← Table of contents
Die Achatnen Kugeln

Der erste Abschnitt

Reading edition

Der schlief mit einer Dänin mit gelbem Fjordhaar. Er lebte ruhig, stiller als Männer, die seinen Stand hatten. Er kannte keine anderen Frauen. War rundherum sicher, wußte, was er tat. Als der Bogen beendet, starb er mit gleicher Ruhe, wie er dagewesen. Sein Sohn glich ihm genau. Er hinkte mit dem linken Fuß, hatte blaue Augen zu dunklem Haar. Der Besitz wuchs, indem er ihn erhielt. Er hatte drei Söhne, einen erschlug der Blitz, der andere schoß sich vor den Kopf. Der Letzte blieb. Er spielte am Strand, war träumerisch und ernst. Sie lebten nach innen in der ganzen Linie. Nichts stieß sie aus dem Kreis heraus, den Landschaft, Erdgeruch, Besitztum um sie schlug. In der Pause erholte sich die Generation, schöpfte Atem, schluckte nach innen, in sich hinein.

Als Daisy die Mutter verließ, flaggten die Schuppen bis Quibec, pfiffen die Dampfer Schleifen und Spitzen bis zu den Großen Seen. Die Sonne schlug durch den Zenith. Am Abend starb die Mutter.

Der Vater trat ins Zimmer, duckte den Nacken etwas, schwieg. Schalen flammten in kurzer Nacht,

Er stand am Fenster, sah, ungerührt, bewegungslos den Bischof hinabgehn, die Turbine des Motors schäumte weg von ihm, warf ihm Blasen, Wellen zurück. Abends kam für Daisy eine eingeborene Nurse. In der Nacht verbrannte er seine Frau im Garten. Die Nurse senkte die Gardinen. In der Dämmerung erst ging Vaudreuil zurück ins Haus. Abends trat er in ihr Zimmer. Als er die leere Bettfülle sah, den faden Geruch spürte, begriff er erst.

Blieb die Nacht wieder draußen, baute mit vier Gärtnern eine Hütte über der Asche. Jeder Windstoß erregte ihn. Morgens ging Brise. Die Angst wuchs, die Asche werde verweht. Sie war das Letzte. Von Montreal brachte der Bote den Wagen mittags. Brown, anglikanischer Pastor, sprach Gebete. Früher wagte Vaudreuil nicht, die Asche zu sammeln, so schmerzlich seinem Herz, das ohne schlagende Dränge nur

Brown zog in die Familie ein. Vaudreuil band ihn an Haus, Besitz und Tätigkeit. Hätte ihn um sich gehalten, stänke er wie Aas, vergaß ihm das Gebet nicht. Nichts hätte dies zwischen ihnen herausgejagt. Doch Brown gewann nicht ganz Boden. Der Lebensschlag verwirrte ihn hier. Liebe aber wischte ihm das andere immer hinweg. Er sprach eckig, unfrei, seine Handgelenke, unter flatternden, fliehenden Manschetten, waren gerötet. Einmal erleichterte er sein Gewissen, schlug den Übertritt vor zu seiner Konfession, dies eine Mal gab Vaudreuil keine Antwort. Nichts war gesagt worden. Brown war es los.

Vaudreuil rief den Vorstand der achten Abteilung, zog aus den Akten ein Bündel, legte ein Papier auf: „Sie irrten.“ „Ich würde bedauern.“ Der junge Bursche trug den Fehler selbstbewußt.

„Sie haben zum zweitenmal geirrt.“

„Zu Ihrem Vorteil.“

„Das spielt keine Rolle. Das dritte Mal entlasse ich Sie, so sehr Ihr Eifer anerkannt wird.“ Er drehte sich um. Der Vorstand trat vor, bleich, einen Zahn in der Lippe. Vaudreuil nickte über die Schulter, der ging, errötete vor Freude. Die Ledertür fiel. Vaudreuil senkte sein Gesicht. Das Gehaltene verließ ihn, die Augen sahen durch die Papiere, Holz, Wand. Er ging in den Garten. Jeden Tag ward die Frist größer, die er blieb, die Intensität erschreckender, mit der er die Arbeit zusammendrängte, durchfuhr. Brown sprang ein, wagte es (was allein er konnte), legte die Hand auf seine Schulter, schlug einen Wechsel vor, des Wohnorts, der Luft. Vaudreuil schüttelte es ab. Generationen hatten hier gelebt. Er blieb. Brown deutete den Kiesweg runter, wo die Nurse das Kind heraufschob. „Es handelt sich nicht um Sie.“ Vaudreuil erblaßte etwas, er erkannte. Schwankte, ohne zu zeigen, was vorging, einige Tage. Dann entschloß er, ging aufs Ganze. Teilte; arrangierte die Übersiedlung zu den Ottava-Mühlen. Nachts schlief er am Lorenz, war sein Plan. Morgens fuhr er im Auto zum anderen Stromhaus, abends wieder zurück. Er hielt auseinander. Da starb die Frau. Dort lag sein Werk. So hielt er Gleichgewicht, indem er nicht mischte.

Brown nickte in der Sitzung: „Sie bleiben auf eignem Boden.“ Der Vorsteher der Büros zog zwei

Mittags fuhren sie im Auto den Lorenz hinauf, folgten ihm in Launen, Schlägen, Schnellen. Der Wald war dicht voll Saft, Sonne spielte in fetter Luft. Vögel schrieen. Schlugen hämmernd hinaus in Weizenebenen. Kühe tollten unter Bäumen, grad gesetzt, trächtig von Frucht. Blauer Himmel stieg vom Waldblock herauf, überflog sich taumelnd. Die Nurse saß neben Daisy. Der Wagen schwenkte nach Norden, fuhr an neuem Strom. Hinauf, hinauf. Ein Gartenhaus stand unter Blumen. Ottavagemurmel nickte, schwamm um jeden Kelch. Der Wagen hielt. Die Nurse packte Daisy. Sie stiegen aus. Daisy schrie hell und scharf, verstummte, wachte auf. Lange dunkle Wimpern brachen auf. Grau und stählern nahm der Blick die Landschaft, saugte sie ein, als besäße er sie.

Kam sie am Arm der Nurse schlenkernd herauf vom Fluß, rollten die weißen Sonnen der Sägen über ihr im Himmel. Gegen die Dämmerung heulten die Dampfhähne, Feuersignale schossen aus Schloten

Im Garten suchte sie Syg, Tochter der Nurse, hob die Goldregenzweige, suchte üppige Grasrosenstände durch, zirpte in Schneeballendickicht, Salmweiden: Syg. Sie schritten mit langen dünnen Beinen über den schiefrig blauen Kies; setzten sich auf die Bank in die Sonne, sahen nach dem Haus. Verschwand der Kopf der Nurse, streckten sie Zungen heraus. Erschien er, scharrten sie träumerisch mit den Füßen, preßten die Ellenbogen aneinander, verklucksten sich im Gegen-den-Boden-Lachen lautlos. Plötzlich drückte Daisys Hand die Sygs hart. Die Zweige hinter ihnen wogten und schluckten, fuhren rückwärts. Nach der leeren Bank flog der Nurse Geschrei.

Zuerst liefen sie durch Dickicht, Primelbeete, sodann kam das Hundeloch im Zaun. Hundert Meter dahinter flimmerte Prärie. Unten tief in der zitternden blauen Dunstwolke, die die Erdscheibe abbog, kam im Halbbogen das Atmen der Gräser in endlos wellender

Sie banden vom Leib sich Tücher ab, ließen sie hinter sich schwenken. An der Erhöhung blieben sie stehen, drehten sie um sich langsam im Bogen. Die Sonne fing an, danach sich zu richten, lief mit ihnen im Kreis, sprang aus einem Tuch in das andere, mitten stand ein roter Knopf in das Viereck hineingerollt.

Hinter der Schanze kam der Nurse Hand, faßte Daisys Gelenk, Sygs Ohr. Auf Sygs Gequietsch legte Daisy die Hand auf der Nurse Leib, stampfte mit dem Fuß auf, das Weiß des Auges bekam einen kristallischen Kern. „Do . . . do . . . Daisy“, lockte die Nurse, knotete den Schürzzipfel, tuschelte damit zu dem Kind, schnalzte mit der Zunge, hob wie der Kordelhanswurst die Arme. Die Kinder lachten, hingen an ihren dicken Schenkeln.

Mit acht Jahren war das Tor frei, das Loch verachtet.

