Erster Teil Ingos Irrfahrt (continued 2)
Reading edition
Und kein Gruß von Ihnen. Keine Unterschrift.
Das ist alles.
Das ist der ganze Widerhall. Meine Briefe haben nichts in Ihnen geweckt.
Nun, hier in Lourdes ist nicht Zeit und Ort, einem Verdruß nachzugeben. Ich bin sogar ungalant genug, Ihnen zu bekennen, daß hier zwei andre Damen im Brennpunkt meiner Teilnahme stehen: die kleine Seherin Bernadette Soubirou und die Madonna der Grotte ...
... Ich bin voll von diesem Abend in Lourdes. In mein Zimmer herauf rauschen die Wasser der Gave — die Nacht ist feierlich still — einzelne Sterne leuchten — und die großen grauen Pyrenäenberge umstehen das Tal in festlicher Hoheit.
Bei beginnender Nacht betrat ich den Platz vor der Kirche. Welche Raumbehandlung! Alles stumm, kaum ein Spaziergänger; die Lichter zittern und funkeln, abgemessen verteilt; und von selbst finde ich den Weg zur Grotte, nachdem ich erst vor dem gekrönten Jungfrauenbild auf dem Platz haltgemacht.
Vor der Grotte sind eine Anzahl nächtlicher Beter versammelt. Alles schweigt, kniet, betet. Neben mir liegt auf dem Pflaster ein Mönch, fern von den andren, hinter den andren; zum Schluß neigt er sich und küßt die Erde. Mehr als hundert Kerzen flammen in der Grotte, eine Pyramide von Lichtern, zu dem Bild empor, das dort oben rechts in weißem Gewand und blauem Gürtel steht, genau an der Stelle, wo die Gestalt durch Bernadette gesehen worden.
Welche Künstlerin, dieses arme vierzehnjährige Hirtenmädchen! Eine Dichterin! Wie kam das Kind dazu, eine Gestalt dieser Art zu schauen, die ihr von keinem Altarbild her bekannt war? Denn die Jungfrau Maria der Bernadette ist eine Neuschöpfung. Das ist das Wunderbare. Immer hat sie jene Gestalt in derselben Gewandung gesehen und genau beschrieben: weißes Gewand, Schleier rechts und links am Gesicht herab, blauer Gürtel, dessen zwei Schleifen bis fast zu den Füßen reichen, und auf jedem nackten Fuß eine goldne Rose. Welche Schönheit! Die Gestalt hält den Rosenkranz in Händen, macht ihrer kleinen Besucherin das Zeichen des Kreuzes in neuer und großzügiger Form — wie Bernadette es vorher nicht pflegte —, lächelt oder ist traurig-ernst, spricht zu ihr: — kurz, sie hat Leben, Bewegung, Natürlichkeit. Es ist nichts Starres, es ist etwas Lebendiges. Und die Kleine ist traurig, wenn sie ihr nicht erscheint, ist aber bei ihrem Anblick so entzückt, daß sich ihr Gesicht verklärt — derart verklärt und verschönt, daß die eigene Mutter kaum noch ihr Kind erkennt. Ja, während einer der Erscheinungszeiten hält das Kind versehentlich lange Zeit, wohl eine Viertelstunde, die Hand in die brennende Kerze — und die Hand der Verzückten bleibt unversehrt.
Was soll man sagen? Hat sich hier die himmlische Welt aufgetan? Hat diese Kleine durch eine Ritze in das jenseitige Reich geschaut?
Und mit welcher Kraft und Umsicht hat sich die Kirche dieser Ereignisse bemächtigt! Einst war hier Wildnis, jetzt steht da oben, gewaltig, im Sternendunkel der Nacht, die weiße, schlanke Kirche. All diese klug durchdachten Anlagen, all diese Kaufläden mit den Tausenden von Figuren, Bildwerken und Andenken, all diese Hotels, diese Hunderttausende von Menschen, die schon hierher gepilgert sind und noch hierher pilgern werden, all diese Gebete, diese Kerzen, diese Gottesdienste: — alles veranlaßt durch ein armes Hirtenmädchen!
Ist dieses jungfräuliche Kind vergleichbar der Jungfrau von Orleans? Hat sie die Aufgabe erhalten, Frankreich und die Welt von einem andren Feind zu erlösen — von niedren Leidenschaften und Krankheiten des Leibes und der Seele?
Hier ist der Punkt.
Diese Madonna nennt sich „unbefleckte Empfängnis”. Was heißt das? Es heißt das Reinigen der Beziehungen zwischen Mann und Weib. Das muß die Erklärung sein, nichts andres. Es heißt Reinheit und Natürlichkeit an Stelle der Entartung; es heißt Heiligung der Natur statt der unsauberen Lüstlings-Unnatur. Gerade Frankreich mit seiner erotischen und Ehebruchsliteratur, seiner Verherrlichung sinnlicher Kunst und sinnlich-eindringlichen Geschmacks überhaupt — grade das sinnliche Frankreich mußte der Ausgangspunkt sein, wo die Gegenkraft einzusetzen versuchte, fern von Paris, im äußersten Winkel, in diesem Gebirgstal mit dem rauschend reinen Wasser. Ein heiligender Quell entrieselte der Stelle, wo Bernadette auf Befehl der Jungfrau mit den Fingern grub, und wurde in wenigen Tagen ein starker Brunnen: eine symbolische Handlung! Es ist das Wasser des Lebens, des wahren, durch reine Natürlichkeit der menschlichen Beziehungen wieder geheiligten und geadelten Lebens. Wasser! Überreiztheiten des Alkohols entstellen die moderne Zivilisation und dieses Weinland Südfrankreich: hier aber fließt das silberklare Bergwasser unentstellten Lebens, das nicht reizt, das aber heilt.
Tiefsinnig! Unerklärliche Genialität eines Kindes! Einer reinen Jungfrau! Immer in Sagen und Märchen, diesem Niederschlag uralter Weisheit, ist es ja das Kind oder die Jungfrau, denen Erlösungskraft aus den Banden der Unnatur innewohnt.
Warum entzückt mich so, dort an der Riviera und hier in Lourdes, immer wieder das Jungfräuliche? Was such' ich darin an symbolischem Lebensgehalt?
Sie weiß von Welt und Zivilisation nichts; sie weiß nicht einmal, was das Wort „unbefleckte Empfängnis” — mit dem sich die Madonna zuletzt vorstellt (je suis l'immaculée conception) — überhaupt heißt. Sie soll's dem Pfarrer sagen als dem natürlichen geistigen Mittelpunkt des Ortes; schnell aus der Grotte ins Pfarrhaus laufend, murmelt sie's immerzu vor sich hin, um das Wort ja nicht zu vergessen! Welche menschliche Züge!
Man geht hier im Frühling, wenn keine Pilgermassen Staub aufwühlen, in andauernder Ergriffenheit einher. Es ist unmöglich, sich diesen einströmenden, eindrängenden, wie Bergwasser in uns einrauschenden Gedanken zu entziehen. Ich war heute abend nur eine halbe Stunde draußen; die melodischen Kirchenglocken schlugen an, als ich hinausging; sie schlugen wieder an, als ich den großen, höchst bedeutend wirkenden Platz vor der Kirche verließ.
Und die Wasser rauschen die ganze Nacht ...
Ich habe noch nicht an der Quelle getrunken ...
... Gibt es eine jenseitige Welt?
Und wenn es eine solche Welt gibt: warum soll sie unter den Mitteln, sich mit uns zu verbinden, nicht auch dieses benutzen?
Gibt es aber eine jenseitige Welt voll von Kräften und Lichtgestalten, die das geistige Fluidum unserer Erde bilden, die unsre geistige Lufthülle sind, aber ebenso den ganzen Kosmos durchdringen, in den wir ja eingebettet sind: ist dann das Sprechen mit ihnen so unsinnig? Ist Gebet Unsinn?
Leben unsre Verstorbenen? Oder sind sie tot für immer? Ist nur das Sichtbare wirkliches Leben? Gibt es nicht viele andre Daseinsformen? Kann man Augen und Organe ausbilden für die geistige Welt? Sind unsre großen Dichter, Künstler, Religionsstifter die Seher dieser geistigen Welt und kündigen von diesem realen, den andren Sterblichen unsichtbaren, nur geahnten unbekannten Lande?
Das ist die eiserne Frage ...
... „Pénitence!” ruft die Erscheinung von Lourdes. Buße! Dreimal ruft sie es eindringlich und mit einem so tieftraurigen Gesicht, daß der mitfühlenden, magnetisch auf sie eingestellten Kleinen die Tränen kommen. „Was soll ich tun?” ruft das Mädchen. — „Bete für die Sünder!” Und viele Menschen will die Jungfrau dort sehen, will sie dort beten sehen: sie will eine Gegenkraft entwickelt wissen.
Weiß und Blau sind darum die reinen Farben dieser Madonna. Und auf den Füßen blühen goldene Rosen.
