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ZWEITER TEIL PERLE (continued 2)

Reading edition

„Wo versteckst du dich, Folterknecht?“ rief ich in die leeren Gärten, an denen ich vorüberrannte. Aber die entlaubten Gebüsche und kahlen Bäume gaben keine Antwort. Vorwärts lief ich und trat unbekümmert in die Pfützen. Erwärmt von einem leichten Fieber trieb es mich weiter, über Plätze und durch Gassen, die ich mich nicht entsinnen konnte, je gegangen zu sein. Eine armselige Pferdebahn — sie schien mir mehr zur Dekoration als zum Gebrauch da zu sein — frappierte mich. Mir war es neu, dass es in Perle dieses Transportmittel gab. Aber ich war viel zu verworren, um mich lange bei diesen Gedanken aufzuhalten und ehe ich erkannte, wohin mich meine Füsse trugen, stand ich vor dem Palast. Eben wurden die Laternen angezündet.

In einen der Eckpfeiler der Residenz war eine Marmortafel eingelassen, die meine Blicke bannte.

„Audienzzeiten bei Patera für jedermann täglich von 4 bis 8 Uhr.“

Kopfschüttelnd las ich das mehrmals halblaut und sprach es vor mich hin. Da durchfuhr mich ein ganz närrischer Gedanke: „Das ist ja ein ungeheurer Witz — wir sind nur zu dumm, um ihn zu begreifen.“ Ein Lachkrampf durchschüttelte mich, ich hätte Patera ermorden können. An eine Säule gelehnt, rang ich nach Fassung. Dann schritt ich durch das offene Portal, ganz einfach, als wäre es nichts. Ich stieg breite Treppen empor, unter den enormen Wölbungen muss ich ganz winzig ausgesehen haben. Immer höher hinan stieg ich. — Durch die Bogenfenster sah ich tief unter mir die Stadt. Um mich war alles totenstill, nur meine Schritte hallten. — Ich war so gänzlich mit meinem Zustande beschäftigt, dass mir meine seltsame Lage nicht zum Bewusstsein kam. Ungewöhnlich leicht war mir zumute, das habe ich heute noch deutlich im Gedächtnis. Ich öffnete riesige, weisse Flügeltüren und durchwanderte eine Flucht von grossen Gemächern. Jedesmal schlug mir ein neuer kalter Lufthauch entgegen. „Hier wohnt sicher niemand“, murmelte ich fortwährend, wie im Traume befangen. Einige umfangreiche, geschnitzte Schränke und durch Schutzüberzüge verhüllte Polstermöbel standen in jedem Saale. Einmal sah ich eine schlanke Gestalt eilig und kerzengerade auf mich zukommen. Doch das war Trug, ein Wandspiegel warf mein eigenes Bild zurück. Als ich die endlose Reihe von Hallen und Gemächern durchschritten hatte, gelangte ich in eine unabsehbare Galerie, die scheinbar zurückführte. An den Wänden hingen nachgedunkelte, lebensgrosse Porträts in breiten Ebenholzrahmen, zu meiner Rechten reihten sich Bogenfenster. Ganz am Ende war ein niedriges Pförtchen, das ich vorsichtig öffnete. Ich befand mich in einem mittelgrossen, leeren Raume, der mit bleigrauen schweren Stoffen ausgeschlagen war. Das Zwielicht machte dieses Zimmer undeutlich. Soviel aber bemerkte ich: Hier war kein weiterer Ausgang, hier war das Ende. Und jetzt erst hielt ich einen Augenblick inne und dachte nach, was ich eigentlich wollte. Hier war nichts — es war so still wie in einer Gruft.

Schon wollte ich umkehren, da stieg von allen Seiten der eigentümliche Duft auf, dem ich in diesem Lande immer wieder begegnete. In bedeutender Stärke durchdrang er den ganzen Raum, ich hörte so etwas, wie ein leises, trockenes Lachen. Und wirklich! Ich sah an der Wand gegenüber das Gesicht eines schlafenden Menschen. An das Halbdunkel gewöhnt, unterschied ich jetzt eine in Grau gekleidete Gestalt, die auf einem erhöhten Ruhebett sass. Ich trat einen Schritt näher. Ein Haupt von ungewöhnlicher Grösse — ich erkannte meinen Freund Patera. Ein Irrtum war völlig ausgeschlossen, wie oft hatte ich mir doch das Bild angesehen! Das fahle Antlitz umringelten dunkle Locken, die Augenlider waren festgeschlossen, nur der Mund zuckte und bewegte sich unaufhörlich als wollte er sprechen. Ergriffen bestaunte ich die wunderbare, regelmässige Schönheit dieses Kopfes. Mit seiner breiten, niedern Stirn und der mächtigen Nasenwurzel glich er eher einem griechischen Gott als einem lebenden Menschen. Über den Zügen lag ein tiefer Schmerz. — Nun vernahm ich Worte, ganz leise und hastig flüsterte es: „Du beklagst dich, dass du nie zu mir kommen kannst, und doch war ich immer bei dir. Ich sah dich oft, wie du mich schaltest und an mir verzweifeltest. Was soll ich für dich tun? Sage deine Wünsche!“

Er schwieg. Es herrschte Stille, mein Hals war ausgetrocknet, nur mit der grössten Anstrengung brachte ich hervor: „Hilf meiner Frau!“ Der Kopf hob sich ein wenig, Patera schlug langsam die Augen auf. Zugleich überfiel mich entsetzliche Schwäche. Starr und unverwandt musste ich diesen fürchterlichen Blicken folgen. Das waren überhaupt keine Augen, das ähnelte zwei blanken hellen Metallscheiben, die glänzten wie kleine Monde. Ausdruckslos und ohne Leben waren sie auf mich gerichtet. Die Flüsterstimme sprach:

„Ich werde helfen.“

Seine Gestalt richtete sich völlig auf, wie eine Medusenmaske hing das Haupt über mir. Gebannt, war ich keiner Bewegung fähig, ich dachte nur: „Das ist der Herr, das ist der Herr!“ — Jetzt erlebte ich ein unbeschreibliches Schauspiel. — Die Augen schlossen sich wieder, ein grauenhaft, schreckliches Leben trat in dieses Gesicht. Das Mienenspiel wechselte chamäleonartig — ununterbrochen — tausend- nein hunderttausendfach. Blitzschnell glich dieses Antlitz nacheinander einem Jüngling — einer Frau — einem Kind — und einem Greis. Es wurde fett und hager, bekam Auswüchse wie ein Truthahn, schrumpfte winzig klein zusammen, — war im nächsten Augenblick hochmütig gebläht, dehnte, streckte sich, drückte Hohn, Gutmütigkeit, Schadenfreude, Hass aus, — voll Runzeln wurde es, und wieder glatt wie Stein — es war wie ein unerklärliches Naturgeheimnis, — ich konnte mich nicht abwenden; eine magische Kraft hielt mich wie festgeschraubt, Schrecken überrieselte mich. Jetzt erschienen Tiergesichter: das Antlitz eines Löwen, dann wurde es spitz und schlau wie ein Schakal — es wandelte sich in einen wilden Hengst mit geblähten Nüstern — wurde vogelartig — dann wie eine Schlange. Es war entsetzlich, ich wollte schreien und konnte nicht. — In abscheuliche, blutüberströmte und spitzbübisch feige Fratzen musste ich blicken. Dann trat endlich langsam Ruhe ein. Wie Wetterleuchten fuhr es noch manchmal über das Antlitz, — die verzerrten Larven verschwanden und wiederum schlief vor mir der Mensch Patera. Die geschwungenen Lippen fieberten und bewegten sich schnell. Ich hörte wieder diese seltsame Stimme:

„Du siehst, ich bin der Herr! — Auch ich war verzweifelt, da baute ich mir aus den Trümmern meines Gutes ein Reich. — Ich bin der Meister!“

Ich war erschüttert und hatte das tiefste Mitleid mit ihm; mühsam sprach ich:

„Bist du auch glücklich?“

Doch schon traf mich der Strahl und lähmte mich. Ganz nahe vor mir sah ich die grässlichen Augen. Patera war herabgestiegen und hielt meine Hände. Ich war innen und aussen wie von Eis überzogen. Er rief: „Gib mir einen Stern, gib mir einen Stern!“

Seine Stimme bekam etwas Berückendes, sie schmeichelte und lockte. Ich sah seine weissen Zähne schimmern, die Bewegungen waren schwer und lahm. Ich verstand nur das geringste von dem was er sprach. Seine Laute wurden heiser und gepresst — seine Brust hob sich — die Adern an seinem bleichen Halse schienen zum Bersten gefüllt. Plötzlich wurde sein Gesicht grau wie die Wand, nur die aufgerissenen, gequollenen Augen flackerten und fesselten mich in ihren unerklärlichen Bann. Ein wahrhaft ungeheuerer, nicht mehr menschlicher Schmerz musste ihn durchwühlen.

