Der Skorpion (continued 2)
Reading edition
Sie hatten unterdessen den Türgang gequert, und die Luigi öffnete ihr Zimmer und rief hinein:
„Kinder, wißt ihr, wie das Leben aussieht? Oder vielmehr, könnt ihr es erklären und beschreiben?“
Mette hatte die Fenster weit offen gehabt, und die Strahlen der tiefstehenden Sonne hatten das ganze Zimmer mit mildem, flirrenden Goldglanz erfüllt. Hier waren alle Vorhänge sorgfältig zugezogen, und das Licht der japanischen Korblampe, das durch den gebatikten Seidenschirm verschleiert wurde, warf in ein tiefes Dämmern vereinzelte violette, grüne und purpurne Reflexe.
„Wie das Leben aussieht?“ rief eine Männerstimme aus dem Dunkel. Es war Giesbert, wie Mette gleich darauf erkannte, als ihre Augen sich in der ungewohnten Beleuchtung zurechtgefunden hatten.
„Ist das eine Preisfrage für eine Malerakademie? Soll jeder ein Bild malen, wie er sich das Leben vorstellt? Dann malen neunundneunzig Prozent ein nacktes Weib! Nur die Attribute sind verschieden – dem einen ‚beut‘ es eine Schale mit goldenen Früchten, und für den andern schwingt es hohnlachend eine Geißel.“
„Kann denn keiner von euch erklären, wie er findet, daß für ihn das Leben aussieht?“
„Sphynx,“ sagte Kramer phlegmatisch, „fabelhafter Busen, weich, verlockend und Raubtierkrallen. Und dazu das obligate Rätsel natürlich. Und der Abgrund daneben!“
„Grüß Sie Gott, Fräulein Rudloff,“ sagte Gisela Werkenthins dünne zerbrochene Kinderstimme, „sind Sie auf die verrückte Idee gekommen, daß Sie wissen wollen, wie das Leben ausschaut? Gell ja? Wenn ich ein Maler wär’ und sollt’ ein Bild malen ‚das Leben‘, ja, Giesbert, du hast ganz recht, ein nacktes Weib tät’s natürlich werden, bei mir auch. Und zwar eine mit der Leyer im Arm, die in Entzückung dahin tanzt, den Blick nach oben. Aber worauf sie tanzt, was im ersten Augenblick aussieht wie ein blumiger Teppich, das sind verschlungene, verkrampfte Menschenleiber, blutiggeschundene, röchelnde, ringende, alle, die das lachende Leben zu Boden getreten hat, und die es verfluchen, aber sich doch noch ausrenken und andere niederwürgen, um noch einen Zipfel seines Gewandes zu erfassen ...“
„Einen Zipfel vom Gewand des nackten Weibes,“ spottete Giesbert, „o heilige Logik! Sie spricht so schöne Sätze, die Kleine, ganz wie ihre Freundin, die moderne Sappho, aber sie weiß am Schluß schon nicht mehr, was sie am Anfang gesagt hat.“
„Du bist ein Viech!“ sagte Gisela und nahm irgendeinen Gegenstand auf, um nach seinem Kopf zu zielen.
Frau Breslauer griff mit einem ängstlichen Aufschrei nach ihren Händen:
„Um Gottes willen, den guten Aschbecher! An dem seinem Schädel zersplittert doch ein Stein!“
„Also nehmt euch in acht!“ rief Giesbert mit vorgestreckter Stirn, „ihr demoliert das ganze Mobiliar, wenn ihr mir’s an den Kopf schmeißt! Ich stehe wie ein Fels im Meer, und um mich liegen die Scherben der Meidingerschen Wirtschaft!“
„Also Fräulein Rudloff,“ sagte der kleine Kramer, „Sie haben diesen edlen Wettbewerb der Phantasien entzüngelt ... kann man das sagen? Ich glaube, es ist ganz neu, und es ist jedenfalls ein sehr schönes Wort ... entzüngelt! Aber ich bitte mir aus, daß ich es nicht nächstens in irgendwelchen lyrischen Schöpfungen des verehrten Kreises wiederfinde ...“
„Ja, in meinen zum Beispiel,“ warf Frau Breslauer ein.
„Oder in meinen,“ lachte Mara Luigi.
„... kurz und gut, es ist mein Wort, und ich lege Beschlag darauf. Also Sie haben die Phantasien entzüngelt, nun müssen Sie aber auch mittun in diesem Wettbewerb ... wie würden Sie denn das Leben darstellen?“
„Ach Gott,“ sagte Mette und hob ratlos die Achseln, „als eine Zwiebel vielleicht. Eine Haut nach der andern zieht man herunter, aber man kommt nicht an einen Kern!“
„Aber man vergießt Tränen bei dieser Beschäftigung!“ sagte Gisela fast bitter.
„Ja, und wer sich zu intensiv damit befaßt, dem Leben auf den Grund zu gehen,“ lachte Giesbert, „der kann leicht in schlechten Geruch kommen!“
„Ach, das Leben kann ganz nett sein,“ sagte Frau Breslauer behaglich.
„Ja,“ sagte Kramer und seine Augen wurden plötzlich ganz ernst und weiteren sich, „am Meer! Am Meer, da kann das Leben schön sein. Da gehört gar nichts dazu. Kein schönes Mädchen, und kein Alkohol, und kein Geld, und keine Opiumzigarette, und kein Erfolg, und kein garnischt. Da ist es einfach schön, zu atmen.
Es ist schön, die Sonne zu fühlen, und den Wind und den weichen, weichen Sand, und die ewige Bewegung des Wassers. Wenn man nur das Salz auf den Lippen schmeckt, und den Seegeruch atmet, diesen Duft, den man nirgends findet, und der einem sofort das Atmen Lust sein läßt, ein bißchen nach nassem Holz, und ein bißchen nach Teer, und ein bißchen nach Fischen und Algen – aber vor allen Dingen nach Salzluft und Salzwasser und Sonne, nach Reinheit und Weite, nach Frische und Gesundheit und Kraft!“
Er blähte die Nüstern, als wolle er den Meerwind einsaugen, sein unbedeutendes Knabengesicht war seltsam gespannt, ganz erfüllt und durchdrungen von dem verschönenden Ausdruck einer tiefen verzehrenden Sehnsucht.
Mette fühlte etwas wie Neid. Wie gut mußte es sein, Sehnsucht zu haben nach etwas Unveränderlichem, ewig Lebendigen, nach etwas, das immer an der gleichen Stelle war und einen immer mit der gleichen Liebe empfing.
„Überhaupt die Natur,“ sagte Frau Breslauer mit einem verzückten Augenaufschlag, „Sie glauben gar nicht, wie ich für Natur schwärme. Sie ist und bleibt doch immer unsre treueste Freundin. Ich habe immer gesagt: der Wald ist mein Dom!“
„Ach, Natur ist meistens so kalt,“ sagte die kleine Luigi kläglich und zog fröstelnd die Schultern hoch.
„... und im Sommer ist sie zu heiß,“ neckte Giesbert, „und wenn’s trocken ist, dann staubt’s, und wenn’s regnet, ist es naß. Du bist mir schon eine Heldin!“
„Natur,“ sagte Gisela nachdenklich, „Natur ist wieder so ein Begriffswort, worunter sich jeder etwas anderes denkt. Der eine nennt grüne Bäume Natur, der andere die weisen Einrichtungen, daß sich alles Lebende untereinander auffrißt, einer versteht unter einem natürlichen Leben barfuß gehen und Gras fressen, und der andere heiraten und Kinder kriegen.
Und wenn Hannchen Bodenstedt sich in seidene Kimonos hüllt und sich die Lippen rotschminkt, so sagen die einen, es ist seine Natur, und die andern sagen, es ist unnatürlich. Ich weiß überhaupt nicht, was Natur ist!“
Mit diesem achselzuckend herausgestoßenen Endurteil wandte sie sich wieder mit voller Aufmerksamkeit ihrem Zigarettenetui und einem schlecht funktionierenden Feuerzeug zu.
„Ich will euch mal was sagen, Kinder,“ sagte Giesbert entschieden, „natürlich oder nicht. Nackte Waldschnecken, die überall Schleimspuren hinterlassen, sind auch ‚natürlich‘, und sie sind mir darum doch widerlich. Und dieser kleine heilige Johannes ist für meinen Geschmack ein ganz übler Bursche.“
„Wie du redest,“ ereiferte sich die Luigi, „du kennst ihn gar nicht ... er ist im Grunde ein so hochanständiger Kerl ...“
„Weil er keine Chantage betreibt? Das fehlte auch noch! Ich will ihn ja auch gar nicht mit irgendwelchen erpresserischen Friseurgehilfen auf eine Stufe stellen ...“
„... wenn du aber sagst, ‚übler Bursche,‘ klingt das so!“
„Also gut, ich nehme es zurück. Er ist nicht so übel, wie mir bei seinem Anblick wird. Aber er ist entschieden etwas waldschneckenmäßig. Und diese alte Tante, dieses Miststück von einem Kerl, dieser päpstliche Sänger, dieses widerwärtige Subjekt ... entschuldigt, Kinder, aber ich kriege Magen- und Gallenzustände, wenn ich an ihn denke.
Wie man sich an dieses dicke Schwein verkaufen kann, ist mir ewig unfaßbar. Ich bin, weiß Gott, nicht intolerant und habe gar nichts gegen den Gedanken, daß zwei schöne Frauen mal miteinander, na ja ... Obgleich mir die Weiber mit Kragen und Schlips und abgeschnittenen Haaren auch zum Kotzen sind ... Anwesende sind natürlich immer ausgeschlossen.“
Gisela verbeugte sich mit spöttischem Lächeln.
„Aber Giselchen, du bist doch kein Mannweib, so mit Baß und Schnurrbart und dicken Zigarren. Du bist im Grunde doch ein süßes kleines Weibchen.“ Er ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder und umschlang sie mit beiden Armen: „Du bist nur durch einen Zufall auf die falsche Bahn gelenkt, glaube mir, mein Herzblatt. Versuch, es nur einmal mit einem reellen Mann, und du bist für immer geheilt und gerettet. Ich stelle mich dir gern zur Verfügung, gratis und franko. Du ahnst gar nicht, was du für Spaß haben wirst – frag’ nur Frau Breslauer ...“
Frau Breslauer kreischte laut auf:
„Uch nein, Giesbert, was soll denn Fräulein Luigi denken.“
„Aber Sie waren doch verheiratet, Frau Breslauer!“ sagte Giesbert ernst und vorwurfsvoll. „Wollen Sie leugnen, daß es Ihnen Spaß gemacht hat? Ich meine doch nicht mit mir! Mara weiß, daß ich die uneheliche Treue nie verletze!“
„Na,“ sagte Kramer, scheinbar sehr befriedigt, „deutlicher man kann nicht gut!“
Mette bemühte sich, zu all diesen Unterhaltungen ein lächelndes Gesicht zu machen. Ihr war ein wenig fiebrig zumute, und die Stube mit den lauten, lachenden, kreischenden, schwatzenden Menschen schien sich wie ein atmender Brustkasten auszudehnen und wieder zusammenzuziehen, die Wände glitten von ihr fort und rückten fast bedrohlich näher.
‚Dies alles geht mich gar nichts an,‘ dachte sie. ‚Ich will doch tapfer sein und will das Leben kennenlernen, und dabei – wenn ich nur reden höre von irgendwelchen Dingen, von denen ich doch weiß, daß sie existieren – verwirrt es mich und macht mich schwindlig, nur weil ich in einem Kreis aufgewachsen bin, in dem es nicht üblich war, erotische Beziehungen als Salon-Unterhaltungen zu behandeln. Ich bin dumm und feige und eine prüde Gans.‘
Gisela stand von ihrem Stuhl auf:
„Du hast ganz recht, Kramerle, das ist kein Ton für uns!“
Sie setzte sich auf Mettes Sessellehne und strich ihr mit einer behutsam, kaum fühlbaren Bewegung das Haar aus der Stirn.
„Armes Hascherl,“ sagte sie bedauernd, „was müssen Sie sich alles mit anhören! Sie müssen auch rein denken, Sie sind in ein Tollhaus geraten! Achten Sie gar nicht auf das, was der Lackl daherredet! Es ist alles nur halb so schlimm, wie es klingt!“
Mette lächelte zu ihr auf:
„Ach, wenn es nur nicht schlimmer ist, dann geht’s ja noch! Dinge, die verheimlicht werden, sind meist viel schlimmer, als solche, über die öffentlich gescherzt wird.“
„Sie haben recht,“ sagte Gisela mit dunkelbrennenden Augen, „das schlimmste weiß niemand, und es wird niemals ausgesprochen.“
Sie versuchte ein Lächeln, das Metten fast rührend erschien, und strich ihr wieder mit weichen Fingern über das Haar. „Aber Sie sollten von allem Schlimmen verschont bleiben, von allem Schlimmen und allem Schmutzigen. Sie passen in ein Schloß. Oder noch besser in einen Schloßpark. Wissen Sie, als ich Sie das erstemal sah, da wußt’ ich gleich den passenden Rahmen für Sie. Ich kenne einen Schloßgarten, in dem Sie sich ausnehmend gut machen würden. Da sind Terrassenstufen, die zu einem kleinen See hinunterführen, direkt ins Wasser hinein. Und auf diesem Teich sind sehr viele Schwäne, schwarze und weiße. Und ich sehe Sie immer auf diesen Stufen stehen, in einem weißen Gewand, mit einem Körbchen in der Hand und die Schwäne füttern, die sich an die Stufen drängen.“
„Ein schönes Bild,“ sagte Mette lächelnd, „aber es hat eigentlich ein bißchen etwas Melancholisches und Verlassenes. Wenn es im Kino wäre, zum Beispiel, dann würde die Frau in dem weißen Gewand sicher im letzten Akt die Stufen hinuntersteigen, in einer Mondscheinnacht, einen Arm voll Blütenzweigen an die Brust gedrückt, und in dem stillen Schloßteich verschwinden.“
„Das werden Sie nie tun,“ sagte Gisela ernst.
„Warum nicht,“ fragte Mette überrascht und fast ein wenig beleidigt, als spüre sie eine leise Nichtachtung in diesem Zweifel. Sie war versucht, zu erzählen, daß ein geladener Revolver in ihrem Nachttischkasten lag, und daß sie hundertmal schon gegen die Versuchung angekämpft hatte, ihn an die Schläfe zu drücken.
„Nicht weil Sie feige sind,“ sagte Gisela rasch, als ob sie ihre Gedanken ahnte. „Vielleicht eher im Gegenteil, weil Sie viel Mut haben. Sie haben so feste Hände und machen manchmal so eine merkwürdige Geste, so ...“ sie machte die Bewegung, „Sie krallen so langsam die Finger zusammen, daß man alle Sehnen sieht – es sieht aus, als freuten Sie sich direkt darauf, das Leben bei den Hörnern zu packen, wenn es auf Sie loskommt.“
„Ich weiß das gar nicht,“ sagte Mette, „wie Sie beobachten?!“
Sie sagte mit Absicht nicht „mich beobachten“, wie es sich ihr erst auf die Lippen drängen wollte.
