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Der Skorpion. Band 2

Der Skorpion (continued 3)

Reading edition

„Lebt er noch?“ fragte Mette.

„Warum? Sie machen ein Gesicht zu der Frage, als ob Sie ihn sonst umbringen möchten. Aber Sie können ganz ruhig sein; er ist tot – er hat sogar ein recht dramatisches Ende gefunden, oder vielmehr sein Ende hatte einen dramatischen Anfang. Denken Sie, dieser Mensch hatte die Absicht, ein zweitesmal zu heiraten, nachdem er von Nora geschieden war. Ein schönes, unschuldiges junges Mädchen aus bester Familie. Sie machen sich keinen Begriff, was die arme Frau Nora da an Gewissensqualen gelitten hat – sie kannte die Braut – sie kannte die Eltern – und sie kannte da auch endlich Herrn von Hersfeld, ihren geschiedenen Gatten. Aber trotzdem sie ihn so gut kannte, liebte sie ihn wohl immer noch – irgendwo in einem letzten Seelenwinkel waren noch die Trümmer des starken Gefühls. Und es erschien ihr als ein Verbrechen, den Mann anzuklagen. Man hätte es ihr ja auch so leicht als kleinlichen Racheakt auslegen können. Und andererseits war es ein viel größeres Verbrechen, das arme Mädchen unwissend in eine solche Ehe gehen zu lassen.“

„Um Gottes willen,“ sagte Mette mit angstvollen Augen, „hat sie das getan?“

„Sie war so hilflos – sie konnte sich kaum rühren – die Lage wurde erschwert dadurch, daß das Mädchen schon zu Zeiten seiner Ehe in Hersfeld verliebt war und der Frau, wenn nicht feindlich, doch mißtrauisch gegenüberstand. Sie hat mir oft gesagt, daß sie in ihrer verzweifelten Lage um ein Wunder gebetet hat.

Und das Wunder geschah. Die Trauung war anberaumt, der Bräutigam erschien nicht. Als er geholt werden sollte, versteckte er sich im Stall und schoß mit dem Revolver um sich. Schließlich wurde er überwältigt und nach einer Anstalt gebracht. Ein paar Monate lebte er noch unter Anfällen von Verfolgungswahn und Tobsucht. Dann ging er ein. Gehirnerweichung. Einer von seinen früheren Kameraden machte die treffende Bemerkung, als die Todesursache bekannt wurde: „Das erstemal, daß man erfährt, daß Hersfeld Gehirn gehabt hat!“

Sie gingen wieder eine Weile schweigend, jeder in seine Gedanken versponnen.

Eccarius hob den Kopf mit einem plötzlichen Entschluß. Sein Gesicht war wieder wie aufgehellt von dem flüchtig darübergleitenden liebenswürdigen Lächeln.

„Nun haben Sie mich mit ganz heimtückischer Eleganz von meinem Thema weggelockt. Ich habe Ihnen lange Geschichten erzählt und nichts von dem gesagt, was ich beauftragt war, Ihnen zu sagen – und nicht nur beauftragt – was ich auch aus eigenem Antrieb sagen wollte ...“

„Muß es denn sein?“ fragte Mette mit flehenden Augen, „glauben Sie im Ernst, daß ich nicht alles weiß, was Sie mir sagen können? Ich weiß, daß Sie es gut mit mir meinen, und ich bin Ihnen auch so dankbar dafür. Aber ich habe – vielleicht gerade weil ich so jung und eben erst mündig geworden bin – so sehr das Gefühl, daß nur ich selber mir helfen kann und daß ich mir selber helfen muß. Ich weiß, daß ich nicht immer den kürzesten und den geradesten Weg finden werde – aber ich habe ja auch kein Ziel – nur das eine Ziel, das Leben kennenzulernen, ganz, soweit das einer Frau möglich ist, mit Licht- und Schattenseiten, mit Fehlern und Vorzügen – wie man einen Menschen kennenlernen will – den man liebt!“

„Wenn Sie das Leben so lieben,“ sagte Eccarius mit einer nachgiebigen Beharrlichkeit, „so müssen Sie sehr behutsam damit umgehen. Und wenn Sie auf Ihrer Wanderung kein Ziel haben, oder nur das Ziel, möglichst viel zu sehen auf Ihren selbstgesuchten Wegen, so dürfen Sie sich nicht in eine Sackgasse verrennen, aus der Sie nicht wieder herausfinden. Seien Sie mir nicht böse – aber ich habe die Frechheit gehabt, Sie im stillen zu beobachten – ich sehe Sie doch seit Monaten zweimal täglich mindestens – und ich habe mir im Laufe der Jahre ein wenig Menschenkenntnis erworben – Sie machen, wenn man es so in zwei Sätzen bezeichnen darf, nicht den Eindruck eines Menschen, der das Leben liebt, sondern eher eines Menschen, der – den Tod nicht fürchtet.“

Mette hatte schon auf die Klingel an der Haustür gedrückt und wandte sich um:

„Ist das ein Widerspruch? Kann man nicht beides – das Lebens lieben und den Tod nicht fürchten?! Vielleicht gehört es zusammen. Ich will es zu meinem Wahlspruch machen und groß über alle meine Tage schreiben: Das Leben lieben und den Tod nicht fürchten!“

„Ich weiß kein noch besseres Wort,“ sagte Eccarius mit nach innen gekehrten Blicken, „man kann diesen Satz auch anders stellen – dann will ich ihn zu meinem Wahlspruch machen.“

Das Mädchen öffnete die Tür. Auf Mettes fragenden Blick schüttelte Eccarius leicht den Kopf:

„Ein andermal ...“ – – –

Sie saßen in der frühen Dämmerung des Wintertages zusammen, Nora, Sophie, Eccarius und Mette. Es war schon so dunkel im Zimmer, daß man kaum mehr deutlich die Gesichtszüge der Zunächstsitzenden unterscheiden konnte. Aber keiner hatte das Verlangen nach Helligkeit.

Mette hatte nach Johannes gefragt – und Sophie hatte ihr in Aufregung und Empörung mitgeteilt, daß er sehr unter häßlichen Klatschgeschichten zu leiden habe. Man hatte seinem alten Freund, dem dicken Drencker, in gehässiger Weise hinterbracht, daß sein Geld dem jungen Krafft das Studium ermögliche – oder vielmehr, daß Willi Krafft sein – Drenckers Geld – im Bac verspiele und mit Frauenzimmern verprasse.

Nora hatte Johannes verteidigt. Wenn sie ihn auch nicht in verklärendem Licht sah, und sein Verhältnis zu Drencker ihr unbegreiflich und peinlich war – sie hatte immer geglaubt, daß seine Freundschaft für Willi Krafft von einer ganz idealen schwärmerischen Art wäre.

„Und wenn nicht!“ sagte Sophie eigensinnig. „Wo immer ein Menschenhandel abgeschlossen wird, liegt die Schuld auf seiten des Käufers. Der Gekaufte ist immer in Notlage. Und es ist gerade schlimm genug, wenn so ein reiches Schwein einen Anteil an einem Menschen kaufen kann. Daß er ihn dann noch ganz und restlos haben will, ist eine Frechheit.“

„Jeder Handel sollte ehrlich sein!“ warf Eccarius in seiner leisen, nachdenklichen Art ein.

„Nein,“ ereiferte sich Sophie, „wer sich für sein schmieriges Geld einen Menschen kaufen will zur Befriedigung seiner kleinen niedrigen Lüstlein, der soll betrogen werden. Es soll Dinge geben, die nicht zu kaufen sind, für kein Geld der Welt. Und glauben Sie mir, Eccarius – in all diesen schmutzigen Handeln, wo es sich um eigentlich Unverkäufliches dreht – ob es nun Liebe ist oder Ehre oder Ruhm oder Begabung oder Adel – immer war zuerst der Käufer da, immer zuerst der, der auf seinen Geldsack schlug und sagte: das will ich haben, schafft es mir, ich kann es zahlen. Und dann wurde erst die Ware gesucht. Glauben Sie, daß ein armer Musiker auf den Gedanken kommt, seine Gedanken, seine Melodien, das liebste, was er hat, einem reichen Krämer anzubieten, damit der sie unter seinem Namen erscheinen läßt? Nein, so ein Gedanke kann nur in einem Krämergehirn aufkeimen!

Ich kenne solche Fälle – sehr genau! Von den harmlosesten Anfängen, wo ein wohlgenährter Bürgerssohn von einem armen begabten Mitschüler sich die ersten Liebesbriefe schreiben läßt – für eine Handvoll Zigaretten – bis zu Opernpremieren, wo sich als Komponist ein Herr verbeugt, der nie einen Ton von der aufgeführten Musik geschrieben hat – hätte schreiben können. Ach, die Welt ist schon ziemlich ekelhaft. Man kann nur froh sein, wenn man möglichst wenig mit ihr zu tun hat. Wir sitzen hier auf unserer Insel – gelt Norina? Und soviel Schiffe auch anlegen – sie fahren alle wieder weiter – ansiedeln darf sich keiner in unserm Bereich. Im übrigen kann ich nur sagen: Drencker soll froh sein, daß es ihm nicht ergangen ist wie dem armen Keller, der sich vor acht Tagen erschossen hat, weil ihn eine Erpresserbande langsam erdrosselt hat und weil der unglückliche Mensch lieber tot sein wollte, als immer vor dem Gefängnis zittern.“

Eccarius schüttelte den Kopf:

„Daß die mittelalterliche Institution dieser Strafen immer noch besteht!“

Nora legte sich dafür ein: „Es muß doch einen Schutz für Kinder und Unmündige geben – auch wenn die Unmündigen zufällig über einundzwanzig Jahre sind. Es gibt ein sehr wahres Wort: wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter. Wie zwei reife Menschen miteinander leben, geht keinen Staatsanwalt etwas an. Genau so, wie kein Staatsanwalt sich in das hineinmischt, was in einer Ehe vorgeht. Ich muß sagen, in manchen Fällen: leider! Wenn gestraft wird, so wird geklagt, und wenn jemand klagt, so fühlt er, daß ihm Unrecht geschehen ist.“

„Der Paragraph hundertfünfundsiebzig ist eine Einnahmequelle für Gauner und Erpresser,“ widersprach Eccarius heftiger, als es seine Art war – „aber kein Schutz für Kinder irgendwelchen Alters. Kinder dulden stumm und klagen nicht. Wenn einmal ein Fall ans Licht kommt, dann schreit die Welt vor Empörung – aber in tausend Fällen kommt von solchen an Kindern begangenen Verbrechen nicht ein Schimmer zutage.“

„Das ist nicht möglich,“ sagte Sophie mit vor Erregung bebender Stimme, „es kann auf der ganzen Welt nicht tausend Unmenschen geben, denen ein Kind nicht heilig wäre.“

Eccarius lachte, ein heiseres, tonloses Lachen:

„Ich will Ihnen einen Fall erzählen – einen Fall von tausend. Ein Verbrechen von tausend, bei welchem der Verbrecher straflos ausging ... ich kannte eine Familie – eine wohlhabende, angesehene Familie, kluge gütige Eltern, die vier gesunde, begabte, gut veranlagte Kinder hatten ... vier Knaben. Die Mutter konnte nicht ganz allein die Sorge für vier heranwachsende Jungen haben – es wäre auch gegen das Herkommen gewesen – man nahm ein Kinderfräulein ins Haus – eine halbgebildete Person, wie es üblich war, eine von sympathischem Äußern mit guten Zeugnissen und allen möglichen Empfehlungen. Dies Kinderfräulein hatte nichts besseres zu tun, als den Knaben beizubringen ... wovor man sie sonst sorglich behütet. Die unglücklichen Kinder gerieten dadurch ganz in den Bann dieser Person. Sie wußten, daß sie etwas Verbotenes taten. Sie schlugen sich mit dem schweren Begriff ‚Sünde‘ herum, und baten Gott um Beistand. Das infame Weib erfand mit unerschöpflicher Phantasie immer neue Listen, um die widerstrebenden und ermüdeten Kinder aufzustacheln. Sie wurden immer elender – sie wurden auf alles mögliche behandelt, in teure Bäder geschickt – natürlich in Begleitung des Fräuleins. Manchmal faßte eines der Kinder den Entschluß, der Mutter alles zu beichten – aber es blieb bei dem Entschluß. Diese Dinge waren zu furchtbar, als daß man sie der gütigsten Mutter hätte anvertrauen können. Vielleicht können Sie sich eine Vorstellung davon machen, was solche Kinder für eine ‚Kindheit‘ gehabt haben. An Leib und Seele erschöpft, unlustig zu Spiel und Arbeit, bei aller Begabung kaum fähig, in der Schule mitzukommen, in ewiger Angst vor Entdeckung, vor Strafe, vor Krankheit, vor der Hölle – und immer widerstandsloser dem Laster hingegeben, immer mehr wie Schatten durch die Tage schleichend, und lebend nur in dem gefährlichen Spiel der Nächte.

Als das Kinderfräulein ging, um in einer andern Familie ihr Werk fortzusetzen – da war es zu spät. Von den vieren hat sich keiner mehr erholen können. Der eine erschoß sich in der Nacht nach seiner Verlobung. Der zweite blieb ein unseliger Monomane und mußte schließlich mit völliger Nervenzerrüttung in eine Heilanstalt gebracht werden. Die beiden jüngsten haben allem, was Eros heißt, im tiefsten angewidert, den Rücken gekehrt. Der eine, schwärmerischen Geistes, hat sich in ein Kloster geflüchtet – der andere schlägt sich durch eine graue und freudlose Welt und schaudert zurück vor jeder Gemeinschaft mit Menschen. Das Weib ist wahrscheinlich heute noch eine würdige Kinderfrau, und die ihr anvertrauten Kinder werden elend unter ihrer umsichtigen Pflege.“

Niemand sprach. Die Dunkelheit war über das ganze Zimmer gekrochen und ließ kaum mehr von den Fenstern einen blassen grauen Fleck sehen.

„Oh!“ sagte Sophie – Mette glaubte zu hören, daß ihre Stimme von zornigen Tränen bebte und glaubte zu fühlen, wie sie die Fäuste ballte: „Man sollte sie hinrichten.“

„Dann müßte man viele hinrichten,“ sagte Eccarius ruhig.

Wieder lastete das Schweigen.

Es klopfte, jemand öffnete die Tür, heller Lichtschein stach in die Dunkelheit, Lärm zerriß die Stille.

„Ich bringe die Zeitung,“ sagte das Mädchen und blieb verwundert in der Tür stehen. „Soll ich Licht machen, gnädige Frau?“

„Ja, machen Sie Licht, Martha.“

Das Licht gellte auf wie ein Trompetenstoß. Sie neigten alle die Stirnen, um ihm zu entgehen und zogen die Brauen zusammen und blinzelten mit den Augen.