Patera reckte sich empor, seine Hände griffen weit ins Leere. — Da senkte sich ein Vorhang zwischen mich und den Herrn. Ich hörte noch ein unartikuliertes Röcheln und einen dumpfen Fall.

Als ich mich umwandte, musste ich mich gegen das Fenster stützen, denn ich fühlte, wie mich ein Starrkrampf packte. Von der Zunge ausgehend, ergriff er den ganzen Körper. — Unten auf dem Platze wurden Menschen und Tiere einen Moment steif wie Holz. Nur einen Moment, dann ging alles wieder seinen Gang.

Wieder Herr meiner Bewegungen, stürzte ich fort in der tiefen Überzeugung, wahnsinnig zu sein.

VIII.

Zerrüttet, zu jeder Sammlung unfähig, kam ich zu Hause an. Lampenbogen war gerade da, schien aber im Begriffe zu gehen. Er hatte aus dem Kloster eine barmherzige Schwester mitgebracht. Als mich der Doktor sah, zog er mich sogleich in die Fensternische. Er sprach ernst auf mich ein, aber ich war nicht imstande, dem Sinn seiner Worte zu folgen. Mir tat seine schwerfällige Ruhe wohl. „Nur nicht die Hoffnung aufgeben“, verstand ich. „Es ist ein starker Nervenanfall, vielleicht die Krise. — Es ist übrigens immer noch möglich, dass die Frau diese Attacke übersteht. — Man darf die Hoffnung nie ganz aufgeben. Falls Unvermutetes eintreten sollte, so holen Sie mich natürlich heute nacht noch. Morgen komme ich auf jeden Fall.“

Er ging. — Wie gesagt, was eigentlich geschehen war, warum er so sprach, wusste ich nicht.

Still, geschäftsmässig ging die Pflegerin mit Tüchern und Schüsseln aus und ein. Ich fühlte in mir nur ein halbes Leben, zu einer vernünftigen Handlung konnte ich mich nicht aufschwingen. Ratlos, mit dem Gefühl der Überflüssigkeit, stand ich herum. — Meiner Frau konnte es wohl gar nicht so schlecht gehen; als ich mich einmal scheu auf den Fussspitzen dem Bette näherte, lag sie da und schlief; sie sah sogar voller und besser aus als in den letzten Wochen, Röte bedeckte ihr Gesicht. Dann sprach ich mit der Krankenschwester. Nun, einen Anfall, eine Art Gehirnkrampf, hatte die Kranke während meiner Abwesenheit gehabt. Die geistliche Frau war einsilbig, spät abends betete sie halblaut. Langsam kamen mir Ahnungen von dem furchtbaren Ernst der Situation. Mitten in die wirren Gedanken, die sich mit dem Herrn des Traumreichs befassten, blitzten Erinnerungen an die Schüttelfröste auf, die meine Frau bei unserer nächtlichen Stellwagenfahrt befallen hatten. Aber ich konnte das Schlimmste nicht glauben, ich wollte nichts glauben.

Diese Nacht nistete ich mich auf dem Divan im Wohnzimmer ein, das zugleich mein Arbeitsraum war. Von Schlafen keine Rede. Gegen Morgen erhob ich mich einmal und sah mir das Bild Pateras an. Die Kranke schien Ruhe zu haben, nur ein einziges Mal hörte ich während der Nacht ein paar Worte sprechen. Gegen neun Uhr morgens ging ich hinüber. Hier war alles schon geordnet und gelüftet. Meine Frau sah mich erstaunt an, das Erkennen machte ihr sichtlich Mühe. Trotz ihrem guten Aussehen war sie sehr schwach, kaum verstand ich ihre Worte. Die Schwester war zufrieden mit der Nacht, das Fieber hatte nachgelassen, tatsächlich wurde die Patientin jetzt frischer. Die Pflegerin verliess uns nun auf eine Weile, sie machte einige Besorgungen. Ich setzte mich auf den Bettrand und nahm die heissen Hände meiner Frau in die meinen. Voller Hoffnung, und um ihr die Anstrengung des Sprechens zu ersparen, erzählte ich ihr alles mögliche, von dem ich annahm, dass es sie erfreuen würde. Ich sprach von dem Tempel am See und seinen Wundern, von den Juwelen und Geschmeiden, die dort aufbewahrt lagen, denn ich wusste, schöner Schmuck war eine kleine Leidenschaft von ihr. Ich schilderte die spiegelnden Wasserstrassen und den tiefen, lauschigen Park, als wenn ich selbst tagelang dort herum gestreift wäre. Sie sah mich unverwandt, fast heiter an und strich mir sogar ein paarmal über den Kopf. Ich war glücklich, dass ihr meine Geschichten gefielen und fuhr eifrig fort. Ich sprach von den vergoldeten Schiffen und den schneeweissen Schwänen auf dem See, meine Bilder gewannen Farbe — Farbe hier in dem fahlen, düstern Traumland. Glühend beschrieb ich die vielen Blumen, die buntgesprenkelten Orchideen, die schwarzroten Rosen, die Lilien an den zartgebogenen Stengeln. Ich glaubte fest an die Zauberkraft meiner Worte. Von blauen Wäldern von Vergissmeinnicht sprach ich, von den Millionen glitzernder Tautröpfchen, über denen die frühe Sonne aufging. Ich sprach von dem Gezwitscher der Vögel, von den freudigen Klängen silberner Posaunen. Dorthin in lichte Pracht wollten wir eilen, nötigenfalls entfliehen. Dort würde sie gesund werden. Während ich die verlockendsten Worte fand und in einem schönen Zukunftsleben schwelgte, war meine Frau — eingeschlafen.

Mutlos, wie zerschmettert, sass ich da. Die trostlose Bangigkeit hatte mich wieder. Mit halbgeschlossenen Augen lag die Kranke, ihre tiefe Röte kam mir nicht mehr so natürlich vor. Ich zwängte die heraufkommenden Tränen zurück — die Pflegerin kam herein.

Und dann kam auf einmal Herr von Brendel und erkundigte sich in teilnehmenden Worten nach dem Befinden meiner Gemahlin. Auch Blumen hatte er mitgebracht, blassgelbe Tulpen. Ich zog ihn ins Wohnzimmer; endlich ein gesunder Mensch! Ich klammerte mich förmlich an ihn.

Wie versprochen kam auch der Arzt. Er blieb lange. Bevor er ging, nahm er Brendel mit sich in die Küche; dort hatten die beiden eine kleine Unterredung, dann verabschiedete er sich rasch auch von mir und ging die Treppe hinab. Sein letztes Wort war: „Kopf hoch, und hoffen!“

Brendel machte mir den Vorschlag, mit ihm zu gehen: „Wir können den ganzen Tag zusammen bleiben, hier stören Sie doch nur und haben kein richtiges Essen.“

Er vermied es absichtlich, von meiner kranken Frau zu sprechen. Wir gingen also ins Kaffeehaus auf ein Frühstück. Mir fehlte zwar jeglicher Appetit, aber irgendwohin musste ich gehen. Ich hatte Brendel wirklich gern, er war ein reizender, ungemein gefälliger Mensch, der nur eine einzige Schwäche hatte: Er gehörte zu den sentimentalen Don-Juans. — Das ist noch lange nicht das Ärgste —. Weit entfernt, ein solcher Schürzenjäger wie de Nemi zu sein, dem es nur auf die mechanische, phantasielose Unzucht ankam, war Hektor von Brendel tatsächlich verliebt — und zwar immer und immer wieder in eine andere. Wer aber glaubte, hier einen jugendlichen, unklaren Menschen vor sich zu haben, der vor lauter Zartheit für ein Weib unreif gewesen wäre, der hätte sich geirrt. Mit vollkommener Hingabe hastete er einem eingebildeten Ideal nach, das er leider nie verwirklicht fand — das heisst: Dauernd verwirklicht fand. Seine jeweilige Geliebte, der „Rohstoff“ wie er das nannte, musste erst umgebildet werden. Hier scheute er keine Mühe, kein Geld; nach einem eigenen, recht verwickelten Erfahrungssystem ging er vor, Schritt um Schritt, geduldig, planmässig. Nach Erledigung der Toilettefragen — bis hierher ging es, dank den reichlichen Mitteln immer sehr gut —, kamen die vielen geistigen Kategorien an die Reihe: Benehmen, Lieblingsausdrücke etc. etc. Über diese Hemmnisse stolperten schon die meisten und sprangen aus. Brendel griff unermüdlich zu neuem „Rohstoff“. Den nachfolgenden höheren Stufen, („wahres Vertrauen“, „geschmackvoller Umgang“) sah sich fast nie eine Bewerberin um seine Gunst gewachsen. Er schwärmte mir oft halbe Nächte lang von einem neuen Idol vor. Gegen sich selbst war er streng, klagte sich an, verbesserte, änderte seine Methode, aber nie gelang es ihm, den Zustand zu erreichen den er „die Reife“ nannte. Der Fehler lag in einer falschen Psychologie, dann hatte er aber auch wirkliches Missgeschick. Eine betrog ihn, eine andere stellte sich als langweilig heraus. Er war ewig nur zur Kostprobe verurteilt.