Aber Gisela sprach es deutlicher aus:
„Manchmal – wenn mich etwas interessiert. Manchmal seh’ und hör’ ich auch vom hellen Tage nix. Aber Sie hab’ ich beobachtet. Ich weiß auch, daß Sie keine zusammengewachsenen Augenbrauen haben, und das ist schon ein Zeichen, daß Sie eines natürlichen Todes sterben.“
Sie nahm Mettens Gesicht in beide Hände und drehte es ein wenig dem Licht zu:
„Nein, sehen Sie, es ist gut ein Fingerbreit frei über der Nasenwurzel,“ sie legte die Spitzen ihrer schmalen Finger zwischen Mettes Brauen und strich dann behutsam die Bogen entlang.
Mette schloß die Augen und lächelte. Die weichen Hände glitten wie Vogelfittiche über ihre Schläfe, ihre Wangen.
Wie lange war es her, daß eine Hand sie gestreichelt hatte? Monate und Monate ... endlose kalte, einsame, verzweifelte Monate.
Etwas wie ein Schluchzen quoll in ihrer Kehle auf: das heiße Mitleid mit sich selbst.
‚Streichle mich,‘ dachte sie, ‚du weißt ja nicht, wie arm ich bin. Wie grenzenlos arm und erfroren, daß es mich erwärmt, wenn du aus Spielerei deine Hände über mein Haar gleiten läßt.‘
Mette schlug einen Moment die Augen auf. Niemand beobachtete sie. Ein lautes und lebhaftes Gespräch war im Gange. Ach, diese glücklichen Menschen litten nicht so unter Langerweile, daß sie immer auf der Lauer liegen mußten, um irgendwo etwas Interessantes zu erspähen. Sie erlebten ihre Romane selbst und brauchten sie nicht bei andern zu wittern – sie waren so voll von ihren mannigfaltigen Schicksalen und Leidenschaften, daß sie kaum noch Raum in sich fanden, um die fremden zu erwägen.
Giesbert hatte die kleine Luigi auf seine Knie gezogen, und sie wühlte mit der Hand in seinen Haaren, während er sich mit Kramer über den Plan zu einem Kolossalgemälde unterhielt, und sie mit Frau Breslauer über seine Schulter hinweg ein neues Tanzkleid besprach.
Über Mettes Stirn glitten die weichen leichten Hände.
„Sie haben ein seltsames Gesicht,“ sagte die gedämpfte Stimme neben ihr, „es ist so offen und klar und dabei ganz undurchsichtig. Es ist fast unveränderlich und doch ausdrucksvoll. Merkwürdig.“
„Ich finde, mein Gesicht hat nur eine hervorstehende Eigenschaft,“ sagte Mette halblachend, „es ist langweilig.“
„Vielleicht ist jedem Menschen, der sich sehr gut kennt, das eigene Gesicht langweilig,“ sagte Gisela Werkenthin nach einer kleinen, nachdenklichen Pause.
‚Gott sei Dank, daß sie es mir erspart, mich gegen irgendeine Phrase wie ‚oh, durchaus nicht‘ zu wehren,‘ dachte Mette.
„Aber das ist sicher sehr unrecht,“ fuhr Gisela fort, „warum sieht die kleine Mara so reizend aus? Weil sie wirkliches Interesse für sich hat und sich tagelang im Spiegel anschaut und an sich herumputzt und schminkt und frisiert, als wenn’s eine verhätschelte Lieblingspuppe wär’. Aber da nützt kein ‚Vornehmen‘, das steckt im Blut, und wir beide werden’s wohl nie erlernen. Schad’t auch nix. Mit mir wär’ eh nix anzufangen, auch mit der größten Müh’ nicht, und Sie sind ohnedem schön genug!“
Es klopfte an die Tür, und auf ein fast allgemeines „Herein“-Rufen trat Eccarius ein.
Sein ernstes, blasses häßliches Gesicht war Metten in diesem Augenblick unangenehm. Sie wußte nicht, warum.
Erst einige Sekunden später kam es ihr zum Bewußtsein. Sie spürte die weichen Hände nicht mehr auf ihrem Haar – Gisela war von der Sessellehne heruntergeglitten und stand jetzt neben Frau Breslauer.
Mette wünschte Eccarius zu allen Teufeln, sie war einsilbig und fast unliebenswürdig, weil sie erwartete, daß er dann bald wieder gehen würde. Aber er wich den ganzen Abend nicht mehr von ihrer Seite.
Es geschah nun schon zum drittenmal, daß Mette sich auf ihren Spaziergängen plötzlich an einer Ecke der stillen Vorstadtstraße fand, in der das Häuschen der Sophie Degebrodt gelegen war.
Dieses drittemal aber bog sie nicht rasch nach der entgegengesetzten Seite um, sondern sie ging entschlossen die gerade Straße hinunter, die in der vollen Herbstsonne lag, ganz weißgebadet bis auf die dünnen flirrenden Schatten, die das zarte Gefieder der jungen Ebereschen warf, die, schwer mit Beerendolden von leuchtendem Ockergelb bis zu glühendem Scharlach beladen, in zwei schnurgeraden Reihen den Fahrdamm säumten.
Mette wußte zwar die Nummer nicht mehr, aber es würde nicht schwer sein, das Haus wiederzufinden. Das dritte rechts mußte es sein – richtig, das Gartengitter trug ein ziemlich auffallendes Namenschild, und über dem Laubendach hing die kleine Fahne reglos in der stillen Luft.
Mette hatte ein wenig Herzklopfen, als sie das eingeklinkte Gittertürchen öffnete. Sie war so befangen, wie als Kind, wenn sie zu fremden Leuten gehen, an fremden Türen klingeln sollte. Wenn sie jetzt in die Laube käme, würde man ihr vielleicht sehr erstaunt entgegenstarren. Niemand würde ihren Namen wissen, niemand sich ihres Gesichtes erinnern, man würde sie fragen, mit welchem Recht sie sich erlaubte, einzudringen – oh, sie würde sich und andere in eine sehr peinliche Lage bringen!
Es wäre sicher besser, die paar Stufen zu dem Vordereingang hinaufzugehen und dem öffnenden Mädchen die Karte zu geben. Dann konnte man sie mit einer höflichen Phrase abweisen lassen, wenn man sich ihres Namens nicht mehr entsann. Sie ging zögernd ein paar Schritte wieder zurück.
Aber man hatte sie wohl gesehen, oder das Knirschen im Kies gehört – hinter dem Haus reckte sich ein blonder Kopf hervor.
„Ah! Fräulein Rudloff!“ der kleine Johannes sprang ihr förmlich entgegen. Und im ersten Augenblick hatte sie vergessen, was sie von ihm gehört, was sie über ihn gedacht hatte, und war entzückt von seiner knabenhaften Anmut, von der tänzerischen Leichtigkeit seiner Bewegungen.
„Wie nett, daß Sie kommen! Nein, bitte gleich hier herum, wir brauchen ja nicht durch’s Haus. Wir haben schon öfters von Ihnen gesprochen, und wo Sie wohl stecken möchten. Nora wird sich schrecklich freuen – Sophus hat noch zu tun, kommt aber auch gleich.“
Er führte sie an einer grünen Wand vorbei, an der schon die ersten prallen Bohnen zwischen unzähligen roten und weißen Blüten hingen.
Auf den schmalen Beeten wucherten Phlox und Astern in leuchtenden Farben. Eingefaßt waren sie mit dem goldgrünen Saum blühender, duftender Reseda.
In der großen, sechseckigen Laube war ein behaglicher Teetisch gedeckt.
Mette hatte auch ein wenig uneingestandene Angst davor gehabt, Nora wiederzusehen. Nun war sie fast dankbar überrascht durch ihre Schönheit, und durch den beherrschten Adel ihrer Bewegungen. Nora war schon so an ihr Leiden gewöhnt, daß es ihr gar nicht einfiel, etwa den Versuch zu machen, aufzustehen, um dann hilflos und kläglich zurückzusinken. Sie saß ein wenig steif und sehr königlich und streckte Mette mit einem gewinnenden Lächeln die Hand entgegen.
Neben ihr saß Ulrich Zeeden, der sich beeilte, aufzuspringen und hinter dem Tisch hervorzukommen, wobei er das Teegeschirr in Gefahr brachte, was sowohl Mette als Johannes zu einem eiligen Zugreifen veranlaßte. Dadurch entstand eine heitere Verwirrung, die über die ersten Sekunden, die von peinlicher Förmlichkeit hätten sein können, hinwegleitete und sofort ein allgemeines, lebhaftes Gespräch in Gang brachte.
Nach einigen Minuten kam auch Sophie mit großen eiligen Schritten aus dem Haus. Sie begrüßte Mette sehr herzlich, verlangte dazwischen „recht rasch“ eine Tasse Tee, wollte sie im Stehen trinken, ließ sich dann doch auf einen Stuhl nötigen und schwatzte sich für eine Viertelstunde fest, wobei sie jede zweite Minute ängstlich sagte: „Oh, Kinder, das Licht geht mir weg, ich muß ja hinein an die Arbeit!“
Als sie dann schließlich davonlief, kehrte sie am Haus noch einmal um und rief zurück:
„Aber daß ihr mir alle dableibt, bis ich wiederkomme, ich will heut’ Abend noch eine Stunde Gemütlichkeit haben, ich hab’ so viel gearbeitet heute.“
„In deinem traurigen Beruf, hast du vergessen zu sagen!“ lachte Johannes hinter ihr her.
„Ja, in meinem traurigen Beruf!“ rief sie schon von der Tür her zurück.
„Warum traurigen Beruf?“ fragte Mette verwundert.
„Sie sagt doch immer, sie käme gleich nach Leichenfrau und Sargmagazin,“ erklärte Johannes, „sie macht doch Grabdenkmäler.“
„Das ist wirklich traurig,“ sagte Mette und bemühte sich, ein leises Lächeln festzuhalten, um nicht für übertrieben sentimental zu gelten. Die Worte „Grab“ und „Tod“ trafen sie immer noch wie ein schmerzlicher Stich.
„Man gewöhnt sich daran,“ sagte Nora ernsthaft, „wie man sich an alles gewöhnt. Und das ist gut. Man verroht ein bissel – für uns Überempfindliche ist das ganz gut. Wir fühlen uns sehr wohl zwischen Urnen und trauernden Genien, genau so wie ein Sargfabrikant nicht beim Anblick eines Sarges erschrickt, oder ein Arzt beim Anblick einer Wunde. Und wenn man so viel mit dem Tode zu tun hat, wie Sophie, und durch sie auch ich, dann verliert der Tod alles Grausige, und man sieht schließlich den Humor in tragischen Situationen – fragen Sie nur Sophie, die kann Ihnen Geschichten aus ihrer ‚Praxis‘ erzählen.“ – – –
Nora nahm eine Handarbeit aus einem neben ihr stehenden Körbchen und bat Johannes, das Mädchen zu rufen, damit der Tisch abgeräumt würde.
Johannes bettelte wie ein Kind, es selbst tun zu dürfen, und stellte gewandt und behutsam das Porzellan auf dem Teebrett zusammen. Als er wiederkam, saß er eine ganze Weile schweigend und sah mit verlangenden Augen Noras fleißigen Händen zu.
Schließlich, als könnte er kindische Begierde nicht länger zügeln, streckte er die Hände aus:
„Oh, bitte, bitte, laß mich auch ein paar Stiche machen!“
Nora überließ ihm lächelnd die Arbeit und suchte geduldig aus ihrem Körbchen eine begonnene Häkelei für ihre eigne Beschäftigung.
„Oh, gnädige Frau,“ rief Mette erschrocken, „die wundervolle Stickerei! Haben Sie denn gar keine Angst?“
„Ach nein,“ beruhigte Nora, „Johannes macht ebensogut Handarbeiten, wie ich.“
„Ja, nicht wahr, Nora?“ fragte Johannes mit einem errötenden Stolz. „Ich hätte Kunststicker werden müssen, oder Miniaturmaler. Ich habe für solche Dinge auch eine unerschöpfliche Geduld. Sonst habe ich gar keine Ausdauer.“
Er neigte den Kopf über die Arbeit, daß ihm die weichen blonden Haarwellen ins Gesicht fielen. Die schlanken, fast zu wohlgepflegten Hände bewegten sich mit Anmut und Geschick und setzten sicher Stich neben Stich.
Es war ein verwunderliches Bild. In Mette regte sich unwillkürlich der Gedanke: ‚Gut, daß es nicht mein Sohn ist – ich glaube, dann würd’ ich ihm die Stickerei aus den Händen reißen und um die Ohren schlagen. Aber so – er sieht ja doch immer aus wie ein gemalter Engel oder Heiliger.‘ – – –
Johannes mußte gehen, ehe Sophie zurückkam. Er wartete auf sie, bis es zu spät für ihn wurde, dann nahm er hastig, aber herzlich Abschied, trug den andern viele Grüße für Sophie auf und lief davon.
Ulrich Zeeden sah ihm kopfschüttelnd nach.
„Ein seltsamer kleiner Bursche,“ sagte er.
„Ein seelensgutes Kerlchen,“ fügte Nora mit leisem Widerspruch im Ton hinzu, „wir haben uns hier so an ihn gewöhnt, daß wir ihn kaum entbehren könnten. Er ist wirklich wie ein treuer kleiner Page, immer bereit und gefällig und liebenswürdig – ach, und mehr als das: herzensgut und aufopfernd.“
„Es gehen ja sagenhafte Gerüchte über seine Güte,“ Ulrich Zeeden verzog ein wenig spöttisch die Mundwinkel.
„Es gehen überhaupt viele Gerüchte über ihn um, leider!“ entfuhr es Mette. Sie fühlte, wie ihr die Verlegenheit das Blut brennend in die Wangen trieb, aber sie entschloß sich, das einmal Gesagte nun tapfer zu vertreten. „Es sieht so häßlich aus, so klatschsüchtig, hinter einem Menschen herzureden, der eben gegangen ist ... aber gerade weil er Ihr Freund ist, und weil ich ihn sehr nett finde, wirklich sehr nett, darum ärgere ich mich, wenn die Leute Scheußlichkeiten von ihm erzählen, und ich absolut kein Recht habe, ihnen den Mund zu verbieten, oder sie Lügen zu strafen.“
„Würden Sie das sonst tun?“ fragte Ulrich Zeeden, „das wäre sehr tapfer und anerkennenswert freundschaftlich von Ihnen, aber in den weitaus meisten Fällen verfehlt. Denn was man auch an Scheußlichkeiten erzählt, wird immer noch bei weitem durch die Scheußlichkeiten überboten, die ganz im Geheimen begangen werden, und von denen niemand was ahnt.“
„Ist das wahr?“ wandte sich Mette wie hilfesuchend an Nora.
Nora legte ihr die weiche Hand aufs Haar.
