Erster Teil Ingos Irrfahrt
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Erstes Kapitel Der Wanderer
„Sehne dich und wandre!”
Heinrich von Stein

A uf einem hellgrünen Riviera-Hügel, zwischen feierlicher Zypresse und lustigem Kirschbaum, der mit halbreifen Früchten betupft war, saßen zwei liebliche junge Mädchen.
Es war Verwandtschaft in ihren rosigen Gesichtern und in ihrer geschmackvoll einfachen Kleidung mit dem weißen Matrosenkragen, aus dem dort und hier auf länglichem Halse ein dunkelbraunes Köpfchen wuchs.
Die Ältere, auf einem Feldstuhl sitzend und über eine Stickerei gebeugt, war von ganz besonders bestrickender Schönheit. Wenn sie die enzianblauen Augen unter schweren Wimpern langsam aufschlug, ging ein Leuchten über die Umgebung. Alle Dinge wurden in dieser Beleuchtung schöner, alle Menschen gütiger. Es waren große, schüchterne, vielleicht nicht sehr kluge Augen, vom weiten Bogen der bräunlichen Brauen madonnenhaft umrahmt. Das Mädchen war hoch und schlank. Und schön waren auch die Nüstern des feinen Näschens, die bei gedämpftem Lachen mitzulächeln schienen; schön das sanft gerundete Kinn; schön der schmale und doch volle, kirschrote, meist ein wenig geöffnete Mund. Sie glich in ihrer gesunden und natürlichen Jungfräulichkeit den Madonnen Raffaels und mochte Maler und Dichter entzücken. Denn ein Künstler spürte in diesem Mädchen zwar weder Gelehrsamkeit noch gesellschaftliche Gewandtheit, wohl aber das Lebensgeheimnis einer starken und sittsamen Weiblichkeit, gesunde Kinder zu schaffen fähig, keine Bücher.
Unfern von den jungen Damen lag eine kannelierte Marmorsäule zwischen zerstreuten Blöcken. Vermutlich hatte man dort bauen wollen; aber der Baumeister hatte sich in die entzückende Landschaft verliebt und das Bauen vergessen. Angesichts des blauen Meeres, zwischen Zypressen und Oliven, hätte sich ein weißer Tempel wirksam ausgenommen, der Sonne geweiht, der Schönheit heilig. Jedoch der Tempel war noch unsichtbar, der Sonnenanbeter desgleichen; und dem Baumeister drohte abermals Gefahr des Verliebens durch diese beiden ungewöhnlich schönen Mädchen.
Sie plauderten französisch. Aus ihrem Gespräch ging hervor, daß die Mutter der Älteren ihren Nachmittagsschlaf auszudehnen pflegte, so daß die beiden Schönheiten abseits von der gemieteten Villa auf diesem Aussichtsplatz verweilen konnten.
Der jüngere Backfisch lag ausgestreckt im weichen Grase, stützte die braunen Wangen in die Hände und las. Mädchenhüte flimmerten strohgelb aus grünem Rasen. Und es war anmutige Stille um die beiden Gestalten; selbst der Mittagswind spielte nur lässig in Gras und Laub. Von Zeit zu Zeit sprang die Kleine auf, griff in das Blätterwerk empor und suchte sich frühreife Kirschen heraus; oft auch hob sie lachend ihr spitzes Mäulchen an den freundlich herabgeneigten Baum und naschte die Früchte gleich vom Ast weg. Dann hängte sie sich ein Kirschenpaar über jede Ohrmuschel, kaute, spuckte Kerne an die Marmorsäule und las vergnüglich weiter.
Aus der Ferne funkelte in gleichmäßiger Ruhe das tiefblaue Mittelmeer.
Häufig lachte die Lesende hell hinaus und strampelte vor Vergnügen mit den gelben Schuhen.
„Sag' doch, Martha, kann es etwas Lustigeres geben als diese verrückten Briefe Mozarts?” rief sie. „Hör' einmal zu!”
Und sie las in geläufigem Deutsch flink herunter: „Allerliebstes Bäsle, Häsle! Ich habe dero mir so wertes Schreiben richtig erhalten — falten — und daraus ersehen — drehen — daß der Herr Vetter — Retter — und die Frau Bas — Has — und Sie — wie recht wohl auf sind — Rind; wir sind auch Gott sei Dank recht gesund — Hund” — — sie brach lachend ab.
„So geht's nun immerzu weiter!” fuhr sie französisch fort. „Jedem dritten Wort hängt er irgendeinen albernen Reim an, der gar keinen Sinn hat, nur aus Necklust. Oh, ich liebe Mozart schrecklich! Die Leute von damals waren lustiger, leichter, eleganter und amüsanter — verstehst du das, Martha? Sie schlugen Purzelbaum, sie tanzten Menuett, sie liebten, küßten sich und waren doch nicht gemein, denn sie hatten mehr Poesie im Leibe! Verstehst du das, Martha?”
Martha lächelte, stickte und schwieg.
„Mais allons donc!” zürnte die kleine Elsässerin. „Do sitzt se un sagt nix!”
Sie sprang auf, hob das spitze Näschen in die Luft und witterte die blühenden Riviera-Hügel hinunter, wo auf allen Hängen zwischen weißen Landhäusern steile, dunkle Zypressen, silbergraue Olivenbäume und spitzblättrige Gartenpalmen die Landschaft festlich stimmten. Ihre Augen leuchteten die Gegend ab.
Und plötzlich klatschte sie in die Hände.
„Da kommt er wieder!”
„Wahrhaftig!” bestätigte die stille Base Martha, ward ein wenig lebendiger und sandte ihre tiefblauen Augenstrahlen gleichfalls den Abhang hinunter. „Was tut er denn?”
„Er spielt auf einer Laute und summt vor sich hin! Hab' ich dir's nicht gleich gesagt? Das ist ein deutscher Musiker!”
„Er spricht übrigens auch gut Französisch. Und warum kann es nicht auch ein Maler sein? Er hatte ja neulich einen Malkasten mit!”
„Oder ein Dichter! Denn er hat uns ja ein Verschen gedichtet!”
„Oder ein reicher Privatmann, der alles treibt und nichts.”
„Möglich, denn Geld hat er gewiß! Und dabei so die Geste des Weltmannes! Und grundgelehrt! Er interessiert mich schrecklich. Aber ich bin gewiß, daß er deinetwegen kommt. Und dabei sitzt sie immer da wie ein Stockfisch! Ich kann die Unterhaltung im Gang halten — und in dich verlieben sie sich! Alle! Auch wenn du kein Wort sagst! Zu dumm! Ich hab's schrecklich schwer auf der Welt.”
Sie seufzte, klappte Mozarts Briefe heftig wieder auf und setzte sich mit sehr melancholischer Miene und schwermütig gestütztem Haupt neben das lächelnde, stickende und schweigende Bäschen. Aber es zuckte um ihre Mundwinkel; ihre Blicke schielten vom Buch hinweg nach dem Ankömmling, und mit einem Rippenstoß an Cousine Martha flüsterte sie, daß sie vor Lachen berste.
Der ankommende Herr war ein schmucker, mittelgroßer Mann von etwa dreißig Jahren. Er trug einen feinen Flanellanzug und einen Panamahut über kurzem dunkelblonden Haar.
Schon von fern schwang er den Hut und die bänderumflatterte Laute und rief in deutscher Sprache:
„Das ist ja ausgezeichnet, daß ich Sie wieder treffe! Bravissimo! Die Freundin Mozarts und die große Schweigerin! Kirschbaum und Zypresse! Guten Tag!”
Und trat heran, verbeugte sich und fuhr fort:
„Der Tempel ist noch unerbaut, aber die Priesterinnen warten. Seien Sie gegrüßt, allerholdeste Hüterinnen dieses heiligen Hains!”
Die beiden jungfräulichen Wesen nickten gemessen und kämpften mit dem Lachen; er aber nahm ohne Verzug auf der Säule Platz.
„Verzeihen Sie, meine Damen,” sprach er, „daß ich auch heute so unsalonmäßig bin, mich nicht in konventionellen Formen vorzustellen. Nehmen Sie an, ich sei irgendein Wanderer, der — nun, der seine Bestimmung sucht. Nehmen Sie an, ich sei ein Spielmann, ein Troubadour — mein Vorname ist übrigens Ingo, und das genügt —, und nehmen Sie an, Sie seien die zwei anmutigsten Schloßherrinnen der ganzen anmutigen Provence!”
„Sehr liebenswürdig!” lachte die Kleine. Die Sachlage war fremdartig, aber den Mädchen nicht mißfällig. Die Ältere richtete ihr großes Augenpaar schüchtern und fragend auf die Jüngere; und diese zappelte vor Vergnügen, im Lustspiel mitzutun.
„Sie haben recht,” sagte der Zappelkäfer, „es ist heutzutage viel weniger Poesie in der Welt als in den Zeiten Mozarts. Hab' ich das nicht eben gesagt, Martha?”
„Aha! Darum tragen Sie also beide diese zierlichen braunen Mozart-Zöpfe, nicht wahr?”
„Eben! Meine Cousine wollte nicht, aber sie muß!”
Martha lächelte und stickte; schaute dann die Base an, nicht den Fremden, und sprach mit ihrer leisen Stimme, um nur auch etwas zu sagen:
„Sie hat mir lustige Stellen aus Mozarts Briefen vorgelesen.”
„Wollen Sie's hören?” setzte sofort das Backfischchen ein. Und sie plapperte einiges herunter, bis sie vor Lachen aufhören mußte. Dann wurde sie gesetzter und bemerkte, es seien auch recht schmerzliche Briefe in dieser Sammlung, etwa über den Tod der Mutter oder jene unglaubliche Behandlung beim Erzbischof von Salzburg.
„Schändlich so etwas! Ganz abscheulich! Finden Sie nicht auch?”
„Niederträchtig!” bekräftigte der Fremde. „Aber das hat Mozarts Lebenslaune nicht gebrochen. Ein rechter Kerl zerbricht überhaupt nicht. Ein elastischer Geist ist aus beßrem Stoff als der beste parische Marmor. Übrigens, Sie anbetungswürdiges Mozart-Mägdlein, ich zerbreche mir schon drei Tage den Kopf, warum diese Marmorsäule so mutterseelenallein hier oben auf dem Hügel liegt — grade nur die einzige! Als ob eine einzige Säule irgend etwas in der Welt stützen könnte! Als ob nicht mit der Zweiheit überhaupt erst alles Leben begönne! Sind Sie nicht auch dieser Meinung, gnädiges Fräulein?”
„Parfaitement!” bestätigte die Kleine und gab der Älteren einen Rippenstoß.
Martha lächelte und stickte.
„Sehen Sie, wir zwei verstehen uns ausgezeichnet!” rief der junge Mann. „Deshalb haben Sie sich auch, als Symbol der Zweiheit, je ein Paar Edelsteine an die Ohren gehängt, Mademoiselle!”
Die Kleine hatte ganz vergessen, die hellroten Kirschen zu entfernen, pflückte sie jetzt mit umständlichen Gebärden aus Haar und Ohrmuschel heraus und begann sie aufzuessen. Der Fremde streckte zum Fangen die Hände aus; sie lachte und warf ihm das zweite Paar der unreifen Früchte zu.
„Dafür spielen Sie uns aber auch etwas vor!” rief sie. „Denn Sie sind doch offenbar ein Musiker?”
„Offenbar!” erwiderte der Spielmann ernsthaft und griff Akkorde aus Mozarts Figaro, womit er das folgende Geplauder scherzend begleitete. „Aber ich male auch bisweilen; ich singe auch ein wenig; ich komponiere mitunter. Und da zum Singen Worte gehören, so dicht' ich auch.”
„Ein Universalgenie!” rief der Backfisch entzückt.
„Und wenn Sie hinzunehmen, daß ich Dingen, die mich interessieren, auch wissenschaftlich nachspüre und sogar ein paar Bücher geschrieben habe — —”
„Oh, oh, oh, Martha, was sagst du nur dazu?!”
„So werden Sie begreifen, daß ich mich vor allem andren nach etwas ganz Bestimmtem sehne — nach der Zweiheit, mit der ich zusammen eine Einheit bilden könnte, fest, geschlossen, gesammelt — ein Kunstwerk, ein Tempel, eine Gralsburg!”
Die Mädchen schauten einander verwundert an.
„Schrecklich gelehrt!” sagte die Jüngere. „Erzählten Sie nicht gestern, daß Sie an einem Duett komponieren?”
„Auch das! Zwei Mädchenstimmen! Die eine von stiller Schönheit, edel und einfach — Frieden ausstrahlend wie eine Madonna oder ein Engel von Fra Angelico. Die andre ein Kobold, der in allen Tonlagen herumgaukelt, ganz voll Koloraturen, eine Nixe, eine Wasserfee. Soll ich Sie mal spielen, Fräulein Nixe?”
Er spielte närrische Akkorde und sang zu den Kapriolen ein Necklied.
„Reizend! Von Mozart?”
„Von mir, holder Schmetterling!”
„Mais c'est charmant! Das müssen Sie mir aufschreiben! Aber nun sollen Sie auch meine Cousine komponieren!”
Er ließ sich, nachdem er sich so lange nur mit der Jüngeren abgegeben hatte, im Grase nieder, zu den Füßen der verlegenen Stickerin; aber er griff nur einige ernst-schöne Akkorde und sprach dann mit zarter Höflichkeit:
„Sie heißen Martha, mein stilles, fleißiges Fräulein. Mehr weiß ich nicht, will es auch vorerst gar nicht wissen. Aber gesehen habe ich Sie schon irgendwo und habe Ihr Gesicht behalten. Nur weiß ich nicht mehr: war es jenseits dieses Sternes, ehe unsre Seelen auf die Erde flogen, oder war es irgendwo in Europa? Denn ich wandre viel. Ihnen möcht' ich nichts Neckisches, sondern etwas sehr Liebes und Ernstes sagen oder singen. Denn Sie verdienen es, Sie sind so gut, wie Sie schön sind.”
Und ihre Hand ergreifend, an der noch der Fingerhut steckte, küßte er plötzlich die schlanken Finger der überraschten Schönen.
Dann aber besann er sich, sprang auf und packte Hut und Laute.
„Auf Wiedersehen! A rivederci!”
Und sprang mit großen Schritten den Hügel hinunter.
** *
Weitab von diesem Riviera-Hügel, vor einem der alten fränkisch-thüringischen Herrensitze mitten in Deutschland, steht eine mächtige Tanne. Ein Vorfahre Ingos hatte sie gepflanzt, als er in den Türkenkrieg zog. „Ihr sollt euch”, schrieb er, „bei ihrem Anblick erinnern, daß der Mann sein Erbe verlassen und sein Lebensziel erobern muß.” Als aber sein Verwalter während des Freiherrn Fernfahrt einen Schloßteich in Ackerland verwandelte, schrieb derselbe Türkenkrieger folgenden Brief: „So wir nicht alles im alten Stand finden, schießen wir dir bei unsrer Heimkehr eine Kugel durch den Kopf, denn der Mann soll sein Erbe achten. Im übrigen bleiben wir dir in Gnaden gewogen.”
Noch andre Ahnen Ingos hatten die abenteuerliche Ferne aufgesucht und sich doch zuletzt, gebräunt von Lebens-Erfahrung, auf den geliebten heimischen Boden zurückgefunden.
