestellt, das grosse Wunder der Fleischwerdung: das Objekt. Dieses wiederum nichts anderes als die Aussenseite des Subjekts. Das sind Fundamentalsätze, verehrter Herr; hier haben Sie meine ganze Theorie.“

„Ja, Sie sind eben ein Denker“, lauteten dann gewöhnlich meine anerkennenden Worte.

Er lebte tagaus, tagein in so hohen Regionen, und der Friseurladen wäre arg zurückgegangen, hätte es keinen Giovanni Battista gegeben. Das war zwar nur ein Affe, aber was für einer! Ein ganz ungemein begabtes und strebsames Tier. Neben diesem Gehilfen konnte man ruhig an das ethische Problem gehen. Giovanni hatte von der Pike auf in diesem Geschäfte gedient. Durch eigenmächtiges Schaumschlagen verriet sich eines Tages sein Talent und unser Friseur fand auch in ihm das Subjekt, und nützte seine geschickte Hand aus. Sein ruhiger, rascher und sicherer Strich beim Rasieren war in der ganzen Gegend berühmt. Mittwochs und Samstags besuchte er sogar die Privatkundschaft. Gar oft sahen wir ihn ernsthaft und geschäftig mit seiner Tasche die Lange Gasse einherschlurren. Ehrlicher und verlässiger als ein Mensch, war er die wahre Seele dieser Verschönerungsanstalt. Nur eines schmerzte seinen Herrn: Für Philosophie hatte er wenig Sinn.

„Sie sind Stoiker!“ rief der Friseur ihm nach langen Vorträgen zu. Er hoffte immer noch heimlich, ihn höheren Zielen zuzuführen.

— — — Ich muss es aussprechen, so oft ich an mein erstes Jahr im Traumreich zurückdenke, überkommt mich grosse Wehmut. Es war damals noch das meiste gut, ja zum Teil verdanke ich meine besten Tage jenen Zeiten. Durch all die neuen Dinge angeregt, ging mir die Arbeit leicht von der Hand. Nachmittags so um fünf traf man sich mit Bekannten im Kaffeehaus. Dort war vom Fenster aus der ganze Verkehr zu beobachten. Gross war er ja nicht, in Perle blieben die Leute am liebsten bei sich in der Wohnung. In der inneren Stadt war es sogar auffallend öde und menschenleer. Aber trotz diesem trägen Strassenleben war gerade das, was man sah, wegen seiner Vertrautheit einem zur lieben Gewohnheit geworden. Nach und nach drang ich immer tiefer in alles ein. Ich fand Anhaltspunkte, feste Angeln in diesem Wirrwarr.

Die Häuser spielten da eine bedeutende Rolle. Oft war es mir, als ob die Menschen nur ihretwegen da wären und nicht umgekehrt. Diese Häuser, das waren die starken, wirklichen Individuen. Stumm und doch wieder vielsagend standen sie da. Ein jedes hatte so seine bestimmte Geschichte, man musste nur warten können und sie stückweise den alten Bauten abtrotzen. Diese Häuser wechselten sehr mit ihren Launen. Manche hassten sich, eiferten gegenseitig aufeinander. Es gab garstige Brummbären unter ihnen wie die Molkerei da gegenüber; andere schienen frech und hatten ein loses Maul, gerade mein Café ist dafür ein gutes Beispiel. Weiter hinauf zu, das Haus wo wir wohnten, war eine vergrämte alte Tante. Klatschsüchtig und böswillig schielten die Fenster. Schlimm, sehr schlimm war das grosse Magazin von M. Blumenstich, derb und jovial die Schmiede neben der Molkerei, unbekümmert, leichtsinnig das daran gebaute kleine Häuschen des Flussaufsehers. Aber mein besonderer Liebling war der Eckbau, der am Flusse lag: Es war die Mühle. Die hatte ein lustiges Gesicht: sie war weiss getüncht und trug ein moosiges Schindeldach als Kappe. Gegen die Strasse zu, hoch oben, steckte ein klobiger Balken in der Mauer, wie eine gute Zigarre. Ein wenig verzwickt und schlau war allerdings ihr Ausdruck um die oberen Dachluken herum. Sie gehörte zwei Brüdern. Oder gehörten die zwei ihr, gleich wie eine Mutter zwei Söhne hat?

Truhe und Bronzestatuen -- Antiquitäten aus der Traumstadt
Truhe und Bronzestatuen -- Antiquitäten aus der Traumstadt

Ich könnte hier noch gar vieles erzählen, wüsste ich, dass meine Leser diese komplizierten Verhältnisse auch so auffassen, wie ich es wünsche. So glaubte ich nach einiger Zeit zu bemerken, dass die Häuser einer Strasse etwas wie eine Familie repräsentierten. Zankte man sich untereinander, nach aussen war man einig. Es gingen mir hier in dem verödeten Perle Ideen auf, welche mir an den lauten Orten der Aussenwelt nie so bewusst geworden wären. Noch weit intimer aber drang ich in diese Verhältnisse ein, als sich mein Geruchsinn wunderbar schärfte. Das geschah schon nach einem halben Jahre. Von da an bestimmte meine Nase meine Sympathie und meinen Widerwillen. Stundenlang schlich ich nun in all den alten Winkeln umher, beschnupperte und beroch alles. Hierbei erschloss sich mir ein ganz neues, unabsehbares Gebiet. Jedes dieser gebrauchten Geräte teilte mir ein kleines Geheimnis mit. Meine Frau lächelte oft: es kam ihr komisch vor, wenn ich an irgendeinem Ding, einem Buch oder einer Spieldose, verständnisvoll herumschnüffelte. Ich war auch wirklich fast wie ein Hund; erklären konnte ich das alles nicht so genau, das waren Empfindungssachen so fein, dass die Worte versagen.

Zunächst war es ein ganz bestimmter, unbeschreiblicher Duft, der durch das ganze Traumreich rann und allem anhaftete. Manchmal war er stärker vorhanden, dann wieder spürte man ihn kaum. Wo er sehr konzentriert war, lässt sich dieser eigentümliche Geruch als eine leichte Mischung von Mehl und getrocknetem Stockfisch bezeichnen. Sein Entstehen konnte ich mir nicht erklären. Weit bestimmter waren aber die Eigengerüche einer jeden Sache. Ich analysierte sie scharf, dabei packten mich oft starke Abneigungen. Gegen in meinem Sinne missduftende Menschen konnte ich leicht unfreundlich werden. Aber schliesslich liessen alle diese Geschöpfe und scheinbar leblosen Gegenstände, wenngleich durch eine bizarre Laune zusammengebracht in ihrer Mannigfaltigkeit doch eine unfassbare Einheit durchfühlen.

VI.

Alles, was man im Traumreich zu Gesicht bekam, war matt und stumpf. Wie weit das ging, bemerkte ich eines Tages beim Rasieren. Giovanni bediente mit gewohnter Eleganz, nur der Zustand seines Messers und des Kupferbeckens störten; sie waren blind.

„Was soll das heissen?“ sagte ich zu dem Friseur, welcher mir eben einen schwer verständlichen Exkurs aus Leibniz’ Monadologie vorlas, „der Herr Assistent könnte wohl diese Sachen ein bisschen besser in stand halten.“

„Wie beliebt?“ fragte erschrocken der grosse Philosoph mit der Miene eines Abgestürzten.

„Ich meine, dies Becken hier könnte blitzblank und das Messer poliert sein.“

„Ja, was will man da machen? so ist’s nun einmal. Ich hüte mich vor Neuerungen.“

Um ihn zu fangen, wies ich auf die Spiegel und sagte: „Schauen Sie die an, die sehen gewiss blinkend und geputzt aus.“

Da verliess ihn seine Philosophie, er sass in der Klemme: „Ja, die Spiegel!“ Nachdenklich und zögernd entrangen sich ihm die Worte:

„Spiegel sind doch überhaupt nichts!“

Es war ihm augenscheinlich peinlich, davon zu sprechen.

„Ich wollte Sie nicht beleidigen!“ meinte ich freundlich und verliess sein Lokal.

Gleichviel! Es war schön unter diesen oxydierten alten Sachen zu leben, und ich trage kein Bedenken, nachfolgenden Brief hierher zu setzen. Er ist ganz aus meiner damaligen Stimmung geschrieben. Ausserdem enthält er die Schilderung eines sonderbaren Brauches, welcher zum Kultus, von dem ich nachher reden werde, hinüberleitet. Ich meine den grossen Uhrbann. Dieser Brief lag in dem Notizbuch, das man unter meinen Lumpen fand, als das Traumreich untergegangen war. Auch das weiter unten angegebene Verzeichnis der heiligen Sachen fand ich in dem Buche, sonst waren die Blätter nur mit unleserlichen Schriftzügen bedeckt; ausgenommen die Innenseite des Umschlags, auf der sich die oberflächliche Skizze eines Stadtplans von Perle, sowie flüchtige Angaben befanden, die ich mir zur eigenen Orientierung in den ersten Tagen gemacht hatte.

Den Brief schrieb ich im dritten Monat meiner Anwesenheit. Es war mein erster Versuch, eine Verbindung mit dem Ausland herzustellen. Nach zwei Jahren erhielt ich das Schreiben als unbestellbar zurück; sein Umschlag ist über und über mit Stempelabdrücken und Vermerken bedeckt. Brief und Notizbuch sind die einzigen Beweisstücke aus dem Traumreich, die ich Besuchern vorlegen kann.

Lieber Fritz!

