DRITTER TEIL DER UNTERGANG DES TRAUMREICHES
Reading edition
ERSTES KAPITEL DER WIDERSACHER
I.
Herkules Bell aus Philadelphia machte viel von sich reden. Dieser Milliardär geizte keineswegs mit seinem Reichtum, das Traumland wurde von ihm mit Gold geradezu überschwemmt. Unsere verrottete Geldwirtschaft muss ihm ein Greuel gewesen sein. Er setzte sich mit Alfred Blumenstich ins Einvernehmen und bald merkte man, dass wir neu finanziert wurden. Kein Mensch wollte mehr Papier nehmen, niemanden durfte man die grünspanigen, ausser Kurs gesetzten Münzen anbieten. Infolge dieser Verwaltung wuchs für eine Zeitlang die Üppigkeit, ein unsinniger Taumel ergriff Perle. Tag für Tag veranstalteten die Reichen luxuriöse Feste, das Volk hockte dichtgedrängt in den Schenken, trank und stank. — Überall liess man den „Amerikaner“ — wie er allgemein genannt wurde — hoch leben, feierte seine Grossmut und Freigebigkeit.
Es ging schon auf den Herbst zu. Froh über meine geistige Klärung, gönnte ich mir Erholung.
Der Amerikaner hatte sein Hauptquartier in der „Blauen Gans“ aufgeschlagen, wo er für eine hohe Summe die erste Etage gemietet hatte. Um ihn zu sehen, ging ich eines Abends im Gesellschaftsanzug zum Hotelrestaurant.
Hier fand ich bereits Castringius und Herrn von Brendel anwesend und hatte Gelegenheit, meinen Kollegen von einer mir noch neuen Seite kennen zu lernen.
Castringius hatte in der langen Zeit, da ich ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen, Bekanntschaft mit dem Baron von Brendel gemacht. Der Künstler, welcher mich rollenden Blicks sofort erkannte, tat zu meiner Verwunderung sehr fremd und von oben herab. Als kenne er mich nur von ungefähr, dankte er kurz und etwas abweisend für meinen Gruss, um sich sogleich wieder abzuwenden. Das musste mir einigermassen auffallen. „Was hat er?“ dachte ich, „ich habe ihn doch nie beleidigt; sonst war er immer beinahe aufdringlich? Gesehen haben wir uns doch fast vier Monate nicht? — Komisch.“ Über Brendels Anwesenheit freute ich mich aufrichtig. Er war in die Speisekarte vertieft und bemerkte mein Eintreten nicht sogleich, sprang aber, als er mich erkannte, freudig auf und lud mich herzlich ein, an seinem Tische Platz zu nehmen. Der Zeichner hob zuerst befremdet die Augenbrauen, erkannte aber die Situation rasch, und nun schmolz sein Hochmut. Er streckte mir die Schiffsschrauben entgegen. Die Sache war die: Castringius hatte keine Ahnung, dass ich Brendel längst intim kannte, er wollte seinen Brendel für sich haben. Da dies nun nicht mehr anging, fügte er sich den neuen Umständen, — ein Genie der Anpassung. Als er sich einmal eine Weile vom Tisch entfernte, jammerte Brendel über seinen neuen Freund, der eifersüchtig seine Schritte bewache. Er begleite ihn zu jedem Rendez-vous, wo er dann behaupte, „er könne ja in der Nähe warten“. Hie und da verwende er den Zeichner als postillon d’amour, aber auch da habe er eine sonderbare Art, die Aufträge auszuführen. „Ich werde ihn nicht mehr los!“ klagte er ergeben, „ausserdem ist er von einer unglaublichen Kordialität — ach, man macht so seine Erfahrungen!“
„Ja, eine echte Künstlernatur“, tröstete ich lachend den Baron.
Es wurde übrigens diesen Abend noch recht lustig. Brendel liess Champagner bringen und Castringius klopfte mir gönnerhaft auf den Schenkel, wobei er sagte: „Ja, da schauen Sie, was?“ Er wusste nicht, dass Alkohol mir in jeder Erscheinungsform gleichgültig war.

Im grossen Saale nebenan war Lärm. Man hörte Reden und Applaus — der Amerikaner hatte eine Versammlung einberufen. „Ordnung wird er noch ins Traumreich bringen!“ soll er geschworen haben. Später sah ich ihn selbst, wie er durch das Lokal ging. Seine Erscheinung werde ich nicht vergessen. In die Saaltüre trat ein Mann anfangs der Vierziger mit untersetzter Figur und breiten Hünenschultern. Sein Gesicht schien wie eine Kombination von Geier und Stier. Alle Formen waren leicht aus der Symmetrie geschoben; die Hakennase nach einer Seite gedrückt, ein betontes Kinn, eine hohe, schmale, sehr kantige Stirn gaben dem Kopf etwas schief Verwegenes. Sein schwarzes Haupthaar war am Scheitel gelichtet. Er trug einen Frack. Mit kurzen elastischen Schritten ging er an unserem Tisch vorüber, Castringius grüsste zuvorkommend und erhielt zum Dank ein kurzes Nicken. Der Amerikaner erregte die Aufmerksamkeit des ganzen Restaurants.
„Das ist ein Kerl, wenn man an den heran könnte, Geld wie Heu“, bemerkte Castringius, ihm gedankenvoll nachblickend. „Der geschworene Feind Pateras, mir sagte es unser Redakteur —“, zugleich schenkte er sich sein Glas voll. Skeptisch lächelnd stiess Brendel mit ihm an und sagte dazu: „Also, gut bekomm’s ihm und Ihnen.“ — — Mit jedem Glase wurde nun Nik wohlwollender. Als dann gar die Zigeunerkapelle mit dem Cymbal ankam, knackte er mit seinen Zähnen Nüsse, schlug sich auf seinen wolligen Negerschädel und rief dem Primas zu: „Hier sehen Sie den Mann mit dem Löwengebiss.“ Auf Brendels erstaunte Blicke erklärte er: „Ein guter Freund von mir, soll ich ihn einladen?“ Brendel meinte, nun könne ich es bestimmen, da ich auch anwesend sei. Ich aber fand den Zigeunerprimas schrecklich. Dann vernahm man wieder den Trubel der Versammlung, übertönt von der Stentorstimme des Amerikaners.
Beim Umschauen bemerkte ich einen alten Bekannten: Professor Korntheur. Feierlich gekleidet mit einer hellen, seidenen Weste, einer bis ans Kinn gehenden Krawatte, sass der alte Herr in einer Seitennische; er hatte eine Flasche Burgunder vor sich. Ich war aufgestanden und ging hin, ihn zu begrüssen. Er machte einen festlichen, freudigen Eindruck und bot mir einen Stuhl an. „Nur auf einen Moment“, sagte ich und setzte mich. „Was ist Ihnen denn Angenehmes widerfahren?“
„O, Sie ahnen ja gar nicht, lieber Herr, ich habe sie, sie gehört mir, heute ist ein grosser Tag!“ und ekstatisch leuchteten seine guten Augen auf. „Zehn Jahre lang habe ich sie gesucht und endlich gefunden. Sie ahnen nicht, was das für einen alten Mann bedeutet! Das verjüngt! Neues Leben flutet durch die gebrechlichen Glieder! Nie mehr werde ich Acarina Felicitas von meiner Seite lassen.“
Ich gratulierte. — („Ein Johannistrieb?“ dachte ich. „Schau, schau, das hätte ich dem würdigen Herrn gar nicht zugetraut. Wohl eine Sängerin aus dem Variété? Nun ja, es mag ganz nette darunter geben.“)
„Warum haben Sie sie denn nicht gleich mitgebracht?“ frug ich, und bedauerte innerlich den Alten. („Die wird ihn schön wurzen“, dachte ich.)
„Aber hier habe ich sie ja“, rief er mit Pathos und zog eine kleine, mit Silberpapier beklebte Schachtel aus der Rocktasche.
„Eine Photographie? Ein Medaillon? Bitte, lassen Sie mich sehen“, bat ich.
„Nein, meine angebetete Acarina Felicitas selbst, da sitzt sie, in der Ecke!“
Und da in der Schachtel hockte wirklich ein kleines, schmutziggraues Insekt, die verdammte Staublaus. — Ich begriff.
— Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen. —
Als wir gingen, frug ich den Hotelier, was denn nebenan so geräuschvoll beschlossen worden sei.
„Ja, das kann ich Ihnen schon sagen,“ meinte er geheimnisvoll, „heute wurde ein Verein ‚Luzifer‘ gegründet.“
Castringius, zu vier Fünftel gefüllt, wollte uns partout zu Mme Adrienne führen. Wir lehnten ab. „Dann geht der Künstler solo“, sagte er, wendete seinen kaffeebraunen Rock und stolzierte, das Futter nach aussen, gravitätisch von dannen. Sein letztes Wort war: „Gute Nacht, Unmündige!“
II.
Der reiche Amerikaner machte immer mehr von sich reden. Jeden Nachmittag galoppierte er auf einem schwarzen Hengst durch die Lange Gasse, wir konnten vom Café aus sein verächtliches Lächeln deutlich sehen, während sich die blassen Traumstädter in die Haustore und Winkel flüchteten, um diesem rücksichtslosen Reiter auszuweichen. An der Badeanstalt band er sein Tier fest, dann entkleidete er sich und zu Pferd ging’s in die Fluten. Mit Leichtigkeit bändigte dieser Athlet das sich bäumende Tier. — Einmal kam er nach einem solchen Bad auch in unser Kaffeehaus. Er bestellte mehrere Getränke, die es hier gar nicht gab und schimpfte infolgedessen. Endlich beruhigte er sich ein wenig bei Grog. Ich konnte ihn jetzt aus nächster Nähe beobachten, sein scharfes, diabolisches Profil war gerade vor mir. „Sicher, ein ganz gefährliches Individuum“, musste ich mir sagen. Verwachsen mit ihm war eine kurze Pfeife, doch trug er noch zwei ungeheure Etuis mit dicken Zigarren bei sich — „Propaganda-Zigarren“ nannte er sie selbst. — Jedem offerierte er ein Stück; nahm man an, so gehörte man schon zur Hälfte ihm. Dann kam er mit seinen Theorien und seinen Vereinen, auch im Kaffeehaus warb er Anhänger. Der von ihm gegründete sozialpolitische Verein „Luzifer“ wurde in der „Stimme“ gebührend begrüsst, das Amtsblatt schwieg sich darüber aus. Viel erzählte er von der Welt draussen, er sprach zu uns allen und blickte fortwährend herum, wie wenn er den Eindruck seiner Reden abschätzen wollte. Manche seiner Worte weiss ich noch. „Euch fehlt die Sonne, ihr Narren! Es geschieht euch recht, wenn ihr das ganze Leben verliert, warum wehrt ihr euch nicht? Seht mich an, ich spucke auf euern Patera!“ Und hohnlachend schlug er mit der Faust auf den Tisch. Die Zuhörer duckten sich erschrocken, sie fürchteten wohl alle, dass jetzt ein Blitz niederfahren müsse zur sofortigen Bestrafung einer solchen Blasphemie. Scheu senkten sie die Augen. — Unser Wirt bekreuzte sich mehrmals hastig, klopfte sich auf die Brust und murmelte Stossgebete. Anton hockte sich beim Ofen nieder und flüsterte zweimal: „Kreuzteufel, Kreuzteufel!“ — Die Schachspieler waren die einzigen Unberührten.
Der Amerikaner verfolgte den Eindruck seiner Worte, spie auf den Boden, warf ein Goldstück auf den Tisch und schritt voll Verachtung hinaus.
Brachte er auch nicht alles auf seine Seite, auf jeden Fall weckte er die Traumstädter zu einem politischen Leben; damit richtete er aber mehr Unheil an, als vielleicht in seiner Absicht gelegen hatte. Vereinigungen und Gruppen schossen wie Pilze in die Höhe. Alle wollten etwas anderes: Wahlfreiheit, Kommunismus, Einführung der Sklaverei, der freien Liebe, direkten Verkehr mit dem Ausland, noch strengere Abschliessung, keine Grenzüberwachung — die entgegengesetztesten Bestrebungen traten zutage. Religiöse Klubs bildeten sich, Katholiken, Juden, Mohammedaner, Freigeister taten sich zusammen. Nach den verschiedensten Gesichtspunkten, politischen, kommerziellen und höher geistigen, spalteten sich die Bewohner Perles in Gemeinschaften, die oft nur drei Personen zählten.
Das hatte der Amerikaner nicht erwartet, diese Geister wollte er nicht zitieren.
„Ihr vernunftlosen Schatten seid zu gar nichts mehr zu gebrauchen, euer Mark ist beim Teufel, euer bisschen Verstand dem Schwindel verfallen!“ So liess er sich allenthalben vernehmen.
Ein grosser Fremdenzuzug aus dem Auslande brachte um diese Zeit sehr viel Merkwürdigkeiten und Missverständnisse mit sich. — Die Neuen fanden nämlich hier schon ihren Doppelgänger vor; das gab zu allerhand Neckereien und Ärgerlichkeiten den Anstoss, denn nicht nur in Figur und Haltung glichen viele eben angekommene Träumer schon längst vorhandenen, sondern sogar in der Kleidung schien die Absicht eines Kopierens des Vorbildes massgebend gewesen zu sein. Es war lächerlich, aber es liefen sozusagen zwei Alfred Blumenstiche, zwei Brendels, mehrere Lampenbogens herum. — Man stürzte ins Café, um einen guten Bekannten, den man länger nicht gesehen, zu begrüssen. Fremdes Erstaunen — es war nicht der Richtige. — Lampenbogen ging auf der Strasse — ich zog den Hut, an der nächsten Ecke schon wieder Lampenbogen! Unsern Caféwirt sah ich eines Tages viermal hintereinander und dabei hätte ich geschworen, dass er in seinem Lokal auch noch war. Ich musste übrigens auch ein anderes „Ich“ haben, denn öfters erhielt ich einen scherzhaften Schlag auf die Schulter und sah einen fremden Mann, der sich missvergnügt entschuldigte.
Eines Tages geriet ich in grosse Aufregung. Ich begegnete in der Krämergasse, einem dunkeln Spalt, der vom französischen Viertel zum Grünmarkt führte, einer Dame, die meiner verstorbenen Frau wie ein Auge dem andern glich. Schmerzliche Erinnerungen wurden wach, ich folgte ihr, bis sie in einem Haus mit hohem altfränkischem Giebel verschwand. An der Türschwelle sah sie sich nach ihrem Verfolger um — diese Ähnlichkeit bis in jede kleinste Bewegung war konsternierend. Ich sah sie nun öfter und gestehe, dass ich ihr auch ein bisschen aufgelauert habe. Ganz heimlich und mir selbst noch uneingestanden überlegte ich, ob nicht vielleicht ein zweites Glück möglich wäre — bis ich sie dann eines Tages am Arm eines vierschrötigen Mannes mit langem Künstlerhaar und Schlapphut sah. Ich erkundigte mich in ihrem Hause, sie war die Gattin eines Hoforgelbauers. Ich kam mir wie genarrt vor. Man konnte jetzt bei dem leichten Herbstregen, der in seinem Schimmer alles auflöste, nicht vorsichtig genug sein, um Täuschungen vorzubeugen. Unter falschem Namen machte ein Castringius II. in allen Kneipen Schulden, bis man auch dem echten nichts mehr borgte.