Der Enkel dieser freiheitlich-konservativen Männer, die aus Fernfahrt und Einkehr ihr Leben auferbauten, der Troubadour Ingo, der am Rande der Mittelmeerkultur die Leuchtkraft der Olivenhänge in sich einsog, war ein jüngerer Sohn. Bei ihm hatte sich der Adelsstolz ins Geistige umgesetzt. Und während sein älterer Bruder Hochwild schoß, sann er selbst im Gebirg' und auf dem Weltmeer dem erhabenen Problem nach, wie sich germanischer Ernst und griechische Schönheitsfreude und christliche Innerlichkeit in einem heiter-ernsten Naturell vereinigen könnten ...
Als Ingo jenen Hügel hinabschritt, sang und pulsierte sein Blut.
Und das Blut sang und sprach zu dem leichtfüßig dahineilenden Spielmann:
„Einst hat dein Ahnherr Friedrich die schöne Elsässerin Octavie von Birkheim in den harten, kräftigen Herbst eurer Thüringer Waldung heimgeführt. Greif zu, Spielmann! Trage die Schönheit unter die Parkwipfel der arbeitsamen Stille! Denn deine Munterkeit ist Maske, dein Herz ist reif und traubenschwer von Heimweh nach Tempel und Hütte mitten in Deutschland. Noch braucht dich Deutschland nicht; noch spielst du das Leid deiner Verbannung mit Melodien hinweg. Doch halt aus! Vollende dich wandernd! Wandre, wandre! Es wandert der blühende Lenz und verwandelt sich wandernd in goldenen Herbst. Es wandert das Licht, den Tag verwandelnd in Nacht und die Nacht in Frührot. Es wandert und wächst der Mensch und verwandelt sich wandernd aus Kindergestalt in die Reife des ruhigen Greises. Und so wandern Geburt und Tod. So wandert die Zeit, so wandern die Sonnen des Weltalls — und alles Lebendigen Wesen ist Wandel und Wandrung. Wandre, mein Freund — nur wandre zu Ende!”
So sang das Blut.
So sang es in einem schön gewachsenen, durch besonnenen Sport kräftig und ebenmäßig ausgebildeten Körper.
Und so schritt er hinab, voll Spannkraft und Lebensmut, griff in die Saiten und spielte sich ein Wanderlied.
Plötzlich unterbrach er dieses Reigenspiel seiner Gedanken, strich über die Stirn, sah um sich und sagte gelassen:
„Bursche, du bist verliebt! Mach', daß du in dein Hotel kommst, damit dir Friedel den Text liest!”


Zweites Kapitel Titanic
„Ich komme vom Gebirge her, Es dampft das Tal, es braust das Meer ... Wo bist du, mein geliebtes Land? Gesucht, geahnt und nie gekannt? O Land, wo bist du?” ...
Schmidt von Lübeck

N acht hatte sich der Landschaft bemächtigt.
Ein Gewitter krachte über der Palmenküste. In wuchtigen Massen troff der Regen.
Im Hotel vernahm man das nahe Rauschen und Drohen des gewaltig tosenden Meeres, dessen großer Ton sich mit den Stimmen der Gewitternacht verband.
Doch in den glänzenden Luxusräumen, die von Goldornamenten und Kristallen strotzten, wurde die Sprache der Natur nicht wichtig genommen. Ein internationales Sprachengemisch, ein feinblauer Zigarettendampf, Schaumperlen der Sektgläser stiegen empor und schufen eine besondre Stimmung.
Der kleine Kommerzienrat Otto S. Marx feierte Geburtstag. Es war ein reichlich Dutzend seiner vielen guten Bekannten zu einem Souper eingeladen. Seine Laune war vorzüglich, denn der Vormittag hatte ihm in den Spielsälen eine beträchtliche Summe in die Tasche geschoben. Und nun neckte er seinen stattlichen germanischen Freund, den Großkaufmann Schaller aus Barcelona, der eine Handvoll Goldstücke verloren hatte — für Firma Schaller & Co. zwar eine Kleinigkeit, aber immerhin des Verdrusses wert; denn die bereits gewonnenen Tausende waren dem leidenschaftlichen deutschen Spieler wieder durch die Finger getropft, da er nicht die Besonnenheit hatte, beizeiten abzubrechen, wie der immer kluge und immer nüchterne Otto S. Marx.
Unter den Gästen stachen hervor, durch helle und einnehmende Gesichtszüge, das deutsche Ehepaar Trotzendorff mit dem befreundeten thüringischen Freiherrn Ingo von Stein-Waldeck. Der blonde englische Maler Wallace und sein angenehmer, nach allen Seiten stets gleich liebenswürdiger französischer Freund Leroux hatten sich mit diesen drei Deutschen angefreundet; und es störte sie nicht, daß der männliche Major von Trotzendorff gelegentlich seinen nationalen Standpunkt im Gegensatz zu andren anwesenden Deutschen unverschwommen betonte; denn seine leuchtend schöne Frau Friederike, genannt Friedel, glich alles wieder aus.
Um diese lebenswarmen Menschen her saßen allerlei belanglose Damen und Herren, die sich durch Reichtum und Brillanten von der arbeitenden Menschheit absonderten, nicht durch Seele. Da war ein jovialer Theaterdirektor, der ebenso wie sein Nachbar, ein blasierter Gesandtschafts-Attaché, für lüsterne Anekdoten empfänglich war und manchmal aus einem wiehernden Lachen gar nicht mehr herauskam; da war eine sehr dekolletierte, sehr parfümierte, sehr geschminkte Dame aus österreichischen Adelskreisen, die täglich mit kühlster Geschäftsmiene am Spieltisch saß. Und so Gesicht an Gesicht, fahl, geisterhaft in den Rauch eingezeichnet, umblitzt von den Zieraten des Salons, umdröhnt von Meer und Gewitter.
Man sprach vom Untergang der „Titanic”.
Dieser englische Riesendampfer, das größte Passagierschiff, das je auf einem Ozean geschwommen, war auf seiner ersten Fahrt von England nach Amerika an einem Eisberg zerschellt. Das ungeheure Fahrzeug war mit mehr als tausendsechshundert Menschen in die Tiefe gesunken.
Ein Aufschrei scholl durch die Menschheit.
„Wie kann denn eine solche schwimmende Luxusstadt überhaupt untergehen?! Es waren ja Restaurants an Bord, Konzertsäle, Tennisplätze, Blumenläden — ganze Straßen! Es fuhren ja Millionäre und Milliardäre mit!”
„Der alte Atlantik kümmert sich den Teufel um alle Milliardäre der Welt!”
„Der Ozean ist dort dreihundertmal so tief als der Tiefgang der Titanic!”
„Der Eisberg, an dem das Schiff zerkrachte, ist schwerer als alle Eisenflotten der Welt!” ...
In einer eiskalten Aprilnacht war es — zwei Stöße — und das Riesenschiff stand fest! Von Tür zu Tür läuft das Wort: Auf! ein Unglück! Was, wo, wie? Menschen, mehr neugierig als erschrocken, huschen im Schlafrock durch die Korridore — was, wo, wie? Und abermals ein Befehl: Stecke jeder ein Dokument zu sich! Jetzt summt es heraus aus allen Kabinen, jetzt füllt es tosend Verdeck und Gänge, staut sich, fragt, ruft, schreit, kämpft — und um die verängstete Menschenmasse eisige Nacht und das Plätschern, Nagen, Zähneblecken des wartenden Ozeans! Da rufen Geistliche die volle Wahrheit: In wenigen Minuten stehen wir alle vor Gottes Antlitz, wer seine Seele erleichtern will, der mag es tun! Und die Schiffskapelle, die im Salon bis zuletzt mit lustigen Weisen getäuscht hat, bricht ab und geht über in den Choral: „Näher, mein Gott, zu dir!” Furchtbare Panik! Das todgeweihte Gewühl drängt, stößt, beißt sich zu den Booten, über zertretene Kinderleichen hinüber, und alle Kommandorufe ersticken im mörderischen Gebrüll. Einzelne überladene Boote kämpfen sich los vom Überandrang, um sie her tropfen Menschen ins Wasser wie Körner von einem übervollen Gefäß — und dann richtet sich der Schiffsrumpf in seiner ganzen Länge jäh empor, in Kirchturmhöhe aus den Wassern starrend, und schüttelt die wild aufschreiende Menschenmasse ab, um dann selber in den schwarzen Strudel zu versinken ... Einige Hundert haben sich auf allzu spärlichen Booten gerettet und schwimmen nun in Nußschalen, die Füße im Eiswasser, durch die kalte Nacht, Land suchend, Überbleibsel einer Sintflut ... Titanen wollten den Himmel stürmen; Götter schoben ihnen lächelnd mit dem kleinen Finger einen Eisblock entgegen — und die Titanen stürzten ...
Diese Schilderung wurde ausgesponnen und mit erschütternden Einzelheiten umrankt. Gemüter und Nerven erzitterten.
Aber sehr bald flutete neuer Unterhaltungsstoff über den Eindruck hinweg. Man sprach von Schiffsunfällen, von Lebensversicherung, von Maßregeln, die eine Katastrophe solcher Art künftig verhüten würden; man verurteilte die Schnellfahrten über den Ozean, man stritt über den Wert solcher Riesenschiffe. Bald war man mitten in Zahlen und Maßen der Dreadnoughts. Und hier wurden einige Herren hitzig, darunter der fachmännisch beschlagene Major von Trotzendorff, als der Kaiserliche Jachtklub, der Meteorjachtklub von Deutschland und der Deutsche Motorbootklub nicht reinlich auseinandergehalten wurden. Von da sprang das Gespräch auf den Kaiserlichen Aeroklub und den Berliner Verein für Luftschiffahrt über. Man hatte vor wenigen Tagen einer Wettfahrt von Motorbooten beigewohnt: mit aufgebäumtem Kiel, in fabelhafter Raserei, umschäumt von zurückspritzenden Wellen, waren die Boote am Felsen von Monte Carlo vorübergesprüht. Und im Hafen erhob sich, nach Anlauf auf dem Wasser, eines dieser surrenden Wunderwerke jählings in die Luft und flog mit seinen zwei Insassen in großem Bogen kühn hinaus übers Meer und wieder genau zurück und herab an die Abfahrtstelle ... Welche Eroberungen des Wassers und der Luft! Welche Überwindungen der Schwere! Sie stürmen den Himmel, diese Titanen!
Das Gespräch flatterte in Gruppen auseinander; die Titanic schien vergessen. Diese modernen Menschen waren berauscht von den unvergleichlichen technischen Errungenschaften der Gegenwart ...
Ingo von Stein saß in tiefen Gedanken versunken. Er hatte sich im Geiste mehr und mehr abgesondert vom Gespräche seiner Zeitgenossen. Plötzlich, als eine Pause sein Eingreifen möglich machte, sprach er in seiner ernst-liebenswürdigen Weise mit vollklingender Mannesstimme:
„Gestatten Sie mir eine Frage, meine Damen und Herren! Ist niemandem von Ihnen bei diesen Gesprächen über den Untergang der Titanic etwas aufgefallen?”
„Wieso? Was denn?”
„Verzeihen Sie, es ist unmodern, davon zu reden! Nehmen Sie an, daß es ein philosophisch gestimmter Mensch sei, den diese Frage beschäftigt! Als diese sechzehnhundert Menschen untergingen, fuhr ebenso ein Entsetzen durch die Welt wie beim sizilischen Erdbeben. Aber — binnen kurzem ist alles wieder vergessen! Die Jagd saust weiter. Neue Eindrücke stürmen über die alten hinweg; es kommt nicht zu seelischer Verarbeitung. Hat wohl eine Frage nach Sinn und Wesen des Todes die materialistische Menschheit durchschauert? Hat man ein Polarschiff ausgesandt in das unbekannte Land jenseits des Todes? Hat man sich auf Sinn und Wert des Lebens und Sterbens besonnen?”
„Herr Baron, das is Religion — und Religion is Privatsache!” rief Marx.
„Wer hat denn heute zu solchen Spekulationen Zeit?” setzte Schaller hinzu.
„Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter mit Hölle und Himmel und solchen Popanzen!”
„Aber darüber kann ja jeder denken, wie er will! In Religionssachen bin ich für mein Part indifferent — und ich hoffe, mit mir jeder moderne Mensch!”
So ging es um den Tisch herum. Der Attaché stemmte den Kneifer ins Auge und betrachtete den Baron wie ein vorsintflutliches Megatherion.
„Sehen Sie! Sie bestätigen, was ich sage!” fuhr Stein fort. „Der Zusammenprall zwischen Titanic und Eisberg war umsonst. Niemand hat die gigantische Frage verstanden. Denn eine Frage ist in jener Aprilnacht über den Ozean geschwommen und hat der Titanic Halt geboten. Die moderne Titaniden-Menschheit hat die Frage nicht einmal gehört!”
Ein Teil der Gesellschaft versuchte ernst zu werden. Man vernahm draußen das Tosen des Gewitters; man vernahm das Donnern der nächtlichen See.
„Nehmen Sie einmal an,” fuhr der philosophische Sonderling fort, „wir alle, wie wir hier sitzen, ganz Europa, die ganze moderne Zivilisation, seien der Schiffskörper einer Titanic, umbraust von den Gefahren des Chaos! Nehmen Sie an, eine Katastrophe bedrohe uns, ein europäischer Krieg, mit Hungersnot, Seuchen und Revolution — was dann? Nehmen Sie einmal an, wir Zeitgenossen seien dem Untergang geweiht und schauen auf die letzten Jahrzehnte zurück, wie dort in den letzten Minuten die Todgeweihten der Titanic auf ihre Fahrt — was ist das Ergebnis? Können wir sagen, diese glänzende Anhäufung materieller Güter, diese fieberhafte Konkurrenz aller gegen alle, seien der wahre Sinn und Zweck und Wert des Daseins?”
Er hielt einen Augenblick inne, sah sich fragend um und schloß:
„Sie, meine Damen und Herren, sagen ja — ich sage nein! Das ist unhöflich, denn ich setze mich damit auf einen Nachen und fahre von der Titanic fort. Oder vielmehr: ich fahre gleich nicht mit. Ich lehne die Beteiligung an dieser rasenden Lebensfahrt dankend ab. Wenn mir aber jemand von Ihnen einen Amundsen oder Nansen namhaft zu machen weiß, der ausfährt, um den geistigen Pol, den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht zu entdecken, jenseits der Sinnenwelt, jenseits des Todes — dieser Polarfahrt würd' ich mich sofort anschließen.”
Das war in liebenswürdigem Ton, lächelnd, aber energisch und bestimmt herausgesprochen.
Der Versammelten, die auf solche Gedankengänge nicht gestimmt waren, hatte sich eine erstaunte oder gar beklemmende Empfindung bemächtigt. Stein hatte eine Erörterung erwartet; aber man ging nicht darauf ein.
Es war Herr Otto S. Marx, Buchdruckereibesitzer großen Stils, der die sorglose Stimmung wieder herstellte. Er fuhr mit der Hand über Glatze, Stirn und leicht gebogene Nase zum modern gestutzten rötlichen Schnurrbart herunter, als wische er etwas hinweg, und rief mit Humor:
„Ein entschieden philosophischer Kopf, unser Herr Baron von Stein!”
Diese paar Worte waren mit so komischer, etwas nasaler und nüchterner Betonung gesagt, daß man allgemein in befreiendes Lachen ausbrach.
„Aber einstweilen sitzt er mit auf der Titanic und schlürft Sekt!” trumpfte der derber gestimmte Schaller und erhob mit schallendem Lachen sein kräftig unterbautes Kinnbacken-Gesicht mit dem scharfen Monokel und dem Durchzieher auf der linken Wange. Man konnte ihn für einen Typus des deutschen Korpsstudenten nehmen; seine ansehnliche Statur mit dem ganz kurzen Blondhaar stach wirksam ab vom salopp hingelagerten Marx, der mit den Händen in den Hosentaschen im Plüschfauteuil lehnte und spöttisch-überlegen den Baron anblinzelte.
