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Der Skorpion. Band 2

Der Skorpion

Reading edition

Ein Roman

Qui vivens laedit Morte medetur

Zweiter Band

Askanischer Verlag Berlin 1921

O sorte dura, che mi fa esser quale Punta d’un Scorpio, et domandar riparo Contr’el velen’ d’all ’istesso animale. (Louïze Labé.)

Mette Rudloff verschloß und verriegelte die Tür. Sie hörte die Schritte des Mädchens sich entfernen, hörte das An- und Abknipsen der elektrischen Schalter, irgendwo in ziemlicher Entfernung eine Klinke gehen, eine Angel kreischen – wieder Schritte ... das war wohl in einem andern Stockwerk – ein leises, immer wiederkehrendes ungleichmäßiges Geräusch, als ob ein offenstehendes Fenster im Winde klappte. Und Stille. Eine weit sich wölbende, leere, kühle, dunkle, reglos harrende Stille.

Mette mußte sich entschließen, endlich die Hand vom Riegel zu nehmen und nach dem Lichtschalter zu gehen, obgleich sie sich ein wenig fürchtete vor dem Schall ihrer Tritte und dem Rauschen ihrer Röcke. Sie drehte alle Flammen an, auch die kleinen Lampen neben dem Bett und auf dem Schreibtisch. Die blendende Lichtfülle tat ihr wohl. In dem überhellen Raum ging sie an den Wänden entlang, schloß die leeren Schränke auf und wieder zu, hob die Gardinen und ließ sie wieder fallen. Sie hatte nicht den Gedanken, daß sich irgendwo ein Mensch, ein Verbrecher verborgen haben könnte, aber sie versuchte, sich auf jede Weise mit der fremden Umgebung vertraut zu machen. Sie hatte Angst davor, daß irgend etwas sie überraschen und dadurch erschrecken könnte. Die nie gesehenen Möbel konnten im dunklen Zimmer so leicht eine spukhafte Gestalt annehmen, ein Luftzug konnte der Gardine die Form eines Menschen geben. Sie betrachtete auch die Bilder mit Aufmerksamkeit. Sie erinnerte sich aus fiebrigen Abenden der Kinderzeit, daß selbst wohlbekannte Bilder, wenn man sie in der Dämmerung oder beim Schein des Nachtlichts vom Bett aus sah, sich zu grauenvollen Fratzen verwandeln konnten.

Sie versuchte, sich die Linien der blühenden Landschaften, der friedlichen Bauernhäuschen, der drolligen Kinderköpfchen einzuprägen, um sie nachher wiederzufinden in den verschwommenen Flecken, die sich so gern zu hohngrinsenden Ungeheuern, zu ekelerregenden oder furchteinflößenden Fabelwesen ballten und zerrten.

Als sie das Zimmer auf diese Art untersucht hatte, drehte sie das Licht wieder aus, bis auf eine Birne, die den übermäßig großen Raum nur dämmrig erhellte. Aber nun war in dieser Dämmerung nichts Erschreckendes mehr – Mette wußte ja: dieser vorspringende Schatten war die geschweifte Kommode, und der befremdende Lichtschein kam von der Kante des Waschtischspiegels, die ihn von dem Bild der Lampe im Schrankspiegel auffing.

Sie schloß den Handkoffer auf und nahm das Notwendigste heraus: das Nachthemd, das sie übers Bett warf, ein paar Flaschen und Bürsten, die sie nach dem Waschtisch trug. Dann zog sie den Nachttischkasten auf und legte ihn mit einem weichen seidenen Tuch aus, – so sorgfältig, als glätte sie einem Geliebten das Lager oder bereite eine priesterliche Handlung vor. Mit behutsamen Bewegungen, als trüge sie etwas Lebendiges, bettete sie den Revolver und das Zigarettenetui mit dem Skorpion hinein. Sie schob den Kasten zu, mit einer angestrengten Entschlußkraft, denn wie immer, weckte der Anblick des Revolvers den fast leidenschaftlichen Wunsch in ihr, den kühlen glatten metallenen Mund an die Schläfe zu setzen. Sie fürchtete sich davor, diesem Wunsch nachzugeben, denn sie wußte nicht, ob nicht eine plötzliche Regung sie verleiten würde, die Sicherung zu lösen, den Hahn zu berühren und also mehr durch einen Zufall als aus Notwendigkeit sich selbst zu zerstören, und damit Denken, Fühlen, Erinnerung und Erwartung auszulöschen.

Sie wollte nicht sterben. Oder vielmehr, sie wäre gern gestorben, wenn sie nicht dann hätte tot sein müssen. Sie wäre gern desselben Todes gestorben, den Olga Radó starb, nur um sich mit dem letzten Gedanken sagen zu können, daß sie nun ertrug, was Olga ertragen hatte, und daß es also nicht so unerträglich sein konnte, nicht so entsetzlich, wie die unerfahrene Phantasie es sich ausmalte.

Aber andererseits hatte sie eine brennende Begier nach dem Leben, von dem sie so wenig wußte. Nicht, daß sie sich große Freuden, hohe Entzückungen davon versprochen hätte. Aber sie fühlte sich dem schönen und grauenvollen Untier gegenüber so gut gewappnet, daß es schade gewesen wäre, den Kampf aufzugeben. Ihr war, als hätte Olgas Blut ihrer Seele das unverletzliche Kleid gegeben, das der hörnerne Siegfried im Blute des Drachen gewann. Sie war überzeugt, das Schönste, das Schwerste, das Wichtigste ihres Lebens überstanden zu haben. In der Tragödie oder Komödie, in der mitzuwirken sie durch ihre Geburt gezwungen war, hatte sie nur im ersten Akt eine Rolle zu spielen gehabt. Alle Kräfte und Gefühle hatte sie verausgabt – nun mischte sie sich unter die Statisten, noch glühend, aber doch schon ermüdet von den Erschütterungen, die sie durchtobt hatten, und sah halb neugierig und halb gelangweilt dem Spiel der andern zu.

Aber im Grunde überwog die Neugier, und obgleich sie wußte, oder zu wissen glaubte, daß sie niemals mehr einer starken Empfindung – sei es Glück oder Schmerz – fähig sein würde, obgleich sie ihr Gemüt gegen Eindrücke jeder Art gepanzert fühlte, drängte es sie, gleichsam um die Unversehrbarkeit dieses Panzers zu erproben, Eindrücke aufzusuchen, sich ihnen darzubieten – sich in das Gewühl des Kampfes zu stürzen, die starrenden Speerspitzen gegen die Brust zu drücken.

Das erste, dem sie sich willig hingab, und dessen Verwundungen sie früher sicher nicht standgehalten hätte, war dies: Fremde und Einsamkeit.

Aus dem Gefühl heraus, daß sie selber in ihrer jungen Freiheit sich dies erwählt hatte: Fremde und Einsamkeit, und bei dem Gedanken daran, daß nichts ihr mehr wehtun könne und wehtun dürfe seit der Trennung von Olga, seit Olgas Tod, empfand sie die kühle und fast feindliche Stille als wohltuend und erlösend.

Sie wußte es: die Einsamkeit würde sie ertragen können. Aber morgen würde sie gezwungen sein, mit zehn oder fünfzig fremden Menschen in einem Raum ihre Mahlzeiten einzunehmen. Diese Vorstellung hatte etwas atemraubendes. Neugierige Augen prickelten auf ihrer Haut wie Nadelspitzen. Aber auch das würde sich ertragen lassen.

Unten im Haus schlug eine Tür, dumpf und schwer, daß ein Zittern durch alle Wände lief. Der Fahrstuhl hob sich mit einem summenden Geräusch – es war, als ob in dem Riesenleib des Hauses ein mühsamer Atemzug aufröchelte. In der Stille der Nacht vernahm man ganz deutlich das Knacken, wenn er am ersten, am zweiten Stockwerk vorüberglitt.

Man hörte das Aufschnappen der Tür, das Ins-Schloß-Fallen, Schlüssel-Klappern, Schließen, das Drehen der Lichtschalter, Schritte, die behutsam über den dämpfenden Teppich gingen, aber doch die Dielen zum Knarren brachten, ein unterdrücktes Lachen, ein geflüstertes Gute-Nacht-Rufen.

Mette versuchte nachzuprüfen, ob die Stimmen, die sie kaum vernommen, angenehm oder unangenehm gewesen seien – sie kam zu keinem abschließenden Urteil.

Die Tür zum Nebenzimmer ging. Man hörte das leiseste Geräusch, das Anknipsen des Lichtes, das Zuziehen der Fenstervorhänge.

Nichts wußte Mette von diesem Menschen da nebenan, nichts. Nicht einmal den Namen, nicht das Alter, nicht einmal so viel, wie jedes Gesicht verrät, das auf einer dunklen Straße an einem nachlässigen Blick vorübergleitet – und doch wußte sie, daß dieses nachbarliche Wesen nicht gern früh geweckt wurde – denn es verschloß die Fenster mit ungewöhnlicher Sorgfalt. Es mußte ein rücksichtsvoller Mensch sein, denn er bemühte sich, leise zu sein, zog gleich die Stiefel aus und schlüpfte in weiche Schuhe, so daß man den Schritt nicht mehr hörte, ihn nur noch durch eine leichte Erschütterung spürte. Es war auch ein reinlicher Mensch, der sich trotz der späten Stunde mit viel Ausdauer die Zähne putzte.

Mette mußte lächeln. Vielleicht wäre es das Sicherste, die Bekanntschaft aller Menschen auf diese Weise zu machen. Was half es einem, den Namen eines Fremden zu erfahren, oder seinen Beruf, oder den Stand seines Vaters! Was half es einem, mit einem Menschen zu plaudern, Stunden und Stunden, um schließlich nichts von ihm zu wissen, als wo er den letzten Sommer verbracht hatte, oder wie er die Besetzung der neuesten Operette fand! Und was half es einem, wenn man Wand an Wand mit einem Menschen wohnte und jeden Atemzug hörte ... und doch nichts von ihm wußte?

Ach, was half es selbst, mit einem Menschen eines Blutes zu sein, und alle Tage des Lebens, vom ersten an, mit ihm zu verbringen. Oder was half es, einen Menschen zu lieben, ihn zu lieben mit jeder Faser des Leibes und der Seele – wenn im letzten Grunde doch einer nichts vom andern wußte!

Es war so unendlich schwer, sich zurechtzufinden in diesem Wirrwarr von Charakteren, Gefühlen, Schicksalen und Lügen, die so millionenfach verschlungen, einen selbst mit umschlangen – ach, so schwer, daß man hätte weinen können, wenn man daran dachte, wie hilflos man war!

Mette trat ans Fenster und lehnte sich hinaus. Sie suchte am Himmel den Antares, ihren Stern. Aber die Brandmauern der Häuser verdeckten ihn. Sie beugte sich ein wenig weiter und sah in den Schacht des Hofes hinunter. Ein seltsamer Schwindel faßte sie an. Wenn sie in die Tiefe da hinunterglitte, würde es kein Mensch bemerken. Und wenn man morgen früh ihre Leiche dort unten fände, würde man nicht wissen, was man anfangen, wen man rufen, wen man benachrichtigen sollte.

Mette Rudloff war ja jetzt frei. So frei, daß ihr ein leiser Schauer über den Rücken rieselte. Nirgends der Druck einer Kette, aber auch nirgends ein haltendes Band, nirgends eine engende Mauer, aber auch nirgends ein schützendes Dach.

Die Menschen, denen Liebe oder Pflicht sie verbunden hatte, waren tot. Vater war tot, Olga war tot. Von den andern hatte sie selbst sich mit scharfem Schnitt gelöst.

Und nun glitt sie frei durch den unendlichen Raum, wie ein losgetrenntes Blatt, wie eine schwebende Schneeflocke. Ihre Hände klammerten sich um das Fensterbord, als fürchtete sie, ein Lufthauch könne sie losreißen, forttreiben, zerschellen.

Eine Furcht überkam sie, als wäre sie ein verirrtes Kind, dem im Dunkel alle Wege gleich fremd und bedrohlich erscheinen.

Ihre verzweifelten Blicke suchten nach einem Halt und fanden ihn in dem steten milden und geheimnisvollen Glanz der Sterne über ihr.

‚Liebe Sterne,‘ dachte Mette, ‚wie gut, daß ihr da seid! Immer noch dieselben, wie vor Zehntausenden von Jahren, und sogar noch dieselben von den Abenden, als ich mit Olga am Wannsee lag. Es gibt keinen Zufall, es kann keinen Zufall geben. Warum prallen die Sterne da oben nicht aneinander und stieben wie ein Funkenmeer durch die Nacht? Ewige, unzerstörbare Gesetze halten ihr Milliardengewicht schwebend im Raum und führen sie mit so überlegener Ruhe ihre Bahn, als sei es das leichteste von der Welt, Sterne zu regieren. Und irgendwo stehe ich auch unter diesen Gesetzen und kann mich nicht dagegen wehren – und will es ja auch gar nicht. Ich bange mich vor der Entscheidung, ob ich rechts oder links gehen soll, und dabei sind ja doch alle Wege versperrt bis auf den einzigen, den ich gehen soll und muß, weil er der meine ist, der unabänderlich vorgeschriebene, der ans Ziel führt. An welches Ziel? Ich weiß es nicht. Aber da ich lebe, so wird man ja wohl noch irgend etwas mit mir vorhaben, und das beste ist, in Geduld zu warten.‘

Ein Gesangbuchvers aus ihrer Kinderzeit drängte sich ihr in die Gedanken – aber sie konnte ihn nicht mehr richtig zusammenbringen:

... der Sonne, Mond und Winden Gibt Wege, Lauf und Bahn. Der wird auch Wege finden, Da dein Herz gehen kann.

Die Worte summten ihr immerzu im Kopf herum, während sie sich auskleidete. Aber erst als sie im Bett lag, fiel es ihr plötzlich ein:

„die dein Fuß gehen kann“

hieß es wohl. Wie war sie nur auf „Herz“ gekommen? Ach, vielleicht, weil es ihr wichtiger erschien – so unendlich viel wichtiger ...

Mette durchwanderte Museen und Galerien mit angespannter Aufmerksamkeit, gleichsam mit zusammengebissenen Zähnen. Sie erlaubte es sich nicht mehr, wie früher durch die Säle zu schlendern, zu betrachten, was ihr gefiel, wie ein Kind in einem Bilderbuch blättert, ohne etwa nach dem Namen der Maler zu fragen, nach der Zeit, in der sie gelebt, oder gar nach der Schule, der sie angehört hatten.