Keiner fand den Mut, den andern anzusehen. Sophie nahm dem Mädchen die Zeitung ab und fing an, daraus vorzulesen, die gleichgültigsten Dinge der Welt, die niemanden interessieren konnten. Aber alle heuchelten Anteilnahme und wußten irgend etwas dazu zu sagen, so daß ein lebhaftes Gespräch aus lauter belanglosen Phrasen zustande kam.

Eccarius ging, ehe die Unterhaltung wieder versickerte.

Sie sprachen noch über ein Dutzend anderer Dinge, als er fort war. Aber es war, als ob sie weder ein ernstes, noch ein erzwungen leichtes Gespräch mehr ertragen konnten. Sophie fand den erlösenden Gedanken. Sie machte den Vorschlag einer Skatpartie, um noch ein Weilchen gemütlich beieinander zu sitzen und Ablenkung für die Gedanken zu haben.

Aber plötzlich, mitten im Spiel, ließ sie die Hand mit den Karten auf den Tisch sinken:

„Er hat einen Bruder in der Irrenanstalt,“ sagte sie, als hätte sie die ganze Zeit nichts anderes gedacht.

„Ich weiß,“ sagte Nora ebenso ernsthaft. „Und einen im Kloster.“

Als Mette nach Hause kam, begegnete ihr auf der Diele eines der Mädchen und sagte – wie es ihr schien, mit einem vieldeutigen und unverschämten Lächeln:

„Fräulein Werkenthin ist da und wartet auf Fräulein Rudloff.“

Mette fühlte ihr Herz zittern, wie in letzter Zeit so oft. Sie ging langsamer, weil sie nicht so schnell nach ihrer Zimmertür kommen wollte. Ihr war, als ob sie dringend noch einiger Sekunden Aufschub bedürfte – dann schien es wieder, als wäre das Mädchen stehengeblieben, sie glaubte den spöttischen, beobachtenden Blick wie einen Stich zwischen den Schulterblättern zu fühlen und ging wieder rascher.

Es war kalt draußen, kalt auf der Treppe, kalt auf dem Türgang.

Sie hatte sich so auf ihr warmes stilles Zimmer gefreut, auf den milden Schein der Lampe, auf eine Stunde im Sessel, ein gutes Buch in der Hand. Nun war ihr liebes Zimmer ganz erfüllt von fremdem Wesen, eine Wolke von Opium und betäubendem Parfüm würde ihr entgegenschlagen, und sie würde heute Abend keine ruhige Viertelstunde mehr haben.

Sie würde wieder die halbe Nacht in allen Nerven zitternd im Bett liegen und ein Adalin nach dem andern schlucken müssen, um ein paar Stunden steinschweren, unerquicklichen Schlafes zu haben.

Eine jähe Wut packte sie an und schüttelte sie.

‚Ich will, daß mein Zimmer leer ist,‘ dachte sie wie ein trotziges Kind mit zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten, ‚jedes Tier hat seine Höhle, in die es sich verkriechen kann! Ich will jetzt einen Raum haben, wo ich allein bin. Ich muß allein sein, ich muß Ruhe haben, ich will keine fremden Menschen in meinem Zimmer!‘

Sie lehnte sich einen Augenblick erschöpft und dem Weinen nah gegen die Wand. Sie überlegte, ob es nicht das beste wäre, wieder fortzugehen, sich in ein Kaffeehaus zu setzen und Zeitungen zu lesen – aber sie war müde und fürchtete sich vor den kalten, dunklen Straßen. Außerdem mußte sie ja schließlich doch einmal nach Hause, und sie würde um Mitternacht immer noch jemand wartend in ihrem Zimmer vorfinden.

Sie ging also rasch entschlossen auf ihre Tür los. Sie nahm sich vor, Kopfschmerzen zu heucheln – ach, sie hatte wahrhaftig schon welche vor Angst und lauter Ärger – sie würde sich einfach ins Bett legen, Kompressen machen, Pulver schlucken und auf alle Fragen und Erzählungen nur ein ja oder nein stöhnen. Vielleicht bliebe sie dann bald allein.

Als sie die Tür öffnete, hatte sie einen Augenblick das Gefühl, zu träumen oder wahnsinnig zu sein.

Alle Türen und Fächer ihres Schreibtisches waren offen. Weiße Berge häuften sich davor. Sie erkannte mit einem flüchtigen Blick Briefe, Bilder, Studienhefte – alles in einem wüsten Durcheinander.

Vor den offenen Schüben der Kommode kniete Gisela in Hemd und schwarzseidnen Trikothöschen und zerrte und wühlte in Mettes Wäsche.

Es war das Schlimmste, was man Mette antun konnte, wenn man sich an ihren wehrlosen Sachen vergriff.

Sie stürzte auf Gisela zu und packte zornig ihren nackten Arm.

„Was machst du denn da? Was fällt dir denn ein?“ herrschte sie sie an.

Gisela war nicht im mindesten erschrocken. „Du kommst zu früh,“ sagte sie kalt und entblößte mit einem höhnischen Mundziehen die Zähne, „jawohl, zu früh, ich weiß ganz gut, was ich sage, ich meine nicht zu spät, sondern zu früh. Wenn du fünf Minuten später gekommen wärst, wäre alles schon erledigt gewesen.“

„Was heißt das?“ fragte Mette, immer noch mehr in Wut, als in Angst, obgleich das Gesicht, das sie hundert Sekunden lang dicht vor dem ihrigen gesehen hatte, ihr fremd und unheimlich erschien, „was tust du hier? Was kramst du in meinen Sachen?“

„Ich suche etwas,“ sagte Gisela scharf und höhnisch, „das siehst du wohl, daß ich etwas suche. Geht es dich etwas an? Ich glaube im Grunde nicht, daß es dich etwas angeht. Ich glaube nicht, daß es dich,“ sie zeigte ein paarmal mit ausgestrecktem Finger auf Mettes Brust, „dich im Grunde etwas angeht – in deinem Grunde. Ich in meinem Grunde gehe dich nichts an. Ich bin am Grunde – ganz tief am Grunde.“ Sie sang mit leiser gebrochener Stimme und schmerzlich verzogenem Gesicht „In einem kühlen Grunde“, um plötzlich mit ganz verändertem klaren und fast geschäftsmäßigen Ton zu sagen: „Ich suche deinen Revolver.“

Mette wollte einen Blick nach dem Nachttisch werfen, aber mit fast übermenschlicher Energie bezwang sie die schon begonnene Bewegung, als sie sah, daß Giselas Augen an ihrem Gesicht hingen und jeder leisen Regung folgten.

„Was willst du mit dem Revolver?“ fragte sie ganz ruhig, „das ist kein Spielzeug für dich.“

„Was ich mit dem Revolver will?“ sagte Gisela mit einem klagenden, singenden Kinderton. „Ihn abdrücken, gegen meine Schläfe halten, losdrücken, sterben, schlafen. Wie du fragst! Was ich mit dem Revolver will? Ei nun – was man mit einem Revolver zu tun pflegt. Ei nun ...“ Sie fing plötzlich an zu lachen. „Hast du schon einmal in deinem Leben gehört, daß ein Mensch ‚Ei nun‘ sagt. Zu blöd’!! Wer wohl diesen Satz erfunden hat! Ei nun ... ei nun ...“ Sie kam immer mehr ins Lachen, lachte so, daß ihr die Tränen über’s Gesicht liefen, schüttelte den Kopf, daß ihr die Strähnen um die Stirn flogen und wiederholte immer „ei nun – ei nun.“

Plötzlich stand sie auf und stieß mit den schmalen zierlich beschuhten Füßen gegen die Kleider, die auf dem Boden lagen.

„Du mußt dich nicht wundern, daß ich mich ausgezogen habe. Ich habe es ganz mit Absicht getan, weil mir zu warm war. Vielleicht findest du es ungehörig, daß ich mich in deinem Zimmer ausgezogen habe. Dann bitte ich dich hiermit um Verzeihung,“ sagte sie sehr förmlich, „du findest ja manches ungehörig, weil du aus einer höheren Gesellschaftssphäre stammst. Du bist eben ein Sphäroid,“ sie fing wieder an, unbändig zu lachen, „ich habe nie eine Ahnung gehabt, was das ist, aber genau so habe ich mir ein Sphäroid immer vorgestellt.“ Sie schwankte und stützte sich mit beiden Händen auf die Kommode, ihre Augen schlossen sich halb, ihr Mund verzog sich schmerzlich. „Wenn mich jetzt ein Mensch auf der Welt lieb hätte, würde er mich zu Bett bringen. Oh, nur liegen, daß mein Gehirn endlich in die richtige Lage kommt. Es hat sich umgedreht und stößt sich fortwährend an der Hirnschale.“ Sie lächelte, wie um Verzeihung bittend: „Ich weiß natürlich, daß es sich nicht umgedreht hat, aber es fühlt sich so an, glaub’ mir, genau so.“

Mette griff stützend an ihren Ellbogen:

„Komm, ich will dich hinlegen,“ sie bemühte sich, sehr sanft zu sprechen, „komm, sei mein gutes Kind. Du legst dich schön auf den Diwan – dann kommt dein armes Gehirn wieder in die richtige Lage – du bist müde, glaub’ mir, du mußt schlafen, dann bist du in ein paar Stunden wieder ganz frisch und munter.“

Sie faßte den schmalen, willenlosen Körper um die Schultern, führte ihn nach dem Diwan, bettete ihn auf die Kissen und bedeckte ihn noch mit den Decken aus dem Bett.

Sie setzte sich daneben und streichelte mechanisch die kalten und wie leblosen Hände, bis die zitternden Atemzüge ruhiger wurden, die Glieder sich streckten, und der Kopf sich tiefer in die Kissen grub.

Eine Weile saß Mette ohne sich zu rühren, weil sie Angst hatte, die Schlafende zu wecken. Jetzt war es doch wenigstens still im Zimmer.

Sie sah nach der Uhr. In einer halben Stunde hätte Gisela auf dem Podium stehen sollen, um zu singen. Sie warf einen Blick auf das erschöpfte Gesicht mit den erschlafften Zügen und dem geöffneten Mund. Es würde kaum möglich sein, die Schlafende jetzt zu erwecken, und sie an ihre Berufspflichten zu erinnern. Mette verspürte auch nicht die geringste Lust dazu.

Sie stand leise auf, um an das Telephon zu gehen. Sie wollte wenigstens bei dem Kabarett anklingeln und Gisela krank melden. Vielleicht konnte sie ihr dadurch eine Strafe ersparen. Außerdem war ihrem bürgerlichen Empfinden der Gedanke unerträglich, daß die Leute dort in fieberhafter Aufregung von Minute zu Minute warten sollten und keine Nachricht bekämen.

Sie schlich erst auf Zehenspitzen, sich vorsichtig umschauend wie ein Verbrecher, nach dem Nachttisch, um den Revolver herauszunehmen. Sie überlegte, wohin sie ihn tun könnte – kein Platz erschien ihr sicher genug. Sie beschloß, ihn mitzunehmen, und da sie nicht mit ihm gesehen werden wollte, schob sie ihn vorn in die Bluse. Sie fühlte ihn kalt und schwer und unheimlich in dem leichten Stoff hängen, und obgleich sie die Sicherung noch einmal geprüft hatte, hatte sie bei jedem Schritt das Gefühl, beim leisesten Anstoß würde Sicherung und Hahn sich lösen, und die Kugel ihr in die Brust dringen. Sie sagte sich trotzig, daß es das Beste wäre, was ihr geschehen könnte, und bezwang damit ihre Angst.

In der Telephonzelle wartete sie lange, ehe sie die Nummer nannte, weil sie auf dem Gang Schritte zu hören glaubte, oder Türen, die sich öffneten – sie wollte nicht, daß irgend jemand das Gespräch mit anhörte.

Als sie die Verbindung endlich bekommen hatte, mußte sie die Litanei, daß Fräulein Werkenthin krank sei und nicht kommen könne, dreimal herunterbeten.

„Einen Augenblick bitte, ich verbinde mit dem Bureau,“ sagte das erstemal eine höfliche Stimme.

„Moment, ich verbinde mit der Direktion,“ das klang schon weniger liebenswürdig.

„So,“ sagte eine scharfe Stimme nach dem drittenmal, „Fräulein Werkenthin ist krank. Das wird der Arzt entscheiden! Er wird in einer Viertelstunde in ihrer Wohnung sein.“

„Fräulein Werkenthin ist nicht in ihrer Wohnung,“ sagte Mette mit klopfendem Herzen, „sie ist bei mir.“

„Wer ist denn überhaupt da am Telephon?“

„Eine Freundin von Fräulein Werkenthin.“ Nicht, wenn man sie gefoltert hätte, würde Mette jetzt ihren Namen genannt haben. „Fräulein Werkenthin war bei mir zu Besuch und ist ohnmächtig geworden.“

Sie hörte, daß die Stimme mit höhnischer Betonung nach rückwärts sagte: „Sie war bei ihrer Freundin und ist ohnmächtig geworden!“

Eine Stimme schrie, heiser vor Wut, dicht am Apparat: „Sie ist wohl besoffen, wie?“

Mette hörte, daß jemand weggedrängt und zur Ruhe verwiesen wurde, und hörte noch ein unwirsches Gemurmel – „Morphium oder Koks oder Alkohol – immer abwechselnd“.

„Sagen Sie Ihrer Freundin,“ das war wieder die scharfe Stimme von zuerst, und wie sie höhnisch hervorhob „Ihrer Freundin“ traf es Mette wie eine Ohrfeige, „ich könnte sehr gut verstehen, daß sie das Vergnügen Ihrer Gesellschaft dem Auftreten an meinem Institut vorzieht. Aber ich kann ihr auch versichern, daß es mir durchaus kein Vergnügen macht, ihr für nichts und wieder nichts eine hohe Gage zu zahlen. Fräulein Werkenthin wird morgen ein Attest des Theaterarztes einreichen, oder sie ist entlassen.“

Der Hörer wurde mit einem Ruck aufgelegt.

Mette überlegte eine qualvolle Minute lang, ob sie an den Theaterarzt telephonieren sollte. Vielleicht ließ er sich bewegen, ein Attest zu schreiben.

Aber sie hätte ihren Namen angeben müssen, ihre Wohnung. Sie hätte diesem fremden Mann gegenübertreten müssen, ihn in ihr Zimmer führen. Alles in ihr kochte auf vor Empörung. Wie kam sie dazu?

Sie ging geräuschlos in ihr Zimmer zurück. Als sie ihre Sachen auf dem Boden verstreut sah, schüttelte sie wieder eine Welle Zorn.

Sie hatte jetzt keine Lust, aufzuräumen. Sie wollte auch gar nicht sehen, was da alles lag, so roh herumgezerrt und herumgeworfen.