„Ich bin im Traumreich, Du wirst es unglaublich finden. Doch ich kann Dir nur das eine raten: Packe umgehend nach Erhalt dieses Briefes Deine Siebensachen und komme auch hieher. Perle ist ein wahres Dorado für Sammler, diese Stadt ist geradezu ein Museum, natürlich riesig viel Mist, aber auch die grossartigsten Stücke. Ich habe heute eine geschnitzte gotische Truhe, ein Paar silberne Wandleuchter (XVI. Jahrhundert) und eine jener märchenhaften Renaissancebronzen (Knabe auf Stier von unserm Cellini) nach denen Du immer so fahndest, gesehen. Vorige Woche schwelgten wir in Porzellan; von den niedern Preisen muss ich schweigen, weil ich sonst geradezu für deine Gesundheit fürchten müsste. Und solche Kleinodien findet, wer den Rüssel dazu hat, täglich auf Schritt und Tritt. Es gibt überhaupt nur Altes, man lebt wie Grossvater im Vormärz und pfeift auf den Fortschritt. Ja, mein Lieber, wir sind konservativ, unsere Handwerker sind Meister im Flicken und Ausbessern. In jedem fünften Haus ein Antiquitätenladen; hier lebt man vom Trödel. Auch architektonische Extravaganzen wirst Du sehen, im Palast sind mindestens zwanzig Stilarten mühelos zusammengekleistert. Und sonst noch die spasshaften Entdeckungen! Wer’s nicht sieht, glaubt’s nicht! Damit Du meine gute Laune begreifst, will ich dir den letzten Scherz, den ich beobachtete, erzählen. Es ist der „grosse Uhrbann“ so ist hier sein Name. Also höre einmal: Auf unserm Hauptplatze steht stämmig und massiv ein grauer Turm, so eine Art untersetzter Campanile. Er ist das Wohnhaus einer alten Uhr, deren Zifferblatt das obere Drittel einnimmt. Von dieser bei Nacht transparenten Scheibe, lesen wir unsere Normalzeit ab, und alle übrigen Uhren in Stadt und Land werden nach ihr reguliert. Das wäre nun nichts Besonderes, wenn nicht dieser Turm eine ganz seltsame Eigenschaft noch nebenbei hätte. Er übt nämlich auf sämtliche Bewohner eine mysteriöse, unglaubliche Anziehungskraft aus. Zu bestimmten Stunden wird dieses alte Gemäuer schwarmweise von Männern und Frauen umringt. Der Fremde bleibt verwundert stehen und betrachtet das merkwürdige Gebaren dieser Versammlung. Die Leute stampfen nervös den Boden und blicken immer wieder auf die langen rostigen Zeiger da oben. Fragt man sie, was da vorgehe, so erhält man zerstreute, ausweichende Antworten. Wer noch näher zusieht, bemerkt zwei kleine Eingänge am Fusse des Turmes. Dahinein drängt alles. Ist die Menge gross, so bildet man Reihen, die Frauen wachen ängstlich, die Männer wütend darüber, dass auch alles hübsch geregelt zugehe. Je weiter die Zeiger vorrücken, desto stärker wird die Spannung. Einer nach dem andern verschwindet; jeder will ein bis zwei Minuten da drin bleiben. Die Heraustretenden haben dann sämtlich tiefbefriedigte, fast glückliche Mienen. Kein Wunder, wenn man da neugierig wird. Und ich frug auch gelegentlich einen meiner neuen Bekannten vom Café, wie sich das mit der Uhr verhalte, kam aber recht schlecht an. Es sei geradezu unanständig von so etwas zu sprechen, überdies zeuge es von Dummheit. „Damit Sie es aber ein für allemal wissen: Es ist der grosse Uhrbann! schreiben Sie sich’s auf!“ Diese Entrüstung spannte mich nur um so mehr. Meine anfängliche Erklärung, es hier mit einer Sehenswürdigkeit, vielleicht einer Camera obscura oder einem Panoptikum zu tun zu haben, fiel zusammen. Kurz entschlossen riskierte ich’s auch einmal, wurde jedoch grob enttäuscht. Weisst Du, was da drinnen war? Auch Deine Erwartungen werden sinken. Man kommt in eine kleine, winklige, leere Zelle, zum Teil mit rätselhaften Zeichnungen, wohl Symbolen, bedeckt. Hinter der Mauer hört man das gewaltige Pendel mächtig hin- und herschwingen. So! tick ...... tack ...... tick ...... tack. Über die Steinwand strömt Wasser, ununterbrochen strömt es. Ich tat, wie der Mann, der nach mir eintrat, blickte die Wand starr an und sagte laut und deutlich: „Hier stehe ich vor Dir!“ Dann geht man wieder hinaus. Mein Gesicht muss ziemlich verdutzt ausgesehen haben. Die Frauen haben ihre eigene Seite mit eigenem Eingang, was wie in der ganzen Welt durch kleine Aufschriften kenntlich gemacht ist. Aber das Merkwürdigste: Seit dem Tage, an dem ich mir diese Erfahrungen verschaffte, fühlte ich, wie auch mich der Zwang überkam. Zuerst gab’s mir nur so einen kleinen Ruck, wenn ich am Turme vorbeiging, die nächsten Tage wuchs meine Unruhe immer mehr, es riss mich geradezu hin. Ich gab also dem Blödsinn nach, kämpfen half da nichts. Und jetzt ist’s gut. Nach dem Hauptmuster sind in der ganzen Stadt kleinere Türme verteilt. Auf dem Lande soll jeder Bauernhof sein Uhrwinkel haben. Ich suche Tag für Tag zur bestimmten Stunde das meinige auf. Ja, lache mich nur aus. „Herr, hier stehe ich vor Dir!“

Die Bewohner versammeln sich um den Uhrturm
Die Bewohner versammeln sich um den Uhrturm

Mit der Malerei ist nicht viel los. Man schätzt Kunstwerke hauptsächlich als Gebrauchsgegenstände. Ein paar alte Maler leben wohl auch verstreut. Was ich sah war dunkle, dünn gemalte Leinwand, ein versprengter Johannistrieb Alt-Hollands. Wirklich gute Sachen, Ruysdael, Breughel, Altdorfer und Primitive trifft man dann und wann in reichen Häusern. Bankier Alfred Blumenstich, unser Krösus, Direktor der traumländischen Bank, besitzt eine wertvolle Galerie, sogar einen Rembrandt und einen echten Grünewald, von dessen Existenz bei Euch kein Mensch eine Ahnung hat. „Die sieben Todsünden essen das Lamm Gottes“, heisst dieses Gemälde. — Hier gibt es keine lustigen Farben, rein zeichnerisch ist mehr zu holen. Ich habe eine ganz nette Stelle beim illustrierten Traumspiegel: 400 fl. und bequeme Bedingungen. Meinen einzigen Kollegen, den Zeichner Nikolaus Castringius, habe ich noch nicht kennen gelernt. Wenn Du kommst, könnte ich Dich wohl bei dem Blatt unterbringen.

Nun sei mir nicht böse, dass ich schliesse. Ich hoffe auf Wiedersehen!

Dein alter Freund, Träumling und Zeichner.

N. B. Du kannst bei uns in einem romantischen Haus am Rande der Stadt wohnen, ganz ungestört, wie auf dem Lande.“

Damals war ich noch in vergnügter Stimmung, wie aus dem Briefe hervorgeht. Die Schattenseiten, welche sich bereits zu der Zeit bemerkbar machten, werde ich am Ende dieses Kapitels schildern, soweit sie mir schon zum Bewusstsein kamen. Vorläufig will ich einiges über den Kultus — oder was ich dafür hielt — bemerken.

VII.

Das war ein ebenso interessantes wie verwickeltes Gebiet. Bis auf den Grund sah ich nie, auch später nicht. Ich ahnte jedoch die Lösung manches Rätsels. Wenn meine Untersuchungen negative Resultate zeigen, so ist das nicht meine Schuld, denn gerade hier durchkreuzte ein feindliches Geschick meine ernsten Bestrebungen, und die erreichte Ausbeute blieb nur zu gering.

Alle grossen Religionen der alten Welt hatten im Traumland mehr oder weniger Vertreter. Das war aber bloss äusserlich, ein aufgepappter Flitter. Die Gebildeten gaben dies auch ohne weiteres zu. Sie waren kluge Freigeister und konnten sich nicht so leicht einem hieratisch starren Schema unterwerfen. Zudem waren viele helle Köpfe unter ihnen. Aber trotzdem, es war etwas da: der fatalistische Glaube an das spitzfindig gerechte Schicksal, und dann allerhand unverständliche und dunkle Anschauungen. Über diese durfte hier nicht gelächelt werden. Das bekam auch mir einmal schlecht.

Noch im ersten Vierteljahre lernte ich im Café einen sympathischen jungen Herrn kennen, einen Baron Hektor von Brendel, durchaus vornehme und saubere Atmosphäre, Lebemann, ein wenig neurasthenisch und müd, aber nicht im mindesten dumm. Seine leichte, stets im Zaum gehaltene Melancholie war es, die ihn mir von Anfang anziehend machte. Später sahen wir uns täglich.

„Sie sind doch schon drei Jahre hier, Brendel,“ sagte ich einmal am Stammtisch zu ihm, als wir gerade allein waren, „ich lasse es mir nicht nehmen, hier im Traumstaat besteht irgend so ein geheimes Glaubensband, eine Art Freimaurerorden. Wissen Sie etwas Näheres? Können Sie mich vielleicht ein wenig einweihen? Riten? Gebräuche?“

Er sah mich von der Seite an, hüstelte und frug trocken: „Was ist Ihnen denn aufgefallen?“

„Ach, nichts Bestimmtes, die Schicksalsideen sind ziemlich alt. Aber sonst im allgemeinen, dieses zähe Festhalten an der gleichen altmodischen Lebensordnung, dieser Mangel an fortschrittlicher Gesinnung, dann sonst noch einiges!“ — Ich erzählte ihm meine Affäre mit dem Friseur und seinem Kupferbecken. Er hörte mich ernst an, drehte sich langsam eine Zigarette und bemerkte mit traurigem Lächeln:

„Um ganz offen zu sein, ja, mein Lieber, es ist wohl was da. Aber viel mehr als Sie weiss ich beim besten Willen auch nicht.“

„Also doch!“ Ich war enttäuscht. „Wissen Sie denn gar nichts darüber? Dass ich schweigen kann, wenn es sein muss, ist selbstverständlich.“

Brendel dachte einige Augenblicke nach, dann sprach er halblaut:

„Gewissen Dingen bringt man hier Ehrfurcht entgegen, ich weiss aber nicht, ob Sie viel davon haben, wenn ich Ihnen die paar Heiligtümer nenne.“

„O bitte, tun Sie mir den Gefallen!“ bat ich ihn, glühend vor Wissbegierde.

„Nun, das Ei, die Nuss, Brot, Käse, Honig, Milch, Wein und Essig sind besonders geweiht.“

„Aha!“ rief ich frohlockend, „ein hygienischer Kult auf der Magenbasis. Vortrefflich!“ Eines leichten Spottes konnte ich mich nicht enthalten. „Warum denn nicht gleich Tee, Kaffee und Zucker?“

Da wandte mir Brendel den Rücken und zahlte. Ein Windstoss riss die Tür zum Café auf, die warme feuchte Erdluft drang herein, stark gemischt mit dem aufregenden Traumgeruch. Brendel ging mit kurzem Gruss, ich sah ihm durch die hohen, angelaufenen Scheiben nach. — Draussen war es dunkel.

Nein, so hätte ich es nicht machen sollen, da hatte ich mir etwas verscherzt. Ein anderes Mal würde ich vorsichtiger sein.