„Ach, Kind,“ tröstete sie, „es ist alles viel zu verwickelt und verworren, als daß man so einfach ja oder nein sagen könnte. Sie brauchen darum nicht so verzweifelte Augen zu machen. Alles gut und böse ist so ineinander verquickt, daß wir es gar nicht auseinander lösen können, um eins gegen das andere abzuwägen.
Ich will Ihnen etwas erzählen – denn ich weiß ganz genau, was Sie mit den ‚Scheußlichkeiten‘ meinen, und Sie auch, Ulrich. Sie meinen die Sache mit Drencker. Man erzählt sich – und Sie wissen, daß es wahr ist, Ulrich, und wenn ich ehrlich sein soll – ich weiß es auch, daß Drencker den Kleinen sozusagen mit Haut und Haaren gekauft hat, daß er ihm eine bezaubernde Wohnung eingerichtet hat, daß er für seinen Unterhalt sorgt – daß er ihn ‚aushält‘, wie man das ja nennt. Und daß Drencker das leider nicht nur tut, um seine Millionen auf gute Art loszuwerden, das wissen wir auch alle. Na, und daß unser gutes Hannchen diesem – milde gesagt, reichlich unangenehmen Herrn nicht anhängt, wie Alkibiades dem Sokrates, um Weisheit von seinen Lippen zu schlürfen, sondern daß er einfach den pekuniären Vorteil wahrnimmt, ist auch klar.
Und trotzdem – wenn man ein bißchen tiefer sieht, dann entdeckt man hinter all diesen Scheußlichkeiten auch etwas Versöhnendes ... der kleine Johannes hat von Kindheit an eine große und unveränderliche Liebe gehabt, eine Schwärmerei mehr, zu einem Schulkameraden, der alles das hatte, was ihm selbst fehlte: das Männliche, Selbstbewußte, etwas Brutale – diese Kinderschwärmerei ist zu einer ganz selbstlosen, ganz anbetenden Freundschaft geworden. Nun kommt hinzu, daß der andere eine starke Begabung besaß, die den Kleinen noch mehr zur Bewunderung zwang. Geld hatten sie beide nicht. Johannes hat sich selbst wohl nie für besonders wertvoll gehalten ... er hat sich verkauft – und mit voller Absicht teuer verkauft – um dem Freund das Studium zu ermöglichen, um ihn in jeder Weise zu unterstützen.“
„Und das hat Willi Krafft zugegeben? Das hat er angenommen?“ sagte Ulrich Zeeden scharf, die Worte dehnend.
Nora hob etwas die Achseln: „Ich habe den Namen nicht genannt.“ Es war eine kaum hörbare Schwingung von Bitterkeit in ihrer sanften Stimme.
„Was hat Willi Krafft zugegeben? Was hat er angenommen?“ tönte plötzlich Sophiens tiefe, klingende Stimme dicht neben ihnen.
„Wir verleumden deinen Freund, Sophus,“ lächelte Nora ihr entgegen, „du kommst im richtigen Augenblick, um ihn zu verteidigen.“
„Verteidigen Sie ihn, wenn Sie können,“ sagte Zeeden in einem strengen, richterlichen Ton, „Willi Krafft hat zugegeben, daß ein junger, unreifer, etwas haltloser Mensch, mit dem er vorgeblich befreundet war, sich den unnatürlichen Lüsten dieses Scheusals in Menschengestalt verkauft hat, und hat sich von dieser Kaufsumme auch bezahlen lassen. Das ist für mich das niedrigste, was ein Mensch überhaupt begehen kann – genau so, wie für mich der Zuhälter noch viel verächtlicher ist, als die Dirne.“
„So!“ Sophie zog sich einen Stuhl zurecht und setzte sich. „Nun hab’ ich Sie ausreden lassen, nun lassen Sie mich ausreden. Erstens können Sie statt ‚Scheusal in Menschengestalt‘ geradeso gut oder besser ‚Mensch in Scheusalsgestalt‘ sagen – das nur en passant – das hat schließlich mit ‚meinem Freunde‘ Willi Krafft nichts zu tun. Aber ich kann auch einiges zu seiner Verteidigung beibringen. Nämlich daß er Talent hat, um nicht zu sagen Genie – und daß das Talent immer und unter allen Umständen das Recht hat, sich durchzusetzen. Weil nur das Werk Wert hat, und nicht das Leben, und am allerwenigsten das moralische Leben des Einzelnen.“
„Das ist Ansichtssache,“ unterbrach Zeeden, „trotzdem – weiter!“
„Vor allen Dingen aber – selbst wenn er talentlos wäre, wenn er keine unsterblichen Werke schaffen könnte – wen schädigt er? Er ist in den Stand gesetzt, zu arbeiten, und zwar, wie ich mir einbilde, und wie er sich einbildet, für die Menschheit zu arbeiten. Er ist glücklich.
Noch glücklicher ist der alte Drencker, der sich am Ziel aller Wünsche sieht, der endlich der Gefahr entronnen ist, Betrügern, Erpressern, ja schließlich Räubern und Mördern in die Arme zu laufen, dem nicht mehr die Angst vor dem Gefängnis das Leben verbittert, der zum erstenmal den Segen seiner Millionen spürt, die ihm ein Leben lang nur Unsegen gebracht haben.
Am glücklichsten aber ist entschieden der kleine Johannes. Er führt das Leben, wozu seine eigentliche Natur ihn treibt. Er ist doch die geborene kleine Kokotte! Wenn Ihr den Jungen in irgendeinen Beruf steckt, wird er totunglücklich! Er hat keine besondere Begabung, keine übermäßige Intelligenz, noch weniger körperliche Kraft und Leistungsfähigkeit. Er kann seine Tage in irgendeinem Bureaudienst hinschleppen und wird durch seinen Hang zum Luxus dahin kommen, daß er womöglich Unterschlagungen begeht.
Jetzt hat er alles, was er sich im Grunde immer ersehnt hat. Er ist begehrt, verwöhnt, angebetet. Er sieht seine Schönheit, die er nebenbei sehr zu schätzen weiß, im richtigen Rahmen. Er bringt halbe Tage damit zu, vor seinem dreiteiligen Toilettespiegel zu sitzen, sich zu bewundern, sich mit Salben und Pudern und Haarwassern zu pflegen.
Das tut er alles Willi Krafft zuliebe? Redet Euch doch so etwas nicht ein. Er täte es ohne Willi Krafft genau so! Nein, nicht genau so! – Denn da entschieden ein besserer Kern in ihm ist, ein Hang zum Idealistischen, so täte er es mit Reue und würde sich selbst zum Ekel. Dadurch aber, daß er einen Teil seiner – für ihn, für seine Natur ziemlich mühelos – gewonnenen Einnahmen für diesen Menschen verwenden darf, den er anbetet, rückt er sich selbst in ein verklärendes Licht. Er tut, was ihm bequem ist, und ist noch obendrein Märtyrer und Heiliger!“
Zeeden bewegte die Hände, als klatsche er unhörbar Beifall.
„Eine schöne Rede, lieber Sophus! ‚Wenn man’s so hört, möcht’s leidlich scheinen.‘ Irgendwo steckt ein Haken, ich weiß noch nicht recht, wo. Vielleicht auch hier wieder in dem mangelnden ‚Christentum‘! Aber ich glaube, Frau Nora fröstelt, es wird Zeit, daß wir ins Haus gehen. Die Abende werden schon recht früh kühl.“
Mette war aufgestanden:
„Ja, es wird wohl auch Zeit, daß ich nach Hause gehe. Ich wollte auf einen Sprung kommen und sitze schon Stunden und Stunden.“
„Ach, Unsinn,“ sagte Sophie, ruhig sitzenbleibend, und sah fast erstaunt zu ihr auf, „das klingt ganz nach einer façon de parler. Warum wollen Sie gehen? Haben Sie etwas Besseres vor? Oder hat man Ihnen einmal beigebracht, daß man eine erste Visite nicht über zwanzig Minuten ausdehnen darf?“
„Ja, das hat man mir beigebracht!“ lachte Mette, „das hat mir Tante Emilie, glaub’ ich, wörtlich so gesagt.“
„Und haben Sie die unselige Absicht, sich in allem nach den Vorschriften dieser Tante Emilie zu richten? Na also, dann fangen Sie auch gefälligst nicht gerade bei uns damit an! Was die Tanten sagen, ist eo ipso verkehrt! Sie bleiben jetzt hier und essen mit uns – die einzige Entschuldigung ist das bekannte ‚Bessere‘.“
„Ich wüßte tatsächlich auf der Welt nichts Besseres.“
„Armes Kleines – na, es kommt noch!“
Sophie stand auf und reckte sich kräftig:
„Ich spüre meine Knochen heute! Komm, Norina, wir machen es uns drinnen hell und gemütlich. Daß Sie dableiben, Uli, ist doch abgemacht.“
Zeeden verbeugte sich schweigend.
Sophie rückte mit einem energischen Griff den Tisch beiseite, um den Weg für Nora frei zu machen.
Mette, mit einer plötzlichen Entschlußkraft, die sie sich selbst nicht erklären konnte, drängte sich neben Nora.
„Darf ich Sie stützen, gnädige Frau?“ Sie meinte, daß man das Schlagen ihres Herzens in ihrer Stimme hören müßte.
„Oh, danke vielmals – es wird Ihnen zu schwer werden,“ sagte Nora mit einer liebenswürdigen Befangenheit.
„Sicher nicht,“ beteuerte Mette, „ich bin sehr kräftig. Und wenn nicht eine ganz besondere Übung dazu gehört ... glauben Sie mir, es würde meinen Ehrgeiz befriedigen, wenn ich es dürfte. Ich würde mir einbilden, daß ich zu irgend etwas auf der Welt nütze wäre.“
„Das ist ein unwiderstehliches Argument,“ sagte Sophie, „Ulrich, wollen Sie dann, bitte, Martha rufen? Oder wollen Sie selbst so gut sein und sich mit dem Stuhl beladen?“
Zeeden hatte den Stuhl schon ergriffen.
„Warum haben Sie eigentlich keinen Rollstuhl?“ fragte er.
„Kommen Sie mir auch noch damit!“ rief Sophie ärgerlich über die Schulter zurück, „weil die Dame gehen soll! Sie kann es ja auch sehr gut – sie hat die gesündesten Beine von der Welt! Sie ist nur zu eitel – sonst könnte sie meilenweite Spaziergänge unternehmen.“
Mette empfand den Druck des Armes auf ihren stützenden Händen nicht als übermäßig schwer. Und das Gefühl, helfen zu können, überwog das Grauen so sehr, daß fast auch das schmerzliche Mitleid erlosch.
In dieser sanften Frau war die Verzweiflung über ihren zerstörten, gehemmten Körper sicher längst gebrochen, und ihr Leben hatte gute und schlimme Stunden, wie jedes andere auch. Vielleicht sogar einige gute mehr und einige schlimme weniger, denn ihre Krankheit hielt sie vor dem stärksten Anprall niedriger Kräfte geschützt; sie verließ kaum je das Haus, in dem sie wie eine Königin behandelt wurde, niemand drängte sich zu ihr, der nicht von freundschaftlichster Gesinnung für sie erfüllt war. – – –
Während sie heiter und behaglich beim Essen um den hellen, hübsch gedeckten Tisch saßen, erinnerte Nora daran, daß Sophie ihr einige Geschichten aus der „Praxis“ zu erzählen schuldig geblieben sei, und bat sie, wenn es angängig wäre, jetzt die kleine Gesellschaft damit zu unterhalten.
„Ach ja, mein Freund, der trauernde Witwer!“ lachte Sophie. „Das ist wirklich eine hübsche und erfreuliche Geschichte! Wissen Sie,“ sie wandte sich direkt an Mette, „ich kann es mir nämlich leider immer noch nicht abgewöhnen – mit ‚meinen Patienten‘ hätt’ ich fast gesagt – mit meinen Kunden mitzufühlen. Ich kann auch nicht arbeiten, wenn ich nicht ein bißchen persönlich daran beteiligt bin, ich rede gern mit den Leuten, und sie reden gern mit mir, manchen ist die Beschäftigung mit diesen letzten Dingen, dem Letzten, was man einem Geliebten schenken kann, wirklich eine Erleichterung in ihrem Schmerz ... ja, also, und was ich nun eigentlich erzählen wollte ... mein Freund, der Witwer!
Vor ... ich weiß nicht mehr genau, wie lange es her ist, kam ein noch junger Mann zu mir, dem die Frau gestorben war. Der Mann tat mir so leid, weil ich fühlte, wie er direkt vor Schmerz zerbrochen war. Wirklich, ich dachte so viel an ihn – wenn ich mich zu Tisch setzte, fiel er mir ein, und mir quoll direkt der Bissen im Halse, daß ich nicht schlucken konnte. Gelt, poverina, du hast was auszustehen gehabt mit mir! Er kam sehr oft, ich legte ihm Zeichnungen vor, wir saßen stundenlang zusammen und entwarfen und änderten, er zeichnete selbst so ein bißchen, ich glaube, er hätte am liebsten eine Zelle um das Grabmal gebaut, wo er hätte hausen können, Tag und Nacht die Aschenurne im Arm.
Na, das dauerte natürlich eine Weile, erst mußte der Stein besorgt werden, das Modell fertig gemacht und so weiter. Jedesmal, wenn er kam, war er ein bißchen flüchtiger und uninteressierter und war so halb und halb geneigt, hier und da eine Verbilligung zu beantragen ... heut’ war er wieder da, sehr eilig: ‚Sie werden das schon machen, nur daß es nicht zu teuer kommt!‘ Ich sah ihm nach heut’, zufällig, auf der andern Seite wartete eine junge Dame auf ihn. Er ging so forsch und aufrecht – als er das erstemal bei mir war, ging er wie ein Schwerkranker.“
„Erzähl’ auch einmal von deiner Witwe,“ sagte Nora, während sie das Mundtuch zusammenfaltete und in den Ring schob.
„Ach ja, das war auch sehr nett. Eine Witwe bestellte bei mir ein sehr schönes Grabmonument, in einem Stein zwei Urnen, die mit Ketten zusammengehalten werden sollten. Aber eh’ das Ding noch fertig war, kam sie ganz verzweifelt zu mir, ob ich es nicht noch ändern könnte: sie hatte sich wieder verlobt, und wo sollte der arme dritte nun hin, wenn sie mit Ketten an den ersten geschmiedet wäre? Ich wollte ihr vorschlagen, sie sollte die beiden Männer in den zusammengeschmiedeten Urnen ruhen lassen, und ich wollte ihr eine dritte für sie selbst krönend obenauf setzen.“
„Das ist doch aber furchtbar,“ sagte Mette zwischen Lachen und Verzweiflung.