Sie drehte einen Sessel so, daß er der Verwüstung und dem Diwan den Rücken drehte. Sie nahm ein wissenschaftliches Buch vor und versuchte, zu lesen. Vom Diwan klang der regelmäßige Atem so rauh und schwer, daß er gar nicht aus dem zarten Körper zu kommen schien. Und die Unordnung hinter ihr bedeutete zugleich auch Unruhe. Es war, als ob die offenen Schübe und Türen ein hilfesuchendes Klagen ausstießen. Und als ob sie Augen auf dem Rücken hätte, die durch die Sessellehne hindurch immerzu die weißen Flecke von Papier und Batist auf dem dunklen Teppich sahen.

Das Gehen und Reden draußen hörte auf. Es wurde still in der Wohnung, still im Haus.

Die Heizung ließ nach, das Zimmer wurde immer kälter.

Die Kälte kroch vom Fußboden herauf in Mettes Glieder. Sie zog die Füße auf den Sitz, aber auch das half nicht für lange.

Dicht neben ihr auf der Erde lag Giselas Mantel. Sie hob ihn auf und legte ihn sich über die Knie. Eine Duftwelle stieg von ihm auf. Sie schleuderte ihn angeekelt wieder auf den Teppich zurück.

Sie zittert vor Kälte, Aufregung und Müdigkeit. – – –

Lange nach Mitternacht stand sie leise auf, um sich vom nächsten Stuhl ihren eigenen Mantel zu holen. Die erstarrten Glieder schmerzten bei jeder Bewegung. So vorsichtig sie ging, die Dielen krachten unter ihrem Schritt, und Gisela fuhr mit einem Aufschrei in die Höh’.

Ihre Augenlider waren dick geschwollen, das Haar hing in wirren Strähnen um das blasse, verwüstete Gesicht.

„Wer geht da?“ rief sie, „oh, du bist es, Mette!“ sie lachte halb verlegen, „ich dachte, es wären Einbrecher.“

„Ich habe ans Trocadero telephoniert,“ sagte Mette müde und ruhig. „Ich glaube, Kayser war selbst am Telephon – du hast die Vorstellung versäumt. Er war sehr wütend – du sollst morgen ein Attest beibringen, oder du bist entlassen.“

„Wenn schon,“ sagte Gisela wegwerfend, „er soll sich nicht lächerlich machen mit seinen Drohungen.“

Mette hob die Achseln: „Das kannst du ihm vielleicht selber sagen! Mir war es unangenehm genug, mich von den Herren behandeln zu lassen, als wäre ich daran schuld.“

„Arme Mette“ – das klang ehrlich bedauernd und ohne jeden Spott – „du weißt gar nicht, wie leid du mir tust. Mußtest du armes kleines Bürgerseelchen mit deinen tausend Ängsten an mich geraten!“ Sie arbeitete sich aus den Decken heraus: „Ich war schon ziemlich bei mir, vorhin, als ich den Revolver suchte, glaub’ mir! Ich weiß ganz genau, was ich wert bin, und was für mich und alle das beste wäre.“

Sie saß auf dem Diwan und sah betrübt auf ihre schlanken Beine in schwarzseidnen Strümpfen hinab.

„Meine Mutter hat mir immer prophezeit, daß ich in der Gosse ende. Schon als ich ganz klein war. Ich muß bald enden, wenn es nicht doch noch dahin kommen soll. Krank bin ich – vielleicht bin ich morgen brotlos – meine Stimme ist hin, verbraucht, kaputt. Morgen such’ ich mir einen Liebhaber im Klub, übermorgen im Kaffee, nächste Woche auf der Straße.“

Sie hob das Gesicht, das von Tränen überströmt war.

„Gib mir deinen Revolver, Mette, ich bitte dich, du tust ein gutes Werk. Ich schreibe noch einen Abschiedsbrief, damit dich kein Verdacht trifft. Ich bitte dich, sei barmherzig!“

„Ich habe ihn gar nicht mehr,“ log Mette, „ich habe ihn verborgt.“

Dabei fühlte sie sein Gewicht. Er hing vorn in ihrer Bluse, daß der Kragen wie eine feine drückende Schnur auf ihrem Nacken lag.

‚Was soll nun werden?‘ dachte sie, ‚niemals werde ich von ihr frei kommen. Es wird immer so weiter gehen, ich werde sie in meinem Zimmer finden, jedesmal, wenn ich heimkomme, sie wird keinen Beruf mehr haben, kein Geld, sie wird wie eine Klette an mir hängen – und das soll mein Leben sein. Warum nur das alles? Wodurch habe ich das verdient? Nur weil ich mir ihre Zärtlichkeiten habe gefallen lassen? Hat sie dadurch ein Anrecht auf mich, habe ich mich in ihre Hände gegeben, mit Leib und Seele?‘

Gisela kreuzte fröstelnd die nackten Arme über der Brust.

„Es ist kalt hier,“ sagte sie, „warum bist du nicht ins Bett gegangen, armes Tierchen? Es ist doch sicher schon sehr spät – viel zu spät, als daß ich noch eine Bahn nach Hause bekäme. Ach, ich bin wie gerädert. Komm, Mettelchen, wir legen uns beide in dein Bett, damit wir warm werden. Frierst du auch so mordsmäßig?“

„Nein,“ sagte Mette kurz. „Leg du dich nur ins Bett. Ich will noch ein bißchen lesen – ich bin noch zu wach.“

Gisela schlüpfte aus den Schuhen und kroch ins Bett.

„Ich lege mich ganz an die Wand,“ sagte sie, „du hast noch Platz.“

„Ja, ja, danke schön.“

Mette saß wieder ganz still in dem tiefen Sessel ...

Das Gewicht des Revolvers ließ sie wieder eine feine drückende Schnur im Nacken spüren ...

Sie dachte über sich selbst nach und ihr war schwindelig, als sähe sie einen Abgrund, den sie überquert hatte, ohne seine entsetzliche Tiefe gewahr zu werden.

Hatte nicht vor einigen Minuten eine Stimme in ihr geschrien: Tu es doch, gib ihr den Revolver, laß sie ein Ende machen, dann hast du Ruh’!

Wenn sie es getan hätte, dann hätte ein Schuß gekracht, Blut und Hirn hätte sie bespritzt, im Zimmer läge jetzt eine Tote – oder eine Sterbende.

Und sie, Mette Rudloff, hätte einen Mord begangen!

Aus Feigheit, aus Bequemlichkeit, aus kleiner, erbärmlicher Selbstsucht.

Sie hatte diesen Mord in Gedanken begangen. Es hätte nur einer harmlosen Bewegung bedurft ...

Und dann ...

Sie schauderte zusammen.

Vom Bett her klang ein tiefes, ruhiges Atmen.

Mettes Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln.

‚Sie hätte es nicht getan,‘ dachte sie, ‚die hätte es nicht getan.‘

Eine Landstraße dehnte sich weiß im Licht. In schattendunklen Ecken, wo die Sonne niemals hinkam, lagen noch kleine bräunlich-zermürbte Fleckchen Schnee. Die Obstbäume an beiden Seiten der Straße hatten kugeldicke Knospen, an denen die dunkle Hülle schon weißschimmernde Streifchen sehen ließ. Der Wald in der Ferne war überflogen mit einem rötlichen lebenverkündenden Schleier.

Mette und Sophie wanderten die Straße entlang.

„Gott, ist das schön,“ sagte Mette und zog mit offenem Mund die reine starke Luft in die Lungen, „es war ein wundervoller Gedanke von Nora, uns einmal hinauszujagen!“

„Nora hat immer wundervolle Ideen,“ meinte Sophie mit einem heitern und zärtlichen Stolz. „Sie weiß immer, was ich brauche und was mir gut tut, viel besser, als ich selbst. Ich weiß nun allerdings meistens nicht, was mir fehlt. Tatsächlich – ich fühle mich unbehaglich und weiß nicht, ob ich schlafen möchte, oder essen, oder spazierengehen. Aber Nora sagt mir dann: du mußt dich hinlegen, oder: du mußt an die Luft – und es ist immer das Richtige.“

„Du hast es gut,“ sagte Mette mit einem kleinen nachdenklichen Seufzer, „aber du weißt es wenigstens – darum gönne ich es dir auch.“

„Ja, ich weiß es,“ das klang fast andächtig. „Ich hab’ es so unmenschlich gut! Ich weiß es – und du weißt es. Aber die wenigsten Leute sonst machen sich einen rechten Begriff davon. Ich glaube, sie überschätzen mich vielfach. Man hält mich im allgemeinen für viel stärker und selbständiger, als ich in Wirklichkeit bin – für viel männlicher, können wir ja auch sagen. Und dabei bin ich im Grunde so entsetzlich hilflos! Ich kann arbeiten – aber doch nur, weil ich weiß, für wen ich arbeite. Ich glaube, wenn ich nach der Arbeit in eine leere Wohnung hinaufsteigen müßte, ich würde wahnsinnig vor Einsamkeitsangst, oder ich würde Abend für Abend im Kaffee sitzen und trinken und rauchen, bis mir das Leben erträglich erscheint. Ich weiß, daß manche Leute mich bedauern, weil Nora krank ist. Denke dir, vielleicht klingt es brutal und herzlos – aber manchmal empfinde ich es direkt als ein Glück, daß sie sozusagen mit dem Haus verwachsen ist. Das Haus und sie – es bleibt immer auf demselben Fleck und ist immer da für mich.“

„Es erwartet dich,“ sagte Mette mit trübem Lächeln, „und im Grunde freust du dich jetzt schon auf den Abend, wenn du wieder heimkommst. Das ist für dich das Schönste an dem ganzen Ausflug.“ – – –

Sie schritten bergan. Die Sonne brannte so, daß sie die Jacken öffnen mußten.

„Was macht Gisela eigentlich?“ fragte Sophie. Man merkte es dem Ton an, daß die Frage beiläufig und harmlos klingen sollte, und vielleicht darum schon dreißigmal im letzten Moment zurückgehalten worden war.

„Es geht ihr schlecht,“ sagte Mette trotzig, „hast du schon einmal erlebt, daß es ihr nicht schlecht ging?“

Sophie schüttelte den Kopf:

„Daß du nicht mehr Einfluß auf sie hast! Du bist doch im Grunde so eine gesunde und kraftvolle Natur. Aber sie zieht dich hinunter, anstatt daß du sie heraufreißt. Woran liegt es, daß du gar keinen Einfluß auf sie hast?“

„Das liegt daran, daß ich sie nicht liebe,“ sagte Mette in einer verärgerten Stimmung, die ihr lange schweigend getragene Gedanken über die Lippen drängte, „und daran, daß sie mich nicht liebt. Glaub’ mir, in jedem großen Einfluß, den ein Mensch auf einen andern ausübt, steckt – ganz unbewußt vielleicht und ganz verborgen – ein Stück Liebe. Ich wenigstens bin sicher nur zu beeinflussen, wenn ich liebe.“

„Du wirst aber beeinflußt,“ Sophie wurde plötzlich sehr ernst, „obgleich du ja nicht liebst, wie du sagst. Du glaubst nicht, wie du dich für einen unbefangenen Beobachter verändert hast! Als wir dich kennenlernten, warst du so kinderjung – selbst wenn du ernst warst oder melancholisch, es war eine so ungebrochene Lebenskraft in dir. Du warst – wie soll ich es nur sagen? – wie eine Flamme, die noch fast bedeckt ist, aber man spürt, daß sie sich durchfressen wird und plötzlich hell und sieghaft auflohen.“

„Und jetzt?“ sagte Mette trübe. „Jetzt glimmt es und schwelt, und die Glut läuft an den Kanten entlang, und manchmal züngelt noch irgendwo ein ganz schwächliches blaues Flämmchen auf, aber man sieht, daß es keinen Atem hat, es wird erlöschen, die Glut wird erlöschen, und es bleibt ein dunkler, kalter, halbverkohlter rauchender Haufen – kein Aschenhaufen, denn der hat ja seinen Zweck erfüllt, der hat sich in Flammen verzehrt und hat Wärme gegeben – oder sonst seinen Zweck erfüllt. Glaub’ mir, ich könnte auch meinen Zweck in der Welt erfüllen, wenn er auch noch so gering ist – es müßte nur einer Feuer in mich hineinwerfen, mich in Flammen setzen – das Material ist ganz gut.“

„Vielleicht,“ lächelte Sophie, „ist jeder Mensch so ein Haufen Brennmaterial – mehr oder weniger gutes. Manche haben die Flamme direkt von Gott – manche haben sie von brennenden Menschen. Aber es kommt auch dann immer noch darauf an, ob das Häuflein am richtigen Platz verbrennt. Es kann einem einzigen Wärme spenden, es kann, in einem Maschinenkessel eingesperrt, Wunder vollbringen und Tausende übers Meer führen – es kann auch wild um sich brennen und Städte und Wälder in Asche legen. Aber, schön ist es immer, wenn’s brennt, und wenn es Pech und Werg und Moorerde ist.“

Mette hob die Achseln – ihr war, als höbe sie eine Last hoch: „Ich bin am Verlöschen, glaub’ mir – und habe mit meiner Kraft keinen erwärmt und kein Rädchen in Bewegung gesetzt – und bin noch nicht einmal ausgebrannt – das ist das schlimmste!“

Sie gingen ein paar Minuten schweigend. Sophie stieß mit der Stockspitze nach Kieseln, die im Wege lagen, als wollte sie sie zersplittern.

Plötzlich warf sie den Kopf hoch.

„Geh’ weg von hier!“ sagte sie zwingend, „pack’ deine Koffer und fahr’ morgen nach Hause!“

„Ich hab’ kein ‚Zuhause‘,“ sagte Mette bitter.

„Dann fahr’ irgendwohin – in eine fremde Stadt, oder in die Berge, oder in ein Bad. Irgendwohin, wo du fremd bist. Such’ dir einen Kreis intelligenter, anregender, aber vor allen Dingen reinlicher Menschen. Ich würde sagen: such’ dir einen Menschen – aber da ist mit Suchen so wenig getan. Es ist ja auch vorgekommen, daß einer auf der Straße eine goldene Uhr oder eine gefüllte Brieftasche gefunden hat – darum wäre es doch recht töricht, auszugehen, um goldene Uhren oder Brieftaschen zu finden. Aber was du hier um dich hast – das sind ja keine Menschen für dich.“

„Und du?“ fragte Mette, „du und Nora, und Eccarius, und Zeeden und Johannes? – Ich hab’ hier ein Dutzend Menschen, die mir wohlwollen, die freundschaftlich für mich empfinden, deren Gesichter mir vertraut sind – ach, du ahnst ja nicht, wie unendlich viel das schon wert ist!“

„Ach, weißt du,“ Sophie lächelte nachdenklich, „man hat überall Freunde, auch wenn man sie nicht kennt. Man kann ihnen ja entgegenfahren, um sie kennenzulernen! Ich mußte einmal nach Marburg an der Lahn – ich kannte keine Seele da und fürchtete mich ein bißchen, wie ich so durch die Nacht fuhr, einer unbekannten Stadt entgegen. Da fiel mir meine Namensschwester ein, Sophie Mereau, nach der sie mich auch immer Sophus nennen – ich hab’ dir ja ihren Briefwechsel mit ihrem verrückten Mann zu lesen gegeben – ich dachte daran, wie sie nach Marburg fuhr, auf der Landstraße im Postwagen noch dazu, und was für Mut dazu gehört haben mag, sich von allen Freunden loszumachen und in ein ungewisses Leben hineinzufahren – in ein Leben mit diesem tollköpfigen, heißblütigen, grüblerischen Seelensadisten, diesem Clemens. Und ich freute mich auf die Stadt – ich wollte die Gassen aufsuchen, durch die sie ihre täglichen Gänge machen mußte, und wollte suchen, was vielleicht damals schon so war und was sich verändert hatte. Du glaubst nicht, wie mich das beruhigte.

