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Der Spielmann

Zweiter Teil Ingos Einkehr (continued 2)

Reading edition

Aber sie befanden sich auf offenem Korridor, fremden Blicken ausgesetzt, und so beherrschten sie sich rasch.

„Aber wie kommst du denn hierher?” rief Elisabeth.

„Dich und deine Mutter zu begrüßen; das ist doch ganz einfach!”

„Mama ist sprachlos vor Staunen, sie macht sich eben im Schlafzimmer fertig. Komm nur herein in unsren Salon!”

Und sie traten ein.

Das Stubenmädchen, ein niedlicher Racker, der den Vorgang neugierig beobachtet hatte, hob Steins zu Boden gefallene Visitenkarte auf und ging damit trällernd und schnalzend an das andre Ende des Stockwerks. Dort lag Leroux noch immer in den Federn, obwohl es über zehn Uhr war; seine Schuhe standen vor der Türe. Der Pariser pflegte das Mädchen gern zu necken, sie gab ihm die Neckerei zurück: sie legte die Visitenkarte quer über seine Schuhe und erzählte dann kichernd den Kolleginnen, wie zärtlich der neue Herr von den Damen auf Nr. 10 empfangen worden sei. „Der sticht den Pariser aus — wetten wir?”

Frau Baronin Mathilde von Stein-Birkheim war mit der ganzen Vornehmheit ihres Wesens, das Spitzentuch über Kopf und Schultern, die große Brosche mit dem Bild der Großherzogin am Halse, in den Salon getreten und hatte, auf ihren Krückstock gestützt, stehend den offiziellen Besuch ihres überaus höflichen Neffen entgegengenommen. Dann nahm sie Platz und lud zum Sitzen ein. Sie war sonst wenig entzückt von Ingo; es war für sie schwer, zu dem unberechenbaren Menschen ein Verhältnis zu finden. Noch im Herausgehen wußte sie nicht recht, ob sie den vermutlich ganz verwilderten Troubadour nicht gleich wieder kühl entlassen solle. Jedoch die bejahrte Dame hatte eine Eigenschaft, die in diesem Falle überwog: sie war ein wenig neugierig. Und da Ingo mit wahrhaft ehrfurchtsvoller Höflichkeit ihre Hand küßte und in unverwilderten Formen eine ritterliche Begrüßungsrede hielt, war sie zunächst beruhigt und begann ihm umständlich ihre Krankheit zu erzählen. Dann sprach man vom Leidenslager seines Bruders. Und dann geriet das Gespräch ins Stocken; denn alle drei dachten an eine dritte Kranke, deren Namen aber niemand nennen mochte.

Während bei dieser gemessenen Unterredung Baronin und Ingo einander gegenüber saßen, stand Elisabeths hohe Palmengestalt am Lehnstuhl ihrer Mutter. Sie hatte den Arm um die Lehne gelegt, leicht geneigt, und schaute, sofern sie sich nicht zur Mutter herabbeugte, um eine Angabe zu bestätigen, fast unverwandt den Geliebten an, so strahlend von einem stummen Glück, daß dem Wandrer einmal über das andre ein warmer Schauer über das Herz rann. Himmel, wie edel und reif dieses Gesicht, wie ebenmäßig diese Gestalt! Wie gütig, warm und wonnig diese Augen! Und wie hilflos-kindlich dieses Lächeln des Glückes, das sie offenbar gar nicht zurückdrängen konnte! Nicht mit einem Wort beteiligte sie sich unmittelbar an der Unterhaltung; darin war sie sich treu geblieben. Und als sich Ingo erhob, um sich nach diesem ersten Besuch wieder zu verabschieden, hatte sie buchstäblich außer den jubelnden Eingangsworten keinen einzigen Satz an ihn gerichtet.

Ingo zog sich zurück und lief ein wenig durch die Stadt, nach der Rousseau-Insel und hinauf nach dem inneren Genf. Und es muß gesagt werden, daß er vor jedem Schmuckladen stehen blieb und die aufgereihten Trauringe liebäugelnd betrachtete. Es gibt in Genf viele Schmuckläden. Er wählte lang, trat endlich ein und erstand sich zwei Ringe. Er kannte den Umfang ihres Ringfingers: er entsprach genau seinem eigenen kleinen Finger. Mit den gediegenen Goldreifen in der Tasche setzte er beflügelt und entschieden seine Wanderung fort, kreuz und quer durch die ehrwürdige Stadt, doch blind für die Außenwelt.

Die Damen pflegten, wenn die Baronin sich besonders wohl fühlte, unten zu essen, und zwar zusammen mit Ingos Freunden Wallace und Leroux. Ersterer war wieder abwesend; Leroux begrüßte den Baron mit auserlesenen Liebenswürdigkeiten; alle vier setzten sich an einen besondren, blumengeschmückten Tisch. Elisabeth war in weißem Kleide, trug am Gürtel einige von Ingos Maiglöckchen und war in ihrer süßen Verzauberung einer Braut nicht unähnlich. Am Halse des, wie immer, hochgeschlossenen Kleides hing ein Goldkreuz mit rubinrotem Herzen: ein Schmuck, den Ingo immer geliebt hatte.

René Leroux war aufgeregt; Ingo mit seinen gesunden Nerven benahm sich gefällig, heiter und glücklich. Doch allmählich fielen ihm, während er von seinen Reisen erzählte, die Blicke auf, womit der Franzose, sobald er sich unbemerkt glaubte, beinahe bang und flehend Elisabeths Augen suchte. Es lag etwas wie ein Werben, ja wie eine geheime Verständigung in diesem Augenspiel. Elisabeth freilich, züchtig und bräutlich und mit leuchtenden Glücksfarben vor ihrem Teller sitzend oder am Weine nippend, schien gar kein Auge für ihn zu haben. Immerhin bemerkte Ingo, wie sie einmal, Lerouxs zudringlichem Blick begegnend, unwillkürlich errötete. Auch suchte der Pariser mehrmals eine gedämpfte Privatunterhaltung mit Elisabeth anzuknüpfen. Die alte Dame in ihrer freundlichen und etwas steifen Würde spürte nicht, was für Fäden zwischen den drei übrigen Tischgenossen hin und her spielten.

„Ingo hat nach meinem Dafürhalten recht sehr gewonnen”, bemerkte sie oben leutselig. „Er scheint mir rücksichtsvoller zu sein als früher, wo er manchmal doch recht vorschnell war im Aburteilen. Und klug! Ich muß schon sagen: wirklich klug! Aber der andre, der unruhige junge Mann aus Frankreich, fängt an, mir nachgerade auf die Nerven zu fallen. Es ist zwar ein wohlerzogener Mensch von guter Kinderstube, aber es wäre passender gewesen, daß er mir oder dem Baron zugehört hätte, statt immer dich in eine Unterhaltung verflechten zu wollen. Es war korrekt, daß du ihm abgewinkt hast. Eine so zersplitterte Tischunterhaltung macht mich nervös ... Wir werden um vier Uhr auf unsrem Balkon Kaffee trinken, nicht wahr, Kind? Wenn ich noch schlafen sollte, kannst du ja den Baron empfangen und so lange unterhalten.”

Ingo hatte mit Leroux noch einige Zigaretten geraucht und sich dann auf sein Zimmer zurückgezogen. Hier durchdachte er, ziemlich gedämpft nach dem Freudenausbruch des Vormittags, seine unangenehmen Beobachtungen.

Dann las er Trotzendorffs männlichen Brief.

„Mein alter Ingo!

Nach einem langen ersten Empfang (Audienz) bei unsrer Hoheit bin ich soeben nach München zurückgekommen, wo es meiner lieben Frau nach schmerzlichen Tagen zum Glück besser geht, und setze mich sofort hin, um dir zu schreiben. Deine häufigen treuen Kartengrüße sind eingetroffen, ebenso zu unsrem Erstaunen Deine Draht-Nachricht von Deiner Reise nach Genf. Du bist doch immer der alte Sausewind, liebster Junge! Was Teufels treibst Du denn nun plötzlich in Genf? Was überhaupt so lange in romanischen Ländern? Mir ist das Herz wieder aufgegangen, als ich deutsche Sprache um mich her vernahm. Na also, nun zur Sache! Wir haben in jener fürstlichen Unterredung auch über Dich gesprochen, Alter. Ich bin ins Zeug gegangen, daß die Schwarten krachten. Dein Buch Heroismus (Du hättest es schlicht und deutsch Heldentum nennen sollen) ist unter hoher Befürwortung (Protektion) nach Berlin gegangen und soll an höchster Stelle gewürdigt werden, besonders der Abschnitt über Friedrich den Großen. Und dann: in den nächsten Monaten kommt Seine Majestät nach der Wartburg. Dort, an geschichtlich bedeutsamer Stätte, wirst Du dem hohen Herrn vorgestellt. Ein Mann wie Du darf nicht ziellos in der Welt herumlaufen, Du hast vaterländische Pflichten, Freiherr von Stein! Verstanden? Wir werden bis dahin überlegen, wo wir Dich an den rechten Platz stellen: Kunstakademie, Hoftheater, Staatsdienst, Gesandtschaftsposten — irgendwo müssen wir Deine geistige Kraft verwerten. Du hast mich zwar oft gehänselt wegen meiner angeblichen Vereinsmeierei: Sprachverein, Flottenverein, Pfadfinder, Jugendwehr und so weiter — laß gut sein, Junge! Das sind rüstige Dinge und eines rechten Mannes würdig. Und ich fühle mich nun einmal bis ins Mark als Mitglied der vaterländischen Gemeinschaft und unsres deutsch-völkischen Arbeitsgebietes. Also, lieber Freund, kurz und gut: im Herzen Deutschlands ist Dein Platz! Und drum verdirb mir meine Bemühungen nicht und stell' Dich zur Verfügung, wenn von höchster Stelle ein Ruf an Dich ergeht. Deutschlands Weltlage im Herzen Europas ist ernst. Wer weiß, wie bald Angelsachsentum, Slawentum und Romanentum sich über uns herstürzen werden! Oder wer weiß, was von innen her gebraut wird! Da wird dann auch viel Faules hinweggefegt werden, was dem Ernst und der Größe der Zeit nicht mehr gewachsen sein kann. Du hast, wie der alte Joseph in Ägypten, in aller Stille Vorratshäuser gebaut; dann, wenn die Nöte kommen, sollst Du Deine Kornkammern auftun. Drum halte Dich bereit!

Deutschen Gruß, lieber Freund!

Dein Richard.”

Ingo gedachte dieses treuen und tapferen Mannes mit warmer Herzensbewegung. Er sah im Geist den breitschultrigen Verfasser dieses Briefes am Schreibtisch sitzen, den angegrauten Schnurrbart und das militärisch kurze Haupthaar über das Papier gebeugt; er sah ihn, wie er dann zufrieden ans Bett seiner Gattin trat und mit markiger Stimme den Brief vorlas, denn zu all solchen Erzeugnissen holte er ihren Segen ein; und er sah, wie sie lächelnd und lobend beistimmte.

„Er ist ein prächtiger Vertreter eines tatkräftigen Bismarckschen Deutschtums”, dachte Ingo. „Aber ohne Romantik. Eine Gralsburg zu bauen ohne Hilfe eines Vereins, wäre für Trotzendorff ein Wahn (in Klammern: Chimäre) oder eine Einbildung (in Klammern: Ideologie oder Illusion). Und ein Mann von geistiger Bedeutung hat nach Richards staatstreuem Empfinden das Höchste erreicht, sobald er in amtlicher Stellung steht mit Titel und Orden. Ihm ist der römische Staatsbegriff in Fleisch und Blut übergegangen; aber die freie Genialität der Griechen, der Sinn für Schönheit, Anmut, Geschmack? Mystik ist ihm ebenfalls verdächtig, Musik ein allerdings sehr angenehmes Geräusch, ohne daß er in ihre seelische Tiefe dringt. Kurz, Trotzendorff hat Stiefel, aber keine Flügel.”

Das ungefähr waren Ingos Gedanken über diesen in seiner Einseitigkeit tapfren und treuen Charakter, der aus altpreußischer Zucht hervorgegangen war.

Und doch mußte er sich sagen, daß dieser Soldat eine richtige Empfindung gegenüber Ingos Schwärmerei ehrlich aussprach.

„Ich drohe mich in der Tat zu verflüchtigen, ich gehöre nach Deutschland, in festes Wirken, wenn auch nicht in staatlich abgestempelten Formen. Da hat er recht. Doch ob der realistische Deutsche dem Idealisten Führer sein kann? Schwerlich! So wenig wie der Körper dem Geist. Nur ein Mahner. Kein Kaiser darf Dichter kommandieren. Sie sind beide gleichwertige Fürsten. Ich achte den Reichskörper: aber mein Gebiet ist die Reichsseele.”

So wappnete sich hier, in aller Freundschaft, ein Deutscher gegen den andren — echt und selbständig beide, und doch erst in Gemeinschaft und Ergänzung ein harmonisches Ganzes.

Dann ging er hinauf zu den Damen.

Er traf Elisabeth allein. Sie strahlte von innen einen eigenartigen Zauber aus, sie war liebreizend und glückselig. Als er eintrat, legte sie den Finger auf den Mund und deutete nach der Nebentüre.

„Mutter schläft noch”, sagte sie leise.

Er war beglückt, sie allein zu sprechen, behielt ihre Hand in der seinen und setzte das Gespräch mit gedämpfter Stimme fort:

„Sind wir wirklich wieder einmal allein nach so langen Jahren? Es kommt mir noch immer wie ein Traum vor, daß wir uns gegenüberstehen.”

„Mir auch, Ingo.”

„Und sag' mir, Elisabeth, denkst du noch genau so wie in der Kindheit?”

Sie wandte den Kopf, schaute befangen nach der Nebentüre und sah dann wieder ihn an, innig und seelenvoll, aber stumm, als wollte sie sagen: Sprich hier nicht darüber, aber lies in meinen Augen, du lieber Mann!

Sie setzten sich in die offene Balkontüre und unterhielten sich mit gedämpfter Stimme. Ingo erzählte vom Montserrat und konnte sich nicht enthalten, auch des Konsuls zu gedenken und von des ungewöhnlichen Mannes wunderbaren Enthüllungen Andeutungen zu geben.

Doch hier spürte er bald ein feines Widerstreben.

„Man hört jetzt viel von solchen Ideen”, sagte sie. „Kommt diese Bewegung nicht aus Amerika und England oder gar aus Indien?”

„Gewiß, ja, aber Bruck ist ein unabhängiger Mann.”

„Oh, es ist gewiß sehr interessant. Aber genügt schließlich nicht das Bibelwort: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört, das hat der Herr bereitet denen, die ihn lieben?”

Ingo mußte unwillkürlich lächeln. Das war sie noch immer, seine gute Elisabeth!

„Gewiß genügt es! Es genügt ja auch, in Deutschland den Acker zu bauen”, sprach er. „Wozu also Amerika entdecken? Wozu den Nordpol suchen? Wozu gar mit Luftschiffen das höchst unsichere Element der Luft befahren wollen? Man könnte ja am Ende einmal herabfallen! Nicht wahr, Spießbürgerchen?”

Sie lachten beide.

„Da hast du recht, Ingo! Baue du nur Luftschiffe, aber flieg uns nicht wieder fort! Übrigens auch ich interessiere mich lebhaft für Geister,” fügte sie schalkhaft hinzu, „aber für verkörperte!”

Hier wurde angeklopft, und das niedliche Stubenmädchen brachte einen Blumenstrauß mit einem Briefchen in geschlossenem Kuvert, gab die Sachen an Fräulein von Stein und verschwand.