„Die Liga der Freude“ wurde bei einem grossen Fest im ehemaligen Theater von Mitgliedern der reichen Klassen gegründet. Melitta spielte hier eine besondere Rolle und genoss ihre traurige Berühmtheit. Einmal brannte sie durch und trat eine Woche Tag für Tag im Variété in einer Entkleidungsszene, „die neue Eva“ auf. Obgleich das Gesicht von einer Maske bedeckt war, erkannte sie jedermann. Dieser Skandal brachte Lampenbogen und Brendel einander näher. Beide sahen sich in ihrer Ehre gekränkt und gemeinsames Leid trägt sich leichter. Brendel war ihr gänzlich verfallen, er konnte nicht mehr „wechseln“. Hohläugig und bekümmert ging er einher und wich auch mir aus — er schämte sich. Melitta dagegen, unersättlich in ihren Gelüsten, fürchtete die Schande nicht. Sie schmachtete auch nach dem Amerikaner. Seine starken Schultern, seine gesunde, im Traumreich seltene Hautfarbe lockten sie. Man hat gesehen, wie sie vor ihm herging, die Röcke bis über das Knie raffte und nacheinander Taschentuch, Lorgnon und Portemonnaie fallen liess. Ungalant reagierte der Mann des Westens auf diese Scherze nicht, und als sich die schöne Dame selbst bückte, dem Menschenbändiger ihre Kruppe bittend zugewandt, sagte dieser kalt: „Na, Kleine, mach’ Platz!“ und schob sie zur Seite. Hasserfüllt hetzte sie jetzt Brendel auf den Hartnäckigen, doch ohne Erfolg. Der Amerikaner liess antworten, er pflege sich ausschliesslich mit der Hundspeitsche zu schlagen. Damit war auch dieser Skandal erledigt.
Am meisten Erfolge hatte der Verein „Luzifer“ mit Werbungen bei den neuzugezogenen Träumern. Diesen war es meist zuwider, sich in die alten, komischen Kleider stecken zu lassen. Auch der sonstige unmoderne Kleinkram, das schon historische Möbelzeug usw. behagte ihnen wenig. Solche Leute schlugen sich zur Partei des Amerikaners.
Ich wunderte mich manches Mal, dass der wahre Meister so tatenlos diesem Treiben zusah, das der bisherigen Leitung des Traumstaates so offen widersprach. Unser Caféwirt, neutral in der Gesinnung, meinte pfiffig: „Sie, der ist schlau!“
Die Grenzüberwachung funktionierte nach wie vor gut, aber innerhalb der Mauern war alles wie geladen von drohendem Unheil. Schwül und drückend, wie früher nie, war die Luft; ein fahler, heller Glanz lag über unserer Stadt, es drangen sogar einige Male schräge Sonnenstrahlen durch den sonst unbeweglichen Wolkenschleier. Dieses unangenehm blendende Licht war sehr unheimlich, wir waren keine Sonne mehr gewohnt, ein erfrischender Regen wäre uns weit lieber gewesen.
Die Zeit schien ein anderes Tempo angenommen zu haben. Überall auf den Strassen standen Gruppen angstvoll aufgeregter Menschen beisammen, was dem sonst ruhigen Perle den künstlichen Anstrich einer verkehrsreichen Stadt gab. Hastig warfen sich Parteigänger Erkennungsworte zu. Im grossen und ganzen fiel alles, trotz der Uneinigkeiten im einzelnen, in zwei grosse Gruppen auseinander: in solche, die noch an den Herrn glaubten, und in die andern, die dem Amerikaner ihr Ohr liehen. Unbedingt verlässlich waren diese Elemente allerdings nicht, das wusste er auch. Er betrieb daher seine Propaganda weiter.
Wie meine Leser sich erinnern werden, gab es in Perle zwei Tageszeitungen und die illustrierte Wochenschrift. Das Amtsblatt war natürlich für den neuen Machthaber nicht zugänglich, es hielt sich regierungstreu bis auf die letzte Zeile. Hingegen wirkte er nach Kräften auf die „Stimme“ ein, mit dem Erfolge, dass die Redaktion die Verantwortung für die aufrührerischen Artikel am Schlusse eines jeden unumwunden ablehnte. Diesem Doppelspiel musste sich unser Redakteur fügen, dem es wohl auch nicht allzu schwer geworden sein mag. War er doch seit jeher der heimliche Leiter aller drei Blätter, die erschienen und drei verschiedene Tendenzen verfolgten.
Wir zwei Zeichner mussten nach wie vor unsere Arbeiten in der bisher üblichen Traumspiegelmanier weiter liefern; Castringius versuchte allerdings oft genug, versteckt dem Amerikaner zu huldigen. Er zeichnete ihn als Riesen, wie er in goldener Rüstung dastand und Staatspapiere und Obligationen in seine Pfeife stopfte; bis er eines Tages eine Karte von Herkules Bell erhielt, auf welcher nur ein Wort stand, nämlich „Esel“!
Auf einmal verbreitete sich das Gerücht, der Amerikaner wolle mit grossen Summen die „Stimme“ und den „Traumspiegel“ kaufen und selbst herausgeben. Zuvor führte er seinen Hauptschlag aus: die Proklamation. Dazu musste unser armer Redakteur und Druckereibesitzer erst vergewaltigt werden. „Das drucke ich nicht!“ versicherte er zuerst angstvoll. Doch der Unhold lachte nur und blies dem ängstlichen Pflichtmenschen seinen Tabakrauch ins Gesicht.
„Sie werden das sofort auf knallrotes Papier drucken“, brüllte er ihn an.
Der Misshandelte warf sich auf die Knie nieder und winselte: „Gnade! Gnade! Aber das kann ich nicht drucken, das wäre mein Tod!“
Da zog der Unerbittliche einen Revolver aus der Tasche, hielt ihn dem Ärmsten an das Ohr und schrie: „Wenn Sie nicht sofort gehorchen, knalle ich los!“ Schlotternd und kreideblass nahm der Redakteur das Blatt: „Ich bin Familienvater“, jammerte er, wobei Tränen seine Wangen hinunterliefen.
Der Amerikaner überwachte selbst den Druck; ging’s ihm zu langsam, so schoss das Scheusal in die Luft. Bis abends waren sechstausend Proklamationen fertig, für mehr hatte das rote Papier nicht gereicht.
„Nun, Sie Kindskopf, was ist denn jetzt passiert?“ fragte er den noch immer tiefbekümmerten Herausgeber. Jedem Angestellten der Druckerei aber gab er hundert Gulden in Gold.
III.
Das hier abgedruckte Exemplar der Proklamation erhielt ich von einem russischen Offizier, der dabei war als das Traumreich erobert wurde. Er hat sie mir zum Abdruck liebenswürdig zur Verfügung gestellt.
PROKLAMATION!
Bürger von Perle!
Als ich hierher kam, dachte ich ein Land von feenhafter Pracht zu schauen! Euch ging es wohl allen ebenso. Sieben Jahre lang wandte ich mich mit Bitten um Aufnahme in den Traumstaat an Patera. Endlich gewährte er meinen Wunsch; doch es wäre für mich besser gewesen, wenn er auf seiner Weigerung bestanden hätte. Ich fand ein Reich, in welchem der Unsinn herrscht! Nur das grosse Mitleid mit euch veranlasst mich, euch die Augen zu öffnen. Ist euer Leben schon verdammt? Nein! Und noch einmal nein! Aber ruhelos, unglücklich seid ihr! Das müsst ihr mir zugeben, alle, jeder! Einem Schwindler seid ihr in die Falle gegangen, einem Hochstapler, einem Magnetiseur! Er hat euch um eure Gesundheit, euer Hab und Gut und euern Verstand gebracht! Unglückliche! Ihr seid einer Massenhypnose verfallen! Keiner gehorcht mehr seiner eigenen Vernunft. Nein, die fremde Suggestion in seinem Schädel hält er für eigene Gedanken! So lasst ihr euch zu Tode hetzen und dieser Teufel findet daran seinen Spass!
Aber noch ist es Zeit zur Rettung! Jeder, der noch einen Funken Kraft in sich hat, unterstütze mich in meinem Vorhaben.
Merkt nun auf, was ich euch zu sagen habe. Der Bann ist abzuschütteln! Ihr braucht nur ernsthaft zu wollen und ihr seid frei! Schart euch um mich, bildet Bataillone und stürmt den dreimal verfluchten Palast! Ich setze einen Preis von
einer Million Gulden
auf das Haupt dieses Satans. Wisst ihr denn, in was für Häusern ihr wohnen müsst? Ich kann es euch sagen: Es ist fast keines darunter, das nicht von Verbrechen, Blut und Gemeinheit besudelt worden wäre, bevor es auf seinen jetzigen Platz gebracht wurde. Der Palast ist zusammengeflickt aus Trümmern von Stätten, die der Schauplatz blutiger Verschwörungen und Revolutionen waren. Patera ging beim Sammeln bis auf die ältesten Zeiten zurück. Bruchstücke vom Escurial, von der Bastille, von altrömischen Arenen wurden zu seinem Bau verwandt, Steinblöcke vom Tower und vom Hradschin, vom Vatikan und vom Kreml sind auf sein Anstiften gestohlen, losgebrochen und hierhergeschleppt worden.
Wo es menschliches Unglück gab, dahin streckte euer Meister seine Fühler. Das Kaffeehaus in der Langen Gasse war noch vor fünfzig Jahren ein verrufenes Wiener Vorstadtcafé, die Molkerei eine oberbayerische Räuberhöhle. An der Mühle, die in Schwaben gekauft wurde, klebt seit zweihundert Jahren das Blut eines Brudermords! Dies sind nur Beispiele, ich will euch nicht die Ergebnisse aller meiner Nachforschungen mitteilen. Es mag euch die Versicherung genügen, dass Patera in den ekelhaftesten Teilen der Grossstädte die meisten seiner geheimnisvollen Häuserkäufe betrieb. Paris, Stambul etc. gaben ihr Scheusslichstes!
Bürger! Nun, da ich euch die Augen geöffnet habe, schliesst sie nicht wieder! Noch einmal fordere ich euch alle auf, den Sturz dieser Bestie zu beschleunigen. Einen Rat gebe ich euch! Hüte sich jeder vor dem Schlaf! Das ist die Zeit, in welcher der Herr euch knechtet! In der Ohnmacht des Schlafes seid ihr ihm ausgeliefert, da bläst er euch seine tückischen Ideen ein, erneuert und verstärkt er täglich seinen infernalischen Bann und zerstört euren Willen. Ich bin überzeugt, in allen von euch noch einmal glückliche und zufriedene Menschen zu sehen!
Die grosse Welt da draussen hat einen Riesenschritt dem Lichte der Zukunft entgegen getan! Ihr seid zurückgefallen und hockt in einem Sumpf. Keinen Anteil habt ihr an den herrlichen Erfindungen unserer neuen Zeit, den zahllosen Erfindungen, welche Ordnung und Glück verbreiten, steht der Träumer fremd gegenüber! Bürger, ihr werdet staunen, wenn ihr hinauskommt! Das Blau des Himmels, das Grün der Wiesen wird euch wieder zulächeln, die Sonne wird wieder Rosen auf eure matten Wangen zaubern, unsägliche Freude werdet ihr wieder an euren Kleinen erleben und an den sterilen Schmutz des Traumstaates nur mit Abscheu zurückdenken. Hütet euch vor jeder List dieses verbrecherischen Schauspielers!
Nieder mit Patera! sei euer Schlachtruf!
Werdet alle Söhne Luzifers!
Dixit
Herkules Bell.
Für diese Proklamation machte Castringius eine Kopfzeichnung: Eine Freiheitsgöttin mit Diadem hält eine Tafel, auf deren Rückseite die Worte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gesellschaft, Wissenschaft, Recht zu lesen waren. In ihrem Kopfschmuck steckte die amerikanische Flagge und zog sich wimpelartig um den Rand des Aufrufes.
Zum Anschlagen und Verteilen dieser roten Blätter wurde Jaques und seine Rotte bestimmt. Jaques, ein halbwüchsiger Bursche, hatte nur eine Mama, sein Vater war unbekannt. Die Mutter, Madame Adrienne, war eine Kupplerin von Ruf und Inhaberin des bessern der beiden Etablissements im französischen Viertel, aus dem sie nie herauskam. Jaques, eine Galgenphysiognomie, konnte man überall sehen, wo es verderbt zuging; er hatte den Rang eines Apachengenerals und seine Streiche, oft von ausserordentlicher Tollkühnheit, waren unter seinesgleichen berühmt. Der Amerikaner lernte dieses Subjekt in einer Garküche kennen und engagierte es sogleich mit reichlichem Handgeld. Für Jaques, der seinen Lebensunterhalt auf eine nicht wiederzugebende Art verdiente, hatte der Reichtum des Politikers etwas Bestechendes. Gleich beim ersten Zusammentreffen verschrieb er sich ihm mit Haut und Haar und erbot sich, mit einem Schwarm dunkler Existenzen aus dem französischen Viertel die Leibgarde des Krösus zu bilden.
Nicht jeder freilich war käuflich. Zum Beispiel der Neger Gotthelf Flattich, ein geborener Kameruner, ein ehemaliger Lastträger, der in das Traumreich verschlagen worden war, widerstand der Versuchung. Bell kannte ihn von früher, denn der Schwarze hatte eine seiner Dienerinnen, ebenfalls eine Negerin, geheiratet. Ein reiches Geschenk erwarb Bell damals die Zuneigung des Mannes; als er ihn im Traumreiche wiederfand, freuten sich beide. Flattich war stark wie ein Ochse, dabei gutmütig. Hüten musste man sich nur davor, ihn aus seinem Phlegma zu wecken, dann wurde er fürchterlich. Verwitwet, beschäftigte er sich mit dem Abrichten von Vögeln. Bell wollte ihn sogleich für sich werben, fand jedoch für seine Pläne ein taubes Ohr. Flattich war ein glühender Verehrer von Patera und um nichts in der Welt diesem abspenstig zu machen. Er beteiligte sich auch nicht am Aufstand, sondern blieb ruhig bei seinen Passionen. Er wohnte im französischen Viertel und war dort allgemein beliebt. In unserer Geschichte wird er noch einmal auftauchen.
Als Folge der Debauchen und Schwelgereien war die Nervenzerrüttung im Traumland eine furchtbare geworden. Die bekannten Geistes- und Nervenkrankheiten, Veitstanz, Epilepsie und Hysterie traten jetzt als Massenerscheinungen auf. Nahezu jeder Mensch hatte einen nervösen Tik oder litt an einer Zwangsvorstellung. Platzangst, Halluzinationen, Melancholien, Starrkrämpfe mehrten sich in besorgniserregender Weise, aber man tollte fort, und je mehr sich die grauenhaftesten Selbstmorde häuften, um so wüster trieben es die Überlebenden. In den Gastwirtschaften kam es zu den blutigsten Messerstechereien. Ich konnte keine Nacht mehr ruhig schlafen, der Lärm drang störend aus dem Kaffeehaus bis in mein Zimmer. Die Zügellosigkeit steigerte sich, man wagte schliesslich alles.
Eines Abends trat eine Chansonette im Café auf, da war’s anfangs, bis auf das verstimmte Piano und den Applaus etwas ruhiger, aber um 3 Uhr hub Kreischen und Lachen an; ich stand auf und sah vom Fenster aus, wie die Soubrette, völlig entkleidet und mit einem Kranz von Champagnerflaschen garniert, auf einem Handwagen von der betrunkenen Gesellschaft durch die Stadt gezogen wurde. Herr Leutnant de Nemi führte den sonderbaren Zug mit entblösstem Degen.