Denke dir, du kämest in eine Stadt, in der deine besten Freunde gewohnt haben, von der sie dir immer erzählt haben, vielleicht fändest du sogar ihr Haus, ihre Wohnung noch unverändert – würde es dir fremd vorkommen, auch wenn sie lange gestorben sind? Und eigentlich haben wir doch in jeder deutschen Stadt gute Freunde gehabt. Geh’ nach Weimar – es hört sich sehr lächerlich an, wenn man sagt: ‚um auf Goethes Spuren zu wandeln.‘ Aber da ist kein Weg und kein Platz und kein Park und kein Dorf in der Umgegend, das dir nicht vertraut vorkommt und wo du nicht sagst: aha, das war da! und hier geschah das! Und wenn du durch die Straßen gehst und die Gedächtnistafeln an jedem dritten Haus siehst, dann kommt es dir vor, als wären es Türschilder von guten Bekannten, und wenn du Lust hast, kannst du auch hinaufspringen und durch ihre Wohnräume gehen – du bist bei Goethe ein ebenso gern gesehener Gast wie bei Liszt – nur schade, sie sind gerade nicht zu Hause – es wäre schön, ihnen einmal die Hand zu drücken – aber das ist ja nicht das wesentliche. Wir wissen ja, was sie uns zu sagen haben. Wir nehmen irgendwelche alte Briefe vor, zum Beispiel – ganz gewiß, wenn Goethe noch lebte, würde er uns niemals lesen lassen, was er Lida schrieb – und so kennen wir ihn ja eigentlich viel besser, als wenn wir ihn wirklich gekannt hätten!“

„Wie du mich manchmal an Olga erinnerst,“ sagte Mette kopfschüttelnd.

„Das ist deine Freundin, die gestorben ist?“ fragte Sophie sehr zart, mit Augen, in denen Angst und Trauer stand.

„Ja!“ Mette konnte lächeln. „Sie konnte auch Leute lieben, die hundert Jahre tot sind. Nur daß bei ihr Leidenschaft werden konnte, was bei dir doch immerhin mehr Freundschaft und Verehrung ist. Ich komme mir manchmal sehr klein und sehr tierisch vor – aber mir gibt immer noch eine warme Hand oder ein schlagendes Herz oder ein lebendiger Atem tausendmal mehr das Gefühl menschlicher Nähe, als ein Bild oder ein Buch, aus dem eine ganze Seele mich unverhüllt ansieht. Aber ich gebe zu, daß das ein Manko ist.“ – – –

Die Wege im Wald waren mit Tannennadeln bedeckt. Kleine Quellen, vom schmelzenden Schnee gespeist, suchten sich hastig und rücksichtslos ihre Straße meerwärts und überrieselten in vielfach geteilten, schmalen und breiten Rinnsalen die Fußsteige, um sich in das Bachbett zu stürzen. Gefällte Baumstämme lagen quer über den Weg und wollten umgangen oder überklettert sein.

Nach jedem dritten oder vierten Baum schien ein ebener, weithin sichtbarer, gebahnter Pfad zwischen den geraden Reihen der hohen Fichtenstämme zu laufen. Der Boden war rings umher mit einer ganz gleichmäßigen dicken Schicht abgefallener Nadeln überzogen, die unter jedem Tritt leise knackten und knirschten.

Sophie und Mette schlugen irgendeinen dieser Wege ein, im Gespräch vertieft. Aber sie merkten nach einer Weile, wie unter dem Nadelteppich Moospolster sich hoben, Wurzeln sich streckten. Der Boden wurde unebener, Löcher wechselten mit kleinen Hügelchen.

„Ich finde diesen Weg nicht sehr gepflegt,“ erklärte Sophie lachend, „wollen wir umkehren oder sehen, daß wir hier irgendwo weiter und wieder hinaus kommen?“

„Weiter,“ entschied Mette, „umkehren ist mir gräßlich! Dann hat man alle Unannehmlichkeiten, die man noch in ganz frischer Erinnerung hat, noch einmal zu bestehen und ist schließlich wieder am Ausgangspunkt. Lieber will ich dreimal solange und über dreifach schwierigeres Gelände gehen, aber geradeaus und auf unbekannten Wegen.“

„Das versteh’ ich,“ lachte Sophie, „ich hab’ immer gesagt, das muß das schlimmste am Kinderkriegen sein, daß man es dreiviertel Jahr lang vorher weiß. Nur nicht wissen, was einem bevorsteht. Also – dann: durch!“

Jede Andeutung eines Pfades hatte längst aufgehört. Das Gestrüpp des Heidelbeerkrautes schlug ihnen bis fast an die Knie und ließ kein Plätzchen frei, wohin sie nur den Fuß hätten setzen können, ohne die zähen, holzigen Stiele unter der Sohle zu biegen. Abgebrochene Äste von der Größe junger Bäume, manche noch mit grünen Nadeln bedeckt, die meisten nackte, schwarze, traurige Gerippe, mit grauer Flechte überzogen, reckten sich ihnen entgegen, griffen mit Hakenarmen nach ihren Füßen, ihren Kleidern, als böten sie allen Willen eines lebenden Wesens auf, um sie nicht durchzulassen oder mitgenommen zu werden.

Die Stämme wurden schlanker, traten dichter zusammen. Ihre unteren Äste, zu denen die Sonne niemals durchdringen konnte, waren abgestorben, schwarz und dürr, grau übersponnen, und sie griffen nacheinander, schienen miteinander verwachsen, daß die beiden sich nur mit Mühe durch sie hindurchdrängen konnten oder sich bücken mußten, um unter ihnen wegzukriechen, wobei sie dann doch mit den Köpfen anstießen und im windzerwehten Haar allerlei abgesplitterte Zweigendchen oder trockene Flechte mitrissen.

„Wir sind im Zauberwald,“ flüsterte Mette, „gleich kommt der Herr des Berges, was meinst du – soll es ein Zwerg oder ein Riese sein?“

„Dort liegt das Feenschloß.“ Sophie deutete auf eine Stelle, wo es wie eine goldene Wand durch die Äste schimmerte. „Wenn wir dort sind, sind wir geborgen! Komm, Schwesterchen, gib mir die Hand, wir laufen, was wir können!“

Sie strebten vorwärts, so rasch es ging. Dort hinter den Bäumen stand lichter Himmel, sonnige Weite. Schon traten die Stämme mehr auseinander, an den glatten Rinden spielten Sonnenflecke.

Sie traten wie aus einem Tor ins Freie. Ein Abhang lag zu ihren Füßen, nach Süden gewandt, ganz getränkt und geblendet von Sonnenlicht. Laubbäume standen hier, Buchen und Eichen, und streckten die ganze Pracht ihrer kahlen Kronen wie starkes und zierliches Schmiedewerk gegen den blauen Glanz des Himmels. Im Unterholz aber waren schon ungeduldige Knospen gesprungen und falteten die fein gekrausten, von Frische glänzenden Blättchen auseinander.

Zwischen dem grauen, verwitterten Laub am Boden drängten sich grüne Spitzchen hervor, blaue Leberblümchen und weiße Windröschen hatten die Kelche weit, weit aufgetan, um die kosenden Strahlen einzusaugen.

Ein breiter weißer Weg führte unten vorbei, von jungen Birken gesäumt, deren schleierzartes, hängendes Astwerk besät war mit gelben Blütenbüscheln. Er machte unter dem Abhang eine Biegung und lief ein Stück sanft, fast eben, weiter talwärts. Da, wo man ihn aus den Augen verlor, lag überraschend wie ein köstliches Wunder der glatte Spiegel eines Sees so gleißend im Sonnenlicht, daß er die Augen blendete. Daneben ragten rote Dächer, weißes Mauerwerk – das Ziel.

„Herrgott, ist die Welt schön!“ jauchzte Mette, „oh, Sophus, ich bin dir ja so wahnsinnig dankbar, daß du mir das mal wieder zum Bewußtsein gebracht hast!“

„Wir wollen oft zusammen ins Freie,“ sagte Sophie, „ich will dir alles zeigen, was ich früher – ganz früher – so hundertmal gesehen habe, immer in so verzweifelter Einsamkeit und immer in so zerfressender Sehnsucht nach einem Menschen, dem ich das alles zeigen könnte. Wir müssen gehen, wenn die Obstbäume blühen, und nachher, wenn der ganze Wald voll Heckenrosen und Gaisblatt steht, oh, und im September, wenn das Laub bunt wird.“ Sie faßte nach Mettes Hand und preßte mit einem fast schmerzend festen Druck die Finger um das Gelenk. „Du sollst auch nicht fortgehen – das war ja alles Unsinn, was ich dir vorhin gepredigt habe. Wir werden schon sehen, dein Leben hier zurechtzukriegen – wir müssen dir nur eine Arbeit suchen – und du mußt dir ein nettes, kleines Heim einrichten, daß du nicht mehr in der scheußlichen Pension zu wohnen brauchst – und dann mußt du feierabends kommen und gemütlich bei uns sitzen, und einmal in der Woche müssen wir uns freimachen von aller Arbeit und von morgens bis abends in den Bergen herumlaufen.“ Sie wechselte plötzlich den Ton und sagte komisch trocken: „Und dann müssen wir uns verlaufen und müssen die Dächer, aus denen das von Gott uns bestimmte Mittagessen raucht, vor der Nase haben und an einem Abhang stehen, den wir nicht hinunterkommen – oder?“

„Wir kommen!“ sagte Mette zuversichtlich. „Schon weil uns nichts anderes übrigbleibt. Oder wollen wir uns vielleicht vom Ziel entfernen, um einen bequemeren Weg zu suchen? Ausgeschlossen!“

Im Anfang, als die Füße in dem raschelnden Laub versanken, ging es ganz gut. Aber auf dem letzten Streifen, kaum haushoch über der Chaussee, standen wieder Fichten und Kiefern, und der nadelbedeckte Boden war in der Sonne glatter als gebohntes Parkett.

Sophie, die das Bergauf-bergab von Kindheit an gewohnt war, stand – wenn auch in letzter Zeit aus der Übung gekommen – doch auf festeren Füßen als Mette, die von Schritt zu Schritt nach einem Ast suchte, an dem sie sich halten konnte. Sophie streckte ihr die Hand hin, aber Mette schlug ehrgeizig jede Hilfe aus; dabei fingen sie beide an zu lachen, über sich selbst, über den andern, über das kleine Abenteuer, über Scherzworte, die sie sich zuriefen, es brauchte nur der Warnung des andern, daß man fallen würde, der Ahnung einer wirklichen leichten Gefahr, um das Gelächter, das man unterdrücken wollte, in tolle, kindische Lustigkeit ausarten zu lassen. Mette lachte, daß ihr die Tränen aus den Augen stürzten, sie sah nicht mehr, wohin sie trat, die Füße glitten unter ihr weg, ein Zweig, an dem sie sich hielt, knickte ab und blieb ihr in den Händen; sie wäre unfehlbar gestürzt, wenn nicht Sophie, einen Fuß gegen eine Wurzel gestemmt, sich ihr entgegengebeugt, sie aufgefangen und gehalten hätte. Einen Augenblick lagen sie so Brust an Brust, heiß, lachend, mit hastigem Atem und schlagenden Herzen. Im selben Augenblick wurden beide ernst, neigten die Gesichter zueinander und legten willenlos und demütig Mund auf Mund.

Mette schloß die Augen. Sie fühlte Sophies fiebernde Lippen auf ihren Lidern, ihren Schläfen, ihren Wangen. Sie hörte ihre heiße Stimme flüstern:

„Rühr’ dich nicht, wehr’ dich nicht, sonst stürzen wir beide hinunter!“

Sie dachte nicht daran, sich zu wehren. Sie dachte nicht daran, sich zu rühren. Sie hielt reglos still, das Herz wurde ihr groß und warm, und ihr war, als müsse es unter Liebkosungen aufblühen wie ein junger Baum im Maienregen. – – –

Sie aßen Mittag unter dem freundlich winkenden roten Dach und fuhren über den silbernen See und wanderten nach der Bahnstation, und waren bald ausgelassen, bald sentimental, aber immer zuvorkommend und ritterlich gegeneinander – und sie sprachen von tausend Dingen, nur nicht von sich selbst und nicht von dem, was sie dachten und empfanden.

Auf dem kleinen Bahnhof saßen sie zwischen andern Leuten, schweigsam und müde, und warteten auf den Zug. Die frühe Dunkelheit brach an, die wenigen Laternen warfen trübes Licht in das blaue Dämmer. Mette fing an zu frieren und drückte das Gesicht in den hochgeschlagenen Kragen.

Endlich kam der Zug. Sie suchten beide nach einem leeren Abteil, ohne diese Absicht auszusprechen. Sie fanden eines und stiegen ein.

‚Nun wird alles gut,‘ dachte Mette, ‚ich will meinen Kopf an ihre Schulter legen und mir leise gute Worte sagen lassen. Dann wird das Frösteln aufhören.‘

Sophie saß neben ihr, ein wenig vorgebeugt, und sah aus dem Fenster, ohne ein Wort zu sprechen – lange, lange. Draußen glitten Felder und Wälder vorbei, immer dichter in Dunkelheit gehüllt, selten durch ein helles Fenster, eine einsame Laterne unterbrochen. Endlich wandte Sophie Metten das Gesicht zu – ein Gesicht, das im schwachen Schein des flackernden Gaslämpchens gespannt in allen Zügen, ernst und totenblaß aussah.