„Lieber Baron,” fuhr Schaller fort, „Marx und ich liegen uns zwar immer in den Haaren, obwohl er meinen Rat in Bankpapieren schätzt; aber in einem modernen Glaubensartikel sind wir einig: erst die Million — dann die Seele!”
Erneutes Gelächter stimmte diesem massiven Grundsatz bei. Auch der gutartige Stein lächelte mit; Trotzendorff mochte gleichfalls kein Spielverderber sein; doch seine Frau sah betreten und bedauernd zu Ingo hinüber. Nur der Engländer Wallace trank seine Limonade und rang sich kein Lächeln ab.
Als das Gespräch dann wieder im Gang war und weitersummte, beugte sich Frau von Trotzendorff zu ihrem Liebling hinüber.
„Ingo,” raunte sie, die Hand am Munde, „denk' an das Gleichnis von den Perlen!”
„Stimmt, Friedel!” kam es zurück. „Aber ich sollte charaktervoll sein und selber nicht unter den Säuen sitzen!”
„Unsinn! Willst du wohl —?! Bist schon Einsiedler genug!”
Er zuckte die Achseln, schüttelte den Kopf und lehnte sich wieder zurück.
Und nun ließ er sein Auge wandern über diese Fräcke und Toiletten. Was für eine Gesellschaft war denn dies hier am Rande Europas, unter die er da geraten war? Wo leuchtet denn hier, aus diesen Gesichtern mit der Tücke des modernen Menschen, der seine Mitmenschen zu überlisten trachtet, aus diesen scharfen oder verlebten Zügen — wo leuchtet jenes freimütig-unbefangene deutsche Gemüt? Jenes Edelgemüt, das die große Musik, Philosophie und Mystik geboren hat? ... Verstand, Pfiffigkeit, Lüsternheit, Tatkraft, Nervosität — diese Eigenschaften prägten sich zwar deutlich in den Mienen aus. Aber Seele? Wo ist denn die deutsche Seele? Er nahm nur Frau Friedels schöne und phantasievolle Züge aus neben Trotzendorffs offener Männlichkeit; der Engländer neben ihm war sachlich, der hübsche Franzose kokett. Aber diese beiden jungen Leute waren ihm noch weitaus die angenehmsten unter der unangenehmen Gesellschaft. Unangenehm? Sind es nicht deine deutschen Landsleute? Bist du nicht in Gefahr, deinem Vaterlande fremd zu werden? ... Vaterland! ...
Die Empfindung ließ ihn nicht mehr los, daß er sich auf einem gefährdeten Schiffe befand, selber in Gefahr und nur durch dünne Wände getrennt von den Wassern der Vernichtung.
Der junge Engländer an seiner Seite unterbrach plötzlich seine düstren Gedankengespinste und fragte den Baron, ob er wisse, daß Mr. Stead, der Vorkämpfer des Spiritismus und der Friedensbewegung, mit der Titanic untergegangen sei? Ingo, der gut Englisch verstand und sprach, verneinte. Und sachte ging Mr. Wallace auf ein Gebiet über, das abseits lag von diesem Kreise und von Ingos künstlerischen Lebenspfaden, das ihn aber rasch fesselte. Der kaltblütige Engländer, der für die Alkoholstimmung dieses deutschen Kreises unempfänglich schien, sprach von einer spiritualistisch-religiösen Bewegung der Neuzeit. Er war Maler aus Liebhaberei, Sprachlehrer aus Beruf; und auf seiner Visitenkarte, die er im Laufe des Gespräches mit dem Baron tauschte, stand ein M. A.: „Master of Arts”, sein Universitätsgrad. Er hatte seine Jugend in Indien verbracht. Und es war für den Deutschen eine Wohltat, in dem flackrigen Rhythmus dieser Abendgesellschaft solche gelassene Ruhe zu vernehmen, wie sie aus diesem etwas kühlen, aber sehr unterrichteten Manne zu ihm herüberschwang. Es war ein Ton aus einer weiteren Welt; und daß es ein Ausländer war, von dem dieser Ton kam, machte den Deutschen beschämt und nachdenksam.
„Sie haben übrigens”, sprach Wallace, „in Deutschland einen Mann, der auf diesem Gebiete sehr bedeutend ist.”
Und er nannte einen Namen, den Ingo nie vernommen hatte.
Doch das beruhigende Zwischenspiel wurde durchbrochen. Stein, mitunter zum Aufbrausen geneigt, schnaubte plötzlich empor und rief einem Lebemann am Ende der Tafel kampflustig zu:
„Wer verunglimpft da unten Schiller?! Lassen Sie unsren Schiller in Ruhe! Hätten wir nur etwas von seiner Männlichkeit!”
„Aber Sie haben mich wohl nicht ganz verstanden, mein verehrtester Herr Baron”, erwiderte Herr von Jedermann und Überall. „Ich habe nur ganz einfach festgestellt: Damals war der Wallenstein modern — heute der Rosenkavalier; damals die Iphigenie — heute die Salome. Na, und warum soll ich das nicht sagen?”
Stein lachte und rief mit Schärfe zurück:
„Sagen Sie das, Edler! Und fügen Sie hinzu: Damals war das weimarische Hoftheater modern — heute das Kino!”
Er warf sich wieder in seinen Sessel und machte eine segnende Handbewegung gegen den Ritter des Geistes, der den linken Daumen unter die linke Achselhöhle eingeklemmt, die rechte Hand gespreizt hatte und mit der Zigarette im Mundwinkel wiederholte: „Na, warum nicht?”
Da war nichts zu widerlegen.
Jetzt tauschte Schaller seinen Platz mit Mr. Wallace und ließ sich neben dem thüringischen Freiherrn nieder.
„Herr Baron, nichts für ungut, aber Sie philosophieren zu viel! Sie müssen mich in Barcelona besuchen! In allem Ernst! Ich habe Ihnen nachher auch etwas Amüsantes zu erzählen. Unter uns: ein Restchen deutsches Gemüt in mir beneidet Sie. Verstehen Sie? Nein? So will ich's Ihnen erklären. Gestern warfen Sie gesprächsweise die Bemerkung hin: als Sie die Wahl hatten zwischen Staatskarriere und geistiger Vertiefung, haben Sie unbedingt das letztere vorgezogen. Universalbildung im Sinne Wilhelm von Humboldts — sagten Sie; moderne Fortsetzung des klassischen Idealismus — sagten Sie. Sie sehen, ich hab' mir's gemerkt, bin also gar kein so feister Materialist, wie es allerdings aussieht. Und darum sag' ich: ein Rest in mir beneidet Sie um dieser freien Wahl willen, die Sie getroffen haben. Hol's der Teufel! Etwas wie Sentimentalität sitzt immer in uns Deutschen.”
„Das Deutschland von heute hat sich für Ihren Weg entschieden, mein lieber Herr Schaller”, erwiderte Ingo gelassen. „Erst die Million — dann die Seele! Beneiden Sie mich vielleicht um das Martyrium der Heimatlosigkeit?”
„Ach was, Unsinn! Sie sind jung, nicht älter als ich! Schaffen Sie sich eine Heimat, bauen Sie sich ein Schloß! In der Calle Muntaner zu Barcelona steht meine Burg; kommen Sie einmal hin, sehen Sie sich an, was deutsche Energie im Ausland fertigbringt! Bis dahin hab' ich ein hübsches junges Weib im Hause. Schaffen auch Sie sich eine Frau an, Herr Baron, das bewahrt vor philosophischen Hühnerleitern! Und kommen Sie! Ich bin manchmal hungrig nach Geist — ausgehungert! Und à propos, wissen Sie, was ich Ihnen jetzt Amüsantes zu verzapfen habe, Sennor? Wissen Sie, daß Sie entdeckt sind?”
„Wieso entdeckt?”
„Als ein Troubadour namens Ingo, der meinen zwei jungen Nichten den Hof macht!”
„Potztausend noch einmal!” fuhr Ingo auf und hätte vor Verblüffung fast sein Sektglas fallen lassen. „Die zwei jungen Mädchen da oben auf dem Hügel sind Ihre Nichten?!”
„Sind meine Nichten, ich kann nichts dafür!” bestätigte der lachende Kaufmann. „Niedliche Lärvchen, was? Beide haben's nicht von mir, denn wir sind nicht blutsverwandt; die Mutter der Älteren, eine Witwe aus Straßburg, ist die Schwester meiner Stiefmutter; so sind wir in eine Art Onkelschaft geraten, und ich versteh' mich mit den Mädels ganz famos. Die Jüngste ist ja entzückt von Ihnen, einfach aus dem Häuschen!”
„Aber sagen Sie mir doch — wie hat sich denn das herausgestellt? Aus Straßburg? Jetzt begreif' ich! Dort war's, dort hab' ich das Mädchen gesehen, in der Vogesenstraße, als ich im Herbst ein paar Wochen dort wohnte! Aber wie hat man denn mich entdeckt?”
„Nichts einfacher als das! Durch Ihr Buch ‚Heroismus’, das Sie mir geliehen haben! Da steht Ihr Name, Ingo von Stein. Dies Ingo hat sie verraten. Ich habe das Buch meinen Nichten hinaufgebracht, wir blättern drin, der kleine Grashüpfer schwatzt immerzu von dem Besuch des reizenden Unbekannten, der Ingo heiße. Ingo? Ingo heißt euer romantischer Anbeter? Wie sieht er denn aus? So und so! Famos, da haben wir ihn ja! Voilà! Ecco!”
Er lachte herzhaft. Stein lachte mit.
Aber in seinem Herzen schloß sich doch etwas zu; ein musikalischer Zauber, ein poetischer Duft drohte zu entfliegen, der Reiz des Magischen und Fremdartigen. Denn jene Welt Mozarts, jenes reine Eiland der Schönheit, wurde überflutet von der breiten Alltagswelt dieser knochigen Millionenmacher, dieser Geldmagnaten, dieses modernen Amerikanismus.
Daher ging Ingo recht bald und mit leichtem Scherz über die Sache hinweg, zumal Frau Friederike, zur Eifersucht geneigt, gespannt herüberfragte, von welchen reizenden jungen Mädchen denn hier so angelegentlich die Rede sei. Nur eines merkte er sich: die jungen Damen waren im Begriff, mit Frau Frank-Dubois, Marthas Mutter, nach Barcelona zu reisen, um dort einige Wochen bei Onkel Schaller zu wohnen.
„Eine Reise nach Barcelona”, warf Ingo hin, „steht übrigens bei mir schon längst auf dem Programm. Denn dort in der Nähe ist der berühmte Montserrat, der Gralsberg, der Montsalvat der Sage.”
„Kenn' ich natürlich genau! Famoser Berg! Großartige Aussicht! Also kommen Sie! In meinem Hause finden Sie etwas, was Ihnen so leicht kein Privatmann bietet: zwei echte Velasquez! Heh, was meinen Sie dazu? Raus aus dem Beamten- und Spießbürgernest Deutschland! Nur der Mittelmäßige kommt dort vorwärts! Für geniale Köpfe ist kein Platz mehr im Reich. Großzügige Naturen treiben sich im Ausland herum oder ersticken im deutschen Winkel.”
Die Damen und einige Herren zogen sich zurück.
Trotzendorff trat zu Stein heran, der sich gleichfalls erhoben hatte.
„Weißt du das Neueste, Ingo?”
„Nun was denn, Richard?”
„Meine Berufung ist Tatsache! Hoheit hat's bestätigt!”
„Also von jetzt ab Hofmann, lieber Richard? Na, mein herzliches Beileid!”
„Danke für den Glückwunsch! Das wird auch für dich entscheidend, alter Flüchtling! Ich habe meinen Plan. Und du weißt, ich bin in solchen Dingen zäh. Auf dem Weg über Seine Hoheit komm' ich an den Kaiser heran, mache Majestät mit deinen Gedanken bekannt, verschaffe dir eine persönliche Vorstellung, und du wirst an den Platz gestellt, wo du wirken kannst!”
Ingo legte den Arm um die Schulter des Freundes.
„Du bist doch ein unverbesserlicher Utopist!”
„Abwarten, Junge!” erwiderte der straffe Soldat und strich seinen dicken grauen Schnurrbart. „Wenn du erst einmal mit dem deutschen Kaiser auf der Wartburg ein richtiges Kaisergespräch geführt hast, dann sprechen wir weiter!”
Frau Friederike war herangekommen. Es war heute abend in ihrem Wesen etwas wie nervöses Fieber.
„Richard hat recht”, sagte sie hastig. „Wir müssen dich unter Aufsicht nehmen, lieber Ingo, wir müssen dich mit Gewalt an die rechte Stelle schieben. Die Sache wird gemacht! Du kennst meinen Alten, der läßt nicht locker, wenn er etwas im Kopf hat!”
„Hier steh' ich nun wie Buridans Esel zwischen den zwei bekannten Heubündeln”, lächelte Stein. „Die Lockung dort heißt Barcelona — die Lockung hier heißt Wartburg. Wohin?”
„Nach Deutschland, Ingo! An deine deutsche Aufgabe!”
„Hat mich nicht gerade Friedel aus Deutschlands Enge herausgeschmeichelt?”
Doch Frau Friederike schob ihren Arm unter den seinen und entführte ihn samt ihrem Gatten aus der Riviera-Gesellschaft.
Aber sie konnte sich oben, als sie einander Gute Nacht sagten, nicht enthalten, noch einmal nach den hübschen jungen Mädchen zu fragen, die ihn so lebhaft entflammt hatten. Er warf lachend einige beschwichtigende Worte hin; doch ihr entging nicht, daß er errötet war, und sie schied mit langen, schweren Blicken ...
Das Gewitter war vertost. Von den Stauden und Palmen troff noch die himmlische Feuchtigkeit; das Meer rauschte bedeutend.
Stein atmete auf seinem Balkon die würzige Nachtluft ein und verglich die muntren Mozart-Mädchen auf jenem offenen, hellen Hügel mit diesem drückenden Salon-Parfüm und Salon-Geschwätz dieser Riviera-Hotels und Riviera-Spielhöllen. Und in der Ferne vernahm er ununterbrochen das ozeanische Brausen der Titanic-Katastrophe.
„O du Tiefstes meiner Seele, du kannst ja doch nicht hinauf! Wenn meine Seele tost wie die schäumende See und zitternd solche machtvolle Schönheit aushält, dann ist es in mir wie ein schweres, langsames Glockenläuten. Und das zu ertragen, dieses Gewaltige, hilft mir nur eins: die Seelensprache der Poesie und Musik. Sie segnet meine Herzensglut, und mit ihr ertrag' ich die Schönheit der gewaltigen Erde ...”
Lang noch saß er über Büchern und Papieren, Schwermut durch Arbeit bekämpfend. Spät entschlief er.
Heitre Mozart-Melodien vermischten sich im Entschlummernden mit der Notturno-Stimmung des „Don Juan” — der Anfang von Beethovens Sonate pathétique brauste herein, wuchtig, zornig — und die schwermütigen, harfenartigen Einleitungsakkorde des Brahmsschen Liedes „Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt”. Doch in diesem Chaos von Tönen behauptete sich zuletzt Schuberts „Wandrer”: „Wo bist du, mein geliebtes Land?” ...
** *
... Marx und Schaller, die Unzertrennlichen, saßen noch beisammen, ließen sich einen Mokka brauen und sprachen von Dividenden und Prozenten.