Indem man zu den Füßen dieser Himmelsfrau von diesem Wasser trinkt und sich die Augen wascht, drückt man den Wunsch aus, mit dem Lebensstrom, der von dieser Erscheinung ausging, in Verbindung zu treten. Es ist nicht das Wasser als solches, das hilft: es ist der in uns selber erwachende heilkräftige Wunsch, jener himmlischen Reinheit und Gesundheit teilhaftig zu werden. Wunsch in uns und Wasser außer uns wirken zusammen. Das Ich muß lebendig mitwirken, wenn Reinheit und Schönheit zum Ich kommen sollen.
Die Best-Geheilten sind jene, die mit reinerem Herzen diese Stätte verlassen ...
Schwer freilich, an Wunderheilung zu glauben! Schwer — — weil so einfach? ...
Doch ich will nicht von den wirklichen oder angeblichen Heilungen sprechen, die hier geschehen mögen. Was etwa sich ereignen mag an Wahn oder gar an frommem Betrug, wenn im Hochsommer der stille Ort fast erstickt unter den Zehntausenden von Pilgern, das ist eine Sache für sich. Darüber mögen andre streiten. Mich fesselt dieses kleine Menschenkind ...
In einer schimmernden Wolke pflegte ihr die Gestalt zu erscheinen, die von sonst niemandem erblickt wurde; es war also ein Lichteindruck; und eine schimmernde Wolke blieb noch ein Weilchen zurück, wenn die Gestalt entschwunden war. Sie kam aus dem Licht, sie war Licht. Es mag wohl eine elektromagnetische Verbindung zwischen Seherin und Erscheinung bestanden haben. Reines Herz nebst reinem magnetischen Organismus — das hat wohl in diesem besonders veranlagten Kinde anziehend auf die jenseitige Welt gewirkt. Alles Schöne ist dem Licht verwandt und wird am schönsten symbolisiert durch das Licht. Gemeine Sterbliche würden geblendet werden durch des Lichtes Fülle.
Marias Lieblingsblume, neben der Rose der Liebe, ist die Lilie der Reinheit und des Glaubens. Die Lilie wächst hoch und weiß über das gewöhnliche Blumenmaß hinaus. Die Form ihrer Blüte ist ein Kelch, ein weißer Kelch: geschaffen, um Licht und Tau einzunehmen, die himmlischen Gaben. Ein Gralskelch! Die jungfräuliche Blume hält den Kelch empor und füllt sich mit Licht von oben.
Gibt es doch noch etwas Höheres als die willensstarke Persönlichkeit? Vielleicht — Gefäß zu sein? Rein, still, empfangend von oben, weitergebend nach unten? Wie die Lilie?
Ist das lilienhaft Jungfräuliche in solchem Sinne höher und himmlischer als das Nur-Männliche? Erlöst uns Männer immer wieder die Jungfrau? ...
Und wie schwer war Bernadettes äußeres Leben! Sehr arm, sehr einfach, doch gut erzogen, etwas zart als Kind, erlebte sie dann die Fülle ihres Glückes binnen wenigen Monaten in jenen genialen Visionen. Dann aber, als ihr Werk gesichert war und eingeweiht wurde, lag sie krank und konnte an den Festen nicht teilnehmen. Als Klosterschwester starb sie fern in Nevers, hat ihr mächtig anwachsendes Werk nie mehr gesehen. Muß wohl sterben, wer die Götter geschaut hat?
Ihr Werk lebte, sie selber ging dahin.
Groß! ...
Ingo.
Nachschrift. Groß! Ja, mein Ingo, das ist groß. So haben wir zwei es uns einst geschworen, einer edlen und großen Lebens- und Kunstanschauung unser Dasein zu widmen. Und diese Blätter lassen mich wieder an Dich glauben, mein Freund und Bruder! Aber willst Du diese ernsten Gedanken wirklich an jenes unbedeutende Mädchen senden? Will der Gralsucher wieder zum tändelnden Spielmann werden? Lieber, merkst Du denn nicht, daß Du über den Eindrücken hier in Lourdes sowohl sie als auch mich vergessen hast? Denk' an das Gespräch über die Titanic: suchst Du des Lebens Sinn und Geheimnis, indem Du irgendeine Braut suchst? Lieber Troubadour, unter Tränen will ich beten, daß Du ausziehen mögest wie Saul, der Sohn des Kis: er suchte eine — Eselin und fand ein Königreich. Ich werde diese Blätter zu den unabgesandten Briefen legen und Dir heute alles übergeben. Hier in Lourdes soll es sich zwischen uns entscheiden. Ich bin krank; die Aufgabe, die ich an Dir hatte, geht zu Ende. Bald bist Du auf törichter Brautschau — und ich eine Kranke unter Kranken.
Ach süßer Freund, die Sorge um Dich ist meine Krankheit!
Friederike.
** *
Krankheit und Verdüstrung der Frau von Trotzendorff rollten wieder wie Wolken über jenes kurze Aufflammen der alten Gesundheit.
Sie stand in seelischen Kämpfen, von denen ihre Mitreisenden nichts oder wenig ahnten. Oft saß sie allein an der Grotte und setzte sich mit der Tatsache auseinander, daß sie den Freund verloren habe, daß Anmut und Jugend ihn anziehe, daß sie selber unrettbar zu altern beginne. Und das Gesicht der leidenden Künstlerin wurde bleich und verfallen. Aber sie hatte ein meisterhaftes Talent, dergleichen nach außen hin zu verbergen; unter dem Schein leichter Magenverstimmung, verursacht durch die ölige südfranzösische Kost, wußte sie ihren Seelenkampf scherzend ins Harmlose zu deuten.
Fabrikant Muthner, der sich in Cette zu ihnen gesellt hatte und später nach Bayonne und Biarritz weiterwollte, war wieder aufgetaucht: ein ernster, wohlbeschlagener Fachmann, der sich mit Trotzendorff vorzüglich verstand. Er machte der gnädigen Frau mit natürlichem Anstand den Hof. Und Frau Friederike, die für ehrliche Komplimente empfänglich war, hatte sogar den Versuch gewagt, ihren Freund Ingo ein wenig zur Eifersucht zu reizen: ein Zug, der dem erstaunten Troubadour neu war, wie überhaupt das Verhalten der Freundin ihm ebenso Bedenken erregte wie dem Gatten.
An diesem Morgen, kurz vor dem Frühstück, das alle vier gemeinsam einzunehmen pflegten, waren Ingo und Trotzendorff zufällig allein und tauschten ihre Besorgnisse aus.
„Sag' einmal, Richard,” begann Ingo, „die Kränkeleien unsrer Friedel machen mich besorgt. Solltet ihr nicht einen Arzt befragen?”
„Das hab' ich mir längst vorgenommen”, erwiderte Richard in seiner gesetzten, nüchternen Weise. „Denn auf die Wunder von Lourdes will ich mich denn doch als guter deutscher Protestant nicht verlassen. Sie hatte schon einmal, nach der Geburt des zweiten Jungen, solche unangenehme Geschichten — Frauenleiden — wo sie auch wie jetzt zwischen Übermut und Schwermut hin und her pendelte. Zarte Geschöpfe, diese Frauen, man kann gar nicht feinfühlig genug sein.”
„Das ist wahr”, versetzte treuherzig der Troubadour, der keine Ahnung hatte, wie er der Freundin weh tat.
„Ich werde sie heute nicht mitwandern lassen”, fuhr der Major fort. „Muthner und ich werden Cauterets und Umgegend besichtigen. Du tust mir einen Gefallen, Ingo, wenn du dich ihrer annimmst, soweit sie überhaupt ausgeht. Zu deinem beliebten Eigenbrödeln und Notizenmachen wirst du ja dazwischen Zeit genug finden. Einverstanden?”
„Vollkommen! Es ist mir heut' überhaupt nicht um Geselligkeit zu tun. Hab' da einen ernsten Brief aus Thüringen erhalten.”
„Nun? Unangenehmes?”
„Mein Bruder hat einen Jagdunfall gehabt. Näheres schreibt mir die Cousine nicht.”
„Elisabeth? Ei was! Ist die wieder in Thüringen?”
„Merkwürdigerweise! Der erste Brief seit mindestens drei Jahren.”
„Ich dachte, sie wäre in Pommern bei ihrem Schwager?”
„Bis jetzt, ja. Ihre Mutter kränkelt. Nun ist sie zu Hause und wechselt in der Krankenpflege zwischen ihrer Mutter und meinem Bruder.”
„Es wundert mich, daß dein Bruder sie nicht genommen hat. Zwei Nachbarsgüter — das hätte sich nicht übel gemacht! Ruhige Naturen beide.”
„Eben darum vielleicht. Das Gesetz der Ergänzung, verstehst du!”
„Na, dein Bruder hat ein rauhes Fell, die sanfte Elisabeth hätt' ihm gut getan! Übrigens — du standest ihr doch wohl auch einmal ziemlich nahe?”
„Sehr sogar.”
„Ihr seid doch verrückte Kerls, ihr zwei Waldecker!” lachte Richard. „Junggesellen alle zwei! Der eine tost auf der Jagd oder auf landwirtschaftlichen Ausstellungen herum, der andre durchläuft die halbe Welt. Elisabeth hätte ganz gut zu einem von euch beiden gepaßt. Die entfernte Verwandtschaft ist doch kein Hinderungsgrund? In Thüringen vettert sich ja alles!”