Heute schwieg er rücksichtsvoll, obwohl es mir lieber gewesen wäre, er hätte gesprochen. Mir waren seine erzählten Abenteuer, die der Komik nicht entbehrten, oft sehr amüsant. Bei jedem „Ende“ gab es ein hübsch arrangiertes Abschiedsmahl, wobei das Bedauern schon wieder in neues Hoffen überging. Ritterlich und anständig trug er keiner einen „Fehler“ nach. Er verstand sich zu trösten, die Materie war ja unerschöpflich und zu interessant für ihn. — —

Mich würgte gestaltlose Angst, sie stieg vom Magen herauf, schnürte das Herz und drückte die Eingeweide. — Ich rauchte und trank. — Aber es entlastete mich nichts. Der Eindruck, den diese lebende Bildsäule im Palast in mich gegraben hatte, und die Erkenntnis der Gefahr, in der meine Frau schwebte, verschmolzen miteinander. Ich war wie in einem Alptraum, aus dem ich nicht erwachen konnte.

Der Müller von drüben trat herein und stürzte am Büfett stehend ein paar Gläser Rum hinunter — ohne Gruss ging er wieder. Die beiden Schachkünstler sassen wie immer da gleich chinesischen, verschnörkelten Holzgötzen.

Brendel nahm mich mit sich in die „blaue Gans“, wo er zu speisen pflegte. Nach Tisch gingen wir in seine Wohnung; er servierte mir einen Kaffee und zeigte seine hübsche Sammlung von Aquarellen, Motiven aus dem Traumlande. Nachmittags gegen 5 Uhr hielt ich es bei ihm nicht mehr aus. Ich bat ihn um Entschuldigung für den schlimmen Tag, den ich ihm gebracht hatte, dankte und ging nach Hause; ich war schon allzulange fortgeblieben und begriff mich selbst nicht, dass ich so lieblos sein konnte.

Meine Angst wurde zur Folter, wie einen Motor trieb sie meinen Gang an; ich stürzte die Stiegen hinauf — und dann wagte ich nicht einzutreten. — — — Ich horchte an der Tür — — — nichts! — sie lag ja im zweiten Zimmer. Noch einmal schöpfte ich tief Atem — dann machte ich auf ....

Das erste, was ich sah, war Lampenbogens Pelz, zitternd betrat ich die Krankenstube. Der Arzt dankte flüchtig für meinen Gruss — er hatte seine Manschetten abgestreift. Im Bette lag meine Frau — sie war alt und verfallen. — Ein namenloser Schreck liess mich bei diesem Anblick zusammensinken, ich flehte den Arzt an:

„Helfen Sie! — — — Helfen Sie!“

Der kolossale Mann klopfte mir auf die Schulter und sprach:

„Fassung, Sie sind jung!“ — — — Ich wimmerte. — — — Die Pflegerin wollte mir ein Glas Wasser reichen — da fuhr ich auf wie von einer Peitsche getroffen und stiess sie weg.

Über das zerwühlte Lager gebeugt stierte ich fassungslos mein sterbendes Weib an; — — — sie war ganz still bis auf ein schauerliches Zähneklappern, — — — wie eine kleine Maschine — ein unaufhörliches Geklapper — trocken — hart — und klar. Ich fühlte den tiefsten Schmerz meines Lebens; vor Entsetzen begriff ich gar nichts. — — — Ihre faltige Haut war grünlich, — — Schweiss brach aus allen Poren — — — mit einem Tuche wollte ich ihn abwischen — — — da hörte das Geklapper auf — — — Mund und Augen öffneten sich weit — — — das Gesicht wurde bleich wie Kreide — — — sie war tot. — —

Wie aus grosser Entfernung hörte ich die Nonne beten, den Doktor fortgehen. Ich kniete am Bettrande nieder und leise, leise sprach ich aufs zärtlichste mit der Toten. — — — Mir erstanden noch einmal die Jahre, die wir zusammen gegangen waren. — — — Nicht vom Traumlande sprach ich zu ihr, sondern von den Zeiten, da wir uns kennen gelernt hatten. Ich dankte ihr für alle Freuden. Ich hielt meinen Mund nahe an ihr Ohr, denn es brauchte mich niemand zu hören. Ganz leise, nur für sie bestimmt, flüsterte ich ihr zu, dass ich bei Patera für sie gebeten hätte, dass der Herr helfen würde. Kindliches Vertrauen war in mir. Während ich das letzte sprach, stiess ich gegen ihren Kopf; er fiel schwer zur Seite und kam in den gelben Schein der Lampe. Jetzt sah ich erst die Veränderung, etwas Fremdartiges mit blutleeren Lippen und spitzer Nase lag vor mir — so kannte ich meine Frau nicht. Grosse, glanzlose Pupillen schauten durch mich hindurch — es schüttelte mich krampfhaft — unaufhörlich sinnlose Reden führend, lief ich fort — fort in die fremden Strassen. Ich kümmerte mich um niemand und suchte die finstersten Schlupfwinkel auf. Doch nirgends hielt es mich lange. Die ganze Nacht lief ich herum, ein geschwätziges Gespenst, das die Furcht verloren hat. — Alle Gebete, die mir von meiner Kindheit her einfielen, stammelte ich vor mich hin. Ich war einsam — es gab nichts einsameres als mich.

Auch den nächsten Tag verbrachte ich im Verborgenen. Ich hoffte, auch mich würde der Tod holen. Die folgende Nacht pfiff und krachte es um mich her, fortwährend glaubte ich, die Erscheinung Pateras zu sehen, ein graues, schleierhaftes Gebilde, das vor mir schwebte. Als der Morgen graute, kroch ich müde und mit hohlem Schädel die Stufen zu unserer Wohnung empor. Eine vage Hoffnung, dass vielleicht alles doch nur eine Einbildung sei, äffte mich.

Im Sterbezimmer herrschte Unordnung; fader, süsslicher Geruch traf mich. — Das Bett war leer — alles durcheinander gerückt. Auf dem Nachttisch umgeworfene Medizinflaschen und verstreute Zuckerstückchen. In allem lag Unbegreifliches, Trostloses. — Ich ging wieder hinunter, — da stand Lampenbogen bei seinem Wagen.

Er fasste mich am Arm — ich fuhr zusammen: noch ein Unglück?

„Ein paar Worte; ich habe Sie gesucht. Sie dürfen sich nicht derartig gehen lassen. Ich werde Sie mit mir nehmen, in einer halben Stunde beerdigt man Ihre Frau. Sie brauchen jetzt ein Heim, eine Familie. Hoffentlich lehnen Sie nicht ab, wenn ich Sie einlade, vorläufig zu mir zu ziehen; auch meine Frau würde sich freuen. Man überlebt so etwas — Sie werden ruhiger werden.“

Ohne ein Wort zu erwidern, stieg ich zu Lampenbogen in den Wagen; ganz schmal sass ich neben dem breiten, dicken Manne. Vom Kaffeehause sah man uns nach; Anton machte durchs Fenster eine Verbeugung, die Schachspieler waren vertieft.

Nach einigen Minuten kamen wir auf den Friedhof. Schon von weitem bemerkte ich in der kleinen Halle des Leichenhauses eine Gruppe von Menschen — nach und nach unterschied ich bekannte Gesichter: Hektor von Brendel, den Kaffeewirt, einen Geistlichen, ein paar Unbekannte. Alle standen, nur etwas lag. Ein einfacher Sarg mit einem schwarzen Tuche bedeckt. Es fing an zu regnen, die Nässe drang durch die Kleider, — was meine trockene, gespannte Haut fast als Wohltat empfand.