Die neun Halbwaisen aus meinem alten Wohnhaus erhielten nun öfters Besuch von Alfred Blumenstich, dem bekannten Wohltäter. Wie man sagte, sollen diese Visiten hauptsächlich den beiden ältesten Töchterchen gegolten haben. Er fuhr mit grossen Konfektdüten beladen vor, man sah ihn in der Tür verschwinden, die der Vater selbst bewachte, damit Herr Blumenstich nicht gestört würde.
Äther und Opium lösten bisweilen den Alkohol ab, öffentlich machte man sich Injektionen, um die erschlafften Nerven durch sie aufzupeitschen oder zu beruhigen.
Dass solche Zustände einer Katastrophe zuführen mussten, war den wenigen einsichtigen Elementen klar; mit Entsetzen musste man die wachsende Ruhelosigkeit im Gehaben dieser Halbwahnsinnigen feststellen. Die geheimnisvollen gellenden Schreie, welche nachts aus den Häusern drangen, regten mich ganz besonders auf, das beschleunigte Geschehen verlieh dem Leben etwas Schattenhaftes, tatsächlich Traumartiges.
Denkt man sich dazu noch die drückende, heisse Luft, die gespensterhafte Gewitterbeleuchtung — dann und wann zuckte ein greller Schein über den schwefeligen Himmel — so kann man sich eine ungefähre Vorstellung von meinen bangen Gefühlen in jenen Tagen machen.
Und jetzt kam noch die Proklamation — sie wurde an allen Strassenecken angeschlagen und in jedes Haus gebracht. Die Gegensätze, welche sich zwischen der Partei des Amerikaners und den alten, zu Patera haltenden Traumstädtern zugespitzt hatten, mussten dadurch verschärft werden. — Es waren böse Zeiten.
ZWEITES KAPITEL DIE AUSSENWELT
I.
Man war in der zivilisierten Welt etwa zwölf Jahre lang in Unkenntnis von dem Bestehen des Traumlandes geblieben. Gewiss, es kamen Fälle vor, dass Personen plötzlich auf unerklärliche Weise verschwanden. Wohl wurden viele noch auf Bahnen und Schiffen gesehen, später aber blieb jedes Nachforschen ohne Ergebnis. Solange es sich um Leute handelte, die auf irgendeine Art mit dem Kulturleben zerfallen waren und Grund hatten, sich zu verbergen, machte man wenig Aufhebens. Für bankerotte Menschen hat die Welt geringes Interesse übrig.
Weit empfindlicher wurde die Gesellschaft getroffen, als anerkannte Mitglieder der Gelehrten-, Künstler- und Finanzkreise zu rätselhaften Flüchtlingen wurden. Meist erhielten die Angehörigen zwei bis drei Wochen nach Abgang des ungetreuen Familienmitgliedes noch ein Lebenszeichen — wenigstens einen Brief mit ein paar Zeilen. Aber was liess sich daraus entnehmen, wenn es hiess: „Forschet nicht nach mir, ich bin gut aufgehoben“ oder „eingetretener Umstände halber muss ich Dich bitten, auf meine Hand zu verzichten“ oder „Verzeihet alle, ich kann nicht anders“.
Jeder hätte ungläubig gelacht, wenn ihm einer gesagt hätte, dass diesem Verschwinden eine gemeinsame Ursache zugrunde lag. Die Polizei versagte.
Am bemerkenswertesten war das Verschwinden der Prinzessin von X. Nun war man zwar in jenen Tagen an das Entwischen hochstehender Damen gewöhnt, aber es kamen doch zumeist die jüngeren Jahrgänge in Betracht. Dieses Mal war es eine Alte, der es auch daheim gut gegangen war. Ihre Spuren führten bis an das Schwarze Meer. Einigen türkischen Gepäckträgern war sie durch ihr ungewöhnliches Knausern mit den Trinkgeldern aufgefallen. Dadurch hatte man sie erkannt. Ernstlich getroffen wurden durch ihr Verschwinden nur einige Neffen und Nichten, die auf die Erbschaft rechneten. Leider hatte das alte Fräulein sein gesamtes Eigentum mitgenommen. — Die Prinzessin von X. blieb verschollen.
Bald folgte der Fall des amerikanischen Milliardärs Bell, welcher die Gesellschaft auf den Traumstaat aufmerksam machte und schliesslich zur Aktion trieb. Dieser Pökelfleischkönig hatte auf mir unbekannte Weise von dem sonderbaren Land gehört und sich in den Kopf gesetzt, ein Bürger dieses Reiches zu werden. Der sofortigen Aussprengung, dass er geisteskrank sei, begegnete Bell dadurch, dass er sich einen namhaften Nervenarzt zur eigenen, ständigen Beobachtung hielt; diese Koryphäe konnte nur bestätigen, dass der Amerikaner vollkommen bei Verstand sei. Jahrelang trieb sich der Sonderling auf allen Meeren und in allen Gegenden der Welt herum, um das Traumreich zu suchen, er war von seinem Arzte und zwei Dienern begleitet. Bald sah man ihn in Neu-Seeland alle Inseln durchstöbern, bald tauchte er im indischen Archipel auf. In Hongkong verliess ihn sein Arzt. Er erklärte, er könne es bei Herkules Bell nicht mehr aushalten, seine anfangs günstige Meinung müsse er dahin korrigieren, dass er den Amerikaner jetzt doch für belastet halte und an fixen Ideen leidend. Der Arzt fuhr nach Hause, der reiche Mann folgte seinen Einbildungen. Und dann das Sensationelle: Der Amerikaner hatte einen Boten geschickt, der eines Tages mit einem dicken Brief und einer Proklamation in das Kabinett des englischen Premierministers trat. Se. Lordschaft musste sich überzeugen von dem Vorhandensein einer allen Gesetzen Hohn sprechenden Vereinigung, in welcher ein ebenso spitzbübischer wie unermesslich reicher Machthaber sein Unwesen trieb. Viele Tausende braver Europäer wurden hier in widerrechtlicher Gefangenschaft gehalten. Der Amerikaner schrieb, dass er sich an die Engländer wende, als den erklärten Feinden jeder entwürdigenden Sklaverei, und von ihnen die schnellste und durchgreifendste Hilfe erwarte.
Wenngleich Brief und Proklamation in einem derben und marktschreierischen Ton gehalten waren, man konnte sich den Bitten um schleunige Hilfe nicht gänzlich verschliessen, wenn man das geheimnisvolle Verschwinden so vieler Personen bedachte. Sollte doch auch die Prinzessin X. dort in Gefangenschaft schmachten. Auch die sonderbaren Häuserkäufe, die seinerzeit in der europäischen Presse so viel Befremden erregt hatten und für die Marotte eines asiatischen Kleinfürsten galten, erklärten sich nun. Die Folge war ein eifriger Depeschenwechsel zwischen den Regierungen der europäischen Grossmächte; es schien geboten, ohne viel Lärm rasch zu handeln. Russland erhielt als Grenzreich das Mandat zum Eingreifen; die gewöhnlichen Eifersüchteleien schwiegen, die Parlamente wurden vorläufig nicht verständigt.
In einem Monat war eine russische Division mobilisiert und dem Befehl des fähigen Generals Rudinoff unterstellt. Man schrieb: „Für christliche Moral und Nächstenliebe!“ auf die Fahnen und dachte an die zu erobernden Goldbarren. Der Zar erhoffte nebenbei, dass ihm eine steuerkräftige Provinz zufallen würde; lag doch das sagenhafte Land ganz nahe der russischen Grenze.
Eine Reihe von Zeitungsberichterstattern, Photographen, Spekulanten und sachverständigen Kaufleuten wurden in aller Stille eingeladen und mitgenommen.
Zwar protestierten die chinesischen Gesandten bei allen Mächten gegen diese offenkundige Verletzung der Grenze des himmlischen Reiches, doch da war es bereits zu spät und die bezopften Herren mussten sich zurückziehen.
Man kannte zwar die Lage des Traumreiches ziemlich genau nach der Karte, zur Vorsorge sollte der Bote des Amerikaners die Truppen führen. Aber man fand diesen Mann eines Tages in seinem Hotelzimmer tot vor. Ein Dolch steckte ihm im Bauch und mit Befremden las man die drei Worte, die in die Klinge geätzt waren:
„Schweigen ist Gold!“
Rudinoff musste allein suchen.
DRITTES KAPITEL DIE HÖLLE
I.
Es ist ein trüber Vormittag. Der Amerikaner Herkules Bell liegt noch zu Bett, die Arme verschränkt, halbsitzend, mit der Miene des tiefsten Nachdenkens. „Ich werde siegen!“ murmelt er, und ein stolzer Schein verklärt sein wenig schönes, allzu energisches Gesicht. „Ich werde siegen“, wiederholt er laut und erhebt sich.
„Ich bin gesund!“ denkt er triumphierend und tritt nackt vor den grossen Stehspiegel. Mit herausforderndem Blick mustert er seinen Körper und lässt durch ein paar gymnastische Übungen die Muskeln spielen: „Das ist alles unbeugsam!“ — er klatscht sich auf die behaarte Brust. Wie ein Ringkämpfer kommt er sich vor und ruft in einer frohen Aufwallung: „Erster Preis für Herkules Bell!“
Er denkt an die Traummenschen und speit unwillkürlich in die Ecke. Rasch genug wird er mit dieser kraftlosen Herde fertig werden!
Da runzelt er plötzlich die Stirn. Die Vorstadt kommt ihm in den Sinn. Nur ein einziges Mal ist er drüben gewesen und hat sich ihre Bewohner angesehen. „Humbug“, darin fasste er sein Urteil über den alten Stamm zusammen und ging nie mehr in das Dorf, das ihm „unsympathisch“ war.
Nachdem er sich von der abweisenden Kälte der blauäugigen Asiaten überzeugt hatte, kam er zu dem Schluss, dass die Vorstadt ein unfruchtbarer Boden für den Parteikampf sei. Trotzdem fürchtete er aus einem dunklen Gefühl heraus immer noch einen Streich dieser seltsamen Greise. Sie wurden von der beginnenden Umwälzung gar nicht berührt und lebten tatenlos in den Tag hinein. Zum Teufel noch einmal, da waren ihm die verkommensten Traumstädter noch lieber! — —
Er kleidet sich an und rasiert sich sorgfältig, hernach massiert er kunstgerecht sein Gesicht, wobei die gesunkene Stimmung wieder besser wird. Sein Hauptschlag soll erst noch kommen, diesen Triumph ahnt noch niemand. Er denkt an die Nacht, in der er sich von seinem ergebenen Lieblingsdiener trennte. Unter Lebensgefahr hat sich dieser Mann, welcher schon seit zwanzig Jahren die Stellung eines Leibjägers bei Herkules Bell bekleidete, aus dem Traumreich entfernt, um dem Auslande Nachricht über den neuen Staat zu bringen. Connor befand sich also ausserhalb der Grenzmauern. Dieses praktisch-technische Genie hatte mit raschem Blick erkannt, dass der Fluss die einzige Möglichkeit zur Flucht bot. Da, wo er unter dem Bollwerk der Mauer verschwand, tauchte Connor unter und stiess auf ein Eisengitter. Unter dem Schutze der nächtlichen Dunkelheit gelang es ihm, einen Stab zu durchfeilen, wodurch eine Öffnung entstand, durch die er seinen schmalen und gewandten Körper zwängen konnte. Das tat er eines Nachts — und eine von draussen weit über die Mauer emporsteigende Rakete zeigte dem Amerikaner an, dass dem kühnen Mann das Wagestück gelungen war. In einem Gummibeutel trug er den wichtigen Brief auf der Brust; für seinen gestählten Organismus war von dem nächtlichen Bad nicht viel zu fürchten. — Jetzt konnte es an nichts mehr fehlen! — In Abenteuern aller Art hatte Connor seine Klugheit und Ausdauer bewiesen.
Nach längstens vier bis sechs Wochen musste Hilfe eintreffen.
„In zwei Monaten bin ich Herrscher des Traumreichs!“ sagt Bell und füllt seine Etuis mit Zigarren. „Bald wird mir Patera zu Füssen liegen!“ Ein böses Leuchten tritt in seine Augen. Warum muss er dem Meister, den er so hasst, im geheimen doch glühende Bewunderung zollen? In dieser Frage liegt die ganze Tragik dieses Mannes.
Als er nach langem Bitten hier einziehen durfte und die Wirkung der unermesslichen Kräfte Pateras mit eigenen Augen gesehen hatte, hielt er in seinem praktischen Sinn die Art ihrer Verwendung für lächerliche Spielerei. Mit seinem unternehmenden Geist hätte er ganz andere Dinge verwirklicht. An eine Art Kompagniegeschäft mit dem „Herrn“ hatte er zuerst gedacht, und hätte rückhaltlos seine Millionen in diese Idee gesteckt. Die Welt könnte man erobern! — wahrhaftig etwas mehr als diese Tollhausniederlassung.
Diesem machtvollen Mann, dem sie in Amerika und Europa um seines Goldes willen die Fusssohlen leckten, musste es hier passieren, dass er vom Herrn wie ein lästiger Bittsteller behandelt wurde. Seine Besuche waren mit Spott abgewiesen worden. Nicht ein einziges Mal hatte er bis zur höchsten Person vordringen können, um seine wertvollen Vorschläge zu unterbreiten. Die unerwartetsten Zufälle hatten sich immer dazwischen geschoben. Da entwickelte sich im Herzen dieses Menschen ein furchtbarer Hass gegen Patera. Jetzt wollte er seine Macht fühlen lassen, er brauchte keine Almosen! Anerkennung wollte er sich erzwingen! Und er warf sich auf die Politik — mit welch günstigen Erfolgen, weiss man. Ganze Nächte wälzte er sich im Bett und zergrübelte sein Hirn nach einer Rache an dem Unsichtbaren. Seinem Gelde, seiner unausgesetzten Tätigkeit war es zuzuschreiben, dass er heute im Traumstaate einen so gefürchteten Namen hatte. Das Ziel, die Demütigung Pateras, schien nun nahe. „Aber nun gilt’s handeln, nicht denken.“ — Er nimmt seine Uhr — — — sie steht! — — — „Sonderbar, wie lange habe ich denn geschlafen?“ — — — Er klingelt dem Diener. — Es kommt niemand. — Jetzt öffnet er die Tür zum Vorzimmer. Da liegt der Diener John und schläft mit offenem Munde. Bell tritt an ihn heran und rüttelt den Schlafenden, — umsonst. — — Endlich macht John langsam die Augen auf und blickt seinen Herrn blöde an. Gleich darauf schläft er wieder ein und ist nicht mehr zu erwecken.
Wütend, doch erfolglos, drückt der Amerikaner auf alle Schellenknöpfe und begibt sich ins Restaurant hinunter. Das erste, was er hier bemerkt, ist der schnarchende Hotelier hinter dem Schanktisch. Einige Gäste sitzen, ihr Haupt auf dem Tisch, die Serviette als Unterlage benutzend und schlafen. Vor ihnen stehen halbgefüllte Gläser und Teller mit Speiseresten. An den Kleiderständer gelehnt, steht der Piccolo und hält schlafend den Traumspiegel zwischen die Beine geklemmt. Bell gibt ihm einen Stoss — der Kleine sinkt zusammen, ohne den friedevollen Ausdruck seines Gesichtes zu verändern.