Er lachte, er war selber Thüringer. Und als das Gespräch nun auf die Wunder von Lourdes kam, betonte der breitschultrige, wuchtige Mann so scharf und nüchtern seinen protestantischen Standpunkt, daß Ingos Romantik sich rasch in blauen Duft verflüchtigte:
„Unser Reformationsgesang ‚Ein' feste Burg ist unser Gott’ hat mehr Mark als diese ganzen süßlichen Litaneien.”
Beim Frühstück wurde das Programm des Tages mit Vorsicht besprochen und festgesetzt; denn man mußte bei Frau Friedel darauf gefaßt sein, daß sie sich in ihrer gefühlsmäßigen Art auf irgend einen Entschluß versteifte. Doch heute war sie nachgiebig und ließ die Männer entscheiden.
Major und Fabrikant zogen ab.
Der Troubadour wandelte mit Frau Eleonore von Poitou langsam hinaus nach der Grotte.
„Laß uns einen dieser kleinen Becher kaufen, Ingo,” bat sie, als sie aus dem Gasthof traten, der vorn eine Verkaufsstelle führte, „wir wollen heute aus der Quelle trinken.”
Ingo erfüllte den Wunsch.
An der Grotte waren wenig Besucher. Die weißen Kerzen entsandten ihr mildes Licht, das in der Tagesbeleuchtung seltsam wirkte; die weiße Marmorgestalt der Jungfrau stand still über dem kleinen Rosenstrauch. Fünf bis sieben blühende Rosen waren am Strauch, rötlich-weiße Blumen, die sich unter den Füßen der Madonna lieblich entlang rankten.
Die beiden Deutschen setzten sich auf eine Bank, hörten hinter sich das Rauschen der Gave und vor sich das leise Murmeln einer betenden Nonne.
So saßen sie eine besinnliche Weile: Ingo in seinem ungeklärten Drang, Frau Friederike in ihrem steten, starken Kampfe.
Dann erhob sich die gefaßte und stille Frau, schritt an den Brunnen neben dem Gitter der Grotte heran, füllte den Becher und trank; füllte ihn nochmals und reichte ihn Ingo. Hernach tauchte sie die Hand ein und fuhr sich waschend über die Augen. Alles geschah schweigend.
Und schweigend gingen sie dann miteinander den sanft ansteigenden Fußweg hinauf, der hinter der Kirche unter Bäumen nach oben führt.
Sie rang um Kraft. An ihrem Arm trug sie ihr Täschchen; im Täschchen waren die unterschlagenen Briefe.
„Wir wollen erst noch das Panorama sehen”, sagte sie mit schwerer Stimme.
Und so besuchten sie miteinander das Panorama.
Ingo gab die nötigen Erklärungen.
„Siehst du, so sah Lourdes ums Jahr 1858 aus, zur Zeit, als die kleine Bernadette jene Erscheinungen erlebte. Damals stand hier weit und breit noch kein Haus, alles war ländlich, eine Mühle war ja wohl hier in der Nähe. Und dort kniet sie nun, inmitten der zusammenlaufenden Leute; sie trägt das eigentümliche Kopftuch dieser Gegend, gleicht fast einer kleinen Nonne. Mit der linken Hand hält sie die Kerze, mit der rechten berührt sie die Flamme, ohne sich zu verbrennen. Das Feuer-Element scheint ihr verwandt zu sein in diesem Zustand. Sieh nur, wie ist sie entrückt und abgesondert von den ratlosen Gruppen der Menschen! Entrückt ins Land der Schönheit! Wie das Genie einsam! Nur durch Taten der Güte mit den Mitmenschen verbunden!”
„Das ist groß”, bestätigte Frau Friederike leise.
„Und sieh, welch ein bläulicher, fast violetter Duft über der Landschaft! Wie eine Verklärung!”
Sie verließen das Gebäude und gingen weiter, am Kalvarienberg vorüber und nach der Gegend der grotte du loup. Immer einsamer und ländlich stiller wurde die Umgebung. Die Luft war mild, voll weicher Färbung der Hügel und einfach-großen Gebirgskämme.
An einer jungen Birke machten sie halt und setzten sich auf die Decke, die Ingo trug. Die runden, hellgrünen Frühlingsblättchen dieses sonst so leicht erzitternden zarten Baumes bewegten sich kaum. Eine weiße Straße lief ziemlich fern zu ihrer Rechten in die Pyrenäen hinein, hell und trocken wie die Straßen der Provence, doch ohne wandernden Staub. Die Dämonen des Windes schliefen irgendwo auf Tempelstufen.
Frau Friederike saß in ihrem mattblauen Kleide, hatte den Hut abgesetzt und ließ ihr Goldhaar leuchten. Aber ihr Gesicht war wie Alabaster, ihre Lippen blaß und stumm. Sie hatte das Täschchen vor sich auf den Schoß genommen und hielt beide Hände darauf.
Ingo legte kameradschaftlich den Arm um den ihrigen. Doch lehnte sie den Kopf nicht an, sie sah nur starr in die Gegend.
„Friedel ist auf Cis-Moll gestimmt”, begann er. „Hast auch du, wie ich heute früh, einen Brief bekommen, der dir Sorge macht?”
„Du hast einen Brief bekommen?”
Er zog sein Taschenbuch und überreichte ihr den Brief seiner Cousine Elisabeth.
„Darf ich lesen?”
„Aber, Friedel —! Seit wann haben wir denn Geheimnisse voreinander?!”
Sie las folgenden schlichten und sachlichen Brief:
„Lieber Ingo!
Du wirst erstaunt sein, von einer alten Freundin diesen Brief zu erhalten, nachdem wir uns seit Jahren nicht mehr geschrieben haben. Ich bitte Dich hiermit herzlich um Entschuldigung, wenn ich Deine Frühlingsfahrt stören sollte. Dein alter Vater kommt ja mit seiner Gicht nicht an den Schreibtisch; und so hat er mich gebeten, Dir mitzuteilen, daß Dein Bruder leider einen Jagdunfall gehabt hat und an den Folgen daniederliegt. Das Gut war ja bis jetzt in den Händen deines Bruders; wenn die Sache übel ausgeht, so könnte an Dich eine Aufgabe herantreten, die allerdings zu Deiner romantischen Freiheitsliebe, wie sich Dein Vater ausdrückt, nicht mehr stimmen würde. Mir würde es leid tun, wenn Du Dir Dein Leben nicht so gestalten könntest, wie Deine Natur es braucht, das weißt Du, lieber Ingo. Zum Glück habt Ihr ja einen guten Verwalter. Auch Dein Vater ist immer derselbe, in allen Unpäßlichkeiten geistesfrisch. Weniger freilich meine Mutter. Ich fahre in eurem gelben Jagdwagen täglich zwischen den beiden Gütern hin und her, von einem Krankenbett zum andren. Nun kommen mir meine Erfahrungen vom Roten Kreuz zugute. Oft auch lauf' ich zu Fuß durch den Wald, wobei mich Harras, unsre unverwüstliche Dogge, begleitet. Ach, ich bin wieder jung geworden, als ich nach harten Jahren meinen Thüringer Wald wiedersah! Es ist allerdings möglich, daß ich von heut' auf morgen mit meiner Mutter an den Genfer See fahre. Denn der Arzt wünscht es dringend. Gib jedenfalls immer Deine genaue Adresse an, für den Fall, daß man Dich hier brauchen sollte. Im übrigen, lieber Ingo, gedenke ich Deiner mit derselben Liebe, die mich von Kindheit an mit Dir verbunden hat. Sei innig gegrüßt!
Elisabeth.”
Frau von Trotzendorff gab den Brief zurück und schaute lange vor sich hin.
„Ein Gruß an mich oder meinen Mann ist nicht dabei”, dachte sie. „Ich hab' ihr einst Schweres angetan — jetzt tut mir das Schicksal das gleiche.”
„Was sagst du dazu?” fragte Ingo.
„Vielleicht wär's das beste, du würdest sofort nach Hause reisen.”
„Unter keinen Umständen!” rief er mit einigem Trotz.
„Und dein Bruder?”
„Ist robust genug, hat sich nie viel um mich gekümmert, wird auch diesen Unfall durchbeißen.”
„Und dein Vater?”
„Ein selbständiger Charakter.”
„Und das Gut?”
„Davon kann man reden, wenn es mit meinem Bruder wirklich schlimm würde.”
„Aber der Brief liest sich wie eine Vorbereitung.”
„Oder auch wie ein Anknüpfungsversuch der guten Elisabeth.”
„Bei ihrem spröden Charakter? Schwerlich! Ich glaube, du solltest den Gedanken an Heimkehr ernstlich ins Auge fassen.”
„Aber wie kommt mir denn Friedel vor? Haben wir zwei nicht hinlänglich mein Verhältnis zu Elisabeth durchgesprochen? Vergißt du, daß wir so gut wie verlobt waren? Und sie schreibt ja, daß sie noch ebenso denkt. Wie kannst du mir da die Rückkehr empfehlen? Bist du gar kein bißchen mehr eifersüchtig?”
