DRITTER TEIL DER UNTERGANG DES TRAUMREICHES (continued 2)
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Jaques wechselte mit den andern tückische Blicke, dann trat er, ein Messer verbergend, auf Bell zu, der jede Bewegung scharf beobachtete und mit einem Hieb seines Totschlägers den Meuchler niederstreckte. Kaltblütig stellte sich Herkules Bell gegen die Wand des Gartengebäudes. In jeder Hand hielt er eine Browningpistole und frug mit schallender Stimme: „Welche von euch wollen die ersten sechzehn sein?“
Die Bande hatte es sich leichter gedacht, sie duckte sich und drängte zurück, wurde aber von den rückwärts Brüllenden wieder nach vorne geschoben. Scharf, hell und rasch hintereinander knallten die Schüsse; um den Amerikaner war ein Wall von Leichen, weit mehr als sechzehn, denn die Projektile drangen durch mehrere Körper zugleich. Barhäuptig stand er im Frack, breit und aufrecht, die kurze Pfeife zwischen den Zähnen. Seine wuchtig in zwei Höckern sich wölbende Stirn gab dem Gesicht etwas Teuflisches, sein starrer Blick wirkte herrisch bändigend auf die Entfesselten. Keiner wagte, ihn anzugreifen oder zu schiessen. Aber immer noch wurde von hinten geschoben. Dem Drucke nachgebend, stürzten die vorderen Reihen über die Erschossenen. Der Menschenknäuel raubte Bell die Freiheit seiner Bewegung. In Brusthöhe, zwei Spannen von seinem Gesicht sah er diese blassen Larven, Parodien auf das Menschenantlitz. Seine Lungen arbeiteten gewaltig, sein Atem keuchte wie eine Dampfmaschine. „Nieder, nieder mit ihm!“ — drangen unheilverkündende Rufe an seine Ohren, — da war ihm ein unvorhergesehener Zufall günstig. Derbe Flüche näherten sich und wurden immer lauter.
„Wer ist es?“ wurde gerufen. „Wer?“
„Gotthelf Flattich, der starke Gotthelf! — Achtung! Obacht!“
Eine kolossale, halbnackte Gestalt bahnte sich einen Weg durch das Gedränge. Die Leute machten murrend Platz für den sich durchdrückenden Neger, der sie um gut anderthalb Kopf überragte. Er war durch das Geschrei angelockt worden und hatte mit einem Blick die Gefahr erfasst, in welcher der Amerikaner schwebte.
„Rührt ihn nicht an!“ brüllte er weithin schallend und schwang drohend mit seinen Riesenarmen eine eiserne Brechstange. Zornig rollten die Augäpfel in seinem schwarzen Gesicht. Die Zunächststehenden riss er zu Boden und rettete so seinem ehemaligen Wohltäter das Leben.

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XII.
Man war vor dem Archiv versammelt. Da öffneten sich beide Flügel des Haupttores und heraus trat Seine Exzellenz, gefolgt von einer kleinen Suite. Der hohe Herr war in goldstrotzender Gala mit allen Orden und trug einen federbesetzten Sturmhut. Von weitem bot er den Anblick eines Paradiesvogels. Diese prachtvolle Uniform sah man eine kleine, rasch errichtete Kanzel besteigen. Ringsum verstummte das Traumvolk.
„Meine Herren, es wird Ihnen vielleicht aufgefallen sein, dass wir in ungewöhnlichen Zeiten leben. Das muss ein Ende haben und Ordnung wird wieder einkehren. An höchster Stelle wünscht man, die Untertanen glücklich zu sehen. Unser allerhöchster Herr hat sich entschlossen, eine Amnestie auf alle Verbrechen und Vergehen zu erlassen. Ich habe den Befehl erteilt, unser Staatsgefängnis, die Wasserburg, heute noch öffnen zu lassen!“ —
„Schon längst geschehen,“ wurde jetzt höhnisch gerufen, „wir haben sie selber befreit!“ brüllte der Pöbel lachend.
Das Gefängnis befand sich etwa eine kleine Tagereise stromabwärts auf einem Felsenriffe mitten im Negro, unweit des Städtchens Bellamonte.
Nicht ein Wort von der Rede wurde in dem Lärm mehr verstanden — der hohe Redner machte in einem fort den Mund auf und zu. Endlich überzeugte er sich von der Fruchtlosigkeit seiner Beruhigungsversuche, machte eine kleine Verbeugung und wollte die Kanzel wieder verlassen; als er sich umwandte, vernahm er ein schallendes Spottgelächter; Seiner Exzellenz Hose mit den goldenen Streifen hatte den Boden verloren. „Seltsam, — wie das Volk sich freut“, dachte er.
Eine plötzliche Detonation erscholl — Staub — Dampf. — Viele Leute wurden ohnmächtig oder zerquetscht. — Eine Bombe war geschleudert worden — woher, wusste niemand.
Tote und Schwerverwundete mussten auf Bahren fortgeschafft werden; schaudernd sahen die Träumer auf die blutigen Lasten, die in langen Reihen an ihnen vorbeigetragen wurden.
Seiner Exzellenz waren beide Füsse abgerissen worden, ein Stahlsplitter im Leib hatte ihren Tod verursacht.
XIII.
Ich hatte von alldem nichts erfahren, denn meine Schritte richteten sich gegen den Friedhof. Beunruhigt durch die Grabschändungen, wollte ich nach der Ruhestätte meiner Frau sehen. Der Hügel war unverletzt, das kleine eiserne Kreuz hatte der Rost gänzlich zerfressen.
Von ferne sah ich die frischen Massengräber — hastig wurden jetzt die Toten verscharrt, vier Schuh Erde mussten genügen. Natürlich zogen die ausströmenden Miasmen Wölfe, Hunde und Schakale an, die in der frisch aufgeworfenen Erde wühlten, und während ihrer Mahlzeiten öfters erlegt werden konnten. Ich müsste mich sehr getäuscht haben, wenn ein dunkles, hochrückiges Geschöpf, das ich hinter den Marmorblöcken der erbrochenen Blumenstichschen Familiengruft sah und das ein wieherndes Lachen ausstiess, keine Hyäne war. Ein bleierner Himmel zog sich über den Gottesacker. Zertretene Immortellen, Zweige und vermoderte Kränze steigerten die gewaltige Melancholie dieses Ortes.
Mich fröstelte, da ich schon lange in keinem Bett mehr gelegen war.
Da fiel mir ein, dass ich vor einiger Zeit eine Ankündigung gelesen hatte, wonach auf den Polizeistationen für Unterkunftslose Decken verteilt wurden. Eine solche Station war an die Leichenhalle angebaut und stand mit dieser in Verbindung. Traurig und mit hängendem Kopf suchte ich sie. Eine weiche Anwandlung durchzog mich, ich hatte das Empfinden, auf nachgiebige Massen, Moos — Heu — Werg — zu treten. Die Zypressen schienen mir auszuweichen; zwischen den hellschimmernden Grabsteinen hindurch sah ich ein niedriges Gebäude aus rohen Ziegelmauern. Ohne viel hinzusehen, las ich das Wort: „Polizeistation“ über der geöffneten Glastüre.
Der Raum, den ich betrat, war sehr notdürftig eingerichtet. Grosse, quadratische Fenster waren in Kopfhöhe angebracht; durch ihre Milchglasscheiben drang spärliches Licht.
An den schadhaften Mauern hingen in schmalen schwarzen Rahmen einzelne Verordnungen, an der Hinterwand über einer geschlossenen Tür sah ich das Bildnis König Ludwigs des Zweiten von Bayern. An der hohen, weissgetünchten Decke waren primitive, rechtwinkelige Gasarme befestigt. Ausserdem befand sich ein langer, schmutziger Tisch in dem Gemach, und darauf lag etwas Grauenerregendes: ein aufgeblähter, kurzer Körper in einer goldüberladenen blutbesudelten Uniform. Er war ganz steif und nur die Beine leicht gekrümmt. Die Füsse fehlten, die Hosen waren unter den Knien zugebunden.
„Das ist der König von Bayern“, schoss es mir durch den Kopf, und da war ich auch schon fest überzeugt davon. Sein schwärzliches, durchsichtiges Kinnbärtchen stand in die Höhe, ich wagte aber das fette Gesicht nicht näher anzusehen, denn ich wusste, dass seine tückischen Augen lebten und mich verfolgten — und von derartigen Blicken hatte ich für immer genug.
Durch eine Glastüre zu meiner Rechten fiel ein schräger Lichtstreif.
„Vielleicht sind hier die Beamten?“ dachte ich und sah durch das Türfenster. Entsetzt fuhr ich zurück; ich hatte in ein langes, schmales Gemach geblickt, in welchem Hunderte von Leichnamen aufgestapelt waren. Sie steckten in grauen Getreidesäcken, die man am Hals zugebunden hatte, so dass nur die Köpfe herausschauten, meistens grünliche Gesichter, die lachten und die Zähne bleckten; — viele wie getrocknet mit staubigen, zerdrückten Augäpfeln — andere waren ganz eingepackt und mit aufgeklebten Adressen versehen. Die vorstehenden Knie und Ellbogen, sowie die Schädelrundungen, liessen die verrenkten Stellungen ahnen. An der Rückwand dieses Leichenmagazins hing eine Tafel, auf der mit grossen Lettern geschrieben stand:
„Halle für plötzlich Verstorbene.“
In weitem Bogen um Ludwig den Zweiten herumgehend, wollte ich das Freie gewinnen; da wurde es mir plötzlich klar, dass der Kurze, Goldstrotzende auf dem Tische gar nicht der König von Bayern, sondern unser Regierungspräsident war. —
„Ich weiss ein Geheimnis,“ sprach ich zu mir, „das will ich für mich behalten. Vielleicht ist es doch der König von Bayern.“ — —
XIV.
Melancholisches Rabengekrächze fesselte meine Aufmerksamkeit; die schwarzen Vögel sassen in langen Reihen dichtgedrängt auf der Ziegelei. Manchmal erhoben sich ganze Züge und führten in der Luft die exaktesten Schwenkungen aus. Gegen den Fluss zu war der Himmel noch immer von der brennenden Mühle gerötet.
Da wurde ich beinahe überrannt von einem nackten Kerl, der über die Ebene dahinschoss. Hinter ihm eine Hundemeute! Pfeilgerade stürzte er auf mich zu, machte aber im letzten Moment eine scharfe Wendung und kletterte auf einen Baum, der wie ein kahler Besen dastand. Die Gestalt war nur mit Lackschuhen bekleidet und trug einen Turban aus Zeitungspapier. Mit wunderbarer Kraft und Gewandtheit, die man in dem entfleischten Körper nicht vermutet hätte, schwang er sich in die Äste der Linde und klomm trotz eines Gegenstandes, den er beharrlich hinter sich herzerrte, wie ein geschickter Affe immer höher. Das Ding, das er mit sich trug, verwickelte sich beständig in den kleinen Zweigen, und mit komisch wichtiger Gebärde versuchte er, es immer wieder zu lösen. Die Hunde, welche ihn gejagt hatten, standen aufgeregt herum und kläfften zu dem Manne hinauf, als wäre er eine Katze.