Der Amerikaner jagt wieder hinauf und wäre dabei fast über die vermummte Waschfrau gestolpert. Ein furchtbarer Gedanke steigt in ihm auf. Weit beugt er sich aus dem Fenster. An der gegenüberliegenden Strassenecke flattert etwas Rotes — Papierfetzen — eine schlecht angeklebte Proklamation. In einem schmutzigen Strassenwinkel sieht er zwei Männer auf dem Boden liegen, aus der Tiefe eines Hausflurs ragen Rock und Beine einer Frauensperson. Sonst ist es öde und menschenleer, nur in der Ferne schleichen zwei Tiere mit spitzen Schnauzen. Es sind Füchse. Bell tritt vom Fenster und sinkt in einen Armstuhl. Sein Blut tritt zurück, er erbleicht, und ein Ausdruck unsäglicher Verachtung kommt in sein Gesicht. Er lässt das Haupt sinken, drei senkrechte, scharfe Falten werden auf seiner Stirne sichtbar, seine Nasenflügel beben und in schlaffer Haltung sagt er mit leidender Stimme: „Ich bin ein Pfuscher! — — Verspielt!“ — Seine Augen sind im Begriff, sich zu schliessen — — — — Es kommt doch nicht so weit — — — zitternd kämpft sein Körper gegen die Müdigkeit an. — — — Er schleppt sich zur Badewanne und steckt den Kopf in das kalte Wasser — das erfrischt! — nimmt einen Schluck Branntwein — — mit dem Rest in der Flasche reibt er sich den Schädel ein — — — die Schwäche ist überwunden. Dann stopft er seine Pfeife, setzt den Hut auf und geht fort.
Herkules Bell ergibt sich nicht.
II.
Eine unwiderstehliche Schlafsucht senkte sich auf Perle. Im Archiv brach sie aus und verbreitete sich von da über Stadt und Land. Kein Mensch konnte der Epidemie widerstehen. Wer sich eben noch seiner Frische rühmte, hatte, ehe er sich’s versah, den Keim der Krankheit schon irgendwo aufgefasst.
Sehr bald wurde ihr ansteckender Charakter erkannt, doch fand kein Arzt ein Heilmittel. Die Proklamationen verfehlten ihren Zweck, denn noch während des Lesens gähnten die Leute. Jeder, der konnte, blieb zu Hause, um nicht auf der Strasse von dem Übel befallen zu werden. Hatte man sein geschütztes Plätzchen, dann ergab man sich getrost in das neue Geschick. Weh tat es ja nicht. Ein starkes Mattigkeitsgefühl war meist das erste Anzeichen, dann überfiel den Patienten ein Gähnkrampf, er glaubte Sand in den Augen zu haben, die Augendeckel wurden schwer, alles Denken verschwamm, und müde liess er sich nieder, wo er gerade stand. Der Kranke konnte wohl mittels scharfer Dünste, Salmiak etc. dann und wann aus dem Schlaf gerissen werden, lallte aber nur ein paar unverständliche Worte und war wieder weg. Bei starken Personen liess sich der Zustand durch Frottagen um einige Stunden hinausschieben, dann war es aber das gleiche. Viele Fälle verliefen rapid. Da ereiferte sich ein Redner eben noch über die politischen Ereignisse, als er sich plötzlich über den Tisch beugte, den Kopf sinken liess, und regelmässig zu schnarchen anhub.
Anton im Kaffeehaus dagegen konnte kaum mehr die Augen aufhalten und bediente noch immer. Aber wie musste man ihn aufmuntern! Du lieber Gott! Mit Zuckerstückchen und Kaffeelöffeln wurde er bombardiert — er war von einer beispiellosen Vergesslichkeit, und wenn er endlich träge das Verlangte brachte, war der ungeduldige Gast oft selbst eingeschlafen. Man musste scharf achthaben, dass die brennenden Zigarren der Schlafsüchtigen ausgelöscht wurden.
Auf dem Exerzierplatz übte die Soldateska fleissig, um bei einem drohenden Aufstande ihren Mann stellen zu können. Aber die Unteroffiziere konnten brüllen, soviel sie wollten, ein Mann nach dem andern legte sich auf den Boden. — Merkwürdige und komische Zwischenfälle ereigneten sich. — Die Hände noch in der fremden Kasse schliefen da Diebe selig ein. — Melitta lag vier Tage lang in Brendels Wohnung; ihr Gemahl träumte über den Tisch gebeugt, die Nase in einer Mayonnaise.
Castringius hatte es beim Kartenspiel gepackt. In einer üblen Kneipe lehnte er behaglich in seinem Stuhl und hielt den Schellunter im Pfötchen. Mich selbst erwischte es zu Hause, wohin ich mich sehr bald zurückzog. Gerade hatte ich das Bett gerichtet und wollte die Vorhänge zuziehen. Ich sah noch, wie aus dem Fenster der Prinzessin gegenüber eine Banknote nach der andern auf die Strasse flatterte; ein leichter Herbstwind trieb sie wie welke Blätter die Gasse zum Flusse hinunter. Da war’s die höchste Zeit für mich, mein Lager aufzusuchen.
An den ersten beiden Tagen nach Ausbruch der Seuche liefen die Züge mit enormen Verspätungen ein, da bei jeder Station neues Personal eingestellt werden musste. Später blieben sie ganz aus.
Die letzte Nummer der „Stimme“ war nur einseitig bedruckt, und selbst da wimmelte es von unvollständigen Sätzen und Legionen von Druckfehlern. Die letzte Seite, wo sonst die lächerlichen Miszellen gestanden hatten, fehlte ganz. Es half kein Sträuben; Perle schlief. Dieser Zustand vollständiger Bewusstlosigkeit mag sechs Tage angedauert haben, der Friseur brachte wenigstens diese Zeit heraus; er hatte sie nach der Länge der Bartstoppeln seiner Kunden berechnet.
In dieser Zeit soll in der ganzen Stadt ein einziger Mensch nicht oder doch nur ganz kurz geschlafen haben: der Amerikaner! Wenigstens behauptete er das selbst. Eines Tages, als er wie ein neuer Dornröschenprinz durch die Lange Gasse wanderte, wollte er durch ein Fenster des Kaffeehauses bemerkt haben, wie der eine von den beiden Schachspielern gerade einen Zug machte. Er schloss daraus, dass diese beiden gleich ihm von der Krankheit verschont geblieben waren. Aber sonst fiel man über die Schlafenden. Nicht nur auf allen Bänken der öffentlichen Anlagen, auch in Treppenhäusern und Torwegen lagen bunt durcheinander gut gekleidete Herren und Damen und schliefen wie die Obdachlosen trotz ihrer eigentümlichen Lage mit zufriedenen Mienen.
Als man wieder nach und nach zu sich kam, konnten viele in ihrer Tätigkeit fortfahren. Das war sehr gut, nicht nur für Brendel, sondern auch für den armen Gaul beim Wasenmeister, welcher tagelang hochgewunden auf den erlösenden Hieb warten musste. Nun erhielt er ihn. Denn das Merkwürdigste war, dass Tiere gegen die Schlafsucht unempfindlich blieben.
Für die meisten Leute hatte sich wenigstens für den ersten Augenblick nichts verändert. Als ich munter wurde und nahrungsbedürftig das Café betrat, war schon der Friseur da mit einem Riesenhunger, aber sehr übellaunig. Er vermisste nämlich ein Vierkreuzerstück, welche Entdeckung zu einer dauernden Verstimmung zwischen Herrn und Gehilfen wurde, der natürlich wie alle Tiere wach geblieben war.
Die Traumstadt wachte auf und fand sich — — in einer Art Tierparadies. Während unseres langen Schlummers hatte sich eine andere Welt derartig ausgebreitet, dass wir in ernstester Gefahr schwebten, verdrängt zu werden, die Tierwelt. Allerdings war es schon in der letzten Zeit aufgefallen, dass Ratten und Mäuse in diesem Jahre besonders gediehen. Aber auch über einfallende Raubvögel und vierbeinige Hühnerdiebe wurde Klage geführt. In Alfred Blumenstichs Park hatte der Gärtner sogar Wolfsspuren gesehen. Er wurde zwar ausgelacht; als aber am andern Tage von einer schneeweissen Angoraziege — dem Lieblingstier der Frau Kommerzienrat — nur noch das Hörnerpaar vorhanden war, da lachte niemand mehr.
Wer vermöchte das Staunen der vielen zu beschreiben, die allein und ungestört eingeschlafen waren, sich nun aber in unerwünschter Gesellschaft befanden? Da sass ein grosser, grüner Papagei am Fenster, oder Wiesel und Eichhörnchen guckten neugierig unter den Betten hervor. Erst nach und nach kam man hinter dieses Treiben. Aus dem Schlachthause wurde von den aufwachenden Metzgern ein grosses Rudel Schakale vertrieben. — Die Überfälle von Wölfen, Wildkatzen, Luchsen nahmen in erschreckender Weise zu. Schlimm war es, dass selbst unsere Haustiere auf einmal störrisch und bösartig wurden, fast alle Hunde und Katzen verliessen ihren Herrn und wilderten auf eigene Faust. — Die wieder erscheinenden Zeitungen berichteten von einem aufregenden Fall: in die Parterre-Wohnung der Selchermeisterswitwe Apollonia Six war ein Bär eingestiegen und hatte die bemitleidenswerte, tiefschlafende Frau vollständig aufgefressen. Durch ein paar Schüsse wurde die Bestie getötet. — In die Stadt kommende Jäger und Fischer erzählten märchenhaft anmutende Geschichten von ungeheuern schwerfälligen Tieren, die sie beobachtet haben wollten. Aber kein Mensch glaubte diesen Berufsaufschneidern. Da kamen auf einmal die Bauern und andere im freien Lande wohnende Traummenschen auf ihren plumpen Pferden in hellen Haufen dahergesprengt. In vollgepackten Wagen brachten sie Frauen und Kinder sowie den wertvolleren Hausrat mit. Sie waren äusserst unzufrieden und demonstrierten vor dem Palast und dem Archiv. Sie beklagten sich, dass man ihnen keinen militärischen Schutz geschickt hatte. Büffelherden hatten ihre Ländereien verwüstet, auch konnten sie sich nur mit knapper Not vor den Überfällen scharenweise auftretender grosser Affen retten; diese Teufel schonten weder Frauen noch Kinder. Bald darauf wurden die Fährten von kolossalen Zweihufern im Lehmboden der Tomassevicfelder festgestellt, die am Rande der Stadt lagen; das war bedenklich.

Die Insektenplage war grässlich. In Schwärmen liessen sich gefrässige Heuschrecken von den Bergen nieder und wo sie hinkamen, blieb kein Halm stehen. Durch eine solche Wolke wurde in einer einzigen Nacht der Schlossgarten vernichtet. Wanzen, Ohrwürmer, Läuse machten das Leben schwer. Alle diese Tiergeschlechter, von den grössten bis zu den geringsten, beherrschte ein geradezu elementarer Paarungstrieb. Trotzdem sich alles gegenseitig auffrass, vermehrten sich die Vier- und Sechsfüssler in unheimlichster Weise. Was half es dagegen, wenn auch Waffen und Gift von den Behörden ausgegeben und die strengsten Befehle zum Schliessen der Fenster und Türen erteilt wurden; der Segen war zu gross. Freiwillige Jagdtruppen organisierten sich und unterstützten Militär und Polizei. In vielen Häusern waren Schiessscharten gebrochen.
Die Frau des Caféwirts erwachte eines Morgens mit vierzehn Kaninchen im Bett. Da ihr Schlafkabinett nur durch eine dünne Wand von meinem Zimmer getrennt war, hörte ich die Jungen quieken.
Das Schrecklichste aber waren die Schlangen. Kein Haus war sicher vor ihren Besuchen, in Schubladen, Kleiderschränken, Rocktaschen, Wasserkrügen, überall hielt sich das Gezücht auf. Dabei waren diese heimtückischen Kreaturen von einer entsetzlichen Fruchtbarkeit. Suchte man in der Dunkelheit sein Zimmer auf, so zertrat man die herumliegenden Eier, die klatschend barsten. Castringius exzellierte in seinem neu erfundenen „Eiertanz“.
Im französischen Viertel konnten es die Menschen vor Ungeziefer bald nicht mehr aushalten. Doch selbst während dieser Tierinvasion behielten die meisten den Kopf oben. Man schoss seinen Hirsch vom Fenster aus und lud gleich die Freunde zum Jägermahl. Von der Dachluke meines früheren Wohnhauses hatte man einen weiten Blick über die Äcker und Felder. Jetzt war dieses Terrain in einen zoologischen Monstregarten verwandelt. Auch der Fluss hatte seinen Anteil bekommen: Krokodile, durch jahrelange Bemühungen endgültig stromabwärts gescheucht, erschienen wieder. Die Badeanstalt musste geschlossen werden, weil sich Zitteraale in den Kabinen aufhielten, deren Schlag tödlich ist.
Einer der wenigen Lichtblicke in diesen peinlichen Tagen bestand darin, dass man leicht zu wohlschmeckenden Braten und seltenen Leckerbissen gelangen konnte.
In diesen Zeiten erfreute sich mein alter Professor eines grossen Ansehens. Er hielt öffentliche Vorträge und lehrte die Traumstädter, die gefährlichen Bestien von den harmlosen zu unterscheiden. Mit einem alten Drilling ausgerüstet wandelte er schon am frühen Morgen mitten unter den Gazellenrudeln, Wildschweinen, Murmeltieren und oblag fleissig der Jagd. Aber die Tiere gewöhnten sich bald an den eigentümlichen bebrillten Schützen und liebten den alten Herrn. Dafür stiftete sein Gewehr an den Fenstern so viel Schaden, dass es ihm wieder abgenommen werden musste.
Abends konnte man nur noch unter grösster Vorsicht, bewaffnet und mit einer Laterne ausgehen. Fallen, Wolfsgruben, Schlageisen, Selbstschüsse machten unsre Stadt noch unsicherer. Sich aber in seinem Vergnügen stören zu lassen, das fiel keinem Traummenschen ein.
III.
Die tief unter ihr Normalniveau gesunkene Sittlichkeit kam meinem Kollegen Castringius noch besonders zustatten. Seine Pornographica waren sehr gesucht — er war jetzt der Modekünstler. Blätter wie: „Die wollüstige Orchidee schwängert den Embryo“, hatten viele Bewunderer. Hektor von Brendel kaufte ihm einmal eine ganze Serie Arbeiten ab, weil seine Melitta diese Sachen „ulkig“ fand. Tatsächlich hatte sie auch anfangs Freude an den Zeichnungen und hing sie sauber gerahmt in ihrem Boudoir auf. Aber es war nur eine Augenblickslaune gewesen, und nach einigen Tagen schon mussten die Sachen wieder verschwinden. Ein Seitenseladon, Offizier bei den Dragonern, durfte sie mitnehmen. Dieser entschloss sich als Gegenleistung zu ein paar alten Ohrringen mit Smaragden. Er trug die Bilder noch in derselben Nacht ins Café, wo gerade eine Tombola veranstaltet wurde. Der Erlös war für die bestimmt, die ihr zügelloses Leben aufs Siechenbett geworfen hatte. Eine Abteilung für solche hatte unserem Krankenhaus bisher gefehlt. — Es ging ziemlich viel Geld ein. Blumenstich — nicht der Trödler — gab den Rest und die Abteilung konnte bald darauf im Kloster neben dem Kinderspital belegt werden.