„Bei euch ist ja die reine Blumen-Ausstellung!” scherzte Ingo. „Was hast du denn da für einen Verehrer?”

„Harmlos! Sieh selber nach!”

„Darf ich wirklich? Kein Geheimnis?”

„Vor dir hab' ich kein Geheimnis.”

„Wirklich nicht, Elisabeth?”

Er hatte das Briefchen in der Hand, das sie ihm ungeöffnet gereicht hatte; und als sie so, den Blumenstrauß aus dem Papier wickelnd, vor ihm stand und ihn mit ganzer Treue und Klarheit ansah, konnte er nicht anders: er legte den Arm um ihre Schulter, und sie sahen sich ganz nahe einige Sekunden innig in die Augen. Ein Glücksstrom überrieselte ihn abermals: ich bin am Ziel!

Dann tat sie die Blumen ins Wasser und trug die Vase auf die Brüstung des Balkons, wo bereits der Kaffeetisch wartete. Er aber öffnete das Kuvert, das Lerouxs Visitenkarte enthielt — und las folgendes:

„Ich bin rasend vor Eifersucht. Gestern im Nachen war ich zwar toll vor Liebe, doch auch Sie waren nicht gleichgültig. Auch Sie lieben mich, sagen Sie mir deutlich, daß Sie mich lieben! Tragen Sie eine meiner Rosen als Antwort! Ich bete Sie an.”

Ingo stand und starrte diese leidenschaftlichen Worte an. Dann fluteten und brausten plötzlich wieder die Angstzustände der Nacht über ihn herein. Also doch! Seine Elisabeth — dort im Kahn — also doch!

Auch Leroux wähnte sich offenbar „am Ziel”! Denn sonst hätte er diese Sprache nicht gewagt!

Er sagte keine Silbe.

Mit unnatürlicher Ruhe steckte er die Karte in das Kuvert und legte das Briefchen auf Elisabeths Schreibmappe.

Die Mutter trat jetzt ein. Er bot ihr den Arm und führte sie an den Kaffeetisch. Und es wurde eine unsäglich einsilbige und unsäglich steife Kaffeestunde.

Elisabeth, in ihrem stillen, großen Glück, merkte anfangs gar nichts von des Freundes Verstimmung; sie schob seine Schweigsamkeit denselben Gefühlen zu, von denen sie selber durchdrungen war. Sie sprach heute reichlicher; sie zitierte Stellen aus seinen Werken; und ihre Mutter machte lächelnd die Bemerkung:

„Oh die, die kann deine Bücher auswendig, Ingo!”

„Wirklich, liebe Tante? Was Sie sagen!”

Er schaute in das strahlende, offene, durch kein Wölkchen getrübte Gesicht seiner glücklichen Geliebten; und tiefes Weh wallte in ihm empor. Der beklemmende Schmerz machte ihm fast jede Unterhaltung unmöglich. Auch sie nicht treu! In einem Winkel ihres Wesens auch sie kokett! Trägt jenen artigen Burschen im Herzen — und verbindet damit die wieder erwachten Jugendgefühle! O Weib, Weib!

Und er raffte sich auf und sprach von Trotzendorffs Brief und daß er wahrscheinlich recht bald nach München müsse. Man hatte den Namen Trotzendorff bisher vermieden; jetzt teilte er geflissentlich mit, daß die kranke Frau von Trotzendorff in einem Münchener Sanatorium liege.

Elisabeth wurde schweigsam.

„Ich hatte nur das Bedürfnis,” schloß er höflich und kühl, „Ihnen, liebe Tante, meine Aufwartung zu machen und mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen. Es war mir äußerst angenehm, daß ich Sie beide getroffen habe. Weiter fesselt mich nichts mehr hier in Genf; ich kenne den See schon; und Sie gehen ja wohl auch bald nach Montreux. Wundern Sie sich also nicht, wenn ich plötzlich nach München und dann nach Thüringen zu meinem Bruder verschwunden bin.”

Elisabeth blickte stumm in ihre Tasse. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Nach München! Also doch wieder zu jener Frau!

„Du bist und bleibst ein rechter Zugvogel, lieber Ingo”, sagte die Tante und war offenbar nicht wenig verlegen, wie sie das Gespräch fortführen sollte. Denn die beiden schweigsamen Menschen unterstützten sie darin ganz und gar nicht.

So hob sie denn dieses trübselige Kaffeestündchen auf, und Ingo verabschiedete sich. Elisabeth suchte ratlos, ängstlich, bittend seine Augen; sie suchte ihn mit der ganzen Innigkeit ihrer Blicke noch einmal festzuhalten; er spürte, wie ihre Hand zitterte, als sie die seine krampfhaft festhielt — aber er wich ihren Blicken aus. Es war in ihm eine tiefe Trauer und ein schmerzlicher, fast bissiger Entschluß. In der Form der größten Höflichkeit nahm er Abschied; und die große, weiße, goldverzierte Salontüre fiel hinter ihm zu.

„Diese Waldecksche Linie der Familie Stein hat entschieden einen Stich ins Verrückte”, grollte die sonst so gehaltene Edelfrau, als sie mit ihrer todbleichen Tochter wieder allein war. „Wirst du nun aus diesem Menschen klug? Da überfällt er uns, scheint die alten Beziehungen wieder anknüpfen zu wollen — und läuft sofort wieder davon! Ich muß doch einmal gleich an Tante Adelheid nach Weimar schreiben, daß sie ihm den Kopf waschen soll! Auf sie gibt er wenigstens noch etwas, auf uns gar nichts. Auch der französische Herr wird mir unangenehm; und der Engländer nimmt überhaupt keine Rücksicht. Ich will dir etwas sagen, mein liebes Kind: wir zwei bleiben wieder allein! Hörst du, Elisabeth? Das alles regt mich auf.”

„Ja, Mutter, wir zwei bleiben wieder allein ...”

Der Duft und Dunst, am Morgen noch von der Sonne durchglüht, hatte sich jetzt immer mehr zu Gewitterwolken verdichtet. Die Sonne war verschleiert. Es war eine fahle, schwüle Stille. In der Ferne, nach Lausanne zu, bildete sich ein schwarzes Gewitter und schüttete am Abend Regenmassen über Berge, See und Stadt.

Ingo, rasch und lebhaft in seinen Entschlüssen, packte augenblicklich seine Sachen. Während dieser Arbeit beruhigte er seine leicht erregbare Phantasie. Und seine natürliche Herzenswärme trat wieder hervor.

Er setzte sich hin und schrieb der Geliebten einen kurzen Abschiedsbrief:

„Meine gute, liebe Elisabeth! Wenn auch unser Bund zerbrochen ist, so wollen wir doch versuchen, als Kameraden dankbar aneinander zu denken. Ich will Dir also sagen, daß ich Dir nicht grolle. Denke auch Du gut von mir! Offen will ich Dir mitteilen, daß ich euch zufällig im Kahn beobachtet habe und auch während des Mittagessens nicht blind war; das Briefchen gab dann den Ausschlag. Elisabeth, werde glücklich! Doch bleibe unsre vornehme, gütige, edle Elisabeth, die wir um dieser Eigenschaften willen alle so sehr achten und lieben — und die ich, das darf ich wohl sagen, auch in allem Wechsel immer geliebt habe. Leb' wohl, liebes Mädchen! Ingo.”

In der Nacht, während Elisabeth in ihre Kissen weinte und vergeblich das Taschentuch zerbiß, um ihre nahe schlafende Mutter das Schluchzen nicht merken zu lassen, saß der ruhelose Ingo im Schnellzug, um über Zürich nach München zu fahren.

** *

Am andren Morgen troff ein mächtiger Maienregen über das Genfer Gebiet.

Elisabeth schritt im Regenmantel unter dem Schirm durch die Stadt, um einige Besorgungen zu machen.

Die Gewitternacht hatte in ihr einen Plan gereift. Nachdem sie ihrer Mutter verhärmtes Gesicht gesehen, die ihres Kindes Weinen recht wohl gehört hatte; nachdem sie noch gestern Lerouxs unseliges Briefchen gelesen und Ingos traurig-lieben Abschiedsgruß empfangen hatte; nachdem sie in der Nacht noch einmal alles durchgelitten, was in ihren langen Herzensbund mit Ingo immer wieder störend eingegriffen hatte: gab es für ihre sonst so spröde Natur kein Wanken mehr. Sie beschloß, um den Geliebten zu kämpfen.

Sie ließ unter diesem trostlosen Regen, der auf ihren Schirm klopfte, durch nasse, öde Straßen wandernd, im Geiste vorbeiziehen, was ihren Bund mit Ingo hemmen könnte. Ihre eigene passive Natur? Die war doch wohl ein wenig besser geworden. Leroux? Ach, den hatte sie heute morgen kurz und kühl abgewiesen. Jene ferne Frau? Ja, da war es! Immer wieder jene Frau, die ihr so überlegen war, so schön, so geistvoll, so musikalisch — — — jene Frau Friederike — — —

„Wenn sie ein Herz hat,” sagte sich Elisabeth und gab sich alle Mühe, die Tränen zurückzupressen, „darf sie sich nicht mehr zwischen uns beide stellen. Ich will zu ihr fahren und ihr alles sagen.”

Illustration from Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart
Illustration from Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart

Neuntes Kapitel Weimar

Wer etwas Treffliches leisten will, Hätt' gern was Großes geboren, Der sammle still und unerschlafft Im kleinsten Punkte die höchste Kraft.

Schiller

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F räulein Adelheid von Stein-Birkheim stand mitten in ihrer häuslichen Welt voll künstlerischer Schönheit, die sie sich in ihren siebzig Lebensjahren aufzubauen verstanden hatte. Sie stellte eben das grüne Kännchen beiseite, aus dem sie ihre vielen Blumen zu begießen pflegte. Die Wände ihrer Wohnung waren bis oben hin mit schönen Gemälden, Familienporträts und Bildnissen befreundeter und wertvoller Menschen, deren Dasein sich irgendwie mit dem ihrigen versponnen hatte, ausgeziert. Und selbst auf den kleinen Tischen standen Photographien zwischen den auserwählten Büchern, die sie immer im Handbereich hielt.

Draußen leuchtete der jungkräftige Sommer bis in alle Winkel und Höfe des geweihten Städtchens. Rings um Weimar flossen sanfte Höhen und mildes Himmelsblau reizvoll ineinander; es war ein duftiger, die Konturen verwischender, traumhafter Tag. Hinter Belvedere blühte der wilde Rosenstrauch, an dem einmal, abseits von einer steifen Gesellschaft, Ingo seine geliebte Elisabeth überströmend geküßt hatte. Und im Park von Tiefurt stand noch immer auf einem weißen Sockel das neckische Wort: „Mozart und den Musen.”

Die greise Dame pflegte auf ihrem Balkon Meisen, Finken und andere Singvögel zu füttern. Sie schaute hinaus und dachte lächelnd: „Ich bin auf den Singvogel neugierig, der mich heute besuchen wird.” Dann ging sie ihren Hantierungen nach, in gewohnter klassischer Ruhe, nichts überhastend und doch frei von Kleinlichkeit.

Nicht lange darauf tönte die Klingel. Das Mädchen kam herein und brachte eine Besuchskarte: Ingo Freiherr von Stein-Waldeck. Der Spielmann hatte, die Treppe zu Tante Adelheid heraufsteigend, seinen Zustand mit lächelnder Wehmut empfunden: wie leicht bepackt, wie geläutert, wie gesäubert von allen Beschwerungen stieg er doch jetzt diese wohlbekannte Treppe wieder empor zu der Greisin, die ihm in ganz Weimar am nächsten stand! Und drinnen ereignete sich ein drolliger Zufall. Fräulein Adelheid suchte gerade ein Buch, als ihr die Karte überreicht wurde. Da fiel mit Geräusch ein Goethe-Band herunter und blieb aufgeschlagen liegen. Sie warf einen Blick auf die Seite und las die Worte aus der „Pandora”:

„Dort! er taucht in Flutenmitte Schon hervor, der starke Schwimmer; Denn ihn läßt die Lust zu leben Nicht, den Jüngling, untergehn.”

„Willkommen in Deutschland, lieber Ingo! Willkommen in Weimar!” rief sie, als sich der Neffe über ihre Hand beugte. Sie zeigte ihm die Stelle, und beide deuteten des Altmeisters Wort in guter Stimmung als ein freundlich Vorzeichen.

„Sie waren ja immer der Meinung, Ingo, daß Weimar und Wartburg Deutschlands Herz bilden, geographisch und geistig. Also willkommen im Herzen Deutschlands!”

Tante Adelheid war eine hochgewachsene Frau von aufrechter Gangart und pflegte weite, läßliche Kleidung zu tragen. Ein längliches Gesicht, eine mehr hohe als breite Stirn und nach den Schläfen etwas herabgezogene, oft prüfend halbgeschlossene Augen nebst schmalem Mund gaben ihr ein Gepräge sachlicher Klarheit. Es fehlte diesen Zügen nicht an Güte, doch auch nicht an deutlichem Freimut.

„Und jetzt sagen Sie mir einmal vor allem: wo stecken Sie denn so lange Zeit, Sie Ausreißer? Fast zwei Jahre waren Sie nun nicht in Ihrer Weimarer Wohnung! Und Ihr gemütliches Heim da oben am Horn geht in Spinnweben unter, wenn ich nicht Frau Tellbach von Zeit zu Zeit Feuer unter die Sohlen mache.”

„Nun, die gute Frau hat ja alles ganz ordentlich instand gehalten”, erwiderte Ingo lächelnd. „Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.”

„Das wollt' ich ihr auch geraten haben”, versetzte Tante Adelheid. „Und wo kommen Sie denn jetzt her? Aus dem Ausland natürlich!”

„Sie schwärmen ja wohl immer noch für alte deutsche Nester wie Rothenburg und Hildesheim, nicht wahr, Tante Adelheid?” scherzte Ingo. „Und ich habe beide Städte noch immer nicht gesehen, entschuldigen Sie tausendmal!”

„Natürlich! Echt deutsch! Läuft in der Welt herum und kennt sein eigen Vaterland nicht!”

„Zunächst komm' ich übrigens von einem Krankenlager”, erwiderte er ernst.

„Ihr Bruder, nicht wahr?” nickte sie bedenklich. „Ja, da steht es allerdings nicht grade gut. Sie sind ja kein Kind mehr, Ingo, und ich kann Ihnen also ruhig sagen, daß ich einen der Ärzte gesprochen habe, die Ihr Bruder konsultiert hat. Die Sache ist aussichtslos.”

„Das hab' ich auf den ersten Blick gesehen”, seufzte Ingo. „Er hat sich zum Erschrecken verändert. Dieser wilde, kühne, rauhe Bursche von ehedem — und jetzt ein Gerippe!”

„Ihr alter Vater tut mir noch besonders leid. Er hat nur die zwei Söhne; und der eine läuft in der Ferne herum, der andere — er ist ja wohl nur ein Jahr älter als Sie? — stirbt als Junggeselle hinweg. Wie soll das mit dem schönen Gut werden!”

„Das muß natürlich ich übernehmen.”

„Muß, sagt er! Und seufzt dazu, der Gutsbesitzer! Ja freilich wär's notwendig, obschon Sie's ja schließlich verpachten und als Sommersitz einrichten können. Aber das ist ja das Unglück, daß Sie vor praktischer Arbeit zurückscheuen. Für Sie selber, Ingo, wird es heilsam sein, wenn Sie seßhaft werden. Nur sollte man Ihnen keine Wirtschaft anvertrauen, ohne links einen guten Verwalter und rechts eine gute Frau neben Sie zu setzen.”