„Ich habe dir heut’ morgen etwas gesagt, Metti,“ fing sie an – schwerfällig, stockend, und doch so, als hätte sie die letzte schweigsame Stunde dazu verwandt, es auswendig zu lernen, „denk’, es wäre das einzige gewesen, und vergiß alles, was ich sonst gesagt oder getan habe. Ich hab’ dir gesagt: geh’ weg von hier! Und ich bitte dich jetzt, wenn du das geringste – Wohlwollen für mich hast: geh’ weg von hier! Ich weiß seit beinah’ dreißig Jahren, daß ich ohne Nora nicht leben kann. Ich habe es mir selbst bewiesen – ich bin in jeder Hinsicht verkommen, als ich den Zusammenhang mit ihr ganz verloren hatte, und ich bin ein Mensch und ein Arbeiter geworden, von dem Moment an, wo sie bei mir war. Ich lebe seit fünf Jahren in der Überzeugung, daß ich restlos glücklich bin. Ich darf mir diese Überzeugung durch nichts erschüttern lassen. Ich darf niemals auf den Gedanken kommen, daß es eine Lebensmöglichkeit für mich gibt außer Nora. Sie würde es fühlen, und sie würde gehen. Sie erträgt ihre Leiden nur, weil sie mir bedingungslose Notwendigkeit ist. Sie würde ein Ende machen, wenn sie wüßte, daß ich mich eine Stunde lang wohlfühle ohne sie. Vielleicht hast du uns so gern, daß es dir ein Opfer ist, den freundschaftlichen Verkehr mit uns aufzugeben. Ich möchte beinah sagen: ich hoffe es.“ Sie senkte den Kopf sehr tief, damit man das Zucken ihrer Lippen nicht sah. „Aber ich weiß, daß du dieses Opfer bringen wirst, weil du eine Ahnung hast, um was es geht. Ich habe mich überschätzt. Es ist sehr schlimm, sich das eingestehen zu müssen. Wenn du fort bist, werd’ ich es Nora beichten – aber nicht jetzt, solange es ihr nur eine Minute die Ruhe nehmen könnte. Ich würde auch jetzt nicht den richtigen Ton dafür finden!“ Sie sah wieder aus dem Fenster.

Mette war die Kehle trocken.

„Natürlich,“ sagte sie gedankenlos, „selbstverständlich.“ Und immer wieder: „Ja – selbstverständlich – natürlich,“ ohne zu wissen, was sie damit meinte.

Als der Zug hielt, sprang Sophie heraus und faßte Mettes Ellbogen, um ihr beim Aussteigen zu helfen. Aber sie ließ sie gleich wieder los, und beide lächelten verlegen und schmerzlich.

Auf dem Bahnsteig gaben sie sich mit festem Druck die Hand.

„Komm gut nach Hause, Kind,“ sagte Sophie. „Und gut durchs Leben. Und ich danke dir – für alles.“

„Ich dir auch,“ antwortete Mette tonlos.

Dann ließ die gute feste Hand sie los.

Einen Augenblick trafen sich ihre Augen, glitten ineinander, dann irrten sie wie aufgescheucht nach irgendeinem hellen Fleck in der Ferne.

Sophie wandte sich. Sie vergrub beide Hände in den Taschen, drückte den Kopf in den Nacken und schritt weit aus.

Eine Weile überragte sie noch das Gewühl der strömenden Menge, dann tauchte die hohe Gestalt unter und verschwand.

Langsam, mit schweren Füßen, wandte sich Mette nach der andern Treppe.

Mette hatte das Fenster weit aufgemacht, einen Stuhl dicht daran gestellt und saß nun, beide Arme auf die Brüstung gestützt, das Gesicht in die Hände gelegt und starrte zu dem Stückchen Nachthimmel auf, das die Häuser freigaben. Sie suchte den Antares – „ihren Stern“. Aber die Mauern verbargen ihn.

Die Luft war weich und warm, fast schwül. Manchmal wehte von irgendwoher ein Duft wie von Akazien oder Tuberosen. Irgendwo war Musik. Man hörte mancherlei Geräusch aus dem Schacht des Hofes heraufdringen. Geschirrklappern, Lachen, Sprechen, Singen – das kam, weil alle Fenster offen standen.

Mette fühlte sich an irgend etwas erinnert, an eine sehr glückliche Zeit, die begleitet war von diesen noch ungewohnten Geräuschen des jungen Sommers. Aber sie konnte sich nicht besinnen, wann und wo das gewesen war. Vielleicht in ihrer Kindheit, wenn sie abends am Fenster ihres weißen Mädchenstübchens saß, zu den Sternen hinaufstarrte und in den Garten hinunter und ganz erfüllt war von der ahnenden Erwartung des Lebens, das kommen sollte – des großen, starken, brausenden Lebens, dessen Widerhall an Sommerabenden das von Häusern umschlossene Viereck zu durchzittern schien – so wie das Brausen des Meeres sich in einer Muschel fängt und weitersummt.

Oh – wie schön müßte es sein, auf irgend etwas zu warten. Auf das Namenlose, das Unbegreifliche ... vielleicht kam es doch noch! Was wußte menschlicher Verstand! Vielleicht waren da oben keine Welten, wo unselige Lebewesen von Qual zerfressen wurden und sich gegenseitig zerfleischten. Vielleicht waren es Löcher im dunklen Vorhang, der den goldenen Thronsaal verhüllt, oder Blumen auf dem Wiesenteppich, über den die Seligen wandeln ...

Vielleicht war Sterben schön ...

Vielleicht war es ein Moment unbeschreiblichen Jubels, mit dem die Seele sich aus dem zerfallenden Kadaver aufschwang ... vielleicht, sie schloß die Augen – eine Welle der Erregung überflutete sie, daß ihr schwindlig wurde – vielleicht würde sie im Augenblick des Sterbens Olga sehen ... sehen? wenn der Mechanismus von Linsen und Sehpurpur und Nerven zerstört war? ... aber fühlen ... ahnen.

Es gab nur zwei Möglichkeiten – entweder das Bewußtsein blieb erhalten, oder es verflüchtigte sich. Im ersteren Fall war es kein größeres Risiko, eine andere Daseinsform anzunehmen, als etwa die Wohnung zu wechseln – im letzteren gab es keinen Schmerz, keine Reue, keine Trauer über das vertane Leben ...

Mette starrte nach den Sternen. Sie dachte daran, daß Olga ihr einmal erzählt hatte, wie sie durch die Kraft ihrer sehnsüchtigen Wünsche fast die Seele vom Körper gelöst hätte und auf die Wanderschaft geschickt. Mette fühlte, daß sie diese suggestive Macht über sich selbst nicht hatte. Aber vielleicht konnte sie nachhelfen, der gefangenen Seele ein kleines Tor aufsprengen – in der Brust oder in der Schläfe.

Ob sie wohl abdrücken würde, wenn sie jetzt den Revolver in Händen hielte? – – –

Aber der Weg durch das Zimmer war weit. Eh’ sie den dritten Schritt getan hätte, würde die feige Angst wieder da sein, und der brennende Wunsch nach den ganz kleinen, dummen, niedrigen Freuden des Lebens ... es müßte so nett sein, jetzt auf einer der Terrassen der hellerleuchteten Kaffeehäuser zu sitzen, Eis zu essen und Musik zu hören – nicht allein natürlich – in einem Kreis ruhiger, harmloser, bürgerlicher Menschen.

Es müßte sehr nett sein ...

... schöne und elegante Frauen an sich vorübergehen zu lassen – die auf- und abwogenden Leute zu bewundern oder zu bespötteln – sich von süßen und sentimentalen Geigenmelodien streicheln zu lassen ...

Und Eis mit Früchten! ...

Freilich, Sterben war vielleicht schöner ...

Und es war eigentlich leichter –

Der Revolver lag so nah!

Sie wandte den Kopf nach ihm. Es war fast, als riefe er nach ihr. Aber ihr Körper war schwer und wie festgekettet an dem Stuhl. Sie wußte: ‚Wenn ich jetzt aufsteh’, dann tu ich’s!‘

Aber sie stand nicht auf.

Draußen wurden lachende Stimmen hörbar, wurden lauter, kamen näher.

Man rief ihren Namen, klopfte an ihre Tür.

Sie brachen wie eine Horde in das stille Zimmer ein: Gisela, Kramer, Giesbert, die Luigi, Willi Krafft und Johannes.

„Weiß Gott, sie sitzt im Dunkeln!“ „Hast du gemunkelt?“ „Machst du astronomische Studien, oder willst du dich aus dem Fenster stürzen?“ „Mach hopp, dalli, komm mit, wir wollen noch ein bißchen bummeln! Es ist eine herrliche Frühlingsluft draußen!“ „Atmest du nicht mit mir ...?“

Sie hatte sich nicht nach diesen Menschen gesehnt – nach keinem von ihnen. Aber sie war fast gerührt, daß man sie nicht vergessen hatte. Sie dachten doch an sie – sie wollten sie mithaben – sie hatten sie vermißt – es war doch gut, nicht ganz allein zu sein auf der Welt.

„Gut,“ sagte sie heiter, „ich dachte gerade an Eis mit Früchten, als ihr kamt! Es ist nett, daß ihr mich holt – aber ihr müßt mir fünf Minuten Zeit lassen, daß ich mich anziehen kann – um eurer illustren Gesellschaft würdig zu erscheinen.“

Mette holte ihr hübschestes Sommerkleid aus dem Schrank, den kleidsamsten Hut – sie wußte selbst nicht warum. Aber sie hatte das unklare Gefühl, als liefen heute alle Bewohner der Stadt auf der Straße herum, um mit sehnsüchtigen Augen nach einem Menschen zu suchen. Vielleicht traf sie für eine Sekunde ein Blick, der an ihr Gefallen fand, aus irgendeinem Augenpaar, das ihr gefiel.

Es flog ihr durch den Kopf, während sie vorm Spiegel den Hut aufsetzte: Vielleicht ist es das, was die Menschen so ruhelos umhertreibt, immer von einer dieser sogenannten Vergnügungsstätten nach der andern – dies, daß sie hoffen, irgendwo für einen flüchtigen Augenblick dem Menschen zu begegnen, den sie suchen – den sie alle suchen, ihr Leben lang, weil sie alle allein sind. – – –

Sie saßen erst in den Korbsesseln einer Kaffeeterrasse, bei kleinen Lampen mit rosenbedruckten Seidenschirmen und Perlfransen, und aßen Eisfrüchte und Waffeln und tranken einen süßen Likör, um einer „Vergletscherung der Magenwände“ vorzubeugen, wie Giesbert sagte.

Aber die Luigi, die getanzt hatte, und Krafft und Johannes, die im Konzert gewesen waren, hatten noch nicht zu Abend gegessen und äußerten Sehnsucht nach einem reellen Beefsteak oder Schnitzel.

Man ging also zwei Häuser weiter in ein Weinrestaurant, wo die Musik dieselben Stücke in etwas veränderter Reihenfolge spielte.

Nach dem Essen ging man in die nächste Bar, trank ein Glas Schwedenpunsch und eine Flasche Sekt, und die Luigi tanzte mit Giesbert und mit Krafft, was alle andern Tanzenden zum Aufhören und interessierten Zuschauen veranlaßte. Mette fühlte sich ein wenig in ihrer Eitelkeit geschmeichelt, weil sie zu diesen gut tanzenden Leuten gehörte.

Als die Polizeistunde kam, machten die Kellner Rechnung, stellten eine gedämpftere Beleuchtung her und zogen die schweren violetten Vorhänge vor die Fenster. Niemand dachte daran, aufzustehen und zu gehen.

An einem Nebentisch saß eine schöne blonde Frau mit zwei Herren. Mette sah die ganze Zeit zu ihnen hinüber. Die blonde Frau beobachtete alles mit einer lachenden staunenden Neugier, als hätte man sie in einen zoologischen Garten geführt, und die beiden hochgewachsenen Männer saßen neben ihr, als hätten sie die Aufgabe, sie vor jedem frechen Blick und jedem giftigen Hauch zu schützen.

‚Vielleicht ist das eine ihr Mann und das andere ihr Bruder,‘ dachte Mette, ‚es ist ein Platz am Tisch frei – warum sitz’ ich nicht da? Gehör’ ich nicht zu diesen Leuten? Meiner Familie nach, meiner Erziehung, meiner Bildung, meinen Manieren? Der Glattrasierte ist sicher ihr Bruder – er hat eigentlich ganz ihr Gesicht. Würde es nicht viel besser zu mir passen, wenn ich mit ihm verlobt wäre und mit ihm und meiner Schwägerin und meinem Schwager einen kleinen Bummel machte – sehr hübsch wäre das. Warum wünsch’ ich mir das eigentlich? Wirklich nur, weil ich Sehnsucht nach ganz klaren, bürgerlichen, reinlichen Verhältnissen habe? ... oder weil die schöne Frau mir gefällt?‘

Als die drei Leute vom Nebentisch aufgebrochen waren, fing Mette an, es langweilig und öde zu finden. Sie war müde und hatte reichlich genug, aber ihr war doch, als müßte sie noch weiter, um irgend etwas zu erleben, als müsse sich noch irgend etwas ereignen, was dieser sinnlosen Vergeudung von Zeit und Geld einen Schein von Berechtigung gäbe. Sie hatte Angst, daß es wieder so würde wie immer, wenn sie sich zeitiger von der Gesellschaft trennte, weil sie die Langeweile nicht mehr ertragen konnte und es dann am anderen Tage hieß: „Schade, daß du so früh gegangen bist – es war noch so besonders nett nachher, wir haben den und den getroffen, und wir waren so ausgelassen!“

Gisela bestand darauf, in den Klub zu gehen. Die andern, bis auf Krafft, der keine Karte anrührte, nicht aus moralischen Bedenken, aber weil es ihn tödlich langweilte, stimmten ihr zu.

Mette erschrak ein wenig. Sie wußte, daß es kommen würde, wie immer. Gisela würde spielen und verlieren. Dann würde sie für Mette weitersetzen und wieder verlieren. Dann würde Mette versuchen, etwas zu retten und selbst setzen – mit ein wenig Vorsicht und Zurückhaltung. Und sie würde zweimal gewinnen und dreimal verlieren. Oder auch umgekehrt.

Jedenfalls hatte die Stunde im Klub nachher immer ein paar hundert oder ein paar tausend Mark gekostet, und Mette pflegte dann wochenlang die verlorene Summe in Bücher umzurechnen, die sie in den Schaufenstern sah, oder in schöne Holz- und Ledersachen. Oder sie betrachtete die Bettler auf der Straße, die sie damit hätte glücklich machen können, und die blassen Kinder, die mit wunschbrennenden Augen vor Spielzeug- oder Süßigkeitenläden standen.