Die Komik wollte es, dass gerade ich die Zeichnungen gewann, und nun hingen sie bei mir. Eines Tages sah ich Castringius auf der Strasse. Er suche eine neue Wohnung, sein Atelierfenster sei zerbrochen und im Dach eine Luke. Zahlreiche Fledermäuse hingen wie Rauchfleisch an den Vorhangstangen. Während er mir das erzählte, musste er sich fortwährend mit dem Stock gegen einen zudringlichen Steinbock wehren. Ich bat ihn zu mir hinauf — — da hingen die Bilder. — — Trockenes Staunen!! „Wie kommst du zu diesen Sachen?“ Ich erklärte. — „Es sind sehr gute Arbeiten, die ‚weissgestreifte Peitsche‘ ist mein reifstes Werk. Es ist die Synthese einer Moral der Zukunft. Heute lebt kein Weib, welches seine Konsequenzen daraus zu ziehen vermöchte. Es ist Bouquet in ihm.“
Ich gab ihm vollkommen recht, war ich doch im Traumstaat der einzige Mensch, der seine Sachen künstlerisch würdigte. Ich hatte den originellen Kauz überhaupt ganz gern, warum nicht? Wer sich rein fühlt, der werfe den ersten Stein auf ihn. —
Auf einmal gab’s auf der Strasse Lärm; wir traten ans Fenster. Viele Leute standen da und lachten; es war aber auch komisch. Man denke: der Affe streikte. Giovanni hatte schon tags vorher einen Herrn halbrasiert sitzen lassen, als er eine eilig vorüberhastende Schar Makaken bemerkte. Eine schöne Meerkätzin hatte ihm zugewinkt und einer solchen Versuchung konnte unser Friseurgehilfe nicht widerstehen. Doch hatte ihn der Philosoph noch mit dem spanischen Rohr und der Erwägung, dass die Zeit in kleine Ewigkeiten teilbar sei, zurückzuhalten vermocht. Jetzt half aber keine Zusprache mehr. Er kletterte graziös an der Dachrinne in die Höhe, erwischte mit dem Greifschwanz eine Flasche, worin sich der Kaffeevorrat der Prinzessin befand, setzte sich behaglich an das Fenster meiner ehemaligen, nun wegen Baufälligkeit leerstehenden Wohnung und spielte auf einer Maultrommel, die er in seiner Backentasche verborgen hatte. — Die Alte kreischte entsetzt auf, mit einem Besen wollte sie dem Räuber eins versetzen. Dieser warf sogleich die Flasche von sich und packte den Besen. Da hätte man die Dame sehen sollen! Sie raste und verschwand, um im zweiten Stockwerk wieder sichtbar zu werden. Für Giovanni Battista gab es hierbei wilde Freuden. Von meinem Fenster aus konnten wir den Kampf aufs deutlichste beobachten. Zuerst entwand er der Alten ihre Hauptwaffe, eine alte Feuerzange und überliess ihr willig den Besen. Fast war er zu einem fliegenden Tier geworden. Von mir zurückgelassene Tuschflaschen benutzte er zielsicher als Wurfgeschosse. Unten schrie das Publikum hurra, — die Prinzessin fluchte wie ein Fuhrmann.
Da tauchte er auf einmal wieder ganz vorne auf, bedeckt mit der schmutzstarrenden Haube der Alten und schwang sich aus dem Fenster. Mit possenhaften Grimassen rutschte er die Rinne wieder hinab. Oben schrie die Prinzessin nach der Polizei — unten wartete bereits der Friseur mit dem Stocke: „Schämen Sie sich!“ rief er dem Affen zu.
Kommerzienrat Blumenstich trat gerade mit sattem Lächeln aus der Wohnung seiner neun Lieblinge. Er hatte auf seine Weise wieder einmal den Wohltäter gespielt; der Wagen war schon vorgefahren. Mit einem gewaltigen Saltomortale sprang der Affe auf das Haupt des Schimmels, und dahin ging’s! Die Leute waren begeistert und riefen Bravo! bis das Fuhrwerk mit seinem grotesken Reiter verschwunden war.
Das ist nur eine Szene, aber ähnliche Schauspiele waren damals an der Tagesordnung.
Es war rätselhaft, woher dieser überschwengliche Reichtum an Tieren kam. Sie waren die eigentlichen Herren der Stadt und hielten sich augenscheinlich auch dafür. Wenn ich im Bette lag, hörte ich ein Laufen und Hufeklappern, als wäre ich in einer grossen Stadt. Kamele und wilde Esel durchwanderten die Strassen; es war gefährlich, sie zu necken.

Im Gegensatz zu diesem animalischen Reichtum schwand das Pflanzenleben immer mehr, alles war abgenagt, zerstampft, ohne Vegetation. Die Lindenalleen an der Landstrasse und in der Richtung des Friedhofes bestanden nur noch aus kahlen Baumstümpfen. Die Erde dampfte, als wollte sie noch mehr Kreaturen ausspeien. Aus kleinen Löchern strömte ein warmer sauerriechender Dunst. In eine eigentümliche, alles verwischende Dämmerung waren die Nächte gehüllt.
IV.
Das Unheimlichste war ein rätselhafter Prozess, der mit dem Überhandnehmen der Tiere begann; unaufhaltsam und immer rascher zunahm und die Ursache zum völligen Untergange des Traumreichs wurde. — Die Zerbröckelung. — Sie ergriff alles. Die Bauten aus so verschiedenem Material, die in Jahren zusammengebrachten Gegenstände, all das, wofür der Herr sein Gold hingegeben hatte, war der Vernichtung geweiht. Gleichzeitig traten in allen Mauern Sprünge auf, wurde das Holz morsch, rostete alles Eisen, trübte sich das Glas, zerfielen die Stoffe. Kostbare Kunstschätze verfielen unwiderstehlich der innern Zerstörung, ohne dass sich ein zureichender Grund dafür angeben liess.
Eine Krankheit der leblosen Materie. — Moder und Schimmel gab es in den bestgehaltenen Häusern; es musste ein zersetzender, unbekannter Stoff in der Luft liegen, denn frische Speisen, Milch, Fleisch, später auch Eier wurden in einigen Stunden sauer und faul. Viele Häuser barsten und mussten schleunigst von den Inwohnern verlassen werden.
Dazu kamen die Ameisen! In jeder Ritze und Falte, in den Kleidern, im Portemonnaie und im Bette fand man sie. Man unterschied schwarze, weisse und blutrote. Die schwarze, grösste Art, fand sich in allen Mauersprüngen und im Freien, wohin immer man seinen Fuss setzte. Die weissen, weit gefährlicheren, verwandelten das Gebälk in Mehl. Die ärgsten waren ohne Frage die roten, denn sie erkoren sich den menschlichen Körper zum Aufenthalt. Anfangs galt das Kratzen noch für unanständig, man machte das privat mit sich allein ab. Doch was will einer tun, wenn es ihn juckt? Im französischen Viertel kratzte schon längst jedermann. Wir lachten und taten bald dasselbe. Die Gattin Sr. Exzellenz des Regierungspräsidenten ging gelegentlich einer Soiree mit kühnem Beispiel voran.
Der Unrat der Tiere auf der Gasse und der Staub in den Wohnungen war nicht mehr zu entfernen. Es wurde immer mehr, so verzweifelt man auch dagegen ankämpfte. Während des Bürstens und Klopfens zerfielen die Kleider. Mich wunderte nur, woher die Traummenschen noch immer ihre gute Laune schöpften.
Die Lampenbogen zum Beispiel war unverwüstlich. Das ganze Offizierskorps verkehrte in ihrem Hause, bis zum jüngsten Leutnant. Vielleicht stammelte er noch: „Verehrte Gnädige“; aber die verlangte nicht mehr viel Umstände. Schliesslich wendete sie sich den niederen Volksschichten zu. Auf der Strasse beobachtete ich oft ihr gewöhnliches Manöver, den Rock zu heben. Neugierige blieben stehen. Hunde liefen ihr nach. Mit denen war jetzt nicht zu spassen. Einmal sah ich, wie ein Köter ihr das Kleid zerriss; sie lief erschrocken davon und verlor einen zerknitterten Brief. — Ich hob ihn auf und habe ihn später gelesen.
„Meine Ameisenkönigin!
Noch immer bin ich ganz berauscht von meinem Glück und küsse im Geist alle Deine Herrlichkeiten. In meinem Traum bist Du nach wie vor die Herrin. Wie hast Du geschlafen? Wie immer, wohl wenig? Doch denk Dir, ich habe jetzt ein Mittel, um wenigstens ruhig liegen zu können. In den umgelegten Kleiderschrank wird zollhoch Insektenpulver gestreut .... Decke, ... nochmals Pulver ... dann noch eine Decke. (Die in Mode gekommenen, auch unten zuknöpfbaren Nachthemden taugen gar nichts). Der Schrank wird geschlossen, sobald man darin liegt, ein kleines (herzförmiges?!) Loch mit einem Fliegengitter bespannt, garantiert den Luftzutritt.
Bitte, sende mir die Briefe nicht mehr ins Hotel, ich hasse die Bande des Amerikaners, besonders der Jacques ist ein ausgemachter Spitzbube. Ausserdem ist die Küche dort in letzter Zeit miserabel geworden; von jetzt an werde ich das Café in der Langen Gasse zur Mittagsstation machen. Briefe H. v. B. dorthin, aber nicht mehr dem N. C. übergeben, unzuverlässig, und seit er bei dem verwünschten Amerikaner ist, auch noch frech.
Grunzt Dein Dicker, dass ihm sein letzter Mieter ausgezogen? Der Friseur will ja auch sperren, und die Prinzessin zahlt doch nicht viel. Ich sah heute Deinen Gemahl im Wagen, war aber gerade mit den lästigen Parasiten beschäftigt und hat mich daher gar nicht bemerkt.
Also heute um neun Uhr erwarte ich Dich hinter dem Rosenbusch, wie kahl ist er doch jetzt!
Dein, Dein
Hektor.
N. B. Ich erhalte immer noch anonyme Briefe, die sich mit Dir beschäftigen — — wie schlecht kennt die Welt doch meine Melitta!“
Bald hatte jedermann seinen Ballon mit Insektenpulver bei sich. Waren die Traumleute vorher der Schlafsucht unterlegen, so schliefen sie jetzt fast gar nicht. Aufgeregt, eine hektische Röte auf den Wangen, zog man bis tief nach Mitternacht in der ganzen Stadt herum. Auf den Strassen war es sicherer als in den baufälligen Häusern. In den letzten Tagen hatte die Paarungslust der Tiere ihren höchsten Grad erreicht. In allen dunkeln Ecken, im Wasser und in der Luft gatteten sich die verschiedensten Geschöpfe. Aus den Ställen drang Wiehern, Meckern und Grunzen. Ein Stier, durch den Anblick der Schlachtkühe wütend gemacht, hatte einen Metzger an die Wand zu Brei gequetscht.
Der Amerikaner schürte Hass und Zwietracht und verspottete alles. An den Herrn glaubten nur noch einige wenige. Der Uhrbann war vergessen, nur noch gelegentlich ging einer in die Zelle und blieb auch da nicht die vorgeschriebene halbe Minute; gleich kam er wieder heraus. Ich wusste nun, dass das Ende des Traumreiches unwiderruflich näher kam.
Eines Nachts hörte ich auf dem Dache ein Fauchen und dumpfes Knurren. Mit Entsetzen sah ich einen riesigen Leoparden einen Hasen zermalmen; ich hörte das Knirschen der Knochen und mich überlief es eisig. Mein Zimmerchen war nicht mehr gemütlich, es hatte zwei klaffende Sprünge in der Wand, aus welchen abends in regelmässigen Abständen die Hinterteile von Küchenschaben hervorlugten, wie ein Fries anzusehen! Tagelang nistete ein Rotkehlchenpaar in meiner Aschenschale. Die Geschöpfchen waren harmlos und belohnten mich für die Duldung durch ihren Gesang. Leider dauerte die Freude nicht lange, denn ein blitzschnell und frech eindringender Falke tötete eines Tages das Männchen.

An einem der letzten Abende, als ich vor dem Zubettegehen unter der Decke zwei Skorpione fand, und eben Jagd nach sonstigem Ungeziefer machte, geschah es, dass mir meine Waffe, der Stiefelknecht, aus dem Leim ging. Ich nahm die Schere — sie war vom Rost zerfressen; da erst bemerkte ich, dass mein Papier moderig, die Lineale, das Wrack eines Zeichentisches, die dreibeinige Kommode, mit einem Wort alle hölzernen Möbel wurmstichig und morsch waren.
Wie sah ich selber aus? Sonderbar genug! Na, wenigstens liefen auch andere, sonst adrett und sauber gekleidete Leute nun recht verlottert herum. Schimmel an Kleidern und Schuhen hatten wir alle. Da half kein Waschen und Schaben, es kam schnell wieder nach. Die Kleiderstoffe wurden mürbe, faserten und fielen stückweise von uns. Wir Männer ertrugen das mit Würde, doch die armen Damen!...... schweigen wir!
V.
Eine grössere Veränderung trat ein, als die Häuser nicht mehr recht bewohnbar waren. Zu ebener Erde ging’s noch, Stiegensteigen aber erforderte wilden Mut.
Als mir eines Tages der Kellner ein faules Ei, eine trübe Flüssigkeit in einer zerbrochenen Bierflasche und einen fetten, schmierigen Lappen — wohl als Serviette gedacht — vorsetzte, da riss mir die Geduld und ich rief nach dem Wirt. Dieser war gerade damit beschäftigt, im Hintergrunde mit den Teilen des Billards die Decke zu stützen.
„Was soll das?“ herrschte ich ihn an, „an diesem Bestecke sitzt ein Pfund Grünspan. Dieses ekelhafte Zeug und den Schmierlappen nehmen Sie gefälligst fort!“ Er verbeugte sich und wimmerte: „Ach, das Personal, werter Herr!“
„Schon gut“, winkte ich erbost ab, stand auf, nahm meinen verschabten Zylinder und verliess das Café. Auf der Stelle, wo ich gesessen, hatte sich eine kleine Ameisenkolonie gebildet.
In das Kaffeehaus ging ich nur noch aus Gewohnheitsdrang. Es war zu unappetitlich, als dass man mehr als einen schwarzen Kaffee hätte geniessen können. Anton war sehr zu seinem Nachteil verändert, er hatte ungewaschene Hände und roch auf grosse Distanzen. So wie Anton brauchte man doch nicht herumzulaufen. Die an ihm haftende Schmutzkruste nannte der Friseur „Materie“. Es war einfach ekelhaft! Um so mehr erstaunte ich, als ich einmal abends beim Heimkommen ein leises Kichern im Hausflur hörte, und beim Ableuchten aller Winkel, da ich irgendwelche Tiere vermutete, hinter der Speichertüre Herrn Anton in liebender Umarmung mit Melitta antraf. Sie fand bald danach ihren Tod. In ihrem Schlafzimmer wurde sie mit zerrissenem Leib aufgefunden. Die verriegelte Tür musste erbrochen werden. Eine kolossale Dogge war mit eingesperrt. Das tolle Tier stürzte sich mit gesträubtem Haar auf die Eindringlinge und verletzte zwei Polizeimänner durch Bisse, bevor sie erschossen werden konnte. Die beiden starben bald nachher an Hundswut. In ihren letzten Lebenstagen waren von der einstigen Schönheit Melittas nur noch karge Reste zu sehen gewesen. Vergeblich hatte sie durch übertriebenes Schminken und Pudern die Zeichen ihres Wandels zu maskieren gesucht.
