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Der Spielmann

Zweiter Teil Ingos Einkehr

Reading edition

Illustration from Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart

Siebentes Kapitel Der Gralsberg Montserrat

Wer ist der Gral?

Das sagt sich nicht.

Doch bist du selbst zu ihm erkoren, Bleibt dir die Kunde unverloren.

Richard Wagner

I
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I n stiller Größe walten über den wechselnden Schicksalen der Menschheit die Genien der Güte und die Meister der Innerlichkeit.

Nicht ist es ihre Sache, sich um den Haushalt des Alltags oder das Getriebe der Gattung zu kümmern; das besorgen andre Geister und Dämonen, ruhelos den Erdball umdrängend.

Aber die Meister warten. Die Meister warten auf einzelne erwachende Seelen. Und wenn ein Gralsucher sich losringt von den Trieben der Masse und fortan seinen persönlichen Weg sucht, so senden sie ihm ermunternd und beratend einen Lichtboten.

„Dort ist ein Suchender deiner Teilnahme wert, lieber Bote”, sagen dann die Meister. „Geh hinab, werde sein Schutzgeist! Arbeite an seinem Herzen, durchdring' ihn mit dem Bewußtsein ewigen Wertes! Laß ihn stolz sein, doch ohne Hoffart! Sag' ihm, daß nicht Titanenwille den Göttersitz erobert! Denn wir sind es, die den durch uns hindurchrinnenden göttlichen Strom weiterschenken; aber wir schenken nur dem, der zur Erkenntnis stiller Größe nach Kampf und Irrfahrt reif geworden. Geh hin, lieber Bote, tue dein Werk!”

Und die Lichtboten tauchen tatenfroh hinab in die Lebensfluten der Erde.

Wenn aber Boten des Lichtes vorüberziehen an den Gestaden der Düsternis und der Vernüchterung und der Weichlinge, die an des Lebens Würde verzweifeln, so strahlt in doppelter Schönheit der Gottesboten Gesicht.

Sie drehen der flammenden Schwerter flache Klinge dem Gestade zu, so daß ein Widerstrahl von dem kraftvollen Silber hinüberblitzt in das Land der Dumpfheit.

Da hebt dort einer oder der andre sein Haupt: „Wer zieht vorüber? Wer hofft noch? Wer wagt noch an Freiheit und Freude zu glauben in diesem Räderwerk der Fronen?”

„Ich, mein Bruder!” flammt es zurück. „Und sieh her, wie meine Muskeln straff und meine Blicke voll Mut sind und mein Atem den Busen schwellt! Sieh her, wie mir wonnig und wohl ist, weil ich wandeln darf als Bote der Gottheit!”

** *

„Bis jetzt haben Sie Laute gespielt oder Klavier, Herr Spielmann”, sagte der Konsul. „Aber Sie kennen noch nicht die Macht und Tiefe der Orgel. Wie die Orgel zur Laute, so verhält sich der Montserrat zur Wartburg. Was Sie mir soeben aus Ihren Blättern über Lourdes vorgelesen haben, läßt mich annehmen, daß Sie dort eine erste Weihe empfangen durften: das heißt, eine Ahnung von den höheren Gesetzen, die hinter dem Sichtbaren walten. Vielleicht gibt Ihnen dieser Berg eine zweite Weihe. Und das Leben selber hernach die dritte und beste.”

Sie saßen bereits in der Bahn, als diese Worte gesprochen wurden. Das Reiseziel der Familie Bruck und des Spielmanns war nicht mehr fern.

Der Felsenberg Montserrat erhebt sich einsam und majestätisch aus den Hügeln der katalonischen Landschaft.

Nähert man sich an duftigem Sonnentage von Barcelona her dem Städtchen Monistrol im vielgewundenen Tal des Llobregat, so scheint sich plötzlich am Horizont ein Wolkengebirge zu türmen. Man späht genauer — und man entdeckt mit erhabenem Staunen: es sind keine Wolken, es sind Felsen!

In abenteuerlichen Steinformen zackt sich der gewaltige Berg wie eine Walhalla aus den Dünsten des Flachlandes empor. Sein Name ist Montserrat, das heißt Zackenberg, weil wie die Zähne einer Säge diese Kammlinie zerrissen und zerschnitten ist. Und um so wirksamer ist der langgestreckte und hohe Felsenbau, weil er sich einsam mitten in wenig hohen, zerwaschenen Lagerungen der katalonischen Lehmhügel erhebt.

Die Phantasie gesellt sich hinzu und verbindet mit dieser Stätte eine der tiefsinnigsten Legenden.

An diese hohe Felsenburg heftet sich eine Sage, die aus keltischen Bezirken stammt. Der Montserrat ist der mittelalterliche Montsalvat oder Munsalvaesche der Gralsage.

Dem Gralsucher Ingo von Stein war der Gral, dieses geheimnisvolle Becher-Kleinod, das verjüngende Kraft gibt, lange schon anziehend und bedeutsam. Er fühlte längst den unbestimmten Drang, durch Klingsors Gärten und Blumenmädchen hindurch diesen schwer zu erreichenden Einsiedlerberg zu besuchen. Doch ohne Kenntnis des Spanischen ist die Fahrt zum Montserrat beschwerlich. Es ist oben, auf einer Felsenterrasse, eingenistet in eine Schlucht, nur ein großes Benediktinerkloster mit allerlei umfangreichen wirtschaftlichen Gebäuden und Logierhäusern. Ein Gasthaus nebst Kaufladen ist zwar auch vorhanden, aber kein eigentlicher Hotelbetrieb, nur einige Laienbrüder, die das Gepäck besorgen. Die Gäste, die familienweise kommen, erbitten sich je nach ihrer Kopfzahl in irgendeinem der Logierhäuser eine Wohnung und bereiten in der dazu gehörigen Küche ihr Essen selber. Durch ein schickliches Trinkgeld entschädigt man das Kloster für die Gastfreundschaft. So sind dem einzelnen Ausländer die Zugangsbedingungen erschwert; doch um so ungehemmter kann er sich dann der Einsamkeit des Berges überlassen.

„Ich glaube gelesen zu haben,” äußerte Stein, als er mit der Familie Bruck auf der gewundenen Zahnradbahn im Schatten der Felsenwände hinauffuhr, „daß schon Wilhelm von Humboldt begeistert von diesem Berge gesagt hat, er habe nie einen ähnlichen Anblick genossen, denn an dieser Stätte vereinige sich alles, was einer Landschaft Größe und Schönheit zu geben vermag.”

„Sie werden staunen”, sagte der Konsul. „Ich war schon vor Jahren oben.”

„Im übrigen muß ich Ihnen gestehen, daß ich Spanien nicht sehr liebe”, fuhr der Troubadour fort. „Es ist Grausamkeit in diesem Volk der Stierkämpfe; sie haben Peru und Mexiko vernichtet, waren mit Bluthunden hinter den Indianern her, haben Torquemada, Alba und die Inquisition erzeugt — ein fanatisches Land, kein Land der Liebe!”

„Immerhin, sie hatten auch den Vorkampf gegen die Mauren”, fügte Bruck ausgleichend hinzu und strich nachdenklich seinen Druidenbart. „Sie haben in ihrer Art, unter dem Cid zum Beispiel, den Gral des Christentums gegen die Araber behütet.”

„Das ist wohl wahr”, räumte Ingo ein. „Aber es saßen damals Germanen in Spanien: Goten. Und erst im mittelalterlichen Deutschland hat sich der Gralsgedanke vertieft. Es ist vielleicht eine europäische Mission der Germanen, solche Gedanken zu pflegen und wachzuhalten. Wolfram von Eschenbach hat sie nach Deutschland getragen, Richard Wagner hat die alte Burg neu erbaut im Herzen moderner Kultur und Kunst.”

„Wer ist der Gral?” zitierte Brucks belesene Tochter aus Wagners Parsifal. „Das sagt sich nicht; doch bist du selbst zu ihm erkoren, bleibt dir die Kunde unverloren.”

„Waren Sie in Bayreuth?”

„O ja! Und sahen den Gral und das Nibelungengold.”

„Wunderbare Gegenstücke! Der Edelstein des Heils — und das Gold des Unheils! Jener kommt aus der Höhe — dieses aus den Tiefen. Dort eine Taube — hier ein Drache. Wunderbar!”

„Ja, und dort Reinheit, hier Begierde. Man kann sagen, daß Parsifal ein geläuterter und erlöster Siegfried ist. Auch der Drachentöter hat einen Speer, tötet damit und wird getötet. Aber Parsifals Speer heilt.”

Ingo und Bruck verstanden sich erstaunlich in der Deutung dieser tiefen Symbole; sie nahmen einander förmlich das Wort von den Lippen und setzten sofort ein, wo der andre aufhörte. Im hochgebildeten Freiherrn von Stein wurde die einfach-große Madonnen-Stimmung von Lourdes wieder lebendig; es arbeitete etwas in seinem ganzen Organismus. Sein Zustand war kein Denken, sondern mehr als dies, auch das Denken umfassend: sein Zustand war einsaugendes Erleben. Und Bruck selber, einem alten Barden an Gestalt nicht unähnlich, schien gefüllt zu sein mit solchen Gedanken, deren plastische Kraft durch sich selber und ohne Beweis überzeugte.

„Da nach der Sage so viele Ritter das Kleinod des Grals gesucht haben,” sprach der Freiherr, „so muß es sehr schwer zu erringen, sehr kostbar und sehr geheim sein.”

„Das Einfachste ist meist das Schwerste”, warf Bruck ein.

„Ja, denn diese großzügige Einfachheit ist eine Summe von tiefsinnigen und verwickelten Dingen, aber ins Klare gebracht”, fuhr Ingo fort. „In einem Tautropfen spiegelt sich eine ganze Umwelt. Und so ist wohl der Gral gesammelte Kraft.”

„Ganz gewiß, und zugleich Heiligkeit, Lebensheiligung, denn er hängt mit dem Karfreitag zusammen.”

„Sehr wahr, er ist eine Mischung aus keltischer Sage und christlicher Legende. Die Sage vom Wunschgefäß — vom Tischleindeckdich — vereinigte sich mit der Kunde von jener heiligen Schale, aus der das letzte Abendmahl gehalten worden und in die Joseph von Arimathia Christi Blut aufgefangen hat. Die Sage ist also ritterlich und religiös zugleich. Welt und Himmel, Abenteuer und Gebet, Phantasie und Ethik! Ja, bis ins alte Indien führt sie zurück: das Wunschgefäß, das so viel Segen gibt, soll die Sonne selber sein, aus den Drachenwolken herausgekämpft von Indras Speer.”

„Da dieses leuchtende Kleinod aus den geistigen Welten kommt, hat man es sogar für einen Meteorstein gehalten,” fügte Bruck hier lächelnd ein.

„Und Munsalvaesch mag man ja von sauvage ableiten und als Wildenberg deuten”, meinte Ingo. „Doch sinniger deucht mir die Ableitung von salvus: Heilsberg.”

„Ein materialistisches Geschlecht hat das Geheimnis des Grals verloren”, schloß der Konsul und schaute ernst an den Tempelmauern dieses gigantischen Berges empor. „Denn sie haben heute weder Ehrfurcht noch Heiligtum und müßten in einer neuen Mysterienschule erst wieder nachdenksame Einsamkeit lernen.”

Als sie hinaufkamen vor die großen, vielstöckigen und mehr massiven als schönen Häuserkasten aus rötlichem Stein, die sich unter überhangenden grauen Felsen neben Kloster und Kirche ausbreiten, verhandelte der Konsul mit den Angestellten und ließ sich eine Wohnung von zehn Zimmern öffnen, so daß jede Person zwei Zimmer zur Verfügung hatte. Ein Vorraum und ein Eßzimmer in der Mitte blieb dem gemeinsamen Gebrauch vorbehalten; die Betten wurden überzogen; ein Glasschrank enthielt die nötigen Gläser und Geschirre.

Und nun war man behaglich allein in dem fast noch unbewohnten, großen, hallenden Hause, das nur im Hochsommer mit Flüchtlingen aus der Bruthitze der Ebene überfüllt zu werden pflegt. Frau Bruck hatte ihr Dienstmädchen mit; es knisterte bald in der Küche; und Ingo saß, als Gast dieser ernstgestimmten Familie, mitten in Spanien an einem deutschen Tisch.

Die Frauen, von häuslichem und unauffälligem Wesen, beide mit warmen braunen Augen, deren Blick wohl tat, zogen sich früh zurück. Die Tochter, eine junge Witwe, barg irgendeinen Lebenskummer, auf den man aber nicht zu sprechen kam. Die beiden Männer packten ihre Lodenmäntel aus und schritten dann miteinander in den kühlen Abend, eingehüllt wie Mönche, um in der Kirche dem berühmten Vespergesang zu lauschen.

Denn die Mönche des Montserrat sind berühmt durch ihre Musikschule. Sie unterrichten dreiunddreißig Knaben als Schüler; nur begabte Jugend wird dieser Ehre teilhaftig. So kann man dort im Zauberdunkel der Kirche, besonders abends, eindrucksvolle Kirchenmusik vernehmen; biegsamen und hellen Knabenstimmen antworten männliche Gegenchöre der Mönche; beide Gruppen bleiben unsichtbar; und die Begleitung der Orgel wird verstärkt durch ein kleines Orchester. So ist der ganze Raum, in dem nur wenige Beter anwesend sind, erfüllt von gregorianischer Kirchenmusik.

Auch hier bildet die Statue einer Jungfrau den Herzpunkt der Kirche: eine Madonna, angestrahlt von vielen Kerzen. Sie steht über dem Altar unter einem goldverzierten Bogenwerk, inmitten eines maurisch-byzantinischen Chors, der von Gold funkelt. Die Jungfrau ist blütenweiß gekleidet, das Kleid bauscht sich nach unten, viele Kerzen vereinigen ihre Leuchtkraft: aber ihr Gesicht ist schwarz. Das Maurische des Chors und die Schwärze der Jungfrau wirken fremdartig und orientalisch.

Dieses höchste Heiligtum Kataloniens entstand vor einem Jahrtausend im Grenzkampf zwischen arabischer und christlicher Kultur, zwischen semitischen und christlichen Vorstellungen. War es das Erbe vielleicht schon eines phönizischen oder vorarischen Heiligtums? Der Berg ist ja ein riesenhafter Altar. Es saßen zur Zeit der Maurenkämpfe Goten in Spanien; Gundomar hieß der Bischof, unter dem vor tausend Jahren das Bild gefunden wurde. Die schwarze Holzfigur soll aus Palästina stammen und war in einer Höhle des Berges verborgen; noch heißt die Grotte cueva de la virgen; Hirten sahen dort jeden Sonnabend einen Glanz — man drang mühsam vor und fand diesen heiligen Gegenstand. Eine Grotte und eine Madonna auch hier — wie dort in Lourdes!

Von einem Gral weiß diese kirchliche Legende nichts. Man müßte denn dieses wohlbehütete, angeblich aus Palästina stammende Jungfrauenbild als einen heiligen Gral ansprechen; wobei die ehemaligen Einsiedler als Gralsritter zu betrachten wären.

Der Konsul erzählte dies alles.