Gewiß – sie kam nicht in Verlegenheit. Sie konnte an die Bank telegraphieren und hatte in wenigen Stunden Geld, soviel sie wollte. Sie wurde nicht ganz klug aus den Bankabrechnungen – aber soviel wußte sie doch, daß sie mehr als ihre Zinsen verbrauchte. Es gab ihr manchmal ein unbehagliches Gefühl, fast wie einen leichten Schwindel. Aber dann schalt sie sich philisterhaft und enggeistig. Sie würde ja nie Kinder haben – und sie würde nicht lange leben. Vielleicht wäre es ganz gut, einmal keinen Pfennig mehr zu besitzen, und so gleichsam auf des Messers Schneide zu balanzieren. In solchem Augenblick würde sich erweisen, ob die Kräfte des Lebens stark genug in ihr wären – vielleicht würde sie in einem ganz bescheidenen, arbeitsamen Dasein – als Kellnerin, als Verkäuferin – glücklicher werden. Vielleicht wäre äußere Not Anstoß zugleich und Entschuldigung, den geliebten Revolver an der Schläfe abzudrücken.

Es war nicht nur Gleichgültigkeit gegen Leben und Tod, die Mette veranlaßte, mit den andern in den Klub zu gehen. Gisela spielte mit mehr Unglück als Leidenschaft, und wenn sie so dringend darauf bestand, den Klub, irgendeine Bar oder eine Diele aufzusuchen, so tat sie es, weil sie vermutete, Fiametta dort zu treffen. Mette wußte das. Sie waren einander im Winter oft begegnet, und Mette freute sich jedesmal an ihrer ausdrucksvollen und hochmütigen Schönheit und ärgerte sich jedesmal, weil die andere immer gewählter angezogen, sicherer im Auftreten und vor allen Dingen in besserer Gesellschaft war als sie selbst.

Da nichts und niemand in der Nähe war, um Mettes Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, hatte sie Zeit gehabt, in einem Pfeilerspiegel sich selbst zu beobachten. Sie erschien sich sehr fremd, aber eben darum ganz annehmbar – sie nickte ihrem Bild mit den Augen zu, als wollte sie sagen: Sei nur ruhig, heut’ wird es uns gelingen, ein ebenso hochmütiges Gesicht zu machen wie diese selbstbewußte Person! – – –

Als sie den Klub verließen, waren sie alle mehr oder weniger schlechter Laune. Sie hatten alle verloren bis auf Johannes, der, die Hände voller Scheine, mit Tränen in den Augen und flehenden Worten hinter Krafft herlief, um ihm das Geld aufzudrängen.

„... das ist doch meins, Willi,“ hörte Mette, „das hab’ ich doch so gut wie verdient! Davon weiß doch kein Mensch etwas!“

Willi Krafft wies ihn ab, mit kaum beherrschter Ungeduld, beide Hände in den Jackentaschen vergraben.

Sie taten alle beide Mette leid. Und Kramer tat ihr leid, der unheimlich viel verloren hatte und ganz blaß und einsilbig war.

Und Giesbert und die Luigi taten ihr leid, die sich gegenseitig Vorwürfe machten, nicht wenigstens auf verschiedenen Seiten des Tisches gesetzt zu haben. Und aus deren halblauten heftigen Worten etwas flackerte wie jahrelang schwelender Haß.

Und Gisela tat ihr leid, weil sie elend und verfallen aussah wie eine Schwerkranke – und weil sie die Fiametta nicht getroffen hatte.

Und sie selbst tat sich leid – oh, sie tat sich selbst so leid!

Sie waren alle schlechter Laune, aber niemand wollte nach Hause gehen, um allein damit fertig zu werden.

Sie erwarteten alle noch eine Entschädigung für diese vergeudete Nacht, einen tollen Rausch, eine große Lustigkeit – eine Sensation, ein Erlebnis, eine Freude, oder eine Stunde Vergessen aller Widerwärtigkeiten.

„Wo jetzt hin?“ fragte Giesbert und ließ mit etwas erzwungenem Übermut den Stock tanzen, „Stimmung, Herrschaften, Stimmung. Der Kater hat bekanntlich erst morgen in Aktion zu treten! Auf zum süßen Emil. Ich taxiere, die überwiegende Mehrzahl unserer erlauchten kleinen Gesellschaft wird sich da wie zu Hause fühlen.“

Sie bogen in eine stille, dunkle Seitenstraße. Still und dunkel lag da ein kleines bürgerliches Bierlokal dritten Ranges. Eine ältere Frau mit bloßem Kopf und Umschlagetuch schien auf einen herumschnüffelnden kleinen Hund zu warten, den sie von Zeit zu Zeit lockte und rief.

Giesbert schien sie zu kennen. Er begrüßte sie durch einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter und forderte sie auf, die Haustür zu öffnen.

Die Alte übernahm die Führung, unter ständigen geflüsterten „Obacht“-Rufen ging es Stufen hinauf und hinab, über einen unbeleuchteten Hof, durch schmale Türen, enge, stockdunkle Gänge zwischen dicken Friesvorhängen hindurch, bis Licht, Geräusch, Farben und Stimmen einem plötzlich wirr und überraschend entgegenschlugen.

Der große langgezogene Raum, in einem fliederfarbenen Licht gebadet, war mit raffiniertem Geschmack ausgestattet, schwarz und lila waren die vorherrschenden Farben, schwarz war der dicke Teppich mit verstreuten lila Blüten, schwarz die polierte Holztäfelung, schwarz der Marmorkamin, die schweren Samtvorhänge, mit rasend verzerrten lila Ornamenten bedeckt, schwarz Bronzen und Holzschnitzereien, die auf dem Sims der Täfelung standen und sich von der fliederfarbenen Wandbespannung abhoben.

„Hübsch,“ sagte Mette mit erstaunten Augen, „wie kommt das hierher?“

„Das haben ihm seine Freunde so eingerichtet,“ sagte Giesbert mit etwas spöttischem Lächeln. „So als eine Art kleines Privatetablissement! Warum soll es nicht hübsch sein? Es sind sehr reiche Leute darunter – und sehr bekannte Künstler – Maler, Bildhauer, Innenarchitekten – was Sie wollen! Der süße Emil liefert ihnen als Revanche den Sekt und die Gesellschaft!“

„Emil!“ rief Johannes einen schlanken, geschmeidigen, dunkellockigen Mann an, „zeig’ doch unsern Damen einmal dein Lokal!“

Der Gerufene war mit viel Liebenswürdigkeit bereit. Er öffnete eine schmale Tür, und man kam in einen trübe erleuchteten, nüchternen Raum, in dem ein Dutzend braune Tische standen, auf denen jetzt schon die leichten Rohrstühle aufgestapelt waren, und wo bunte Plakate von Bier- und Tabakfirmen an den Wänden prangten.

An einem Tisch in der Ecke, der noch gedeckt war, lümmelten sich ein paar junge Burschen mit Karten in der Hand.

Anstoßend war der eigentliche Schankraum, dessen Fenster auf die Straße gingen. Wieder ein paar Tische und Stühle, die Theke mit den blankgeputzten Bierhähnen, ein Orchestrion an einer Wand. Hier war es fast ganz dunkel, nur eine kleine Notlampe über dem Büffet warf blitzende Lichter auf das Metall. In einer Ecke sah man schattenhaft zwei Gestalten, die miteinander zu ringen schienen, und hörte unterdrücktes Gekicher.

Sie gingen in den ersten Raum zurück, und „Emil“, wie er von allen Seiten gerufen wurde, war ihnen behilflich, einen bequemen Tisch und die nötige Anzahl Stühle zu finden.

Mette betrachtete die Leute um sich mit einem Gemisch von Neugierde, Teilnahme und Widerwillen.

Nicht weit von ihr saß ein fetter, schwarzbärtiger Mann, an seiner breiten, behaarten Hand blitzte und funkelte ein rosiger Solitär. Mit dieser dickfingrigen, ringgeschmückten Hand tätschelte er Kopf und Schulter eines jungen, blassen Burschen, der offenbar einen ausgewachsenen Sonntagsanzug anhatte und halb frech und halb verlegen aussah.

An einem anderen Tisch saß ein vornehm aussehender alter Herr, dessen feingezeichnetes Gesicht mit dem ergrauenden Spitzbart den Denker verriet. Die eine der schmalen weißen Hände lag um den Fuß des Sektkelches, die andere begleitete seine langen Reden mit einer Geste, als stünde er auf der Tribüne oder auf der Kanzel. Seine schönen blauen Augen glühten wie in einem Feuer jugendlicher Begeisterung. Ihm gegenüber saß ein breitschultriger, stiernackiger Soldat mit einem hübschen ehrlichen Bauerngesicht und grinste geschmeichelt und verständnislos.

Mehr noch als die Männer zogen die Frauen Mettes Blicke an. Es war eine ganze Stufenleiter von Erscheinungen da. Solche, die zum dunklen Jackenkleid mit Aufschlag und Brusttasche den steifen Kragen, zum kurzgeschnittenen Haar den kleinen Herrenhut trugen – andere, die sich nur durch eine leise Schattierung verrieten – einige, aus deren scharfen Zügen Geist und Charakter sprachen, andere, die ganz den Typ der Kokotte vertraten.

Eine von allen fand Mette sehr schön. Sie war groß und schlank, hatte kurze goldbraune Locken und Bau und Profil eines Griechenknaben. Sie war in einer großen, ausgelassenen Gesellschaft, lachte viel und schien schon leicht betrunken.

Eine süße, aufreizende und gedämpfte Musik ertönte hinter einem Vorhang. Zwei junge Soldaten in Uniform hielten sich an den Hüften gefaßt und wiegten den geschmeidigen Körper im Walzertakt. Sie setzten die Füße in den schweren Stiefeln zierlich und behutsam wie Tänzerinnen – kein Schritt wurde hörbar.

„Jetzt ist der Moment gekommen,“ entschied Giesbert, „wo wir uns einen andudeln müssen. Ach Emil, wie ist doch das Leben bei dir reell! Wenn ich denke, ich kriege eine Flasche Sekt, dann krieg’ ich sie auch, aber wenn ich denke, ich kriege neune, dann kriegt sie die Bank.“

„Aber nein, Herr Giesbert,“ sagte Emil lächelnd, „Sie kriegen auch neun Flaschen Sekt!“

Sie tranken Sekt, und Sekt mit Rotwein, und Sekt mit Porter, und Benediktiner, und Schwedenpunsch, und Flips und wieder Sekt.

Mette trank ein wenig vorsichtig, und es machte ihr Spaß, zu beobachten, wie sie alle, einer nach dem andern, anfingen, Unsinn zu schwatzen.

Aber obgleich sie noch ihrer Zunge und ihrer Gedanken Herr war, fühlte sie doch das Blut etwas rascher kreisen und die Musik wie einen warmen Strom durch ihre Nerven rinnen. Einen Augenblick, als sie die Augen schloß, hatte sie den Wunsch und fast visionär auch die Vorstellung, am Rhein zu sitzen, auf einer Terrasse oder in einem blühenden Garten, vom Wasser her alte sentimentale Volkslieder zu hören und in einem vertrauten Kreise eine duftende Maibowle zu trinken.

Als sie die Augen aufschlug und den rauch- und dunsterfüllten Raum in den krankhaften Farben sah, faßte sie Grauen und Elend.

Sie waren so lustig geworden am Tisch, alle hatten sie weiche, offene, brennende Lippen und glühende Augen, alle lachten und schmiegten sich wie liebkosend in die Stühle oder tasteten mit den Händen nach einander.

‚Rausch, Rausch,‘ dachte Mette, ‚ich muß es doch erzwingen können, ich muß doch empfinden können, was sie alle empfinden! Es war doch vorhin schon so ein warmes Wohlgefühl in mir, ein leichter, gleitender Schwindel – warum ist es nur schon wieder verraucht und alles so schal und ekelhaft?‘

Sie stürzte rasch ein paar Gläser Sekt herunter. Aber sie spürte danach nur einen dumpfen, lastenden Druck über den Augen.

Sie hielt die Hand über das Glas, als Krafft ihr einschenken wollte, um sie ‚lustig zu machen‘:

„Bitte, nicht, ich habe schon Kopfweh, und lustig werde ich doch nicht.“

„Nimm doch ein bissel Koks, damit du den Kopf freikriegst,“ riet Gisela.

„Vielleicht.“ Mette war alles recht.

Von allen Seiten wurden ihr goldene und silberne Döschen gereicht.

Sie nahm ein wenig von dem weißen Pulver auf den Handrücken und sog es in die Nase. Sie hatte die Vorstellung von stäubendem Schnee, als sie die weißen Kristalle sah. Der Raum war schwül und dunstig, und die Vorstellung tat wohl. Es war, als ob sie reine, klare Winterluft atmete. Ihre Schädeldecke tat sich auf, und der drückende Nebel, der sich um ihr Gehirn gelagert hatte, entwich. Schleier schienen vor ihren müden Augen zu zerreißen, alles rückte näher, wurde fester in den Umrissen, klarer in den Farben.

„Gott sei Dank,“ sagte sie erleichtert, „ich fange an, euch zu begreifen – es ist wirklich ein herrliches Gefühl.“

Nur ließ die Wirkung bald nach. Sie versuchte es noch einmal.

Ihr Kopf war frei, ihre Gedanken fest. Sie fühlte sich wohl und sicher.

Giesbert machte ihr Komplimente, mit ein wenig schwerer Zunge:

„Fabelhaft, kleine Rudloff, fabelhaft! Das kleine Mädchen kann was vertragen, allerhand Hochachtung! Die trinkt uns unter’n Tisch, Willi, und schnupft uns unter den Fußboden, in den Keller, noch unter den Keller – wir sind überhaupt gar nicht mehr da, so klein sind wir vor ihr – sooo klein.“

Die kleine Luigi hatte mit Kramer den Platz gewechselt, um neben Mette zu sitzen. Sie legte beide Arme auf ihre Stuhllehne und redete halblaut auf sie ein:

„Sagen Sie mir ehrlich – warum können Sie mich eigentlich nicht leiden? Ich habe Sie immer so furchtbar gern gehabt, vom ersten Augenblick an – ich darf das doch sagen, nicht, Giselchen? Aber ich hatte immer das Gefühl, daß Sie mich nicht leiden mochten! Ich bin Ihnen wohl zu weiblich, nicht wahr? Aber – glauben Sie mir, das hat mit dem Äußeren gar nichts zu tun! Oder mögen Sie gern kurzes Haar? Soll ich mir die Haare abschneiden lassen?“

„Mette ist die einzige Frau der Welt, die ich heiraten würde,“ erklärte der kleine Johannes wie ein schlaftrunkenes Kind, „Mette würde ich glatt heiraten, wenn ich ein Mann wäre!“

„Gott, was hat die Frau für Fesseln!“ Krafft umspannte bewundernd Mettes Handgelenke. „Zeigen Sie her! An den Füßen auch?“

Mette stemmte lachend die gekreuzten Füße gegen den Rand seines Stuhls. Er streichelte ihre Knöchel in den dünnen seidenen Strümpfen.

„Du darfst sie streicheln,“ erlaubte Johannes großmütig, „weil es Mette ist, darfst du!“

In Metten schwoll eine große und fast gerührte Freude. Sie fühlte sich schön, begehrenswert und begehrt.