Syg lag am Bachrain ohne Mucks. Kroch auf den Vieren weiter, blieb wieder Beine, Arme weggestreckt. Eine Grille schrie, Sygs Hand machte einen Bogen. Der Schatten des Armes aber lief eilender, das Tier verschwand. Auf den Knieen kreist sie herum, hing über dem Mausloch in Parade gegen die Sonne zu. Dann Ruck auf Ruck kam das Tier. Sie fing es wie eine Mücke ab, fegte es in die Faust. Stieß mißmutiges Geplärr aus, das Ungeduld bewies. Schlenkerte zu Daisy, blieb neben ihr, setzte von hinten das Tier ihr in die Brust. Daisy lief aufschreiend, beide Arme im Busen suchend, ein schmaler Hund lief mit, bellte leis auf, fraß die Grille, die unten aus dem Rock fiel. Sie tanzten zu dritt im Kreis, schlugen die

Tiefer in der Prärie bückte sich Daisy. Syg sprang ihr auf den Rücken, sah sich um.

Dann zogen sie die Hemden aus, schlichen, die dünnen schlanken Rücken neben den Gräsern, zitternd auf hohen Beinen nackt bis zum Baum. Sie legten die Hemden auf den Termitenberg, warfen zwei Steine hinein, sahen Tausende darüber wimmeln, Saft darauf spritzen. Erkletterte ein Outsider eine Wade, hupften sie rehhaft herum, schürten aus Rache neuerdings in dem Haufen. Dann griffen sie die Hemden heraus, liefen damit weit weg, schälten das letzte Tier heraus, schnauften, legten die Gesichter in das Leinen und sogen bis zum Rausch an dem Saftparfum. Als Pferde erklangen, lagen sie tief im Gras. Fidley ritt aus dem Hochgras. „Sie sehen sich ähnlich.“ Sie sahen sich an. „Syg ist dunkler,“ sagte Vaudreuil nach einer Weile.

Im neunten Jahr brachte Brown die Gouvernante ins Büro. Vaudreuil nickte hinter dem Schreibtisch. Die harte Figur der Frau schob sich zu einem Knotengeflecht zusammen. Dann wandte sie sich breit zu den Kindern. Daisy gab abwesend ihr die Hand. Vor Syg harrte die Frau einen Augenblick im Zweifel. Was in Daisys Blick an Zögerndem, Zweifelndem

Nun lockte die Gouvernante den Widerstand aus Daisy heraus. Überraschte sie mit neuen Dingen, Sachen, Sprüchen, Bildern. Sie bezog alles, was sie gab, auf sich, als schenke sie den Eifelturm, sie den Tegernsee. Sie machte Geschenke, nichtswertendes Zeug, das aber überraschte, einen Haarring, ein Ericri. Sie sah die anknospenden kleinen Brüste, wo die Warzen schon unter sanftem Rotsaft standen. Lobte die Glieder, den Hüftschwung zum Becken, die Länge der Taille, die untadelige Wölbung, mit der der Schenkel abbog, mit der das Knie in die Wade absank. „Du, du. Welche Größe habt ihr an Land. Da werden Schiffe anfahren von drüben, Prinzen kommen, Daisy zu sehen, und diese und diese Fahne wird aufgehißt.“ Aber der Reflex war von Daisy ein stummes Fragen. Anders sah sie das Weib nie an.

Da machte diese den ersten Umweg und verwöhnte Syg. Sie behandelte sie gleich einer Dame. Da von Dienstboten Sygs Stellung gleich der Daisys gehalten ward, solange sie Kind schien, aber nicht gefestigt war für weiterhin, verwöhnte sie sie damit. „Du fährst dann in Autos. Durch Städte drüben, sitzest in Konzerten. Du hast Perlen, Syg.“ Syg lachte. Ihr imponierte mehr Kölnisches Wasser, das sie auf die Haut

Nun schlug sie die zweite Umwegstour und machte sich an die Nurse, nannte sie Miß und schenkte ihr Tücher. Gab ihr einen Spiegel. Schwabbelnd hing die Nurse an ihren Röcken, sprach nur noch von ihr. Die Kinder lachten. Da machte das Weib die umgekehrte Taktik, versuchte die Nurse auszutreiben, weil hier der Liebespol der Kinder lag, den sie umleiten wollte. Sie nannte die Nurse Diebin, machte aus dem Spiegel eine verdrehte Geschichte. Aber mit Feuer traten die Kinder vor die Nurse. Das Bild der prallen Brüste, aus denen sie erstes Blut gesogen, lag ihrem Hirn so eingebrannt, daß kein Verdacht, selbst keine Tat es hinausgewischt hätte. Dies gab einen vollen Riß. Über ihn hinüber lauerten die Beiden. Da versuchte die Gouvernante das letzte, doch es war hirnlos. Sie rückte sich dem Gestirn zu, aus dem Schatten nach Vaudreuil, suchte ihm aufzufallen, an ihm sich zu halten. Er sah sie nicht.

Nachts kratzte es an Daisys Tür. Sie öffnete. Syg gab das Zeichen. Daisy zog die vom Weib verbotenen alten Seidenkleider an, sie verließen auf bloßen Zehen die Zimmer, zwischen denen das der Gouvernante lag. Mondlos. Dünne schwarze Schatten liefen sie unter dem Himmel. Zwischen Sternen

„Weither?“ Syg starrte, sagte leis: „Viele Tage.“ Daisy legte die Handflächen auf den Mund. Aus dem Dunkel kamen breite große Flächen. Um die Ränder band sich weißer Rauch, sodaß es schien, sie flögen, dazu wellte der Fluß Nebel in zuckenden Linien um sie hoch. Die offenen Feuer schlugen in den Dampf hinein; brachten ihn zum Feuerexplodieren, Fächerstrahlen, Prismenschleudern. Gestalten huschten herum, sprangen schwarz von einem Ende zum andern. Ein riesenhaftes Ruder ward erfaßt von der Flammenspiegelung, bis an den Horizont aufgeschwungen. Lautlos glitten die Flöße so herunter.

Syg legte sich auf den Bauch. Die Stille summte von den Weiden herab. „Los“, stampfte Daisy ungeduldig. Syg legte die Wange gegen die Erde, stellte die Zunge gegen den Backen, ließ sie dann herausfahren. Zwei wimmernde Töne stiegen steil durch die Luft! „Pha . . . lux.“

Auf dem Fluß erfror die Stille. Eine Sekunde setzte der Flußlauf aus, gebar sich Leere, atemlos. Dann flog der gleiche Ton auf, langsam, weich und gedehnt am Anfang, zitterte auf, sank ab. Das zweite

Sie gingen Hände ineinander zurück, Syg mit Tanzzucken, das sie unterschlug, im Knie. Im Korridor stellte Daisy ihren Fuß genau so, daß sie mit dem anderen ihn schnitt. Stolperte, schlug mit den Händen gegen die Wand, stieß einen Säbel herunter. Syg hickelte erschreckt. Halbangekleidet stand die Gouvernante im Gang, mit strohigen Zöpfen, ein dünnes Nachtlicht in der Hand: „Woher?“

„Vom Garten.“

„Was war im Garten?“ Nichts war im Garten. Lauerndes Schweigen. „Syg,“ sagte die Gouvernante, die Stimme überschnappte sich. „Wir waren beide im Garten,“ sagte Daisy schnell. „Syg,“ ihr Licht schwankte, sie keifte. „Hier,“ Daisy warf Syg zurück, wiederholte Sygs dunklere Stimme, drang ins Dunkel vor, empfing zweimal die knochige kalte Hand ins Gesicht. Am Morgen saß sie auf der Terrassentreppe. Am Auto küßte sie sich mit Vaudreuil, gingen die Treppe hinauf. Als Vaudreuil sie vorgehen ließ durch die Tür, sah sie schräg zurück: „Was sagten Sie, wenn die Dame Syg schlüge?“ Eiskalt, neugierig ihr

Syg lief ein Stück nach, schwenkte eine Pfeifenstrauchrute. „Ich wollte noch sagen, es ist das gleiche: ich und Syg.“ Daisy sah auf ihre Nägel. Vaudreuil fuhr mit der Hand hoch, als ob er gähne: „Es ist nicht das gleiche. Aber du kannst es dafür halten.“ Sie sah nicht auf. Nach drei Tagen, als das Auto einfuhr, brachte Brown ein blondes Geschöpf, zitternd vor Angst, voller Hingebung, dünn an Organ und Haltung. Sie erschrak heftig vor Daisy, verehrte das Kind, war hilflos, gefällig. Diese Güte belästigte Daisy. Sie verachtete dieses Wesen ein wenig und bemitleidete es dunkel. Ein junger Mann tauchte

Die Mähder gingen im Blau des Damms wie im Himmel entlang. Kühe dampften vor den Wagen. Als der Stier brüllte, rasselte der Horizont es rundherum wie ein fliegendes Gong. Tausend kleine Blitze schossen im Gras die quer. Sie gingen über die Biberwiesen. „Syg, waren es Chipeways . . . sag.“ „Chipeways.“ Sie starrte in das Summen der Hitze. „Fahren sie lange auf den Flößen?“ Syg dachte an die Nurse: „Zwei Monate,“ sagte sie unsicher. Daisy zog einen Halm durch den Mund, kaute, schwieg.