Sie arbeitete sich systematisch durch das überreiche Material hindurch. Sie kaufte sich einen ganzen Stapel von Kunstgeschichten, Monographien, Führern durch die Museen und studierte sie so gewissenhaft wie Schulaufgaben. Manchmal übte ein Bild eine starke Anziehungskraft auf sie aus, das sie nirgends als besonders wertvoll verzeichnet fand. Aber noch gestattete sie sich keinen eigenen Geschmack. Sie schalt sich selber mit unnachsichtiger Strenge jung, dumm, unreif, ungebildet. Es konnte vorkommen, daß sie einem heimlich geliebten Bilde, das von andern verächtlich behandelt wurde, im Vorübergehen einen zärtlichen Blick zuwarf, der sagen sollte: ‚Noch kann ich mich nicht mit dir beschäftigen, noch kann dir mein Wohlwollen auch gar nichts nützen, weil ich viel zu unwissend bin – erst muß ich lernen, muß so klug werden, wie die Klügsten der andern, dann will ich dich entdecken und will dein Lob singen.‘

Zuerst mußte man die ganz unanfechtbaren Größen aufsuchen, sich mit ihnen vertraut machen, sie in sich aufnehmen. Manchmal empörte sich Mettes Gefühl gegen irgend etwas, was sie schön und großartig finden sollte. Das konnte sie in eine tiefe Mutlosigkeit stürzen. Sie überlegte umsonst, ob sie nicht irgend jemand um Rat bitten könnte – um Beistand gegen die Autorität, die für bezaubernd und reizvoll erklärte, was ihr mißfiel. Dann versuchte sie, sich vorzustellen, was Olga Radó wohl gesagt hätte – Olga, die durch keine Autorität einzuschüchtern war, die ihren eignen Geschmack und ihre eigne Meinung hatte, bei der sie unerschütterlich und manchmal sogar eigensinnig beharrte.

Mitunter fand Mette ein spöttisches Scherzwort, das Olga hätte gebrauchen können, um sich gegen eine Bevormundung aufzulehnen. Wenn sie Worte dachte, die so Olgas Prägung trugen, dann war ihr, als hörte sie auch Olgas leises Lachen neben sich und ihre tiefe, klingende Stimme. Aber öfter noch geschah es, daß sie sich vergebens fragte: würde dies oder jenes Olga gefallen haben? Was würde Olga über dies oder jenes gesagt haben? Und es konnte sie zur Verzweiflung bringen, daß sie sich keine Antwort zu geben wußte. Daß Olga tot war, war schlimm. Aber fast noch schlimmer war es, daß Mette die Zeit, da Olga lebte, nicht genügend ausgenutzt hatte. Jetzt fielen ihr auf Schritt und Tritt Dinge ein, die sie hätte erfragen müssen und nach denen sie nie gefragt hatte. Dann war ihr, als müsse es irgendeine Kraft geben, das Geschehene ungeschehen zu machen, die Gewalt des Todes zu zerbrechen, und ihre Gedanken schlugen sich wund an dem ehernen Schweigen, das unerschütterlich all ihren Fragen entgegenstarrte.

Sie fühlte sich manchmal so klein, wie ein Kind, das nicht über die gepolsterten Wände seines Laufstalls hinwegsehen kann. Der Wind hatte ihr mancherlei ins Gesicht getrieben – Blüten und Staub. Es mußte wohl außerhalb des Mäuerchens blühende Gärten geben und staubige Straßen – aber Mette wußte nicht, woher der Wind blies. Sie versuchte, sich über sich selbst hinaus zu dehnen – es half nichts. Aber sie wußte, was einzig helfen konnte: und wie mit Ungeduld verschlang sie alles, was sich ihren Sinnen und ihrer Seele darbot: Bücher, Bilder, Gespräche, Gesichter: sie wollte wachsen, wachsen, um über die Mauer zu sehen, um alles zu übersehen, was außerhalb lag, Welt und Leben, die Welt und das Leben, wo Olga Radó hergekommen war, und die man verstehen mußte, um sie zu verstehen. – – –

In dem großen Eßzimmer der Pension hatte Mette ihren Tisch in der dunkelsten Ecke. Die freundliche Wirtin hatte geglaubt, sich entschuldigen zu müssen, daß die Plätze in der Nähe der Fenster alle schon von älteren Gästen besetzt wären. Metten war es gerade recht so. Sie saß mit dem Rücken gegen die Wand und hatte den kleinen Tisch wie einen Schutzwall vor sich. Sie war meistens beim ersten Gongruf schon fertig und setzte sich auf ihren Platz, um die andern an sich vorüber zu lassen und sich nicht zwischen den vollbesetzten Tischen hindurchwinden zu müssen. Wenn sie sich einmal verspätete, war ihr der kurze Gang durch das Zimmer ein nicht endenwollender Marterpfad. Sie fühlte sich von all den unverhohlen neugierigen und selbst von den gleichgültigen Blicken gepeinigt und gehemmt. Obgleich sie sich jedesmal vor dem Spiegel prüfte, ehe sie ihr Zimmer verließ, hatte sie doch immer das Gefühl, daß ihr Haar sich löste, wenn ein Blick an ihrem Kopf haften blieb, oder daß sie ein Loch im Strumpf hatte, wenn jemand auf ihre Füße sah. Sie mußte dann immer gegen den Wunsch ankämpfen, ängstlich nach ihrem Haarknoten zu greifen, oder auch ihrerseits ihre Füße zu betrachten. Sie preßte die Ellbogen an den Körper, bemühte sich, ein undurchdringliches und ausdrucksloses Gesicht zu machen und vorsichtig zu gehen – weil die Vorstellung sie plagte, sie würde einen Stuhl umreißen oder an einem Tisch anstoßen – aber dabei doch so rasch, daß man ihr diese Vorsicht nicht anmerkte. Wenn sie dann glücklich in ihrer Ecke saß, fühlte sie sich wie im Hafen.

Meistens nahm sie sich eine Zeitung mit, um sich während der Wartezeit dahinter zu verschanzen. Sie hatte nicht Angst davor, daß jemand sie anreden könnte – das Sprechen fiel ihr weniger schwer, als das Gehen – aber Angst, daß sie so aussehen könnte, als wartete sie auf eine Anrede – so beschäftigungslos, so einsam, so hungrig nach einem zugeworfenen Wort.

Dabei war sie es in Wahrheit gar nicht. Je weniger sie sprach, desto weniger vermißte sie das Gespräch. Wenn es auch keine Qual verursachte, so brauchte es doch immer eine gewisse Entschlußkraft, eh sie den Mund aufbekam, um dem Mädchen irgend etwas zu sagen. Und wenn sie abends auf ihr Zimmer ging und nach dem letzten „danke, Berta, ich brauche nichts mehr“, die Tür verriegelte, dann kam das Gefühl des Schweigenkönnens, des Schweigendürfens wie eine Erlösung über sie. Ihr war manchmal, als ob ihre Zunge schon lahm geworden sei, wie irgendein anderer Muskel, der nie bewegt wird. Und sie hatte kein Bedauern mehr für die Trappisten, weil sie deutlich empfand, daß es nur weniger Wochen bedurfte, um sich so an das Schweigen zu gewöhnen, daß sich vor jedes Wort unüberwindliche Hemmungen stellten.

Aber sie wußte, daß keine schützenden Klostermauern sie umgaben, und daß sie es sich nicht gestatten durfte, ein Trappistenleben zu führen. Sie wollte sich in den Strom aller Menschlichkeiten hineinstürzen, um Schwimmen zu lernen. Dabei klopfte ihr das Herz, wenn sie nur erst die Zehenspitzen benetzte.

Trotzdem stand sie den Menschen nicht verächtlich, nicht einmal gleichgültig gegenüber. Sie hatte für all und jeden eine wache Aufmerksamkeit und war rasch bereit zu Sympathie und Antipathie.

Es waren besonders zwei Gruppen in der Pension, die ihre Beobachtung auf sich zogen und ihre Teilnahme erregten. Die eine scharte sich um Luise Peters – „Lawising“, wie sie von allen Seiten gerufen wurde – eine norddeutsche Malerin, eine große, breite, derbknochige Person, deren frisches, rotbackiges Gesicht mit blanken Augen und weißen Zähnen, deren glattsträhniges und ungleichmäßig blondes Haar immer so aussah, als ob sie eben einem eiskalten Bade entstiegen sei. Lawising hatte eine tiefe und etwas rauhe Stimme, ein lautes und ins Auge fallendes Gebaren – aber man spürte, daß ihr nichts ferner lag, als ein eitles Aufsehen-erregen-wollen. Ihre große und kräftige Persönlichkeit konnte sich nur mit unsäglicher Mühe auf zarte und vorsichtige Bewegungen oder einen leisen und gedämpften Ton beschränken. Trotz ihres etwas lärmenden Wesens hatte sie nichts Unfeines, sie blinkte von innerer und äußerer Sauberkeit – ja, sie roch förmlich nach guter Familie.

Der Mittelpunkt des andern Kreises duftete eher nach französischer Parfümerie. Daß das schmale, feingliedrige Wesen künstlich gebleichtes Haar und künstlich getuschte Wimpern hatte, das entging auch Mettes ungeübten Augen nicht. Aber sie stellte doch fest – so vorurteilslos, als ob sie vor einem Bilde stände – daß die schwarz umränderten Augen zu den kupferglänzenden Locken einen sehr reizvollen Gegensatz bildeten, daß das Lachen, das die Kleine gefallsüchtig durch den Saal schwirren ließ, wirklich einen süßen und silbrigen Ton hatte, und daß die reichlich kurzen Röckchen allerliebst geformte schlanke Beine sehen ließen.

Bis auf zwei gutmütige alte Damen, die allen ein mütterliches Wohlwollen zuteil werden ließen, und zwei bösartige, die für alles, was Jugend hieß, nur ein giftiges Hohnlächeln übrig hatten, gehörten die Gäste der Pension einer der beiden Cliquen an, die sich nicht gerade befehdeten, aber sich doch gern mehr oder weniger offensichtlich übereinander lustig machten. Und auch – zur Freude der Wirtin – einen gewissen harmlosen Wettbewerb trieben: wenn die eine Partei bis Mitternacht zusammensaß und eine Flasche Wein nach der andern trank, so braute sicher am übernächsten Tag die andere Partei eine Bowle und zechte bis zum Morgengrauen.

Mette fühlte sich manchmal an ihre Schulzeit erinnert. Da waren erwachsene Menschen, die ganz wie die kleinen Mädchen in der Klasse, wenn sie sich von einem Tisch an den andern etwas sagen wollten, sich einer Art Zeichensprache bedienten. Oder ein paar Worte auf den Rand einer Zeitung schrieben und sie dem bedienenden Mädchen mitgaben – ganz wie man in der Schule Zettelchen auf die Wanderschaft geschickt hatte. Da waren Vertraute, die immer miteinander zu tuscheln hatten, ehe sie sich an ihre Plätze begaben, und die, wenn das Mädchen mit der Suppe kam, sich mit einem vielverheißenden „nachher“ trennten. Oder andere, die sich nur einen Blick zuzuwerfen brauchten, um einen Lachanfall zu bekommen, den sie mühsam zu unterdrücken oder wenigstens zu verbergen suchten.

Manchmal spürte Mette auch dasselbe Neidgefühl wie damals, als sie fremd und vereinsamt der Lustigkeit der Klasse gegenüberstand. Und dann dachte sie mit einem leisen inneren Lächeln, daß sie seit jener Zeit doch schon um vieles älter geworden war – nicht nur um das eine Jahrzehnt, das dazwischen lag. Sie war schon so alt und klug geworden, sich zu sagen, daß all diese Heiterkeit und Wichtigtuerei und Geheimniskrämerei nur so verlockend erschien für den, der unbeteiligt draußen stand – und daß sie überhaupt jeden Reiz verlor, wenn nicht jemand da war, der das Spiel als Zuschauer mit ansah und in dessen Gemüt man ein wenig Neugier und Neid und Sehnsucht erwecken wollte.

Mette merkte wohl, daß – von beiden Parteien – manches in halb unbewußter Berechnung geschah, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Aber sie war nicht genug von ihrem Wert überzeugt, um sich dadurch geschmeichelt zu fühlen.

‚Die spielenden Kinder brauchen einen Zuschauer,‘ dachte sie mit nachsichtigem Lächeln.

Sie fühlte auch mitunter, daß es nicht schwer sein würde, an einen der Kreise Anschluß zu finden. Sie hätte nur einmal in eines der allgemeinen Gespräche, an denen auch die liebenswürdige Wirtin sich beteiligte, ein paar Worte hineinwerfen müssen, sie hätte nur einmal einen Gruß weniger zurückhaltend zu erwidern brauchen, und in kürzester Zeit hätte sie nicht mehr abseits gestanden, hätte sie mitgeplätschert in dem muntern Bächlein dieser mehr oder weniger seichten Beziehungen. Manchmal nahm sie einen innerlichen Anlauf zu dem Sprung, weil sie dem, was sie „das Leben“ nannte, näher kommen wollte und mit leiser Angst verspürte, wie sie ihm immer fremder wurde. Sie nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit an einem Gespräch teilzunehmen, und das Herz schlug ihr, wenn die Gelegenheit da war – aber sie ließ sie ungenützt vorübergehen. Wenn sie den fertig gebildeten Satz schon auf der Zunge hatte, faßte sie die Angst, – nicht die Angst, den Satz nicht herauszubringen, oder für aufdringlich zu gelten – sondern die Angst, durch ein Wort Beziehungen anzuknüpfen, die nachher zu lösen schwer – ja fast unmöglich war.

Mette dachte oft über sich selbst nach. Sie las und lernte abends im Bett so lange, bis ihre Gedanken sich verwirrten, und sie, schon halb im Schlaf, nach der Lampe griff, um das Licht auszudrehen. Aber manchmal wurde sie nach kurzer Zeit durch irgendein Geräusch geweckt, daß sie mit hämmerndem Herzen auffuhr. Und dann konnte sie oft stunden- und stundenlang den Schlaf nicht zwingen – dann nützte weder Zählen noch Vokabelaufsagen, noch die Vorstellung des wogenden Kornfeldes – ein Zehntel der Gedankenkraft blieb mechanisch bei den Zahlen, und neun Zehntel jagten kreuz und quer und schleppten und zerrten alles herbei, was peinvoll und quälend und beunruhigend war. In solchen schlaflosen Nächten, wenn alle Dinge ihr so bedrohlich und feindselig naherückten und sie immer mehr bedrängten, bis sie schließlich fiebernd und glühend die Decken zurückwarf und sich aufrichtete, um Atem holen zu können, oder um die gekrampften Fäuste gegen ihre Angreifer zu schütteln, oder um die Finger in ihr Haar zu krallen und die gesenkte Stirn schwer, schwer in die Hände zu stützen – in solchen schlaflosen Nächten dachte Mette auch über sich selbst nach.

Sie wäre sich gern darüber klar geworden, ob sie ein guter oder ein schlechter Mensch war. Es war sehr schwer, das festzustellen, und manchmal spielte sie mit dem Gedanken, einen unbefangenen Menschen zum Richter aufzurufen, ihm alle „Für“ und „Wider“ vorzutragen und sich einem Urteil zu unterwerfen, sich freisprechen zu lassen oder eine Buße auf sich zu nehmen. Sie suchte unter den Leuten auf der Straße, in den Bahnen, in den Konzerten nach einem Gesicht, das von der Fähigkeit zu solchem Richteramt zeugte. Aber sie fand keines.