Sehr schwer litten auch die beiden Schachspieler. Den alten Herren, welche gänzlich von ihrer Leidenschaft unterjocht waren, erschien schliesslich jede Körperbewegung dermassen kompliziert, dass sie stundenlang Berechnungen anstellen mussten, um ein Glied rühren zu können. Dass eine derartige Schwerfälligkeit bei dem vielen Ungeziefer bedenklich war, liegt auf der Hand. Viel Lob verdient daher eine junge Dame, welche einmal hier ihren Tee zu sich nahm, und die Qualen der beiden bemerkte. Sie ging einfach hin und las Ameisen und Wanzen couragiert von ihren Röcken ab. Keiner von uns wollte zurückstehen. Bisher hatten wir über das Schauspiel der grotesk verzogenen Gesichter gelacht, aber von jetzt ab bürgerte es sich bei den Stammgästen ein, dass man beim Kommen und Gehen rasch die beiden Herren ein wenig kratzte. — Wie man sieht, war selbst in diesen bösen Zeiten nicht alles Mitgefühl mit den Leidenden erstorben.
Der Amerikaner machte wieder viel von sich reden. Er prophezeite das baldige Nachlassen der Tierflut und behielt insoweit recht, als die grossen Arten sich nach und nach verzogen. Sämtliche kleine Säuger und Reptilien aber blieben vorläufig, während die Vögel bis auf eine Unmasse von Raben und weisshalsigen Geiern ganz verschwunden waren. Die Geier, schwere, massige Vögel, hockten wie aus Bronze gegossen auf den Baumstümpfen der Alleen und sahen unbeirrbar auf die Stadt, als erwarteten sie noch etwas. Aber obgleich seine Vorhersagen nur teilweise eintrafen, sie verschafften dem Amerikaner starken neuen Anhang. Von nun an hetzte er womöglich noch ärger gegen seinen Todfeind Patera.
Ich nahm wieder meine abendlichen Spaziergänge am Flussufer auf. Da hatten die Wellen unzählige Muscheln, Korallen, Schnecken, Fischgräten und -schuppen ans Ufer geschwemmt. Überrascht war ich, häufig Überreste zu finden, welche der Meeresfauna angehören. Wie von mystischen Zeichen übersäet schien das Ufer. Ich war überzeugt, dass die Blauäugigen diese symbolische Sprache verstehen würden. Sicher waren hier Geheimnisse; auch die Flügel der oft prächtigen Insekten, Nachtfalter, Käfer, zeigten Flecken, die vergessene Buchstaben sein mussten. Mir fehlte der Schlüssel dazu.

Wie gross musst du doch sein, Patera! dachte ich. Warum verbirgt sich der Herr so tief, selbst vor denen, die ihn lieben? In schwermütiger Versunkenheit schritt ich dahin; am jenseitigen Ufer beugten sich die entlaubten Bäume weit über den Fluss und streiften mit ihren Zweigen das schwarze Wasser. Zwischen ihnen bewegten sich gigantische Schatten. Das Krachen zerbrechender Äste kam deutlich herüber, manchmal sah ich lange Hälse oder Rüssel und konnte den Gedanken an vorweltliche, monströse Geschöpfe nicht los werden. Je dunkler es wurde, desto gefährlicher war es für einsame Spaziergänger; an einem Abend, welcher für mich noch von grosser Bedeutung werden sollte, kehrte ich furchterfüllt um, als ein Brett, das aus dem Wasser herausragte, zu blasen anfing. Ein Alligator wies mir die Zähne. Beim Heimgehen überdachte ich einen noch gut abgelaufenen Unfall, welcher sich tags vorher ereignet hatte. Schon lange Zeit hatten Gerüchte über einen riesigen Tiger zirkuliert, ein trächtiges Weibchen, das sich im Palaste aufhalten sollte; verschiedene Menschen behaupteten, seine stumpfe Schnauze und den gestreckten Rücken an der Fenstergalerie gesehen zu haben. Tatsächlich war tags vorher eine solche Bestie in den Terrassensalon Alfred Blumenstichs gesprungen. Die Dame des Hauses, rundlich und fett, fiel beim Anblick des wilden Tieres lautlos in Ohnmacht — man sass gerade bei Tisch und Professor Korntheur war zu Gast. Dieser würdige Herr zeigte in dem furchtbaren Augenblick bemerkenswerten Heroismus. „Bleiben Sie ruhig,“ sprach er aufstehend zu dem entsetzten Gatten, „auch die schlimmsten Raubtiere unterordnen sich dem um soviel höherstehenden Menschen, sie fühlen Ehrfurcht vor seiner aufrechten Haltung und fürchten seinen edlen Herrenblick.“ Damit trat er auf das Tier zu und nahm seine Brille ab. War es nun die Seltsamkeit der steifbeinigen Gelehrtenerscheinung oder sonst etwas, kurz, abermals klirrten und zersplitterten die Glasscheiben und der Tiger sprang hinaus, — — leider mit der Frau Kommerzienrat im Rachen. Blumenstich rang die Hände: „Grosser Gott, verschone meine Julie!“ wimmerte er. Von der Dienerschaft mit Flinten verfolgt, schleppte der Tiger die Ohnmächtige zum Palast. Auf der Strasse trat alles höflich zur Seite. Die schleunigst requirierte Feuerwehr versuchte der gestreiften Bestie die Beute abzujagen. In einem grossen Saale des ersten Stockwerkes hörte man den Räuber. Wütend fauchte er die ihm nachkommenden Retter an; Schiessen war unmöglich, wie leicht hätte man Frau Blumenstich treffen können. So war es eine gute Idee, das Tier mit der Feuerspritze zu verscheuchen; das half. Der geduschte Tiger liess sich bewegen, aus seiner Saalecke zu kommen, doch dabei vergass er nicht sein Opfer. Mit einem enormen Satz flog er zum hohen Bogenfenster hinaus. Entsetzt schrien die Leute, doch Gott hatte Erbarmen mit dem Gatten. Frau Blumenstich blieb an einem Fensterhaken, dem ganzen Platze sichtbar, hängen, die Röcke über dem Kopf, aber gerettet. Der Tiger entschlüpfte in der allgemeinen Freude.
Da man des gefährlichen Tieres nicht habhaft geworden war, herrschte grosse Bestürzung. Den Palast zu durchsuchen, wie der Amerikaner vorschlug, wagte trotz der allgemeinen Emanzipation vom Meister kein Mensch. Militär und Polizei versagten kurzerhand ihre Unterstützung.
Der Herr benahm sich wirklich sonderbar! Wenn er schon Perle in keiner Weise mehr seinen Schutz angedeihen lassen wollte, so hätte er doch wenigstens seine Getreuen davon ausnehmen können. So schien es aber, als ob er sich um diesen Unterschied nicht kümmere. Die Stadt hatte jetzt wieder stillere Stunden, obgleich sich fast die ganze traumländische Bevölkerung hier versammelt hatte.
„Gebt uns die Villen frei!“ heulte und brüllte der Pöbel. Die Reichen übergaben sie um so lieber, als man sie den darin eingenisteten Tieren geradezu abringen musste. Bei Lampenbogen war aus dem Landhaus ein Stachelschweinbau geworden; im Boudoir der Verklärten schlief auf dem Divan eine dickgemästete Riesenschlange. Dieses Getier musste vertilgt werden, bevor das Volk einziehen konnte. Auch sonst war es durchaus nicht so schön, wie es der arme Mann sich vorstellte; die kostbarsten Sachen wollten augenscheinlich nicht mehr leben. Die wertvollen Vasen, das Porzellangeschirr war durchsetzt von einem feinverzweigten Netz kleinster Sprünge. Prächtige Gemälde bekamen schwarze Flecke, welche sich über das ganze Bild verbreiteten. Stiche wurden porös und zerfielen; man glaubt gar nicht, wie schnell aus den so gut gehaltenen und reparierten Einrichtungsgegenständen ein Schmutzhaufen wurde.
Der grössere Teil der zugereisten Bauern lagerte sich deshalb lieber auf den freien Plätzen und Feldern in der nächsten Umgebung der Stadt.
„Herr, du zeigst deine Macht nur noch im Schrecken“, dachte ich und betrat die Lange Gasse. Es war dunkel geworden und allenthalben knisterte und knackte es. Hier sauste ein Ziegelstein vom Dache, dort bröckelte Mörtel von einer Wand, ununterbrochen rieselte feiner Sand aus Mauerlöchern, die zusehends grösser wurden, man musste über Schutthaufen klettern und über emporragende Pfähle und Pfosten steigen. — Das unfassbare Weben des Todes.
Auf dem Dache des Kaffeehauses ganz nahe meiner Mansarde unterschied ich deutlich eine sich bewegende schwarze Silhouette: den Leopard. Er hatte sicher in einem Nachbarspeicher seinen Schlupfwinkel ... durch eine Büchsenkugel wäre er vielleicht zu töten gewesen, doch dazu waren wir alle zu feig. In meinem engen Zimmer überfiel mich eine tiefe Mutlosigkeit, lange wanderte ich auf und nieder, ich empfand Schmerzen im Kreuzbein und in den Gelenken.
„Warum leben wir denn alle noch? wir sind ja doch verdammt! Wenn ich jetzt krank würde, kein Teufel kümmerte sich um mich.“ Eine schleichende Angst überfiel mich. Ich will nicht sterben, nicht sterben! und fassungslos stützte ich mein Haupt in beide Hände. „Es gibt nichts Höheres“ — sagte das Verzagen in mir. „Zwei Beine — Knochenröhren — tragen meine ganze Welt, eine Welt des Schmerzes und Irrtums! Das Entsetzlichste ist der Leib.“ Mich durchschüttelte die Todesfurcht. Was wird meinem Körper noch alles zustossen, die tausend Organe, zu wie raffinierten Folterwerkzeugen werden sie sich fügen? Ach, könnte ich doch lieber nicht denken, aber das arbeitet von selbst! Es gibt keine Gewissheiten, denen nicht Ungewissheiten gegenüberständen! Das Gewirr ist endlos — — ich bin verdammt! Ekel und Kot schleppe ich in meinem Bauche, und wenn ich es je zu grosser Leidenschaft bringe, gleich kommt die Feigheit hinterher. Ich weiss nur eines: ich muss es geschehen lassen, so sehr ich mich auch winde, dem Unvermeidlichen — dem Sterben — von Minute zu Minute näher zu kommen. Nicht einmal zum Selbstmord habe ich die Kraft, zum dauernden Unglück bin ich bestimmt.“ — Ich seufzte.
An Patera verzweifelte ich! Ich verstehe ihn nicht, er spielt mit Rätseln! Wahrscheinlich ist er machtloser als irgend einer, sonst hätte er den Amerikaner schon längst zerschmettert. Aber er vermag es nicht! Der Amerikaner, der hat das wahre Leben! O wäre ich nur nicht so zaghaft! Ich träte vor ihn, stürzte auf die Knie und er brächte Hilfe!
Wie aufgelöst in Todesangst, wusste ich nicht aus noch ein. — Unten gab’s ein Gepolter — Randalierende wurden aus dem Kaffeehaus geworfen, ein alltäglicher Vorfall. Gegenüber in der erleuchteten Stube sah ich den Friseur tief über seine Bücher gebeugt.
VI.
Da zupfte es mich innerlich einige Male rasch hintereinander. Ich musste aufstehen — da — schon wieder — was war das? ... Allmählich erfüllte mich ein dumpfer Drang. Jetzt zupfte und pochte es nochmals, eindringlicher. — „Jawohl, was ist?“ — Ich strengte mich an und gab mich ganz der unklaren Empfindung hin. „Patera!“ hörte ich von innen heraus, „Patera! — Palast — komm!“ — es wurde immer beredter, drängender, furchtbar deutlich und klar. — Im Dunkeln ging ich hinunter, völlig sicher, ohne etwas zu denken. Es zog und es schob, ich überliess mich gänzlich einer führenden Kraft. Niemand beachtete mich, — als ich zum Überlegen kam, war ich auf halbem Weg zum Palast. „Um Gottes willen,“ dachte ich, „was tue ich, was muss ich tun —?“ ich wollte umkehren: „ganz gewiss, bei der nächsten Ecke kehre ich um!“ ... Nichts half! ich musste weiter; ich wollte den Leuten zurufen: „Helft doch, helft! haltet mich!“ ... Meine Kiefer waren wie aneinandergeschraubt. ... Und ich sah den imposanten Palast mit seinem Riesentor, den leeren Fensterhöhlen, wie einen Totenschädel — ich trat in seine Dunkelheit. Nach allen Seiten dehnte sich ein Labyrinth von Kolonnaden. Ich marschierte gleich einer Holzpuppe, mechanisch eins — zwei — eins — zwei. Die langen Galerien wurden spärlich von herabhängenden Laternen beleuchtet; ich betrat die Säle. Alle Türen waren nur angelehnt — ich hörte einen Knall — das melodische Schlagwerk einer Uhr — im Zugwind öffneten sich die Türen von selbst — ein Krachen —! Um Christi Barmherzigkeit! der Tiger! Von nun an quälte mich diese Vorstellung und unter stärkstem Druck lief ich beinahe, mich bemühend, möglichst wenig Lärm zu machen. Öfters glaubte ich, meinen Namen zu hören, ganz laut, dann wieder leise und nahe neben mir; aber um keinen Preis hätte ich mich umschauen können. — In den verödeten, unbewohnten Räumen lagen zerbrochene Möbel und eine dumpfe, ausgesprochen modrige Luft hemmte mir den Atem. Ich kam durch weitläufige Gemächer, von einer einsamen Kerze matt erhellt. Zerwühlte Betten, herabgerissene Draperien, zugemauerte Fenster, verglühende prunkvolle Öfen, verhängte Gobelins. — Über kleine, staubige Treppen und durch stille lange Korridore eilte ich wie ein Nachtwandler, da sah ich die bekannte niedrige Eichentüre. „Patera,“ dachte ich ununterbrochen, „Patera, Patera.“ ... Auch diese Türe war nur angelehnt. Von der Decke des Gemaches hing eine silberne Ampel mit einem flackernden Lichtchen und beleuchtete die herabhängenden Fetzen eines Thronhimmels — ausser dem matt sich abzeichnenden Mosaikboden sah man fast nichts. — Ich blieb stehen — jetzt konnte ich stehen bleiben! Da, da! — das Gesicht! — und schon bedeckten sich meine Schläfen mit kaltem Schweiss.
In ein schleierhaftes, silbergraues Gewand gehüllt, stand Patera aufrecht da — stand schlafend da. Ein unbezähmbares Grauen empfand ich vor ihm. In den tiefen grünlichen Schatten seiner Augen lag übermenschliches Leiden, und dann fiel mir auf, dass an einer seiner grossen, wohlgeformten Hände das Nagelglied des Daumens fehlte. Ich erinnerte mich blitzartig der im Traumreich geborenen Kinder. Wieder hörte ich das Flüstern wie beim ersten Besuch.