Die Arme auf dem Rücken schlenderte sie vor die Nurse: „Du . . . du . . . ei, habe ich Chipewaysblut ein wenig von früher?“ „O . . . o . . . do . . . Daisy . . . das sind Hurons.“

„Aber sind diese größer?“ Kopfschütteln. Sie ging.

Ging sofort in das Büro, stellte sich neben die Ledertür an die Wand, lautlos. Der Sekretär raffte zusammen, knickte ein, ging. Ein Vorstand kam, referierte, ging rückwärts hinaus. An zwei Stenotypistinnen erging ein niederprasselndes Diktat. Eine Kommission trat ein. Da sah sie Vaudreuil. Sie ging sofort bis an den Tisch, legte die Hand darauf, sprach. Vaudreuil kniff die Mundwinkel ein, um kein

„Aber du hast edleres.“

Da errötete sie, ging eilig, sicher hinaus. Sagte Syg nicht, daß sie edleres habe. Liebte Syg über jedes Schweigen hinaus, wie nichts.

Zum vierzehnten Geburtstag schenkte Vaudreuil ihr ein eigenes Pferd. Abends ward sie ohnmächtig. Das Blut verließ zum erstenmal die Muttergrube, sprudelte aus ihrem Leib. Drei Tage lag sie. Als sie herauskam, war sie Frau. Auf der Haut saß ein glatter Reiz, um den Gang floß ungewisser Zauber, wiegte hinter ihr her noch wie Zurückgebliebenes. Nur die Augen wurden heller, besaßen mehr Kraft und Wissen zu durchdringen. Sonst zog sich alles von oben zur Brusthügelung, unten von Fuß und Knie und Hüfte zum Mittelpunkt des Leibes hin zusammen, sodaß das Weibliche, Auffangende und im Wechsel Hingegebene deutlich ward.

Das Fräulein spielte große Kantilenen. Die Wochen wurden lang dadurch und hingezogen. Es war, es käme Erlösendes, Rufendes von fern. Erlosch wieder. Die Jahreszeiten änderten sich, öffneten wie Kapseln ihr Gehäus, gebaren, stäubten ab, doch das Geheimnis, das ihnen innelag, äußerte sich nicht. Das Haus ward eng unter vieler Musik. Sie schlug den Blick

Noch ritten sie um das Rondell, sattelten selbst. Schon lag der Zauber halb verblättert, reckte darüber her anderer sich schon bitter, lockender und schwerer im Blut aus der Unbekanntheit her auf, ohne daß man wüßte, welcher, woher. In einer Lichtung bekamen sie Durst. Syg fand einen Ahorn, schälte ihn an, bohrte ein Loch hinein. Aus einem dicken Halm sogen sie den gelblichen Zucker. Als sie, satt, nach den Gäulen sah, umdrehte, starrte Sygs Kopf glasig und eingefallen. Die Kupferhaut war molkig. Über ihrem Kopf saß unregbar mit vorgeschossenem Kopf, noch schwebend, die Schlange. Daisy sprang vor. Nun war ihr, sie fliege. Nun kam, erhob sich Unbegreifliches, streifte sie mit Seligkeit. Ein ganz leiser Schrei verließ den Mund, die Augenbrauen standen im Dreieck. Grau und kühl, flimmernd, neigte ihr Blick sich gegen den des Tieres. Der Baum raschelte, es pfiff und klapperte im Geäst. Auch Syg drehte sich nun ihr zu, weinte in ihre Hand. Aber sie fieberte noch auf dem Pferd, hatte Aufruhr in den Knien, wogte mit der Brust.

Die Siebzehnjährigen bestiegen einen Dampfer, den Brown gechartert hatte, weiß wie Porzellan. Sie reisten ins Innere. Das Fräulein, der Lehrer bezogen Kabinen. In hellen Kleidern lehnten die Mädchen am Reeling. Vaudreuil winkte herauf vom Land. Browns Arme schlugen Rudertakt. Daisy schmollte den Mund schief. Noch einmal: „Komm“. Vaudreuil lachte, schüttelte den. Kopf. Man fuhr los. „Pa kommt nicht mit“, sagte Syg. In Daisys Stirn fiel eine Locke: „Du solltest dich nicht weiß anziehen. Du bist zu dunkel. Nimm blau.“

Vier Tage fuhren sie den Lorenz hinauf, die Hitze um sich, weiß. Abends ankerten sie spät, um solang als möglich Fahrtwind zu haben. Dann kam die Nachthitze traumhaft. Die schwüle Ruhe lastete mit sprengender Unausgesprochenheit. Spät kam ein Dachs ans Ufer, hob die Ohren, legte den Kopf fast auf die Luft, so weich, soff dann. Als nichts zu sehen mehr, erhob sich das Schlürfen anderer Tiere. Mit jähem Luftdruck schwebte ein Fregattenvogel von den Wellen glatt übers Deck. Aus dem blauen Dunkel formte sich Figur, Geschehen. In weiten aufschwellenden Kreisen vollzog sich Manches, nicht gesehen, aber gewußt und

Das Erregte ward nun lauschend, erwartungsvoll. Mit großen Augen überwanderte sie den Dunkelheitsbogen. Ihr Herz machte sich heran an jeden Laut, mit jedem Geräusch ging es hoch und tief. Schlug mit dem Gesäusel des abfahrenden Wassers an Backbord, mit jedem Astwedel, der schauerte. Doch kam es auch zurück. Sie fühlte in sich, als geschähe es in ihr, das träumerische Aufschnellen der Fische und das jagende Husch, wenn ein Nachtvogel die Seile durchschwamm. Irgendeinmal in solchen Nächten schlief man dann ein.

Nun kamen Inseln. Smaragdgrün und gelb war der Strom getupft. Sie loteten den Tag durch. Gemischtes aus unbekannten Blumen und Wasserfäule lag als Barriere davor, erstickte sie fast, als sie eindrangen. Betäubendes Labyrinth von Kanälen umgab sie. Die Inseln wurden kleiner. Ach diese, ach jene, deuteten sie, und schon war alles verwirrt, erkannten sie die erste nicht mehr. Sie sahen keinen Boden. Es wucherte nur. Nachts hingen Schlingpflanzen herunter,

Morgens tat eine Bai sich auf. Silbern trat die Sonne aus dem Wasser am Horizont, der ruhig, endlos lag. Sie atmeten tief in das nun Geweitete, befreit. Am Mittag schwammen neue Inseln entgegen. Aus gewaltigen Grasbüschen wuchsen Bäume mit kalt geformten Blumen. Schlugen Brücken miteinander. Die Sonne war weg, der Himmel zu. Unten liefen Regenbogenfische. Oben schwirrten bunte Vögel, ohne Rast in Bewegung und Getön. Dazwischen wogte blauer heißer Dunst.

Abends kamen sie ins Freie. Sie liefen wehend zum Vorderschiff, winkten hinaus. Schrieen: „Das Meer!“ Doch im Untergang brach sich die Sonne in einem gespaltenen Rubinfächer hinter neuen Inselherden. Sie griffen sich auf, sammelten sich, umtrieben sie mit Kanälen und Buchten, in denen sie irrten. Syg holte Daisy in der Nacht, sie schlichen im Schatten der Pflöcke bis hinter die Taurolle. Am Reeling stand neben dem Fräulein der Lehrer, sie sagten nichts, berührten sich nicht. Er wies immer mit dem Kneifer gegen das Wasser. Da unten schwamm aber auch nichts. Jedoch sprang später aus einem Baum eine Katze auf Verdeck, fraß neben der Küche

Morgens erst schlugen Himmel und Wasser entfernt fest zusammen und machten einen Kreis. Erst da ward es endlos. „Das Meer“, sagte Daisy.

„Es ist auf der anderen Seite.“

„Ich weiß Syg.“ Sie machte einen Bogen, am Geländer saß Well, der Wolf des Steuermanns. Er legte den Kopf, als sie sich kauerte, auf ihr Knie.

Gegen Mittag ward der Ontario tiefblau, spannte sich in gebogenem Spiegel hinauf und in seidiger Biegung abebbend hinab. Im glänzenden Himmel begannen Striche zu wachsen. Hoch über dem Horizont, fast wolkennah schwebten drei große Schiffe. Der Mittag ward voller, ging auf wie ein Gestirn, kam aus sich selbst und zerrann. Toste von Farben. Der Horizont ward dunkel von Glut. Es ballte sich die Weite, durchdrang sich und lud die Atmosphäre mit einem gepreßten ausschwingenden Atem. Segler nahten da und dort, hingen Fahnen heraus, bogen über das glashafte Seidene des Sees herab. Von eigenen Masten flaggten Fahnen, das Deck zog festlich, schmal dahin.