Der Priester murmelte Gebete — man trug den Sarg zur Grube. Ich schritt als erster dahinter. „Da drinnen liegt meine Frau“, dachte ich. Ich stellte sie mir vor, als lebte sie noch. „Sie weiss sicher alles, was hier vor sich geht, dass ich hier hinten gehe und alles geschehen lasse.“ Mitunter trat ich wankend in den nassen, braunen Rasen. Jetzt bemühte ich mich, nur an meine Haltung zu denken. „Nichts soll man mir anmerken, allen Schmerz später, wenn ich allein bin.“ Ich las fortwährend ein grosses, gedrucktes Wort in meinem Kopf: „Mut, Mut, Mut, Mut!“ ... Eine unendliche Zeile war es. Dabei biss ich mir in die inneren Wangen. Mit etwas Neugierde schaute ich trotzdem, wo das Grab geschaufelt war. Da, mitten unter vielen, vielen andern Gräbern .... Jetzt war man da, das schwarze Tuch wurde vom Sarge entfernt. Ich befand mich in einer Art Halbtraum. Geschickt senkten die Männer den Sarg in die Erde. Einmal blickte ich ganz kurz hinunter, unnatürlich scharf prägte sich mir das Bild ein. „Das ist der letzte Blick, der Abschiedsgruss für deinen Lebenskameraden.“

Ich entfernte mich mit schwankenden Schritten, Lampenbogen hielt mich am Arm — alle Leute grüssten —.

In diesem Augenblick kam jemand eilends vom Friedhofstor gelaufen und putzte dabei mit dem Ärmel seinen Zylinder. Es war der Friseur. — Er nahm meine Hand und sagte feierlich: „Im Tode wird das Subjekt zur Diagonale zwischen dem Raum und der Zeit, möge Sie das trösten!“

An der Mauer links sah ich die grosse Gruft der Familie Alfred Blumenstich. Auf einem weissen Marmorwürfel eine eiserne Sphinx mit Ritterhelm und geschlossenem Visir. Ich war froh, dass alles vorbei und so glimpflich abgegangen war.

Dann stieg ich wieder zu Lampenbogen, wir fuhren nach seiner Villa.

IX.

Es war gewiss recht freundlich von Lampenbogens, einen so Verlassenen wie mich bei sich aufzunehmen. Ich wäre allerdings auch mit jedem anderen gefahren, mir war es zu gleichgültig, wohin es fortan ging.

Lampenbogens lassen sich „nichts abgehen“; „denen ist’s egal, dass meine Frau tot ist“, dachte ich, als mir das Mädchen die Tür zum Esszimmer öffnete. Es war sechs Uhr abends. Die Frau Doktor hatte mich schon begrüsst, als wir ankamen, sie sagte, dass sie hoffe, ich würde mich in ihrem Hause recht wohl fühlen, und das „schreckliche Ereignis“ bald vergessen. „Jawohl, das schreckliche Ereignis“, antwortete ich mechanisch. „Im Leben gibt es viele Trauer“, bemerkte Lampenbogen und legte eine Schachtel Zigarren auf den Tisch in meinem Zimmer. Nachdem ich mich genugsam gewundert, dass ich hinfort in einer anderen Stube wohnen sollte, machte ich mich ein wenig schön und ging hinunter. — Draussen war es kalt und unfreundlich gewesen, hier war es warm, geräumig und luxuriös. Die Hausfrau schien besorgt um mich, was mir wohl tat. Der Eindruck von neulich musste eine Sinnestäuschung gewesen sein, ich sah ihr heute ganz ruhig in die Augen; sie waren mandelförmig, graugrün; nachdenklich suchten sie in einem fort etwas.

„Also von dieser Frau spricht man so viel,“ dachte ich bei mir, „das ist ja alles lächerlich.“

Wir setzten uns zu Tisch, Lampenbogen nahm mit seinem Elefantenleib eine ganze Breitseite ein. Er war Gourmand. Während er ass, wurde sein Gesicht zum Blasebalg, man sah und hörte, dass es ihm schmeckte. Mir stand der Sinn nicht nach Essen, trotzdem ich nichts im Magen hatte. Lampenbogen aber wurde vor dem Tischtuch ein ganz anderer Mensch, ein „Priesterfeldherr“, wenn man so sagen darf. Andächtig und zugleich scharf überblickte er die Schüsseln, und wenn man sie ihm nicht gleich reichte, schnalzte er mit den Fingern, ganz kurz. Bereits abgetragene Speisen verlangte er kategorisch aus der Küche zurück. „Wie oft habe ich es ihr schon gesagt, dieser Bestie“, knirschte er und wurde rot. In diesem Moment glich er dem japanischen Glücksgott Fukuroku. Den Salat bereitete er selbst an einem kleinen Nebentisch. Geschickt hantierte er mit zwei Gabeln, mir fiel auf, wie sicher seine kleinen, fetten Hände sich bewegten. Ich dachte: der muss gut zu operieren verstehen. Schliesslich schien er trotzdem mit seinem Werk nicht zufrieden. „Man bekommt hier rein gar nichts mehr“, grollte er, und überblickte missbilligend eine ganze Batterie farbiger Fläschchen und Dosen. „Lampenbogen im Querschnitt“, ein Stoff für Castringius.

„Aber Sie essen ja gar nichts!“ rief er beim Käse. Seine Frau wies ihn zurecht! „Odoaker, du weisst doch!“ Übrigens bemerkte ich, dass er gleich mir eine feine Nase hatte. Das war aber auch die einzige Ähnlichkeit zwischen uns.

Nach Tisch bekam ich meine Zigaretten; bedauernd, seufzend erhob sich der Fettberg:

„Leider, leider muss ich heute in den Klub und wir könnten so schön noch beisammen sitzen.“ Auch ich bedauerte. „Wo ist der Klub?“ frug ich. Er wollte mich natürlich sofort einführen, in den hinteren Räumen der „blauen Gans“ befand sich eine Kegelbahn. Ich dankte. Für heute wäre es mir ein bisschen zu viel.

„Nun also, in Gottes Namen denn“, sagte er und schüttelte mir die Hand.

Seine Frau erhielt einen Klaps auf die Wange. Im Kontrast zu seiner Schwere hatten seine Bewegungen eine gewisse federnde Grazie.

Wir blieben allein. — — —

„Ihr Gatte hat eine massive Gesundheit“, bemerkte ich, um etwas zu sagen.

„Ach ja“, gab sie zurück.

Melitta, am Kamin im Sessel sitzend
Melitta, am Kamin im Sessel sitzend

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Die Stimmung wurde ein wenig drückend; ich hatte Angst vor der Nacht und wollte meine Anwesenheit hier möglichst lange hinausziehen. Jetzt erst betrachtete ich die schöne Frau näher. Sie trug ein blau- und weissgestreiftes, bauschiges Kleid und das üppige Haar in einem Netz nach der damaligen Mode im Traumreich. Ihr Gesicht erschien mir auffallend klein, die Stirne schmal, die Augenbrauen stark geschwungen und zwar aussen höher. Die Nase war ziemlich kurz, eine Stumpfnase, der Mund sehr voll und breit, leichte Negerlippen. Das schönste waren ein Teint wie Alabaster und das Haar. Für ein Weib war sie gross.

Ich wunderte mich, wie scharf ich in meiner Lage noch beobachten konnte. — Melitta kramte in einem Körbchen nach einer Arbeit, dann setzte sie sich an den Kamin, in welchem lange Buchenscheiter prasselten. Das reiche, braungetäfelte Esszimmer war leicht überhitzt, draussen knirschten die Bäume im Sturm, ab und zu schlug ein Regenschauer gegen die Fenster.

Ich erwartete, dass die Dame etwas sprechen würde, ich war heute ein schlechter Gesellschafter. — Aber sie schwieg. — Ich musste also ins Treffen. — „Gnädige Frau, Sie haben sehr schönes Haar“, sagte ich aufs Geratewohl.

„Es ist nicht soweit her damit, früher hatte ich mehr. — Offen ist es hübscher!“

Da durchfuhr mich auf einmal ein jäher Schreck. Ich fühlte, wie ich blass wurde.

Was sich jetzt ereignete, wird mir niemals vollständig erklärbar werden. — Ich hatte in den letzten Tagen die furchtbarsten Erschütterungen durchgemacht, die ein Mensch zu ertragen imstande ist. Ich war gebrochen — lag am Boden — ohnmächtig und verzweifelt.

Beherrscht unsere Natur etwa eine Art von Pendelgesetz? Was war es sonst, dass in mir gerade jetzt leise, aber plötzlich ein ganz kleiner Gedanke auftauchte, kalt und lauernd?

Fast im gleichen Moment spürte ich, wie sich dumpfe, unermessliche Kräfte in mir regten. Das ging alles irgendwo im Tiefen vor sich, an der Oberfläche meines Bewusstseins war ich empört über mich selbst. Aber blitzartig wandelte sich jetzt alles, alles in einen gesammelten starren, einheitlichen Willen: so wurde es irgendwo bestimmt; ich war besonnen, berechnend wie eine Schlange. — Von aussen gesehen war ich ein Mann, welcher rauchte.