„Na, na, na, auch Sie unterschätzen also meine Energie, Tante Adelheid!”

„Wenigstens in wirtschaftlichen Dingen.”

Ingo sprang auf.

„Himmel noch einmal, wie falsch ihr mich alle beurteilt! An einem einzigen Tage bin ich in diese Werktäglichkeiten eingelebt — jawohl — und am zweiten Tag läuft der Apparat von selber — und am dritten Tage lass' ich den Mechanismus laufen und widme mich den wertvollen Gütern des Daseins: der Ideenwelt. Der Unterschied zwischen meinem angeblich realistischen Bruder und mir, dem angeblichen Romantiker und Sausewind, besteht nicht darin, daß ich diese äußerlichen Dinge nicht beherrschen könnte — spielend beherrsch' ich diese Banalitäten, spielend, sobald ich nur will! Unterschätzt doch nicht einen geistig raschen Menschen! Sondern der Unterschied besteht darin, daß er und seinesgleichen in diesen wirtschaftlichen und sportlichen Durchschnittsfragen steckenbleiben, ja daß sie dies für das Leben selber halten! Und so füllen sie ihr Dasein mit nichtigem Geschwätz über Düngersorten, über Züchtung von Pferden, Hunden und Kälbern, über Prämien bei Geweihausstellungen und Preise bei Wettrennen — Dinge, die mich mordsmäßig langweilen. Nein, Tante Adelheid, in diese Mauern der Standesinteressen sperrt ihr mich nicht mehr ein! Aus dieser Welt bin ich ausgerissen. Und Sie geben mir einen Ehrentitel, wenn Sie mich als Ausreißer begrüßen.”

„Potztausend!” lachte Tante Adelheid. „Da hab' ich ihn einmal in eine allerliebste Ansprache hineingeärgert! Setzen Sie sich ruhig wieder her, Ingo. Sie wissen, daß ich ein offenes Wort ganz gut vertrage, aber Aufregung und Überspanntheit nicht liebe.”

Ingo setzte sich wieder und bat um Verzeihung; er habe, fuhr er fort, auf dem Gut während der wenigen Tage so viel versteckte Vorwürfe von Basen und Gevattern ausstehen müssen, daß nun sein angesammelter Unmut wider seinen Willen ausgebrochen sei.

„Am verständigsten war mein Vater”, schloß er. „Der klopfte mir auf die Schulter und meinte nur kurz: ‚Laß sie reden, Junge, ich glaube dich besser zu kennen!’ Während der ganzen Fahrt von Waldeck nach Weimar sah ich diesen braven alten Herrn vor mir in seinem weißen Bart und seinem leider unentbehrlichen Stock, wie er mich hinkend an den Wagen begleitete und mit seinem schlichten ‚Mit Gott!’ entließ, aufrecht, ein alter Soldat und doch von weichem Gemüt, die beiden Doggen neben ihm — ein Edelmann von altem Schrot und Korn!”

„Bravo, Ingo! Geben Sie mir mal die Hand, lieber Junge! Und nun sagen Sie mir: wie geht's Frau von Trotzendorff in München?”

„Ich muß Ihnen gestehen, Tante Adelheid, ich habe sie seit einer Reihe von Wochen nicht mehr gesehen. Von Genf wollt' ich nach München fahren, blieb aber in Zürich bei einem befreundeten Schriftsteller und fuhr dann über Heidelberg nach Thüringen.”

„Und das halten Sie aus?”

„Warum nicht?” versetzte er und legte ziemliche Kühle in seinen Ton. „Ich erhalte ja durch Trotzendorff regelmäßige Nachricht.”

„Durch Trotzendorff? Nicht durch sie?”

„Sie liegt zu Bett. Es ist keine gefährliche, aber langwierige Sache.”

„Na, man kann doch aber schließlich auch im Liegen Bleistiftbriefe und Füllfedergrüße senden, das weiß ich am besten, wenn mich Herzschwäche an den Diwan fesselt. Es fällt mir auf, daß Sie so die Fühlung mit Ihrer intimsten Freundin verloren haben.”

Tante Adelheid schaute mit forschenden Augen in Ingos gleichmütig ernstes Gesicht.

„Freundschaft und Freiheit gehören zusammen”, bemerkte er allgemein und schaute durchs Fenster. „Nur in Freiheit ist Freundschaft möglich. Wenn der eine Teil den andren mit List oder Gewalt festzuhalten oder abzusperren sucht, so ist das bereits eine verlorene Sache. Man kann weder Glück noch Freundschaft erobern oder erzwingen: derlei hohe Dinge sind Göttergeschenke.”

„Da haben Sie recht, Ingo”, erwiderte Tante Adelheid, und ein weicherer Ton glitt in ihre Stimme. „Das kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung bestätigen.”

„Wie geht's denn unsrer Exzellenz?” fragte Ingo sofort. Die Frage schloß sich leicht an das Vorausgegangene an. Denn auf der andren Seite des Stockwerks wohnte der teuerste Freund dieser durch viele hohe Freundschaften ausgezeichneten Greisin. Und sie erzählte von der Tätigkeit und Geistesfrische dieses harmonischen Edelmannes, der gleichfalls schon dem siebzigsten Lebensjahre zusteuerte, aber doch noch fleißig in seiner Kunst der Malerei und Architektur tätig war, dankbar für ein reiches Leben, den Tod nicht fürchtend, Schönheit in seinen Zimmern um sich ausbreitend und durch stille Wohltaten manchen Mitmenschen fördernd. Es war für Ingo jedesmal eine Erhebung, wenn er bei diesen abgeklärten Alten zu Gast war, die er scherzend Philemon und Baucis zu nennen pflegte.

„Lieber Ingo,” sagte Fräulein Adelheid und nahm seine Hand, „nun lassen Sie mich alte Frau einmal ein paar offene Worte sagen. Ich habe da einen Brief bekommen von Mathilde aus Genf. Nun sagen Sie mir: was haben Sie denn eigentlich in der kurzen Zeit Ihres Aufenthaltes in Genf schon wieder mit Elisabeth gehabt, daß dieses durch und durch brave Mädchen aus heimlichen Tränen nicht mehr herauskommt?”

Ingo erbleichte.

Dann schoß eine jähe Blutwelle in sein Gesicht zurück, als er nun so vor Tante Adelheids prüfend ruhigen Blicken gefesselt auf seinem Stuhle saß.

„Wieso denn?” fragte er tonlos.

„Sie haben in Ihrem Verhältnis zu Elisabeth immer vor uns andren Versteck gespielt; und auch sie selber hat in ihrer verschwiegenen Art nie ein Wort darüber geäußert. Es ist ein merkwürdiges und im Grunde seelisch einsames Mädchen; sie hat in tieferen Dingen keine einzige Vertraute — nicht einmal mich,” setzte sie lächelnd hinzu, „die ich doch so gern Beichtmutter bin. Uns schien damals zwischen Ihnen beiden ein heimliches Verlöbnis zu bestehen — nun, man hat so dies und jenes beobachtet. Aber dann entferntet ihr euch wieder voneinander. Das mag ja nun sein, wie es will, aber man kann doch in Güte aneinander denken und auch nach aufgehobener Verlobtheit oder Verliebtheit einander Freundlichkeiten erweisen, besonders einem so vortrefflichen Menschenkinde wie dieser selbstlosen, viel zu viel nur für andre lebenden Elisabeth. Einem solchen Kindergemüt Tränen auszupressen — Ingo, darauf kann kein Segen ruhen!”

Ingo war bestürzt.

„Tante Adelheid,” sprach er endlich, „Sie sprechen nur von Elisabeth und was ich ihr etwa angetan haben könnte. Für mich als Mann schickt es sich wohl nicht, von etwaigen eigenen Leiden zu sprechen und von dem, was ich selber gelitten habe durch Elisabeths sprödes, unergiebiges Naturell. Das ist eben Schicksal. Da kann ein Dritter schwerlich hineinschauen.”

„Danke!” erwiderte Fräulein von Stein kaltblütig. „Sie setzen mir also den Stuhl vor die Türe. Nun, immerhin habe ich in den letzten Jahren tiefer in das Wesen dieser edlen Mädchenseele hineingeschaut als wahrscheinlich ein gewisser anderer, der im Ausland Studien machte. Sie haben zu viel an der Peripherie gelebt, Ingo. Aber leidende und liebende Menschenherzen gibt es auch in der Heimat; Heroismus und Größe gibt es auch im Inland. Man braucht kein Spießbürger zu werden und kann doch mit seinen Mitbürgern in Herzensfühlung bleiben — nämlich als ein Schenkender, lieber Ingo. Ich appelliere also an Ihre Großmut, wenn sonst andres Sie nicht bei uns festhalten kann, bei uns hier in Ihrem deutschen Vaterland. Hier ist der Punkt, mein Herr Neffe, auf den ich hinauswill. Reisen Sie, heimsen Sie Garben in Ihre Scheunen — dann aber muß der Zeitpunkt kommen, wo Sie Ihre Frucht dreschen und in die Mühle bringen. Eine Menge Freunde haben Sie sich draußen erworben — aber Sie sind im Begriff, alte Freunde zu verlieren, und darunter die wertvollste von allen, diese innerliche Elisabeth!”

Ingo sprang abermals auf. Wie immer, wenn ihn etwas stark bewegte, schritt er im Zimmer auf und ab, die Hände auf dem Rücken, den Kopf gesenkt.

„Sie haben recht! Tante Adelheid, Sie haben tausendmal recht! Und doch — und doch — —”

Tante Adelheid nahm inzwischen, mit der ihr eigenen Bedächtigkeit, die Brille aus dem Futteral, setzte sie auf und suchte unter einem Stoß von Papieren einige zusammengebundene Briefe hervor.

„Während Sie im Ausland Forschungsreisen machten, haben wir im Inland beinahe eine schwere Tragödie erlebt. Hier habe ich neulich die Briefe geordnet, die mir Elisabeth vom pommerschen Gut geschrieben hat, wo ihre Schwester Mela verheiratet ist. Sie kennen diese Mela: genial und unberuhigt, das hitzige Gegenteil der sanften und etwas apathischen Elisabeth. Nun, ich will keine Einzelheiten ausplaudern. Nehmen Sie einmal an, eine solche heißherzige Frauennatur — und Mela hat entschieden einen Zug ins Große, das müssen Sie zugeben — eine solche leidenschaftliche Natur wird von ihrem Mann, der nur Jäger, Landwirt und Politiker ist, wenig verstanden, erhält aber einen umwälzenden Eindruck von einem andren, einem romantischen Nachbarn. Eine nervöse, reizbare Schwiegermutter macht die Situation noch schwieriger; drei allerliebste Mädchen vermögen die schwüle Lage nicht viel zu bessern. Die Sache droht zur Katastrophe zu kommen, mit Duell, Ehrengericht und Skandal — und da steht nun Elisabeth mitten drin! Das Mädchen hat die Hölle durchgemacht. Aber, ich hätt' es ihr nicht zugetraut, sie hat es fertiggebracht! Sie hat wieder Harmonie geschaffen. Der andre ist zur See gegangen — und der Gatte wurde durch schwere Erkrankung seiner Frau, wo es auf Tod und Leben ging, mit der Nase auf seine Pflicht gestoßen, sich mehr um Weib und Kinder zu kümmern. Das Beste hat Elisabeth getan, diese nicht blendende, aber so willensstarke und taktvolle Elisabeth. Sie war die Vertraute von allen zugleich; sie hat oft auf der Schwelle ihrer Schwester gewacht, als das extravagante Frauenzimmer drauf und dran war, Mann und Kinder zu verlassen. Bis dann die Klärung kam und die Krankheit für Mela eine Krisis zur Selbstbesinnung wurde. Sehen Sie, Ingo, so wird zu Hause in aller Stille gekämpft — und ich bitte auch Sie, dies alles diskret zu behandeln — in aller Stille, Ingo. Und Sie sitzen inzwischen in England oder Italien und schreiben ein Buch über Heroismus.”

So sprach Tante Adelheid und las dann in ihrem besinnlichen und etwas trockenen Ton einige Stellen aus Elisabeths Briefen vor. Ingo zog erstaunt und bewundernd die Brauen hoch und hörte mit Ehrfurcht zu. Dann aber stützte er das Kinn in die Hände, versank ins Brüten und verweigerte weitere Gefolgschaft. Denn er sah plötzlich die flimmernde Fläche des Genfer Sees, einen Nachen darin und zwei Menschen Hand in Hand.

„Sie hat mit Anspannung aller Kraft dieses Versöhnungswerk zustande gebracht,” dachte er, „hat Kranke gepflegt und für die Mutter gesorgt. Da lief ihr ein hübscher junger Mann über den Weg — und die Natur des Weibes brach wieder heraus.”

Er beschwor diese Bilder nicht weiter, sondern schüttelte den Kopf und erhob sich, um Abschied zu nehmen.

„Liebe Tante,” sprach er, „Sie fragten vorhin, was ich denn eigentlich mit Elisabeth gehabt habe. Uns hat immer nur das eine getrennt: ihre passive Natur. Um diese Menschen hier kämpft sie und lindert Not und Gefahr; ich habe jedoch nie bemerkt, weder früher noch jetzt, daß sie auch nur einen Finger gerührt hätte, um für den Geliebten oder den Freund zu kämpfen. Vielleicht ist das nicht Weibes Art, werden Sie mir antworten? Nun, mag sein! Aber ich bin des männlichen Titanenkampfes satt. Ihr alle fühlt nicht, wie ich gerungen habe. Meine Studien sind mein Herzblut. Sei's denn! Mögen mich die Götter im Schlaf nach Ithaka bringen! Ich bin am Ende meiner Glücksjagd.”

So brachen sie dieses Gespräch ab.

„Steckt vielleicht ein bißchen Egoismus in Ihrer Glücksjagd?” sprach die Greisin beim Abschied. „Verstehen Sie mich übrigens nicht falsch, wenn ich einer Natur wie Ihnen den Ausgleich durch die Ehe anrate. Ich warne sonst vor diesem Institut. Ich selbst bin als Unvermählte so glücklich gewesen, daß ich mein Leben gleich noch einmal von vorn anfangen möchte. Geschlechtsduselei neigt ja dazu, das unvermählte Fräulein geringer zu achten. Du lieber Himmel, wieviel versimpelte Ehefrauen sind mir über den Weg gelaufen! Da imponiert mir denn doch ganz anders die stolz und still durchgeführte Selbständigkeit einer Einsamen. Anfangs ist es nicht immer leicht; lächelt man freundlich, so vermutet Bosheit, man lächle, um zu gefallen und einen Mann zu fangen; später, so nach und nach, glaubt man uns, daß man aus selbstloser Herzensfreundlichkeit lächeln kann, und dann beginnt man, uns ohne alle Nebengedanken liebzugewinnen. Aber dieser Weg ist nicht für jeden. Einer Elisabeth möcht' ich einen Gatten — und einem Ingo eine Gattin wünschen. Adieu, mein Lieber!”

Ingrimmig füllte Ingo die nächsten Stunden mit Besuchemachen aus. Er war in zorniger Stimmung und wußte gar nicht, weshalb. Schillerhaus, Goethemuseum, Bibliothek, Theaterintendantur wurden aufgesucht. Das blühende Städtchen übte jedoch nach und nach seinen beruhigenden Zauber aus. Er empfand mehr und mehr das seelische und geistige Eigenwesen der weimarischen Kultur: nach Fernfahrten eine Hochschule der Verinnerlichung zu sein.