Speise und Trank allein konnten diese Religion übrigens nicht erschöpfen. Bald darauf erfuhr ich, dass Haare, Horn, Tannenzapfen, Pilze, Heu ebenfalls heilig seien. Sogar Pferde- und Kuhmist hatten höhere Bedeutung. Von den inneren Organen galten Leber und Herz, unter den Tieren die Fische für besonders wichtig. Gegerbte Häute nahmen auch einen mysteriösen Rang ein. Hingegen waren Stahl und Eisen und einzelne Metall-Legierungen sozusagen Antipoden jener Schätzungen. Hier traf das Gegenteil zu: sie schienen Gefahren zu symbolisieren. All diese Einzelheiten habe ich von Bauern und Jägern in Erfahrung gebracht; um sie zu erlangen, sind weite Spaziergänge ins freie Land nötig gewesen. Ich notierte mir alles, was ich diesen wortkargen Menschen im Laufe der Zeit abgerungen habe, eine komplette Liste will ich aber, um unnütze Längen zu vermeiden, nicht hierher setzen. Nur eines dürfte vielleicht noch interessieren: Es gab einsame Orte in Wäldern und an Sümpfen, wohin sich in der Dämmerung kein Wanderer wagte. Sie waren als unheimlich verschrien, und jeder Träumer war froh, der dort nichts zu suchen hatte.

Ein unheimlicher Ort an einem Sumpf
Ein unheimlicher Ort an einem Sumpf

Vielleicht hätte ich mehr Klarheit erworben und würde nicht so im Dunkel tappen, wenn ich nur ein einziges Mal den Tempel am See mit eigenen Augen erblickt hätte. Dieses Heiligtum muss nach allem was ich gehört habe ein märchenhaftes Wunder gewesen sein. Eine gute Tagereise von Perle entfernt, war er am Traumsee gelegen. Künstliche Wasserterrassen und ein stiller Park umgaben ihn. In diesem Tempel sollen die grössten Kostbarkeiten des Traumstaates aufbewahrt worden sein. Er war aus edelstem Material so kunstvoll erbaut, dass der Beschauer den Eindruck einer schwebenden Architektur erhielt. Die grösste Halle war in Braun, Grau und Grün, den Farben Pateras gehalten. In unterirdischen, geheimnisvollen Gelassen waren die symbolischen Statuen aufgestellt. Leider war er nur einmal im Jahre dem Besuche zugänglich und selbst dann waren gute Protektionen nötig. Anfangs hatte ich die Hoffnung, meine persönlichen Beziehungen zu Patera würden mir Einlass verschaffen. Doch mein Besuch bei ihm verzögerte sich immer mehr, und später kamen dann: die Ereignisse.

Der märchenhafte Tempel am Traumsee
Der märchenhafte Tempel am Traumsee

So unermüdlich ich auch der wahren Traumreligion nachforschte, so wenig habe ich gerade hier erreicht. Es war ein Verhängnis, wie oft ich Anstoss erregte!

Einmal war ich bei Bankier Blumenstich geladen. Da waren eine Menge Leute, und es herrschte eine sehr heitere Stimmung. Der Hausherr war dekoriert worden für die Badeanstalt, welche er ins Leben gerufen hatte. Diese Auszeichnung wurde nach Gebühr gefeiert.

Das Diner war vorüber. — Alles rauchte und man sass gemütlich bei Kaffee und Likör zusammen. „Hier sind die gescheitesten Leute von ganz Perle versammelt, wenn ich heute nichts erfahre, erfahre ich nie etwas“, dachte ich, und voll Mut platzte ich plötzlich heraus. Ich erzählte von meinem Ärger und den fruchtlosen Bemühungen, den wahren Kultus der Traumleute kennen zu lernen. Sehr schön klangen meine Worte, sehr glatt; wie getrieben von innen flossen sie von meiner Zunge. Endlich glaubte ich, alle von meinem brennenden Wissensdurst überzeugt zu haben, und bat die Anwesenden, mich ein wenig aufzuklären. Dann verstummte ich. Ich hätte auch nicht mehr weiter gekonnt, denn die Kehle war mir ausgetrocknet. Alles war sprachlos, verwirrt, beklommen. Zwei alte würdige Herren mit geistvollen Köpfen, in eleganter Biedermeierkleidung, verzogen sich bereits ins Nebenzimmer. Auf sie hatte ich meine Haupthoffnung gesetzt. Endlich sprach der Hausherr und kratzte sich dabei die schwarzen Koteletten:

„Junger Mann, waren Sie schon einmal in der Vorstadt drüben? Sehen Sie sich immerhin das alte Nest an.“ Seine Stimme klang scharf, und etwas abweisend.

Man war wie von einem dumpfen Druck erlöst. Wenigstens einer hatte gesprochen! Die Unterhaltung erstreckte sich jetzt über die gleichgültigsten Themen. Mich beachtete kein Mensch mehr. Nur mein Redakteur, der auch anwesend war, meinte besänftigend:

„Ja, ja, diese Zeichner!“

Damit war mir aber auch nicht gedient. In Gedanken versunken ging ich bald heim. „Niemals werde ich dahinter kommen!“ rief ich in die Nacht.

Beim Uhrturm riss es mich. Sollte vielleicht der Uhrbann damit zusammenhängen? Über den durfte auch nicht gesprochen werden. Das war doch auch unanständig! Woher käme wohl sonst die Verlegenheit? Ich war scheint’s wieder einmal ein „enfant terrible“ gewesen! Aber was soll’s mit der Vorstadt, diesem alten Dörfchen über der Brücke, um das sich kein Mensch kümmerte? Faule Ausflüchte! Ich wollte schon noch hinter den Schwindel kommen! Das gelobte ich mir und ballte die Faust.

VIII.

Es ist nun an der Zeit, auch die Schattenseiten unseres Lebens ein bisschen zu zeigen. Sonst könnte am Ende gar einer glauben, hier sei es nur amüsant gewesen. Das kurzweilige Leben brachte auch viel Widerwärtiges mit sich. Um gleich einmal mit dem Hause anzufangen, worin wir wohnten: unter unsern Zimmern hatte sich ein altes Fräulein einquartiert, eine Prinzessin von X. Sie war hässlich wie eine kranke Ratte und dabei zanksüchtig. Dieses Wesen verursachte besonders meiner Frau viel Ärger. Sie war ein Geizhals, verfügte über viel Geld, doch war ihr Leben so verschlossen, dass kein Mensch Näheres darüber wusste. Sicher fand das alte Weib im ewigen Händelsuchen Befriedigung. Wenn ich nach neun Uhr abends im Zimmer noch umherging, klopfte sie regelmässig an die Decke — ein Zeichen, dass sie Ruhe wünsche. — Sah sie uns die Stiege herabkommen, ertönte jedesmal ihr Gekeife. Vor ihrer Wohnungstür stand immer eine Reihe von Töpfen und Schüsseln, für Milch und ähnliche Lieferungen bestimmt. Einmal habe ich ihr in der Dunkelheit einen irdenen Hafen zerschlagen; na, da war’s ganz aus! Erklärte Feindschaft! Sogar beim Friseur wollte sie mich anschwärzen. Dieser hatte trotz seiner Philosophie noch einigen Respekt vor der „Hoheit“. Als sie es aber zu arg trieb, und meine Frau im Stiegenhause insultierte, fuhr ich sie einmal tüchtig an:

„Wie Sie dastehen, sind Sie für mich die Dreckprinzessin!“ — Das alte Ferkel war unfrisiert. — Ein wenig half’s. Die adelstolze Dame verzog sich von jetzt an in ihren Bau, wenn sie mich hörte. Dies geschah einmal so hurtig, dass einer ihrer geflickten Pantoffeln vor mir liegen blieb. Ich stiess ihn von mir fort, und zu meiner Überraschung klimperten Goldstücke die Stiege hinab. „Einbrecher, Mörder!“ kreischte sie und machte das ganze Haus rebellisch.

Solche Sachen kamen oft vor; sie verbitterte uns gehörig das Leben. Noch gründlicher aber besorgte dies: „Der Student.“

Dieser hatte auf demselben Flur wie wir zwei Zimmer inne und war ein Saufaus. Ein ausdrucksloses, aufgedunsenes Gesicht mit einer Schramme auf jeder Wange, so dass es aussah, als hätte er einen dreifachen Mund. Dafür schien sein Verstand nur ein Drittel des Menschenmasses zu erreichen. Unser Nachbar mit ausgesprochener Nachtexistenz irrte sich jedesmal in der Tür, wenn er, bis oben hin voll, sein Lager aufsuchte. Fast jede Nacht fuhren wir erschrocken auf bei seinem Fluchen und Herumhämmern. Unzählige Male stellte ich ihn darob zur Rede. Aber was halfen uns seine Entschuldigungen? Es blieb beim alten. — Nur um des lieben Friedens willen fügten wir uns schliesslich ins Unvermeidliche.

Dann gab es noch anderes. Es war manchen Tag rein wie verhext. Um nur einiges herauszugreifen:

Da läutete früh um fünf Uhr ein Maurer mit einem Kübel Mörtel und Handwerkszeug und behauptete steif und fest, er hätte den Auftrag, in unserer Wohnung die Fenster zuzumauern. Ein andermal brachte man uns am späten Abend ein Ständchen. Eine Zigeunerkapelle konzertierte vor unserer Tür; natürlich lag ein Irrtum vor. Besucher mit den verschiedensten Anliegen kamen, fremde Gegenstände wurden abgeliefert und nicht wieder geholt. Ein Paket mit alten Käserinden lag einmal vierzehn Tage bei uns. Als ich es schliesslich fortgeschmissen hatte, kamen drei Offiziere und forderten barsch ihr Eigentum. Der Hausbettel trieb in Perle die schönsten Blüten. Oft wurde es aber noch viel unangenehmer. Es schleppten z. B. eines Abends in der Dämmerung mehrere schwarzgekleidete Männer einen Sarg zu uns. Er sei wohl hier bestellt? frugen sie höflich. Meine arme Frau hat sich dabei recht aufgeregt.

Nachts vor der Treppe
Nachts vor der Treppe

⇒ GRÖSSERES BILD

Über all diese Missverständnisse und das ewige Türklappen will ich nicht einmal so sehr klagen. Es kamen jedoch unheimliche und schwer glaubliche Dinge vor. Als Hilfe hatten wir eine Zugeherin, ein älteres Weib. Sie litt ewig an Zahnschmerzen und nie habe ich ihren Kopf frei von Tüchern gesehen. Sie kochte sehr gut und schmackhaft, was übrigens bei den frischen, ausgezeichneten Lebensmitteln im Traumreich keine grosse Kunst war. Nach ein paar Wochen hätte ich geschworen, unter den alten Röcken stecke jetzt eine andere Person; es war nicht mehr die frühere Aufwärterin. Ich sagte natürlich zu meiner Frau nichts davon, aber leider fiel ihr selbst manches auf.