Melitta legte ihr Nähzeug hin und sagte ruhig: „Als Maler müssen Sie natürlich einiges von Schönheit verstehen.“

Ich war vollständig Herr über ein kristallklares Gedankengefüge.

Jetzt wollte ich handeln — — doch erst sondieren.

„Ihr geöffnetes Haar muss wirklich ein wunderbarer Anblick sein“, sagte ich und verbarg mich hinter Rauch.

„Sie wären enttäuscht, fürchte ich!“ dabei beugte sie sich wieder rasch über die Arbeit und lachte ein wenig.

„Ach so ...“ dachte ich; nein, auf ein kitzelndes Spiel kam es mir wirklich nicht an, das war nie meine Sache gewesen. Gleichgültig stand ich auf und bemerkte mit kühler Galanterie:

„Schade, dass Ihr Mann nicht Künstler ist.“ — — (Das war eine Diversion, der Gegner sollte weiter vordringen, sich zu erkennen geben), und richtig: „Grosser Gott, der merkt das alles gar nicht!“ Es kam mit einem leicht verächtlichen Achselzucken heraus; ich hatte es nicht anders erwartet. Jetzt war sie mein. Trotzdem war noch nichts geschehen, die Situation durchaus unverfänglich.

Das Stubenmädchen trat herein: „Haben die Herrschaften noch Wünsche?“

„Nein, Sie können gehen!“

„Was würden Sie sagen, wenn ich so frech wäre und Sie bäte, Ihr Haar zu öffnen?“

(Ich brauchte diese Frage, bevor ich die Schlinge zuzog, denn ein Refüs wäre zu lächerlich.)

„Heute, am Begräbnistage Ihrer Frau?!“

(Ein Scheinhieb.)

„Ausser dem Tode gibt es auch noch das Leben“, schauspielerte ich weiter. Trotzdem empfand ich eine leichte Kontrawelle, aber was vermochte sie gegen die Gewalt, die bereits über mich entschieden hatte.

„Also, wenn Sie wollen, wenn ich Sie damit trösten kann?“

(Aha, der versteckte Stachel gegen den Witwer, ihre letzte Parade.)

„Wie dumm ist dieses Weib .... eine wie die andere ....“ Irgendwoher stieg dieser Gedanke in mir auf. Melitta erhob sich und nestelte an ihrer Frisur.

„Wird das Mädchen nicht kommen?“ sprach ich sehr ruhig und ganz leise.

(Das war ein Riegel und zugleich Vorsorge, dass das Geplänkel nicht noch weiss Gott wie lange dauerte. Ausserdem fühlte ich die Ordnung in meinem Kopfe schwinden.) Leise kam es aus ihrem Munde:

„Wir sind sicher.“ (Was kann man mehr verlangen?) Zwei prachtvolle, rotbraune Flechten fielen ihr den Rücken hinab. Sie trat hinter den hohen Schutzschirm am Kamin und löste ihr Haar völlig.

Ich war überrascht, trotzdem übertrieb ich. Detaillierte Sachkenntnis gab ich zum besten, tropfenweise goss ich leidenschaftliche Ausdrücke dazu. Mir war es ja gar nicht so um das Haar zu tun.

Eine Beklemmung presste mir den Schlund zusammen. Ich sah es kommen, wenn ich noch viel redete, würden meine Worte idiotisch.

„Ihr Haar ist einzig, darf der Künstler nicht mehr sehen? Bitte, bitte“, schmeichelte ich und bemerkte, wie sehr Melitta verwirrt wurde.

„Sie verlangen weiss Gott viel“, meinte sie, auf kokette Weise indigniert. — Ihre Röte zeigte mir, dass ihr Widerstand schmolz. Mit zitternden Fingern durfte ich die Zofe ersetzen ....

Im Boudoir nebenan verbreiteten zwei kleine Wandleuchter gedämpftes Licht. Ich wollte sie ihrer Dumpfheit entreissen, zugleich freute ich mich über diese Dumpfheit. Ich spürte den berauschenden, im Traumland nur zu bekannten Duft — — meine Frau hatte für mich nie gelebt. — — — — — — —

Auf der Strasse war es ruhig, der nächtliche Sturm hatte sich gelegt; es war noch sehr nass und kalt. Ein Säbel rasselte, zwei Passanten kamen.

„Das Trinkgeld des Teufels“, hörte ich Castringius wohlbekanntes Meckern. Ich lief und lief, um möglichst weit von der Villa fortzukommen. Niemand, nichts konnte mich dahin zurückbringen.

Im Kaffeehaus trank ich einen starken Punsch, und sagte wie im Galgenhumor: „Endlich allein!“ Nach dem dritten Glase machte ich eine Bilanz über das, was ich im Leben erstrebte und erreicht hatte: Ein Blick ins Nichts. Ähnlich wie Brendel mit seinen Liebschaften ging es mir mit allem. Ich verfolgte Vorspiegelungen eines Glückes, das mich narrte. Ich wollte von dieser Affenkomödie nichts mehr wissen. Beim vierten Glase watete ich tief im Sumpfe der Selbstmordideen. Lieber gar nicht existieren, als ein Narr unter Narren sein.

Dabei folterte mich Reue über das zuletzt Geschehene. Ich leistete der Toten Abbitte. Seit einigen Stunden deckte sie die nasse Erde, eingeengt und verlassen in ihrem hölzernen Gefängnis, während ich die Last des lebendigen Fleisches schleppen musste. Selbst in dieser Stunde neckten mich zwischendurch laszive Gedanken, welche gleich Blasen in mir aufstiegen und zerplatzten.

Beim fünften Glase der Entschluss: „Hier mich vollsaufen, dann ins Wasser.“ Von dem vielen Tabakrauchen brannte mir die Zunge und brummte mein Schädel.

An dem Nebentische sprach man von der Mühle. Jakob, der abgängige Müller, war Ende voriger Woche noch gesehen worden, er hatte sich von der Fähre weiter unten übersetzen lassen; eine Strasse führt daselbst durch einen endlosen Urwald, ein noch unerforschtes, wildes Gebiet des Traumlandes. Nachts drangen wahre Höllensymphonien bis über den Fluss herüber. „Vielleicht hat sich der Müller verlaufen und ist irgendeiner Bestie zum Opfer gefallen“, das war die Durchschnittsansicht hier. Trotzdem zog man über den andern Bruder her und hängte ihm den schwersten Verdacht auf.

Ich trank einen schwarzen Kaffee und konstatierte, dass ich weder zum Selbstmord, noch zum Leben fähig war. „Ich werde ein vegetatives Halbleben zwischen den beiden Möglichkeiten führen und den Todesstoss wie ein Schlachtochse erwarten, lange kann er ja nicht ausbleiben.“ — Ein Blick in den Spiegel zeigte mir ein krankes, aufgeschwollenes Gesicht.

Der verzweifelte Erzähler sitzt am Wirtshaustisch
Der verzweifelte Erzähler sitzt am Wirtshaustisch

Es war drei Uhr morgens, da ass ich drei Portionen Schinken und extra noch einen Rosinenkuchen; ein Wolfshunger hatte mich gepackt. Als späte Gäste erschienen Castringius und de Nemi. Der Zeichner sah mich sofort, ich ergriff aber schnell „die Stimme“, und vertiefte mich darin. Beide verstanden, was ich damit sagen wollte. Gesperrt gedruckt stach mir mein Name in die Augen, ein kurzer Nachruf für meine Frau. Über die Zeitung hinweg musste ich immer auf Castringius’ Hände sehen, jetzt hing eine, die rechte, über die Stuhllehne, ein schauderhaftes Werkzeug; das musste eine Rückbildung sein, vielleicht eine Zwischenform. Aber Castringius gab zu verstehen, dass er zum Menschengeschlechte gezählt werden wolle. Schiffsschrauben nannte ich die kurzen, fleischigen Finger mit den breiten, hornigen Nägeln; sie waren gelb und rissig. Weil ich wusste, dass mich mein Kollege im Grunde nicht mochte, war ich ungemein höflich zu ihm.