„Es waren einst”, fuhr er fort, „da oben auf dem weitgedehnten Felsenberg, noch höher als das Kloster, zwölf Einsiedeleien über den Montserrat zerstreut, mit einer dreizehnten — Santa Anna — in der Mitte, worin der älteste und würdigste dieser Eremiten wohnte, während immer der jüngste die fernste und steilste Klause — San Jeronimo — zugewiesen bekam. Nun ging damals über den ganzen Berg ein sogenanntes ewiges Geläute. Um zwei Uhr morgens gab die Klosterglocke das Zeichen: die Mönche erhoben sich und zogen zu Gebet und Gesang in die Kirche; nach bestimmter Zeit nahm die nächste Einsiedelei Glockenzeichen und fromme Übung auf; und in genauer Reihe und Zeitfolge setzte sich das fort, bis um Mitternacht San Jeronimo den Beschluß machte. An bestimmten Tagen und Stunden vereinigten sich alle Eremiten bei Santa Anna, im Mittelpunkte des Hochtales; von dort wanderten sie nach einem Felsenvorsprung, von wo das Kloster sichtbar war, und sangen das salve regina herunter. Viele Äbte und andre hohe Geistliche haben sich nach arbeits- und studienreichem Leben hierher zurückgezogen und sind Einsiedler geworden, oft von Königen und Fürsten in ihrer Stille besucht und um Rat gefragt. So ist die Luft dieses Berges magnetisiert von heiligen Gedanken. Und Loyola folgte einer richtigen Ahnung, als er sich nach seiner Bekehrung hierher begab und in dieser geweihten Luft seine berühmten Exerzitien schrieb. Denn dieser Berg hat viel Magnetismus, ich spüre das.”

Stein saugte mit erstaunten Sinnen diese absonderlichen Dinge ein. Der Montserrat, dessen sich jetzt die Nacht bemächtigte, wurde immer sprechender und merkwürdiger. Diese Felsengebilde da oben waren Statuen; hatte ein Urvolk seine Götter in Stein gehauen?

Die beiden Wandrer fühlten sich erhaben gestimmt von der ungewöhnlichen Kirchenmusik und ergingen sich auf dem äußersten Vorsprung, wo ein Denkmal an jenen spanisch-französischen Kampf aus der napoleonischen Kriegszeit erinnert, dem die Einsiedeleien zum Opfer gefallen, nachdem ein französischer General von San Dismas herab das damalige Kloster in Grund und Boden geschossen hatte.

Unter dem Schein des wachsenden Mondes erhöhte sich noch das Phantastische der Felsformationen. Und phantastisch antwortete dem Berge das verschnörkelte Land mit dem Flußlauf des vielgekrümmten Llobregat. Überall ausgeschwemmte Tonerde, mit kahlgewaschenen Felsenzügen dazwischen, voll von Runzeln und Schrunden, einer Mondlandschaft nicht unähnlich.

„Abenteuerlich!” rief Stein. „Man ist in einer Märchenstimmung, ganz dem Gewöhnlichen entrückt!”

„Und eine abenteuerliche Situation!” fügte er für sich selber hinzu, als er sich nachher in der eisernen Bettstelle dehnte. Er schaute sich noch einen Augenblick in dem schmucklosen weißgetünchten Zimmer um und löschte dann die Kerze.

Grimmig zog er die Wolldecke um die Ohren und lachte grimmig über den Schabernack, den ihm das Schicksal da unten in Barcelona gespielt hatte. Bitterkeit lag nicht in seiner Natur; aber Wehmut wuchs im Laufe der lautlos ruhigen Nacht. Kein Geräusch der Ebene drang an sein Ohr; nur in ferner Schlucht vernahm er den Gesang einer Nachtigall. Die Steingiganten über ihm hielten ritterliche Wacht; der unvollkommen leuchtende Mond warf die langen Schatten dieser Ritter den mitternächtigen Berg entlang. Welche Wirkungen des Mondes!

So lag er lange wach und horchte in die große Nacht und glaubte der Erde und seinem bisherigen Leben entrückt zu sein — auf einen Felsen geschwemmt, wie ein Schiffbrüchiger der Titanic.

Nach und nach gestaltete sich diese erste Nacht auf dem Montserrat, hoch über den Eisenbahnpfiffen der unruhigen Erde, zu einer stillen Rückschau.

Er zog die Summe seines bisherigen Lebens.

Vor fünf Jahren hatte sich Ingo von Stein in den Gärten am Horn zu Weimar eine Wohnung eingerichtet, hatte Bibliothek, Klavier, Gemälde, Büsten, Fernrohr und andre Dinge geschmackvoll untergebracht und gedachte nun seinem Ideal einer persönlichen Universalbildung schaffend nachzuleben. Doch die Meister seines Schicksals waren damit noch nicht einverstanden. Sie stellten Friederike von Trotzendorff zwischen ihn und seine Braut. Und als Friedels geniale Natur alle Register ihrer Phantasie- und Gefühlsromantik zog, trat die herbe, gefühlskeusche, etwas menschenscheue Elisabeth still zurück; der Briefwechsel mit ihr entschlief; sie wurde Krankenschwester beim Roten Kreuz und begab sich später zu ihrer Schwester nach Pommern. Aber das Kleeblatt bereiste Italien und England, ging allsommerlich nach Bayreuth und Tirol oder an die See; und der Statistiker und Soldat Richard war glücklich, daß die gern fliegende Gattin einen Flugkameraden gefunden hatte. Ingo selber tat tiefe Einblicke in den Reichtum, die Zartheiten, die Wunderlichkeiten einer Frauenseele und wurde durch diesen Bund im Innersten gefördert, ja — wie sie oft scherzend sagte — mit Genialität angesteckt. Bis dann diese Kameradschaft, durch zwei harmlose Mädchen, in der Provence und am Fuße der Pyrenäen, in der bisherigen Form zerschellte. Und — seltsame Fügung! — gleichzeitig trat Elisabeth wieder in Sicht! Und zwar dort in Lourdes, inmitten der ernsten Krankenstimmung, die so viel stille Kraft entfaltet, dort bei Bernadette und ihrer wundersamen Madonna! Die heitre Schar der Troubadours — und dann die ernste Schar der Kranken von Lourdes: — welch ein Gegensatz!

„Seltsam das alles!” dachte der Gralsucher. „Elisabeth, die Krankenpflegerin, hat sich immer dem Lebensernst gestellt und war auf soziale Fürsorge gestimmt — doch Friedel und ich? Wir sind immer davongeflogen in heitre Gefilde. Kann es da keinen Ausgleich geben? Damals wär' ich Spießbürger geworden, hätt' ich mich mit Elisabeth in jenes gemächliche Heim eingelullt — aber jetzt? Sind heimliche Führer über meinem Leben? Haben sie Friedel benutzt, wie sie sich jetzt der Mozart-Mädchen bedienten? Ach, ihr seid mächtiger als ich! Ihr führt mich im Zickzack durch die Welt, foppt mich mit hübschen Gesichtern — und werft mich zuletzt auf diesen einsamen spanischen Berg, nachdem ihr mir Elisabeth und Friedel und diese kleine Martha genommen habt! Ist das der Gral? Ist dies nun das unbekannte Land, das ich suche?”

Immer wieder blitzte in seine beginnende Schwermut der Gedanke hinein, es sei dennoch planmäßige Führung höherer Mächte, die hinter dem Sichtbaren stehen.

„Ist der Gral vielleicht gar keine fertige Sache — so wenig wie jener Tempel? Kristallisiert er sich vielleicht in uns nach und nach? Und leuchtet dann als ein Licht inmitten des Lebenstempels, den wir selber nach und nach aufbauen?!”

Er rollte sich qualvoll in seiner Wolldecke hin und her; Sinnenhunger, Lebenshunger, Gestaltungsdrang glühte in dem gesunden jungen Manne, der hier vereinsamt, von weiblicher Liebe verlassen, auf dem weltfernen Montserrat lag. Denn nicht mit Bausteinen der Romantik allein baut man die Gralsburg, sondern nur aus der Fülle wirklichen Erlebens ...

In der gleichen Nacht schaute der wachsende Halbmond in das Fenster eines Sanatoriums in München, wo eine schöne Frau bei elektrischem Licht schlaflos lag und unter Schmerzen der Seele und des Körpers umsonst zu lesen versuchte.

In der gleichen Nacht kauerte ein halbwüchsiges Mädchen zu Barcelona im Nachtgewand auf dem Bettrand der älteren Cousine und unterhielt sich mit ihr darüber, daß der Baron eigentlich noch netter wäre als Onkel Schaller, und daß ihn Martha gewiß genommen hätte, wenn er ein wenig früher gekommen wäre. Und unten saß Madame Frank-Dubois mit Marthas Bräutigam zusammen und rechnete ihm vor, daß sie ihrer einzigen Tochter vorläufig rund hunderttausend Mark mitgeben könne.

In der gleichen Nacht stand in Thüringen die hohe Gestalt des Fräulein Elisabeth von Stein-Birkheim am Bett ihres schwerkranken Vetters und gab der neuen Krankenschwester Anweisung, wie der Kranke zu pflegen und zu beköstigen sei, da sie selbst am andren Morgen mit der leidenden Mutter an den Genfer See reisen mußte. Dann fuhr sie spät in der Nacht im Wagen durch den Mondschein nach Hause und empfand es in stillem Hinträumen als ein großes Glück, Leidenden helfen zu dürfen. „Es ist auch eine Form von Liebe”, fügte sie leise hinzu, nistete sich in ihren Pelz ein und schloß seufzend die Augen.

** *

„Wir zwei werden heut' allein den Gralsberg besteigen”, sprach Konsul Bruck am andren Morgen. „Meine Damen lassen sich entschuldigen, sie sind müde und möchten einstweilen ausruhen.”

Also nahmen die beiden Herren Lebensmittel in den Rucksack, Lodenmäntel auf den Arm, Stock in die Rechte und stiegen durch Morgennebel eine schmale Schlucht empor zu den Ruinen der Einsiedeleien.

Diese Schluchten sind üppig durchwachsen mit Efeu, Rosengebüschen, Buchsbaum und Steineichen nebst andren Bäumen und Büschen dieses pflanzenreichen Landes. Die Stufen sind neu zurechtgehauen, enge Stellen zwischen den Felsen sind erweitert. So kommt man, wenn man die letzte schmale Felsenpforte überschritten hat, plötzlich in ein wildschönes Hochtal hinan, in dessen Mitte die spärlichen Trümmer der Einsiedelei Santa Anna liegen, und das aufs neue von gigantischen Felsen umstanden ist — ein doppelt großartiger Anblick, wenn die mächtigen Steingebilde durch ziehende Nebelwolken hindurch sichtbar sind.

Diese Felsen sind rundbäuchig und kegelförmig, oft in dichten Gruppen aneinandergebacken; sie sehen manchmal aus wie Donjons und Bastionen; dann sitzt es wieder wie ein verzauberter Kopf auf der unteren Säule; und oft scheint ein riesiges Profil herüberzudrohen aus diesen grauen, kieseldurchsetzten Monolithen, aus diesen versteinten Termitenhaufen. In einzelnen Ballen wirbelt der Nebelrauch vorüber, als stände jenseits des Montserrat eine Welt in Brand. Grün und grau im Wechsel sind die Farben dieses Hochlandes, das vor Winden geschützt und nur nach Osten offen ist, wo jetzt die Sonne durch die Nebel zu brechen sucht.

Von einem Vorsprung zur Rechten aus entdeckt man noch einmal unten die Klostergebäude; hier war es, wo die dreizehn Einsiedler das salve regina zum Heiligtum hinuntersangen. Und hier, auf diesen spärlichen Mauerresten, standen Eremitage und Kapellen von Santa Anna. Weiter oben sind die Trümmer von San Benito; und ganz oben und hinten, ein wahrhaftiges Schwalbennest an scheinbar unzugänglichem Felsen, hängt das Trümmergemäuer der Einsiedelei San Salvador.

Deutlich vernahmen sie den Schall der Klosterglocken; denn dieses Hochtal mit seinen Felsen ist ein Schallfänger. Amseln schmetterten in der Ferne; kleinere Singvögel belebten mit leiseren Stimmen die liebliche Nähe.

Einsiedlerstimmung! Karfreitagszauber!

Eine Hummel hing am Thymian und summte dann mit tiefem Ton von Blume zu Blume, so daß es klang wie unterirdischer Glockenhall, der dem Glockenton des Klosters Antwort gab. Alle Geräusche, auch die Stimmen, erhalten zwischen jenen Felsen volleren Hall und stärkere Bedeutung. Die Einsiedler durften sich kein Haustier halten; sie aßen kein Fleisch; aber ihre Gefährten waren die wilden Vögel, die sich unscheu in der Hütte niederließen und mit dem frommen Manne Freundschaft schlossen. Gebet, Geläut und Vogelschlag klangen zusammen bei dieser laudatio perennis, diesem ewigen Lobgesang, der über den Berg ging.

Auf den Trümmern von San Benitos Einsiedelei sitzend, wo eine Steineiche aus den Überbleibseln der Mauer dringt, vernahmen die Wanderer vom tiefen und unsichtbaren Kloster her Kirchengesänge. Zugleich wurde das östliche Land ein wenig nebelfrei und gestattete einen Fernblick auf die spanische Ebene. Drüben aber, am scheinbar pfadlosen Felsensaum, schritt ein Mann mit einem belasteten Maultier langsam zu Tal. Im übrigen war das ganze Gelände von einer erhabenen Einsamkeit.

„Wir wollen höher hinan,” schlug Ingo vor, „wir wollen uns einen Weg nach San Salvador bahnen.”

Der Fußpfad nach dieser hohen Ruine ist kaum zu sehen und durch Gestrüpp versperrt. Doch oben ist ein gefälliges Höhlengemach in den Felsen eingehauen, ein prachtvoller Sitz, der die Mühe des Aufstiegs lohnt. Die wohnliche Grotte ist durch eine Röhre mit einer höher gelegenen Zisterne verbunden, so daß der Siedler wie aus einem Brunnenrohr Wasser auslassen konnte. Diese Eremiten ließen es sich angelegen sein, zunächst eine Zisterne anzulegen auf diesem nicht wasserreichen Bergland, indem sie durch eingegrabene Rillen Wasser sammelten. Sie ummauerten den Behälter und schützten das wertvolle Naß gegen die Sonnenglut. Auch Spuren eines Gärtchens sind bei San Salvador. Die Wanderer entdeckten blaue Lilien und Goldlack und beschlossen, diese Gaben der hohen Wildnis später den Damen hinunterzubringen. Und welch ein uralt Gemäuer! Schon im Jahre 1272 starb hier oben ein Anachoret, der fünfundvierzig Jahre diese hohe Siedelei bewohnt hatte. Der Blick von hier nach Süden und Osten, über die wechselnd beleuchtete Ebene, fängt gewaltige Schönheit ein. Gegen den Nordwind schützen Felswände. Und durch das Gestrüpp tastete sich Ingo zu einem Pfad, der nach einem neuen Hochtal Ausblick gewährte: nach San Antonio und jenem natürlichen Felsenturm, der Caball Bernat heißt. Ein Falkenpaar umkreiste die Fremdlinge; ein Kuckuck rief aus dem neuen Frühlingstal herüber; Felsen-Rundtürme erhoben sich in unmittelbarer Nähe, Giganten der Urzeit, verzauberte Gralsritter, die in dieser feierlichen Einsamkeit ein Geheimnis hüten.

„Ist dies der ältesten Götter Unheimlich erhabenes Haus?”

Stein sprach es vor sich hin, am Eingang der Höhle auf seinem Mantel liegend, während Bruck Vorräte auspackte.