Sie ging auf seinen scherzenden Ton nicht ein. Es kämpfte gewaltig in der unglücklichen Frau; sie neigte sich einen Augenblick seitwärts ins Gras und stützte laut seufzend den Kopf in beide Hände. Hier Thüringen — dort Barcelona! Zwischen Skylla und Charybdis saß sie und rang um den Freund, den sie doch festzuhalten weder Macht noch Recht besaß.
Dann richtete sie sich auf, beachtete seine fragenden und beruhigenden Worte nicht, sondern griff in ihr Täschchen und nahm das Bündel Briefe zur Hand.
„Da!” sagte sie dumpf und preßte die Zähne zusammen.
„Was ist das?”
„Deine Briefe.”
„Welche Briefe?”
„An die Mädchen in Barcelona. Ich hab' sie nicht abgeschickt.”
Er hatte das blaue Band gelöst, ließ aber nun jäh die Hände sinken.
„Nicht abgeschickt?”
„Nein.”
„Aber — weshalb nicht?!”
„Du kannst es in den Nachschriften lesen.”
Er durchblätterte die Papiere und las die Nachschriften. Dann kam eine lange, unheimliche Stille.
Sie atmete kaum; ihr schwaches Herz pochte zum Zerspringen. Er legte schweigend die Blätter wieder zusammen, band sie schweigend wieder zu und steckte sie schweigend in die Rocktasche.
„Friedel,” sagte er endlich mit gepreßter Stimme, „es ist nicht das erstemal, daß du dich zwischen mich und andre stellst. Fühlst du nicht, wie du mich entwertest?”
Er saß in einem Gemisch von Zorn und Wehmut auf dem Rasen, rupfte sprießende Gräser aus und warf sie wieder fort.
„Würde dieses Lourdes nicht so beruhigend auf mich wirken,” sprach er weiter, „ich fürchte, wir würden im Zorn voneinander scheiden. Denn dieses Bevormunden ist gegen unsre Verabredung einer unbedingt vertrauensvollen Kameradschaft. Meine Schwärmerei für jenes Mädchen mag seltsam sein, meinetwegen; deshalb ist aber die Tatsache, daß ich von jenem Hügel mit der stillen Stickerin und dem unerbauten Tempel einen tiefen Eindruck mitgenommen habe, dennoch vorhanden. Und ich werde dieser Sache auf den Grund gehen — und werde die Briefe persönlich nach Barcelona bringen.”
Sie saß mit abgewendetem Gesicht, neigte das Haupt und zuckte nur wenig zusammen. Sie kannte ihn und war nicht überrascht; sie wußte, daß er stärkeren Eindrücken und Erkenntnissen unbeirrbar bis zu Ende nachspürte. Hier war nichts zu halten; sie hatte ihn nicht mehr in der Gewalt.
Er sah nicht, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen, den kristallenen Behälter füllten und dann langsam über die Wangen rollten. Ihr lag es pressend schwer auf dem Gewissen, daß sie sich einst zwischen ihn und Elisabeth gestellt hatte; dieses stille und herbe Mädchen war nach allem, was man seitdem hörte, doch wohl wertvoller, als sie beide damals angenommen hatten. Ingo von Stein, zu Hause wenig verstanden, hatte in Friedels Familie ein neues Heim gefunden; sie hatten sich beide beflügelt und gefördert und hatten einfach vergessen, daß eine stille, etwas spröde Elisabeth irgendwo Kranke pflegte. Oft aber stand jetzt die hohe Gestalt dieser keusch verschlossenen, schwer zugänglichen Jungfrau, die durch gesellschaftliche Beziehungen des thüringischen Adels auch mit Trotzendorffs bekannt war, mit schweigender Mahnung an Frau Friederikens Lager. Sie trug die Tracht der Schwestern vom Roten Kreuz, denen sie zwei Jahre angehörte; und sie schien ernsten Blickes nach Ingo zu fragen. Bislang hatte Friedel wenigstens Rechenschaft über den Freund geben können; jetzt konnte sie auch das nicht mehr; der unbefriedigte Spielmann fuhr weiter.
Die liebende Frau tat, wie sie es manchmal in Zeiten der Mißverständnisse zu tun pflegte: sie setzte stumm den Hut auf, nahm ihr Täschchen und erhob sich, um sich schweigend zu entfernen. Er wollte ihr folgen; aber sie winkte ab und sagte leise:
„Bitte, laß mich allein!”
Jetzt erst sah er, daß ihr Gesicht in Tränen gebadet war. Und sofort loderte Beschämung in ihm empor, die jede Regung des Unwillens verbrannte. Der letzte Satz der letzten Nachschrift stieg ihm riesengroß in Bewußtsein und Empfindung: „Die Sorge um Dich ist meine Krankheit.” Hatte sie nicht recht, um ihn besorgt zu sein? War er nicht ein Phantast, der oft genug sich einfach auf die Bahn gesetzt hatte und in die Welt hinaus gesaust war, wenn ihm irgendwelche menschliche Verhältnisse nicht paßten? War es nicht deutlich, daß er zwischen Wissenschaft, Poesie und Religion tatlos umherschwebte, nippend an allem, von nichts aber sich wahrhaft durchdringend und nichts in Kunst oder Leben prägekräftig gestaltend? Wie unritterlich stand er vor der mütterlichen Sorge der weinenden Freundin!
„Vergib, Friedel!” rief er und wollte in überwallendem Mitgefühl den Arm um ihre Schultern legen. Allein sie befreite sich sanft und bestimmt. Sie wollte kein Mitleid; daß ihr die Tränen flossen, merkte sie kaum. Ihr Entschluß stand fest.
„Groß!” rang sich endlich als erstes Wort aus ihr hervor. „Das letzte Wort deiner Aufzeichnungen heißt groß. Wir wollen nicht kleinlich sein, Ingo.” Sie sprach mühsam und wischte sich mit dem Taschentuch die Tränen fort. „Es spricht auch in mir so viel Unerfülltes mit. Aber groß sein, nicht wahr! Ich hab' mir's an der Quelle da unten gelobt. Und darum bitte ich: Laß mich für heute allein. Ich will ins Hotel zurückgehen und mich niederlegen. Denn ich bin krank.”
Er machte abermals einen Versuch, sich um sie zu bemühen. Aber sie wiederholte nur in ihrer bekannten Art, die jeden Widerspruch ausschloß: „Bitte!”
Dabei sahen sie sich einen Augenblick an. Nur einen Augenblick, wie die Sonne am verschleierten Tage zaghaft hindurchbricht; der Augenblick drohte ihren Entschluß umzuwerfen; doch sie wandte sich rasch und ging den Pfad nach Lourdes hinunter, an einem spät blühenden Apfelbäumchen vorüber, von dem eine Blüte auf ihren Hut fiel — ein Abschied von der Jugend.
Ingo stand betäubt.
Er übersah, empfand und begriff mit einemmal den Schmerz, den diese Frau von großzügiger Künstlerleidenschaft und zugleich von früh geübter Gewissenhaftigkeit so lange schon durchkämpfte. Mit jenem stürmischen Isoldengesang hatten diese Tage von Lourdes begonnen; mit offenem Haar, wie Wogen des offenen Ozeans, war sie noch einmal einhergerast. Jetzt schlich sie weinend nach Lourdes hinunter.
„Das ist die zweite Frauen-Freundschaft, über deren Trümmer hinüber ich mein Glück suche”, sprach er in knirschendem Kummer zu sich selber. „Sollte wohl auf dieser Glücksjagd Segen ruhen? Aber ich will sie wiedergewinnen, Friedel und Elisabeth, beide, sobald ich — sobald — — ja, was denn nun wohl?”
Da war wieder das Unerfüllte. Und er sah wieder jene Mozart-Mädchen auf einem Hügel der Freiheit und Schönheit winken und warten — warten auf ihn?
„Weltfahrer bin ich”, sprach er, indem er durch die Hügel wanderte und schließlich zu einem kleinen Schilfsee gelangte, dessen Stille beruhigend auf ihn wirkte. „Weltfahrer bin ich, immerzu von Melodien durchsungen, und sehne mich nach dem festen Punkt, von dem aus das Nahe und Ferne reich und tief sich erfassen läßt. Ich will Friedel nicht durch Mitleid beleidigen; sie ist tapfer und wird das allein durchhauen. Aber ich will doch neben der Phantasie fortan der Güte einen größeren Raum in meinem Herzen gestatten — wie diese Bernadette, wie meine vergessene Elisabeth.”
Er ging an die Grotte von Lourdes zurück, saß dort lange und sammelte sich zu einer Gebetsstimmung, seine Augen heftend auf die Marmorstatue der weißen Madonna mit der blauen Schärpe.
** *
Am Abend, als die willensstarke Frau bleich und gefaßt wieder am Tisch saß und über ihre Schwächlichkeit zu scherzen versuchte, wurde von dem Ehepaar beschlossen, über Paris nach München zu fahren und dort ein Sanatorium aufzusuchen.