Der Wirt kam an meinen Tisch; verschlafen frug er mich, ob ich meine Wohnung auch fortan beibehalten würde. „Um des Himmels willen, nein!“ Ich erklärte ihm, dass ich augenblicklich obdachlos sei, ob er etwas wisse? — „Gewiss, bei mir.“ Er hatte ein Zimmerchen, lang und schmal wie ein Gang. Hier schlief ich den Rest dieser Nacht, und hier blieb ich. Durch einen Vorhang abgetrennt stand in einem dunkeln Alkoven das Bett. — Der Raum kam mir so altbekannt vor, als hätte ich nie in einem andern gewohnt, er heimelte mich an mit seinen etwas schadhaften vergilbten Ledertapeten, dem altertümlichen Uhrkasten und dem bauchigen Kachelofen.

Todmüde schlief ich ein und wurde erst am übernächsten Tage geweckt, als man mein Zeichenpult herüberschaffte. — — —

Es überfiel mich ein Arbeitsdelirium; im nächsten halben Jahre produzierte ich unter dem Drucke des Schmerzes meine besten Sachen. Ich betäubte mich im Schaffen. Meine Blätter, in der düstern und fahlen Stimmung des Traumreiches gehalten, sprachen auf verborgene Weise mein Weh aus. Fleissig studierte ich die Poesie der dumpfigen Höfe, der verborgenen Dachkammern, der schattigen Hinterzimmer, staubigen Wendeltreppen, verwilderten, nesselbestandenen Gärten, die blassen Farben der Ziegel- und Holzpflaster, die schwarzen Schlote und die Gesellschaft der bizarren Kamine. Immer wieder auf neue Art variierte ich den einen melancholischen Grundton, das Elend der Verlassenheit und den Kampf mit dem Unverständlichen. Ausser diesen vielen Blättern, die ich unter die Leute und zum Traumspiegel brachte, machte ich aber auch anderes. Ein paar kleine Serien Arbeiten entstanden, nur für wenige bestimmt. Hier versuchte ich unmittelbar neue Formgebilde nach geheimen mir bewusst gewordenen Rhythmen zu schaffen; sie ringelten, knäuelten sich, und platzten gegeneinander. Ich ging noch weiter. Ich verzichtete auf alles bis auf den Strich und entwickelte in diesen Monaten ein seltsames Liniensystem. Ein fragmentarischer Stil, mehr geschrieben wie gezeichnet, drückte es wie ein empfindliches meteorologisches Instrument die geringsten Schwankungen meiner Lebensstimmung aus. — „Psychographik“ nannte ich dieses Verfahren und wollte später Erläuterungen dazu verfassen. Im Bezirke neuen Schaffens fand ich die Entlastung, die mir so not tat. Doch weit entfernt mit dem Schicksal ausgesöhnt zu sein, führte ich im Grund ein Zwitterleben.

Für das Ende meiner Frau habe ich, viele Nächte nachdenkend, nach Erklärungen gesucht. — Mich traf auch etwas die Schuld; sie war eine reale, gesunde Natur, welche in dem Boden dieses gespenstischen Reichs niemals Wurzel fassen konnte. Das hätte ich mir beizeiten sagen und lieber auf das ganze Abenteuer verzichten sollen.

Als ich wieder unter Menschen zu gehen anfing, erfuhr ich von allerhand Veränderungen. Im Traumreich ging es womöglich noch ärger drunter und drüber.

Eines Tages trug man Frau Goldschläger, die uns seinerzeit bedient hatte, tot aus dem Hause, die dritte Leiche in einem halben Jahr. — Den armen neun Kindern ging es nun schlecht.

Hektor von Brendel sollte ein Verhältnis mit der Lampenbogen eingegangen sein; ob die wohl zur „Reife“ gelangen würde? De Nemi ging zu Lampenbogen, weniger der Melitta als eines schlimmen Leidens wegen, einer Folge seiner galanten Anlage. Von Giovanni Battista hörte ich nur Erfreuliches; er war ein Meister seines Faches und der Friseur kaufte ihm eine Altersrente.

Ein starker Zuwachs machte sich nicht bemerklich, die paar Neuangekommenen fanden wenig Beachtung. Sie erzählten wohl viel von der Welt da draussen mit ihren Fortschritten und grossartigen Erfindungen. Das interessierte jedoch die Träumer nicht im mindesten, man sagte so obenhin: „Ja, ja, ist schon recht!“ und ging zu etwas anderm über. Uns erschien das Traumreich unermesslich und grandios, die übrige Welt kam gar nicht in Betracht, man vergass sie. Kein Mensch, der sich hier eingelebt, wollte wieder hinaus, „da draussen“, das war Schwindel, das gab’s gar nicht.

Eines späten Abends ging ich zum Flusse hinunter. Ich hatte vor, einige Nachtschnüre, zum Fang für Aalrutten bestimmt, auszulegen; Fischerei war eine Jugendleidenschaft von mir.

Um die Mühle knisterte und webte noch immer die sonderbare gasartige Substanz. Grünliche phosphoreszierende Streifen sah ich über die Wände huschen. Deutlich fühlbare, unangenehme Störungen beunruhigten mich in ihrer Nähe. Unter der Tür, an der ein Eulenkopf, eine lebendig gekreuzigte Fledermaus und ein Rehlauf als glückbringende Zeichen befestigt waren, unter dieser Tür stand der Müller. Die Glut seiner Pfeife leuchtete. Vor diesem verschlossenen Menschen hatte mich schon immer geschaudert, aber heute ging ich absichtlich kühn an ihm vorbei. Die Plätze für die Angeln hatte ich mir schon ausgedacht, gleich hinter dem grossen Rechen. Als ich eben auslegen wollte, hörte ich leise und deutlich eine Stimme aus nächster Nähe: „Pst, pst, Obacht! bitte mehr links zu gehen!“ Es war niemand zu sehen. Da gewahrte ich mit Schrecken ein dickes, rundes Gesicht in dem Sande zu meinen Füssen. Ich fürchtete schon wieder einen Teufelsspuk, aber es erklärte sich bald auf natürliche Weise: Ein Kriminal hatte sich hier eingegraben und belauschte den Müller. — Ich war erleichtert.

Nachdem ich meine Arbeit verrichtet hatte, ging ich wieder heim. An der Brücke blieb ich stehen, — ein eintöniges, gezogenes Singen hallte herüber. — In dieser Richtung lag die Vorstadt mit ihren niedrigen Häuschen. Dorthin war ich noch nie gekommen, ich hatte gerade genug Traumlandunterhaltung gefunden. Der Gesang griff mir eigenartig ans Herz, feierlich monoton klang es, ich lauschte stumm; eine merkwürdige Ruhe lag über dem Wasser. „Ich will doch demnächst hingehen“, nahm ich mir vor, und wieder wie so oft, dachte ich an Pateras grosse Geheimnisse, und was ich darüber wusste. Von solchen Dingen wird im nächsten Kapitel die Rede sein.

Dann ging ich auf ein Viertelstündchen ins Kaffeehaus. Anton war nicht zu zitieren. Eifrig sprach er zu einem Tisch voll Gäste und schwang in der Hand den Fremdenanzeiger der letzten Nummer der „Stimme“.

„Nun haben wir ihn, gestern ist er angekommen“, schallte es bis zu mir.

Endlich bemühte er sich auch dienstbeflissen um mich.

„Heute ist der Amerikaner angekommen“, berichtete er wichtig.

„Wer?“

„Nun der Amerikaner, ein Mann mit vielem Gold.“

FÜNFTES KAPITEL DIE VORSTADT

I.

Verschnörkelte, zackige Giebel, Strohdächer! Es war ein kleines Dörfchen, in das ich trat. Niedere Holzhäuschen, schrullig in ihrer Form, winzige Kuppelbauten, kegelförmige Zelte. Jede Wohnung war von einem gepflegten Gärtchen umgeben. Von ferne gesehen, wirkte diese Kolonie wie eine ethnographische Musterausstellung. Signalstangen mit Wimpeln und Glasscheiben, zahllose grosse und kleine groteske Figuren in Steingut, Holz, Metall standen herum, ein Durcheinander mit Moos bewachsen. Ehrwürdige Bäume verhüllten das meiste mit ihren tief herabhängenden Zweigen.

Hier waren die Ureinwohner des Traumlandes zu Hause. Eine eigentümliche Ruhe lag über allem. Die bizarren unverständlichen Gestalten auf ihren fremdartigen Holzaltären waren verwittert und fügten sich trotz ihren oft scheusslichen exotischen Formenkonglomeraten harmonisch in den umgebenden Frieden ein. Eine geraume Zeit wandelte ich da herum, bis ich auf die ersten Menschen stiess. Drei hochgewachsene, sehnige Gestalten kamen einen Hügel herab.

