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Der Skorpion. Band 2

Der Skorpion (continued 4)

Reading edition

Sie hatte wahrhaftig schon erwogen, ob es nicht das vernünftigste wäre, Tante Emilie kommen zu lassen. Dann hätte sie das unfehlbare Orakel in Schicklichkeitsfragen gleich zur Hand – sie könnte eine Wohnung mieten, die Möbel kommen lassen, ein Heim haben, Besuch empfangen, kleine Gesellschaften geben – ach, und zu Streitigkeiten irgendwelcher Art lag ja kein Anlaß vor.

Selbst Tante Emilie konnte gegen diesen Verkehr nichts einzuwenden haben.

Mette war zahm geworden – es war etwas anderes, ob man die Welt, die blühende, lachende Welt, immer nur durch das Gitter des Käfigs sah und sich Kopf und Flügel an den Stäben zerstieß, um nur einmal aufzufliegen ... oder ob man abends müde geflogen, ein bißchen zerkratzt und zerrupft, freiwillig in das behagliche Bauer zurückschlüpfte, um geborgen zu sein.

Schließlich, die Tür blieb ja immer offen. Mette war mündig.

Und plötzlich fiel ihr dann wieder ein, daß sie es um kurze Monate zu spät geworden war. Daß Olga Radó noch leben könnte, mit ihr leben, frei von allen Sorgen und Schulden und Ängsten, in einem schönen behaglichen Heim, wie sie es sich gewünscht hatte, daß sie leben könnte und glücklich sein, daß ihr Lachen noch auf der Welt wäre, und ihre glockentönige Stimme, und ihr schönes, stolzes Gesicht und ihre zärtlichen kraftvollen Hände – daß das alles nicht vernichtet zu sein brauchte, zerstört, weggeweht, ausgelöscht – wenn Tante Emilie nicht gewesen wäre.

Und dann schlug der Haß wieder wie rote Flammen in ihr hoch ...

Die Stimmen vom Tennisplatz kamen näher. Die weißen Kleider schimmerten durch das schwarzrote Laub der Blutbuchen und das goldfarbene des Ahorns. Jetzt bogen die ersten um die Ecke und schritten um das Rosenrondell herum auf die Terrasse zu: Gwendolen und Fred Wietinghoff.

Frau Konsul Peters lächelte ihrer schönen Tochter entgegen. Dies Lächeln zeigt noch mehr von den langen vorstehenden, etwas auseinandergerückten Zähnen, die, mit Plomben aller Art versehen, mit weißen Porzellanflecken geziert, mit haarfeinen Goldleisten umgeben, dieselbe Farbe hatten, wie die großen mattgrauschimmernden Perlen in den schöngeformten Ohren, und den Eindruck von unendlich zerbrechlichen und kostbaren Wesen machten, die um jeden Preis und mit zartester Sorgfalt erhalten werden mußten. Mit andern Zähnen wäre das regelmäßige, etwas welke und hochmütige Gesicht – das unverändert, der wechselnden Mode zum Trotz, von hochstehendem, sorgsam gewellten und sorgsam unter ein Netz gebrachtem dunkelblonden Haar umgeben war, – fast schön zu nennen gewesen.

Sie lächelte stolz und wohlgefällig. Und sie war dazu berechtigt.

Mette war von neuem entzückt, wie Gwendolen die schmalen Füße mit den federnden Gelenken schön und sicher setzte, wie die schlanken, festen Formen sich unter dem weißen Kleid zeichneten, wie das lockige Haar in der Sonne gleißte und flirrte.

Mettes Herz war voll lichter Freude bei diesem Anblick – aber es schlug nicht um einen Schlag schneller.

Ihr Herz war ebenso froh, wenn sie Fred Wietinghoff sah, der neben Gwendolen ging, viel größer als sie, breit in den Schultern, schmal in den Hüften, alle Konturen der Muskeln zeigend unter dem seidenen Hemd. Wenn er so kam, sah er aus wie ein Zwanzigjähriger. Aber wenn das Licht ihm ins Gesicht fiel, sah man auf der klaren, goldbraunen Haut scharf eingeritzte Fältchen um Mund und Augen, und in dem glatten metallblonden Haar ein paar weiße Fäden an den Schläfen.

Aber sie freute sich auch, wenn sie Vandahl sah, der schon von weitem die aufleuchtenden Augen seiner jungen Frau suchte und ihr grüßend zuwinkte.

Und sie freute sich, wenn sie dann hinter den andern Heinrich von Rantzau und den jungen Lucius auftauchen sah, so eifrig in ein Gespräch vertieft, das der Jüngere mit weitausholenden Gesten begleitete, als gingen sie irgendwo über einsames Feld, und nicht auf eine Gesellschaft von Leuten zu, die sie erwartete und beobachtete.

„Kinder, ich verdurste!“ Das war Gwendolens erstes Wort, während sie die letzten Stufen der Terrasse im Sprung nahm.

Sie lief auf den Teewagen zu, der hinter Mette stand, und goß Himbeersaft und eisgekühltes Wasser in ein geschliffenes Glas.

Fred Wietinghoff nahm ihr mit großer Ruhe das Glas aus der Hand, als sie es zum Munde führen wollte und trank es aus.

„Was heißt das?“ fragte sie verdutzt und empört.

„Ich opfere mich mal wieder für Sie,“ sagte er mit unerschütterlichem Gleichmut, „ich habe Sie eben vor einer Lungenentzündung bewahrt. Bitte, wenn Sie Durst haben, trinken Sie Tee. Darf ich Ihnen eine Tasse zurechtmachen?“

„Ich will Wasser trinken!“ Gwendolen stampfte ungeduldig mit dem Fuß, „geben Sie mir die Karaffe, ich verdurste!“

„Sie verdursten noch lange nicht,“ gab Wietinghoff zurück, „Sie haben ein ganz – klein – wenig Durst. Da Sie aber noch nie in Ihrem Leben Durst gelitten haben, so haben Sie gar keine Vergleichsmöglichkeiten. Trinken Sie eine Tasse lauwarmen Tee, das wird Ihnen sehr gut tun.“

„Ich mag aber keinen lauwarmen Tee,“ sagte Gwendolen zwischen Lachen und Ärger. „Ich trinke im Winter heißen Tee und im Sommer kaltes Wasser. Ich will Wasser trinken, und wenn ich eine Lungenentzündung kriege, geht es Sie auch nichts an.“

„Ach Gott,“ machte Wietinghoff bedauernd, „die kleine Siebzehnjährige! So jung sind Sie gar nicht mehr, daß Sie sich damit ‚nüdlich‘ machen könnten. Sie denken sich das wohl sehr romantisch, wenn Sie, erhitzt vom Spiel, in jugendlicher Unbesonnenheit ein Glas eiskaltes Wasser herunterstürzen und dann in der Blüte Ihrer Jahre durch eine Lungenentzündung dahingerafft werden.“ Er saß auf der Lehne eines Korbsessels und schaukelte den einen Fuß im absatzlosen weißen Schuh in der Luft: „Lungenentzündung ist eine gräßliche Schleim- und Spuckangelegenheit – nicht ein bißchen poetisch. Es gibt überhaupt keine poetische Krankheit,“ er reckte sich ein wenig in den Schultern, „nur Gesundheit ist poetisch – aber von einem Säbelhieb bis zum Nervenfieber ist alles prosaisch und ekelhaft und meist mit schlechten Gerüchen verbunden.“

„Oh, Fred, Sie sind widerlich,“ sie drehte ihm den Rücken, „Sie sind absolut nicht salonfähig – ich werde es Ihrer Mutter erzählen.“

„Och, die denkt, Sie verleumden mich!“ er lächelte behaglich und etwas boshaft, „die weiß auch, daß Sie mich nicht leiden können.“ – – –

Vandahl hatte sich einen Hocker dicht neben den Stuhl seiner jungen Frau gerückt. Mette sah, wie seine großen, gutgeformten Hände verstohlen die Falten ihres Kleides streichelten.

Aus ihren sanften braunen Augen floß fortwährend ein leuchtender Strom von Zärtlichkeit über ihn hin.

Mette hatte ein wenig Angst um sie. Sie sah so glücklich aus, und sie liebte ihren Mann anscheinend so abgöttisch und wurde ebenso abgöttisch wieder geliebt. Wenn sie nur ihre schwere Stunde erst gut überstanden hätte! Der Wunsch brannte in Mettes Herzen wie ein stilles Gebet.

Rantzau und Lucius standen gegen die steinerne Brüstung gelehnt. Mette hörte nur abgerissene Bruchstücke ihres Gesprächs, wenn die andern schwiegen:

„Warum nicht? Die Elektronen, die als sogenannte Kathodenstrahlen abgeschleudert werden, haben eine Geschwindigkeit von zirka einer Viertel Million Kilometersekunden.“

Das war Rantzaus tiefe, ruhige, klangvolle Stimme.

Gwendolen setzte sich auf Mettes Stuhllehne und legte den Arm um ihre Schulter.

„Schützen Sie mich, Mette,“ sagte sie, „alle Menschen ärgern mich und sind scheußlich zu mir. Sie sind der einzige Mensch hier, den ich wirklich lieb habe!“

„Oh, Gwen,“ Mette sah lächelnd zu ihr auf. „Es ist gut, daß Sie heute Abend über keine Brücke mehr gehen.“

Gwendolen machte ein ernstes Gesicht:

„Ich werde einmal jemand umbringen,“ sagte sie, als erzähle sie Märchen, „und werde die Leiche im Keller verscharren und alles wertvolle stehlen und im Wald vergraben. Dann werde ich irgendwohin gehen – aufs Gericht, oder auf die Polizei oder zum Senat und werde alles erzählen. Und dann werden die Leute lachen, oder sie werden mich bedauern und werden sagen: ‚Das arme Kind! Sie hat Fieber, sie phantasiert – das ist Konsul Peters seine Kleine. Krischan, nehmen Sie ein Auto, bringen Sie die lütt’ Deern tu Hus, die Mudder schall se in’t Bett packen, se kriegt die Masern.‘ Und dann bringt mich der Gerichtsdiener oder der Wachtmeister nach Hause, damit mir ja unterwegs kein Malheur passiert ... oh, Mette, haben Sie von den Mürbekuchen gegessen? Die macht Deuli immer so großartig! Dafür lohnt es sich direkt, zu leben. Aber ich habe noch nie genug davon gekriegt. Ich hab’ mir ausbedungen: wenn ich einmal heirate, will ich als Hochzeitsgeschenk von ihr eine Badewanne voll Mürbekuchen haben. Und an meinem Hochzeitstag esse ich von morgens bis abends Mürbekuchen. Essen Sie doch, Mette – ich glaube wirklich, Sie leben von Luft und Liebe.“

„Von Luft vielleicht,“ sagte Wietinghoff sachlich, „soweit ich Ihren Konsum an dem andern eben genannten Volksnahrungsmittel beurteilen kann, würde ich bei Ihrem Jahresquantum nicht eine Woche bestehen.“

Mette gab sich Mühe, seine Worte nicht zu verstehen.

„Ich möchte von Luft leben,“ sie sog die Luft ein, die über den Garten herüberwehte. Trotz des Rosenduftes war sie stark und herbe, und schmeckte ein wenig nach Meer. „Von viel frischer, reiner Luft!“

Mette wartete – schon im Abendkleid – in Gwendolens weißem Zimmer. Sie waren zu einer Tanzgesellschaft geladen, die ziemlich früh ihren Anfang nahm, und Mette sollte im Petersschen Wagen mitfahren – aber Gwendolen hätte um nichts in der Welt ein Rennen versäumt und war noch nicht zurück.

Mette wartete. Es war warm und still und fing an zu dämmern. Das Zimmer war geheizt, aber das Fenster stand offen. Das gab zusammen den Eindruck eines Sommerabends, mehr als den eines Herbstnachmittags.

Mette dachte an den Abend mit einer Freude, die ihr selbst als kindlich erschien. Es war so nett, sich hübsch angezogen in hübschen Räumen zu bewegen, viele Bekannte zu treffen, zu plaudern, zu tanzen und sich ein klein wenig den Hof machen zu lassen. Manchmal dachte sie wie mit einem plötzlichen Aufdämmern des Bewußtseins: ‚Wie lange kann das dauern? Dies plätschernde Treiben kann doch nicht ein Leben ausfüllen? Wann wird der Tag kommen, da mir all dies schal und widerwärtig ist?‘

Aber sie verscheuchte diese Gedanken, wie man halb im Schlaf versucht, das Erwachen zu verscheuchen und einen sanften Traum festzuhalten.

Endlich rollten draußen Räder, und eine Minute später war das ganze Haus voll Leben und Bewegung: Klingeln riefen, das Haustelephon schnarrte, Türen gingen, Schritte wurden laut, unten, oben, auf der Treppe.

Gwendolen riß die Tür auf und stürmte ins Zimmer. Sie hatte für gewöhnlich sehr lebhafte Bewegungen und pflegte öfter zu laufen, zu hüpfen, zu springen, als zu gehen. Das alte Kinderfräulein mit ergrauten Scheiteln folgte ihr mit ausgestreckten Händen, um den weißen Mantel in Empfang zu nehmen, den Gwen von den Schultern zerrte.

„Rasch, rasch, Deuli, umziehen – das hellblaue, nicht das Taft, das Georgette, das mit der Rose – oh, Metti-Betti, mein Armes, sitzen Sie schon lange hier? Aber Sie sind nicht ungeduldig geworden, nein? Ach, Sie werden ja überhaupt niemals ungeduldig! Warum sind Sie nicht mitgekommen! Es war fabelbar, einfach fabelbar! Ich verstehe Sie nicht! Wie kann man sich nichts aus Pferderennen machen?!“

Mette lächelte:

„Vielleicht liegt es daran, weil ich niemals ungeduldig werde! Man darf das eben nicht in aller Geduld abwarten, welcher Gaul nun zuerst am Ziel ankommt! Die Ungeduld ist doch die einzige Würze dieses Vergnügens!“

„Ach, es ist zu herrlich.“ Gwendolen ließ Kleid und Unterrock auf den Boden gleiten und trat mit einem großen Schritt aus den Sachen, die sich hemmend um ihre Füße bauschten. „Wissen Sie, daß ich immer am ganzen Körper vibriere? Die Wettlust – das hat mit dem Geldgewinn gar nichts zu tun. Ich habe auch schon gesetzt,“ sie kauerte sich auf eine Stuhlkante und zog die grauen Halbschuhe von den Füßen, ohne die Bänder zu lösen. „Heimlich natürlich, denn ich darf ja nicht – Mama würde mich – aber dann kann es mir passieren, daß ich mich während des Rennens gar nicht mehr um den Gaul kümmere, den ich gewettet habe, weil mir ein anderes Vieh sympathischer ist.“ Sie schleuderte das batistene Unterleibchen auf einen Stuhl und löste die Schnüre des dünnen weichen Korsetts. „Deuli! Du mußt mir den Tub bringen! Es war so heiß und staubig, ich kann nicht ungewaschen tanzen gehen – sind Sie böse, Metting? Ach, wir kriegen von dem Zimt immer noch genug, auch wenn wir eine Viertelstunde später hinkommen!“ Sie zog die Strümpfe aus, während die Alte die Gummiwanne hinstellte und den Hahn über dem Waschbecken aufdrehte.