Der Troubadour hatte die Laute zu Hause gelassen. Sie paßte mit ihrem idyllischen Geklimper nicht mehr in solche großzügige Umgebung. Doch schrieb er sich einen poetischen Gedanken auf, unter dessen Eindruck er stand.

„Ist dies der ältesten Götter Unheimlich erhabenes Haus? Großartige Steingestalten Schauen herab und hinaus. Titanen der ältesten Rasse Belebten titanisch den Stein; Sie prägten die eigene Größe Dem großen Gebirge ein. Sie gaben den Felsen Gesichter: Da ragten gespenstisch rings Die gralbehütenden Ritter, Die Memmonsäule, die Sphinx ...”

„Sie haben mich neulich”, begann Bruck nach einer Weile, scheinbar ohne Anknüpfung an Gral und Sphinx, „auf dem Festabend in Barcelona verwundert ins Auge gefaßt, als Schaller die Worte hinwarf, Sie möchten sich vor mir hüten, denn ich sei ein Geisterseher. Es war Scherz von Schaller; aber in Wahrheit verachtet er meine Weltanschauung gründlich, was mich übrigens weder wundert noch ärgert.”

„Ich erinnere mich”, erwiderte Stein. „Wir sprachen ja wohl an jenem Abend auch von Elfen und Nixen?”

„Ganz recht! Sie sagten einmal: Wenn's Elfen gäbe, worauf ich erwiderte: Warum soll's denn die nicht geben?”

„Ja, ich erinnere mich dessen deutlich.”

„Nun gut,” fuhr der Konsul fort und strich mit der ihm eigenen unerschütterlichen Gelassenheit seinen grauen Vollbart, „ich habe meine Verteidigung oder Erklärung aufgeschoben bis zu dieser ruhigen Stunde. Und da Sie mich gestern abend wiederum verwundert anschauten, als ich vom Magnetismus dieses Berges sprach, bin ich Ihnen nähere Mitteilungen schuldig. Sie sind zwar ein philosophisch und literarisch gebildeter Mensch; aber mir wäre das wohl zu farblos. Ich brauche Tatsachen. Und so war ich zunächst Materialist, bis mich vor etwa zehn Jahren allerlei Erlebnisse zu spirituellen Einsichten zwangen. Heute such' ich keine Beweise mehr für die Unsterblichkeit der Seele, denn sie sind mir in überreicher Fülle gebracht worden.”

„Experimentelle Beweise?” fragte Stein bedenklich.

„Es ist schwer darüber zu sprechen”, erwiderte der merkwürdige Mann. „Um aus höheren Sphären Mitteilungen zu erhalten, muß man sich vor allen Dingen selber zu höherer Wesensart reinigen und erziehen. Anders ist eine Verbindung mit oberen Mächten gar nicht möglich.”

Der Konsul begann vorsichtig und taktvoll zu erzählen; Stein hörte mit vorurteilsloser Aufmerksamkeit dem älteren Gefährten zu.

„Tatsachen, wie ich sie Ihnen mitteilen kann, sind durch die ihnen innewohnende natürliche Würde und Schönheit erhaben über die sogenannte Debatte, wie ihr ja wohl in Deutschland das Zanken einer größeren Menge nennt, mit nachheriger Abstimmung und Entscheidung durch die Mehrzahl von Köpfen, nämlich von Dummköpfen. Aber mit der sogenannten öffentlichen Meinung oder mit dem sogenannten allgemeinen, freien, gleichen und geheimen Wahlrecht, das in Wirklichkeit eine grobe Vergewaltigung der Gebildeten durch den Pöbel ist, hat die höhere Wahrheit nichts zu schaffen. Leben Sie einmal in Brasilien am Rande des Urwaldes oder in Indien inmitten der Pest oder im Kaukasus unter einer meuchelmörderischen Bevölkerung — und Sie wachsen nach und nach über europäische Mittelmäßigkeit ein wenig hinaus.”

Der Konsul machte eine Pause und fuhr dann fort:

„Es gibt Menschen von einem feinen Magnetismus, die — wie man es von den Dichtern sagt, welche ja wohl auch einst Seher gewesen sind — mehr hören und sehen und fühlen als die gröber eingekörperten Mitmenschen. Diese gefährliche Begabung will natürlich Hand in Hand mit wachsender sittlicher und geistiger Reife ausgebildet sein, sonst treiben solche sensitiven Menschen ins Chaos und wissen sich unter ihren Stimmen und Gestalten nicht mehr zurechtzufinden. Hellsehen und Hellhören, automatisches Schreiben, wobei der Arm durch eine magnetische Gewalt gelenkt wird, Schreiben mit einem sinnreichen kleinen Skriptoskop, welches die Buchstaben bezeichnet, wobei gleichfalls magnetische Beeinflussung die Schreibenden lenkt — von solchen Verbindungen mit der unsichtbaren Welt werden Sie vielleicht schon gehört haben.”

Stein konnte nun denn doch ein unbehagliches Gefühl nicht zurückdrängen; er murmelte nur einiges und verhielt sich abwartend.

„Ich weiß wohl,” fuhr Bruck in Ruhe fort, „die Dilettanten und Querköpfe sorgen dafür, daß dies alles verzerrt und verunreinigt an die Öffentlichkeit kommt. Und die Öffentlichkeit verzerrt das bereits Verzerrte vollends. Die wenigsten besitzen genügend eiserne Zucht und Ruhe, um durch die Verwilderungen hindurchzudringen. Und diese wenigen haben der Masse gegenüber schweigen gelernt.”

Der Konsul fügte abermals eine Pause ein, entnahm dann seinem Rucksack ein Schreibbuch und legte es neben sich. Dann fuhr er fort:

„Auch ich und meine Zugehörigen, einschließlich eines Vetters, entdeckten in uns diese seltsame Veranlagung. Aber wir waren als willensfeste Naturen und klare Köpfe nicht gewillt, uns diese Dinge über unsere Kraft wachsen zu lassen; wir schulten uns, wir sichteten, wir waren im Umgang wählerisch auch in der Geisterwelt. Hierbei wurden wir unterstützt durch Meister und Schutzgeister. Dieser Weg ist keine Tändelei; der Neugierige kommt nicht auf seine Rechnung, sondern wird gefoppt; für uns war es ein langsames Fortschreiten durch Prüfungen zu Missionen, wobei wir wuchsen an Geduld, Selbstlosigkeit und Erkenntnis. So bekamen wir durch unsre geübten Organe hindurch Mitteilungen aus der uns alle durchdringenden und umflutenden unsichtbaren Welt.”

Ingo konnte als klassischer Humanist aus der Fülle seiner Bildung heraus ein Lächeln nicht unterdrücken. Der Konsul sah es und sagte:

„Lächeln Sie ruhig, mein lieber Herr Baron, ich erwarte das gar nicht anders. Nehmen Sie ruhig an, meine Mitteilungen wären meinem sogenannten Unterbewußtsein entschlüpft. In diesem Kasten hat ja alles Platz, auch Götter und Geister.”

Und er sprach bedachtsam weiter:

„Ich habe mir manches in dieses Buch geschrieben und will Ihnen gleich zu Anfang etwas von Elementargeistern vorlesen. Versuchen Sie einmal, von allem, was Sie als phantastisch hierbei stört, abzusehen, und lassen Sie die Mitteilungen durch sich selber wirken!”

Sein braunes Buch mit den harten Deckeln war von Anfang bis zu Ende vollgeschrieben; Brucks Handschrift war klar, groß und fest.

„Da kam einmal zu uns ein kleiner Blumengeist.”

Er blätterte. Stein, dessen Lächeln wich und dessen Phantasie sich zu entzünden begann, stellte eine Frage.

„Nehmen Sie meine Zurückhaltung nicht übel, Herr Konsul: Gibt es denn wirklich solche Naturgeister? Sind es nicht Einbildungen der Dichter?”

„Keineswegs! Diese Elfen, Sylphen, Gnomen und andre Elementarwesen sind so lebendig und wirklich wie Sie und ich. Nur sind sie aus so feiner Substanz, daß sie von gewöhnlichen Augen nicht gesehen werden, so wenig wie die ultravioletten Strahlen. Auch haben sie keine Seele wie wir, kennen weder Leid noch Liebe, weder Tugend noch Sünde. Ich könnte Ihnen in diesem Augenblick sagen, daß dort drüben an der Felswand eine ganze Reihe von Gnomen sitzt, aneinandergereiht wie Äffchen auf der Stange, äußerst putzig und drollig uns Menschen betrachtend — aber das würde ja nicht viel nützen, denn Sie sehen es ja doch nicht.”

Mit verdutztem Lächeln schaute Stein sich nach allen Seiten um.

„Aber ich bitte Sie, Herr Konsul, wo sitzt denn das Völkchen? Wollen Sie mich nicht den Herrschaften vorstellen? Können sich denn aber solche Naturwesen mit uns Kulturmenschen verständigen?”

„In seltenen Fällen und mit bestimmten Menschen. Manchmal löst sich ein einzelnes Wesen aus seiner Gattung, mächtig angezogen von irgendeinem menschlichen Kreise, und sucht bei uns etwas wie eine Seele.”

„Undine! Aber wie kommen sie grade zu Ihnen?”

„Unsre Ruhe zieht sie magnetisch an.”

„Und was wollen sie von Ihnen?”

„Liebe und Lehre.”

Das klang alles ruhig und selbstverständlich.

Ingo hatte die sonderbare Empfindung, als wäre sein bärtiger Nachbar, der neben ihm auf dem Lodenmantel lagerte, auf diesem immer klarer aus den Nebeln sich enthüllenden Gralsberge, ein zeitloser Druidengeist, dem sich nichtige moderne Einwände gar nicht nahen können.

„Einst kam also”, sprach der Konsul, in sein Schreibbuch schauend, „ein allerliebster Blumengeist, der an der Grenze der Menschwerdung stand — denn es kommt bisweilen vor, daß ein Naturgeist als Mensch geboren wird —, wovor sich aber dieses lichte und leichte Wesen fürchtete. Doch drängte es den Geist dennoch zu dem schweren Pfade, denn er konnte ja dadurch höher steigen. ‚Oh, der Duft!’ begann das Geistchen — wir hatten duftende Rosen auf dem Tische stehen — ‚wie gemahnt er mich an das, was ich Heimat nannte! Ich bin noch kein Mensch gewesen, das lange Leid hab' ich noch vor mir; ein ätherzartes Wesen war ich und soll nun eine üble Masse werden. Mein Dasein floß dahin zwischen Schönheit und Seligkeit, gewiegt vom säuselnden West. Des Himmels Diamanten flocht ich in mein wehendes Haar, süße Zwiesprache hielt ich mit raunenden Bäumen. Duftblaue Weiten umfaßte meines Auges Blick, mein Leben floß dahin wie des Baches Welle, der über Blumen geht.’ — ‚Hast du keine Schwestern?’ fragte ich. — ‚Ich hatte Schwestern, selig und glücklich gleich mir; wir tranken den Tau, wir atmeten den Duft, wir badeten im Mondschein, und wir jubelten der Sonne zu. Wir erzählten uns tausend süße Dinge, wir tanzten im Winde, und waren wir müde, so betteten wir uns in Blumen. Aber meine Schwestern sind noch nicht so weit wie ich. Wohl sehe ich sie noch, erkenne sie wohl, aber sie denken nicht mehr mein. Euch hab' ich liebgewonnen, euch beide Menschen im Silberhaar. Nicht oft mehr werde ich auf Flügeln der Winde euch nahen, nicht oft mehr im Sternenschein den Duft meiner Heimatrosenfelder trinken, nicht oft mehr in Sehnsucht meiner Schwestern Stirnen ungesehen umschmeicheln — bald trag' ich Not und Lasten, bald geh' ich in Jammer und Weh, bald werde ich ein Mensch wie ihr!’”

Stein schlug erstaunt und entzückt in die Hände.

„Das ist ja Poesie! Herr Konsul, Sie sind ja ein verkappter Poet!”

„Im Unterbewußtsein?” lächelte der Konsul. „Was mein Oberbewußtsein anbetrifft, so hab' ich nie einen Vers geschrieben.”

„Irgendwo in Ihrem Kreise muß doch das stecken!”

„Das kommt auch, wenn ich einmal nicht dabei bin. Sie meinen also hartnäckig, wir erfinden diese Geistchen? Die Gnomen da drüben an der Felswand lachen und drehen Ihnen lange Nasen. Nun also, lassen Sie sich in Ihrem Wahn nicht stören! Ich will Ihnen nur noch sagen, wie dieses Geistchen ausgesehen hat: die Gestalt war durchsichtig, das Gesicht ein feines Oval von mattem Weiß, die Haare silberhell wie Mondschein, und zwar selbstleuchtend, die Augen von einem tiefen, fast grünlichen Blau. Oh, sie sind herrlich, diese Gäste aus dem Lande der Schönheit!”

So erzählte der Konsul.

Er sprach von seinen Geisterfreunden wie von lebendigen Menschen.

Er fuhr dann fort und beschrieb andre Naturgeister, die sich zu ihm herangedrängt hatten und um Förderung baten.

„Ach ich kann Ihnen sagen, mein lieber Herr Baron,” sprach der Konsul, und der ernste, kühle Westfale wurde nach und nach sichtlich weich und warm, „durch das ganze Reich der Geister und der unerlösten Natur geht die Sehnsucht nach Erlösung durch Liebe. Sehen Sie, da kam einmal der Geist eines armen Berliner Kindes zu uns, das nach Hunger und Mißhandlungen früh gestorben war. Es erzählte uns seine Geschichte, wie es auf den Stufen einer Kirche vor Sehnsucht hinübergeschlummert sei, nachdem es in einer Weihnachtspredigt zum erstenmal von Liebe hatte sprechen hören. ‚Da kam’, sagte der kleine Geist, ‚ein gütiges Wesen zu mir, und ich fühlte etwas ganz Sonderbares von ihm ausgehen, was ich auf Erden nie gekannt hatte. Auf meine Frage nach diesem so unsagbar beseligenden Etwas sagte sie mir, es sei die Liebe; das war so schön, daß ich dafür keine Worte finden kann.’”

„Wunderbar!” rief Stein, der in immer wärmere Schwingung geriet. „In den Preis der Liebe, die Sonn' und Sterne bewegt, klingen Goethes Faust und Dantes Commedia aus. Und Novalis ruft in seiner berühmten Abendmahlshymne: Wenige wissen das Geheimnis der Liebe.”

„Ich bin kein studierter Mann”, erwiderte Bruck. „Aber ich weiß es aus meiner besondren Welt, daß helfende und schaffende Liebe die Sonne des Kosmos und die Sonne des Menschenherzens ist. Mein Schutzgeist schärft mir das immer wieder ein.”

„Ich fange an, Ihre Geisterfreunde lieb zu gewinnen.”

„Meine Geisterfreunde sind auch die Ihrigen”, versetzte der Konsul mit der ihm eigenen ernsthaften Ruhe. „Und es ist kein Zufall, daß wir zwei hier beieinander auf dem einsamen Gipfel eines spanischen Berges sitzen. Die heitren Mozart-Elfen, die in Ihnen wirkten, um Sie nach Barcelona zu locken, haben ihr Werk rühmlich zustande gebracht und sitzen jetzt dort in den Blumen und freuen sich über unser Gespräch.”

Der Alte lachte behaglich. Stein fuhr herum, von Schauer durchrieselt. Er starrte in diese große, fremde Welt, ohne etwas andres zu sehen als einige schaukelnde Lilien. Fast erschrocken schaute er dann einen Augenblick dem rätselhaften Mann ins Gesicht. Sollte etwas von des Troubadours verliebter Schwärmerei für Martha ruchbar geworden sein?