Auf meinen Gruss neigten sie ernst die rasierten Köpfe und wandelten ruhig weiter. Es waren Greise von deutlich mongolischem Typus, in matt-orangegelbe Tücher gehüllt. Bald sah ich andere. Regungslos, statuenhaft sass jeder anscheinend ohne Beschäftigung vor seiner Hütte. Einer hatte Gefässe mit Blumen vor sich, ein anderer betrachtete einen schlafenden Hund, ein dritter war in den Anblick einiger Steine versunken. „Über diese Leute schüttelt man in Perle den Kopf“, dachte ich. Man ging nie hieher, sie waren beinahe verachtet. Trotzdem war dieser Stamm sehr stolz, er leitete seine Herkunft in gerader Linie von dem grossen Dschingis-Khan ab. Allerdings erinnerte er in nichts mehr an diesen asiatischen Despoten. Was jetzt noch hier lebte, waren durchgehends alte Leute, die paar Frauen unter ihnen waren kaum zu unterscheiden; Haltung, Kleidung und Gesichtsausdruck glichen sich. Das schönste an diesen Menschen waren ihre leicht schräg gestellten Augen von strahlendstem Blau. Wie widersprach hier alles den Zuständen im übrigen Traumreich! Dort die Hast, hier die Ruhe. Doch mussten diese alten Leute auch ihren Kampf gehabt haben, tiefe Furchen in den Gesichtern sprachen davon.

Nach diesem ersten Besuch wanderte ich öfters über die Brücke zu den Blauäugigen. Obwohl mich niemand einlud, verwies man mich auch nicht. Immer mehr fiel mir der schroffe Gegensatz auf. Ich ruhte mich hier aus und beobachtete still. Die Abgeklärtheit machte einen tiefen Eindruck auf mich. Ich dachte darüber nach und versuchte, die Ergebnisse meinen andern Erfahrungen anzugliedern.

Stand ich doch schon seit sechs Monaten dem grossen Rätsel Pateras nicht mehr ganz blind gegenüber. Der alte Professor hatte in manchem recht. Das gesamte Traumland war einem Bann unterworfen, die Schrecken und der unleugbar humoristische Einschlag in unserm Leben standen in Verbindung. Der Meister steckte wirklich hinter allem und manifestierte sich häufiger als es angenehm war auf geheimnisvolle Weise. Der Gedanke, dass er der Lenker von fast 65 000 Träumern sei, war nicht von der Hand zu weisen, so ungeheuerlich er mir auch schien. Wo die Grenzen seiner Macht lagen, konnte ich unmöglich absehen, denn ich bekam noch genug Beweise, dass er auch allem tierischen und pflanzlichen Wesen seine Impulse mitteilte. Wir ahnten das auch sämtlich und nahmen es als ein besiegeltes Schicksal ruhig hin. Das Ganze war derart verworren, dass der spitzfindigste Geist daraus nicht klug werden konnte. Pateras Art blieb unergründlich, ebenso unverständlich die Macht, die uns im Traumlande zu Marionetten machte. Bei jeder Kleinigkeit fühlte man sie. Der Herr besass unseren Willen, trübte unsere Vernunft. Er bediente sich seiner puppenhaften Untertanen, aber wozu? Wir hatten doch keine Abgaben zu zahlen, schufen doch nichts für ihn? Es wurde immer dunkler, je mehr man darüber dachte. Sicherlich litt diese mysteriöse Persönlichkeit, er war Epileptiker, und wir alle empfanden seine Anfälle mit, das war der „Klaps“. Er wird altern, er wird sterben, was soll dann sein? Wird dann jeder Funke unserer eigenen Kraft mit verglühen? Wir brauchen ihn ja zu allem, nur um nicht umzusinken. Woher besass er diese masslosen Energien? — Nun lebte hier ein Überrest eines alten, vornehmen Stammes, seine Gewohnheiten waren den unseren entgegengesetzt, wie hingen diese mit dem Meister zusammen? Die Greise starrten stundenlang trockenen Auges in die Ferne, beugten sich tagelang über irgendwelche Kleinigkeiten, Steine, Knochen, Federn.

Niemals lachend, kaum miteinander sprechend, waren diese Blauäugigen die Verkörperung des vollkommensten Gleichgewichts. Davon zeugten die massvollen Gebärden, die gefurchten, den Stempel geistiger Kraft tragenden Gesichter. Ihre fast aussermenschliche Gleichgültigkeit liess sie wie ausgebrannt erscheinen. Teilnahmslose Anteilnahme — diese widersprechenden Worte fallen mir immer ein, wenn ich ihrer gedenke, und ich werde ihren Zauber bis in meine letzte Stunde spüren. Über das Alter der einzelnen wagte ich keine Schlüsse zu ziehen. Trotz greisenhaften, allen Gefühlen scheinbar unzugänglichen Mienen, konnte ich aus ihren gewissermassen von innen erleuchteten Blicken nichts bestimmtes lesen. — Auch ihre Zähne waren ohne Fehl — der übrige Körper hager, fast dürr wie ein Gerippe. Ihre Anzahl wird fünfzig schwerlich überschritten haben. Dreimal sah ich sie, wie sie ihre Toten bestatteten, dabei konstatierte ich, wie sehr sie sich von christlichen wie buddhistischen Anachoreten unterschieden. Die Leichen wurden in ihr Gewand gewickelt, mit Moos und Blättern in die Erde gebettet und überdeckt; die Grube wurde mit Erde wieder aufgefüllt. — Neben der Hütte, in der sie gelebt hatten, wurden sie verscharrt; ohne irgendein Zeichen zu errichten, ebnete man den Boden wieder. Da gab es keine Aufregungen, keine Gebete. — Allein aus der Beobachtung dieser eigentümlichen Dinge habe ich unermesslichen Gewinn gezogen.

Hier unterbreche ich den Fluss der Erzählung und Schilderung, um dem Leser die Philosophie der Blauäugigen so wie ich sie erfasste, nicht ganz vorzuenthalten.

Ein sechsarmiger Ureinwohner des Traumlandes in Meditation
Ein sechsarmiger Ureinwohner des Traumlandes in Meditation

II. DIE KLÄRUNG DER ERKENNTNIS

Was ich vor allem lernte war, den Wert der Indolenz zu schätzen. Diese zu erobern, erfordert für einen lebhaften Menschen die Arbeit eines Lebens. Hat man ihre Süssigkeit einmal erfasst, so hält man sie, wenn auch unter stetem Kampfe, für immer fest. Auch ich versuchte jetzt Steine, Blumen, Tiere und Menschen stundenlang gesammelt zu betrachten. Dabei wurde mein Auge geschärft, sowie es Geruch und Gehör schon waren. — Jetzt kamen grosse Tage — ich entdeckte eine neue Seite der Traumwelt. Die ausgebildeten Sinne beeinflussten allmählich den Gedankenapparat und formten ihn um. Einer überraschenden Art des Staunens wurde ich fähig. Herausgerissen aus dem Zusammenhang mit den andern Dingen gewann jeder Gegenstand eine neue Bedeutung. Dass so ein Körper aus der Ewigkeit bis zu mir reicht, das machte mich aufschaudern. Das blosse Sein, so und nicht anders sein, ward mir zum Wunder. Eines Tages wurde es mir vor einer Muschel überklar, dass sie gar nicht so plump existiert, wie ich bisher meinte. So ging es bald mit allem, mit der ganzen Welt. Die stärksten Sensationen kamen anfangs vor dem Einschlafen oder unmittelbar nach dem Erwachen, — also wenn der Körper müde war und das Leben in mir sich in einem Dämmerzustand befand. Eine nicht immer lebendige Welt musste nach und nach geschaffen werden und zwar immer neu.

Immer mehr fühlte ich das gemeinsame Band in allem. Farben, Düfte, Töne und Geschmacksempfindungen waren für mich austauschbar. Und da wusste ich es: — Die Welt ist Einbildungskraft, Einbildung — Kraft. Überall, wohin ich ging und was ich trieb, war ich bemüht, meine Freuden und Leiden zu verstärken, und heimlich lachte ich über beides. Wusste ich es doch jetzt sicher, dass das Hin- und Herpendeln ein Gleichgewicht darstellt; gerade bei der weitesten und heftigsten Schwingung kann es sich am deutlichsten fühlbar machen.