„Soll ich solange nach nebenan gehen?“ fragte Mette.

„Ach wo,“ machte Gwendolen leichthin, „finden Sie etwas dabei, wenn ich mich vor Ihnen wasche? Nur kaltes, Deuli, und einen Schuß Lubin hinein! Ja, also, wenn mir ein anderes Pferd sympathischer ist, kümmer’ ich mich den Deubel um das gewettete. Meistens wette ich ja auch nicht – ich such’ mir einfach ein Pferd aus, was mir gefällt.“ Sie löste das Hemd auf den Schultern, ließ es zu Boden fallen, trat in ihrer zierlichen, schimmernden Nacktheit in das große Gummibecken und ließ den rieselnden Schwamm über Gesicht und Nacken, Brust und Arme gleiten. „Huh, kalt, aber schön! Das Wetten ist eigentlich nur Einbildung – weil die meisten Menschen ihr Interesse nur auf etwas konzentrieren können, wenn sie zwanzig Mark dran gewinnen oder verlieren können. Das Tuch, Deuli! Auf das Konzentrieren kommt es nämlich an: Man sitzt auf diesem Pferd, nein, man sitzt in ihm, man peitscht es an, mit jedem Atemzug, mit jedem Gedanken, mit jedem Nerv, vorwärts, vorwärts, vorwärts, man sieht, wie es zittert und schnaubt und schäumt und keucht und nicht nachläßt, immer toller, je näher dem Ende, desto toller – weiter, weiter – oh, man fiebert – und tausend Menschen fiebern mit einem, sie rasen, sie schreien, sie peitschen alle mit ihrem brennenden Blut dieses eine fliegende Etwas vorwärts – vorwärts, bis es durchs Ziel schießt. Ah! Das ist die Erlösung! Die große Entspannung! Man ist ganz erschlagen, ganz müde und ganz selig. Die Knie zittern einem so angenehm – wahrhaftig, nach jedem Rennen zittern mir die Knie. Man hat gerade Zeit, sich zu erholen, dann fängt die nächste Spannung an – ganz sanft, vorbereitend – sich steigernd – bis zur Ekstase. Es läßt sich überhaupt nur mit etwas vergleichen ... wissen Sie nicht, was ich meine?“

Mette schüttelte den Kopf.

„Ach Gott, wie soll ich es dann erklären! Deuli, hör mal weg!“ Die Alte kniete auf dem Boden und zog mit behutsamen Händen die seidenen Strümpfe über die schlanken, festen, weißen Beine. „Wissen Sie nicht, womit man es vergleichen kann? Mit der Liebe natürlich!“

„Mit der Liebe?“ Mette machte ein verständnisloses Gesicht.

Gwendolen stand auf, um die zierlichen ausgeschnittenen Schuhe an den Füßen festzutreten.

„O Gott, Mette, reizen Sie mich nicht! Ich kriege es fertig und spreche es glatt aus – alles! Fragen Sie Deuli – es gibt nichts, was ich nicht über die Lippen bringe! Mädchen, machen Sie doch nicht ein Gesicht, als ob Sie noch an den Osterhasen glaubten! Wollen Sie mir erzählen, Sie hätten noch nie geliebt?“

Mette schlug tapfer die Augen auf.

„Ich will Ihnen gar nichts erzählen!“ sagte sie ruhig.

„Oh, das war eine schlagfertige Antwort!“ Gwendolen verbeugte sich tief und beschrieb mit der rechten Hand einen großen Bogen vom Herzen durch die Luft, während sie mit der linken an den Korsettschnüren zog. „Mein Kompliment, schöne Dame! Es war eine so nette Abfuhr, daß ich sie mir gern gefallen lasse. Und trotzdem,“ sie trat einen Schritt näher und sah Mette mit einem seltsamen Blick an, „trotzdem,“ sagte sie halblaut, „werden Sie mir noch sehr viel erzählen. Nicht jetzt und nicht hier – später – wenn ich Sie einmal darum bitten werde.“

Mette geriet in eine leichte Verlegenheit:

„Ach Gott, ich habe das überhaupt nur so hingesagt ... warum heißen Sie eigentlich ‚Deuli‘, Fräulein Hellmann?“

Die Alte strahlte auf: „Das hat Fräulein Gwen immer gesagt, wie sie ganz klein war. Sie konnte noch kaum sprechen, da rief sie immerzu ‚Deuli, Deuli‘. Das sollte Fräulein heißen!“

„Das behauptet ihr!“ lachte Gwendolen und schlüpfte in die bereitgehaltene, blaßblaue Seidenwolke, „ich hab’ immerzu ‚greulich, greulich‘ geschrien, wenn ich dich gesehen habe!“ – – –

Mette tanzte. Die sanfte Bewegung, in welcher die Musik die gelösten Glieder führte, tat körperlich wohl. Es tat gut, müde zu werden. Nur wäre es fast besser gewesen, schweigend zu tanzen. Es war ein wenig langweilig, immer auf dieselben Fragen antworten zu müssen – „Gnädiges Fräulein sind wohl noch nicht lange hier?“ „Wie gefällt Ihnen unser Städtchen?“ „Sind gnädiges Fräulein verwandt mit Konsul Peters?“

Dann kam Vandahl und holte sie zum Tanz.

„Gott sei Dank, daß Sie über mich orientiert sind,“ lachte sie.

„Leider bin ich das durchaus nicht,“ entgegnete er ernsthaft.

„Ich brauche aber wenigstens nicht zu informieren, wie lange ich hier bin, und ob ich hier zu bleiben gedenke, und wo ich vorher war!“

„Nein, das ist allerdings das, was mich am wenigsten interessiert – und das, was mich interessiert, beantworten Sie mir ja doch nicht!“

„Oh, bitte,“ sagte Mette höflich verwundert. „Ich glaube nicht, daß ich Ihnen irgendeine Frage unbeantwortet ließe!“

Dabei ging ihr Herz schneller. Was vermutete dieser Mann hinter ihr, daß er neugierige Fragen stellen wollte? Sie hatte heute noch lange, lange ihr Gesicht vorm Spiegel geprüft. Es war glatt und faltenlos, ihr Mund war kühl und etwas herb verschlossen, ihre Augen klar und ruhig. Ihr Kleid war vom ersten Schneider der Stadt und ganz dem soliden Geschmack der besseren Bürger angepaßt. Der beliebteste Friseur hatte ihr Haar so geordnet, wie es in diesem Jahr „die Damen der Gesellschaft“ trugen. Nein, es war nichts, aber auch nichts Auffälliges an ihr.

„Bitte, fragen Sie!“ sagte sie – vielleicht etwas zu liebenswürdig im Ton, weil sie es weder zu herausfordernd, noch zu ängstlich sagen wollte.

„Ich möchte wissen,“ begann er zögernd und tauchte dabei den lächelnden Blick sehr tief in ihre Augen, „was eigentlich der Inhalt dieses schönen Gefäßes ist, das ich hier im Arm halte. Ist es Milch oder Eiswasser oder Sekt, was in Ihren Adern fließt?“

„Sekt doch wohl kaum.“ Mette versuchte, seinen Blick mit sehr gleichgültiger Miene auszuhalten und verzog nur ein wenig spöttisch die Lippen. „Oder finden Sie, daß in meinem Wesen so etwas Überschäumendes ist?“

Er zog sie einen Augenblick so fest an sich, daß ihre Brust die seine berührte.

„Es ist doch Sekt,“ sagte er leise mit zusammengebissenen Zähnen, „er ist nur sehr gut frappiert. Aber wenn er warm wird, sprengt er die Flasche – den Augenblick möcht’ ich einmal erleben!“

„Er wird nicht warm,“ sagte Mette und zog den Mund noch ein wenig mehr, „es wird schon genügend für kalte Duschen gesorgt.“

Als Mette auf ihren Platz zurückkehrte, traf ihr Blick auf Heinrich Rantzau, der, schwarz und schlank, an einem weißen Türpfosten lehnte. Ihr Blick glitt weiter und über das heiße, strahlende Gesicht des jungen Lucius. Ein paar Worte fielen in ihr Ohr:

„Hab’ ich zuviel getanzt?“

„Aber nein, mein Junge – amüsier’ dich nur.“

„Ich hatte Angst, du wärest böse ...“

Die abgerissenen Sätze verließen Mette nicht mehr. Sie summten ihr durch den Kopf wie eine Melodie, die man nicht loswerden kann.

Fred Wietinghoff verbeugte sich vor ihr:

„Darf ich Sie zum Zweck eines Bostons aus Ihren sanften Träumen reißen?“ fragte er lachend. „Gestehen Sie mir – woran haben Sie eben gedacht?“

„Daran, daß ich heute keinen guten Tag habe,“ sagte Mette nachdenklich.

„Was heißt ‚guten Tag‘? Wenn Sie damit auf deutsch beau jour sagen wollen, so wäre das ein ganz unverschämtes fishing!“

„Ach, das meint’ ich wahrhaftig nicht,“ sagte Mette wegwerfend, „nein, so einen Tag, wissen Sie, wo man Bühnenzauber im Vormittagslicht sieht und überall die Maschinerie hervorguckt. Wo man die Drähte sieht, an denen die Engel fliegen, und die Versenkung, aus der der Teufel aufsteigt.“

Fred Wietinghoff lächelte, während er sie sehr sicher durch das Gewühl der Tanzenden hindurchsteuerte. Es war ein gutes, schönes, weiches, etwas mitleidiges und ein klein wenig triumphierendes Lächeln.

„Sie sind ja doch ein richtiges Mädelchen,“ sagte er.

„Wieso doch?“ fragte Mette mit etwas erzwungenem Lachen. „Natürlich bin ich es, leider. Aber warum konstatieren Sie das gerade jetzt?“

„Weil das, was Sie eben sagen, so typisch dafür ist. Denken Sie sich zwei Kinder: einen Jungen und ein Mädel im Theater. Und dann denken Sie sich die beiden hinter den Kulissen. Das Mädel ist enttäuscht, weil die Rosengärten aus Papier sind und die Goldkronen aus Blech und die Wolken auf Gaze gemalt – und weil eben überall die Maschinerie herausguckt. In dem Augenblick fängt der Junge erst an, sich für den ganzen Kram zu interessieren: Wie kommt es? Wie entsteht es? Wie wird es gemacht? Die Drahtvorrichtung, an der die Engel fliegen, oder die Versenkung, aus der der Teufel herausgeschraubt wird – das ist ja millionenmal interessanter als der ganze faule Zauber in bengalischer Beleuchtung! Haben Sie nur den Mut zur Gründlichkeit – steigen Sie in die Versenkung und auf den Schnürboden, in alle Tiefen und Höhen, und lassen Sie sich alles zeigen und erklären, und prüfen Sie und untersuchen Sie – folgern Sie und experimentieren Sie. Dann sitzen Sie mit dem Lächeln der Wissenden im Theater und hören um sich die Ahs und Ohs der naiven Gemüter – und wissen ganz genau, wie alles kommt. Und wenn Sie weit genug eingedrungen sind, dann lassen Sie selber die Engel fliegen und den Teufel aufsteigen – ganz wie es Ihnen beliebt!“

„Ich will aber gar nicht,“ klagte Mette eigensinnig, „ich will es von weitem sehen und in feenhafter Beleuchtung, und wenn ich zehnmal weiß, daß es gemacht ist, um mich zu betrügen, so will ich doch daran glauben können!“

„Oh, Sie Frau!“ Er tanzte mit ihr aus dem Saal in ein kleineres Zimmer und führte sie zu einem Sessel, „wenn es nicht so komisch wäre, müßte man euch bedauern.“ Er zog sich einen Stuhl neben sie: „Die Frauen leben doch von Illusionen!“ Er stützte die Ellbogen auf die Knie und die Stirn auf die Handballen. Da der kleine Stuhl viel zu niedrig für ihn war, hatte er es nicht schwer, die langen Arme und die langen Beine zusammen zu bringen. Ohne aufzusehen, schüttelte er den Kopf in den Händen: „Was macht denn eine Frau in der Ehe glücklich? Die Vereinigung? Fragen Sie einmal nach! Für fünfzig Prozent der Frauen bedeutet sie ein Martyrium. Nein, der phantastische Gedanke einer ewigen, unveränderlichen – einer beschworenen und unterschriebenen Treue – das ist das eheliche Glück der Frau!“

„Dann gibt es also eigentlich keine Frau, die in der Ehe glücklich ist?“ Mette lächelte traurig. „Höchstens solche, die sich einbilden, es zu sein?“

„Das ist doch in der Praxis genau dasselbe.“ Wietinghoff zuckte leicht die Achseln. „Ich möchte lieber krank sein und mir einbilden, ganz gesund zu sein – wohlverstanden, solange ich mir das noch einbilden kann – als gesund sein und mir irgendeine schwere Krankheit einreden. Die sogenannten Tatsachen sind doch im Leben das allerbelangloseste!“

„Ich möchte doch nicht in einem Wahn befangen glücklich sein,“ Mette schüttelte wie abwehrend den Kopf, „lieber eine leidbringende Gewißheit, als ein geträumtes Glück!“

„Dann sind Sie doch kein richtiges Mädchen,“ neckte Wietinghoff, „eben wollten Sie doch noch Ihre Illusionen behalten – um jeden Preis. Aber was ist überhaupt ‚gewiß‘, und was ist unsere Vorstellung? Damit verlieren wir uns in die tiefsten Abgründe der Philosophie!“

„Also das, was man ganz landläufig unter ‚Gewißheit‘ versteht, meine ich. Ich kann das Wort nicht leiden: ‚Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.‘ Es ist kein wahres Wort.“

„Es ist sehr wahr. Was Sie absolut nicht wissen und nie wissen werden – das macht Sie auch nicht heiß. Nur was Sie zu spät wissen, kann Sie heiß machen. Was Sie ahnen, fürchten, halb wissen.“

„Wenn Sie in einem glücklichen Rausch leben wollen,“ sagte Mette trotzig, „dann können Sie sich betrinken oder Morphium nehmen ...“

„Das Zeug hält nur alles nicht vor,“ meinte Wietinghoff verächtlich, „ich schwöre Ihnen, wenn es ein Gift gäbe, das einen fortwährenden und ununterbrochenen, dreißig Jahre langen, heiteren Rausch verschafft, dann wär ich der erste, es zu nehmen – und wenn die ganze Welt gegen das ‚Laster‘ anheulte. Merken Sie, wie wir langsam gewechselt haben?“ Er lachte auf. „Jetzt sind Sie für Ergründung und ich für Rausch. Das heißt, ich wäre dafür,“ setzte er ernsthaft hinzu, „wenn ich ein schlechterer Rechner wäre! Alkoholiker, Morphinisten, Kokainisten und wie sie alle heißen, sind keine guten Rechner. Sonst wüßten sie, daß Rausch und Elend sich kompensiert. Und um dem Elend auch ja das Übergewicht zu geben, werfen sie noch Kampf und Reue in die Wagschale.“ Er stand auf und reckte sich etwas. „Nein – der beste von allen Räuschen bleibt noch die Liebe. Es ist nicht der stärkste Rausch – aber es ist der erträglichste Jammer.“

Der Raum war jetzt ganz leer. Wietinghoff ging ein paar Schritte auf und ab.