„Fort mit den egoistischen Sentimentalitäten!” sprach er aufmunternd zu sich selber, als er durch den klassischen Park schritt. „Wieder an geistige Arbeit! Keine Glücksjagd mehr! Und so bleib' ich eben allein, verzichte auf persönliches Glück und schaffe für andre!”

Eine wonnige Erinnerung durchrieselte ihn, als er am römischen Hause hinunterschritt und am Felsen jene Bitte an die „heilsamen Nymphen” las: „Und dem Liebenden gönnt, daß ihm begegne sein Glück!” ... Hier war er einmal im weißen Mondschein bis Mitternacht mit Elisabeth im Park spazieren gegangen, in einer jener gesteigerten Lebensstimmungen, wo wandernde Kameraden, gemeinsam Schönes genießend, in Eins zusammenzufließen scheinen. Er spürte wieder ihren atmend lebendigen Körper. Sie hatten Weimars Schönheit, durch ihre eigene gegenseitige Liebe verklärt, mit allen Poren in sich eingesogen. Ach, und der Spielmann brauchte nun einmal lebenswarme Menschen weit mehr als selbst das gelehrteste Papier!

Der Park war erfüllt von einem undeutlichen sommerlichen Wipfelsausen, das groß und geheimnisvoll den schreitenden Gralsucher umgab. Das Goethehäuschen enthüllte sich weiß aus dem dichten Grün. Wolkenschatten flogen über Wiesen und Ilm. Anschwellend, ihn überbrausend und wieder verwehend kamen Geisterstimmen, bis sich endlich eine ruhig tiefe Stimme vom Geräusch der andren löste und vernehmbar an sein Ohr klang:

„Was zu wünschen ist, ihr unten fühlt es; Was zu geben sei, die wissen's droben. Groß beginnet ihr, Titanen! Aber leiten Zu dem ewig Guten, ewig Schönen, Ist der Götter Werk: die laßt gewähren!”

** *

In denselben Tagen erlebte Frau von Trotzendorff in München eine Stunde der reinsten Glückseligkeit.

Die Leidende hatte sich anfangs dem Tode nahe gefühlt. Da ihr Seelenbau wesentlich aus Phantasie und Gefühl zusammengewoben war, so empfand sie Glück und Schmerz eindringlicher als andre Sterbliche. Jetzt ging ihre Lebenskurve wieder aufwärts.

Die Stimmung eines genesenden Menschen, besonders nach schmerzlichen Fiebernächten, ist von angenehmer Mattigkeit und Milde. In dieser weichen Ruhe ist er für Güte zwiefach empfänglich. Er will nicht mehr titanisch erzwingen; er läßt sich lächelnd von Gesunden beschenken und hat als ganze Gegengabe nur Blick und Händedruck des Dankes. Der Wille hat seine Grenzen erkannt gegenüber der Übermacht des Schicksals. Als Schiffbrüchiger treibt er aus den Strudeln der Krankheit zu Lande, seines nackten Lebens froh und gewaltsam befreit von vielem Lebensballast. Denn die Götter sind mächtiger als die Titanen.

Die genesende Mutter hatte auf ihrem Leidenslager die Freude erlebt, nach langen Schmerzenswochen zum ersten Male wieder ihre beiden Kinder sehen zu dürfen. Sie saß in den hochgebauten Kissen des Bettes und hatte rechts und links je einen der Knaben im Arm, herzige Flachsköpfe von sieben und neun Jahren, die in ihren neuen Jäckchen und verklärt vom Jubel entzückend aussahen und die geliebte Mutter fast erdrückten vor Zärtlichkeit. Der Arzt mit seiner zierlichen Frau und Trotzendorff waren selber bewegt und hatten alle Mühe, Kurt und Helmut zur Besonnenheit anzuhalten. Der Jüngste hatte die Knie ins Federbett gestemmt und wischte der Mutter mit seinem kleinen Taschentuch die Freudentränen ab; der andere zeigte ihr Hefte und selbstgefertigte Zeichnungen; und sie selber riß immer wieder beide an sich: „Hab' ich euch denn noch? Darf ich denn noch bei euch bleiben, meine süßen Jungen? Habt ihr denn eure Mutter noch lieb?!”

Man mußte die Erschöpfte nachher allein lassen. Das Wiedersehen hatte sie angegriffen.

Sie lag wohl eine Stunde lang mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen in der feinen, gedämpften Beleuchtung des reinlich weißen Krankenzimmers.

Noch war ein Nachleuchten dieses langentbehrten Glückes in den abgezehrten Zügen, als ein Besuch gemeldet wurde.

„Ein Fräulein von Stein läßt fragen, ob die gnädige Frau zu sprechen sei”, meldete die Schwester.

„Fräulein von Stein? Am Ende gar — Elisabeth von Stein?!”

Frau Friederike fuhr hastig empor. Sie bat die Pflegerin, nachzusehen, ob an ihr und um sie her alles in Ordnung sei, ließ das Tageslicht noch mehr dämpfen und schaute mit Herzpochen nach der Türe.

Gleich darauf stand Elisabeth im Zimmer. Nach kurzem Zaudern schlug sie den hellen Schleier zurück und trat mit raschen Schritten und ausgestreckter Hand an das Bett heran.

„Ich hörte von Ihrer Erkrankung,” sprach sie rasch herunter, denn sie hatte diese Einführungsworte gradezu auswendig gelernt, „und da ich mit meiner Mutter durch München zurückfahre, wollte ich mir die Freiheit nehmen, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen.”

Da stand nun also das Edelfräulein, im silbergrauen Kleid mit weißen Handschuhen, die stattliche Haarkrone samt Hut vom Schleier umwunden, Aug' in Auge mit ihrer Feindin — mit der Frau, die ihr einst den Geliebten genommen hatte. Ihre Hand, die sie nur zu leichtem Druck gereicht hatte, zitterte; das Herz des spröden und herben Mädchens pochte heftig. Die beiden Frauen sahen sich einige Augenblicke an; doch keine las zunächst, was im Herzen der anderen vorging.

„Das ist lieb von Ihnen, daß Sie mich besuchen”, erwiderte die Kranke mit Fassung. „Nehmen Sie Platz, liebes Fräulein von Stein. Wir haben uns seit Jahren nicht gesehen. Sie finden mich heute in einer ziemlich matten Stimmung — nein, bleiben Sie nur sitzen, Ihr Besuch ist mir sehr willkommen! — aber ich bin trotz aller Mattigkeit glücklich, sehr, sehr glücklich. Ich habe soeben Besuch gehabt. Raten Sie, von wem!”

Ihre Augen leuchteten. Sie war so voll von ihren Kindern; und Elisabeth war so voll von Ingo. So senkte Letztere unwillkürlich die Blicke und wandte den Kopf zur Seite, als sollte ein Schlag gegen sie geführt werden. Es waren nur wenige Sekunden; aber diese Gebärde nervöser Angst war so ausdrucksvoll, so sprechend, daß die Leidende sofort das Mißverständnis erriet. Und ein jähes Mitleid zuckte in der seelenvollen Frau empor.

Statt zu sagen, wer hier gewesen, streckte Frau von Trotzendorff in plötzlicher Herzlichkeit die Hand aus, ergriff Elisabeths Rechte, nahm sie in beide Hände und sagte innig, mit dem so gern bei ihr überwallenden Gefühl: „Mein liebes, liebes Fräulein Elisabeth!”

Dann beeilte sie sich, von ihrem Besuch zu sprechen:

„Meine Kinder sind hier gewesen! Meine süßen Jungens sind hier auf diesem Bett herumgekrabbelt! Denken Sie doch nur! Zum ersten Male seit langen, langen Leidenswochen hab' ich Kurt und Helmut wieder gesehen! Ach, ich bin fast gestorben vor Glück. Bei mir — ich bin ja nun mal so ein weichselig Geschöpf! — sitzen ja die Tränen so locker, im Glück und im Schmerz.”

Und sie tastete nach dem Taschentuch und betupfte sich die wieder feuchten Augen.

Elisabeth sagte aufatmend einige Worte, daß sie das nachfühlen könne.

„Nicht wahr,” fuhr die Kranke fort, „Sie haben ja auch so viel Freude an Kindern, obwohl nur eine Mutter ganz ermessen kann, was es heißt, auf Tod und Leben zu liegen und wochenlang seine Kinder nicht sehen zu dürfen — mit dem Gefühl, daß man vielleicht sterben muß, ohne dieses anvertraute Gut zum Edlen erziehen zu dürfen! Ach, meine liebe Elisabeth, das goldige Lachen der Kleinen und ihre rührenden Zärtlichkeiten! Spüren Sie nicht, wie noch überall hier in der Luft ein Lachen nachklingt? Sehen Sie, da hat nun Helmutchen richtig sein ganz zerknülltes kleines Taschentuch liegen lassen, womit er mir die Augen getrocknet hat, der kleine Knirps. Ich habe nachher hier eine Stunde lang still gelegen und gebetet — ich darf Ihnen das wohl sagen —, so innig zu Gott gebetet, er möge meine Kinder zu braven Männern erwachsen lassen und nicht an ihnen heimsuchen, was etwa — was etwa die Mutter verfehlt hat.”

Jetzt begann sie in ihrer großen Schwäche wirklich zu weinen und suchte sich mit Helmuts winzigem Taschentuch vergeblich die rinnenden Tränen zu stillen.

Elisabeth streichelte ihr die Hand und sprach einige beruhigende Worte.

„Ich war nämlich viel schwerer krank, als mein Mann und Ingo ahnten — —”

Da war der Name heraus. Sie hatte sich die Wortverbindung „mein Mann und Ingo” derart angewöhnt, daß auch jetzt die Namen gemeinsam von der Zunge glitten. Sogleich aber ward es ihr bewußt, wer an ihrem Bette saß. Sie zögerte einen Augenblick und setzte dann hinzu: „Es hat nämlich niemand gewußt außer dem Doktor und seiner Frau Hermine, die eine Jugendfreundin von mir ist, wie schwer krank ich war. Ich darf wohl sagen, ich habe dem Tod ganz nahe ins Auge geschaut. Und das ist heilsam. Ich ließ mein ganzes Leben an mir vorüberwandern und gelobte Gott, fortan meiner Pflicht zu leben — und — und wenn möglich niemandem mehr weh zu tun.”

Sie brach ab und drückte Elisabeths Hand. Dann sprach sie gefaßter weiter:

„Sie waren in Genf? Und haben dort Ingo gesehen?”

„Nur ganz kurz.”

„Geht's ihm gut? Ist er heiter?”

„Ich wollte Sie dasselbe fragen. Ist er nicht hierhergekommen?”

„Nein.”

„Nicht hierhergekommen? Er wollte von Genf hierher zu Ihnen fahren.”

„Nein, er ist in Thüringen. Und es ist gut so. Ich wollte ihn auch gar nicht hier haben. Selbst nicht Richard, niemanden, denn — wissen Sie, manche Dinge muß man eben allein durchkämpfen. Aber Sie — ja, grade Sie habe ich mir oft herbeigewünscht.”

„Mich?”

„Ja, Sie, liebe Elisabeth. Sehen Sie, wenn man so wie ich dem Tode nahe war, da wird man einfach und wahrhaftig. Wieviel Phantasterei hat mein Leben unstet gemacht! Und wie fest und gütig sind Sie Ihren Weg gegangen, Sie Gute!”

Elisabeth war verlegen. Sie kannte den Gefühlsüberschwang dieser künstlerischen Frau; sie wagte daher nicht zu entscheiden, wie weit diese Gefühle echt und von Dauer waren. Diese Salondame hatte so viel Talent, ihre Gefühle in Worte zu fassen; und sie selbst, Elisabeth, war so wortarm. Sie war hierhergekommen in dem dumpfen Drang, mit dieser Frau um Ingo zu ringen; es war das erstemal in ihrem Leben, daß sie einen Schritt für sich selber tat. Freilich war in ihr das Mitleid mit der Kranken gleich nach den ersten Sekunden hochgestiegen, und sie wußte nun gar nicht, wie das Gespräch weiterführen.

„Es ist sehr gütig von Ihnen,” sagte sie, „in dieser Weise zu mir zu sprechen. Ich muß allerdings gestehen — ich habe — früher — —”

Sie stockte.

„Sie haben früher andere Urteile über Sie aus meinem Munde zugetragen bekommen, nicht wahr!” half ihr Frau von Trotzendorff nach. „Ja, da haben Sie leider recht. Leider! Ich habe oft vorschnell geurteilt und oft sehr rasch nach meinen Neigungen gelebt; und Sie sammelten derweil Ihre Kraft in der Stille. Doch inzwischen, hier auf dem Krankenlager, habe ich grade über Sie viel nachgedacht. Ach, was ist unser ganzes Salon- und Konzert- und Gesellschaftswesen doch für ein eitles Blendwerk ohne Wärme! Aber Naturen wie Sie haben auch Musik — doch in den Tiefen der Seele, liebes Kind. Und so bleibt etwas Behütetes, etwas Keusches, eine jungfräuliche Kraft in Ihnen. Und darum sind — trotz alledem — grade Sie die einzige, die er jemals geliebt hat!”

Da war es heraus. Elisabeth senkte den Kopf. Diese Frau berührte ohne weiteres das Geheimnis von Elisabeths Liebe. Noch kämpfte die Schüchterne ein Weilchen, dann schlug sie die Augen auf und schaute der Kranken voll ins Gesicht.

„Da Sie so offen sprechen, Frau von Trotzendorff, will auch ich Ihnen mit gleichem Vertrauen begegnen. Ich habe nie jemanden gehaßt, das kann ich wohl sagen, denn solche Gefühle liegen nicht in meiner Natur. Auch nicht Bitterkeit. Und doch — ich hab' in den letzten Jahren — ich muß es Ihnen gestehen — die Empfindung nicht loswerden können, daß ich eine Feindin habe, die mir unsäglich weh tat. Nicht eigentlich Sie selbst, denn Sie konnten das ja nicht so wissen — aber die Verhältnisse — es ist nun einmal so gekommen. Und ich selber war schuld daran, ich habe nicht das Talent besessen, ihn in würdiger Weise festzuhalten. Aber wenn mich jemand unterstützt hätte — jemand, der so viel mehr Geist und Gewandtheit besitzt als ich — jemand wie Sie, statt sich zwischen ihn und mich zu stellen — — ich sagte mir oft, Gott hätte an solchem guten Werk mehr Freude gehabt. Als ich dann später in eine ähnliche Lage geriet, wo eine Ehe bedroht war, da habe ich mit ganzer Kraft an der Aussöhnung gearbeitet. Und es war Segen auf meinen Bemühungen. Wenn wir alle einander helfen würden, es wäre so schön zu leben! Statt dessen bereiten wir einander Schmerzen.”

Elisabeth senkte das Haupt, so daß man ihre zusammengepreßten Lippen nicht sah. Sie hatte dieses Bekenntnis, das ihr schwer fiel, mit ergreifender Schlichtheit gesagt. Und die Kranke nickte und tastete dann wieder nach Elisabeths Hand, mit der Linken die feuchten Augen trocknend.

„Sie haben in allem recht, Kind. Ich gebe Ihnen Wort für Wort recht. Nur das eine kann ich vielleicht zur Entschuldigung anführen: auch ich habe viel gelitten.”

„Aber Sie hatten Mann und Kinder — ich hatte nur ihn!”

Hart und trotzig flog das heraus. Es war das erstemal im Leben, daß Elisabeths scheuer Mund derart um ihr Recht auf Ingo kämpfte. Es ließ sich an, als sollte nun erst der eigentliche Kampf beginnen. Doch wie es kam, wußten sie hernach selber nicht: plötzlich hielten sich die beiden Frauen in den Armen, küßten sich und weinten beide.