Brown brachte ein Tuch. Es ging auf. An der Mole flaggte es viermal. Sogar eine Rakete schoß hoch und knallte. Darauf kamen Wagen hergerollt aus einer schrägfallenden Straße. „Sie kommen“, sagte Brown, rieb sich die Hände, schmunzelte verschmitzt, es ward eine harte Grimasse. Sechs Wagen standen nebeneinander. Junge Leute sprangen herum, hatten schiefe Helme auf den Köpfen, sammelten sich, stampften, stellten im Kreis sich um einen starken

Drei Stunden Zeit. Sie erkletterten Wagen, die Peitschen stäupten auf. Fuhren den Strand entlang, sahen die Muscheln angeschwemmt in Wällen, einen Fisch, den Dampfer Skania verkracht, die Kessel gespießt von Klippen. Sahen grünseidene geschnittene Rasen abgleiten, Blumenschlangen, geordnete Beete. Sahen von Basalt umstellt eine wütende Quelle, die trommelte, schlug, aufstieß, im Schweigen noch bebte. Machten einen Korso. Stiegen ab, empfanden, es war gut, war schön. Sahen sich in die Augen, sahen die Hände, die Hälse, lachten. Tranken Wein, Schokolade. Lächelten, als Browns Neffe den Lapin setzte, Brown abschob, bei ihnen landete, das Trittbrett abhieb im Schwung. Sahen seine Achseln, das Braun des Gesichts, die Hände. Sahen das weißhelle Blau um die Pupille. Fuhren durch Spaliere, hohe Drähte mit Gärten, die schwebten. Durch eine Palmenallee, Bosketts mit Hyazinthen, Springbrunnen, durch Berge Duft. Fuhren durch Straßen mit Riesenfelsen, die

Sygs Tuch fiel.

Die Augen streiften, erzitterten. Drei junge Männer sahen nach einem alten Herrn, der ein Ei aufschlug, blieben daran, erröteten, drehten die Hälse zurück, schwiegen, wandten sich immer mehr um die Achse, verrenkten sich, sahen zuletzt in die Luft.

Daisy bückte sich, hob das Tuch selbst, ließ die Lider gesenkt, die Mundwinkel etwas erschlafft. Lehnte sich ins Polster. Sah Pferdeköpfe, Pferdehälse, Browns Manschetten kommen, näher, sich vorschieben, bog sich hinüber: „Zum Hafen“.

Ging rasch, behend, teilte Handdrücke aus, suchte den Kapitän, ersuchte, den Abend noch zu fahren, sah nicht zurück, pfiff dem Hund. Der Ontario lag wie Stahl. Zwei gelbe Segel flauschten groß im Mondschein vorüber. Das Wasser wellte, spielte um das Licht in riesigem Blaukreis. Sie schloß die Augen halb, zog den Kopf des Hundes in den Schoß, einen Zug Leids von der Braue nach der Stirn. Nicht um sich. Sie stand auf. Sie fuhren die Nacht durch, den Tag. Fuhren an Dörfern vorüber, wendeten, sahen sie das zweite Mal vorübergleiten. Kamen an

Sie hielt dort an sich drei Tage, saß still bei der Mahlzeit im Garten, fixierte manchmal das Auto, das kam, fuhr. Knüpfte nach dem Lunch eine Hängematte auf die Veranda, stieß den Laden zum Privatbüro zurück, schaukelte; als Vaudreuils Kopf über ihr war, sprang sie auf, eilte über die Diele, trat in das Büro, bat, daß er Syg adoptiere, stand mit ausgebreiteten Armen gegen die Wand.

Der Marquis blieb am Fenster, legte ein Messer auf den Papierstoß, schnickte das Kinn hoch, zweimal, sah auf das aufgeschlossene Gesicht der Tochter, aus der die Bitte troff, ein Leid sich weit erhob, starrte, nickte, aber sein Blut, das ohne Dünkel war, sträubte sich gegen das andere Blut, auf das sein Name, sein Blut sich legen sollte. Sagte: „Sie muß sich gewöhnen, noch mehr Schmerz aus ihrem Blut zu haben.“ Tonlos,

An der Tür sah sie ihn gebückt, er schob eine Kassette auf, vernahm ihren Namen, weich eingehüllt von ihm. Er zog die Nickelschlüssel, gebogene, drahtschlanke, barocke, wählte klirrend, schob auf, kam auf sie zu, sie ging entgegen. Er sprach beiläufig, ruhig, gewohnt: „Die Frauen trugen sie zur Hochzeit. Dann ihr Leben. Ich gebe sie dir früher.“ Sie trug eine Kette aus gelbem geflochtenem Dukatengold, daran drei achatne Kugeln.

Lief stracks zum Schiff, winkte, kam näher, sprang auf das Brett, rief nach dem Steuermann. Sah seine

Ging früh zum Dampfer, trat aufs Brett, zog es ab, fuhr zurück, rief in die Luke, sah unten den Kopf des Steuermannes. „Ich bringe Well zurück.“ Ging mit langen Beinen rasch hinauf. „Do . . . do . . . Daisy . . .,“ schnatterte die Nurse, faßte ihr Kleid, küßte es, den Arm, schloß sie an den Busen an, schmatzte, schlug die flache Hand auf den Mund, tremolierte. Hatte von Vaudreuil ein kleines Haus, zwei Kühe, eine Magd. Klatschte in die Hände, summte still vor

Der Steuermann am Morgen stand auf der Diele, zerknitterte den Hut, nickte mit dem Nacken, breitete das Maul aus, fletschte, hatte einen Sohn im Büro, spritzte Kautabak, fuhr Pelze seit Jahren, Schiffe, Städte, Stapel . . . kaute seine Frau heraus, gab ihr Reiz, Alter, ein schiefes Ohr, Zufriedenheit . . . riß den Hut hoch, die Tür auf. Well stob herein. Er war unbrauchbar. Sie hatte ihn verdorben. Er blieb nicht mehr. Er brachte ihn fluchend, Zwinkern in einem Auge. Sie suchte nach einer Note. Er nahm sie nicht, hätte ihn nie verkauft. Er wollte ihn nicht mehr. Gab ihn ab. Ging. „Gib ihm ein besseres Schiff,“ sagte Daisy Vaudreuil, „ich will nicht, daß er mir schenkt.“

Den zehnten Dezember fuhren sie nach Montreal, hoben Syg aus dem Auto, hoben sie adoptiert hinein, kauften den Tag über, machten Kommissionen, besahen, beschauten den Mittag, stopften ihn voll, eilend, häufend, bis er abbrach, die Dämmerung kam mit Laternen. In einer Schwebebahn glitten sie aus ihnen heraus.

Daisy stieg aus, sie suchten ihren Schleier, fanden ihn, stiegen ein. Am Trittbrett wandte sie sich langsam herum: „Nehmen Sie vor uns Platz, Fräulein.“ Sie übersah den Lehrer, zog die Achseln ein wenig an, schüttelte sich, legte den Arm auf Sygs Schoß, die ihre Grausamkeit nicht begriff. Vor dem Schlafengehen gaben sie sich die Hand. „Du bist froh Syg?“ „Ja.“

Der Winter nahm Kurve auf Karneval, steigerte mit jedem Tag, den er vortrieb, das Gedrängte, Erhitzte. Männerstimmen jauchzten aus Schlitten zu, die die Gegend überkreuzten. Aus Pelzen hoben, winkend, beringte Frauenhände Tücher. Schellen überflirrten die Nacht. Auf Stahlringen der Flüsse kerbten Kufe. Damen fuhren mit Meuten, die vorrasten, sich überschlugen, Haken bogen, von Lachen aufgereizt, verärgert wurden, bis sie sich verbellten am Schlag wie ein Wespenschwarm. Pistolen funkelten in Wintersonne, schossen Salut am Portal. Illuminiert, aus jedem Loch Licht stoßend, hingen die Häuser der Seigneurs am Horizont. Kostüme kamen, bliesen Tuben.

Vier Fackelträger stiepten die Glut durch die beißende Luft. Alf fuhr sie in einer Kurve vors Portal, die Pferde stampften in einer Wolke, spritzten Schaum. Syg trug blaue Kleider. Diener stürzten auf die Treppe,

Alf auf dem Rücksitz kreuzte die Arme im Muff, Daisy führte, das Eis schimmerte rosa. An der Ecke der Bucht knirschte das Eis, flimmerte im Frühlicht, wurde tief, herb, hielt drei Meter, brach. „Pha . . . lux.“

Sie blieben sitzen. Alf kniete auf dem Eis, haschte die Schlinge, zog sie an. Riß dem Gaul die Adern am Hals zusammen, zog sacht, langsam den Hals des strampelnden Tieres hoch. Der Bauch schwappte, die Beine traten immer mehr Eis hinein. Alf machte eine gewaltige Bewegung, das Tier ward ohnmächtig, ruhig, ging unter. Nun zog ers herauf, schleifte es aufs feste Eis, schlug die Schlinge ab. Massierte die Schlagadern am Halsstrang. Das Tier röchelte, schnappte tief Atem, sprang plötzlich auf die vier Beine, fing sich in der Kandare. Sie fuhren weiter. Syg klatschte mit den Nägeln auf den Daumenballen. Da brach das Eis zum zweitenmal. Alf würgte das Tier, um es zu retten, zog es herauf, frottierte es ins japsende Leben zurück. Als sie auf das Haus zu hielten, zog Vaudreuils Auto, vom Lorenz her, die Schleife am Fluß. Sie stiegen zugleich aus.

