Der Skorpion
Reading edition
Ein Roman
Qui vivens laedit Morte medetur
Erster Band
Askanischer Verlag Berlin 1919
«Vous que dans votre enfer mon âme a poursuivies, Pauvres sœurs, je vous aime autant que je vous plains, Pour vos mornes douleurs, vos soifs inassouvies, Et les urnes d’amour dont vos grands cœurs sont pleins!» Baudelaire.
Wenn ich ehrlich sein soll – daß ich durchaus Melitta Rudloffs Bekanntschaft machen wollte, geschah ihres schlechten Rufes wegen. Die geraden, gesunden und reinlichen Durchschnittsmenschen hatten für mich keine Bedeutung. Ich suchte die Kranken, die Verlorenen, die Ausgestoßenen. – Ich suchte sie mit geteiltem Gefühl, und – seltsam, wie wir Menschen nun einmal sind – ich bin stolz darauf, daß ich sie suchte mit der klaren und kalten Freude des Forschers, daß ich sie suchte, um sie zu vivisezieren, zu analysieren, sie in Systeme einzuschachteln – und ich schäme mich ein bißchen, zu gestehen, daß ich sie suchte in dem überheblichen Wahn, helfen zu können, bessern zu können – sie mit reinen und gütigen Händen hellere Wege zu führen.
Es geschah durch Tante Antonie, daß ich zuerst von Melitta Rudloff erzählen hörte. Tante Antonie war eine sehr fromme und ehrenwerte Frau, und Lüge und Verleumdung lagen ihr fern. Sie sah die Dinge mit scharfen Augen, aber sie sah sie von ihrem unverrückbaren Standpunkt aus.
Nach diesen Erzählungen hatte Melitta – oder Mette, wie sie genannt wurde – als Kind schon einen sonderbaren Hang zum Lügen und Stehlen gezeigt. Auf der Schule galt sie als dumm und faul. Als junges Mädchen lief sie einer merkwürdigen Frau nach, einer Hochstaplerin mit ausgesprochen männlichem Gebaren. Vielleicht verführt von dieser Freundin, von der sie nebenbei späterhin hinausgeworfen wurde – stahl sie im väterlichen Hause das Silberzeug und trug es aufs Leihamt. Nach einem Tobsuchtsanfall, bei dem sie ihre Tante, die treue Pflegerin ihrer mutterlosen Kindheit, erwürgen wollte, wurde sie zu ihrem Onkel nach einer kleinen Stadt gebracht. Dort stahl sie, was im Hause nicht niet- und nagelfest war, erbrach schließlich auf raffinierteste Weise den Schreibtisch, entwendete eine größere Summe Geldes und entfloh.
Ihr Vater, eine feinsinnige Gelehrtennatur, überlebte die Nachricht von diesen Geschehnissen nicht lange – er wurde vom Schlage getroffen.
Mettens Mutter war bei ihrer Geburt gestorben. Wie Jürgen von Seyblitz stets bitter zu sagen pflegte: „Zum Glück“.
Mette war nicht dieser Meinung. Sie hatte eine phantastische Vorstellung von der Wesenheit einer Mutter und glaubte immer, daß der frühe Tod der ihren alles Unheil ihres Lebens verursacht hätte.
Ich meinesteils weiß nicht, welcher Ansicht ich mich anschließen soll. Ganz sicher hätte Mette nicht eine so trübe und freudlose Kindheit gehabt, wie unter Tante Emiliens knochigen Fingern – aber selbst die weichste Mutterhand hätte die schwersten Kämpfe ihres Lebens nicht von ihr fernhalten können. Und wenn ich an diese Zeiten denke, begreife ich Onkel Jürgens „Zum Glück“ recht wohl. Vielleicht hatte er ein besseres Bild von seiner Schwester, als Mette es von ihrer Mutter haben konnte.
Wenn ich nun versuchen will, zu erzählen, was ich von Mette Rudloff und von ihren Beziehungen zu Olga Radó weiß, so muß ich fürchten, falsch gedeutet zu werden. Ich habe keinerlei Ähnlichkeit mit Peterchen, unserem gemeinsamen kleinen Freund, den Olga Metten gegenüber in herzlichem Spott „Unser Baudelairechen“ zu nennen pflegte. Peterchen war bei allem, was seine Freunde betraf, mit überschwenglichem Gefühl beteiligt. Ich sehe ihn noch immer mit seinen aufgeregten Schrittchen durch sein Zimmer hin und her laufen und flammende Reden führen. Er machte Welt und Vorwelt verantwortlich für Olgas Tod und Mettens Leben. Wenn es nach ihm gegangen wäre – er hätte ein Gemälde entworfen, auf dem er Olga und Mette mit schimmernder Gloriole umgeben und Jürgen von Seyblitz und Tante Emilie und Frau Flesch und noch einige andere, die er nicht leiden konnte, an den Pranger gestellt hätte. Er hätte sich mit dem Stock des Ausrufers auf den Markt begeben und auf seine Heiligen gedeutet und geschrien: Seht her, so sind sie, die Verfemten, die Verworfenen, die ihr haßt und verachtet und fürchtet – und nicht kennt!
Nach allem, was ich von Olga Radó weiß, hätte er ihr damit einen schlechten Dienst erwiesen. Was ihr die meiste und glühendste Feindschaft eingetragen hat, war nicht ihr lasterhaftes Leben, ihre Verschwendungssucht, ihre unnatürlichen Leidenschaften – nicht einmal ihr Geist oder ihre Schönheit – nein, es war ihr grenzenloser Hochmut.
Sie haßte es, verallgemeinert zu werden. Und wir alle, die wir sie kannten, haben hundertmal aus ihrem Munde das Wort gehört – so oft, daß es zur scherzhaften Redensart bei uns wurde:
„Bitte! Nix ihr, nix euch!“
Ich habe keine Ähnlichkeit mit Peterchen. Ich bin nicht dazu geschaffen, zu verteidigen oder anzuklagen. Ich verfolge keinen Zweck, wenn ich etwas erzähle. Ich habe keine Ziele und keine Absichten, nicht einmal eine Meinung oder ein Urteil, und kaum ein Gefühl. Keine andere Absicht, als Bilder und Worte, die unendlich flüchtig vorüberrauschen, mit allen Sinnen festzuhalten, und sie in Form zu bannen, und kein ander Gefühl, als die weltabgewandte, weltaufsaugende Hingabe, mit der der Zeichner den Silberstift über das Papier führt.
Einmal war Mette einen Sommer lang bei ihren Großeltern auf dem Gut. Vielleicht war es dieser Sommer, der ihr den irrsinnigen Hang zum Leben ins Blut goß. Woher hätte sie sonst auch wissen sollen, daß das Leben mitunter schön sein konnte? Immer, wenn sie in späteren Jahren sich nach Glück sehnte, hatte sie die qualvoll-süße Vorstellung von einem Glücksgefühl, das sie ganz erfüllt hatte, als sie auf einer blühenden Wiese lag und das Blau des Himmels zwischen säulenhohen Grashalmen sah, als der heuduftende Wind über ihr sonneglühendes Gesicht blies, und Tausende von Bienen und Hummeln und Wespen in der Luft läuteten, wie tiefe und hohe, ferne und nahe Glockenstimmen. Wann hätte das sein können, wenn es nicht in jenem Sommer war?
Oh, es war so viel Herrliches in jenem Sommer gewesen.
Da war ein Gartenhäuschen gewesen, aus Birkenstämmen und borkebenagelten Brettern. Und von der Birkenrinde konnte man eine dünne, durchsichtige Haut abziehen. Sie zerriß leicht, und es war sehr schwer, aber auch sehr ehrenvoll, ein großes Stück unversehrt loszulösen.
Dies Gartenhäuschen hatte Glasfenster nach allen Seiten. Und jedes Fenster hatte einen Rand, einen Rahmen gleichsam, von kleinen Vierecken aus Buntglas. Da konnte man die Welt in allen Farben sehen.
Immer sah Mette zuerst durch das blaue Glas. Da lag alles in einem geheimnisvollen Dunkel, alles wurde still und weit, die Sonne stand strahlenlos am Himmel wie der Mond – es war wie eine Nacht aus dem Märchen, und über die blauen Wiesen, unter den blauen Bäumen, hätten Elfen mit wehenden Schleiern tanzen müssen.
Dann kam das grüne.
Da leuchteten die Bäume und Wiesen wie von innerem Licht. Aber die apfelgrüne Luft war voll Unheil geladen, und die schweren dunkelgrünen Wolken waren zum Bersten belastet mit furchtbaren Dingen.
Dann war ein goldgelbes.
Man muß nicht etwa denken, daß der Garten hell und heiter aussah im goldfarbenen Licht. Das Grün war fahl und wie verbrannt, die Luft schien gewitterig. Es war so, wie es ganz gewiß am jüngsten Tag aussehen mußte, wenn die Erzengel in die Posaune stießen, wenn Teufel mit Fledermausflügeln durch die Luft schwirrten, und die Gräber sich auftaten.
Zuletzt kam das rote, weil es das schönste war. Es war so schön und so schrecklich, daß Mette jedesmal Herzklopfen bekam. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte die Welt ganz gewiß immer so ausgesehen. Die Bäume so dunkel wie Blutbuchen, und die Wiesen so glührot, der Himmel so brennend mit tiefpurpurnen Wolken.
Wenn man dann wieder durch das klare Glas sah, war alles unsagbar fad und nüchtern und blaßfarbig. Trotzdem – man konnte erleichtert aufatmen. Alles Unheimliche war geschwunden – in einer Welt, die so hell und harmlos und ein bißchen langweilig aussah, wo es keine blauen Wiesen und keine purpurnen Bäume gab – da gab es auch keine Feen und Teufel, da gab es nichts, wovor man sich zu fürchten hatte.
Manchmal, in späteren Jahren, dachte Mette darüber nach, ob sie dies alles damals schon in klar ausgesprochenen Gedanken gedacht hatte. Und dann rechnete sie nach, und es schien ihr, als wäre sie damals noch viel zu klein gewesen. Aber später hat sie ja nie mehr durch die bunten Glasscheiben in dem Birkenhäuschen sehen können; denn in dem Winter, der auf jenen Sommer folgte, starb der Großvater, das Majorat ging auf den Erben über, und die Großmutter zog zu ihrem Bruder nach Güstrow.
Die Großmutter schwankte damals lange Zeit. Trotz ihrer Abneigung gegen die große Stadt wäre sie damals gern zu ihrem Schwiegersohn gezogen, um der kleinen Mette nahe zu sein. Aber sie wagte es nicht, den Kampf mit Tante Emilie aufzunehmen.
Tante Emilie war viel zu musterhaft, als daß nicht jeder andere sich überflüssig gefühlt hätte. Und Tante Emilie von ihrem Posten vertreiben – um Gottes willen! Dazu gehörte eine kampflustigere Persönlichkeit als es Conrad von Seyblitz’ arme, kleine Witwe jemals war.
Die Großmutter zog nach Güstrow, wo sie die paar Jahre bis zu ihrem Tode lebte – und Tante Emilie blieb – blieb unumschränkte Herrscherin des Hauses.
Das heißt, daß Mette nicht in die Schule gehen sollte, das ordnete Franz Rudloff selber an. Er hatte eine fast krankhafte Scheu vor allem, was „Masse“ und „Gemeinschaft“ hieß. Es schien ihm, als müßten die kühlen, hohen Räume seiner Wohnung sich mit dem Dunst schlecht gelüfteter Klassenzimmer füllen, als müßten die stillen Wände hallen von hundert hohen Stimmen, von hundert trappelnden Füßen, wenn er sein Kind in eine Schule schickte.
Und also kam das „Fräulein“ ins Haus.
Tante Emilie war innerlich von vornherein dagegen. Sie selbst war in die Schule gegangen, und die Schule hatte ihr nicht geschadet. Im Gegenteil.
Sie war absolut nicht dafür, daß irgend jemand auf der Welt es in irgend etwas besser haben sollte, als sie es selbst hatte oder gehabt hatte. Zu den wenigen Freuden, die sie im Leben hatte, gehörte die Freude an der „ausgleichenden Gerechtigkeit“, wie sie es nannte: Wenn nämlich jemand, dem es ganz ohne Würdigkeit sehr gut ging, sein unverdientes Glück durch einen schweren Schicksalsschlag abbüßen mußte.
Andere Leute haben für diese Art Freude eine andere Bezeichnung.
Tante Emilie war gegen das Fräulein. Aber Tante Emilie war viel zu musterhaft, um zu widersprechen, wenn der Herr des Hauses einen Wunsch äußerte. Sie wußte, daß sie sich in solchen Fällen schweigend zu fügen hatte. Nicht etwa, daß der arme Franz das von ihr verlangt hätte, o nein! Aber so war es vorbildlich und musterhaft. Und also kniff sie die Mundwinkel noch etwas fester zusammen und fügte sich schweigend.
Das Fräulein hatte so krauses, widerspenstiges Haar, daß die braunen Löckchen sich in keinen Scheitel fügen wollten und ihr immer ums Gesicht tanzten. Sie hatte auch den Sinn, den das Sprichwort mit solchem Haar verbindet. Alle die Männer, die in ihrem Leben eine längere oder kürzere Rolle gespielt hatten, sagten, sie wäre eine entzückende Geliebte gewesen. Zur Erziehung eines kleinen Mädchens eignete sie sich weniger gut.
Tante Emilie hatte sie nicht ausgesucht. Das hatten Franz Rudloff und Mette ganz allein besorgt. Eins hatten Vater und Tochter gemeinsam: all ihre Sinne dursteten nach Schönheit und Harmonie. Sie gaben was aufs Äußerliche, wie Tante Emilie das nannte.
Das Fräulein hatte ein so liebliches Jung-Mädchengesicht, so weiche Bewegungen, eine so schöne klingende Stimme.
Es war nicht die geringste persönliche Sympathie, die Franz Rudloff zu diesem Fräulein hinzog. Nur, wenn er schon einen fremden Menschen ins Haus nehmen mußte, so war ihm lieber, wenn es ein angenehmes Wesen war. Vielleicht hatte er – uneingestandenermaßen – an einem unangenehmen genug.
Bei Mette war es etwas anders. Sie hatte noch nie einen Menschen gesehen, der ihr so gefiel. Ihr ganzes sehnsüchtiges Kinderherz, das noch niemals Liebe oder Zärtlichkeit gefühlt hatte, flog dieser Fremden entgegen, dieser Fremden, die sie in den Arm nahm, ihr mit weichen Händen das Haar aus der Stirn strich, sie mit kosender Stimme „Mädi“ und „Herzblatt“ nannte. Die Aussicht, diesen Menschen immer um sich zu haben, erschien ihr wie ein unfaßbares, berauschendes Glück.
Sie bat ihren Vater nicht. Sie konnte nicht bitten, Mette Rudloff, nie, und wenn es um ihr Leben ging, nicht.
Aber als ihr Vater sie fragte, ob das Fräulein kommen sollte, sagte sie: „Ja.“
Und das Fräulein kam.