Einmal sah ich die Welt als ein teppichhaftes Farbenwunder, die überraschendsten Gegensätze alle in einer Harmonie aufgehend; ein andermal überschaute ich ein unermessliches Filigran der Formen. In der Finsternis umrauschte mich eine Orgelsymphonie von Tönen, worin sich pathetische und zarte Naturlaute zu verständlichen Akkorden ergänzten. Ja, ganz neuartige Empfindungen erfasste ich nachtwandlerisch. Ich entsinne mich jenes Morgens, da ich mir wie das Zentrum eines elementaren Zahlensystems vorkam. Ich fühlte mich abstrakt, als schwankender Gleichgewichtspunkt von Kräften — ein Gedankengang, der mir niemals wieder gekommen ist. Jetzt verstand ich Patera, den Herrn, den ungeheuren Meister. Nun war ich mitten unter den grossen Burlesken ein Hauptlacher, ohne zu verlernen, mit den Gequälten zu zittern. In mir war ein Tribunal, das alles beobachtete und da wusste ich, dass im Grunde gar nichts geschah. Patera war überall, ich sah ihn im Auge des Freundes wie des Feindes, in Tieren, Pflanzen und Steinen. Seine Einbildungskraft pochte in allem, was da war: Der Herzschlag des Traumlandes. Dennoch fand ich noch Fremdes in meinem Innern. Da fand ich zu meinem Schrecken, dass mein Ich aus unzähligen „Ichs“ zusammengesetzt war, von denen immer eines hinter dem andern auf der Lauer stand. Jedes folgende erschien mir grösser und verschlossener; die letzten entschwanden meinem Begreifen im Schatten. Jedes dieser Ichs hatte seine eigenen Ansichten. So war zum Beispiel vom Gesichtspunkt des organischen Lebens die Auffassung des Todes als Ende richtig, auf einer höheren Stufe der Erkenntnis gab es den Menschen überhaupt nicht, da konnte nichts zu Ende sein. Allgegenwärtig war der rhythmische Pulsschlag Pateras, er wollte, unersättlich in seiner Einbildungskraft, immer alles zugleich, die Sache — und ihr Gegenteil, die Welt — und das Nichts. Dadurch pendelten seine Geschöpfe so hin und her. Dem Nichts mussten sie ihre eingebildete Welt abringen, und von dieser eingebildeten Welt aus das Nichts erobern. Das Nichts war starr und wollte nicht, dann fing die Einbildungskraft an zu summen und zu schwirren, und in allen Skalen formte, tönte, roch und färbte es sich — da war die Welt da. Aber das Nichts frass alles Geschaffene wieder auf, da wurde die Welt matt, fahl, das Leben verrostete, verstummte und zerfiel, war wieder tot — nichts —; und wieder fing’s von vorne an. So war’s erklärlich, warum sich alles ineinander fügte, ein Kosmos möglich war. Das alles war furchtbar mit Schmerz durchwebt. Je höher man wuchs, desto tiefer musste man wurzeln. Will ich Freuden, dann will ich zugleich Leid. Nichts — oder alles. In der Einbildungskraft und dem Nichts musste der Urgrund liegen; vielleicht waren sie eins. Wer seinen Rhythmus erfasst hat, der kann ungefähr berechnen, wie lange Qual oder Leid für ihn dauern kann. Der Irrsinn, der Widerspruch müssen mitgelebt werden. Der Brand meines Hauses ist Unheil und Flamme zugleich. Der Leidende möge sich damit trösten, dass beides eingebildet ist. Patera, der auf beiden Seiten gewann, musste das ja auch.

Durch den verwandten Pulsschlag verstand ich auch die niedern Wesen. Ich wusste genau: dieser Kater hat schlecht geschlafen, jener Stieglitz hegt gemeine Gedanken. Diese Spiegelungen in mir regelten nun mein Tun und Lassen. Der Lärm der Aussenwelt hatte meine Nerven gerade so lange gepeitscht und empfindlich gemacht, bis sie für die Erlebnisse der Traumwelt reif waren.

Am Ende dieser Entwicklungen hat der Mensch als Einzelwesen aufgehört, man braucht ihn auch nicht mehr. Dieser Weg führt zu den Sternen.

III. DIE VERWIRRUNG DES TRAUMES

In dieser Nacht schlief ich mit grossen Gedanken ein. Weniger grossartig war mein Traum, den ich seiner Sonderbarkeit wegen doch hierher setzen möchte. Ich sah mich selbst am grossen Flusse stehen und sehnsüchtig nach der Vorstadt blicken, die ausgedehnter und pittoresker erschien, als sie wirklich war. So weit man sehen konnte, ein Gewirr von Brücken, Türmen, Windmühlen, Bergzacken, alles ineinander eingeschaltet und miteinander verbunden wie eine Luftspiegelung. Grosse und kleine, dicke und dünne Gestalten bewegten sich in diesem Gewirr. Wie ich so hinüber sah, fühlte ich, dass hinter meinem Rücken der Müller stand: „Ich habe ihn umgebracht“, raunte er und wollte mich ins Wasser stossen. Da zog sich mein linkes Bein zu meiner grossen Überraschung in die Länge, so dass ich ohne Anstrengung in das Gewimmel auf dem andern Ufer treten konnte. Und nun hörte ich um mich herum ein vielfaches Ticken, und gewahrte eine Menge flacher Uhren der verschiedensten Grössen, von der Turmuhr bis zur Küchenuhr und kleinsten Taschenuhr hinab. Sie hatten kurze Stummelbeine und krochen wie Schildkröten unter aufgeregtem Ticken durcheinander auf der Wiese umher. Ein in grünes weiches Leder gekleideter Mann, mit einer Mütze, welche wie eine weisse Wurst aussah, sass auf einem entlaubten Baume und fing aus der Luft Fische. Er hing sie dann an den Zweigen auf und im Nu waren sie gedörrt. — Ein alter Kerl mit abnorm grossem Oberkörper und kurzen Beinen näherte sich; bis auf ein paar beschmierte Arbeiterzwilchhosen war er nackt. Er hatte zwei lange senkrechte Reihen von Brustwarzen — ich zählte achtzehn —. Nun zog er seine Lungen schnaufend voll Luft, bald schwoll die rechte und bald die linke Brust mehr an, dann spielte er mit den Fingern auf diesen achtzehn Warzen die schönsten Harmonikastücke. Dabei bewegte er sich taktmässig nach der Melodie wie ein Tanzbär, während er die Luft wieder ausstiess. Schliesslich hörte er auf, schneuzte sich in die Hände und schleuderte sie von sich. Dann wuchs ihm ein ungeheurer Bart, in dessen Gestrüpp er verschwand. Nebenan in einem Dickicht stöberte ich eine Anzahl fetter Schweine auf; im Gänsemarsch liefen sie vor mir davon und wurden immer kleiner und winziger, bis sie laut quiekend in einem Mausloche am Weg verschwanden.

Die Traumgebilde des Erzählers
Die Traumgebilde des Erzählers

⇒ GRÖSSERES BILD

Hinten am Flusse sass der Müller — mir wurde unbehaglich —; er studierte ein gewaltiges Zeitungsblatt. Nachdem er es gelesen und gefressen hatte, dampfte Rauch aus seinen Ohren, er wurde kupfrig, stand auf und hielt sich seinen Hängebauch mit beiden Händen, während er das Ufer auf- und niederstürmte. Dabei blickte er wild um sich und stiess schrille Pfiffe aus. Endlich fiel er wie vom Schlage getroffen zu Boden, erblasste, sein Leib wurde licht und durchsichtig, und man sah deutlich in seinen Eingeweiden zwei kleine Eisenbahnzüge herumsausen; sie schienen sich fangen zu wollen, blitzschnell wurde eine Darmschlinge nach der andern durchfahren. Kopfschüttelnd und etwas verblüfft wollte ich dem Müller meine Hilfe antragen, die Worte wurden mir aber von einem Schimpansen abgeschnitten, der um mich mit grösster Geschwindigkeit eine ringförmige Gartenanlage pflanzte, wobei dicke apfelgrüne Strünke wie Riesenspargel dichtgedrängt aus dem feuchten Boden sprossen. Ich fürchtete in diesem lebenden Zaun wie in einem Käfig gefangen zu werden, wurde jedoch, ehe ich mir recht überlegte was zu tun sei, befreit. Der tote Müller, nun nicht mehr durchsichtig, hatte in Krämpfen einen Kranz von vielen Hunderttausenden milchiger, weisser Eierchen gelegt, aus denen sich Legionen von Schnecken entwickelten, die ihren Erzeuger sogleich begierig auffrassen. Ein durchdringender Geruch von Selchfleisch verbreitete sich und brachte die fleischigen Stengel zum Faulen, so dass sie in sich zusammenfielen. In der Ferne verschwand die Vorstadt in einem Gespinst violett schimmernder Fäden.

Ich bemerkte eine kolossale Muschel, die wie ein Felsenriff am Flussufer lag; ich sprang auf ihre harte Schale. Da, ein neues Unheil! die Muschel öffnete sich schwerfällig, mein Standort wurde abschüssig, in ihrem Innern zitterten gelatineartige Massen — — — — — — — ich erwachte. —

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