Plötzlich warf Marx mit zweifelhaftem Blinzeln hin:
„Hm, sagen Se mal, was halten Sie von diesem Stein?”
„Ein sympathischer Mensch!” beteuerte Schaller, der ziemlich gezecht hatte. „Eine von jenen hochbegabten Naturen, die keinen Platz finden im hundsgewöhnlichen, miserablen, mittelmäßigen Reichsdeutschland! Verstanden, Otto S.?!”
„Na, na! Das glauben Sie ja selber nich!”
„Selber nicht? War ich nicht Referendar, ehe ich Kaufmann wurde? Warum bin ich ausgerissen? Weil mir der Atem ausging zwischen euren Hinter- und Vordermännern, die einander Hacken und Zehen abtreten!”
„Riesiger industrieller Aufschwung in Deutschland! So 'ne Titanic — die übertrumpfen wir! Mittelmäßig? Steckt 'ne Masse Genie im modernen Deutschland!”
„I natürlich! In allen technischen Dingen, selbstverständlich! Zeppelin — bravo! Aber sonst? Genie? Wo denn? Was wissen Sie denn, Samuel, in Ihrem Verstandeskasten, was Genie ist? Wo sind denn die großen und ewigen Ideen in eurer Politik oder Literatur? Reporter seid ihr, ganz schwunglose Reporter und Photographen!”
„Na, und Richard Strauß?! Und Reinhardt! Gehen Se mal in den Berliner Zirkus und sehen Se so 'ne Aufführung! Und hat nicht Hauptmann den Nobelpreis gekriegt? Was wollen Se denn noch? Wollen Se wieder Vergißmeinnichts-Geschmack einführen, Sie?!”
„Mann, Markuse, machen Sie mich nicht wild!” schrie der Champagner aus Schaller. „Wo ist denn da Größe?! Größe, sag' ich, Sie, Sie — Sie Mann mit dem zweckdienlichen Verstandes-Apparat! Sie Nüchterling! Sie Mensch ohne Seele! Kurzum, Sie Geldbeutel!”
„Schaller, Sie schallen wieder mal brutal, aber brillant!” Der Kommerzienrat lachte sein meckerndes Lachen, ohne das geringste übelzunehmen. „Ihnen fehlt ein pikantes Weibchen — so wie da die Trotzendorff. Unter uns — die und der Stein, hä? Da ist auch nicht alles geheuer. Hat übrigens in Weibersachen Geschmack, dieses Mineral — seine Freundin ist hübscher als seine Bücher!”
Und Marx lachte und schlürfte zwinkernd seinen Mokka.
„Was halten Sie denn von seinen Büchern?” fragte Schaller unwirsch, denn er empfand für Ingo entschiedene Zuneigung.
„Nu, ich hab' se nich gelesen — aber was man so hört — Nee! Heroismus? Das Buch ist geschmacklos eingebunden. Und der Inhalt — süßliche Phrasen!”
„Phrasen? Dieser grundehrliche Stein? Sehen Sie sich doch dieses offene Gesicht an!”
„Ich nenne das Phrasen.”
„Beweis!”
„Nu, ich sage Ihnen, ich nenne das Phrasen, und damit Punktum! Was ist da zu beweisen?! Und sein Drama: ‚Der Sängerkrieg’! Das hat ja schon der Wagner komponiert! Und was er sonst verfaßt hat aus der Mythologie, das kann man höchstens noch mit Musik goutieren! Für mich Schwulst, süßer Brei, Phrasen!”
Er trank erbittert und nervös seinen Mokka leer, hatte sich in Hitze geredet und schaute ergrimmt seinen Gegner an. „Nu, was wollen Sie noch? Im übrigen ein liberaler und honetter Mensch, sag' ich selber! Alles, was recht ist! Und ohne Adelsdünkel! Ein Charakter, aber ein sehr bescheidenes Talentchen!”
„Was verstehen Sie denn eigentlich unter Talent?”
„Nu, daß einer was kann!”
„Wer stellt denn fest, ob einer was kann oder nicht?”
„Die öffentliche Meinung! Wir! Leute von Geschmack! Ganz einfach!”
„Wenn aber die öffentliche Meinung auf Irrwegen läuft? Habt ihr euch nicht hundertmal geirrt, ihr Deutschen, und lebende Talente totgeschwiegen und totgeschwatzt?!”
„Mit dieser Ausflucht kann sich jeder erfolglose Dilettant decken”, bemerkte Marx nicht mit Unrecht. „Man hat denn doch im allgemeinen eine sichere Witterung, was ein moderner Mensch is und was nur so nachdichtet. Unsere Nerven brauchen ein Stimulans, Neutöner, Reizungen, pikante Probleme — verstehen Se? Ich protegiere da einen Dramatiker — was wetten wir, daß ich ihm den Schillerpreis verschaffe? Wissen Se, wie so wat gemacht wird?”
Marx rückte vertraulich näher; und Schaller starrte unbeholfen in ein Paar pfiffige Augen.
„Denn solche Talente kann man machen, den Stein nicht. Da wird in klugen Abständen eine Notiz ins Tageblatt lanciert — übrigens auch Durchfälle schaden nicht, wenn nur die Öffentlichkeit beschäftigt bleibt! — also eine Notiz: der ringende, begabte, geniale Dramatiker etc., pp. — merken Se wat? Dann gute Verbindungen bei der Presse — nu, und nach und nach gewöhnt sich die Welt an den Namen. Aber pikant muß er dichten, pikant! Mit diesem biedren Stein — nee, damit ist kein Haus zu bauen.”
Schaller senkte den Kopf und betrachtete die Diamantknöpfchen seines zerknitterten Frack-Vorhemdes.
„Ihr habt unbedingt die Herrschaft”, sprach er dumpf, wie zu sich selber.
Dann schaute er aus seiner halben Betrunkenheit auf, faßte seinen Freund Marx ins Auge und schnarrte plötzlich in schärfstem Leutnantston:
„Otto Samuel, Sie heißen Markuse — und damit ist alles gesagt! Schluß der Debatte!”
Marx sprang ärgerlich auf. Aber einige spät zurückkommende amerikanische Dollarkönige gaben dem Gespräch einen neuen Aufschwung. Es war von Kartellen, Syndikaten, Trusts die Rede, nüchtern, kaufmännisch, und die Sätze waren gespickt mit Zahlen.
Der kleine Marx und der große Schaller waren wieder in ihrem Element. Und sie schüttelten sich beim Auseinandergehen gemütlich die Hände. Denn jeder schätzte des andren kaufmännische Begabung.


Drittes Kapitel Die Freundin
Unruhig Glück im Stehn und Spähn und Warten!
Nietzsche

E in heißes Herz und eine bewegliche Phantasie sind kein unbeschwerliches Geschenk der Gottheit. Ingo entsann sich, wie leidenschaftlich ihn einst in der Jugend die Sonntagsspiele mit seinen Kameraden hingerissen hatten. Jene Spieltage waren so voll, so glühend schön, daß ihm am Abend das Herz weh tat, wenn er sich von den Gespielen trennen sollte. Noch oft im Leben mußte er mit männlicher Besonnenheit Heimweh nach dem Schönen und Guten ins rechte Maß zwingen.
So war ihm Rhythmus ein Mittel der Bändigung allzu drangvoll emporquellender Gefühle. Und wie für das Schöne, so war er für Güte empfänglich. Mit einem herzlichen Wort konnte man alles von ihm erreichen; Härte rief seine Vertrutzung wach. Er war geschaffen zur Freundschaft, zur Brüderlichkeit, zur Liebe. Doch grade weil seine Natur so warmherzig und phantasievoll allen Reizungen antwortete, brauchte er als Gegenkraft viel Kultur und Bildung, um in sich jenes edle klassische Gleichmaß auszugestalten, das dem Idealisten vorschwebte.
Ein Dreibund liebender Freundschaft bestand zwischen Ingo von Stein und dem Ehepaar Trotzendorff.
Baron von Stein-Waldeck hatte Staatswissenschaft, Geschichte und Literatur studiert und nach dem Doktor-Examen die Universität verlassen. Seinen soldatischen Pflichten hatte er als reitender Artillerist genügt und war nun Leutnant der Reserve. Ihm stand ein aussichtsvoller Staatsdienst offen; die Verbindungen des Freiherrn aus altem Hause waren vorzüglich. Eine edle Jugendfreundin war ihm so zugetan, daß Verlobung zu erwarten war. Doch etwas in ihm zögerte, sich dem Staatsgefüge und dem Familienleben anzuvertrauen. Und als er Frau Friederike von Trotzendorff kennen und lieben gelernt hatte, begann für ihn eine neue Lebensepoche. Er lebte fortan seinen musikalischen und literarischen Idealen. Diese Frau, ehedem bedeutende Sängerin, war ganz Phantasie und Gefühl. Und so befreite sich unter ihrer Besonnung auch in ihm die fühlende Phantasie; und die beiden flogen miteinander empor in alle Herrlichkeit und Fülle der Kunst und der Natur. Stein hoffte, unter Führung solcher Muse, Künstler zu werden.
Aber die Muse kann nur begleiten, nicht geleiten. Frau Phantasie kann fliegen, aber nicht schreiten; kann ein Leben verschönen, aber nicht eines Lebens Fundamente bauen.
Der wandernde und fliegende Spielmann spürte mehr und mehr, daß etwas in ihm unbefriedigt blieb.
Seine edelgestimmten Bücher hatten an das Tor der deutschen Seele gepocht; doch war keine Antwort gekommen. Ingo wurde darob weder bitter noch sentimental; das lag nicht in seiner großzügigen Natur; auch überschätzte er nicht das Buchmachen. Immerhin legte er stutzend die Feder aus der Hand und horchte fragend hinaus.
Wo war das Deutschland, das er suchte?
** *
Als Ingo von Stein am andren Morgen in den gemeinsamen Salon trat, der sein Zimmer vom Trotzendorffschen Gemach trennte, erwartete ihn Frau Friederike.
Sie trug ihr helles Morgenkleid, das den Hals frei ließ. Der prächtig gebaute, nur etwas zu volle Körper dieser leicht in allen Nerven vibrierenden Künstlerin mit den stahlblauen Augen, der kräftig vorspringenden Nase, den üppigen Lippen schien für Bühne und Salon geschaffen; ihre Bewegungen waren elastisch; ihre Stimme weich, doch häufig belegt und zaghaft, denn ihr Herzschlag geriet bei Schmerz und Freude allzuleicht in Unordnung.
Er küßte ihr mit ernstem und müdem Gesicht ehrerbietig die Hand. Aber die nervös erregte Freundin hielt seine Hände fest.
„Ich hab' mich nach dir gebangt, Ingo, ich hab' in der Nacht so viel an dich denken müssen. Denn ich war gestern abend kleinlich, vergib, ich war eifersüchtig!”
„Eifersüchtig?! Aber seit wann gibt es denn das zwischen freimütigen Freunden?”
Ingo spürte sofort, daß ein ernstes Gespräch bevorstand. Er wünschte und fürchtete dieses Gespräch; denn in der letzten Zeit war Frau Friederike von einer seltsam sorglichen Unrast, eine Löwin, die um ihr Junges besorgt war.
„Friedel,” sprach er weit ausholend, „mir sind in der Nacht schwere Gedanken durch Kopf und Herz gegangen. Sieh, als ich damals dem Beruf auswich, trennte ich mich auch von meiner Jugendfreundin Elisabeth. Ich muß offen mit dir sprechen. Du weißt, wann es war, als ich dir mitteilte, ich hätte meine heimliche Verlobung stillschweigend aufgelöst. Wir hatten den zweiten Teil des Faust gesehen; wir waren entzückt von der Helenatragödie. Dieser Faust — so setzt' ich dir nach dem Theater auseinander — ist berauscht vom Drang nach Schönheit, fährt durch die halbe Welt, um eine Helena zu finden, irrt durch die blaue pharsalische Nacht mit dem unentwegten Ruf: Wo ist sie? O Himmel, ich will's mit diesem Schönheitsucher halten! Und du glühtest mit, und wir erlebten miteinander tiefste seelische Offenbarung. Seit jener Stunde such' ich das Ideal in der Fremde und habe mein deutsches Gretchen vergessen. Ihr nennt mich ‚Spielmann’ — in der Tat, ich fürchte fast, ich spiele mit dem Leben. Und manchmal ist mir, als wäre Goethes Helena-Tragödie und mein jetziges Dasein nur galvanisiertes Leben, und ich hätte den Boden unter den Füßen verloren.”
Sie hatten beide Platz genommen und saßen sich auf steifen modernen Stühlen in dem weißgrauen Salon gemessen gegenüber, mit großen Augen beide ins Unbestimmte schauend. Er hatte von der Eifersuchtsfrage glücklich abgelenkt und das Gespräch ins Bedeutende erhoben.
„Du willst damit sagen,” erwiderte sie schwer, „daß ich es bin, die dich aus der Bahn geworfen hat.”
„Nein, Friedel, das will ich damit nicht sagen; denn ich bin dir dankbar. Was ich in Bayreuth, auf Reisen, am Klavier und vor Büchern oder in Gesprächen durch dich in mich aufgenommen habe, ist unvergleichlich. Du hast mir eine neue Welt aufgetan. Du hast meine Flaumfedern in Flügel verwandelt. Aber — —”
„Aber?”
„Du hättest ganz recht, eifersüchtig zu sein, wenn das Wort nicht zu häßlich wäre”, sprach er plötzlich, stand auf und ging hin und her. „Denn du fühlst richtig, daß etwas in mir nicht befriedigt ist. Und an jenen Mädchen da oben auf dem Hügel ist es mir zum Bewußtsein gekommen.”
„Was ist dir zum Bewußtsein gekommen?”
„Mein Beruf und meine Braut, beides gehörte einst zusammen. Und ich habe in mir die bis zum Eigensinn gesteigerte Empfindung: wenn ich meine Lebensgefährtin finde, ist auch mein Beruf gefunden. Ein stilles, häusliches Mädchen wie diese schöne Stickerin da oben auf dem Hügel erregt mir Heimweh.”
„Und Helena? Und die freie Welt der Schönheit? Ingo, willst du Philister werden?”
„Aber, Friedel, bist nicht auch du Gattin und Mutter?!”
Das wurde fast zornig herausgeschleudert. Er hatte sich wieder gesetzt. Sie saßen in den feierlichen Lehnstühlen und schauten sich bei aller höflichen Haltung einen Augenblick wie Gegner an.
Ruhiger fuhr er fort:
„Und dennoch hast du deine Welt der Schönheit in dir, Friedel — in deinem Innern, in deiner Kunst, in deiner Häuslichkeit. Ich aber suche sie draußen, ich laufe in der Welt herum und spiele mich mit der Laute über mein Heimweh hinweg. Ich habe Heimweh nach festem Boden, Friedel. Das ist alles.”
„Meine Freundschaft genügt dir nicht mehr,” erwiderte sie dumpf und traurig, „du bist meiner müde.”
Er war zornig, daß sie immer wieder das Gespräch auf ihre Person ablenkte, statt seinen Kümmernissen sachlich zu folgen.
Doch er beherrschte sich.