Tante Emilie aber kniff die Mundwinkel zusammen und fügte sich schweigend.
In den nun folgenden drei oder vier Jahren, die das Fräulein im Hause blieb, durchlebte Mette Rudloff das ganze Martyrium einer unglücklichen Liebe.
Die ersten Monate ging alles herrlich. Das ist ja eben das Unglück einer unglücklichen Liebe, daß sie immer mit einem überschwenglichen Glück anfängt.
Das Fräulein hatte Mette sehr lieb, und Mette hatte das Fräulein sehr lieb, und sie lernten miteinander und spielten miteinander und gingen miteinander spazieren. Es war eine wundervolle Zeit. Aber wie alle wundervollen Zeiten nur von kurzer Dauer.
Es war sicher der Teufel, der den früheren Husarenleutnant von Hanstein plötzlich in den Weg warf; den Husarenleutnant, den das Fräulein glühend geliebt hatte, als sie noch kein Fräulein war, sondern Friedel Eggebrecht hieß und aufs Seminar ging und in ihrer Vaterstadt auf ihren ersten Jung-Mädchen-Bällen tanzte.
Dieser frühere Husarenleutnant hatte keine ganz saubere Karriere hinter sich. Er hatte schuldenhalber den Dienst quittieren müssen, hatte sich in allen möglichen Berufen herumgetrieben und sprach sich über seine jeweilige Beschäftigung immer nur in sehr unklaren, aber hochtönenden Worten aus.
Das hinderte nicht, daß in dem Fräulein sehr bald die alte, nicht rostende Liebe erwachte, und daß Mette, die kleine, süße, goldige Mette, jetzt überall lästig und im Wege war.
Zuerst war Mette nur ärgerlich, wenn das Fräulein Besuch von ihrem „Bruder“ bekam und Mette ins Schlafzimmer geschickt wurde, weil das Fräulein Herrenbesuch nicht in einem Raum empfangen konnte, in dem ein Bett stand. (Späterhin wurde das anders.)
Im Schlafzimmer war es kalt und langweilig. Mette stand am Fenster und sah den Spatzen zu, die auf dem kahlen Baum im Hofe lärmten. Nebenan waren ihre Bücher, ihre Puppen, ihre Spielsachen. Aber sie durfte nicht hinein, solange der Besuch da war, und der Besuch dachte nicht daran, wegzugehen.
Es war recht ärgerlich. Und wenn es so weitergegangen wäre mit Besuchen und Eingesperrtwerden und dem kalten und unfreundlichen Ton, den das Fräulein jetzt meistens hatte, so wäre Mettes glühende Liebe vielleicht bald in Haß umgeschlagen – und es wäre alles gut gewesen.
Aber mochte der Teufel wissen – derselbe Teufel, der den Herrn von Hanstein eines Vormittags auf den Viktoria-Luise-Platz warf – was diesem Herrn von Hanstein gerade über die Leber lief. Hatte er Sorgen oder Schulden oder irgendeine andere Liebelei – kurz – das Fräulein fing an, sich gekränkt zu fühlen, sich zu grämen, des Nachts zu weinen.
Das war zuviel für Mette.
Mette Rudloff weinte schwer. Sie begriff nicht, daß ein Mensch weinen konnte, ohne bis an die Grenzen des Wahnsinns zu leiden. Darum hätte sie sich das Herz aus der Brust herausreißen mögen, um einen Weinenden zu trösten.
Wenn Friedel Eggebrecht um ihren Husarenleutnant weinte, so litt Mette alle Qualen der Hölle.
Im Anfang, als das Fräulein das Kind nicht wecken wollte, weinte sie leise und weinte sich nach einer Viertelstunde in den Schlaf. Aber als sie merkte, daß Mette doch aufwachte oder vielleicht auch nicht einzuschlafen wagte, sich mühsam wach hielt, um auf jeden Atemzug zu lauschen, da war es ihr ganz bequem, sich einem lauten Schmerz hinzugeben und sich trösten zu lassen.
Beim ersten Aufschluchzen sprang Mette aus dem Bettchen und kam auf bloßen Füßen über die Dielen gelaufen. Dann kauerte sie auf dem Bettrand und weinte und zitterte und tröstete mit ihrem süßen, zärtlichen Stimmchen, mit ihren weichen, guten Kinderhänden.
Und das Fräulein ließ sich streicheln und trösten und stieß mit den Füßen gegen die Bettkante, warf den Kopf nach hinten, krallte die Nägel in die Kissen und schrie:
„Der Hund! Der Schuft! Ich ertrage es nicht mehr. Ich sterbe! Er mordet mich!“
Zu der Zeit, als diese Szenen sich abspielten, wußte Mette schon längst, daß diese Ausbrüche dem Bruder galten, und daß dieser Bruder kein Bruder war.
Sie empfand einen so wütenden, qualvollen Haß gegen diesen Mann, daß sie oft angestrengt darüber nachdachte, wie sie es bewerkstelligen könnte, ihn zu ermorden.
Diese durchweinten, durchwachten Nächte waren schlimm. Aber sie waren nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, wenn am nächsten Tage der Herr Bruder wieder ankam und empfangen wurde zwischen Lachen und Weinen, mit offenen Vorwürfen und kaum verhehlter Zärtlichkeit, und Mette ins Schlafzimmer geschickt wurde.
Dann rieb Mette die Zähne aufeinander und bohrte die Nägel in die Handflächen, und zerpeinte sich in schmerzlicher Wut.
Bei solchen Anlässen konnte Mette auch sehr ungezogen werden. Es lag ihr nicht, Traurigkeit zu zeigen, wenn sie litt. Sie zog es vor, ungezogen zu werden. Es war mitunter ganz begreiflich, daß das Fräulein eine maßlose Wut auf sie hatte.
Wenn Mette hätte zeigen können, wie es in ihr aussah, so hätte sie geweint und gesagt: „Ich liebe dich, und ich bin eifersüchtig, doppelt eifersüchtig, weil deine Liebe einem Mann gehört, der dich quält, und den zu verachten du vorgibst. Ich leide, daß ich einen Menschen lieben muß, der so wenig Stolz und Charakter besitzt.“
Wenn die kleine Mette ihre unklaren Gefühle in Worten hätte ausdrücken können, so würden diese Worte ungefähr so gelautet haben.
Wer von uns, die wir reife und kluge Menschen sein wollen, die wir gelernt haben, die Worte zu wählen, zu wägen, zu setzen, vermag das auszusprechen, was er empfindet? Selten wollen wir es tun. Und die wenigen Male, die wir uns bemühen, können wir es nicht und werden mißverstanden.
Mette wollte es nicht und konnte es nicht. Sie verlangte Liebe. Aber die konnte sie nicht erbetteln, da beanspruchte sie ihr Recht.
Haben nicht ältere und vernünftigere Leute manchmal so gehandelt?
Mette ging hinein in das Zimmer, in ihr Zimmer, das sie nicht betreten durfte, solange der verhaßte „Kerl“ dasaß. (Mette nannte ihn so in Gedanken, und das war kein Wunder, sie hatte ihn zu oft so nennen hören, wenn das Fräulein in Wut war.) Sie ging hinein, ohne anzuklopfen, sie reckte den Kopf sehr hoch und setzte die schmalen Füße sehr fest auf.
Sie legte die Bücher und Hefte auf den Tisch, klappte den Deckel vom Tintenfaß auf, tat, als ob sie nach der Uhr sähe (sie tat so; denn in Wirklichkeit wurde es ihr schwer, die richtige Zeit festzustellen, so klein war sie noch) und sagte:
„Ich habe jetzt Stunde!“
Der „Kerl“ grinste höhnisch und empfahl sich. Das Fräulein fauchte sie an, wie sie sich unterstehen könne ...?
Mette bemühte sich, etwas sehr Häßliches zu sagen. Und es gelang ihr.
„Bloß, daß der ‚Kerl‘ hier immerfort sitzt, dafür bezahlt Sie mein Vater nicht!“ sagte sie.
Das Fräulein wollte sie schlagen. Aber sie schrak zurück vor dem drohenden Ernst in dem blassen Kindergesicht.
Niemals hat jemand gewagt, Mette Rudloff zu schlagen, obgleich vielleicht manch einer die Lust dazu verspürte.
Das Fräulein packte sie am Arm und rüttelte sie. So fest packte sie, daß noch nach Tagen der Abdruck ihrer Finger in bläulichen Flecken auf der zarten Haut zu sehen war.
Es geschah nicht einmal, es geschah hundertmal, daß Mette blaue Flecken am Arm hatte, oder Striemen über der Schulter, oder Kratzwunden an den Händen.
Wenn sie sich hätte beklagen wollen, so wäre ihr Hilfe sicher gewesen. Wenn sie einmal Tante Emilien die Spuren einer solchen Szene gezeigt hätte, statt sie angstvoll zu verbergen, so wäre die „Person“ geflogen. Das wußte Mette, aber das wollte sie nicht. Darum mußte sie diesen Kampf ganz allein auskämpfen.
Als die Eggebrecht einsah, daß das Kind ihr überlegen war, änderte sie ihre Taktik. Es ging nicht mehr an, Mette als Feindin zu behandeln, darum wurde sie zur Vertrauten gemacht. In Mettes kleines verschwiegenes Herz wurde alles ausgeschüttet, alle Freuden und Kümmernisse dieses Verhältnisses und eine ganze Masse Unrat dazu.
Mette mußte Horchposten stehen, Mette mußte Briefe befördern und Telephongespräche führen, und Mette wurde mit Liebkosungen und Süßigkeiten überschüttet.
Vielleicht hätte ein anderes Kind sich in diesem Zustand sehr wohl befunden. Mette fuhr fort zu leiden.
Es lag wohl auch daran, daß ihr der Mann so widerwärtig war. Wenn es jemand gewesen wäre, der ihr gefallen hätte, hätte sie sich vielleicht eher in die Sachlage gefunden.
Manchmal, wenn das Fräulein in der Laune war, ihren Liebsten zu beschimpfen, dann warf das Kind sich vor ihr auf die Knie und beschwor sie, von diesem schrecklichen Manne zu lassen. Dann wurde unter Tränen und Eiden alles versprochen.
„... ja, mein Süßes, ja, mein Engel, er betritt mir die Schwelle nicht mehr, der verfluchte Hund, ich habe ja dich, mein Süßes, mein Trost, ich will nur noch für dich leben!“
Das waren für Mette Momente qualvoller Seligkeit.
Aber es waren immer nur Momente; denn wenn das Telephon klingelte, oder wenn ein Brief kam, oder wenn man dem Herrn „zufällig“ im Tiergarten begegnete, dann war alles wieder vergessen.
Mette begriff, daß da etwas war, wogegen sie nicht ankonnte.
Sie begriff dunkel, daß sie nicht das Recht hatte, einen Menschen ganz für sich zu verlangen, weil sie noch ein Kind war. Und sie wünschte sich glühend, schnell, schnell erwachsen zu sein, um das, was sie liebte, ganz und ungeteilt zu besitzen.
Es kam noch eins dazu, das Leben zu erschweren. Das Fräulein hatte nicht viel Zeit und Lust, mit Mette zu arbeiten. Es war so unendlich viel anderes zu tun. Das Fräulein mußte Briefe schreiben, oder spannende Bücher lesen – oder Handarbeiten machen. Das Fräulein machte gern Handarbeiten und hatte flinke und geschickte Hände. Sie nähte sich allerliebste Blusen und stickte sich zierliche Hemdpassen – oder sie häkelte Schlipse und stopfte seidene Herrensocken. Von alledem hatte Mette weiter keinen Nutzen.
Sie war nicht böse, daß sie mit dem langweiligen Lernen ziemlich verschont blieb. Aber Tante Emilie kam bald dahinter. Es war ein so ernster Fall, daß der Vater zugezogen wurde. In solchen Dingen, und nur in solchen Dingen konnte man mit Franz Rudloffs Anteilnahme rechnen. Er stellte eine eingehende Prüfung mit seiner Tochter an. Das Ergebnis war derart, daß er allen Ernstes erschrak.
Er rechnete nach, daß er im selben Alter ein fehlerfreies Dicté geschrieben, verba irregularia auswendig gelernt und Schillers Don Carlos mit Begeisterung verschlungen hatte.
Mette las lateinische Druckschrift mühsam und stockend.
Von dem Tage an ließ sich Franz Rudloff die schmerzliche Überzeugung nicht nehmen, daß sein armes Kind geistig zurückgeblieben sei. Damit zerbrach das letzte Brett, das zu einer Brücke zwischen ihnen hätte werden können. Er hörte nicht auf, seine Tochter mit Zartheit und Höflichkeit zu behandeln. Im Gegenteil. Aber sie war ihm so fremd, daß sie ihm mitunter beinah unheimlich erschien.
Obgleich Tante Emilie Metten gern alle nur mögliche Trägheit und Unbegabung zugetraut hätte, wußte sie doch, daß sie nicht die Alleinschuldige sein konnte. Das Fräulein mußte verschiedentlich recht scharfe Bemerkungen hören, die sie veranlaßten, einige Tränen zu vergießen und Metten bitterliche Vorwürfe zu machen.
„Ich gehe,“ das war der ständige Schluß ihrer Rede. Und das war das, was Metten jedesmal mit tödlichem Schrecken erfüllte. Sie fühlte zu gut, daß die Drohung Wahrheit werden konnte, Wahrheit werden mußte, wenn Tante Emilie bei einer nächsten Prüfung wieder auf so „krasse Unwissenheit“ stieß.
Also fing Mette mit zähem und verbissenem Eifer an zu lernen. Das Fräulein half ihr nicht oft dabei, sie störte sie höchstens.
Aber sie streichelte ihr manchmal das Haar, oder preßte sie an sich, oder küßte sie fast leidenschaftlich auf den Mund.
Und um sich diese flüchtigen Liebkosungen zu erhalten, mußte Mette lernen.
Sie war zu begabt, als daß sie nicht bald am Lernen und Lesen selbst Freude gehabt hätte. Aber das wußte sie nicht. Sie bildete sich ein, daß sie nur um des geliebten Fräuleins willen mit so fanatischer Inbrunst über den Büchern saß.
Sie fing an zu lügen. Etwas, was sie in dieser Weise auch in späteren Jahren mit wahrer Leidenschaft tat. Wenn die Rede – dem Vater, der Tante oder Gästen gegenüber – einmal auf irgend etwas kam, was Mette in ihren Büchern gefunden hatte – in Büchern, in die das Fräulein niemals ihr hübsches Näschen steckte – und Mette ein wenig erstaunt gefragt wurde: „Wo hast du denn die Weisheit her?“ dann war sie sehr stolz darauf, zu antworten: „Von Fräulein!“
Und Fräulein widersprach nie. Mette glaubte, jedesmal zu sehen, daß sie rot wurde. Und sie liebte sie doppelt, weil sie ihr leid tat. Aber es war ein Irrtum. Sie wurde nicht rot. Sie hörte meistens gar nicht danach hin. Sie hatte so viel andere Gedanken im Kopf ...