Doch der Konsul plauderte gelassen weiter.

„Ich kann Ihnen nun auch ruhig anvertrauen, daß wir in unsrem kleinen Kreise jährlich bestimmte Missionen auszuüben haben, die uns um die hohe Zeit des Weihnachtsfestes von unsren leitenden Geisterfreunden erteilt werden. Und zwar Missionen an bestimmten Gruppen von Geistern, die grade durch unsre Wesensart gefördert werden können. Sie werden erstaunen, wenn Sie hören, daß etwa eine Gruppe von Lügengeistern zur Wahrhaftigkeit angeregt werden oder eine Gruppe verrohender Wesen einen geistigen Impuls erhalten soll. Es ist oft schwer, mit solchem anfänglichen Unflat zu verkehren, wir könnten es ablehnen; aber es wäre nicht unser Segen. So führen wir diese Sitzungen zäh und regelmäßig jeden Sonntag und Mittwoch durch, bis diese Wesen geläutert genug sind, reine Geister überhaupt wahrzunehmen. Denn in ihrem traurigen Zustand sind sie blind.”

„Merkwürdig! Merkwürdig!” murmelte Stein. „Sie lesen also sozusagen den Toten vor? Wie jener schwäbische Prälat mitternachts in der Kirche Gottesdienst hielt für die Geister?”

„So ungefähr. Nur daß der Ausdruck ‚Tote’ nicht paßt, denn die Bewohner der spirituellen Welt sind lebendig. Anfangs äußern sich manche höchst naiv. ‚Geisterfreund,’ sagte mir da einmal einer, ‚ich war sehr schlimm, bin es heute noch. Doch sagtest du neulich, auch wir könnten besser werden. Solange ich noch in jener erstarrten Wüste lebte, kannte ich nichts anderes und hatte keine Sehnsucht nach Besserem. Nun aber sehe ich den Unterschied zwischen mir und euch. Dazu kam ein Hoffnungsfunke, der durch deine Rede in meine Seele fiel. Nun frage ich dich: Ist es wahr, kann aus mir noch etwas werden? Und sage mir noch eins: Was hast du für einen Grund, den Geistern, die dir doch nichts geben können, zu helfen? Hilfst du Menschen auch? Hast du Vorteile, wenn du Menschen hilfst? Hilfst du deiner Frau und sie dir? Liebst du alle Menschen und wirst du auch mich die Liebe lehren? Sie scheint mir das Höchste, doch fühle ich nichts von ihr.’”

„Die Liebe!” warf Stein dazwischen. „Immer wieder suchen diese Wesen Liebe! Sie ist offenbar der Magnet, zu dem sich alle hingezogen fühlen!”

„Sie ist der heilige Gral”, sagte Bruck mit tiefem Ernst ...

Jetzt hatte sich der Gralsberg aus den Nebeln herausgelöst und lag nun mit seinen Felsentempeln ruhevoll in der buntschimmernden Ebene. Die Wandrer vor ihrer Grotte genossen weltweiten Ausblick. Auf einer blauen Blume in der Nähe funkelte diamantener Tau, als glühte dort das Auge eines Elfchens liebesuchend herüber.

„Fahren Sie fort!” bat Stein. „Erweitern Sie meine Welt zum Kosmos! Ich möchte ganz in diese Gralsburg eindringen.”

„Gern!” erwiderte der Alte, um dessen weißgraues Haar der Morgenwind spielte. „Ich bin glücklich, daß Sie mit Teilnahme zuhören. Noch viel von Elementargeistern könnt' ich Ihnen erzählen. Doch mitten in diesen kleinen Dingen steht hier die ernste Mission unsrer Geisterfreundin Santa. Sie hatte zwei Jahre lang eine Sendung auf Erden zu erfüllen.”

„Ein Geist, der als Geist auf Erden eine Sendung hat?”

„Warum nicht? Wie so mancher Mensch seine Sendung hat. Hören Sie Santa selber!”

Feierlich las er mit seiner tiefen, volltönenden Stimme, die gelegentlich zu leisem Pathos neigte:

„‚In heiligen Hallen ruhte zuletzt mein Fuß, auf reine Liebe blickte zuletzt mein Auge, in Sphärenharmonie schwelgte mein Ohr. Aus Gottesgefilden bin ich zur Welt herabgesandt; trostloses Elend, Haß, Neid und Roheit sind es, die mich hienieden erwarten. Gönnt mir ein Plätzchen, wo ich mich erquicken kann! Bereitet eure Herzen, daß ich eine Freude habe! Meine Mission ist schwer, helft sie mir tragen! Der Geisterfreunde nur eine einzige Runde auf Erden darf ich mir zur Erholung wählen; ihr seid es, auf welche meine Wahl gefallen ist. Seid gütig, selbstlos und liebreich, übt euch in Geduld, und ihr bietet mir ein Labsal!’”

„Wie muß man sich Santas Mission vorstellen?” fragte Stein.

„Auch das will ich mit Santas eigenen Worten lesen; sie hat sich in Umschreibung, gleichsam in Erzählungsform, darüber geäußert. Hören Sie und versuchen Sie mir zu glauben, daß nicht ich oder eine meiner Damen diese Mitteilung erfunden haben!”

Er las. Und Ingo erging es eigen: er mußte bei Santa immer an Elisabeth denken, die stille Krankenpflegerin.

„Es schweigt der Raum. Unendliche Erhabenheit, zeitlose Ruhe atmet dies tiefe, friedevolle Schweigen. In diese heilige Stille gleitet ein lichtschimmerndes Wesen, ein Gottesgedanke, zu Seele geworden; sein Dasein ist Andacht, Anbetung, selige Ruhe. ‚Meister,’ fragt es leise, ‚kann es Höheres geben als diesen Frieden?’ — ‚Es gibt ein Höheres’, sagt die milde, gütige Stimme: ‚diesen Frieden den Friedlosen bringen.’ — ‚Friedlose gibt es in Gottes Reich? O Meister, warum hast du mich ihnen nicht längst gesendet?’ — ‚Weil deine Stunde noch nicht gekommen war.’ — ‚Ist sie jetzt gekommen?’ — ‚Sie ist es. Ich sende dich hinab, Santa, zu den Geistern der Abgeschiedenen, die noch an die Erde gebannt und elend sind. Führe sie mir zu! Groß und schwer ist die Aufgabe, größer die Liebe, die sie vollbringt.’ — Der Lichtgeist schwebt aus der Stille, aus dem Frieden hinab, schwebt durch Sphären, schön wie Träume, und Wirklichkeit wie Gottes Liebe; fächelnde Winde wehen ihr zarte Klänge, leuchtende Blütenkelche hauchen ihr süßen Duft. Und Klang und Duft sind eins, entspringen demselben Born, werden zu Worten, die von erbarmender Liebe reden — von der Liebe Santas, die eine heilige Mission zu den Friedlosen führt. Der Gottgesandten naht sich flehend ein Geist: ‚Santa, mein Bruder wurde zum Vatermörder und starb von Henkershand. Erbarme dich, bringe ihm Licht in seine Finsternis!’ — ‚Santa, mein Kind verdirbt, o hilf meinem armen, mutterlosen Kinde, es kann sich nicht trennen von Erdenlust, von lockender Sünde!’ — ‚Weh, mein alter Vater wurde zum Dieb und gab sich um der Schmach willen selbst den Tod! Santa, hilf! Rette!’ — Ein dunkler Schatten senkt sich schwer auf des lichten Geistes unbefleckte Reinheit, ein Schatten, der nie war, der nun lange, lange auf ihr ruhen wird. Schneller schwebt sie hinab, immer mehr der heischenden Geister umgeben sie, lange verstummt ist des Windes leise Musik, der Blumen süße Sprache. Sie blickt jetzt auf die Erde: — Menschen und Geister — widerliche, verzerrte Gesichter — wilde Schreie der Getretenen — Flüche vom Bruder gegen den Bruder — Raub am Heiligsten — Elend und Jammer, wohin ihr angstvolles Auge irrt! Der Lichtgeist verhüllt sein Antlitz und weint über die Erde. ‚Führe sie mir zu!’ tönt es herab, die Stimme ihres Meisters. Kraft und Mut scheint diese Stimme ihr zuzuströmen; Santa will ihr Werk der Liebe beginnen. Und sieht ein Weib, unlängst gestorben, noch an der Erde hangend, sieht es schmutzstarrend, mit allen Lastern behaftet, sieht in jedem Zuge des Gesichtes Verworfenheit, sieht in jeder Bewegung des viehischen Geschöpfes sinnlose Trunkenheit, sieht nichts mehr von einem Ebenbild Gottes! Und Santa fühlt, wie kalt und lauernd die Reue naht und größer werden will als die Liebe. Da hört sie aus der Verworfenen einen Schrei, halb Jammer, halb Jubel: ‚Mein Kind, mein kleines Kind, hab' ich dich endlich wieder!’ — und sieht das Weib eine elende Dirne an sich pressen mit heißer Zärtlichkeit, sieht es frei von Trunkenheit, sieht es aufgehen in Mutterliebe, durchleuchtet von dem Gottesfunken, der auch in diesem Weibe nicht erstarb! Da beugt der reine Geist sich zu dem elenden Weibe nieder: ‚Meine Schwester, ich kann dich lieben.’ Dann wendet er sein Antlitz noch einmal dem Reich des Lichtes zu, noch einmal grüßen seine leidverklärten Augen das Friedensland: ‚Meister, ich danke dir, daß du mir die Liebe gabst!’ Und gleitet hinab — erdenwärts!”

Der Konsul schloß das Buch. Stein war hingerissen und ergriffen.

„Verstehen Sie jetzt Santas Mission?” fragte Bruck.

„Das kann nicht erfunden sein!” rief der Troubadour begeistert. „Das ist Poesie — aber Poesie der Wahrheit! So muß es sein, ich fühle das, ich erlebe das! Diese Santa lebt! Erzählen Sie mir doch Genaueres! Ist sie oft zu Ihnen gekommen?”

„Mehrmals, meist gegen Weihnachten; und immer mit Worten des Dankes und der Liebe. Als einmal eine Dissonanz in uns war, anläßlich kummervoller Erlebnisse meiner Tochter, klagte sie nachher, daß sie die Pforte verschlossen gefunden habe. Ihr Abschied hat uns tief bewegt, denn wir hatten sie liebgewonnen. ‚Ich komme heute zu euch,’ sprach sie, ‚um Abschied zu nehmen; meine Mission ist beendet, ich kehre in Gottes hellen Tag zurück. Ich werde wieder Licht und Reinheit atmen, mein Ohr wird wieder jene wunderbare Musik vernehmen, die meine stete Sehnsucht war in den Zeiten, da nur häßliche und rohe Töne zu mir drangen. Ich werde wieder von Frieden umgeben sein und die abgeklärte Freude um mich sehen, die auf Erden niemand ahnen kann. Jubelt mit mir, die ihr mich liebt, und denen ich danke für das Heim, das ihr mir geboten. Seid mir gegrüßt! Ich gehe in Tag und Sonne!’”

„In Tag und Sonne! Wunderbar, liebe Santa!” rief Stein, sprang auf und schwang die Arme in einem elementaren Bedürfnis nach Entlastung. „Das ist Wahrheit! Das ist die Welt der Seele! Ich fühle diese Santa, die sich da um Leidende bemüht und sich nun wieder erhebt in Tag und Sonne!”

Und wieder trat ihm Elisabeths hehre und entsagungsvolle Gestalt voll in Empfindung und Bewußtsein. War nicht auch sie eine Santa? Jahraus, jahrein im engen Krankenzimmer, während ihr Geliebter schönheitsdurstig durch die weite Welt flog!

„Kommen Sie!” bat Ingo, in dem allerlei Gedanken aufgewühlt waren. „Lassen Sie uns wandernd über diese hohen Dinge sprechen! Ich bin nicht zum Stillesitzen geschaffen. Wie machen Sie mir die Welt groß! Ich fange an, die Enge nicht mehr zu fürchten, denn überall kann ja ein Fenster nach der Ewigkeit offen sein. Wir wollen auf den höchsten Punkt dieses Berges klettern, nach San Jeronimo, und von dort aus das Weltall umarmen!”

Der Konsul lächelte über seines jungen Freundes Überschwang.

„Dazu brauchen wir nicht nach San Jeronimo”, sprach er. „Denn wir sind überall umflutet und durchströmt von der Ewigkeit.”

Doch brachen sie auf und wanderten.

Der Nebel hatte sich in einzelne weiße Wolken verdichtet, die nun wie Schwäne hoch oben im tiefblauen Himmel dahinzogen, während ihre Schatten über den Berg schwebten. Stein empfand in sich ein brustweitendes Jauchzen, kein Eremitengelüst. Er sang mit feierlich hallendem Bariton Lohengrins Gesang:

„Im fernen Land, unnahbar euren Schritten, Liegt eine Burg, die Montsalvat genannt; Ein lichter Tempel stehet dort inmitten, So kostbar, wie auf Erden nichts bekannt” ...

Ihm war zumute, als hätte er eine Einweihung durchgemacht und ein neues Land betreten.

„Dieser Gralsberg”, sprach er, „soll das Ende meiner Ausfahrt bilden. Ja, nun kommt die Heimkehr und die Einkehr. Ich habe Bausteine gesammelt zu einer Seelenburg. Kann man nicht auf engstem Raum seelische Kraft entfalten? So will ich im Herzen Deutschlands mein Gralsuchen endigen.”

Bruck freute sich, daß seine Mitteilungen so belebend wirkten. Sie vertieften wandernd ihre Unterhaltung; sie blieben den ganzen Tag im Freien, umgeben von einer mittäglich leuchtenden Ebene, an deren östlichem Rande schmal und silbern das Mittelmeer schimmerte. Erst um Sonnenuntergang stiegen sie wieder den Schluchtpfad hinab ins Kloster, mit leichtem Rucksack, doch Herz und Haupt schwer von Bildern und Gedanken.

„Es ist ein Telegramm da.”

„Für mich?” fragte Stein erschrocken.

„Für uns alle: Schaller will mit seinen Damen, jung und alt, morgen heraufkommen, wenn das Wetter gut bleibt.”

„Ach, nur das! Wenn das Wetter gut bleibt? Das ist eine ungewisse Sache; und ich weiß nicht, ob ich so höflich sein werde, hier im Kloster zu warten. Mich drängt es wieder auf den Berg.”

Tatsächlich zog der Spielmann und Gralsucher am andern Morgen allein aus und hatte keine Lust, auf die Mozart-Mädchen zu warten. Ja, mit einem gewissen Zorn schloß er sich ab; er empfand sich von jener Welt als verschmäht.

Das Wetter war unsicher; und so beschloß der alte Herr zurückzubleiben. Doch Ingo versah sich mit Proviant und Mineralwasser und deutete an, daß er am Ende gar in jener hohen Grotte übernachten werde.

Er kletterte einen andren Pfad empor zu den Trümmern der südöstlichen Einsiedeleien San Juan, Santa Katharina und San Onofrio, die in die Ritzen eines umfangreichen rundlichen Felskolosses eingeklebt sind. Diese Felsen sehen aus wie Bastionen und Rundtürme ohne Fenster und Nietungen. Es steht dort ein Kapellchen. Gitter sind an den Türen dieser kleinen Kapellen; man pflegt kleine Münzen hindurchzuwerfen. Und so lagen viele Kupfermünzen, aber auch etliche Peseten, drin auf dem Steinboden zerstreut, ein kleiner Sternhimmel. Ingo warf ein Silberstück hinein und bat den Heiligen — war es Sankt Johannes? —, mitzubauen an des Pilgers künftigem Seelentempel. Er hatte in der Nacht von Elisabeth geträumt; ihr Bild war immer wieder zusammengeflossen mit der Geistergestalt Santas; und er blieb nun dauernd unter diesem edlen Eindruck.