Sie suchte auch unter den gemalten Gesichtern in den Galerien. Und da war schon eher ein oder das andere, vor dem sie hätte stehenbleiben mögen, um mit gefalteten Händen zu bitten: Hilf du mir doch – das hab’ ich getan – und das hab’ ich verabsäumt – und dessen hat man mich ungerecht beschuldigt. Wie steht es nun um mich – sind andere Menschen besser oder schlimmer? Haben viele ein Recht, mich zu verachten? Habe ich das Recht verwirkt, andere zu verachten? Gibt es nicht ehrbare und tugendhafte Menschen, die niedriger stehen als ich? Und darf ich nicht zu manchen aufsehen, die noch mehr gesündigt haben, als ich?

Manchmal prüfte sich Mette, ob sie irgend etwas anders tun würde, wenn es ihr noch einmal zu tun gegeben würde. Sie meinte dann wohl, daß sie ihrem Kinderfräulein nicht mehr mit so blinder Schwärmerei anhängen würde. Und daß sie versuchen würde, ihrem Vater näher zu kommen, mehr Verständnis für ihn zu gewinnen, und ihm mehr Verständnis beizubringen. Und dann würde sie die Schuljahre besser ausnutzen, um das wenige, was sich auf der Schule lernen ließ, wenigstens gründlich zu erfassen.

Aber all dies war es ja nicht, was man ihr als Schuld angerechnet hatte. Ihre Schuld, ihr Verbrechen war gewesen, daß sie Olga Radó zu sehr geliebt hatte.

Und wenn Mette an diesen Punkt kam, dann bäumte sich der Widerspruch in ihr auf wie ein gepeitschtes wildes Pferd. Wenn Olga noch einmal in ihr Leben träte, dann würde sie jedes Verbrechen begehen, um zu ihr zu gelangen, ihre Stimme zu hören, ihre Hände zu fühlen.

Sie hatte einen Wachtraum, der mit der Hartnäckigkeit eines Fieberwahns immer wiederkehrte. Sie sah Olga in weiter Entfernung, manchmal wie vor ihr fliehend, aber meist ihr zugewandt, mit sehnsüchtig ausgestreckten Händen. Sie wollte zu ihr. Sie mußte zu ihr. Aber immer drängte sich jemand dazwischen. Ihr Vater, Tante Emilie, Onkel Jürgen, Frau Flesch, der Detektiv, die Möbius-Mädels. Und Mette hielt den Revolver umklammert – Olgas Revolver – und schoß. Und traf. Und die Getroffenen stürzten zusammen und ließen den Nächsten auftauchen. Aber wenn die Reihe zu Ende war, fing sie wieder von vorn an. Wie Puppen in einer Schießbude standen sie wieder auf und versperrten ihr den Weg. Und Mette schoß sie nieder, unzähligemal. Aber Olga entfernte sich, ihre Erscheinung wurde immer undeutlicher, verblaßte, verdämmerte, bis sie verschwand.

Die Sehnsucht nach Olga konnte Mette fast bis zum Wahnsinn peinigen – und doch war sie nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war die Sehnsucht, die ins Ungewisse ging, die nach einem Menschen schrie, nicht nach Liebe oder Kameradschaft oder Verständnis, nur nach der Wärme eines Körpers, nach umschlingenden Armen, nach zärtlichen Lippen.

Dann konnte es vorkommen, daß Mette sich mit Nägeln und Zähnen in die Kissen einkrallte und sich schüttelte wie im Fieber. In solchen Augenblicken wurde es ihr auch klar, daß sie doch wohl ein schlechter Mensch wäre. Und das Belastendste war, daß sie keine Reue kannte und nicht einmal gute Vorsätze. Im Gegenteil. Wenn sie sehr unglücklich war, dann faßte sie geradezu den Vorsatz, schlecht zu werden. Sie wollte nur lernen und an sich arbeiten, um Macht über die Menschen zu gewinnen, um zu berücken, zu verführen. Und dann wollte sie nach allem greifen, was ihre Lust oder ihre Neugier auch nur für eine Stunde reizte, wollte nur den Schaum von den Kelchen schlürfen, den Saft aus den Früchten pressen und weiterjagen, von einem zum andern, nirgends verweilend, nirgends sich anheftend, nirgends aus den Tiefen schöpfend.

Ein solcher Entschluß trieb sie den Menschen näher. Sie wollte kopfüber den Sprung in den Strom wagen, weil sie die Kraft in sich fühlte, die Flut zu meistern. Sie nahm sich vor, am andern Tag eine Bekanntschaft anzufangen, mit irgend jemand auf Redefuß zu kommen – ein Wort konnte wie ein ins Wasser geworfener Stein immer weitere Ringe ziehen, und in wenigen Wochen konnte sie der Mittelpunkt eines Kreises sein.

Wenn sie am andern Tag unter den Gesichtern Umschau hielt, erschienen sie ihr plötzlich alle leer und langweilig oder verlogen und unheimlich, und ihr Inneres zog sich zusammen wie ein erschreckter Igel, ängstlich und feindselig. Und sie faßte einen neuen Entschluß: zu schweigen, immer zu schweigen, niemals mehr als das unumgänglich Notwendige zu reden, niemals mehr einem Menschen das Du zu gönnen, Barrikaden und Mauern des Schweigens zu errichten zwischen sich und der Welt. – – –

Es wäre vielleicht noch wochen- und monatelang so weiter gegangen, wenn nicht eines Tages Gisela Werkenthin in die Pension gekommen wäre, um die kleine Geschminkte zu besuchen. Sie fiel Mette sofort auf, als sie das Eßzimmer betrat. Nicht, daß sie besonders schön gewesen wäre. Sie war schlank, schmächtig, knabenhaft gebaut. Ihr schmales Gesicht wurde noch schmäler durch das auf Pagenart geschnittene dunkle Haar, das die Hälfte der Wangen verdeckte. Ihr Mund war fast lippenlos, nur eine feine blaßrote stolz und schmerzlich gebogene Linie. Ihre dunklen Augen mit auffallend breiten Lidern lagen in großen, tiefen, aschgrauen Höhlen.

Mette stand an diesem Abend nicht gleich nach dem Essen auf, wie gewöhnlich. Sie ließ sich noch einen Tee bringen, um einen Vorwand zu haben, tat, als ob sie ungeduldig in dem Tee rührte, um ihn abzukühlen, und beobachtete dabei den Tisch, an dem die blasse Frau mit den abgeschnittenen Haaren saß.

Sie lachte mit den andern, trank, und rauchte unzählige Zigaretten.

Aber plötzlich konnte sie während des lärmenden Gesprächs in sich zusammensinken, wie eine Schlafende, die schmale Hand mit der brennenden Zigarette stand wie erstarrt in der Luft, und ihre Augen bohrten sich durch den Nebel von Rauch und Dunst, als sähen sie in der Ferne ein furchtbares lähmendes Geschehen.

Am nächsten Tage suchte Mette Frau Meidinger, die Wirtin, auf. Sie hatte eine unwichtige Kleinigkeit mit ihr zu besprechen, die sie sicher ein anderes Mal durch die Vermittlung des Mädchens erledigt hätte. Aber in der Nacht hatte sie den unerschütterlichen Entschluß gefaßt, den Sprung in das „Leben“ zu tun, und aus diesem Grunde zwang sie sich erst einmal dazu, Frau Meidinger persönlich aufzusuchen, die blond und rundlich, wohlfrisiert und liebenswürdig wie immer, in ihrem sehr behaglichen Wohnzimmer hinter einem gedeckten Teetisch thronte.

Sie schien sehr entzückt, Mette zu sehen. Sie quälte so lange, bis Mette eine Tasse Tee genommen hatte, und dann fing sie an, in ebenso neugieriger wie herzlicher Art, Fragen zu stellen, die Mette beantwortete, weil sie keinen Grund hatte, sie nicht zu beantworten. Aber sie lächelte ein wenig dabei und dachte: ‚Wenn ich etwas vor dir verbergen wollte, meine Liebe – auf diese Weise würdest du es nicht aus mir herausfragen.‘

Sie gab gern zu, daß sie Waise wäre. Ja, es war ihr sogar ganz recht, daß die Trauer, die sie noch um ihren Vater trug, eine genügende Erklärung für ihr blasses und verhärmtes Aussehen gab. So kam die gutmütige und aufdringliche Frau wenigstens nicht auf den Gedanken, nach einem heimlichen Kummer und seiner Ursache zu forschen.

Mettes Schicksal war in wenigen Sätzen klargestellt: sie war Waise, hatte weder Geschwister noch Großeltern am Leben und hatte mit Absicht eine fremde Stadt aufgesucht, um in ganz veränderter Umgebung die traurigen Eindrücke der letzten Zeit loszuwerden. Frau Meidinger gab sich damit zufrieden, oder sie tat wenigstens so. Sie gestand Mette ein, daß – was diese sehr verwunderte – schon alle Gäste nach ihr gefragt hätten, und daß jeder hinter der jungen schweigsamen Dame in Trauer eine romantische Geschichte vermutete. Fräulein Luigi – Mette würde doch zweifellos Fräulein Luigi kennen? – sie wäre ja beim Kabarett und hätte viel Erfolg jetzt, außergewöhnlich viel Erfolg – ja, die Kleine mit dem schönen roten Haar – mit dem rotgefärbten Haar, versteht sich, das hätte Mette doch wohl auch schon bemerkt? – Also Fräulein Luigi hätte sogar Frau Meidinger schon immer gequält, daß sie eine Bekanntschaft vermitteln solle; aber wie Frau Meidinger das Fräulein Peters erzählt habe, hätte die gesagt, sie wäre immer sehr geradezu, Fräulein Peters, und manchmal auch ein bißchen derb: „Unterstehen Sie sich und machen Sie dies feine, zarte, vornehme junge Menschenkind bekannt mit dieser ...“, na, sie wollte lieber nicht wiederholen, was Fräulein Peters gesagt hätte, denn, wie gesagt, Fräulein Peters sei manchmal ein bißchen derb. Aber so schlimm würde es wohl gar nicht sein mit der kleinen Luigi. Sie wär’ natürlich keine Heilige vom Himmel – aber wen ginge das was an? Sie, Frau Meidinger, wäre ihr nicht zum Vormund gesetzt ... und die Hauptsache wäre, daß ihr Haus rein bliebe, darauf achtete sie, und da könnte ihr keiner etwas nachsagen. Und wenn ein junges Mädel heut ihr Brot verdienen müsse wie ein Mann, dann wolle sie auch ihr Vergnügen haben wie ein Mann. Die Soliden wären ihr lieber, freilich, selbstredend. Aber heutzutage, ach, wer wäre denn heutzutage noch solid? Und wer es nicht so triebe, der triebe es eben anders. Ob Mette nicht gestern die Gisela gesehen hätte?

Mette machte ein zweifelndes Gesicht und hatte das Gefühl, rot zu werden.

„... eine von den Damen, die gestern zu Besuch bei Fräulein Luigi waren?“

„Ja, die Dunkle – ach, Sie haben sie sicher gesehen, Fräulein Rudloff! Sie sieht ja so elend aus, so namenlos elend! Ist Ihnen das nicht aufgefallen? Sie haben wohl nicht so den Blick dafür – aber wer Bescheid weiß, der sieht es ihr ja auf hundert Schritt an, daß sie Morphinistin ist. Es ist schließlich keine Indiskretion von mir, wenn ich Ihnen etwas erzähle, was die ganze Stadt weiß. Diese begabte Person! Es ist ein Jammer um sie, denn sie geht zugrunde, sage ich Ihnen, sie geht zugrunde an einer Frau!“

Frau Meidinger machte eine Kunstpause und sah Mette erwartungsvoll an.

Mette fühlte, daß dieser Blick sie aufforderte, irgend etwas zu sagen.

„Wie fürchterlich,“ sagte sie in dem Ton eines Kindes, dem man unglaubbare Schauergeschichten erzählt.

„Ja, mein liebes Kind,“ sagte Frau Meidinger mit beinah mitleidiger Überlegenheit, „in Ihren großen unschuldigen Augen, da steht so deutlich die Frage: Gibt es denn so etwas überhaupt? Ach, mein Kind, haben Sie eine Ahnung, was es alles gibt! Wir leben in einer schrecklichen Zeit, wirklich! Aber was soll man machen? Man kann aus der Zeit ebensowenig heraus wie aus seiner eigenen Haut. Wenn ich es mir hätte aussuchen können, ich hätte auch lieber im Biedermeier gelebt, wo alles recht gemütlich herging. Oder zu Goethes Füßen gesessen – wo finden wir heute einen Goethe?“

Mette bedauerte aufrichtig, Frau Meidinger nicht zu dem ersehnten Platz verhelfen zu können. Sie stellte sich das Bild recht erheiternd vor und benutzte die nächste Gelegenheit, um sich zu verabschieden.

Schon während sie über den langen, schlecht erleuchteten Flur nach ihrem Zimmer ging, kehrten ihre Gedanken zu der armen Gisela zurück und hörten nicht auf, sie zu umkreisen.

Arme Gisela, die an einer Frau zugrunde ging! Oh, wie Mette sie verstehen konnte. Und sie würde Mette verstehen. Alles würde sie verstehen, was Mette durchgemacht, Kampf und Liebe und Leid.

Mette war zumut, als müsse sie diese fremde Frau mit den qualbrennenden Augen suchen, ihr nachgehen, sie bei der Hand fassen, um ihr zu sagen: „Wir verstehen uns, wir gehören zusammen, weil wir die Unglücklichsten der Welt sind. Wir müssen Freunde werden, weil niemand außer uns begreifen kann, was wir gelitten haben.“ – – –

Am andern Abend ging das Gespräch zwischen den Tischen hin und her über irgendeine Meldung des Abendblattes. Einige hatten die Zeitung schon gelesen, andere nicht, und da Mette sie in der Hand hielt, bot sie sie ihrem Nachbarn an. Die kleine Luigi bat, auch einen Blick hineinwerfen zu dürfen, was Mette mit großer Liebenswürdigkeit gestattete, und nach fünf Minuten war ein allgemeines Gespräch im Gange.

Am nächsten Tag schien es für Fräulein Luigi selbstverständlich, daß sie Mette mit ein paar freundlichen Worten anredete. Und am Abend, als sie die, welche sich gewöhnlich um sie scharten, aufforderte, auf ihrer Bude noch einen Schnaps zu „genehmigen“, trat sie auch an Mettes Tisch heran und bat sie, noch eine Viertelstunde mitzukommen – nicht „feierlich“, aber „gemütlich“.