Und dann kam die merkwürdige Angelegenheit mit dem Silberzeug.
Eines Nachts gab das Fräulein Metten die Schlüssel zum Silberschrank und einem flachen, lederbezogenen Kasten. Mette sollte den Kasten in den Schrank zurücktragen. Das Fräulein hatte ihn sich heimlich ausgeliehen, weil ihr Bräutigam das Silber gern einmal sehen wollte.
Mette wollte auch gern einmal sehen. Sie drängelte so lange, bis das Fräulein den Kasten öffnete. Da lagen die dicken, blanken Löffel in Reih und Glied, jeder auf seinem Einschnitt im dunkelblauen Samt. Keiner fehlte.
Es machte Metten ein unbändiges Vergnügen, unhörbar wie auf Katzenpfötchen durch den langen Korridor zu schleichen, sich im Speisezimmer zurechtzutasten, ohne Licht anzumachen, behutsam den Schrank aufzuschließen, ohne daß die Schlüssel klirrten oder die Tür knarrte, den Kasten an seinen Platz zu stellen, abzusperren – und dann mit mühsam unterdrücktem Jubel in Fräuleins Arm zu fliegen und sich beloben zu lassen.
Dieses erste Mal war nur eine Einleitung.
Mette lernte mit staunender Bewunderung die schätzenswerte Einrichtung eines Leihamtes kennen. Es war eine ganz fabelhafte Angelegenheit, daß man Silber oder Schmuckstücke nur zu verleihen brauchte, um eine Menge Geld dafür zu bekommen. Nach einiger Zeit bekam man seine Sachen unversehrt zurück. Ja, sie wurden nicht einmal benutzt in der Zeit, wie Fräulein auf Mettens Fragen lachend versicherte. Es war eine schöne, aber merkwürdige Einrichtung.
Immerhin! Es gab so viele merkwürdige Einrichtungen. Zum Beispiel: daß man Geld auf eine Bank legte – daß es nicht irgendeine beliebige Gartenbank sein durfte, das hatte Mette unterdessen schon gelernt – daß man dann immerfort Geld geschickt bekam, von dem man leben konnte, und das Geld auf dieser seltsamen Bank doch niemals weniger wurde – das war auch so eine merkwürdige Tatsache. So ähnlich würde es sich wohl mit dem Leihamt auch verhalten. Es lohnte nicht, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Man begriff es doch nicht.
Also wanderte das Silberzeug aufs Leihamt. Und bei Gelegenheit wanderte es wieder zurück in den Schrank.
Es war so lustig, abends im Bett zu liegen und zu schwatzen und Konfekt zu knabbern. Aber das Konfekt kostete so rasend viel Geld. Darum wurde von Zeit zu Zeit das Silber „verliehen“. Es schadete ihm ja nichts. Und die Heimlichkeit, mit der es geholt und wieder zurückgebracht werden mußte, machte einen Heidenspaß.
Aber einmal war der große Kasten fort und kam und kam nicht wieder. So ewig lange war er schon fort, es dachte kaum mehr ein Mensch an ihn.
Da verfiel Tante Emilie eines Tages beim Reinmachen auf die Idee, das ganze Silber nachsehen und putzen zu lassen. Tante Emilie wußte ganz genau, wieviel Silber im Haushalt vorhanden war. Sie wußte sogar, von welcher Großmutter oder Schwiegermutter oder Tante jedes einzelne Stück stammte. Aber Tante Emilie war viel zu musterhaft, um sich in so wichtigen Dingen auf ihr Gedächtnis zu verlassen.
Auf der Innenseite jeder Büfettür war mit vier Reißnägeln ein Papier befestigt, auf dem in Tante Emiliens sehr deutlicher und leserlicher Schrift stand:
Inhalt:
Ein Lederetui mit 12 Suppenlöffeln, gezeichnet L. R.
Ein Holzkasten mit 12 Dessertlöffeln, gezeichnet G. v. S.
Ein Kasten mit 12 Mokkalöffeln, vergoldet.
Ein brauner Pappkarton mit 9 großen Gabeln, Alfenid.
Usw. usw.
Ja, und an der Hand dieses Zettels ließ es sich mit unfehlbarer Sicherheit feststellen, daß da ein Kasten fehlte.
Mette erschrak gar nicht, als sie Tante Emiliens scharfe, empörte Stimme hörte und das Aufweinen des gekränkten Hausmädchens.
Sie war nur froh, die Sache richtigstellen zu können. Gott sei Dank. Sonst wäre die arme Berta womöglich in den Verdacht des Diebstahls gekommen! Mette trat ins Zimmer und sagte sehr kühl und ein wenig hochmütig:
„Du brauchst dich nicht aufregen, Tante. Das Silber ist da. Ich hab’ es nur verliehen!“ –
Aus dem, was sich in den nächsten Tagen ereignete, wurde Metten allmählich klar, daß sie etwas getan hatte, wozu sie nach Ansicht der anderen nicht berechtigt war.
Das Hausmädchen erzählte jedem, der es hören wollte, daß in diesem Hause ehrliche Leute verdächtigt würden, weil das „Quack“ das Silber „klaue“ und zum Juden trage.
Die alte dicke Köchin weinte und schlug jammernd die Hände zusammen.
Die Tante ging umher, als hätte das Entsetzen sie versteinert. Dem Vater traten die Tränen in die Augen, wenn er sein unseliges Kind ansah. Sogar ein Kinderarzt erschien auf der Bildfläche, der den grauenerregenden und unheimlichen Titel „Psychiater“ führte und ein langes Examen mit ihr anstellte.
Und das Fräulein tobte und weinte und schrie und schimpfte sie „idiotisch“ und „blödsinnig“ und stieß und kratzte sie und fiel dann wieder vor ihr auf die Knie und nannte sie „kleine Heilige“ und flehte sie an, zu schweigen.
Und Mette schwieg. Da sie aber nicht wußte, was sie verschweigen sollte, so schwieg sie auf alles. Sie ließ sich fragen, in Ruhe, im Zorn, in stundenlangem Verhör, sie ließ sich rütteln, sie ließ sich anflehen, sie ließ sich einsperren – und schwieg. Das Schweigen wuchs wie eine Mauer um sie herum. Sie hätte nun nicht mehr hindurch gekonnt, auch wenn sie gewollt hätte.
Dennoch mußte das Fräulein aus dem Hause. Ob sie nun beteiligt war oder gänzlich ahnungslos – es war klar, daß ein Kind nicht so verwahrlosen konnte, wenn die Erziehung in den richtigen Händen lag.
Das Fräulein ging. Und Mette litt alle Todesqualen der Trennung und Einsamkeit.
Ich möchte über Friedel Eggebrecht kein Urteil sprechen. Wenn ich die Geschichte ihres Lebens schreiben sollte, würde ich versuchen, alles zu verstehen, was sie getan hat. Sie liebte – und immer ist Liebe gut und schön und edel. So liebte sie, daß sie fähig war, um ihrer Liebe willen ihre Pflichten zu vergessen und zu lügen, zu stehlen, zu betrügen. Wer von uns kann sich rühmen, dessen fähig zu sein?
Immer, wo Liebe ist, ist Leid. Und fast immer, wo zwei sich lieben, leidet ein Dritter.
Es wäre unsinnig, deswegen zu klagen oder anzuklagen.
Nur Kinder sollten nicht darunter leiden müssen.
Es ist genug, wenn man sie mit Frühaufstehen peinigt und mit Schularbeiten und mit langweiligen Sonntags-Spaziergängen.
Aber von Haß und Liebe und Eifersucht, von solchen Dingen sollten Kinder nicht zu leiden haben. – – –
Mette wurde in die Schule geschickt.
Dafür, daß man ihr das Fräulein genommen hatte, rächte sie sich nun, indem sie sich dagegen wehrte, irgend etwas zu lernen.
Während der Schulstunden schickte sie ihre Gedanken auf Wanderschaft. Manchmal schlug irgend etwas an ihr Ohr, das ihr Interesse weckte. Dann war die Versuchung da, hinzuhören, und man mußte eine gewisse Kraftanstrengung anwenden, um an etwas anderes zu denken.
Aber diese Versuchung kam nicht oft.
Es dauerte über ein Jahr, bis dieser trotzige Widerstand nach und nach zerbröckelte.
Da war es zu spät, nachzuholen. Sie wollte auch nicht. Gott bewahre! Sie wendete nicht die geringste Mühe an, um vorwärts zu kommen. Aber es lohnte auch nicht mehr, sich zur Wehr zu setzen. Sie tat, was man von ihr verlangte. Sie tat es darum, weil es weniger störend war, das unsagbar Geringfügige zu lernen, als immer lange Straf- und Ermahnpredigten stehend anzuhören.
Sie wuchs unglaublich rasch in dieser Zeit und war immer müde. – – –
Als sie mit der Schule fertig war, saß sie ein paar Jahr im Hause herum und langweilte sich. Sie nahm den üblichen Klavierunterricht und übte die vorgeschriebene Zeit. Aber sie hatte keine anererbte musikalische Begabung, dagegen eine übertriebene Empfindsamkeit, so, daß sie litt unter der Unzulänglichkeit ihres eigenen Spiels, ohne die Fähigkeit oder auch nur das Streben zu haben, sich selbst Genüge zu tun.
In diesen Jahren wechselten ihre Stimmungen wie Sonne und Regen im April.
Sie sehnte sich danach, tot zu sein, oder mündig, in einem andern Jahrhundert zu leben, oder in einem andern Erdteil, Nonne zu werden, oder schön genug zu sein, um alle Menschen der Welt zu berücken.
Es kamen Märztage, wo sie meinte, zerspringen zu müssen in ungeduldiger Erwartung des unendlichen Glücks, dem sie an der nächsten Straßenecke in die Arme laufen konnte – und es kamen Juninächte, wo sie aus dem Fenster springen wollte, um sich zu lösen von den schnürenden Fesseln einer quälenden Leiblichkeit, um aufzustrahlen gegen das sternhelle Firmament, um sich auszubreiten, zu zerfließen im unendlichen Äther, groß zu werden, gewaltig, grenzenlos, allumfassend.
Es kamen Tage, an denen sie sich vornahm, wie ein Heiland durch die Welt zu gehen und alle Menschen zu lieben – an denen sie mit Tante Emilie in einem Ton so leidenschaftlicher Demut sprach, wie Griseldis zu ihrem Herrn – und es kamen Tage, da alle Menschen ihr so verhaßt waren, daß sie körperlich Qualen ausstand, wenn sie bei Tisch ihrem Vater gegenüber saß und ihn essen sah.
An Ereignissen waren diese Jahre arm. So arm, daß Mette selten in ihrem Leben daran zurückdachte, und wenn die Rede auf etwas kam, was in diesen Jahren geschehen war – eine Reise, eine Geburt oder Trauerfall im Bekanntenkreis, ein öffentliches Begebnis – sie immer erst lange nachrechnen mußte, wann sich das zugetragen haben könne und wie alt sie gewesen sei, während sie sonst ein auffallendes Gedächtnis hatte für den Zeitpunkt, an dem Menschen oder Dinge flüchtig an ihr vorübergestreift waren, weil sie alles in Verbindung brachte mit den Tagen, die wie Denksteine in ihr aufgemauert waren – vor oder nach Olgas Tod – als sie mit Olga zusammen oder von ihr getrennt war.
Es ist unwichtig, von diesen Jahren zu sprechen – es wäre auch nicht nötig gewesen, von Friedel Eggebrecht des Längeren und Breiteren zu reden, aber Mette sagte selbst so oft in späteren Jahren, wenn sie auf das „Fräulein“ zu sprechen kam, sagte es mit einem etwas bitteren Lächeln: „Es war der Auftakt zu meinem Leben!“
Als ihr Leben wirklich einsetzte, mit hundert brausenden Stimmen, mit einem vollen, klingenden und singenden Motiv, das nie wieder stumm wurde, das in Dur, in Moll, bald von allen Geigen und Celli, bald von einer einzigen klagenden Hoboe, in tausend Verschlingungen, aus tausend Verschleierungen immer wieder durchklang und durchklingen wird bis zum Schlußakkord – das war in derselben Minute, da bei Konsul Möbius die Tür aufging und Olga Radó ins Zimmer trat.
Gegen Konsul Möbius war im allgemeinen nichts einzuwenden. Es war der Verkehr, den Tante Emilie selbst ausgesucht hatte. Die Familie stammte irgendwoher aus Lübeck oder Bremen, und sie sprachen ein spitzes „st“, was ihren ohnehin manierlichen Umgangsformen noch einen leisen besonderen Duft von kühler Vornehmheit verlieh.
Es waren zwei Töchter da, Fanni und Emmi, beide jünger als Mette, beide rotblond und sehr ordentlich in Anzug und Haartracht, dabei beide so merkwürdig belanglos, daß man nach wochenlangem Umgang noch nicht wußte, ob sie eigentlich hübsch oder häßlich waren.
Wie es sich mit der Verwandtschaft zu Olga Radó verhielt, wird sich wohl jetzt mit Sicherheit nicht mehr feststellen lassen. Als Olga damals in Berlin auftauchte und alle Welt von ihr begeistert war, hieß es immer: „Unsere Cousine.“ Später – zu der Zeit, als Jürgen von Seyblitz schon das Wort von der „kriminellen Hochstaplerin“ auf sie geprägt hatte – da war in Frau Konsul Möbius’ Gedächtnis jede Erinnerung an eine Verwandtschaft völlig erloschen. Ihr Schwager, der Mann ihrer verstorbenen Schwester, hatte eine Preßburgerin geheiratet, diese hatte einen Vetter in Budapest, der eine Schwester der Olga Radó zur Frau hatte ... oder so ähnlich.
Olga selbst hat nebenbei von dieser „Verwandtschaft“ mit Konsul Möbius nie viel Gebrauch gemacht, weder in guten noch in schlechten Zeiten. Es ist nicht vorgekommen, daß sie das Haus betreten hat, wenn sie nicht dreimal darum gebeten wurde.
Mette hatte mit den Möbiusschen Mädchen und Erika Hannemann ein Kränzchen. Einmal in der Woche kamen sie zusammen und machten Handarbeiten und lasen französische Theaterstücke mit verteilten Rollen.
Mette langweilte sich wahnsinnig dabei, sie hörte nie danach hin, wenn die anderen lasen und versäumte immer, zur rechten Zeit einzufallen. Am schlimmsten aber war es, wenn sie selber einen langen Absatz zu lesen hatte. Dann mußte sie bei jeder Zeile ein Gähnen unterdrücken, so, daß sie nachher immer förmlich einen Kinnbackenkrampf hatte.