Ingo, der sehr zart zu Friedel war, hielt in möglichst unbefangenem Ton an seinem Abstecher nach Barcelona fest.
Richard schaute einen Augenblick vom Kursbuch auf, es zuckte ironisch um seine Mundwinkel, und er fragte:
„Suchst du Schallers Nichten oder den Gralsberg?”
„Beides”, bemerkte Ingo trocken ...
Am Bahnhof von Toulouse nahmen sie Abschied. Der Troubadour und Frau Eleonore hielten sich lang an beiden Händen und schauten mit Wehmut einander an.
Die Lippen der blassen Frau bebten. Sollte sie ihm sagen, wie sehr sie krank war? Sollte sie ihm sagen, daß hier vielleicht auf Leben und Tod Abschied genommen wurde? Nein! Es war einer ihrer heroischen Momente. Galt es zu sterben, so wollte sie allein sterben. Die Heroine lächelte und zwang sich zu einigen Worten von allgemeiner Herzlichkeit, das Weh in sich begrabend, das tiefe Weh, auf den abirrenden Freund nicht mehr von Einfluß zu sein:
„Groß bleiben, lieber Ingo! Es wird gewiß alles gut werden, wir wollen dir lauter gute Gedanken mitsenden. Madonnengedanken!”
Er nickte schweigend.
Und zu Richard sprach er mit bewegter Stimme:
„Gib gut auf sie acht, Richard! Sie ist doch die Beste von uns dreien!”


Sechstes Kapitel Die Verlobung
O brich nicht, Steg! du zitterst sehr. O stürz nicht, Fels! du dräuest schwer. Welt, geh nicht unter, Himmel, fall nicht ein, Eh' ich mag bei der Liebsten sein!
Uhland

A us dem dröhnenden Geräusch der spanischen Hafenstadt Barcelona hebt sich das vornehme Villenviertel am Gebirgszug Tibidabo empor und sucht reine Luft.
Dort klettert die Straße, die nach einem katalonischen Dichter den Namen führt, die Calle Muntaner, mit starker Steigung bergan.
Auf der Terrasse eines prächtig unterhaltenen Gartens voll immergrüner Gewächse standen dort die beiden Mozart-Mädchen.
Hier aber war die Stimmung anders als auf dem leichten Riviera-Hügel. Die zwei jugendlichen und schönen Geschöpfe lachten nicht aus ungezwungenen Matrosenkleidchen in eine heiter-natürliche Welt; sie waren vielmehr eingenäht in nagelneue, steif knisternde Festkleider. Und hinter ihnen ragte mit strengem Stolz Schallers große Villa, ein viereckiger Bau mit flachem Dach, einem Kastell nicht unähnlich.
Um sie her aber prangte der balsamisch duftende Garten, planvoll gefüllt mit Palmen, Orangenbäumchen, Zitronen und andren Stauden und Spalieren des halbtropischen Klimas. Zu ihren Füßen funkelte abendschön die laute, energische, menschenvolle Stadt; in der Ferne glühte blendend das Meer; zur Rechten sahen sie den schräg ansteigenden und steil abfallenden Festungsberg Montjuich den Hafen bewachen. Hinter ihnen, auf den Höhen, waren Pinien rötlich angeglüht von der sinkenden Sonne, und wie Minarets winkten dazwischen fremdartige Türmchen.
Man spürte wohl noch an diesen graugrünen Abhängen den Pulsschlag der Arbeitsstadt, den Atem des Hafens, den Duft des Mittelmeers. Aber man war zugleich diesen Regionen entrückt und schloß sich durch eine hohe und weitläufige Gartenmauer vom Arbeitstag ab.
Hier also hatte Schaller seine Burg erbaut.
Im Innern des Hauses hatten sich manche Kostbarkeiten und manche wertvollen Gemälde angesammelt. Ein Innenhof war von farbiger Kuppel überdacht; dort spielte ununterbrochen der feine Strahl eines Springbrunnens und verbreitete zugleich Kühle und das Gefühl einer leichten Lebenslaune, einer Überwindung der Arbeitsschwere. Es stimmten dazu die heiter geschnitzten Geländer der Stockwerke, die diesen dämmernden Innenhof umrankten. So war dort eine maurische Stimmung geschaffen, die zum subtropischen Gartenbild paßte und gegen den brennenden spanischen Sommer schützte.
Die Mädchen, in Seidenkleidern und weißen Schuhen, gingen wie auf Stelzen und bemühten sich, gesetzt zu sein; aber sie konnten ihre Erregung nicht verbergen. Denn es war keine gewöhnliche Abendgesellschaft, der sie entgegenfieberten.
Die lebhafte Jüngere entlud ihre Gespanntheit in fortwährenden Umarmungen und Küssen, die Fräulein Martha über sich ergehen lassen mußte, besorgt um die Falten und Bauschungen ihres feierlichen Kleides.
„Ich freue mich ja schrecklich, ganz schrecklich für dich!” rief der hübsche kleine Zappelkäfer. „Freust du dich denn nicht auch? Hältst du's überhaupt noch aus vor Ungeduld?”
„Gewiß, ja, nur weiß ich nicht recht —”
„Na, was denn nun wieder? Pfui, schäm' dich! Etwa wegen des Spanischredens heut' abend? Aber du bist ja schon einmal ein ganzes Jahr hier gewesen!”
„Ich hab' aber vieles vergessen. Nein, das nicht, ich meine nur — ich wollte, es wäre schon vorüber. Ich bin ja viel zu jung — und — mein Gott, wie sie mich alle ansehen werden!”
„Laß sie gaffen, du bist süß, sie werden sich alle verlieben! Zwei junge Spanier werden sich deinetwegen erdolchen, es wird ein Duell geben mit zehnmaligem Kugelwechsel, heute nacht reißen die Katzen aus vor den vielen Serenaden — und ich gieße den Sängern Wasser über den Kopf.”
„Glaubst du, daß sie Reden halten auf — auf ihn und mich?”
„Natürlich! Dann sagst du ganz einfach gracias oder merci beaucoup und nickst ein klein wenig mit dem Kopf — aber nur ein wenig, vornehm — siehst du, ungefähr so!”
Die Kleine gab ein vorbildliches, gnädig herablassendes Kopfnicken zum besten, wobei ihr der Augenaufschlag meisterlich gelang. Aber die schwerblütige Martha schaute mit ihren wundervollen Blau-Augen ratlos in die Welt und war nicht in Stimmung zu bringen.
Zu gleicher Zeit lustwandelte der Herr des Hauses, in Frack und brasilianischem Orden, zwischen seiner blaß-vornehmen Stiefmutter und der bürgerlich-ehrbaren Witwe Frank-Dubois, die immer in schwarzer Kleidung ging. Sie schritten stattlich unter Fächerpalmen auf und ab. Ein springender Strahl rieselte und raunte auch dort; und im runden Becken flimmerten rote Fische. Es lag hochzeitlicher Glanz in der abendlich rosigen Luft; die Welt war voll Farben; auf Palmenkronen wiegten sich Genien mit Schmetterlingsflügeln und gaukelten abwechselnd um die Gespräche der Alten und das Zwitschern der Jungen. Selbst die kleinen bärtigen Gnomen, die Geister des Goldes, die sonst schwere Säcke schleppten, feierten heute, saßen unter Tropfsteingebilden und kämmten sich gegenseitig die Bärte.
In den Worten und Gebärden der hier wandelnden Erdenbürger war satte Sicherheit. Sie fühlten sich nicht heimgesucht von irgendwelchem Hunger nach Unendlichem. Das Rätsel des Daseins hatte sie nie bekümmert. Eine erhebliche Rente in Gewahrsam zu bringen, genügte als Lebensziel. Wobei sie Arbeitsamkeit, Ordnungssinn und andere bürgerliche Tugenden zu achtenswerter Entfaltung brachten.
„Jetzt bin ich über die Zukunft meiner Tochter doch einigermaßen beruhigt”, versicherte Frau Frank-Dubois. „Mit ihr selber wird es sich schon ganz gut machen, denn sie ist ja sparsam und häuslich und versteht den Haushalt. Die Schule ist ihr halt schwer geworden; aber sie hat, was sie an Schulbildung braucht. Es ist eine stille Natur; mein seliger Mann war auch so ein Stiller, sie hat's von ihm.”
„Das Mädel wird's wie eine Prinzessin haben”, versetzte Schaller und nahm die Dame fest zugreifend unter den Arm. „Das glaube ich Ihnen versichern zu dürfen. Also wenn ihr beide einverstanden seid, so klopf' ich nach dem zweiten Gang ans Glas und mache die Sache bekannt. Ich liebe immer Überraschungen, knappe, fertige Tatsachen. Punktum!”
Er trat zu den Mädchen, legte der Jüngsten von hinten her seine großen Hände über die Augen und küßte ihre Wange.
„Na, Mausi, hast du dein Cousinchen aufgemuntert?”
„Pah, Onkel Schaller, die hat Angst!”