„Was ist furchtbar?“ fragte Sophie mit etwas spöttischer Ruhe, „daß der Schmerz nicht ewig dauert? Das alte: tout passe, tout casse, tout lasse? Es wäre viel furchtbarer, wenn es nicht so wäre! Als Kind habe ich jedesmal geweint, wenn ich einen Leichenwagen gesehen habe – und zwar nicht aus Angst, daß ich auch mal sterben würde, sondern aus Mitleid mit den Leuten, die ihre Angehörigen begraben mußten. Jetzt sehe ich mir das schon mit bedeutend mehr Ruhe an. Ich habe zu viel Verzweiflung gesehen, die in ein paar Monaten ausgebrannt war! Man muß sich nur intensiv beschäftigen mit Dingen, vor denen man ein Grauen hat – schließlich wird einem der Tod vertraut wie einem Lokomotivführer seine Maschine, vor der sich ein Fremder auch fürchten kann.“
„Ja,“ sagte Mette eifrig und wurde rot, weil sie daran dachte, wie rasch sie das Grauen vor Noras Hilflosigkeit überwunden hatte, „das meiste sieht sich aus der Ferne viel schlimmer an als aus der Nähe.“
„Die meisten schlimmen Dinge im Leben sind wie Nachtgespenster,“ lächelte Sophie mit ernsten, klaren Augen, „es ist etwas unfaßbar Grauenvolles, und wenn wir darauf losgehen und es packen, ist es ein Handtuch im Winde.“
„Nicht nur das,“ meinte Zeeden nachdenklich, „es gibt auch Dinge, die nicht Spuk und Einbildung sind und sich doch von weitem schlimmer ansehen als aus nächster Nähe. Einfach weil der, der mitten darinsteckt, sie gar nicht in ihren ganzen Dimensionen überblicken kann. Wer in der Ferne steht, sieht nur einen Berg des Elends. Wer diesen Berg zu erklimmen hat, sieht weder die Höhe über sich, noch die Tiefe unter sich: er beobachtet vielmehr das, was der andere nicht bemerken kann: die kleinen Steine, die ihn verwunden, und die kleinen Blumen, die am Wegrand blühen.“
„Ja,“ lachte Sophie, „und nun paßt wieder unser beliebtes Wort hierher: tale è vita. Im Ernst, man denkt viel zu wenig daran, daß das Leben aus Minuten besteht und nicht aus Jahren. Wenn wir zurücksehen, gleitet es immer mehr ineinander, wie helle und dunkle Streifen aus der Ferne zu einer Farbe verschmelzen. Es gibt keine ganz glücklichen Jahre, wie es keine ganz unglücklichen gibt.“
„Es gibt Jahre,“ sagte Nora leise und stockend, wie gegen ihren eigenen Willen, „die so voller Verzweiflung sind, daß sie kaum durch eine lichte Minute aufgehellt werden.“
„In der Erinnerung,“ sagte Sophie mit einer eigenen, sehr festen Güte, und dann, wie um schnell auf ein anderes Thema zu kommen: „Wissen Sie, daß ich auch für meine eigne Urne schon Entwürfe gemacht habe? So wie ich Zeit habe, will ich sie einmal ausführen!“
Mette schien darin eine leichte Grausamkeit gegen Noras Hilflosigkeit zu liegen.
„Und was sagt Ihre Freundin, wenn Sie sich mit solchen Gedanken beschäftigen?“ sagte sie, wie um Nora zu schützen.
„Oh, wir machen das zusammen,“ lachte Sophie, „Norina hat sich ihre Urne auch schon bei mir bestellt!“
„Finden Sie das so schlimm?“ lächelte Nora, „warum soll man nicht sich selbst sein Bett machen, eh’ man sich schlafen legt? Sie müssen einmal die Zeichnungen durchsehen, die Sophie schon für uns gemacht hat!“
„Ja, nun haben wir uns fürs erste entschieden!“ sagte Sophie. „Zwei ganz gleiche Urnen in schönen und glatten Formen, und neben Noras zwei Putten, die die Urne mit dicken Rosengirlanden bekränzen. Aber keine geflügelte Genien, sondern richtige, feststehende Kinderkörperchen. Und aus der andern Urne quillt eine Fülle von Rosen, ein kleiner Putto steht daneben, fängt sie mit den Armen auf und drückt sie an sich. Sie sehen sehr lustig aus, wie hübsche heitere Schmuckvasen in einem stillen Garten.“
„Es liegt eine sehr schöne Idee darin,“ sagte Mette nachdenklich.
„Die Idee stammt von Nora,“ wehrte Sophie ab. „Ich möchte mir in keiner Richtung etwas anmaßen.“ – – –
Als sie nach dem Essen bei einer Tasse Tee und einer Zigarette beisammensaßen, erschien plötzlich Gisela. Mette konnte sich nicht ganz klar darüber werden, was sie bei ihrem Anblick empfand. Sie freute sich, daß sie kam, und zugleich war es ihr störend, durch irgend etwas, selbst durch eine Freude, aus der behaglichen Ruhe gerissen zu werden. Und Gisela riß unweigerlich jeden Menschen aus seiner behaglichen Ruhe.
Mette versuchte an diesem Abend zum erstenmal, sich Rechenschaft darüber zu geben, woher die Unruhe stammte, die Gisela Werkenthin, allen fühlbar, um sich verbreitete. Sie war nicht laut, nicht einmal sonderlich gesprächig, sie konnte reglos auf einem Fleck sitzen und vor sich hinstarren, und trotzdem schien es, als ob die Luft um sie zittere.
Mette fühlte dies Vibrieren in allen Nerven und fühlte das friedevolle Gefühl immer mehr aufgesogen werden von einer brennenden, prickelnden Unrast.
Es kam ihr vor, als ob Noras Gesicht die sanfte lächelnde Ergebung nur wie eine Maske trüge, hinter der grauenvollste Verzweiflung gärte.
Es kam ihr vor, als ob Sophie vergebens mit der Kraft und Ruhe der Karyatiden sich gegen eine untragbare Last stemmte.
Es kam ihr vor, als ob Ulrich Zeeden hinter seinem gemessenen Wesen unaufhörlichen, qualvollen Kampf verbarg.
Es schien ihr, als ob Gisela so zerfressen von Schmerz und Leid sei wie ein Haus, in dem die Flammen wüten, und von dem nur noch die geschwärzten Mauern stehen, um jeden Augenblick zu völliger Vernichtung zusammenzustürzen.
Und es war ihr, als ob sie, Mette, von all diesen Unglücklichen die Unglücklichste sei, da Olga tot war und sie allein gelassen hatte in der Welt, in einer Welt, die erfüllt war von fremden, bedrohlichen, schmerzbringenden und angsterregenden Dingen.
Sie hatte es plötzlich eilig, nach Hause zu kommen, schon weil sie zu bemerken glaubte, daß ihre Wirte nur aus Liebenswürdigkeit und mit Anstrengung gegen Müdigkeit ankämpften.
Zeeden und Gisela gingen mit, und sie wanderten eine Zeitlang schweigend durch die stillen Straßen.
Zeeden unterbrach eine lange Stille, indem er sich an Metten, und nur an Metten mit der Frage wandte:
„Ich darf Sie nach Haus bringen, gnädiges Fräulein?“
„Danke vielmals,“ sagte Mette, „nur, wenn es Ihre Gegend ist – ich fürchte mich nicht vorm Alleingehen.“
Gisela beugte sich ein wenig vor, um an Mette vorüber zu sprechen.
„Machen Sie sich keine Unbequemlichkeiten, Herr Zeeden. Und es wäre doch sehr unbequem für Sie, wenn Sie jetzt in die Stadt hinein müßten und nachher wieder nach Ihrer Wohnung zurück. Ich bringe Fräulein Rudloff nach Hause – wir haben ohnehin denselben Weg.“
Mette schwankte einen Moment, ob sie nicht irgendwie gegen die Verfügung protestieren sollte. Es war ihr unangenehm, daß Zeeden nun vielleicht annehmen konnte, sie hätte seine Begleitung abgelehnt, um mit Gisela allein zu sein. Aber ihn jetzt zum Mitgehen aufzufordern, war wieder für Gisela eine Beleidigung. Sie schwieg und berief sich mit einem stillen Trotz darauf, daß ihr ja die Meinung der Leute gleichgültig sein könnte und sollte.
Zeeden verabschiedete sich an der nächsten Ecke, noch ein wenig steifer und förmlicher als sonst.
„Mögen Sie ihn?“ fragte Gisela Metten, als er kaum außer Hörweite war.
„Ich kenne ihn ja kaum.“ Mette hob zögernd die Achseln.
„Er mag Sie sicher.“
„Warum denn?“ Mette lachte ein wenig durch die Zähne.
„Warum? Er mag alle Frauen, die ich mag. Darum kann er mich auch nicht leiden,“ fuhr sie rasch, fast hastig fort, „das heißt, er liebt alle die Frauen unglücklich ... und kommt niemals los von einer furchtbaren Geliebten.“
„Wie kann man von einem furchtbaren Menschen nicht loskommen,“ sagte Mette grübelnd, „wenn man überhaupt die Möglichkeit in sich spürt, andere zu lieben?!“
„Weiß ich?“ Gisela hob gleichmütig die eine Schulter, „man erzählt ja, daß sie ihn jeden Abend blutig peitscht und daß er ohne das nicht leben kann! Aber vielleicht hat er auch irgendeine andere Verrücktheit, in der nur sie ihn versteht. Was bindet denn Menschen überhaupt aneinander? Daß der eine den versteckten Wahnsinn des andern erkannt hat und ihn füttert und hervorlockt und ihn liebkost und ihn großzieht – bis er sich gegen seinen früheren Herrn hetzen läßt wie ein tückischer Hund.“
„Und das ist der Kernpunkt aller menschlichen Beziehungen?“ sagte Mette traurig und empört. „Mit was für Augen sehen Sie nur die Welt an?“
„Mit ungetrübten!“ lachte Gisela bitter.
„Und Sophie Degebrodt?“ wandte Mette ein, „und Frau von Hersfeld?“
„Sophies Wahnsinn heißt Nora. Und sie ist der glücklichste Mensch, den ich kenne, weil sie sich ganz auf diesen Wahnsinn konzentrieren kann. Und Nora? Was in der vorgeht, weiß kein Mensch. Ich weiß auch nicht, ob sie glücklich ist.“
„Ich weiß nicht, ob sie glücklich sein kann,“ sagte Mette bedrückt, „es muß furchtbar sein, wenn man gezwungen ist, immer zu nehmen, ohne zu geben.“
„Sie weiß, daß sie viel gibt,“ widersprach Gisela, „Sophien alles! Sophie ist doch erst ein Mensch geworden, an dem Tag, an dem Nora zu ihr kam. Sie war faul und verbummelt und verschlampt und lebte von Zigaretten und Alkohol und Kokain. Wir haben uns alle um sie bemüht, wir haben versucht, sie aufzurütteln – es hat alles nichts genützt.“
„Und Nora,“ fragte Mette, mit stockendem Atem, „war sie damals schon krank?“
„Als sie kam? Ja, natürlich – sie hatte, glaub’ ich, einen Selbstmordversuch gemacht. Sie war mit einem Syphilitiker verheiratet und hatte ein blödsinniges Kind, oder so ähnlich.“
‚Welt,‘ dachte Mette, ‚wo soll ich mich hinflüchten vor dir! Ich möchte tot sein – ich möchte in einer von Sophiens schönen, steinernen, rosenbekränzten Urnen schlafen! Wie soll ich fertig werden, ganz allein fertig werden, mit all dem Furchtbaren, was menschliches Schicksal heißt!‘
Sie gingen eine ganze Weile schweigend, jeder versponnen in seine eigenen Gedanken.
„Wissen Sie, Mette Rudloff, daß ich auch einen Wahnsinn habe?“ fragte Giselas Stimme plötzlich, und sie war weicher und klingender als sonst.
Mette erschrak. Sie fürchtete sich davor, Beichten entgegenzunehmen. Sie dachte: ‚O Gott, jetzt kommt das mit dem Morphium. Was soll ich nur darauf sagen? Ich kann ihr doch auch nicht helfen!‘
Gisela erwartete keine Antwort. „Ich habe den Wahnsinn,“ fuhr sie fort, in einem leisen, schwebenden Ton, ohne Mette anzusehen, ohne auch nur den Kopf nach ihr zu wenden, „ich habe den Wahnsinn, schöne, reine königliche Frauen zu lieben – immer nur solche, die weit über mir stehen, immer nur solche, die zu schade für mich sind ... nach meinem eigenen Urteil zu schade für mich ... Frauen wie Sie, Mette Rudloff!“
Sie waren vor dem Haus angelangt und blieben stehen. Mette zerquälte sich immer noch um eine Antwort. Sie fand keine. Sie streckte Gisela die Hand hin, ein wenig scheu, und sagte herzlich:
„Ich danke Ihnen.“
Gisela hob mit einem schmerzlich-spöttischen Lächeln den einen Mundwinkel:
„Wofür?“
„Daß Sie mich nach Haus gebracht haben ... und für alles ... auch für das, was Sie eben gesagt haben.“
Mettes Herz schlug zum Zerspringen, aber eigentlich nur in einer Art von Verlegenheit. Sie hätte die Worte gern zurückgenommen. Es wäre vielleicht taktvoller gewesen, wenn sie so getan hätte, als hätte sie nichts gehört oder nichts verstanden.
Gisela wandte den Kopf ein wenig nach der Seite, mit einer unbeherrschten und fast ungeduldigen Bewegung. Der Schein einer Straßenlaterne fiel auf ihr Gesicht, das elend und traurig und fast verfallen aussah.
‚Vielleicht würde es ihr Freude machen, wenn ich sie küßte,‘ dachte Mette, ‚es ist traurig genug, aber ich tue niemandem weh damit.‘
Sie beugte sich ein wenig, mit einem kleinen, verlegenen Lächeln, und legte ihren Mund auf Giselas Lippen.
Sie fühlte diese Lippen unter ihrem Mund aufzucken und aufblühen, scharfe Zähne drängten sich knirschend gegen die ihren, preßten sich in ihre Lippen.
Eine schmale Hand klammerte sich um ihr Genick, wühlte sich in ihr Haar, gab sie nicht wieder frei.
Als Mette sich aufrichtete, war ihr ein wenig taumelig.
‚Ich liebe sie nicht,‘ dachte sie traurig, ‚vielleicht liebt sie mich, und ich liebe sie nicht.‘
„Gute Nacht,“ sagte sie und legte einen Augenblick die Hand zärtlich und behutsam gegen Giselas Wange. Ihr war, als spräche sie zu einem Kinde:
„Schlafen Sie recht, recht wohl!“
Mette wollte sich auf ihren Diwan legen.
Sie hatte trotz der frühen Nachmittagsstunde die Lampe angedreht und die Vorhänge fest zugezogen, um nicht zu sehen, wie der unermüdliche Herbstregen an den grauen Hofwänden entlang troff und rieselte.