Und an einem solchen Mittwochnachmittag im April, als die vier wieder in den weißlackierten Stühlen des zierlichen Mädchenzimmers saßen, an einem Nachmittag, an dem Fliegen nicht mehr herumschwirrten, sondern träge über die Kuchenschüsseln krochen, weil ihnen die Langeweile in der Luft wie ein Bleigewicht auf den Flügeln lastete, in dem Augenblick, da Fanni Möbius – sie war die einzige, die eine gewisse Leidenschaft für die Sache hatte und den Ehrgeiz besaß, immer die dankbarsten Rollen zu lesen – mit überschwenglichem Pathos und miserabler Aussprache die Worte las:
„Impitoyable honneur, mortel à mes plaisirs, que tu me vas coûter de pleurs et de soupirs!“
in dem Augenblick ging die Tür auf, und Olga Radó kam herein.
Es mußte durch einen Zufall irgendwo eine Tür offenstehen – mit Olga zugleich kam ein Luftzug, frisch wie ein Windstoß, ins Zimmer. Das angelehnte Fenster sprang auf, die weiße Mullgardine blähte sich und flog in die Höhe, die Seiten der Bücher blätterten sich knisternd um, die Fliegen schwirrten aufgestört um die Lampe, eine Hand am Himmel riß einen Wolkenfetzen von der Sonne – blendende Helligkeit und wehende Luft füllte das Zimmer bis in seinen letzten Winkel.
Dann schloß sich die Tür mit einem harten Krachen, die Fensterflügel bewegten sich knarrend, die Gardine fiel schwer wie ein Sack herunter, eine neue dunklere Wolke schob sich vor die Sonne – aber dies alles bemerkte Mette Rudloff nicht – denn sie hatte vollauf zu tun, Olga Radó zu betrachten und konnte ihre Sinne und ihre Gedanken nicht wieder von ihr abwenden – für lange Zeit nicht.
Olga war sehr groß und sehr schlank. Ihr Gesicht war schön und kühn geschnitten. Das schlichte, dunkle, reiche Haar ließ viel von der hohen und wundervoll durchgebildeten Stirne frei, die schmalen, schwarzen Brauen flossen über der Nasenwurzel zusammen, was den scharfen, metallisch-grauschimmernden Augen einen fast drohenden Ausdruck gab. Ihre Sprache war scharf und hart. Aber ihre Stimme hatte einen tiefen, weichen Celloklang. Das gab einen sonderbaren Kontrast.
Es war etwas in ihrer Art, sich zu kleiden, was Mette gefiel, ohne daß sie sagen konnte, warum. Man konnte es mit einem Wort wie „geschmackvoll“ oder gar „elegant“ oder „adrett“ nicht abtun. Mette empfand dunkel: so möchte ich angezogen gehen.
Woran das lag, das wurde ihr erst viel später klar. Olga Radó hatte eine fast krankhafte Abneigung gegen alles, was billig war. Ein billiger Stoff, ein billiger Schneider waren ihr ein Greuel.
Außerdem hatte sie – wie sie Mette viel später einmal mit ihrem bezauberndsten Lächeln sagte – „das sehr ehrenwerte Prinzip, lieber einem Millionär etwas schuldig zu bleiben, als einer armen kleinen, hungernden Schneiderin“ – also ließ sie nur in den teuersten Geschäften arbeiten.
Als sie hineinkam, machte Emmi Möbius den mißglückten Versuch einer feierlichen Vorstellung, den Olga mit einem kurzen „Ja, ja, schon gut – und so weiter und so weiter –“ abschnitt, worauf sie jedem flüchtig ihre große, schmale, kühle Hand reichte, sich mit einem:
„Bitte, laßt euch nicht stören“ – ein wenig abseits in den Schaukelstuhl setzte, Fannis kleinen, schwarzen dicken Hund, der sie wie unsinnig anblaffte und anwedelte, am Genick packte und auf ihre Knie setzte.
Fanni fuhr fort zu lesen. Vielleicht dachte sie ihrer Cousine durch diese ernsten wissenschaftlichen Bestrebungen zu imponieren.
Mette war gezwungen, ins Buch zu sehen und Olga den Rücken zuzuwenden. Sie hörte nur den Schaukelstuhl leise auf und ab gehen, ein leichtes Rauschen der Röcke und manchmal eine halblaute Bemerkung, die dem Hunde galt.
Mette verspürte Trockenheit im Hals und rasendes Herzklopfen, als sie lesen sollte. Nie hatte sie sich in der Schule so geängstigt, und wenn sie noch so unpräpariert „drangekommen“ war. In jedem Wort schien ihr eine Fußangel versteckt. Sie würde alles falsch aussprechen und sich unrettbar blamieren. Es war wirklich ein Skandal, so wenig Französisch zu können. Morgen wollte sie zu Vater gehen und ihn um französische Konversationsstunden bitten. Er würde sich freuen, wenn sie ihm einmal mit solchem Anliegen kam.
Sie war glücklich, als sie ihre paar Sätzchen hervorgewürgt hatte. Dann kam Erika, und dann las Fanni wieder mit allem ihr zu Gebote stehenden Pathos.
Plötzlich flog der Schaukelstuhl mit einem hörbaren Ruck nach vorn, und eine tiefe, verwunderte Stimme fragte mitten in den Satz hinein:
„Sagt mal, was lest ihr denn da eigentlich?“
„Den Cid!“ sagte Fanni in einem unendlich ausdrucksvollen Ton.
Es sollte ganz leicht hingesagt werden, und doch zitterte die Ehrfurcht vor der eigenen Gelehrsamkeit darin. Es sollte ausdrücken: Das hört doch ein gebildeter Mensch beim ersten Wort, und zugleich: Freilich, dergleichen liest du ja nicht, das ist dir zu klassisch, zu langweilig.
Olga schenkte diesem Ton gar keine Beachtung. Sie schien mit einer leichten ungeduldigen Handbewegung die Antwort als unzulänglich beiseite zu werfen.
„Was für eine Sprache, meine ich?!“
Die Mädchen sahen sich an und lachten, halb erstaunt und halb verlegen. Nur Mette lachte nicht, sondern schämte sich qualvoll.
Die Möbiussens kannten ihre Cousine zu gut, um zu antworten. Aber Erika Hannemann war wirklich der Meinung, Olga Radó wäre in fremden Sprachen nicht so bewandert wie sie und sagte mit der ganzen Herablassung der höheren Tochter:
„Französisch!“
Der Schaukelstuhl glitt wieder zurück. Über Olgas Gesicht zuckte nicht der Schein eines Lächelns. Sie sagte mit so langgezogener Verwunderung, als hätte ihr jemand im Ernst eine überraschende Mitteilung gemacht:
„Französisch soll das sein?!“
Nun wollte Emmi ihr das Buch aufdrängen. Ob es wirklich Bildungstrieb bei ihr war oder die Absicht, sich vor den anderen mit Olgas wunderschönem Französisch großzutun, sie quälte und quängelte:
„Lies du doch, ach bitte, bitte, nur eine halbe Seite, nur einen Satz!“
„Hältst du mich für verrückt?“
„Ach bitte, bitte!“
„Den Deibel auch! Ich bin doch nicht eure Gouvernante!“
Und da das Buch sich nicht von ihr entfernen wollte, knipste sie mit den Fingern dagegen, daß es mit einem schönen großen Bogen auf den Teppich hüpfte und mit zugeschlagenen Deckeln liegen blieb.
Mette war sehr froh. Nun war die Leserei für heute beendet. Sie brauchte nicht die langen Sätze des Königs zu lesen, vor denen sie sich schon gefürchtet hatte. Sie brauchte sich nicht zu blamieren und nicht zu langweilen. Und vor allem – sie konnte ihren Stuhl herumdrehen und Olga Radó anstarren.
Es war so interessant, ihren Bewegungen oder dem fortwährend wechselnden Ausdruck ihres Gesichtes zuzusehen.
Mette war sich klar darüber, daß diese Frau ihr gefiel. Und doch spürte sie in ihrem Empfinden mehr Feindseligkeit als Zuneigung. Niemand von den andern schien beleidigt. Mette war es, als ob der scharfe Spott nur sie getroffen hätte, nur sie hätte treffen sollen.
Sie hätte viel darum gegeben, wenn sie die Spitze hätte zurückwerfen können, oder sich wenigstens mit Trotz und Verachtung panzern. Aber sie fühlte sich wehrlos, hilflos preisgegeben und wünschte sich, unsichtbar zu sein, sich in ein Mauseloch zu verkriechen, um zu sehen, zu hören, zu beobachten, ohne bemerkt zu werden – um jeden Blick dieser Augen, jedes Wort dieser Stimme gierig in sich aufzunehmen, ohne davor zu zittern, daß ein scharfer Blick, ein scharfes Wort sie treffen, sie verletzen, sie demütigen konnte.
Olga Radó schenkte ihr indessen keine Beachtung. Sie hatte auf dem Fußbrett eines Tischchens eine Zigarettenschachtel entdeckt und zog sie hervor. Daneben, in zierlichem Kästchen, lag ein Spiel Karten.
„Da, schau her! Zigaretten haben die Mäderln auch hier! Ihr seid mir ja ein schöner Klub der Harmlosen! Offiziell wird der Cid gelesen, und wenn kein Erwachsener es merkt, dann wird hier geraucht und gepokert!“
Fanni Möbius wollte sich halbtot lachen, sowohl über die Zumutung, daß sie pokern sollte, als darüber, daß sie mit ihren achtzehn Jahren noch nicht zu den Erwachsenen gerechnet wurde.
„Es sind Emmis Karten!“
„Nein!“ schrie Emmi.
„Doch! Ich sag’s, Emmi, ich sag’s! Sie legt sich jeden Abend Patiencen – und fragt ...“
„Tu doch nicht so – du legst dir ja auch welche ...“
„... und fragt ...“
„... Sie lügt, sie lügt, sie lügt!“
„... und fragt ... soll ich’s sagen, Emmi? ...“
„... sei still! ...“
Zwischen den beiden Schwestern entspann sich ein Handgemenge, das Tischchen kam ins Schwanken. Olga rettete es mit einem raschen und kraftvollen Zugreifen.
„Kinder, tobt nicht so!“ sagte sie ruhig. „Bist du so neugierig, deine Zukunft zu erfahren, Emmilein?“
Das „Emmilein“ gab Metten einen leisen Stich. Wie kam der alberne Backfisch dazu, von dieser Frau mit solcher Vertraulichkeit angeredet zu werden?!
„Soll ich dir mal die Karten legen?“
„Kannst du das, Olga? Oh, fein!“
„Ja, mach, bitte, bitte, mir auch!“
„Wirklich, ja? Kannst du das?“
„Natürlich!“ sagte Olga ernsthaft. „Das ist doch das einzige, was ich kann. Das hab’ ich wenigstens gelernt von den Zigeunern. Wenn’s einmal schief mit mir geht, etablier ich mich als Kartenlegerin. Weißt du, mit Eule und Totenkopf und Kaffeegrund und allem Zubehör. Im Dutzend billiger. Nimmst du Abonnement bei mir?“
„Ehrensache!“ versprach Emmi. „Aber heut’ machst du’s noch umsonst!“
„Nein,“ sagte Olga, „für eine Zigarette.“
Sie nahm den Kasten auf und schob eine zwischen die Zähne. „Ich hab’ nämlich keine bei mir!“
Erika Hannemann beeilte sich, ihr ein brennendes Streichholz zu reichen. Sie sog ein paarmal an der Zigarette, bis sie aufflammte und schlug das Streichholz durch die Luft, daß es erlosch.
„Danke!“ sagte sie dann erst.
Mit einem flüchtigen Blick sah sie, daß Mette sich eine Zigarette genommen hatte.
„O Verzeihung!“ sagte sie so bedauernd, als hätte sie ein wirkliches Unrecht abzubitten, während ein halber Blick die Aschenschale mit dem verglimmenden Streichholz streifte. Rasch, fast eilig nahm sie aus ihrer Tasche ein kleines goldenes Feuerzeug, strich es an und reichte Metten das Flämmchen hinüber. In ihren Bewegungen, die die einfachsten, die ungezwungensten von der Welt waren, lag ein eigener Ausdruck.
Es war weit mehr als Höflichkeit, und doch lag keine Spur von Unterwürfigkeit darin. Es war eine Mischung von Zuvorkommenheit und Zurückhaltung, von Adel und Dienstbeflissenheit, die man nicht gut anders als mit dem Wort „chevaleresk“ bezeichnen konnte.
Sie bot auch den andern Zigaretten und Feuer.
„Raucht, Kinder, raucht! Wenn die Mutter nachher schimpft, bin ich’s gewesen.“
Sie hielt immer noch den kleinen schwarzen Hund auf den Knien und blies ihm den Zigarettenrauch um die Nase. Der Hund schnitt possierliche Grimassen, und sie bemühte sich, ihm nachzumachen. –
Sie hatte überhaupt die Angewohnheit, ihr Gesicht zu verzerren, ohne im geringsten Rücksicht darauf zu nehmen, ob es sie kleidete oder entstellte, so daß man sich manchmal qualvoll danach sehnte, das allzu lebhafte Mienenspiel zu unterbrechen, um die regelmäßige Schönheit der Züge genießen zu können.
Nur sagen durfte man ihr das nicht, sonst bekam sie es fertig, ohne Aufhören die greulichsten Fratzen zu schneiden.
Der Hund rümpfte die Nase, drehte den Kopf und hustete und prustete in beleidigter Würde.
„Ihr dürft eure Sophonisbe nicht so verfüttern, Kinder!“ sagte Olga. „Sie hat ja schon Asthma vor Fettsucht, das arme Viech!“
Die Mädchen lachten kreischend auf.
„Sophonisbe! Wie kommst du nur auf Sophonisbe?“
„Er heißt doch Mäuschen.“
„Er?“ sagte Olga spöttisch und legte das zappelnde Tier mit einem festen Griff auf den Rücken. „Er ist ganz bestimmt eine Sie. Und sie sieht aus wie Sophonisbe!“
Die Mädchen erröteten bis über die Ohren und kicherten nur noch in gedämpften Tönen.
„Nein, Olga, wie du aber auch bist!“
„Warum sieht sie aus wie Sophonisbe?“
„Ich weiß nicht,“ sagte Olga plötzlich müde. Ihr Gesicht war einen Augenblick ganz ruhig, ihre Augen sahen irgendwohin, an den Mädchen vorüber, durch die Wände hindurch.
„Danach dürft ihr mich doch nicht fragen. Auf die Frage: Wie? kann ich manchmal antworten, aber niemals auf die Frage: Warum?“
Sie zog den Hund wieder in die Höhe und versuchte, ihm die Zigarette in die Schnauze zu stecken.
„Magst du rauchen, Sophonisbe? Da! Schmeckt’s, Alterchen?“
Der Hund drehte den Kopf und leckte mit der Zunge nach ihrer Hand, die ihn im Genick festhielt. Mit einer Gebärde des Widerwillens warf sie die Zigarette in die Aschenschale und ließ den Hund auf die Erde gleiten.
„Du mußt dem Köter das Lecken abgewöhnen, Fanni,“ sagte sie. „Ich sehe dich ja doch noch am Hundewurm zugrunde gehen.“
„Ach, Unsinn!“ sagte Fanni und nahm den beleidigten Hund zärtlich in die Arme. „Mein Hund hat keine Würmer! Nicht wahr, Mäuschen, wo du doch so schön rein gehalten wirst?“
Der Hund schnupperte zärtlich nach ihrem Gesicht.