Mette gab sich innerlich einen Ruck und stand auf, um mitzugehen. Sie mußte an dem Tisch vorüber, an dem Luise Peters mit ihren Genossen saß. Mette ging mit sehr hochgerecktem Kopf vorbei, aber sie glaubte die erstaunten und spöttischen Blicke auf ihrem Rücken prickeln zu fühlen. In einem aufwallenden Trotzgefühl schob sie ihre Hand in den Arm der kleinen Luigi: ‚Ich gehöre zu diesen hier,‘ sollte das den andern sagen, ‚zu diesen, die ihr verachtet, und die ein Herz für mich haben – und nicht zu euch, ihr hochmütigen Tugendbolde – ihr hättet euch ja eher um mich kümmern können – jetzt geschieht es euch recht, wenn ich zugrunde gehe!‘

Als dies Gefühl ihr klar wurde, kam sie sich selbst sehr lächerlich vor. Was hatten diese wildfremden Menschen mit ihr zu tun, wieso hatten sie eine Verantwortung für sie! Und doch empfand sie dunkel: Die da sitzen und mir höhnisch und bedauernd nachsehen – die sind meine Klasse, sind mir verwandt, zu ihnen gehöre ich – aber ich löse mich von ihnen und gehe mit den andern, mit den fremden – mit denen, die mir verwandt sind, weil sie mein Schicksal haben, weil sie überhaupt ein Schicksal haben und nicht bloß ein Dasein, weil sie Leid kennen und Leidenschaft – und nicht bloß Leiden, weil sie eifersüchtig sind und nicht bloß eifrig, weil sie triebhaft sind und nicht bloß betriebsam ... nein, ich gehöre nicht zu euch, ich hasse euch, ich verachte euch! Ihr und euresgleichen, ihr habt Olga Radó gemordet – ich gehöre nicht mehr zu euch, und da ich doch irgendwohin gehören muß, will ich versuchen, zu diesen zu gehören.

Sie überschritt die Schwelle zu Mara Luigis Zimmer mit so angespannter Entschlußkraft, als schritte sie in ein neues Leben. – – –

Die kleine Luigi mußte von den meisten Stühlen erst eilig irgend etwas wegraffen, um ihren Gästen Platz anbieten zu können. Als sie einen Arm voll aller möglichen Gegenstände zusammen hatte, warf sie ihn aufs Bett: „So, Kinder, setzt euch!“

Fräulein Lorenz, eine schlanke, gutgekleidete Blondine mit einem hübschen und ausdruckslosen Puppengesicht, warf sich auf den kissenbedeckten Diwan und nahm einen großen Teddybären zärtlich in den Arm. Der kleine Kramer, ein blonder, schmächtiger Junge mit dem Gesicht eines frühverdorbenen Kindes, bemühte sich, einen Platz auf dem Diwan zu erkämpfen. Aber die hübsche Lorenz trat so heftig nach ihm, daß ihre schlanken zappelnden Beine in dünnen Seidenstrümpfen bis über die Knie sichtbar wurden.

Ein ernst und kränklich aussehender Mann, der nicht unbedingt zu diesem Kreis gehören mußte, da Mette ihn auch schon mit der andern Partei in freundschaftlichem Gespräch getroffen hatte, schob Mette, die noch immer wie unschlüssig in der Mitte des Zimmers stand, wortlos einen Sessel hin.

Mette lächelte ihm dankbar und etwas verwirrt zu und setzte sich.

Unterdessen hatte der kleine Kramer einen so kräftigen Tritt erhalten, daß er mit einem lauten Jammergeschrei von der Diwanecke herunterrutschte und auf den Teppich glitt, wo er sitzen blieb und sich weder mit Gewalt noch mit Zureden wieder in die Höhe bringen ließ.

Frau Breslauer, eine üppige Dame mit gemalten Augenbrauen, hatte auf dem Bett ein Korsett aus weißem Seidentrikot entdeckt, das sie unter den zahlreichen anderen Sachen hervorzog. Sie wollte absolut wissen, ob es Maßarbeit sei, ob die berühmte Fischer es angefertigt hätte und wie teuer es gewesen wäre.

Giesbert, ein junger Maler, ein schlanker, gut aussehender Mensch, riß das Korsett aus den Händen der Frauen und tanzte damit durch die Stube. Mara Luigi jagte hinter ihm her, sie hatte die ohnehin schon kurzen Röckchen mit der linken Hand zusammengerafft, die rechte streckte sie zappelnd in die Luft – wenn Giesbert sich aufreckte, kletterte sie auf einen Stuhl, wenn er auf einer Seite des Tisches hin und her sprang, in Bereitschaft, jeden Augenblick die Laufrichtung zu verändern, machte sie es auf der anderen Seite ebenso. Ihre Haarnadeln fielen klirrend zu Boden, Strähnen und Locken tanzten um ihr Gesicht.

Mette legte die Hände sehr fest um die Sessellehnen und schloß eine Sekunde die Augen, weil sie fühlte, daß sie schwindlig wurde.

‚Das ist das Leben,‘ dachte sie, ‚ich muß mich daran gewöhnen.‘

Der häßlich und kränklich aussehende Mann, der immer noch hinter ihrem Stuhl stand, beugte sich ein wenig vor und sagte mit einer ungemein sanften und angenehmen Stimme:

„Gnädiges Fräulein sind fremd hier?“

„Ja,“ sagte Mette mit einem hilflosen Lächeln, „ziemlich!“

Sie schalt sich selbst sehr kleinlich und spießbürgerlich, aber sie hatte doch das Gefühl, daß es immer noch leichter in einer der steifen und herkömmlichen Gesellschaften sei, wo die Wirtin die Verpflichtung fühlte, sich um einen fremden Gast zu kümmern. Sie wollte nicht beachtet werden, nicht eine Rolle spielen, sie hätte diesem Durcheinander gern als unbeteiligter Zuschauer beigewohnt – aber als unsichtbarer – weil sie – ganz zu Unrecht – das Gefühl hatte, daß jeder sie ansah und mit leisem Unbehagen feststellte, daß dieses ernste, unbeholfene und schweigsame Wesen gar nicht in den Kreis paßte. Sie war sehr dankbar, daß dieser fremde, nicht sehr sympathisch aussehende Mann sie ansprach, und daß sie sich ihm zuwenden konnte – schon, damit die andern nicht dachten, sie warte hochmütig darauf, daß sich irgend jemand ihrer annähme.

Der häßliche Mann neigte sich ein wenig:

„Eccarius. Man hat uns zwar sehr liebenswürdigerweise zusammen eingeladen, aber man hat leider bis jetzt versäumt, uns miteinander bekannt zu machen.“

Er lächelte. Und dies Lächeln war bei aller Überlegenheit so gütig und nachsichtig, daß es Mette sofort für ihn einnahm.

„Man darf es so genau nicht nehmen,“ sagte sie, auch ihrerseits sofort zur Nachsicht bereit. „Es geht auch so!“

Sie gab sich einen kleinen Stoß und nannte ihren Namen, was Eccarius jedoch nicht veranlaßte, die Anrede „gnädiges Fräulein“ aufzugeben.

„Darf ich?“ Er zog sich einen Stuhl in ihre Nähe. „Natürlich, mein gnädiges Fräulein, es geht auch so! Wir stecken immer noch viel zu sehr im überlieferten Formelkram. Ich beneide diese Menschenkinder um ihre schöne Leichtigkeit! Das hüpft und springt und duzt sich und teilt alle Geheimnisse und weiß gar nicht, wie schwer es für unsereinen ist, eine Brücke von Mensch zu Mensch zu schlagen.“

Durch das Wort „unsereinen“ fühlte Mette sich erkannt. Trotz aller Mühe, die sie sich gab, merkte man ihr also an, wie fremd sie in diesem Kreise war. Sie war sich nicht ganz klar, ob sie das als wohltuend oder schmerzlich empfinden sollte.

Der hübsche Giesbert tanzte vor dem großen Schrankspiegel herum, hatte das Korsett über seinen grauen Jackenanzug umgelegt und versuchte, es zuzuzerren.

„Mein bestes Korsett,“ schrie die kleine Luigi aufgeregt, „du wirst es mir kaputt machen! Du bist ein Viech, leg’ es hin, aber sofort!“

„Du brauchst es ja doch nicht,“ lachte Giesbert, „tu doch nicht so, als ob du je eins anhättest!“

Er kniff sie in die Seiten, was sie zu einem lauten Quietschen veranlaßte.

Mette hätte es sich selbst nicht zugegeben, daß sie sich durch diesen Ton verletzt fühlen könnte.

„Wie herrlich jung diese Menschen sind,“ sagte sie lächelnd zu Eccarius, „ich komme mir ganz alt und grämlich vor neben diesen Kindern.“

„Kindern ...“ wiederholte Eccarius mit einem seltsam verschlossenen Gesichtsausdruck und nach innen schauenden Augen, „ja, vielleicht ... Kindern ...“ Dann sah er Mette an, mit einem vollen Blick und seinem guten Lächeln:

„Sie haben sicher eine sehr glückliche Kindheit gehabt.“

„Ja,“ sagte Mette mit tiefster Überzeugung.

Sie dachte dabei nur an ihre ersten Lebensjahre. Sie sah sich im Park bei den Großeltern, in weißen gestickten Kleidchen, die die welken, gütigen Hände der Großmutter unermüdlich für sie arbeiteten. Sie sah das Gartenhäuschen mit den bunten Gläsern in den Fensterscheiben und den Bach mit der Brücke und die leuchtenden Blumenrondells vor der Terrasse. Sie spürte den Heuduft, der von den Wiesen herüberkam, sie hörte das Summen der Insekten, das die ganze Luft wie mit fernem Glockenton erfüllte, sie sah die riesengroßen weißen und gelben Schmetterlinge, die fast so groß waren wie die Kinderhändchen, die sich zärtlich nach ihnen streckten.

Wie kam es nur, daß sie an diese Zeit dachte, als sei jeder Tag, jede Stunde voll und übervoll einer unnennbaren Seligkeit gewesen, einer Seligkeit, die jetzt noch, wenn nur das Wort „Kindheit“ gesprochen wurde, das Herz mit einer sanften, lichten Wärme streichelte!

Wenn Mette daran dachte, daß sie sehr früh schon Kampf und Qual und Leid kennengelernt hatte, daß sie gegen Tante Emilie, die mit viel Rechtlichkeit und wenig Verständnis ihre Erziehung leitete, einen peinigenden Haß empfunden hatte, daß ihr früh schon bewußt war, was es hieß, Eifersucht zu fühlen, dann war ihr, als gehörte diese Zeit – eine Zeit, wo sie noch nicht zehn Jahre alt war – schon nicht mehr ihrer Kindheit an. Kindheit, das waren die wenigen Jahre, in denen ein Quell von beglückender Liebe aus dem eigenen Herzen sprudelte und sich unterschiedslos über Bäume, Tiere, Menschen und Puppen ergoß, die nur irgend in den Bereich der Sinne kamen.

In dem Augenblick, wo dieser Liebesstrom in eine Richtung geleitet wurde, wo er Hindernisse durchbrechen sollte, die sich ihm in den Weg stellten, wo er austrocknete auf einer Stelle, die er vorher befruchtet hatte und dürre Gleichgültigkeit oder sumpfigen Haß zurückließ – in diesem Augenblick schien für Mette der Begriff „Kindheit“ schon vorüber.

„Ja,“ sagte sie und richtete die Augen wieder auf Eccarius, „eine sehr glückliche Kindheit, aber keine sehr lange. Ich habe das Gefühl, daß ich früher erwachsen war als andere Kinder – nicht reif, um Gottes willen, daß Sie mich nicht mißverstehen – reif bin ich heute noch nicht ...“

„Wer ist reif?!“ warf Eccarius mit seinem sanften Lächeln ein.

„Aber ich glaube, daß ich früher als andere Kinder aus diesem Zustand seliger Unbewußtheit erwacht bin.“

„Das ist schade.“ Über seine ernsten, hellgrauen Augen zog ein Schleier, wie von tiefer Bekümmernis. „Das ist sehr, sehr schade.“

Mette hatte wohl unwillkürlich ein etwas erstauntes Gesicht gemacht, denn er bemühte sich, seine Anteilnahme zu erklären:

„Sehen Sie, wenn ich glückliche Kinder sehe, dann möchte ich immer Wälle und Mauern um sie errichten, damit sie so bleiben, wie sie sind, recht, recht lange so bleiben. Der Gedanke ist so furchtbar, daß nur ein giftiger Hauch diese zarten kleinen Geschöpfe zu treffen braucht, um all ihre Glückseligkeit in höllische Qual zu verwandeln.“

„Schenk es ihm doch!“ schrie der kleine Kramer von seinem Platz auf dem Fußboden aus, „wenn er sich doch von dem Korsett nicht trennen kann! Es hat eben jeder seine Passion, und es soll Leute geben, die das sehr amüsant finden!“

„Du Schwein!“ sagte Fräulein Lorenz und trat mit dem Fuß nach seiner Schulter.

Giesbert hatte irgendwoher einen reihergeschmückten Tüllhut genommen und ihn auf den Kopf gestülpt. Mit einer Hand hielt er das Korsett auf seinem Magen zusammen, mit der anderen griff er bei jedem Schritt ängstlich nach dem schwebenden Hut, um ihn im Gleichgewicht zu halten.

„So geh ich morgen aufs Atelierfest,“ verkündete er im Triumphton, „ich werde Furore machen!“ Und plötzlich, mit einer Stimme, die ins Falsett umschlug: „Huch nein! Ich bin die Schönste von allen! Die Tante wird mich ausbilden lassen! Wenn ich nur wüßte, wozu? Ich habe so entsetzlich viele Talente!“

„Richtig,“ schrie die kleine Luigi dazwischen und machte einen Luftsprung, „das Atelierfest bei Sophus! Sei doch eine Minute still, ekelhafter Bengel! Sagt mir lieber im Ernst, was zieht ihr an? Kostüm oder so? Leg’ jetzt die Sachen hin, Giesbert, sonst bekommst du so gewiß und wahrhaftig keinen Schnaps!“ Sie stampfte zur Bekräftigung mit dem Fuß auf.

Giesbert markierte ein angstvolles Zittern und Schlottern und stürzte mit knickenden Knien ans Bett, um die Sachen niederzulegen.

Die Kleine lachte und holte aus dem Schrank eine Schnapsflasche.

„Ich habe nur zwei Gläser! Erich, klingle mal!“ befahl sie.

„Ach, laß doch,“ meinte Fräulein Lorenz gleichmütig, ohne sich aufzurichten, „wir trinken nacheinander! Wenn Emma jetzt hier Schnapsgläser herbringen soll, erzählt sie wieder, wir feiern Orgien.“

„Also schön!“ Mara Luigi spülte die Gläser in der Waschschale aus. Sie griff nach einem Handtuch, und Mette erschrak ein wenig, weil sie dachte, sie würde es zum Abtrocknen der Gläser benutzen; aber sie wischte sich nur die Fingerspitzen daran ab. Sie goß die Gläser voll und bot Mette zuerst an.