Mette saß in sich zusammengesunken.

„Und weiter gibt es nichts?“ fragte sie mit einer hilflosen Handbewegung.

Er drehte sich rasch um und sah voll ins Licht. Seine großen dunklen Pupillen zogen sich wie durch eine bewußte Muskelanstrengung zu schwarzen Pünktchen zusammen, daß die tiefblau gerandete Iris eisgrau wurde.

„Doch,“ sagte er aus der Tiefe der Brust, „Kraftrausch! Arbeitsrausch! Denkrausch!“ Ein flüchtiger Schmerz glitt über sein Gesicht. „Schaffensrausch – das ist der höchste und vielleicht auch der stärkste – aber das ist der Kelch für den Priester und nicht für die Gemeinde. Im übrigen ...“ er setzte sich mit einem Ruck wieder neben sie, „wozu red’ ich eigentlich auf Sie ein, wenn Sie gar nicht zuhören, sondern meinem Freund Vandahl nachschauen, wie gebannt.“

„Er tanzt eigentlich sehr gut,“ sagte Mette gedankenlos – ihre Blicke hatten wirklich Vandahl verfolgt.

„Sie müssen es wissen,“ meinte Wietinghoff spöttisch, „Sie haben ja intensiv genug mit ihm getanzt!“

„Seltsam,“ sagte Mette, „daß Sie bei allem In-Anspruch-genommen-sein noch Zeit und Sinn dafür haben, andere Leute zu beobachten.“

„Sie müssen nicht denken, daß ich den Eifersüchtigen spielen will,“ er preßte einen Augenblick die Lippen zusammen, was ihm ein ganz knabenhaftes Aussehen gab, „mit so verbrauchten Tricks arbeite ich nicht.“

„Ich denke gar nichts dergleichen.“ Mette sah ihn mit ruhiger Freundlichkeit an. „Aber ich kann Ihnen sagen, daß es mich freuen würde, wenn Ihr Freund Vandahl etwas weniger – intensiv tanzte. Seine – Intensität hat mir heute schon einmal die Laune verdorben. Er sollte überhaupt nicht tanzen, wenn seine Frau nicht tanzen kann.“

„Er verlernt es,“ lächelte Wietinghoff. „Und vielleicht würde ihn seine Frau gar nicht mögen, wenn er nicht so ein guter Tänzer wäre. Im übrigen ist Vandahl wirklich der beste Ehemann der Welt ...“

„Wenn das der beste ist!“ seufzte Mette leicht.

„Ernstlich. Nur ein Mann, der die Frauen braucht, liebt und vergöttert, kann ein guter Ehemann sein. Kann er in dem Moment, wo er eine von ihnen heiratet, seine besten Eigenschaften ablegen? Wenn sie ihn glücklich macht, ganz sicher nicht. Höchstens, wenn er einen Drachen erwischt hat, wird ihm das ganze Geschlecht verleidet, und er zieht sich grollend an den Stammtisch zurück.“

„Also eigentlich,“ lachte Mette, „ist es das Zeichen einer glücklichen Ehe, wenn der Ehemann allen andern Frauen den Hof macht.“

„Natürlich,“ stimmte Wietinghoff vergnügt bei. „Wenigstens ein Zeichen, daß die Frau dem Mann noch nicht alle Sympathie für ihr Geschlecht ausgetrieben hat. Wenn ein Freund der Frauen nach der Verheiratung kein Weib mehr ansieht, so hat er wahrscheinlich den Geschmack daran verloren, weil er zum erstenmal eine gründlich durchschaut hat.“ – – –

An Heinrich von Rantzaus Arm ging Mette zu einem der kleinen weißschimmernden, blumengeschmückten Tische. Sie hatte eine leise Sympathie für Rantzaus stille und zurückhaltende Art und freute sich, von ihm bevorzugt zu werden. Heut zum erstenmal wurde ihr die Ursache dieser Bevorzugung klar. Er fühlte, daß sie keinerlei Ansprüche an ihn stellte – sie verlangte keine Schmeicheleien von ihm, sie versuchte nicht, ihn durch Blicke, Worte oder unabsichtlich scheinende Berührung in Verlegenheit zu bringen – jedes Gespräch war ihr recht und ein langes Schweigen fast noch lieber; er fühlte sich bei ihr nicht böswillig beobachtet und konnte ohne Zwang, ganz kameradschaftlich mit ihr verkehren. An all das dachte Mette nun zum erstenmal – aber es stieß sie nicht ab. In seinem scharfgeschnittenen und energischen Gesicht lag ein leidvoller Zug um den Mund, eine Last auf den breiten dünnen Augenlidern.

‚Armer Hund,‘ dachte Mette, ‚ich will gut mit ihm sein. Wenn er auch zehnmal sagt: amüsier’ dich, mein Junge – es tut ihm ja doch innen alles weh.‘

Schräg gegenüber an einem anderen Tisch saß Gwendolen neben dem jungen Lucius. Unter den vielen hübschen und frischen Erscheinungen war Gwen unstreitig die schönste. Sie lachte und lockte und prangte wie ein junger Baum in der Blüte. Ihre meerfarbenen Augen unter den gebogenen Wimpern wechselten in fortwährendem Spiel von Hell und Dunkel. Ihr zartes, weißes Gesicht strahlte in einem kühlen Rosenschein, wie durchleuchteter Marmor. Bei jeder Bewegung tanzten die goldflirrenden Löckchen ihr um Stirn und Nacken.

Rantzau folgte Mettes Blick, oder vielleicht suchten seine Augen auch Lucius. Ohne jeden Zusammenhang mit früher Gesagtem fragte er plötzlich:

„Wie kommen Sie eigentlich zu der Freundschaft mit Fräulein Peters?“

Mette sah ihn etwas verwundert an:

„Sie fragen so, als ob irgend etwas Erstaunliches dabei wäre? Wir sind doch ziemlich in einem Alter – ziemlich gleich erzogen ...“

„Merkwürdig!“ Ein leiser Spott zuckte um seinen Mund. „Sind das die Gesichtspunkte, nach denen Sie Ihre Freunde wählen? Ich hatte Sie etwas anders eingeschätzt!“

„Freunde!“ sagte Mette und zog die Brauen hoch. „Zu Freundinnen haben andere Leute uns gemacht. Sie haben mich sicher noch nie sagen hören: meine Freundin Gwendolen Peters. Ich habe in meinem ganzen Leben erst von einem Menschen gesagt: meine Freundin ...“

Rantzau fiel ihr ins Wort, leise, flüchtig, und doch war eine verhaltene Dringlichkeit in seiner Stimme:

„Sie sagen es nicht mehr?“

„Meine Freundin ist tot.“

Er schwieg. Er sagte kein bedauerndes „ah“ oder „oh“, und Mette war ihm dankbar dafür.

Ihr war seltsam zumute. Sie saß in diesem fremden Raum, sah viele fremde Gesichter um sich und erzählte einem fremden Mann von Olga Radós Tod. Sie trug ein helles, festliches Kleid und hatte getanzt und gelacht und geplaudert. Wein schimmerte vor ihr im geschliffenen Kelch, Blumen leuchteten in kristallenen Vasen vom weißglänzenden Damast, und ihr Duft mischte sich mit mannigfachem Wohlgeruch, der von nackten, gepuderten Frauenschultern aufstieg. Stimmen schwirrten fröhlich durcheinander und übertäubten doch nicht das leise Klirren von Glas und Silber und den süßen Gesang der Geigen.

Und hier saß Mette Rudloff und zerschnitt auf dem Teller eine Scheibe saftigen Rehbratens und sagte dabei:

„Meine Freundin ist tot.“

Die Tage und Wochen der Qual und Verzweiflung wollten wieder aufsteigen. Mette hatte sie nicht vergessen: die Stunde, da sie es erfahren hatte, den Augenblick, da sie den Revolver berührte, den Weg über die Straße, als sie von Peterchen nach Hause ging und so gern ihr Gesicht vor den Leuten versteckt hätte, weil sie das Gefühl hatte, als sei ihr ganzes Gesicht eine offene blutende Wunde, in die jeder neugierige Blick Schmutz und Steine werfe. Sie wußte das alles. Aber sie konnte nicht mehr unterscheiden, was Traum und was Wirklichkeit war. Vielleicht war dies Traum: der helle Saal, und die Musik, und diese festfrohen Menschen, von denen sie keinen länger als ein paar Monate kannte. Vielleicht war alles andere Traum gewesen, alles Große, Hinreißende, Quälende, Schmerzende, und all das Trübe und Wirre der letzten Zeit. Vielleicht war dies ihr Leben – das Leben, zu dem sie geboren war – das zu den weißen gestickten Kleidchen paßte und zu dem großelterlichen Garten.

Und einen flüchtigen Augenblick war ihr, als hätte sie gar kein Recht zu sagen: meine Freundin ist tot. Als wäre sie noch zu jung, um irgendein Leid erfahren zu haben, als schmücke sie sich mit einem erdichteten Schmerz, um sich dem ernsten und abgesonderten Mann gegenüber einen Schein von Gleichberechtigung zu geben.

Die schlimmen Tage stiegen wieder auf – aber sie stiegen auf wie schattenhafte Gespenster, durch deren durchsichtige Leiber der lichterstrahlende Saal schimmerte. Sie waren ohne Farbe und Leben, weil sie nicht mehr das Blut aus Mettes tiefen Wunden tranken. – – –

Mette saß neben Gwendolen im Wagen.

„Ich seh’ wohl furchtbar um den Kopf aus?“ sagte Gwen, „wenn Mama mich so sieht, dann fängt sie ihre alte Predigt wieder an, ich müßte ein Netz tragen. Hassen Sie Haarnetze auch so wie ich, Mette? Wie kommt es, daß Ihr Haar so gut hält? Sie haben doch auch getanzt! Mama würde ihre Freude an Ihnen haben! Mama hat Sie überhaupt schrecklich gern – Sie werden mir immer als Muster vorgehalten. Aber selbst das kann Sie mir nicht verekeln. Ich bin schon sehr angetan von Ihnen, wirklich – aber ich glaube, Sie können mich nicht leiden.“

Mette legte leicht den Arm um ihre Schultern.

„Kleine, törichte Gwen,“ sagte sie lächelnd, „Sie glauben ja selber nicht, was Sie da schwatzen.“

„Ach ja,“ sagte Gwen und schmiegte sich wie ein Kätzchen an sie, „lassen Sie den Arm so liegen, das tut gut. Ich weiß ganz genau, was ich rede, Mama sagt zwar immer: schweig, du bist betanzt, weil sie behauptet, ich rede nach dem Tanzen so viel Unsinn – noch mehr als sonst. Aber ich bin wirklich nicht betanzt, und ich weiß sehr genau, daß ich Sie gern habe – und ich weiß auch, daß Sie mich nicht leiden können – Sie widersprechen ja auch gar nicht – dazu sind Sie viel zu ehrlich. Sie sagen: schwatz keinen Unsinn, kleine Gwen – das sagt man zu kleinen Kindern auch immer, wenn sie zufällig die Wahrheit treffen. Aber ich will Sie nicht in Verlegenheit bringen – Sie machen schon ganz traurige Augen, weil Sie nicht wissen, wie Sie sich aus der Affäre ziehen sollen.“

„Ich dachte daran,“ sagte Mette aufrichtig, „daß Sie ein so entzückendes kleines Menschenwesen sind – und daß ich Sie herzlich gern habe – und daß ich Sie trotzdem heut verleugnet habe und gesagt, Sie wären nicht meine Freundin.“

„Bei Tisch,“ Gwendolen nickte ernsthaft, „ich hab’ es gefühlt. Aber das nehm’ ich Ihnen nicht übel,“ sie lächelte, „Sie durften das auch nicht zugeben, wenn Sie bei meinem lieben Heinrich nicht in Ungnade fallen wollten. Hat er nicht gesagt, ich wäre eine Kanaille?“

„Er hat gar nichts gesagt,“ widersprach Mette erschrocken, „wie kommen Sie überhaupt darauf, daß es Rantzau gegenüber war?“

„Weil ich ihn kenne!“ triumphierte Gwen. „Er haßt mich doch wie – wie die Sünde ist entschieden nicht das richtige Wort. Ich weiß es aber, und ich weiß auch warum.“

Mette fühlte sich durch diese Worte und noch mehr durch den Ausdruck ihres Gesichts etwas abgestoßen.

‚Sie ist doch wie alle Frauen,‘ dachte sie verächtlich. ‚Sie bildet sich jetzt ein, daß Heinrich von Rantzau sie haßt, weil er eine unerwiderte Liebe zu ihr hat! Sie wird mir jetzt erzählen, daß sie ihn bei irgendeiner Gelegenheit hat abfallen lassen. Eine andere Möglichkeit findet gar keinen Platz in dem Gehirn dieser Weibchen.‘

„Soll ich Ihnen erzählen, warum Ihr Freund mich nicht ausstehen kann?“ Tausend Kobolde tanzten auf Gwens Gesicht.

„Bitte!“ sagte Mette ziemlich kühl.

„Ich habe ihm einen Freund abspenstig gemacht!“

„Was heißt das: einen Freund abspenstig gemacht?“ Mette horchte auf, „kann eine Frau einem Mann den Freund abspenstig machen?“

„Herrn von Rantzau? – o ja! Denn er begehrt seine Freunde ganz und gar für sich – mit Haut und Haar – mit Leib und Seele. – Tun Sie doch nicht so, Sie Unschuldsengel, als wenn Sie nicht gemerkt hätten, was die ganze Stadt weiß!“

„Seltsam,“ Mette schüttelte den Kopf, „was eine Stadt alles weiß!“

„Viel seltsamer, was sie nicht weiß!“ lachte Gwen, „was alles in ihrem Innern vorgeht, ohne daß sie eine Ahnung davon hat! – Aber Rantzau ist bekannt, weil er gemeingefährlich ist. Er hat einen Einfluß auf die jungen Leute, der geradezu unheimlich ist. Er hat doch immer einen ganzen Kreis um sich, der ihn direkt vergöttert. Aber ich mag das gar nicht ...“

„Wenn ein anderer vergöttert wird?“ neckte Mette.