Sie hatte Kissen und Decken auf den Diwan gehäuft, einen Stuhl in erreichbare Nähe gerückt, auf dem sie einen ganzen Stoß Bücher aufschichtete – der Nachmittag war lang, und sie würde keine Lust haben, aufzustehen ... sie würde auch keine Lust haben, stunden- und stundenlang sich in ein Buch zu vertiefen. Sie trug ein halb Dutzend Bücher zusammen, mit dem genießenden Vorgeschmack, mit dem ein Feinschmecker sich ein erlesenes Mahl zusammenstellt:
Novellen von Herman Bang, Gedichte von Rainer Maria Rilke, einen Band Dickens – ja, nach Dickens war ihr ganz besonders zumute – dann wollte sie ein klein wenig Spanisch treiben, in dem bilderreichen Werk über das Rokoko blättern, ein paar Briefe des Clemens Brentano an Sophie Mereau lesen. Nein, nicht den Dostojewski, der einen so ganz gefangen nahm, daß man tage- und wochenlang nicht von ihm loskam – und auch nicht die „Antikrists mirakler“ – da mußte sie zu oft nach dem Wörterbuch greifen, um einen Genuß zu haben.
Auf den kleinen, glasbedeckten Tisch am Kopfende stellte sie Zigaretten, Schokolade und eine Vase mit ein paar blaßrosa, süßduftenden Nelken, die sie sich heute in der Stadt gekauft hatte.
Als sie sich eben hingelegt hatte, eine leichte Decke über die Füße gezogen und nach dem obersten Buch griff, klopfte es an die Tür.
Einen Augenblick dachte sie ärgerlich: ‚Warum habe ich nicht abgeschlossen, dann würd’ ich mich jetzt nicht rühren – da könnte, wer wollte, an der Tür rütteln.‘
Aber als auf ihr „Herein“ Gisela die Tür öffnete, freute sie sich doch.
„Oh, wie hübsch haben Sie es hier!“ rief Gisela, ehe sie noch guten Tag sagte. „Nein, ich bitte Sie um Gottes willen, springen Sie nicht auf, sonst lauf ich gleich wieder hinaus. Sie haben sich’s da so nett bequem gemacht, nun dürfen Sie sich bitte nicht von mir aus Ihrer Ruhe aufjagen lassen. Ich wollte zu der kleinen Luigi, aber sie ist nicht da, und da wollt’ ich mir eigentlich nur mal Ihr Zimmer anschauen. Jessas, ist das aufg’räumt bei Ihnen – so sieht meine Bude nicht an hohen Feiertagen aus!“
„Wenn Sie wollen, daß ich nicht aufstehe,“ sagte Mette lächelnd – sie saß auf einen Ellbogen gestützt, einen Fuß angezogen, die zurückgeschlagene Decke in der Hand, immer noch im Begriff aufzuspringen – „dann müssen Sie schon hierher kommen – sonst muß ich Licht anmachen und Sie feierlich in einen Sessel nötigen.“
„Nein, nein, ich komm’ schon,“ Gisela lief nach dem Diwan, drückte Mette auf das Kissen zurück und zog ihr die Decke bis unters Kinn.
„So, meine Schöne, wollten Sie schlafen? Soll ich Sie in den Schlaf singen und mich dann auf den Zehenspitzen hinausschleichen? Schlaf, Kindchen, schlaf!“ Sie stützte sich mit einem Knie auf den Diwan, faßte Mette an beiden Schultern und wiegte sie leise hin und her.
Mette empfand ein leises und nicht unangenehmes Schwindelgefühl. Sie griff nach den beiden Händen, die auf ihren Schultern lagen, und hielt sie fest.
„Lassen Sie das,“ sagte sie mit geschlossenen Augen, „mir wird schwindlig.“
Sie fühlte, daß die schaukelnde Bewegung aufhörte, aber zugleich fühlte sie einen leichten Atem über ihre Stirn streifen und einen weichen Mund sehr leise, sehr zärtlich über ihre Schläfen, ihre Wangen, ihre Augenlider gleiten.
Es war wohltuend, aber sie wehrte sich gegen das Angenehme dieser Empfindung.
‚Ich liebe sie nicht,‘ dachte sie trotzig, ‚ich habe mich nie nach ihrem Mund gesehnt – so kann einem Tier zumute sein, wenn es gestreichelt wird.‘
Der weiche Mund ließ ab von ihrem Gesicht, und Gisela kauerte sich auf dem Diwan nieder.
Ohne jeden Übergang deutete sie auf die Blumen und fragte:
„Von wem haben Sie die schönen Nelken?“
Mette drehte ein wenig den Kopf, um der Bewegung mit den Augen zu folgen.
„Von mir,“ lächelte sie.
„Was heißt das?“
„Was das heißt? Ich habe sie mir heute morgen selbst gekauft!“
„Seltsam!“ Gisela schüttelte den Kopf. „Erwarten Sie Besuch?“
„Nein, warum denn?“
„Weil das für mich der einzig mögliche Grund wäre, um mir Blumen zu kaufen und aufs Zimmer zu stellen!“
„Ich habe sie mir gerade gekauft, weil ich dachte, allein zu sein.“
„Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie nicht sagen: weil ich hoffte ...“
Mette lächelte: „Also, weil ich fürchtete, allein zu sein!“
„Das ist eine höfliche Lüge,“ sagte Gisela, „aber trotzdem – ich bin schon dankbar, daß ich Ihnen eine Lüge wert bin. Denn ich glaube, Sie lügen selten.“
„Ich weiß nicht.“ Mette dachte ernstlich darüber nach. „Ich glaube, ich habe als Kind ziemlich viel gelogen. Überhaupt, solange ich noch in ‚erzieherischen Händen‘ war. Aber es war ein unfrohes und phantasieloses Lügen – ich habe mir niemals mit Begabung interessante Geschichten ausgedacht –, es war wohl mehr ein Leugnen, ein sehr standhaftes und hartnäckiges.“
„Lügen und leugnen – das ist ein himmelweiter Unterschied. Da haben Sie ganz recht. Aber wenn ein Kind leugnet, heißt es immer ‚es lügt‘ und ‚es ist verlogen‘. Und dabei ist es vielleicht nur schamvoll und hartschädelig und verbohrt. Ich bin so entsetzlich falsch behandelt worden als Kind – warum haben Sie keine Kinder? – Sie wären sicher eine gute, verständnisvolle Mutter.“
„Ich habe noch nicht darüber nachgedacht.“ Mette hob die Achseln. „Ich habe mir immer eingebildet, jede Mutter wäre gut und verständnisvoll – aber das mag wohl daran liegen, weil ich meine nie gekannt habe.“
Gisela lachte bitter auf: „Ich wollte, ich hätte meine auch nie gekannt!“
Mette griff fast erschrocken nach Giselas Hand:
„Das klingt furchtbar, wenn Sie so etwas sagen! War sie so schlimm?“
„Schlimm? Oh, gar nicht schlimm!“ In ihrer Stimme tanzte eine erzwungene Leichtigkeit, „sie war eine brave, tüchtige, vortreffliche Frau. Aber meinem Vater war sie auch zu brav und vortrefflich. Er hat sie verlassen und hat sich zwei Jahre später aufgehängt. Und da ich ihm ähnlich war – schließlich konnte ich nichts dafür, meine Mutter hatte ihn sich ja zum Gatten ausgesucht und nicht ich ihn mir zum Vater –, aber weil ich so ganz in die väterliche Familie hineingeschlagen bin, sah mich meine Mutter schon von vornherein als erblich belastet an. Wissen Sie, es gibt Menschen – und zu denen gehörte meine Mutter – die sind so sittlich, daß sie überall Unsittlichkeiten wittern. Wir mußten mit den Händen auf der Bettdecke schlafen, und wenn wir es einmal im Schlaf vergaßen, und meine Mutter kam, um zu kontrollieren, dann riß sie uns die Decken weg. Ich schwöre Ihnen, ich wußte nicht einmal, warum sie das tat.“
Mette wußte es auch nicht, aber sie fragte auch nicht, weil sie sich schämte, ihre Unwissenheit einzugestehen und mehr noch, weil sie ahnte, daß eine Erklärung ihr peinlich sein würde.
„Das war der Anfang.“ Gisela sprang auf und begann, ruhelos mit unhörbaren Schritten auf dem dicken Teppich hin und her zu gehen. „Und dann ging es weiter. Mit vierzehn hatt’ ich meine ersten heimlichen Rendezvous. Mit einem Tanzstundenjüngling, einem kleinen Gymnasiasten, der womöglich noch harmloser und idealer war als ich. Wie diese Untat ans Licht kam, wurde ich einem furchtbaren Verhör unterworfen: Ob wir uns geküßt hätten, ob wir uns umarmt hätten, und wann und wo und wie ... ich bin dadurch erst auf den Gedanken dieser Möglichkeiten gekommen ...
Genau so wie in der Schule: dicht neben der Schule war ein Papierladen, wo wir immer unsere Hefte kauften. Der Mann hatte Ansichtskarten im Schaufenster, und dabei ein nacktes Frauenbild – die Reproduktion irgendeines Kunstwerkes. Aus dieser Postkarte wurde ein fürchterlicher cas gemacht. Es wurde herausgepreßt, wer von den Mädels vor diesem Schaufenster stehengeblieben war; Eltern und Lehrer gingen gemeinsam vor und zwangen den Mann, alle anstößigen Bilder aus seinem Laden zu entfernen. Widrigenfalls uns anbefohlen wurde, ihn zu boykottieren. Was war die Folge? Es wurde geradezu Sport bei uns, uns irgendwelche Aktbilder zu verschaffen – in der Religionsstunde zirkulierten sie dann unter den Tischen, mit Unterschriften und Bemerkungen versehen – es war wie ein ansteckendes Fieber in der ganzen Klasse, aber den Bazillus hatte man mühsam hineingetragen.
Vielleicht war in einigen unter uns, vielleicht in vielen, eine mühsam zurückgedämmte, unreife Sinnlichkeit – aber Kinder sind lange nicht so schamlos wie Erwachsene und fürchten sich viel mehr, zurückgewiesen zu werden – durch das allgemeine Gespräch über das ‚unsittliche‘ Bild wurden alle Hemmungen übersprungen ... es sprach natürlich jetzt jeder mit jedem von ‚so etwas‘.
Ich habe mich gewehrt, kann ich Ihnen sagen, ich wollte nichts damit zu tun haben – vielleicht hab’ ich mich aus Angst gewehrt, weil ich fühlte, daß mir Schicksal werden könnte, was den andern nur Spielerei war ... wissen Sie, wie Kinder in solchen Fällen sind? Oh, so grausam, so wollüstig, so sadistisch ... weil ich mich wehrte, wurde ich verfolgt ... die ganze Klasse war gegen mich verschworen; ich mußte sehen, was ich nicht sehen wollte, ich mußte hören, was ich nicht hören wollte, ich mußte tun, was ich nicht tun wollte – ich wurde in einen Kessel hineingetrieben, aus dem ich nicht wieder herausfand.“
Sie faltete die Hände und riß die Finger wieder auseinander, daß die dünnen Gelenke knackten, als wollten sie zerbrechen.
„Nein, wie kann man sich nur selber Blumen kaufen,“ sagte sie plötzlich, vor den Nelken stehenbleibend, „warum tun Sie das? Haben Sie an irgendeinen Menschen gedacht, dem Sie sie bringen wollten? Und haben es dann vielleicht nur nicht getan, weil – ja, vielleicht, weil Sie gerade verstimmt miteinander sind.“
„Ich habe keinen Menschen auf der Welt, dem ich Blumen bringen könnte,“ sagte Mette bitter, „höchstens ein Grab, und das kann ich nicht erreichen.“
Sie wußte selbst nicht, wie sie dazu kam, das auszusprechen. Sie wurde glühend rot bei dem Gedanken, daß sie in den Fehler der Vertraulichkeit verfallen könnte – einen Fehler, den sie andern mit einer gewissen überlegenen Nachsicht verzieh, den sie an sich selbst so haßte, daß sie wochenlang keine Ruhe fand, wenn sie sich einmal darauf ertappte.
Vielleicht aber war es nicht einmal das Bedürfnis, sich anzuvertrauen. Vielleicht war es schlimmeres als das. Vielleicht war es irgendwo – noch ganz im Unbewußten – der Wunsch, sich mit diesem heiligen, vernichtenden Schmerz zu drapieren, sich einen neuen, mystischen Reiz zu geben in den Augen dieser ... dieser ...
In diesem Augenblick haßte Mette Gisela Werkenthin.
Es war, als ob Gisela diese Regung fühlte. Sie hatte eine Bewegung begonnen, als wolle sie auf Mette losstürzen, sie mit tröstender, mitleidiger Zärtlichkeit überschütten – und unterbrach sich, um mit gesenktem Kopf und ineinandergeschlungenen Händen sich auf das Fußende des Diwans zu kauern.
„Versprechen Sie mir eines,“ sagte sie leise und wie mit einer niemals aufzuhellenden Freudlosigkeit in der Stimme, „wenn ich einmal tot bin, legen Sie mir Blumen aufs Grab. Nicht zum Begräbnis und nicht einen großen bestellten Kranz.
Ich denke es mir so schön, wenn ich Besuch bekomme, wenn ich schon lange da liege und schlafe – ich liebe Friedhöfe so ... am meisten, wenn sie ein bißchen verwildert sind, ich möchte kein wohlgepflegtes Prunkgrab – einen grauen Stein, schon halb eingesunken und halb mit Efeu überwuchert ... und dann eine schöne Frau im weißen Kleid, die davor steht – nur eine Minute an mich denkt – nicht mit Schmerz, nur mit einer milden Wehmut, und eine Handvoll Blumen über mich streut – ich werde es fühlen, oh, ganz gewiß, ich werde es fühlen.“
Mette richtete sich auf und faßte sie rüttelnd an beiden Schultern.
„Kind!“ sagte sie, „und darum ersuchen Sie mich? Ich werde meine Enkelin beauftragen! Wenn der Stein auf Ihrem Grabe eingesunken ist, flattert meine Asche längst im Winde.“
„Wie lange dauert es, bis ein Stein einsinkt?“ fragte Gisela in einem so komisch-ungeduldigen Klageton, daß Mette auflachte.
„Noch sind Sie ja nicht tot und begraben,“ sagte sie tröstend.
Da sprühten ihr die dunklen Augen wie mit einem plötzlichen Aufflackern entgegen:
„Leider!“ sagte die tonlose Stimme, fast zischend vor Bitterkeit.
Wieder war in Mette eine leise Abwehr.
‚Sie hat sicher kein Recht, so zu sprechen,‘ dachte sie, ‚sie hat sicher nicht so Schweres erlitten ... aber schließlich, wer will abmessen, was einem das Recht auf Verzweiflung gibt, und vielleicht macht es noch viel, viel müder, gegen sich selbst zu kämpfen, als gegen das Schicksal.‘
Da wich die Abwehr, und es war nur ein heißes, hilfloses Mitleid in ihr.
Sie fing an, mit zaghaften Händen das weiche, wirre, dunkle Haar aus der weißen Stirn vor ihr zu streichen. Die brennenden Augen schlossen sich, und auf das schmale Gesicht trat der Ausdruck einer stillen, sehnsüchtigen Seligkeit.