„Wissen Sie was, Fräulein Rudloff?“ sagte sie, als sie vor ihr stand, „Sie müssen morgen da mit hin, ganz gewiß, das müssen Sie!“

„Ich?“ fragte Mette fast erschrocken, „wohin denn?“

„Auf das Atelierfest natürlich! Sie haben wahrscheinlich in Ihrem Leben noch kein richtiggehendes Atelierfest mitgemacht. Das müssen Sie sich doch mal ansehen.“

Mette verspürte gar keine Lust; sie verwünschte es, daß sie überhaupt dieser Aufforderung gefolgt war, anstatt in ihrem Zimmer zu bleiben, wo sie sich vor jedem störenden Geräusch verschließen konnte und sich vor den eigenen Gedanken in ihre stillen, klugen Bücher flüchten.

„Aber ich kenne diese Herrschaften doch gar nicht,“ sagte sie hilflos.

‚Doch seltsam,‘ dachte sie, ‚zu Hause hätte ich sicher „diese Leute“ gesagt und hätte mir von Tante Emilie einen Rüffel geholt. Hier, wo es sicher allgemein als affektiert auffällt, wenn ich „Herrschaften“ sage, kommen Tante Emiliens gute Lehren zum erstenmal zum Durchbruch.‘

„Wen? Sophus und Nora?“ fragte Giesbert, einen Augenblick von seinem tollen Gehabe ablassend und – noch außer Atem – sich das Haar streichend und wie ein vernünftiger Mensch redend:

„Die kennen Sie nicht? Dann müssen Sie morgen erst recht mit, denn dann ist es höchste Zeit, daß Sie sie kennenlernen. Ein paar Prachtweiber, ein paar ganz hervorragende Menschen! Will vielleicht jemand etwas anderes behaupten? Den fordere ich sofort zu einem Boxmatch!“

Er krempelte die Ärmel auf, duckte den Nacken und fletschte die Zähne.

„Sie können ruhig mitgehen,“ sagte die üppige Frau Breslauer mit ihrer etwas öligen Stimme, „ich bin das erstemal auch so sans façon mitgeschleppt worden und wurde gleich so reizend aufgenommen, nicht wahr, Maralein? wirklich ganz reizend!“

„Ja,“ lachte der kleine Kramer, „die haben, glaub’ ich, noch nie einen Menschen auf eine andere Weise kennengelernt, als daß er ihr Gast war!“

„Holt Gisela uns ab, oder treffen wir uns da?“ fragte die Lorenz.

‚Gisela,‘ dachte Mette, ‚die wird also auch dabei sein. Ich müßte es ja tun. Ich habe eigentlich nur die Wahl, mich entweder zu vergraben und ein Einsiedlerleben zu führen, oder aber jede Gelegenheit zu benutzen, um unter Leute zu kommen und Welt und Menschen kennenzulernen. Gisela! Ich sitze doch nur hier, um mir irgendwie einen Weg zu ihr zu bahnen, und wenn es mir so bequem wie nur möglich geboten wird, ihre Bekanntschaft zu machen, dann hab’ ich eigentlich nicht die geringste Lust, sondern nur Angst und Scheu und Widerwillen und das Bedürfnis, mich irgendwohin zu verkriechen, wo ich meine Ruhe hab’.‘

Eccarius mußte wohl den inneren Widerstreit auf ihrem Gesicht gelesen haben. Er beugte sich ein wenig vor und sagte in einer sehr beruhigenden Art:

„Sie können es wagen, denke ich. Sie werden eine bunte Auslese Menschen versammelt finden. Es wird Sie sicher zerstreuen und auch interessieren – es sind wirklich wertvolle darunter. Und wenn es Ihnen zu lebhaft wird, dann verpflichte ich mich, Sie zu jeder Zeit sicher nach Hause zu bringen.“

„Sie sind auch da?“ fragte Mette erleichtert.

Er nickte.

„Ja, dann glaub’ ich wirklich, ich kann es wagen!“ – – –

Während Mette sich ankleidete, um auf das Atelierfest zu gehen, hatte sie durchaus nicht das Bestreben, sich möglichst hübsch herzurichten, um beachtet zu werden, zu gefallen, zu wirken. Sie hatte nur den einen Wunsch, möglichst wenig aufzufallen und hätte viel darum gegeben, unsichtbar sein zu dürfen, oder sich den Trubel von einer Galerie herab, aus einem dunklen Nebenzimmer, anzusehen.

Sie wählte ein sehr schlichtes schwarzes Taftkleid, das durch keinen Farbenfleck, durch keine kühne Linie den Blick auf sich zog – aber sie konnte nicht hindern, daß ihre Erscheinung trotzdem etwas Auffallendes hatte – vielleicht machte das die Erwartung, die auf dem Grund ihrer leeren Augen loderte, und diese Augen in so scharfen Gegensatz brachte zu der sanften und fast abgeklärten Ruhe ihres blassen Gesichts. – – –

Als Mette in dem Vorraum der kleinen Villa draußen ihren Mantel ablegte und eine Fülle von Menschen, zum Teil in phantastischen Verkleidungen, sie umdrängte, eine Fülle von Geräuschen sie umbrauste, hatte sie schon Fluchtgedanken. Sie sah sich nach der kleinen Luigi um, die eine Welle von Menschen aus ihrer Nähe gerissen hatte. Vielleicht würde es niemand bemerken, wenn sie sich ihren Mantel wiedergeben ließ und leise wieder aus der Tür schlüpfte. Sie sah sich um, die Möglichkeiten eines Entkommens erwägend, und traf mit dem Blick in Eccarius’ Augen, der dicht hinter ihr stand.

„Nun sehen Sie sich einmal um,“ sagte er begütigend, als hätte er ihre Gedanken erfühlt, „und wenn es Ihnen zuviel wird, geben Sie mir einen Wink, und ich bringe Sie nach Hause. Ich habe gar nicht die Absicht, bis zum grauenden Morgen hier zu bleiben.“

Die Räume waren groß und hell, aber so voll lärmender Menschen, daß Mette schwindlig wurde. Ein dünner blauer Rauchschleier lag schon jetzt über den Gruppen und zog in Kreisen um die Lampen. Gesichter tauchten auf, prägten sich Mettes Sinnen ein, scharf und doch unwirklich, wie Fiebererscheinungen, und verschwanden wieder.

Eccarius blieb an ihrer Seite und deutete manchmal auf irgend jemand, den sie aus dem Gewühl nicht herausfinden konnte, und nannte ihr dazu einen Namen, den sie nicht verstand oder nicht behielt, weil er keine Bedeutung für sie hatte.

Eine schöne, große und schlanke Frau in einer Art Pagentracht eilte an ihnen vorüber. Eccarius rief sie an, und sie blieb stehen, um ihn zu begrüßen. Dadurch gewann Mette Zeit, sie zu betrachten. Sie trug schwarzseidene Kniehosen, weiße Strümpfe, einen Frack mit Spitzenmanschetten und hatte das dunkellockige Haar, das offen bis auf den halben Rücken fiel, im Nacken mit einer großen schwarzen Schleife zusammengebunden. Ihr Gesicht hatte klare und regelmäßige Züge, eine hohe und schön gemodelte Stirn und einen fast herausfordernd freien und kühnen Ausdruck, der Mette auf den ersten Blick gefangen nahm. Sie schien es Mette anzusehen, daß sie sich in dem Trubel nicht ganz zu Hause fühlte. Sie faßte sie bei der Hand wie ein Kind:

„Kommen Sie nur!“ sagte sie, halb zu ihr, halb zu Eccarius gewandt, „ich bringe die Kleine zu Nora – das ist doch immer ‚der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht‘ – da werden Sie sich wohler fühlen. Ach Gott!“ sie legte Mette die Hand unters Kinn und drehte so ihr Gesicht ein wenig zu Eccarius, „sieht sie nicht aus wie ein Kleines am ersten Schultag? Kommen Sie, Kindchen, Sie sollen einen Ehrenplatz haben!“

Sie bahnten sich einen Weg durch schwatzende und lärmende Gruppen. Die schöne Frau wurde von allen Seiten angerufen, festgehalten, umarmt, begrüßt, gefragt. Mit immer gleichbleibender Geduld und Liebenswürdigkeit machte sie sich überall wieder los, aber es dauerte eine Viertelstunde, bis sie mit Mette zwei Zimmer durchquert hatte.

Am Ende des zweiten Zimmers war ein etwas erhöhter Erker, auf dem, andere Stühle und einen hübsch gedeckten Teetisch überragend, ein hochlehniger, schön geschnitzter Renaissancesessel stand. In diesem Sessel, von dem erdbeerroten Brokat abgehoben wie von einem gemalten Hintergrund, saß eine hochblonde Frau, in Weiß gekleidet, weiße, weichfließende Schleiertücher über den Schultern, eine leichte weiße Decke über den Knien.

Beim ersten Anblick war Mette überrascht von der Schönheit des Bildes. Bei näherer Betrachtung merkte sie, daß die thronende Frau die Vierzig überschritten haben mochte, daß sie zu üppig war, um schön zu sein, daß Alter und Krankheit die früheren reinen Linien des Gesichts angegriffen und verwischt hatten, aber im nächsten Augenblick, als Mette ihre warme, frauliche Hand hielt, als ein Lächeln von unbeschreiblich wärmender Herzlichkeit und Güte sie anstrahlte, vergaß sie, nach Schönheit und Häßlichkeit zu fragen und gab sich bedingungslos dem milden Zauber dieser Persönlichkeit.

„Hier, Norina,“ der schlanke Page hatte den Arm leicht um Mettes Schulter gelegt, „hier, nimm die Kleine unter deine schützenden Fittiche. Sie geht uns sonst verloren in dem Wirrwarr.“

Irgend etwas in diesen Worten, die Fürsorge, die sich unter leichtem Spott verbarg, erinnerte Mette so an Olga, daß sie hätte aufheulen mögen wie ein getretener Hund.

Die hellen, menschenerfüllten Räume, die fremden Gesichter, die nicht nur wie sonst gleichsam hinter Schranken an ihr vorüberzogen, sondern auf sie eindrangen, irgendwie die Schranken durchbrachen, die sie um ihr Leben gezogen hatte, das war nach der Stille und Einsamkeit der letzten Wochen zuviel. Ein Zustand kam über sie, der einem heftig einsetzenden Fieber nicht unähnlich war.

Sie mußte lächeln, als sie sah, daß im selben Augenblick, wo der Raum um sie zu flackern schien, ein Schatten von Sorge über das Gesicht der blonden Frau lief. Zugleich fühlte sie, wie ihr ein Stuhl in die Kniekehlen geschoben und sie von sanften, aber kraftvollen Händen auf den Sitz gedrückt wurde.

Sie saß nun auf einem niedrigen Stuhl dicht neben dem hohen Sessel.

„So,“ sagte die dunkeltönige Stimme hinter ihr, „und wenn es Ihnen nun zu hell oder zu laut oder zu bunt wird, dann legen Sie ihr Köpferl auf die Lehne und kriechen ein bissel unter den Schleier, das mach’ ich auch immer so.“

Mette schmiegte gehorsam die Wange gegen die Seitenlehne des hohen Stuhls und fühlte, wie der Schleier ihr leicht über den Kopf gezogen wurde. Der hauchdünnen weichen Seide entströmte ein leiser Resedaduft.

„Ach, Reseda,“ Mette war ganz glücklich, „das erinnert mich so an den Garten meiner Großmutter. Alle Beete waren eingefaßt mit einem Kranz von Reseden.“

„Ja,“ sagte Nora mit einer Stimme, die so sanft war wie der seidene Schleier, „Reseda und Levkoien, das wächst immer in Großmutters Garten. Darum hab’ ich auch den Duft gern.“

„Wohl dem, der wenigstens eine Großmutter gehabt hat,“ sagte ein ernst aussehender Mensch an Noras anderer Seite. „Nein, lachen Sie nicht, Willi, das sollte gar kein Witz sein. Eine Mutter, was man wirklich so nennt, haben wir doch wohl alle nicht gehabt. Meine Mutter ist eine famose Frau, Sie kennen sie ja, Nora ... aber als ich vierzehn war und in den entsetzlichsten Kämpfen und Krisen, da machte sie eine große Tournee durch Amerika und heimste Gold und Lorbeeren ein – ich war furchtbar stolz auf sie, aber ich kann Ihnen sagen, ich wollte, ich hätte damals eine Großmutter gehabt!“

„Und besonders eine mit einem Garten,“ lachte der „Willi“ Genannte und streckte die Beine weiter in das Zimmer – er saß auf der Stufe, die zum Erker hinaufführte.

„Auch das,“ erwiderte der Ernste, „wer hat heutzutage noch einen Garten! Wohl dem, der wenigstens die Erinnerung daran hat! Ich kenne Menschen, die ihre ganze Lebenskraft aus ihren Kindheitserinnerungen saugen. Ein großmütterlicher Garten, das ist wie eine Insel im Meer der Geschehnisse, und ich kann nur sagen: Wohl dem, der von einer Insel abgesegelt ist und nicht auf einem schaukelnden Schiff geboren. Wenigstens weiß er doch, daß es irgendwo das friedliche Eiland gibt, und ein günstiger Wind kann ihm einen Resedaduft zuwehen – aber für unsereinen weht der Resedaduft immer aus dem Lande Nirgendwo ... oder vielmehr: Es weht ein Duft an uns vorüber, und wir wissen nicht einmal, daß es Reseda ist!“

„Warten Sie noch acht Tage, Ulrich,“ begütigte Nora, „wenn die Reseda bei uns im Gärtchen blüht, setz’ ich Sie tagelang daneben in die Sonne – dann werden Sie später, wenn Sie dem Duft irgendwo begegnen, immer die Vorstellung von unserm Gärtchen haben ... und mich können Sie getrost als Großmutterersatz betrachten.“

Er griff nach ihrer Hand, um sie zu küssen:

„Ja, bei Ihnen ist wirklich noch das Eiland des Friedens, und Sie sind ein guter Engel, daß Sie jedem Müden hier Rast gönnen.“

Nora wandte sich an Mette.

„Sie dürfen nicht denken, daß es immer so bunt hier zugeht! Sie müssen einmal kommen, wenn wir mehr unter uns sind – wir haben so ein nettes Gärtchen, das ist unsre ganze Freude ... solange es irgend möglich ist, trinken wir draußen unsern Tee und freuen uns, wenn uns dabei jemand Gesellschaft leistet.“

„Ja, wenn die Fahne weht!“ lachte der junge Mensch auf der Stufe und drehte sich mit einem Ruck herum, „Sie müssen wissen, gnädiges Fräulein, hier geht es zu wie bei Majestätens. Wenn die Herrschaften anwesend sind, dann wird die Flagge gehißt!“

„Du mußt ordentlich erklären, Willi,“ verbesserte Nora, „es ist nämlich so: auf dem Laubendach ist so etwas wie eine Fahnenstange en miniature und daran weht ein buntes Wimpelchen. Man sieht es von allen Seiten, auch vorn, wenn man auf der Straße am Haus vorbeigeht.