„Ich habe dich gerufen“, — klang es wie aus der Ferne. Es kam dieses Mal zu keinem klaren Mienenspiel. Die Muskeln schwollen, rollten und zogen sich zusammen. Aber alles blieb gestaltlos, die Züge wurden schlaff, nur die Lippen zuckten und spielten grässlich in dem sonst starren Antlitz. Und dann hub es wieder an, ganz leise, wie durch einen Schleier gedämpft. Zuerst hörte ich nur ein Wispern, sinnlos, unzusammenhängend. Dann erst begriff und verstand ich:
„Hörst du die Toten singen, die lichtgrünen Toten? Sie zerfallen in ihren Gräbern schmerzlos und leicht; greifst du durch ihre Leiber, so berührst du nur Brocken, und die Zähne, sie lösen sich leicht. Wo ist das Leben, das sie bewegte, wo ist die Kraft? Hörst du die Toten singen, die lichtgrünen Toten?“ Der scharfe Hauch Pateras drang mir in die Nase — — ich fühlte mich schwach werden. Da setzte sich der Herr auf sein erhöhtes Ruhebett und warf seinen Mantel ab — nun sass er aufgerichtet mit entblösstem Oberkörper, die langen Locken fielen ihm auf die Schultern, ich musste seine breiten, edeln Formen bewundern. Dieser schimmernde, weisse Leib glich einer Statue — und ich fasste meine letzte Kraft zusammen in die Frage: „Patera, warum lässt du das alles geschehen?“ — Es kam lange keine Antwort. —
Auf einmal rief er mit metallisch tönender Bassstimme: „Ich bin müde!“
Ich fuhr erschrocken zusammen, im nächsten Moment starrte ich in die glanzlosen Augen — ich war im Bann. — Seine Augen glichen zwei leeren Spiegeln, welche die Unendlichkeit auffingen. Mir kam der Gedanke, dass Patera gar nicht lebe, — wenn Tote schauen könnten, das wären ihre Blicke. Es war ein Befehl zum Sprechen in mir. Aber ich vermochte nur zu stammeln, ich lallte und war selbst erstaunt, wie es klang. Wie aus Urzeiten kam diese Frage her, vor Billionen von Jahren mussten diese Worte gesprochen worden sein, und jetzt erst brachte ich sie hervor, heute hörte man sie hier:
„Patera, warum hast du nicht geholfen?“
Und langsam, leblos senkten sich seine Lider, wobei mir wieder leichter wurde.
In sein Antlitz trat nun unsägliche Milde, ein über die Massen weicher, trauriger Zug bezauberte mich. Und wieder flüsterte es klar:
„Ich habe geholfen, ich werde auch dir helfen?“ Es klang wie Musik, eine überaus süsse Müdigkeit überkam mich — ich beugte mein Haupt — die Augen fielen mir zu. — —
Ein markerschütterndes Lachen, ein Lachen der Hölle riss mich in die Höhe .... Im grell strahlenden Raum stand an der Stelle Pateras der Amerikaner vor mir .....
Wie es mir gelang, aus dem Palaste zu kommen, weiss ich nicht mehr. Ich lief und schrie. Männer wollten mich in meinem Lauf aufhalten, aber ich muss mich ihnen wohl entwunden haben, denn als ich wieder zur Herrschaft über meinen Körper gelangte, kauerte ich in einer Wagenremise. Im Innern eines umgestürzten Fuhrwerks bemerkte ich einen Wurf toter Schuppentiere.
Noch gellte ruckweise das Hohngelächter in meinen Ohren, aber es erregte mich nicht mehr. Die Spannkraft meiner Nerven war gebrochen. Das Geschick, in welcher Gestalt es auch erschien, konnte mich nicht mehr aus meiner stetigen Ruhe reissen. Zu längeren Gedankengängen unfähig, fühlte ich mich doch stark in dem Bewusstsein meiner Ohnmacht. Wenn ich diese Widersprüche auch nicht verstehen oder auflösen konnte — was kümmerten sie mich schliesslich? Jegliche Furcht war verschwunden; die entsetzliche Vision, die mich Pateras Doppelwesen erfassen liess, schloss die Abgründe meiner Zweifel und Ängste.
VII.
Nur durch diese Begegnung war es erklärlich, dass ich die letzten Schrecken, die über das Traumreich heraufstiegen, schauen und doch überleben konnte. Meine Gefühllosigkeit war der Schutz meiner Natur. Als eine Reihe von Schemen zog die Agonie des Traumstaates an meinem Auge vorüber.
In meine Wohnung ging ich nicht mehr, auch das Kaffeehaus mied ich. Ausser dem Schmutz war mir jetzt Anton zuwider, kordial klopfte er den Gästen auf die Schultern; er pflegte zum Beispiel zu sagen: „Sie, Ihna Freund, dös is a Luada!“
„Wer?“
„Na, der Herr woass eh, den Castringius moan i.“

Die Traumstädter siedelten nach und nach auf die freien Grundstücke über. Auf den Tomassevicfeldern, den grossen Bauplätzen beim Friedhof, kampierten die besseren Leute. Hier war ein Zeltlager errichtet, welches sich bis gegen das Flussufer erstreckte. Gewiss, in den stickigen Nebeln und auf dem feuchten Lehmboden war es schlecht zu nächtigen, aber man verlor nicht gleich seine Laune deshalb, und abends bei den Feuern ging es oft recht vergnügt zu. Es wurde getanzt, geplaudert, manche fingen Fische. Diese mussten meist halb roh verschlungen werden, weil sie gleich nach dem Töten einen Fäulnisgeschmack bekamen. In der Stadt blieb des Nachts nur Gesindel, das seine Beute suchte. Der Verkehr am Tage in den Strassen war mit grösster Vorsicht noch möglich, es wurden aber viele Menschen von zusammenbrechenden Mauern verletzt.
In einem verlassenen Park hatte Dr. Lampenbogen eine Ambulanz errichtet, hier traf ich ihn, als er im grauen Kittel „arbeitete“. Er erzählte mir von dem Einsturz zweier Etagen in der „blauen Gans“, 86 Tote, 17 Verwundete. Es hatte gerade eine Versammlung stattgefunden. Der Amerikaner war wunderbarerweise unverletzt geblieben, aber sein Diener — er deutete auf einen in blutigen Verbänden daliegenden Menschen — würde wohl schwerlich davonkommen. — Er habe kein Glück mehr, klagte er, die meisten gingen ihm drauf.
In der Baracke sah es schlimm aus: Unsauberkeit — Mangel an Leinwand —, verrostete Instrumente. In einem alten Eisschrank, den er jedesmal sorgfältig abschloss, bewahrte sich der Arzt kalte Speisen und die gläsernen Schröpfköpfe auf. — Ich hielt es für angezeigt, ihm mit ein paar Worten zu kondolieren. Er lächelte abwesend und sagte: „Ja, sehen Sie, ich bin ein Mann, anders als Sie!“ — Er schien seiner Melitta nicht besonders nachzutrauern.

⇒ GRÖSSERES BILD
Das „Amtsblatt“ und der „Traumspiegel“ waren eingegangen, die „Stimme“ gehörte jetzt dem Amerikaner. Sie erschien ausschliesslich in Extranummern und brachte die Tagesereignisse im Telegrammstil. Die Blätter wurden abends von Jaques und seiner Bande ausgebrüllt. Sie fanden viel Absatz, da sie immer aufregendere Neuigkeiten brachten. Pathologische Phänomene machten jetzt am meisten von sich reden. Sich begegnende Traummenschen wurden oft plötzlich von einem überraschenden Zwang ergriffen; sie verfielen alle in die gleichen unwillkürlichen Bewegungen, steif und sinnlos reckten sie die Hände. Nach ein paar Minuten liess das plötzlich wieder nach und es war wie vorher.
Bei einer auf freiem Feld gehaltenen langen Rede wiederholte irgendein zufälliger Hörer dieselbe ganz rasch mehrere Male bald beim Anfang, bald beim Ende beginnend, wie ein rasselndes Grammophon. Sprachstörungen grassierten allgemein. Einzelnen fehlten Worte, Begriffe, Buchstaben, manche verstummten zeitweise.
Viele Leute wurden menschenscheu und zogen sich in die Wildnis zurück.
Mit den Getränken musste man sehr vorsichtig sein, Alkohol wirkte wie Gift, wenngleich es auch Ausnahmen gab und schwächliche Personen, Frauen und Kinder ihn bisweilen literweise vertragen konnten.
In der Langen Gasse sah ich noch einmal den kleinen Giovanni. Er war bei einer schnatternden Affenbande, die sich im Magazin des Tändlers Blumenstich festgesetzt hatte. Ein mottenzerfressenes Reich von Polstermöbeln lag hier offen zutage; da der Dachstuhl nach und nach aller Schindeln entbehrte. Mitten unter Meerkatzen erkannte ich ihn an seinem roten Gürtelchen. Ich rief hinauf, aber er liess sich nicht stören; er pflegte galantes Spiel, er war wieder ganz urwüchsig geworden.
Die Spannungen waren unerträglich; nächtlicherweile zuckten bleichsilbrige Erscheinungen in Serpentinen über den Himmel, lange, zarte Spitzenbänder wie Nordlichter. Eremiten, Derwische, Fakire kamen aus den Sandwüsten und von den Bergen und verkündeten auf offenem Markte, dass der letzte Tag herannahe. Sie forderten zur Busse auf, aber ihre Ahnungen wurden ausgepfiffen.
Vor dem Ende ereignete sich noch eine Farce: der „schwarze Fisch!“ — — So nannten die Extrablätter eine grosse Gestalt, welche eine gute Stunde stromabwärts im Bett des Negro sichtbar ward. — Wie ein riesenhaftes, fest verankertes Kriegsschiff, lag hier ein ungeheurer, bewegungsloser Körper. Man machte sich auf den Überfall eines neuen, unbekannten Tieres gefasst. Der zunächst gefährdete Teil des Lagers auf der Tomassevicwiese wurde abgebrochen. Furcht verbreitete sich und man richtete die Ziegelei als Beobachtungsposten ein. Alles lief zusammen und schaute nach der Richtung, in der der Koloss lag. O, man wollte sein Leben teuer verkaufen! — Auch ich befand mich unter der erregten Menge, und blickte durch ein altes Pappdeckelfernrohr; leider zeigten die blinden Linsen in der dämmerigen Luft nicht allzuviel.
„Es ist ein gronländischer Wal,“ belehrte mich der neben mir stehende alte Professor, „bisher nur in der arktischen Welt beobachtet.“
Das merkwürdige Tier rührte sich nicht, die Stadt war ratlos der drohenden Gefahr preisgegeben. Einige schlugen vor, es aus der Ferne zu bombardieren, aber konnte man wissen, wie es diesen Angriff aufnehmen würde? Gereizt, spie es vielleicht Gift, und zertrümmerte das Wenige, was uns noch geblieben war. Lieber abwarten — möglicherweise zog es sich wieder zurück!
In der allgemeinen Verwirrung entwickelten da auf einmal einige Wagehälse einen schönen, anerkennenswerten Mut. Es war dies die letzte Aufwallung des gesunden Menscheninstinktes, die ich konstatieren konnte, später ging alles drunter und drüber. Zwei Bauernburschen, ein Soldat und ein Jäger, lauter junge Leute, wollten sich für das Wohl der Allgemeinheit opfern. Ihr Plan ging dahin, sich in einem Boote flussabwärts treiben zu lassen, das Tier zu beschleichen und es mit Handgranaten aus der Nähe zu vertreiben. Vielleicht konnte man es sogar töten. Das war ein Wagnis, tollkühn und brav.
Das edle Opfer wurde angenommen, alles lief und wollte die jugendlichen Retter sehen. Ein Geistlicher im Ornat sprach über die vier seinen Segen, jeder empfing das letzte Sakrament. Voll Rührung und Begeisterung staute sich das Volk von der Mühle bis zum Friedhof.
Die Vier begaben sich zur Schleuse. Nachdem man den letzten halbverfaulten Kahn flott gemacht, schwamm man mit der Strömung langsam hinunter. — Zwei Mann mussten fortwährend das eindringende Wasser ausschöpfen. Für die Zurückbleibenden wurde das Schiffchen immer kleiner — nun sah man es schon an der Flussbiegung. Jetzt mussten sie das Ungeheuer bald erreichen. Aller Hälse reckten sich, alle hielten den Atem an. Die Masse verhielt sich, bis auf ein leises Kratzen, lautlos. Die kleine Expedition schien unversehrt in unmittelbarer Nähe der Gefahr zu halten. Es passierte zu aller Verwunderung eine Zeitlang gar nichts — da plötzlich sah man in der Ferne etwas blitzen — und langsam ging das Riesentier unter.
Ein tausendfacher Jubelschrei belohnte die Helden!
Die Überraschung war gross, als es sich herausstellte, dass es ein verunglückter, von den Weiden am Flussufer festgehaltener Luftballon war, der sich über dem Traumreich gesenkt hatte.
VIII.
Nirgends spiegelte sich der unerhörte Zerfall des Traumreiches deutlicher als in den Sitten, deren Schauplatz Mme Adriennes beliebtes Institut im französischen Viertel war; bisher hatte es in diskreter Stille geblüht, unterstützt durch gelegentliche Ratschläge erfahrener Greise. Jetzt erschien zu dem interessanten, sehr strengen Aufnahmeexamen die obere Gesellschaftsschicht in grosser Toilette. Castringius’ Einfall, gezeichnete Doktordiplome zu verteilen, wurde indessen zurückgewiesen. Es handle sich um keine wissenschaftliche Fakultät, sondern um einen Kult — wurde ihm bedeutet.
Das Zerfallen der Gewebe bot den ersten Anlass zum Erfinden der berühmten geschlitzten Kleider. Selbst anständige Frauen, ja sie besonders, gingen darin bis zum Äussersten; von ihnen soll die Idee der sogenannten „Menüs“ stammen; was das heissen sollte, will ich nur andeuten und hoffe dabei auf eine bescheidene Phantasie meiner Leser.
Wenn ich kurz sagen würde: sie scherzten und hatten sich sehr lieb! so würde das das Bild nicht genau genug wiedergeben. Die Menüs waren gedruckte Einladungskarten zu intimen Festlichkeiten. Die scheinbar unverfängliche Speisenfolge wie: Sandwiches, Rehbraten, Charlotte-russe bezeichnete technische Details in der Liebe, welche näher zu kennen keinen Leser gelüsten wird.
Auch mein altes Café sah geheimnisvolle Orgien: wenigstens bemerkte ich einmal, dass Stösse obszöner Bilder, Spiegel, Badewannen, Matratzen hineingeschafft wurden. Ich frug den Wirt, was das zu bedeuten habe.
„Ach nichts! ein kleines Arrangement!“ erwiderte er mit süsslichem Lächeln. Als ich abends nochmals vorüber ging, waren die Läden geschlossen. Das war sonst nie der Fall gewesen. Ein Zettel, quer über die Türe geklebt, trug die Aufschrift: „Heute privat!“ Tumult, einzelne Worte und ein fürchterliches Lachen drangen heraus. Ein paar in die Stadt geflohene Pfaffen plauderten Mysterien vom Tempel aus. Wie der Pöbel sie auffasste, lässt sich denken. Die Organe der Fruchtbarkeit galten ihm nicht als Symbole geheimnisvoller Wonnen und Kräfte, sondern wurden plump als die Götter verehrt, von denen man jetzt alle Hilfe erwartete. Auch das grösste aller Mysterien, das Geheimnis des Blutes, war verraten worden, und darauf steht der Wahnsinn. Es mag die Ursache mancher zerstörerischer Entfesselung der Triebe gewesen sein. Den vielen gefährlichen Tieren gegenüber war es selbstverständlich, dass man sich zum gegenseitigen Schutze zusammentat. Unter diesem Vorwande schlief man in den Zelten gruppenweise unter einer Decke. Der schöne Name für diesen Schutzbrauch war „Gesellschaftsschlaf“.
Die Luft war wie in einem Backofen, in den Tümpeln und Buchten am Flussufer zeigten sich schwache, blaue Flämmchen. Im Traumreich herrschte ewige Dämmerung.
Ich schritt durch das Lager; es war auffallend, wie still es heute war. Die Traummenschen lagen da und sahen sich gegenseitig unter gesenkten Lidern hervor an. Alles schien gedrückt und beklommen, diese Leute erwarteten etwas. Plötzlich vernahm man ein anschwellendes Summen und verhaltenes Lachen über die ganze Ebene hin. Ein Schrecken ergriff mich! Das war wie der jähe Ausbruch einer geistigen Krankheit. — Und wie wenn mit einem Male ein Sturm heranbraust, fielen die Geschlechter über einander her.