„Es schickt sich, daß eine Braut schüchtern tut”, erwiderte Schaller und legte den Arm um das gazellenschlanke Mädchen, das nur um eine Stirnbreite kleiner war als er selber. „Kinder, es soll famos werden! Die Nacht wird durchgetanzt! Und außerdem hab' ich eine Extra-Überraschung, besonders für die da, den kleinen Grashupfer!”
„Noch einen Bräutigam? Her damit!”
„Ruhig Blut, Sennorita! Es klingelt! Gäste kommen!”
** *
Ingo von Stein hatte in Narbonne übernachtet. Er fuhr dann über Perpignan nach Barcelona. Der Schnellzug lief an der See entlang, deren Wasser im Ostwind an die Klippen schäumte und das tiefe Blau des Mittelmeers in ein ebenso herrlich Weiß verwandelte.
Sprangen nicht mit glänzenden Schuppenschwänzen die Okeaniden herauf, lachten den Fahrenden aus und schnellten im Purzelbaum wieder hinunter in die Arme aufpustender Wassermänner? O Schaumtanz, o Schmeichelwelle, o Heimat der schaumgeborenen Göttin Aphrodite! Herfunkelnd ans knochig-männliche Festland — und dem Greifenden zwischen den Fingern zersprühend, ein schillernder Schein!
Am Bahnhof hatte ihn Schaller persönlich und ohne Chauffeur im Automobil abgeholt. Bei ihm saß noch ein würdiger alter Herr, dessen Wesen und Aussehen dem Ankommenden sofort angenehm und bedeutend ins Auge fiel. Es gibt Menschen, zu denen man auf den ersten Blick ein seelisches Verhältnis findet, als hätte man sich schon irgendwo einmal gesehen. Dieser alte Herr, gleichsam der erste Gruß auf spanischem Boden, wirkte in so merkwürdig anziehender Weise auf Ingo. Sie gaben sich mit so gelassener Selbstverständlichkeit die Hand, als wären sie gestern erst auseinandergegangen.
Der mehr als sechzigjährige würdige Herr war ein Freund des Großkaufmanns und wurde als Konsul a. D. Ernst Bruck vorgestellt. Es war ein Mann von Mittelgröße mit schönem grauem Vollbart, graublauen Augen und einer klaren, hohen Stirn. Hätte er einen Turban getragen, man hätte ihn mit seinem tropisch gebräunten Angesicht für einen indischen Rajah halten können. Nur daß sein Wuchs nicht ragend genug und sein Benehmen bei aller ernsten Ruhe einfach und ohne jede Pose war.
„Also steigen wir ein, fahren wir ab! Gepäck ist in Ordnung!”
Frisch und händereibend sprang der Spielmann in das Fahrzeug, es war neuer Schwung über ihn gekommen. Wieder im Menschengewühl! Und Schaller hatte in seiner rauhen und lauten Weise seiner aufrichtigen Freude Ausdruck gegeben, den durchgeistigten Wanderer in seinem katalonischen Heim begrüßen zu dürfen.
„Leider sind einstweilen meine Fremdenzimmer besetzt,” entschuldigte er sich, „und ich muß Sie ins Hotel bringen. Aber wenn Sie sich ausgeruht haben, werfen Sie sich gleich in Frack und kommen hinauf. Sie sollen eine festliche Versammlung finden. Es gibt einen Knalleffekt, die Mädels werden an die Decke hüpfen, außer mir und Bruck ahnt niemand Ihre Nähe. Um sechs Uhr, bitte! Bruck holt Sie im Auto ab. Übrigens fährt er morgen mit Frau und Tochter gleichfalls nach dem Montserrat, kann Ihnen also Führer und Dolmetscher sein.”
Während sich Schaller am Steuer durch das Menschengewimmel der großen Stadt hindurcharbeitete, erzählte der Konsul, wie er seinen Freund vor einem Dutzend Jahren in Brasilien kennen und als tatkräftigen Geschäftsmann schätzen gelernt habe.
„Ich baute damals eine Drahtseilbahn aus der Ebene nach einem Bergwerk auf den Kordilleren”, sprach er mit seiner wohltönenden Baßstimme, in einer langsamen, sachlichen Bestimmtheit, ohne jenes nervöse Fieber, das dem modernen Menschen bis in die tägliche Redeweise hinein das Gepräge gibt. Er bildete einen auffallend ruhevollen Gegensatz zu Schallers Temperament, bei welchem man immer das Gefühl hatte, daß er mit vorgerecktem Kinn, Fäusten und Ellenbogen um die Million kämpfe, unter der berüchtigten Losung, die seinen Angestellten nur allzu bekannt in die Ohren klang: „Wer nicht pariert, der fliegt!”
Der Konsul, gemächlich in die roten Lederpolster zurückgelehnt, faßte seinen Fahrtgenossen ins Auge und sprach:
„Ich kenne Sie übrigens schon. Meine Tochter, die viel liest, hat mir aus Ihrem Buch ‚Heroismus’ vorgelesen. Und Schaller erzählte mir von Ihrem Gespräch über die Titanic. Ich darf Ihnen wohl gleich bekennen, daß ich da ganz auf Ihrer Seite stehe.”
„Die Titanic! Sie haben recht. Jene grauenhafte Katastrophe hat mich an das tiefste Problem gemahnt, das ich schon lange ungelöst in mir herumtrage und neulich in Lourdes wieder ernsthaft durchdacht habe: wie steht es um Tod und Jenseits? Die moderne Menschheit wirft sich mit so viel Tatkraft auf so viele Probleme — warum nicht auf dieses?”
Der Konsul nickte.
„Vielleicht grade weil die modernen Menschen zu tatkräftig, zu unruhig sind. Man müßte, um einen Zugang zu dieser Frage zu finden, vor allem andren eine Entfieberung vornehmen, eine Entgiftung. Nun, das muß man der höheren Führung überlassen. In diesen Fragen stimme ich mit Freund Schaller nicht überein. Ich selbst bin auch nicht unmodern, was Tatsachensinn anbelangt; war Seemann, Ingenieur, Farmer, hielt mich als Konsul im Kaukasus, dann in Indien und Brasilien auf und habe mich nun in meiner Heimat Westfalen zur Ruhe gesetzt. Doch wir können ja wohl über diese Dinge noch in aller Ausführlichkeit auf dem Montserrat hoffentlich recht ergiebige Gespräche führen.”
So waren sie die Rambla hinuntergefahren und hatten den Gast im Hotel abgesetzt.
Stein war durch Stand und Erziehung an die geselligen Formen gewöhnt, so daß ihm der Übergang von nachdenklicher Einsamkeit zur gefälligen Vielsamkeit nicht schwer fiel. Als er nun vor Spiegel und Waschbecken den Eisenbahnruß hinwegspülte, besah er genauer als sonst seine äußere Erscheinung. Eine grad und gut gewachsene Statur, kurzes Blondhaar, milde mattblaue Augen, ein ungestutzt voller Schnurrbart und von den Augenwinkeln zu den Enden des etwas vortretenden Mundes zwei scharfe Linien, die eine edle Nase flankierten und dem gesundfarbenen Gesicht im Verein mit einer hohen und breiten Stirn geistige Strenge verliehen. Doch sobald er nur wenig lächelte, verwandelte sich die Strenge in sonnige, fast kindliche Güte; und gar sein lautes Lachen war nach Tonfall und Aussehen von herzbezwingender Macht. Neckerei wohnte gern in diesen Zügen und spielte oft um den beweglichen Mund; aber Spott und Schärfe hatten darin keine Wohnung; höchstens noch die Schwermut und eine gewisse verträumte Abwesenheit. Das zu kleine Kinn war der Gegensatz zu Schallers Bulldoggenkiefer und zur modernen Menschheit überhaupt; dieses Gesicht mit seinem hellen Leuchten, sobald es seelisch und geistig belebt war, paßte nicht in den Kampf aller wider alle. So sah ein Sonnenbringer aus, ein Götterbote aus dem Lande des Vertrauens, kein pfiffiger Späher aus dem Lande der Konkurrenz.
Er legte sich auf den Diwan, hatte noch ein Stündchen Zeit bis zum Umkleiden und durchblätterte aufs Geratewohl die Gedichte des Novalis, die er in der Tasche trug.
„Darf nur ein Kind dein Antlitz schaun Und deinem Beistand fest vertraun, So löse doch des Alters Binde Und mache mich zu deinem Kinde!”
Wen meint der Dichter? Die Madonna meint er. „Ich sehe dich in tausend Bildern, Maria, lieblich ausgedrückt” ... Da taucht immer wieder die Jungfrau auf, das holde Urbild mütterlicher und zugleich kindlicher Weiblichkeit, die der Welt das Genie schenkt: denn aus den Augen des Kindes auf ihrem Arm leuchtet Geniefeuer. Das Geheimnis des Lebens ist in den Augen dieses Kindes, das den Tod überwunden und eine Bahn in den Kosmos zum „Vater” eröffnet hat. Ist die Jungfrau-Mutter Hüterin des Lebensgeheimnisses? Ist das Geheimnis der Geburt zugleich das Todesgeheimnis? Warum ergreift mich so mächtig das Rätsel des Todes? Warum ergreift mich so mächtig das Rätsel lebendiger Frauenschönheit? Warum sehn' ich mich nach dem einen Weibe — und nach dem einen Gral? Wo sind sie vereinigt? Wo sind Spielmann und Gralsucher eins? Wo ist kein Zwiespalt mehr zwischen Leben und Tod, zwischen Poesie und Religion, zwischen freudig erfaßtem Diesseits und edel erkanntem Jenseits?