„Mit deiner Person hat meine Sorge nichts zu tun, Friedel. Es wäre mir lieber, du würdest mit Richard und mir sachlich beraten. Ich halt' es einfach nicht mehr aus, auf dieser Titanic mitzuschwimmen, ohne Ziel, ohne Heim, ohne Beruf. Denn es ist die Frage, ob ich zum Büchermachen berufen bin. Die allgemeinen Sorgen der Deutschen sind mir wichtiger; die Ratlosigkeit dieser modernen Menschen in den Fragen über Tod und Leben macht mir schlaflose Nächte. An dieser Lösung möcht' ich im Herzen Deutschlands mitsinnen, dort, wohin ich durch Geburt gestellt bin. Statt dessen lauf' ich im Ausland herum.”
„Was hat denn das mit den Mädchen da oben zu tun?” fragte mit unerwarteter Wendung die echte Frau, die ihm gegenübersaß.
Er schwieg. Auf diesen Seitenangriff war er nicht gefaßt gewesen. Sie hatte recht: zwischen dem Philosophen, der sich gestern in das Titanic-Gespräch gemischt hatte, und dem verliebten Lautensänger war ein Unterschied. Jener suchte den festen Punkt; dieser aber wanderte als Spielmann durch die schöne Welt, durstig nach Schönheit. Und in der Schönheit nach Frieden —? Und im Frieden eben nach dem festen Punkt —?
„Ingo, ich will dir etwas sagen, was einmal gesagt werden muß, wenn wir nicht alle drei in Unnatur geraten sollen. Sieh, ich habe schon mehrmals beobachtet, wie dein Auge hübschen jungen Mädchen nachflog — und wie du dann zu erschrecken pflegtest, fast wie ein ertappter Junge, wenn du meinem Blicke begegnetest. Ach, ich sehe ja wohl, wie du suchst; und ich habe ja auch gar kein Recht, dich festzuhalten. Lieber Junge, es hat mich aber immer gedemütigt, wenn ich dich so vor mir zusammenfahren sah: er fürchtet meine Eifersucht, hab' ich mir sagen müssen. Also hab' ich dir Anlaß gegeben, daß du mich für kleinlich halten mußt? Und du hast recht: ich bin kleinlich, bin eifersüchtig, bin ein Hasenfuß, ich habe Angst um dich; ich fürchte, daß du einmal auf irgendein hübsches, leeres Lärvchen hereinfällst, in das du dein eigenes Ideal einstrahlst. Oh, Gott im Himmel weiß es: dieser Schmerz um dich ist größer als der Schmerz um meine seelische Vereinsamung!”
Frau Friederike, die ihrem Freund um mehrere Jahre an Alter voraus war, stand rasch auf, hielt ihr Taschentuch an die Augen und trat ans Fenster. Auch Ingo erhob sich, blieb aber am Lehnstuhl stehen und biß sich in die Lippen. Schon einmal hatte er eine solche Szene erlebt, wo die ruhige und fröhliche Wärme der Freundschaft in flammende Liebe übergeschlagen war. Er spürte auch jetzt wieder die unheimliche Schwüle vor dem Sturm. Aber er hatte sich fest in der Hand und blieb hochaufgerichtet und unnahbar hinter seinem Sessel stehen.
„Einmal schon”, weinte es vom Fenster her, „hab' ich mich zwischen dich und eine andre gestellt. Ich will es nicht wieder tun. Ich will vielmehr die erste sein, die dich beglückwünscht. Nur sag' es mir, sag' es mir gleich und offen, tu's nicht hinter meinem Rücken, stell' mich nicht plötzlich vor die Tatsache — denn das erschüttert meine Nerven mehr, als ich ertragen kann.”
Sie hatte sich die ganze Nacht mit dem Gedanken abzufinden gesucht, daß sie des Freundes Herz an ein junges Mädchen verloren habe. Und diese Empfindung verallgemeinerte sich in ihr zur erschütternden Erkenntnis, daß sie eine alternde Frau sei, daß sie Jugend nicht festhalten könne, daß alle Helena-Schönheit dahinschwinde in die wesenlose Nacht der Zeit. Mit elementarer Kraft war diese Empfindung über sie gekommen. Und zwei Mächte hatten nachtlang in ihr gekämpft und kämpften jetzt noch in dieser Stunde: entweder leidenschaftlich festzuhalten, zu genießen, zu sündigen, stürmisch den Freund zu umfangen — oder durch rasche Trennung sich wieder zu beruhigen und in Harmonie zurückzufinden.
Frau Friederike war weder zu dem einen noch zu dem andren stark genug.
Als sie sich jetzt zu ihm umwandte und Ingo ihr tränenvolles Gesicht sah, traten sie sich beide einige Schritte näher. Dann blieben sie wieder stehen. Was an Güte in ihnen war, schlug vom einen zum andren hinüber. Wieder schritt sie vor — und plötzlich lief sie hin, umschlang ihn heftig und weinte:
„Ingo, verlaß mich nicht!”
Wie ein Hilfeschrei, erschütternd, schlug es aus ihr empor. Doch zugleich stieß sie ihn zurück, lief mit dem Taschentuch vor den Augen laut schluchzend nach der Nebentüre, schmetterte sie hinter sich zu und riegelte sich ein.
Ingo wußte aus früheren Anfällen ähnlicher Art, daß sie nun stundenlang auf dem Diwan liegen und sich ausweinen würde.
Der Spielmann ging sorgenvoll im Zimmer auf und ab.
Der gestrige Tag dort auf dem Hügel, zwischen Kirschbaum und Zypresse, bei scheinbar so belanglosem Geplauder mit ein paar unreifen Mädchen, war eine Lebenswende. Jetzt galt es klaren Entschluß. Sollte er sofort hinaufgehen, diese bürgerliche Frau Frank-Dubois aus dem Elsaß, die hier in Sommerfrische weilte, aufsuchen und der jungen Schönheit schlankweg seine Hand anbieten? Denn jenes wunderschöne Gebilde hatte ihn berauscht. Aber was war denn an ihr, was ihn entzückte? Sie hatte ja kaum den Mund aufgetan. Warum verband er mit ihr die Empfindung von griechischer Landschaft und griechischem Tempel? War es nicht doch vielleicht nur ein allgemeiner Schönheitseindruck, der mit dem Bürgerkinde Martha menschlich nicht viel zu tun hatte? Sollte er die erprobte Freundschaft mit Richard und Friedel zerbrechen, um einem Helena-Phantom nachzujagen?
Mächtig wallte in ihm das Gefühl der Dankbarkeit empor.
„Sie haben mich gepflegt in meiner Krankheit”, sprach er zu sich selber; „Friedels beide Knaben lieben mich wie einen älteren Bruder. Sie selber nennt mich oft im Scherz ihren ältesten Jungen; sie ist besorgt um mich, wie eine Mutter um ihr Kind. Wohl hat sie sich damals zwischen mich und Elisabeth gestellt; aber es war ein Segen, denn meine verfrühte Heirat wäre Spießbürgerei geworden. Was weiß die Welt von den herrlichen Einzelheiten unsrer romantischen Freundschaft! Und wie taktvoll, wie verstehend hat sich Richard benommen!... Nein, ich will nicht glücklich sein ohne diese beiden trefflichen Menschen.”
Er pochte an Friedels Tür.
„Friedel, nur ein Wort!”
Es kam von drinnen keine Antwort.
„Öffne nur einen Finger breit!”
Sie kam endlich, öffnete ein wenig und schaute mit verweinten Augen heraus.
Er küßte ihre Hand und sagte innig und mit aufmunterndem Humor:
„Friedelchen, wollen wir zu guter Letzt sentimental werden? Wollen wir nicht lieber heute noch abfahren und durch die Provence wandern?”
Ihr Taschentuch zuckte vom Gesicht hinweg.
„Wirklich? Wollen wir fort?”
„Aber achtest du mich denn noch, Ingo?” kam es verzagt hinterher.
„Wunderliches Friedelchen,” lachte er, „glaubst du denn, ich könnte jemals wirklich vergessen, was du und Richard mir getan habt? Das steht in der Chronik der Ewigkeit; dort wollen wir einander hoffentlich hell und heiter begegnen. Nicht wahr?”
„Ja, Ingo”, sagte sie kindlich und legte die Hände in die seinen. „Du bist gut, Ingo.”
Und die Augen trocknend fügte sie hinzu:
„Geh nun hinunter zu Richard, Lieber, und entschuldigt mich bis zu Mittag! Und — und, Ingo, wenn wir wirklich fahren würden, ich würde ja jubeln, von hier fortzukommen!”
„Du hast recht!” sagte er frisch. „Aus den Sentimentalitäten 'raus! Auch ich! Fort in die Welt!” ...
Am Nachmittag packten sie ihre Koffer. Und am Abend saßen sie in der Eisenbahn nach Marseille und Avignon.


Viertes Kapitel Der Troubadour
„Wer von der Schönen zu scheiden verdammt ist, Fliehe mit abgewendetem Blick!”
Goethe

I n den Anlagen des Felsenvorsprungs Rocher des Doms oberhalb der Papstburg zu Avignon lustwandelten das Ehepaar Trotzendorff und der Troubadour Ingo von Stein.
Der Major studierte mit der ihm eigenen Gründlichkeit die Einzelheiten des Baedeker; Friedel und Ingo umfaßten hinausschauend das ganze Bild der Abendlandschaft, die in leuchtender Deutlichkeit um sie her ausgebreitet lag.
Hundert Meter unter jener gelblichgrauen Felsmasse strömt die Rhone, am Tag schlammgrau, doch in solcher Abendröte rosig und blau. Ein purpurtiefer, von Wolken unterbrochener Sonnenuntergang, in der heroischen Farbenstimmung eines Poussin, funkelte über Turm und Villen des gegenüberliegenden Villeneuve-les-Avignons; Luft und Berge waren dunkelblau; im Duft des Ostens, groß und goldrot, stand schon wartend auf das Amt der Nacht die Leuchtkugel des Mondes.
Die drei Freunde hatten kurz zuvor mit dem lebensheitren Wächter der Papstburg, Monsieur Vassel, der sich stolz félibre und chanteur Mistrals nennt, ein muntres Zwiegespräch gehabt, das angenehm in ihnen nachklang. Die hohen und stumpfen Türme des päpstlichen Kastells schienen heute heiter und verklärt zu leuchten in den Farben des Frühlings und der Abendröte.
„Was für heiter-natürliche Menschen wohnen in dieser Provence!” bemerkte Ingo. „Man erholt sich in diesen alten Nestern vom Luxusleben der Riviera-Hotels. Ich habe nicht übel Lust, den provenzalischen Geisteskönig, den alten Meister Frédéric Mistral, in seinem Dörfchen Maillane selber zu besuchen.”
Die goldene Madonna auf der Spitze des Doms, der noch über das starke Papstschloß hinausragt, breitete segnend die Hände über die rings heraufblühende Landschaft und schaute dem Gold der Sonne nach, von dem sie angeglüht war. Der immergrüne Hain mit den schiefgewehten Pinienwipfeln war belebt von Vogelgesang und wenigen Abendspaziergängern. Bedeutend grüßte vom Norden her der weiße Gipfel des Mont Ventoux. Doch war die Lenzluft kühl; das kleine, reizend ummauerte Avignon mit seinen engen Gassen schien sich frierend um das steile Mauerwerk der Papstburg zu drängen. Und die Gehöfte der Provence freuten sich der festen Zypressenwände, durch die sie gegen den rauhen Nordwind geschützt werden. Es lag ein Frösteln in der Luft und in den Seelen der beiden Menschen, die in das Abendgelände hinausträumten und windgeschützte Stellen suchten.
„Die abgebrochene Brücke da unten”, erklärte Trotzendorff, der mit seinem roten Buch herantrat, „ist die uralte Brücke St. Benezet.”
„Steht nicht ein Kapellchen drauf?”
„Ja, das Fest des Heiligen wird jährlich mit Tänzen gefeiert. Daher der alte Volksreim: Sur le pont d'Avignon tout le monde danse.”
„Eine Tanzbrücke also!” erwiderte Stein. „Sie geht nur bis in die Mitte des Stromes: ich hoffe, daß sie dann nicht ins Wasser tanzten? Oder kletterten dort die Nixen herauf und tanzten mit? Jedenfalls die Brücke des lustigen Lebens. Ein Gegenstück also zu dieser schweren Papstburg!”
Er setzte sich auf die Steinbrüstung. Und während sich die fröstelnde Frau Friederike fest in den Mantel hüllte und am Arm ihres Gatten im Schnellschritt durch die Anlagen lief, um sich wieder zu erwärmen, flossen dem Troubadour einige Verse ins Notizbuch. Er trug sie nachher seiner Freundin vor; Richard saß derweil wieder auf seiner windstillen Bank und las die Landschaft aus dem Fremdenführer ab.
Leicht rauschte die Rhone vor alter Zeit, Schwer stand der Papst auf den Schanzen — Und sah auf der Brücke von Avignon Ein leichtes Völkchen tanzen. Sur le pont d'Avignon Tout le monde danse. Da blähte sich sein Purpurkleid, Gewaltig schnauften die Nüstern: Der schwere Mann des Kampfes ward Nach leichten Tänzen lüstern. Der Papst stand, ein Gebild aus Stein. So standhaft, stark und massig — Die Tänzer der Brücke von Avignon Tanzten geschmeidig und rassig. „Wir türmen Granit,” so sprach der Papst, „Wir stülpen Zinnen darüber: Das Volk auf der Brücke von Avignon Tanzt an der Wucht vorüber.” „Wir türmen Satzung und Gesetz Zu burghaft-steinernem Ganzen — Was tut das Volk? Ich sehe das Volk Am Stein vorübertanzen!” Ein Schelm sang, eine Laute klang, Das sprang um den Lauscher der Zinne: „Da oben steht der Herr von Stein, Inzwischen tanzt im Abendschein Vorüber die lustige Minne!” Sur le pont d'Avignon Tout le monde danse!
In Frau von Trotzendorff arbeitete sich ein Entschluß langsam zutage. Sie schwieg zu diesen Versen; warf ein beifälliges „Hübsch!” hin, kaum hörbar, und hüllte sich in Schweigen. Sie war seit der Abreise von der Mittelmeerküste sehr heiter und zärtlich gewesen. Heute war sie schon den ganzen Tag schweigsam.
Plötzlich blieb sie stehen, schaute den Freund aus ihrem hochgestülpten Kragen heraus eindringlich an und sagte:
„Gestattest du mir ein offenes Wort?”
„Tausend offene Worte, Friedel!”
„Bedauert Ingo, daß er ohne Abschied abgereist ist?”
„Von der Riviera? Aber Schaller hat uns ja an die Bahn gebracht.”
„Du weißt, wen ich meine.”
„Die Mozart-Mädchen?”
„Ja.”
„Nun —? Und wieso denn soll ich das bedauern?”
„Sag' mir offen: soll das Gedicht, das du mir soeben gelesen hast, eine Anspielung darauf sein, daß Jugend und Minne an dir vorübertanzen?”
„Friedel —!”
„An dir vorübertanzen, während du hier oben bei mir aushalten mußt?”
„Aber Friedel!”
„Sei wahrhaftig, mein Lieber! Sieh, ich stehe immerzu unter dem Eindruck: es ist etwas in dir unbefriedigt. Du suchst etwas, was Richard und ich dir nicht geben können. Du träumst oft in die Ferne, du besinnst dich dann plötzlich wieder auf mich und suchst mit Zartheit das Versäumte nachzuholen. Nein, leugne nicht! Verlaß dich drauf, daß eine Frau, wenn sie jemandem gut ist, hierin ein sicheres Gefühl hat! Das bedrückt mich, Ingo. Es wäre sündhafter Egoismus von mir, wenn ich dich beschlagnahmen wollte. Ist nicht unser Herzensbund auf Freiheit und Vertrauen gestellt?”