„Du,“ fing sie einmal an, „die Anna färbt sich, glaube ich. Seit gestern ist sie blond, sie war doch immer brünett?“

„Schau, schau, die liebe Eitelkeit!“ meinte ich mit gekünstelter Arglosigkeit. Mir war es selbst nicht recht geheuer, schon lange nicht. Einmal aber war es zu auffallend. Tags vorher hatte uns eine rüstige Person in mittleren Jahren bedient, und heute stellte eine geschäftige Alte mit einem Greisengesicht die Schüsseln auf den Tisch. Meine Frau klammerte sich an mich, wir waren beide wie versteinert. „Aber es ist doch dasselbe Kopftuch?“ stotterte ich und blickte in die vor Schreck erweiterten Augen meiner Gattin. Flüsternd tauschten wir unsere Entdeckungen aus, auch sie hatte schon seit einem Monat die grässlichsten Vermutungen. „Nein, und wenn sie für zehn arbeitete, ich will sie nicht! Lieber mache ich alles allein!“

Ich musste die Anna entlassen. Ein paar Tage blieb ich daheim. Ich verabredete mit dem Friseur, dass Giovanni Battista morgens beim Zimmeraufräumen gegen Entgelt helfen sollte. Es ging vorzüglich, meine Frau befreundete sich richtig mit dem gelehrigen Tier; nur an den Zeichentisch durfte er nicht, da hiess es aufpassen, denn er fühlte sich selbst so ein wenig als Künstler, wollte nachhelfen, ausbessern. So weit es anging, namentlich beim Einkaufen, machte ich mich auch nützlich. Aber scharf musste man dabei den Leuten auf die Finger sehen, sonst brachte man was Schönes heim! Wie einmal, da ich auf dem Markt ein paar Hammelskoteletten kaufte, sehr billig kaufte, und sie voll Stolz zu Hause auspackte, waren anstatt des Fleisches kleine Schlageisen im Papier; es hingen noch Mauseschwänzchen darin. „Also untergeschoben, ei du Verdammtes!“ dachte ich.

IX.

Und dann diese Geräusche! Diese Unruhe die ganze Nacht hindurch, das war perfid!

Aus dem französischen Viertel kamen verlotterte Banden mit Dirnen der Freudenhäuser bis in unsere Gegend. Wüstes Gebrüll, Pfeifen, Johlen näherte sich den Fenstern und entfernte sich wieder. Betrunkene, die das Café verliessen, hielten lange Monologe, furchtbar klangen die Lästerworte der Säuferwahnsinnigen. Daran konnte man sich nicht gewöhnen! Die Häuser ragten schief und winklig in die Strassen, die dadurch gebildeten Ecken und Vorsprünge warfen jedes laut gesprochene Wort mehrfach als Echo zurück. Gellende Rufe hallten aus der inneren Stadt; bald schärfer, bald leiser wurden sie aufgenommen und weitergegeben. Man wusste keine Ursache dafür. Dann war es wieder still, bis merklich ein Hüsteln und Kichern anhub. Nachts durch die Gassen Perles zu wandern war eine Qual. Hier taten sich schauerliche Abgründe für geschärfte Sinne auf. Aus den vergitterten Fenstern und Kellerlöchern klagte und stöhnte es in allen Tonarten. Hinter halb geöffneten Türen hörte man ein gepresstes Ächzen, so dass man unwillkürlich an Erdrosselungen und Verbrechen denken musste. Ging ich mit angstvollen Schritten nach Hause, höhnte es hinter mir her in tausend- — nein zehntausendfacher Weise. Die Torwege gähnten den Eiligen an, als wollten sie ihn verschlingen. Unsichtbare Stimmen lockten zum Flussufer, Blumenstichs Magazin lächelte schadenfroh, die Molkerei glich einer verborgenen, heimtückischen Falle, selbst die Mühle war nicht still, geschwätzig plapperte sie die ganze Nacht. Vor Angst gejagt flüchtete ich mich noch manches Mal auf dem Heimweg ins Kaffeehaus. Meine arme Frau fürchtete sich inzwischen allein zu Hause. Da knisterte ein Schrank oder es sprang ein Glas entzwei. Aus allen Ecken des Zimmers glaubte sie furchtbare Worte zu hören; oft fand ich sie beim Nachhausekommen in krankhaften Einbildungen feucht vor Angstschweiss. Diese schlaflosen Nächte wirkten zerstörend auf ihre Nerven, bald sah sie überall lebende Schatten und Gespenster.

Immer wieder war es die undefinierbare Substanz, man roch und fühlte sie schliesslich mit dem ganzen Körper. Bei Tage wollte niemand etwas gesehen haben, die Stadt war wie gewöhnlich tot, leer, träge.

VIERTES KAPITEL IM BANN

I.

Einmal kam ich aus dem Kaffeehaus und kletterte die Stufen zu meiner Wohnung empor. Auf unser verabredetes Zeichen öffnete meine Frau. Sie sah verweint und angegriffen aus. Auf dem Tische lag das Lederetui mit dem Bilde Pateras.

„Warum liegt das hier? Ist etwas passiert?“

„Ich habe ihn gesehen — ja — diesen da!“ sie sprach abgerissen und verwirrt. „Ich begreife noch gar nichts, aber eine Täuschung ist unmöglich, diese Augen kann es nicht zweimal geben.“

„Aber ich bitte dich, erkläre dich genauer.“

Und nun erzählte sie stossweise mit fliegendem Atem:

„Vom Markte kommend wollte ich gerade in die Lange Gasse einbiegen — es dämmerte schon stark, daher beeilte ich mich heimzukommen. — Da hörte ich hastige Schritte hinter mir, es war ein Laternenanzünder — beim Überholen streifte er mich fast. — Zugleich wandte er sich einen Augenblick um und sprach leise: Entschuldigung! Doch wie entsetzlich, denke dir — — dein Freund Patera war es.“ — —

Die letzten Worte schrie sie förmlich, Tränen rannen ihr die Wangen hinab. Schluchzend barg sie ihren Kopf an meiner Schulter. Selbst aufs höchste erschrocken, mühsam mich beherrschend, suchte ich sie zu beruhigen. „Du täuschst dich“, ich sprach so gleichgültig als es mir möglich war, „du täuschst dich bestimmt! Die Dämmerung ... im Zwielicht ist das so leicht möglich. Und dann, wo denkst du hin? Patera, der Eigentümer von allem hier, er wird doch nicht als gewöhnlicher Laternenanzünder herumlaufen?“

Meine Stimme war unsicher, mir war selbst sehr bange.

„O sprich nicht so, du machst es nur noch schlimmer! Sein Gesicht war ganz bewegungslos wie eine Wachsmaske, nur die Augen!..... Es lag ein blinder Glanz darin!..... Ein Schauder verfolgt mich noch, denke ich daran!“ Ihre Hand war heiss und fiebrig, ich drang darauf, dass sie zu Bett ging. Dabei suchte ich sie durch dummen Kaffeehausklatsch zu erheitern. Es war mir aber unmöglich, ihre Gedanken von dem Erlebnis abzulenken. — Auch ich hatte Angst.

Das Leben wurde jetzt immer verteufelter und aufreibender. Trotz der schleichenden Gleichförmigkeit der Tage gab es kein Ausruhen, nicht einmal der nächsten Stunde war man sicher.

Ich bekam das Traumreich allmählich satt. Natürlich das Erlebnis meiner Frau war Halluzination. Ha, Patera, mein Freund, der hatte anderes zu tun, als Fastnachtsscherze auszuführen. Gleichviel, eine Halluzination ist immer ein Mahnruf, die gepeinigten Nerven melden sich.

II.

Castringius, der Künstler
Castringius, der Künstler

Nik. Castringius habe ich auch kennen gelernt. Ich weiss eigentlich nicht recht, ob ich ihm sympathisch war. Die Stellung beim Traumspiegel hatte er aufgeben müssen und arbeitete jetzt auf eigene Faust. Ich fand ihn recht originell, viel netter als seine beiden Freunde, mit denen er ins Café kam: de Nemi und den Photographen, meine ich. Castringius konnte sich nicht gut verstellen; seinen Neid und seine Eifersucht sah ihm jeder am Gesicht an. Gerade deshalb blieb er ganz ungefährlich und man freute sich an seinen Lichtseiten. Ein wirklich schlechter Kerl wird ein Künstler selten sein, hie und da eine kleine Gemeinheit, dabei bleibt es. Unsere Sensationen lassen gar keine Zeit zu gross angelegten Gaunereien. Wir legen unsere Seelen offen in die Arbeiten, so dass jeder deutlich sehen kann, was für ein Lump unter Umständen aus einem Künstler hätte werden können. Die Kunst ist ein Sicherheitsventil!

Leutnant de Nemi
Leutnant de Nemi

Bevor ich kam, hatte Castringius seine einfachste Periode. Drei bis vier Linien und das Bild war fertig. Er nannte das „Grösse“. Die bedeutendsten Sachen hiessen: Der Kopf, Er, Sie, Wir, Es! Da war freilich der Einbildungskraft keine Schranke gesetzt. Z. B. ein Kopf in einer Blumenvase, — alles konnte man sich darunter denken. Als ich dann Anklang fand, musste sich Castringius auch zu etwas mehr aufschwingen. „Das Sujet vertiefen, darin liegt es!“ war seine halsstarrige Meinung. Und jetzt kamen dann Blätter wie: „Der wahnsinnige Papst Innozenz beim Tanze der Kardinals-Quadrille.“

Der Zeichner hatte ein kleines Dachatelier im französischen Viertel inne. In diesem Stadtteil konnte er seinen Eigenheiten gemäss leben. Da fand er auch de Nemi. Dieser war ein Schwein und Leutnant bei der Fusstruppe, Stammgast bei Mme Adrienne. Seine Vorstellungen bewegten sich ausschliesslich um die dort geübten Beschäftigungen. Seine Gespräche verliessen prinzipiell niemals dieses Gebiet. Die Uniform war stets unsauber, seine Augen immer entzündet.

Von dem Photographen kann ich nicht viel sagen. Er war Engländer, hatte ein langes Gesicht, strohblonde Haare, Samtrock und einen wehenden Schlips. Er arbeitete noch nach dem alten, nassen Verfahren mit Kollodiumplatten und zehn Minuten Expositionszeit. Weiter war man darin in Perle noch nicht. Im übrigen war er schweigsam und mischte sich Liköre.

Abladen der Getreidesäcke bei der Mühle
Abladen der Getreidesäcke bei der Mühle

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Wir sprachen vom Theater. Ich habe es nur ein einziges Mal besucht. Es wurde Orpheus in der Unterwelt gegeben; das Publikum bildeten nur drei Leute. Obgleich gut gespielt wurde, war es doch ein unbehaglicher Abend. Die drei Zuschauer machten den grossen Raum noch verlassener. Unheimlich hallte die Musik ins Leere. Die Schauspieler schienen zur eigenen Unterhaltung zu spielen. — Ich sass auf der Galerie. Auf einmal überkam es mich, als wäre dieser geschwärzte Saal das alte, längst abgerissene Stadttheater in Salzburg. Als elfjähriger Bub ist es für mich der Inbegriff aller Herrlichkeit gewesen. Was ich jetzt sah, waren glatt gewetzte Holzbänke, zerschlissene, dunkelrote Polstersitze und zersprungene Stukkaturen. Der Bühne gegenüber befand sich eine finstere, grosse Loge, darüber in goldenen Buchstaben: „Patera!“ In ihrem Dunkel bildete ich mir manchmal ein, zwei Punkte leuchten zu sehen, zwei Punkte ganz nahe aneinander.