Der Himmel deckte sich leise zu; es wurde geräuschlos eine Decke vor die Sonne gezogen. Die Luft war still und selbst hier oben schwül. Auf dem Platz der Vögel, im grünen Haingebüsch, freundete sich eine nahe umherhüpfende Nachtigall klugen Auges mit dem Wanderer an. Doch Bruck hatte ihm sein geheimnisreiches Buch mitgegeben — ein Zeichen großen Vertrauens, wie die Damen lächelnd betonten; und so lebte er heute mehr nach innen. Am späten Nachmittag drang er über San Benito wieder hinauf, besuchte noch San Dismas und die andren steil über dem Kloster dem Ostwind ausgesetzten Siedeleien und suchte dann wieder die trockene Felsengrotte von San Salvador auf.

In seinem Rucksack lag neben Taschenlaternchen und Taschenrevolver die indische Bhagavad Gita; aber er brauchte heute keines von den dreien. Ihn fesselte des Konsuls Geisterbuch: dieses Fremdenbuch, worin sich seine Gäste aus Geisterland eingezeichnet hatten. Er ließ Namen wie Simonides oder Zoroaster, Mahatma Kut Humi oder Mahatma Morya auf sich beruhen und vertiefte sich in Ton und Inhalt der Mitteilungen selber. Eine ganze Welt jenseits der körperlichen Sinne und des wissenschaftlichen Verstandes tat sich ihm auf. Und plötzlich entdeckte er lose Einzelblätter, bedeckt mit uralter Schrift, die nach Art asiatischer Schriften in krausen Strichen untereinander geschrieben war: eine Geisterschrift. Daneben die Übersetzung:

„Hammar der Herrscher bin ich genannt. Gewaltig war das Reich, das meine Hand regierte, fruchtbar und von wunderbarer Schönheit; mächtig das Volk, das meinem Willen untertan. Dennoch stürzten wir in den Abgrund, der Herrscher, das Volk, das Land, ja der Weltteil, der uns trug. Die Schuld war mein, die Gier, die in meinem Herzen fraß; nicht die Sucht nach rotem Gold: meine Schatzkammern konnten den Reichtum nicht bergen; nicht der Wunsch nach wonnigem Weibe: keine Frau meines weiten Reiches wagte je mir nein zu sagen; nicht Rachegedanken der Vernichtung meiner Feinde: ich hatte nur einen, dessen Macht mir unbekannt war — brennenden Ehrgeiz nach einem Wissen, das kein Mensch zu erlangen fähig wäre außer mir, nach einem Wissen, das mich in Menschenherzen lesen ließe, das mir ermöglichte zu strafen, wie nie ein Kaiser gestraft, nicht Taten, nicht Worte, nein: Gedanken! Das Volk war seines Herrschers wert: knechtisch sein Sinn, müßig seine Hände, lüstern nach allem Erdengenuß seine Wünsche. Da kam, was unausbleiblich war: die Rache eines, der größer war als ich, durch sein Werkzeug, das ewige Meer. Wir stürzten hinab. Dir aber, niedrig geborenes Menschenkind, bekennt dies heute, den stolzen Nacken beugend, Hammar der Herrscher.”

Und daneben ein zweites Blatt in demselben granitenen Stil:

„Auch ich bin aus fürstlichem Geschlecht und habe in versunkenem Glanz mein Menschenlos erduldet. Jetzt, nach Jahrtausenden, klingt wohl nicht Überhebung aus meinen Worten, wenn ich euch sage: Ich war nicht schlecht, nicht müßig, nicht lüstern nach Erdengenüssen. Dennoch ereilte auch mich die Strafe, weil ich die irdische Liebe der himmlischen voranstellte. Mit Leidenschaft liebte ich Hammar, meinen Herrscher. Der Herr meines Herrn wollte mich nicht verderben und sandte mir einen Lichtgeist, der berufen war, mich zu retten vor dem Zusammensturz. Ich jedoch sagte ihm jauchzend: Mit Hammar unterzugehen gilt mir mehr als eure Himmelsseligkeit! Da brachen Nacht und Verderben über mich herein. Gebüßt ist nun die Schuld, und mit Hammar auf ewig vereint ist Falosa, die nie die Treue brach.”

Klang diese lapidare Kunde nicht wie ein Ton aus der versunkenen Atlantis? Oder aus dem untergegangenen Lemurien? Was für Lebensbeichten in wenigen großzügigen Worten! Wie verschieden von der weichen Santa und den zaghaften Blumengeistern diese heroische Falosa, die nie die Treue brach! Steins Verstand lehnte diese Botschaften ab, seine Phantasie stimmte zu.

„Wenn die unsterbliche Menschenseele”, sprach er, „mehr als einmal auf Erden verkörpert wird: haben wir vielleicht einst auf jener Atlantis gelebt, Friedel und Elisabeth und ich? Haben wir damals vielleicht nicht gesiegt — und sollen diesmal siegen?”

Die Dämmerung begann. Er schnitt mit seinem Messer Gras und Buschwerk zu einem Lager zurecht, hielt plötzlich inne und lachte hallend hinaus, als ihm der Gedanke in den Sinn schoß: Jetzt warten da unten die Mägdlein aus Barcelona! Laß sie warten! Überwunden! Er rollte sich in seinen langen Lodenmantel und schlief in milder Nacht fest und unbehelligt.

Gnomen saßen drollig und treuherzig am Eingang der Höhle und wunderten sich über den Sonderling; es huschten Blumengeister vorüber, Luftgeister machten sich bemerkbar, wisperten, spähten, lachten, tanzten. Dann kamen stärker leuchtende Geistgestalten ehemaliger Einsiedler, verscheuchten die Elementarwesen und wandelten in bedächtigen Gesprächen vor der Grotte hin und her. Die Luft erhellte sich in immer weiterer Strahlung; es sammelten sich in lichten Gestalten Äbte, Fürsten und Könige. Und über dem ganzen Berg begann es zu flimmern. In immer schärferen Umrissen gestaltete sich dort ein kosmischer Kuppelbau aus Gold und Edelstein und durchsichtigem Marmor, von Türmchen und Kapellen umgeben, maurisch im Stil und zugleich romanisch und gotisch, Licht auswerfend in einem ungeheuren Halbkreis; und auf seiner Spitze funkelte rubinrot das Kreuz. Diese Tempelburg ragte durch das Weltall hinauf, strahlend in den Farben aller edlen Gesteine. Sonnen hingen darin wie Ampeln; durch die Kristallwände hindurch glühten viele flammende Pünktchen aus dem unermeßlichen, bis in alle Einzelheiten planvoll genauen Wunderbau. Und alle Geister der Natur staunten hinauf; und erlesene Geister der Menschen machten sich auf und wanderten in unabsehbaren, lichtausstrahlenden Zügen durch die Luft himmelan, zu des Tempels mächtigen Bogentoren, wo weiße Gestalten der Verklärten unter Orgelklang und Chorgesang wartend standen. Je mehr Leuchtgestalten einströmten, um so heller strahlte die Tempelburg, um so voller tönten daraus die kosmischen Harmonien.

Dem noch ungereiften Träumer auf dem Gipfel des Montserrat wurde das Bild zu gewaltig. Er stürzte, er tastete nach irgendeiner nahen, warmen Menschenhand. Da umfloß ihn wohlig weißes Gewölk. Aus dem weißen und weichen Gewölk löste sich eine Gestalt: und lächelnd stand an seinem Lager seine Jugendfreundin Elisabeth.

** *

Neben diesem Phantasieleben vernachlässigte der Gralsucher nicht seine wissenschaftlichen Studien.

Er hatte sich die neuesten Schriften über die Gralsage beschafft, kannte die Forschungen des Indologen Schröder und seines Schülers Junk und deutete mit den Sprachforschern den Namen Perceval als Becherfinder — sich selber und sein Suchen mit diesem Parzival verbindend. Denn ihn fesselten auch wissenschaftliche Spürungen nur so weit, als er sie in seelisches Erlebnis umwandeln konnte. Diese Gralsmythe, wobei die Zahl zwölf von Bedeutung scheint, führte den Spielmann zum Durchdenken des Zahlenspiels, das sich in Mythus, Märchen und Symbolik so gern und mit einer gewissen Gesetzmäßigkeit wiederholt: die zwölf Jahresmonate, die zwölf Tierkreiszeichen, die zwölf Apostel, die zwölf Stämme der Israeliten; die sieben Rosen am Rosenkreuz, die sieben Wochentage, die sieben Brüder im Märchen, die Siebenzahl im Rhythmus des menschlichen Lebens, von der Pubertät mit zweimal sieben Jahren bis zum biblischen Normalalter mit der zehnfachen Sieben. Hier ahnte der Musiker Harmonien und geheime Gesetze. Der ganze Kosmos mit seinen Sonnen, Planeten und Kometen schien ihm ein gewaltiger Körper mit genau geordnetem Blutumlauf. Und er landete schließlich, sonderbar genug, bei einer Betrachtung der alten Cheopspyramide, über die er sich einen Aufsatz in seine Gralsschriften gelegt hatte, und ihrer unlösbaren großzügigen Zahlenrätsel.

Das ließ in ihm die Vermutung aufsteigen, daß eine geheime Überlieferung großer Grundgesetze des Lebens durch die Menschheit gehe, bald hier und bald dort in wechselnden Symbolen und Denkformen auftauchend. Kaum war ihm dieser Gedanke wahrscheinlich geworden, so blitzte in seinem rastlos schaffenden Geiste ein Gefühl der Möglichkeit auf, in welcher Weise die vorchristliche und die außerkirchliche Denkrichtung durch diesen Strom der Geheimlehre mit dem Wesentlichen des Christentums versöhnt werden könnte. Ihn hatte das kirchliche Dogma von Sünde, Buße und dem leidigen Marterholz nie im Tiefsten zu erschüttern vermocht; ein Bußetun in Sack und Asche und die breite Ausmalung der Marterungen Christi schien ihm eine Verzerrung der Menschenwürde und des Seelenadels. Nicht zwar die Tatsache der Reuestimmung selber focht er an und noch weniger die Größe der Opfertat auf Golgatha, jener geheimnisvollen Vermischung göttlichen Blutes mit den Lebensfluten der Erde, wohl aber ihre plastische Herausstellung auf allen Wegen und Stegen. Es gab vielleicht eine derbsinnliche Zeit der Unreife, die das brauchte, wie das Mittelalter seine derben Folterinstrumente; aber ihm schien, als ob hier ein Schematismus die Herrschaft gewonnen habe, ihm schien, als ob die ersten Christen viel mehr den auferstandenen, segnenden, emporziehenden Christus liebeswarm und lebensvoll empfunden hätten. Hier nun, im leuchtenden Symbol des Grals und im anmutig-tiefen Sinnbild des Rosenkreuzes, stellte sich ihm herzliche Ergriffenheit her; sein Schönheitssinn wurde zugleich mit dem ernsten Grundton seiner Seele in Schwingung versetzt. Und so war er verstehend auch mit jenen Mystikern gegangen, die einst gleichzeitig am Rhein entlang religiöse Grundgefühle neu belebt hatten: Seuse, Tauler, Eckehart und Ruysbroeck. Es war poesievolle Frommheit, die bereits in Franz von Assisi unmittelbar die Malerei anregte und Religion mit Kunst versöhnte.

So füllte sich auf dem Gipfel des Montserrat sein Herz mit großen Empfindungen und sein Notizbuch mit Gedanken und Gedichten. So versöhnten sich Spielmann und Gralsucher. Und der Plan eines Buches zeichnete sich in Umrissen an den Horizont: die Versöhnung zwischen Kunst und Religion. Es war kein Aberglauben, dem er anheimfiel, es war Märchenglauben, dessen Bildersprache Wahrheiten einhüllte. Im übrigen blieb der hochgebildete Idealist seinen Meistern treu: Goethe und dem Johannes-Evangelium ...

„Sie glauben nicht, wie es mir eine Wohltat ist, mich mit Ihnen aussprechen zu dürfen, Herr Baron”, sagte der Konsul, als Ingo am folgenden Abend unter strömendem Regen und triefendem Lodenmantel wieder in die Korridore des Fremdenhauses eintrat. „Ich habe mich ordentlich nach Ihnen gesehnt. Schaller ist glücklicherweise nicht aufgetaucht; der verschnörkelte Park Güell in Barcelona gefalle ihm besser als der ganze Montserrat, schreibt er; und ich kann auf das Geplauder jener unbedeutenden Frauen und Mädchen, offen gestanden, hier oben gern verzichten. Aber mit Ihnen kann ich mich aussprechen. Und das tut mir wohl, denn ich bin ein einsamer Mann.”

„Dieses Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit, lieber Herr Konsul”, erwiderte Ingo mit Wärme. „Und wenn's auf mich ankommt, so bleiben wir hier oben nicht drei, sondern dreimal drei Tage.”

Und so kam es auch. Die vier Menschen freundeten sich in diesen stillen, großen und einfachen Verhältnissen herzlich untereinander an. Das Gespräch war beseelt. Manchmal saßen sie bis weit in die Nacht hinein ohne Licht, in Unterhaltung über hohe oder einfache, aber vom Hohen aus verklärte Dinge, während schwere Wolken über die schweren Felsen zogen und die Gebirgspfade in Gießbäche verwandelten.

Auch jetzt noch fühlten sich die beiden wetterfesten Männer zu einfachen Spaziergängen angetrieben, wobei des Berges nasse Öde groß um sie aufgetürmt lag. So wanderten sie zuletzt nach Santa Cecilia, an der unheimlichen Nordwand des Berges entlang.

Der Konsul erzählte von seinen Fahrten.

„Ich habe auf einem Dreimaster vom Schiffsjungen bis zum Steuermann gedient. Sie machen sich keinen Begriff, wie großartig für mich das Gefühl war, als wir in einer Wolke von Segeln über die südlichen Meere flogen, zumal nach einem Sturm, wenn noch tagelang bei bedecktem Himmel schwere Wogen rollen, überflogen vom Sturmvogel Albatroß. Man lernt da gleichsam teleskopisch die Welt betrachten.”

„Hat sich Ihnen, Herr Konsul, vielleicht in den Einsamkeiten des Ozeans Ihre Gabe des Geisterschauens ausgebildet?”