„Sie hat die schönsten Beine der Welt,“ sagte Gisela und schob Mette lachend die Röcke bis an die Knie zurück. Mette ließ es ruhig geschehen. Zum erstenmal sah sie selbst in einem Rausch von Stolz das vollendete Ebenmaß ihrer schlanken Beine.

Das Mädchen am andern Tisch, das aussah wie ein Griechenknabe, versuchte immer Mettes Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Jedesmal, wenn Mettes Blick hinübertraf, führte die andere das Glas zum Munde. Erst hatte sie es wie zufällig getan, jetzt lächelte sie und hob es ihr entgegen. Mette lächelte wieder und trank ihr zu.

Jetzt wollte das Mädchen aufstehen; die Leute am Tisch suchten sie mit Gelächter zurückzuhalten. Aber sie ließ sich nicht beirren.

Sie kam mit dem Glas in der Hand auf Mette zu. Die Bemühung, recht gerade und sicher zu gehen, gab ihren Bewegungen eine besondere Anmut.

„Ich möchte mit Ihnen anstoßen,“ sagte sie mit einem trotzigen kleinen Lachen.

Mette hob ihr Glas. Sie stießen an und tranken.

Die Fremde blieb stehen: „Und – ich möchte Ihnen auch einen Kuß geben – das heißt, wenn Fräulein Werkenthin es erlaubt.“

Alle am Tisch lachten schallend auf und riefen alles Mögliche durcheinander.

„Ich erlaube,“ sagte Gisela spöttisch.

„Sie hat gar nichts zu erlauben,“ widersprach Mette trotzig.

Die Fremde beugte sich schnell über sie, und Mette fühlte auf ihren Lippen den offenen, heißen, weinfeuchten Mund – sekundenlang. Sie schloß die Augen, und dadurch, daß ihr der Kopf in den Nacken gepreßt wurde, dadurch, daß Krafft ihre Füße immer noch auf seinem Stuhl festhielt, wurde ihr so schwindlig, daß sie sich mit beiden Händen an ihrem Sitz festklammerte. Sie hatte das Gefühl, daß der Stuhl sich neigte, daß der Raum schwankte, daß sie auf einer Schaukel wäre, die losgerissen durch die Luft flöge, oder auf einem Schiff, dessen auseinandergeborstene Planken von einem strudelnden Abgrund verschlungen würden.

Sie richtete sich auf und stieß die Fremde fast heftig vor die Brust, um Luft zu bekommen.

In demselben Augenblick sah sie, daß Gisela aufsprang, totenblaß, mit verzerrtem Mund und den Kopf vorgestreckt, wie ein sprungbereiter Panther, mit brennenden Augen nach dem Eingang starrte.

Mette folgte unwillkürlich dem Blick, und sie sah noch den dunklen Vorhang hinter den eben Eingetretenen zusammenfallen.

Neben der etwas gebeugten Gestalt Ulrich Zeedens stand Corona von Gjellerström, am Arm eines großen, schlanken, eleganten Mannes.

Ihre Augen waren so groß und klar, ohne Erstaunen, voll prüfender Neugier und von einem warmen, samtenen Glanz. Metten schien es, als wären diese Augen nicht eines Armes Länge von ihr entfernt, so deutlich sah sie das Spiel der Lider, die Lichtflecke in der braunen Iris, den Schatten der Wimpern.

Diese Augen hoben sich mit sanftem Aufstrahlen dem Mann an ihrer Seite zu, als hätten sie übergenug von dem Bilde, das sie eben aufgefangen, ihre Lippen bewegten sich, der Mann nickte zustimmend, sie wandten sich alle drei, und der Vorhang fiel wieder hinter ihnen zusammen.

Gisela riß ihr Glas vom Tisch und schleuderte es mit einem harten Auflachen nach der Tür. Giesbert und Krafft packten sie sofort an den Handgelenken. Sie wehrte sich, wollte sich freimachen, ließ schließlich den Kopf auf die Brust hängen und brach in ein lautes haltloses, hysterisches Weinen aus.

Die andern Leute, so sehr sie auch mit sich beschäftigt waren, wurden aufmerksam.

Mette fing an, am ganzen Körper zu zittern.

„Fort,“ sagte sie halblaut, „nur fort, nur fort, nur fort.“

Sie hatte das Gefühl, als ob sie im nächsten Augenblick in das schreiende Weinen einstimmen müßte, oder sich auf den Boden werfen, oder den Tisch umstoßen und mit den Füßen in die Gläser und Flaschen treten.

Sie war froh, als sie endlich auf der Straße standen, in einer kühlen, blauen Morgendämmerung, noch froher, als sie ein Auto fanden, das sie alle aufnahm.

Die Luft gab ihr die Besinnung wieder. Ihr war übel und sterbenselend.

Sie beschwor die anderen auf den Treppen, auf den Gängen, keinen unnötigen Lärm zu machen. Je mehr sie bat, desto übermütiger wurden sie. Kramer hatte jeden Halt verloren; er wollte durchaus bei Frau Meidinger anklopfen und sie ersuchen, ihm ein schönes Mädchen zur Verfügung zu stellen.

„Es ist ihre Pflicht,“ lallte er, „sie ist die Mutter von diesem sogenannten Etablissement hier. Sie kann es mir ruhig auf die Rechnung setzen, sie setzt einem ja so alles auf die Rechnung.“

Als Mette ihre Tür aufschloß, wollte Giesbert sich mit hineindrängen. Sie stieß ihn zurück, aber er packte sie, und in der offenen Tür entspann sich ein Ringen, bei dem Giesbert Mette an sich riß und ihr Gesicht und Hals mit wütenden Küssen bedeckte.

Plötzlich tat sich die Nebentür geräuschvoll auf, und Luise Peters stand auf dem Gang, in einem seltsamen großkarrierten Morgenrock und einer Nachtfrisur, zwei langen, glattgeflochtenen Zöpfen, und verlangte energisch Ruhe.

Die kleine Luigi fand ihren unerwarteten Anblick so komisch, daß sie sich bog und schüttelte und mit ausgestrecktem Finger auf sie zeigte.

Mette benutzte Giesberts überraschtes Herumfahren, um in ihr Zimmer zu schlüpfen, die Tür zuzuschlagen und abzuriegeln.

Sie taumelte gegen den Schrank, an dem sie sich festhielt, an allen Gliedern zitternd. Eine brennende Scham fraß an ihr, zernagte sie innerlich, höhlte sie aus.

Sie krümmte sich und konnte doch den unablässigen, bohrenden Schmerzen nicht entgehen. Sie wünschte sich fort und wußte doch, daß sie nicht den Mut und die Kraft hatte, einen Handkoffer zu packen. Sie mußte fort sein, wenigstens aus dem Haus, eh’ der Morgen kam. Es war undenkbar, daß sie je wieder das gemeinsame Speisezimmer betrat. Undenkbar, daß sie abwartete, bis Frau Meidinger ihr kündigte, weil sie solche Elemente nicht in ihrem Haus dulden wollte.

Sie verspürte Grauen und Ekel vor sich selber. Dazu kam das körperliche Übelbefinden, Schwindel, Müdigkeit, Herzschlagen, die gallige Bitterkeit, mit der das Kokain ihr im Rachen brannte ...

Sie fühlte, daß ein Entschluß gefaßt werden mußte, und sie wußte nicht, welcher.

Ihre Gedanken suchten in fiebernder Angst nach einem Halt, an den sie sich klammern konnten. Sie suchten nach einem Menschen, dem sie beichten konnte, und der die Macht hatte, loszusprechen. Sie suchten nach einem Menschen, der sie vor sich selbst in Schutz nahm, vor dem sie knien könnte, in dessen Schoß sie das Gesicht verbergen könnte, und der gütige, starke Hände auf ihren Kopf legte.

‚Mutter,‘ schrie es in ihr, ‚Mutter!‘

Ihre Gedanken drängten zu Sophie – sie wehrte ihnen. In dem friedevollen kleinen Haus, das ihr immer so tröstlich Zuflucht geboten hatte, war sie zum Störenfried geworden. Nicht durch eigene Schuld, dachte sie bitter.

Olga – nur bei Olga war Rettung. Sie wollte den Revolver an die Stirn drücken und wollte denken, es wären Olgas kühle feste Hände.

Und Olgas Hände würden alles Peinigende auswischen – auslöschen – Scham und Reue und Ekel und Gram und hoffnungslose Verzweiflung. In der nächsten Sekunde schon konnte das alles ausgelöscht sein.

Und wenn sie morgen tot war, war alles erklärt. Die kleine Luigi würde es nicht verstehen. Sie würde immer dabei bleiben: sie war doch so lustig gestern.

Aber Cora von Gjellerström würde es erfahren. Und sie würde sich der heutigen Nacht erinnern – sie hatte Mette wohl gesehen, oh, Mette fühlte noch ihren Blick – und sie würde ein wenig fröstelnd die Schultern zusammenziehen bei dem Gedanken, daß sie eine Sterbende gesehen hatte.

Und Luise Peters würde sagen: das arme Kind, sie hat sich Mut angetrunken.

Sophie würde sehr erschrecken – vielleicht auch sich grämen. Aber was ging das Metten an! Sophie hatte sich ja auch nicht darum gekümmert, was aus Mette wurde. Und sie hatte ja Nora ...

Es mußte schnell geschehen, eh’ jemand im Haus wach wurde. In zwanzig Sekunden konnte es vorüber sein – alles vorüber ...

In dem Augenblick, als sie den Revolver aus dem Kasten hob, klopfte es an die Tür.

Mette stand reglos und hielt den Atem an. Vielleicht sollte sie es jetzt tun, gerade, schnell, gehetzt von dem ungeduldigen Klopfen.

Dann war es vorbei – dann sollte der, der da klopfte, ihretwegen die Tür eintreten.

Ob es einen lauten Knall gab? Sie selber würde wohl nichts mehr davon hören ... hoffentlich nicht – obgleich das Ohr von allen Sinnen am längsten in Funktion bleiben sollte ... ach, vielleicht ging es gar nicht so schnell – vielleicht hörte sie noch das Tür-Aufbrechen und Gekreisch und Gejammer.

„Bitte, machen Sie auf!“ rief draußen eine ebenso flehende als fordernde Stimme, „bitte, Fräulein Rudloff, machen Sie einen Augenblick auf.“

Das war nicht Giesbert, oder Mara Luigi, oder eins von den Mädchen. Das war Luise Peters.

Vielleicht war sie krank und brauchte einen Menschen. Sie würde wohl schwerlich in der Nacht an der Tür rütteln, um Mette eine Moralpredigt zu halten.

Mette warf den Revolver achtlos in den offenen Kasten zurück und öffnete die Tür.

Luise Peters drängte sich ins Zimmer. Breit und robust stand sie da, ein wenig lächerlich in ihrem großkarrierten Morgenrock, trotz ihrem angstblassen Gesicht.

Ihr rascher, wacher Blick traf den offenen Nachttischkasten und den Kolben des Revolvers, der kaum sichtbar daraus hervorragte.

Aber sie verriet sich mit keiner Miene.

„Ich wollte Sie um Entschuldigung bitten, mein kleines Fräulein,“ sagte sie mit gutmütigem Lächeln, „ich habe mich vorhin beschwert, weil ich dachte, Sie kämen sehr lustig nach Hause. Aber ich merkte dann gleich, daß Ihnen nicht gut war. Sie müssen sich gleich hinlegen – aber Sie können ja kaum auf den Füßen stehen – darf ich Ihnen nicht behilflich sein? Sie können es mir gern erlauben, ich versteh’ etwas von Krankenpflege ...“

Während sie sprach, nahm sie Mette den Hut von dem wirren Haar. Sie knöpfte ihr das Kleid auf. Sie hielt sie dabei wie eine Puppe immer in einem ihrer starken Arme und drehte sie hin und her. Sie zog ihr die drückenden Haarnadeln aus dem gelockerten Knoten.

Mette spürte plötzlich die warme Nähe eines Menschen, sie spürte die guten, starken, sorgenden Hände – es war, als ob eiternde Wunden in ihr aufbrächen und warmes Blut alle Schmerzen wegschwemmte – sie fing an zu weinen, ein unstillbares, sanftes, erlösendes, qual-fortspülendes Weinen.

„Ich bin noch zu klein,“ sagte sie unter strömenden Tränen, „Sie werden denken, ich bin betrunken – aber es ist mein voller Ernst: um so entsetzlich allein durch die Welt zu laufen, bin ich noch viel zu klein!“ – – –

Drei Tage lang hielt Luise Peters Metten in einer sanften Gefangenschaft. Sie ließ sie keine Minute allein, bestellte ihr das Essen aufs Zimmer und wies jeden Besucher mit der Begründung ab, daß Mette krank sei.

Metten war es ganz recht so. Sie selbst hätte die Kraft zu dieser Lüge nicht gefunden, und doch fühlte sie die Notwendigkeit, sich von all den Menschen, mit denen sie das letzte Jahr gelebt hatte, auf Nimmerwiedersehen zu lösen.

Am ersten Tag versuchte Luise Peters Metten zu überzeugen – was nicht schwer war – daß sie einen ganz unpassenden Verkehr unterhielte und am besten täte, der Stadt und all ihren sogenannten Freunden den Rücken zu kehren.

Am dritten – vormittags – erzählte sie Mette viel von ihrer Heimatstadt – von der weitberühmten Sauberkeit, nach der sie sich immer zurücksehne, von den Menschen, die für steif und förmlich galten, weil sie das Herz nicht auf der Zunge trügen – die aber ehrlich wären und trotzig und treu – und von ihrer kleinen schönen Stiefschwester Gwendolen, die in Mettes Alter wäre, aber noch ein Kind – das vom ganzen Hause sorglich behütete Nestküken. Das wäre eher ein passender Umgang für die arme kleine feine Mette, als diese greulichen Weiber hier ...

Am Nachmittag half sie Mette die Koffer packen. Mette wollte fort – nach der reinlichen Stadt, wo die flinken weißen Schiffchen das blaue Wasser kreuzten.

Mette war sehr gerührt von all der Güte, und fast noch mehr von dem Vertrauen.

Sie lächelte – ein schweres und wissendes Lächeln – als Luise Peters sie zum Abschied in die Arme nahm und mit tränennassen Augen auf beide Wangen küßte.

‚Im Grunde bin ich doch zehn Jahre älter als sie,‘ dachte sie traurig, ‚denn ich weiß, wovon sie Gott sei Dank keine Ahnung hat: daß sie verliebt in mich ist! Weil sie ein wenig von der Veranlagung der greulichen Weiber hat – sie würde es sich selbst nie eingestehen. Vielleicht würde sie sich erschießen, wenn sie es sich zugeben müßte. Gott gebe, daß es ihr niemals zum Bewußtsein kommt.‘

Der einzige, dem Mette noch einmal die Hand geben wollte, war Eccarius. In seinem Gesicht stand viel Anteilnahme. Vielleicht hatte Luise Peters ihm mehr erzählt, als sie sich Metten gegenüber den Anschein gab, zu wissen.