Wenn nun Sophie übermäßig zu tun hat, oder es mir gesundheitlich nicht hervorragend geht, dann wird das Fähnlein eingezogen, dann braucht keiner – wenigstens kein Eingeweihter – sich erst bis zur Tür zu bemühen, um sich abweisen zu lassen. Schließlich ist das doch für beide Teile immer peinlich. Für den einen, der seine Arbeit unterbricht, oder seine Schmerzen bezwingt, und dann doch ein unliebenswürdiger Wirt ist, für den andern, der sich als Störenfried vorkommt, oder im andern Falle, wenn er wirklich abgewiesen wird, doch meistens das Gefühl hat: mit mir hätte man eine Ausnahme machen können, oder: mir hätte man es nicht durchs Mädchen sagen zu lassen brauchen. Es ist auch den Mädchen gegenüber peinlich: Sie sind meist so an das Lügen gewöhnt, daß sie von selber sagen: es ist niemand zu Hause. Daß ein Mensch arbeitet, scheint ihnen immer keine genügende Entschuldigung.

Nun wissen aber doch unsre Freunde, daß ich niemals das Haus verlasse ... und Sophie sehr selten. Sie kommen sich dann so angelogen vor. Um all diese Peinlichkeiten zu vermeiden, ist also das Fähnlein da. Wenn es weht, so heißt das: bitte, nur herein, wir erwarten euch. Da braucht es gar nicht erst den Umweg durch das Haus, da kann jeder, der Lust hat, uns zu sehen, gleich durch das Gartentürchen – und wenn es verschlossen ist, auch über die Hecke, nicht wahr, Willi?“

Willi war aufgesprungen und winkte mit der Hand zurück, ohne sich umzusehen, weil er mit gespannter Aufmerksamkeit in den Raum starrte, wo sich ein Kreis um ein tanzendes Paar bildete.

„Fiametta tanzt!“ rief er nach rückwärts, mit einer flüchtigen Wendung des Kopfes, „nein, dies Weib ist doch fabelhaft! Sie müssen sich das ansehen!“

Er ergriff Mette am Ellbogen, ganz jungenhaft in seiner Ungeduld, und zog sie vom Stuhl auf und an die Stufe des Erkers.

„Ich bitte Sie, haben Sie so etwas schon in Ihrem Leben gesehen? Ist sie nicht blendend? Ist sie nicht vollendet?“

In dem ziemlich kleinen Kreis, den die drängenden Zuschauer freigelassen hatten, tanzte ein schlanker, gutgewachsener junger Mensch mit einer Frau von rassiger Schönheit und großer Anmut. Sie war so eins mit der Musik, daß es schien, als entströmten die Töne ihren geschmeidigen Gliedern.

Sie hatte eine Art, zu tanzen, wie Mette sie noch nie gesehen hatte. Ihre Bewegungen waren sanft, kühl, gebändigt, edel und fast feierlich, und dabei sah es aus, als verbrauche die schöne Person einen großen Kraftaufwand, um ihren ebenmäßigen Körper in so würdevoller Ruhe zu bewahren, als bedürfe es nur eines Momentes Selbstvergessenheit, um das gezügelte Temperament wie eine Flamme auflohen zu lassen, um die lässige Weichheit der Muskeln in Stahl zu wandeln, und den sehnigen Leib in Raubtiersprüngen durch die Luft zu jagen.

Mette empfand bei ihrem Anblick ein schmerzlich-brennendes Gefühl, und als sie versuchte, in ihrer gewohnten Ehrlichkeit, sich darüber Rechenschaft zu geben, deutete sie es als Neid. Diese Frau konnten sicher tausend beobachtende Blicke nicht in Verlegenheit bringen – ihr würde es wohl keine Aufgabe bedeuten, durch einen menschenvollen Raum hindurch auf einen Tisch loszusteuern.

„Ist sie nicht fabelhaft,“ sagte der junge Mensch neben ihr, glühend vor Begeisterung, „ist sie nicht bezaubernd? Ist sie nicht wirklich wie aus einem andern Jahrhundert? Aus einem Jahrhundert, wo es noch schöne Frauen gab – schöne Frauen, die Persönlichkeit hatten und ihrer Umgebung – dem Hof, der Stadt, den Künsten! – ihren Stempel aufdrückten?“

Mette nickte nur stumm. Sie hätte ihn gern zum Schweigen gebracht, um zu verstehen, was hinter ihr gesprochen wurde. Sie hörte Noras sanfte, ruhige Stimme:

„Gewiß, Ulrich, sie ist sehr schön – sie hat Rasse und Temperament und Kultur, alles, was Sie wollen. Aber sie ist mir fremd und wird mir ewig fremd bleiben. Es klingt Ihnen vielleicht sehr töricht und sentimental, wenn ich sage: sie hat kein Herz. Aber ich glaube sogar, sie hat nicht einmal die primitivste Art von Gutmütigkeit ...“

Was Ulrich dagegen einwendete, konnte Mette nicht verstehen. Sie hörte erst wieder Noras Antwort:

„Nein, Ulrich, ich kann Ihnen nicht recht geben. Eine Frau ohne Güte ist für mich etwas so Reizloses, so Duftloses – und wenn sie noch so schön ist – so schön wie Ihre Fiametta – jawohl, Sie haben ein Faible für sie, und Sie verzeihen ihr alles, was Sie andern nicht verzeihen würden.“

„... nein, natürlich hat kein Mensch die Verpflichtung zu lieben, nur weil er geliebt wird. Aber man braucht ja nicht Gefühle in andern zu hegen und zu pflegen, wenn man keine Verwendung dafür hat ...“

„... o doch! Sie tut es! Und nicht in einem Fall – in hundert Fällen, und immer wieder! Sie hat die kleine Frau Bernhardt zugrunde gerichtet, sie hat Erwin halb verrückt gemacht, und sie richtet die Gisela zugrunde – alles aus Spielerei!“

Bei dem Namen Gisela zuckte Mette auf. Dies also war die Frau, an der Gisela zugrunde ging ... arme Gisela! Oh, Mette wußte wohl, daß man an einer Frau zugrunde gehen konnte! Das Herz brannte ihr in Zorn und Mitleid, in schmerzlicher Erinnerung und in Sehnsucht, zu helfen, zu lindern, zu retten.

Sie hatte keinen Blick mehr für die schöne Frau – ihre Augen suchten Gisela und fanden sie auf der andern Seite des Raumes, zusammengekauert, die unvermeidliche Zigarette zwischen den Fingern, mit dem Ausdruck gänzlicher Abwesenheit ins Leere starrend. Mette nahm einen Moment wahr, in dem Mara Luigi sich Gisela Werkenthin näherte, um sich mit einer Entschuldigung an Nora zu wenden:

„Sie gestatten, gnädige Frau, ich möchte ein Wort mit Fräulein Luigi sprechen.“

In Noras Ton schien ein leises Erstaunen zu liegen:

„Ah? Sie kennen sich? Sind Sie befreundet?“

Mette fühlte ein flüchtiges Rot über Stirn und Wangen gleiten:

„Ja ... nein ... das heißt ... wir wohnen in derselben Pension,“ sagte sie etwas verlegen.

Sie bahnte sich einen Weg an den Wänden entlang, immer in der Angst, daß sie die kleine Luigi nicht mehr im Gespräch mit Gisela erreichen würde und hatte dabei das Gefühl, eine Tat von großem Wagemut zu begehen. Sie hatte fast ein Gefühl von Heimweh nach dem niedrigen Sitz unter dem weichen, hüllenden Schleier – sie kam sich selbst vor wie ein halbflügger Vogel, der das Nest verlassen hat, um einen Flug in die Welt zu tun.

Aber ein zwingendes Gefühl trieb sie vorwärts.

‚Ich darf nicht feige sein,‘ dachte sie, ‚ich will ein Schicksal haben, und ich will ihm entgegengehen. Ich will die Arme breiten und alles mit Freuden tragen, was mir beschieden ist. Ich will das Leben lieben, was es auch bringt.‘

Die süßen und heißen Tanzmelodien zitterten durch die Luft. Es war, als ob sie Mettes Schritte in ihren leichten und feurigen Rhythmus zwängen und die Gedanken in ihr wie den Kehrreim eines Liedes klingen ließen:

‚Ich will das Leben lieben, ich will das Leben lieben.‘

Als Mette vor Gisela Werkenthin stand und Mara Luigi Namen nannte und eine vorstellende Geste machte, war wieder dies seltsame Gefühl da: ‚Wozu das alles – was soll nun werden? Wir sind miteinander bekannt gemacht, das heißt, wir wissen unsre Namen – die Buchstabenreihe, unter der wir in staatlichen Registern geführt werden – und das gibt uns das Recht, miteinander zu reden. Aber nichts gibt mir das Recht, auszusprechen, was ich denke. Wenn ich sage: ich möchte Sie kennenlernen, weil Sie mir so entsetzlich leid tun; weil Frau Meidinger mir gesagt hat, daß Sie Morphium nehmen, um Ihr Leid zu betäuben – Ihr Leid an einer Frau, und weil ich Sie so ganz verstehe und versuchen möchte, Ihnen zu helfen, oder wenigstens mit Ihnen unglücklich sein will – wenn ich das sagte, würde man mich in ein Irrenhaus sperren und ganz mit Recht, denn in einem normalen Zustand brächt’ ich das auch gar nicht über die Lippen.‘

„Ich kenne gnädiges Fräulein schon vom Sehen, glaub’ ich,“ sagte Mette mit einem kühlen Lächeln halb zu Gisela, halb zur Luigi gewendet, „waren Sie nicht neulich einen Abend in der Pension Meidinger?“

„Ja freilich!“ Gisela hob die dunklen Augen zu ihr auf, „da hab ich Sie auch g’sehn. Darum kam mir Ihr G’sichterl gleich so bekannt vor. Gehn’s, setzen’s sich her zu mir, hier is noch a Platzl.“

Sie rückte ein wenig auf dem breiten Diwan.

„Vielen Dank,“ sagte Mette und strich den Taftrock glatt, um sich zu setzen.

Sie war schon wieder in einer leisen Angst, weil sie meinte, nun wäre es an ihr, irgend etwas zu sagen, und zwar etwas, was sie ein bißchen über das Maß des Alltäglichen hinaushob – aber ihr fiel nichts ein.

Gisela Werkenthin war nicht so leicht in Verlegenheit um den Anfang eines Gesprächs:

„Sie kennen die kleine Luigi aus der Pension, gell?“

Mette nickte.

„Und sie hat Sie hergebracht, gell? Sie haben im Grunde nichts mit Kunst und ähnlichen Scheußlichkeiten zu tun?“

„Leider nicht,“ lachte Mette.

„Leider? Danken Sie Gott und Ihren höchstehrenwerten Eltern, daß Sie einen anständigen Beruf haben.“

„Ich habe gar keinen.“

„Gar keinen? Das ist der anständigste.“

„Ist das Ihr Ernst? Ich finde es so entsetzlich, keinen Beruf zu haben.“

„Warum entsetzlich? Einen Beruf haben, das heißt: bezahlte Arbeit tun. Von irgend jemand Geld zu nehmen, das heißt irgend jemandem dienstbar zu sein ... ganz gleich, ob das ein Einzelwesen ist oder eine Gesellschaft oder das Publikum. Dem Publikum dienstbar zu sein, das ist schon das Schlimmste! Wenn man keinen Beruf hat und keinen zu haben braucht, dann ist man sein eigener Herr! In diesen Worten liegt doch schon alles: Daß man keines andern Knecht ist. Warum soll das entsetzlich sein?“

„Ich weiß nicht,“ Mette drehte die Hände mit einer Geste der Hilflosigkeit, „vielleicht, weil man dann gar nicht weiß, wo man hingehört. Heimat haben wir doch kaum mehr.

Ich bin in Berlin geboren und groß geworden. Gibt mir das ein Heimatsgefühl? Ja, vielleicht wenn ich in Tokio bin, und ich höre einen Berliner reden, werde ich irgendwie verwandtschaftliche Gefühle in mir entdecken und werde vielleicht mit ihm zusammen sentimental werden, wenn wir an die Linden oder an Potsdam denken.

Aber stellen Sie sich vor, wie lächerlich man sich machen würde, wenn man in Luzern oder Baden-Baden oder sonstwo einen Berliner ansprechen würde: ich glaube, Sie sind aus meiner Heimatstadt! Wenn man in Ritzebüttel geboren ist, geht das schon eher! Familie hat man auch nicht, oder man macht keinen Gebrauch davon. Manchmal beneide ich die alten Adelsgeschlechter, die so in hundert Zweigen ausgebreitet sind, und doch mit allem verwachsen, was ihren Namen trägt. Und endlich beneid’ ich die Leute, die einen Beruf haben ... schließlich hat doch jeder Schuster Anknüpfungspunkte zu jedem Schuster der Welt, die Droschkenkutscher duzen sich untereinander, die Ärzte haben einen Kollegen, an den sie sich wenden könnten, fast in jedem Dorf der Erde – die Künstler sind wie eine große Familie, namentlich die Leute vom Theater – Kollegenschaft ist doch schon eine große Sache ... es ist ja möglich, daß Beruf eine Kette ist ... aber ... ich weiß nicht, ob Sie das Gefühl verstehen ... ich denke manchmal, es müßte gut sein, irgendwo recht fest angekettet zu sein, damit man nicht in einen Abgrund stürzt.“

„Oh! Ich versteh schon ... wollen Sie eine Zigarette?“ sie bot ihr das schmale Birkenholzetui, „nur ... ich glaub’ nicht recht an eine Zusammengehörigkeit zwischen Berufskollegen. Ebensowenig, wie an eine Verwandtschaft des Blutes ... mir ist auf der ganzen Welt kein Mensch so fremd, wie meine Schwestern. Nein, nein, derselbe Bildungsgrad, dieselben Interessen, – das einigt die Menschen ebensowenig, wie dieselbe Höhe des Einkommens.“

„Aber man muß sich doch irgendwo zugehörig fühlen ...,“ meinte Mette ratlos.

Gisela hob müde die Achseln:

„Um sich glücklich zu fühlen, sicher. Das Beste ist vielleicht noch die Zusammengehörigkeit mit einem Menschen. Aber das ist ein so seltner Fall, daß man den Menschen findet. Und sonst? Ich denke manchmal, Leute, die dasselbe Unglück haben, oder dieselbe Krankheit, sollten sich zusammenschließen. Die Blinden, die Lahmen, die Buckligen.“

So ungefähr hatte Mette vorhin noch gedacht. Aber da ihre eignen Gedanken, von einem andern in Worte gebracht, vor ihr standen, regte sich in ihr der Widerspruch.