„Ja, sehr richtig,“ bestätigte Gwen trotzig, „aber vor allen Dingen kann ich es nicht vertragen, wenn ein Mann von Männern vergöttert wird. Ich weiß nicht, ob ich es erklären kann: sehen Sie, das Ursprünglichste im Menschen ist doch das Geschlecht. Die große Zweiteilung alles Lebenden – das stammt nicht von mir, natürlich. Viel später kommt dann die Einteilung in Rassen, die Rassen scheiden sich in Nationen, die Nationen in Klassen und in Familien – alles befehdet sich untereinander. Ich bin Bürger gegenüber dem Adel, und Aristokrat gegenüber der Plebs. Ich bin Germane dem Romanen gegenüber, und Arier gegenüber dem Semiten. Aber das alles kann ich vergessen, weil es mir erst beigebracht worden ist. Aber zu allererst bin ich Weib gegenüber dem Mann, und die unverzeihlichste Beleidigung ist die, die man meinem Geschlecht zufügt. Verstehen Sie das nicht? Wenn ein Mann mich nicht ansieht, weil er eine andere Frau anbetet, so kränkt das meine Eitelkeit gar nicht – aber ein Mann, dem keine Frau gut genug ist, der einem Mann anhängt, der mein ganzes Geschlecht verachtet – o, das kann mich zur Raserei stacheln. Rantzau ist unerschütterlich – das weiß ich – aber seine Favoriten lock ich ihm weg, einen nach dem andern. Solange ich denken kann – nein, solange ich fühlen kann, führen wir einen erbitterten Kampf. Wissen Sie, Mette, daß es mir manchmal ist wie eine heilige Aufgabe und gar nicht wie ein amüsantes Spiel?“ Ihre Augen brannten in einem seltsamen Licht wie blaue Edelsteine. „Der, von dem ich zuerst sprach, Friedel Reimer – den hat er wahnsinnig geliebt – und der ist jetzt sehr glücklich verheiratet. Was hab’ ich davon? Aber manchmal, wenn ich die Frau sehe, denk’ ich: das dankst du mir und ahnst nichts davon.“

„Was sind Sie für ein wunderliches Gemisch,“ Mette betrachtete sie mit nachdenklichem Kopfschütteln, „so ein wohlerzogenes behütetes Kind und ...“

„Und dabei? ... sprechen Sie’s ruhig aus!“

„Ach, nichts ... sagen Sie mir nur – wie kommt es, daß Ihre Eltern von alledem nichts merken ... zum Beispiel von Heinrich Rantzau, von dessen Ruf doch die ganze Stadt weiß?“

„Eltern,“ sagte Gwen mit überlegenem Lächeln, „wissen Sie nicht, Mette, daß Eltern mit tödlicher Sicherheit immer nur das bemerken, was nicht vorhanden ist?“

„Ich komme gleich,“ rief Gwendolen hinter der Tür des Badezimmers, wo man das Plätschern des Wassers, das Rieseln der Brause hörte, „setz’ dich Metting-Betting und sieh dir ein Buch an! In fünf Minuten bin ich fertig.“

„Ich habe Zeit,“ gab Mette ruhig zurück.

Gwen bemühte sich trotzdem, ihr das Warten zu verkürzen:

„Du kannst dir immer etwas ansehen – auf dem Tisch liegt ein Paket, ein dickes, weiches, das pack mal aus. Ich hab’ mir heut Strümpfe gekauft – wie findest du sie? Sind sie nicht blendend? Aber was darunter liegt, darfst du nicht aufmachen – so etwas flaches, in Seidenpapier ... ach, ich zeig’ es dir ja doch! Mach es ruhig auf ...“

„Ich bin nicht neugierig.“

„Doch, doch, du sollst es sogar aufmachen. Es ist besser, du siehst es, wenn ich nicht dabei bin – dann kann ich wenigstens nicht rot werden. Mach schnell – in zwei Minuten komm ich! Hörst du? Ich entsteige schon plätschernd den kristallenen Fluten! Sowie ich halbwegs trocken bin, erscheine ich!“

Mette schlug die Seidenpapierhülle auseinander. Fred Wietinghoffs Gesicht sah sie an, lebendig und ausdrucksvoll. Eine helle Freude durchzuckte sie, als sie die schönen Züge sah, und fast zugleich der kindische Wunsch, das Bild zu entwenden, um es immer vor sich sehen zu können und sich daran zu erfreuen, wenn sie sehr weit von hier sein würde.

Denn in diesem Augenblick war es ihr ohne jede Überlegung ganz bewußt, daß sie in kurzer Zeit die Stadt verlassen würde. Sie hatte noch nie mit einem Gedanken die Möglichkeit gestreift, den Aufenthalt zu wechseln und sah sich jetzt mit visionärer Deutlichkeit – die so selbstverständlich war, daß sie nichts Erschreckendes hatte – in einer tiefen Einsamkeit, in der dies Bild ihr eine freundliche Gesellschaft sein könnte.

Sie erschrak, als sich Gwen über ihre Schulter neigte.

„Schönes Bild, nicht?“ lachte sie, „du bist jetzt so zusammengezuckt, daß ich mir einbilden könnte, du hättest ein kleines Faible für ihn. Gestehe, Mettiling, wie ist es? Na, heraus mit der Wahrheit – du warst sehr vertieft in den Anblick – so vertieft, daß du mich gar nicht hast kommen hören.“

Mette legte das Bild aus der Hand, ohne es noch einmal mit einem Blick zu streifen.

„Weil ich mit meinen Gedanken ganz wo anders war,“ sagte sie, immer noch abwesend.

„Schade,“ neckte Gwen, „wo anders als bei Fred Wietinghoff? Aber bei mir auch nicht, fürchte ich. Sehr weit weg? Willst du mir nicht sagen, wo?“

Sie legte die weichen, nackten Arme schmeichelnd um Mettes Hals und preßte sie gegen ihre Wangen.

„Ich weiß selbst nicht, wo,“ sagte Mette nachsinnend. „In keiner Vergangenheit und keiner Gegenwart. Irgendwo, wo ich noch niemals war. Vielleicht in der Zukunft. Ich habe das Gefühl – ganz unklar und verschwommen – von einem verschneiten einsamen Haus.“

Gwen faßte sie rüttelnd an den Schultern:

„Komm wieder,“ rief sie, „du sollst jetzt hier sein und nicht in verschneiten Einsamkeiten. Wie findest du unsern Freund Freddy?“

„Unsern Freund,“ wiederholte Mette lächelnd.

„Natürlich ‚unsern‘. Er ist dein Freund so gut wie meiner. Er schätzt dich sehr – oh, sehr!“

„Das sagt er nur, um dich eifersüchtig zu machen,“ sagte Mette tröstend.

„Mich eifersüchtig!“ Gwen lachte hell auf, „nein, so kleinlich bin ich nicht. Und außerdem stehst du mir viel zu nah – ich werde immer ganz stolz – wirklich, mein Herz wird ordentlich heiß und groß, wenn ich höre, wie andere Leute von dir schwärmen. Und Fred Wietinghoff schwärmt sehr oft von dir ...“

‚Er sollte mir das Bild schenken,‘ dachte Mette, ‚wenn er mich wirklich schätzt, oder von mir schwärmt – wenn nicht alles bloß unsinniges Gerede ist – dann sollte er mir dies Bild schenken. Weiter will ich nichts von ihm ...‘

„Magst du ihn eigentlich?“ Gwen fragte es leichthin. Aber Metten schien es, als würde sie von einem Blick gestreift, der etwas Beobachtendes – ja fast Lauerndes hatte.

Sie zuckte die Achseln.

„Er sieht gut aus und hat ein sehr angenehmes Wesen,“ sagte sie gleichmütig.

„Mehr nicht?“

Mette hatte keine Lust, zu antworten.

„Noch mehr? Ich weiß ja nicht viel mehr von ihm.“

„Er ist diskret und verläßlich,“ sagte Gwen nach kurzem Zögern. Dann stieß sie ein leises Lachen durch die Zähne: „Und er hat einen sehr guten Geschmack!“

„Vielleicht,“ sagte Mette etwas abwehrend.

Es lag ihr nicht daran, irgendwelche Vertraulichkeiten zu erfahren. Sie hatte manchmal ein Gefühl von Angst gegenüber diesem blondlockigen Kind – sie scheute sich oft, eine Frage zu stellen, weil sie die Antwort nicht hören wollte – eine Antwort, die eine dünne Decke von Abgründen riß.

Gwen strich ihr plötzlich mir einer kindlichen Bewegung über die Wangen.

„Sei nicht böse,“ bat sie leise.

Mette legte die Lippen leicht gegen die kleine weiche duftende Hand.

„Warum sollte ich dir denn böse sein, du Kindskopf?“ fragte sie lächelnd.

Aber sie wußte ganz genau, daß sie böse gewesen war.

„Erzähl mir was!“ bettelte Gwen. „Ja, setz’ dich ’n büschen zu mir und erzähl mir was. Ich leg mich hin – ich bin etwas müde vom Baden, und du setzt dich neben mich und wir klöhnen ein bißchen.“

Mit der einen Hand zog sie Metten schmeichelnd nach dem Diwan, mit der andern hielt sie den Kimono aus schwerem pfirsichblütfarbenen Chinakrepp zusammen, unter dem sich alle Linien des schlanken weichen Körpers zeichneten.

Sie schob sich die Kissenberge zurecht und kauerte sich voll Wohlbehagen hinein.

Mette saß still und aufrecht neben ihr auf einem Stuhl. Sie kam sich selbst immer ein wenig steif vor neben dieser schmiegsamen Anmut, und ein wenig frostig neben dem warmen Hauch dieses sonnigen Wesens.

„Weißt du, Mette,“ sagte Gwen nach einer Weile fast traurig, „daß ich dir eigentlich nicht um einen Schritt näher gekommen bin seit dem ersten Tage, den du hier bist? Du erlaubst mir, dich zu duzen. Du duzt mich auch manchmal – meistens vergißt du es, wahrscheinlich, weil es dir so gegen die Natur geht. Nein, nein, du brauchst gar nicht erst einen höflichen Versuch zum Widerspruch zu machen! Du bist mir sehr fremd – nie, nie, nie erzählst du irgend etwas von dir aus eigenem Antrieb. Manchmal beantwortest du mir eine von zehn Fragen. Ach, ich trau’ mich schon gar nicht mehr, irgend etwas zu fragen, weil ich denke, ich verscheuche dich dadurch, daß du überhaupt nicht wiederkommst.“

„Was weiß ich denn von dir?“ fragte Mette, ohne sie anzusehen, „du bist mir genau so fremd. Du hast ein sehr kindliches und offenes Wesen – ich hab’ vielleicht ein verschlosseneres und kälteres – aber im Grunde stecken vielleicht hinter deiner harmlosen kleinen Larve hundertmal größere und schwerere Geheimnisse, als hinter meiner Schweigsamkeit.“

„Das ist etwas anderes,“ unterbrach Gwendolen lebhaft. „Ich kann dir ja gar nichts erzählen, weil du dich dagegen wehrst! Ich habe manchmal das Bedürfnis, dir irgend etwas anzuvertrauen, was mich bedrückt, oder auch nur sehr beschäftigt. Aber dann lenkst du ab – oder du machst ein Gesicht, daß einem das Wort in der Kehle einfriert. So, als wolltest du um Gotteswillen nichts von mir wissen, um mich nicht verachten zu müssen. Oder als wüßtest du schon zu viel und hättest Angst, irgendwelche Herzlichkeit aufkommen zu lassen. Und dann fühl’ ich doch wieder ganz genau, du bist nicht kalt und verständnislos – du bist nicht prüde – und du hast auch kein Recht, es zu sein ... oh Mette, sei nicht böse, daß ich das gesagt habe! Aber du kannst mir nicht vorreden, daß du dein Leben damit verbracht hast, still und freundlich zwischen alten Damen zu sitzen und Filet zu sticken.“

Mette lachte auf: „Das hab’ ich dir ja auch noch nie vorreden wollen.“

„Aber du tust doch so,“ sagte Gwen verzweifelt, „du bist wie ein Stein, der keine Funken gibt, wenn man noch so auf ihn losschlägt. Oh, Mette, und ich werde doch das Gefühl nicht los, als könnte ich ein ganzes Feuerwerk aus dir herausschlagen – ein so herrliches Feuerwerk! Bin ich nicht stählern genug, oder woran liegt es nur? Es peinigt mich so wahnsinnig ...“

Eine Erregung schüttelte sie, die ihr die Tränen in die Augen trieb. Sie streckte sich wie in einem Krampf und zerrte mit den Zähnen an den seidenen Kissen.

Plötzlich richtete sie sich auf, schlang die Arme um Mettes Hals und wühlte das Gesicht zwischen Lachen und Weinen an ihre Schulter.

„Sag’ mir’s doch, Metting,“ schmeichelte sie. „Sag’ mir’s doch einmal, was ich schon längst weiß! Du hast schon einmal in deinem Leben eine Frau geliebt. Du weißt, wie es sein kann – wie himmlisch es sein kann! Warum magst du mich nicht, Mette? Bin ich dir nicht gut genug? Nicht schön genug? Oder glaubst du, ich hätte keine Erfahrung? Oder denkst du, ich würde dich verraten? Warum sagst du nicht ein Wort? Verachtest du mich so, daß du mich nicht mehr einer Antwort würdigst?“

Mette biß die Zähne zusammen und richtete sich ein wenig straffer auf.

„Ich weiß nicht, Kind,“ sagte sie mit einem mühsamen Lächeln und blicklosen Augen, „ich weiß gar nicht, was du zusammenredest. Wie kommst du nur darauf, in mir irgend etwas zu vermuten ...“

„Stopp!“ sagte Gwendolen fast böse und legte ihr die Hand auf den Mund, „ich vermute gar nichts – ich weiß. Du kannst schweigen, solange du willst. Ich werde dir die Worte nicht von der Zunge reißen – aber belügen laß ich mich nicht. Und laß mich auch nicht als Irrsinnige hinstellen. Ich weiß doch, daß ich Recht habe. Nicht etwa, daß du jetzt denkst, ich hätte irgendwelche Klatschgeschichten gehört. Ich hab’ ein Gefühl dafür, und darauf kann ich mich verlassen. Liebe kleine Mette, und wenn du wochenlang vorm Spiegel säßest und dir ein Gesicht einübtest, wie eine steinerne Maske – du trägst doch den Stempel ... deine Hände tragen ihn, und deine Augenlider und deine Mundwinkel – hier – die Winkel deines lieben, stolzen, sehnsüchtigen Mundes – versprich mir, Mette, versprich mir eines: ich glaub’ dir, daß du wie eine Heilige lebst und leben möchtest – aber ich weiß ja doch, daß du’s nicht kannst – nicht lange mehr kannst – wenn es einmal stärker ist als du, dann ruf’ mich. Ich möchte dich küssen, bis dein sehnsüchtiger Mund ganz satt ist, ich möchte dich aufblühen sehen in Zärtlichkeit, du Rose von Jericho. Und wenn ich’s nicht zuwege bringe, dann möcht’ ich wenigstens dabei sein. Oh, Mette, du machst ein Gesicht, als wenn ich häßliche Dinge sagte. Die Ekstase eines schönen Menschenkörpers ist schön, das rauschende Blut und der jagende Atem eines geliebten Wesens ist die schönste Musik der Welt. Und alles andere, Kunst und Sport, und mehr noch Alkohol und Morphium – das sind alles elende Ersatzversuche für das einzige, eigentliche – für die Liebe.“

„Was man alles ‚Liebe‘ nennt,“ sagte Mette und spürte einen bittern Geschmack im Mund.