Da näherte sich vom Friedhofe her eine Abteilung behelmter Schutzleute.
Dem Mann auf dem Baume entfiel sein Schatz; mit einem Aufschrei sprang das seltsame Individuum herab, haschte nach seinem Eigentum und stürzte davon, — hinterdrein die Hunde; — ein grosser, schwarzer Neufundländer war ihm scharf auf den Fersen.

Einer der Schutzleute zielte auf den ersten Verfolger. — Der Hund wurde niedergemacht, aber auch der Gehetzte wurde getroffen und stürzte. Jetzt sah ich, dass es Brendel war. Wir standen bei ihm, er versuchte immer wieder, auf die Beine zu kommen. Der Geifer floss dem Irrsinnigen aus dem Munde, er wimmerte. Die kleine Wunde unter dem rechten Schulterblatt gab fast kein Blut von sich. — Nach und nach wurde er still und kalt — dann durchfuhr ihn noch einmal ein Zittern und er war tot. — — —
Neugierig hoben die Polizisten den Erschossenen auf, um zu sehen, was er denn mit seinem Körper so sorgsam verdeckte: einen verwesten Kopf, an dem dickes, langes, kastanienbraunes Haar hing. Er schien zu leben. Es regte sich in den Augenhöhlen und um die wie angeklebten Lippen — — ein Gewimmel von Maden.
XV.
In der Stadt tobte der Aufruhr. Vom Schlossgarten her nahte Militär, mehrere Eskadronen Kürassiere nahmen vor dem Palast Aufstellung, lauter ausgesucht schöne Leute, denen man das Elend der letzten Wochen nicht allzusehr anmerken konnte. Die Brustpanzer und die Helme zeigten wohl Rostspuren, waren sonst aber gut im Stand.
Hinter eilig aufgeworfenen Barrikaden lagen die Empörer in geschützter Stellung; unter der Führung de Nemis, des einzigen fahnenflüchtigen Offiziers Pateras, hatten sie vor einigen Stunden ein Arsenal erbrochen und besassen nun Waffen, so viel sie brauchten.
Die Revolutionäre waren in zehnfacher Überzahl und darauf gründete sich ihr Mut. Gegenüber stampften die Rosse ungeduldig den Boden. Dass die Kanaille Flinten hatte, erfüllte den alten Oberst, den wackern Duschnitzky, mit schwerer Sorge. Übrigens gefielen ihm auch seine Pferde nicht mehr, sie waren nervös, schlecht gefüttert, verwahrlost. Er hatte vorgehabt, mit dem Angriff auf die angesagten Verstärkungen zu warten, aber es war nicht zu säumen; bis die kamen, konnten die Aufrührer schon das Archiv eingenommen haben, und dann hätte sich mit Kavallerie nichts mehr ausrichten lassen. Ausserdem vergrösserten sich die Pflasterwälle von Minute zu Minute.
Einige Leutnants lachten und steckten sich Zigaretten an. Sie wollten die Kerle tüchtig zusammenfegen, sie freuten sich auf die Strassenreinigung, für junge Offiziere ist so etwas immer ein Spass. Gerade aufgerichtet, mit ein wenig stupiden Mienen, harrte die Mannschaft.
Da fiel ein Schuss, ein Reiter stürzte vom Pferde. — Der Oberst winkte und ritt vor die Front. Sein echtes, verbissenes Soldatengesicht mit der bronzefarbenen gegerbten Haut schien in diesem Augenblick wahrhaft schön. Er salutierte zum schweigenden Palast hinauf — wie ein „Ave Caesar“ war es — dann klangen ein paar Hornsignale, und mit einem lauten Hurra warf sich die geschlossene Reitermasse gegen die Barrikaden. Die Pallasche weit vorgestreckt, den gespenstischen Rosshaarbusch nachwehen lassend, hingen die Reiter über den Hälsen ihrer dahinjagenden Pferde. Das scharfe Geknatter einer Salve empfing sie. Vielleicht fünf Kürassiere glitten aus dem Sattel. Aber — die Pferde versagten — das war weit schlimmer. Sie stiegen auf, bäumten sich kerzengerade und warfen ihre Herren ab. Unter durchdringendem Wiehern rasten sie in weitem Bogen um den grossen Platz, stürzten sich, die Barrikaden überspringend, mit entsetzlicher Wucht auf Aufrührer und Soldaten, dabei alles niederschlagend, was sich ihnen in den Weg stellte; eine Pferdepanik war ausgebrochen! Die Tiere, welche übernatürliche Kräfte zu haben schienen, waren wie Besessene.
In diesem Moment traf die erwartete Verstärkung ein, die das Unglück noch vergrösserte. Die angekommenen Gäule witterten die gewaltige Bewegung, und wurden sofort mit hineingerissen. Morsche Geschirre und Sattelgurte platzten, und die Reiter, die keinen Halt mehr fühlten, überkollerten sich und wälzten sich am Boden, bevor sie noch recht wussten, wo der Feind war. Aller Lasten ledig, stob die wilde Herde gegen die Kaserne, dass die Funken sprühten.

Ich stand in der Langen Gasse, als ich ein herannahendes Donnern vernahm — instinktiv stieg ich auf eine kleine Mauer an der Seitenwand des Kaffeehauses — da prasselten schon die Hufe auf dem Pflaster — ich blickte in verstörte, gequollene Augen, — sah aufgetriebene Nüstern und verzerrte Mäuler — roch ein paar Augenblicke den scharfen Schweiss — dann war alles im aufgewirbelten Staub verschwunden, in der Richtung gegen die Felder.
Fett und träge sassen die grossen Geier auf ihren Piedestalen, den Stümpfen der Alleebäume, und sahen gleichgültig auf die Vorbeiziehenden. Nur einem nachhinkenden braunen Gaul, der sich beständig im Kreise drehte, schenkten sie etwas mehr Aufmerksamkeit.
Die aufgeregte Jagd umkreiste die ganze Stadt. Einzelne Versprengte fegten wie blind durch die krummen Gassen, bis sie sich an einer Mauerecke die Schädel einrannten. Die Hauptmasse verkeilte und staute sich mehrmals in engen Passagen und Sackgassen, bis sie auf der Schutthalde anlangte. Da gab’s keinen Ausweg mehr! — Die Schwachen wurden von den Stärkeren niedergetrampelt, es fielen Hufschläge, dass die Gedärme spritzten und übler Dampf sich verbreitete. Der alte Oberst wäre wohl erfreut gewesen, wenn er den schönen Erfolg seiner Attacke hätte ansehen können; denn unzählige Aufrührer fanden dabei durch Zertrampeln ihren Tod. Doch eine Faust in weissem Stulphandschuh war alles, was von ihm erkenntlich blieb — der Rest war in dem Wust von Gliedern, Kürassen, Knochensplittern, Helmen, Sätteln und Zaumzeug vollständig aufgegangen.
XVI.
Das Kaffeehaus war, ehe es gänzlich in sich zusammenfiel, schon derart in seinem Innern baufällig gewesen, dass keine Gäste mehr kommen wollten. Das machte der Wirt seinem Oberkellner zum Vorwurf:
„Sie sehen aus wie ein Schwein!“ sprach er ruhig und begütigend zu ihm. Bei dieser milden Form konnte es also nur der Inhalt des Satzes sein, der in dem falschen Kellner einen gemeinen Wunsch wachrief. Eines Nachts stiess er hinterlistig seinen arglosen Chef in die Kelleröffnung und warf die Falltüre zu. Der Wirt brach sich zwar einen Arm, fiel aber sonst weich wie ein Gummiball infolge des Wirtsspeckes. Obwohl über Anton entrüstet, ahnte er doch nicht die Grösse der Gefahr, in der er schwebte. Der Kellner hatte für sein Verbrechen auf Verbündete gezählt und sich als geübter Zahlkellner nicht verrechnet. Diese furchtbaren Verbündeten waren die Millionen von Ratten, welche die unterirdischen Gewölbe und Katakomben von Perle bevölkerten. Der Wirt, vorläufig im Dunkel nach der falschen Richtung tappend, geriet in den Gang, in dem auch ich seinerzeit so viel ausgestanden hatte.
Vergeblich sucht er einen Ausgang, der gebrochene Arm schwillt an und beginnt heftig zu schmerzen. Er ermattet, ein leises Quietschen wird vernehmlich — ein Huschen und Hüpfen; erst vereinzelt, — dann immer stärker, — hundert-, — tausendfach. — — — Nun merkt er, in was für eine Falle man ihn gestossen hat, er versucht zu laufen, um sich zu schlagen, immer wieder spürt er die tastenden Händchen — schwere Klumpen hängen sich an ihn. Der Arm, der sie abstreift, erhält kleine scharfe Bisse. Er versucht, die Feinde herunterzuschütteln. Vier- — fünf- — sechsmal gelingt es, dann wirft er sich auf den Boden, um die hungrigen Quäler los zu werden! Es werden vielleicht hundert Ratten zerquetscht und zertreten — Tausende erstehen dafür und preisen das Glück, das der Schöpfer über das Rattenvolk hat kommen lassen! — — —
— — Von verschiedenen Leuten wurde mir über merkwürdige Rufe berichtet, über schauerliche Flüche, jammervolle Gebete, dumpfes Gebrüll, das sie aus den verschiedenen Gossen und Kanälen gehört haben wollten. Die angegebenen Orte lagen allerdings ziemlich weit auseinander, aber die Akustik im Traumreich war eine ungewöhnliche.
Der Herr Anton führte nach dem spurlosen Verschwinden seines Brotgebers das Café noch ein paar Stunden fort, sperrte dann und verliess das Lokal. Einnahmen hatte er doch nicht mehr zu erwarten. — Die Schachspieler blieben. — Durch ein Spiel des Zufalls kam er mit Castringius zusammen und verbündete sich mit dem ehemaligen Zeichner. Nik hatte seinen Beruf gewechselt. Er bestritt seinen Lebensunterhalt jetzt aus den Ersparnissen anderer Leute — mit anderen Worten: er stahl, was ihm unter die Finger kam. Seine letzte Arbeit: „Der aussätzige Albino tötet das Urhirn“, hatte er dem Amerikaner gewidmet, dem er zu verstehen gab, dass das Blatt ein „allegorisches Symbol“ sei und einen Wert von hunderttausend Mark repräsentiere. Er könne es für die Lumperei von 5000 haben. Bell lachte und liess den Künstler zur Tür hinauswerfen. In neuester Zeit konnte einem das leicht bei ihm passieren. Castringius ging rachebrütend zu Patera über und schädigte seitdem die Anhänger „dieses verdammten Yankee“ nach seiner Weise. Als er wiederum einmal eine gute Beute getan und sich gerade aus dem Staube machen wollte, spürte er eine fremde Hand in seiner hintern Rocktasche. Zupackend gewahrte er, dass an dieser Hand der Kellner Anton hing! Entschuldigungen, — Aufklärungen. — Das Ende war, dass die zwei schönen Seelen von nun an gemeinsame Sache machten. Ihre Spezialität war: Einbruch in verlassene Landhäuser. Im Schlossgarten besassen sie ein Versteck, wo sie die zusammengerafften Reichtümer aufstapelten und vergruben. Eines Tages hatten sie einen besonders vielversprechenden Fischzug vor. Die Villa des früheren Traumspiegelredakteurs, der dem Biss einer Giftschlange erlegen war, stand leer. Die beiden schlichen vorsichtig und möglichst im Dunkeln bleibend ins Gartenviertel. Schweigend gingen sie nebeneinander her, jeder hing eigenen Gedanken nach. Anton hoffte immer auf eine Gelegenheit, sich seines Freundes entledigen zu können. — Er, nur er allein wäre dann der Erbe gewesen. Castringius hingegen überzählte im Geiste den schon gewonnenen Besitz. Er war befriedigt. — Noch ein paar glückliche Griffe und er hatte genug, um irgendwo in Europa ein ehrliches, sorgenfreies Künstlerleben zu beginnen.