Da Gisela reglos stillhielt und kein Atemzug, kein Pulsen der Adern zu spüren war, überkam Metten ein unheimliches Gefühl.
„Machen Sie die Augen auf,“ bat sie ängstlich, „es macht, glaub’ ich, dies verwünschte violette Licht – Sie sehen aus wie eine marmorne Totenmaske.“
Die breiten Lider hoben sich schwerfällig. In den weit offenen Augen war eine schachttiefe, lichtlose Leere, in die erst allmählich Blick und Leben wiederkehrte.
„Glauben Sie mir, kleine Mette,“ sagte sie mit ihrer leisen, kranken Kinderstimme, „ich werde sehr bald tot sein.“
„Was denken Sie sich unter ‚tot sein‘,“ fragte Mette zaghaft.
„Eine tiefe, kühle, unzerstörbare Ruhe.“ Sie schloß die Augen, und sofort glich ihr Gesicht wieder einer marmornen Maske.
„Ewige Ruhe – das war schon in meiner Kindheit wie eine Melodie, wie ein süßes, geheimnisvolles, verlockendes Lied – als ich ganz klein war und mir gar nichts dabei denken konnte, hab’ ich es gehört – es war ein typischer Ausdruck meiner Mutter: der oder der ist zur ewigen Ruhe eingegangen. Und es hat mich nicht mehr verlassen, ich hab’ es mir immer gewünscht: zur ewigen Ruhe einzugehen.“
Ihre hohe Stimme hatte einen verschwebenden körperlosen Ton.
Unter den langen dunklen Wimpern, die wie Schatten auf den schmalen Wangen lagen, begann es zu blinken, zu glitzern, ein paar Tropfen lösten sich und perlten herunter.
Mette hatte immer noch die beiden Hände um die blaugeäderten Schläfen geschlossen.
„Nein,“ sagte sie, und ohne selbst zu wissen, was sie mit diesem ‚nein‘ meinte, „nein, nein, nein!“
Die Lider hoben sich wie ein Vorhang, und die Augen, ganz erfüllt mit Tränen, in denen das Licht sich brach, schienen noch größer, noch brennender als sonst.
„Nein,“ sagte Gisela, „nein, nein, nein! Noch keine ewige Ruhe, kleine Mette, kleine süße schöne Mette! Aus deinen Fingerspitzen strömt Leben, auf deinen Lippen blüht Leben, aus deinen Augen strahlt Leben. Mir ist, als ob ich schon tot wäre, und du rührtest mich an und sagtest: steh auf und wandle! Oh, wie schwer muß es sein, aus einem schmalen, kühlen Sarge wieder aufzustehen, weil es einem Wundertäter so gefällt!
Ich bin gestorben, kleine Mette, an einer tödlichen Krankheit gestorben, die Fiametta heißt. Wenn du Tote beschwören willst, kleine Zauberin, dann mußt du sie mit deinem Blute nähren, das weißt du doch. Wenn ich leben soll, dann muß ich von deinem Leben trinken.“
Die schmalen Hände krallten sich wie Raubtierpranken in Mettes Schultern und preßten sie zurück auf die Kissen – auf dem ihren ausgestreckt lag der leichte sehnige Körper, dicht über dem ihren schwebte das weiße Gesicht mit den brennenden Augen.
Angst, Grauen, Widerwillen, Mitleid, Zärtlichkeit und das betörende Brausen des eignen und des fremden Blutes stürzten zusammen zu einem tosenden Wirbel, der jeden Gedanken in einem buntschäumenden Abgrund verschlang.
Deine arme silberne Seele atmet so schwer in Blut ...
Mette saß in Sophiens Werkstatt auf einem Marmorblock und spielte mit kleinen Klumpen feuchten Tons, die sie zu allerhand wunderlichen Gebilden formte.
Sophie sah manchmal mit einem raschen Blick von der Arbeit auf und auf Mettes spielende Finger.
„Du hast Talent,“ sagte sie mit gutmütigem Spott, „was machst du da eigentlich? Es sieht aus wie Wasserspeier von einem gotischen Dom! Oder sind es Seepferdchen?“
„Ich weiß nicht,“ sagte Mette, ohne aufzusehen, „vielleicht ein Symbol meines Lebens. Mir schwebt irgend etwas vor, aber ich sehe es nicht klar. Ich knete und knete daran herum und denke, ihm eine Form zu geben ... und wenn man es bei Licht besieht ... sind es Fratzen.“
Sie ballte die Klümpchen in der Hand zusammen und schleuderte sie in eine Ecke.
Sophie legte ihr Arbeitszeug aus der Hand und kam ein paar Schritte näher.
„Willst du dein Leben auch so beiseite werfen, wenn es dir nicht gleich gelingt?“ fragte sie mit lächelndem Ernst.
„Warum nicht?“ erwiderte Mette, „glaubst du, daß ein Menschenleben mehr wert ist, als ein Klümpchen Ton? Es kann das Höchste daraus werden, wenn ein formender Wille es in die Hand nimmt – aber wenn ungeschickte Finger daran herumstümpern und doch nichts zu Wege bringen – dann in die Ecke damit.“
„Ja, da hast du recht – das Material ist wertlos – erst die Idee gibt ihm den Stempel.“
Sophie ging an den Waschtisch und ließ das Wasser über die Finger rieseln, trocknete die Hände und zog den Leinenkittel aus.
„Willst du schon aufhören?“ fragte Mette erstaunt.
„Ja, dein Gesicht gefällt mir heut nicht,“ gab Sophie zurück, während sie die feuchten Tücher um das Tonmodell wickelte. „Ich will dich nicht so der Nachwelt überliefern!“
Sie ging auf Mette zu und faßte sie fest an beiden Schultern, um sie ein bißchen zu rütteln.
„Was hast du nur, Mädel,“ fragte sie eindringlich, „kannst du den Kopf nicht mehr gerade auf den Schultern halten? Kannst du nicht mehr geradeaus in die Welt sehen mit deinen schönen klaren Augen?“
Mette legte beide Hände auf Sophiens haltende Arme und versuchte, zu lächeln.
„Erzähl’ mir etwas, Sophus,“ bat sie.
„Nein, du sollst mir ja erzählen“ – bestand Sophie, „was hast du? Was fehlt dir?“
„Ich habe nichts – und mir fehlt nichts.“
„Du wirst mir doch nicht vorreden wollen, daß du wunschlos glücklich bist?!“
„Glücklich – nein! Aber wunschlos.“
„Das ist schlimm,“ sagte Sophie ernsthaft, „das ist der schlimmste Zustand, den ich kenne: nicht glücklich sein und doch wunschlos. Das hab’ ich auch einmal durchgemacht – monatelang, jahrelang – dabei wär’ ich auch beinah zugrunde gegangen ...“
Mette dachte an das, was sie von Gisela gehört hatte.
„Aber dann?“ fragte sie voll Spannung.
„Dann,“ lächelte Sophie, „ja, dann kam es wieder anders!“
„Du magst wohl nicht mit mir darüber sprechen?“
„Aber Kind,“ Sophie faßte herzlich ihre beiden Hände, „mit dir lieber, als mit irgendeinem Menschen auf der Welt! Ich hab’ gar kein Talent und gar keine Lust, mich auf Geheimnisse zu frisieren! Ich finde nur die Leute so gräßlich uninteressant, die immer von ihrem lieben kleinen Ich erzählen.“
„Sieh mal,“ sagte Mette zaghaft, „ich mag wirklich nicht gern um Vertrauen betteln, oder neugierige Fragen stellen. Aber ich habe manchmal das Gefühl, ich möchte dich rütteln und dich anschreien: gib dein Geheimnis heraus! Wie hast du es angestellt, so zu werden, wie du bist? Kann man so werden, wie du? So ruhegebend, so Harmonie ausstrahlend, so in sich gerundet und vollendet? Liegt es daran, daß du so glücklich bist? Und bist du überhaupt so glücklich?“
„Ich habe, was ich wollte!“ Sophiens Augen sahen groß und mit fanatischem Ausdruck ins Leere. „Oh, und ich habe so gewollt – was wißt ihr alle davon – ihr könnt ja gar nicht wollen. Ich habe Nora gewollt, immer und immer. Ich habe keine Kindheitserinnerung, die vor dieser Zeit war.
Nora ist zehn Jahre älter als ich. Und ich weiß noch, als sie zuerst zu uns herüber kam, um mit meinen Brüdern auf unserm Tennisplatz zu spielen, da trug sie einen Mozartzopf und machte einen Knix vor meiner Mutter. Und ich jagte herum und suchte die Bälle auf – aber wenn meine Brüder das von mir verlangten, wenn Nora nicht da war, dann spuckte ich und kratzte vor Wut. Sie hatten keine Ahnung von meiner Kinderseele. Sie dachten, ich wollte vor fremden Leuten eine Komödie spielen, um in den Ruf zu kommen, ein artiges und gefälliges Kind zu sein – ach, und das lag mir so fern – so weit konnte mein kindlicher Verstand noch gar nicht rechnen. Ich wollte einfach in Noras Nähe sein, ich wollte die Bälle aufheben, die sie in der Hand gehalten hatte. Sie lobte mich einmal, weil ich so unermüdlich wie ein kleiner Jagdhund in der heißen Sonnenglut hin- und herchassierte, sie lobte mich und streichelte mich.
Mein Bruder Konrad war damals vielleicht sechzehn, und er hatte, glaub’ ich, wirklich viel mit mir auszustehen, weil ich ein sehr unnützes und widerborstiges kleines Ding war. Er verklagte mich also, das heißt, er äußerte sich sehr wegwerfend über mich – so ungefähr, daß ich die Liebenswürdige spielte, wenn Gäste kämen, aber für den Hausgebrauch unausstehlich wäre. Ich wollte ihn zum Schweigen bringen und wählte das denkbar ungeeignetste Mittel: ich biß ihn nämlich in die Hand, daß sie blutete.
Natürlich gab es eine große Szene, Nora war empört über mich, und ich schämte mich so wahnsinnig, daß ich davonlief und mich versteckte. Das tat ich dann wochenlang, jedesmal, wenn sie kam. Es war eine furchtbare Zeit für mich, diese selbstauferlegte Qual ... ich hörte sie kommen, ich hörte ihre Stimme, manchmal wurde ich gerufen und gesucht, Nora rief mich – aber ich schämte mich zu sehr, um zum Vorschein zu kommen, ich verkroch mich nur noch tiefer, dabei hoffte ich doch im innersten Herzen, Nora würde mich finden, sie würde so unermüdlich suchen, bis sie mich gefunden hätte – aber meistens wurde es ihr sehr schnell langweilig, und sie gab es auf.
In der Zwischenzeit war ich natürlich extra ungezogen und ärgerte meinen armen Bruder, wo ich nur konnte, ich hatte nämlich den Verdacht, daß er ein kleines faible für Nora hatte, und was noch schlimmer war, daß sie eins für ihn hatte. Sie streitet es zwar heute noch ab – alle Vierteljahr einmal pfleg’ ich sie im Vertrauen danach zu fragen – aber sie streitet mir manches ab, was sie zu jener Zeit gesagt und getan hat – ich hab’ das besser im Gedächtnis bewahrt.“
Sophie schwieg. Ihre schönen, kräftigen Hände hingen wie müde von der Arbeit zwischen den Knien.
„Und dann?“ fragte Mette nach einer Pause.
„Und dann?“ Sophie hob den Kopf mit einem leisen spitzbübischen Lächeln. „Dann ging es immer so weiter – zwanzig Jahre lang. Manchmal so und manchmal so.
Aber das eine blieb, und das war: Nora. Man kann sagen, daß es eine fixe Idee von mir war. Weißt du, ich glaube manchmal, niemand weiß, wie tief und echt und ganz verwurzelt solche fixen Ideen in Kinderseelen sein können. Und um sie auszuroden, gibt es nur zweierlei: räumliche Trennung – dann hält die kindliche Treue noch eine ganze Weile an dem geliebten Bild fest – länger, als die mancher Frau und jeden Mannes – oder aber, das viel häufigere: die Urteilskraft wächst, und was ein zwölfjähriges Herz angebetet hat, dessen schämt sich ein vierzehnjähriges bereits – aber wenn durch einen Zufall oder einen Schicksalswillen so eine kindliche Schwärmerei sich an einen Gegenstand klammert, der auch dem reifsten Urteil würdig erscheinen muß, wenn dieser Schwärmerei durch immer neues Zusammensein immer neue Nahrung zugeführt wird, so liegt gar kein Grund vor, daß sie erlischt oder sich abwendet – das ist die vernunftgemäße Erklärung. Die gefühlsmäßige ist, daß dieser Mensch mir bestimmt war, seit Jahrtausenden oder Jahrmillionen, und daß ich ihn erkannt habe, in dem Augenblick, als er mir zuerst gegenübertrat.“
„Und Nora,“ fragte Mette mit zögerndem Zweifel, „hätte sie das dann nicht auch spüren und erkennen müssen?“
Sophie hob die Achseln: „Ich war ein Kind. Vielleicht waren meine Instinkte dadurch noch reiner und kräftiger. Was ist denn überhaupt Instinkt. Die Erinnerung an die Erfahrungen eines vorigen Lebens, die noch nicht überwuchert sind von neuen Eindrücken, noch nicht unterdrückt von der Gegenarbeit des zweifelnden Bewußtseins. – Andererseits aber – wer kann sich zu einem Kinde so hingezogen fühlen, daß er in ihm sein Schicksal zu erkennen glaubt?“
„Und wann hat sie es eingesehen?“ fragte Mette, „ich bin wohl schrecklich lästig, nicht wahr?“
„Nein, du bist sehr lieb. Aber danach mußt du besser sie selbst fragen. Jedenfalls hat sie erst einmal einen sehr schönen Mann geheiratet, den ich mit meinem glühendsten Haß beehrte. Na, er hat ihn ja auch redlich verdient. Aber wir wollen jetzt zu ihr hinaufgehen. Wir haben gar keine Entschuldigung dafür, sie so lange allein zu lassen, wenn wir doch nichts tun. Komm, willst du dich noch einmal kritisch betrachten?“
Sie nahm die Tücher von der Tonbüste.
„Bitte, schau dich an – hast du eine andre Vorstellung von dir gehabt?“
Mette legte den Kopf schräg.