„Zweimal mußten wir das Tier erdrosseln,“ Syg küßte ihn. „Zweimal“, lachte Vaudreuil, schlitzte die Augen eng zur Seite. Daisy war bleicher, aber schöner, gespannter als Syg.

Der Winter kulminierte, schwang auf der Kurve noch, floß herunter. Ging vor den Fenstern irgendwie, irgendwo zu Ende, krepierte in den Mulden südlich, fraß sich satt noch hinter dem Waldgurt zum Hudson. Irgendwelches geschah, rauschte, färbte sich mit Männern und Frauen und Pferden hinter dem Glas, das ihrem Atem sich zuwölbte. Manchmal gings in der Nacht über den Horizont hin, wälzte sich, glühte sich breit aus, manchmal surrte es in der Saublutsonne, manchmal war es unter sackendem Schnee, brüllte um den Himmel, jagte an den Bäumen. Sie hob die Achseln, ging zum Stall. Das Eis sprang bis hoch in den Norden. Alf wartete mit Gäulen. Abends kamen sie von der oberen Mühle. Der Boden war fester. Blitzende Wolken flirrten zag und dünn herbei. Hirsche scharrten um eine verdeckte Quelle. Sie umschlich, kam heran, schoß nicht. Schoß einen Dachs, trug ihn ins Speisezimmer. Vaudreuil erlaubte den Ausflug mit Alf zu den ersten Faktoreien. Ihre Schenkel waren stark, sehnig, gereckt vor Grazie und Grausamem, die Hüften in beispiellos abfallender Glätte. Zwei Tage sattelten sie. Alf pfiff die Hunde heran, zurück. Ordneten, stapelten. Telephonierten, packten die Säcke für die Tiere, Teppiche, Pelze. Am vorletzten Tag kam ein Segler den Ottava herauf.

Unter den Hurras wimmelte es an Helmen am Anlegeplatz. Brown schwebte auf der Veranda, breitete

Acht Tage fingen sie Fische. Lagen halbnackt auf den Balkonen. Schlachteten Ziegen, Schweine, Stiere. Tranken in einer Mondnacht eine Bowle, steckten eine Hütte an, fuhren mit Lampionruderern aufs Wasser, warfen um. Lungerten die Weiber um die Pavillons, schrien nachts, quietschten, machten Vaudreuil sein Schlafzimmer wechseln, kein Wort sagen. Spielten Dudelsack morgens, abends, boxten, schrien alle durcheinander, hieben aufeinander ein, entknäulten sich, zogen blitzschnell in Zweireihen singend ins Wasser. Spritzten, badeten, rauchten.

Mittags ritt Daisy mit Alf und Browns Neffen über einer Fuchsspur, folgten sie über einen Acker, trieben um einen Wald, durch einen Bach. Als der Mann ihn im Schuß hatte, wich er, als bocke der Gaul, zur Seite. Daisy kam ins Schußfeld, rümpfte die Nase über die Achsel, schoß nicht.

Alf wagte nicht zu schießen. Ritten stumm nach Haus. Ostwind hatte sich an den Pappeln hochgewirbelt, war über den Wald aufgebrochen, losgesaust, wellig, weiß, fließend

Vom Hügel trieb der Fluß weit und schräg hinunter. Die weiße Fahne Torontos leckte darauf, Segel schossen in die Tiefe hinab. Der Mond schlug noch über die Felder. Die weißen Räder standen still im Himmel. Nach zwei Stunden ließ sie Alf halten, ritt in ein Waldstück, kniete, wusch die Brust, den Nacken in einem Quell. Sie horchte. Er flüsterte weiter, silberte, verschwand im Laub. Blumenprärien kamen, ein Orchideenpark. Der Horizont war manchmal gelb, fast seifig, eine Sonne wuchs daran sich hoch, sanften Rots, später nahm der Wind ihren Glanz an, stimmte sich wie ein weichkupfernes Abendinstrument, Oboe und Flöte. Mittags wurde er kalt. An dem Bahnhof verluden sie die Tiere. Zwei Tage darauf kamen sie an die erste Lager-Station. Ein Pavillon war reserviert, es gab viel Jagd. Alf packte aus, Teppiche, Säcke, Gepäck. Am Morgen

Angezogen in ausgebuchteten riesenschweren Halbkreisen spannten sich die Faktoreien, gleich Wellen anschäumend, gegen das innere Gebiet. Sie lagen voreinander, Herden gleich, sprangen vor, bestürmten sich, wurden wilder, angerissener, warfen mit dem letzten Halbring sich vor die starre Endlosigkeit, nieteten sich gegen Eis, Horizont, blaue Klippen. Sie kamen gegen den ersten. Sie mußten langsamer reiten, Alf kam nicht nach. Sein Schimmel ging, als lahme er. Sie hörte, er glitt aus Fluchen ins Gejammer: au . . you . . . wai! Spuckte

„Troll dich.“

Sie ritt weiter. Alf geknickt hinter ihr. Er durfte nur bis zur zweiten Faktorei, nicht zu den Bögen. Die Junge vor ihm ritt, als sei er nicht da. Es machte ihm Kummer, er zog den Nacken ein, wurde flau im Magen. Folgte. Der erste Schuppen kam der dritten Linie, der zweite kam. Am vierten traten sie von rückwärts ein. Alf schlich ins Nebenzimmer, sie nach. Ein Angestellter hängte den Hörer des Telephons rasch ein, begann vor sich hinzusingen. Ein bärtiger Riese trat ein, begann zu lachen, aufs Bein zu schlagen, hatte lang keine Frau gesehen. Ein anderer flüsterte ihm Namen ins Ohr. Es war deutlich: Sein Erstaunen war frisiert.

Sofort bot er Jagdplätze aus, erstand sich ihre Beachtung durch Hartnäckigkeit, trat sein Zimmer ab. Es war schon geheizt. Sie sah sich mit Alf an. Offenkundig Komödie. Sie waren erwartet, ohne gemeldet zu sein. Sie blieb drei Tage, fing eine große Forelle, mit der sie eine Stunde kämpfte. Sah sich nicht sonderlich um. Sie ritten weiter. Wurden an der fünften Station schon erwartet. An der sechsten stellte man sich unwissend, ungläubig, die Falte des Vorstehers bebte, gefiel ihr nicht. Am Morgen machten sie einen Haken, kehrten zur fünften zurück. Sie war fast leer

Sie schnitten ab, liefen nicht bis oben hin, sondern zogen eine Sehne in die Serpentine, kamen auf den neu geschwungenen Bogen, trafen Mittags die Spur wieder, frischer Abwurf zeigte: sie waren nah. Bald sahen sie einen Mann auf einem Esel, der zu entkommen suchte. Sie holten ihn ein.

Eine halbe Stunde ging es hin und her. Der junge Mann errötete tief, wilde Augen brachen sich um, staunten. Von selbst nahm er ein Papier, gab es ihnen. Sah noch einmal um, sie wiederholte ihm Wort für Wort, er prägte sich es ein, ritt auf seiner Spur zurück, murmelnd, daß er es nicht vergäße, jedes Wort im Mund haltend, wendend, beleckend, als sei es wertvoll, Gold, ein Stein.

Abends kamen sie zu Colonel Bol. Er hatte, ein alter Offizier, zwei Serpentinen unter sich, rollte die R, strich den parfümierten weißen Spitzbart, küßte ihr die Hand. Sie hatte ein Zimmer, verblüffend. Morgens früh strich sie mit Alf ins Gebüsch, es pfiff, durch die Lücke trat der Bursche mit dem Esel. Sie nickte. Er

Bol genoß. Seine Spirituosen waren etikettiert, er ließ die Wahl. Fuhr sie am Weiher, stand er am Ufer, klatschte Applaus. Einen weißen Hirsch gab er zum Abschuß ihr, den er von Woche zu Woche als Dessert sich aufhob. Lieh ihr seine Gummiwanne. Das Blockhaus roch nach Seife, Talkpuder, Wassern der Walstreet. Unter Glas wuchsen Blumen, die Wasserpfeife stand im Brennpunkt des Kreises Seidenkissen. In seinen Pelzschuhen, praktischer und wärmer, kaum größer als ihre, hielt sie auf dem Anstand. Auf den Teppichen tanzte Adimokuh, mit Säbelbeinen und Hängebauch, ein Negerzwerg. Er schleifte das Traurigste der Welt auf seinen Knien. Tränen besternten vor Lachen die Gesichter der Zuschauer. Bol lächelte. In seinem schmalen Kopf saßen Augen des Elefanten. Spielte Whist abends mit Daisy, brachte sie bis an ihr Vorzimmer, ging hinaus. Im Vorzimmer schlief Alf.