Frau Dr. Lampenbogen
Frau Dr. Lampenbogen

De Nemi, welcher sich hinter der Bühne recht gut auszukennen schien, erzählte umständlich, dass das Theater nicht reüssieren wolle. „Was brauchen wir in Perle ein Theater? Wir haben selbst Theater genug!“ sagten die Leute und gingen nicht hin. Nun war der Bankerott da. Das Ensemble wurde aufgelöst, die niedern weiblichen Kräfte wanderten allmählich unter Beibehaltung ihrer Charge als Choristinnen, Balletteusen usw. ins Freudenhaus, der Rest bildete ein Varieté; Blumenstich gab Geld dazu. De Nemi frohlockte, er schwärmte für das Tingeltangel. Ich hatte für das Thema nur wenig Interesse. Der Wirt ging von Tisch zu Tisch und begrüsste die Gäste mit dummem, schlauem Lächeln. Bei den Schachspielern verankerte er sich, hier wurde er ernst. Dabei hatte der Mann keine Ahnung vom Schach, es war zu einfältig! — Ich gähnte und sah zum Fenster hinaus. Bei der Mühle lud man Getreidesäcke ab. Deutlich konnte ich die zwei Eigentümer erkennen: den ewig lachenden, heiteren, und den verschlossen und finster dreinschauenden. Äusserlich waren die beiden die Rückständigsten in der ganzen Stadt. Sie trugen noch Haarbeutel und Schnallenschuhe wie vor alten Zeiten.

Eine Equipage fuhr vorbei. Darin lehnte eine elegante Dame. „Kennen Sie die?“ fragte de Nemi und stiess mich an. „Das ist Ihre Hausfrau, Frau Dr. Lampenbogen.“ Er lachte zynisch, auch die anderen Gäste schmunzelten. Der Wagen fuhr zur Badeanstalt.

Ich rief den Kellner, um zu zahlen. Anton, ein Eskamoteur ersten Ranges, wollte mir schlechtes Geld — Assignaten der ersten Republik — unterschieben. Heute gings nun einmal nicht, mit frechem Grinsen musste er abziehen.

III.

Meine arme Frau konnte sich von ihren Angstzuständen gar nicht mehr erholen. Sie wurde zusehends blässer, ihre Wangen fielen immer mehr ein und bei jedem Wort, das ich unvermutet an sie richtete, zuckte sie nervös zusammen. Das konnte so nicht länger weiter gehen, nur der Umstand, dass es mir noch immer nicht gelungen war, Patera zu besuchen, verzögerte unsere Abreise. Ohne seine spezielle Erlaubnis war an ein Fortkommen überhaupt nicht zu denken. Zehn Gesuche von mir lagen im Archiv, aber nur ein paar geschraubte Vertröstungen kamen von oben herab, wie: „In der gegebenen Jahreszeit hat das Departement für Audienzen Ferialtage.“ Oder: „Der Bittsteller wurde wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass nur eine normale, bürgerliche Gesellschaftsstellung einige Aussichten auf Gewährleistung einer Audienz zu verleihen vermag. Er möge also nicht von diesen üblichen Gepflogenheiten abweichen, und sehe sich um eine solche“ etc. etc. Ich war vor Gift und Galle geschwollen und gewillt, meinem Freunde reinen Wein über diese gemeinschädliche Beamtenkaste einzuschenken. „Die sollen’s büssen!“ ....

Noch etwas fiel für unsere Heimreise schwer ins Gewicht: — Unser Geld war fort —! — Jawohl, einfach fort —! Kein Pfennig von den Hunderttausend war mehr da.

„So, da haben wirs, hab ich’s doch vorausgesehen!“ sprach ich erbittert zu meiner Frau, als ich dahinter kam. Die Ärmste konnte wahrhaftig nichts dafür, deshalb verschonte ich sie auch mit weiteren Lamentationen. Genug, Diebstahl oder nicht, das Geld blieb verschwunden und wir waren jetzt allein auf meinen Verdienst angewiesen.

So ging unser zweites Jahr im Traumreich seinem Ende entgegen. Meine Frau wurde jetzt auch bei Tage von Furchtvorstellungen gequält. Die Küche lag auf der Rückseite unserer Wohnung, durch ein Fenster sah man auf den Hof der Molkerei hinab; in dessen Mitte befand sich ein Brunnenschacht, weiter hinten ein paar Stalltüren.

„In diesem Brunnen spukt es“, behauptete sie. Seltsames Fauchen und Klopfen wollte sie oft gehört haben. Mir fiel nichts auf. Um ihr aber einen Gefallen zu erweisen, nahm ich mir vor, einmal nachzusehen, und ich ging. Unter dem Vorwand, die Molkerei besichtigen zu wollen, klopfte ich einen schwerhörigen Schweizer heraus. Seine Begriffsstutzigkeit reduzierte ich durch ein schönes Trinkgeld. Ich solle ansehen, was mir passe, schrie er mir ins Ohr und verzog sich wieder in seine Kammer. Mir selbst überlassen, konnte ich also meine Untersuchung leicht ins Werk setzen. Rasch durchschritt ich eine ganze Flucht schlecht erleuchteter Räume. Das Gebäude war ziemlich tief in die Erde eingelassen, das bisschen Licht zwängte sich hoch oben durch kleine vergitterte Fenster. Auf langen Holzgestellen standen viele flache, runde Gefässe, in den Winkeln befanden sich hölzerne Kübel. Alle waren bis an den Rand mit Milch gefüllt. Ein Gewölbe diente lediglich zur Aufbewahrung verschiedener Werkzeuge. Da hingen die Wände voll von Blechgeschirren, hölzernen Platten, Brettchen. Ich suchte eilig den Hof; anstatt aber einen Ausgang dorthin zu finden, traf ich jetzt nur noch finstere Kammern, in denen grosse Kessel über erloschenen Feuerstätten hingen. Ein scharfer Geruch von Käsen beizte meine Nase. Da lagen sie, stanken und tropften, regelmässige Reihen in allen Grössen — ein unappetitliches halbdunkles Gelass, schmal und lang, die verschimmelten Wände voll von Spinnenweben. Hier konnte es nicht sein — ich lief wieder zurück. In dieser Gleichförmigkeit von Käse, Butter und Milch kannte ich mich aber nicht mehr aus. Ich verirrte mich und gelangte in einen augenscheinlich ganz unbenutzten Teil des Souterrains. Die gewölbte Decke war niedrig und rostige Eisenketten hingen an schweren Haken herab. Man konnte kaum noch sehen, der schlüpfrige Boden schien sich etwas zu senken. Auf einmal stolperte ich über ein paar glitschige Stufen und stand nun gänzlich im Dunkeln. Tiefe Nacht und eisige Kellerluft — oben hörte ich irgendwo eine Türe zufallen! Gottlob — ich hatte ein paar Wachsstreichhölzer bei mir. — Da vernahm ich mit einem Male von weit, weit her ein Geräusch. Es klang wie entferntes Hämmern, wurde aber mit unheimlicher Schnelligkeit immer deutlicher. Beim Schein eines Streichholzes sah ich, dass ich mich in einem Gang befand. Mich packte tödliche Angst. „Fort von hier — nur fort von hier!“ war mein einziger Gedanke. Ich rannte und stiess manches Mal mit dem Schädel an die triefenden Wände. Hinter mir jedoch schwoll das Tosen — ein furchtbares, taktmässiges Dröhnen wie ein Galopp. Meine Lichtchen wurden immer weniger, die feuchte Luft liess keine Flamme aufkommen. Der Schall kam näher, ich wurde augenscheinlich verfolgt. Jetzt konnte ich deutlich ein Ächzen und Blasen unterscheiden. Das schnitt mir derartig ins Mark, dass ich glaubte, wahnsinnig zu werden. Wie gepeitscht stürzte ich weiter, doch da verliess mich die Kraft und der Ohnmacht nahe fiel ich auf die Knie. Hilflos hielt ich meine Hände der anstürmenden Gefahr entgegen, auf dem Boden flackerten meine letzten Streichhölzer. Da tobte es auch schon heran, — ein kalter Wind erfasste mich, — ich erblickte ein weisses, abgemagertes Pferd. Obwohl ich es nur unscharf sah, bemerkte ich doch seinen entsetzlichen Zustand. Die grosse Mähre war fast verhungert und schleuderte mit verzweifelter Kraft ihre riesigen Hufe. Den knochigen Schädel weit vorgestreckt, die Ohren rückwärts angelegt, so jagte dieses Tier an mir vorüber. Sein trübes, glanzloses Auge traf mich — es war blind. Ich hörte das Knirschen seiner Zähne und als ich ihm aufschaudernd nachblickte, sah ich sein zerschundenes, blutiges Hinterteil glänzen. Der rasende Galopp dieses lebenden Skeletts kannte kein Einhalten. Ich tastete mich weiter, während das Dröhnen verhallte, gequält von dem Anblick dieser schrecklichen Knochen. Bald erblickte ich in der Ferne eine rettende Gasflamme. Nur verschwommen konnte ich sie sehen, denn ein Nervenschock packte mich. Meine Zunge wurde starr und mein Körper wie Stein. Als der Anfall vorüber war, schleppte ich mich dem Lichte entgegen. — Eine Stiege tauchte auf — noch ein Licht —. Dann hörte ich Menschen und betrat einen bekannten Raum. — Ich befand mich im Kaffeehause.

Das abgemagerte Pferd im finsteren Souterrain
Das abgemagerte Pferd im finsteren Souterrain

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IV.

Man hatte mein Kommen nicht bemerkt. Draussen dämmerte es, die Lichter waren angezündet. An einem einsamen Tisch im Hintergrunde wollte ich meine Gedanken sammeln, das Ungeheuere zu begreifen versuchen und das unangenehme Schwindelgefühl los werden. Ich blieb nicht lange allein. Ein älterer würdevoller Herr mit einem weissen Halstuch kam auch in die Ecke und setzte sich zu mir.

„Hier ist’s ein wenig ruhiger“, bemerkte er.

Von mir kam keine Antwort; in meinem Kopfe schwamm noch alles wild durcheinander. Nach einer Weile sagte er mit weicher, teilnehmender Stimme:

„Sie haben ihn das erstemal erlebt; es hat Sie sehr angegriffen!“

Jetzt sah ich auf, es lag etwas freundliches, mildes in dem Manne.