„Das liegt mir doch wohl von meinem westfälischen Vater und meiner schottischen Mutter her im Blute. Ich spreche, wie Sie sich denken können, nicht viel und nicht zu jedermann von dieser Besonderheit. Sehen Sie, es ist ja oft so schmerzlich, wenn mit dem Tode eines lieben Angehörigen die gemeinsame Sprache aufhört. Aber die Menschen, so gern sie vom Reich der Gestorbenen hören möchten, fürchten sich und empfinden es als ein Gespensterland. Oder sie helfen sich mit der bekannten platten Wendung: mit dem Tode sei alles aus. Und doch gibt es auch für den nicht hellschauenden überlebenden Menschen eine Sprache, die drüben verstanden wird: wenn er nämlich Gedanken edler Liebe dem Verstorbenen zusendet. Das wirkt auf den Hinübergegangenen wie eine wohltuende Kraft. Und sehen Sie, mein lieber Herr Baron, hier öffnet sich nun eine Brücke, die jeder Mensch betreten kann, sobald er einmal das Wesen wahrer Liebe erfaßt hat. Zwar der fassungslos tobende Schmerz etwa einer Mutter um ihr Kind fördert nicht, sondern beschwert eher den kleinen Geist. Und manche Abgeschiedene sind drüben anfangs ebenso verstört und unglücklich wie die Zurückgebliebenen, wenn sie unreif und unvorbereitet hinüberkommen. Aber die Wissenden und selbstlos Liebenden, die schon im Erdendasein auf das Übersinnliche eingestellt waren: wie ruhig und einfach fahren sie an das andere Ufer! Sie winken sich zu und sagen: Auf Wiedersehen! Der Tod ist ja nur ein Wechsel der Daseinsform und der Wirkungsweise. Und wenn der überlebende Freund hinüberkommt, wird er empfangen von allen, mit denen er hier schon durch Bande unvergänglicher Liebe magnetisch verbunden war.”

„Ist das also wirklich Tatsache? Kein von Menschen erfundener Trost?”

„Das ist Tatsache. Wer ins Geisterland schauen kann, der weiß das. Haben Sie mir nicht von jenem Oberlin erzählt, der sich mit seiner gestorbenen Gattin unterhielt? Zwiesprache solcher Art kann ich aus Erfahrung bestätigen. Im übrigen ist die Kluft zwischen Diesseits und Jenseits nicht zwecklos. Wir haben hier unsre Aufgabe zu erfüllen, und jene drüben die ihrige. Es geschieht dies alles nach großen Gesetzen. Aber in allem waltet als oberstes Gesetz die göttliche Liebe und Weisheit. Das hat der Sendbote von Golgatha verkündet, der von drüben kam und es wußte. Und von der Wahrheit dieser Botschaft bin ich bis in das Tiefste durchdrungen.”

So sprach der ungewöhnliche Mann.

Und hier stellte nun Ingo eine bedeutsame Frage, die so einfach klang und so oft schon die Menschheit aufgewühlt hat:

„Was halten Sie von Christus?”

Des Spielmanns Begleiter schaute, mit einem eigenen, tief ernsten Blick, ins Weite. Der Ausdruck dieses wetterbraunen Gesichtes wechselte. Offenbar wog er nun sorgsam ab, was er sagen wollte.

„Es ist das tiefste Lebens- und Liebesgeheimnis des Sonnensystems. Wie die Sonne zu den Planeten, so verhält sich dieses hohe Lichtwesen zu den Seelen der Erschaffenen. Das Kreuz hat die Gestalt eines Menschen mit ausgestreckten Armen; es ist das Symbol jenes Lebens, das sich liebend opfert. Das Kreuz ragt durch den Kosmos: es ist die Weltesche Yggdrasil. Und vor dem Glanze des Herzens, das im Mittelpunkte dieses Kreuzes glüht, erbleichen die Gestirne.”

Der Konsul hatte leise und mit Ergriffenheit gesprochen.

„Verzeihen Sie,” fügte er wie entschuldigend hinzu, „man darf von diesen Dingen nur in Andacht sprechen. Meine Mitteilungen von Gnomen und andren Geistern sind Spielerei neben der Gewalt und Größe des Kreuzes oder des Rosenkreuzes.”

Der sonderbare Mann wuchs vor Ingos Augen und schien ein andrer zu sein als zuvor.

„Das Rosenkreuz?” fragte der Landsmann der heiligen Elisabeth. „Können Sie mir Näheres darüber sagen?”

„Es ist ein Kreuz von dunklem Holz, aus dem im Kranze sieben rote Rosen blühen. Sind Sie niemals Menschen begegnet, aus deren reifem und gütigem Wesen Leuchtkraft ausging? In diesen Menschen glüht das Rosenkreuz. Denn die niedren Kräfte ihrer Natur haben sich verwandelt in die Rosen der Liebe. Die glühenden Wunden sind blühende Blumen geworden.”

„Das ist herrlich!” rief Ingo. „Demnach ist das Kreuz die Materie oder die Natur — und die Rosen sind das Geistige oder Ewige, was daraus erblüht?”

Nun blieb der Konsul stehen. Er war unbedeckten Hauptes, da er fast immer ohne Hut ausging, auch bei kühlem Wetter.

„Und sehen Sie,” sprach er mit Kraft und Feuer, „das eben ist der andre Weg zum Erfahren der Unsterblichkeit. Sie brauchen nichts von meinen Geistern zu wissen, Sie brauchen nicht an sie zu glauben. Aber wer einmal das Wesen wahrer Liebe erlebt hat, der spürt und weiß, daß diese Seelenkraft unvergänglich ist. Ihm braucht die Ewigkeit der Menschenseele nicht bewiesen zu werden, denn er erlebt sie. Wir Seher bestätigen ja nur, was schon als Ahnung und Gefühl in jeder erwachten Menschenseele sicher verankert ist. Oder glauben Sie, daß durchleuchtete und liebende Menschen noch nach Beweisen für die Unsterblichkeit umhertasten?”

„O nein!” erwiderte Ingo mit vollem Verständnis. „Denn das Unsterbliche ist ja in ihnen aufgeblüht.”

„Aufgeblüht!” rief der Seher. „Das ist das Wort! Aufgeblüht! Und nun setzen Sie statt der leuchtenden Rosen den leuchtenden Gral — und Sie haben das Geheimnis!”

So war Ingo auf eine neue Höhe geführt worden.

So verstanden sich Jungmann und Meister ...

** *

Der Einsiedlerberg Montserrat bedeutete für den Wanderer Läuterung und Einkehr. Ingo räumte in seinem Herzen den Platz frei für einen Tempelbau.

Nicht Zerknirschung in Sack und Asche lag seiner männlich-elastischen Erscheinung, der ein Mozartzopf nebst Galanteriedegen recht artig gestanden hätte, wohl aber schlichte Erkenntnis und reines Empfinden dessen, was bisher versäumt und was künftig aufzubauen war. Das Rätsel der Sphinx scheint ja so schwer und furchtbar und ist doch nichts weiter als die klare, nahe, mutige Einsicht in Wesen und Würde unsrer unsterblichen Menschenseele.

Ein tief empfundener Brief ging an Frau Friedel hinaus; ein herzlicher Gruß an Elisabeth; warme, gute Worte an Bruder und Vater. Und als ihm sein Freund, der Schriftsteller, aus nordischen Studien heraus eine Ansichtskarte sandte, ein Waldbild von Birken und Tannen, ergriff den Pilger das Heimweh nach Orgelton und Tempelstille des innig geliebten deutschen Waldes. Stand noch die Tanne vor dem alten Thüringer Herrenhause?

Die vorletzte Nacht auf dem Montserrat war wieder voll Schwermut. Wie viel gute Arbeit hatte der Wanderer auf all der Irrfahrt versäumt! Als er sich nach seiner Gewohnheit mit raschem Schwung zu Bett warf und in die Wolldecke hüllte, streifte er die halbvergessene Laute. Es klang ein Ton in die schmucklose Zelle. Da empfand er sein Leben wie ein wehmütig Märchen, dessen irrender Held immer im Zauberkreise umherwandert.

„Es war einmal ein Dümmling, der lief von Heimat und Jugendfreundin fort und rannte in wunderlichen Windungen hartnäckig einem verschleierten Frauenbild nach. Und als er endlich die ersehnte Gestalt erreicht hatte und ihr den Schleier vom Angesicht riß — wen sah er? Seine Jugendfreundin!” ...

In unerwarteter Wendung wies ihm das Schicksal den Heimweg.

Denn am neunten Tag kam eine Karte aus Genf.

Dieser Kartengruß erregte des Spielmanns Phantasie bedeutend.

Wallace und Leroux, seine Bekannten von der Riviera, schickten diese unvermutete und aufstörende Botschaft. Sie hatten sich in Genf mit Freiin Elisabeth von Stein-Birkheim bekannt gemacht und sandten nun gemeinsamen Gruß.

Jetzt war es mit Ingos Sammlung zu Ende. Mit einem Schlage sah er seinen Pfad erhellt. Elisabeth in Genf?! Und bei Wallace und diesem koketten Leroux?! Er wurde unruhig. Lebenshunger durchglühte wieder den gesunden und kräftigen jungen Mann.

Schon am nächsten Nachmittag, immer rasch in seinen Entschlüssen, saß er auf der Bahn, nach einem herzlichen, ja innigen Abschied von den Freunden, und fuhr über Barcelona wieder nach Norden.

Illustration from Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart
Illustration from Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart

Achtes Kapitel Am Genfer See

O ihr seid stark und wißt es nicht, Denn stark ist nur der Liebe Band.

Droste-Hülshoff

E
E

E lisabeth von Stein-Birkheim saß mit ihrer Mutter am Fenster eines Genfer Hotels.

Die edlen Profile der aristokratischen Damen hoben sich in der Beleuchtung des späten Nachmittags deutlich hervor. Beide Langköpfe glichen einander in der graden Stirn und Nase und ebenso in der Knotung der schweren Haare. Nur war die alte Dame silberhaarig, die junge dagegen von einem matten Rotblond; und dem bleichen, etwas gelblichen Antlitz der zurückgelehnten Kranken entsprach auf der andren Seite die zartrosige Gesichtsfarbe der immer grade sitzenden Elisabeth.

Sie hatte aus einem Roman des Franzosen Romain Rolland vorgelesen, der sich durch sonnige Stimmung abhebt von den üblichen Erzeugnissen dieser Art. Aber die Damen hatten dabei festgestellt, daß ihr Französisch ziemlich verblaßt war; Elisabeths lange und feine Hand hatte mit störender Häufigkeit das Taschenlexikon befragen müssen. Nun griff sie wieder zu ihrer Stickerei und gestand ihrer Mutter, daß sie sich jetzt erst wieder auf vertrautem Boden fühle.

In läßlichem Geplauder gingen einige Minuten vorüber. Dann schlug Frau von Stein plötzlich ein Gespräch an, das scheinbar ohne Zusammenhang mit dem Vorausgehenden in der Luft hing.

„Ich muß mich immer wieder verwundern,” sprach sie in ihrer vornehm gedämpften und ziemlich kühlen Art, „wie es dieser Phantast Ingo so lang im Ausland, in Frankreich oder wo er sich sonst herumtreibt, aushalten mag. Er scheint doch von der hübschen Trotzendorff mehr als schicklich engagiert zu sein.”

Die betagte Dame sprach mit einer etwas dünnen, spröden, vor Alter und Gebrechlichkeit leicht zitternden Stimme; und sie sprach sehr langsam und bedächtig, fast ein wenig geziert.

Elisabeth gab zunächst keine Antwort; denn da war eine wehe Stelle, die bei der leisesten Berührung empfindlich schmerzte.

Dann aber äußerte sie leichthin:

„Laß du ihn nur ganz ruhig auf seinen Meeren fahren, Muttchen! Er wird sich schon einmal wieder an Land finden.”

Ihre Stimme war um manche Grade voller und herzlicher als die ihrer eingefallenen, vertrockneten Mutter, obwohl sich im zurückhaltenden Ton beide Damen glichen.

Dann schwiegen sie wieder. Frau von Stein zog die Decke fester um die Knie, faltete die Hände und schloß ein wenig die Augen. Auf der Straße fuhren die Wagen; jenseits des Hafens schimmerten bläulich die beglänzten Alpen. Doch der breite, weiße Montblanc, der sonst wie ein Weihnachtsland zwischen den Gipfeln des Môle und des Petit-Salêve herüberschimmert, blieb heut' im Duft verborgen.

„Ich verstehe nicht,” spann die Mutter nach einem Weilchen hartnäckig den Faden weiter, „wie er sich so auffallend an die Trotzendorffs anschließen konnte. Ihnen zuliebe hat er sich in Weimar die Wohnung eingerichtet und ist auf dem Gute überhaupt nicht mehr zu sehen. Alle Welt spricht davon, und dieses Verhältnis ist auch ganz und gar nicht zu billigen, das wirst du mir nicht bestreiten, Elisabeth.”

Elisabeth bestritt es nicht. Sie nahm sich zur Antwort Zeit und sagte nach einer besinnlichen Pause:

„Nun, Mama, es ist aber schließlich doch wohl zu begreifen. Unter seinen Verwandten und früheren Freunden ist er mit seinen poetischen und musikalischen Interessen so gut wie gar nicht verstanden worden, das wirst du doch zugeben. Und dann — Frau von Trotzendorff ist eben eine Künstlernatur, die ihn versteht. Auch die beiden Knaben hängen sehr an ihm, und Richard ist von Kopf zu Fuß ein Edelmann.”

„Das ist ja wohl wahr”, nickte die Freifrau. „Dieser Major von Trotzendorff ist ein Gentleman, ein nobler Charakter, das muß man gelten lassen. Aber es ist doch nicht schicklich, dieses ganze Verhältnis; der Gatte sollte minder tolerant sein. Nein, nein, du redest mir das nun einmal nicht aus! Dieser Ingo ist überhaupt sonderbar; ich habe ihm nicht vergessen, wie er einmal über den preußischen und pommerschen Adel demokratisch abgeurteilt hat. Das sind Anwandlungen, die in seine Familie ganz und gar nicht passen. Ich bitte dich, am offenen Tisch zu behaupten, einem richtigen ostelbischen Junker sei ein Kalb wichtiger als ein Dichter! Wie kann ein Sohn aus altem Hause so unfair über Standesgenossen urteilen! Aber so ist er!”

„Wenn er aber nun recht hätte, Mama?”

„Elisabeth!”

„Im Ernst, Mutti: wofür hat zum Beispiel Ingos Bruder Interesse? Für Hunde, Jagd, Pferde, landwirtschaftliche Ausstellungen — und was noch?”

„Ja gewiß — aber — er ist doch nun einmal Landwirt! Gewiß, ich gebe ja zu, Ingo ist ein intelligenter Mensch. Aber wie weit hat er es denn gebracht mit all seiner Intelligenz? Und weil er es zu nichts gebracht hat, droht er nun zu verbittern und zieht sich von den natürlichen Lebensgewohnheiten seines Standes ins Ausland zurück. Voilà, ma chère! Das bestreite du mir einmal, wenn du's vermagst! Er hätte Offizier werden oder sich dem Staatsdienst widmen sollen. Solche Talente gehören in die Nähe Seiner Majestät, er wäre da sicherlich ein großer Mann geworden.”

„Hast du in der Nähe Seiner Majestät schon einmal große Männer gesehen?”

Es zuckte ironisch um Elisabeths Mundwinkel; sie war sonst sehr gehalten, sehr höflich und herzlich, sehr konservativ. Aber mitunter brach eine sinnlich-wohlige Laune aus diesem gesunden Mädchen heraus, dessen Lebensgeister einst in verliebten Stunden wachgeküßt worden und nun seit langem nur der Krankenpflege zugekehrt waren. Und in solchen Stimmungen kamen, immer noch fein und dezent, aber recht merklich, Kobolde und Neckgeister über die ehemalige Schwester vom Roten Kreuz. Es gelüstete sie dann, gerade ihre allzusehr auf das Schickliche bedachte Mutter in die Enge zu treiben.