„Den Rausch des Blutes nenne ich Liebe und die Entzückungen der Sinne. Und das ist etwas, was ich allen Menschen geben möchte,“ Gwen richtete sich auf, die weiche Seide glitt von der wunderschön gemodelten Schulter, ihre Augen flammten in einem blauen Feuer, „nicht allen – aber den schönen, tiefen, heißen, empfindenden – den durstenden und hungernden – und ich möchte es geben, weil ich es geben kann, weil ich reich bin, weil es mir von Gott gegeben ist – und Gott gibt keinem Menschen etwas, damit er es behalten soll – so verschwenderisch darf er nicht sein, weil er zu viele zu beschenken hat. Wir sind nur als seine Verwaltungsbeamten eingesetzt – wir sollen ihm eine Mühe ersparen, darum gibt er uns viel, damit wir den Würdigsten abgeben.“

Mette schüttelte den Kopf:

„Du siehst aus, wie der Engel im Weihnachtsmärchen und trägst diese schönen Theorien auch ganz im Weihnachtsmärchenton vor. Manchmal hab’ ich das Gefühl, du weißt gar nicht, was du sprichst. Du bist wie ein Stück Gartenland, in das eine fremde Hand allen möglichen Samen gestreut hat, und das sich selbst wundert über all das bunte Zeug, was es ans Licht bringt. Und ich fürchte, ich kenne auch den Gärtner, der so ein krauses Blumenbeet aus dir macht!“

„Mette,“ schmeichelte Gwen, „sag’ mir das eine, bitte, bitte, sag’ es mir: Liebst du Fred Wietinghoff?“

„Unsinn,“ sagte Mette hart, „wie kommst du darauf?“

„Lieben vielleicht nicht,“ gab Gwen zögernd zu, „vielleicht nennst du ‚lieben‘ noch etwas anderes ... aber findest du nicht auch, daß er fabelhaft aufregend ist?“

Mette verzog das Gesicht, ohne zu antworten, stand auf und trat an das Fenster.

Sie hörte die weiche Seide hinter sich rauschen und knistern.

Gwen schob ihren geschmeidigen Körper zwischen Mette und die Glasscheibe, hinter der der winterliche Garten lag.

Ihr engelhaftes Gesicht war rot überhaucht, ihre großen Augen unter den langen Wimpern glänzten von Tränen. Das blonde Haar, flüchtig aufgesteckt, kraus und feucht vom Bade, zitterte in Ringeln und Löckchen um das Kindergesicht.

Sie schob die Lippen vor, als kämpfe sie gegen ein heftiges Weinen, und klammerte sich mit den kleinen weichen Händen an Mettes Blusenfalten fest.

„Ich bin dir wohl sehr widerlich?“ fragte sie schüchtern. „Ja? Bin ich sehr widerlich?“

Mette küßte lachend die runde feste pfirsichflaumige Wange:

„Du bist sehr süß!“ sagte sie herzlich. – – –

„Ich möchte lieber nicht,“ sagte Mette und zog die Brauen leicht zusammen.

„Mette!“ Gwen stampfte zornig mit dem Fuß, „ich verstehe dich nicht! Was kann es dir schaden, wenn du mitgehst? Und mir tätest du einen solchen Gefallen! Wir hatten es uns so nett gedacht ... es kann doch eigentlich kein vernünftiger Mensch etwas dabei finden – wenn wir zu zweit sind ...“

„Aber deinen Eltern gegenüber ...“ wandte Mette ein.

„Denen tust du doch nur etwas Gutes an, wenn du mich nicht allein zu einem Junggesellen in die Wohnung gehen läßt! Ich gehe ja doch! Aber es wäre viel netter, wenn du mitkämest – und Fred wollte dir doch seine Bibliothek zeigen!“

Das war das einzige, was Metten locken konnte – Gwen wußte das ganz genau.

Mette hätte gern die Wohnung und die Bücher gesehen. Etwas wie Neid erfaßte sie, wenn sie daran dachte, daß Gwendolen und Fred Wietinghoff in einem sicher sehr schönen und geschmackvollen Raum eine behagliche Tee- und Plauderstunde verleben würden und daß sie nicht dabei sein sollte – aus Trotz, aus Eigensinn, aus einer albernen Scheu.

Sie hatte vieles getan, was noch weit weniger vereinbar mit Herkommen und guter Sitte war. Sie hatte es getan aus Leidenschaft, aus Laune, aus Mitleid – aus Dummheit. Zum erstenmal in ihrem Leben wehrte sie sich ängstlich gegen eine so harmlose Abweichung vom Hergebrachten, wie es dieser Teebesuch bei einem Junggesellen war.

Mit einem Schlage flammte der Trotz in ihr auf. Warum sollte sie sich ein Vergnügen versagen, weil die wohlgeborenen und hochgesitteten Familien ihr darauf die Gnade verweigern konnten, sie ferner in ihren teuern und gediegen ausgestatteten und sorgfältig reingemachten Häusern zu empfangen? Dann sollten diese Familien erst einmal ihre Söhne und Töchter so erziehen, daß sie ihr, der armen schutzlosen Mette Rudloff, nicht mutwillig die schwer erkämpfte Ruhe zu zerstören suchten.

„Ich gehe mit,“ sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen.

Gwen schloß sie aufjubelnd in die Arme. – – –

Sanftes und doch klares Licht floß über schimmerndes edles Holz, aufglänzende Bronze, tief und sattleuchtende Teppiche.

„Ist es nicht schön hier?“ fragte Gwen und stolzierte umher, dies zeigend und jenes anpreisend, als sei alles ihr Eigentum oder noch mehr – ihr Werk.

Sie bewegte sich mit einer Sicherheit durch die Räume, die durchaus nicht darauf schließen ließ, daß sie sie eben zum erstenmal betreten hatte.

„Und den Corot mußt du dir noch ansehen,“ sagte sie, wobei sie ins Nebenzimmer lief und eine verborgen angebrachte Beleuchtung einschaltete, die das Bild aufstrahlen ließ.

Mette ging ihr nach, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen.

„Wenn ich nur wüßte, wieso ich durchaus mitkommen mußte, damit du endlich diese Wohnung kennen lernst,“ sagte sie halblaut, „du scheinst doch eigentlich ganz gut Bescheid zu wissen!“

Gwen lachte, nicht im mindesten beleidigt, oder in Verlegenheit gebracht.

„Hab’ ich dir denn nicht erzählt, daß ich schon einmal hier war? Nicht allein natürlich. Auch zum Tee. Die alte Frau Wietinghoff war hier und meine Mutter – oder nicht meine Mutter. Warte mal, irgend jemand von meiner Familie war mit. Fred, mit wem war ich damals hier zum Tee?“

Im Nebenzimmer knisterte eine Zeitung.

„Was sagst du, Kind?“ rief Wietinghoffs Stimme.

Gwen bog sich in unterdrücktem Lachen.

„Trottel!“ sagte sie halblaut.

Mette lachte mit. Es war doch recht gut, klar zu sehen, Zusammenhänge zu durchschauen, Verwirrendes, durch ein Wort aufgedeckt, zu überblicken. Sie sagte es sich vor, daß es gut sei. Ein innerliches Wohlbehagen empfand sie nicht dabei. Ihr Gefühl sagte ihr: ‚Geh, du bist hier überflüssig, vielleicht sogar lästig, du spielst eine Rolle, die dir aufgedrängt ist, und die dir nicht liegt.‘ Aber sie hätte sich selbst prüde und albern gescholten, wenn sie, von diesem Gefühl getrieben, gegangen wäre.

Gwen legte ihren Arm um Mette und zog sie nach der Tür.

„Wie meinten Herr Wietinghoff?“ fragte sie spöttisch, als sie auf der Schwelle stand, „ich weiß gar nicht, wo wir miteinander Schweine gehütet hätten?!“

Fred Wietinghoff legte etwas verlegen die Zeitung rasch aus der Hand.

„Wieso, gnädiges Fräulein? Ich bitte um Verzeihung, daß ich in Abwesenheit der Damen einen Blick in die Zeitung geworfen habe. Habe ich in der Zerstreutheit irgend etwas unpassendes gesagt?“

Gwen setzte sich auf die Lehne eines Ledersessels und baumelte mit den Beinen.

„Unpassend? Ach nein, es ging,“ sagte sie übermütig. „Sie haben mich nur geduzt, aus Versehen, Herr Wietinghoff. Sie sind so gewohnt, hier Besuche zu haben, die Sie duzen, daß es Ihnen gar nicht in den Sinn kommt, daß es auch anders sein könnte. Ich habe übrigens schon eben im Nebenzimmer konstatiert, Sie wären ein Trottel!“

„Damit war ja die Sache allerdings hinreichend geklärt,“ Wietinghoff verneigte sich leicht. „Aber sagen Sie selbst, mein gnädiges Fräulein,“ er wandte sich an Mette, „setzen wir einmal den ungewöhnlichen und ganz unwahrscheinlichen Fall, daß ich mich nicht in der Person geirrt hätte, sondern daß ich tatsächlich – wie man sagt – mich ‚verschnappt‘ hätte: Es wäre wieder ein Beweis, wieweit die Männer den Frauen in allen Künsten der Lüge und Verstellung unterlegen sind.

Einer Frau kann es nicht passieren, daß sie sich ‚verschnappt‘ und plötzlich ‚du‘ sagt – es kann ihr nicht passieren, daß sie belastende Briefe acht Tage in der Rocktasche mit herumschleppt, einfach, weil sie vergißt, sie herauszunehmen und zu vernichten, es kann ihr nicht passieren, daß sie sich einfach immer und überall und bei jeder Gelegenheit ertappen läßt.

Der Mann ist ja so einfach, so durchsichtig, so vertrauend, so harmlos ...“ Er sagte es mit gewollt scheinheiliger Miene.

„Hoh! Hoh! Hoh! Hoh!“ unterbrach Gwen, „halt, mein Lieber! Vielleicht ist die Frau vorsichtiger, mißtrauischer, ängstlicher – schon weil sie mehr zu fürchten hat. Aber laßt einmal einen Mann ertappt sein, laßt ihn gesehen werden, oder laßt ihn sich ‚verschnappen‘, oder laßt seine Korrespondenz gefunden werden – was dann? Dann leugnet er! Mit einer Ruhe, mit einer Stirne – mit einer Frechheit auf deutsch. Ich kenne hundert Fälle ...“

„Aus Erfahrung?“

„Gott sei Dank nicht – es könnte mir wohl kaum in einem Fall passieren. Aber lassen Sie mich ausreden, Sie haben bloß Angst, ich könnte etwas Treffendes sagen, und darum wollen Sie mich aus dem Konzept bringen –“

„Warum soll ich Angst davor haben ...?“

„Weil Sie eitel sind, wie alle Männer. Erstens mögen Sie nicht, daß jemand anders als Sie etwas Gutes sagt – und zweitens mögen Sie nicht, wenn Sie sich durchschaut und getroffen fühlen.“

„Jetzt haben Sie mich nicht ausreden lassen. Ich wollte sagen: warum soll ich Angst davor haben, daß Sie etwas ‚Treffendes‘, etwas ‚Gutes‘ sagen? Diese Angst wäre durch nichts begründet.“

„Oh, Mette, er ist gemein! Findest du ihn nicht furchtbar gemein gegen mich? Aber darum sage ich doch, was ich sagen wollte, nun gerade! Also ich kenne hundert Fälle, in denen Männer ihre Frauen betrügen. Und wenn die Frauen glauben, irgendeinen unumstößlichen Beweis in Händen zu haben, wenn sie dem Mann in monatelanger Eifersucht nachgespürt haben, und sie haben ihn endlich einmal gesehen, oder sie haben einen Brief gefunden – was ist dann? Dann erklärt der Herr der Schöpfung die Frau für blind, oder für blödsinnig, sie hat sich geirrt, oder es war Frau Meyer, mit der sie ihn gesehen hat, oder der Brief ist ganz harmlos, oder es ist ein schlechter Witz von einem Stammtischbruder – er tobt, oder er lacht – auf alle Fälle bleibt er im Recht ...“

„Ich staune,“ sagte Fred Wietinghoff, lehnte sich weit in den Sessel zurück, kreuzte die Beine, legte die Fingerspitzen der seitlich aufgestützten Arme aufeinander und sah kopfschüttelnd zu ihr auf: „Ich staune! Diese Fülle von Kenntnis in diesem lockigen Köpfchen! Sie müssen sich von sämtlichen in Ihrer Bekanntschaft vorkommenden Wasch-, Koch- und Kinderfrauen die Eheerlebnisse haben erzählen lassen.“

„Ach Gott!“ Gwen blähte verächtlich die feinen Nüstern, „als wenn die upper ten irgendwie anders wären! Höchstens, daß sie den Stammtisch Klub nennen. Aber betrügen tun sie ihre Frauen gerade so!“

„Bis auf die wenigen Anständigen,“ sagte Wietinghoff in seiner gemessenen Art, „die nicht heiraten, um nicht in diese Verlegenheit zu kommen. – Aber darf ich noch eine Bemerkung zu Ihren Ausführungen hinzufügen, mein gnädiges Fräulein? Warum wird dem Mann denn geglaubt, wenn er leugnet, wenn er für alles fadenscheinige Erklärungen hat, wenn er den eklatantesten Beweis seiner Untreue als harmlos hinstellt? Weil die Frauen ja so gerne glauben wollen! Warum fahnden die Frauen denn nach Beweisen? Weil sie sich scheiden lassen wollen? O nein! Weil sie sich beruhigen lassen wollen! Folglich geschieht ihnen eben, was sie wünschen, und sie werden beruhigt. Mit welchen Phrasen, ist ja ganz nebensächlich! Es gäbe ja nichts von einer ähnlich häßlichen nackten Brutalität, als einer eifersüchtigen Frau ins Gesicht zu sagen: Du hast ganz recht, ich liebe eine andere! Pfui, wer das fertig brächte!“

„Warum sind aber Frauen so?“ fragte Gwen mit glühendem Gesicht, „so klein und so – so entsetzlich töricht? Warum lassen sie sich betrügen und freuen sich, wenn sie überdies auch noch belogen werden?“

Wietinghoff legte die Fingerspitzen der etwas erhobenen Hände gegeneinander und überlegte einen Augenblick.

„Vielleicht kann man es mit einem Satz so ausdrücken,“ sagte er mit einem etwas malitiösen Lächeln: „Die Frau liebt immer das am meisten, was ihr am nächsten liegt – und der Mann liebt das am meisten, was ihm am fernsten steht. Oder, wenn man es deutlicher sagen soll: Die Frau liebt den Mann am meisten, der sie am öftesten besessen hat – und der Mann liebt die Frau am meisten, die er nie besitzen wird.“

Ein flüchtiger Schatten von Schwermut glitt über sein Gesicht.

„Wollen wir Bilderbücher besehen?“ fragte er aufspringend. „Haben Sie besondere Lieblinge? Doré oder Rackham? Cornelius oder Bayros? Es ist alles vorhanden.

Sehen Sie, das ist schön. Haben Sie auch so eine Freude daran, Wildleder anzufassen? Oder verstehen Sie wenigstens, daß man eine ganz irrsinnige Freude daran haben kann? Fühlen Sie nur,“ er reichte Mette einen schmiegsamen Band in rotem Leder, „ist das nicht herrlich?“

„Ja, wie Samt!“ sagte Gwendolen boshaft und schaukelte stärker mit den hängenden Beinen.