Sie legte ihm die Hand auf die Brust.
„Du, Ingo, ich will dir was sagen,” fuhr sie fort und stellte sich, als wär' ihr ein jäher Einfall gekommen, „du holst das Versäumte nach, du entschuldigst dich brieflich bei den Mädchen! Verstehst du? Du schreibst ihnen in deiner liebenswürdigen Art einen liebenswürdigen Brief! Ja? Meinetwegen zwei, meinetwegen drei! Glaubst du mir dann, daß ich nicht eifersüchtig bin? Bist du dann heiter und glücklich?”
Der Spielmann verhehlte nicht sein angenehmes Erstaunen. Ihre aufmerksame Beobachtung stellte fest, daß ein Leuchten über sein Gesicht flog.
„Wirklich, Friedel?” rief er überrascht. „Friedel, du sprichst da eine Anregung aus, die mir selber schon ganz unbestimmt durch den Kopf gegangen war, das will ich dir nur ruhig gestehen. Ja denn, ich habe etwas wie Heimweh nach jenen harmlos-heitren, unbedeutenden jungen Mädchen; und es kommt mir unartig vor, und vor allem war es unnötig, daß ich so ohne Abschied davongelaufen bin. Also, Liebste, wir wollen einen Vertrag machen: ich plaudre brieflich mit jenen muntren Geschöpfen über unsre Fahrten und gebe dir das Geschriebene, und du schreibst ein scherzhaft Nachwort darunter und schickst die Briefe als meine Kanzlerin persönlich ab. Nicht wahr? So geht der Weg zu Jugend und Minne durch dich hindurch! So ist dieser Briefwechsel durch meine liebste Freundin gesegnet! Bist du einverstanden?”
„Ich danke dir, Ingo.”
Sie machte die Hand frei und gab sie ihm mit ernstem, bleichem Gesicht.
„Ich fühle durch den Handschuh hindurch, daß du eiskalte Hände hast”, sprach er lächelnd. „Komm einmal her, Richard, wir reiben Friedels Finger warm!”
Und er rieb ihre Hände scherzend zwischen den seinen und druckte zuletzt einen Kuß darauf. Es entging ihr nicht dieser plötzliche Ausbruch liebenswürdiger Heiterkeit.
So schritten sie, als die Heereszüge der Nacht von allen Seiten ins Rhonetal hereindrangen, miteinander hinab in die Lichter von Avignon.
„Himmel,” sprach Ingo, als er auf seinem Zimmer allein war, „was ist denn das mit mir? Ich freue mich ja kindisch, mit diesen Mädchen zu plaudern!”
** *
Avignon, im Lenz.
Meine reizenden Mozart-Mädchen!
Neben mir saß heute abend eine der liebenswertesten Frauen Europas und benachbarter Kontinente. Da ich mich bei Ihnen, meine Holden, als Troubadour eingeführt habe, so wollen wir auch meine Nachbarin nach der provenzalischen Landschaft benennen: sie heißt Eleonore von Poitou.
Frau Eleonore von Poitou empfindet es als unartig von mir, daß ich ohne Abschied von Ihnen geflohen bin. Sie erlaubt mir — nein, sie bittet mich, Ihnen diesen Entschuldigungsbrief zu schreiben. Denn sie merkt, daß ich so etwas wie Heimweh in mir herumtrage. Wonach? Nach Schönheit, Liebe, Glück, Frieden, Frohsinn — was weiß ich, wonach! Und nach wem? Ja was für ein innerstes Begehren ist denn eigentlich in unsren modernen Herzen?
So schreib' ich denn diese fliegenden Zeilen auf lose Blätter überseeischen Papieres, leichten, luftigen Papieres; Eleonore, meines Reiches Kanzlerin, wird das Geplauder genehmigen, in einer Nachschrift die Richtigkeit bestätigen und die Blätter nach Barcelona senden, wie man Tauben ausfliegen läßt, die aus dem Chaos des Meeres das feste Land suchen. Unter solchem Schutze plaudere ich nun mit Ihnen, wie wenn wir dort oben auf dem Hügel säßen, als meine Saiten von selber zu klingen begannen, weil sie berührt wurden von zwiefacher Anmut.
Richtig, Kinder — fast hätt' ich da nun zu jungen Damen „Kinder” gesagt! —, und da fällt mir ein, daß ich der Jüngsten jenes Liedchen aufzuschreiben versprochen habe! Das wird nun schwer halten; dergleichen muß von Mensch zu Mensch aufglühen, das kann man nicht aufs Papier festhexen. Der Gedanke war etwa dieser:
Losgelöst vom falschen Elemente, Liegt am Strand das munterste der Nixchen, Liegt wie Tang, heraufgeschwemmt vom Meer. Und sie klagt: „Ich suche Seele, Seele, Eines Mannes liebe Seele such' ich, Denn wir Nixen, ach, sind seelenlos!” Kommt ein Troubadour und neigt sich zärtlich, Auszuströmen seine ganze Seele — Doch da lacht sie auf und schnellt ins Meer!
Warum schnellten Sie ins Meer und schwammen an die Küste von Katalonien?
Ich war in Vaucluse, dem Lieblingsort eines liebenden Einsamen: des Sängers Petrarka. Dieser Leidensgenosse hat Donna Laura, die schönste Frau der Provence (außer Eleonore von Poitou) in Sonetten von ferne besungen. Die lebenslustigen Nixen lachten, als wir uns über diese Art von Liebe unterhielten. Denn es sind dort genußfrohe Nixen im Quell der Sorgue, unsterbliche Töchter der Elemente, die einst Petrarkas melodische Klagen belauscht haben. Der Sänger trug freilich die Kutte, war grundgelehrt, ein Meister damaliger Bildung, ein Ratgeber der Könige und Päpste; und die Dame, die er liebte, war eines Ritters Gattin und Mutter zahlreicher Kinder. Seit er sie einmal in ihrer Jugend in der Kirche Sancta Clara zu Avignon gesehen hatte, war es um ihn geschehen; sie war fortan sein Stern, an dem er sich orientierte, wenn er das Land der Schönheit betrat.
Ich habe dabei an Dich gedacht, Du — — halt, da verschnappt sich einer! Ich wollte sagen: ich habe an Euch beide gedacht, meine Holden, besonders an eine von Euch, doch ratet einmal, an welche? Ach, ich schüttle mich manchmal wie ein Baumwipfel, der Blüten oder Maikäfer oder Kirschen abschütteln möchte — aber Dein Bild sitzt in mir, süße Schöne, schöne Süße, und ich kann's nimmer abschütteln! Wozu auch abschütteln, was so froh macht? Wie sagt Meister Goethe? Der menschlichen Schönheit wohnt Heilkraft inne: wer sie erblickt, den kann nichts Übles anwehen, er fühlt sich mit sich und der Welt in Übereinstimmung.
Heil also dem ärztlich wohlberatenen Petrarka! Und Heil dem Troubadour und Spielmann!
Unverträumte Wasser sind in Vaucluse. Die Quelle der grünen Sorgue bildet zwar ein stillfunkelndes Becken am Fuß einer überhangenden gelben Felsmasse; doch diese Quelle wird augenblicks ein Bach, ein donnernder Fluß, heroisch, nicht idyllisch; nixenlebendig kringeln sich die rosig vom Mittagslicht überhauchten Schaumwogen in die grünen Wasser hinein und springen über moosige Felsen den Abhang hinunter ins nahe Tal, um dort sofort Papiermühlen zu treiben — oder was sonst da unten geschäftig rauchen mag. Rasch ziehende, glänzend weiße Wölkchen fliegen wie Schwäne über tiefblauen Himmel — nach Südwesten, nach Spanien. Es ist ringsum ein Blühen, efeuumsponnene Büsche, wilde Feigen, Wacholder, Zypressen; auch seltsam gezackte Felsen bringen bizarre Linien in die Landschaft; und eine kahle Bergruine starrt fragend in den Himmel.
Hier hat Petrarka vom weiblichen Rätsel geträumt. Ich will Ihnen eine Stelle aus seinem Brief an die Nachwelt abschreiben: „Da ich den mir eingeborenen Widerwillen gegen Städte überhaupt und besonders gegen das mir verhaßte Avignon nicht überwinden konnte, so suchte ich mir einen abgelegenen ruhigen Zufluchtsort, um mich dahin wie in einen Hafen zu flüchten. Ich fand fünfzehn Millien von Avignon ein gar kleines, aber einsames und anmutiges Tal, das geschlossene Tal genannt (vallis clausa, Vaucluse), in welchem die Quelle der Sorgue, die Königin aller Quellen, aus dem Felsen springt. Gefesselt von dem Reiz dieses Ortes, wanderte ich mit meinem kleinen Bücherschatz dahin aus. Zehn Jahre bezeugen, wie teuer mir dieser Aufenthalt war. Im Schatten dieses Tales hoffte ich auch die jugendliche Glut, die viele Jahre in mir loderte, zu kühlen. Oft verbarg ich mich dort wie ein Flüchtiger in einer uneinnehmbaren Burg. Ach, ich wußte nicht, was ich tat! Das Mittel selbst ward zum Verderben; die brennende Sorge brachte ich mit; und in so großer Einsamkeit fand ich keine Hilfe gegen den um so heftigeren Brand. So brachen denn die Flammen des Herzens in Klagen aus und erfüllten das Tal, von manchem als wohllautend gepriesen. Dies ist der Ursprung jener in der Volkssprache gedichteten jugendlichen Gesänge der Liebe” ...
So entstehen Lieder und Klagen, meine Freundinnen — und so entstehen Troubadour-Briefe ...
In der Provence liegt ja Liebe in der Luft. Quellen und Nachtigallen sind voll davon; die wilden Rosen klettern um alle Burgtrümmer und suchen die Herrin. Sind doch von mehr als vierhundert provenzalischen Dichtern des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts Lieder erhalten! Darunter waren fünf Könige, zwei Fürsten, zehn Grafen, fünf Markgrafen und fünf Vizgrafen — zum Beispiel Bertran de Born —, sechs mächtige Barone und neunundzwanzig Ritter! Ist es nicht eine rechte Herrenkunst, mit Anmut zu lieben?!
Über die Gegend ziehen häufige Wolkenschatten — und ebenso über das Antlitz der lebendigen Eleonore von Poitou ...
Die historische Eleonore — erlaubt diese Belehrung! — war Gemahlin Ludwigs des Siebenten von Frankreich und später des zweiten Heinrich von England und war die Mutter des berühmten Richard Löwenherz. Vollmenschen! Wußten kühn zu lieben und zu leben! Wäre doch mehr Genialität in unserer Krämerwelt! Die Luft war damals Musik von Waffenklang und Lautensang, von Heroismus und Liebe. Ein Buch „Heroismus” hab' ich geschrieben — nun möcht' ich der Minne gleichfalls ein freundlich Papier widmen — Papier?! O süße Mädchen, ihr habt so entzückend schmale und doch volle kirschrote Lippen — und wie singt Klopstock?
„Ein beseelender Kuß ist mehr als hundert Gesänge Mit ihrer ganzen langen Unsterblichkeit wert!”
Da liegen nun in den Bibliotheken die Papiere der Troubadourlieder, deren Notenschrift einer vor ein paar Jahren mühsam entziffert hat — aber das Leben? Das blühende Leben?! Den Troubadours und Jongleurs pulsierte Wanderblut in den Adern, sie durchstreiften das ganze Kulturgebiet, waren auf dem Felde der Politik zu Hause wie in Herzensrevieren; und viele ritten in den Kreuzzug oder zogen sich am Ende der Umtriebe in ein Kloster zurück, wie Bertran de Born. Und ihre besungenen Damen? Es schickte sich, daß sie verheiratet waren; es gehörte zum Schmuck des Hofes oder der Burg, daß die Herrin von einem Troubadour gepriesen ward. Kurz, ihr Mozart-Mädchen, es war damals mehr Poesie in der Welt, mehr Genie! Selten freilich hat der Gatte die Gattin besungen — aber der hatte es ja nicht nötig, Poesie zu dichten, denn er lebte ja Poesie! Und das Erleben ist doch immer wieder das Köstlichste! ...
Seid Ihr nicht auch dieser Meinung? Gute Nacht!
Der Troubadour.
Nachschrift. Vergib, Liebster, ich kann diesen Brief nicht absenden.
Eleonore.
** *
Arles, im Lenz.
Am letzten Sonntagvormittag, meine süßen Mädchen, haben wir den mehr als achtzigjährigen Dichter der „Miréio” und andrer Gesänge, Frédéric Mistral, in seinem Dörfchen Maillane bei Saint-Rémy aufgesucht.
„Merci de votre bonne visite” — das Schlußwort des liebenswürdigen Greises tönt mir noch immer im Ohr. Nur eine Viertelstunde waren wir bei ihm, um diesem provenzalischen Meister zu danken für das, was er getan, für das, was er ist. Wie artig war er zu Eleonore von Poitou! Blumen gab er ihr aus seinem Garten. Zwei drollige Hunde hängten sich neckisch an Frau Eleonorens Mantel — „Toutours” hieß der eine, der sie gar nicht mehr loslassen wollte —, um uns her blühte der einfache Dorfgarten, zu ebner Erde ist sein Arbeitszimmer. Er ist nur wenig gebeugt, kam uns in seiner Samtjacke hohen Wuchses heiter entgegen, in seinem bekannten weißen Spitzbart, so daß ich ihn gleich erkannte. Ich erzählte ihm von Thüringen, dankte ihm, daß er das Banner des Idealismus und der Regeneration hochhalte in einer Zeit, die überflutet ist von Literatur, nicht aber von Poesie. „Und Poesie ist eine so einfache Sache”, bemerkte er lächelnd. „Man braucht nur die Kinder anzusehen: ein Kind weiß ganz von selber, was Poesie ist. Es schaut in die Wolken und schaut Poesie. Man braucht nur im Herzen Kind zu bleiben, und man hat Poesie in sich.” — „Das ist es!” rief Frau Eleonore innig. „Wir lesen jetzt eben Ihre Lebenserinnnerungen — wie köstlich war Ihre Jugend! Ein entzückendes Buch!” — „Ich hörte, daß man in Deutschland einen Auszug daraus für die Schule hergestellt hat.” — „Sie haben überhaupt viel Freunde in Deutschland.” — „Ja, man beschäftigt sich dort wissenschaftlich mit dem Provenzalischen sehr eingehend; ein deutscher Professor schreibt mir sogar geläufig und ohne Fehler Briefe in provenzalischer Sprache.” — „Der Name Mistral ist bei uns untrennbar mit der Provence verwachsen; die Provence ist Mistral, Mistral ist die Provence. Sie haben in Ihren Büchern, in Ihrem Lexikon, im Museum zu Arles Dauerndes für dieses Land getan. Wir wollten Ihnen also danken, nicht nur für Ihre glänzenden Verse, sondern dafür, daß Sie uns andre ermutigt haben: Ihr Name bedeutet ein Programm, ein Symbol, wie man seiner Heimat treu bleiben und doch ins Große wachsen kann. Dafür wollten wir Ihnen danken” ...