„Elisabeth, ich weiß wirklich nicht, wie du mir heute vorkommst”, wehrte sich Frau Mathilde von Stein. „Du weißt doch ganz gut, was ich mit dieser Bemerkung sagen will. Ich habe ja absichtlich dem Gespräch eine Wendung gegeben, die dir angenehm sein muß. Stein ist begabt, er könnte ebensogut wie ein anderer etwa Generalintendant der Königlichen Schauspiele sein, das will ich damit nur sagen.”

„Hältst du die Generalintendanten der Königlichen Schauspiele für große Männer?”

„Aber es sind doch Leute von Titel und Rang! Stein hat doch gewiß ebensoviel Verstand!”

„Glaubst du, daß zum Generalintendanten Verstand gehört?”

„Ja aber — hör' mal, Kind, du willst mich heute ärgern!”

Elisabeth sprang lachend auf, legte den Arm um ihre Mutter und küßte sie in einem närrischen Anfall ordentlich ab.

„Muttichen, kleines, du hast ja keine Ahnung, wie es draußen in der Welt zugeht! Aber auch gar keine Ahnung hat unser kleines, dummes Muttichen!”

Die Baronin ärgerte sich, zupfte sich wieder zurecht, und die Baroneß nahm ihre Stickerei wieder auf.

„Über diesen Ingo von Stein werd' ich mich mit dir schwerlich jemals verständigen, Elisabeth”, schloß die alte Dame etwas verdrießlich die Unterhaltung über diesen Gegenstand. „Du hast ja schon als Kind immer zu ihm gehalten. Und heute noch stellst du dich wie ein Engel mit dem Schwert neben ihn, sobald man diesen absonderlichen Herrn ein wenig zu kritisieren wagt. Und dabei hat er doch wahrlich nicht schön an dir gehandelt.”

„Laß das, Muttchen!”

Eine stärkere Röte stieg in Elisabeths Schläfen empor. Sie preßte die Lippen aufeinander, entschlossen, auf das Gespräch nun nicht mehr einzugehen. Die Mutter kannte diesen Zug und schwieg. Und so hatte sie Zeit, an den Geliebten zu denken, den diese Unterhaltung wieder heraufbeschworen hatte. Sie ertappte sich plötzlich auf der sinnlich-süßen Vorstellung, wie innig und närrisch er doch zu küssen und zu kosen verstand, nicht nur ihren Mund, auch ihre Ohrläppchen und andre Lieblingsstellen, wenn er einmal so recht in der Narrheit drin war. Ihr selbst war eine passive, aber zähe Sinnlichkeit eigen; sie preßte ihn in ihre starken Arme, als wollte sie ihn nie mehr fortlassen, und ließ mit Wonne seine phantasiereichen Koseworte über sich herabrieseln, als hätte sich der Himmel geöffnet und Jupiter besuchte seine Geliebte in Form eines Goldregens. Der Geliebte war oft stürmisch, doch niemals roh; aber oft auch zornig, weil „der Stein nur Stein umarme”!

Und da wurden ihre Gedanken düster und wurden sehr beschattet. Denn hier fing das Leid ihrer Trennung an. Sie war gegenüber seinen sturmhaft-närrischen Einfällen und Zärtlichkeiten zu schwerfällig, zu unerfinderisch, während ihm Genialität aus allen Poren sprühte und dann unbefriedigt und verdrossen wieder erlosch.

Dies alles, oft schon durchdacht, zog wieder einmal durch Elisabeths reifes und tiefes Gemüt.

In einem der letzten Briefe hatte er ihr damals geschrieben, er sei in der umgekehrten Lage als jener griechische Bildhauer: „während jener Glückliche die schöne Statue lebendig geküßt hat, wirst Du unter meinen Küssen immer mehr zur schönen Statue”. Oh, sie wußte diese Briefstellen auswendig! „Hast Du je um Deinen Geliebten gekämpft? Hast Du nicht immer bequem gewartet, bis er zu Dir kam? Hast Du je eine kühne, meinetwegen unschickliche Fahrt gewagt, wenn Du ihn in seelischer Not wußtest?” So stand in jenen letzten Briefen. „Du bist reinlich und ruhig, höflich und herzlich; aber Dir fehlt Phantasie und Philosophie, Du bist schwer, statt schwungvoll.”

„Ja, das ist alles wahr”, dachte Elisabeth in immer erneuter Beschämung. „Und was ich ihm nicht geben konnte, das hat ihm dann jene Frau gegeben.”

Es stieg ihr siedend heiß das herbste und letzte seiner Zornworte in der Erinnerung empor; auf sein letztes Buch, das er ihr mit langem Brief gesandt, hatte sie nur in der ihr eigenen konventionellen Kürze geantwortet: das Buch wäre recht „nett”, und sie danke schön dafür. Da brauste er aber heftig auf. „Ich sende Dir mein Herzblut — und Du findest es nur nett?! Abscheulich Wort! Pfui, schäm' Dich!”

Ja, sie schämte sich. Elisabeth schämte sich bitterlich. Das war sein letzter Brief gewesen. So hatten sie sich verloren. Weil sie zum Mitfliegen zu lässig und oberflächlich war. Aber inzwischen hatte Elisabeth in Pommern drei aufrüttelnde Lehrjahre durchgemacht. Jetzt glaubte sie Ingos Bücher und Briefe zu verstehen; und sie gab ihm recht in allem, sich selber die Schuld aufbürdend und für ihn betend jede Nacht ...

Es pochte.

Der Oberkellner trat ein, überreichte einen Blumenstrauß nebst Briefchen und entfernte sich wieder.

„Gewiß wieder von dem reizenden jungen Franzosen”, meinte die Mutter. „Das ist ein wirklich charmanter Mensch.”

„Ja, von Leroux. Er sendet dir die Blumen, Mama, und mich lädt er zu einer Kahnfahrt ein.”

„Tu das, Kind, geh ein wenig an die Luft! Du tust mir sogar damit einen Gefallen, denn ich möchte recht gern ein klein wenig ruhen, es war heute reichlich viel Lektüre.”

So machte sich denn Elisabeth zurecht und war Weib genug, in ihrem Zimmer verhältnismäßig lang vor ihrem Spiegel zu stehen. Sie war nach der Grübelei wieder in jene lebensheitre Stimmung zurückgeschnellt und in ihrem kribbelnden Blut beinahe zu Streichen aufgelegt.

Der mattleuchtende Vollmond stand schon über dem Gipfel des Môle und wetteiferte vorerst machtlos gegen die stark hereinschimmernde, das ganze Land beherrschende Abendröte. Der junge Pariser war entzückt, daß die Baroneß auf seinen Vorschlag einging. Sie wanderten miteinander den Quai du Montblanc entlang, nahmen am Hafendamm ein Boot und fuhren hinaus.

Veilchenfarben glänzten Luft und See. Die ölige Fläche war von zauberhafter Glätte; lange Furchen blieben hinter Schwänen und Nachen weithin eingegraben in die schweren, stillen Wasser. In diesen bezaubernden Farben ruderten die beiden jungen Menschen durch die unbewegte Flut und spürten auch in sich den alles belebenden Mai.

René Leroux war eine eigenartige Mischung von Kindskopf und kultiviertem Pariser. Er entbehrte bei aller muntren Treuherzigkeit nicht ganz des koketten Raffinements. Da sich die beiden sympathischen Herren als Freunde Ingos eingeführt hatten, so war rasch ein vertraut-höfliches Verhältnis zu den deutschen Damen hergestellt, die ziemlich neugierig waren, Näheres über den abenteuernden Verwandten zu hören. Die kränkelnde Freifrau brauchte viel Ruhe; Elisabeth war also dankbar für diesen willkommenen Anschluß, der sich in den besten Formen der Gesellschaft vollzog.

Das große deutsche Mädchen hatte auf den etwas jüngeren Franzosen sofort einen unwiderstehlichen Eindruck gemacht. Er war elektrisiert. Wie reif! wie ruhig! wie edel in der Bewegung! wie hübsch die Büste, das Haar, der ganze schlanke Bau, der an jene herrlichen Statuen am Südportal des Straßburger Münsters erinnerte: Kirche und Synagoge! Er konnte seine schwarzen Augen kaum von ihr abwenden. Es ist sogar zu vermuten, daß er mit dem Namen Stein erst dann auf Fischfang ausging, als ihm diese Trägerin des Namens auch als Weib angenehm aufgefallen war; an sich hätte ihn eine Verwandte Ingos vermutlich kaum interessiert. Doch blieb er bei aller Verliebtheit doppelt ehrerbietig; und besondere Höflichkeiten verschwendete er klugerweise an die Mutter. Er lauschte sich in die Interessen der Damen hinein; er war es, der ihnen die Romanreihe „Jean Christophe” empfohlen hatte; er fühlte sich belebter und vornehmer im Bannkreise Elisabeths. Und es war bei ihm ein ehrliches Empfinden, kein Täuschungsversuch; er war von der eher herben als eigentlich schönen, doch äußerst anziehenden und eindrucksvollen Erscheinung des thüringischen Edelfräuleins hingerissen.

Das Weib Elisabeth merkte dies. Und das Weib blieb nicht gleichgültig, nicht unberührt. Wieviel Lebenshunger war in ihr angestaut! Und so antwortete irgend etwas in ihrem Organismus den sinnlichen Strahlungen des heißverliebten Franzosen ganz von selber. Denn die Sehnsucht nach Ingo brach immer wieder aus geheimen Quellen empor, überflutete Adern und Nerven und ließ die volle Brust zu eng werden. Dann kam sie sich wie eine unbenutzte Kraftfülle, wie verschmähte Gesundheit vor; und der Verdruß des Wartens und Alleinseins bäumte sich auf Augenblicke in ihrer edlen Natur hochauf, ohne daß sie sich dagegen wehren konnte. Es waren Wallungen, die nicht dem Willen zugänglich waren, Wallungen der rätselhaften weiblichen Natur.

So war es auch heute.

Leroux hatte das Herz voll von sinnlicher Schwärmerei für das vor ihm sitzende, mit Kraft geladene junge Weib, das er hier über den leuchtenden Genfer See ruderte; und es schien nur einer Berührung zu bedürfen, so sprühten elektromagnetische Funken aus diesem Kraftbehälter weiblichen Reizes. Er schaute sie flammend an, sie senkte den Blick; dann lachte er wieder unbefangen und radebrechte das drolligste Deutsch, und sie lachte mit. Unauffällig veranlaßte sie ihn, von seinem Zusammensein mit Ingo zu erzählen. Der helle Pariser wußte darüber wenig zu sagen, aber er erfand nach Kräften hinzu, um ihr Freude zu machen. Dann kam er auf sich selber zu reden; und im Handumdrehen war er mitten in der flüssigsten französischen Liebeserklärung, die sich zu heißen Worten steigerte. Er trug ihr schlankweg seine Hand an. Er sei ein Sohn aus reichem und gutem Hause, er würde Deutsch lernen, auswandern, nach Kanada, nach dem Monde, sogar nach Thüringen, wenn sie ihn wolle, denn er liebe sie leidenschaftlich. Und er warf die Ruder in den Kahn und ergriff ihre Hände, die in der lauen Flut gespielt hatten.

Jetzt erschrak Elisabeth denn doch über diese andringende Glut; aber sie entzog ihm die Hände nicht. Sie verglich nur blitzhaft die stürmische Werbung dieses Ausländers mit der Teilnahmlosigkeit ihres ehemaligen deutschen Geliebten. Solche Gefühle kannst du erregen, dachte stolz das Weib in ihr, und Ingo hat dich verschmäht! Ach, das kurze Leben! Mißachtet und verlassen am Wege liegen zu bleiben, — o wie bitter! Und hier lockt berauschende Leidenschaft! Hier lockt das Feuer eines hübschen jungen Mannes und will deine Kühle hinwegschmelzen und bietet dir seine Küsse und sein ganzes Sein und Haben an! ... So saß Elisabeth mehrere Minuten in der beginnenden Maienmondnacht, äußerlich mit abweisendem Gesicht ins Wasser schauend, aber die Hände in ihres Bewerbers heißen Händen und überschüttet von den Liebesworten des lebhaften Kelten.

In solchen Sekunden hängt eines Weibes Schicksal an einer geringsten Bewegung, an einem Nichts. Aber Elisabeth strömte auch in dieser bedenklichen Stunde, wo ihr Blut für männliche Werbung empfänglich war, eine natürliche Reinheit aus. Es war in ihrem Antlitz so gar kein Zug schwächlichen Entgegenkommens, daß der Bedrängende nicht wagte, über das Schickliche hinauszugehen. Sie entzog ihm endlich die Hände, strich über die Stirne und schaute ihn mit fernen Blicken an. Die Bezauberung wich.

„Es ist eigentlich nicht liebenswürdig von Ihnen, Herr Leroux,” sprach sie, und es war wieder der ruhige Ton ihrer Mutter, „daß Sie mich da ganz unvermutet auf einer Kahnfahrt mit so ernsten Dingen überfallen. Das müssen Sie über Nacht einmal ruhig überlegen. Ich nehme an, daß Ihr Wunsch, mir Angenehmes zu sagen, Sie fortgerissen habe. Wir wollen nicht mehr hierüber sprechen. Es wäre ja schade, wenn wir uns diesen schönen Abend stören würden. Nicht wahr?”

Und sie hielt ihm lächelnd und nun wieder ganz überlegen die Hand hin, die er sofort nervös und lachend schüttelte; worauf er elastisch zu den Rudern griff und ausrief: „Verzeihen Sie mir, aber der Abend und Ihre Nähe berauschen mich!”

„Der Abend? Es ist ja Nacht! Nun schnell zurück! Wir sind ja da fast zu dem Park Monrepos hinübergetrieben und sicherlich wohl schon halbwegs nach Coppet geraten! Flink! Oh, sehen Sie nur, die Lichterreihe von Genf! Und sehen Sie dort: der Vollmond. Und hier der feurige Drache, der Dampfer! Nur flink weiter, sonst ängstigt sich meine Mutter!”

So fuhren sie in die Lichter zurück, die in großem Halbkreis um den Genfer Hafen stehen. Und der gewandte Franzose suchte unter doppelt lauten und heitren Gesprächen seine Niederlage zu verbergen ...

** *

Ingo von Stein war von Barcelona, nach flüchtigem Besuch bei Schaller, direkt nach Avignon durchgefahren.

In der wohlbekannten Papststadt wurde Rast gemacht; die spanischen Eindrücke verlangten hier noch einmal Verarbeitung. Jetzt stand er einsam auf dem Rocher des Doms oberhalb der Rhone, wo er einst mit Friedel von jenem Mädchenphantom geplaudert. Und ihm war, als wären Jahre, nicht Wochen, seit seinem letzten Aufenthalt in Avignon an ihm vorübergerauscht und hätten ihre Spuren hinterlassen. Baumwipfel schienen vor der Aussicht hinweggeräumt, der Blick wurde frei, Jugendland tat sich abermals auf; Cousine Elisabeth stand am Parktor und winkte dem gereiften Pilger; und sie traten ein in das Freiland maßvoll beruhigter Schönheit und Weisheit und Liebe.

Wunderlich war es, wie er sich nun nach Elisabeth sehnte! Diesem Drange frischweg folgend, fuhr er vom reizvoll ummauerten kleinen Avignon über die offene große Handelsstadt Lyon immerzu das Rhonetal hinauf nach der ernsten Calvinistenstadt Genf und stieg dort in demselben Gasthof ab, in dem die Damen und ihre beiden jungen Begleiter wohnten.