„Was meinen Sie?“ frug ich müde.

„Nun den Klaps! Schauen Sie umher!“ und er machte eine Geste ins Lokal hinein.

Da fiel mir erst auf, dass hier etwas passiert sein musste.

Für den starken Besuch war es auffallend still. Auf allen Gesichtern lag Erschöpfung, Verstörung. „Ja, was ist denn geschehen?“ Ich hatte schon wieder Angst.

„Sehen Sie sich die Leute nur an! Jetzt ist es übrigens vorüber.“

Ich fasste Vertrauen zu dem Sprecher, er war harmlos und gewinnend.

„Gleich merkte ich Ihnen an, dass es für Sie das erstemal war, es ist ein Fluch!“ Er seufzte. — Die Gäste sassen sämtlich still in sich versunken, einige flüsterten. — Hie und da gab es schon wieder ein paar laute Worte ..... Mitten im Lokal wurden Scherben zusammengekehrt. Die beiden Schachspieler glichen Holzpuppen, sie schienen von einander fasziniert. Ich bat meinen Tischfreund, mich über die seltsame Stimmung ein bisschen aufzuklären, ich wisse von gar nichts. Mit seinen schönen weissen Locken, die zu den sentimentalen, etwas komisch phantastischen Augen gut passten, war er schon ein hoher Sechziger.

„Sie sind noch nicht sehr lange im Traumreich, wenigstens noch nicht viele Jahre?“ fing er zu reden an.

„Es werden jetzt bald zwei!“

Anton, schon wieder ganz munter, brachte auf meinen Wink Kognak herbei. Im Kaffeehaus wurde es allgemach wie gewöhnlich. Der Alte sprach weiter:

„Gewiss, man findet sich nur schwer hinein, wenn man es einmal anders gekannt hat. Wir stehen hier alle unter dem Bann. Ob wir wollen oder nicht, es vollzieht sich ein notwendiges Geschick an uns. Wir müssen dabei noch froh sein, es könnte ja viel ärger zugehen. So aber kann man über den grossen Unsinn wenigstens manchmal lachen. Viele, ach wie viele, wollen da nicht immer mittun, besonders Neuankommende stemmen sich dagegen. Wird aber das innerliche Auflehnen gegen das Unabänderliche zu stark, dann kommt der Klaps; den spürt dann jeder; heute war so ein Tag.“

Er schwieg; ein trübes, ergebenes Lächeln huschte über sein Gesicht. Ich war sprachlos. Hier war ich einem Rätsel auf der Spur. Vielleicht ist es das grosse Rätsel, das mich so lange schon beunruhigt? Und jetzt erzählte ich dem alten Manne, was mir für merkwürdige und unangenehme Dinge passiert waren, auch das furchtbare Geheimnis von vorhin, das mir noch das Herz zusammenpresste. Ich liess nichts aus.

Teilnehmend und nachdenklich hörte mich mein Nachbar an. Er schüttelte ein wenig den Kopf und neigte sich zu mir:

„Lieber, junger Freund, grübeln Sie nicht unnötig, sträuben Sie sich niemals gegen Ihre innere Stimme. Gewiss, Sie haben recht. Hier gibt es überall Geheimnisse, aber sie sind unerklärlich. Der zu Neugierige verbrennt sich am ehesten die Finger. Trösten Sie sich mit der Arbeit, arbeiten kann man in Perle vortrefflich. Auch mir ging es früher ähnlich wie Ihnen. Vor Ihnen sitzt ein alter Naturfreund, und so werden Sie mir gewiss glauben, dass ich viel unter dem Unnatürlichen dieses Bodens litt. Aber man findet sich schon mit der Zeit zurecht; ich lebe fast dreizehn Jahre hier, habe mich angepasst und finde viel Interessantes. Nur bescheiden muss man sich, auch das Kleinste kann Freuden bescheren. Ich zum Beispiel sammle Läuse, Staubläuse.“ Seine Augen leuchteten auf und lebhaft, mit geheimnisvollem Lächeln, sprach er weiter: „Ich bin einer neuen Art auf der Spur. Ja, das Archiv enthält Wunder, von denen nur die wenigsten etwas ahnen. Das Amtszimmer No. 69 ist jetzt mein Jagdgebiet. Exzellenz stellten es mir huldvollst zur Verfügung, dort liegen meine Hoffnungen! — Aber jetzt muss ich gehen.“

Nachdem er diese Worte gesprochen, zog er ein altes, grünes Futteral aus der Tasche, entnahm ihm eine Hornbrille und setzte sie auf. Bevor er ging, machte er eine altmodische Verbeugung und stellte sich vor: „Professor Korntheur, Zoologe.“

Ich blickte ihm voll Sympathie nach. Seine originelle Haltung, das volle, schneeweisse Haar mit dem einnehmenden, noch jugendlichen Idealismus verratenden Gesicht, die sorgfältige Sauberkeit der Kleidung bis zu den grauen Gamaschen und Überschuhen hinab, mit einem Wort, sein ganzes Wesen gefiel mir.

Aber ich war zerrissen von den Aufregungen des heutigen Tages. Mit einem dumpfen Druck stieg ich die Treppe zu meiner Wohnung empor.

Meine Frau lag gänzlich ermattet auf dem Divan, — ich hatte es nicht anders erwartet. Sie sagte nichts, mir zuliebe nahm sie sich zusammen; auch ich schwieg rücksichtsvoll, denn lügen mochte ich nicht.

Ruhelos wälzte ich mich im Bette. Immer vermeinte ich einen tosenden Schall zu hören und ein stieres, aufgerissenes Auge zu sehen. Fast ausschliesslich beschäftigten mich die Mitteilungen des Professors. Also ein Bann — und der Klaps —? Ich grübelte über den Sinn dieser Worte. — Ach ja, Aussergewöhnliches fiel mir genug hier auf; erst neulich sah ich hinter einem Hause einige Burschen, die mit Klappern und Trommeln lärmten. Auf mein Befragen bekam ich zur Antwort: Wir machen Nebengeräusche! — Von jetzt ab ärgerte mich der Blödsinn, ich fand das Narrenhaus in allem. Anfangs war es neuartig gewesen, wir hatten am Fenster gelegen und auf die burlesken Vorgänge da unten gelauert. Seit den letzten Monaten aber gab es kein Lachen mehr in unserm Heim. Mit meiner Frau ging es langsam und stetig bergab. Zu gleicher Zeit nahmen die unheimlichen Vorkommnisse zu. Ich durfte meiner Lebensgefährtin nicht mehr alles sagen, wollte ich sie nicht in unmittelbare Gefahr versetzen. So verschloss ich meine Sorgen in mir, und fühlte mich einsam und dauernd verstimmt. Wohin sollte das noch führen? Ich ging ja selbst zugrunde! —

V.

Einige Tage später ging ich auf der Strasse. Neujahr stand vor der Tür, doch das bedeutete in diesem winterlosen Lande nicht viel. Ich schlich die wohlbekannten Häuserreihen entlang; man gewöhnte sich hier in Perle einen eigenen Gang an: leise, schwankend, unsicher, jeden Moment auf ein Missgeschick gefasst. Ein paar einsame Strassenlaternen zeigten mir den Weg. Eine echte Traumlandsbeleuchtung! Aus der allgemeinen Dämmerung, die alles verwischte und riesenhaft vergrösserte, sprangen unnatürlich körperliche Details: Ein Pfosten, ein Ladenschild, ein Gatter.

Ich kam aus dem alten, gotischen Nonnenkloster, dessen einer Trakt ein Kinderspital barg. Dort hatte ich zwei Flaschen stärkenden Medizinalwein für meine Kranke geholt. Als ich an der eingebauten Kirche vorbeikam, bemerkte ich im Schatten des Portals ein schwarzes Bündel. Ich hörte ein paar undeutliche Worte und ein nackter Armstumpf reckte sich bittend empor. Gleichgültig warf ich ein paar Münzen in die dunkle Ecke, blieb aber schon im nächsten Augenblick wie festgewurzelt stehen. Was war das für ein seltsames altes Frauengesicht in diesen schmutzigen Lumpen? Das musste ich mir ansehen, ein geheimer Zwang gebot es. Widerwillig und voll Ekel beugte ich mich zu der Bettlerin. Es war nicht der stinkende Atem oder der zahnlose Mund, welcher mich festhielt, sondern ein scheussliches, helles Augenpaar; wie die Zähne einer Viper bohrte es sich in mein Hirn. Halb tot und geschüttelt kam ich zu Hause an. War das Wirklichkeit oder die Angstgeburt einer überreizten Phantasie? Es war mir, als hätte ich ins Bodenlose geblickt.

Solche Zufälle gingen über meine Nervenkraft. Ich nahm mir fest vor, andern Tags zu Patera zu gehen. Ich wollte mir nötigenfalls Einlass erzwingen, schreien! Er war mein Freund, er hatte mich eingeladen, an ihm lag es, ob wir zugrunde gehen sollten oder nicht! Die kopflosen Traumstädter hatten gewiss eine falsche Vorstellung von ihm. Warum waren sie so scheu und gedrückt und wichen aus, wenn ich von dem Herrn sprach? Das hatte mein Freund nicht verdient.

Über dem heutigen Tag lag ein besonderer Unstern. Meine Frau stöhnte vor Kopfschmerzen, ich machte ihr noch einige kalte Umschläge und warf mich dann erschöpft aufs Lager. Da — es mochte ein Uhr nachts gewesen sein, ertönte ein Läuten und Klopfen an unserer Wohnungstür. Ärgerlich dachte ich: „Der Saufbruder von nebenan!“ Bald hörte ich ihn auch meinen Namen gröhlen, gleich mehrere Male hintereinander. Ich war wütend über diese Rücksichtslosigkeit, sprang auf, schlüpfte in meinen Schlafrock und nahm den Spazierstock aus der Zimmerecke. Jetzt wollte ich es dem Burschen einmal gehörig einbleuen! Ich öffnete die Flurtür, da stand er richtig und blies mir seinen Bierdunst ins Gesicht. Ob ich nicht noch ein paar Zigarren habe, — leihweise — ich sollte ihm doch die Ehre meines Besuches geben, — auch die Frau sei eingeladen, — er wolle Grog machen.

Ich konnte mich vor Zorn kaum mehr halten. „Sie Unverschämter, verschonen Sie andere Leute mit Ihren Lausbübereien. Machen Sie, dass Sie hier fortkommen, sonst werfe ich Sie die Stiege hinab, Frechling!“ Ich schrie was ich konnte, in mir kochte alles. Mit stierem, betrunkenem Lachen stotterte er:

„Na, na, komm nur rüber!“ Dabei fasste er mich am Arm und wollte mich zu sich zerren. Ich verlor die Selbstbeherrschung. Blitzschnell erhielt er einen Tritt vor den Bauch, dass er auf den Boden kollerte. Was erdreistete sich dieser Mensch? In mir wälzte ein Gedanke den andern.