Und sagten dann kein Wort mehr von diesem Mann und dieser Sache. Vielmehr erwachte jetzt in Elisabeth die zugreifende Krankenschwester; sie machte ein Trinkwasser zurecht, reichte es der Ermatteten liebevoll und ordnete ihre Kissen; streichelte ihr dann zart über die Wangen, als sie mit geschlossenen Augen lag, und küßte sie abermals.

„Denken Sie gut von mir, liebe Frau von Trotzendorff!” sagte sie innig. „Und sagen Sie Ingo, daß er mir nicht grollen soll!”

Elisabeth wollte sich entfernen, aber ihre Hand ward festgehalten.

„Und mir verzeihen Sie, Elisabeth! Und Ingo — Sie müssen ihn festhalten, recht innig fest! Denn Ihnen gehört er, Ihnen hat er immer gehört, Ihnen ganz allein!”

Elisabeth ging.

Die Frau, die hinter ihr zurückblieb und sofort in wohltätigen Schlummer sank, war sehr müde, aber auch sehr glücklich.

** *

Trotzendorff, Bruck und Ingo, drei stattliche Männer, ritten von Weimar nach Tiefurt.

Der Konsul war auf dem Heimweg in Weimar abgestiegen, um seinen Freund und Genossen vom Montserrat zu besuchen.

Der Sommermorgen umgab die drei Reiter mit lebendigen Tönen und Farben. Der Äther war klar. Durch die alten Bäume des Webicht funkelte die Sonne; aus den Gräsern antwortete funkelnder Tau. Ein Wandrer sang ein Schubertsches Müllerlied; die Vögel in Gärten und Waldung lärmten nach Herzenslust; und fern zur Linken, am Ettersberg entlang, sauste die Eisenbahn.

Wie sie auf ruhigen Pferden meist gemächlichen Schrittes, manchmal in gelindem Trab dahinritten, boten die drei Männer ein kräftiges Bild: rechts und links die breitgebauten älteren Herren auf braunen Tieren mit weißen Fesseln, in der Mitte der schlanke Ingo auf schlankem Fuchs. Konsul Bruck, den Arm in die Seite gestemmt, war nicht unähnlich einem Farmer, der mit Würde und Behagen durch seine Pflanzung ritt; der Major, mit vorschriftsmäßig eingezogenen Ellenbogen und in straffer Haltung, war auch zu Pferd und in Zivil vor allen Dingen Soldat.

Zunächst hatte man von äußeren Dingen gesprochen, von deutscher Luft und Landschaft.

„In Heidelberg ist mein Herz wieder warm und hell geworden”, erzählte der heimgekehrte Spielmann. „Ich kam in gedrückter Stimmung an. Aber da oben auf dem Heidelberger Schloß, um mich her den jungen Sommertag — unvergleichlich schön!”

„Nicht wahr?!” frohlockte der kerndeutsche Trotzendorff. „Scheltet auf Scheffel, soviel ihr wollt, ihr Modernen, und verdammt den Tonsetzer des ‚Trompeter von Säckingen’ in Grund und Boden! Schon recht! Aber singt einmal, singt sein Alt-Heidelberg — und er behält recht! Hol's der Deuwel, da werde sogar ich ein Dichtersmann!”

Und sofort klang es in Ingo, und er sang in den Morgen:

„Alt-Heidelberg, du feine, Du Stadt an Ehren reich! Am Neckar und am Rheine Kein' andre kommt dir gleich!”

„Das kann man nämlich nicht zitieren, meine Herren, das muß man singen!”

Man war wieder in Deutschland.

Und nach und nach lenkte sich durch Trotzendorff das Gespräch vom lyrischen Deutschland zum politischen hinüber.

„Verfluchte Sackgasse, unsre Politik! Die sich in das Wort zusammenfaßt: Feinde ringsum! Käm's doch endlich zum Krachen! Ich fürchte, daß wir mit diesen diplomatischen Hinauszögerungen die rechte Stunde des Losschlagens verpassen. Denn um den europäischen Krieg kommen wir doch nicht herum. Und dabei fehlt in unsren deutschen Rüstungen die Straffheit. Allgemeine Wehrpflicht? Auf dem Papier! Aus siebzig Millionen ließe sich mehr herauspressen! Sehen Sie doch nach Frankreich hinüber, wie das den letzten Mann heranholt und sogar die farbige Armee aus Afrika! Auch Maschinengewehr-Kompagnien fehlen uns noch; der Artillerie fehlt ein Einheitsgeschoß; zu wenig Einzelflieger — und so wäre manches auszusetzen. Ich fürchte, der deutsche Michel muß im nächsten Krieg erst nach Jena, ehe er nach Leipzig marschiert!”

„Und im Innern?” warf Bruck herüber.

„Die Sozialdemokratie? Je rascher und gründlicher die Auseinandersetzung, um so besser!” klang es vom Major zurück, in seinem etwas nasalen, doch festen Ton, den er sich auf dem Kasernenhof angewöhnt hatte.

„Vielleicht besinnt sich dann nach solchen Erschütterungen Deutschland auf seine wahre Aufgabe”, meinte der Konsul.

„Worin bestände diese Aufgabe? Doch wohl in der Heranzüchtung einer strammen Menschenrasse?! Ich habe neulich wieder einmal eine größere Parade mitgemacht — Donnerwetter, es ist doch ein großartiges Schauspiel! In Tausende von Menschen gesetzmäßige Bewegung zu bringen, daß alles klappt wie ein Uhrwerk — was für Arbeit! Und Drill! Und Zucht! Großartig!”

„Schon die alten Römer leisteten hierin Großartiges”, bemerkte der Konsul bedenklich. „Ich meine aber mehr Deutschlands seelische Aufgaben unter den Völkern Europas. Darin sind wir verarmt und bedeuten kein führend Volk mehr.”

„Sie meinen die Zersetzung der Religion?”

„So ungefähr. Hier hat der nervöse moderne Intellekt unser Gemütsleben tief geschädigt. Wenn man dieses Weimar so betrachtet — sollte man für wahr halten, daß es erst hundert Jahre her sind, seit sich hier so schöne und große Wahrheiten dichterisch offenbart haben?”

„Na, mein wertester Herr Konsul, in Deutschland haben wir unsren Schiller und Goethe noch immer im Bücherschrank. Im übrigen sind wir jetzt im Zeitalter Bismarcks und haben eiserne Aufgaben zu lösen.”

„Auf Kosten der Seele?”

„Was heißt Seele!”

„Was Seele heißt?”

„Die Seele braucht doch vor allen Dingen einen gesunden Körper, Zucht, Strammheit.”

„Nach meiner Ansicht ist die Nahrung der Seele vor allem andren die Liebe”, erwiderte der Konsul. „Liebe und Weisheit und Schönheit. Bei dem ungeheuren Wettrüsten zwischen Ständen und Nationen züchtet man aber nicht die Liebe, sondern das Mißtrauen.”

„Den Willen!” rief Trotzendorff. „In jeder Armee und in jedem Staatswesen ist Willensschulung das oberste.”

„Es kommt aber doch wohl darauf an, was man will, nicht wahr? Der Wille muß doch wohl ein Ziel haben? Und im Willen der modernen Völker sehe ich das Ziel, den Nachbarn möglichst zu übervorteilen. Die Nationen sind Konkurrenten; aber sie sollten Brüder sein.”

„Nimmt sich auf dem Papier vortrefflich aus!”

„Bitte, ist Hauptforderung der christlichen Religion. Und meines Wissens wird diese Religion in Europa amtsmäßig gelehrt.”

„Mein lieber Herr Konsul, alle Achtung vor Ihren persönlichen Erfahrungen im Ausland! Aber aus Ihren Reden hör' ich die Schalmei der Friedensfreunde. Und da pfeif' ich nicht mit. Sobald wir Deutschen abrüsten, sind wir morgen zerdrückt. Feinde ringsum!”

„Ja, so sagt jeder! Und so zwingt jeder den andren zum ewigen Wettrüsten, statt daß man sich zum europäischen Staatenbund verbrüdert.”

„Zukunftstraum!”

„Mag sein! Doch wirft man Preußen vor, daß es nicht das Talent habe, moralische Eroberungen zu machen. Wie wär's, wenn nun Reichsdeutschland diese feine Kunst ausbilden würde? Sobald man aus dem Ausland gern in unsren heiligen Hain kommen würde, um von uns Göttliches zu lernen, würde sich jenes Wort, das Sie vorhin riefen, verwandeln in ein ‚Freunde ringsum!’”

„Seien Sie froh, daß Preußen nicht weichlich ist! In die schlappe deutsche Wirtschaft hat Preußen Zug gebracht. — Na, schweigsamer Ingo, und was sagst denn du dazu?”

Ingo glaubte beide Freunde zu verstehen. Er hatte parteilos zugehört. Aber dann war er ins Träumen geraten über seine persönliche ungelöste Angelegenheit. Er hatte zum erstenmal wieder seit Wochen einen Brief von Frau von Trotzendorff erhalten; und in diesem Schreiben war, zu seiner freudigen Verwunderung, Elisabeths Besuch ausführlich und liebevoll erzählt.

„Prophete rechts, Prophete links!” antwortete er lächelnd. „Ich bin noch nicht reif genug, um mitzureden. Wenn ich mich aber richtig einschätze, so wird mein unermeßlich Reich der stille Gedanke werden, nicht deine laute Politik, Richard. Mit andren Worten: die Reichsseele, nicht der Reichskörper!”

„Recht so!” bekräftigte Brucks Baß. „Grade darin sollten jetzt die besten deutschen Geister ihre Hauptaufgabe erblicken.” Er strich den breiten Graubart und fügte die rätselhaften Worte hinzu: „Ich habe gehört, daß einige berufen sind, einen reineren Lebensbegriff zu offenbaren.”

„Erinnerst du dich jenes Gespräches an der Riviera, Richard?” fuhr Ingo fort. „Wir sprachen vom Untergang der Titanic. Man mag heute das grauenhafteste Unglück in der Zeitung lesen — und schon nach wenigen Tagen ist der Eindruck wieder verwischt. Neue Nachrichten rasseln täglich über unser Gehirn und die feineren Organe hinweg. Wir haben weder Kraft noch Zeit, diesen Massenandrang zu verarbeiten. Es bleibt ein Nervenreiz, es bleibt Papier, wir lesen es nur, wir erleben es nicht. Seelenlos rollt der Apparat des modernen gesellschaftlichen Mechanismus über die einzelne Seele hinweg. Ob Tausende irgendwo verunglücken oder Zehntausende, es ist ebenso belanglos; der Apparat läuft weiter. Das ist es, Richard, wogegen ich als Ausreißer und Flüchtling ankämpfe; ich will meine Seele nicht zermalmen lassen. Ich muß oft an Schaller und Marx denken; sie sind wie jener Schatzgräber: er gibt dem Teufel die Seele und erhält dafür Sachen. So hat unser moderner Mechanismus eine Überfülle von gewiß schätzbaren Sachen eingeheimst, auch Kunstsachen und Literaturwerke, aber die Seele verloren.”

Der Major schüttelte zu dieser Philosophie schweigend und mißbilligend den Kopf.

Bruck aber lenkte die Unterhaltung ab:

„Da Sie von Marx sprechen: ich traf in München, in jener Gesellschaft für Geistesforschung, die sich ja grade um das innere Wesen des Menschen bemüht, Ihren englischen Freund Wallace. Sie entsinnen sich, daß wir auf dem Montserrat von solchen großen Fragen gesprochen haben?”

Der Montserrat! Wie sonor klang dieser Name des spanischen Felsenberges in das idyllische Weimar! Der Montsalvat! Der heilige Gral, das Rosenkreuz, der Ausblick in Kosmos und Erdendasein — — es war ihm, dem dankbaren Schüler weimarischer Kultur, als wäre etwas in ihm dort auf dem Montserrat über Weimar und Wartburg hinausgewachsen.

„Ah, Wallace! Ein ruhiger und besonnener Mensch! Wir könnten von den Engländern lernen.”

„Und sie von uns”, brummte Trotzendorff.

„Wir waren”, setzte der Konsul hinzu, „dort in München viel mit Doktor Marx zusammen —”

„Marx?!”

Ingos Fuchs wurde unruhig und begann zu tänzeln.

„Ebenfalls Mitglied”, bemerkte Bruck.

„Der kleine Kommerzienrat?! Schallers Freund?”

„O nein, der nicht!” lachte der alte Herr. „Sein Bruder, ein stiller und sympathischer Gelehrter. Sie wissen ja, daß ich die modernen Israeliten nach zwei Gesichtspunkten einteile: Spinozisten und Mammonisten. Dieser jüngere Marx ist ungefähr das Gegenteil von jenem Mammonisten.”

„Na, auch über diese Rasse dürften unsre Ansichten auseinandergehen”, warf der Major herüber.

„Läßt sich wohl denken”, versetzte Bruck. „Aber mit preußischem Kommando wird auch hier nichts entknotet werden.”

Ingo suchte zu vermitteln.

„Ich fürchte manchmal, daß unser allzu laut gewordenes Deutschland durch Demütigungen hindurch muß, um sich wieder auf seine stille europäische Aufgabe zu besinnen. Es ist etwas Nervöses und Überreiztes in dieser ganzen Zivilisation. Und nun willst du mich auf die Wartburg schleppen, Richard, willst mich dem höchsten Repräsentanten dieser modern-deutschen Entwicklung vorstellen und in dieses jetzige Getriebe einfangen —”

„Ich zähle sogar bestimmt darauf, lieber Ingo! ‚Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben’ — sagt Schiller.”

„Er sagt aber auch, lieber Richard: ‚In des Herzens heilig stille Räume mußt du fliehen aus des Lebens Drang’!”

„Unsinn! Er sagt aber auch: ‚Rastlos vorwärts mußt du streben, nie ermüdet stille stehen’ — das hat mir mein alter Oberst unter sein Bild geschrieben.”

„Schon recht! Er sagt aber auch: ‚In die Tiefe mußt du steigen, soll sich dir das Wesen zeigen’.”

Die drei Reiter lachten über dieses schlagfertige Tennisspiel mit Schillerworten.

Der Soldat Trotzendorff war noch nicht geneigt, Frieden zu schließen, obwohl das Schiller-Gelände seiner Generalstabskarte ziemlich dürftig skizziert war.

„Außerdem hat Schiller gesagt”, rief er schneidig: „‚Wer immer strebend sich bemüht’ —”

„Halt, Bataillon! Das sagt nun allerdings Goethe!”

„Und fügt hinzu”, half Bruck: „‚den können wir erlösen’ — wir! Nämlich die ewigen Schicksalsmächte, Herr Major!”

„Mystik, meine Herren! Sie wissen, da pfeif' ich nicht mit! Ich sage nur so viel: Der Deuwel hole die Nation, die nur noch Halleluja singt und nicht mehr die Wacht am Rhein!”

Sie brachen lachend ab. Bruck war taktvoller Weltmann genug, von seinen Geheimkammern nur dann eine Tür aufzuschließen, wenn er einen Gralsucher in der Nähe witterte.

„Herzensjunge,” schloß Trotzendorff in seiner frischen und freimütigen Art, „dein Philosophieren nützt nun alles nichts. Auf die Wartburg sollst du mir doch — und wenn ich dich auf einem Wartburg-Esel eigenhändig ans Burgtor führen muß!”

„Nun, ich hoffe wieder heil herunterzukommen.”

„Jawohl, einen Orden im Knopfloch und einen Hoftitel in der Tasche! Ein gemachter Mann, auf den ganz Deutschland schaut!”