Olga zog die Brauen zusammen und machte eine hastige Bewegung, als wollte sie ihr den Hund wegnehmen. Aber sie unterbrach sich und lehnte sich in den Schaukelstuhl zurück.
„Meinetwegen,“ sagte sie, „der Mensch muß an dem zugrunde gehen, was er liebt. Mir wär ja so ein Köter das nicht wert. Aber wenn es dir Vergnügen macht. Schließlich, ob du nun am Echinokokkus krepierst, oder ob dich nachher ein Liebster oder kirchlich angetrauter Gatte mit Syphilis behaftet ...“
Die drei Mädchen kriegten glühendrote Köpfe und fingen an zu kichern.
Auch Olga Radó wurde rot. Aber es war eine andere Art zu erröten. Die hellen Gesichter der blonden Mädchen waren wie gedunsen vom Blut und vom unterdrückten Lachen. Über Olgas Gesicht lief das tiefe Rot wie ein flüchtiger Schatten, wie eine Wolke, die für einen Herzschlag selbst die Augen verdunkelte.
„Gänse!“ sagte sie zornig, „da ist doch, weiß Gott, nichts zu lachen.“
Die Mädchen wollten sich entschuldigen und konnten vor Prusten und Kichern nicht reden.
Olga hob die Hand und ließ sie fallen – durch die abendliche Dämmerung leuchtete die lange, schmale Hand mit einem seltsamen Glanz wie Silber oder Perlmutter – mit einer Geste, die ganz deutlich „Ach, laßt doch!“ sagte, so deutlich, als stände es in der Luft geschrieben.
Sie saß jetzt ganz vornübergebeugt. Ihre Hände lagen wie müde zwischen ihren Knien. Sie starrte hinaus in das blaue Dämmerlicht und das knospenbedeckte Gewirr der braunen Zweige.
Sie schwiegen alle eine Weile. Dann fingen Emmi und Erika ein Gespräch an, im Flüsterton, als wagten sie kaum, sich bemerkbar zu machen.
So plötzlich stand Olga auf, daß der Schaukelstuhl nach rückwärts flog.
„Macht Licht an!“ sagte sie beinah herrisch. „Ich werd’ euch die Karten legen!“ –
Sie saß am Tisch unter der Lampe. Das gelbe Licht fiel schimmernd auf ihr Haar und auf ihre hellen Hände, die mit raschen Bewegungen die Karten mischten und ausbreiteten.
„Wem zuerst? Dir, Fanni? Dann mußt du abheben – dreimal – so! Muß ich nun auch erst Hokuspokus sagen, oder glaubt ihr mir so? – Die Karodame bist du – da liegt ein schwarzer Jüngling – da liegt eine Reise, in der Vergangenheit – ein heimlicher Brief – in der nächsten Woche – oh, Ärger im Haus – das hängt mit dem Brief zusammen – Trennung – viele Tränen – siehst du die Treffzehn? – Da liegt eine große Veränderung – eine neue Bekanntschaft – ein blonder Herr – Verlobung und Heirat – viel Glück ins Haus – aber der Schwarze liegt doch dazwischen – neben dem Blonden liegt Reichtum und große Ehre ...“
Die Mädchen horchten in fieberhafter Spannung, Fanni preßte die Hand mit dem Taschentuch vor die Zähne und kniff Emmi bei jedem Wort in den Arm, während Emmi und Erika mit mühsam unterdrücktem Gekreische in halb artikulierte Rufe ausbrachen, die man ganz gut als „Max“ und „Travemünde“ deuten konnte.
„Ich glaube nicht an Kartenlegen,“ sagte Erika Hannemann überlegen, „aber aus der Hand wahrsagen, da ist schon eher was dran. Meinem Vetter hat mal eine Zigeunerin gewahrsagt ...“
„Kannst du aus der Hand wahrsagen?“ schrie Emmi. „Ach, bitte, bitte, Olga, kannst du nicht aus der Hand wahrsagen? Oder besser aus den Karten?“
„Ich kann auch aus der Hand wahrsagen,“ sagte Olga, „genau so gut wie aus den Karten.“
Sie nahm Emmis kleine, rundliche Hand und zog gedankenvoll die Linien nach.
„Die Lebenslinie ist ganz, siehst du? Du wirst ein langes Leben haben – aber die Linie des Hirns ist zerschnitten – die Linie des Tisches hast du überhaupt nicht – – –“
„Was bedeutet die?“ forschte Emmi dringend.
„Je nachdem – Güte oder Bosheit – du bist jenseits von gut und böse.“ Dabei zuckte es um ihre Mundwinkel. „Aber hier, Ordnung und Sparsamkeit, die sind sehr ausgeprägt bei dir – das scheinen deine Haupteigenschaften –“
Jetzt war die Reihe zu lachen an Fanni.
„Aber nimm dich nur in acht, dir steht eine unglückliche Liebe bevor – in Verbindung mit einer Kunst – mit Musik, glaub’ ich ...“
Emmi wurde blutrot und Fanni tanzte auf einem Bein herum und schrie:
„Wassermüller, Wassermüller!“
Das war der Klavierlehrer.
Mette war befangen in einem sonderbaren Zwiespalt. Sie hätte so gern sich wahrsagen lassen – schon, um die schöne Frau anreden zu dürfen.
Dabei schien es ihr aufdringlich, sie zu belästigen. Sie wollte auch nicht gern für abergläubisch gehalten werden.
Olga Radó belustigte sich sicherlich über den Feuereifer, mit dem die Mädels bei der Sache waren. Und dann wieder hatte Mette eine Angst, die sie selbst kindisch schalt: so, als wäre doch vielleicht ein geheimnisvoller Zauber in dieser Spielerei, und es könnte klar und deutlich eine furchtbare Eigenschaft in ihrer Handfläche stehen, eine, die sie selbst nicht kannte, oder ein entsetzliches Schicksal.
Vielleicht würde die schöne Zigeunerin vor Schreck erblassen und sagen: „Quälen Sie mich nicht, ich kann Ihnen die Wahrheit nicht sagen, die da zu lesen ist.“
Und plötzlich stand sie doch neben Emmi und streckte die Hand aus und sagte:
„Ach, bitte, bitte, mir auch!“
Olga sah zu ihr auf, und zum erstenmal trafen sich ihre Augen und blieben für ein paar Sekunden ineinander haften.
Olga lächelte. Und Metten wurde bewußt, daß sie dies Lächeln zum erstenmal sah. In dem fortwährend wechselnden Mienenspiel blieb das Gesicht fast immer ernst. Sie runzelte die Brauen, kniff die Augen zusammen, schob den Unterkiefer vor, legte die Zähne auf die Lippe, zuckte mit den Nasenflügeln, verzog die Mundwinkel in leichtem Spott, aber sie lächelte sehr selten. Jetzt zum erstenmal lächelte sie, lächelte Metten an, und es schien wirklich, als ob das ganze Gesicht seltsam erhellt wurde von einem plötzlich durchbrechenden Licht.
„Aber, Mädelchen!“ sagte sie halblaut mit ihrer tiefen Stimme. „Von Ihnen weiß ich doch nix! ...“
Als sie nachher auf der Diele nebeneinander standen und vorm Spiegel die Hüte aufsetzten, sah Mette mit einer unerklärlichen Freude, daß sie fast ebenso groß war wie Olga Radó, viel größer als die drei blonden, rundlichen Mädels.
Sie gingen zu dritt die Treppen hinunter und ein Stück die Straßen entlang. Erika Hannemann führte das Gespräch.
„Nein, wie Sie das wissen konnten, Fräulein Radó, von Travemünde die Sache und von Wassermüller ... von Fannis Max weiß ich ja alles, weil ich es direkt miterlebt habe – ich war ja auch in Travemünde ... kennen Sie es? – Ach, Travemünde ist entzückend ... Ich möchte dies Jahr zu gern wieder hin, es hat so feines Publikum, soviel gute Hamburger und Lübecker Familien ... aber meine Eltern wollen ins Gebirge ... ins Salzkammergut, glaub’ ich ... wissen Sie da nicht irgendeinen hübschen Ort? Aber einen, wo ein bißchen was los ist?!“
Olga Radó sagte von Zeit zu Zeit: „Ja, nicht?“ – „nein!“ – „so!“ – „ach!“ – „nein!“ –
Mette schwieg.
An irgendeiner Ecke nahm Erika Hannemann Abschied und bog links um.
Olga und Mette gingen eine Weile schweigend mit raschen Schritten nebeneinander her.
Mette hätte längst abbiegen müssen, wenn sie auf dem nächsten Weg nach Hause wollte. Sie kam sich aufdringlich vor, daß sie immer noch nebenher lief, aber sie war viel zu froh, daß Erika endlich fort war – so, als sei nun die Luft reiner geworden und man könne freier ausschreiten – es war eine Freude, sich dem Takt dieser schönen und gleichmäßigen Schritte anzupassen, und sie tröstete sich damit, daß ja niemand wußte, wo sie wohnte, und daß sie ein Recht auf die Straße hatte, gerade so gut wie jeder andere auch.
Mette sah jedem Haus mit einer gewissen Beklommenheit entgegen: War es nun dies oder das nächste, an dem Olga Radó stehenblieb, nach einem flüchtigen Gruß hineinging, eine schwere Tür hinter sich verschloß und die Straße sehr einsam und öde hinter sich zurückließ?
Nach einem minutenlangen Schweigen sagte Olga plötzlich:
„Es war nicht richtig, in Gegenwart dieser Kälber von Syphilis zu reden, gelt? – Sie werden sehr chokiert gewesen sein.“
„Ich?“ sagte Mette und bekam einen roten Kopf.
„Nein, nein! Sie nicht! Sie – klein geschrieben – die Kälber.“
„Aber, gnädiges Fräulein! Machen Sie sich darüber Gedanken?“ Es schien Metten wirklich höchst lächerlich, sich über das Urteil der Kälber Gedanken zu machen.
„Ja doch!“ Olga Radó wandte den Kopf und heftete die Augen einen Moment lang scharf und ernst auf ihr Gesicht. „Denken Sie, ich mache mir darüber Gedanken. So etwas kann mich direkt quälen. Ich verkehre nur mit so erwachsenen Menschen, daß ich ganz die Schätzung verloren habe, was man in einer solchen Gesellschaft sagen darf. Ich glaube, die jungen Mädchen aus guter Familie dürfen von Syphilis nicht eher etwas hören, als bis sie sie selber haben.“
Mette lachte mit geschlossenen Zähnen leise auf.
„Es wäre schon zum Lachen,“ sagte Olga Radó, „wenn es nur nicht so furchtbar traurig wäre. Ich habe jetzt wieder so einen Fall erlebt. Darum komme ich mit den Gedanken nicht los davon ... Sagen Sie, war ich sehr unliebenswürdig zu dem kleinen Ekel?“
Jetzt lachte Mette hell auf.
„Zu wem?“
„Ich weiß nicht, wie das heißt. Was hier neben uns herlief. Sie sind doch nicht befreundet, gell, nein? Verzeihen Sie, das war eine dumme Frage!“
Metten war, als hätte noch nie im Leben jemand ihr ein solches Lob gespendet. Sie war stolz und dankbar zu gleicher Zeit.
„Ich bin mit keinem Menschen befreundet,“ sagte sie, ernster und schwerer, als es eigentlich ihre Absicht gewesen war.
Nun war doch das Haus da, vor dem Olga Radó plötzlich stehenblieb.
„Hier bin ich daheim,“ sagte sie, „wenn man ein Pensionszimmer ‚daheim‘ nennen darf. Aber – schließlich – was darf man so nennen? Kennen Sie die Pension Flesch?“
„Ich kenne überhaupt keine Pensionen.“
„Sie Glückliche! Sie wohnen bei Ihren Eltern!?“
„Bei meinem Vater.“
„Ach, die Pension ist ganz nett. Ich habe in schlimmeren gehaust. Kommen Sie doch gelegentlich mal hinauf zu mir und schaun’s sich meine Bude an!“
„Aber gern!“ – – –
Dies „gern“ war keine leicht hingesprochene Redensart.
Mette dachte in der nächsten Zeit Tag und Nacht darüber nach, wie sie es anstellen sollte, dieser Aufforderung zu folgen und Olga Radó aufzusuchen.
Sie war manchmal schon auf dem Wege, hinzugehen. Dann kehrte sie um, weil sie sich lieber vorher telephonisch anmelden wollte. Wieder schien es ihr unpassend, einen Menschen durch telephonischen Anruf zu stören. Sie wollte ihr schreiben. Aber das gab der Sache einen solchen Anstrich von Wichtigkeit und Förmlichkeit, nahm ihr alles Zufällige, Gelegentliche. Und dann – wenn sie eine höfliche Absage bekam, war ihr jede Möglichkeit genommen, einen weiteren Versuch zu machen. Wenn sie dagegen einfach hinging und sie nicht antraf, konnte sie ihre Karte mit ein paar Worten dalassen – und auf eine Nachricht warten.
Sie ging – ging bis vors Haus und ging doch wieder nicht hinauf. Aber sie ging ein paarmal die Straße auf und ab und stand sehr lange und versunken vor einigen äußerst reizlosen Auslagen. Es hätte doch sein können, daß Olga Radó zufällig gerade um diese Zeit das Haus verließ, oder besser noch, heimkam, und sie aufforderte, mit hinaufzugehen.
Außerdem pflegte Mette den Verkehr mit Möbiussens mit rührendem Eifer. Sie lud sie ein, sooft es Tante Emilie erlaubte, sie ging hin, sooft sie aufgefordert wurde; sie hatte zwischendurch hundertmal zu telephonieren, um irgendeine Verabredung festzustellen. Sie lieh sich Bücher aus, die sie holen und wiederbringen mußte und bemühte sich bei alledem, so liebenswürdig zu sein, daß Frau Konsul ganz entzückt von ihr war und Tante Emilien gegenüber nicht oft genug betonen konnte, wie Mette sich zu ihrem Vorteil verändere – was Tante Emilie meist mit einem stummen und fast beleidigten Achselzucken erwiderte.
Das ging durch Wochen so. Aber Mette verlor die Geduld nicht. Es war genug, wenn von Zeit zu Zeit ein Wort fiel, „... wie Olga immer sagt“ oder „das hat Olga so gern“. Es war genug und fast zu viel, wenn Fanni sagte:
„Gestern abend war Olga auf einen Sprung oben, ich finde, sie sieht schlecht aus!“
Oder, wenn Emmi, die sich in dieser Zeit so etwas wie eine Schwärmerei für Mette zurechtlegte, sagte:
„Mette hat so wunderschöne Hände, beinah so schöne wie Olga ...“
Ach, es war genug, den kleinen schwarzen Hund auf den Knien zu halten und ihn lachend „Sophonisbe“ zu nennen.
All das gab Hoffnung und Spannung für Tage. Mette fing in dieser Zeit an, das Leben schön zu finden.