„Ich glaube nicht,“ sagte sie nachdenklich, „daß ich meine eignen Gebrechen so rings um mich sehen möchte, vielleicht auch noch in Verzerrungen und Vergröberungen, ebensowenig, wie ich mich in einem Spiegelsaal aufhalten möchte, wenn ich aussätzig wär’. Im Grunde wird es jeden mehr reizen, seine Gebrechen zu verbergen und möglichst unerkannt unter Gesunden zu leben. Ach – und ich glaube nicht einmal, daß die Kranken besonders mitleidig miteinander sind. Jeder sagt sich: bei dem ist es noch weit schlimmer, als bei mir!“

Ein junger Mann trat neben Gisela und umschlang sie mit einer mädchenhaft weichen, schmeichlerischen Bewegung.

„Du sollst uns etwas singen, Gisel,“ bat er, „bitte, bitte, sei lieb!“

Sie schüttelte schweigend den Kopf und zog ein wenig die Brauen zusammen.

Er ließ sie nicht los und bettelte wie ein Kind:

„Ach, geh! Sei doch lieb ... nur für uns nebenan, nur für ein paar Menschen, ein einziges, kleines Liedchen.“

„Meine Laute ist nicht da, Johannes!“

„Ach, du nimmst die vom Sophus, komm nur!“

Johannes zerrte sie mit sanfter Gewalt von ihrem Sitz auf. Sein schmales Gesicht mit feinen Zügen und zarten, blühenden Farben war von fast engelhafter Schönheit. Das blonde, weiche wellige Haar war ein wenig zu lang, die großen dunkelblauen Augen zu sanft, fast schwärmerisch im Blick.

Mette fand sein Äußeres trotz seiner überraschenden Schönheit fast unangenehm. Aber nach wenigen Sekunden kam sie zu der Einsicht, daß es eigentlich nur der Anzug war, der sie störte, weil er so gar nicht zu ihm paßte. In einer weißen Tunika, in einem seidenen Puffenwams, auch vielleicht in einem goldgestickten Rokokorock wäre er ein vollendetes Bild gewesen.

Gisela, immer noch von seinem Arm festgehalten, streckte die Hand nach Metten aus.

„Kommen Sie mit, kleines Mädchen,“ sagte sie, „ich kann Ihnen zwar keinen Genuß versprechen, aber Sie tun mir einen Gefallen, wenn Sie sich mein Gekrächz mit anhören.“

Mette ergriff die dargebotene Hand und ließ sich mit fortziehen. Es war eine schmale, fieberheiße, zerbrechlich dünne Hand, die sich mit einem lockeren und doch sehnigen Griff um ihre Finger klammerte.

Irgendwo in der Ferne sah sie Eccarius’ Gesicht auftauchen.

Er sah sie gar nicht an, und trotzdem schien ihr sein ernstes und bekümmertes Gesicht einen Vorwurf gegen sie zu bedeuten.

‚Ich hätte mich um ihn kümmern müssen,‘ dachte sie mit leichtem Erschrecken und dann, wie in aufflackerndem Trotz: ‚Warum eigentlich? Wozu red’ ich mir Verpflichtungen ein, die ich nicht habe? Ich will keine Rücksicht mehr nehmen, ich will dahin gehen, wohin es mich lockt – immer nur dahin, wohin es mich lockt!‘

In dem kleinen Nebenzimmer saß, lag und hockte ein Dutzend Menschen in den verschiedensten Stellungen.

Sophie war darunter in ihrer kleidsamen Pagentracht, neben ihr der junge Mensch, der Willi hieß und vorhin auf der Erkerstufe gesessen hatte, die kleine Luigi und der Maler Giesbert, der eine Art Cowboyanzug trug, und Ulrich, der Mann mit dem hageren ernsten Gesicht und der tiefen, mollklingenden Stimme.

Man hob Giselas schmale und leichte Gestalt auf einen Tisch, Johannes nahm Sophien, die noch an den Wirbeln drehte, die Laute aus den Händen und legte sie Gisela in den Arm.

Ein junger Mensch in einem seidenen Pierrot-Kostüm lief mit einem Tablett voll Gläsern herum und bot auch Metten an. Mette trank den süßen und feurigen Wein rasch aus, um das Glas wieder los zu werden, und sah sich dann suchend nach einem Platz um.

Sophie streckte ihr die Hand hin.

„Kommen Sie her zu mir, kleiner verflogener Vogel,“ sagte sie, „hier tut Ihnen keiner was.“

„Ich habe keine Angst,“ sagte Mette lächelnd.

Sie hatte wirklich keine Angst. Sie fühlte sich sehr wohl und geborgen in den tiefen weichen seidenen Kissen, zwischen zwei Menschengesichtern, die ihr nicht fremd und nicht unangenehm waren.

Der kleine Johannes setzte sich mit seiner pagenhaften Grazie zu ihren Füßen nieder. Und obgleich sie keinerlei Zärtlichkeit für ihn empfand, tat ihr seine leichte anschmiegende Berührung wohl.

Gisela probierte mit tiefgeneigtem Gesicht die Saiten. Das lose, schwarze Haar fiel ihr über die Wangen. Mit einer plötzlichen Bewegung hob sie den Kopf, schüttelte das Haar zurück, und nach ein paar einleitenden Akkorden begann sie zu singen:

Irgendwo ruft die Stimme durch die tiefe Nacht, diese Stimme, die mich beben macht. Irgendwo irgendwo auf heißem Lager dehnt sich die Hand, nach der sich meine sehnt. Irgendwo weint ein Herz im Dunkel heiß und still das an meinem Herzen schlagen will.

Ihre Stimme war klein, wie durch einen Schleier gedämpft, aber namentlich in der Tiefe von einem leidenschaftlichen, bestrickenden Klang.

Mette war wie eingesponnen in ein traumhaftes, süßes und doch schmerzlich-sehnsüchtiges Glücksgefühl.

Sophie hatte den Arm um sie gelegt, und ihre Hand glitt manchmal im Takte der Musik in einem sanften und wärmegebenden Streicheln über Mettes Schulter.

Giselas Augen suchten Mette manchmal, wenn sie sang. Ihre Blicke trafen ineinander, hingen ineinander, und Mette war, als sänge sie all diese Worte ihr zu.

‚Süßes Leben,‘ dachte sie, ‚schönes geliebtes Leben.‘

Eine fiebernde Sehnsucht war in ihr, die ihr das Herz groß und übervoll machte. Diese Sehnsucht hatte keinen Namen und kein Ziel. Es war Sehnsucht nach fernen Ländern, und Sehnsucht nach Zärtlichkeit. Es war Sehnsucht nach brausendem Ruhm, nach Heldentaten, und Sehnsucht nach Großmutters stillem Garten, nach der Wiese, über der die Bienen stimmten.

Deine arme silberne Seele Atmet so schwer in Blut. O weh! daß ich dir fehle, weh, daß ich dich nicht fand. Deine Seele will versinken, deine Seele will ertrinken, ertrinken im brennenden Blut, – weil niemals meine kühle Hand auf deiner Stirne geruht.

Sophiens schönes heiteres Gesicht überschattete sich mit einem fast schmerzlichen Ernst. Sie lächelte, aber dies Lächeln war wie getränkt mit Schwermut.

„Wart’ einen Augenblick,“ sie hob Gisela die Hand entgegen, „ich möchte Nora holen, du weißt ja, wie gern sie dich hört.“

Sie stand rasch auf. Johannes sprang im selben Augenblick in die Höhe.

„Darf ich dir helfen?“ fragte er bittend.

Metten erschienen diese Worte rätselhaft, ohne daß sie indes lange darüber nachdachte.

Sophie und Johannes gingen nicht in den großen, saalartigen Raum, aus dem sie gekommen waren. Sophie öffnete eine Glastür hinter Vorhängen, die in den nachtdunklen Garten hinausführte.

„Laßt einen Augenblick offen,“ bat sie, „es ist ja so warm draußen – wir kommen so herum zurück.“

Gisela zögerte einen Augenblick. Ihr leicht bewegliches Gesicht spiegelte einen inneren Kampf.

„Sophie,“ rief sie ihr nach, von dem hohen Tisch heruntergleitend, „ist es dir lieber, wenn ich mitgehe? Ich kann schließlich auch drin singen.“

„Nein, nein,“ gab Sophie zurück. Sie stand schon auf den Stufen und hob die Falten des Vorhangs auf, daß sie einen Augenblick wie eine kunstvolle Umrahmung der schlanken Gestalt wirkten. „Es ist so voll und rauchig drin und staubig vom Tanzen, und man kriegt die ganze Bande doch nicht zu einem ruhigen Zuhören. Ich bin auch ganz froh, wenn ich einen guten Grund habe, um Nora ein bißchen da herauszulocken – von selbst entschließt sie sich doch nicht, und sonst wird es ihr wieder zu viel.“

Sie nickte Gisela noch einmal zu, herzlich, dankend, und tauchte im Dunkel unter. Durch die halb offene Tür drang der vielfältige Duft der warmen durchblühten Nacht.

In dem kleinen Kreis war eine wartende Stille. Die Leute, die nebeneinander standen, tauschten mit gedämpfter Stimme Bemerkungen aus. Gisela klimperte mit den Saiten, ohne die Augen aufzuheben.

Das gemurmelte Gespräch wurde nach einigen Minuten ein wenig lauter und lebhafter, um ganz zu stocken, als Schritte auf dem Gartenkies knirschten, schwere Schritte, und um dann – angeregt von den intimsten Freunden des Hauses – wieder aufzuflackern in einer Art, die zu bedeuten schien: Wir haben nicht auf euch gewartet, wir achten nicht auf euch, wenn ihr kommt.

Mette sah unwillkürlich nach der Gartentür, den Eintretenden entgegen, und, obgleich sie im selben Augenblick sich zusammenriß, Beherrschung von sich verlangte und ein Lächeln erzwang, erschrak sie so, daß sie fühlte, wie sie blaß wurde.

Sie führten, sie schleppten Nora herein.

Sophie stützte sie auf der einen Seite, Johannes auf der andern. Aber sie konnten ihren schweren Oberkörper nicht aufrichten; er neigte sich nach vorn, als sei er verbogen, zerbrochen, und mühsam hatte sie den Kopf wieder gehoben, und ihre sanften, braunen Augen, voll stummer Qual, wie die eines gepeinigten Tieres, trafen von unten herauf einen Herzschlag lang in Mettes Blicke.

Ulrich schob einen Stuhl zurecht, Willi schleppte Fußkissen herbei, ein paar Sekunden später saß sie in dem Sessel, die Hände auf die Seitenlehnen gestützt, die Knie, die ein wenig höher gezogen waren als bei andern, von den leichten fließenden Falten der seidenen Decke überbreitet, den blonden Kopf von einem veilchenfarbenen Kissen gestützt, wieder ein Bild von fast königlicher Schönheit.

Nur wenn man sehr genau hinsah, entdeckte man um Mund und Wangen ein leises Zittern, wie von Schmerzen oder von überstandener schwerer Anstrengung.

Mettes Herz war ganz erfüllt von widerstreitenden Gefühlen: Ein Entsetzen war in ihr, das an Grauen und fast an Ekel grenzte, ein quälendes Mitleid und zugleich eine Angst wie vor niedersinkenden dunklen Schleiern, vor einer langsam sich senkenden, unerträglichen Last.

War das Leben nicht eben noch hell und bunt und lockend gewesen? Hatte sie es nicht geliebt mit einer heißen, sehnsüchtigen, inbrünstigen und opferbereiten Liebe? Und war es nicht jetzt, als ob ein feuriger, geschmeidiger Tänzer im Seidenwams, in dessen Armen sie sich noch eben trunken gewiegt hatte, die Larve vom Gesicht hob und höhnisch grinsend ein zerfallendes Totenangesicht zeigte?

Was gab es denn auf der Welt? Was erwartete einen denn im Leben? Elend und Kummer, Siechtum und Tod und bittere, eiskalte Einsamkeit ...

Gisela griff ein paar Akkorde und sang:

Irgendwo mahnt eine Turmuhr dumpf und schwer Irgendwen, daß es nun Zeit zum Heimgehn wär’. Irgendwohin führen die weißen Wege hinaus, Irgendwo bin ich auf der Erde doch auch zu Haus ...

Sie neigte den Kopf tiefer über das Instrument. Es war seltsam, daß aus der zusammengepreßten Brust die Töne ihren Weg fanden.

Sie waren alle still, als sie geendet hatte.

Willi war der erste, der rief:

„Weiter, weiter ... noch eins, noch eins.“

Andere riefen es ihm nach. Gisela glitt von dem Tisch herunter und legte die Laute in eine Ecke. Ihre müden Bewegungen waren die eines Kindes, aber ihr immer schmales Gesicht war ganz klein und alt geworden.

„Ich glaube, ich kann nicht mehr,“ sagte sie, wie um Verzeihung bittend. Ihre Stimme war nur wie ein heiseres Flüstern.

Durch die Tür des Nebenzimmers kam ein älterer dicker Mann mit einem aufgeschwemmten häßlichen Gesicht.

Drinnen paukte jemand aufs Klavier, aber es wurde kaum vernehmbar vor Lärmen und Lachen und dem Geräusch der schleifenden Füße.

Der dicke Mann griff den kleinen Johannes mit einem festen Griff um den Leib.

„Komm, mein Hannchen, wir wollen tanzen,“ rief er und zerrte ihn im Kreis herum.

Johannes wiegte sich in den Hüften wie ein kokettes Mädchen.

Mette sah jetzt erst, daß er an den auffallend schmalen und kleinen Füßen zu den tief ausgeschnittenen Lackschuhen durchbrochene seidene Strümpfe trug.

Er war ihr plötzlich widerlich. Der dicke Mann war ihr widerlich. Gisela war ihr widerlich, weil ihr Gesicht alt und krank und verlebt aussah. Willi war ihr widerlich, weil er der Luigi Wein in den Ausschnitt schüttete und ihr die Hand den Rücken hinuntergleiten ließ unter dem Vorwand, sie abzutrocknen. Mara Luigi war ihr widerlich, weil sie es sich gefallen ließ und es sich gern gefallen ließ, trotzdem sie schrie und zappelte und mit den Beinen strampelte.

Mette hatte brennendes Verlangen nach der Ruhe ihres einsamen Zimmers.

Giesbert stand vor ihr und wollte mit ihr tanzen. Sie stemmte beide Hände gegen seinen Arm, der sie umklammern wollte und mit fortreißen.

„Bitte nicht,“ sagte sie flehentlich und ungeduldig, „nein, bitte, nein, ich möchte nicht!“

Plötzlich, da sie sich losgemacht hatte und ein wenig taumelig auf den Füßen stand, traf ihr Blick in Eccarius’ Gesicht.

Er trat mit einem leisen Lächeln auf sie zu, und sie streckte mit einer unwillkürlichen Bewegung die Hand nach ihm aus.

„Gut, daß Sie da sind,“ wollte sie sagen, „ich möchte nach Haus!“

Dann fiel es ihr ein, daß sie kein Recht hätte, über ihn zu bestimmen wie über einen Bedienten, nachdem sie sich den ganzen Abend nicht um ihn gekümmert hatte.