Das Leichte und Frohe der Mozart-Mädchen hatte ihn, vor seinen Augen herschwebend, mit magischer Gewalt nach Spanien gelockt. In solchen Mädchen ist Glück, Wärme, Stille — waren es vielleicht grade diese Eigenschaften, die er suchte, nicht die Mädchen selber? War es das knospenhaft in sich Geschlossene der Jungfrau, was so bezaubernd auf ihn gewirkt hatte?
Jedenfalls war er entschlossen, heute abend eine Frage an das Schicksal zu stellen und die Entscheidung zu erzwingen: er war entschlossen, seine Briefe persönlich zu überreichen. Säuberlich waren die bedenklich warnenden Nachschriften der treuen Friedel abgeschnitten und im Notizbuch verborgen. Er steckte die Briefe, die noch vom blauen Band umflochten waren, behutsam in die Tasche seines Überziehers, dachte mit Dank und Teilnahme an die ferne Freundin, fühlte sich aber unwiderstehlich vorwärtsgetrieben. Sehenswert war gewiß morgen der nun so nahe gerückte Gralsberg; aber sein rauschhaftes Empfinden suchte zunächst einen andren Gralsberg irgendwo da oben am Gebirgszug Tibidabo.
Und rasch und neckisch vollzogen sich nun die Ereignisse.
„Wissen Sie, woher der Name dieses Berges kommt?” fragte Bruck, als sie miteinander in Schallers Automobil zum abendlichen Fest hinauffuhren. „Tibi dabo ist lateinisch und heißt ja wohl: Ich werde dir geben. Nämlich alle Reiche und Herrlichkeiten der Welt, wie der Versucher zum Heiland sagte, so du niederfällst und mich anbetest. Aber der Heiland hat das freundliche Angebot dankend abgelehnt. Es ist also der Berg der ahrimanischen Täuschung und luziferischen Versuchung, wenn Sie wollen, der Berg irdischen Besitzes.”
Der Konsul lachte sein sonores Lachen und schloß gelassen:
„Unser weltkluger Materialist Schaller hat sich also seine Gralsburg an einen recht passenden Ort gebaut.”
Ingo, in Frack und Zylinderhut, eine Teerose im Knopfloch, zwei Blumensträuße in Händen, lachte mit und vergaß in diesem Augenblick, daß er selber über den Schmerz einer kranken Freundin hinüber dem auf der Kugel schwebenden Glück nachjagte.
„Ja ja,” sagte er, „ich erinnere mich seines handfesten Programms. Erst die Million, dann die Seele!”
„Stimmt!” lachte Brucks Baßstimme. „Nämlich dem Teufel die Seele, wenn der ihm dafür die Million gibt! Aber Schaller ist gar nicht so schlimm, wie er manchmal tut. Auf die Zehen läßt er sich allerdings nicht treten. Teils durch Spekulation, teils durch Arbeit und zuletzt durch Heirat zwingt er die Dämonen des Reichtums in seinen Dienst.”
Als Steins vornehme Erscheinung neben dem kleineren Bruck die gewundenen Wege des Zaubergartens zu Schallers Burg hinanstieg, war oben schon alles voll lustiger Gäste. Deutsch, Französisch und Spanisch klangen in allen Tonlagen durcheinander.
Kaum in Sicht der Terrasse, wo sich die festlichen Menschen in der Beleuchtung des Sonnenuntergangs bewegten, wurden die Ankommenden vom Hausherrn selbst bemerkt.
„Holla, die erste Überraschung!” rief er. „Mädels, hierher! Wen haben wir da? Den Troubadour!”
Und er packte in seiner nervös-energischen Art die beiden jungen Damen an den Armen und riß sie herum, dem Kommenden entgegen, der den Zylinderhut zog, schon von weitem lachend grüßte und dann seine Blumen überreichte.
Martha wurde glutrot, die Jüngste schlug in die Hände.
„Der Baron!” rief sie, denn er wurde gesprächsweise nur der Baron genannt. „Martha, aber was sagst du nur! Hab' ich's nicht gleich gesagt, den werden wir noch einmal sehen?! Danke für die schönen Blumen, aber warum haben Sie denn gar keine Silbe mehr von sich hören lassen? Wir waren Ihnen schrecklich böse! Martha war anfangs fast melancholisch. Ich auch!”
„So mach' ich heute abend alles wieder gut,” lachte Ingo, „ich werde grade zu Ihnen beiden verschwenderisch liebenswürdig sein.”
So begrüßte man sich, hell und vertraut. Ingo wurde mit der Gesellschaft bekannt gemacht: da waren Brucks freundliche Frau und kränkelnde Tochter; Schallers Teilhaber, ein knochiger Geschäftsmann, mit seiner Gattin, einer unendlich mageren und unendlich graziösen Pariserin, ein Justizbeamter, ein Professor der Musik, Kaufleute, Herren und Damen aus der Gesellschaft, junge Deutsche, die in Barcelona geschäftlich tätig waren und sich an diesem Abend als Dolmetscher zwischen den zwei oder drei Sprachen nützlich machten. An wahren Schönheiten, das übersah der geübte Ingo mit raschem Blick, war nur noch eine echte Spanierin vorhanden, die den Namen Carmen trug und ihre Rasse prächtig vertrat.
Aber Martha, obschon verlegen und ungelenk, überstrahlte alle.
Stein war gewohnt, sich rasch auf eine Gesellschaft einzustimmen und den Ton zu treffen, der sich in das Menschenkonzert einfügte. Als man bei einem Rundgang durch die Räume am Flügel haltmachte und der Musiker einige Sätze aus der Mondscheinsonate zum besten gab, ließ ihm Ingo durch den Dolmetscher Komplimente machen über seine romanische Umfärbung Beethovens, und es entspann sich, mit Hilfe des geschickten Dolmetschers, ein Gespräch über Musik. Mit Carmens Eltern sprach er über den Unterschied zwischen Katalonien und dem übrigen Spanien; man stellte fest, daß Provence und diese spanische Nordprovinz sprachverwandt seien, und daß beim Kongreß der félibres, unter Mistrals Führung, auch Kataloniens Dichtkunst vertreten war. Der vielgereiste Ingo freute sich an den melodischen spanischen Lauten. Und immer wieder, auch im Buschwerk des Kleingesprächs, wußte er durch irgendeine Lücke hindurch nach Martha zu spähen, die aber den Blick nicht erwiderte.
Er war ahnungslos.
Er machte sich innerlich Vorwürfe, weil sein Geschmack feststellte, daß sie hier, auf dem Parkettboden der Gesellschaft, nicht den günstigen Eindruck bestätigte, den er von ihr in Erinnerung trug. Die Bewegungen der Elsässerin waren — zumal neben der Pariserin — von schwerfälligem Rhythmus; sie glich einem zwar schlanken, aber etwas täppisch laufenden russischen Windspiel; ihr Gesicht war mehr treuherzig als geistvoll; auch unterhielt sie sich fast gar nicht, sondern ließ sich unterhalten. Er steuerte unauffällig durch die belebten Gruppen und machte sich kundschaftend an Frau Frank-Dubois heran, die ihm zur Tischdame bestimmt war.
Die Herren boten den Damen den Arm; man zog zum Abendessen unter die Arkaden, die unterhalb der Terrasse mit vielen Säulen märchenhaft angelegt waren, mit Lampions und Blumen reizend verziert. Vier blinde Musiker aus Barcelona sorgten für Tafelmusik. Und nun ergossen sich, aus Silber, Porzellan und Kristall, die Genüsse der Tafel über die sehr laute und heitere Gesellschaft, wobei vor allem die Deutschen den südländischen Weinsorten, vom dunkelsten Purpur bis zum edelsten Gold, mit Bewunderung zusprachen.
„Die Älteste sitzt neben mir,” hatte ihm Schaller mitgeteilt, „dafür hab' ich Sie zwischen Marthas Mutter und den Goldkäfer gesetzt, der für Sie schwärmt! Auf der andren Seite haben Sie den Geisterseher Bruck. Nehmen Sie sich also nach allen Windrichtungen in acht!”
Und er hatte dem Baron zugeraunt, daß er sich mit der elsässischen Bourgeoisdame französisch unterhalten möge; sie halte das für vornehmer, und das Hochdeutsche falle ihr etwas schwer. Der thüringische Freiherr stutzte einen Augenblick; aber er war von andren Dingen erfüllt und sah in dieser würdigen Dame vor allem Marthas Mutter.