Aber sie wußte nicht, warum. – – –
Eines Abends – die Mädels saßen noch im Dämmer zusammen – weil es sich besser reden ließ als beim grellen Lampenlicht, und Mette ließ sich zum drittenmal die Geschichte von Max und Travemünde erzählen, und wie es „angefangen“ hatte – schrillte die Klingel, und ein paar Sekunden später klang im Nebenzimmer mit Frau Konsuls dünnem, sanftem Organ die tiefe, tönende Stimme, die Metten ein Erschrecken bis ins Herz jagte.
Sie kannte diese Stimme so genau und fürchtete doch, daß sie sich täuschen könnte. Sie wollte fragen: „Ist das nicht Olga?“ und fürchtete, ein „Nein“ als Antwort zu bekommen. Und mehr als alles fürchtete sie, daß dies Gespräch nebenan verstummen könnte – daß die Türen gehen könnten und es nachher heißen würde: „Eben war Olga auf einen Moment hier“.
Die Stimmen verstummten nicht. Sie wurden lauter, kamen näher, die Tür wurde rasch und weit aufgemacht, und im Rahmen stand Olgas hohe Erscheinung, abgehoben von dem gelben Licht, das das Nebenzimmer füllte, wie ein gedunkeltes Bild von goldenem Grund.
„Kinder, wollt ihr morgen bei mir Tee trinken?“ rief sie in das dunkle Zimmer. „Ich habe ‚Kugler‘ geschickt bekommen.“
Die beiden Möbius-Mädchen juchten auf.
Emmi rückte einen Stuhl und wollte Olga hineinziehen, aber die wehrte ab und ließ die Hand nicht von der Türklinke.
„Nein, nein, Kinder, ich habe keine Minute Zeit. Aber kommt morgen zeitig, um vier, halb fünf spätestens, ich muß abends in die Oper.“
Mette rührte sich nicht. Als die Tür aufging, hatte sie ein halblautes „Guten Abend“ gesagt. Nun schien es ihr aufdringlich, sich irgendwie bemerkbar zu machen. Vielleicht hatte Olga sie in ihrer dämmerigen Ecke gar nicht gesehen. Vielleicht hatte sie sie aber auch nicht sehen wollen. Es wäre ja begreiflich gewesen. Aber irgend etwas tat weh dabei.
„Wollen Sie nicht mitkommen, Fräulein Rudloff? Wenn Sie nix Besseres vorhaben – Sie sind herzlichst eingeladen ...“
„Gern!“ sagte Mette, und wurde blaß vor Freude. – – –
Am andern Tag brachte Mette so viel Zeit damit hin, sich anzuziehen und herzurichten, als ob sie zum Ball gehen wollte.
Tante Emilie war für Ordnung und Sauberkeit in der Kleidung, soweit das eben zur Musterhaftigkeit gehörte, aber beileibe nicht für mehr. Ein Mensch, der mit aller Gewalt hübsch aussehen wollte, der war schon halb in den Krallen des Satans.
(Ach, wie recht hatte doch Tante Emilie manchmal mit ihren Ansichten!)
Mette wollte heute mit aller Gewalt hübsch aussehen. Sie schnitt und feilte und polierte eine Stunde an ihren Nägeln. Sie versuchte dreimal eine neue Haartracht. Sie überlegte, unter welchem Vorwand sie das blaue Taffetkleid anziehen sollte, es war das gute, das neue, das einzige, in dem sie, ihrer Meinung nach, erträglich aussah. Aber Tante Emilie würde es ihr ja für einen einfachen, kleinen Nachmittagstee nie gestatten.
Tante Emilie ging schon herum, als wollte sie durch fortdauernde Spionage die Bestätigung eines furchtbaren Verdachtes erbringen.
Alle paar Minuten wurde die Tür zu Mettes Zimmer aufgerissen.
„Herr Gott im Himmel! Du frisierst dich noch?“
Und nach fünf Minuten:
„In welcher Straße ist das, wo ihr nachmittag hingeht?“
Nach zwei Minuten:
„... noch dünnere Strümpfe konntest du wohl nicht anziehen?! Es ist heut absolut nicht so übermäßig warm. Ich weiß nicht, in meiner Jugend war das überhaupt nicht Mode ...“
„Holen Möbiussens dich ab, oder holst du sie ab?“
„Ich würde mir doch an deiner Stelle eine Maniküre kommen lassen!“
„Wer ist denn da noch? Bloß ihr drei?“
Angesichts dieser Inquisition beschloß Mette, lieber in Rock und Bluse zu gehen und des blauen Taffetkleides lieber gar nicht erst Erwähnung zu tun. – – –
Als Mette die Wohnung verlassen wollte, stand Tante Emilie mit Kapotthütchen und Regenschirm bereits an der Flurtür. Sie kam mit bis zu Möbiussens. Sie hatte schon längst die Absicht gehabt, Frau Konsul einmal aufzusuchen.
Nun sei ja sehr gute Gelegenheit. Ihrer Nichte sei doch hoffentlich die Begleitung nicht unangenehm?
Mette schwieg. Sie fühlte das lauernde Mißtrauen und glühte vor Zorn. Sie konnte keine liebenswürdige Antwort geben. Sie gingen wortlos nebeneinander her, und in beiden brannte der Haß mit schwelender Flamme. – – –
Mette hatte den Druck der Mißstimmung, der auf ihr lag, noch nicht abschütteln können, als sie schon längst mit den beiden schwatzenden Mädchen auf dem Weg war. Immer wieder verstärkte sich ihre Pein, wenn sie dachte: ... und ich hatte mich so gefreut.
Erst als sie das Haus wiedersah, als sie die Tür öffnete, die Treppen hinaufstieg, mit dem stolzen Gefühl, vollauf dazu berechtigt zu sein, da schlug die Freude wieder in ihr hoch, wie eine helle Flammenlohe durch Qualm und Rauch.
Mette brannte vor Neugier, das Zimmer zu sehen. Als das zierliche Hausmädchen sie durch den Türgang führte, empfand sie ein Gefühl, dem ähnlich, mit dem sie als Kind im Theater vorm geschlossenen Vorhang gesessen hatte, wenn die Musiker anfingen, ihre Instrumente zu stimmen.
Das Zimmer lag fast im Dunkel. Rolläden und Vorhänge waren so fest geschlossen, daß kaum ein Schimmer des regnerischen Tages die Fenstervierecke heller zeichnete. Direkt neben dem kleinen, niedrigen Teetisch stand eine hohe, buntbeschirmte Lampe, die ein blendendes Licht über das weiße Tuch, über das dünne, goldgeränderte Porzellan und über ein dunkelblaues, mit gelben Primeln angefülltes Jean-Beck-Glas warf.
Von dem übrigen Zimmer konnte man auf den ersten Blick nicht viel erkennen. Die Möbel schienen schwer und dunkel, an einer Wand glänzten im ungewissen Licht lange Reihen von Bücherrücken, hie und da gleißte die Ecke eines Bilderrahmens auf oder ein Stückchen spiegelnden Glases.
Olga empfing ihre Gäste mit einer Freude, die herzlich und aufrichtig schien.
Metten erschien es unbegreiflich, daß diese Frau sich nicht in kalten Hochmut wie in einen Panzer hüllte.
Die Mädchen konnten nicht aufhören, sich über die künstliche Dunkelheit zu belustigen.
„Ja,“ sagte Olga, „ich wollte doch meine Bude im vorteilhaftesten Licht präsentieren. Und am vorteilhaftesten ist so wenig Licht wie möglich. Außerdem – wenn vor der entsetzlichen grauen Brandmauer da drüben noch der Regen in Strippen herunterläuft, dann ist das auch weiter kein erfreulicher Anblick. So kann man denken, da draußen liegt ein Tannenwald im Schnee, oder Terrassen, die nach dem Meer hinunterführen oder der Donau-Kai in einer Mainacht, wenn die Akazien blühen.“
Mette wurde in einen tiefen Sessel genötigt.
„Ja, das müssen Sie sich schon gefallen lassen, Sie sind hier unser Ehrengast, Sie sind doch die Älteste! Jetzt sind Sie wahrscheinlich noch stolz darauf, wenn Sie erst so alt sind wie ich, dann hört es schon auf, eine Schmeichelei zu sein.“
Mette hatte sich in ihrem ganzen Leben noch nie so zu Hause gefühlt, wie in diesem Sessel.
Ihr gegenüber hockte Olga auf einem niedrigen Taburett, hatte schon längst die unvermeidliche Zigarette zwischen den Fingern und hielt sie zwischen den Zähnen fest, wenn sie die Hände brauchte, um Tee einzugießen oder Kuchen herumzureichen.
Sie war ersichtlich bemüht, ihre Gäste zu unterhalten, aber als Fanni und Emmi erst ins Schwatzen kamen und sich gegenseitig nicht mehr zu Wort kommen ließen, wurde sie still und hörte lächelnd zu – wie ein Erwachsener spielenden Kindern lauscht.
Wenn eine Pause im Gespräch eintrat, holte sie einen Kasten mit Photographien hervor, die sie auf Reisen aufgenommen hatte, oder ein Buch mit Dulacillustrationen oder eine Zeitschrift mit den Porträts der neuesten Filmstars.
In Metten wuchs schon wieder ein Gefühl der Pein auf. Sie bekam es kaum fertig, sich mit einem „Ja“ oder „Nein“ am Gespräch zu beteiligen.
„Sie gibt sich so krampfhaft Mühe, uns zu unterhalten,“ dachte sie. „Und im Grunde sind wir ihr langweilig und lästig. Wenn die Tür nachher hinter uns zufällt, atmet sie auf und sagt: ‚Gott sei Dank‘! Ich kann es ihr ja auch nicht verdenken. Warum sie uns nur erst eingeladen hat!“
Sie hatte die größte Lust, zu gehen, nur um Olga Radó von diesem Besuch zu befreien. Dabei fühlte sie – wenn sie jetzt mit irgendeiner Ausrede aufbrechen wollte, und man würde sie fragen, sie bitten, die allgemeine Aufmerksamkeit würde sich auf sie lenken, dann würden ihr unhaltbar die Tränen aus den Augen stürzen, die ihr drohend und stechend hinter der Nasenwurzel saßen.
Sie war fast froh und tief unglücklich, als Olga plötzlich auf die Uhr sah und sagte:
„Kinder, ich muß euch hinauswerfen, so leid es mir tut. Ich muß mich umziehen, aber schleunigst – die Zeit ist so rasend schnell vergangen.“
Im tiefsten Innern litt Mette darunter, daß der ersehnte Nachmittag schon vorüber war. Aber ihre Gedanken sagten laut und deutlich: „Gott sei Dank!“ Und sie war erst recht erbittert, daß sie nun eigentlich froh sein mußte, statt unglücklich zu sein. – – –
Mette war leicht geneigt, sich zur Verantwortung zu ziehen. Sie ging am selben Abend noch scharf mit sich ins Gericht. Sie klagte sich an, dumm, faul, unwissend und ungewandt zu sein.
Warum kannte sie die Bücher nicht, die Olga Radó in ihrem Besitz hatte und las und liebte? Vater hatte sie sicher alle vorn in seinem Studierzimmer, aber Mette war noch nie auf den Gedanken gekommen, sie zu lesen.
Warum war es ihr nicht möglich, einmal etwas Geistreiches zu sagen? Irgend etwas, das sie mit einem Schlage über das flache Gewimmel dieser Alltagsbackfische hinaushob.
Olga Radó merkte sicher an einem Wort, wes Geistes Kind einer war. Vielleicht hatte sie etwas von ihr erwartet, weil sie ein bißchen anders aussah als die anderen.
Mette stand prüfend vorm Spiegel. Sie war hochgewachsen, hatte eine kluge Stirn und ernste Augen. Und was war dahinter? Nichts, nichts, nichts!
Mette schnitt ihrem Spiegelbild zornige Fratzen.
Was hatte sie den ganzen Nachmittag geredet? „Ja,“ „nein“ und ein paar alberne Phrasen.
Aber das kam davon, wenn man blind und taub durchs Leben ging.
Dann wußte man selbst solche Dinge nicht, von denen die Möbius-Mädeln schwatzen konnten. Und an alledem war Tante Emilie schuld!
Das schlimmste aber war – Mette drehte das Licht aus und verkroch sich unter die Bettdecke, weil das Blut ihr brennendheiß in die Stirn stieg – das schlimmste war, daß sie, als die anderen vom „Kammersänger von Wedekind“ gesprochen hatten, allen Ernstes gedacht hatte, es wäre ein adliger Hofopernsänger und gefragt: „Wie heißt er denn mit Vornamen?“
Aber das hatte Olga Radó hoffentlich nicht gehört. – – –
Eine Woche lang gab Mette ihre zwecklosen Spaziergänge auf und übte zu Hause Klavier und lernte französische Vokabeln, und wenn sie eine halbe Stunde geübt und gelernt hatte, warf sie sich auf den Diwan und starrte in das Stückchen Himmelblau, von silbrigen Telephondrähten durchschrägt, das sie von ihrem Platz aus sehen konnte. Und dann flogen ihre Gedanken – wie das herrlich wäre, alle Sprachen der Welt zu verstehen, oder ein Instrument vollkommen zu beherrschen, oder eine wundervolle Stimme zu haben, oder bezaubernd schön zu sein. Aber da man all so etwas doch nie erreichen konnte, so wäre es vielleicht am angenehmsten, tot zu sein. – – –
Dann kamen dringende Besorgungen, die einen gezwungenermaßen in die Motzstraße führten. Und wenn man an dem Haus vorüber mußte, war es natürlich, daß man ein wenig langsamer ging, zu den Fenstern hinaufsah, die Straße entlang spähte.
Und wenn man in der Stadt war und nach Hause gehen wollte, konnte man genau so gut durch die Motzstraße gehen wie durch die Kleiststraße. Und wenn man ging, um ein wenig an der frischen Luft zu sein, war es das natürlichste von der Welt, daß man sich auf den Viktoria-Luise-Platz auf eine Bank setzte und den spielenden Kindern zusah.
Jeden Tag stand Mette vor einem Geschäft mit Handschuhen, Bändern und Spitzen und starrte tiefsinnig auf die Auslagen – weil im Hintergrund des Glaskastens ein Spiegel war, und weil man in diesem Spiegel die Haustür gegenüber beobachten konnte.
Jedesmal zuckte Mette zusammen, wenn die Haustür sich auftat.
Und als einmal Olga Radó durch die Haustür trat, hätte Mette sie beinah nicht erkannt. Sie hatte einen losen Mantel an, beide Hände in den weiten Taschen vergraben und keinen Hut auf. Sie lief mehr als sie ging, zwei Häuser weiter nach dem Briefkasten und steckte einen Brief unter die Klappe.
Mette ging rasch über den Damm, um ihr den Rückweg abzuschneiden. Dabei klopfte ihr Herz so, daß sie nach Atem ringen mußte. Sie faßte in flüchtigster Geschwindigkeit der Gedanken hundert Entschlüsse, die sie wieder verwarf.