„Oh, Samt!“ er zuckte unwillig die Achseln. „Diese niederträchtige kleine Person will mich damit ärgern! Es gibt nämlich törichte Leute, die einem solchen Leder schmeicheln wollen und sagen, es ist wie Samt. Dabei hab’ ich direkt etwas gegen Samt. Es gibt mir immer so ein scheußliches staubiges Gefühl an den Fingerspitzen.“

Mette schlug das Buch auf. Ihr Blick fiel auf die grazilen, faltenumbauschten Gestalten eines Zeichners, der in seiner Eigenart auch ihr unverkennbar war.

„Um Gottes willen,“ Wietinghoff legte die beiden Hände mit gespreizten Fingern auf die Seiten des Buches, „Sie sollten den Einband fühlen, aber nicht die Bilder ansehen. Das ist nichts für junge Mädchen. Nachher erzählen Sie der Tante Konsul, ich hätte Ihnen unsittliche Bücher gezeigt. Und dabei hab’ ich lauter Jung-Mädchen-Bücher in meiner Bibliothek und nur dies eine einzige weniger passende – des schönen Einbandes wegen.“

„Sind es Bilder, die man nicht sehen darf?“ fragte Mette ruhig. „Ich kenne eine ganze Menge von ihm und bin immer sehr entzückt davon gewesen.“

„Natürlich darf man sie sehen,“ Wietinghoff zog die Hände fort und richtete sich auf, „es war nur Scherz von mir. Jeder vernünftige Mensch darf sie sehen und wird seine Freude daran haben. Sehen Sie es sich ruhig an. Außerdem ist das Buch eine bibliophile Rarität. Es ist konfisziert – daß man den Zeichner ausgewiesen hat, wissen Sie doch?“

„Nein,“ sagte Mette erstaunt, „ich wußte es nicht. Warum nur?“

Sie ergriff mit Eifer jedes Gesprächsthema, um die Augen von dem Buch aufheben zu können. Sie hatte ein wenig Angst davor, weiter zu blättern, und sie hatte fast noch mehr Angst, prüde und feige zu erscheinen, und es ungesehen wegzulegen.

So lag es also aufgeschlagen auf ihren Knien, und sie sah ein wenig geflissentlich irgendwo anders hin – zum Beispiel in Fred Wietinghoffs ruhiges und beruhigendes Gesicht.

„Warum!“ Wietinghoff zuckte die Achseln. „Vielleicht würde man aus einem Temperenzlerverein auch Kotanyi Janos ausstoßen. Nicht weil er trinkt, aber weil er Paprika fabriziert, und weil Paprika Durst gibt.

Die Menschheit teilt sich in vier Klassen – je zwei dieser Klassen – die extremen – gehören wieder zusammen. Erste Klasse: (Reihenfolge bedeutet keinen Rang, sonst würde ich anders herum anfangen.) Die, die keinen Durst haben und nichts trinken. Die sind glücklich. Zweite Klasse: Die, die Durst haben und nichts zu trinken. Die Revolutionäre. Dritte Klasse: Die, die zu trinken haben, aber keinen Durst. Die Mucker und Bourgeois. Vierte Klasse: Die, die zu trinken haben und Durst haben. Das sind die allerglücklichsten.

Nun gibt es noch zahlreiche kleine Unterabteilungen. Die zum Beispiel, die Durst haben und vor einer Quelle stehen und nicht trinken können, weil sie kein Glas haben. Oder die, die trinken, und nachher Magenschmerzen bekommen. Oder die, die einen ganz gesegneten Durst haben, und doch einmal etwas gepfeffertes essen, damit ihnen der kühle Rheinwein nachher noch besser schmeckt. Oder die, die in einem Weinkeller sitzen und verdursten, weil kein weißer Burgunder da ist. Und dann gibt es Leute, denen der Sekt nur mit Porter schmeckt, oder sogar mit Angostura – die das Süße nur mögen, wenn ein wenig Bitterkeit dabei ist – oder Leute, die den dunklen und den blonden Wein zusammengießen, die dem schweren warmen Bordeaux den dünnblütigen prickelnden Sekt beimengen, um ihn aufschäumen zu lassen ... ach ja, es gibt Trinker auf mancherlei Art, und jeder hält seinen Geschmack für den besten ... hier haben Sie Friedrich den Großen mit Menzel-Zeichnungen, das nimmt sich besser aus in Ihren gedankenvollen Händen. Aber vor allen Dingen steht jetzt da drin unser Tee, sanfter, milder, freundlicher, geistanregender Tee – er wird uns zu ersprießlicheren Gesprächen bringen. Kommen Sie, meine Damen!“ – – –

Ein, zwei Stunden waren vergangen. Gwen war es, und nicht Mette, die zuerst nach der Uhr sah und zum Aufbruch drängte.

Wietinghoff half ihnen in die Mäntel und küßte ihnen dankend die Hände. Sie mußten versprechen, bald wiederzukommen. Mette versprach es gern. Die vornehme Schönheit der Räume hatte es ihr angetan. Und Fred Wietinghoff wirkte gut – wie die meisten Menschen – wenn er sich zwischen seinen eigenen Sachen bewegte. Sie freute sich auf die nächste Plauderstunde. Alle Angst, die sie ursprünglich gehemmt hatte, war verschwunden.

Aber als sie unten die schwere Haustür öffnete, zuckte sie zusammen und wurde blaß vor Schreck.

„Um Gottes willen, Gwen, bleib im Haus! Eben geht dein Onkel vorbei, Senator Börgessen. Wenn er uns sieht! Was sollen wir sagen, wo wir herkommen?“

„Vom Zahnarzt!“ lachte Gwen und schob Mette auf die Straße, „Leute wie Fred Wietinghoff wohnen immer in einem Hause, wo ein Zahnarzt ist. Aber im übrigen – Börgessen! – ausgerechnet Börgessen! Der kann mindestens solche Angst vor mir haben, wie ich vor ihm! Die ganze Stadt weiß, daß er ein Verhältnis mit seiner Köchin hat. Außerdem fährt er alle drei Wochen nach Berlin und verspielt sein Geld – hier kann er das nicht so gut. Sein Geld und Tantes Geld. Arme Tante Fanchette! Aber sie riecht nach Achselschweiß ... prrr! Hast du das noch nicht bemerkt? Und solche Frauen verdienen jedes Schicksal!“

Vorfrühling lag in der Luft.

Stürme hatten gewütet, daß man des nachts nicht schlafen konnte, daß man mit klopfendem Herzen im Bett saß und auf das Klappern der Dachziegel lauschte, auf das Zittern der Fenster, auf das Schlagen der Türen, und mit Bangen an die Schiffe draußen auf See dachte.

Plötzlich hielten die Stürme den Atem an.

So jäh, so ohne Vorbereitung, daß die Stille fast noch unheimlicher war als der Lärm. Die Luft war schwer, voll Sonnenglanz und Süße, und so erfüllt mit einem fremden Duft, als käme sie von Hyazinthenfeldern und hätte nie nach Teer und Fisch und Salzwasser geschmeckt.

Die Leute auf der Straße sahen sich an, als wollten sie sagen: Also bitte, was sagt ihr zu dem Wetter? Und wo zwei Bekannte sich trafen, auf der Straße, in der Bahn, in einem Laden, sprachen sie es aus: Also nein, was sagen Sie zu dem Wetter? Und alle, die es hörten, verbargen mühsam ein Lächeln in ihren hölzernen Gesichtern, weil sie ihre innersten Gedanken ausgesprochen hörten.

Mette konnte das Lächeln nicht verbergen. Diese stille, weiche Luft, die liebkosende Sonne, dieser ganze unwahrscheinliche und unangebrachte Frühling hatte etwas so einschmeichelndes, so betörendes, daß sie ganz erfüllt war von einer warmen Glückseligkeit, die sich einen Ausweg suchte – da sie nicht singen konnte, mußte sie wenigstens lächeln.

Das machte nicht der Frühling allein. Es war auch, daß sie den Frühling ertragen konnte, ohne zu leiden. Ihr war zumut wie einem, der nach langer Krankheit zum erstenmal ohne Schmerzen die Glieder regt und jeden Atemzug als himmlische Gnade empfindet.

„Ich bin gesund,“ sie sagte es sich selbst immer wieder vor wie den Kehrreim eines Liedes: „Ich bin gesund! Ich bin gesund!“ – – –

Gwen und Mette saßen in einem Abteil des rollenden Zuges. Zwei ältere Damen, schwarz, steif und aufrecht, saßen ihnen gegenüber und beobachteten sie scharf.

Von Zeit zu Zeit ging Fred Wietinghoff auf dem Gang vorüber und schnitt Grimassen, mit dem erwünschten Erfolg, daß Gwen fast erstickte vor Lachen.

Wenn sie sich aber notdürftig erholt hatte, bot sie ihrerseits alles auf, um Mette zum Lachen zu reizen.

„Unverschämtheit,“ sagte sie mit gespielter Entrüstung, „sieh nur, wie dieser Mensch jedesmal hereinstarrt, wenn er vorbeigeht. Ich werde mich nächstens beim Schaffner beschweren.“

Mit beleidigter Miene rückte sie das Reisemützchen fester, um sich anzulehnen, und schlug die Beine übereinander.

Aber Mette ließ sich durch nichts aus der Fassung bringen.

„Ach, denk’ nur nicht, er starrt herein, weil du ihm so gefällst!“ sagte sie ruhig, „daß ist entweder ein Verbrecher oder ein Detektiv, der einen Verbrecher sucht. Das sieht man doch sofort.“

„Ach Gott, nein!“ Gwen trieb das Spiel voller Übermut weiter, „mach’ mich nur nicht gruselig! Ich hab’ neulich eine schreckliche Geschichte gelesen – von einem gesuchten Schwerverbrecher, der in Frauenkleidern reiste. Natürlich war er glattrasiert. Aber er hatte einen so starken Bartwuchs, daß er sich zweimal am Tage rasieren mußte.“ Sie sprach leise, aber gerade laut genug, um von scharf gespitzten Ohren verstanden zu werden – dabei streifte ihr Blick mit gewollter Unauffälligkeit das stark beflaumte Gesicht ihres Gegenübers. „Und denke dir, er war allein im Abteil mit einer jungen Frau, auf einer sehr langen Fahrt, und sie sieht – erst denkt sie natürlich, sie täuscht sich – aber sie sieht immer deutlicher, wie bei der Dame, die ihr gegenübersitzt, sich allmählich das ganze Gesicht mit hervorkeimenden Bartstoppeln bedeckt! Das muß doch furchtbar sein – ich glaube, ich wäre vor Entsetzen gestorben, ich habe mir auch fest vorgenommen, nie wieder allein zu reisen. Darum hab’ ich dich auch so gebeten, heute mitzukommen.“

„Ich hab’s ja auch gern getan,“ Mette machte ein sorgenvolles Gesicht, „wenn Emma nur gut auf die Kleinen aufpaßt ... Bubi hat heute morgen wieder so gehustet.“

Das war selbst Gwen zuviel. Einen Augenblick starrte sie in Mettes unverändert ernstes Gesicht, dann prustete sie los, fuhr aber sofort mit dem Taschentuch an den Mund und hustete krampfhaft.

Mette klopfte ihr besorgt den Rücken:

„Wenn du dich nur nicht von meinem Bubi angesteckt hast. Du hast ihn gestern immerzu geküßt.“

Gwen drohte zu ersticken.

„Ich hab’ dir gleich gesagt, Keuchhusten ist so ansteckend – und so gefährlich für Erwachsene!“

Gwen richtete sich auf, erschöpft und tränenüberströmt.

„Meistens tödlich!“ stöhnte sie, „Professor Rabe hat mir auch gesagt: der Keuchhusten, der jetzt grassiert, würde die ganze Stadt entvölkern.“

„Gwen,“ mahnte Mette noch leiser, mit zuckenden Mundwinkeln.

Gwen schob mit der flachen Hand jeden Widerspruch beiseite.

„Alles tödlich,“ sagte sie grabesernst, „alles tödlich!“

Als sie endlich den Zug verließen, blieben sie auf dem Bahnsteig stehen und bogen sich vor Lachen.

Mette sah sich nach dem eben verlassenen Wagen um. Sie hatte sich nicht getäuscht: eine schwarzbeschuhte Hand wischte die Fensterscheibe blank, und eine spitze Nase reckte sich vor. Ein aufmerksamer Blick verfolgte sie.

Gwen hob die Hand, um einen Abschiedsgruß zurückzuwinken. Mette hielt ihr den Arm fest.

„Laß doch,“ Gwen wollte sich losreißen, „ich kann doch Bekannte in dem Zug haben! Was geht das die alten Hexen an? Winke – Winke! Adieu, lieber Zug, fahr’ wohl oder entgleise! Ach nein, lieber nicht, es könnten ja vielleicht auch noch nette Menschen drin sein.“

„Komm jetzt,“ sagte Mette, „Wietinghoff steht da und schließt und schnallt an seiner Reisetasche herum, nur um nicht aufzufallen – ganz wie ein richtiger Detektiv. Wir hatten doch verabredet, daß wir zuerst den Bahnhof verlassen. Komm! Er wirft schon ganz verzweifelte Blicke!“

Sie gingen durch die Sperre und durch den Schalterraum hindurch auf die Straße, die flirrend im Sonnenglanz vor ihnen lag.

Fünf Minuten später trat Fred Wietinghoff, den Hut ziehend, an sie heran.

„Nein, meine Damen, welche Überraschung, daß ich Sie hier treffe!“

„Herr Wietinghoff!“ auch Gwen war sehr überrascht, „was tun Sie denn hier? Darf ich bekannt machen? Herr Wietinghoff – Fräulein Rudloff ... ach nein, kennen tut ihr euch doch wohl schon? Also, meine Freundin besucht nämlich hier eine erkrankte Großtante, und Mama hat mir die Erlaubnis gegeben, sie zu begleiten.“

„Ich denke, du mußtest reisen, und ich habe darum Bubi mit dem Keuchhusten zu Hause gelassen?!“ neckte Mette.

Wietinghoff griff sich an den Kopf:

„Himmel, die Familienverhältnisse scheinen aber ziemlich ungeklärt! Ich mache den Vorschlag, daß wir uns bemühen, alles, was wir von Familie haben, möglichst zu vergessen und zu diesem Zweck erst mal ausgiebig frühstücken!“ – – –

Als sie aus dem Ratskeller wieder ans Tageslicht stiegen, stand auf dem sonnigen Platz eine alte Frau mit einem großen, vollen Veilchenkorb. Fred kaufte zwei Sträußchen und brachte sie den beiden Mädchen.

„Ach, Kinder,“ sagte er dabei und strahlte sie an, „ich möchte euch ja Blumen geben, daß ihr sie nicht mehr tragen könntet – aber es geht nicht – es sieht zu hochzeitsreisemäßig aus!“

Sie wanderten durch die alten Straßen, durch die winkligen Gassen mit vorhängenden Giebelhäusern, über weite hallende Plätze mit schön geformten Brunnen.