„Madame,” sprach er, als sie bei Tisch saßen, „gestatten Sie, daß ich Ihnen eine drollige Geschichte erzähle? Auch Sie, Mademoiselle, meine muntere kleine Nachbarin, passen Sie auf! Wissen Sie, Madame, daß ich Sie und Ihre Tochter schon lange kenne? Ich besuchte in Straßburg im vorigen Herbst einen mir befreundeten Schriftsteller; dieser Schriftsteller hat einen Roman aus der Revolutionszeit geschrieben. In diesem Roman kommt eine Leonie vor, die sich zuletzt mit einem etwas pedantischen Hauslehrer verlobt. Als wir nun dort miteinander an einem großen Platz — heißt er nicht Broglieplatz? — vor einer Buchhandlung standen, kam eine Dame in Pelz und schwarzem Kleid mit ihrer schlanken Tochter vorüber. ‚Sehen Sie sich die junge Dame an’, bemerkte mein Freund: ‚so etwa sah Leonie aus.’ Das war in Straßburg. Und wen find' ich einige Monate später an der Riviera? Jene nämliche Leonie, die mir jetzt hier in Barcelona gegenübersitzt! Ist das nicht eine närrische Welt?”
„C'est charmant!” rief die Junge. „Ich muß es gleich über den Tisch hinüber Martha erzählen.”
Durch diese natürliche Art, sich zu geben, stellte Ingo rasch einen vertraulichen Ton her.
Aber mit Madame Frank-Dubois entspann sich nach und nach ein immer kühleres politisches Gespräch. Sie vertrat, mit mehr Eigensinn als Begründung, den Standpunkt eines Teils der elsässischen Bourgeoisie, Anschauungen, die weder mit der Mehrheit des elsässischen Volkes noch mit den deutschen Empfindungen des Thüringers harmonisch zusammenklangen. Er ahnte hier Klüfte. Ihre Tochter, äußerte sie mit einem befremdlich anmutenden bürgerlichen Stolz, besuche nur französische Tennisplätze und Gesellschaften.
„Was hat sie denn davon?” fragte Stein trocken. „Sie schließen sich also vom deutschen Kulturgebiet ab?”
„Wir sind Elsässer.”
„Genügt das? Mit diesem engen Grundsatz kommen ja die Elsässer in den Schmollwinkel.”
„Für einen Fabrikanten kann es ja wohl gleichgültig sein, wo er sein Geld verdient.”
„Ist der Mensch bloß zum Geldverdienen auf der Welt? Hat er nicht auch ein Vaterland?”
„Bei uns Elsässern, die wir Verwandte in Frankreich haben und morgen vielleicht wieder französisch werden — —”
„Aha, damit rechnen Sie also?! Glauben Sie denn wirklich, Deutschland werde das mit so viel Blut erkaufte Elsaß je wieder herausgeben? Gestatten Sie mir einmal in allem Ernst die Frage: Möchten Sie wieder französisch werden?”
Madame Frank-Dubois zögerte; sie hatte sich nie viel mit diesen Dingen beschäftigt; sie machte eben mit, wie es in ihren Kreisen guter Ton schien.
„Französisch werden?” wiederholte sie gedehnt. „Das nun grade nicht. Das würde doch wohl wirtschaftliche Störungen mit sich bringen. O nein, das eigentlich nicht! Nur — —”
„Nur eben auch nicht deutsch, nicht wahr?” lachte Stein. „Also weder Fisch noch Fleisch! Elsässer — weiter nichts! O weh, wie würd' ich Ihr schönes Land bedauern, wenn es ein Zwitterding würde wie Luxemburg! Wissen Sie übrigens, daß auch ich elsässisches Blut in den Adern habe? Eine meiner Urahnen war aus dem oberelsässischen Adel und hat nach Thüringen geheiratet. Sehen Sie, damals sperrten sich die Elsässer nicht ab!”
„Das sag' ich ja auch,” erwiderte Madame Frank-Dubois und atmete auf, denn es war ihr bei diesem Gespräch nicht behaglich gewesen, „drum geb' ich ja auch meine Tochter einem — —”
Hier klopfte Herr Schaller, der besorgt in diese Politik herübergelauscht hatte, hell und unternehmend ans Glas; und die erglühende Martha senkte den Kopf. Er erhob sich in seiner ragenden Größe und stemmte das Monokel ins Auge; sein kühnes und festes Herrengesicht glänzte wie die Rose in seinem Knopfloch; der studentische Schmiß glühte doppelt keck in der vielfarbigen Beleuchtung der Lampions. Die Saitenmusik schwieg; das Tischgespräch ging über in erwartungsvolle Stille.
„Meine Damen und Herren,” sprach er auf deutsch, übersetzte aber sogleich jeden Satz mit eleganter Handbewegung ins Spanische, „die erste Überraschung des Abends bestand darin, daß ich Ihnen einen geistreichen Idealisten, den ich schätze und beneide, heute abend zugeführt habe.” Er winkte mit leichter Verneigung dem Baron zu. „Ich für mein Teil pflege offen meinen Realismus zu bekennen, denn ich mache gar kein Hehl daraus, daß mir der Sperling in der Hand lieber ist als die Taube auf dem Dache. Noch lieber ist mir die Taube in der Hand als der Sperling auf dem Dache. Und ich bin in der glücklichen Lage, Ihnen sagen zu dürfen, daß ich ein Täubchen gefangen habe, eine schöne weiße Taube, die fortan meine Arche Noah über den Ozean des Lebens geleiten wird. Meine Herrschaften, gestatten Sie mir, Ihnen meine Braut vorzustellen, Fräulein Martha Frank-Dubois!”
Erstaunte Stille — dann ein brausendes Hoch in allen drei Sprachen von allen Seiten des langen Tisches und der wunderlich gemischten Gesellschaft! Es war ein Knalleffekt! Man hatte geahnt, man hatte getuschelt; aber nur wenige waren auf die deutliche Tatsache gefaßt gewesen. Alles drängte nun zu dem Brautpaar heran, Gläser klangen, Glückwünsche flogen, Umarmungen fluteten über die Braut herab; und mehr als ein Tropfen des köstlichen Getränkes spritzte auf Tisch und Teppich.
Stein saß vom Donner gerührt.
Der Trinkspruch hatte ihn einfach niedergeschmettert.
Die Andeutungen der Jüngsten während des Abends hatte er nicht verstanden oder auf sich bezogen; daß etwas in der Luft lag, hatte er nur vorübergehend empfunden. Jetzt saß der Troubadour mehrere Sekunden mit buchstäblich offenem Munde und starrte sein entzaubertes Ideal an, das sich mit der rosig verschönten Anstandsmiene eines gut erzogenen Mädchens erhoben hatte und Umarmungen über sich ergehen ließ.
Dann aber kam ihm seine gesellschaftliche Schulung zu Hilfe. Er sprang auf, schlug in die Hände und rief immer wieder: „Großartig!”, küßte der Mutter die Hand, riß die Kleine übermütig ans Herz und nahm sie mit hinüber zur persönlichen Beglückwünschung. Denn alle Tischordnung war auf eine Weile zerbrochen.
„Hätt' ich eine Ahnung gehabt!” rief er drüben. „Ich hätte mir's nicht nehmen lassen, mit Reim und Lautenklang das festliche Ereignis zu feiern.”
„Es wäre zu nett, wenn Sie Ihre Laute mitgebracht hätten”, versicherte die Braut mit schicklicher Höflichkeit.
Und so lachten sie und plauderten inhaltlose Sachen und bedauerten das Fehlen der Laute und schüttelten Hände und gingen nachher, als Schallers Geschäftsteilhaber ans Glas klopfte, um kurz und korrekt zu beglückwünschen, wieder an ihre Plätze. Die Woge der Festfreude legte sich einen Augenblick, schwoll aber immer wieder an; einige Mütter seufzten, daß ihnen der reiche Kandidat entgangen war, Steins Herz hämmerte, die Jugend war elektrisiert — und alle miteinander strahlten, schwatzten, lachten und zechten um die Wette.
Es wurde getanzt. Der Troubadour phantasierte später, als sich die Gesellschaft verteilte, so toll am Flügel, daß der spanische Professor vor Begeisterung aus dem Häuschen geriet. Schaller ließ sich die „Rosenlieder” singen, sein Leiblied; denn er wurde sentimental. Dann tanzte man wieder zur Musik der Blinden; die jungen Leute führten ein harmlos Scherzspiel auf; man trank sämtliche Spirituosen durch — bis lange nach Mitternacht der Halbmond über Meer und Montjuich stand. Stein machte allen halbwegs hübschen Damen ebenso unbedenklich wie liebenswürdig den Hof; verliebte Paare lustwandelten im Garten; er glaubte sich zu entsinnen, Hände, Wangen und Lippen geküßt zu haben, sogar die leider nach spanischer Unart gepuderte und geschminkte Carmen.
Gegen Morgen saß er schweren Hauptes in einem Automobil, hatte jedoch Besinnung genug, nach dem Überzieher zu tasten, ob die provenzalischen Briefe noch darin wären. Ja, da waren sie noch wohlbehalten an Ort und Stelle. Und so glitt er denn auf lautlosen Gummireifen mit seinen Briefen und mit seinem Rausch ins Hotel zurück, wo er lachend ankam und immer vor sich hinrief:
„O Troubadour! o Troubadour!”