Sie wollte sie anreden – sie wollte mit stummem Gruß an ihr vorübergehen – aber vielleicht wurde sie gar nicht erkannt – sie wollte sie doch lieber anreden – aber wie?
Als sie noch auf dem Damm war, hatte Olga sie gesehen und schwenkte ihr die Hand entgegen.
„Hallo, Fräulein Mette! Wollten Sie mich besuchen?“
„Eigentlich nicht!“ sagte Mette und wurde blaß vor Aufregung. Vielleicht war es wieder eine Dummheit. Vielleicht hätte sie „ja“ sagen sollen ...
„Aber uneigentlich ja“ – sagte Olga und schob ihre Hand in Mettens Arm. „Kommen Sie eine Stunde mit hinauf. Oder haben Sie etwas zu versäumen? Nein? Na also! Warten Sie – ich muß nur noch zu meinem Freund an der Ecke, mir Zigaretten holen – gehen Sie mit?“
Nie in ihrem Leben hatte Mette einen so reizenden kleinen Tabaksladen gesehen, wie dies Geschäft an der Ecke. Nie war ein Mensch so auf den ersten Blick gewinnend gewesen, wie dieses weißhaarige, schmunzelnde Männchen mit den dürren, zittrigen Händen, bei dem Olga Radó ihre Zigaretten kaufte – – –
Olga saß vor dem breiten Diplomatenschreibtisch aus schwarzgebeiztem Eichenholz im Lutherstuhl, die Beine übereinander geschlagen, ein wenig vorgebeugt, beide Ellenbogen auf den hohen Seitenlehnen.
Mette saß ihr gegenüber im Sessel. Ihr war ein wenig zumute wie beim Examen. Irgend etwas in ihrem Innern straffte sich auf, biß gleichsam die Zähne zusammen und sagte: Ich will bestehen. Ich will bestehen.
Eine Weile ging es ganz gut. Sie sprachen von den Möbius-Mädeln und von Erika Hannemann und Tante Konsul. Und Mette erzählte von zu Hause, von Tante Emilie und von den schönsten Tagen ihrer Kindheit – von dem Gut und dem Gartenhäuschen aus Birkenrinde und dem Brückchen aus Birkenstämmen, das über ein ganz kleines Wässerlein führte – und von den Perlhühnern, die immer auf die Veranda kamen, wenn gefrühstückt wurde ...
Und dann sagte Olga plötzlich:
„Sagen Sie mir bloß, wie kommen Sie eigentlich zu der Freundschaft mit meinen sogenannten Cousinen?“
„Ich weiß nicht,“ sagte Mette – „Tante Emilie ...“
„Ich will nichts gegen sie sagen,“ sagte Olga rasch, „es sind herzensgute Kinder. Aber langweilen Sie sich nicht zu Tode in diesem beständigen Verkehr?“
„Ja,“ gab Mette zu, „aber ich langweile mich eigentlich immer.“
„Hören Sie, das ist ja furchtbar!“ sagte Olga ernsthaft erschrocken. „Ich möchte lieber tot sein, als mich langweilen. Haben Sie denn keinen anderen Menschen als Fanni und Emmi und Tante Emilie?“
„Nein“ – sagte Mette zögernd. „Es liegt wohl an mir. Ich habe nie eine Freundin gefunden. Aber ich habe auch nie eine gemocht.“
„Es ist nicht leicht“ – sagte Olga nachdenklich. „An unseren besten Freunden gehen wir meist um ein paar Jahrhunderte vorüber. Von manchen wissen wir. Wenn wir von ihnen lesen oder ihre Bilder sehen. Aber das sind doch nur die wenigsten. Und von denen, die nach uns geboren werden, wissen wir gar nichts. Darum beneide ich die Schaffenden so. Sie können denen, die nach ihnen kommen, einen Gruß zuwinken. Sie können sich selbst festhalten in Worten, in Bildern, in Taten. Ja, in Taten auch. Das ist dann wie ein Schrei: So bin ich! So war ich! Habt mich lieb! Und wenn sie bei ihren Lebzeiten niemand gefunden haben, so wird vielleicht in hundert Jahren einer geboren, oder in zweihundert, der sie liebt, so wie sie geliebt sein wollten. Der sie versteht, so wie sie verstanden sein wollten. – Wir armen Hunde – wenn wir tot sind, werden wir ganz gewiß nicht mehr geliebt. Nicht in zehn Jahren mehr, ach, nicht in zehn Monaten. Ich möchte manchmal ...“
Ihre Augen standen tief dunkel und drohend unter den zusammengezogenen Brauen.
Sie brach ab und setzte mit einer anderen Stimme wieder ein:
„Wissen Sie, unter den Menschen der Renaissance sind sehr viel sympathische Leute. Man hätte doch wohl vier, fünf Jahrhunderte früher leben müssen. Ich wäre ganz sicher mit Margherita Sforza befreundet gewesen. Ich hab’ vorhin gerade so eine famose Geschichte von ihr gelesen, wie sie ihrem Bruder seine Besitzungen erhielt, als Julius Cäsar gegen sie abgeschickt wurde.“
In Mettens Kopf erhob sich ein Wirbel, der einem Schwindelgefühl nicht unähnlich war.
Renaissance – das war ihr ein vertrauter Begriff.
Mit dem Namen Sforza verband sie eine dämmernde Vorstellung.
Aber – „Julius Cäsar?“ murmelte sie fassungslos.
Olga lachte: „Nein, nein, nicht der! Julius Cäsar von Capua.“ Und dann setzte sie gleich wie begütigend hinzu: „Ein kleines, dummes Fürstchen! Sie brauchen ihn nicht zu kennen.“
„Ach,“ seufzte Mette aufrichtig, „ich kenne so viele nicht, die ich kennen müßte.“
„Na,“ sagte Olga, „es wird so schlimm nicht sein. Die Königin Johanna kennen Sie doch?“
„Welche?“ fragte Mette ratlos. „Ich kenne nur die Erzählungen der Königin von Navarra ...“
„Die kennen Sie hoffentlich nicht!“ sagte Olga belustigt. „Im übrigen war das eine Margarete. Aber die Sforza kennen Sie doch?“ Sie fragte so zart, so zuredend, als spräche sie zu einem Kinde, dem man nicht wehtun will.
„Ich weiß nicht ... nein ... ja ...“
„Na, was wissen Sie von ihnen?“
„Nichts“ – sagte Mette verstört –, „nur das Bild von Rubens – das kleine Mädchen mit der Leberwurst ...“
Olga horchte einen Augenblick mit hochgezogenen Brauen, als dächte sie nach. Dann lachte sie laut und lustig, so lustig, wie Mette sie noch nie hatte lachen hören. Aber merkwürdigerweise tat diese Lustigkeit Metten nicht weh, obgleich sie sich über ihre eigene Unempfindlichkeit wunderte. Es war so hübsch, Olga Radó so herzlich lachen zu sehen. Auch dann, wenn man selber ausgelacht wurde.
„Mädchen!“ rief Olga immer noch lachend. „Wie sieht das in deinem Gehirn aus! Ach! Da möcht ich einmal Ordnung schaffen!“
„Tun Sie das!“ sagte Mette glühend. „Bitte, bitte, tun Sie das!“
Olgas Gesicht wurde einen Augenblick ernst und nachdenklich.
„Nein, nein,“ sagte Mette sofort erschrocken, „das war eine Unverschämtheit. Sie sind ja schließlich nicht unsere Gouvernante!“
„Kind!“ sagte Olga, und legte mit einem raschen Sichvorbeugen ihre Hand auf Mettens. „Sind Sie so empfindlich? Das galt doch gar nicht Ihnen! Wollen Sie lesen lernen bei mir? Weiter kann ich Ihnen ja auch nix beibringen! Kommen Sie, ja? Kommen Sie zu mir herauf, sooft Sie wollen, bis es Ihnen langweilig wird.“
„Nie!“ sagte Mette, als spräche sie einen heiligen Eid.
„Aber wissen Sie, ehe wir uns irgendwo festhaken, müssen Sie erst mal einen Überblick haben. Sie müssen sich durch eine Weltgeschichte durcharbeiten. Soll ich Ihnen den Schlosser mitgeben? Es sind achtzehn Bände. Immer einen Band nach dem andern. Ja – Mädel, da hilft dir kein Gott! Wenn du weiter nix tust, kannst du gut hundert Seiten im Tag lesen – ach mehr – und wenn du fertig bist – alle drei, vier Tage – je nachdem – kommen Sie her und tauschen sich den Band ein und trinken hier Tee, und wir plaudern ein bissel. Gell, ja? Wollen wir’s so halten?“
So fing es an. – – –
Und so ging es eine ganze Weile.
Mette las mit einem Feuereifer die Bücher, die Olga Radó ihr gab. Und wenn sie das Buch sinken ließ, mit brennendem Gesicht, dann war ihr, als ob Olga ihr gegenüber säße, und sie fing an, lange Gespräche mit ihr zu führen. Auf jeder Seite stand etwas, etwas Grauenhaftes oder Schönes, etwas Merkwürdiges oder Unverständliches, irgend etwas, was sie Olga erzählen, wonach sie Olga fragen mußte.
Manchmal führte sie diese Gespräche auch in Wirklichkeit, manchmal sprach sie das aus, was sie sich in Gedanken zurechtgelegt hatte, sagte, was zu sagen sie sich vorgenommen hatte – aber nur selten.
Es war das sonderbar Beglückende und Überraschende, was Mette wohl empfand, aber sich viel, viel später erst klarmachte: daß man Olga Radó nicht führen konnte. So stark waren ihre Gedanken, ihre Stimmungen, daß sie im ganzen Zimmer eine Atmosphäre schufen, in der es unmöglich schien, anderer Laune zu sein als sie. Und wer kein Gefühl dafür hatte und einen anderen Ton anschlug als den, in dem Holz und Glas und Luft und Seide leise zu schwingen schienen, der erweckte eine schreiende Dissonanz.
Mette spürte das später manchesmal, wenn Fremde ins Zimmer kamen. Sie selbst rief nie, nicht in den ersten Tagen, einen Mißklang hervor, weil sie still war, weil sie sich selbst ausschaltete, um halb unbewußt und doch beinah ängstlich jede Schwingung aufzufangen, die in der Luft zitterte.
Im Anfang war es halb unbewußt. Sie kam sich so bodenlos klein und dumm vor, daß sie kaum wagte, in Olgas Gegenwart einen Gedanken für sich zu haben. Später, als ihre gesunden Nerven längst fein und dünn bis zum Zerreißen ausgespannt waren, hatte sie es zu einer bewußten Meisterschaft gebracht. Sie pflegte manchmal scherzend zu sagen:
„Heut mußt du in sehr schlechter Laune die Straße entlang gegangen sein. Die Häuser schneiden jetzt noch Fratzen hinter dir her!“ – –
Es war das dritte- oder viertemal, daß Mette oben war. Olga lag auf dem Diwan und rauchte so ununterbrochen, daß die blauen Wolken Mühe hatten, sich zum Fenster hinauszuschieben.
Mette saß im Sessel und las ihr Jean Paul vor:
„Einen anderen freilich, wenigstens den Leser und mich, würde die durchsichtige Nacht, womit sich der April beschloß, die weite Stille, auf welche die Trommelstöcke schlugen, die Sehnsucht nach dem Geliebten, mit welchem der Morgen wieder das öde Herz und das zerstückte Leben ergänzte, alles dieses würde uns beide mit sanften Bebungen und Träumen erfüllt haben ...“
„Bitte, laß!“ sagte Olga gequält und preßte die Hand gegen die Schläfen. „Sei nicht böse, ich kann es heut’ nicht vertragen, sei lieb, Kind, da oben steht der Walt Whitman – im obersten Fach – weiter nach rechts – oder nein, laß – geh mal nebenan an meinen Toilettentisch, da liegt eine silberne Bürste – nein, die mit dem Stiel – die bring mal her.“
Mette brachte gehorsam die Bürste.
Olga nahm sie ihr aus der Hand, ohne sich aufzurichten und schlug mit dem Rücken einen kräftigen Daktylus gegen die Wand, nach kurzer Pause noch einen und einen dritten.
Mette lachte. „Muß dazu die Bürste sein?“
„Ja,“ sagte Olga. „Das ist mein Morseapparat. Nach langjähriger Erfahrung der beste. Was soll ich nehmen? Das Tintenfaß geht doch nicht gut. Ein Buch gibt keinen Schall, wär’ mir auch zu schade ...“
Währenddessen klopfte es an die Tür.
„Ja, ja, ja!“ rief Olga.
Die Tür wurde nur halb geöffnet, und ein blonder Männerkopf schob sich durch den Spalt.
„Ah, Besuch?!“ sagte eine hohe, dünne, heisere und trotzdem nicht unangenehme Stimme.
„Komm rein, Peterchen,“ sagte Olga, „es ist nur die Mette.“
Das Wort gab Metten ein großes Glücksgefühl. Es gab ihr eine gewisse Heimatsberechtigung in diesem Zimmer, wo nur geduldet zu sein, schon Stolz und Freude war.
Der kleine Mann, der seinen zarten und verwachsenen Körper durch die Tür schob, kannte sie, wußte ihren Vornamen, wußte, daß sie „nur“ die Mette war – das war keine Beleidigung in diesem Falle, sondern eine Erhöhung. „Nur die Mette“ – das hieß: kein Besuch, niemand Fremdes, jemand, der dazugehört, der nicht störend wirkt – es ist so gut, als ob ich allein bin.
Mettens ganze Sympathien flogen dem kleinen Mann entgegen. Vielleicht, wenn es ein stattlicher, schöner Mensch gewesen wäre, hätte sie sich in einem Gefühl der Eifersucht gegen ihn gewehrt. Aber er war nichts weniger als schön, trotz seiner sanften blauen Augen und seiner feinen gepflegten Hände.
Mette liebte ihn vom ersten Augenblick an, wie sie den Zigarrenhändler an der Ecke liebte, mit einer fast zärtlichen Liebe.
Diese erste Begegnung war der Anfang einer treuen und langjährigen Freundschaft.
Otto Petermann war im allgemeinen gewiß nicht geneigt, sich selbst oder Neigungen, die seiner Persönlichkeit galten, zu überschätzen – aber ob es nicht doch manchmal Momente gab, in denen er glaubte, Mettens Gefühle ihm gegenüber für etwas anderes als ihre Liebe für den kleinen Zigarrenhändler halten zu dürfen?
„– Peterchen,“ sagte Olga, „hol’ die Geige und spiel’ uns was!“
„Ja, was?“ fragte Petermann.
„Etwas Anständiges. Für das kleine Mädchen ist nichts zu schade.“
Und Petermann spielte. Spielte das, was sie beide am meisten liebten, Olga und er, und was er nicht spielen wollte und nicht spielen durfte, wenn ihn Leute hörten, für die es „zu schade“ war.