Der Konsul hielt sein Pferd an. Er hatte, bei aller großartigen Seelenruhe, ein natürliches Gesprächstalent: ging mit Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand ein, ließ höflich, aber schlagfertig eines Gegners Einwand an sich herankommen und trachtete zuletzt nach Abrundung. Um diese war es ihm auch jetzt zu tun. Er reichte dem Major mit einem reizenden Muskelspiel seines verwetterten Gesichtes die Hand.

„Lieber Herr Major, ich bekenne mich hiermit als geschlagen. Sie sind doch von uns dreien der größte Idealist!”

... In Ingo spannen die Gedanken weiter. Er liebte beide brave Deutsche rechts und links; und doch spürte er, daß er mit einem wesentlichen Teil seines Herzens zur stilleren Partei gehöre: zu dem Gefährten vom Gralsberg.

Und er sah in plötzlicher Fernschau seinen eigenen Park der Zukunft, belebt von Steinbildern großer Männer, verschönt durch goldene Sprüche der Poesie und Weisheit. Die Möglichkeit, als Gutsbesitzer an der Scholle haften zu müssen, erschien dem Weltwanderer nicht mehr schreckhaft, vielmehr in neuem und schönem Lichte. Die weiße Tempelsäule auf dem Sonnenhügel, wo er am Rande Europas bei unreifen Mädchen Schönheit gesucht hatte, sah er aufgerichtet mitten in einem deutschen Park. „Auch die Scholle läßt sich weihen, auch die Enge zur Welt erweitern. Wenn nur — wenn nur lebendige Liebe erwärmend und verschönend mithilft — lebendige Liebe!” Jetzt trat seine künftige Freifrau aus dem Herrenhause, von der Dogge begleitet, schritt durch den anmutvoll belebten Park und trug etwas von dem Reichtum ihrer Welt hinab zu Kranken des Dorfes ...

„Was träumst du, Ingo?” fragte Richard.

„Was ich träume?”

Ingo sah sich erwachend um. Die Parklandschaft von Tiefurt lag vor ihnen ausgebreitet. Der Spieltrieb schöpferischer Geister hatte einst diesem ganzen weimarischen Gebiet Frohsinn aufgeprägt.

„Ich träume davon, wie dieses weltberühmte Weimar äußerlich so klein ist und hat doch im kleinsten Punkte die höchste Kraft gesammelt. Ich träume davon, daß auch das Herz nur ein kleiner Punkt ist: aber der Mittelpunkt des Menschen.”

Illustration from Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart
Illustration from Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart

Zehntes Kapitel Kaisergespräch auf der Wartburg

Eins nach außen, schwertgewaltig Um ein hoch Panier geschart, Innen reich und vielgestaltig, Jeder Stamm nach seiner Art!

Geibel

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D ie Fahnen der festlichen Stadt Eisenach und der Wartburg hingen ohne die mindeste Bewegung schlaff an den Stangen herab.

Die Luft war schwül und schwer. In abenteuerlicher Färbung stand der dunstig heiße, einem Gewitter entgegenbangende Sommertag. Die westlichen und nördlichen Horizonte drohten blauschwarz herüber. Von der Rhön her funkelte Wetterleuchten; ein zweites Wetter ballte sich über der goldenen Aue.

Waren rings auf phantastischen Wolkenbergen Batterien aufgefahren?

Bedrohten sie die Wartburg, den Herzpunkt deutschen Geistes?

Malte sich in den Lüften ein Zukunftskrieg um die besten Güter der Nation?

Major von Trotzendorff sah schwarz genug in die Zukunft. Aber der heutige Tag war für ihn ein Festtag. Denn er hatte es durchgesetzt: sein Freund, der unseßhafte Weltfahrer, stellte sich zu einer höfischen Audienz!

„Was schwebt dir denn eigentlich dabei vor, mein alter Freund und Gönner?” hatte der Spielmann gutmütig gefragt.

Und den kräftigen Schnurrbart mit zwei Bürstchen bearbeitend, hatte der Major vielsagend geantwortet:

„Na, mein Junge, das wird sich schon alles finden. Ich denke, gewissen Hoftheatern wird eine geistige Auffrischung nicht schaden. Was?”

Ingo stand am Fenster des Hotels in Eisenach, wo er abzusteigen pflegte. Hier, in diesem nämlichen Zimmer, hatte er vor fünf Jahren gewohnt, als er mit Elisabeth und ihrer Mutter einige Tage in der Wartburgstadt weilte. Es waren noch Tage der Liebe gewesen, einer vornehm verschwiegenen Liebe. Inzwischen hatte ihn unklare Sehnsucht durch die Lande gerissen; inzwischen hatte er in rascher Folge England und Italien, dann Riviera, Lourdes, Montserrat, Genfer See erlebt und war nun auf dem Wege zur Selbstbesinnung.

Er hatte drei Briefe in der Tasche: von Elisabeth, von Frau Friederike, von Schaller, der ihn kurz und launig zur Hochzeit einlud.

Am leidenschaftlichsten und tiefsten empfunden war der Brief seiner Elisabeth. Sie ging mit kurzer und stolzer Wendung über Leroux hinweg; sie erzählte ihren Besuch bei der Kranken in München, die jetzt wieder am Fenster saß; sie bat ihn, nie an ihrer einzigen, ersten und letzten Liebe zu zweifeln. Und sie, die spröde, bat um seine genaue Adresse; sie werde sofort zu ihm reisen und Auge in Auge Schmerz und Mißtrauen zerstreuen, denen er ohne ihre Schuld zum Opfer gefallen.

In ungewohnter ernster Kürze schrieb Frau Friederike:

„Es ist Zeit, lieber Ingo, daß wir alle unsren festen Platz wählen. Ich habe ein Vorgefühl, wenn ich Richards Briefe richtig deute, als ob unsrem ganzen Europa eine Titanic-Katastrophe bevorstehe. Da fällt alles Schwärmerische und Unechte ab, und es bleibt bestehen Wahrhaftigkeit und Liebe, jene Liebe, die zugleich Güte und Treue ist. Laß uns zusammenhalten wie bisher, lieber Freund, aber Elisabeth soll mit in unsrem Bunde sein. Messe Dir Dein Land ab, richte Dein Haus ein, Deine Lehr- und Wanderjahre sind vorüber. Und bleib gut Deinem Kameraden Friedel!”

Ingo schaute in die fahlen Horizonte, in die Heerscharen, die dort um Deutschland gelagert schienen.

Dann wandte sich sein Blick zu dem üppig-starken Baum- und Graswuchs, der von allen Seiten Hainstein und Wartburg in schimmernder Schönheit umgrünt. Wie weich und voll die Wipfel, wie anschmiegsam die Wiesen, und schlank darüber der Bergfried mit dem Kreuz!

Die Fenster des Pallas mit den edelgeschwungenen romanischen Bogen standen offen. Die Burg war jetzt gefüllt mit Uniformen und hohen Zivilisten. In jenem Mittelbau dort, vor dem Sängersaal, waren die schön getäfelten, behaglich-vornehmen Gemächer des Kaisers und des Großherzogs belebt. Unter den geladenen Gästen wandelte mit dem weimarischen Burgherrn Seine Majestät der deutsche Kaiser.

Major von Trotzendorff, ganz Uniform und geschwellte Mannesbrust, holte den Freund ab.

Eine halbe Stunde später bewegten sie sich selber im Farbenspiel des festlichen Gewimmels.

** *

Im zweiten Burghof, wo Waldgrün die Farbe der Landschaft bestimmt, stand alles im Zeichen der Jagd. Fast jedermann trug Weidmannsuniform. Der Verkehrston war bei aller Gehaltenheit ungezwungen, wenn auch gedämpft durch die lästige Gewitterschwüle.

Baron von Stein-Waldeck kannte einige von diesen Hofleuten. Als erster schüttelte ihm sein alter Freund, der schlanke und hagere Oberburghauptmann mit dem meist etwas ironischen Weltmannsgesicht, die Hand. Eine weimarische Exzellenz stand in der Nähe, an Gestalt und Schnurrbärtchen dem verstorbenen Karl Alexander nicht unähnlich. Dann sah man den deutschen Kaiser neben des Großherzogs gedrungener Gestalt zwanglos im inneren Hofe plaudernd wandeln, auch sie beide in der prächtig sitzenden Gewandung der Jagd.

Was mögen die beiden hohen Herren plaudern?

Ingo wurde aufmerksam.

Er schenkte den übrigen Gruppen nur wenig Beachtung, sondern beobachtete unauffällig die beiden Fürsten, in deren Nähe sich der schlanke Coburger mit einigen Jägern scherzend unterhielt.

Ingo hatte Freude an dem malerischen Bilde. Er war keine unsoldatische Natur; ein Kaisermanöver, das er seinerzeit mitgemacht, hatte er mit der leidenschaftlichen Teilnahme eines Strategen verfolgt, zäh und stramm auf seinem Artillerie-Pferd allen Strapazen gewachsen. Der Verfasser des „Heroismus” hatte Instinkt für Männlichkeit.

Die Fürsten schauten nach den nahenden Gewittern; sie mochten über Jagd und Wetter gleichgültige Worte wechseln. Vielleicht aber quollen auch tiefere Gedanken aus des Kaisers Seelengründen empor und verlangten Aussprache und durch Aussprache Klärung und nach der Klärung tatkräftige Überwindung? ...

Des Spielmanns Phantasie begann zu arbeiten. Er sah vor sich Pallas, Dirnitz und Bergfried aufragen; er empfand heimatlich nahe die Hügelungen der thüringischen Tannenberge. Landgraf Hermann der Freigebige war wiedergeboren: er lustwandelte dort im Hof als deutscher Kaiser. Ingo selber fühlte sich als Walther von der Vogelweide; vaterländische Treue und dichterisches Empfinden klangen in ihm zusammen; wie jener Walther zog auch er ohne Lehen durch die offene Welt. Und seine Phantasie hörte den Kaiser sprechen ...

Der Kaiser — so sann er — knüpft in seiner Unterhaltung vielleicht an sein bevorstehendes Regierungsjubiläum an. Er sieht sich rückschauend auf den Bänken des Casseler Gymnasiums, wo er durch gewissenhaften Fleiß Achtung und Liebe seiner Lehrer erringt; er verlebt zwei unvergeßliche Jahre als Borusse; er empfängt als Soldat in jeder Waffe eine gründliche Ausbildung; er tritt als Oberster des Leibhusaren-Regiments der Üppigkeit im Offizierskorps entgegen; er gibt als Familienvater an der Seite einer edelgestimmten Hausherrin das beste Beispiel strenger Pflichterfüllung und harter, einfacher Lebensweise; er sucht als Kaiser durch warmherzige soziale Fürsorge und durch Betonung der sittlichen und religiösen Fundamente des Volkstums gesunde Verhältnisse zu schaffen; die Marine empfängt durch ihn einen ungemeinen Ansporn, denn er hat von der Mutter her „Seeblut” in den Adern; ein spannkräftiges, schlagfertiges Heer soll seinem Volke vor allem den Frieden erhalten, den Platz an der Sonne — — so schaute Ingo, der Sohn aus königstreuem, altem Adelshause, auf das Leben des Monarchen, der hier in seiner unmittelbaren Nähe stand.

Und sprach der Kaiser in seiner raschen, elastischen Weise vielleicht Folgendes?

„Wir sind in besondrer Zeit. Die Völker sind durch die Schwingungen eines ungeahnten Weltverkehrs wie nie zuvor miteinander in Fühlung und Reibung gekommen. Da ist Gefahr für das Ererbte. Das Alte scheint in diesem Andrang von heftigen Gegenwartseindrücken minderwertig — die Seele überhaupt. Nicht wahr: was ist denn etwa einem amerikanischen Geldfürsten die ruhmreiche Geschichte dieser Wartburg? Sie ist Duft und Höhendunst im Vergleich zu den soliden Massen und Maßstäben seines lauten Neu-Amerika. In welchem Größenverhältnis mag ihm ein Thüringer Landgraf erscheinen im Vergleich zu den Millionären des Pelzhandels oder der Goldminen, der Kartelle, Reedereien, Lloyds? Ich habe meine Vorliebe für Amerikas energischen Pulsschlag bekundet. Ganz gewiß! ich liebe Tatkraft, aber ich bin bedenklich wider die selbstbewußte Diesseitigkeit jener Zivilisation. Uns Deutschen fehlt es wahrlich ebensowenig wie jenen an zugreifender Kraft; das hat schon unsre Hansa samt Reichsstädten und das haben die Staufen- und Sachsenkaiser glänzend bewiesen, und das beweisen wir heute abermals auf allen Gebieten, vom Lloyd bis zum Zeppelin, Gott sei Dank! Aber wir haben noch eine andere, eine feinere, eine tiefere Mission; wir haben den bedeutenden Errungenschaften der Gegenwart die bedeutendste hinzuzufügen: wir haben die neugestaltete Gegenwart zu beseelen. Das ist es, was ich auf häufigen Reisen suche und noch nicht finde. Wir müssen, wie wir unsre eisernen Kriegsschiffe mit gepanzerter Faust hinaussenden, auch die weißen Tauben des Glaubens an das Göttliche im Menschen über die verarmte Erde ausfliegen lassen. Manchem tüchtigen Manne zu Weimar und auf der Wartburg hat Gott die Fahnenstange des Idealismus in die Hand gedrückt. So soll's bleiben. Das Schwert werden wir geschliffen behalten; die irdischen Verhältnisse zwingen uns dazu. Beides miteinander zu verschwistern: weltweite Horizonte und Kraft der inneren Beseelung, modernes Bewußtsein und historische Ehrfurcht, Tatkraft und Gemüt, wissenschaftliche Unbefangenheit und religiöse Tiefe — sieh, darin erkenn' ich meine kaiserliche Aufgabe. Das scheint mir die Aufgabe der Zeit.”

Der Großherzog fühlte vielleicht — so phantasierte Ingo weiter — daß der Kaiser nur zu einem ungewöhnlichen Monolog, zu einer Herzenserleichterung großen Stils diese Stunde gewünscht hatte. Der junge Fürst beschränkte sich daher wohl auf leise und leichte Bemerkungen über Dinge der nahen Außenwelt. Der Monarch ging darauf ein, wie um auszuruhen und seine fernschweifenden Gedanken in die Nähe zurückzurufen. Bald aber versandete dieses Zwischengespräch. Und der Großherzog schaute stumm, die Hände auf dem Rücken, über den wildreichen Wald hin, in welchem er so gern seiner Lieblingsbeschäftigung oblag.

Der Kaiser mochte, kraft jenes Fluidums, das sich zwischen zwei Sprechenden nach und nach auszubilden pflegt, den stillen Wunsch des fürstlichen Weidmannes erraten.

Und in Ingos Phantasie fuhr er fort:

„Auch ich kenne kein frischeres Vergnügen, abgesehen von einer Segelregatta, als in der Rominter Heide vom Jagdwagen ins taunasse Heidekraut zu springen oder im ‚Hiligen Forst’ der Westmark einem balzenden Auerhahn sprungweis auf den Leib zu rücken. Herzhafter Kampf! Ich hab' in meinem Jägerdasein mehr als siebzigtausend Stück aller Arten von Wild geschossen; und es mag manchem vorkommen, als wäre das der Weidmannslust fast zu viel. Aber ich arbeite rasch und stark und brauche rasche, starke Entspannung. Man müßte freilich ein Genie sein, um alles vom Kern aus zu überschauen: ein Genie der Sammlung ... Da steckt vielleicht das Geheimnis dessen, was wir brauchen ... Sammlung, Verinnerlichung ... Wir verlieren uns zu sehr ins Detail; wir müssen in der auflösenden Zweifelsucht der Gegenwart erst wieder den Zentralpunkt finden und von dort aus neue Ideale schaffen, ohne Untreue gegen die alten. Schweres Werk! Und von uns Zeitgenossen ungelöst. Wahrlich, eine Massenattacke mit Kavallerie zu reiten, ist leichter. Und wie macht man mir mein Amt schwer! Wie untergräbt man Ehrfurcht und Autorität! Wie nörgelt man an meinen gradaus und ehrlich gegebenen Anregungen herum! ... Hier ist meine tiefste Sorge: nicht nur Meine Autorität, nein, Autorität überhaupt gilt diesem aufgeregten, unstet-nervösen Geschlecht als ein unmodernes Gefühl. Adel jeder Art ist hart in Bedrängnis.”