„Sie sind mir noch ein Wort schuldig,“ sagte Mette mit einem mühsamen Lächeln, „ich habe öfter in schlaflosen Nächten darüber gegrübelt und wollte Sie fragen – dann hab’ ich’s immer wieder vergessen. Wissen Sie noch – als wir einmal zu Frau von Hersfeld hinaus pilgerten ...“ eine plötzliche Scheu hielt sie ab, Sophiens Namen auszusprechen, „da sagte ich, es soll mein Wahlspruch sein: das Leben lieben und den Tod nicht fürchten. Sie wollten aber den Satz nur umgekehrt gelten lassen ...“

„Ja,“ Eccarius nickte ernsthaft. „Den Tod lieben und das Leben nicht fürchten! Oder in andern Worten – und das ist der Spruch, der über meinem Leben steht – ein guter Spruch, um ihn auf eine weite Reise mitzugeben: Niemand darf sterben, ehe er den Tod nicht lieb gewann!“

Irgendwohin führen die weißen Wege hinaus. Irgendwo bin ich auf der Erde doch auch zu Haus.

Mette saß auf der Terrasse mit den älteren Damen, mit Frau Konsul Peters, mit Frau Senator Börgessen, mit Frau Generaldirektor Wietinghoff und mit der jungen Frau Vandahl, die ihres Zustandes wegen ein wenig schwerfällig war und lieber still im Korbsessel saß, als sich mit der „Jugend“ im Garten zu vergnügen.

Die Damen hatten fast alle eine Handarbeit zwischen den Fingern und arbeiteten mit mehr oder weniger Aufmerksamkeit. Das Gespräch floß dabei sanft und ruhig fort, ohne Hast, aber auch ohne Stockung.

Mette sah auf den weißen Netzgrund, durch den sie unermüdlich, aber ohne Eile, die Nadel hin- und herführte und freute sich im Stillen, daß sie die Unterhaltung nicht in Gang zu halten brauchte. Sie durfte die Augen auf ihre Arbeit gesenkt halten und brauchte nur aufzusehen und zu reden, wenn sie gefragt wurde. Sie wirkte dadurch bescheiden und jungmädchenhaft, und niemand ahnte, wie herrlich bequem sie das fand.

Sie hatte in den letzten Monaten mehr als ein dutzendmal auf dieser Terrasse gesessen, aber an diesem Tage empfand sie zum erstenmal die Schönheit des Gartens, die ruhigen Stimmen neben ihr, die hellen Rufe vom Tennisplatz, alles, Farben, Düfte, Klänge mit einem unendlichen Wohlbehagen, mit einer dankbar genießenden Freude.

Wochen und Wochen hatte sie in einem heimlichen Zittern gelebt, wie ein Verbrecher auf der Flucht. Hundertmal hatte sie geglaubt, Gisela vor sich zu sehen oder ihre Stimme zu hören, hundertmal, wenn sie einen Brief von Luise Peters aufriß, erwartete sie die Nachricht, daß Gisela Werkenthin ein entsetzliches Ende gefunden, hundertmal hatte ihr das Herz schon so gewaltsam geschlagen, daß sie mühsam nach Atem ringen mußte – hundertmal war Angst und Erschrecken umsonst gewesen.

Sie hatte sich oft vorgebetet, daß sie einen Skandal nicht zu fürchten brauche, weil ihr an der Meinung und Gunst der Leute nichts gelegen sei. Und doch hatte sie Momente, in denen sie sich eingestehen mußte, daß es weniger gräßlich wäre, die Nachricht von Giselas Tode zu empfangen, als sie plötzlich auftauchen zu sehen – hier zum Beispiel, auf der Terrasse des Peters’schen Hauses – und irgendeiner aufregenden Szene beizuwohnen – einer geschmacklosen Szene, zu deren Mittelpunkt sie wider ihren Willen selbst gemacht wurde. Sie konnte sich eine solche Szene mit Rede und Gegenrede bis ins kleinste ausmalen, so daß sie blaß und rot wurde, und das Blut ihr in allen Pulsen hämmerte.

Und mehr als einmal faßte sie den Vorsatz, eine erstaunt-beleidigte Haltung nicht zu verlieren, ein verständnisloses Lächeln festzuhalten – wenn sie die Sicherheit fand, jede Bekanntschaft zu leugnen, dann konnte, dann mußte man Gisela Werkenthin für eine Wahnsinnige halten und sie durch die Diener hinausschaffen lassen.

In schlaflosen Nächten lebte Mette das wieder und wieder durch.

Sie sah Giselas Gesicht, so unbeherrscht, so verzerrt von Haß und Schmerz und Rachsucht, wie in dem Augenblick, da sie Cora von Gjellerström ihr Glas nachschleuderte.

Und sie hörte sich selbst mit sehr klarer und ruhiger Stimme sagen: ‚Es tut mir so entsetzlich leid, gnädige Frau, daß ich die unschuldige Veranlassung zu einem solchen Auftritt in Ihrem Hause bin. Aber ich kann Ihnen nur versichern, daß ich diese ... Dame nie in meinem Leben gesehen habe.‘

Es würde sich ganz gut machen, vor dem Wort „Dame“ eine kleine Pause zu machen, viel besser, als etwa „Person“ zu sagen.

Vielleicht wäre es noch klüger, ganz sanft auf Gisela zuzugehen und in einem Krankenschwesternton zu fragen: „Wollen Sie mir nicht sagen, woher Sie mich kennen? Woher wissen Sie meinen Namen? Ich kenne Sie, natürlich, aber ich kann mich im Augenblick nicht besinnen – wollen Sie mir nicht helfen? Sind wir vielleicht zusammen in die Schule gegangen?“

Oder würde es nicht am Ende den günstigsten Eindruck hervorrufen, wenn sie die Erschrockene spielte, wenn sie zitternd hinter einen Stuhl flüchtete, oder sich schutzsuchend an eine der Damen klammerte: „Helfen Sie mir nur! Was will sie denn von mir? Verstehen Sie, was sie von mir will? Kennen Sie sie denn? Wissen Sie, wer das ist?“

Ja, vielleicht wäre das das natürlichste für ein wohlerzogenes und etwas schüchternes junges Mädchen, wenn es von einer Geisteskranken angefallen oder belästigt würde ...

Sie würde lügen, lügen bis aufs äußerste – obgleich ihr weder an der Meinung von Frau Konsul Peters, noch an der Meinung von Frau Senator Börgessen so sehr viel gelegen war. Aber sie wollte Ruhe haben, sie wollte ganz eingehüllt sein in einen undurchdringlichen Mantel von Wohlanständigkeit und hergebrachter Sitte, sie wollte nicht wieder am Pranger stehen und sich das Hemd von den Schultern reißen lassen, kein verächtlicher Blick sollte sie mehr treffen dürfen – ihre Haut war empfindlich geworden, so übermäßig empfindlich – und ein Blick, in dem nicht Wohlwollen und Freundlichkeit lag, tat ihr schon weh.

Oh, wie gut sie Olga Radó jetzt begriff, die sie verleugnet hatte, so erbarmungslos verleugnet und preisgegeben. Die war schon müde gehetzt gewesen, und ihre Haut war verbrannt gewesen von den vielen verächtlichen Blicken – sie konnte keinen Blick mehr ertragen und wollte es nicht. Sie fürchtete sich vor Blicken – fürchtete sich bis zur kleinlichen Feigheit.

Aber vor dem geladenen Revolver fürchtete sie sich nicht ...

Jetzt war Mette ebenso weit.

Bereit, lieber zu sterben, als Verachtung zu erdulden.

Und bereit, zu lügen, mit ruhiger Stirn, mit klarer Stimme, mit kaltem Blut zu lügen, nicht um Vorteil, nicht einmal um Achtung – nur aus Scham, aus tiefster, abgründigster Scham – nur um sich den deckenden Mantel nicht von der nackten Seele zerren zu lassen.

Nur daß Mette Rudloff Gisela Werkenthin nie geliebt hatte ...

Aber manchmal war ihr, als wäre sie jetzt fähig, auch ihre größte und heiligste Liebe zu verleugnen.

Das war, wenn sie vor den Möbius-Mädeln zitterte.

Konnte es nicht sein, daß sie plötzlich Fannis und Emmis rotblonde Köpfe hier irgendwo auftauchen sah? Konnte sie nicht ganz unvorbereitet einer von den beiden gegenüberstehen?

Ja, dann konnte sie sich nicht damit helfen, daß sie sie für wahnsinnig erklärte. An dem gesunden Menschenverstand der Möbius-Mädel würde niemand zweifeln. Und hier schon ganz gewiß niemand ...

Aber was konnten die ihr schon nachweisen! Und immer konnte Mette jedem Angriff durch einen Gegenangriff begegnen. Im Hause Möbius hatte Mette Olga Radó kennen gelernt – ihre „Cousine“ hatten die Mädel sie mit Stolz genannt. Sie brauchte ja nur bei ihnen sich nach ihrer „Verwandten“ zu erkundigen und erstaunt zu fragen, ob es denn wahr wäre, daß Olga Radó tot wäre? Ob sie wirklich sich erschossen hätte?

Nur weinen dürfte sie dabei nicht ...

Und wenn Mette nur daran dachte, daß sie nicht weinen dürfte, dann stürzten ihr die Tränen stromweis über’s Gesicht.

Aber jetzt fing sie allmählich an, ruhiger zu werden. Sie dachte nicht mehr oft an die Möglichkeit irgendwelcher Begegnungen. Mitunter erschienen ihr auch die letzten Jahre ein wenig unwirklich, verschwommen und fast bedeutungslos.

Die Erinnerung an Olga blieb. Aber am stärksten war jetzt die Erinnerung an die erste Zeit ihrer Freundschaft, an die reine Anbetung, die Mette da empfunden hatte, an Olgas geistige Überlegenheit, ihre vollendeten Manieren, die bestrickende Vornehmheit ihrer Erscheinung und ihres Auftretens. Mette dachte seltener an ihre herzverbrennenden Zärtlichkeiten, seltener an die Qual des Abschieds, der nicht einmal ein Abschied zu nennen war – seltener an ihren Tod.

Es war ihr manchmal ein schmerzliches und rührendes Vergnügen, sich auszumalen, daß Olga noch lebte und plötzlich in diesen Kreis einträte. Sie würde unter diesen eleganten, sicheren, gewandten Frauen die eleganteste, sicherste, gewandteste sein – und wenn sie wollte, würde sie es fertig bringen, in einer halben Stunde diese ganze kühle, zurückhaltende und selbstbewußte Gesellschaft zu heller Begeisterung hinzureißen.

Aber je klarer das Bild der lebenden Olga vor ihr aufstand, um so mehr verblaßte die Erinnerung an die letzten Monate. Mitunter schien ihr das ganze wie der Wirbel einer Karnevalsnacht, und sie war der Überzeugung, daß niemand ein Recht hatte, aus dieser Zeit eine Vertraulichkeit herzuleiten – ebensowenig etwa, wie man eine Dame bei nüchternem Tageslicht daran erinnern darf, daß man sie auf dem Faschingsball unter der Larve küßte.

Mette hatte die Larve und den Maskenflitter abgelegt, sie war wieder Melitta Rudloff, und es wäre taktlos gewesen, auf irgendwelche flüchtigen, halbvergessenen Beziehungen anzuspielen.

So sehr war sie Melitta Rudloff, daß sie manchmal Umschau hielt, ob sie nicht jemand ihres Namens wüßte, dem sie sich anschließen, oder den sie zu sich rufen könnte.

So müde war sie der jungen Freiheit.

Oder vielleicht der Gebundenheit.

Denn wenn sie irgendeine ältere Verwandte bei sich gehabt hätte, so hätte sie sich eine Wohnung nehmen und viel mehr nach ihrem Geschmack leben können.

Aber so war es ihr natürlich verboten, allein zu wohnen, ebenso wie sie nicht in einem Hotel absteigen durfte, und ihr von Pensionen, Kaffeehäusern, Restaurants und Theatern, ja selbst Straßen nur eine ganz beschränkte Auswahl erlaubt war.

Manchmal war es ihr lächerlich vorgekommen, wenn man ihr ganz erschrocken sagte: „O Gott nein, da dürfen Sie nicht hin – man sieht, daß Sie hier fremd sind!“

Aber sie hatte sich immer gefügt.

Sie wußte zu gut, daß sie selber Maß und Urteil verloren hatte. Sie hatte eine Zeitlang in trotzigem Selbstgefühl gedacht, daß sie alt und gefestigt genug sei, um sich ohne Schaden jeden Umgang, jedes Buch, jede Art des Lebens erlauben zu können. Sie hatte dann erfahren, daß sie nicht schwimmen konnte in dem trüben strudelnden Wasser, in das sie kopfüber hineingesprungen. Dicht am Ertrinken hatte ihr Stolz sie verlassen, und sie hatte sich willenlos und dankbar von einer festen Hand herausziehen lassen.

Nun hatte sie keine Sicherheit mehr. Sie hatte geglaubt, sich ohne Gefahr ins Meer stürzen zu können – und war jetzt froh, wenn eine kundige Hand ihr das Badewasser bereitete.

Sie geriet manchmal in eine leise Verlegenheit, wenn ein erstaunter Blick sie traf, weil es sich herausstellte, daß sie ein Buch gelesen, ein Theaterstück gesehen hatte, was sonst jungen Mädchen „ihrer Kreise“ streng verboten war.

Sie mußte manchmal einen burschikosen Ausdruck hinunterschlucken, der ihr in den letzten Monaten so geläufig geworden war, daß sie nichts Unpassendes mehr dabei finden konnte.

Manchmal dachte sie fast mit Dankbarkeit an Tante Emilie. Wenigstens hatte sie gelernt, wie man Messer und Gabel zu halten hatte – es wäre schlimm gewesen, wenn sie auch auf solche Dinge noch hätte achten, auch da noch irgendeinen Verstoß hätte fürchten müssen. Aber was die äußere Form betraf, war die „gute Erziehung“ ihr in Fleisch und Blut übergegangen.

Es konnte vorkommen – wenn es ihr zweifelhaft war, ob ein Mädchen aus guter Familie allein in die Oper gehen, oder sich von einem Bekannten, den sie am Vormittag in der Stadt traf, in eine Konditorei zu einem Stück Torte einladen lassen durfte – es konnte vorkommen, daß sie sich in solchen schwierigen Fällen blitzschnell überlegte: was würde Tante Emilie dazu sagen? Und da Tante Emilie so ziemlich alles für unschicklich, verwerflich und sittenlos erklärte, so konnte Mette sicher sein, auch in den Augen der strengsten Richterin einen wohlgefälligen Wandel zu führen.

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