Mette saß ganz still. Ihr war, als ob die Töne sie wie ein sanft flutender Strom dahintrügen, immer weiter, immer weiter, alles blieb zurück, die graue, schmutzige Stadt, ein Gemenge von keifenden und johlenden Leuten – blieb zurück, wurde kleiner, verschwand im Nebel, immer klarer wurde die Luft, immer reiner, immer tiefer das Wasser, immer lieblicher, immer freier die Ufer. Eine Insel tauchte auf, blühende Bäume ließen ihre tief herniederhängenden Zweige von den ziehenden Wellen tränken.
„Das ist die selige Insel,“ dachte Mette. „Nur Könige wandeln auf dieser Insel. Nur Könige trägt unser Schiff. Aber ich werde mitgenommen. Ohne all mein Verdienst und Würdigkeit. Ich will dankbar sein. Mein ganzes Leben lang. Vielleicht werde ich über Bord geworfen, eh wir an Land gehen. Aber nun weiß ich den Weg. Dann will ich versuchen zu schwimmen oder will untergehen. Aber ich will nicht mehr zurück. Nie, nie, nie mehr zurück!“ – – –
Peterchens Geige sang noch durch die Dämmerung.
An diesem Tage kam Mette das erstemal zu spät zum Abendessen nach Hause. Die lange, erregte und boshafte Rede, mit der Tante Emilie sie empfing, machte ihr den Eindruck, als ob schmutziges Wasser über sie ausgegossen würde. Sie schüttelte sich vor Ekel, aber sie empfand keinen Schmerz. – – –
Auf Olga Radós Schreibtisch stand ein schöner Kasten aus schwerem, kantigem Kristall mit einem glatten Silberdeckel. Er war fast immer leer; denn die Zigaretten wurden so schnell aufgeraucht, daß es nicht lohnte, sie aus der Originalpackung herauszunehmen.
Eines Abends nahm Olga wieder einmal die letzte von fünfundzwanzig aus der Schachtel.
„O weh – das ist bös – Mette, sieh mal auf dem Schreibtisch nach – da sind natürlich auch keine ... ich bin doch ein Schaf!“
„Ich spring’ schnell hinunter und hole welche!“
„Nein, laß, du sollst nicht darum die Treppen laufen – wart’, gib mir einmal die Handtasche ’rüber. In meinem Etui müssen noch welche sein!“
Olga lag wieder auf dem Diwan, richtete sich halb auf, kramte Schlüssel, Taschentücher, Briefe aus der Tasche heraus und öffnete schließlich das Etui.
„Hurra! Dieu soit loué! Bei weiser Einteilung können wir durchhalten bis morgen früh! Magst du?!“
Sie reichte das offene Etui hinüber.
„Nein,“ sagte Mette, „ich verzichte liebend gern, sonst reichen sie am Ende doch nicht bis morgen.“
„Engel!“ sagte Olga und drückte das Schloß zu. „Mein einziger Trost ist, daß du dir nicht allzuviel daraus machst.“
„Darf ich einmal das Etui sehen?“ fragte Mette.
„Da, mein Engel!“ Olga gab es ihr. „Ist es nicht schön?“
Mette drehte das glatte, spiegelnde Gold in behutsamen Händen. „Es ist unglaublich schön. Ich mag auch die breite, niedrige Fasson so schrecklich gern. Aber was soll der Krebs? Ist das ein Wappentier?“
„Mein Wappen!“ lachte Olga. „Das Wappen meiner Familie. Es bedeutet, daß es mit uns den Krebsgang geht.“
„Nein ...“ sagte Mette zögernd und wurde rot.
„Nein? Woher weißt du? Aber nebenbei ist es leider kein so nützliches und angenehmes Tier. Es soll ein Skorpion sein.“
„Pfui!“ sagte Mette. „Und warum so ein Ungeheuer? Aus einer besonderen Vorliebe heraus?“
Sie vermied es, wo sie nur konnte, eine direkte Anrede zu gebrauchen.
„Ja,“ sagte Olga. „Man hat dies Etui einmal für mich machen lassen, weil ich gesagt habe, der Skorpion ist das anständigste Tier von der Welt. Er ist mein Lieblingstier.“
„Das ist nicht Ihr Ernst!“ rief Mette erschrocken.
„Doch, Fräulein Rudloff. Im übrigen möchte ich nur bemerken, daß das Dienstbotenniveau ist, sich von einem Menschen Du nennen zu lassen, ohne ihm ebenso zu erwidern.“
„Aber Sie sagen zu allen Menschen du,“ sagte Mette verlegen.
„Ja, und ich unterscheide die Leute danach, ob sie sich das gefallen lassen und mich weiter begnädigen, oder ob sie selbstverständlich darauf eingehen. Wenn du denkst, ich mache deinetwegen eine offizielle Angelegenheit daraus mit Anstoßen und Bruderkuß, dann irrst du dich. Wenn du noch ein einziges Mal Sie sagst, muß ich annehmen, daß dir diese Familiarität lästig ist, und dann bleibt mir nichts übrig, als dich gnädiges Fräulein zu nennen oder dir einen harten Gegenstand an den Kopf zu werfen. Es ist nebenbei doch mein Ernst – mit dem Skorpion. Weißt du nicht, daß er der einzige Selbstmörder unter den Tieren ist? Er läßt sich nicht von menschlicher Neugier und Grausamkeit langsam zu Tode quälen. Er kämpft wie ein Wahnsinniger – und wenn er weiß, daß keine Rettung mehr ist, bringt er sich um. Ist das nicht fabelhaft?“
Olga hatte sich aufgerichtet. Ihre Augen sahen groß und dunkel an Metten vorüber. Auf ihrem schönen, blassen Gesicht lag ein seltsamer, schmerzlich-heroischer Ausdruck.
Mette erschrak. „Und du?!“ sagte sie und faßte mit einer unwillkürlichen Bewegung nach Olgas Hand. „Hast du es darum zu deinem Wappentier gemacht?“
Olga lächelte ein weiches, gutes Lächeln.
„Schäfchen,“ sagte sie, „das hat einen ganz anderen Zusammenhang. Ich sollte ein Skorpion sein, weil ich einen giftigen Stachel hätte. Weil ‚mein Witz Skorpionstich‘ wäre. Ein Mensch, der mich liebte, hat das einmal behauptet. Und hat behauptet, wenn ich in die Enge getrieben würde, richtete ich den Giftstachel gegen mich selber und zerfleischte mich. Ich weiß nicht, ob das wahr ist. Es macht mir im Grunde keinen Spaß, über mich nachzudenken. Aber dieser Mensch sah mich so. Und darum ließ er mir das Etui machen. Schau“ – sie machte es auf. Die kleinen Rubinen, aus denen der Skorpion geformt war, waren à jour gefaßt. Die Zeichnung war auch auf der Innenseite deutlich. Und direkt darunter war der Namenszug eingraviert: Olga Radó.
Mette schalt sich selber töricht, aber sie konnte es nicht hindern: Ihr Herz war zum Springen voll von einer brennenden Eifersucht gegen diesen fremden Menschen, der Olga Radó liebte und ihr goldene Zigarettenetuis schenkte.
„Eine schöne Handschrift!“ sagte sie gedankenlos.
„Es ist nicht meine,“ sagte Olga. Sie schloß langsam das Etui und legte die glatte Fläche mit einer weichen Geste an die Wange.
„Es ist so schön. Ich liebe es so. Und ich bin so froh, daß ich es lieben kann ... Es war ein Abschiedsgeschenk ... und es war ein so schöner Abschied.“
In Metten regte sich qualvoller Widerspruch.
„Ein schöner Abschied!“ sagtet sie bitter. „Gibt es so etwas auch?“
Olga richtete sich hastig auf.
„Ja, Mette,“ sagte sie voll Eifer. „Und es sollte es noch viel, viel öfter geben. Es ist ein Unglück, daß die Leute nicht verstehen, auseinanderzugehen. Lern’ es, Mette, lern’ es beizeiten.“
„Nein,“ sagte Mette verstockt, „ich werd’ es wohl niemals lernen. Leute, denen die Liebe nur ein Spiel ist, die können sich auch aus dem Abschied ein Spiel machen.“
„Mette,“ sagte Olga ernst, „du bist ein Kindskopf. Glaubst du, daß das ein Beweis großer Liebe ist, wenn ich mich an einen Menschen klammere, bis er meiner überdrüssig ist? Ich will lieber zehntausend Tode sterben, als einem Menschen lästig sein, den ich liebe. Es ist keine Kunst, einen Anfang zu finden. Ich glaube, daß jeder Mensch jeden Menschen erobern kann. Und immer wird der Anfang schön sein. Und immer das Ende scheußlich, bitter, qualvoll, ekelhaft. Es ist eine schwere Kunst, ein Ende zu machen. Zur rechten Zeit. Und auf die rechte Art. Lern’ es, Mette, lern’ es beizeiten!“ – – –
Die drei saßen zusammen: Peterchen, Mette und Olga.
„Ich begreife dich nicht,“ sagte Peterchen mit seiner leisen, gebrochenen Stimme, „ich begreife dich nicht, Olga, daß du die Bettine nicht lieben kannst. Ich dachte gerade, das müßte ein Mensch für dich sein. Ein Mensch von so reicher Begabung, von fast unheimlicher Phantasie, von beinah wildem Temperament, dabei solche Anmut, solche Zartheit der Empfindung. Wenn man von der Frau weiter nichts wüßte, als die Geschichte ihrer Verheiratung, müßte sie einem doch schon sympathisch sein.“
„Ja,“ sagte Olga, „dann ja! Aber man weiß eben zu viel von ihr. Oh, sie ist so aufdringlich und so verlogen, so gemacht genialisch, so mit Koketterie unbändig, mit Vorsatz leidenschaftlich. Nichts auf der Welt ist mir so verhaßt. Denk dir – so sehr ich Klemens liebe – wenn ich manchmal glaube, die Verwandtschaft zu spüren, mag ich ihn nicht. Und dann – du weißt ja – verzeih ich ihm auch seine unglückliche Liebe zu Mariannen nicht.“
„Richtig, die kannst du ja auch nicht leiden!“
„Kann ich auch nicht, Peterchen, und wenn du mir den Kopf abreißt. Ich weiß nicht, woran es liegt. Irgend etwas an ihr macht auf mich immer den Eindruck von ‚Biederkeit‘. Und du weißt, das ist eine Eigenschaft, die ich in den Tod nicht ausstehen kann. Schon diese ewige Alte-Herren-Liebe. Nein, nein, geh mir mit ihr, ich mag sie nicht.“
„Olga, wie kannst du über diese Frau so leichtfertig urteilen?“
„Diese Frau! Sag’ nur noch, diese vortreffliche Frau. Mit dem Wort kannst du sie mir ganz gewiß verekeln. Und es paßt eben leider ein bißchen auf sie. Herrgott! Man kann doch seine Gefühle nicht zwingen. Sie hätte mich wahrscheinlich auch nicht leiden können. Und das fühl’ ich so.“
„Aber Bettine hätte dich wahrscheinlich glühend geliebt.“
„Vielleicht! Aber daß ich Bettinen so hasse, das hat ja auch noch eine besondere Bewandtnis.“
„Du bist eifersüchtig auf sie!“ sagte Petermann sehr leise.
Olga fuhr mit einer fast heftigen Bewegung herum. Ihre Augen flackerten in dem weißen Gesicht.
„Ja, ich bin auch eifersüchtig auf sie!“
„Wegen der Günderode!“
„Wegen der Günderode.“ –
Petermann wurde ans Telephon gerufen. Es war so still im Zimmer, daß Mette eine ganze Weile nicht zu sprechen wagte.
„Merkwürdig seid ihr,“ sagte sie endlich gepreßt, „wie ihr von diesen Leuten redet – als wären sie euer täglicher Umgang.“
„Das sind sie doch auch,“ sagte Olga fast verwundert. „Das ist doch die einzige Lebensmöglichkeit. Meinst du, ich möchte leben, wenn ich nur Verkehr mit den Menschen hätte, mit denen du mich so zurzeit verkehren siehst? Weißt du – es ist auch die einzige Art zu lesen, ich meine, wenn du zum erstenmal einen Briefwechsel oder einen Memoirenband vornimmst – einen, wo nicht hohe geistige Probleme behandelt werden, dann ist einem doch zumut, als wenn man in einer fremden Gesellschaft sitzt. Die Leute klatschen miteinander und erzählen sich was von Herrn Müller und Frau Schultze, und man sitzt dabei und langweilt sich zu Tode. Wenn man aber Herrn Müller und Frau Schultze kennt, ist’s schon wesentlich amüsanter. Und wenn man in einen verliebt ist und wartet dann mit klopfendem Herzen, ob vielleicht sein Name genannt wird, und was nun der oder der über ihn sagen wird, dann wird’s spannend und aufregend. Peterchen versteht mich so darin. Er ist überhaupt ein feiner kleiner Kerl. Findest du nicht?“
„Ja,“ sagte Mette gleichgültig. „Er ist sehr nett.“
Olga lächelte. „Er ist direkt verliebt in Bettinen und begreift mich nicht.“
„Aber du,“ sagte Mette leise, fast widerwillig, „du liebst die Günderode.“
„Ja,“ sagte Olga mit großen, seltsam glänzenden Augen, „oh, ich liebe sie so! Du glaubst nicht, was ich für Qualen ihretwegen ausgestanden habe. Und ich konnte nichts tun für sie! Vielleicht hat sie Sehnsucht nach Ruhm gehabt – nach äußerlicher Unsterblichkeit – und sie ist so vergessen. Wer weiß denn von ihr? Ich habe mir so gewünscht, etwas Unerhörtes leisten zu können, um sie zu verewigen. Ich wollte Michelangelo sein oder Dante oder Homer – um ihr ein Denkmal zu setzen, und um unsere Namen für tausend Jahre unauflöslich miteinander zu verknüpfen. Oh, es war eine Zeitlang wie eine Krankheit in mir. Es marterte mich einfach, daß ich diese lumpigen hundert Jahre, die uns trennten, nicht überspringen konnte. Weißt du – so muß einem Gelähmten sein, oder einem Gefesselten, der im Nebenzimmer eine Stimme hört, die ihn in allen Nerven erzittern macht, und er kann sich nicht rühren. Manchmal hab’ ich gedacht, man muß es können. Man muß nur wollen. – Ich weiß noch, daß ich eine Nacht auf dem Balkon lag im Liegestuhl und zum Antares hinaufstarrte. Da war es mir wieder, als riefe sie mich. Ich wollte aus meinem Körper hinaussteigen, ich wollte. Und denke dir, ich hatte das Gefühl, als ob es mir gelänge. Ich schwebte über mir. Mein Körper war eiskalt, ich hätte kein Glied rühren können, und da faßte mich plötzlich eine rasende Angst. Ich wußte, ich würde mich verfliegen und nie mehr, nie mehr zurück können. Da kroch ich wieder in mich hinein und trieb mein Herz an und erwärmte mich durch meinen Willen, und nachher schalt ich mich feige und erbärmlich. – Es muß seltsam sein, wenn uns einmal diese Fesseln abgenommen werden. Manchmal freue ich mich direkt darauf.“