Der Kaiser schritt lebhaft ein paar Schritte hin und her. Das ungeheure Gewölk verdichtete sich in blauschwarze Ballen. Ein ferner Donner rollte; ein Wind lief ihm voraus.

„Manchen treuen Willen erkenn' ich. Aber auch mein Bürgertum ist zu wenig großzügig. Sie sperren sich in zopfige Parteiworte ein. Macht weit und unbefangen eure Herzen und Köpfe! Einigt euch zu großem Kulturbegriff, positiv gestimmte Männer und Frauen jeder Konfession und Partei! Es gilt einen Kampf um Deutschlands innerstes, heiligstes Gemüt ... Ich bin mit Bewußtsein evangelischer Kaiser; aber ich habe für warmherzig religiöse und gut deutsche Katholiken denselben Handschlag bereit. Es muß in die dumpfe, zaghafte Religiosität überhaupt mehr durchwärmender Lebensodem kommen.”

In voller Gemütsbewegung schritt der Kaiser auf den hallenden Steinen hin und her und brach dann plötzlich ab. Er nahm des Großherzogs Hand.

„Du weißt, ich stehe gern auf unsren schwimmenden Burgen, den Kriegsschiffen, und halte Schiffsgottesdienst. Nun wohl, betrachte diese programmatische Aussprache als einen Gottesdienst auf deiner Landburg, deren Kapitän und Kommandant du bist. Nimm meine Worte als den Grundriß eines Regierungsprogramms. Gott helfe uns! Deutschland hat Feinde innen und außen.” ...

So malte sich Ingo des Kaisers Unterhaltung aus. Er empfand Zuneigung zu diesem Herrscher, dem das parlamentarische Gezänk entschieden Unrecht tat, den es nicht schlichtmenschlich genug beurteilte, dessen Übereilungsfehler eng verwachsen waren mit seinem hilfsbereiten Naturell, mit seinen lebendigen Tugenden und Kräften ...

„Wenn ich selber mit ihm spreche” — — —

Jetzt wurde der phantasierende Spielmann, der zwischen belanglosem Geplauder gestanden hatte, unterbrochen. Mächtige Stöße des Gewitterwindes scheuchten die gesamten Gruppen der Hofgesellschaft in das Innere des Gebäudes ...

Sie schritten jene Steintreppe hinan, über die einst der Sänger Heinrich von Ofterdingen, unterlegen im Sängerkrieg, knirschend davongegangen war ... Dampfte nicht noch der Hof von der derben Zecherlust des niedren Volkes, während drin im Wortekampf adlige Harfe wider Harfe klang, ein Turnier des Geistes? Ja, damals Spielmann zu sein! Da war alles Worteprägen noch von urwüchsiger, gebräunter Kraft, denn die Sänger waren Freiluftmenschen, Höhenwanderer von Burg zu Burg, umpfiffen vom Waldwind! ... Wie hatte sich Ingo, der thüringische Freiherr, in jenes Staufenzeitalter eingelebt, in den Minnesang, in die Gralsage, in die Geschichte der Troubadours! Er selber war einst auf dem Rennstieg mit seinem Knecht geritten, hatte gestern vor schönen Frauen auf der Burg gesungen, ehegestern unter einer Dorflinde bei dörperlichem Tanz zur Laute gespielt, hingerissen vom wilden Hoppaldei und Troialdei — und war dann wieder im einsamen Wald unter Tannenzapfen und Eichhörnchen weitergezogen, um in irgendeiner rauchigen Gebirgsschenke zu übernachten ...

Das ging dem Spielmann großzügig durch Herz und Kopf. Und jetzt trat der Generalintendant der Königlichen Schauspiele heran. Trotzendorffs große Stunde war gekommen: noch nicht der Monarch selber, aber dieser hohe Beamte und Hofmann wünschte durch den Major nunmehr den Baron und Schriftsteller Ingo von Stein-Waldeck kennen zu lernen.

Auch diese Vorstellung vollzog sich in bequemen und unbefangenen Gesellschaftsformen, gleichsam nebenbei und zufällig. Doch hatte Ingo die fatale Empfindung, daß er auf seine etwaige Verwendbarkeit hin ausgehorcht werden sollte; und das goß dem freien Wandersmann ein paar Tropfen Ironie in seine Antworten.

„Sie haben ja wohl einmal ein Drama geschrieben, mein lieber Herr Baron? Nun, das ist ja in jungen Jahren eine — wie soll man sich da ausdrücken — nicht ganz ungewöhnliche geistige Übung des gebildeten Deutschen. Nicht wahr? Übrigens, man sprach bei Hofe von Ihrem Buch über Friedrich den Großen. Sagen Sie mir einmal, wie ist denn das nun eigentlich? Über Ihre dramatische Tätigkeit müßte mir doch seinerzeit berichtet worden sein, wenn Sie das Stück bei uns eingereicht haben?”

Der Generalintendant war eine stattliche und angenehme Erscheinung von liebenswürdigen Umgangsformen. Er war den Hofton gewöhnt und zugleich die Gebärde des Theaters; aus seiner Stimme klang edle Leutseligkeit; was er anfaßte, wurde in seinen Händen wichtig und würdig, auch wenn es für die deutsche oder europäische Kunst von keinerlei Bedeutung war, sondern nur den Wert einer höfischen Unterhaltung hatte.

„Jawohl, Exzellenz, ich hatte einmal die Schwäche, ein Drama einzureichen, aber nicht unter meinem Namen.”

„Nicht unter Ihrem Namen? Aber ich bitte Sie, mein lieber Baron, wozu denn dieses gänzlich überflüssige Versteckspiel?”

„Ich wollte mein Werk durch sich selber wirken lassen.”

„Und Sie haben es uns vorgelegt? Aber ich entsinne mich doch nicht, daß Ihr Name — —”

„Der Deckname war Franz Sturmegg.”

„Ja so, richtig! Also Sturmegg! Hm! Sturmegg?”

Der Intendant fuhr mit sinnender Gebärde über eine nicht unbedeutende Stirne; er war ein gut repräsentierender Mann.

„Die Sache ist längst erledigt, Exzellenz. Es war für mich eine heilsame Lehre, den Bühnendichtern nicht mehr ins Handwerk zu pfuschen.”

Exzellenz erkundigte sich, immer die Hand in huldvollem Nachdenken an der Stirn, nach Titel und Inhalt.

„Richtig! So etwas mag mir ja wohl einmal, ich glaube sogar mit einer Empfehlung unsres wackren Wildenbruch, durch die Hände gegangen sein. Aber — ja, ja — ein sehr undankbarer Stoff! Sehr undankbar, wirklich! Und bei der — nicht wahr — bei der ungeheuren Fülle von künstlerischer Arbeit, die unsere Königlichen Bühnen zu bewältigen haben — —”

„Ich reiste sogar”, fuhr Ingo fort, „nach brieflicher Anmeldung selber nach Berlin. Aber ich bin telephonisch von irgendeinem Beamten wieder nach Hause geschickt worden, ohne zur Audienz zu gelangen.”

Stein lachte selber über diese überwundene Epoche. Der Intendant war ein klein wenig betreten, beugte sich jedoch mit liebenswürdigstem Lächeln zu dem Baron hinüber:

„Aber als Sturmegg, nicht als Baron Stein?”

„Nur als Sturmegg, Exzellenz!”

Stein-Sturmegg verbeugte sich. Es zuckte unverhohlenes Lachen um seine Mundwinkel; er nahm diese Dinge nicht mehr ernst.

Der Generalintendant der Königlichen Schauspiele verbreitete sich in fein gewählten Worten über die fabelhaften Aufgaben, die von den Königlichen Theatern jährlich geleistet werden, um inmitten der internationalen Zersetzung wahrhaft hohe Kunst durchzuführen und vornehme deutsche Talente zu entdecken und hochzubringen. Dann empfahl er dem Spielmann mit entschiedenem Wohlwollen Stoffe aus der Geschichte der Befreiungskriege oder der Hohenzollern; und während er mit Geschick plauderte, suchten seine Augen in der Umgebung, auf wen er die Fortsetzung des allmählich unbequemen Gespräches abschieben könnte; er winkte einen schriftstellernden Major a. D. heran, den er dem Spielmann vorstellte und als Vorbild empfahl, worauf er sich selber zurückzog, offenbar von Ingos freimütiger und ironischer Tonart nicht gar angenehm berührt.

Am Gespräch über Literatur beteiligten sich einige Herren mit modern gestutzten Haaren auf den Oberlippen, so daß sie in dieser Zahnbürstchenform der Schnurrbärtchen auffallend einander glichen. Man sprach über die beträchtlichen Kosten einer Meyerbeer-Aufführung an der Königlichen Oper, über die nicht minder bedeutenden Kosten eines assyrischen Ballets, über reizende Lustspiele wie „Husarenfieber” und „Wieselchen” — oder war es „Lieselchen”? Der beschämte Troubadour kannte nicht einmal die Namen.

Dann ging man zu einem Gebiet über, auf dem man sich sicherer fühlte: zu Einzelheiten der Jagd; gähnte auch verstohlen und spähte auf die Uhr, ob denn wohl endlich das Festmahl beginnen mochte. Kurz, es war zu irgendwelcher geistigen Vertiefung weder Ort noch Anlaß. Und der Freiherr suchte vergeblich eine Einbruchsstelle, wo er mit Kanonen oder Kavallerie des Geistes hätte wirken können.

Jetzt kam der Augenblick, wo der Freiherr von Stein, vom Oberburghauptmann vorgestellt, den festen Händedruck seines Kaisers spürte und ihm in Audienz gegenüberstand.

Trotzendorff strahlte.

** *

Im Zimmer seines Gasthofes schritt Ingo wieder auf und ab, in leichter grauer Litewka, wie er sie im Hause zu tragen pflegte.

Über Thüringen donnerte noch immer das Gewitter. In Wasserfluten schien Deutschland zu ertrinken. Man sah die Wartburg nicht mehr. Von West und Nord und Ost krachten die flammenden Fluten.

Automobile sausten im Unwetter nach der Bahn; die Wartburg hatte sich rasch geleert; es war eine Flucht, ein zersprengtes Heer.

Im stillen Zimmer schritt Ingo auf und ab. Er hatte sich unbeachtet nach der Tafel zurückgezogen; ihm war leicht, frei und heiter zumute. Die letzte Versuchung lag hinter ihm.

Da hielt ein ratterndes Auto vor dem Hotel: Major von Trotzendorff stürmte herauf.

„Junge, wie war's? Mach' schnell, ich muß nach der Bahn! Wie war's? Hab' dich ja gar nicht mehr erwischen können, war unausgesetzt in Anspruch genommen!”

„Treuer, unermüdlicher Richard, vor allen Dingen Dank!”

„Unsinn! Sag', voran, wie war's da oben, alter Freund?”

„Nun, was soll denn da oben Besondres gewesen sein?”

„Was sagte der hohe Herr? Raus mit der Sprache! Ich hab' keine Zeit, das Auto wartet mit zwei Herren vom Hofe!”

„Aber das läßt sich doch so in der Geschwindigkeit —”

„Na so mach' doch, guter Junge! Was sagte Seine Majestät zu deinem Buch?”

„Hat ihm famos gefallen, es sei gar nicht konventionell.”

„Siehst du?! Ausgezeichnet! Was weiter?”

„Ja, was denn weiter?”

„Aber, Junge, so erzähl' doch!”

„Was denn, liebster Richard, was denn?”

„Aber, Mensch, zum Donnerwetter, euer Gespräch! Die Ideen, die du entwickeln wolltest —”

„Welche Ideen?”

„Hast du mir nicht hundertmal auseinandergesetzt, was du tun würdest, wenn du der Kaiser wärst oder sonstwie von Einfluß auf den Zeitgeist —?!”

„Ja, da hast du allerdings recht! Aber —”

„Was denn aber? Du machst mich wild! Jetzt hast du mit dem Kaiser gesprochen, ich habe mit aller Mühe euch zwei zusammengebracht — und nun?”

„Bester Richard, erst muß mich doch wohl Seine Majestät etwas fragen, eh' ich etwas antworten kann, nicht wahr?”

„Hat er dich denn nicht gefragt? Wie lange dauerte denn die Unterredung?”

„Nun, mindestens zwei Minuten.”

Das Auto draußen tutete ungeduldig; der Gewitterregen rasselte an die Fensterscheiben.

„Hol' dich der Kuckuck, Junge! Entweder hab' ich zuviel getrunken bei Tafel — oder du bist nicht nüchtern und willst mich frozzeln — oder — Kurz, ich erwarte dich morgen in Erfurt! Oder kommst du gleich mit?”

„I, fällt mir nicht ein! Ich bleibe gemächlich hier in Eisenach.”

„Dann ade! Eines will ich dir sagen, du: ich hab' mich nun jahrelang auf diesen großen Tag gefreut. Wenn's dir nicht gelingt, Fuß zu fassen — hol's der Deuwel, so reich' ich meinen Abschied ein und widme mich dem deutschen Volke und seinen zahllosen Vereinen. Gott befohlen — oder vielmehr: salz' dich ein, du Pechvogel!”

Ingo begleitete den ärgerlich Davonstürmenden an die Türe.

„Richard, nun hör' einmal zu, nun will ich dir ein sehr ernstes Wort sagen! Ich habe seit geraumer Zeit mit dir und deiner Gattin, also mit meinen nächsten Freunden, in einem Kampf gestanden: in einem Kampf um Selbständigkeit. Verstehst du? Mit Friedel war die Auseinandersetzung von besondrer Art; das haben wir schon in Lourdes abgetan. Nun merke auch du dir, mein Bester: in irgendwelchen höfischen oder staatlichen Mechanismus wirst du mich niemals einfangen! Niemals! Ich gehöre nicht dahin. Das hab' ich heute da oben auf der Wartburg klar und deutlich erkannt — erkannt? Nein, erlebt!”

„Aber, Junge, hat man dich denn irgendwie unliebenswürdig behandelt?”

„Im Gegenteil! Ich werde immer mit Vergnügen an diesen Tag zurückdenken.”

„Also —?! Du bist selber strammer Soldat gewesen: willst du es etwa dem hohen Herrn verargen, daß er ganz besonders auf Jagd, Armee, Marine eingestellt ist?”

„Wie sollt' ich denn! Es wird in Deutschland genug gekrittelt — sollt' ich mich auch noch zu den Nörglern und Hetzern gesellen?! Ich liebe und achte meinen Kaiser. Aber” —

„Aber —?”

„Aber die Stimmung, die jetzt für ein seelisches Deutschland herausgearbeitet werden muß, läßt sich nur in der Stille gestalten. Wir müssen uns auf Arbeitsteilung einigen. Von innen heraus, Richard, von innen heraus muß die Erneuerung des Zeitgeistes versucht werden! Weder von oben noch von unten! Weder Cäsaren noch Demokraten können das Reich Gottes bauen. Denn sie haben es mit den Massen zu tun, nicht mit der Seele. Erneuerung von innen heraus!”