Aber eh’ sie noch die Worte gefunden hatte, um ihn anzureden, sagte er:

„Sie sehen müde aus, gnädiges Fräulein. Ich will Sie nicht hetzen, wenn Sie noch Lust haben, hierzubleiben. Aber wenn Sie gehen wollen, verfügen Sie nur ganz über mich.“

Mette war ihm herzlich dankbar, obgleich sie wieder fast erschrocken war über seine Häßlichkeit, als er so plötzlich vor ihr auftauchte.

Sie war mit sich selbst nicht zufrieden. Es mußte doch an ihr liegen, daß sie überall Häßliches sah, Trauriges zu spüren glaubte. Sie war wohl nicht stark genug für das Leben, nicht gesund genug, nicht dumm genug oder nicht weise genug.

Das Leben hatte überall Schroffen und Kanten, Spitzen und Ecken. Wo man nur hineingriff in die rosigen, schimmernden Wolken, die es schmückend umzogen, wurde man gestoßen und geschunden. Man mußte ein Pflasterstein sein oder ein Diamant, um nicht zu zersplittern an diesen Härten.

Sie schritt in einem fast verstockten Schweigen neben Eccarius her. Mochte er von ihr denken, was er wollte! Sie war müde und aufgewühlt, zornig und mutlos – sie hatte keine Lust, sich mühsam durch eine gleichgültige Unterhaltung hinzuquälen.

Eccarius ließ ihr Zeit, ihre fieberbrennende Stirn in der Nachtluft abzukühlen. Sie sah nach den hellflammenden Sternen hinauf und spürte, wie immer, die fast schmerzliche Bedrängnis, als ob etwas in ihr sich mühte, die zusammengefalteten Flügel auszubreiten, um sich endlich, endlich ins Grenzenlose aufzuschwingen und sich dabei so ungeduldig gebärdete, daß es ihr das Herz bedrückte, den Atem beklemmte, die Rippen preßte.

Nach einer ganzen Weile hörte sie eine ruhige Stimme neben sich, wie aus einer langen Kette von Gedanken heraus:

„... Sie müssen mir einen Gefallen tun, gnädiges Fräulein! Sie dürfen dies Haus und unsere Wirte nicht nach dem heutigen etwas“ – er zögerte – „turbulenten Fest beurteilen. Sie müssen einmal einen ruhigen Nachmittag da draußen im Gartenhäuschen sitzen und mit den beiden Frauen reden. Ich glaube sicher, daß Sie viel davon haben könnten, und es wäre schade, wenn Ihnen der heutige Tag die Lust dazu verdorben hätte.“

Mette fühlte sich durchschaut und ein wenig beschämt.

„Oh, durchaus nicht,“ sagte sie etwas verlegen, „ich war wirklich sehr entzückt von den beiden Damen. Ich bin nur so etwas lärmende Gesellschaft nicht gewöhnt, ach, ich bin überhaupt keine Geselligkeit gewöhnt, und es waren einfach zu viel und zu vielerlei Eindrücke für mich – ich habe ein bißchen Karussellgefühle, wenn Sie sich darunter etwas vorstellen können.“

„O ja,“ Eccarius lachte leise, „darunter stell’ ich mir in der Hauptsache vor: Schwindel und Übelkeit.“

„Nicht nur,“ widersprach Mette, „auch Musik, die immerfort in einem weiterdröhnt, und sehr viel Buntes und sehr viel Licht, mysteriöse und aufreizende Buntheit – perlgestickte flimmernde Bilder, hinter denen sich das Geheimnisvolle, Verlockende und Unheimliche verbirgt – der Antrieb, das Werk, die Maschine. Und im Dunkel einzelne grell beleuchtete Gesichter, die immer wieder auftauchen und vorübergleiten – und vor allen Dingen – ja natürlich vor allen Dingen der Eindruck eines ersehnten, erwünschten und bis zur Ermüdung ausgekosteten Vergnügens.“

„Dann ist es ja gut.“ Eccarius lächelte, als wären seine Gedanken schon wieder anderswo.

„Sie wußten gar nicht, daß Frau von Hersfeld krank ist?“ fragte er nach einer Weile.

„Nein,“ sagte Mette. Und dann stieß sie hervor, halb unwillkürlich, aber wie getrieben von dem Gefühl einer Schuld, die sie wieder gutzumachen hatte.

„Oh, sie tut mir ja so entsetzlich leid!“

„Sie hat ein sehr trauriges Geschick gehabt,“ sagte Eccarius etwas zögernd, „aber trotzdem würde ich nicht sagen, daß sie mir leid tut – denken Sie nur, ich würde nicht wagen, es zu sagen – es käme mir beinah vermessen vor. Die Frau hat so unendlich viel, was zur Bewunderung zwingt, so unendlich viel, durch das sie unsereinem überlegen ist und um das man sie beinah beneiden könnte, daß Mitleid eigentlich – meinem Gefühl nach – gar nicht angebracht wäre.“

Mette spürte, daß er die Worte so behutsam setzte, um ihr nicht grob und deutlich zu verstehen zu geben, daß sie eine Dummheit gesagt hatte. Sie war ihm dankbar für diese vorsichtige Art, denn es kränkte sie empfindlich, wenn sie sich irgendwie zurechtgewiesen fühlte.

„Ich will jedenfalls alles versuchen, um sie näher kennenzulernen,“ sagte sie herzhaft entschlossen. „Ich glaube, daß man viel von ihr lernen kann, und nichts auf der Welt tut mir so not als zu lernen.“

„Es ist schon viel wert, wenn Sie das wissen,“ lächelte Eccarius, „die meisten Zwanzigjährigen glauben, genug zu wissen. Wenn Sie sich noch außerdem mit so sicherem Instinkt Ihre Lehrmeister suchen, dann können Sie gar nicht fehlgehen.“

„Ich hoffe.“

Mette zog die Brauen zusammen. Die Angst glitt wieder wie eine schattende Wolke über sie hin, die Angst, fehlzugehen, sich zu verirren, auf schwankenden Sumpfboden zu geraten, einem Abgrund entgegenzugleiten, irgendwie dem Untergang entgegenzutreiben.

‚Ich werde jedenfalls niemals nötig haben, einem zaudernden Tode entgegenzuschmachten,‘ dachte sie, ‚wenn ich mit zerschmetterten Gliedern in irgendeinem Abgrund liege, dann bleibt mir immer noch Olgas Vermächtnis – mein Freund, der Revolver!‘

‚Nora von Hersfeld,‘ dachte sie, ‚vielleicht kann sie einem Halt geben, vielleicht kann sie einem den Weg weisen ... vielleicht! Wer weiß es? Eccarius ist dieser Meinung. Aber was weiß denn ich von Eccarius? Nichts. Er kann ein Verbrecher sein, ein Bankdefraudant, ein Lustmörder, ein Mädchenhändler. Er kann alles dies nicht sein, vielleicht aus Zufall nicht sein, und kann doch die Neigung zum Schlechten, den Willen zum Bösen haben, schlimmer vielleicht als ein alter Zuchthäusler, neben dem ich jetzt nur gezwungen und in tödlicher Angst gehen würde. Aber Eccarius scheint mir ein Schutz ... warum? Ich weiß nichts von ihm. Es ist schwer, sich zurechtzufinden, wenn man den Instinkt schon verloren hat und ein Erfahrungswissen noch nicht erworben.‘

„... Irgendwohin führen die weißen Wege hinaus ...“ summte sie.

„Mögen Sie die Lieder?“ fragte Eccarius rasch.

„Ich weiß nicht,“ antwortete Mette zögernd, „sie verlassen mich nicht. Spricht das nun für oder gegen sie?“

„Sie haben sie heut’ zum erstenmal gehört?“ Er berichtigte sich gleich selbst. „Ja, natürlich, Sie waren ja heut’ das erste Mal in diesem Kreise.“

Mette lächelte: „Kann man sie nur in diesem Kreise hören?“

„Ja, sie sind nicht veröffentlicht.“

„Hat Fräulein Werkenthin sie selbst verfaßt?“ Ihr Herz ging ein wenig rascher bei dieser Frage.

„Ach nein.“ Mette schien es, als ob ein ganz leiser Hauch von Geringschätzung in diesem „ach nein“ läge. „Sie stammen von Fräulein von Gjellerström.“

„Die kenne ich nicht,“ sagte Mette gleichgültig, „sie war wohl heute nicht da – oder ich habe sie nicht gesehen.“

„Sie haben sie sicher gesehen,“ sagte Eccarius mit einem Lächeln, von dem Mette in dem Halbdunkel der nächtlichen Straße nicht feststellen konnte, ob es spöttisch oder schmerzlich war. „Sie ist weder laut noch bunt angezogen, aber man kann sie merkwürdigerweise nicht übersehen. Vielleicht wissen Sie auch nur nicht, wie sie heißt. Ihre Freunde haben ihr den Namen Fiametta gegeben.“

Mette saß in ihrem stillen Zimmer und lernte Vokabeln.

la sopera – die Suppenschüssel.

el relojero – der Uhrmacher.

Es lernte sich leicht, und es machte ihr Spaß.

Un sombrero es un hombre que hace sombreros.

Das Italienische war ihr viel schwerer geworden, ach, aber mit welchem Feuereifer hatte sie damals gelernt. Sie hatte so viele Gründe, die sie zum Lernen trieben. Sie durfte doch nicht sagen, daß sie die Stunden bei Olga nahm, statt bei dem italienischen Professor, den Vater ihr ausgesucht hatte. Und darum mußte sie sich möglichst rasch gründliche Kenntnisse aneignen, damit Vater nicht auf den Gedanken kam, den Unterricht zu kontrollieren oder dem Herrn Professor einen zur Strenge mahnenden Brief zu schreiben. Und dann galt es auch, vor Olga zu bestehen. Sie wurde nicht ungeduldig, aber sie war so fassungslos erstaunt, wenn man etwas nicht begriff oder nicht behalten konnte.

Und dann war der heißeste Ansporn: Die Reise nach Italien, die gemeinsame, die sie einstweilen nur auf der Landkarte oder im Baedeker machten, und die einmal Wirklichkeit werden sollte, greifbare, herrliche, unnennbar selige Wirklichkeit.

Und nun war alles vorbei und alle Hoffnungen vernichtet, gestorben, begraben.

Mette würde niemals nach Italien fahren und niemals nach Spanien, niemals, denn sie war allein und würde immer allein sein, und sie würde sich in fremden Ländern noch viel einsamer, verlassener, unglücklicher fühlen als in fremden deutschen Städten.

Es hatte wohl auch eigentlich keinen Zweck, Spanisch zu lernen ... wozu die Mühe, sich etwas anzueignen, wofür man niemals Verwendung hatte!

Sie ließ das Heft sinken und starrte vor sich hin. Die Tränen, die ihr schon in die Augen gestiegen waren, als sie an die italienischen Stunden bei Olga dachte, lösten sich und rollten über ihr unbewegtes Gesicht – eine nach der andern, ohne daß sie sich die Mühe gegeben hätte, sie aufzuhalten oder auch nur abzutrocknen.

Olga! – Aber Olga lernte nie eine Sprache, wie sie hochmütig sagte, „um sich mit Hotelportiers und Ladenmädchen verständigen zu können“. Olga studierte Sprachen, um sich in Geist und Wesenheit der Völker einzufühlen, um ihre Verschiedenheiten oder Ähnlichkeiten zu erfassen. Sie lernte Sprachen, weil sie sich an den Schönheiten eines Satzgefüges erfreuen konnte wie an einem Bildwerk oder an einer Melodie. Und sie lernte sie vor allen Dingen, wie sie alles tat, um sich zu bereichern, zu weiten, um mit dem Lernen ihr Gehirn in ständiger, immer wachsender Anspannung zu halten und um mit dem Gelernten ihr „inneres Haus auszubauen“, wie sie manchmal scherzend sagte.

Mette nahm das Heft wieder vor. Sie wollte auch ihr Haus in sich aufbauen. Sie wußte nicht recht, wie. Noch standen nicht die Grundmauern, noch war nicht einmal ein Plan vorhanden. Aber sie trug Bausteine zusammen, sie lernte, sie las, sie sah mit wachen Augen um sich, und sie dachte nach über alles, was sie gelernt hatte. Vielleicht würde einmal ein Tag kommen, da sie wußte, wie das alles zu ordnen und zu richten, da sie wußte, wo sie hinaus wollte, wozu sie strebte und lernte und wofür – ach, manchmal kam auch der ganz vermessene Gedanke: Da sie wußte, für wen sie strebte und lernte.

El que nos trae las cartas es el cartero.

Es klopfte an die Tür, und Mara Luigi steckte den rötlichen Wuschelkopf durch die Spalte. Sie hatte es sich angewöhnt, jeden Tag ein halb dutzendmal bei Mette anzuklopfen, um eine belanglose Frage zu stellen, oder eine noch belanglosere Mitteilung zu machen. Mette hatte einzig aus diesem Grunde schon manchmal die Möglichkeit eines Umzugs erwogen.

„Störe ich?“ fragte sie, indem sie durch die Tür schlüpfte. Sie schlüpfte wirklich, denn sie hatte die Gewohnheit, wenn sie so kam, die Tür nur zu einem spitzen Winkel zu öffnen, ihren schmalen Körper noch schmäler zu machen und mit hochgezogenen Schultern und katzenhaft geschmeidigen Bewegungen durch den Spalt zu gleiten.

„Absolut nicht,“ sagte Mette geduldig. Im Grunde störte sie ja auch nicht. Niemand fragte danach, wann Mette Rudloff die Lektion zu Ende bringen würde ... leider!

„Kommen Sie ein bissel mit hinüber auf meine Bude, ja? Die Werkenthin ist da, Giesbert, Kramer, die Breslauer. Wir trinken Tee und rauchen – ich soll Sie schön bitten, auch im Namen der andern.“

Mette stand auf und legte Hefte und Bücher gerade. Sie fuhr noch ein wenig unschlüssig mit den Fingern an dem Bleistift hin und her:

„Soll ich wirklich ...“

„Ja natürlich sollen Sie! Sie werden noch ganz dumm von dem vielen Studieren, glauben Sie mir! Früher war ich auch so – Bücher, das war mein Schönstes ... ich hab’ mir immer die Bücher im Bett versteckt, weil meine Mutter nicht wollte, daß ich so viel lesen sollte ...“

‚Schöne Bücher mögen das gewesen sein,‘ dachte Mette.

„Und jetzt? Du lieber Gott! Jetzt bin ich froh, daß ich die ganze Bücherweisheit vergessen habe! Das Leben sieht anders aus, als es in Büchern beschrieben steht ...“

„Wissen Sie, wie es aussieht?“ fragte Mette ernsthaft, „darum könnt’ ich Sie beinah beneiden. Mir erscheint es an einem Tag so und am andern Tag so. Nicht nur mein Leben, sondern ‚das Leben‘ überhaupt.“

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