„Eigentlich ja. Es ist seltsam, daß alle Werke immer ihrem Schöpfer gleichen. Es ist so viel von dir darin, daß es direkt ein bißchen äußerliche Ähnlichkeit mit dir hat!“
„Also bist du nicht zufrieden?“
„Ich bin mit mir nicht zufrieden, weil ich nicht so ausseh’. Aber ich will mir Mühe geben, daß ich dem Bild ähnlich werde, das du dir von mir machst. – Nur bei der Nase wird es mir nicht gelingen!“ setzte sie dann lachend hinzu, „die hast du nämlich auch verschönt!“
„Ja? – ach, ich finde nicht! Heut’ abend kommt die Gjellerström – da wirst du einer strengen Kritik unterworfen. Wenn sie dies Ding gut findet, will sie mir auch ein paar Stunden sitzen – und da sie bekanntlich nie eine Minute Zeit hat, muß ich das schon als große Vergünstigung ansehen.“ Sophie warf einen plötzlichen scharfen Seitenblick auf Mette und griff nach dem Modellierholz. „Halt mal still einen Augenblick – du hast nämlich recht mit der Nase – da stimmt etwas nicht!“
Mette hielt ihr die Hand fest:
„Ach nein, laß nur! Laß mich nur noch so schön, bis die strenge Kritik vorüber ist! Vielleicht mach’ ich auf diese Weise Eindruck!“
„Du auch, mein Sohn Brutus?“ lachte Sophie, „armes Kind! Mein herzlichstes Beileid!“
„Ja, nicht wahr?“ Mette lachte auch. „Ich würde mir selber leid tun – darum tanz ich lieber nicht mit in dem Reigen um die göttliche Fiametta!“
„Ich auch nicht!“ Sophie legte die Tücher wieder um die Büste. „Weißt du,“ sagte sie nach einem sinnenden Schweigen, „manchmal hab’ ich das Gefühl, als hätte ich Noras Unglück verschuldet mit meinen wahnsinnigen Wünschen. Es war doch mein einziges Gebet, daß ihr etwas Furchtbares passieren sollte, damit ich sie retten könnte. Ich hab’ mir immer solche Sachen ausgemalt, jeden Abend, wenn ich im Bett lag.
Zum Beispiel, daß sie bei uns auf der Treppe ein Bein brechen möchte, und dann sechs Wochen bei uns liegen müßte, und ich hätte sie dann ganz für mich und dürfte sie pflegen und immer um sie sein. Und später noch, wenn ich hinter der Gardine am Fenster stand, um sie mit ihrem Mann vorbeireiten zu sehen, dann wollt’ ich mit meinen Gedanken das Pferd zum Durchgehen zwingen – ich spähte schon immer, ob ich es nicht heranjagen sah – dann wollt’ ich mich ihm entgegenstürzen und ihm in die Zügel fallen und sie vom Tode erretten. Oder ich malte mir aus, sie würde stürzen, oder verbrennen, oder die Blattern bekommen, und ihre Schönheit verlieren. Dann würde Herr von Hersfeld sie verstoßen, und kein Mensch würde sie mehr ansehen mögen – und dann wäre ich da – nur noch ich!
Wenn ich jetzt einmal nach Hause komm’ und die alten Wege gehe – namentlich hinüber nach Hersfelde zu, dann hab’ ich so deutlich das Gefühl, mit dem ich damals da ging: jetzt bei der nächsten Biegung müßte ich Nora finden, irgendwo am Wegrand sitzend, weinend, verlassen, verzweifelt. Und dann würde ich sie trösten und mit mir nehmen und immer bei mir behalten. Vielleicht kam es auch daher, weil man in der Gegend schon damals munkelte, wie unglücklich sie sei. – Meistens machten mir die Äußerlichkeiten gar keine Schwierigkeiten – wenn ich an den Punkt kam: wo gehe ich nun aber mit Nora hin, wenn ich sie finde, und sie will bei mir bleiben? Dann dachte ich mir eben: ich habe ein Häuschen im Wald, oder die und die hübsche Villa am See gehört mir, oder mein Auto steht bereit, und wir fahren in die Stadt, wo ich mein Atelier habe – denn ein Atelier hatte ich damals schon in meinen Träumen. Und eine sehr große und berühmte Künstlerin war ich immer nebenbei. Komm, wir gehen hinauf.“
Sie hatte unterdessen ein wenig Ordnung gemacht – ‚für Fiametta‘, wie Mette bei sich dachte – und schob ihren Arm in Mettes.
„Manchmal hatte ich auch realere Pläne – Gott sei Dank, daß daraus nichts wurde!“
Sie schritten schon die Treppe hinauf: „Weißt du, was ich wollte?“ Sophie stieß ein leises spöttisches Lachen durch die Nase. „Ich wollte Hersfeld verführen! Damals war ich aber schon, was man so erwachsen nennt. Ich ging auf Tanzgesellschaften und saß stundenlang vorm Spiegel, um mich schön zu machen. Weil ich Hersfeld verführen wollte!“ Sie schüttelte den Kopf. „Verrückte Idee! Ich wollte dann vor Nora hintreten und ihr die Beweise bringen: siehst du, so ein Schurke ist der Mann, den du liebst! Verlaß ihn und komm mit mir! Aber als ich ihn dann soweit gebracht hatte, daß er mich einmal in einem halbdunklen Wintergarten küssen wollte – nebenbei war es nicht schwer, ihn soweit zu bringen – da packte mich das Entsetzen so, daß ich ihn wegstieß.“
„Hast du das Nora auch gebeichtet?“ fragte Mette lächelnd.
Auch Sophie lächelte, ein trübes Lächeln: „Ach Gott, da hatte Nora mich schon nicht mehr nötig, um zu erfahren, was er für ein Schuft war. Da wußte sie’s längst ... Jetzt trinken wir Tee – aber ausgiebig, ich hab’ einen Mordshunger.“
So hübsch lag das helle warme Zimmer da, mit dem einladend gedeckten Tisch. So schön sah Nora aus mit dem königlich getragenen, im Lampenschein goldschimmernden Haupt über den weißen Gewändern. Und es war wohltuend, zu sehen, wie ihre Augen Sophien erwarteten und ihr entgegenleuchteten. Wohltuend zu sehen, wie Sophie diesen erwartenden Augen entgegeneilte, wie sie sich beugte, um die Kissen bequemer zu rücken, die Decke zurecht zu ziehen.
Aber es tat auch ein bißchen weh, diese beiden Menschen zu beobachten, die mit so viel Liebe und Fürsorge aneinander hingen, und die sich so genug waren, daß jeder Dritte sich überflüssig vorkam, so herzlich er auch aufgenommen wurde.
Man kam sich jedesmal so grenzenlos allein vor ...
„Mettelchen!“ sagte Nora, als ob sie ein Kind bedauerte, „du ißt mich nich, du trinkst mich nich, du bist mich doch nich krank?! Ich habe dir schon dreimal Indianerkrapfen angeboten, und du reagierst nicht?! Du bist doch sonst nicht so?!“
„Sie hat heut’ ihren melancholischen,“ neckte Sophie, „ich hab’ ihr zum Trost schon meine ganze Lebensgeschichte erzählt, aber es hat nicht verfangen.“
„Nein,“ sagte Mette eigensinnig, „es war mir auch gar kein Trost. Denn das Traurige ist, daß ich nicht einmal weiß, was ich will. Du hast gewollt und hast schließlich erreicht, was du gewollt hast ...“
„Ja, mit ein paar unbedeutenden Modifikationen,“ meinte Sophie, ohne jede Bitterkeit, „denn eigentlich wollte ich eine berühmte Bildhauerin werden und kein besserer Steinmetz. Aber das macht wirklich nicht viel aus.“ Während sie sprach, horchte sie nach den Geräuschen – Klingeln, Stimmen, Schritte – an der Außentür.
„Da kommt die Gisel, vielleicht ist dir das ein Trost. Vielleicht richtest du dein Wollen auf die, ich glaube, sie hat ein großes faible für dich – es wäre deinerseits keine starke Anstrengung vonnöten!“
„O Sophie,“ sagte Nora, halb erzürnt und halb erschrocken, „wie kannst du nur so etwas daherreden! Du bist wirklich ganz frivol! Red’ dem Kind so etwas ein – sie kommt noch auf dumme Gedanken – ich will gar nichts gegen die Gisel sagen – aber das ist doch kein Mensch, der zu unserer kleinen Mette paßt!“
‚Das weiß ich selber am besten,‘ dachte Mette trotzig und trübselig.
Das Mädchen ließ Gisela eintreten, die alle drei in einer flüchtigen Art und ohne zu lächeln begrüßte.
Sie setzte sich neben Mette, aber ein Stück entfernt vom Tisch, als wollte sie damit zeigen, daß sie nicht die Absicht hatte, die ihr hingesetzte Tasse Tee zu berühren und hielt beide Hände in ihrem großen Pelzmuff vergraben.
Nach einigen Minuten allgemeiner Redensarten wandte sie sich halblaut an Mette:
„Ich komme aus deiner Pension – ich wollte zu dir, aber du warst nicht da – auch kein Zettel, keine Nachricht, wo du wärest.“
„Ich wußte ja gar nicht, daß du kommen wolltest!“ sagte Mette erstaunt.
„Wenn mir nicht zufällig Herr Giesbert auf dem Korridor begegnet wäre,“ fuhr Gisela fort, „dann könnte ich die Stadt durchirren, um dich zu suchen.“
„Merkwürdig,“ sagte Mette laut und mit einem erzwungenen Lachen, „woher wußte denn Giesbert, wo ich bin?“
„Doch wahrscheinlich von dir,“ Gisela zog die feingezeichneten Brauen sehr hoch, „von mir jedenfalls nicht! Ich hab’ mich ja auch darüber gewundert.“
„Na, jedenfalls hast du mich ja jetzt gefunden.“ Mette nickte ihr zu mit einem herzlichen, aber etwas angestrengten Lächeln. „Das ist ja die Hauptsache. Lag irgend etwas Besonderes vor, daß du mich sprechen wolltest?“
„Etwas Besonderes – nein, denn daß ich mich vor dem Alleinsein fürchte, weil ich denke, ich werde verrückt, das ist ja das alltägliche.“ – – –
Die Unterhaltung schleppte sich gezwungen fort.
Bei der nächsten Gelegenheit rief Sophie Mette ins Nebenzimmer:
„Was soll ich nur tun!“ klagte sie halblaut, „ich bin ganz verzweifelt. Du mußt mir helfen, Mettekind! Du mußt mir irgendwie mit List oder Gewalt die Gisel wegbringen! Es ist zu blöd – ich kann mich so maßlos ärgern. Ich hatte mich so gefreut, dich heut’ Abend hier zu behalten – aber die Gjellerström kehrt mir ja in der Türe um, wenn sie die Gisel sieht! Ach, schrecklich, daß die Menschen sich und andern das Leben immer noch unnütz komplizieren müssen! Es ist gerade kompliziert genug, wenn man weiter nichts tun will, als es erhalten.“
Mette versprach mit freundlichster Bereitwilligkeit, zu gehen und Gisela zum Mitkommen aufzufordern.
„Ach, sie geht schon von selbst,“ meinte Sophie leichthin, „sie ist ja nur deinetwegen gekommen – uns beehrt sie schon lange nicht mehr!“ – – –
Mette war froh, als sie auf der Straße stand. Der scharfe Ostwind, der ihr einen nadelscharfen, mit Eiskörnern gemischten Regen ins Gesicht trieb, war ihr gerade recht. Sie ging so schnell vorwärts, daß Gisela kaum an ihrer Seite bleiben konnte.
Ihr war, als ob ihr von allen Seiten brennende Schmach angetan worden wäre, und als ob sie sich rächen könnte, indem sie sich selbst peinigte und durch den dunklen, kalten Abend lief.
‚Ich bin fremd und ruhelos überall,‘ dachte sie mit selbstquälerischer Bitterkeit, ‚ich habe keine Heimat, kein Haus und keine Freunde. Wohin gehöre ich? Zu Gisela Werkenthin vielleicht? Ich weiß nichts von Zusammengehörigkeit. Aber die anderen wissen davon. Und sie setzen mich deswegen auf die Straße. Wohin gehöre ich? Zu Olga. Also ins Grab. Wenn ich wenigstens in ihrer Nähe liegen könnte. Aber ich habe das Gefühl, wenn ich mir jetzt die Kugel durch die Schläfe jage, verliere ich mich im grenzenlosen Raum. Oh, meine arme kleine einsame Seele wird so frieren und zittern in der unendlichen Unendlichkeit.‘
„Woran denkst du,“ fragte Gisela in einem fast neiderfüllten Ton.
„Ich weiß nicht.“ Mette hob die Achseln. „Vielleicht an das, woran Hamlet im dritten Akt denkt: to be or not to be ...“
„Das ist keine question mehr für mich!“ sagte Gisela mit höhnischer Bitterkeit, „not to be ist zehntausendmal besser! Wenn ich nur wüßte, wie man es am besten bewerkstelligt. Morphium bin ich schon so gewöhnt – es gibt gar kein Quantum mehr, das ich nicht vertrüge! Ins Wasser mag ich nicht gehen, weil es dann doch einen Kampf gibt, weil sich der tierische Lebenswille gegen den Intellekt aufbäumt – ich will keine Zeit mehr zu Kampf und Reue haben, und ich will vor allen Dingen nicht noch einmal mein ganzes Leben vorüberziehen sehen, wie einem das ja in den letzten Augenblicken passieren soll. Ich danke dafür. Eine Revolverkugel wär’ schon das beste.“
„Ja,“ sagte Mette trocken, „soweit war ich auch gerade! Oder vielmehr, ich war schon weiter. Ich sah meine arme Seele schon irgendwo im Weltenraum zwischen den kalten Sternen umherirren und sich eine Heimat suchen.“
„Glaubst du wirklich an so etwas wie eine Seele?“ Gisela lachte spöttisch. „Vielleicht auch an den lieben Gott und Hölle und Himmelreich? Schlaf, lieber Hamlet, Schlaf, und ohne Träume, garantiert!“
„Und dann?“ fragte Mette trostlos, „dann ist alles umsonst gewesen? Alle Qual und alles Wissen und alle Erfahrung und alles Streben – alles umsonst? Dir ist noch kein Mensch gestorben, sonst könntest du nicht so reden.“
„Laß mir den Trost,“ bat Gisela, „laß mir wenigstens den einen Trost, daß ich jeden Moment Ruhe haben kann, wenn ich will – ewige Ruhe.“
Sie gingen wieder eine ganze Weile in einem schweren und etwas verdrossenen Schweigen.
„Willst du mit hinaufkommen?“ fragte Mette, als sie vor der Haustür standen.
„Du fragst aus Höflichkeit, aber im Grunde paßt es dir nicht.“
Das wollte Mette sich selbst nicht eingestehen. Sie griff nach Giselas Hand.
„Komm doch,“ sagte sie herzlich, „du wolltest doch sowieso zu mir – jetzt bin ich doch zu Hause. Und laß den Unsinn – ich bin schon nicht höflich! Davor brauchst du keine Angst zu haben!“
Die Wärme des Zimmers empfing sie wie mit ausgebreiteten Armen.