Fred Wietinghoff war ein guter Führer. Er wußte Bescheid, und was er nicht kannte, entdeckte er im Augenblick. Seinem scharfen und geübten Auge entging kein geschnitzter Balkon, kein Spruch über den Fenstern, kein altertümlicher Türklopfer.

Die Schatten wurden lang, und der Westhimmel stand schon in roter Glut, da fiel es ihm mit plötzlichem Erschrecken ein:

„Herrgott, daß ich daran nicht gedacht habe! Wir hätten ans Meer fahren müssen, um die Sonne untergehen zu sehen.“

„Ach, ans Meer!“ In Mette kämpften Sehnsucht und Enttäuschung.

„Morgen!“ jauchzte Gwen, „oh, bitte, bitte, laßt uns morgen ans Meer fahren! Wir versäumen den letzten Zug – ich telephoniere nach Hause, oh, Metting, mach’ kein Gouvernantengesicht – dich erwartet ja sowieso niemand. Wir machen heut’ Abend einen gemütlichen kleinen Bummel und fahren morgen ans Meer!“

Fred Wietinghoff hielt sie am Ellbogen fest:

„Erst mal werden hier keine Indianertänze aufgeführt. Im übrigen ist die Idee durchaus akzeptabel. Das heißt, wenn Fräulein Rudloff mittut. Denn ich allein kann weder die Verantwortung für Ihr Betragen, noch für Ihren Ruf übernehmen.“

„Oh, Mette!“ Gwen verdrehte vor Empörung die Augen, „er kann die Verantwortung für mein Betragen nicht übernehmen! Mir geht die Luft weg! Mette, liebe, liebste Mette, fahren wir morgen ans Meer?“

„Mir ist alles recht,“ sagte Mette mit frohmütiger Überzeugung.

Ihr war alles recht. Sie war in einem so traumhaften Glücksgefühl befangen, wie man es nur an fremden Orten haben kann, auf Reisen, wenn der Alltag wie etwas Unwahrscheinliches, Halbvergessenes hinter einem liegt, und fremde Häuser, fremde Mauern, fremde Berge, fremde Seen bunt und eindringlich vor einem aufsteigen, an einem vorüberziehen.

Sie war froh, daß dieser Zustand noch nicht zu Ende sein sollte. Daß sie morgen erwachen durfte, einen Fenstervorhang beiseite schieben und auf eine Straße heruntersehen, die ihr im Morgenlicht ein nie erblicktes Bild bot. Daß sie dann ans Meer fahren wollten ...

Und dann ...?

In eine andere Stadt –

an einen rauschenden Strom –

oder an einen stillen See –

oder in die Berge –

in den keimenden, knospenden Wald –

nur immer weiter. Und nie zurück. Immer dies Gefühl des Losgelöstseins in sich, des Schwebens, der großen Freude, der stillen, genießenden Seligkeit. – – –

„Wenn ich den Damen einen Vorschlag machen dürfte,“ sagte Wietinghoff, „so holen wir jetzt meine Reisetasche vom Bahnhof ab, und Sie bewaffnen sich damit, eh Sie in einem Hotel Unterkommen suchen. Damen ohne Gepäck – das macht sich nicht gut, und Sie können schließlich nicht jedem Kellner und Zimmermädchen die Geschichte von dem versäumten letzten Zug erzählen.“

„Und Sie,“ fragte Gwen.

„Ich borge mir bei einem Bekannten ein Gepäckstück. Wir können jetzt auf dem Wege zum Bahnhof die notwendigsten Übernachtungsrequisiten besorgen – das packen Sie in meine Tasche und begeben sich nach dem Deutschen Kaiser. Ich suche unterdessen meinen Freund Schmidtke auf und borge mir einen vertraueneinflößenden Handkoffer. Nach einer halben Stunde komm’ ich ins Hotel, gehe in den Speisesaal und bin wahnsinnig überrascht, Sie da zu finden. Abgemacht?“

„Herrlich!“ Gwen zappelte schon wieder mit den Füßen vor Vergnügen.

„Stopp, stopp, stopp! Keine Pirouetten und Spitzentänze, wenn ich bitten darf! Ich flehe Sie an, Fräulein Mette, passen Sie auf das Kind auf, die Kleine macht uns im Hotel und in der ganzen Stadt unmöglich – ich weiß gar nicht, ob ich Sie eine halbe Stunde mit ihr allein lassen darf?“

„Das ist nur Ihre Gegenwart, die sie so übermütig macht,“ beruhigte Mette, „wenn sie mit mir allein ist, ist sie ganz vernünftig.“

„So?“ Ein seltsames Zucken glitt um Fred Wietinghoffs Mundwinkel, ein kurzer scharfer Blick flog von Mettes Gesicht zu Gwens. – – –

Die frühe Dämmerung war schon hereingebrochen. Gwen zog die gelben Vorhänge vor die Fenster und drehte alle elektrischen Flammen an – die Krone, die Nachttischlampen, die Birnen über dem Waschtisch und dem Spiegelschrank – daß das große Hotelzimmer ganz in Licht gebadet war.

„So hab’ ich’s gern.“ Sie zog die Schultern hoch wie ein schnurrendes Kätzchen. „Licht und Wärme muß ich haben.“ Sie prüfte die Zentralheizung unter den Fenstern, der sengende Glut entstieg. „So ist es schön! Nur kein kaltes Schlafzimmer! Zu Haus wird mir sowieso die Heizung abgedreht, weil Mama es für ungesund hält, warm zu schlafen. Wenn ich verheiratet bin, muß mein Schlafzimmer warm sein wie ein Treibhaus, damit ich ohne Hemd und ohne Decke schlafen kann!“

Sie öffnete Wietinghoffs Reisetasche und nahm die kleinen Einkäufe heraus. Als das geschehen war, stöberte sie ganz selbstverständlich weiter.

„Was er da alles drin hat! Herrliche Seife, riech mal, Mette! Die könnten wir eigentlich hierbehalten. Und Mundwasser auch. Rasiercreme – brauchen wir nicht. Herrgott, wieviel Bürsten denn noch! Schön, die Wildlederslippers – daß ich keine Pantoffeln da habe, ist mir eigentlich am unangenehmsten; ich hasse es, mit bloßen Füßen auf Hotelteppichen herum zu laufen. Ich muß doch sehen, was er für Pyjamas mit hat. Violett mit weiß. Ganz hübsch. Möchtest du Pyjamas tragen? Ich denk’ sie mir ziemlich unbequem. Aber morgens zum Frühstücken find’ ich sie sehr nett. Weißt du, ich glaube, sie sind für häßliche Leute kleidsamer als für hübsche. Schon weil man Hals und Arme nicht sieht. Ich möcht’ doch einmal einen anziehen, um zu sehen, ob er mir steht, bleu électrique vielleicht. Und du müßtest einen erdbeerroten haben, aber nicht ‚fraise‘, sondern erdbeerrot – nach den deutsch-französischen Farbenbezeichnungen müßte man eigentlich die Franzosen für farbenblind halten – aus fraise écrasée machen wir fraise und wundern uns, daß wir noch nie im Leben fraisefarbene Erdbeeren gesehen haben. Ist es dir noch nie passiert, daß dir ein Ladenfräulein gesagt hat: ‚In blau haben wir das nicht, höchstens in bleu.‘? Ach, die Welt ist zu idiotisch. Ich habe so Lust auf guten Alkohol. Was trinkst du eigentlich am liebsten? Willst du das rechte Bett oder das linke? Ich glaube, ich muß mir die Haare noch mal machen. Soll ich das Mützchen aufbehalten? Es sieht vielleicht am ladylikesten aus. Findest du eigentlich, daß ich ladylike aussehe? Ach doch, nicht? Bist du fertig? Wollen wir hinunter? Woher kommt es, daß deine Haare immer tadellos sitzen? Du hast auch nicht soviel kurzes wie ich. Seh’ ich anständig aus? Von hinten, von vorn, von allen Seiten? So, dann gib’ mir noch einen Kuß und komm!“

Auf der Treppe kehrte Gwen noch einmal um.

Sie schwenkte Mette den Zimmerschlüssel entgegen, ehe sie ihn in ihr Handtäschchen gleiten ließ.

„Den Schlüssel! Ich hab’ ihn abgezogen – schließlich braucht nicht jeder eine Herrentasche mit Rasierzeug und Pyjamas bei uns zu finden. Fred soll sie rausholen, sobald er kommt.“

Mette fürchtete sich ein wenig vor dem großen, hellen Speisesaal. Sie hatte es völlig verlernt, sich einen Tisch auszusuchen, mit Kellnern zu verhandeln, eine Weinkarte zu prüfen. Es stand ihr wie ein Examen bevor. Und das schlimmste war, daß sie sich nicht verraten durfte und die Beantwortung dieser Fragen mit einem ‚wir erwarten noch jemand‘ hinausschieben.

Als sie eintraten, fiel ihr erster Blick in einen Spiegel, und in diesem Spiegel sah sie Fred Wietinghoffs Gesicht. Er sah über eine Zeitung hinweg, die er in beiden Händen hielt, seine Augen, groß und offen und von tiefem leuchtenden Blau, sahen ihr entgegen und grüßten sie. Und von seinem Blick, von seinem festen hellen Gesicht ging ein Strom von Ruhe und Sicherheit aus.

Wie gut, daß er da war! Wie gut, daß er da war!

Jetzt sah sie auch vor dem Spiegel seine breiten Schultern, seinen blonden Kopf.

Gwen fing an zu kichern und stieß Metten an. Sie machte eine Bewegung, als wollte sie auf ihn zueilen und ihn durch einen Schlag auf die Schulter aufschrecken.

Mette hielt ihren Arm fest.

„Er hat uns gesehen,“ sagte sie leise, „komm ruhig an ihm vorbei.“

Mette hörte das Stuhlrücken hinter sich und seine raschen großen Schritte.

Sie begrüßten sich wieder voller Verwunderung. Wietinghoff suchte einen größeren Tisch – er hatte sich absichtlich an einen ganz kleinen gesetzt – und beauftragte den Kellner, seine Sachen herüberzubringen.

Er wählte mit Bedacht ein kleines Abendessen, einen edlen Wein.

„Nachher trinken wir Sekt,“ sagte er, als der Kellner außer Hörweite war, „ich werde natürlich in seiner,“ mit einer Schulterbewegung, „Gegenwart auf diese Idee kommen: ‚Aber ich bitte Sie, meine Damen, diese Begegnung müssen wir doch mit einer Schampus feiern!‘ Klingt es nicht ganz glaubwürdig?“

„Sehr,“ bestätigte Mette lachend.

„Herrgott, die Tasche.“ Gwen hob erschrocken die Hand vor den offenen Mund und sah mit runden entsetzten Kinderaugen von einem zum andern. „Fred, Sie müssen Ihre Tasche aus unserm Zimmer holen! Was soll denn das Zimmermädchen von uns denken? Aber lassen Sie sich nicht erwischen, sonst werden Sie noch als Einbrecher verhaftet! Das wär’ eigentlich ein herrlicher Witz! Passen Sie auf, ich will Ihnen unauffällig den Schlüssel zustecken!“

Sie kramte in ihrer Tasche, die sie unter dem Tisch auf ihrem Schoß hielt, zog den Schlüssel heraus, krampfhaft bemüht, ihn in ihrer kleinen Faust verschwinden zu lassen, und schob die geschlossene Hand über den Tisch.

Wietinghoff nahm ihr den Schlüssel ab, ließ ihn in die Hosentasche gleiten und bog sich vor Lachen mit dem Stuhl zurück.

„Wundervoll,“ sagte er und zeigte sehr vergnügt seine festen weißen Zähne, „jetzt hat das ganze Lokal gesehen, wie Sie mir unauffällig den Zimmerschlüssel zugesteckt haben! Na, mir soll’s recht sein! Ich fühle mich nicht weiter kompromittiert. Niedlich genug sehen Sie aus!“

Er sagte es etwas geringschätzig, mit einem spöttischen Zucken um den Mund. Aber unter gesenkten Augenlidern hervor lief ein Blick über Gwen hin, der etwas Vertrauliches, Taxierendes und zugleich Brennendes und Einsaugendes hatte.

‚Was soll ich hier?‘ dachte Mette in plötzlicher Qual, ‚warum muß ich Zeuge ihrer Verliebtheit sein? Bloß, weil sie ihren Ruf wahren wollen? Lächerlich. Sie sind sicher schon hundertmal allein zusammen gewesen. Sie können nicht Angst haben, daß etwas geschehen könnte, was noch nicht geschehen wäre. Diese beiden Menschen kennen einer den andern ganz und ohne Rückhalt. Ich hab’ es vor Monaten schon gewußt. Wie konnte ich es wieder vergessen? Was soll ich hier?‘

Fred Wietinghoff goß die Gläser voll.

„Auf gute und ehrliche Kameradschaft!“ sagte er.

„Darauf trink ich mit!“ Mette hob ihr Glas.

Wietinghoff suchte ihren Blick mit ernsten und offenen Augen.

„Sie sind der geborene Kamerad,“ sagte er herzlich. „Treu, klug, verschwiegen und kühn. Wissen Sie – man sieht oft Menschen in einer anderen Zeit, unter anderen Schicksalen – sozusagen in einer anderen Rolle. Wenn ich Sie sehe, denke ich immer tausend Jahre zurück, Minnesänger- und Ritterzeit, und dann seh’ ich Sie in Knappentracht Ihrem auserwählten Liebsten folgen – es gibt solche Gestalten in den alten Liedern und Sagen, und sie haben mich schon in meiner Knabenzeit immer mit Rührung und Bewunderung erfüllt. So ein Heldenmädchen, das ganz ohne Ehrgeiz, nur aus Liebe, alle Strapazen erträgt, an allen Ruhmestaten seinen Anteil hat, geneckt und gelobt wird, aber niemals den Lohn der Leidenschaft empfängt – bis es einmal im Gewühl des Kampfes Hieb oder Stich empfängt und der Ritter selber auf beiden Armen seinen treuen Knappen ins Zelt trägt und aus dem Knabenwams einen weißleuchtenden Frauenleib ans Licht schält.“

„Findest du nicht, daß er Talent hat?“ neckte Gwen. „Er sollte doch unter die Dichter gehen. Und was bin ich? Äußern Sie sich, Herr Wietinghoff, in welcher Rolle belieben Sie mich zu sehen?“

„Sie sind absolut eine Ausgeburt des zwanzigsten Jahrhunderts,“ gab Wietinghoff fast verächtlich zurück, „albern und frühreif, verderbt und kindlich, putzsüchtig, anspruchsvoll ...“

Gwen zappelte mit den Füßen und öffnete den Mund zu einem ungezogenen Schreien.

Wietinghoff beeilte sich, sie zu beschwichtigen.

„Aber süß,“ sagte er hastig, ängstlich, „ganz entzückend dabei, unwiderstehlich, bezaubernd, berückend, betörend.“

„Scheint so,“ lachte Gwen, „Sie hab’ ich jedenfalls betört, denn Sie sind furchtbar töricht. Prost, Kinder – ich finde den Wein herrlich und das Leben wunderschön.“

Mette trank ihr zu. Der Wein goß warme Ströme durch ihre Nerven.