Gerade als Leroux und Elisabeth das Boot betraten, zog Ingo im Hotel seine erste Erkundigung ein. Ja, diese Gäste wären hier, gab man ihm Bescheid, aber außer der leidenden alten Dame alle ausgegangen. Wohlan, so wusch er sich denn auf seinem Zimmer und trat dann gleichfalls hinaus in die Zauberfarben dieses unvergleichlichen Maienabends. Allen Damen am rosig hellen Ufer spähte er unter den Hut: ist sie dies? oder jene dort? Nach den seltsamen Fahrten dieses Frühlings überwältigte ihn das Verlangen nach deutschen Lauten, nach thüringischen Gesichtern, nach fester Erdenwirklichkeit. Und hier also, unter diesen Menschen, die sich in verklärender Beleuchtung am Strand ergingen, irgendwo unter diesen Menschen mußte auch Elisabeth sein. Es gab also hier eine lebendige Seele aus Fleisch und Blut, die er sein nennen durfte! Seine Elisabeth! Die ihn heute noch liebte wie vor fünfzehn Jahren, als sie ihm unter dem Herbstgold thüringischer Buchen den ersten Kuß der Liebe gab!

Er ging aufmerksam spähend am Strand entlang bis zum Park Monrepos.

Auch auf die Boote, die reinlich abgezeichnet auf silberner Flut schwammen, richtete er sein scharfes Auge. Es bemächtigte sich seiner ein feines Fieber besorgter Unruhe. Wo ist sie? Ausgegangen mit Wallace und Leroux? Oder nur mit einem der Herren — und mit wem?

Die Boote beobachtend, blieb er mit plötzlichem Erschrecken stehen: die hohe Dame dort im Nachen mit dem starken Haar und dem graden Wuchs — war sie das nicht? Er spähte lang in die sinkende Nacht hinein; sie hatten die Ruder eingezogen, sie hielten sich an Händen. Allein das war wohl schon die dritte oder vierte Dame, die er heute abend für Elisabeth gehalten hatte. Er lachte sich selber aus und kehrte ins Hotel zurück.

„Noch nicht zurückgekommen?”

„Bedaure, nein.”

„Aber es ist ja Nacht.”

„Herr Wallace kommt immer spät zurück, denn er malt im Gebirge. Herr Leroux und Fräulein von Stein haben wahrscheinlich wieder eine Kahnpartie gemacht.”

„So, so!”

Er schwieg einen Augenblick, biß sich auf die Lippen und warf dann die Worte hin:

„Sagen Sie weiter nichts, daß sich jemand nach den Herrschaften erkundigt hat. Es wird sich ja morgen alles finden. Schicken Sie mir den Kellner auf mein Zimmer, ich werde oben eine Kleinigkeit essen.”

Der umhergetriebene Troubadour schlief in dieser Nacht keine Stunde.

Doch sein Tagebuch füllte sich mit peinvollen Gedanken.

** *

Aus Steins Tagebuch:

Von Lord Byrons großzügigem Pathos, von Shelleys Himmelsflug, von Voltaires Diabolik und Rousseaus dumpf-ungestümem Freiheits- und Liebesdrang sind an diesem Genfer See noch Strömungen in der Luft ...

Es ist Nacht: Zeit der Dämonen. Zeit der Sonnenferne, Zeit der Mondherrschaft. Es ist Nacht: Gespenster- und Verräterstunde! In der Nacht verriet Petrus den Herrn; als der Hahn krähte, als die Sonne wieder alles Leben beleuchtete, erwachte sein höheres Ich zum Bewußtsein der niedrigen, sonnenfernen, gottfernen Tat ...

Teile der Nacht sind in uns allen. Unbetretene Schluchten, luziferische Mächte, Dämonen des Abgrundes. Und Diabolik oder Koboldwesen und Nixentum steckt auch in jedem naturstarken Weibe ... Elisabeth ist naturstark ... Freilich, das edle Weib beherrscht die Dämonen; sie werden dann Freunde und dienen der stolzen Herrin. Aber das schwache Weib? Das läßliche und passive Weib? ...

Ich bin furchtbar allein! ...

O mein Gott, wie grauenhaft bin ich allein! ...

Zum erstenmal in meinem einsamen Leben wahrhaft mutterseelenallein! ...

Klammre dich nicht an ein Weib, mein Herz! Ein Weib kann nicht geleiten, kann nur begleiten, wenn du selber stark bist. Sie kann den Lebenskampf erleichtern, aber nicht bedeuten, nicht dir ersparen; sie kann Reizmittel sein, nicht Nahrung. Nahrung aber müssen Mann und Weib aus übersinnlichen Sphären holen. Wenn dir dahin der Pfad versperrt ist, wenn du nimmer glaubst an Sitte und Gottheit — dann allerdings ist Geschlechtslust dein niederträchtiger Ersatz — und Zerrüttung das Ende!

Das ist des Lebens Tragik: bei innigster Liebe und reinster Absicht in entscheidenden Stunden ganz allein zu sein! Es gibt Stunden, die dir den Atem benehmen, wo du mit niemandem sprechen kannst, auch nicht mit dem besten Freunde. Das muß allein durchgekämpft werden. Beiß Zähne zusammen! Kämpf' es durch! Sprenge die Rinde! Neue Kraft formt neue Lebensrinde! Und nicht bitter werden, nicht bitter! Es ist wie ein Sterben, denn du mußt dich von etwas Geliebtem trennen. Doch morgen bist du hindurch — und die Wunde wird vernarben — und du bist stärker als zuvor ...

Ich spüre die Geisterfreunde vom Montserrat, ich spüre die Jungfrau von Lourdes. Habt Dank! Bald bin ich vollends in eurem unbekannten Lande, wo es nur Liebe gibt, nur Treue ...

Als der Vollmond über den See hing, Als die tückisch bewegliche Welle Ruhigen Lichtes lag, nur leise blinzelnd — Dacht' ich, wie diese falsche Woge Tückischen Sturmes fähig sei, Schneeweiße Fäuste ballend, Ein zornig Weibchen — das gestern Zärtliche Geliebte war. Traue der Welle nicht, Wandrer! Trau' nicht dem Weibe! Ach, mich quälen Wahnsinnsgedanken, Da ich der Süßen mißtraue, Die mir so lieb war! Denn keine Treue wohnt in der Welle, Ach, keine Treue im Weib! Denn im Kusse, Insgeheim, in dunklen Tiefen, Denkt sie des andren! Ach, wer will eines Weibes Gedanken gebieten! Wer den ewig beweglichen Wellen! ....

Es ist Gift in meinem Blut! Es sind Dämonen in diesem Zimmer! Dieses Genf ist voll von Dämonismus! Ward nicht da draußen eine Kaiserin ermordet? Ja, das ist es! Bin ich nicht vorhin über die Stelle dieser schwarzen Tat gegangen? Sie ward mitten ins Herz getroffen von jenes Mörders Stilett, es floß kein Tropfen Blut, sie hat immer im Leben Reinlichkeit geliebt. Ruhelose, du bist viel gewandert: wandernd stiegst du in Charons Nachen! Ihr Lieblingsdichter war der zerrüttete Heine, ein Verwandter des größeren Byron, der den Gefangenen von Chillon besungen hat — Freiheitsucher, denen Europa und die Erde zu eng war! Weiße Schwäne schwammen am Ufer, wo sie getötet ward; und die weißen Berge schauten machtlos dem schwarzen Frevel zu ...

Leben, du bist erschütternd kurz! Elisabeth, die du jener Kaiserin Namen trägst, wir wollen einander gut sein! Meine Elisabeth, wir wollen uns treu sein! Vergib, Elisabeth, denn ich bin dir selber zuerst untreu geworden! Und du hast recht, es mir zu vergelten. Vergelten?! Du — und vergelten?! Du bist ja frei, du bist durch nichts an mich gebunden! Es hat mich nur einen Augenblick erschüttert, daß du nun doch einen andren liebst. Sei glücklich — aber sei nicht unvornehm, meine Vornehme! Freunde sollen aufeinander stolz sein können: ich will stolz sein auf meine vornehme, keusche, stolze Freundin Elisabeth, auch wenn sie einem andren gehört. Wohl bin ich dem Glück nachgejagt, auch jetzt noch, aber das Glück hat mich gefoppt auf allen Wegen ...

Euer Plan ist verloren, ihr ewigen Götter, Wenn ihr wähntet, ich würde als Heil'ger wandlen, Den harten Blick empor auf das Ewige richtend, Bußpredigend wandlen durchs reinere Deutschland! Nein! Mich überwältigt der Drang nach Liebe! Jene, die mich in fernen Kindertagen Aufgeweckt und mein Blut zum Singen brachte — Wieder such' ich sie heiß und suche Liebe!

Wieder muß ich hinab, hinab zu Menschen! Noch nicht bin ich zum Aufstieg auf den Gralsberg Reif genug — und werd' es im nächsten Dasein Redlich büßen — doch heute — — Liebe! Liebe! ...

Die flüchtige Auskunft eines Kellners, ein Blick auf einen Kahn, eine dumpfe Angst und Ahnung — es genügt, mir eine Fiebernacht zu schaffen! Ich glaubte mich im bequemen Besitz, ich ward herausgeschreckt. Nun kannst du spüren, mein Herz, wie zäh und fest meine Jugendfreundin mit mir verwachsen ist! Nun, da du verlierst, nun weißt du, was du besessen! ...

Bin gealtert, leidgeschüttelt Und ergraut an beiden Schläfen — Liebste, doch noch einmal möcht' ich Daß wir uns im Walde träfen. All die süßen Liebesworte, Die ich dir vor sieben Jahren In dein schweres Haar geflüstert, Solltest du aufs neu' erfahren. Wenn der Knabe küßt, so ist es Wie das Schilf im weichen Winde — Doch des Mannes Kuß vergleich' ich Starkem Sturmgebraus der Linde. Warst du dort die Honigblüte, Dran ich wie ein Falter naschte, Oder warst du mir die Waldfee, Die ich leichten Sprungs erhaschte — So ersehnt jetzt Mannesvollkraft Eines starken Weibes Fülle, Und es trennt die reifen Gatten Weder Bänglichkeit noch Hülle ....

** *

Wunderlich wechselnd ist eines phantasiereichen Menschen Empfindungsleben.

Als Ingo von Stein nach geringem Schlafe am andren Morgen auf roten Teppichen die Hoteltreppe hinunterstieg, war er über sich selber erstaunt, wie spannkräftig er dennoch dem neuen Tag entgegenschritt, als wäre der Gedankenspuk dieser eifersüchtigen Nacht gar nicht gewesen.

Es war zwischen sieben und acht Uhr, als er ins Frühstückszimmer trat.

„Noch niemand unten?”

„O nein! Erst gegen neun Uhr pflegen die Herren zu erscheinen; und die Damen nehmen das Frühstück auf ihrem Zimmer.”

Er trank seinen Kaffee und trat hinaus in den köstlichen Duft eines wolkenlosen Morgens. Nach rechts, über die Brücke, in den englischen Garten. Auch dort irgendwo waren Boote zu vermieten; er nahm sich einen schlanken Nachen und ruderte aus dem Hafen hinaus in den glatten See, der flimmerte von Morgenduft und Morgenlicht.

Hatte des Nachts eine mittelalterliche Stimmung von Hexen und Dämonen spukhaft über ihn Macht gehabt, so ward er jetzt umflutet vom taghellen Schönheitsrausch des alten Hellas. Wie kraftvoll schön die Welt! Wie anstrahlend Luft und See! Ein starkes Naturschauspiel entfaltete sich unmittelbar vor seinem Nachen: ein großer Schwan, von Maienbrunst getrieben, verfolgte stürmisch ein Weibchen; mit den Flügeln klatschend, rauschend, flog er dahin, fiel auf offenem See über das flüchtende Weibchen her, schlug den Schnabel in Hals und Rücken des unter ihm schwimmenden Vogels — und unter starkem Schreien kämpften sie schwimmend den uralten Kampf der Geschlechter, so daß Federn flogen und der See aufrauschte. Mehrere andre Schwäne umkreisten mit erregt gesträubten Flügeln den immer wieder unterbrochenen und immer wieder aufgenommenen Kampf. Leda und der Schwan! Das sinnlos berauschte Männchen verfolgte das weibliche Tier über den halben See hinüber; leicht schwimmende Federn bezeichneten die Fluchtlinie. Das Bild paßte in die Kraft, den Farbenglanz und die Größe der Landschaft. Der See schimmerte grün-bläulich, fast violett; die Häuserreihe von Genf warf das Morgenlicht zurück; und dahinter erhob sich die ernste Schneelandschaft der Juragipfel.

Dem Troubadour verdichtete sich der wildschöne Kampf des Schwanes um sein Weib zum Sinnbild für ihn selber. So gedachte auch er um sein Ideal zu kämpfen — aus allen Irrfahrten heraus um das ganz bestimmte einzige Weib, das ihn von Kind an geliebt hatte.

Er zog die Ruder ein, ließ sich treiben und redete mit den Nixen des Genfer Sees.

„Nixen der Flut und der Forste, ich bitte, bleibt mir auch ferner Freundlich gesinnt, wie so oft in der Heimat, im Thüringer Walde! Ja, verdoppelt die Gabe! Denn zwiefach will ich nun werden, Und es fürchtet mein Weib ein wenig die Rache der Nixen, Die ich immer so herzlich geliebt wie die Wunder des Waldes. Doch ich erzähle der Bangen, wie gut ihr seid und wie hilfreich, Und bald wird sie euch lieben und wird sich freuen, zu schauen So viel schöne Gesichtchen, so schöne Gewänder und so viel Köstlich melodischen Lebensgesang, der nachts um das Haus weht Und des Schläfers Gedanken und Sorgen verwandelt in Wohllaut. Singt auch der Meinen! Singt meiner Gattin! Und was sie an Kummer Oder an Krankheit geschaut und gepflegt — verwandelt es, Geister, Singend in Töne der Freude! Und habt sie lieb, wie ihr mich liebt!”

Dann ruderte er hafenwärts, erstand die schönsten Blumen und schritt in das Hotel zurück.

Oben warf er sich in seinen dunkelgrauen Gehrock und schrieb auf seine Visitenkarte, die er mit den Blumen hinüberschickte, er bitte um die Ehre, den Damen von Stein seine Aufwartung zu machen. Nach Leroux und Wallace hatte er sich vorerst gar nicht erkundigt.

Vor den Zimmern der Damen im Korridor auf und ab gehend, wartete er pochenden Herzens auf Antwort. Es war ihm völlig ungewiß, wie man ihn aufnehmen, ja ob man ihn überhaupt empfangen würde. Als er noch wartend stand und sich bereits mit der Einbildung abzufinden suchte, daß man seinen Besuch überhaupt nicht annehmen würde, kam von unten ein Kellner und brachte ihm einen eben angekommenen Brief. Er erkannte Trotzendorffs feste Handschrift. Doch hatte er eben nur Zeit, den Brief einzustecken. Denn die Tür tat sich auf — und raschen Schrittes trat Elisabeth heraus.

„Ingo!”

Sie ließ die Visitenkarte fallen und stürzte mit ausgestreckten Händen auf ihn zu, über und über erglühend und in diesem Augenblick wahrhaft schön. Er ergriff ihre beiden Hände mit den seinen, und so standen sie sich einen Augenblick gegenüber und schauten sich mit bebenden Herzen an. Es war einer der schönsten Augenblicke seines ganzen Lebens. Alles, was ihn gequält hatte, fiel von ihm ab, als sie sich hier Auge in Auge gegenüberstanden. Der Gralsucher hatte die überwältigend beseligende Empfindung: Ich bin am Ziel!

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