Gisela setzte sich, ohne den Mantel auszuziehen. Als Mette nach der Klingel gehen wollte, sagte sie hastig:
„Ach, laß doch! Was willst du denn?“
Mette stand unschlüssig: „Dem Mädchen klingeln, um Tee für uns zu bestellen. Man ist doch so durchgefroren. Magst du nicht?“
„Nein, bitte nicht! Dann kommt sie jetzt und fragt, dann sitzt man zehn Minuten in der Erwartung, daß sie den Tee bringt, dann kommt sie nach zehn Minuten wieder, um das Geschirr zu holen – ich kenn’ das; es ist eine ewige Unruhe.“
„Schön, wie du willst.“ Mette warf Hut und Mantel auf einen Stuhl und setzte sich. Die lichte Wärme des vertrauten Zimmers hatte sofort ein heimeliges Behagen in ihr wachgerufen. Sie hätte nun gern die schweren, nassen Stiefel von den Füßen gezogen und es sich bei einer Tasse Tee recht bequem gemacht. Aber auch das Stiefelausziehen würde wohl zuviel Unruhe machen. Sie unterdrückte einen Seufzer und schickte sich.
„Ich glaube, ich habe schon einmal die dumme Frage gestellt,“ fing sie nach einer Weile vorsichtig an, „hattest du mir irgend etwas besonderes zu sagen, daß du mich so gesucht hast?“
„Besonderes? – nein!“ klang die gedehnte Antwort. „Ich hatte nur Angst, allein zu sein – ich fürchte mich nicht vorm Tode – aber vor einem Selbstmordversuch mit untauglichen Mitteln. Ich möchte mich nicht in einem plötzlichen Lebensüberdruß aus dem ersten Stockwerk stürzen oder mich unter einen lahmen Omnibus werfen, bloß um mir vielleicht die Beine zu zerschmettern und als Krüppel durch die Welt zu kriechen. Nein, sich möchte mein Leben erhalten, bis ich genügend Vorbereitungen getroffen habe, um es anständig, rasch und gründlich zu erledigen. Und darum habe ich nach irgendeinem Menschen gesucht, an den ich mich solange hätte klammern können – aber du warst ja nicht da!“
‚Trotzdem ist dir ja nichts passiert,‘ lag es Mette auf der Zunge. Sie unterdrückte es und schalt sich selbst unglaublich roh und herzlos.
Gisela hockte auf dem Stuhl in der Haltung eines kranken Äffchens. Ihr kleines Gesicht mit den übergroßen Augen sah welk und fahl und wie zerknittert aus.
„Ich weiß nicht, warum du sterben willst,“ sagte Mette mit einem Versuch zu trösten, der keine Kraft hatte, weil sie sich seiner Nutzlosigkeit schon von Anfang an bewußt war. „Es geht dir nicht schlechter als tausend anderen Leuten, und es geht dir besser, als es dir schon ergangen ist. Es geht dir gesundheitlich besser ...“
„Sag’ nur noch wie Frau Breslauer: Sie haben doch jetzt ein gutes Auskommen,“ unterbrach Gisela scharf. „Weil ich mich sattessen kann und mir außerdem noch seidene Strümpfe kaufen, habe ich die Verpflichtung, glücklich zu sein und dem lieben Gott zu danken!“
„Vielleicht hätte man die Verpflichtung,“ sagte Mette, zum Widerspruch gereizt, „vielleicht ist es das schwerste, zu hungern und zu frieren – vielleicht schwerer als alles Liebesleid und alle Sehnsuchtsqual – was wissen wir denn davon?“
„Wenn du das sagen kannst,“ Gisela verzerrte höhnisch den Mund, „dann hast du noch nie eine seelische Qual empfunden. Jede körperliche Krankheit ist doch geradezu eine Erlösung, weil sie einen ein bißchen ablenkt von dieser Verzweiflung, die einen wie mit stumpfen Zähnen zernagt oder wie mit einem stumpfen Messer zersägt. Man sehnt sich direkt nach einem scharfen, schneidenden Schmerz.“
„Ich kann dir ja auch nicht helfen,“ sagte Mette bedrückt.
„Nein, du kannst mir auch nicht helfen. Erstens liebst du mich nicht ...“
Mette nahm einen kraftlosen Anlauf, um zu widersprechen. Aber Gisela schnitt ihr mit einer Bewegung das Wort ab:
„Sag’ nicht das Gegenteil – bemüh’ dich nicht. Ich liebe dich ja im Grunde auch nicht – ich liebe überhaupt nicht mehr, glaube ich.“
„Dann weiß ich erst recht nicht, was du für Ursache hast, verzweifelt zu sein,“ sagte Mette ratlos und ein wenig ungeduldig.
„Ich weiß es auch nicht. Vielleicht die, daß ich so unlöslich an mich gekettet bin. Daß ich aus meiner eigenen Haut nicht heraus kann. Daß ich sogar noch in ihr begraben werden muß. Aber es ist natürlich unverantwortlich, daß ich auch noch andern Menschen zur Last falle. Ich sollte mich irgendwo in einen Winkel verkriechen und sehen, wie ich mit mir allein fertig werde, und krepieren, wenn ich nicht fertig werde. Schade wär’s weiter nicht um mich.“
Aus den weit offenen Augen rannen langsam Tropfen über das weiße abgezehrte Gesicht. Aber sie nahm die Hände nicht aus dem Muff, um die Tränen abzutrocknen. Sie ließ sie rinnen, als fühlte sie sie nicht.
Mette ging das Mitleid wie ein heißer Strom übers Herz. Im nächsten Augenblick kniete sie vor dem Stuhl und umschlang mit beiden Armen die kinderschmale Gestalt.
„Wein’ nicht,“ bat sie, „wein’ doch nicht, Kleines, Geliebtes! Du hast mich doch, und wir sind doch zusammen, du bist doch nicht allein auf der Welt – wenn du mich auch nicht liebst, ich bin doch da für dich, und ich bleibe bei dir, und ich tue für dich, was ich tun kann. Sei doch ruhig, mein Herzblatt, mein Armes!“
Das lautlose Weinen ging in verzweifeltes Schluchzen über. Der ganze zarte Körper bäumte sich und zuckte wie in Krämpfen. Mette nahm ihr behutsam den Muff aus den Händen, den Hut vom Kopf, hob sie auf beide Arme und trug sie nach dem Diwan. Sie bettete sie, deckte sie zu und legte sich neben sie, um dem unruhigen Körper Ruhe und Wärme zu geben.
Das Weinen wurde leiser, müder, es kam nur noch von Zeit zu Zeit ein stoßweises Aufschluchzen, wie bei einem erschöpften Kinde. Unter Mettes streichelnden Händen und geflüsterten Trostworten schlief Gisela ein. Sie hatte sich an Mettes Schulter festgenestelt und atmete tief und ruhig.
Mette lag regungslos, um sie nicht zu wecken. Aber sie starrte mit wachen, brennenden Augen in das Helldunkel des Zimmers, und das Herz flatterte in ihrer Brust wie ein angeschossener Vogel.
„Rudlöffchen,“ rief Giesbert am andern Mittag von seinem Tisch aus zu Mette hinüber, „was hatte denn Ihre Freundin gestern? Sie hat Sie gesucht wie – wie – eine Stecknadel ist kein passender Vergleich für Sie – also wie das verlorene Paradies!“
„Ich weiß nicht,“ sagte Mette gleichgültig – sie mußte sich zu einem ruhig-freundlichen Ton zwingen, weil schon dieses Angerufenwerden ihr entsetzlich war – „meinen Sie Fräulein Werkenthin? Sie wollte mich wohl besuchen. Sie haben sie getroffen, nicht wahr?“
„Ja, ich dachte wunder was los wär’. Sie war so schrecklich aufgeregt.“
„Ach Gott,“ meinte die kleine Luigi spöttisch, „die gute Gisela ist immer aufgeregt. Da braucht doch weiter gar nichts los zu sein!“
In Mette kämpften Scham und Empörung. Sie hätte nun wohl die Frau, die man ihre Freundin nannte, gegen eine abfällige Bemerkung verteidigen müssen. Aber es war gerade schlimm genug, daß man Gisela Werkenthin so allgemein als ihre Freundin bezeichnete. Sie – Mette – hatte niemals durch ihr Benehmen irgend jemand das Recht dazu gegeben.
Außerdem hatte Mara Luigi recht. Und einen Menschen, über den diese kleine freche Person so zu urteilen sich erlaubte, einen solchen Menschen mußte Mette „Ihre Freundin“ nennen lassen.
Sie schwieg. Aber sie war unzufrieden mit sich selbst.
„Sie saßen bei Sophus?“ fragte Giesbert weiter, „eine wundervolle Alliteration! Sie saßen bei Sophus zur Sitzung – sie haute, den Hammer in Händen, Ihr Haupt – Kramer, ich schenke Ihnen diesen Anfang für ein Epos!“
Eccarius, der Mette zunächst saß, fragte jetzt – da das Gespräch nach der andern Seite weitergeführt wurde:
„Gehen Sie heute wieder hin?“
„Ja, diese Woche alle Tage – weil Sophie jetzt gerade Zeit hat – oder wenigstens nicht viel dringende Arbeiten.“
„Sie gehen gleich nach dem Essen?“
„Ja, weil Nora dann schläft – sonst läßt Sophie sie nicht gern allein, um ‚zu ihrem Vergnügen‘ zu arbeiten.“
„Sie müssen verzeihen, wenn es so klingt, als ob ich Sie ausfrage! Aber es geschieht nicht aus müßiger Neugier ... ich wollte fragen, ob es Ihnen recht wäre, wenn ich Sie heute hinausbegleite – ich hatte schon längst die Absicht, meine Freundinnen einmal wieder aufzusuchen.“ – – –
Mette und Eccarius schritten durch die vor Kälte hallenden Straßen, die mit einem dünnen Reif überflogen waren.
„Haben Sie sich gewundert,“ sagte Eccarius, „daß ich bei Tisch so ostentativ von meinen Freundinnen sprach? Ich hatte nämlich einen kleinen Disput mit Fräulein Peters. Fräulein Peters ist eine ganz prachtvolle Person, aber ein bißchen streng in ihrem Urteil. Oder vielleicht noch besser gesagt: ein bißchen beschränkt in ihrer Auffassung. Was sie nicht versteht, das wirft sie alles zusammen in einen Topf und verdammt es. Und zu dem, was ihr unverständlich ist, gehört natürlich auch eine Freundschaft wie die zwischen Fräulein Degebrodt und Frau von Hersfeld. Sie warf da gleich mit Worten wie ‚anormal‘ und ‚pervers‘ und ‚widernatürlich‘ um sich und meinte, es wäre kein Verkehr für Sie!“
„Für mich?“ fragte Mette sehr erstaunt, „wie sind Sie denn auf mich gekommen?“
„Offen gestanden – von Ihnen sind wir ausgegangen,“ erklärte Eccarius mit einem um Verzeihung bittenden Lächeln. „Ja, ja, man weiß selber nie, wie wichtig man andern ist, und was man für ‚interessanten Gesprächsstoff‘ liefert. Ernstlich – man kennt seine Feinde nicht und weiß nicht, wer einem was am Zeuge zu flicken trachtet – aber man kennt auch seine Freunde nicht und weiß nicht, wer um sein Wohl und Wehe besorgt ist.
Fräulein Peters ist eine Seele von einem Menschen, und sie macht sich Gedanken um Sie – sie hat mir heute auseinandergesetzt, daß es meine Pflicht wäre, Ihnen die Augen zu öffnen. Aber wenn ich Ihnen über Sophie und Nora die Augen öffnen soll, kann ich nach bestem Wissen und Gewissen nur sagen, daß es prachtvolle Menschen sind.“
„Frau von Hersfeld sagte mir neulich, daß Sie sich schon sehr lange kennen,“ sagte Mette in einem leise drängenden Bestreben, das Gespräch von sich selbst abzuwenden.
„Schon sehr lange“ – sie atmete erleichtert auf, als Eccarius das Thema annahm – „ich kannte sie schon, als sie noch die schöne Nora von Zeyern war, die gefeiertste Tänzerin, die kühnste Reiterin. Sie hatte hundert Bewerber, und unter den hundert mußte sie gerade Herrn von Hersfeld aussuchen!“
Er schwieg einen Augenblick mit bitterem Lächeln.
„Er war krank, nicht wahr?“ fragte Mette zaghaft.
„Oh, wenn Sie das wissen, dann ist es auch keine Indiskretion, wenn ich Ihnen mehr erzähle. Er war sogenannt ausgeheilt, wie er selbst voll Stolz jedem erzählte, der es hören wollte und nicht hören wollte. Nur seiner Frau und seinen Schwiegereltern nicht.
Hersfelde war Majorat, und er wollte einen Sohn haben. Es kam auch ein Junge zur Welt – er war schon ganz mit Ausschlag bedeckt, als er geboren wurde. Was diese mütterlichste aller Frauen an diesem Kinde gelitten hat, das ist unbeschreiblich! Und wir alle – seine sogenannten Freunde – wir sahen das Kind an und sahen uns an und wußten: das wird nichts mehr. Aber keiner traute sich, der jungen Mutter ein Wort zu sagen. Und sie hoffte und hoffte und pflegte an diesem unseligen Würmchen herum und freute sich über den kleinsten Fortschritt. Viel Fortschritte waren allerdings nicht zu verzeichnen.
In einem Alter, wo andere Kinder herumlaufen und den ganzen Tag plappern und krähen, lag er in seinen Kissen und drehte kaum den Kopf, wenn man ihm etwas Blankes vortanzen ließ. ‚Er wird ein Denker,‘ sagte Frau Nora dann und lächelte ein herzzerreißendes Lächeln. Aber als er mit vier Jahren noch immer kein Wort sprach, sondern nur ein blödes Gelalle von sich gab, da versteckte sie sich und ihn vor aller Welt. Sie ging nicht mehr von ihrem Grund und Boden fort, sie empfing keinen Menschen. Sie verschloß sich mit ihrem kranken Kinde in undurchdringlichste Einsamkeit, sie pflegte es, sie spielte mit ihm, sie versuchte unermüdlich und vergebens, ihm etwas beizubringen. Mit ungefähr fünf Jahren starb das arme Kind. Aber Herr von Hersfeld brauchte einen Erben. Nach einem halben Jahr war die unglückliche Frau wieder in der Hoffnung – ach Gott, sie war wirklich in der Hoffnung.
Da nahm ein befreundeter Mediziner die Sache in die Hand – das heißt, er sprach wohl nur ein leichtsinniges, aber ehrlich entrüstetes Wort von der Unverantwortlichkeit, Kinder in die Welt zu setzen. Und als sie ihn zur Rede stellte und nicht locker ließ, fragte er sehr erstaunt, ob sie nicht wisse, was ihrem Kinde gefehlt hätte. Und da sie keine Ahnung hatte, sagte er ihr’s. Das war ja schließlich auch sein gutes Recht. Aber er hat sich doch sehr schwere Vorwürfe gemacht. Denn am selben Tage verunglückte Frau Nora durch einen Sturz vom Heuboden und holte sich so schwere innere Verletzungen, daß sie nie wieder gesund wurde. Daraufhin ließ dann Herr von Hersfeld sich von ihr scheiden!“