Nichts wurde verschont, weder Familienbande, noch Krankheit und Jugend. Kein menschliches Wesen konnte sich dem elementaren Trieb entziehen, man suchte gierig vorgequollenen Auges einen Körper, um sich an ihn anzuklammern.
Ich stürzte zur Ziegelei und versteckte mich. Durch ein kleines Loch in der Mauer sah ich etwas Schreckliches.
Stöhnen und Ächzen war rings umher, dazwischen schnitten schrille Schreie und vereinzelte tiefe Seufzer; ein Meer von nacktem Fleisch wallte und zitterte. Kühl und unbeteiligt empfand ich das sinnlos Mechanische des krassen Vorgangs. Ich konnte nicht umhin, etwas insektenhaft Groteskes in dem konvulsivischen Schauspiel zu finden. Ein Blutdunst durchdrang die ganze Gegend; der Schein der Lagerfeuer zuckte über den Fleischtaumel hin, einzelne Gruppen besonders hervorhebend. Ich erinnere mich lebhaft eines bärtigen älteren Mannes, der auf der Erde kauerte und in den Schoss einer Schwangeren starrte. Langsam, blöde murmelte er vor sich hin — es war wie ein irres Gebet.
Plötzlich vernahm ich in der Nähe lautes Kreischen, wie Frohlocken und Schmerz. — Zu meinem Entsetzen gewahrte ich, dass eine gelbhaarige Dirne einen Betrunkenen mit den Zähnen entmannt hatte. Ich sah seine glasigen Augen, er wälzte sich in seinem Blute; beinahe gleichzeitig sauste ein Beil herab, der Verstümmelte hatte einen Rächer gefunden. Selbstbeflecker zogen sich in die Schatten der Zelte zurück, weiter droben schallte ein Bravorufen, dort paarten sich unsre Haustiere, vom Taumel ergriffen.
Aber den stärksten Eindruck machte mir der halbwache, etwas blöde Ausdruck dieser erhitzten oder blassen Gesichter, der ahnen liess, dass diese Armen nicht in freier Willensbestimmung handelten. Es waren Automaten, Maschinen, die, in Gang gesetzt, sich selbst überlassen worden waren, — der Geist musste wo anders hausen!...
De Nemi erschien in Uniform mit einigen Mitgliedern von Jaques’ Bande, das wirkte wie Öl auf die Flamme. Ein Klavier wurde herangeschleppt, de Nemi hämmerte, unausgesetzt von vorne anfangend, den gleichen Gassenhauer herunter. Unter tierisch klingenden Kommandorufen versuchten die Trunkenen, sich kolonnenweise zu paaren. Kinder wurden aufeinandergehetzt. Bis in die vom Flusse aufsteigenden rötlichen Nebel konnte ich das geisterhafte Inferno verfolgen. Der Blutdurst erwachte! Ein riesenhafter, unflätiger Bursche sprang auf, brüllte wie ein Stier und fuhr mit einem langen Messer auf einen andern los. Ein Mord! dann ein zweiter! Der Mann war tobsüchtig geworden; alles Spiel verstummte. Mehrere Weiber wälzten sich kreidebleich in hysterischen Krämpfen auf dem Boden.
Von überall ertönte nun das Heulen der in Mordlust Verfallenen. So können Tiere nicht brüllen! Man erschlug die Wutschäumenden. Es kam zu erbitterten Kämpfen. Die Tore zu den nahegelegenen Kellereien wurden eingeschlagen und grosse Fässer ins Lager gerollt. Alle betranken sich! Eine lärmende Gesellschaft zog sich in die Badeanstalt zurück, hinter ihnen sperrte ein Spassvogel ab. Stundenlang ertönte ein schauriges Hilferufen, aber das berauschte Lager kümmerte sich nicht darum; dann wurde es stiller. — — Vollgefressen glitt ein Rudel Krokodile ins Wasser. — —
Einige schändeten frische Gräber in dem nahen Kirchhofe, ein räudiger Hund warf sich, angelockt von dem Blutdunste, auf eine überfahrene Katze.
Da gewahrte ich neben mir ein zusammengekrümmtes Wesen: — Brendel, der mich verständnislos anlachte. „Brendel, was gibt’s?“ versuchte ich ihn leise aufzurütteln.
„Melitta“, sagte er langsam und lachte wieder still vor sich hin. — Ich wusste genug. Der Arme hatte über das Ende seiner Geliebten den Verstand verloren.
Die meisten Feuer erloschen, es wurde stiller. Ich vergewisserte mich, ob ich mich aus meinem Versteck wagen könne. Man hörte nur das Schnarchen der Betrunkenen. Ein grosses Feuer leuchtete noch, es wurde durch das Klavier genährt. In seinem Scheine sah ich jetzt eine breite Gestalt: den Amerikaner.
Er war im Frack, wie bei einem Fest, und rauchte seine unvermeidliche kurze Pfeife. Durch die schlafenden Gestalten bahnte er sich seinen Weg, halbaufgerichtet wollte ihn ein nacktes Weib daran hindern. Aber ratsch! erhielt sie einen Peitschenhieb, worauf auf dem weissen Rücken ein brennend roter Striemen erschien. Dann tauchte er wieder in die Dunkelheit und entfernte sich in der Richtung auf die Stadt zu, von welcher jetzt ein Gedröhne erscholl.
— Die Stunde des Amerikaners war gekommen!
IX.
In der Stadt wurden Extrablätter verteilt, die von einem neuen Unglück berichteten: der grosse Tempel war in dem See verschwunden, Mönche hatten die Botschaft gebracht. Man vermutete, dass die Grundfesten längst unterwaschen waren und der weiche Sandboden nun nachgegeben hatte. Einige Priester waren beim Singen ihrer Hymnen ertrunken. Sie müssen vom Tode völlig überrascht worden sein, denn ihre Posaunen ertönten noch, als der Bau schon zur Hälfte im Wasser lag. Es war alles sehr schnell vor sich gegangen, die schweren Marmorwände versanken, ohne einzustürzen. Die mit dem Leben davongekommenen heiligen Brüder waren erst durch das Gurgeln des die bunten Scheiben eindrückenden Wassers auf die Gefahr aufmerksam geworden. Infolge ihres Fettes leicht, konnten sie sich durch Schwimmen retten. Das noch immer brennende Licht erleuchtete tief unter Wasser die Tempelfenster, so dass sie glühten, wie Augen von sagenhaften Seeungeheuern. Langsam erlosch dann eines nach dem andern; nur noch die silbernen und goldenen Kuppeln schimmerten und strahlten, bis endlich auch sie von den eindringenden Wogen verschlungen wurden. Die Leiche des ehrwürdigen Oberpriesters spülten die Wellen ans Land, alles übrige fand im Traumsee sein Grab.
Allgemein betrauerte man die märchenhaften Schätze, die hier untergegangen waren, — und ich besonders, da ich nie Gelegenheit gehabt hatte, diese Pracht mit eigenen Augen zu sehen.
Die grossen Tiere waren nun alle verschwunden. Das brachte einen Nachteil mit sich, den man nicht berechnet hatte. Womit sollte man jetzt seinen Hunger stillen?! Die Herden und Insektenschwärme hatten Felder und Gärten verwüstet. Alle Vorräte wurden schlecht, Eier, gesalzenes und geräuchertes Fleisch verdarben; es stand eine Hungersnot bevor. Da rückten zwei norddeutsche Schwestern mit einem praktischen Vorschlag heraus. Eine von ihnen hatte Chemie studiert und scharfsinnige Versuche angestellt, die ihrer Ansicht nach gelungen waren. Das Paar wollte die vom Negro in Haufen an das Ufer geworfenen Fischleichen durch eine geheime Prozedur entgiften und in essbare Speisen verwandeln. Trotz ihres guten Willens ernteten die zwei Fräuleins schwarzen Undank: sie wurden vom empörten Pöbel gelyncht. —
X.
Es war nicht mehr möglich, die Nacht vom Tage zu unterscheiden, in dem gleichmässigen grauen Zwielicht konnte man sich nur notdürftig zurechtfinden. Da alle Uhren eingerostet und stehen geblieben waren, fehlte uns jede Zeitberechnung; daher ist es mir auch unmöglich anzugeben, wie lange sich der Zustand der Auflösung hinauszog. Ab und zu sah man noch ausgemergelte Raubtiere, doch mit eingeklemmtem Schweif und dürren Flanken ergriffen sie bei der Annäherung des Menschen die Flucht. Aus staubigen Winkeln wurden vertrocknete Schlangen gezogen.

⇒ GRÖSSERES BILD
Um den Ausbruch einer Seuche zu verhindern erhielten die Traumstädter den Befehl, alle Kadaver in den Fluss zu werfen. Diese Anordnungen waren nur zum geringsten Teile ausführbar, denn in die baufälligen Häuser wagte sich niemand mehr. Es verpestete Kaninchen- und Schlangenbrut in ihren versteckten Gräbern die Stadt. Aus den Torwegen schlug einem Leichengeruch entgegen. — Von dem Lampenbogenschen Miethause war die obere Hälfte zerfallen, ein langer Steinkamin und eine Rückwand ragten in die Luft. Man sah den Querschnitt der Wohnungen; ein paar Bilder hingen noch auf der geblümten Tapete unseres ehemaligen Schlafzimmers. Durch ein grosses, dreieckiges Loch konnte man den schmutzigen Plafond des Staatsgemaches der Prinzessin erblicken.
Die Molkerei war eine Beute des Mauerschwamms geworden; aus Fenstern und Türen wucherte er und deformierte den ganzen Bau, aus den Dachluken hing er in grossen weisslichen Lappen.
Das Holzhäuschen des Flussaufsehers brach unter der Last seines zu Moos gewordenen Daches.
Das Kaffeehaus starb wie eine Kokette, die sich bemüht, den äusseren Schein bis über das Ende hinaus zu wahren. Aussen war es scheinbar gut erhalten; aber innen wurde es von den Trümmern des oberen Stockwerkes und des Dachbodens angefüllt. Sonderbarerweise war eine Fensterscheibe unversehrt geblieben, durch die man zwei hohe Ameisenhaufen gewahren konnte. Man sah darin ein paar weisse Knöchelchen und zwischen beiden stand ein Schachtisch, worauf ein schönes Matt gestellt war.
Ich ging durch die verödeten Strassen meinen Lieblingsweg dem Flussufer zu: auch hier derselbe trostlose Anblick. Beim Wasenmeister ein unerhörter Gestank, so dass ich den Fetzen, der mir als Taschentuch diente, vor Mund und Nase halten musste. Die Umfassungsmauer des Hofes war nach dem Negro zu eingestürzt; hinter dem Geröll lagen, zu Hügeln getürmt, Tierleichen; im weiten Umkreise war ein Summen hörbar und auf Schritt und Tritt rührten sich Millionen von Schmeissfliegen. Ich ging zum Strom hinunter, um Luft zu schöpfen, denn da war es immer noch am erträglichsten. Von der Badeanstalt sah man fast nichts mehr. Ein paar Planken und Pfähle, dick mit grünem Schlamm und Schnecken bedeckt, standen noch im Wasser. Auf einmal wurde es hell, und als ich mich heftig erschrocken umwandte, sah ich, dass die Mühle brannte. Die Fenster waren erfüllt von blendendem Feuerschein. Das morsche Gebälk knisterte und knackte. Aus dem spitzen Schindeldach drang Rauch, eine grosse Stichflamme schlug gegen den Himmel, und mit einem Krach stürzte die vordere Wand ein. — Das von innen erleuchtete Mühlwerk war in Bewegung, man sah wie in den geöffneten Leib eines Menschen. Noch schnurrten die Räder, es drehten sich die Mahlsteine, es erzitterten die Trichter, der Mehlstaub verbreitete einen leichten Nebel durch die Glut. Die Flammen ergriffen gierig die morschen Stiegen und Leitern, und langsam, gleichsam widerstrebend, wurde ein Teil nach dem andern bewegungslos — wie die Organe eines Sterbenden.
Der grosse Mehlkasten stürzte zuletzt in die Flammen. Wo er gestanden, sah ich ein Paar altmodische Stulpstiefel, in denen halbvermoderte Beine steckten — brennende Balken verbargen den Rest. Hinter mir hörte ich eine hohle Stimme: „Ich hab’ es getan! Schon zum vierten Male hab’ ich es getan und ich werde es immer wieder tun!“

Es war der Müller. — Er nahm eine Prise, zog ein Rasiermesser heraus, probierte die Klinge und schnitt sich die Gurgel durch. Er stürzte nieder, wie aus einem Quell rieselte das Blut über seine Brust. Sein Gesicht war zu einer satanischen Grimasse verzerrt. — — —
Diebe schlichen in die Klosterkirche, erbrachen das Tabernakel und stahlen mit frechem Finger die edelsteingeschmückten Reliquien. Die Nonnen konnten den Einbruch nicht verhindern, denn sie befanden sich selbst in übler Lage. Ein Haufen Krüppel und Bresthafter, von seinen Suppengängen her mit allen Winkeln des Klosters vertraut, stürmte das Hospital. Ihre drohenden Forderungen nach Lebensmitteln wurden von den Klosterschwestern, die selbst nichts besassen, abschlägig beschieden. Unter rohem Gelächter verlangten sie andersartige Entschädigungen. Wie bei einem Hexensabbat humpelte und kroch die widerliche Brut immer näher an die Bedrängten. Ein noch ganz junges, schönes Mädchen setzte sich zur Wehr und schlug einem Kerl mit einem Doppelkropf ein Auge aus. Zur Strafe wurde sie auf eine eiserne Bettstelle gebunden. Kreaturen, strotzend vor Ungeziefer, mit abgefressenen Nasen, eiterigen Augen, faustgrossen Geschwüren, Krätzeschorf, beugten sich über die Gefesselte, die während dieser Schändung erst wahnsinnig wurde und dann starb. Die übrigen Nonnen unterwarfen sich gehorsam dem unerforschlichen Schicksale; nur der achtzigjährigen Oberin blieb diese Prüfung erspart, wohl infolge ihrer heissen Gebete.
XI.
Der Amerikaner trat überall als Herr der Stadt auf — und doch wäre es auch ihm fast übel gegangen. Er erschien mit seinen Trabanten vor der Bank; jetzt sollten sie entlohnt werden, die Getreuen, so hatte er es versprochen. Alles wunderte sich, dass das massive Tor des grossen, jetzt allerdings etwas ruinenhaften Gebäudes weit offen stand. Bei näherer Untersuchung fanden sich im Haupttresor 83 Kreuzer, Depots waren überhaupt nicht vorhanden. Jaques, de Nemi und die anderen Rottenführer schauten zweifelnd auf den Amerikaner. „Hab’ ich mir’s doch gedacht!“ rief dieser erbost. „Vorwärts zu Blumenstich!“ Den Bankier Blumenstich traf man in seinem Gartensalon mitten unter verfaulten Blumen. Er empfing die Herren ruhig mit einem zwetschenblauen Gesicht — er war tot. — Er hatte sich vor einem ihn verfolgenden Hornissenschwarm hierher geflüchtet; während er aus Leibeskräften schrie, wurde er von einem der Insekten in die Zunge gestochen, woran er erstickt war. — Wieder schaute alles auf den Amerikaner, der sagte dieses Mal nur: „Verdammt!“ — „Du hast uns Geld versprochen, gib uns von deinem Golde!“ schrien ihn die Erbitterten an. „Sucht es euch selber unter den Trümmern des Hotels!“ rief der Amerikaner grollend und enttäuscht.