„Jetzt beschwere ich mich aber, das duldet keinen Aufschub, ich werde mir selbst Gerechtigkeit verschaffen. Ich halte es nicht länger aus in diesem verwünschten Nest!“ Man verstehe meine Lage: seit Wochen den grässlichsten Eindrücken preisgegeben, die kranke Frau, welche mir Sorgen machte, das Geld verschwunden, — überall sah ich nur Feinde und Hohn. Ein wilder Hass gegen das ganze Traumland raubte mir die Besinnung und zitternd vor Aufregung sprang ich so wie ich war die Stufen hinunter und lief spornstreichs zum Palast. Genugtuung wollte ich verlangen für die Schmach, die ich fortwährend zu erdulden vermeinte, und wenn ich Patera aus dem Bette holen müsste, es sollte geschehen. So rannte ich die Lange Gasse hinauf dem Platz zu. Ein dicker Nebel war eingefallen, die Gasflammen erschienen als gelbe leuchtende Flecken, ich sah keinen einzigen Passanten, nur das nasse, schmutzige Pflaster. Halb rasend lief ich dahin, einzig damit beschäftigt, wie ich Patera alle diese Gemeinheiten schildern sollte. Ganz laut sprudelte ich meine Anklagen heraus, prachtvolle Redewendungen fielen mir spielend ein und ich fand erschütternde Worte für mein Unglück. — Aber jetzt fror es mich. — Als ich an mir hinab sah, musste ich dann allerdings auch zugeben, dass ich nicht in der geeigneten Toilette war für einen Besuch bei einem vornehmen Herrn. Ein alter, geblümter Schlafrock, darunter ein Nachthemd und ein Pantoffel — den andern hatte ich im Lauf verloren — bildeten meine ganze Kleidung. Auf dem Platze lichtete sich der Nebel etwas: da stand der Palast! Wie ein gigantischer Würfel ragte er in den Himmel. Die helle Scheibe des Uhrturmes täuschte einen Mond vor. Nässe und Kälte brachten mich zur Vernunft; ich erkannte mein Vorhaben als törichtes Beginnen. Nein, das war nicht der richtige Moment und passende Aufzug für eine Beschwerde. Im Schlafrock, mit einem Spazierstock nach ein Uhr nachts, barhäuptig — wie sah ich denn aus? Ernüchtert kehrte ich um und suchte den Heimweg. Durch eine kleine Seitengasse wollte ich ihn verkürzen; die Kälte war recht unbehaglich. Meine Frau würde auch mein Kommen schmerzlich erwarten — morgen aber — morgen sollte der Tag der Vergeltung sein! Um mir warm zu machen, verfiel ich in einen leichten Trab. Ein erleuchtetes Fenster tauchte auf, ich lief darauf zu. Musik, Klaviergeklimper, rauhe Stimmen, Gesang! Ein heller Schein lag über der Strasse. Donnerwetter, so durfte man mich hier nicht sehen! Ich war aber schon bemerkt worden.

„Heda, Sie, nur näher!“ Ein paar verdächtige Gestalten traten zu mir. Jetzt wusste ich, ich hatte mich verirrt: ich war im französischen Viertel.

Der Erzähler auf der Flucht vor seinen Verfolgern in den engen, dunklen Gassen der Stadt
Der Erzähler auf der Flucht vor seinen Verfolgern in den engen, dunklen Gassen der Stadt

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Hier ging es noch sehr lebhaft zu. Bald erregte ich das grösste Aufsehen. Ich war mürrisch und beschämt; man lachte über meinen merkwürdigen Aufzug. Ich schimpfte und ging rasch weiter, immer mehr Menschen mir nach; man machte rohe Spässe und ich berechnete, wie das alles ablaufen würde. In diesen verrufenen Winkeln und Sackgassen fand ich mich nicht zurecht; es war sehr peinlich, Castringius hätte sich ausgekannt. Wenn ich nur gewusst hätte, wo die Polizeistation sich befand. So sah ich rechts und links nur schmutzige Spelunken und Lasterhöhlen. Aus allen Gossen dampfte und stank es. Ich machte meine grössten Schritte. Ein geschminkter Bursche fasste einen Zipfel meines Schlafrockes und riss ihn mir herunter, — Patsch! sass ihm eine Ohrfeige. Aber das hätte ich lieber nicht tun sollen. Nun hub es erst recht an. Mit Heulen und Hallorufen wurde Jagd auf mich gemacht. Ein aufgedunsenes, riesenhaftes Weib trat mir entgegen und wollte mir ein Bein stellen. Ich sprang leicht über sie hinweg und verlor den Stock dabei. Sie wälzte sich im Strassenkot, mein Hemd blieb ihr als Trophäe. Dadurch hatte ich etwas Vorsprung. Jetzt wusste ich aber auch, es ging ans Leben. Wie ein toller Windhund griff ich aus. Noch nie war ich meiner Kraft so sicher gewesen. Hinter mir aber mehrte sich der wüste Tumult, das halbe französische Viertel war mir auf den Fersen, gellende Pfiffe ertönten, der Boden wurde immer glitschiger, ich musste aufpassen, nicht auszugleiten. „Bald bin ich erschöpft, ich werde kaum entwischen“, sagte ich mir und Angst pochte in meinen Schläfen. Mit Flaschen und Messern warf man nach mir, kreuz und quer lief ich in den Gassen und an jeder Ecke schrie ich, so laut ich konnte: „Hilfe, Polizei!“ Aber niemand half und hinter mir hörte ich den tollen Haufen hohnlachen. Mit aufgerissenem Munde, nackt und verzweifelt, flog ich förmlich dahin; keine Rettung, keine Hoffnung bot sich mir. Endlich — ich war schon ganz matt — sah ich ein schmales hohes Haus; es schloss die Gasse ab. Alle Fenster waren erleuchtet, über der Schwelle hing ein roter Lampion. Das Tor war offen; ich stürzte die hell erleuchtete Stiege hinauf. Die Wände waren bunt bemalt und mit Palmen geschmückt. Im ersten Stock trat mir eine Frau entgegen, eine holde Illusion, festlich, im langen silberglänzenden Hemd mit offenen Haaren und herrlichen Armen. Sie war gar nicht besonders überrascht, mich so zu sehen und sagte lächelnd: „Nicht zu mir! Der Herr hat sich wohl vergriffen, da ist Nummer fünf!“

Beglückt und beschämt von ihrer Freundlichkeit stammelte ich atemlos Entschuldigungen, mit der Hand meine Blösse deckend. Dann öffnete ich die bezeichnete Tür. Verdammt, da waren schon zwei drin, auch splitternackt! — Ich schlug die Tür wieder zu. Von unten tobte jetzt der Pöbel herauf. Zuerst ein Schutzmann — jetzt war einer da — der brüllte: „Wo ist der Kerl? Ich werde Anzeige erstatten! Das Haus muss noch geschlossen werden!“ Dann der Mob. Die Retterin war verschwunden, — meine blutenden Füsse schienen mir wie Zentnergewichte. Tief atemschöpfend kletterte ich noch ein paar Stufen in die Höhe und sah gross angeschrieben das erlösende Wort: „Hier!“ wie ein Befehl. Noch einmal die Hilfe des Himmels! Mit letzter Kraft öffnete ich die Tür und schob den Riegel hinter mir zu. — Vorläufig in Sicherheit — aber die Meute rüttelte schon am Schloss. „Aufmachen, aufmachen!“ gellte es tausendstimmig.

Wie ein gehetztes Raubtier blickte ich mich um, da durchblitzte mich ein verzweifelter, jäher Entschluss. Auf die Gefahr, mich totzustürzen, klemmte ich mich durch ein schmales Fenster und griff mit der Hand nach etwas Fassbarem. Richtig, ein Draht, ein Blitzableiter! — Und mit einer wunderbaren, mir unbegreiflichen Sicherheit kletterte ich an ihm hinunter. Stille und Nacht ringsum — hier sank ich zusammen — meine Beine trugen mich nicht mehr. —

Ich lag auf einer Schutthalde. Ein Kotwagenfahrer bei seinem nächtlichen Gewerbe hob mich auf und fuhr mich in seinem gerücheschwangeren Gefährt zu mir nach Hause. Meine Frau sah aus dem Fenster, wie ich so ankam. Sie hatte eine schreckliche Viertelstunde hinter sich, länger war ich nicht weggewesen.

Nach einigen Tagen erblickte ich auf der Strasse ein paar Hunde, die mit einem bunten Paket spielten, an dem Schnüre mit Quasten hingen. Ich erkannte meinen alten Schlafrock — als herrenloses Gut hatte er sich die ganze Zeit in der Traumstadt herumgetrieben. Mit meiner Begeisterung für die Schöpfung Pateras war es jetzt gründlich vorbei.

VI.

Die nächsten Tage wurde wieder nichts aus meinen Beschwerdeplänen. Bei uns sah es trist aus. Meine wunden geschwollenen Füsse waren in Binden und meine Frau verliess nicht das Bett.

Das Lampenbogensche Haus hatte nach hinten eine Kellerwohnung. Hier hungerte eine Familie mit neun Kindern. Neun Kinder! Ein Unikum in Perle! Der Mann war ein wüster Krakehler und Bummler, der sich von seinem abgezehrten, ewig schwangeren Weibe ernähren liess. Diese bediente uns jetzt, denn der Affe kam nur noch hie und da des Abends auf einen Besuch. Da gab’s wenigstens ein paar gemütliche Stunden. Er pflegte sich an das Bett meiner Frau zu setzen, ihr Strickzeug in die Hinterhände zu nehmen und rasch zu stricken. Dabei sah er sich gerne eine alte Nummer des Traumspiegels an, die er in den Vorderhänden hielt.

Unsere jetzige Hilfe brachte öfters ihre zwei ältesten Mädchen herauf, und ich konnte die Entdeckung meiner Gattin bestätigen, dass im Traumreich geborenen Kindern das Nagelglied des linken Daumens mangelte. Das Töchterchen meines Redakteurs, sogar die beiden Söhne Sr. Exzellenz unseres Herrn Regierungspräsidenten hatten denselben Defekt. Die brave Frau Goldschläger vermisste also neun Stück Nagelglieder.