Er sprach mit eindringlichem Ernst.

Aber Trotzendorff lief zornig davon.

„Noch eins, Richard!” rief ihm Ingo übers Treppengeländer nach. „Weißt du, daß der kleine Marx oben war — Kommerzienrat Marx?”

„Bitte: Geheimrat Marx! Sehr beliebt! Gibt unmenschlich Geld für große Zwecke! Der fliegt rascher die Leiter hinauf als du deutscher Michel! Ade!”

Und mit dröhnenden Stiefeln war er fort.

Und das Auto raste — und das Gewitter raste — und Ingo lag auf dem Diwan, hatte die Hände hinter dem Kopf und starrte zur Decke empor.

Er war ernst.

Ja, er war ernst bis zur Schwermut.

Diese Automobile waren davongefaucht und hatten den Spielmann Ingo von Stein als unverwendbar und überflüssig irgendwo am Wege liegen lassen.

Was hatte er denn eigentlich erwartet? Nichts. Doch hatte ihn Trotzendorff und dessen brave, aber unklare patriotische Romantik, Trotzendorff, der angebliche Tatsachenmensch, immerhin mit einer gewissen Erwartung angesteckt. Diese Erwartung hatte sich freilich rasch verflüchtigt, sobald er einige Minuten die Hofluft selber, den Geist, den Duft, die Essenz dieser höfischen Welt auf sich hatte wirken lassen. Es war von dort zu seiner eigenen Welt der heiligen Stille keine Brücke zu finden.

Man hatte in diesem übervollen Deutschland Leute genug, übergenug; man hatte Kenntnis und Kunst übergenug. Was wollte sich da noch ein einzelner Sonderling und Fremdling hinzudrängen?

„Ich bin durch Nordland und Riviera, durch Lourdes und Montserrat-Stimmung dankbar hindurchgegangen und nicht darin stecken geblieben”, sprach er zu sich selber. „Ich habe Friedel viel zu danken, bin Richard von Herzen gut und dem Sonderling Bruck zugetan. Warum find' ich denn nur nicht den Zugang zum Herzen dieser deutschen Gegenwart? Warum vergißt das moderne Deutschland seine besondre europäische Sendung? Warum geht es nicht mehr führend voran in jener durchgeistigten Gemütskraft, die man ehedem deutschen Idealismus genannt hat?”

Aufspringend schaute Ingo durch nasse Fenster nach den verdüsterten Umrissen der Wartburg empor. Wie lieb war ihm diese Geistesburg! Das Herz schwoll ihm vor Sehnsucht nach warmblütig mitpulsierendem Menschentum, nach Liebe all dieser Zeitgenossen, die heute schattenhaft und gleichgültig an ihm vorbeigewogt waren. So waren sie auch an seinen Büchern vorübergegangen; so gingen sie an seiner Person vorüber; er war überflüssig.

Er sah im Geiste die ausgetretenen Steinfliesen der Vorderburg. Dort hatten sie in einer Mainacht Luther hereingeführt und untergebracht. Wie kommt es, daß mit den thüringischen Fürsten oder den Staufen große Sänger und der Name des deutschen Reformators untrennbar verbunden sind? Wie kommt es, daß sich um die Hohenzollern keine geistesgroßen Dichter gesammelt haben? Ist es ein Gesetz deutscher Arbeitsteilung, daß Potsdam militärische Aufgaben zu lösen hat? Daß sich aber das deutsche Weimar immer wieder abseits in der Stille als ein heiliger Hain erbauen muß?

Diese Gedanken wurden in ihm angeregt durch eine harmlose Audienz, die tausend anderen Audienzen glich.

Illustration from Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart
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Elftes Kapitel Elisabeth

Auf einer Lilie zittern Zwei Tropfen rein und rund, Zerfließen in eins und rollen Hinab in des Kelches Grund.

Hebbel

Eisenach, den .......

Liebe Elisabeth!

D
D

D ein Brief hat mich hier in Eisenach gefunden, am Fuße der Wartburg, wo sich gestern Wichtiges entschieden hat. Ich habe dem Drängen Trotzendorffs nachgegeben und mich zu einer kurzen und konventionellen Audienz gestellt. Die Sache ist abgetan. Nun weiß und fühl' ich in scharfer Klarheit, wo ich fortan zu stehen habe: nicht im politischen, sondern im seelischen Deutschland.

Dein Brief klingt in Es-Dur, meine Elisabeth: feierlich und tief. Es ist darin Böcklins Grundfarbe: ein heiliges Dunkelblau. Ich danke Dir innig dafür, Du Gute! Zum erstenmal etwas wie ein Klang des Verständnisses, etwas wie ein Widerhall. Und das beseligt mich tief, denn ich bin unheimlich allein. Grade an Dir halte ich trotz alledem mit zäher Beharrung fest, Du meine erste und hoffentlich letzte Liebe! Du bist ein Glockenton meiner Jugend, Du bist meine Jugend selber, Du süße Gespielin von einst! Dich aus dem Herzen reißen, heißt ein Stück meines Herzens ausreißen. Dich umarmend hab' ich dort Wald und Seele unsrer Heimat umarmt; in Deinen Küssen war Tannenduft; wenn ich den Namen Elisabeth ausspreche, so sehe ich blühende wilde Rosen und mitten darin ein ernstes Kreuz.

Liebes Mädchen, ihr habt mich oft Spielmann genannt und mir sogar vorgeworfen, daß ich mit dem Leben spiele. Ach, laßt mir doch ein wenig Leicht-Sinn — nicht Leichtsinn —, laßt mich doch das Leben als ein sinnvoll Reigenspiel anschauen, wunderlich verschlungen und doch im ganzen voller Harmonie und starkem, heitrem Rhythmus! Laßt mich Spielmann bleiben im Unterschied von phantasielosem Philistertum! Nur der Freie kann und darf spielen; der Knecht front. Der Hasenfuß wagt nicht das schöne und kühne Spiel mit dem Abenteuer des Lebens.

Kind, das ist es ja, was ich Dir so oft verweisen mußte: Du bist immer viel zu sehr Fronerin gewesen, Du Gehorsame, und viel zu wenig frei Schenkende. Du hast Deinen engen und ängstlichen Moralismus nicht durch den Rhythmus mutiger Selbstbestimmung zu überwinden gewußt. Und so hab' ich mich zuletzt auch von Dir leidvoll zurückgezogen und mich abseits im heiligen Hain der großen Toten zu größerer Lebenserfassung herangebildet. Denn wahrlich waren und sind mir Offenbarungen der Weisheit und Schönheit unter allen Umständen wichtiger als das kleinmenschliche Verweilen bei jedwedem körperlichen Mißbehagen dumpfer unbedeutender Nebenmenschen, deren Sorglichkeiten Du so wichtig nimmst. Darum bin ich auch für all die modernen Denkmalsfeiern oder ähnliche Äußerlichkeiten des öffentlichen Lebens ebenso verloren wie für die Spezial-Zerpflückungen unserer wissenschaftlichen Kleinkrämer. Und solange dieser unmelodische Alexandrinismus meiner Zeitgenossen andauert, solange sie nicht mit mir das Große suchen, das Eine, was not ist, die Ideen und Urbilder — so lange gehe ich eben allein. Und solange Elisabeth in Ängstlichkeiten und Schicklichkeiten stecken bleibt, statt zu dem Manne ihres Herzens zu fliegen und sich mit ihm in große Geistes- und Herzenswelt emporzuheben — so lange gehe ich eben allein. Mein Fall ist kein Einzelfall: meine Not ist die Not der deutschen Seele.

Weib, wenn Du doch etwas von der verhaltenen, hochgestauten Kraft spürtest, die sich in mir gesammelt hat, die oft über die Ränder sprüht und Freunde sucht, Spielkameraden, Wandergenossen nach der Gralsburg! Weib, sei kühn! Weib, sei doch genial! Fühle doch, daß die Liebe zu dem Einen, der Dich wiederliebt, wertvoller und wichtiger ist als alle Krankenschwesterlichkeit der Welt! Wie oft hab' ich Dich gerufen, Elisabeth, meine deutsche Seele, und Du bist nicht gekommen! Sondern Du bist stecken geblieben in den Kleinsorgen der Alltagsmenschen, in der schicklichen Ordnung, in der biedern Mittelmäßigkeit, Du Brave, Du Allzubrave!

Siehst Du, Kind, und so vermag ich Deinem liebevollen und ungewöhnlichen Briefe leider, leider, leider nicht mehr recht zu vertrauen. Zürne mir nicht, daß ich Dir das ausspreche! Du hast mich zu oft allein gelassen.

Wenn ich aber ungerecht bin, wenn ich vergesse, wie oft auch ich Dir wehgetan und Deine heilige Ruhe gestört habe, Du frommes Wesen, sobald meine Ungeduld mit Deiner stillen und tiefen Geduld zusammengestoßen: so vergib mir! Der tiefste Grund meines Wesens ist dennoch Liebe — Liebe zu allen guten Menschen und ganz besonders Liebe zu Dir, Du Beste der Guten. Und so nimm das Ungeduldige in diesen raschen Worten nicht übel: sie sind nur wie Wolken vor dem Mondlicht meiner Liebe.

Gott behüte Dich, gute Elisabeth!

Dein Ingo.

** *

Am Tage nach dem Wartburggespräch schrieb Ingo diesen Brief in seinem Hotelzimmer.

Die Stille des warmen und wolkigen Tages tat ihm wundersam wohl.

Als er nun aber das Schreiben noch einmal durchlas, schüttelte er den Kopf und legte den Brief in seine Schreibmappe.

„Nein, das kann ich nicht absenden”, sprach er zu sich selber. „Das ist ja nur wieder der alte Ruf der Sehnsucht: Elisabeth, komm zu mir! Ich fahre ja genau da fort, wo ich vor drei bis vier Jahren abgebrochen habe. Ich wiederhole mich ja, das ist ja geschmacklos. Sind wir wirklich in diesem blutarmen, kränkelnden, unheroischen Liebesverhältnis nicht weitergekommen? Dann tut's mir leid. Ich werde Elisabeths Brief überhaupt nicht beantworten. Hier fruchten keine Briefe mehr.”

Der Brief wurde nicht abgesandt.

Er nahm seine Arbeit wieder auf.

Seine Studien über den Gral hatten ihn zu Goethes Gedicht „Die Geheimnisse” geführt. Hierbei, Goethes Dichtungen durchblätternd, war ihm zum Bewußtsein gekommen, wie häufig der große Dichter das Wander-Motiv behandelt und vergeistigt: von dem jugendlichen „Wandrers Sturmlied” bis zu den reifen „Wanderjahren”. Er beschloß, diese Linie zu verfolgen und mit dem Gralsuchen in Beziehung zu setzen. Eben las er das edelschöne Gedicht vom Wanderer, der in Tempelruinen eine junge Frau findet, mit den weich hingleitenden Schlußworten:

„O leite meinen Gang, Natur Den Fremdlings-Reisetritt, Den über Gräber Heil'ger Vergangenheit Ich wandle. Leit' ihn zum Schutzort Vorm Nord gedeckt, Und wo dem Mittagsstrahle Ein Pappelwäldchen wehrt. Und kehr' ich dann Am Abend heim Zur Hütte, Vergoldet vom letzten Sonnenstrahl, Laß mich empfangen solch ein Weib, Den Knaben auf dem Arm!”

Er ließ das Buch sinken.

„Solch ein Weib ... den Knaben auf dem Arm!”

Sieh an, auch hier ein Wanderer, ein Hügel, ein Weib — und in der Nähe ein Säulenpaar! Natur und Religion und Poesie in eins zusammengeblüht! Tod und Leben in eins verschlungen: zerfallener Tempel und nährende Frau, die selber ein Tempel ist, ein Meistergebilde der Natur und der Gottheit! Sind nicht wir Deutschen geboren über Resten heiliger Vergangenheit? Daß ihr Geist auf uns ruhe und uns befruchte, Altes zu ehren und Neues zu schaffen und Gegenwart zu genießen wie dieses glückselig-gesunde Weib — eine Madonna mit dem Knaben auf dem Arm! „Das ist meine Hütte,” sagt sie, „eines Tempels Trümmer!” Ja, ein Tempel, verwandelt in eine Hütte der Liebe und des heiligen Lebens — eine Hütte, entsprossen aus den heiligen Stimmungen eines Tempels! Welche sinnige Verschlingung! Hier ist immer wieder das Ziel!

Ingo lief in seiner jugendstarken Gesundheit im Zimmer auf und ab. Er erlebte diese Zwiesprache mit dem Weib an der Tempelsäule; er war selber dieser Wanderer. Seine Betrachtungsweise war niemals bläßlich, immer warmblütig; denn er durchglühte auch geistige Stoffe mit der Kraft persönlichen Erlebens, so daß der Spielmann oft unseßhaft vom Buch aufsprang und laut mit sich selber sprach.

Wieder zum Buch zurückkehrend, schlug er aufs Geratewohl auf. Und — leiteten Geister vom Montserrat seine sinnvoll zugreifenden Finger? Er stieß auf die Randnoten, die Goethe selber zu seinem bedeutsamen Gedicht „Die Geheimnisse” niedergeschrieben hat. „Durch eine Art von ideellem Montserrat” sollte dort der Leser geführt werden — das waren die Worte, die ihn wie ein elektrischer Schlag berührten. Ihm, dem Goethekenner, waren diese Bemerkungen ganz aus dem Gedächtnis geschwunden. Nun sah er sein eigenes Suchen durch den Meister bestätigt. Denn hier stand es ja, hier klang es ja in die Worte aus: „ ... sich in den Gesinnungen befestigen, in welchen ganz allein der Mensch, auf seinem eigenen Montserrat, Glück und Ruhe finden kann.”

Auf seinem eigenen Montserrat!

Nicht im fernen Land, unnahbar euren Schritten — vielmehr hier und heute und überall, wo der Mensch seines göttlichen Mittelpunktes inne wird!

Welch ein Kraftgefühl, dieser Besitz!

Und doch — einer allein wird nie zulänglich sein, das Leben bedeutend und nutzwirkend zu einer Tempelburg zu gestalten, wenn er sich nicht bei aller eigenen Selbständigkeit verflechten kann mit anderen. Zur Monade trat schon bei Pythagoras, der selber seine Schülerin Theano zur Gattin erhob, die Dyade, die Triade, die heilige Tetraktis, die Vierzahl; und eins, zwei, drei und vier geben als Summe die Zehn, die heilige Dekade. Saßen nicht auf dem Montserrat zwölf Eremiten um den dreizehnten? Sind nicht zwölf Meister in diesem seltsamen Tempel der „Geheimnisse” mit einem dreizehnten als Oberhaupt? Immer strebt das Leben in eine Runde, eine Tafelrunde, eine kristallinische oder organische Bildung hinaus, in harmonische Vielheit — und wieder zurück zur umfassenden Einheit. Sind nicht alle Sonnen und Planeten, alle Lebewesen und alle Teile des Körpers aufeinander angewiesen und bilden miteinander das rhythmische Ganze?

So wogten seine Gedanken.

Der Einsame war in seinem unbefriedigten Schaffensdrang nahe daran, wehmütig zu werden. Aber in seinem gesunden Blutumlauf hatten weder Zweifel noch Grübelei Raum. Eine halbe Stunde später lag der Goetheband auf dem Teppich, und der glückliche Besitzer und Verehrer des Buches lag auf dem Diwan und schlief mit gekreuzten Armen.

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