Donnerstags galoppierten sechs Gäule am umgerodeten Lagerplatz. Fidley, der junge, zog den Hut. Die Jäger des Lorenz schossen vor Freude Flinten ab. Der Bursche, der südlich geritten, drängte sich heraus, war brauner, stärker geworden. Ritten zur Station. Aßen Lunch, eine Stunde, zwei. Tranken die etikettierten Liköre, Wein und wieder etikettierte. Aßen Geflügel, Braten, Gepökeltes, Rauchfisch, Muscheln, Schinken.

Kreidehell, mit zitternden Armen warf der sich im Stuhl zurück. Fidley legte ein Papier auf den Tisch, hob die Faust: „Lump. Hund.“ Langsam, vornehm richtete Bol sich hoch. Frug hochfahrend, mokanter Lippe, zur Seite geneigt, was den Irrtum ausmache. Fidley schlug auf den Tisch. „Die dritte Sektion betrügt. Die achte hat siebzig Prozent. Tosson liefert zur Bay.“ In der Tür stand der junge Mann, der die Südlichen geholt.

Bol sah ihn nicht.

Wandte sich herum im Kreis, zu Daisy. Sie sagte: „Bei Versva verfaulen zehn Ballen. Im ersten Bogen fehlt ein Schuppen. Die Staffel Bol ist halb, wird ganz bezahlt.“

Da sah Bol den jungen Mann.

Stand auf, gefaßt, die Haltung gereckt, schön im Spitzbart, küßte Daisy die Hand, ging hinaus, schoß sich zweimal durch den Bauch.

Vaudreuils Brief, aus Fidleys Tasche, hatte Gemischtes, Anerkennung, Staunen, Lob, das verwischt und gedämpft kam, zuletzt Befehl: zurück. Sie wog den Brief. Ritt allein los, ihn in der Hand. Alf folgte. Sie putschte ihn zurück wie einen Hund. Er widerstand nicht. Wollte nicht bremsen. Nur bei ihr

Unter ihr brach es ab, zackte, wirbelte ein Stück hinunter, ward dann eingeschlungen in das endlose Getöse, das in den Norden sich einfraß. Sterne tummelten darüber auf wie Sand, der hochgeblasen kreist. Serpentinen jagten zuerst noch in Schlingen voran, blieben dann hängen, schwach, dünn, nichts. Aus dem grauen blitzenden Gewell kam etwas gegen sie, dem sich etwas in ihr entgegenspannte in einer entscheidenden Bestimmtheit. Etwas trat aus ihr, machte sie leicht, entstammt, entgegenschwingend. Sie hielt den juckernden Gaul mit den Schenkeln. In ihrer Hand der Brief band sie. Wog schwerer, hemmte das Überfließende. Staute es zurück, hart und schmerzlich. Zog sie zurück. Das Herz, der Mann, der sie gezeugt, Geruch des Stroms, der Gartenerde band sich an sie, riß sie zurück. Der junge Fidley übernahm den ganzen Bezirk. Ihre Abreise feierten die Boys, salbten sich mit Bols Parfüms, drehten die Haare, die Bärte, pomadisiert, in die Höhe. Der junge Bursche trat herein, protestierte bös. Hatte Bol gehaßt, gehetzt, erledigt. Verbot ihn zu schänden, wo er futsch war, im Weiher eingescharrt. Fidley gab Daisy Bols Pferd, das so feste Hufe hatte, daß mans nicht beschlug.

Als nach halber Tagestour die Eskorde zurückgeritten, glitt ihr Gaul aus an einem Bach, sie fiel herunter, verstauchte sich die Sehne. Alf wollte auf seinem sie reiten lassen, der Schmerz machte sie ohnmächtig. Er ritt zurück. Aber obwohl sie in Decken gut und weich gewickelt lag, kam die Nacht Fieber über sie, durch die Zunge sausten Stiche immerfort. Eingeborenenweiber, von Fidley geholt, zogen sie aus, warteten sie, pflegten. Wuschen, suchten Pretiosen im Achselhaar, fanden ein Zeichen am Arm, Fisch und Pfeil darin, quatschten die Nacht darüber, speichelten, summten, suckelten darum hin und her. Sie gaben ihr Milch mit Wurzelzeug, hineingekocht. Die Nacht gab ihr warmen Schweiß. In wochenlanger Pflege malten sie ihr mit dünner Nadel eine Sonne um den Nabel mit Strahlen und Mondzeichen des Tages, an dem sie sie fanden. Kuriere kamen dreimal die Woche die Kette der Faktoreien herauf, holten Nachricht, ritten zum Lorenz wieder runter. Später lag sie in der Sonne vor dem Haus.

Dabei spielte sie mit Getier, Hunden, Vögeln. Einmal umschlich ein Fuchs das Küchenfenster, wo Hühner hingen. Sie lächelte, gluckste, entsetzt sprang er zurück. Da rief sie, heller bestimmender, er hielt. Sie lockte, er kam. Nicht ganz, aber er stand im Kreise ihrer Stimme, die wie ein Lazo ihn umschlug. Sie erbleichte, rückte zurück, lauschte dem Ton ihrer Stimme,

Sie spielte mit den Weibern, Kindern durch die Stimme. Lernte das Organ anzupassen, zu biegen in jede Leidenschaft, alle Bewegung. Spürte ihr Herz klopfen, dann den stillen Mollton des Bluts. Lernte von den Weibern den Dialekt. Als sie zum erstenmal ausging, trieben die Kleinen hinter ihr her. Sie scheuchte sie, zog sie zu sich „Go“ war: springen. „Fu“: erfroren fast halten. Mit Vögeln gab es andere Signale. Ein Hase hielt bezaubert von dünnem glasklarem Wimmern. Ein wenig blieb sie nachdenklich, ward traurig bei ihm, denn ihr kam in den Sinn Well. Sie kam schon bis zum Koniferenbaum. Dann bis zum Plateau. Das nördliche Flimmern tobte irgendwo unter ihr. Sie ging davon, ungerührt. Ging allein, verschmähte die Flinte, hatte Unlust zur Jagd. Allein im Gehen, Liegen, erfand sie Ton und Laut, der wie ihr Blut spritzte, säuselte und bebte. Gab sich hinein in Klang und Fülle der Vokale, als sei es ihr Anfang,

Es kamen Schwäne und Musketen, hinter ihnen mit einem Wagen von der Bay her Syg. Sie brach in das Verweilen ein, die Windstille des Daseins brachte Unruhe, Ahnung irgendwie von Glück. Trieb Altes, den Lorenzfall herüber in das Spiegeln des Weihers, blieb aber entfernter als sonst. Wagte nicht das zu sagen, nicht jenes, denn sie befremdete Ungekanntes an Daisy, das Nicht-Miterlebte, der Schauer der Krankheit und der ihr entquollenen großen Säfte und Ideen. Das lag ein wenig dazwischen.

Fidley schloß den Wagen. Weiber heulten. Die kleinen Affen liefen eine Zeit noch neben dem Schlag. Dann fiel es zurück. Ein Stück Land schob sich vor sie, glitt auch zurück. Ein Staffel Matrosen erreichte sie. Dann faßte sie fest in die Mähne des Gauls, schrie fast und erbleichte nach innen in einem Schreck, des sie nicht bewußt ward.

Unten, unter Dampf lag ein Schiff.

Dahinter das Meer.

Der Bogen der Sehnsucht schoß ab, die Sehne brauste. Es trat aus ihr hinaus, kein Brief, der es hemmte, kein Gedanke, nichts. Irgendwo in der vor Blau zitternden

Das andere ging fast traumhaft. Zu sehr war sie eingehüllt schon in ein fernres Geschehen, vor dem der jetzige Augenblick nur als Pause stand. Sie kamen in den Lorenz. Ein Auto wartete. Well sprang hoch. Der Steg. Palmen hingen herunter. Kanonen lösten sich. Mövenschwärme in Spiralen. Wagen wühlten hinter ihr ein Geschiebe. Männer kreischten Namen, Gepäcke. Sie fühlte des Hundes Druck am Knie. Sie bewegte schmerzlich eine Sekunde die Hände im Fell des Tieres. Dann kam der Ottava. Rauschte dunkel schon entgegen auf Kilometer. Das Rauschen lag in der Luft wie ein Schneefeld, sprang in Lawinen ihr leis entgegen. Die Mühlen rochen. Die Schreie der Nurse blieben hinter Bäumen stecken. Das Gittertor kam, vertraut mit seinem kalten Eisen. Glitt zurück.