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— Man sah sehr schlecht. „Dauert es noch lange?“ frug mürrisch der Kellner.
„Du bist doch sonst dein ganzes Leben gerannt! Dort, das letzte Haus, da sind wir daheim.“ —
Von Bäumen halb verdeckt, unterschied man jetzt einen First. An dem Gartenzaun sicherte Castringius nach allen Seiten.
„Alles soweit in Ordnung, also steige hinüber!“ forderte er seinen Genossen auf.
Jetzt war diesem das Drängen nicht recht, er fürchtete immer eine List des Zeichners. Nach langem Hin und Her stieg Castringius ein — der andere folgte. Am Stacheldraht blieben die Frackschösse des Kellners hängen. „Ein Opfer des Berufes!“ konstatierte sarkastisch der Genosse. Sie durchstöberten kundig die Wohnung. Weder im Arbeitszimmer des Zeitungsmannes, noch sonstwo fand sich etwas Mitnehmenswertes. Enttäuscht äusserte sich Castringius über den Redakteur.
„Ich begreife mich selbst gar nicht! Wie konnte ich nur einmal vor diesem Menschen Respekt haben? Hier dediziere ich dir dreizehn Jahrgänge des Traumspiegels“, sagte er schadenfroh zu Anton, der missvergnügt die verfallene Möbelpracht ansah, und wies auf eine Bücherreihe.
„Hör mir auf mit deinen blöden Witzen, diesen Mist kannst du dir selbst behalten.“
„Schweig! Lakai! Was verstehst du von Höherem? Diese Bände enthalten fast die ganze Produktion eines Künstlers, der dir ewig fremd bleiben wird. Dein Horizont reicht kaum für die Arbeiten meines geschätzten Kollegen!“ Mit einem Blick voll verächtlichen Mitleids strafte er Anton.
Im Schlafzimmer fahndeten sie nach brauchbarer Garderobe. — Ein unterdrückter Seufzer! — „Hast du gehört?“ frug zitternd der abergläubische Kellner und liess vor Angst beinahe das Licht fallen. Auf dem Bette hockte, in eine Decke gewickelt, die zusammengekauerte Gestalt eines kaum entwickelten Mädchens, das die Eindringlinge zu Tod erschrocken mit grossen Augen anstarrte: „Luischen, das Töchterchen meines Redakteurs?! — Gehört selbstverständlich mir!“ rief fröhlich Castringius und näherte sich unter Verbeugungen dem eingeschüchterten Kinde.
„Bitte, wir teilen! Wie ausgemacht!“ Sofort regte sich bei dem wieder mutig gewordenen die Eifersucht.

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Castringius wandte sich um, die Stirne vorgebeugt, wie ein Bulle — nein, einem betrunkenen Ochsenfrosch glich er; er glotzte den dünnen, durch schlechte Nahrung heruntergekommenen Kellner an. Seine kurzen, stämmigen Beine standen unverrückbar, die langen Arme mit den fürchterlichen Tatzen einige Male schlenkernd, knurrte er dumpf:
„Mein Herr, hier habe ich wohl ältere Rechte. Mit einem Flegel wie du teile ich nicht; wenn du willst, so probiere es.“
Er fletschte die Zähne. — Er kannte seine Kraft, konnte ihr vertrauen.
Anton, der Geriebenere, war seit dem Bestehen des Kompaniegeschäftes auf eine solche Szene vorbereitet und trug vorsichtshalber ein Gegenmittel im Sack. Unvermutet flog der ersten Kraft des Traumspiegels eine Handvoll gemahlenen Pfeffers ins Gesicht. —
Der so Geblendete griff aufs Geratewohl zu, packte seinen Gegner an der Brust und riss ihn zu sich heran. Die Schiffsschrauben schlossen sich hinter seinem Rücken, Anton knickte ein. Beide, der Lange und der Kurze, wälzten sich auf dem Boden, zuerst rollten sie durchs ganze Gemach, dann durch die offene Tür auf die Altane hinaus. Dass das Geländer zerbrochen war, merkten die sich wütend umschlungen haltenden nicht. Sie flogen vom Balkon auf das Dach der angebauten Waschküche, glitten weiter abwärts und stürzten in die geöffnete Senkgrube.
Es gab einen dumpfen Plumps ..... dann stiegen einige Blasen auf ......
XVII.
„Die Liebe des Fleisches ist nichts als der Wille des Dings an sich, in die Zeitlichkeit einzudringen. Wie könnt ihr so vermessen sein, das Ding an sich zu zwingen? Ihr unterscheidet nicht das Ding an sich von den anderen Dingen. Vom philosophischen Standpunkt aus muss ich eure Handlungen verdammen.“ So sprach der Friseur angesichts der Saturnalien auf den Tomassevicfeldern.
Da er mit seinen zur Feier des Tags durchaus nicht passenden Tiraden nicht aufhören wollte, warf man ihm eine Schlinge um den Hals und hing ihn an das Schild seines Barbierladens. Hier baumelte er unter einem Messingbecken. Ein Spassvogel, der ihn so sah, nahm eine Pappdeckeltafel von der Hauswand und befestigte sie an den Beinen des Zeit- und Raumforschers, wo nun zu lesen stand: „Zu vermieten!“
Lampenbogen lebte gut bis zum letzten Tage, während seine Patienten auf halbe oder gar viertel Diät gesetzt waren. Traummenschen nehmen das übel, und es entstand eine kleine Barackenrevolution, wacker von dem Wärter unterstützt, der lieber frei und bei den grossen Ereignissen draussen gewesen wäre, als dass er hier seinen unangenehmen Dienst versorgte. Der Eisschrank barg noch drei gebratene Hühner, ein Paket Schokolade und einen Laib Käse. Von diesen Privatvorräten verlangten die Kranken einen Anteil, obwohl der Zustand dieser Speisen keineswegs verlockend war. Lampenbogen wollte nichts herausgeben. Dann müsse er sterben — hiess es. — Das wollte er auch nicht. — Die wütenden Patienten verständigten sich rasch untereinander und fielen eines Tages über ihren Arzt her. Die Schwerkranken sahen vom Bett aus zu, wie der Wärter ihn mit den andern überwältigte. Eine arme Frau mit zerschmettertem Kiefer träufelte sorgfältig Chloroform auf den in seinem Fett Stöhnenden. Kranke sind selten mitleidig, dazu haben sie selbst zu viel gelitten. Als der Dicke betäubt war, stärkte man sich an den Köstlichkeiten im erbrochenen Eisschrank. Lampenbogen wurde mit Hilfe eines Gasrohres gepfählt. Den Geschwächten verursachte dieses Werk langwierige Arbeit. Der Wärter legte Feuer an, um die Spuren der Untat zu verwischen. So endete Lampenbogen seine Existenz als Spiessbraten, und zwar als ein schlechter; der obere Teil war grösstenteils roh, kaum gebräunt, die Bauchteile dagegen gänzlich verkohlt. Nur an den Seiten war er richtig knusperig.

XVIII.
Mit ängstlichen, schnellen Schrittchen läuft ein alter Mann ohne Hut durch die Lange Gasse zum Fluss. Die Schösse des Hausrockes flattern ihm wie Flügel nach, seine Weste ist nur halb zugeknöpft. Lebhaft nickt der Alte mit dem Kopfe und ist vollständig in Selbstgesprächen verloren. Am Wasser angelangt, bleibt er ein paar Augenblicke unschlüssig stehen. Gravitätisch, einem Reiher ähnlich, steigt er im Sande auf und nieder, sich selbst einen Vortrag haltend. Der Negro raunt — bald ist es, als wäre er hungrig, und seine Wellen lecken löffelweise den Sand vom Ufer, bald klagt er in vielstimmigem, mystischem Gesang. Am Brückenpfeiler leuchtet eine trübe Laterne, bewegte glänzende Flecke tanzen auf dem Wasserspiegel. Der alte Mann watet kurz entschlossen in die Flut. Zunächst reichen ihm die Wellen nur bis zu den Knien, umständlich zieht er ein Futteral heraus und setzt sich eine Brille auf die Nase. Das Futteral schiebt er wieder in die Tasche. Noch ein paar Schritte weiter — das Wasser reicht ihm jetzt schon bis zu den mageren Hüften. Der Alte hat zu kämpfen, sonst reisst ihn die Strömung mit sich fort. Während er aufs heftigste seltsame Liebesschwüre spricht, presst er die Hände auf das Herz. — Jetzt zieht er einen unerkennbaren kleinen Gegenstand heraus, kurzsichtig hält er ihn knapp vor die Augen — dann beugt er sich zum Wasser hinab, das er zu untersuchen scheint — es reicht ihm bereits bis an den Hals, jetzt bis an die Nase — — — gleich darauf ist nur noch ein kleines Inselchen weisser Haare sichtbar — — Wie ein winziges Schiffchen führt der Strom ein glänzendes Dingelchen mit sich, er dreht es im Kreise und lässt es auf seinen Wellen schaukeln ... es ist eine kleine Schachtel mit Silberpapier beklebt ... Acarina Felicitas!...
XIX.
Am Bahnhofe frass der Sumpf. Das Gebäude hatte sich geneigt, der Perron war mit Schlamm und Schilf überdeckt, durch die verfaulten Türen kroch der Morast in die Wartesäle, von den Bänken und Polstern ertönten die Wehmutslieder der Unken. Über die Büfetts krabbelten Molche und kleine Käferlarven. Die unzähligen Geschöpfe, welche Perle durchwandert, die Gärten verwüstet und die Menschen geängstigt hatten, alle stammten sie aus dem Sumpfe, der sich viele Meilen ins graue Dunkel erstreckte.
Aber er gab nicht nur, er nahm auch Leben. Unzählige Träumer, Bauern, Fischer, schlummerten in seiner nassen Erde. — Der Trügerische! Wie harmlos vermochte er auszusehen, während unter der Moosdecke sich die Schlangen knäulten. Er konnte auch geräuschlos gespenstische haushohe Flammen aufsteigen lassen, und die nistenden Wasservögel erschrecken. Am eigenen Leibe vermochte er sich reichlich zu nähren — seine Tiger frassen seine Schweine — seine Füchse jagten seine Rehe.
Diese Wildnis galt im Traumlande für heilig. An gewissen Plätzen befanden sich uralte, bemooste Steine, in denen unverständliche, verwitterte Zeichen eingegraben waren. Hierher pflegten die Jäger die Eingeweide des erlegten Wildbrets zu tragen, die Fischer opferten da die Lebern der Hechte und Welse, Landleute brachten einen Bund Getreide dar oder schichteten Äpfel und Weintrauben zu kleinen Pyramiden. Der Sumpf nahm allezeit diese Gaben gnädig an und verzehrte sie. Patera kam in früheren Jahren oft hierher und wagte sich allein bei Nacht diesen heiligen Orten zu nähern. Wie ich erfahren habe, opferte er im Namen des Traumvolkes „der Sumpfmutter“ — und verband sich aufs neue mit ihr — in Mysterien, in denen Blut und Geschlecht besonders bedeutsam waren. — Nun war er lange nicht mehr dagewesen, und heute wusste jedermann von diesen Geheimnissen und fluchte, und schwur „beim Blut Pateras“ — — — Die Folgen davon wurden überall deutlich. Ein alter Tempelspruch „Auf Blut steht Wahnsinn!“ — war in Erfüllung gegangen. Erwähnen will ich noch, dass der blauäugige Stamm jenseits des Flusses all diesen Bräuchen fern blieb. Weitab von diesen Stätten zwischen den verkümmerten Gebüschen und den niederen Nadelholzbäumen waren buntbemalte Holzsäulen in den weichen Boden gerammt. Das waren auch geweihte Orte, doch anderer Art. Hier wurden die „fröhlichen Nächte“ gefeiert. Die Traumbauern führten zur Erntezeit an bestimmten Abenden Leiterwagen voll Heu und Blumen dahin. Meterhoch wurde der Boden mit der frischen duftenden Ladung bedeckt. Man entfachte ein Feuer — schäumend floss der Most aus dem Spundloch, die Freude der festlich geschmückten Teilnehmer tobte.
Nach lustiger Erzählung, Spiel, Tanz und reichlicher Mahlzeit blies meist ein warmer und nach Frucht duftender Wind die Feuer aus. Die Paare blieben, jedes in seinem Nest, bis zum Morgen.
In dem grossen, wackligen Maschinenhaus beim Bahnhof roch es noch immer wie in einer Menagerie. Der scharfe Unflat der Tiere, welche hier ihren Unterschlupf gehabt hatten, war gemischt mit dem schwärzlichen Schlammwasser, das in grossen Lachen stand. Heute bewegte sich in der feuchten, versandeten Halle eine Gestalt, in einen Kapuzenmantel gehüllt; emsig klopfte und arbeitete der einsame Heizer an einer rostigen alten Lokomotive herum. Er untersuchte alle Teile genau und ölte verschwenderisch. Dann schürte er wieder und beim Aufreissen der Feuerungstüre wurde sein schwitzendes, tatkräftiges Gesicht vom Glanze der roten Glut erleuchtet: Herkules Bell.
Schon Wochen vorher hatte er die Bahnstrecke untersucht und alle Weichen richtig gestellt. Die Maschine, anfangs träge und knirschend, fing nun an zu schnauben, Bell fuhr mit ihr aus dem wackeligen Bau. Ein paar aufgescheuchte Eulen begleiteten ihn. Mit Hilfe einer vorher ausprobierten Drehscheibe gelang es ihm nach und nach, das Hauptgeleise zu erreichen. Sein Kohlenvorrat genügte — schlimmstenfalls konnte er ihn auf einer Zwischenstation ergänzen.
Die Anstrengung hatte ihm heiss gemacht, er legte seinen Mantel ab. Nochmals das Feuer speisend, warf er einen Blick auf das Manometer und riss am Hebel. Das alte Vehikel setzte sich in Bewegung. — Es war eine gefährliche Fahrt, denn der niedere Bahndamm war halb zerstört. Zeitweise überschwemmte das Sumpfwasser auf lange Strecken die Geleise, vorne spritzte es hoch auf, die Räder mähten wuchernde Binsen; hinter sich liessen sie eine lange Kielwelle.

Der Fahrende atmete die schwefeligen Dünste des aufgewühlten, stagnierenden Morastes. In der Ferne unterschied er die undeutlichen, weisslichen Trümmer einer längst zu Grunde gegangenen altpersischen Niederlassung.
Er heizte, dass der Kessel zu springen drohte, die Feuerstelle und die angrenzenden Stahlteile röteten sich, die Lokomotive hüpfte auf den verbogenen und zerfressenen Schienen. Er dampfte an den verlassenen Bauernhöfen vorbei, den ausgestorbenen Landgütern, den dürren Wäldern. — Einmal musste er anhalten, um den Kadaver eines halbausgefressenen Gauls von den Geleisen zu zerren. Dann keuchte und rasselte es wieder und nach zwei Stunden hielt er auf freiem Felde. Er versorgte sein Feuer, spuckte auf den Kessel, dass es zischte und sprang ab. Eine Zeitlang folgte er dem Schienenstrang und verschwand dann in einem kleinen, von Baumriesen bestanden Tale. Die vertrockneten Ranken und die niederhängenden Baumbärte versuchten den Eilenden zu hindern. Nach einer halbstündigen Wanderung bemerkte er ein matt erleuchtetes Fenster, dahinter stieg eine schwarze Wand scheinbar bis in die Unendlichkeit des Himmels. Der Amerikaner öffnete mit sicherer Hand ein Gartenpförtchen, schlich sich an das Fenster und schaute hinein.
Auf einem tintenbeklexten Tisch brannte eine Petroleumlampe mit grünem Schirm. Beschriebenes Papier, Formulare, Siegelwachs, Bleiplomben lagen verstreut umher; auf einer niederen Balustrade erblickte man Werkzeuge, Nägel, Bindfaden. Das Prunkstück des engen Raumes stellte das sehr schlechte, von einer Anstalt in Perle verbreitete, lebensgrosse Brustbild Pateras dar. — Das war die Kanzlei des Grenzwächters des Traumreiches. Der alte Mann selbst schlief in einem mit Wachstuch überzogenen Lehnstuhl. Sein bärtiges Haupt war lässig in die eine Hand gestützt, er machte den Eindruck der Schwächlichkeit. Vorschriftsmässig hatte er den Schlüssel zur sogenannten „kleinen Tür“, einem nur für einzelne Personen bestimmten Torausschnitt der grossen Mauer, am Gürtel in einem Karabiner hängen; der meterlange Hauptschlüssel war in einem eisernen Kassenschrank verwahrt. Mit seinen beiden Söhnen versorgte der Bejahrte den schwierigen Dienst; nebenan war die Privatwohnung. Daran schloss sich die Kaserne der Grenzaufseher und Zollbeamten. Beide Gebäude lehnten sich mit ihrer Rückwand gegen die kolossale Umfassungsmauer.
Alle Details waren dem Späher genau bekannt. Überraschend schnell verfinsterte es sich jetzt, so dass Bell, an die gleichmässige Dämmerung gewöhnt, sich verwundert umschaute, und hinter den fast bis an den Boden niederhängenden Wolken kaum mehr die Blechdächer der bei der Anfangsstation gelegenen Speicher erkennen konnte. — Katzenhaft geräuschlos trat er in den überhitzten Raum und schob die Kapuze zurück. In der Rechten hielt er den schweren, eisernen Hebel der Lokomotive. „Auf einen mehr oder weniger kommt es jetzt nicht mehr an“, reflektierte er, dabei unverwandt den Schläfer beobachtend. Dieser machte eine unwillkürliche Bewegung mit dem Kopfe und liess ihn hintüber auf die Lehne fallen. — Da, ein wohlgezielter Hieb mit der Eisenstange! — es klang, wie wenn man mit der flachen Hand auf das Wasser klatscht. Der kraftvolle Schlag hatte das Stirnbein genau in der Mitte getroffen und zerschmettert, und beide Augäpfel aus ihren Höhlen getrieben, wodurch der Ermordete mit seinem Barte eine schauerlich groteske Fratze schnitt. Ein tiefes, leises Beben durchfuhr den im Stuhle ruhig Sitzenbleibenden.
Komisch geziert verbeugte sich der Amerikaner vor dem Bildnis Pateras. „Doch einmal überlistet!“ Dann nahm er den Schlüssel vom Gürtel des Getöteten, seine Bewegungen waren rasch und sicher. Neben dem Lehnstuhl stand am Boden eine Blendlaterne. Während er sich danach bückte, fühlte er, wie sich etwas fest um sein Handgelenk schloss. Es war der Tote, oder vielmehr nur seine gelben Finger, die er gestreift haben musste. — Die Leiche lag hilflos und still da. Aber in ihren schrecklichen Fingern lebte eine so unermessliche Kraft, dass sie auch ein Stück Stahl wie Teig zerdrückt hätten. Bell schrie: „Das ist Patera!“ Es war ihm deutlich, dass bei diesem mechanischen Anwachsen des Druckes in etlichen Minuten sein Gelenk durchquetscht sein musste. Schon verlor er das Empfinden in dem langsam immer mehr gepressten Glied. — — Er schälte mit den Zähnen das Fleisch von der Handwurzel des grausigen Gegners — aber das ging alles noch viel zu langsam, die Hand war verloren. — In diesem grässlichen Augenblick sah er auf der Balustrade ein geöffnetes Gartenmesser. Ein Sprung — und er war dort; die Leiche flog als lästiges Anhängsel mit. Mit kunstgerechten Schnitten trennte er die Hand des Toten vom Körper ab, — sie fiel sofort schlaff herunter. Bell stiess einen mystisch klingenden Seufzer der Erleichterung aus. Gleichmässig freundlich lächelnd blickte Pateras Bild mit den geölten und gescheitelten Locken auf ihn herab. Mit der Blendlaterne lief er davon.

An der Mauer nahm ihn der gewaltige Tunnel auf. Der Amerikaner war in grosser Erregung; jetzt sollte es sich zeigen, ob sein Plan gelungen war, seinen Berechnungen nach musste europäische Hilfe in nächster Nähe sein. Er brauchte sie, musste sie haben; allein konnte selbst er mit dem von Stunde zu Stunde gefährlicher werdenden Traumpöbel nicht fertig werden.
Er schloss die „kleine Tür“ auf, und trat in die frische, kalte Nachtluft hinaus. Dann liess er eine mitgebrachte Rakete steigen — eine Fontäne geschmolzenen Goldes schoss gegen den Nachthimmel; ganz oben beschrieb sie einige wunderliche Kurven und zersprühte in einem Büschel Sterne. Fieberhaft wartete der Amerikaner, ob dieses Signal irgendeine Wirkung haben würde; .... Nichts!.... schwarz und still blieb alles rings umher. — Falsch gerechnet! — — Mit enttäuschter Wut betrachtete er beim Schein seiner Laterne das monumentale eherne Tor mit den schweren Eisenbändern. Sollte er wieder zurück? — Noch einen Blick warf er in die Weite. Da huschte mit einem Male eine gespenstische Lichterscheinung über das Firmament, — nur sekundenlang, dann verschwand sie ebenso schnell. Aber nochmals erstrahlte sie in bläulichem Glänze wie ein Komet. — Das waren die Scheinwerfer der Russen. — Wildeste Freude und stolze Genugtuung erfüllte den willensstarken Mann. Gewonnen!! — und Bell lief was er konnte zurück, das Tor für die Truppen offen lassend. Das Lichtpünktchen der Laterne verschwand hinter den Hügeln, atemlos gelangte er zu seiner Lokomotive. — Die Grenzaufseher, echte Söhne des Archivs, hatten von diesen Vorgängen nichts gemerkt.
Der Amerikaner liess seine alte Maschine rückwärts fahren, unausgesetzt schürte er nach, ein langer Feuerstreifen, aus dem Rauchfang kommend, bewegte sich rasch durch die vollständig dunkle Wüstenei. Die unternehmende Kühnheit Amerikas hatte triumphiert. Bell setzte in überschäumender Lust die Dampfpfeife in Tätigkeit, schrill, schmerzlich klagend, ertönte ihr Ruf durch die Finsternis. „Und jetzt wollen wir Ordnung in dieses Land bringen!“ gelobte er sich. Der Schmerz in seiner hochgeschwollenen Hand war mittlerweile aufdringlich geworden. Vergeblich trachtete er, ihn durch einreiben mit Maschinenöl zu lindern. Aber seine sieghafte Freude wurde kaum gestört.
In der Richtung auf Perle fing der Himmel sich zu röten an — — ein greller Schein, der rasch stärker wurde, sich an der Wolkenbank brach und bald den ganzen Horizont einnahm. Besorgt schaute der Amerikaner auf diese neue Glut. Das rostige Ungetüm schob sich jetzt, ohne seine Geschwindigkeit zu vermindern, durch das Schlammeer. Die schwarze, hohe Bugwelle, die es vor sich hertrieb, überschüttete den Führer mit schleimigem Wasser. Die Stücke einer mitten entzwei gerissenen Natter wurden hereingeschleudert und ringelten sich zu seinen Füssen. Der heisse Aschenkasten, fast zur Hälfte im Wasser, zischte in der fettigen Nässe, das Manometer stand auf 99, jeden Moment konnte der Kessel explodieren. Mit einer schweren Zange drückte der Amerikaner das Ventil nieder, um den überschüssigen Dampf zurückzuhalten.
Als die Bahnstation in Sicht kam, hielt er an und sprang ungeduldig ab. Die Lokomotive überliess er ihrem Schicksal und jagte in die Stadt.
Da war alles in brennende Röte getaucht, das Archiv stand in Flammen. Fortwährend fanden kleine Staubexplosionen statt, — hoch in die Luft schleuderte die Lohe die brennenden Papierfetzen, die feurigen Vögeln gleich über die Stadt hinflogen. Eine laut heulende und lachende Menge wogte in den heissen Strassen.
Den Amerikaner erfasste ein Schauder, er musste sich auf einen Steinhaufen setzen. Matt und kraftlos presste er die Worte heraus:
„Patera überlässt seinem Nachfolger nur die Exkremente.“
XX.
Als das Archiv mit seinen Schätzen in Flammen aufging, sass ich auf meinem alten Lieblingsplatze am Strom, dessen Gewässer die Himmelsglut spiegelte. Die noch nie dagewesenen Dinge, welche ich in der letzten Zeit mit angesehen, hatten mich aus meiner Apathie aufgerüttelt. Ich fühlte mein erstarrtes Herz tauen — das übermenschliche Unglück der Traumstädter drohte mich zu erdrücken. Ich hoffte auf den Tod, gleichviel in welcher Gestalt er mich überfallen würde. Dass mit dieser Schreckensnacht alles aus sein müsse, schien nur zu klar. Aber warum wartet das Schicksal so lange und übertrifft sich selbst im Anhäufen qualvollster Martern?
Störungen des Sehvermögens überfielen nun die Traumleute. Zuerst war es ein Regenbogenschein, der die Gegenstände umgab. Später verschoben sich für ihre Augen alle natürlichen Proportionen, kleine Häuschen hielten sie für vielstöckige Türme, die falschen Perspektiven täuschten sie und verursachten ihnen Bangigkeit, sie glaubten sich eingeschlossen, wo sie es nicht waren. Es kam ihnen vor, als hingen die Gebäude gegen die Strassen hinüber, oder balanzierten auf zu schmalen Fundamenten. Ihnen entgegenkommende Menschen verdoppelten oder vervielfachten sich, wurden zu Ansammlungen! Sie hoben die Beine, um über eingebildete Hindernisse hinweg zu schreiten, tasteten sich auf allen vieren den Boden entlang, stets vor sich einen Abgrund wähnend.
Viele Menschen verfielen dem Massenselbstmord. Verfolgt und abgehetzt bis zum äussersten, waren sie die widerstandslose Beute von Träumen geworden, in welchen ihnen der Befehl zur eigenen Vernichtung erteilt wurde. Was noch übrig blieb, war dermassen verwirrt im Kopf, dass sie wahrscheinlich die Bitterkeit ihrer letzten Stunden nicht gespürt haben.
Plötzlich hiess es, Patera sei selbst erschienen. Von vier Dienern habe er sich in einer Sänfte auf den Markt tragen lassen, eine spitze Tiara auf dem Haupte, angetan mit einem grünsamtenen Mantel, der reich mit Perlenstickerei verziert war, wie ein Kardinal die Leute segnend. Der Amerikaner, seiner ansichtig werdend, habe einen Pflasterstein ergriffen und sich wie ein Rasender auf den Herrn gestürzt. Zertrümmert flog die Krone in den Staub. Der Kopf — ein Wachspuppenkopf — zerschellte wie eine Eierschale; die Augen waren mit Quecksilber gefüllte Glaskugeln, die Prunkkleider waren mit Stroh ausgestopft gewesen, — der Meister eine Mystifikation, nichts weiter!
Das Militär hatte längst seine Patronen verschossen. Es rannte in schmierigen roten Hosen im Sturmschritt mit gefälltem Bajonett auf die zerlumpten Tollwütigen. Durch Schnaps angefeuert, kannten sie kein Pardon. Der Amerikaner stellte sich auf die Seite der Soldaten, welche dem herrisch auftretenden Mann, seitdem sie von der Wachspuppe gehört hatten, zujubelten. Archiv, Post, Bank brannten und erleuchteten die Strassen taghell.
Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. In diesem, in allen Farben der Verwesung schillernden Gemenge stapften die letzten Träumer herum. Sie lallten nur noch, konnten sich nicht mehr verständigen, sie hatten das Vermögen der Sprache verloren. Fast alle waren nackt, die robusteren Männer stiessen die schwächeren Weiber in die Aasflut, wo sie von den Ausdünstungen betäubt, untergingen. Der grosse Platz glich einer gigantischen Kloake, in welcher man mit letzter Kraft einander würgte und biss und schliesslich verendete.
Aus Fensterlöchern hingen die starren Leiber entseelter Zuschauer, deren gebrochene Blicke dieses Königreich des Todes spiegelten.
Verrenkte Arme und Beine, gespreizte Finger und geballte Fäuste, geblähte Tierbäuche, Pferdeschädel, zwischen den langen gelben Zähnen die wulstige blaue Zunge weit vorgestreckt, so schob sich die Phalanx des Untergangs unaufhaltsam vorwärts. Greller Lichtschein flackerte und belebte diese Apotheose Pateras.
XXI.
Unberührt von allem, was sich begab, blieben die Blauäugigen. Sie blickten ruhig über den Fluss. Allerdings musste auch bei ihnen etwas vorgehen, denn vor ihren sonderbaren Wohnstätten hatten sie grosse Kessel aufgestellt. Tag und Nacht sah man sie daran herumhantieren. Augenscheinlich wurde etwas gekocht. Der Wind trug einen beissenden, übelriechenden Qualm herüber, der zum Husten reizte. Der Gestank verwandelte sich bald in Wohlgeruch. Die Blauäugigen, die sonst so ernst und bedächtig waren, tanzten jetzt um die Kessel und sangen monotone, schleppende Chöre. Unsere Banden wollten hinüber. — Längst hatte man herausbekommen, dass man in der Vorstadt lange nicht so unter dem Ungeziefer und dem Schmutz litt. Die Brücke war jedoch eingestürzt und fortgeschwemmt worden. Boote gab es nicht mehr, ein Schwimmversuch zwischen den Reptilien des Stromes wäre Selbstmord gewesen.

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Ich weilte am Ufer, wo ich auf einem Brückenpfeiler sass. Nicht mehr fähig, diese Szenen, die meine Fassungskraft übertrafen, zu ertragen, wollte ich meinem Leben ein gewaltsames Ende bereiten. Fasziniert starrte ich in die trüben Fluten, die ich mir zum Grabe erkoren hatte. — Im nächsten Augenblick sollten sie mich aufnehmen. Ich hatte das deutliche Gefühl, dass mir etwas ungeheuer Grosses jetzt bevorstehen müsse. Langsam, ganz allmählich liess ich mich hinuntergleiten, — es war wie im Traum!
Unter gurgelndem Sausen bildete sich mitten im Wasser ein gähnender Trichter und ein schwarzes Loch saugte den Strom in sich. Die noch immer glimmenden Überreste der Mühle versanken zischend in weissen Dämpfen.
Die Lange Gasse stürzte in sich zusammen, ich erblickte infolgedessen den Palast, der von hier aus sonst nicht sichtbar gewesen war. Hellrot beschienen und erhaben ragte seine geschlossene Masse über die Trümmer. Ich dachte, jetzt müssten Posaunen ertönen, das jüngste Gericht sei angebrochen. In tobenden Katarakten stürzte sich der Negro in das gierig geöffnete Maul des schwarzen Strudels, das sich auf seinem Grunde aufgetan hatte. Fische und Krebse zappelten im Schlamm und blieben an den Wasserpflanzen hängen.

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Da gewahrte ich eine kleine Schar Männer am jenseitigen Ufer, die durch das sandige Flussbett herüberkamen: die Blauäugigen. Gesenkten Hauptes schritten sie an mir vorbei. Zuerst ein gebücktes Wesen mit einem vielfach gefurchten, wie zersprungenen Gesicht, als wäre es tausend Jahre alt. Von dem ungewöhnlich hohen Schädel fielen lange schlichte Silbersträhnen. Es kam mir einen Augenblick in den Sinn, es könne eine Frau sein. Dann die andern! Lauter hohe, abgezehrte Gestalten. Der letzte, ein wenig grösser und aufrechter schreitend, blickte sich nach mir um. Ich schaute in das schönste Gesicht, das ich je gesehen habe, das Antlitz Pateras ausgenommen. Wie aus Porzellan geformt war das reine Eirund des Kopfes. Mit den durchsichtig dünnen Nasenflügeln, dem schmalen, etwas eingedrückten Kinn, kam mir der Mann wie ein überfeinerter Mandschuprinz oder wie ein Engel aus einer buddhistischen Legende vor. Seine schlanken, langen Gelenke sprachen von äusserster Entwicklung der Rasse. Alles Haar war abgeschabt und vollkommen glatt spannte sich seine Haut. Mit einem unvergleichlichen Blick aus seinen blauen Augen sah er mich an. Das konnte keine Zurückweisung sein — ich folgte ihm nach.

Da dehnte und streckte sich der Boden wie Kautschuk, ein betäubender Knall wie von vielen hundert Kanonen erschütterte die Luft. Langsam neigte sich die Fassade des Palastes, bog sich wie ein Fahnentuch im Wind und begrub den grossen Platz unter ihrem Angesicht. —
Von allen Türmen Perles ertönten die Glocken, melodisch, imposant läuteten sie den Schwanengesang der sterbenden Stadt. Ich war zu Tränen gerührt, mir war als schritte ich im Leichenzug beim Begräbnis des Traumreiches.
Ich folgte den blauäugigen Männern durch ein schmales Tor, das in die Felswand eingelassen war. Im trüben Licht einzelner Fackeln führte eine lange Stiege mit ungleichmässigen Stufen empor. Meine Führer verschwanden in einem Felsgeschoss, das seitlich in die Wand gegraben war. Ich aber stieg immer höher, um mich nach einem geschützten Platz umzusehen und gelangte wieder ins Freie und sah den geröteten Himmel über mir. Ich befand mich in der alten Bergfestung. Einzelne Geschütze standen noch auf die Stadt gerichtet, sonst waren die Lafetten zerbrochen und die bronzenen Rohre lagen verstreut auf den Wällen. Schroff fiel hier die Bergwand einige hundert Meter ab. Ich setzte mich. Unter mir sah ich ein Labyrinth von Gängen, ich traute meinen Augen kaum! Die Stadt war vollständig unterminiert gewesen wie ein Maulwurfsbau. Ein breiter Tunnel verband den Palast mit der Vorstadt, andere reichten bis weit in das Land hinein. Diese nun offen daliegenden Gänge füllte jetzt das dunkle Wasser des Negro, alles was noch stand, versank allmählich in ihnen. — Von der anderen Seite flutete der Sumpf immer näher heran.
Das Geläute war verstummt, die Türme eingestürzt, nur der grosse Uhrturm stand noch, seine mächtige Glocke summte in tiefen Basstönen. Leben sah ich kaum mehr. Ein kleiner Trupp Menschen schien nur entronnen zu sein. Sie schossen nach allen Richtungen auseinander und fuhren dann wieder auf einen Punkt zusammen, wie Marionetten, von einer einzigen Schnur regiert; so sahen sie von hier oben aus. —
Zwecklos schienen die Leute da unten herumgehetzt zu werden. Endlich rasten alle, einem unsichtbaren Kommando folgend, über die Trümmer in erstaunlichen, letzten Sprüngen gegen den Strom, setzten durch sein leeres Bett und warfen sich gegen die Vorstadt.
Aus einem grossen Loch in der Erde blies ein eiskalter Wind bis zu mir herauf, so dass die Flüchtenden über den Haufen purzelten. Das unheimliche Loch atmete die ausgestossene Luft wieder ein, Bretter, Balken und Menschen verschwanden in ihm; wie eine Windhose war es anzusehen. — Nur einige wenige entkamen und wollten sich in den Häuschen der Vorstadt verstecken. Dann hörten die Windstösse auf, und vorsichtig streckte sich ein Kamelskopf aus dem dunklen Loche. Er sass an einem endlosen Halse, blickte sich klug um und hob sich bis zur Höhe meines Standortes. Da lachte er lautlos und zog sich wieder zurück.
Die Hütten fingen an, sich zu bewegen, die Windmühlen schlugen mit ihren Armen nach den Eindringlingen, die Strohdächer sträubten ihr struppiges Haar, die Zelte blähten sich, als beherbergten sie Winde, die Bäume griffen mit ihren Ästen nach den Menschen, die Stangen bogen sich wie Rohre, schliesslich kletterten die Tempelchen und Häuser aufeinander und sprachen mit entsetzlich lauter, vernehmlicher Stimme in schnarrendem Ton seltsame Worte — — eine unverständliche, dunkle Häusersprache! — — —
In den Kanälen schwammen noch immer Leichen, die jetzt langsam in den Schoss der Erde eingesogen wurden. Dann verwischte sich alles vor mir, ich glaube noch bemerkt zu haben, dass die Häuserpyramide in der Vorstadt krachend zusammenstürzte.
Es war, wie wenn sich eine Wasserschicht zwischen mich und die Dinge da in der Tiefe schieben wollte. Von oben senkten sich Nebel, undeutlich verschwimmend glänzte der Feuerherd, einige Male noch hörte ich ein Massengeschrei, ein langgedehntes; ohooo — ohoooo — — — — dann sah ich nichts mehr, alles war in dichten Nebel gehüllt, kaum die Hand vor den Augen konnte ich erblicken. — — — Bald wurde es heller, eine grosse glänzende Scheibe war am Himmel, unzählige glimmernde Pünktchen überdeckten das dunkelblaue Firmament .... Es waren der Mond und die Sterne .... Seit drei Jahren hatte ich diesen Anblick entbehrt, fast vergessen hatte ich diese grosse Welt über uns und ich musste mich dem Eindruck dieses unendlich hohen Himmels eine Weile willenlos hingeben. Eine scharfe Kälte drang mir in die Knochen und ich blickte fröstelnd hinab. Die weite Wolkenbank, der Himmel des Traumreichs, hatte sich gesenkt.
Da begann ein dumpfes Rollen in der krausen Wolkenmasse unter mir, ein Donnern, als stürmten unsichtbar die apokalyptischen Reiter daher, endlos schwoll es an, brandete an den steilen Bergen, kam doppelt und dreifach zurück, nahm ab und stieg ins Ungeheure, verteilte sich, grollte aus allen Hochtälern und über alle Pässe, wollte kein Ende nehmen, dauerte lange, lange und verebbte langsam. — —
Das war der Untergang des Traumreichs.
Eine graue Decke war über das Land gebreitet, am Horizont ragten klar im Mondlicht die Gletscher des Tien-schangebirges.
VIERTES KAPITEL VISIONEN — DER TOD PATERAS
I.
Eine nie empfundene Leichtigkeit war in mir, ein süsslicher matter Duft drang aus meinem Innern herauf, meine Gefühle waren von Grund aus verwandelt, mein Leben war nichts als ein waches Flämmchen. Schlief ich vielleicht? — Wachte ich? — War ich tot? Von ferne hörte ich ein paar leerklingende Rufe, wie helle gebrochene Akkorde. Es krähte ein Hahn und ich vernahm leises Orgelspiel, einen einfachen Choral. — Ich blickte auf und sah tief unter mir eine anheimelnde deutsche Winterlandschaft, ein Gebirgsdörfchen; es schien gegen Abend zu gehen, die Orgelklänge drangen aus dem geöffneten Portal einer kleinen Kirche. Dorfjungen zogen ihre Handschlitten durch den aufgeweichten Schnee der Strasse, Frauen in grosse bunte Tücher gehüllt, kamen aus dem Gotteshaus; unter den weit vorspringenden, mit Steinen belegten Holzdächern der Bauernhäuser standen gebückte Gestalten. — Auf einmal erkannte ich alles; — es war der Flecken, in dem ich meine Kindheit verlebt habe. Jeder dieser Menschen war mir gut bekannt, in einem Paar entdeckte ich mit freudigem Schreck meine Eltern — mein Vater trug seine gewöhnliche braune Pelzmütze. — Ich wunderte mich nicht, dass die meisten Menschen da unten längst gestorben waren, sondern wollte mich gerade in diese wirklich gewordene Vergangenheit begeben, aber ich konnte kein Glied rühren. Ich sah ein paar Raben gegen den zugefrorenen See fliegen, über den vermummte Wesen gingen, — da wurde alles blass und blasser — und verschwand. —
Ich sah nichts mehr in der Finsternis. Die Orgelmusik erfüllte mich so wunderbar, dass ich glaubte, selbst in ihren Klängen zu leben; immer neue, noch vollere Akkorde gesellten sich hinzu, — doch unvermittelt brach die Harmonie ab. —

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Die Stadt Perle stand am alten Fleck. — Aus dem Palaste trat Patera, atmete tief und so geräuschvoll, dass ich es bis herauf hörte, streckte sich, und wurde dabei immer grösser. Schon war sein Kopf bis in meine Höhe gewachsen, er hätte den ganzen Palast als Schemel benutzen können. Seine Kleider waren geplatzt und von ihm abgefallen. Sein Gesicht bedeckten die lang herabfallenden Locken. — Mit den ungeheuren Füssen schob er die Strassen auseinander, und beugte sich über den Bahnhof, wo er nach einer Lokomotive griff. Darauf blies er wie auf einer Mundharmonika, wuchs aber zusehends immer nach allen Seiten, so dass ihm sein Spielzeug bald zu klein wurde. Da brach er den grossen Turm ab und schmetterte damit entsetzliche Drommetenstösse gegen den Himmel, schrecklich war sein nackter Leib anzusehen. Jetzt entwickelte er sich ins Grenzenlose, grub einen Vulkan aus, an welchem noch ein schneckenförmig gewundener Granitdarm der Erde hing. Dieses gigantische Instrument setzte er an seine Lippen — es dröhnte, dass das Weltall erzitterte. Längst war die Stadt unter seinen Füssen verschwunden. Aufgerichtet stand er da, seine oberen Körperteile reichten in die Wolken, sein Fleisch war wie aus Hügeln zusammengesetzt. — Er schien von Wut erfüllt! In der Ferne sah ich ihn niederknien, Vogelscharen fingen sich in seinem langen Haar. Er watete in ein Meer, das ihm kaum bis zu den Hüften reichte, aber austrat und die ganze Erde überschwemmte. Mit seinen ungeheuren Armen ruderte er in den Gewässern und fing Schiffe und zappelnde Meerungeheuer. Zerquetscht warf er alles wieder von sich. Er zertrat die Gebirge, die wie Lehm aufspritzten, grosse Ströme ergossen sich in seine Fussstapfen. Er wollte alles vernichten. Bis in die entferntesten Berghütten spritzte er seinen siedenden Harn, dass die nichtsahnenden Bewohner, von dem Dampfe verbrüht, umkamen. Er stampfte in der graugelben Sintflut herum, sein erregter Leib war von Rauchwolken eingehüllt. Aus meilenweiter Entfernung warf er Fäuste voll Menschen herüber, die als ein Leichenregen niedersausten. Jetzt kam in einen gewaltigen Gebirgszug, der sich von West nach Ost erstreckte, Bewegung. Ich sah, dass es der schlafende Amerikaner war. Patera warf sich der Länge nach auf diesen Feind; während sie rangen, kochte das Meer in haushohen Wellen auf. Ich aber wusste mich in der Hand meines Schicksals und blieb ruhig.
Es war ein Blutozean, der sich, soweit meine Blicke schweiften, da unten dehnte. Die purpurnen heissen Fluten stiegen immer höher, meine Füsse wurden von dem rosenfarbenen Schaum der Brandung bespült. Ein ekelhafter Dunst stieg mir in die Nase. — Das rote Meer trat zurück und verfaulte vor meinen Augen; immer dicker und dunkler und schwärzer wurde das Blut, während es manchmal in allen Farben des Regenbogens schillerte. Oft teilte sich die zähe Flüssigkeit, es ward der Grund dieses Meeres sichtbar, der mit weichem Kot bedeckt war und entsetzliche Dämpfe verbreitete.
Patera und der Amerikaner verkrallten sich zu einer unförmlichen Masse, der Amerikaner war gänzlich in Patera hineingewachsen. Ein ungeschlachter, nicht übersehbarer Körper wälzte sich nach allen Seiten. Dieses gestaltlose Wesen besass eine Proteusnatur, Millionen kleiner, wechselnder Gesichter bildeten sich an seiner Oberfläche, schwatzten, sangen und schrien durcheinander und zogen sich wieder zurück. Aber auf einmal kam Ruhe in das Ungeheuer, das sich zu einer gigantischen Kugel drehte, den Schädel Pateras. Die Augen, gross wie Weltteile, hatten den Blick eines hellsehend gewordenen Adlers. Jetzt bekam er ein Parzengesicht und alterte vor mir um Millionen Jahre. Die Urwälder seiner Haare lösten sich von dem Haupte, die glatte Knochenschale trat zutage. Plötzlich zerstob das Haupt, ich starrte in ein unbestimmtes grelles Nichts ....
Jetzt sah ich weit draussen den Amerikaner, welcher nun selber die furchtbare Grösse Pateras hatte. Die Augen in seinem Cäsarenkopfe schossen diamantene Blitze, er kämpfte mit sich selbst in einem dämonischen Paroxysmus, die enormen Wölbungen seiner strotzenden Adern schlängelten sich in einem bläulichen Netz an seinem Halse, er versuchte, sich zu erdrosseln, — vergebens! Mit aller Kraft schlug er sich auf die Brust, es klang wie ein stählernes Schallbecken, das Gedröhne betäubte mich fast. Dann schmolz dieses Ungeheuer schnell zusammen, nur sein Geschlecht wollte nicht kleiner werden, und schliesslich klebte er wie ein unscheinbarer Parasit an einem über alle Möglichkeit grossen Phallus. — Dann fiel der Parasit wie eine vertrocknete Warze ab, gleich einer ungeheuerlichen Schlange kroch das fürchterliche Glied über die Erde, wand sich wie ein Wurm und verschwand, kleiner werdend, in einem der unterirdischen Gänge des Traumstaates.
Meine Blicke durchdrangen die Erde, in all diesen Gängen wohnte ein tausendarmiger Polyp, elastisch wie Kautschuk streckten sich seine Glieder unter alle Häuser, schlüpften in alle Wohnungen, saugten sich unter jedes Bett, beunruhigten mit ihren feinen Härchen und Warzen alle Schläfer, dehnten sich endlos auf viele Meilen hinaus, ringelten sich zu Klumpen zusammen, die bald schwarz, bald oliv, bald bleich fleischfarben irisierten.
Wieder blendete mich die Helligkeit. Zwei violette, leuchtende Meteore stiegen von entgegengesetzten Richtungen auf, näherten sich einander und stiessen zusammen. Die Luft stand in Weissglut. Bunte Blitze zuckten und kreuzten sich vielfach. Da war es, als entständen auf Sekunden prachtvoll gefärbte sonnige Welten mit Blumen und Geschöpfen, wie ich sie nie auf Erden gesehen habe. Ein sprühendes, ungebärdiges Leben sauste durcheinander an meiner Seele vorbei. Denn nicht mehr mit dem Auge sah ich das — nein, nein! ich hatte mich vergessen, ich selbst ging auf in diesen Welten, nahm teil am Schmerz und an der Freude zahlloser Wesen. Rätsel entschleierten sich mir, fremdartig und unschilderbar.
Irgendwo splitterte etwas — ich hörte Klumpen fallen. — Weiche knochenlose Massen entstanden, weiblich im Ausdruck. Es durchpeitschte sie ein intensiver Formungsdrang; prickelnd glühten Lichtpunkte auf, tausend Harmonien durchfuhren die Räume. Diese wieder flossen ineinander zu einem unteilbaren, wässerigen, leuchtenden Schleim. — Wo eben noch ein Meer gerauscht hatte, gefror eine Eiskruste, die zerplatzt, geometrische Figuren nach allen Seiten warf.
Ich gehörte dazu und erfasste alles mit namenlosen Kräften. Nach Ereignissen, die zeitlos, ewig waren, nach Spannungen eines immer eruptiver werdenden Wandels, schlug alles ins Gegenteil um. Auf das Gebären folgte ein Drang nach einem Mittelpunkt — und im Nu war er erreicht. Eine sanfte, selige Schwäche durchstrahlte die Welt. Aus einem matten Verstehen wurde eine Kraft, eine Sehnsucht. — Es war eine ungeheure, selbstverständliche Gewalt, — es wurde dunkel. — In klaren, regelmässigen Schwingungen versank das All in einen Punkt.
Ich wusste nichts mehr. —
II.
Unter einem stechenden Schmerz erwachte ich zum Glück, denn die Kälte war dermassen gestiegen, dass nicht viel gefehlt hätte, so wäre ich erfroren.
Ein weites Tal öffnete sich vor mir, zum Teil noch erfüllt von den violetten Nebeln der Nacht, grandiose, zerklüftete Bergketten, steile Alpenmatten; über dieses Bild wölbte sich ein zarter grünlicher Morgenhimmel und die höchsten, mit Schnee bedeckten Spitzen glänzten schon im rosigen Schein. Schon zerteilten sich die Nebel, einzelne Flocken versanken in den dunkeln Wäldern. Ich rieb mir die Augen. — In welchem Lande war ich? — Würzige Düfte stärkten mich, auf einmal rötete sich der Himmel, es kam hinter den Firnen hervor wie eine tönende Glanzfanfare — ich sprang schreiend auf: das war die Sonne, die grosse Sonne! — Aber meine Augen waren zu schwach, um diesem Eindruck standzuhalten, ich vertrug den Tag nicht mehr und versuchte, das Dunkel des Berges zu gewinnen. Aus der fernen Ebene drangen Hornrufe, man sah von weitem dunkle Kolonnen näher kommen! Unter mir erblickte ich ein weites Trümmerfeld, durchzogen von unzähligen, mit Steinen angefüllten Gräben. Ich stieg zitternd in den Bergschacht.

⇒ GRÖSSERES BILD
Ich betrat den Felsensaal; mit seinen zwei Reihen mächtiger, figurenbedeckter Säulen erinnerte er an einen Höhlentempel. In einem weiten ehernen Becken brannte eine Naphtaflamme, eine unruhige, orangegelbe Zunge. Sie war das einzige Licht hier und drang kaum bis in den tiefen Hintergrund, wo die Blauäugigen hockten. Am liebsten hätte ich mich in meiner Angst zurückgezogen, aber ich wollte ihnen für meine Rettung danken; über die Zukunft hatte ich noch keinen Augenblick nachgedacht.
Ich konnte mich nicht entschliessen, in meinen ausgefransten Kleidern vor diese ernst schweigende Versammlung zu treten. Verborgen, im Schatten einer Säule, wollte ich warten. Da schreckte mich ein heiserer Seufzer. Am Eingange bewegte sich etwas Dunkles, ein Haufen schwarzer Stoffe, wie ich in der unsicheren Beleuchtung annahm. Mühselig, ächzend und mit schleifenden Schritten näherte sich da ein Wesen. Ein Mensch? — Er hielt das verhüllte Haupt tief gebeugt und trug ein weit nachschleppendes Gewand. Beim Feuerbecken blieb es stehen und schlug seinen Schleier zurück. — Patera?? — Ja, und nein! — Aber er war es doch! — — — Welche Veränderung war mit ihm vorgegangen?! Wie unter einer seine Kräfte übersteigenden Last stöhnend kam er näher, die merkwürdige Fähigkeit, sich beliebig wandeln zu können, schien von ihm gewichen zu sein; nur von Müdigkeit — von namenloser Müdigkeit sprach dieses Gesicht. Seine Augen waren halbgeschlossen. Er hatte jetzt wieder etwas Menschliches, und ich empfand nicht die geringste Furcht mehr vor ihm. Die wächserne tote Farbe war verschwunden, er erinnerte wieder an den Menschen, den ich auf der Schule gekannt. So schleppte er sich, wie unter etwas Unabwendbarem leidend, zögernd an mir vorbei und den Blauäugigen entgegen. Diese hatten sich erhoben und erwarteten ihn — wie Bildsäulen anzusehen — in einem Halbkreise vor dem Feuerbecken. Einer der Ältesten trat auf ihn zu und überreichte ihm ein kleines Gefäss, eine Vase, soweit ich erkennen konnte; dann fiel der Greis vor dem Herrn zu Boden; auch die anderen hatten sich niedergeworfen und ihr Antlitz verborgen. Eine tiefe, religiöse Wallung überkam mich so stark, dass ich unwillkürlich meine Knie beugte und die Hände faltete.
Patera bewegte sich mit schwerem Schritt in einem Bogen um den brennenden Quell und stieg mehrere Stufen hinunter bis zu einer kleinen, halbrunden Türöffnung. Daraus leuchtete ein so unerhörter Glanz, dass ich beide Hände vor meine Augen halten musste. Die Naphtaflamme qualmte dagegen trübe. Der Herr wandt sich gegen uns, die wir alle regungslos dalagen und ihn wegen des Glanzes kaum anzusehen wagten. — Pateras Augen hatten auch die letzte Spur des Unheimlichen verloren — — diese grossen Augen leuchteten nunmehr in einem feuchten, dunklen Blau — — und umfassten uns alle mit einem Blick grenzenloser Güte. Dann sah ich noch einmal das Profil von denkbar schönster Reinheit strahlend hell vom Hintergrunde sich abheben. Er warf mit einer kurzen Bewegung seines Kopfes die dichten, langen Locken zurück und verschwand. Langsam wurde der lange, schwarze Flor nachgezogen. Die erzene Tür fiel ins Schloss.
Alle erhoben sich und traten vor die Pforte; auch ich kam aus meinem Winkel hervor. Im Nebenraum musste etwas Aussergewöhnliches vor sich gehen. Man hörte ein Geräusch, als wenn Kolonnen von Menschen sich bewegten. Auf einmal zuckte die Flamme im Feuerbecken wild auf, färbte sich grün und erlosch. Wir befanden uns in völliger Finsternis.
Von drinnen schallten schauerlich lang anhaltende Schreie und erschütterten derart mein Herz, dass ich zusammenzuckend mir die Ohren zuhalten musste, um die Besinnung nicht zu verlieren.
Es waren schneidende Töne, wie von einer Riesensäge, die mit ihren Zähnen den Fels zerfrisst. Zuletzt ging es in das tiefe, rauhe Stöhnen eines verwundeten Raubtieres über, — auch das wurde nach und nach schwächer und hörte mit einem entsetzlichen Rasseln auf. — — —
Als wir öffneten, fanden wir in dem Gemache welches ein bläuliches Licht matt erhellte, alles zertrümmert, geschmolzene Metalle, zernagte Steine, abgesprengte Felsstücke. — — Und da — der Herr ....!
Zu einem Bündel geknäult, gegen die Wand gekehrt, lag er in einer Ecke, wie von einer fremden Gewalt hingeschleudert, das Gesicht nach unten. —
Der verschrumpfte Körper erschien mir auffallend klein und schwächlich. Der Herr und dieses in sich zusammengezogene Ding, das musste zweierlei sein. Ich begriff nicht! Diese grässliche, Mitleid heischende Hinfälligkeit sollte dasselbe sein, was soeben diesen Raum betreten hatte?!
Ein unvorstellbarer Todeskampf hatte den Leib des gewaltigsten Geschöpfes verkrümmt. Wenn auch russig und beschmutzt, das war dasselbe mächtig gewölbte Haupt, das wir alle so gut kannten.
Die Greise hoben ihn auf. Als man die Leiche gewaschen hatte, löste sich langsam die Starre. Aus dem Gesicht verschwand die Verzerrung. Die Augendeckel liessen sich schliessen und das Grinsen machte dem erhabensten Ausdruck der Ruhe Platz. Die dunkelblonden Locken Pateras waren im Sterben weiss geworden!
Auf den Boden ausgestreckt, kam mir die Leiche bedeutend länger vor, aber zu meinem Schrecken wuchs sie noch immer — ruckweise, knackend, wie aus einem geheimen Kraftüberschuss. Erst nach einiger Zeit hörte dieses Wachstum auf. Im Verhältnis zur Länge des Körpers wirkte das wuchtige Haupt fast zierlich, hell umflossen von der bleichen Mähne: marmorn, kalt, gleich einem Götterbildnis der antiken Welt.
Der Körper war von einer unbeschreiblichen Schönheit. Ich schaute eine Anmut und Reinheit der Formen, dass ich nicht begriff, wie so etwas auf unsere Erde kommen konnte. Ich stand vor ihm, dem Herrn, in meinen Lumpen und sah zum ersten und letzten Male die wirkliche Majestät. Keiner der anwesenden Blauäugigen wagte, durch eine Bewegung die stille Unnahbarkeit zu durchbrechen. Einer nach dem andern ging hinaus. Ich war wieder der letzte; mit angehaltenem Atem und auf den Zehenspitzen schlich ich mich fort. Die Blauäugigen verliessen den Berg, keinen habe ich mehr gesehen.
Ich setzte mich auf die unterste Treppenstufe.
Ein Weinkrampf erfasste mich.
FÜNFTES KAPITEL SCHLUSS
Ein weites, weites Trümmerfeld; Schutthaufen, Morast, Ziegelbrocken — der gigantische Müllhaufen einer Stadt. Es ist noch alles in bläuliche Frühnebel gehüllt. Nur die Felsenberge im Hintergrunde fangen an, sich im Scheine der aufgehenden Sonne zu vergolden. Der Himmel, obgleich noch ziemlich dunkel, ist wolkenlos. Ein barhäuptiger Mann mit einem wuchtigen Gepäckstück auf der Schulter bahnt sich mit festen und doch elastischen Tritten den Weg durch das Geröll. Er trägt einen schmalschwänzigen Frack mit breiten Sammetaufschlägen, und enge, an den muskulösen Beinen straff angezogene Pantalons nach der Wiener Mode der sechziger Jahre. Aber diese Garderobestücke sind mit Brand- und Blutflecken bedeckt und an vielen Stellen durchlöchert. Er gleicht einem Einbrecher, der seinen Raub in Sicherheit bringen will. Nun stellt er seine Last auf einen grossen Stein, welcher sich ihm wie ein Tisch darzubieten scheint. Den schmutzigen Überzug streift er herunter, — ein nagelneuer Lederkoffer mit polierten Messingbeschlägen steht da. Diesem entnimmt Herkules Bell einen eleganten Anzug sowie modernes Unterzeug und beginnt sich umzukleiden. Dann rasiert er sich sorgfältig, prüft sein Gesicht in einem Handspiegel, holt einen neuen, breitkrämpigen Panama hervor und steckt sich seine kurze Pfeife an; ein dünner Pfefferrohrstock mit goldener Krücke gibt seiner Toilette die letzte Vollendung.
Keiner hätte seiner frischen Haltung, seinem gebräunten Teint die überstandenen Abenteuer und Strapazen angesehen, nur an den Schläfen war das sonst pechschwarze Haar ein wenig ergraut. So ging der Amerikaner den anrückenden Europäern entgegen.
Generalleutnant Rudinoff schickte als Avantgarde eine Schützenabteilung voraus, die sich unter Benützung aller möglichen Deckung an die rauchenden Mauerreste heranschlich, aber einen Feind mit bestem Willen nicht entdecken konnte. Auf ihre Meldung entschloss sich der General zum weiteren Vorrücken. Durch die Feldstecher nahm man jetzt ein kleines Fort wahr, das auf einer mit dem Berge zusammenhängenden Felsnase erbaut war. Rudinoff liess einige Batterien abprotzen und die Geschütze auf die hochgelegene Festung einstellen. Dann sandte er einen Parlamentär, zwei Kosacken mit weissen Flaggen und einen Trompeter vor, um dem Feinde ein Ultimatum zu überbringen, wonach er sich sofort in Kriegsgefangenschaft zu begeben hätte. — Alle Waffen und sein Eigentum seien an die Russen auszuliefern — etwaige in seinem Gewahrsam gehaltene Angehörige europäischer Staaten sogleich in Freiheit zu setzen. Der Parlamentär fand aber einen verlassenen Boden, der mit grösstenteils bis zu Sand zermalmtem Gestein bedeckt war. Ab und zu ragten wohl noch ein paar verkohlte glühende Holztrümmer aus dem Schutt; längerer Aufenthalt auf diesem Platze schien aber nicht angezeigt, denn der Boden senkte sich und wurde schlammig. Die Trümmer rutschten langsam in die Tiefe.
Es war niemand da, dem man das Ultimatum hätte zustellen können.
Der Befehlshaber war mit dieser Botschaft unzufrieden. Man hatte sich schon etwas allzu sicher auf reichgefüllte Schatzkammern gefreut.
So wurde der Entschluss gefasst, bis an den Berg vorzudringen, natürlich unter Beobachtung der grössten Vorsichtsmassregeln, denn ein Teil der Stabsoffiziere hielt hartnäckig an der Idee eines gestellten Hinterhaltes, maskierten Batterien u. dgl. fest.
So fand man das kleine Tor in dem Felsen und auf der untersten Stufe der Treppe mich in vollständiger Besinnungslosigkeit liegen. Diesem glücklichen Umstande verdanke ich es, dass ich mit dem Leben davongekommen bin.
Man trat mir auf das freundlichste entgegen. Journalisten, die meinen Namen von früher her kannten, wollten mich unaufhörlich interviewen. Verschiedene Zeitschriften wollten meine Photographie bringen, mit Ansichten des Platzes, auf dem die Traumstadt gestanden hatte. Ich war zu schwach, um all den auf mich einstürmenden Anfragen gerecht zu werden und verwies auf Mister Bell, welcher sich nun auch bei den Europäern eingefunden hatte.
Von dem Tempel im Innern des Berges fand man nichts mehr, eine Verschiebung der Gesteinschichten war eingetreten und hatte alle Zugänge verschlossen. Über meine Vermutung einer derartigen Veränderung schüttelten anwesende Geologen sehr komisch den Kopf. Ich sah, dass die Leute mir keinen Glauben schenkten, um so mehr, als der Amerikaner sich gross tat und prahlte, er habe mit der Zertrümmerung der Wachspuppe dem ganzen Paterahumbug ein Ende bereitet.
Wir beide waren übrigens nicht die einzigen, die die Katastrophe überstanden hatten. Im nahen Urwalde jagten herumstreifende Soldaten ein Rudel halbnackter Geschöpfe auf, die auf Bäumen sassen und heftig sprachen und gestikulierten. Es stellte sich heraus, dass es ebenfalls Traumstädter waren, 6 Israeliten, Besitzer von Gewürzkrämereien. Ich hörte später, dass sie sich auffallend rasch erholt haben und in den grossen Städten des europäischen Nordens und Westens zu grossem Reichtum gekommen sind.
Dann fand man bei Nachgrabungen in einem warmen Aschenhaufen eine eingetrocknete Figur; sie wurde abgestaubt — eine Mumie, hiess es. Ein Regimentsarzt fand aber noch Leben in ihr, mühte sich ab und brachte den kleinen Funken wieder zum Brennen. Alles lief, um diesen Geretteten zu sehen, der, wie sich bald herausstellte, weiblichen Geschlechts war. Ein hoher russischer Offizier, Träger eines alten Namens, erkannte in ihr seine Tante, die Prinzessin von X. Er liess sie wieder herrichten und putzen und nahm sie nach Europa mit.
Ich selbst trat die Heimreise über Taschkent an in Begleitung eines Arztes und musste zunächst in Deutschland eine Heilanstalt aufsuchen, um mich zu erholen und mich an die alten Lebensverhältnisse, besonders an das Sonnenlicht, zu gewöhnen. Es dauerte Jahre, bis ich wieder halbwegs zutraulich zu meiner Umgebung wurde und meinem Berufe in gewohnter Weise nachgehen konnte.
Nach einem Telegramm: „Gebiet des Traumstaates vollständig besetzt“ — verhielten sich alle Teilnehmer an dem Zuge still, wie es sich für blamierte Europäer gehört.
Das Phänomen Patera bleibt ungelöst. Vielleicht waren die Blauäugigen die wirklichen Herren, die durch magische Kräfte eine leblose Paterapuppe galvanisierten und das Traumreich nach Gefallen schufen und vergehen liessen.
Der Amerikaner lebt heute noch und ihn kennt alle Welt.