‚Kamerad,‘ dachte sie, ‚schönes, liebes Wort. Kamerad! Das möcht’ ich sein, und das kann ich sein. Kameradschaft. Das ist mein Reichtum und meine Stärke. Aber noch nie hat sie jemand von mir verlangt. Ich kann diesem kleinen Mädchen Kamerad sein und kann’s diesem Mann sein – ob die beiden nun andere Beziehungen miteinander haben, geht mich gar nichts an – es berührt mich gar nicht. Seltsam – noch nie hat mich jemand zum Kameraden haben wollen – nicht einmal Olga. Und dabei ist mir, als wäre mir durch dies Wort ein Schlüssel zu meinem Innern gegeben, daß ich in mich selbst hineinsehen kann und erkenne, was in mir ist. Ich will Fred Wietinghoff immer dankbar sein, daß er mir dieses gute Wort gesagt hat.‘

Die frohe Stimmung hielt bei allen an. Manchmal lachte Gwen so ausgelassen, daß Wietinghoff oder Mette sie zur Ruhe verweisen mußten. Manchmal flog ein Scherzwort hin und her, das Mette nicht verstand. Aber es quälte sie nicht mehr. Ein guter Kamerad mußte sich vertrauensvoll und geduldig in alles schicken. Mußte überhören können, was er nicht zu wissen brauchte. Und mußte mit immer wachen, hundertfach geschärften Ohren hören, wenn ein Notruf an ihn erging. – – –

Auf dem Türgang sagte Fred Wietinghoff ihnen gute Nacht. Er küßte beiden lange die Hand, und keiner um einen Herzschlag länger als der andern. Aber Gwens Finger hob er an die Lippen und sah ihr dabei in die Augen, eindringlich und wie beschwörend. Über Mettes Hand beugte er tief den Kopf. – – –

„Morgen fahren wir ans Meer!“ Gwen tanzte übermütig durchs Zimmer. „Mette, süße Mette, ist das Leben nicht schön? Und ist es nicht entzückend, mit Fred zu bummeln und zu reisen? Bist du nicht entzückt von ihm? Ach, etwas doch, mir kannst du es ruhig zugeben, ich bin nicht eifersüchtig! Nur ausschalten laß ich mich nicht – aber sonst ... Du bist ja doch ein bißchen in ihn verliebt, sag’ es nur ruhig.“

„Ich glaube, du bist ein bißchen beschwipst, kleine Maus,“ sagte Mette lächelnd, „es ist höchste Zeit, daß du in dein Bettchen kommst.“

„Ja, höchste Zeit – höchste Zeit,“ trällerte Gwen leise. Sie zog sich aus, während sie in der Stube herumtanzte, und streute ihre Sachen auf alle vorhandenen Stühle und Tische. „Müde bin ich zwar gar nicht ... bist du müde, Metting? Hoffentlich nicht.“

„Warum nicht? Was hast du denn noch vor?“

„Ach, ich geh’ heut Abend noch auf den Ball mit dir ... auf den Federball ... habt ihr das als Kinder auch immer gesagt? Blöd, nicht? Alle Kinder haben dieselben dummen Redensarten und finden sie tausendmal hintereinander immer wieder witzig. Und wenn man älter wird, mag man die besten Witze nicht zweimal hören und die schönsten Gerichte nicht zweimal essen. Eigentlich traurig, nicht? Oder? Fred Wietinghoff würde sagen: der ewige Hunger nach neuem peitscht uns vorwärts. Sonst würden wir uns wie Karusselpferde im Kreis herumdrehen. Also, gepriesen sei der Drang nach Abwechslung! Was machst du nur so ewig, Mettika? Ich steige gleich ins Bett.“

Sie stieg aber trotzdem nicht gleich ins Bett, sondern lief im Hemd im Zimmer hin und her, hatte dort etwas zu ordnen und hier etwas zu suchen und verbrachte die Zeit mit Geschwätz und Getändel.

Mette lag schon im Bett: „Du wirst dich erkälten,“ sagte sie kopfschüttelnd, „wie kann man so herumtrödeln? Du warst doch schon vor einer halben Stunde fertig. Dreh’ die überflüssige Beleuchtung aus und kriech’ ins Bett.“

Gwen reckte die nackten Arme über den Kopf.

„Ich hab’ eine solche Unruhe in mir,“ klagte sie. „Begreifst du denn das nicht? Ach Mette, du tust ja nur so, als ob du von Eis und Schnee wärst. Fühlst du denn nicht, wie der Wein durch deine Adern geht und dir immer von unten gegen das Herz stößt, immer so.“ Sie schlug ruckweise mit der geballten Faust gegen die Brust. „Und fühlst du nicht, daß es da draußen Frühling wird? Hast du keine Wurzeln mehr in der Erde, daß du nicht fühlst, wie der Saft in dir gärt ... in dir, wie in jedem Baum und Strauch ...“

Sie blieb neben dem Schrank stehen und legte die Arme, die Schläfe an das glatte Holz:

„Manchmal glaub’ ich, diese armen mißhandelten, zersägten, behobelten Bäume haben noch einen Rest Leben in sich – und im Frühling, wenn die große Orgie sich vorbereitet ... dann fängt es an, noch in dem armen polierten Holz zu pulsen und zu zucken – fühl’ nur, es ist wie ein leiser Herzschlag drin, und dann denk’ ich, die Möbel freuen sich an mir – sie fühlen mein Leben aufschäumen, und das gibt ihnen Lust und Ruhe – Mette!“ – Sie war mit ein paar Sprüngen auf dem Bettrand und faßte Mette rüttelnd an den Schultern. „Bist du lebloser als das tote Holz? Das ist nicht wahr und das glaub’ ich dir nicht!“

Sie schlang die Arme um Mette und wühlte den Kopf neben ihr in die Kissen.

„Warum magst du mich nicht, Metting?“ flüsterte sie ihr ins Ohr. „Sag’ mir, ist es, weil du Fred liebst? Es ist nicht wahr, daß du nie eine Frau geliebt hast. Es ist auch nicht wahr, daß du mich nicht lieben könntest ...“

„Lieben,“ sagte Mette tonlos, „was nennst du lieben.“

„Lieben nenne ich selig machen ... und selbst dabei selig sein ... alles andere nenn’ ich Freundschaft oder Anbetung oder Schwärmerei, ja, am besten Schwärmerei. Ich will wissen, was du gegen mich hast!“

Sie kniete auf dem Bettrand und riß sich wie eine Rasende das Hemd von den Schultern.

„Du sollst mich jetzt ansehen! Du mußt mich jetzt ansehen! Wo hab’ ich irgendeinen Fehler, der dich abstößt?“

„Du bist sehr schön,“ sagte Mette mit gequältem Lächeln.

„Ach, und du erst,“ Gwen warf sich über sie und küßte ihr Mund und Augenlider, Hals und Wangen.

‚Ich will nicht,‘ dachte Mette, ‚sie ist mir anvertraut, und ich rühre sie nicht an. Ich bin sein Kamerad ... ich bin sein Kamerad ...‘

Rosenrote Wellen hoben sich. Sie stiegen ihr bis zum Herzen, bis zum Hals, bis über die Augen. Das Zimmer schien zu schwanken, wie in zitternden Atemzügen, wie in ruckweisen Herzstößen.

Plötzlich war alles still, hell, es war wie blendendes Licht, und wie ein schmetternder Hornstoß.

Vielleicht hatte ganz leise eine Diele geknarrt.

Mette fuhr auf, wach, nüchtern.

Irgend etwas war im Zimmer, was vorher nicht da gewesen war.

Ein violetter Fleck. Und darüber Fred Wietinghoffs Gesicht.

Fred Wietinghoffs Augen. Brennend. Gierig. Ganz unverhüllt, wie die Augen brünstiger Tiere – ganz nackte Augen.

Mette schrie nicht auf.

Sie schleuderte den weichen Körper von sich, der würgend auf ihr lag.

Ein Wort stieg in ihr auf und verließ sie nicht mehr. Es war das einzige Wort, das sie denken konnte, und das ihre Gedanken unablässig wiederholten:

‚Abgekartet. Alles abgekartet.‘

Sie richtete sich auf und griff nach ihren Kleidern.

In diesem Augenblick stürzte Wietinghoff auf sie zu.

„Mette,“ stammelte er, „Süßeste.“

Da schlug sie ihm mit der flachen Hand ins Gesicht.

Er war auf Widerstand gefaßt gewesen, auf Stoßen, Kratzen, Beißen – er hätte sie lachend bezwungen.

Der Schlag ließ ihn zurücktaumeln.

Mette schlüpfte in ihre Bluse.

‚Abgekartet,‘ dachte sie, ‚abgekartet.‘

Sie knüpfte die Bänder des Unterrocks. Ihre Hände zitterten nicht, trotz der wahnsinnigen Hast. Erst als sie angezogen war, warf sie einen flüchtigen Blick auf Wietinghoff.

Auf seinem blassen Gesicht brannte die Spur ihrer Hand wie ein feuriges Mal. Über seinen Augen lagen die breiten zitternden Lider.

Ein seltsames Gefühl stieg in Mette auf. Eine rasende Freude: ‚ich habe ihn gut getroffen.‘ Und dann eine dämmernde Erkenntnis: ‚es ist das erstemal, daß ich dies schöne Gesicht berührt habe – dies schöne Gesicht.‘

Nie hatte sie mit einem Gedanken daran gedacht – aber ihr war, als hätten ihre Hände sich immer danach gesehnt, dies Gesicht zu streicheln.

Ein namenloses Weh quoll in ihrem Herzen. So, als hätte sie etwas Schönes und Kostbares besessen, und sähe es zum erstenmal, da es ruchlos zerstört und zerbrochen vor ihr lag.

Sie ging ruhig im Zimmer hin und her und holte ihre Sachen zusammen. Wenn sie an Fred Wietinghoff vorüber mußte, machte sie einen Bogen. Er sah sie nicht an, aber er fühlte es und zuckte zusammen.

Gwen war auf ihr Bett gekrochen. Sie saß nackt und rosig auf dem großen Federbett, hatte die Schultern hochgezogen und spielte verlegen mit ihren Zehen.

Die Tür nach dem Nebenzimmer stand offen. Es war die Tür, durch die Fred Wietinghoff gekommen war.

‚Abgekartet,‘ dachte Mette, ‚abgekartet.‘

Sie ging in Hut und Mantel auf die Tür zu. Als sie die Klinke in der Hand hielt, blieb sie stehen.

„Ich werde in das Zimmer nebenan gehen,“ sagte sie ruhig, „ich habe keine Lust, jetzt in der Nacht das Hotel zu verlassen. Um sieben Uhr werde ich gehen und die Tür vom Korridor offen lassen.“

Wietinghoff drehte sich um.

„Gnädiges Fräulein,“ sagte er heiser.

In seinem blassen Gesicht standen seine dunklen Augen wie zwei offene Wunden.

Mette zog die Tür hinter sich zu und riegelte hart ab.

Sie drehte das Licht nicht an.

Sie wußte und fühlte es: überall lagen Sachen – fremde Sachen – seine Sachen.

Nach einer ganzen Weile hörte sie Stimmen von nebenan, hin und her, gedämpft und unterdrückt, aber doch vernehmlich.

‚Lieber Gott, was werd ich noch alles hören,‘ dachte sie, ‚lieber Gott, gib mir Kraft, gib mir Kraft. Laß mich sterben, wenn du kannst, aber laß mich nicht wahnsinnig werden, daß ich nicht irgend etwas tue – irgend etwas ganz Furchtbares ...‘

Aber das Schlimmste war der Duft, der über dem Zimmer lag. Der Hauch der Zigarette, der feine Geruch des Juchtenleders, der Duft der Seife, des Essigs.

Mette machte das Fenster weit auf und schob sich einen Stuhl zwischen die Flügel. Die Nacht war kalt, Mette zitterte, so fest sie sich auch in ihren Mantel wickelte.

Sie dachte an die Stadt, die sie verlassen würde. Wo nun hin – wohin?

Sich weiter hetzen lassen, heimatlos, ruhelos, jeder Begierde ein Freiwild?

Oder sterben?

Ja, wenn sie an den Schlaf hätte glauben können.

Aber sie fühlte in dieser Stunde stärker als je, unleugbar, unantastbar das Unzerstörbare in sich.

Sie wurde demütig vor dem, was sie in sich trug, wie eine Mutter in Demut ein fremdes Leben in sich fühlt.

‚Meine arme Seele,‘ sagte sie leise, ‚was hab’ ich dir getan? Warum hab’ ich nie daran gedacht, dich zu pflegen und dir zu helfen? Warum wollt’ ich dich immer nur auf die Wanderschaft schicken, immer in den kalten Sternenraum hinein? Arme Seele – wozu hab’ ich dich denn, wenn du nur leidest an mir, und ich an dir! Einmal werd’ ich es wissen – einmal werd’ ich alles erfahren. Ich möchte nicht sterben, nein, ich möchte nicht sterben, eh ich nicht weiß, warum ich gelebt habe.‘

Eccarius fiel ihr ein: Niemand darf sterben, ehe er den Tod nicht lieb gewann.

‚Nein, ich liebe den Tod nicht. Ich fürchte ihn nicht, aber ich liebe ihn nicht. Ich will ihn lieb gewinnen. Ich will leben, um den Tod lieb zu gewinnen. Vielleicht ist es das, warum wir leben müssen. Und vielleicht ist es das, warum wir leiden müssen.‘

Die Stimmen nebenan waren zur Ruhe gegangen. Der fremd-vertraute Duft war aus dem Zimmer entwichen.

Am Himmel erblaßten die Sterne vor dem ersten fahlen Dämmerlicht des aufsteigenden Märzmorgens.

Ende des zweiten Buches

Askanischer Verlag Berlin SW

In unserem Verlage erschien Anna Elisabet Weirauch

Der Skorpion Ein Roman Erster Band

„Der Skorpion“ behandelt mit Unerschrockenheit und Klarheit ein Thema, welches selten, vielleicht nie zum Gegenstand eines Romans gemacht worden ist: Das Problem der gleichgeschlechtlichen Liebe.

Es wird die Geschichte der Liebe, der Leidenschaft zweier junger Mädchen erzählt, die beide reizvolle, geistig hochstehende Menschen sind. Sie wird erzählt von den ersten Anfängen einer schwärmerischen Sympathie, mit allen innerlichen und äußerlichen Kämpfen, allen Qualen und Seligkeiten bis zur Katastrophe der Trennung, des gewaltsamen Todes der einen und darüber hinaus.

Sie wird erzählt ohne jede Tendenz, ohne zu schmähen und ohne zu verherrlichen, in wundervoller dichterischer Sprache, die nie auch nur die Grenzen des Unschönen streift, nicht in der Absicht, eine Lanze zu brechen oder Sensation zu erregen, nur in der Absicht, Vorgänge zu schildern, die sich – manchem unerklärlich – tausendmal unter unsern Augen abspielen, und die nicht aufhören zu existieren, dadurch, daß man sie verschweigt.

Schön gebunden 15,– Mark Zu beziehen durch alle Buchhandlungen

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