Des Vaters Hand faßte die ihre. Die Treppe. Sein Mund im Kuß. Er hielt sie stürmisch mit steifen

Das Lächeln hatte gewährt, Unausgesprochenem sich geneigt, bejaht. Es erlosch. Nichts gab Erinnerung daran. Es fiel in seine Augen wie in einen Schlund. Die Woche rollte zurück, wie gewohnt. Vaudreuil hütete sein Gesicht. Schenkte ihr ein neues Pferd, bestellte ein Reitkleid aus Leder. Griff vor, erwähnte Zukünftiges, das sich band an Ort und Zusammensein. Berief einen Unterrichter für ungewohnte Kreise, baute ihr Zimmer an, Tapeten kamen weiß geädert mit Gold. Besprach eine Überraschung für Sygs Geburtstag in vier Monaten. Malte den Stand der Rosenbosketts aus auf Papier, eine Pergola im Bogen vor den Terrassen, Fontänen, Vögel, glitzernde Fische, sprach vom folgenden Sommer, dem Herumgehen, dem Abend. Breitete die Zeit aus vor ihr, vor sich, uferlos, vorübergleitend

Montag früh berief er sie in das Büro, brach alles ab. Durch die Maske des gleichgültig gehaltenen Gesichts stieg von unten tief das Lächeln herauf. Gab Daisy von sich. Entfernte sie aus eigenem Entschluß. Löste sacht die Ventile von ihr, gab dem nach, was herausbrach, trieb Mauer und Wand zurück und bog sie hinter das draußen Strömende und Lockende zu einer tiefen Wölbung, in die er schmiegte, was aus ihr drang. Diktierte nicht. Folgte nur. Aber die Führung der Hand hatte die wissende Lindheit, die, nachgebend, bestimmt. So, als sei sein Plan, sein Wille, was er nur abbog, behütete. Widerlegte Widersprüche, die sie nicht erhob. Bewies Notwendiges, das sie nicht bezweifelte. Baute eine Verbindung, die nichts mehr löste zwischen ihm und ihr, indem er verstand und folgte, und das Kindliche, als es abtrieb, selber abhieb und damit unverlierbar sich gewann.

Als der Tisch beim Speisen ihr zur schrägen Scheibe ward, durch den Raum rotierte, Fidleys Pensionen, Schecks, Tips sie umflackerten, das Silber flimmernd wellte, wogte, Sygs Auge schmerzlich, neidlos, neugierig

Sie lief um das Zimmer, betastete die Wand, den Kopf des Betts, die Girlande des Balkons. Der Garten. Wasserdunst lag, hob und senkte sich, ausgeatmet ihr entgegen von der Prärie. Hindurch, das Auto blinkte vor der Halle, stieß sich heraus, die gesiebte, durchlöcherte Brust fauchend, zermalmend die Luft. Sie beugte sich über den Fluß. Murmeln koste ihr entgegen, entzog sich ihr, floß tiefer, entfernter, uneinholbar. Drüben schleuderten am Rand des Vorstellbaren Schiffe, Städte, Bahnen sich vor ihr hin, rissen sie nach. Das Tiefe, Bleibende der Erde zog sie herunter, zu sich. Es ging nicht. Aber es riß zu Schmerz mit einer Stille, die verzehrte.

Sie legte sich auf den Bauch, senkte den Kopf zum Wasser. Über ihrem Nacken stand schwingend, kreiselnd in der Luft, aufziehend, Glück, Ahnung, in die sie hineinschwamm, sich hineinbegab, voll, ganz. Unter ihrem Gesicht brachen Tränen. Zwischen beidem lag sie, faßte die Binsen in die Hand. Sie wuchsen an ihrer Haut. Sie fühlte, erschüttert, wie sie sich vertauschte der Landschaft. Ihr Leib wuchs fest mit Geruch und Duft der Erde. Sie faßte das

Sie spürte plötzlich, das war das Glück. Schon hinter ihr. Nun, wo erkannt, verdorben, verloren für immer. Je mehr sie sich trennte, um so schärfer schnitt sie der Schmerz, um so hemmungsloser brach dies Gefühl vor ihr auf. Dies war ihre Heimat, durchspülte sie mit Erdsaft, machte sicher, frei, groß. Was kommen sollte, versackte in Staub, bekam feindlichen Atem. Städte lockten nicht, Menschen fielen schal ab wie von Drähten, Dampferschrauben wühlten durch ihr Fleisch. Der Tag schien wie Tod, wenn sie sich löse. Kraft und Sicherheit gingen aus den Adern. Es brach auseinander in ihr. Teilte sich. Unaufhörlich ging es von ihr: Geruch der Bäume aus den Adern, mit singenden Vögeln, lieben Namen von Booten, Wolken, Formen der Wellen. Spaltete sich ab von ihr. Sie hob das Gesicht aus dem Gras.

Frühstückte. Das Nickel des Wagens saß in der Sonne gleich einem schwingenden Insekt. Der Horizont ward heller. Sie ging zurück ins Zimmer. Schloß die Schublade auf, wühlte aus der Ecke eine Kette aus gelbem Dukatengold mit drei Steinen. Zog sie um mit einer langsamen Bewegung. Im Spiegel

Fuhren Schleifen, den Fluß durch. Hielten am Lorenz. Hinter Zypressen ihr Geburtshaus. Vaudreuil gab ihr den Arm. Das Tor zum Park. Elastisch gab Vaudreuil Platz frei, ging dann rasch vor ihr. Als sie seinen Rücken sah, begriff sie plötzlich, wie sehr er diese Frau geliebt. Fühlte, was sie versäumt, stand ohne wissendes Blut des Verlustes, ertrug, was sie nie an Mütterlichem besessen, ganz hell, in einer Sekunde. Die Überlast erhärtete ihr Herz. Feindlich ging sie durch den Garten. Zedern reckten um die Bleivase sich in das frühe Rot, Tau perlte in Ketten herab. Die Tür fiel zu. Zurück, Wind strich über die Mauer, senkte sich brausend einen Moment herein. Dicker Regen platschte aus einer Fichte. Der Wagen zog an. Bei Montreal verabschiedete sich Vaudreuil. Plötzlich, daß sie erblaßte. Zusammengepreßt: „Willst du mich immer lieben?“

„Ja, Liebling.“ Sie gab ihm die kalte Hand. Tränen blieben hinter ihren Lidern. Fuhr weiter. „Nicht

Das Ende.

Es schien ihr, es müsse geschehen etwas, irgendwie. Sie empfand jede Wolke. Jede Linie der Küste legte sich hart um ihr Herz. Die Pause ging. Nebel häufte sich dünn vor das Land, Die Barkasse drang weiter in Flut, entfernte sich, heulte, stieß vor. Nichts geschah. Da überwältigte sie der traurige Gedanke mit solcher Gewalt, daß sie den Messingknauf des Geländers zwischen die Hände preßte, die Stirn zusammenbog mit aller Durchdringung, in der Schmerzlichkeit der Flucht noch die übersinnliche Kraft des Glaubens: nun reiße die Küste ab, komme herüber, hielte sie. Da schwand das Land. Der Schrei blieb

Zwei Tage Nebel vermiesten, das Pack johlte, die Feinen wurden nervös. Ein Matrose griff fehl, stürzte aufs Deck. Ein Gaul brach aus, sprang ins Schwimmbad, brach den Hals. Abends im Zwischendeck schlug sich ein Dutzend um eine braune Hure. Einer hatte einen Bruch, einer schlug hin auf den Bauch, heulte und schrie „maman“. Ein Weib lief mit halbem Ohr und sammelnd durch die Klassen. Rotteten sich zusammen, spießten einen Alten auf die Arme: „Vieux Ga . . ga.“ Eine dunkle Kugel schob aus dem Wasser, über ihr ein singender Tag.

Am abgesperrten Zipfel des Promenadendecks lagen

Sah durch ein Glasfenster auf den Korso, langweilte sich am Geschauten, spiegelte sich allein in dem Glas: zerrissenes Gesicht, geschmeidigen Körper, rote Haare. Ein Mischling kam, schöner als ein Weib, flüsterte, verbeugte sich, kam mit Whisky. Der Mann deutete heftig aufs Glas, der Diener öffnete den Riegel, folgte dem Zeigefinger, sah eine Frau, einen hünenhaften Mann, nickte, verschwand. Kam in einer Viertelstunde zurück. Das Paar passierte von Norden her. Lackaugen vom Mann her wanderten herüber, blieben. Die Frau gähnte. Zwei Tage ging der Korso, zogen fern langsam Dampfer vorüber. Das Fieber sank, Temperatur ließ nach. Der Rote erhob sich. Ging am Arm des Dieners hin und her auf der Promenade, anderen Tags allein am Stock. Fiel auf, elegant, zerrissen, glatt, Augen voll Geist. Verschenkte Blumen, grüßte, ließ einen Windhund springen. Trug keinen Hut, die Haare glühend über dem pockennarbigen Gesicht gescheitelt. Eine Quintrone neben ihm, Chinchilla über der Schulter, schmalen blauen Auges, auf hohen Beinen.