Sobald ich wieder gehen konnte, galt mein erster Besuch dem Arzt. Der fliegende Puls meiner Frau gefiel mir nicht. Ich hatte schon mehrmals darangedacht, den Doktor zu rufen, Lampenbogen als Besitzer kam auch oft ins Haus. Aber ich bin von jeher Ärzten gegenüber misstrauisch gewesen, und hier in diesem Lande der Unsicherheit war Vorsicht vielleicht noch mehr am Platze. — „Ein Arzt ist ein Geschäftsmann wie jeder andere“, sagte ich mir. „Bestellt ein Mensch bei einem Schuster ein Paar Stiefel und dieser verlangt den Preis, ohne sie geliefert zu haben, so wird er einfach ausgelacht werden. Einen Arzt aber muss man zahlen, selbst wenn er nicht geholfen, auch dann, wenn er nur geschadet hat.“ Lampenbogen war ein reicher Mann, er besass eine schöne Villa, eine hübsche Frau, eine Equipage. Das Zinshaus trug ihm viel, da war es kein Wunder, dass er so dick und fett wurde. Wie schlug ihm alles so gut an! Die Frau soll allerdings leichtsinnig sein, heisst es. Ich dagegen mit meinen paar mageren Knochen ...

Nun kam der Doktor, wie ein wandelndes Quadrat in seinem Pelze trat er zur Tür herein. Während er untersuchte, bewunderte ich seinen Nacken, „ein Stück zum braten!“ dachte ich kannibalisch. Er riet Luftveränderung, wir sollten einige Wochen ins Gebirge ziehen. Auch mein Zustand gefiel ihm gar nicht. Auf meinen Einwand, dass ich erst Patera aufsuchen wollte, sprach er: „Das lassen Sie lieber bleiben!“ und ging .....

Unsere kleine Expedition war reisefertig. Frau Goldschläger schob meine Gattin im Rollstuhl vor sich her. Bei dem Postgebäude am Platze warteten die Stellwagen; wir wurden verstaut. Dann knallte die Peitsche. Umschauend gewahrte ich noch Frau Goldschlägers wackelnden Bauch und das Abschiedslächeln auf ihrem reizlosen Gesicht.

Frau Goldschläger schiebt den Rollstuhl
Frau Goldschläger schiebt den Rollstuhl

Gleich hinter Perle kreuzte man die Eisenbahn. Wir wollten ins Gebirge nach einem Dörfchen, wo uns in einem Forsthause ein gutes Unterkommen in Aussicht gestellt war. Die ziemlich verwahrloste Strasse zog sich in Schlangenwindungen durch die berüchtigten Sümpfe. Auch eine Ruinenstadt, Trümmer aus uralter Vergangenheit, wurde passiert. Ein paar Pelikane waren alles, was wir leben sahen. Nach dieser Wildnis wurde das Land bewohnter. Es kamen ausgedehnte Weidetriften, Kartoffeläcker, sogar Weingärten. An gross angelegten Bauernhöfen mit altersschwarzen Strohdächern fuhren wir vorbei — überall blickten uns die Bewohner nach, manche winkten uns zu. Die rauhen, in Leder gekleideten Gestalten sassen auf den Hausbänken, einige schnitzten Holzfiguren, ebenso vierschrötig wie sie selbst. Trotzdem viele von ihnen gebückten Tieren glichen, gefielen sie mir doch besser als die Städter. Sie schienen weniger zerrissen und gehetzt. Hier hatten sich die seltsamen mystischen Gebräuche entwickelt, hier wurden sie noch genau befolgt und festgehalten. — Die Strasse gabelte sich; wie ein Finger ragte ein dünner Turm über einer Kapelle, welche ganz mit Fresken bedeckt, am Kreuzweg stand. „Rechts geht es zum grossen Tempel“, machte uns der Postillon aufmerksam und deutete mit der Peitsche nach der Richtung.

Die alte Ruinenstadt
Die alte Ruinenstadt

Nun fuhren wir in ein enges Tal ein. Hoch oben an den steilen Felsen klebten schwer erkennbar graue Hütten, wie ich hörte die Wohnstätten asketischer Einsiedler. — Allgemach wurde es dunkel, die Wolken hingen tiefer herab und ballten sich zu gelbbraunen Klumpen wie vor einem Gewitter. Ernst und grossartig in ihrer Eintönigkeit war jetzt die Landschaft; wir befanden uns am Fusse des Erzberges, zu mancher Jahreszeit wegen der gewaltigen magnetischen Entladungen, eine gefährliche Gegend. Auch heute war die Spannung gross, und wir bemerkten Kugelblitze, die auf der metallischen Kuppe herumrollten. „Der Berg ist fast ganz aus Eisen“, belehrte der Postillon. Es war sonderbar: nicht einmal trockenes Gestrüpp und verdorrte Halme waren auf ihm zu sehen. Dunkel rostfarben lag er da und versperrte das Tal.

Plötzlich wollte meine Frau nicht mehr weiter, die Luft drücke sie hier oben noch mehr als in der Stadt, sie verspreche sich keine Besserung von solchem Landaufenthalt. Ich empfand ebenso, mir sträubten sich die Haare in dieser von Elektrizität erfüllten Atmosphäre. Da war es besser, sofort umzukehren. Ich bedauerte nur, die Kranke hierher geschleppt zu haben. Bei einem Strassenwirtshaus stiegen wir ab und erwarteten den zur Stadt fahrenden Wagen. Die Wirtsleute bemühten sich um die Fiebernde und halfen ihr freundlich beim Einsteigen. Es ging also wieder zurück. Beim Sumpf erreichte uns die Finsternis. Ein fauler, sinnbetäubender Geruch stieg auf. Beim Scheine der Wagenlaternen erblickte ich einige mohammedanische Gräber, halb in gärendem Schlammwasser versunkene, turbangeschmückte Steine. Die Feuchtigkeit des Bodens hemmte unsern Atem. Ein Huschen und Rascheln hub an, die Dämonen des Sumpfes regten sich. Meine Frau litt unter Schüttelfrösten und presste sich eng an mich. Als wir in die Stadt einfuhren, war es zwei Uhr. Ich wusste jetzt, dass ich eine Todkranke heimbrachte.

Abfahrt vom Straßenwirtshaus
Abfahrt vom Straßenwirtshaus

VII.

Andern Tags wollte ich den Arzt aufsuchen, um ihm von dem missglückten Unternehmen zu berichten. Er war nicht in seiner Villa. — Auf dem Heimweg fielen mir zwei männliche Gestalten auf. Sie folgten einer Dame, die vor mir in die Lange Gasse einbog. Jetzt erkannte ich sie, es waren mein Nachbar, der Student, und de Nemi. Auch die beiden schienen eben erst zu merken, dass sie das gleiche Ziel verfolgten. Vor meinen Augen kam es zu einer Kollision. Was zwischen ihnen vorging, kann ich nicht genau sagen. Ich sah nur, dass sie zusammen in einen dunklen Hausflur traten, aus dem im nächsten Augenblick der Hut des Studenten in den Strassenschmutz flog. Um unerkannt zu bleiben und nicht zu stören, ging ich im schnellsten Tempo quer über die Strasse. Da stand die verfolgte Dame gerade vor dem Fenster einer Leihbibliothek. Ich musste sie schon gesehen haben! Sie besass eine hohe Figur, war sehr elegant gekleidet und hatte einen dicken Knoten rotbraunen Haares im Nacken hängen. Das Gesicht war mir abgewandt. Sie musste von der ganzen Jagd wohl gar nichts bemerkt haben, denn sie machte eine jähe Wendung und ging wieder zurück, mir entgegen. Es war Frau Melitta Lampenbogen; ich bewunderte ihren untadeligen, schwebenden Gang. Da traf mich ein Blick — — — — — ich sah in weisse Leere — — — — — wie ein Schlag auf das Gehirn — Die Augen der alten Bettlerin!

Diese Nacht verlief sehr unruhig, Poltern, Gehen und Kommen auf der Treppe. Von Schlaf keine Rede. Um sechs Uhr morgens rumorte es wieder auf dem Flur. Ich trat hinaus. Drei Männer trugen einen schwarzen Sarg hinab; die Tür zur Wohnung des Studenten stand weit offen.

Im Kaffeehaus sagte man, dass der Student in einem Duell erstochen worden sei. Noch ein anderes Gerücht hatte sich verbreitet. Einer der beiden Mühlenbesitzer war verschwunden und zwar der jüngere, immer heitere. Auf dem andern lastete nun der Verdacht des Brudermordes. Man wusste nichts Sicheres.

„Zwei Kriminalbeamte haben die Mühle durchsucht!“ flüsterte mir Castringius geheimnisvoll zu. Er gierte nach sensationellem Stoff, weil er wieder zum Traumspiegel kommen wollte. Ein farbiges Blatt, „die Wunde des Studenten“, war ihm umgehend zurückgegeben worden.

Ich war auch in einer peinlichen Lage: Frau Goldschläger war heute ausgeblieben, und ich entschloss mich, sie in ihrem Kaninchenstall aufzusuchen. Diese Stube war ein Greuel, ein ganz besonders antipathischer Duft erfüllte sie. Die Hebamme wehrte mir den Eingang, heute nacht hatten sie eine Totgeburt gehabt. So nahm ich das herzliche Anerbieten Hector von Brendels an, der mir seinen Diener — eine alte graue Maschine — für Gänge zur Verfügung stellte. Seit den drei Tagen, da ich den gefahrvollen Zustand meiner Frau erkannt hatte, war ich wie vor den Kopf geschlagen. Zorn und Aufregung verschwanden; ich war nicht mehr imstande, meine Lage zu übersehen und schleppte mich schwerfällig herum. Stumpf, apathisch, wie ein verprügelter Hund, innerlich zernagt von Unruhe, wusste ich nicht, wo ich mich aufhalten sollte. Zu Hause wollte ich nicht bleiben, ich konnte das nicht ansehen, es zerquetschte mir das Herz. Also herumlaufen, an die Luft! Ich beschrieb einen weiten Bogen um das Kaffeehaus und wandte mich zum Flussufer. Hier an dem lautlos dahingleitenden Strome hielt ich mich sonst so gerne auf. Unwillkürlich streifte mein Blick die Mühle. Sie zitterte wie lebendig. Unscharf und verwischt in einem Dunstschein, wie aus einer gallertartigen Substanz bestehend, kam sie mir vor, ein unbekanntes Fluidum ging von ihr aus, das mich bis in die Zehenspitzen vibrieren machte. Hinter einem verstaubten Fenster stand der Müller. Finster und hasserfüllt sah er auf mich nieder. Nun kam ich ins Freie: Vorüber am Abdecker, am Viehhof, an der Ziegelei. Die trübe, nasse Luft, das traurigmachende Geknarre der Frösche vom Wasser her, passten zu meiner Stimmung. Ehe ich es dachte, war ich am Friedhof. Ich blieb stehen und zündete eine Zigarette an. Ich gewahrte durch das schmiedeiserne Tor die Grabsteine. Da fasste mich ein Schauder; zähneknirschend lief ich durch mir noch unbekannte Strassen. Ich schluckte die sich gewaltsam aufdrängende Melancholie hinunter. In mir fühlte ich kalte Verachtung gegen alles, besonders gegen Patera.

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