Meine Freundinnen — lassen Sie mich Sie beide so nennen, denn in hohen Stunden bin ich allen guten Menschen gut! —, ich wallfahrte gern zu Stätten, wo bedeutende Geister und Herzen ihren Mitmenschen etwas zu künden wußten aus höheren Sphären. So war ich in Stratford am Avon an einem wolkenlosen Sommertag; die glührote Sonnenscheibe ging unter, als ich von Warwick kam, und die ebenso große rote Mondscheibe stieg auf, als ich im Kahn auf dem nächtlichen Avon hinter dem Kirchhof langsam einherfuhr, zwischen Weiden und Wiesen und alten Ulmen; so war ich in Schottland bei Walter Scott in Abbotsford und bei Robert Burns in Alloway; so in Florenz bei Dante, Savonarola, Michelangelo und in Assisi bei Sankt Franziskus — und so sind mir von Kindheit an Weimar, Wartburg und Sanssouci vertraute Stätten. Und so war ich nun in Vaucluse und Maillane — und war auf dem Hügel der Mozart-Mädchen! Sagt einmal, Mozart-Mädchen, ist es nicht alles ein und dasselbe? Seid nicht auch Ihr beide Offenbarungen der Schönheit?
Mistral hat aus den öden Rhonelandschaften Crau und Camargue die dichterische Seele eingesogen; die Crau ist eine weite steinige Steppe, die Camargue eine Sumpfwildnis voll Herden und wildem Geflügel. Und doch hat er sie lebendig gemacht. Ein schöner Menschenschlag in dieser Provence! Schön sind die Arlésiennes, aber ich habe schon schönere Mädchen gesehen ...
Ach, von des Hügels fernherlachendem Zauber Will sich noch immer kein Bote des Himmels lösen Und mir sagen, ob ich die Eine minnen — Oder ob ich sie wieder vergessen soll? Seid mir gewogen, zierliche Strahlen der Mondnacht Webt aus Goldbrokat ein haltbar Brückchen, Daß mein Bote, mein leichthintanzender Bote Bald und gewiß die freundliche Botschaft bringe! Auf ein Zeichen wart' ich des deutlichen Boten, Den die Heimlichen, die mich schon immer beraten, Senden mögen: soll ich die Eine minnen? Oder — —?
Dies schrieb ich, als wir am starken, viereckigen, nach außen fast fensterlosen Schloß des Königs „René des Guten” zu Tarascon saßen. Le bon roi René war ein poesievoller König der Provence; er hatte Phantasie und Güte — kann es schöneren Bund geben? Auch Frédéric Mistral ist ein bon roi René, ein guter König der Provence, aus dessen Wesen die einfache Güte eines edelnatürlichen Menschen leuchtet. Wenn ich alt werden soll, so will ich mir solch ein Abendrot um meine Welt wünschen.
Aber auch dann werde ich nicht aufhören, alles Schöne zu verehren, berauscht zu stehen vor griechischen Statuen, schönen Gemälden, großer Musik — und niedlichen Zöpfen mit ganz entzückenden Gesichtern dazu! ...
Hier schaute mir Frau Eleonore in die Blätter; ich neckte sie sofort, indem ich recht herzhaft für ferne Schönheiten schwärmte. Doch nun droht sie, mir den Stift aus der Hand zu winden! Kämpfend schreib' ich nur noch eben hin: — bitte, liebste Mägdlein, schreibt mir einen Gruß nach Lourdes, postlagernd! Oder fliegt selber zu eurem — von Heimweh nach dem Land der Schönheit durchglühten
Troubadour.
Nachschrift der Frau Eleonore. Solche Liebesbriefe vertraut mein Herzensfreund mir an?! Ich soll sie lesen, soll sie absenden! O mein Ingo, was verstehen denn wohl diese blutjungen Mädchen von deinen sehnenden Gedanken? Und was wissen sie denn wohl von der Kraft und Tiefe, mit der eine reife Frau einem Freunde gut ist? Wie kannst du solche Tändelbriefe ins Unbekannte aussenden und mir vertrauend zumuten, daß ich deine Werbung segne? Willst du mir Eifersucht aberziehen? Willst du mich auf eine Verlobung vorbereiten? Ein Ingo Freiherr von Stein-Waldeck und irgendeine Dir nur wenig, mir gar nicht bekannte bürgerliche Fräulein Frank-Dubois — soll das einen würdigen Bund geben? Nein, lieber Schwärmer, so darfst Du denn doch nicht auf meinem Herzen tanzen. Ich sende auch diesen Brief nicht ab, sondern verschließe ihn schweigend in meine Kassette.
Eleonore von Poitou.
** *
Cette am Mittelmeer, auf dem Wege nach Lourdes.
Liebe Freundinnen!
In einer toten Hafenstadt, deren nächtliche Laternenreihen gespenstisch an den stummen Kanälen stehen, übernachten wir. Meine letzten Briefe waren — Kirschbaum; dieser ist — Zypresse. Zwischen Kirschbaum und Zypresse saßen dort die zwei Schönheiten, die mir das Herz ein bißchen verwirrt haben: die zapplige Jüngste dem heitren Kirschbaum näher; Sie aber, meine Stille, nahe an der Zypresse.
Die weißen Straßen der Provence mit ihrem ziehenden Staub schlafen dahinten; Orange, Nimes, Les Baux — all die Schönheiten dieser stillen Städte sind hinter uns verblichen; Regenwetter fröstelt auf den blühenden Hügeln; der Mond ist verhüllt. Frau Eleonore kränkelt und ist früh zu Bett gegangen; ihr Gatte sitzt unten bei einem thüringischen Fabrikanten, der sich uns angeschlossen hat; ich habe mich zeitig auf mein Zimmer zurückgezogen.
Wissen Sie, Fräulein Martha, daß ich mich auf Wandermüdigkeit ertappe? Wissen Sie, daß ich anfange, Sie um den Frieden zu beneiden, in dessen feinem, rosigem Gewölk sich Ihre Seele immerzu behütet findet? Denn ob ich in einem alten, weitläufigen Hotel der Provence, mit Steinfliesen und Kamin, übernachte oder in einem Temperance-Hotel zu Edinburg oder zu Christiania oder zu Rom oder gar hinter einem Moskitonetz auf Ceylon — es ist dieselbe Welt der Gegenständlichkeit. Ist es der Mühe wert, so viel Maulwurfshügel dieser Erdkugel abzuklettern? Lohnt es Zeit und Kraft, so viel Augenkost einzuschlürfen, auf die Gefahr hin, sie seelisch nicht mehr verarbeiten zu können? Das Reisen ist eine Stufe und muß überstiegen werden; so wie die moderne Titanenschlacht, dieser Wettkampf aller gegen alle, enden muß in einer Katastrophe, wonach dann entfieberte und entgiftete Menschen als freie Freunde ruhig miteinander verkehren werden — jenseits der Titanen, auf den Hügeln der Schönheit, wo meine Mozart-Mädchen ein so lieblich Leuchten ausstrahlen.
Jenseits der Titanen Sind keine Waffen mehr, Sind nur noch Wunden Und heilende Hände; Jenseits der Titanen Eroberst du nimmer; Dort wirst du beschenkt. Jenseits der Titanen Wohnt auf den Hügeln der Götter Die Schönheit, das Glück. Doch niemand wandelt ohne Narben Jenseits der Titanen ...
Ihnen, mein stilles Fräulein Martha — ich will es bekennen: an Sie besonders muß ich immerzu denken, die Sie so lieb und langsam die langbewimperten Augen auftun, immer mit einem schüchternen Lächeln um den verlegen halb geöffneten Mund — Ihnen besonders gilt dieser nächtliche Gruß. Es ist mir, als ob ich in einer Kapelle säße, obwohl Protestant, und schlicht und fromm zu einer Madonna spräche. In meiner Wohnung in Thüringen sind alle Wände voll von Bildern, denn ich muß Schönheit um mich haben. Auch zu Marseille habe ich Ihrer gedacht, dort oben in der Kirche Notre Dame de la Garde, wo die gnadenreiche Jungfrau Meer und Hafen bewacht. Über dem Altar jener Kirche, die den ganzen Hafen überleuchtet, steht eine silberne Madonna, darüber der Gruß an die Gnadenbringerin: Ave gratia plena! Daß sich das Heilige und Reine so gern in ein Jungfrauenbild symbolisiert! Jungfrau und Kind! Etwas Jungfräuliches und Kindliches in unsren Seelentiefen antwortet wie ein Echo im tiefen Walde, wie eine versunkene Glocke aus den Vineta-Gewässern des Herzens. Die Wände sind dort bedeckt mit Ex-voto-Tafeln dankbarer Besucher; ich entsinne mich einer Tafel: „Retour du Dahomey et du Soudan d'un capitaine père de famille”; und so drückten viele ihren Dank aus, ihre „reconnaissance à Marie” oder „à notre honne mère”. Die Luft ist an jener schönen, steil gelegenen Kirche voll von Dank- und Bittgebeten. Und das ist sinnig. So mögen schon in Urzeiten die Schiffer des Mittelmeers ihre Heimat gegrüßt und mit erhobenen Händen zu ihren Göttern gebetet haben. Vielleicht stand eine sinnliche, schaumgeborene Aphrodite, wo jetzt eine seelenvolle Madonna silbern strahlt ...
Wunderschön ist der Blick von jenem Steinhügel über Marseille, die vorgelagerten Inseln, worunter die Türme des kleinen Château d'If, die langen Höhenzüge, die Flotillen der Segelschiffe und einzelne große Dampfer. Und wenn man sich aus dieser bunten Vielheit umdreht, so glüht hinter uns, im Dunkel der Kirche, die immer gleich ruhige rote Ampel, das ewige Licht, wie der feste Mittelpunkt einer unsterblichen Seele.
Ich habe Sie zuerst auf einem Hügel gesehen, Fräulein Martha. Auf den Hügeln standen immer die Tempel und Kirchen und Leuchttürme und Burgen der Menschheit — alles, was Wege weist und Schutz gibt. Dort auf dem Riviera-Hügel liegt auch und wartet der unerbaute Marmortempel ...
Es raunt etwas in mir: Troubadour, du sprichst ja dies alles gar nicht zu einer Erdenjungfrau, sondern deine eigene unerfüllte Sehnsucht nimmt Gestalt an — und Martha oder Madonna sind nur Weckmittel, leuchten wie ein Grubenlicht in den Schacht deiner Seele, und fördern aus deinen Tiefen dein eigenes Lebensziel zutage. Aber es ist ungalant, Ihnen das zu sagen, liebes Fräulein ...
In Arles hatten wir den letzten sonnenhellen Tag; auch Frau Eleonore war noch heiter. Da haben wir vor Mistrals bronzenem Standbild verehrend Rückschau gehalten; die dankbare Provence hat es ihm errichtet. Die Namen seiner Werke sind darauf eingegraben: Miréio, Calandau, Netto, Les isclo d'or, Lou trésor dou félibrige — und andre. Und wie reich ist sein Museum! Welch schön gerundetes Lebenswerk! ... Ich aber — wie fahr' ich in der Welt umher! ...
Übrigens, meine reizende Elsässerin, hab' ich hier in der Provence entdeckt, woher der Name Elsaß stammt. Es gibt in Arles eine Sarkophagen-Allee, die „Aliscamps”, die „Champs Élysées”. Offenbar hängt Elsaß mit Elysium zusammen, mit elysäischen Gefilden. Seit ich zwei so anmutige Elsässerinnen kennen und lieben zu lernen das Glück hatte, bin ich von dieser Abstammung des Namens Elsaß durchdrungen und überzeugt ...
Wie tot die mitternächtige Stadt mit ihren stummen Kanälen! Wie unbewegt diese Lichter an den nassen, menschenleeren Gassen! Es ist ein schwermütiges Stadtgebilde ohne Mond und Sterne, ohne Melodie ... Doch formt sich mir, indem ich auf zerrissenen Teppichen des vernachlässigten Hotels schlaflos auf und ab schreite, dieses Lied ...
Im Lande der Trauer gedeiht keine Frucht, Da rieselt und seufzt in vertrockneter Schlucht Nur traurig ein Tropfen zum andern; Da starrt in gläserne Luft das Laub, Kein Wind scheucht unter den Sohlen den Staub, Wenn es dich lüstet, zu wandern. Und sucht die Flöte den Freudenton, So schleicht sich der Laut wie ein Dieb davon; Auch sind keine Mädchen zum Tanzen. Die Ritter reiten verdrossen vorbei, Sie fragen umsonst, wo Großtat sei; Der Rost sitzt an den Lanzen. Doch sprengt Frau Freude die Hügel hinan Auf weißem Roß, mit Schellen dran, So weiß sie die Sonne zu geben! Schon jauchzte die Flöte, das Mädchen sprang, Es reift die Tat und die Frucht am Hang — Und heilig wird wieder das Leben!
Wäre mein Leben tatengroß und heilig, liebes Fräulein! Ich habe mich leicht geschwatzt und heiter gereimt, holdes Mädchen! Weltschmerz hat nie lange Raum in meiner Seele, ich räuchre und reime und klimpre den Kerl wieder hinaus. Haben Sie Dank, daß Sie zugehört haben! Ich beherberge in mir die phantastische Hoffnung, daß uns in Lourdes — wenn wir über Carcassonne und Toulouse ankommen — irgend etwas Wundervolles erwartet: — ein Brief von Ihnen —?! Oder gar Sie selber?! ...
Närrische Welt! Ich lasse mich treiben und überraschen und beschenken. Ist ja doch alles Glück und Gnade! Gute Nacht!
Troubadour.
Nachschrift. Und kommst nicht mehr an meine Tür? Und sagst mir nicht Gute Nacht? Bist aber so ehrlich, mir am andren Morgen mit gekünsteltem Lächeln auch diesen verschwärmten Brief zu überreichen? Du hast ein übergroßes Vertrauen zu mir, liebster Freund, und hältst mich für stark und hochherzig. Ich bin's aber nicht. Mein Herz möchte dich glücklich sehen, aber mein Herz weint. Ich kann auch diese immer unverhülltere Werbung nicht gutheißen. Ich lege den Brief zu den andern.
Eleonore.


Fünftes Kapitel Lourdes
Darf nur ein Kind dein Antlitz schaun Und deinem Beistand fest vertraun, So löse doch des Alters Binde und mache mich zu deinem Kinde!
Novalis

W o war Friedels Feuerseele geblieben?
War diese Frau, die da neben zwei frischen Männern einherschlich, noch die einst entzückende Sängerin, die den Spielmann Ingo von Stein hingerissen hatte als Sieglinde und Isolde?
Pegasus im Joch? Eine entmarkte, ungenial gewordene Hausfrau?
Doch nein — wo waren die glänzenden Hauskonzerte noch vom vorigen Winter? Waren sie nicht ein Beweis, daß sich die siebenunddreißigjährige Frau in zehnjähriger Ehe glänzend entfaltet hatte? Und welche Stimmungen, wenn Richard und Ingo als zwei einzige Zuhörer im Schatten des Hintergrundes saßen und die Frau am Klavier zwei und drei Stunden lang ihr loderndes Temperament entladen ließen, daß die Kämme und Nadeln aus den goldenen Haaren flogen — die zahllosen Haarnadeln, die dann der allezeit ritterliche Richard mit elegantester Gewandtheit, auf den Zehen, unnachahmlich komisch auflas, auf einer silbernen Visitenschale sammelte und zum Schluß mit gebeugtem Knie der Künstlerin wieder verabreichte? Je nach der Zahl der herausgeschleuderten Nadeln wurden Grad und Wucht des Spieles lachend festgestellt. Doch nicht selten geschah es, daß man ergriffen und begeistert die Feststellung vergaß.
Oder wenn Friedel und Ingo vierhändig Symphonien von Brahms und Beethoven spielten, daß die Wände bebten beim Fortissimo und die beneidende Nachtigall aus dem Park ans Fenster flog beim Adagio — wo war das?
Dann wieder sang sie mehrere Stunden lang Lieder von Brahms, Schubert und Schumann, wandte sich in den Pausen nach den lauschenden Freunden um und fragte: „Seid ihr noch nicht müde, Kinder?” — „Wenn du nicht müde bist, Friedel —?” — „Oh, jetzt fang' ich erst an!” Erst gegen Mitternacht wurde mit Tee und Brötchen oder mit einer von Richard glänzend bereiteten Bowle der musikalische Abend beschlossen. Und „ihr seid geniale Zuhörer”, dankte die Sängerin, das Gesicht fächelnd, strahlend und gesättigt. „Kinderchen, jetzt ist mir wieder wohl! Musik ist in aller Qual des Lebens meine Gesundheit, meine Seligkeit!”
Wo war das alles?
Kann Geniefeuer versprühen, das bis vor kurzem in dieser ungewöhnlich lebensvollen Frau gesprüht hatte? Nein, nein, es kann sich veredeln, verinnigen, aber darf nicht verloren gehen ...
„Spielmann,” sagte sie wehmutvoll zu Ingo, als sie in Lourdes einfuhren, und zupfte ihn wie ein ungeduldiges und unglückliches Kind am Ärmel, „lieber Spielmann mein, warum spielen wir denn nicht mehr? Warum sind wir denn so säuerlich ernst geworden? Warum bin ich denn so schwer, so schwer? Ach, ich bin eine verrostete Harfe, ich bin alt, alt, Kinderchen, ich bin über Nacht alt geworden!”
Mit keiner Silbe berührten sie und Ingo die provenzalischen Briefe an jene jungen Mädchen. Richard hatte von dem Dasein dieser Briefe überhaupt nur ein flüchtiges Wissen; bei guter Laune hätte er den Freund geneckt, und in seinem normalen sachlichen Ernst langweilte ihn solche Romantik.
„Du besuchst so gern katholische Kirchen”, scherzte der Gatte. „Bete zur Madonna von Lourdes, sie soll dich wieder jung machen.”
„Ach, spotte nicht, Liebster”, gab die Kranke zurück. „Was wißt ihr Männer, wie einer alternden Frau zumute ist, die einst als Künstlerin die Welt erobern wollte! Die Welt erobern!”
„Aber, Friedel, alternde Frau — wenn man so was hört!” versuchte Ingo zu trösten. „In zwanzig Jahren laß uns davon sprechen! Und selbst dann — hast du nicht oft von deiner lustigen Großmutter erzählt, daß sie noch mit mehr als siebzig Jahren die Jüngste war von allen? Etwas in uns wird immer jünger, lichter, geistiger; ein Herz voll Güte und Poesie kennt kein Altern. Denk an den greisen Mistral in Maillane, von dem du so entzückt warst!”
Als sie zu Lourdes kaum im Hotel abgestiegen waren, stürzte der Troubadour mit der Nachricht herbei: „Friedel, Richard, ich hab' im ersten Stock einen Salon mit Klavier entdeckt! Der Wirt gibt ihn mit Vergnügen. Es sind wenig Gäste im Hotel; rechts und links nehmen wir unsere Zimmer und musizieren den ganzen Abend. Friedel muß sich mal wieder austoben, das seh' ich ihr schon lange an; was, Friedel?”
„Ein Klavier? Gutes Klavier? Her damit!”
Der Major, dem der Zustand seiner Gattin in den letzten Wochen Sorgen gemacht hatte, war überglücklich. Sogleich nach dem Nacht-Imbiß ging man hinauf, ohne sich im dunkelnden Lourdes viel umzusehen; und der Gatte ließ eine Flasche Sekt kaltstellen, Friedels Leibgetränk.
Nun saß sie vor den Tasten und stürzte sich sofort mit Wucht und Wonne in den zweiten Akt von Tristan und Isolde: „Nicht Hörnerschall tönt so hold, des Quelles sanft rieselnde Welle rauscht so wonnig daher” ... Sie spielte die Begleitung auswendig, sie sang und begleitete sich selber. Und dazwischen, die Erwartungsszene mit Brangäne bei beginnender Nacht mit Glut spielend und singend, rief und stieß sie in allem Rausch der Darstellung manchmal hervor: „Ja, das ist das Weib — Wagner kannte das Weib — seht, wie kindlich jetzt — jetzt begehrend, zärtlich und wild — alles — eine Naturkraft” — — So spielte sie hingerissen und hinreißend; und stand doch als Mensch und Künstlerin immer wieder darüber.
Aber später, mitten im Liebestod — „mild und leise, wie er lächelt” — sprang sie auf und brach ab. Ihre Kämme waren herausgefallen, ihr Goldhaar flutete über den Rücken, ihre Wangen flammten im Fieber. „Nein!” rief sie. „Nicht sterben! Auch nicht aus Liebe sterben! Das ist zu gewaltig! Das darf man nicht am Klavier im Salon singen, in engen Verhältnissen, als Gattin und Mutter — das ist das Meer! Uferlos! So etwas kann man nur erleben — einmal erleben und im Erleben vergehen!”
Sie warf sich in einen Sessel.
„Nein, nein, nein, ich will leben! Laß die Kämme liegen, Richard, laß meine Haare fließen und meine Seele uneingedämmt! Komm, Ingo, lieber Freund, spiel' mir einen beruhigenden Satz aus Bach! Nicht sterben, Kinder — überwinden!”
Es war sonst nicht ihre Art, einen musikalischen Abend derart zu zerreißen. Ingo begab sich zögernd ans Klavier und holte aus seinem umfassenden musikalischen Gedächtnis Töne der Beruhigung hervor. Richard aber saß bei seiner Gattin auf der Lehne des Fauteuils und streichelte besänftigend ihren angeschmiegten Kopf. Ihr Herz hämmerte laut, ihre Pulse flogen, ihre Finger zuckten; sie stürzte rasch einige Gläser Schaumwein hinunter, bis sich ihr aufgestörter Künstler-Dämonismus langsam wieder beruhigte.
Nachher sang sie einige Lieder. Und dann saßen alle drei in einer wohligen Plauderstimmung beisammen; und Friedel, in ihr Tuch gehüllt, kam in ein lebhaftes Erzählen, durch das freilich Nervosität hindurchzitterte.
„Heut' gehen wir überhaupt nicht zu Bett, Kinder, was?” schlug sie vor. „Oh, wie hat mir das Stündchen am Klavier wohlgetan! Ich war so allein in diesen Wochen. Kinderchen, seid ihr mir denn noch ein bißchen gut? Ach, Richard, du glaubst nicht, wie ich mich nach unsren Jungen sehne! Wollen wir nicht umkehren, Richard, ja?”
„Gewiß, mein Herz, das hab' ich mir ohnedies vorgenommen. In acht Tagen sind meine Ferien zu Ende. Aber du bist mir dann hoffentlich hübsch gehorsam, wenn ich in München den Arzt deinetwegen befrage?”
Sie wollte nichts vom Arzt wissen, geriet vielmehr in ein zungengeläufiges Plaudern von tausend Dingen, besonders von ihren Jugendtagen.
„Schon als ich Kind war, flogen mir bei großer und schöner Musik Schauer über den Rücken”, plauderte sie; „ich spürte Musik körperlich. Und es geht mir heute noch so. Es ist ein elektrisches Bad. Oh, ich kann euch sagen, ich war ein unbändiges Kind, der Schrecken meiner Verwandten, und liebte die Natur leidenschaftlich. Ich weiß noch, so gegen das vierzehnte Jahr, als sich meine Freundinnen immer mehr für Jünglinge interessierten, konnte ich das gar nicht verstehen, denn bei meinem wilden Springen und Raufen fehlte mir jedes Gefühl für sentimentalen Geschlechtsunterschied. Ich stand vor einem Rätsel, meine Gespielinnen wurden mir fremd, ich war zum erstenmal grenzenlos allein. Aber ich hatte mein ideales Elternhaus, wo nichts Unreines an mein Ohr drang. O Kinder, ich bin in einem wilden Park voll von schönen Blütenbäumen groß geworden! Oft war ich ganz mit Blüten überstreut, wenn ich bis Abendrot und Mondlicht im Grase gelegen hatte und vor Heimweh nach den Abendröten zu sterben vermeinte. Denn übergroße Schönheit macht mir körperlichen Schmerz. Dort irgendwo, dort hinter den glühenden Wolken, dort mußte meine Heimat sein. Und meine Seele spannte — halt, eins meiner Lieblingslieder schon damals!”
Sie lief ans Klavier und sang mit hingebender Innigkeit Schumanns seelenvolles Abendlied: „Es war, als hätte der Himmel die Erde still geküßt”.
„Wenn ich dann ins Haus zurückkam, hatte ich lange mit einer Art von Betrunkenheit zu kämpfen, bis ich mich wieder in der Erden-Wirklichkeit zurechtfand. In jenen Jahren wurde mein Großvater krank und lag viele Monate in wunderbarem Seelenfrieden zu Bett. Keiner ging ungesegnet von diesem Leidenslager hinweg; sein Gesicht war von himmlischer Güte. Unsre lebhafte Großmutter, die ihm allabendlich vorgespielt hatte, war kurz vorher gestorben. Und so fiel mir dreizehnjährigem Backfisch die reizende Aufgabe zu, ihn abends durch Musik zu erfreuen. Ich saß mit meinem dicken Zopf im riesengroßen Saal am Flügel, glühend vor Glück und Begeisterung; und der Großvater lag nebenan im dunklen Zimmer, in das nur ein Strahl von meiner Klavierlampe hineinfiel. Und nach jedem Stück rief er ein Wort des Dankes. Oh, ich war selig vor Glück, jemandem Schönes geben zu dürfen — und und er sagte dann oft: ‚Kind, das ist der Himmel auf Erden.’ Meist spielt' ich Mozart und Beethoven, dann sämtliche Oratorien, die ich von Großmutter kannte, wobei ich alle Stimmen ohne Ausnahme sang. Und da dies dem Großvater sehr behagte und ihm niemand zu widersprechen wagte, so spielt' ich oft zum Leidwesen der Mutter bis um Mitternacht ... Ihr seht, Kinder, so früh hat das begonnen! Und ich habe mir die Unart heute noch nicht abgewöhnt.”
So erzählte die heute wieder von innen heraus leuchtende Künstlerin. Und die verständigen Männer ließen sie lächelnd gewähren, stimmten wohlgefällig bei und verallgemeinerten unmerklich das Gespräch zu Bemerkungen über die Opferkraft und Zähigkeit der Frauen überhaupt.
„Wir sind wunderliche Geschöpfe”, sagte Friedel. „Ich fürchte mich, im Finstren allein zu sein, ich bebe tagelang vor jeder unangenehmen Aussprache; aber in großen Gefahren — das wirst du mir bestätigen, Richard — kenn' ich keine Spur von Angst.”
Langsam leitete sich die Unterhaltung in immer ruhigerem Rhythmus zu der Mission der Frau hinüber. Man knüpfte an Wagners Frauengestalten an: die Erlösungskraft der Senta im Fliegenden Holländer, Elisabeths heiligende Einwirkung auf Tannhäuser, Kundrys Entwicklung vom Dämonismus zum Dienen. Dann erwähnte Ingo Pfitzners Armen Heinrich und die Aufgabe der jungfräulichen Agnes, den kranken und verbitterten Ritter in ein neues Leben zu führen.
„Es sind Walküren, solche Frauen,” sprach er, „sie führen den kämpfenden Helden in heilige Hallen.”
„Man kann ebensogut sagen: es ist in ihnen die Madonna wirksam!” rief Friedel. „Herrlich ist das Wesen der Madonna, dieses großartige Symbol jungfräulicher Mütterlichkeit! Jungfrau und Mutter zugleich! Wissende Reinheit! Der Protestantismus ist arm, daß er die Madonna nicht mehr hat; und wir können den Malern nicht dankbar genug sein, daß sie diesen Typus festgehalten haben. Über meinem Bett hängt oben Raffaels Madonna Sixtina und unten Giorgiones schlafende Venus. Von der Venus zur Madonna — das ist unsre Entwicklung. Aber die Madonna ist das Höchste.”
So glitt das bedeutsam gewordene Reigenspiel des Gespräches ganz von selber harmonisch hinüber zum Hirtenmädchen von Lourdes und zur Madonna der Wundergrotte.
Da vernahmen sie draußen einen fernen, vielstimmigen Gesang. Und als Richard Fenster und Laden öffnete, hatten sie, in die Nacht hinausschauend, einen großartigen Anblick.
Die Kirchengebäude, die sich dort im Schatten der nächtlichen Pyrenäen erhoben, erglühten von oben bis unten in einem überwältigenden Goldglanz. Den Rändern und den Portalen entlang waren elektrische Lämpchen entzündet, und nun stand die schlanke obere Kirche flammend mitten in der Nacht, und ebenso unter ihr das große rundliche Portal der Rosenkranzkirche. Ein feenhafter Anblick! Als ob die Gottheit einen Tempel gebaut hätte aus Funken und Flammen, statt aus Steinen. Dazu wogte der Männergesang einer Prozession herüber, deren Kerzen nun durch die Frühlingsnacht sichtbar wurden; und man unterschied den immer wiederholten Kehrreim: „Ave, ave, ave, Maria!” Es war ein vielstimmiger Gruß an die Himmelskönigin, dargebracht mit Licht und Schall, aus den Seelen von einigen tausend Gebirgsbewohnern.
„Herrlich!” sprach Friedel ergriffen und legte den Arm um ihres Gatten Schulter. „Man möchte fromm werden und mitsingen.”
Und die andere Hand Ingo reichend fügte sie weich hinzu: „Kinder, wir wollen einander gut bleiben, nicht wahr?”
„Ungeheure Organisationskraft!” bemerkte der Major gleichmütig und meinte damit die katholische Kirche.
„Hier ist den Sinnen die Macht des Geistes eingeprägt und eingezwungen”, fügte Ingo hinzu, der Friedels Händedruck etwas zerstreut erwiderte. „An diesem Schauspiel werden diese Gebirgsbauern lange zehren.”
Zum Überfluß dröhnten noch irgendwo Böllerschüsse; das alte Schloß stand in bengalischer Beleuchtung; und vom Gipfel des Pic du Jer glühte ein großes Kreuz gleichfalls in elektrischen Flämmchen hernieder.
„Was wollt ihr?” sprach Ingo duldsam, als der sehr protestantische Major einige unwillige Bemerkungen fallen ließ. „Die Könige aus dem Morgenlande brachten dem Kind in der Krippe Weihrauch, Myrrhen und Gold, die Engel ihre Lobgesänge, die Hirten ihre Anbetung — und diese Pyrenäenhirten Beleuchtungen, Gesänge und Prozessionen. Das Leben bildet mannigfache Formen, auch das religiöse Leben. Doch mich interessiert vor allem die kleine Hirtin Bernadette Soubirou, die diesen Ort berühmt gemacht hat.”
So zogen sich die drei Freunde nach melodischem ersten Abend zur Nachtruhe zurück.
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Lourdes, im Frühling.
Immer ernster wird meine Stimmung nach den Schwärmereien der Provence. Ich bin in diesem Augenblick noch unentschlossen, ob ich Ihnen, meine Damen, bei Ihrem gänzlichen Stillschweigen diese weiteren Blätter senden darf und will. Frau Eleonorens bewährter Takt mag darüber entscheiden.
Mit Spannung bin ich hier in Lourdes auf das Postamt gelaufen; hoffte bestimmt, ein Lebenszeichen, einen Gruß, einen Dank von Ihnen zu finden — fand aber nur eine Karte von Schaller: „Meine Nichten sind hier in Barcelona — wann kommen Sie?”