Warf plötzlich die Quintrone ab. Benutzte einen

„Fribaurt“, sagte der Riese, sah nur den Diener. Le Beau lud den Riesen ein, zeigte ihm eine Sammlung Säbel. Ging mit ihm durch den Lesesaal, die Billardbälle. Gingen durch den Maschinensaal. Standen vor der schmiegsamen Wucht fressenden Metalls. Hörten die Pfiffe, schritten weiter. Ging mit ihm durch Regen übers Verdeck, sahen den Mond einschlucksen in grauen Brei, der innerlich geschwängert Blasen aufstieb, Ballone ins Meer setzte. Le Beau wickelte ihn ein, führte ihn im Kreis, in einer Spirale, streifte Moki, trieb ihn enger dem Willenspunkt zu, stieß ihn hinein.

Verlor Fribaurt, polierte er die Nägel. Gewann er in Bakkarat, Poker, Sieben, erschien Moki, servierte Zigaretten, Schnaps, Tee. Fribaurt juckte die Haut, der Blick schweifte rechts, schweifte links, hatte keine Konzentration, leckte über des Dieners Schenkel. Das Spiel blätterte auseinander, die beste Karte schlug gegen ihn zurück. Verlor. Spielte Paroli. Blähte die Nüstern,

Nahm Daisy am Arm auf Deck wie eine Kusine. Die Namen fielen. Sie sah zwischen Pockennarben einen Blick, der elastisch in ihrem sich bog, ihn durchstieß, unter ihrem gestählten Zorn nicht brach. Von der harten, dunklen Stimme fielen Vokale mit glattem dunklem Wohllaut. Überrumpelt, gereizt sprang sie zum Englischen. Er folgte mit gleicher Gewandtheit, wie sein Körper, ihren führend, neben ihr ging, gebogen, nachgebend, hart, fordernd. Er stützte sich ein wenig auf den Stock. Ihr Schritt ward rascher, wogte auf und herab mit dem Schiffschaukeln. Er hielt. Über die Achsel sah sie zurück. Er beugte sich, hob ihr Tuch. „Holen Sie kalten Tee“. Es war heiß geworden. Er drehte um. Sie ging zur Kabine. Le Beau gab das Tablett dem Steward, warf sich in den Liegestuhl, wartete. In der Kühle kam sie herauf. Übersah ihn. Die Ablehnung traf ihn, verzog seinen Mund, lächelnd. Am

Da sah sie: im Kreuzschein der großen Signallaternen bewegten sich Fribaurt und Le Beau wie Ratten, mit Brustschild und Maske, florettierend gegeneinander. Le Beau lag wundervoll in der Hüfte, bewegte sich in der Lendenwage nach oben gedreht mit fesselloser Kraft. Stieß vor, im Angriff, schien plötzlich müde. Übersah die Quintrone, die mit aller Haut atmend in seinen Blickkreis kam. Warf nur einen Blick seitwärts, der dirigierte Moki hinter seinen Rücken ins vollste Licht. Seine hitzig kalte, fast brausende Geschmeidigkeit verwirrte

Sammelte das Gesicht zum erstenmal ganz, legte es in den Blick. Warf ihn mit einem wehenden Ruck herum, mitten in Daisys Gesicht. Entjungferte ihr Auge. Traf es mit einer Gewalt und Absicht in einer eindeutigen Sicherheit, daß sie wankte. Schmerz spürte, als durchstäche er sie. Ihr Blut aufflammen fühlte, zurückstürzen. In den Adern eine bäumende, auflösende Kraft. Sie gab den Blick nicht zurück, schloß über dem Vorgang die Lider herunter, ging mit dem Gefüllten rasch hinab, unsicher, überwältigt wie ein im Schlaf begattetes Tier, in der Haltung zart und süß, den Kopf mondhaft, nicht weinend, zur Seite gebogen.

Sie schnitt ihn. Er übersah es. Sie brüskierte ihn. Er sah es nicht. Sie reizte ihn, brachte ihn zu keiner Äußerung. Sie traf ihn auf Vorderdeck, drehte um. Am Lunchsaal strich sie ihn fast, sprach abgewendet zum Steward. Fuhr in seinen Satz, sprengte die Gruppe, in der er stand. Zeigte ihm ein Maß der Ablehnung, das sie derart steigerte, daß er ein Lächeln einmal abends darauf gab. Sie setzte die Kiefer fest aufeinander, behandelte ihn gleichgültig, suchte seine Nähe, die sie gemieden. Frug ihn nach der Zeit, lachend nach dem Barometer, scherzend, als glaube sie, es sei von der Jagd, nach den Narben seines Gesichts. Er nahm es gleichmütig, erinnerte in nichts an etwas, das traumhaft hinter ihrem Leben nun stand, sie trennte von allem. Sie aufhob und ungestüm machte nach einer Entfaltung. Ihr Drang nach Geben und Zurückströmen des Gefüllten war so groß, daß selbst die nichtssagende Bewegung ihres Ganges, die Haltung ihrer Zigarette eine Zugehörigkeit und Verbindung mit ihm annahm. Ihr nebensächlichstes Wort hatte eine Umkleidung, das ihn stach. Ihr Gespräch mit anderen nahm Richtung auf ihn. Er blieb gleich, unberührbar in seiner Glätte.

Sie wandte sich Fribaurt entgegen, holte den Klatsch herauf, trat ihn breit mit ihm, vermengte, versträhnte ihn, daß Le Beau schweigend hörte. Sie gähnte nicht mehr in des Riesen weibisches Gesicht. Holte neues heraus, Unerfindliches, Entferntes und breitete es hin. Erreichbaren: das Gespräch brach ab. Eine Pause fiel.

Da machte Le Beau eine Bewegung. Moki begann auf der anderen Seite herumzulungern, glitt auf eine Bank. Fribaurt stotterte, zog den Hut, verschwand Ihr Alleinsein machte sie wortlos, verlegen, fühlte sich verloren. Was sie in ihn überleiten, ihm zurückgeben wollte, den Zwang . . . es bog sich herum, ward Leere und Fassungsloses in ihr. Sie wartete, daß er ihre Hilflosigkeit erkenne, benutze. Allein er schmiegte sich nicht hinein, ließ den Augenblick verklingen. Es kam eine Ruhe über sie. Ihre Hände ballten sich ein wenig zusammen. Er änderte seine Stimme nicht. In der Nacht hörte sie sie im Schlaf, sie stieg mit ihr herauf ins Erwachen. Sie bog die Beine herauf, legte das Gesicht darauf in schmerzhafter Umarmung. Da schlug ihr die Stimme heiß ins Gesicht aus jedem Knie.

In ihre Augen, Schalen, legte er, was er wollte. Es war Schmiegsames, Zartes, das sich mischte mit Stahl. Auf ihr Gesicht schrieb er Vorgänge, ohne sie anzusehen. In sie hinein sprach er, ohne Widerstand.

Sie stand nachts auf. Es schlug zwei. Die Tür der Kreolin schloß sich, bei Fribaurt glitt es heraus, dunkel und braun, verschwand. Sie ging die Treppe hinauf, sagte die Nummer der Kabine mit weißen Lippen vor sich hin, suchte mit den Augen, den Händen in der Dämmerung des Korridors. Ihr Arm blieb stehen. Ihr Bein, magisch gezogen, ging unter ihr weiter. Ihre Haut glühte mit einem Ruck. Da hörte sie neben sich in der Nische ein Geräusch. Sie bückte sich, durch die Luke kam Nickellicht vom Wasser. Hinter Gittern kamen die roten Augen kleiner Hasen an sie heran. Ihr Finger berührte die bewegte Schnauze. „Go . . .“ Die Tiere hoben sich, neigten sich herauf. Begannen sich zu bewegen im Ruf, der sie traf. Ihre Stimme aber kam auf sie zu, umfaßte sie selbst wie von anderen gesprochen, breitete sich in ihr aus und verließ

Abgelenkt, vorbeigeführt innen an ihm, gab sie ihm die Hand. Keine Miene zeigt, daß ihn etwas enttäuschte, Unter den Sätzen warb seine Stimme um sie, um jeden, er blieb gleich. Sein katzenhaft gestraffter großer Körper blieb neben ihr. Hörner heulten aus dem gegen die Wellen trommelnden Abend. Blinkfeuer stachen kreuzend ins Licht. Aus Landduft quollen roh, verquatscht, Hupen. Die Räder gingen langsam, fielen zurück, die Mole hing voll Menschen gedrängt, wimmelnd, sich verlierend auf der tiefen Fläche. Unter den rücklaufenden Wogen schellten die Bojen los. Das Schiff stand. Da sprang plötzlich ihr Herz.

Die Barkasse legte an. Zwischen gestapelten Koffern irrten Passagiere, auseinandergespritzt. Hände durchglitten ihre. Das Fräulein stieg auf der Treppe hinunter zum Wasser. Sie sah scharf nach dem Ufer. Es kam auf sie zu.

Sie gab Le Beau die Hand. „Wohin?“ Sie

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings