Der Skorpion (continued 3)
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Dann rückte er einen Sessel:
„Wollen Sie bitte Platz nehmen.“
Mette setzte sich gehorsam.
Der Mann ihr gegenüber beugte sich ein wenig vor und sagte mit einer sanften und fast einschmeichelnden Stimme:
„Und nun sagen Sie mir erst mal, mein liebes Kind, daß Sie Vertrauen zu mir haben wollen.“
Mette richtete sich steif auf.
„Oh – durchaus nicht, Herr Professor!“ sagte sie ruhig.
Der Mann fuhr etwas zurück.
„Was heißt das?“ fragte er befremdet.
„Das heißt,“ sagte Mette kühl, während ihr das Herz zum Zerspringen klopfte, „daß meine Tante Sie hergerufen hat, und daß ich allem mißtraue, was mir von dieser Seite kommt. Wahrscheinlich hat sie die Absicht, mich in ein Irrenhaus zu sperren, und Sie sollen konstatieren, daß ich geistig defekt bin. Sie hat mir so was Ähnliches schon einmal angestellt, als ich noch ein kleines Kind war. Aber wenn Sie Psychiater sind, so werden Sie wissen, daß das Gefühl, auf den Geisteszustand beobachtet zu werden, in den normalsten Menschen etwas Irrsinnähnliches auslösen kann. Und Sie werden mir das in Anrechnung bringen.“
Der Arzt lächelte – ein feines Lächeln.
„Ich habe nicht die geringste Veranlassung, an Ihren außerordentlichen geistigen Fähigkeiten zu zweifeln – im Gegenteil – kein Mensch zweifelt daran. Und kein Mensch denkt daran, Sie in ein Irrenhaus sperren zu wollen. Ich bin hergekommen, um mich ein wenig mit Ihnen zu unterhalten – aus wissenschaftlichem und menschlichem Interesse. Darf ich ein paar Fragen an Sie richten?“
„Gewiß!“ sagte Mette. „Aber ich würde wahrscheinlich imstande sein, präziser auf diese Fragen zu antworten, wenn Sie mir gestatteten, dabei eine Zigarette zu rauchen.“
„Gern!“ sagte der Professor zuvorkommend.
Mette nahm den Zigarettenkasten vom Schreibtisch und bot ihm an.
Er nahm, und während er sein Feuerzeug aufknipste und ihr das Flämmchen hinüber reichte, fragte er in beiläufigem Ton:
„Sie sind passionierte Raucherin?“
„Ich habe es mir beim Lernen angewöhnt,“ sagte sie. „Es hilft mir, die Gedanken zusammen zu halten. Und da ich doch den Verdacht noch nicht ganz los bin, daß Sie mir aus irgendeiner dummen Antwort einen Schwachsinn konstruieren ...“
Der Professor lachte:
„Das sollte mir schwer fallen – aber Sie haben recht, es plaudert sich viel gemütlicher bei der Zigarette. Nun erzählen Sie mir doch erst mal, was war das eigentlich für eine Angelegenheit, die Sie mir vorher andeuteten? Was hat Ihre Frau Tante für böse Absichten gehabt, als Sie noch ein kleines Kind waren?“
„Ach,“ sagte Mette, „sie hat mir einen Kinderpsychiater kommen lassen, weil ich Silberzeug aus dem Büfett genommen hatte.“
„Ach,“ sagte der Professor interessiert mit einem belustigten Lächeln. „Und warum taten Sie das? Hatten Sie Freude am Silber?“
„Nein, ich hab’ es versetzt!“
„Versetzt!“ Der Professor lachte hell auf. „Wie sind Sie als kleines Kind auf diese Idee gekommen?“
„Nicht aus mir selbst!“ sagte Mette ernsthaft. Aus Nebeln der Vergangenheit stieg plötzlich klar und deutlich Friedel Eggebrechts Bild auf. „Mein Kinderfräulein hat mich dazu verleitet. Ich stand vollständig unter ihrem Einfluß – der nicht gerade sehr günstig war.“
„Ach!“ sagte der Professor mit leichtem Erstaunen. „Sind Sie beeinflußbar? Das sieht man Ihnen nicht an! Jetzt würde Sie wahrscheinlich keine Macht der Welt mehr zu solchen Dingen bringen!“
„Ach, verflucht!“ sagte Mette mit einem plötzlichen Erschrecken, „jetzt hab’ ich ja das blöde Silber verfallen lassen!“
Der Professor amüsierte sich köstlich, oder er tat wenigstens so.
„Welches?“ fragte er. „Das, was Sie vor zehn Jahren versetzt haben? Das wird nun wohl allerdings verfallen sein!“
„Nein,“ sagte Mette unbefangen, „das, was ich jetzt versetzt habe. Das hatt’ ich ja in den Tod vergessen!“
„Sie brauchen sich darum nicht zu ängstigen,“ sagte der Professor liebenswürdig, „es ist eingelöst worden.“
Mette faßte im Moment nicht ganz.
„Wieso? Es hat doch niemand davon gewußt.“
„Man hat den Schein bei Ihnen gefunden.“
„Gefunden!“ Mette sprang auf. „Gefunden?! Das heißt, daß diese schamlose Person heimlich über meine Sachen geht und darin herumwühlt. Oh, schade, daß ich sie nicht dabei ertappt habe – ich hätte sie mit meinen eigenen Händen erwürgt, glaube ich!“
„Bitte, setzen Sie sich!“ sagte der Professor, noch ohne Schärfe, aber so zwingend, daß Mette gehorchte.
„Wenn Sie mit dieser Person Ihre Frau Tante meinen, so muß ich ihr als Mensch und als Arzt das Recht zugestehen, Sie als ihre Pflegebefohlene ein wenig intensiver zu beaufsichtigen, als es sonst zwischen erwachsenen Menschen üblich ist.“
„Ich bin ein erwachsener Mensch!“ sagte Mette zornig.
„Sie sind ein Kind,“ sagte der Arzt sehr milde, „ein Kind, das gar nicht weiß, in welcher Gefahr es schwebt – und das uns allen sehr dankbar sein wird, wenn es einmal erwachsen sein wird und einsehen lernt, wovor wir es behütet haben.“
„Ich glaube, Sie sind im Irrtum!“ sagte Mette eiskalt. „Ich bin in keiner Gefahr. Und wenn, dann behüte ich mich selber.“
„Solange Sie nicht mündig sind, werden Sie schon unsere helfende Hand nicht zurückweisen dürfen.“
Das klang gütig, aber sehr bestimmt.
„Ich zweifle, daß Sie aus eigener Kraft den Entschluß aufbringen werden, sich von Ihrer Freundin zu trennen, unter deren Einfluß Sie stehen.“
Metten strömte das Blut jäh zum Herzen. Sie fühlte, daß sie weiß wurde wie Leinen.
„Was wissen Sie von meiner Freundin?“ fragte sie schroff. Der Atem drohte ihr zu versagen.
Der Arzt lächelte überlegen.
„Jedenfalls mehr als Sie.“
„Das bezweifle ich,“ unterbrach ihn Mette in einem harten und spöttischen Ton.
Er war nicht aus seiner Ruhe zu bringen.
„Ich weiß,“ sagte er in gelassenem, aber festem Ton, „daß Sie unter dem Einfluß einer Frau stehen, der für Sie höchst verderblich ist. Ich begreife Sie ja. Sie sind ein Kind. Ich will dieser Frau Geist und Liebenswürdigkeit gewiß nicht absprechen. Sie sind stolz auf diese Freundschaft und würden ihr alles zum Opfer bringen. Sie lassen sich durch diese Freundschaft auf die Bahn des Verbrechens treiben ...“
„Ach, Unsinn!“ sagte Mette.
„Ich verstehe, daß Sie mir widersprechen. Aber nehmen Sie einmal Ihren klaren Verstand zu Hilfe, und denken Sie logisch nach. Sie entwenden das Silberzeug aus dem Büfett Ihrer Eltern. Sie lassen sich von Ihrem Vater Stundengeld geben und legen das Geld dafür an, mit Ihrer Freundin Auto zu fahren, Sekt zu trinken, die Oper zu besuchen. Sie bezahlen die Schneiderrechnungen dieser Freundin mit Geld, welches Sie sich auf unrechtmäßige Weise verschafft haben. Ja, Kind, sehen Sie denn nicht selbst, auf welchen Abgrund Sie zusteuern?“
Woher wußten sie das alles? Wie durch einen aufflammenden Blitz erleuchtet, lagen die Zusammenhänge klar vor Metten.
Man hatte sie durch einen Detektiv beobachten lassen, auf Schritt und Tritt. Wo sie ging und stand, hatten fremde Augen an ihr geklebt, fremde Augen und Tante Emiliens Gedanken.
Der Mann in Wannsee ... und da vielleicht ... und dort auch. Das war es, was Olga so geängstigt hatte. Sie hatte es gewußt, gekannt, schon einmal durchgemacht. Arme Olla ...
Mette saß ganz still und rührte sich nicht. Ihr war, als ob erbarmungslose Hände ihr Stück für Stück der Kleidung vom Leibe rissen. Es waren nicht die Hände dieses fremden Mannes, es waren Tante Emiliens Hände, die das taten, es war Tante Emiliens Gesicht, das sie vor sich sah, hohngrinsend, geifernd vor böser Lust – langsam, langsam krampften sich Mettens Finger zu Fäusten zusammen – sie reckte den Hals vor, senkte die Stirn, verzerrte die Mundwinkel und schluckte gewaltsam.
Die Stimme des Professors wurde wieder ganz sanft und begütigend:
„Denken Sie doch einmal zurück an Ihre Kinderzeit! Haben Sie dieses Kinderfräulein, unter deren Einfluß Sie damals standen, nicht auch geliebt? Und sind Sie jetzt nicht froh und dankbar, daß man Sie von ihr getrennt hat? Genau so dankbar werden Sie uns später sein, wenn Sie erst zur Einsicht gekommen sind. Wenn Sie nachdenken, so wissen Sie ja jetzt schon in Ihrem tiefsten Innern Bescheid. Sie sind die treue Freundin. Sie lieben, Sie opfern sich auf. Und Sie werden ausgenutzt, als Spielzeug behandelt, bei Gelegenheit verleugnet und über kurz oder lang beiseite geworfen. Denken Sie denn, das wäre der erste Fall, der uns vor Augen kommt? Dann sind Sie fürs Leben verdorben, körperlich und seelisch krank, jeder Glücksmöglichkeit beraubt – was bleibt Ihnen dann? – Je nach Ihrer Veranlagung: Mord oder Selbstmord! Ich habe furchtbare Tragödien auf diese Art entstehen sehen ...“
Mette kämpfte vergeblich gegen den Eindruck an, den diese Worte auf sie machten. Ihre gereizten Nerven spürten einen eiskalten Hauch, der sie bis in das innerste Herz erschauern machte. Es schien ihr wie ein mahnender Gruß aus einer dunkel verhüllten Zukunft. Tod – Ende! Ein grauenhaftes Etwas schritt unbeirrbar auf sie zu und warf seinen kühlen Schatten voraus.
Sie fröstelte.
Sie mußte sich anstrengen, um eine äußerliche Ruhe zu erzwingen. Sie krallte die Finger um die Sessellehnen und schluckte ein paarmal.
„Das alles tut ja nichts zur Sache,“ sagte sie endlich mühsam. „Vielleicht sind Sie so gut und teilen mir mit, weshalb man Sie eigentlich gerufen hat, und was man über mich beschlossen hat. Denn es ist doch irgend etwas über mich beschlossen. Wenn nicht in ein Irrenhaus – will man mich dann in ein Kloster sperren, oder in eine Besserungsanstalt, oder nach Amerika verschicken?“
Der Arzt lächelte. „Aber nichts von alledem. Sie werden auf einige Zeit mit Ihrem Onkel, mit Herrn von Seyblitz, zu seiner Familie fahren. – Sie werden in guter Luft und einem ruhigen Leben Ihre Nerven kräftigen und werden dann selbständig zu gesunden und willensstarken Entschlüssen kommen.“
„Wann soll ich fahren?“ stieß Mette kurz hervor.
„Heute noch!“
„Ich muß doch erst einen Koffer packen!“
„Der wird jetzt während unserer Unterredung schon gepackt!“
Das war das, was sie gefürchtet hatte. Mette fühlte die Mauern, die Handfesseln. Sie warf einen Blick um sich wie ein gehetztes, in die Enge getriebenes Tier. Nirgends ein Ausweg, nirgends eine Möglichkeit zur Flucht.
Man trennte sie von Olga. Das war schlimm, aber nicht das Schlimmste. Man tat ihr Gewalt an. Man hätte diese Reise von ihr erbitten sollen, man hätte ihr Zeit lassen sollen, Zeit zu einem Abschied, zu einer Erklärung, Zeit, ihre Sachen selber einzupacken, ihre Bücher ... jetzt war Tante Emilie an ihrer Kommode und packte ihre Sachen ein, wühlte darin herum ... in einer Stunde saß sie vielleicht schon im Zug, ohne Olga Nachricht geben zu können ... und Onkel Jürgen saß ihr gegenüber als Gefangenenwärter ... und was würde unterdessen hier geschehen? mit ihrem Schreibtisch ... mit ihren Büchern ... mit Olga ...?
Sie spürte Lust, irgend etwas zu zerreißen, zu zerschlagen, mit dem Kopf gegen die Wände anzurennen. Sie tat nichts. Sie stand von ihrem Stuhl auf, sehr blaß, sehr ruhig und sagte:
„Also ... ist das nun alles?“
„Es freut mich,“ sagte der Professor, ebenfalls sich aus seinem Sessel erhebend, „daß Sie sich mit dieser Reise einverstanden erklären.“
„Einverstanden?“ sagte Mette mit einem verächtlichen Zucken der Lippen. „Ich füge mich dem Zwang, weil ich weiß, daß jeder Widerstand nutzlos ist. Wenn meine Tante mich hier forthaben will, läßt sie mich in Ketten wegschleifen, und mein Vater sieht zu, und alle Gerichte der Welt geben ihr recht.“
Der Professor ging an ihr vorüber und machte die Tür auf.
„Fräulein Melitta und ich sind uns ganz einig!“ rief er heiter. „Ich habe ihr eine kleine Luftveränderung verschrieben, und sie freut sich sehr, ein paar Wochen in Ihrem gastlichen Hause zu verbringen, Herr von Seyblitz!“
Onkel Jürgen rieb sich die kräftigen Hände, Franz Rudloff versuchte ein farbloses Lächeln, und Tante Emilie machte ein überraschtes und – wie es Metten schien – sichtlich enttäuschtes Gesicht.
Sie schoß auf den Professor los und zischte halblaut, aber doch laut genug, daß alle es hören konnten:
„Sie sagten mir doch, Herr Professor, daß Sie eine Untersuchung vornehmen wollten, um möglicherweise irgendwelche körperlichen Anomalien festzustellen ... ich glaube bestimmt ...“
Der Professor versuchte umsonst, sie durch eine leichte Geste der Hand und der Augenlider zum Schweigen zu bringen. Es war zu spät.
Mette hatte schon begriffen. Ganz jäh und mit einem Schlage alles begriffen.
Sie spürte nur die eine brennende Sehnsucht, dies widerliche Geschöpf da unter ihren Händen verenden zu sehen.
Sie wußte nicht, daß sie eine Bewegung machte. Der Boden wich unter ihren Füßen zurück. Sie hörte ein Röcheln, das fremd und grauenhaft war, und das doch aus ihrer eigenen Kehle kam. Sie spürte, daß ihre Finger sich um einen dürren, faltigen Hals krallten und spürte im selben Moment, daß eisenfeste Hände ihre Gelenke umklammerten, so fest umklammerten, daß das Blut ihr in den Adern zu stocken schien, und ihr war, als müßte sie ersticken.
Sie fühlte, daß sie diese Folter nicht einen Herzschlag länger ertragen konnte.
„Loslassen!“ knirschte sie. „Loslassen!“
Der Arzt gab sofort ihren rechten Arm frei. Eine Sekunde später Onkel Jürgen den linken.
Jetzt fing die Haut über den Gelenken an zu schmerzen. Sie rieb sie ganz mechanisch. Sie fühlte sich müde, ruhig, zerschlagen.
Der Gedanke tat ihr fast wohl, daß sie fort sollte, aus diesem Haus, von diesen Leuten fort, jetzt gleich, in dieser Stunde noch.
Sie wandte sich mit ihren Fragen nur noch an den Arzt:
„Wann geht der Zug? Wird es nicht Zeit, daß ich mich fertig mache?“ –
Als das Auto vor der Tür stand, fragte der Professor beiläufig:
„Wir haben, glaube ich, denselben Weg. Haben Sie nicht einen Platz im Wagen frei?“
Mette sah ihn groß an und lächelte ein wenig spöttisch:
„Sie brauchen gar keine Ausrede, Herr Professor, wenn Sie mich an die Bahn bringen wollen. Meine Familie wird auf das Vergnügen verzichten. Es ist besser für alle Beteiligten.“
Sie reichte ihrem Vater die Fingerspitzen, die dieser mit beiden Händen umschloß.
„Adieu, Papa, laß dir’s gut gehen.“
Tante Emilie zog sich mit gespielter Ängstlichkeit an die Wand zurück, als befürchtete sie einen neuen Anschlag auf ihr Leben.
Mette streifte sie nur mit einem verächtlichen Blick. –
Die Bahnfahrt war doch länger, als sie gedacht hatte. Mette sah angespannt aus dem Fenster und bemühte sich, die Namen der Stationen, jedes Dorf und jedes Bahnwärterhäuschen ihrem Gedächtnis einzuprägen. Es wäre doch möglich, daß sie zu Fuß zurück müßte.
Sie hatte kein Geld – ob sie Gelegenheit hatte, Wertsachen zu versetzen oder zu verkaufen, war fraglich. Sie sah nach den Kilometerschildern, 87 Kilometer bis Berlin. Fünf Kilometer in der Stunde schaffte sie glatt. Es war nur schade, daß nicht Sommer war. Bei zwei Grad unter Null ließ sich’s nicht gut im Freien nächtigen. – – –
Mette saß in der hellen und freundlichen Mansardenstube auf dem Fenstertritt, rauchte eine Zigarette und polierte ihre Nägel.
Auf der weißen Decke des Nähtisches, den Mette zum Toilettentisch degradiert oder befördert hatte, lag aufgeschlagen ein kleines, dickes, schwarzes Buch: das Neue Testament.
Die Tür wurde aufgemacht, und ihr Vetter Hermann schob sich durch den Spalt. Er blieb in der offenen Tür stehen und spielte mit der Klinke.
„Ob du zum Abendbrot runterkommst, oder ob du noch Kopfschmerzen hast?“ fragte er lakonisch.
„Mach’ die Tür zu, Junge!“ herrschte Mette gedämpft. Sie wollte nicht, daß der Zigarettenrauch auf den Treppenflur und in Tante Antoniens feine Nase zöge.
Der Junge machte die Tür zu, aber ließ die Klinke nicht los.
„Warum klebst du eigentlich an der Türe?“ fragte Mette belustigt. „Bitte, tritt näher. Nimm Platz!“
Der Junge zögerte.
„Wir sollen eigentlich nicht zu dir hinein,“ meinte er. „Aber wenn deine Kopfschmerzen besser sind, dann wirst du ja auch nicht mehr so krank sein ...“
„Krank?“ sagte Mette verwundert. „Sollt ihr nicht zu mir hereinkommen, weil ich krank bin?“
„Ja!“ sagte der Zwölfjährige altklug. „Wegen der Ansteckungsgefahr!“
„Ach, Männe!“ Mette lachte kurz auf. „Die Krankheit, die ich habe, steckt ganz gewiß nicht an.“
„Was hast du denn für eine Krankheit?“ Der Junge kam neugierig näher.
Mette zögerte mit der Antwort.
Der Junge warf einen begehrlichen Blick auf die Zigaretten.
„Schenk’ mir eine!“ bettelte er plötzlich.
„Ja,“ sagte Mette rasch. „So viel du willst. Aber du mußt mir einen Brief auf die Post bringen, ganz heimlich, so, daß es keiner sieht. Kann man sich auf dich verlassen?“
Mette sah ihn scharf und prüfend an. Der Ehrgeiz des Jungen war geweckt.
„Aber!“ sagte er überzeugt, „meinst du, daß ich mich erwischen lasse? Ich bin doch nicht dämlich.“
Er bekam den Brief und die Zigaretten und verstaute beides so kunstgerecht in der Bluse, daß Mette lächelnd dachte: „Es ist nicht das erstemal, daß er da etwas vor Mutters scharfen Augen versteckt.“
Er zögerte noch zu gehen. Er druckste ein bißchen und platzte dann heraus:
„Sag’ mir doch, was du für eine Krankheit hast?!“
Mette dachte nach, was sie ihm antworten sollte. Ihr Blick fiel auf das Zigarettenetui.
„Weißt du, Männe,“ sagte sie nach einer Weile, „mich hat ein Skorpion gestochen. Nun ist mein ganzes Blut vergiftet. Und du weißt doch: gegen Skorpionengift hilft nur Skorpionengift. Und hier gibt es keinen Skorpion. Aber daß es ansteckt, das ist ein Aberglaube. Das sind die Phalangien, die so giftig sind, daß man sich ansteckt, wenn man sich im Waschwasser eines Gestochenen wäscht. Das hat deine Mutter verwechselt.“
„Es ist nicht ansteckend?“ fragte der Junge und wagte sich noch ein Schrittchen näher.
„Nein!“ Mette schüttelte den Kopf mit einem wehen Lächeln. „Ich glaube wohl, daß es tödlich sein kann – aber ansteckend ist es nicht.“ – – –
Der kleine Hermann, der den Brief mit viel Heimlichkeit und Wichtigtuerei nach der Post besorgte, war fest überzeugt, daß es ein Liebesbrief sein müsse, den man ihm anvertraut hatte. Er wäre sehr erstaunt gewesen, wenn er erfahren hätte, daß in dem Brief mehr von ihm, von dem kleinen Hermann selbst, die Rede war, als von Liebe.
„... Ich habe die Kinder meines Onkels früher gehaßt“ ... das schrieb sie, nachdem sie von den Begebenheiten der letzten Tage eine sachliche Schilderung gegeben hatte. „... Ich hatte keinen Grund, sie zu hassen, als daß sie so abstehende Ohren hatten. Sag’ mir, Liebes, wodurch bin ich ein so ganz anderer Mensch geworden? Ich sehe jetzt Charaktere in jedem kindischen Benehmen, und ich sehe Schicksale, die an diese Charaktere unlöslich festgekettet sind. Ich sehe, daß die kleine Annemie einmal ein schweres Leben haben wird – nicht nur, weil sie abstehende Ohren hat – und darum habe ich immer das Gefühl, ich möchte ihr helfen, ich möchte ihr schenken, um die paar glücklichen Stunden in ihrem Leben zu vermehren ...
Ich habe eine Entdeckung gemacht, Olla. Du wirst mich auslachen. Meine Tante Antonie hat den Bücherschrank vor mir verschlossen und hat mir das Neue Testament aufs Zimmer gelegt. Ich habe sie in Verdacht, sie wollte mich damit strafen. Vor einem Jahr hätt’ ich es voll Empörung an die Wand geworfen und wäre gar nicht auf den Gedanken gekommen, daß man es lesen könnte. Und jetzt habe ich mich so damit befreundet! Was ist das doch für ein herrliches Buch! Aber ich mache mich lächerlich vor Dir mit meiner Entdeckung. Gibt es wohl etwas Schönes auf der Welt, was Du nicht kennst und liebst?“ – – –
Onkel Jürgen und Tante Antonie waren aufs angenehmste überrascht von Mettens Betragen. Sie hatten ein widerspenstiges Kind erwartet, das sie nötigenfalls unter Anwendung von Gewalt zähmen mußten und fanden eine junge Dame von formvollendeter Liebenswürdigkeit. So wirkte es peinlich, sie überall zu beschränken und zu beaufsichtigen, und man gewährte ihr eine Freiheit nach der anderen.
Mette nutzte diese Freiheiten aus und traf Vorbereitungen zur Flucht. Sie hatte Tag und Nacht keinen anderen Gedanken, und die dauernde Beschäftigung mit diesen Plänen stimmte sie zu fast ausgelassen-heiterer Erregung.
Es handelte sich vor allem darum, sich Geld zu verschaffen. Mette verkaufte von ihren Sachen, was ihr irgend entbehrlich schien. Aber das brachte nicht genug. Sie fing an, Sachen aus dem Haushalt zu verschleudern. Es war schwierig und unpraktisch. Erstens konnte es herauskommen, ehe sie fort war, dann war alles verloren, und zweitens lohnte es nicht die aufgewendete Mühe, und es tat ihr auch leid, wertvolle Dinge um einen Spottpreis wegzugeben.
Eines Tages empfing Onkel Jürgen mit der Post eine größere Summe, die er in Mettens Gegenwart in den Schreibtisch einschloß.
Mette starrte wie hypnotisiert auf den verschlossenen Kasten. Da war alles, was sie brauchte, aber wie dazugelangen?
Sie lag eine ganze Nacht, ohne Schlaf zu finden, oder auch nur zu suchen. Ihre Gedanken arbeiteten fieberhaft.
Nachts den Schreibtisch gewaltsam erbrechen. Es ging kein Zug mehr, der sie dann vor Tagesanbruch in Sicherheit brachte.
Einen Wachsabdruck des Schlosses nehmen. Der Schlosser würde Verdacht schöpfen, wenn sie sich einen Schlüssel danach machen ließ.
Das Schlüsselbund stehlen? Man würde es sofort vermissen und das ganze Haus durchsuchen.
Den Schreibtischschlüssel vom Bund lösen? Man würde auch das Fehlen dieses einen wichtigsten Schlüssels sofort bemerken.
Am anderen Tag holte sich Mette vom Schlosser ein halb Dutzend Schlüssel. Sie erzählte eine Geschichte von einem verlorenen Schrankschlüssel und freute sich fast darüber, wie sicher und unbefangen sie ihre Märchen vortrug.
In der Nacht schlich sie hinunter und probierte die gekauften Schlüssel. Sie hatte die Form und Größe des Schlüssels sich gut gemerkt. Fast alle ließen sich ins Schloß schieben. Aber keiner schloß.
Am anderen Tag erbat sie die Schlüssel, um ein Buch aus der Bibliothek zu nehmen. Während sie vor dem Bücherschrank kniete, löste sie den Schreibtischschlüssel vom Bund. Einen bereitgehaltenen, der ihm äußerlich gleich sah, fügte sie an seine Stelle.
Sie nahm ein Buch aus dem Schrank, ohne zu wissen, welches.
In dem Augenblick, in dem sie Onkel Jürgen das Schlüsselbund zurückgab, glaubte sie, er müsse das rasende Schlagen ihres Herzens spüren. Sie fühlte, daß ihr Gesicht weiß aussehen mußte wie Kalk und bemühte sich, mit steifgefrorenen Lippen zu lächeln.
Der Onkel nahm ihr die Schlüssel ab, ohne von seiner Zeitung aufzusehen und ließ sie mit einem flüchtigen „Danke!“ in die Hosentasche gleiten.
Mette packte ihren Handkoffer und gab eine Depesche auf. In der Dämmerung schaffte sie den Handkoffer nach der Bahn.
Um halb acht wurde zu Abend gegessen. Um halb neun ging der Zug.
Mette klagte während des Essens über Kopfschmerzen. Der Onkel gab ihr auf ihre Bitte ein Pyramidon und empfahl ihr, sich gleich hinzulegen.
Mette sagte: „Gute Nacht!“ während die anderen noch bei Tisch saßen.
Um vom Eßzimmer nach dem Treppenflur zu kommen, mußte sie durch das dunkle Wohnzimmer. Während sie aus dem Nebenzimmer die Stimmen hörte und jeden Augenblick das Stuhlrücken der Aufstehenden zu hören glaubte, schloß sie das Schreibtischfach auf und stopfte eine Handvoll Scheine in ihre Bluse.
Im Treppenflur hing ihr Mantel schon vorsorglich bereit. Sie schlüpfte hinein und öffnete die kleine Hintertür, die an der Küche vorbei in den Garten führte. Vorne an den Fenstern des Speisezimmers vorbeizugehen, wagte sie nicht.
Über das niedrige Gartenstaket sich zu schwingen, war keine Schwierigkeit. Noch einmal sah sie sich um. Von dieser Seite war das Haus ganz dunkel. Sie horchte. Keine Tür ging, kein Fenster klirrte. Dann wandte sie sich und lief wie gejagt querfeldein – dem Bahnhof zu. – – –
Während der Bahnfahrt kämpfte sie manchmal mit einer qualvollen Bangigkeit. Sie sah sich verfolgt, gefesselt – der Zug schien unerträglich langsam zu fahren, auf allen Stationen über Gebühr zu halten.
Sie hatte mitunter das Gefühl, daß es besser wäre, auszusteigen und zu laufen, vorwärtszujagen, bis Atem und Muskelkraft versagten, als so in untätiger Unrast gefangen zu sein und zu warten, bis die träge Maschine sie ans Ziel brachte.
Mit einem plötzlichen Erschrecken dachte sie an die Möglichkeit, daß ihr Telegramm nicht zur Zeit angekommen sein könne oder Olga nicht zu Hause getroffen habe.
Was sollte sie nur um Gottes willen anfangen, wenn Olga nicht an der Bahn war!
Nach Hause zu fahren, war eine Unmöglichkeit. Sie glaubte schon Zwangsjacke und Handschellen zu spüren.
In der Nacht zu Olga? An einem fremden Haus klingeln, die Leute in der Pension wecken? Mit welchem Recht?
Ihr blieb nichts übrig, als sich für die Nacht in einem Hotel einzumieten. Aber wo war sie sicher? Morgen früh würde man überall nach ihr suchen. Ihr graute vor dem, was ihr dann bevorstand.
Und ihr graute vor der einsamen Nacht in einem fremden Zimmer.
Es kamen Augenblicke, wo sie verwundert ihrem eigenen Tun gegenübersaß und erschrak vor ihrer eigenen Kühnheit. Wo sie bei einer Bewegung plötzlich das Knittern der Scheine in ihrer Bluse fühlte und voll Staunen und fast voll Bewunderung sich fragte: „Herrgott, wie hab’ ich das eigentlich fertiggebracht?“ – – –
Um elf Uhr zwanzig lief der Zug in den Bahnhof ein. Licht und Lärm in der dröhnenden Halle, deren weite Wölbung sich im Dunkeln verlor, waren fast noch beängstigender als die schweigende Nacht auf den Feldern.
Aber da war Olga Radó.
Zwischen hastenden, suchenden, hin und her wimmelnden Menschen stand sie ganz ruhig, noch ein wenig höher gereckt als sonst. Zwischen dummen, stumpfen, mißgeformten, vor Aufregung verzerrten Gesichtern leuchtete ihr weißes, klares Gesicht. Unter den dunklen, wie drohend zusammengezogenen Brauen hervor schimmerten die scharfen Augen und flogen prüfend an der Wagenreihe entlang.
Mette stieß die Tür auf, ehe noch der Zug hielt. Sie bahnte sich rücksichtslos einen Weg, stieß ihren Handkoffer den Leuten in die Kniekehlen, streckte ihr die Hand entgegen, nein, griff nach ihr, wie ein Fallender nach einem Halt und rief zwischen Lachen und Weinen:
„Olga!“
Olgas Gesicht, das sich erst jetzt mit jäher Wendung ihr zudrehte, blieb ernst. Nicht der Schimmer eines Lächelns flog über die gespannten Züge.
„Mette!“ sagte sie mit ihrer tiefen Stimme. „Kind! Was machst du für Dummheiten!“
Mette erschrak ein wenig. Nicht sehr. Ein anderer Empfang wäre ihr lieber gewesen – aber was taten ihr diese Worte oder der Ton der Worte. Olga war da. Sie sah ihr Gesicht, sie hielt ihre Hand, sie hörte ihre Stimme.
Nun war alles gut.
„Bist du böse?“ fragte Mette mit lachenden Augen, ohne Olgas Hand loszulassen. „Wenn du jetzt schon böse bist, alter Philister, dann wag’ ich gar nicht zu erzählen, was ich alles ausgefressen habe!“
„Ich bin nicht böse,“ sagte Olga ernsthaft, „ich lehne nur jede Verantwortung ab. Wenn du durchgehst, ist das deine Sache. Ich habe dich nicht mit einem Wort, mit einem Blick dazu verleitet. Ich habe nichts davon gewußt. Das möchte ich nur von vornherein konstatieren.“
„Ja,“ sagte Mette, „aber nachdem du das nun konstatiert hast, kannst du mir vielleicht sagen, ob es dir persönlich angenehm oder unangenehm ist, daß ich hier bin.“
„Wenn ich ehrlich sein soll,“ sagte Olga mit einem halben Lächeln und ohne Metten anzusehen, „so ist es mir nicht unangenehm; aber ich bin eigentlich ein bißchen verzweifelt. Hast du vielleicht darüber nachgedacht, was nun mit dir werden soll?“
Mette hatte daran gedacht. Darüber nachgedacht? – Nein, das war wohl nicht das richtige Wort. Sie hatte die Vorstellung gehabt, daß sie zu Olga käme, um bei Olga zu sein, um bei Olga zu bleiben. Sie hatte sich in Olgas behaglichem Zimmer gesehen – in dem einzigen Zimmer, in dem sie je glückliche Stunden verlebt hatte – hatte sich da verbergen wollen, nie auf die Straße gehen, nie nach Hause gehen – nun fühlte sie das Unsinnige dieser Gedanken und wagte sie den klugen Augen gegenüber nicht auszusprechen.
„Ich weiß nicht,“ sagte sie kleinlaut. „Ich weiß nur, daß ich nicht nach Hause kann, nie, nie, nie, nie! Ich kann mir ja eine Stellung suchen als Kindermädchen, als Kellnerin – was weiß ich!“
„Dazu hättest du eigentlich ebensogut bleiben können, wo du warst. Sie werden dich ja nicht gerade geprügelt haben oder Hunger leiden lassen. Oder glaubst du, daß du als Kindermädchen sehr viel mehr Freiheit haben wirst?“
„Ja,“ sagte Mette trotzig, „dann hab’ ich wenigstens meinen freien Sonntag, wo mir kein Mensch verbieten kann, mit dir zusammen zu sein!“
„Meinetwegen!“ Olga blieb stehen und schloß einen Moment wie in tödlichem Erschrecken die Augen. „Du bist geradezu grausam, Mette. Fühlst du denn nicht, wie ungeheuer du mich damit belastest? Ich kann diese Verantwortung nicht tragen, ich kann nicht!“
Sie standen immer noch auf dem Bahnsteig, der jetzt von den wimmelnden Menschenmassen fast geleert war. Nur ein paar Nachzügler strebten noch nach dem Ausgang.
Mette fühlte sich müde und zerschlagen und empfand den leichten Handkoffer wie eine Zentnerlast. Die kühle Zugluft in der weiten Halle machte sie frösteln.
„Wollen wir nicht zehn Minuten in den Wartesaal gehen?“ fragte sie bedrückt. „Vielleicht fällt mir bei ruhiger Überlegung irgend etwas ein, was ich tun könnte. Aber wenn du zu müde bist, kannst du ja auch ruhig nach Hause gehen!“
„Ja,“ sagte Olga kurz, „und dich hier die Nacht allein auf dem Bahnhof sitzen lassen! Du bist wohl ganz verrückt, mein liebes Kind?“ – – –
Sie saßen in dem leeren Wartesaal und wärmten sich die kalten Finger an den heißen Teegläsern. Mette erzählte die Geschichte ihrer Flucht. Sie nahm die zerknitterten Geldscheine aus ihrer Bluse und stopfte sie in die Tasche.
Mette hatte fast erwartet, daß Olga lachen würde. Während sie erzählte, kam ihr selber die Sache ungeheuer komisch und abenteuerlich vor. Aber Olgas Gesicht blieb tiefernst.
„Und nun?“ fragte sie.
„Ich gehe in ein Hotel!“ sagte Mette eigensinnig.
„Und ich?“
„Du gehst in deine Pension!“
„Ich lasse dich nicht allein.“
„Komm mit,“ sagte Mette mit dem Aufblitzen einer Hoffnung.
„Ja,“ sagte Olga bitter, „und morgen früh kommt die Polizei und bringt uns in Gewahrsam. Ich danke. Dann hab’ ich dich womöglich zu schwerem Einbruchsdiebstahl verführt.“
„Weißt du,“ sagte Mette, nach einer Pause des Nachdenkens, „dann müssen wir’s schon machen wie richtige Defraudanten. Uns in den nächsten Zug setzen und weiterfahren. Einfach auf irgendeiner Station aussteigen und in ein Hotel gehen. Von da aus schreib ich dann an meinen Vater und bitte ihn vor allen Dingen, die Geldangelegenheit in Ordnung zu bringen. Vielleicht ist er auch sonst vernünftig, und ich kann mich irgendwie mit ihm einigen. In einem halben Jahr bekomme ich ja mein Vermögen ausgezahlt, von meiner Großmutter her. Wenn mir mein Vater bis dahin nichts gibt, mache ich eben Schulden daraufhin, das muß doch irgendwie gehen. Also“ – Mette sah nach der großen Abfahrtstafel – „um zwölf Uhr vier geht der nächste Zug!“
Olgas Gesicht verlor den strengen Ausdruck. Eine große Freude lachte aus ihren Augen. Aber sie zögerte noch.
„Du bist doch ganz verrückt!“ sagte sie. „Ohne Nachthemd und ohne Zahnbürste!“
„Wäsche habe ich genug,“ sagte Mette eifrig. „Eine Zahnbürste können wir in Buxtehude auch kaufen!“
„Was du für Ideen hast!“ sagte Olga langsam.
Mette sah, daß sie schon halb überwunden war.
„Großartige Ideen!“ sagte sie strahlend. „Äußerst reizvolle Ideen. Findest du etwa nicht?“
„Ja, aber ich wäre nie darauf gekommen,“ sagte Olga betont. „Du hast mich überredet. Es ist ausschließlich deine Idee!“
„Selbstverständlich! Ich bin viel zu stolz darauf, um mir die Autorschaft von irgend jemand streitig machen zu lassen.“ – – –
Der Zug zwölf Uhr vier war ein Personenzug. Sie saßen allein in einem Nichtraucherabteil, das dämmerig erhellt war durch die zur Hälfte blau verdeckte Glaskugel an der Decke. Sie bemühten sich vergebens, diesen Lichtschirm zurückzustoßen, um die Leuchtkraft des Gasflämmchens voll zu entfachen.
„Laß nur gut sein,“ scherzte Mette. „Es ist gut, wenn wir im dunklen Coupé sitzen, dann können uns unsere Verfolger nicht gleich von draußen erkennen.“
Mette war so voll übermütiger Freude, daß sie diesen Gedanken zu einer lustigen Komödie ausspann und auch Olga mit fortriß.
Sie spielten Flucht. Sie duckten sich, wenn draußen einer vorbeiging. Sie atmeten erlöst auf, als der Zug abfuhr. Mette veränderte ihre Haartracht, um nicht erkannt zu werden. Sie „bestach“ den Schaffner mit der „Summe“ von drei Mark, damit er niemand hineinlassen sollte. Und ängstigte sich nachher, daß die Höhe des Trinkgeldes sie unzweifelhaft als Defraudanten verdächtig machen würde.
„Weißt du,“ sagte Mette geheimnisvoll, „wir dürfen natürlich nicht da aussteigen, wohin wir Karten genommen haben. Dann sind sie uns ja sofort auf der Spur. Wir steigen einfach bei irgendeiner Station aus.“
„Ja,“ sagte Olga, „bei der siebenten. Sieben ist eine heilige Zahl!“
Mette glühte vor Begeisterung. „Ist das schön! Ist das wundervoll! Wir fahren – und wissen nicht wohin! Wir steigen aus – und wissen nicht wo! Wir wachen morgen früh in einer fremden Stadt auf – und wissen nicht, wie sie heißt.“
„Wie das klingt!“ sagte Olga und machte ihr nach. „Wie eine ganz tiefsinnige Angelegenheit. Wir leben – und wissen nicht wie! Wir lieben – und wissen nicht warum! Wir sterben und wissen nicht wann!“
„Nein,“ sagte Mette, „dein ‚wann‘ weiß ich nicht. Gott sei Dank! Aber das ‚warum‘ weiß ich. Gott sei Dank!“
Es flog ein leichter Schatten über Olgas Gesicht, als ob sie nicht hören wollte, was Mette sagte.
„Ich habe mir früher immer so glühend gewünscht zu wissen, wann ich sterbe,“ sagte sie nachsinnend. „Ich finde es so ungerecht, daß man absolut nicht weiß, wieviel Zeit einem zur Verfügung steht. Man müßte doch die Möglichkeit haben, sich einzurichten. Ich habe meine Freundin beneidet, die an der Schwindsucht gestorben ist. Sie wußte genau: So viel ist jetzt noch von meiner Lunge vorhanden – so lange kann ich noch leben, wenn ich geize, wenn ich mich schone – ich kann aber auch verschwenden und den Rest auf einmal wegwerfen. Schön muß das sein. Du weißt ja: Ich kann nie aus meinem Zimmer fortgehen, ehe es nicht aufgeräumt ist, weil ich doch immer die fixe Idee habe, wer weiß, ob ich wiederkomme. Mir ist der Gedanke schrecklich, daß ich einmal aus dem Leben fort muß und alles in Unordnung hinterlasse.“
Metten waren die Tränen nahe. Sie wollte die Traurigkeit, die sie quälte, verbergen und verscheuchen und sagte mit erzwungener Derbheit:
„Du bist wohl ganz verrückt, ja? Vielleicht suchst du dir zu dieser melancholischen Nachtfahrt ein anderes Gesprächsthema aus?! Sonst setz’ ich mich so lange ins Nebencoupé, bis du mit deinen Meditationen fertig bist!“
„Kind!“ sagte Olga lächelnd und griff nach ihrer Hand. „Du hast ganz recht. Schimpf nur tüchtig. Das kommt von dem blöden Orakeln.“
„Orakeln?“ fragte Mette erstaunt.
„Kennst du das noch nicht an mir? Ich mach’s doch wie die alten Bauernweiber, die in allen schwierigen Lebenslagen mit der Stricknadel in die Bibel stechen und sich dann irgendeinen Rat herausdeuten.“
„Du hast ja gar keine Stricknadeln!“ sagte Mette lachend.
„Nein – eine Bibel nebenbei auch nicht. Eine Bibel muß etwas Ererbtes sein. Eine zu kaufen, hat gar keinen Wert. Aber es muß ja zu diesem Zweck keine Bibel sein – ich nehme einfach irgendein Buch und schlage es auf. Es ist merkwürdig, was für klare Antworten man manchmal bekommt. Ich habe heut’ auch gefragt ... als deine Depesche kam ... ob ich nach der Bahn gehen sollte ...“
„Na, und?“ fragte Mette erwartungsvoll.
„Ach ... es ist ja alles Unsinn ...“ sagte Olga mit einem gequälten Lächeln. Sie drehte den Kopf und sah angelegentlich aus dem Fenster in die schwarze Nacht, die draußen vorbeiflog.
„Sicher ist es Unsinn,“ sagte Mette herzlich. „Aber es quält dich doch. Wenn du es aussprichst, wirst du erst einsehen, wie unsinnig es ist. Sag’ es mir doch – dann lachen wir beide darüber.“
Olga wandte ihr das Gesicht wieder zu. Sie mühte sich, ein unsicheres Lächeln festzuhalten.
„Als Radomonte Gozaga in Genua einzog – in irgendeinem Rachefeldzug – ich weiß nicht, in welchem – da trug er ein Wams, auf dem ein Skorpion gestickt war und darunter sein Spruch: Qui vivens laedit, morte medetur. Ist das noch keine Antwort?“
Mette faßte nach Olgas Hand. Sie mußte erst einen Schleier zerreißen, den die schwer gesprochenen Worte über sie gebreitet hatten.
„Du bist ja verrückt!“ sagte sie. Aber ihre Stimme klang nicht klar. Sie mußte eine plötzliche Heiserkeit wegräuspern. – – –
Das Knirschen der Bremse lief unter den Wagen durch.
„Die sechste Station!“ sagte Mette geheimnisvoll mit großen Augen. „Die nächste ist unser Schicksal. Gebe Gott, daß es keine große Stadt ist!“
Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, fingen sie an, sich zum Aussteigen fertigzumachen. Die nächste Haltestelle konnte in zehn Minuten oder in einer Stunde erreicht sein. Sie wußten es nicht.
Sie hatten den Handkoffer auf den Sitz heruntergehoben und standen nebeneinander an der Tür, die Stirn an die Scheibe gelegt, bemüht, mit den scharfen Augen das vorübersausende Dunkel zu durchdringen.
„Es ist viel Wald in der Gegend,“ sagte Olga. „Nadelwald.“
„Ja,“ frohlockte Mette, „darin gehen wir morgen spazieren.“
Der Wald hörte auf. Schiefergrauer, wolkiger Himmel schied sich von weit hingebreiteten, sanft gehügelten dunklen Feldern. Wieder Bäume, erst vereinzelt, dann dichter schwarzer Wald, der bis an den Bahndamm herantrat und nicht ein Streifchen Himmel mehr über den Gipfeln sehen ließ.
Wieder wurden die Bäume spärlicher, verschwanden. Wieder breiteten sich Felder in breiten Flächen. Aber in einer Entfernung, die man nicht schätzen konnte, wie eingebettet zwischen den sanft geschwungenen Linien, blinkte ein winziges Licht. Noch eins ... und noch eins ...
„Da ... da! Da!“ rief Mette entzückt. „Ob wir das sind?“
„Seltsam,“ sagte Olga, „vielleicht ist eins von diesen Lichtern morgen unser helles Fenster. Und vielleicht hat man nach zehn Jahren ein Heimatsgefühl, wenn man an diesen Lichtlein vorüberfährt. Und jetzt hat man keine Ahnung, wie der Ort da heißt!“
Ein Bahnwärterhäuschen glitt vorüber. Hier und da gleißte ein Stück der blanken Schienen im Lichtschein einer Laterne auf. Wieder traten Baumbestände bis dicht an den Zug, aber gelichteter, von vielen Wegen durchzogen. Dann lief eine Hecke ein Stück mit. Dann vor der beschnittenen Hecke ein hellgestrichenes Holzstaket. Dahinter, ganz nah, dunkelten schon die Umrisse einzelner Häuser. Nun kamen trüb brennende Laternen, eine Barriere, die eine dunkle, baumbestandene Chaussee abschloß.
Wieder ein Stückchen Wald oder Garten, im Hintergrund aufblinkend ein Lichtlein nach dem anderen – schon fuhr der Zug langsam, knirschte, puffte – hölzerne Säulen schoben sich heran, die ein schmales Schutzdach trugen ... er hielt.
Olga griff nach dem Handkoffer, drückte die Klinke auf und sprang die hohen Stufen hinunter.
Mette folgte ihr in einem seltsamen Traumzustand befangen. Sie war durch die beiden schlaflosen Nächte überwach, und ihre Sinne schienen, tausendfach geschärft, jeden Eindruck aufzunehmen.
Der dünne Hauch von Reif, der den Boden, die Holzstangen überzog, die groben Gesichter von zwei bäuerlich gekleideten Frauen, die an ihnen vorüberhasteten, der langgezogene Ruf des Schaffners, das gemächliche Zuschlagen der Türen, die roten Hände des Mannes an der Sperre, die aus gestrickten Pulswärmern herauswuchsen, der kleine dämmerige Raum mit papierbeklebten Wänden und abgescheuerten Holzbänken, durch den sie hindurch mußten, das Pfeifen des abfahrenden Zuges in ihrem Rücken – das alles prägte sich ihrem Gehirn mit unauslöschlicher Deutlichkeit ein.
Olga stieß eine Tür auf, trat ein paar steinerne Stufen hinunter, und sie standen auf dem holperigen Steinpflaster eines großen Platzes, der von dem Licht des Bahnhofs schwach erhellt war.
Rechts und links war tiefes Dunkel. Soviel man unterscheiden konnte, kahle zerzauste Laubbäume, ungepflasterte, aufgeweichte, leicht überfrorene Wege.
Geradeaus sah man in einiger Entfernung etwas, das aussah wie der Anfang einer Straße.
Olga blieb stehen und sah Metten lächelnd an.
„Nun,“ sagte sie, „graust’s dich schon? Was gäbst du darum, wenn du jetzt zu Hause unter der Daunendecke lägst und das elektrische Licht anknipsen könntest?“
„Gar nichts!“ sagte Mette trotzig. „Im Gegenteil, ich finde es hier äußerst gemütlich. Und wenn wir kein Unterkommen finden, so wäre es mir doch nur deinetwegen schlimm. Ich hab’ dich ja zu dieser Exkursion verleitet!“
„Ach, meinetwegen!“ sagte Olga wegwerfend. „Meinetwegen können wir die Nacht im Bahnhof auf den Holzbänken zubringen. Aber wenn du ängstlich bist, kehren wir um und fragen den Mann an der Sperre nach einem Gasthaus.“
„Nein,“ drängte Mette. „Nicht fragen! Komm vorwärts.“
Nach ein paar hundert Schritten fingen die Häuser an. Dunkel, verschlafen, ohne ein helles Fenster. Und ein wenig vereinzelt noch, von Gärten und Ackerstreifen umgeben. Aber der Weg war mit Katzenköpfen gepflastert, und nach einer Biegung rückten die Häuser näher zusammen, schlossen sich zur Straße, die von flackernden Laternen beleuchtet wurde.
Die Straße erweiterte sich zu einer Art Marktplatz. Es war ein nüchternes Vieleck, ohne jedes malerische Gepräge, ohne Linden und ohne rieselnden Brunnen. An einer Seite fand sich ein langgestreckter, niedriger, grauer Kasten mit breit herunterreichendem Dach und vielen Mansardenfenstern. Über der breitgewölbten dunkeln Toreinfahrt schaukelte ein blecherner Stern, einem Barbierbecken nicht unähnlich, und darüber ließ eine große blaue, am schön geschwungenen Arm schwebende Laterne die aufgenagelten Buchstaben über dem Rundbogen erkennen.
„Hotel zum blauen Sternen. Gasthaus und Ausspann.“
„Sogar Hotel,“ sagte Olga, „sieh mal an!“
Sie suchten nach einer Nachtglocke. Aber sie fanden noch nicht einmal eine Tür. Neben der Einfahrt war ein Handgriff, der an einer verrosteten Eisenstange eine große Glocke in Bewegung setzte. Aber er war in kaum erreichbarer Höhe. Mette bemühte sich.
„Laß nur,“ sagte Olga, „der ist nicht für armselige Fußgänger wie wir. Außerdem wecken wir die ganze Stadt. Laß uns lieber einmal von der Innenseite versuchen.“
Sie wagten sich in die dunkle Höhlung des Tors. Aber sie kamen nicht weit. Noch ehe der Gang sich zum Hof öffnete, versperrte ein riesiger Leiterwagen den Weg. Aber neben dem Wagen fanden sich ein paar Stufen und eine kleine hölzerne Tür in der Wand. Sie ertasteten einen Metallknopf, zogen an ihm und lösten damit ein kräftig schepperndes Geklingel aus, das sie fast zusammenschrecken ließ, so jäh zerschnitt es die tiefe Stille.
Schritte, Stimmen, ein Lichtschein.
Ein verschlafener Mensch erschien in der offenen Tür, Pantoffeln an den nackten Füßen, in Unterhosen von graugelber Wolle, über die er höchst merkwürdigerweise einen Frack gezogen hatte, den er mit der linken Hand unterm Kinn zusammenhielt, während er in der erhobenen Rechten einen brennenden Wachsstock trug.
Olga übernahm die Führung der Verhandlung.
Sie erzählte dem schlaftrunkenen Mann eine lange Geschichte von dem Zug, mit dem sie eben eingetroffen, und daß ihr das Hotel zum blauen Sternen schon in Berlin empfohlen, sie bedauerte, ihn in seinem Schlaf gestört zu haben, aber der Zug käme zu so ungünstiger Zeit hier an, und sie hätten doch nicht auf der Straße bleiben können, und am Bahnhof hätte man sie natürlich auch hierher gewiesen.
Der Mann ermunterte sich so weit, daß er „Einen Augenblick, bitte!“ sagte, verschwand und sie stehen ließ.
Sie sahen sich lachend an und warteten geduldig. Nach einer Weile wurde oben auf der Treppe eine in offener Schale brennende Gasflamme entzündet, und der Mann erschien wieder, jetzt mit schwarzen Hosen angetan.
Daß er ein kragenloses Wollhemd und weder Weste noch Strümpfe anhatte, hinderte ihn nicht, eine gewisse Gewandtheit der Bewegungen zu zeigen, die ihn sofort als den „Ober“ verriet.
Er führte sie in ein großes dunkles und kaltes Zimmer, schwang sich auf einen Polstersessel und entzündete eine Gasflamme. Es war entschieden das Fürstenzimmer des blauen Sternen.
Die hohen und breiten Betten, das wuchtige Plüschsofa verschwanden fast in dem weiten Raum. Zwischen den Fenstern prangte ein großer goldgerahmter Spiegel, auf dessen Konsole ein Makartstrauß unter einer Glasglocke stand, und die Wände zierten zahlreiche Buntdrucke, die meisten in dicken Goldrahmen.
Der „Ober“ bückte sich und steckte einen Gasofen an. Eine ganze Reihe spitzer blauer Flämmchen puffte auf, spiegelte sich in einer Nische aus gerieftem Kupfer und warf einen warmen rötlichen Schein auf den abgeschabten Teppich.
„Herrlich!“ sagte Olga und warf ihre Handschuhe auf den großen, runden, plüschüberdeckten Tisch. „Jetzt wird es auch noch warm hier, dann ist es einfach ideal. Nein, Herr Ober, wir brauchen weiter nichts. Danke schön, wenn wir morgen früh vielleicht auf dem Zimmer frühstücken können? – Hier ist die Klingel – ja, herrlich. Danke schön! Gute Nacht!“
Die Tür schloß sich hinter ihm.
„Wundervoll!“ sagte Olga und reckte übermütig die Arme.
„Ist das dein Ernst?“ fragte Mette zaghaft. „Ich denke immer, dein Schönheitssinn muß Qualen leiden! Diese Bilder ... und das Makartbukett und die Plüschgarnitur ...“
„Prachtvoll!“ sagte Olga. „Das muß doch überhaupt so sein. Ich wäre geradezu enttäuscht, wenn diese kämpfenden Hirsche nicht hier wären, oder die duftigen Empiremädchen unter dem blühenden Apfelbaum. Glaubst du, ich möchte im Hotel zum blauen Sternen Chippendale-Möbel finden oder einen Kokoschka? Gott soll mich bewahren! Ich finde es einfach himmlisch!“
Mette packte den Handkoffer aus, breitete Nachthemden über die Betten, stellte Flaschen und Dosen auf den Waschtisch. Olga ging mit unhörbaren Schritten im Zimmer hin und her, pfiff mit leisen, süßen Flötentönen vor sich hin, blieb vor jedem Bild stehen, betrachtete es mit kindischem Entzücken und erzählte eine lange romantische Geschichte dazu.
„Hier!“ sagte Mette und legte ihren seidenen Kimono über einen Stuhl, „den kannst du anziehen.“
„Und du?“
„Ich hab’ noch einen Frisiermantel, der genügt mir.“
Olga legte Rock und Bluse ab und wickelte sich in den Kimono.
„Wundervoll,“ sagte sie, „nun müßte ich nur noch warme Füße haben und die Haarnadeln aus dem Kopf. Dann bin ich wunschlos glücklich.“
Sie rollte einen Sessel vor den Gasofen und fing an, sich die hohen Stiefel aufzuschnüren.
„Soll ich dir helfen?“ fragte Mette dienstbereit.
„Das fehlte noch!“ sagte Olga empört. „Nicht einem Dienstmädchen würd’ ich das zumuten!“
„Das ist auch etwas anderes,“ sagte Mette lächelnd. „Es ist eine Auszeichnung, die man einem Dienstmädchen nicht gönnen darf.“
„Du bist ja verrückt!“ Über Olgas Gesicht schoß wieder das dunkle flüchtige Rot.
Sie hatte jetzt auch die dünnen seidenen Strümpfe abgestreift und hielt die nackten Füße gegen die Flammen. Sie hob die Arme und zog langsam Nadel auf Nadel aus dem Haar, bis die schweren schwarzen Strähnen ihr über den Rücken stürzten.
Mette sprang auf einen Stuhl und drehte die Gasflamme aus.
„So!“ sagte sie lachend, „nun kannst du dich malen lassen oder gleich öldrucken und dich goldgerahmt an die Wand hier hängen. Unterschrift: Au coin du feu, oder die Hexe, oder Feuersgluten, oder sonst was Gutes. Wie kann ein Mensch so unverschämt schön sein?!“
„So!“ sagte Olga trocken. „Das hast du hübsch gemacht. Jetzt haben wir keine Streichhölzer.“
„Erstens genügt mir die Beleuchtung,“ sagte Mette und setzte sich auf die Erde in den rötlichen Feuerschein, „und zweitens können wir uns hier immer einen Fidibus anstecken. Wenn wir nichts anderes finden, nehmen wir einen Hundertmarkschein. Davon haben wir ja genug ... Kind, was hast du für märchenhafte Füße ... aber kalt sind sie immer noch wie Eis!“
Sie legte beide Hände um Olgas Fuß. Er war so edel geformt, so schön in Linie und Farbe, als hätte eine Meisterhand ihn aus Marmor gebildet, aber er war auch so kalt und schwer wie Stein.
Mette versuchte, ihn in ihren Händen zu wärmen, sie hauchte darauf, und dann konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, sie legte die Lippen auf die kühle, glatte, weiße Haut.
Olga machte sich los, sprang auf und lief durch das dunkle Zimmer bis nach dem Fenster.
„Olla,“ sagte Mette erschrocken und stand zögernd auf. „Was ist dir denn? Was hast du denn?“
Es kam keine Antwort. Mette ging ihr nach. Aber als sie ans Fenster kam und die Hand nach ihr streckte, lief Olga wie gejagt nach der Wand.
Sie stand in die Ecke gedrückt und Mette vertrat ihr den Weg.
Das schöne blasse Gesicht schimmerte unheimlich durch das Dunkel. In den angespannten Zügen lag Angst und Drohung zugleich, wie bei einem angeschossenen Tier, das sich umstellt sieht und sich verzweiflungsvoll zur Wehr setzt.
Mette erschrak vor dem Ausdruck des gepreßten Mundes, der dunkel lohenden Augen. Sie legte zaghaft die Hand auf Olgas über der Brust gekreuzte Arme.
Olga zuckte zusammen und drückte sich tiefer in die Ecke.
„Geh doch!“ sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Laß mich doch in Ruh!“
„Du sollst nicht mit den nackten Füßen auf der bloßen Diele stehen,“ bat Mette, den Tränen nahe. „Du erkältest dich zu Tode. Ich will ja nichts, als daß du dich an den Ofen setzest. Dann kann ich mich ja auf den Korridor vor die Tür schlafen legen, oder ich kann mir ein anderes Zimmer geben lassen, oder ich kann aus dem Fenster springen. Aber komm aus der Ecke heraus, ich kann es nicht mehr mit ansehen.“
Sie faßte sie an beiden Schultern, aber Olga schüttelte ihre Hände von sich ab.
„Laß mich doch!“ sagte sie böse. „Siehst du denn nicht, daß du mich zu Tode marterst? Wie kann ein Mensch so wahnsinnig grausam sein?“
Die Stimme brach ihr, und ganz jählings stürzten die Tränen über ihr Gesicht.
Jetzt konnte sich Mette nicht mehr beherrschen. Auch ihre Augen liefen über.
„Ich verstehe dich nicht!“ sagte sie mit zitternden Lippen. „Wenn ich dir so zuwider bin, daß du mich nicht erträgst, warum bist du dann hier? Warum gibst du dich dann überhaupt mit mir ab? Man kann nicht einen Menschen gern haben, dessen Nähe einen derart quält! Ich weiß ja aber auch, warum du mich nicht leiden kannst!“
„Warum?“ fragte Olga erstaunt.
Mette schüttelte stumm den Kopf und kämpfte die Tränen hinunter.
„Warum soll ich dich nicht leiden können?“ forschte Olga drängender. „Antworte! Ich will das jetzt wissen.“
Mette vermied es immer noch, sie anzusehen.
„Weil ich dich zu sehr liebe!“ sagte sie bitter und traurig. „Es muß furchtbar sein, von einem Menschen geliebt zu werden, den man nicht liebt! Beinah ekelhaft!“
„Du Schaf,“ sagte Olga und strich ganz weich mit der Hand über Mettens Haar.
„Ach, laß,“ sagte Mette und entzog sich der streichelnden Hand. „Man muß sich nicht zwingen.“
Olga ließ den Arm schwer herabsinken.
„Man muß sich doch zwingen,“ sagte sie leise und mühsam atmend. „Wenn ich mich jetzt nicht zwingen würde, würd’ ich dich so mit Zärtlichkeiten ersticken, daß du zu Tod erschrecken tätst und davonlaufen.“
Mette fühlte die Adern in ihrem Hals schlagen, daß sie kaum atmen konnte. Sie versuchte zu lächeln, während noch die Tränen von ihren Lidern rollten.
„Tu es nicht,“ sagte sie, „ich würde ganz bestimmt nicht davonlaufen. Aber vielleicht würde ich wahnsinnig vor Glück!“
Da hob Olga langsam die beiden weißen, schlanken Arme und legte sie um Mettens Schultern. Mette fühlte den wohltuend kraftvollen Druck fester und fester werden.
Jetzt, da Olga auf bloßen Füßen stand, waren ihre Gesichter fast in gleicher Höhe.
Sie bohrten die Augen ineinander, ernsthaft und unverwandt und spürten in allen Adern das rasende Hämmern ihrer Herzen.
Dann neigten sie sich gegeneinander wie zwei Verdurstende und legten Mund auf Mund.
Sie ließen einander nicht mehr los. Sie küßten sich nur immer durstiger eins am anderen. Sie gingen durch das Zimmer aneinandergeschmiegt, sie saßen auf dem Bettrand ineinander verschlungen. Die Kleider glitten von ihnen nieder, achtlos, blieben auf der Erde liegen.
Die groben und feuchten Laken atmeten Schauer der Kühle. Sie spürten es kaum, so brannte das Blut in ihren jungen Leibern.
Sie drängten sich aneinander, als wollten sie ineinander übergehen, verschmelzen, eins werden.
Ihre schlanken, geschmeidigen Glieder flochten sich ineinander, wie Bäume des Urwalds unlöslich sich ineinander verschlingen.
Sie sprachen nichts. Aber wie rauschende Musik hörte eines des anderen dröhnenden Herzschlag und das rasche und raschere Atmen.
Ihre Leiber bäumten sich gegeneinander wie wilde Tiere, wenn sie an Käfiggittern rütteln. Sie gruben einander die Nägel in die Glätte der Haut und schlugen einander die Zähne in die geschwellten Muskeln.
Und sie lagen aneinandergeschmiegt wie müde gespielte Kinder, und ihre Lippen berührten des anderen Lider und Wangen so sanft, so leise, wie Schmetterlingsflügel schwankende Blüten.
„Kleines,“ sagte Olga, und alle Glocken schwangen in ihrer Stimme. „Mein Schönes, mein Gutes!“
„Oh, du!“ sagte Mette. „Du Wunder des Himmels. Was bist du nur? Bist du ein wildes Tier ... oder ein Gott ... oder der Geist einer weißen Orchidee?“
„Ich weiß nicht,“ sagte Olga. „Ich glaube, daß ich ein Gott bin. Aber vor einer Stunde war ich ein armes gepeinigtes Tier. Bist du nicht stolz, kleines Mädchen, daß du solche Wunder tun kannst?“
„Ich wollte, ich könnte Wunder tun,“ sagte Mette sehnsüchtig.
Ein hartes Lächeln flog um Olgas Mund.
„Dann würdest du mich in einen Mann verwandeln!“ sagte sie.
„Um Gottes willen!“ rief Mette und schlang erschrocken beide Arme um sie. „Nie, nie, nie! ... Aber wenn ich Wunder tun könnte, so würde ich diese Nacht niemals aufhören lassen. Ich würde sie dauern lassen in alle Ewigkeit!“
Der rote Schein des Kupfers hinter den Gasflämmchen erhellte das ganze Zimmer mit warmem Dämmerlicht. Die spitzen Flämmchen zitterten leicht, und der helle Fleck auf dem bunten abgetretenen Teppich zitterte mit.
Olga richtete sich auf den Ellbogen auf und stützte den Kopf in die Hand. Zwischen den weißen Fingern hindurch rieselten die Strähnen des schwarzen Haares. Aus dem blassen Gesicht leuchteten die helldunklen Augen in unendlicher Hoheit und Klarheit wie zwei Sterne.
„Ewig!“ sagte sie leise. „Alles, was Gottes ist, ist ewig. Fühlst du nicht, daß diese Nacht Gott gehört? Zeit ist eine Erfindung des Teufels. Der Satan hat die Vergänglichkeit erfunden, um die Menschen von Gott abtrünnig zu machen. Aber Gott blieb ewig, und Gottes Herrlichkeit bleibt ewig. Da hat Satan alles mögliche andere erfunden: Krankheit, Schmerz, Ungeziefer und Geld ... vor allem das Geld. Aber nun war Zeit da und Vergänglichkeit da. Und ließ sich nicht wieder ungeschaffen machen. Und haftet nun an allen Erfindungen des Teufels. Aber, was Gottes ist, ist ewig. Immer verlöscht neues Glück die alte Qual, als wäre sie nie gewesen. Aber das Glück bleibt. Und keine Qual kann es ungeschehen machen. – Ich würde sterben vor Scham, wenn ich dächte, daß nur die Nervenenden unserer Haut unter unseren Händen vibrieren. Spürst du nicht, daß deiner Seele etwas geschehen ist, was ihr bleiben muß über allen Tod hinaus? Spürst du nicht, daß diese Stunde dich weit mehr verändert hat, als dich das bißchen Sterben verändern kann?“
„Ja,“ sagte Mette. „Und mehr als das bißchen Geborenwerden auch. Heut’ bin ich geboren worden und nicht vor zwanzig Jahren. Jetzt kann ich zum erstenmal mit Bewußtsein sagen: Ich lebe!“
„Wir leben!“ sagte Olga, sie an sich reißend, mit einem Aufjauchzen in der Stimme, das klang wie der frohlockende Ruf eines auffliegenden Wildvogels.
„Wir leben, Süßes. Ewig, ewig, ewig leben wir!“ – – –
Als Mette am anderen Morgen aufwachte, schien eine helle, fröhliche Wintersonne ins Zimmer.
Ihr erster Gedanke suchte Olga. Sie war nicht da. Auch ihr Mantel hing nicht mehr am Haken. Ein jähes Erschrecken schlug sie. Sie war fort, für immer, kam nicht wieder, war unwiederbringlich verloren.
Mette sprang aus dem Bett, mit einemmal hellwach.
Da sah sie Olgas Hut und Handschuhe. Sie nahm die Handschuhe vom Tisch, streichelte sie und preßte sie an die Wange. Von dem weichen grauen Leder schien ein Strom von Freude und Beruhigung auszugehen. Es war kein Traum und kein Zauberspuk. Sie war dagewesen, sie würde wiederkommen – noch zeigten die Handschuhe die Form ihrer schönen schlanken Hände, waren noch wie erfüllt von ihrem Leben ...
Von unten herauf drang ein wohlbekanntes knirschendes und schrapendes Geräusch.
Mette lief auf bloßen Füßen zum Fenster und zog den dicken weißen Köpervorhang ein wenig zur Seite. Auf den Fensterbrettern lag ein dickes Polster von weißem Schnee. Die niedrigen Häuser drüben hatten Dächer von blendendem Weiß und darüber funkelte ein Himmel von reinstem Blau.
Vorm Hotel kratzte der Hausknecht mit dem Schneeschieber einen dunklen Weg in den weißen Teppich, und neben ihm stand Olga, den Mantel offen, beide Hände in den Taschen vergraben, den Kopf ein wenig vorgeneigt und führte eine angelegentliche Unterredung mit dem alten Mann.
Mette sah eine Weile hinunter und freute sich an jeder Linie ihrer Gestalt. Sie sah sie sprechen und glaubte den Ton ihrer Stimme zu hören. Sie dachte darüber nach, was sie sich mit dem Hausknecht wohl zu erzählen haben könne. Sie bewunderte die Gabe an ihr, mit allen Leuten ein Gespräch anzuknüpfen und jedem gegenüber den richtigen Ton zu treffen.
Mette kannte das an ihr. Wenn sie bei Laune war, wirkte sie so unwiderstehlich, daß der brummigste Kellner oder Schaffner sie anstrahlte.
Nach ein paar Sekunden sah Olga plötzlich hinauf, sie mußte Mettens Blick gefühlt haben. Sie sah Metten am Fenster stehen oder sah vielleicht auch nur die verschobene Gardine, winkte mit der Hand und lief ins Haus.
Sie brachte einen Hauch von frischer Schneeluft ins Zimmer. Ihre Augen waren hell und durchsichtig wie Eis und hoben sich scharf ab von der schwarzen Pupille, und auf ihrem weißen Gesicht lag ein ganz leichter Schimmer von rosiger Farbe.
„Wo kommst du her, du Rumtreiber?“ fragte Mette.
„Ausgeschlafen, mein Deern?“ fragte Olga zur Antwort. „Ich war schon spazieren. Ich war in der Stadt. Ich wollte dir Blumen auf den Frühstückstisch stellen. Aber Blumen im Winter – so sündhafte Dinge kennt man hier nicht. Herr Thielemann hat nur Stechapfelkränze mit Wachsrosen. Aber eine Konditorei ist da drüben, so mit einer Geländertreppe vor der Tür, weißt du? Und einem goldenen Kringel in der Luft! Und es roch nach frischem Brot. Mach dich schnell fertig, Mettulein, ich habe einen wahnsinnigen Hunger.“
Sie frühstückten auf dem Zimmer.
Dann drängte Mette zum Spazierengehen. Schnee und Sonne lockten sie hinaus.
„Du mußt erst an deinen Vater schreiben,“ sagte Olga ernsthaft.
„Ja,“ sagte Mette und schnitt eine Grimasse. „Du willst keine Verantwortung übernehmen – ich weiß schon.“
Sie setzte sich hin und schrieb einen langen und wohlüberlegten Brief. Sie bat um Verzeihung. Sie schilderte die Vorgänge bei Onkel Jürgen mit viel Humor. Sie nannte ihren Aufenthalt, bat ihren Vater herzlich, sie hier zu lassen, wo sie sich wohl fühle und niemandem im Wege sei. Bat ihn, ihr zu glauben, daß sie ein reifer und klarer Mensch sei und genau wisse, was zu ihrem Besten wäre. Bat ihn, das Geld, das Onkel Jürgen ihr unfreiwillig geliehen, zurückzuzahlen – die kurze Zeit bis zu ihrer Mündigkeit sie zu unterstützen oder ihr einen Vorschuß auf das großmütterliche Erbe auszahlen zu lassen. – Aber davon, daß sie nicht allein sei, schrieb sie kein Wort.
Sie trugen den Brief zusammen nach der Post. Olga wußte schon den Weg dahin. Als der Umschlag in den blauen Kasten versenkt war, atmete sie auf und nahm Mettens Arm.
„Komm,“ sagte sie, „was zu tun war, ist getan. In drei Tagen kann die Antwort da sein. Aber die drei Tage wollen wir genießen.“
„Glaubst du,“ sagte Mette mit finsterer Stirn, „daß eine Macht der Welt mich zwingen kann, nach Hause zurückzugehen? Wenn sie mir kein Geld schicken, geh ich als Waschfrau oder als Nähmädchen, oder ich mache Schulden.“
„Ich weiß nicht,“ sagte Olga. „Ich weiß nur, solange dieser Brief noch unterwegs ist, sind wir sicher. Kein Mensch weiß, wo wir sind – das ist ein herrliches Gefühl – als ob man hinter Mauern und Gräben säße. Wenn der Brief erst angekommen ist, dann ist die Zugbrücke heruntergelassen – was dann geschieht, das weiß ich nicht. Nichts weiß ich, nichts, nichts, nichts! Aber es ist immerhin möglich, daß wir in Stücke gerissen werden.“
„Warum haben wir die Zugbrücke heruntergelassen?“ fragte Mette stehenbleibend. „Warum hast du mich gezwungen zu schreiben?“
Olga lächelte schwermütig.
„Weil ich die Verantwortung nicht übernehmen will!“ sagte sie, mit einem Versuch zu scherzen. – – –
Sie gingen durch die breiten Straßen mit den kleinen, niedrigen Häusern. Einen besonderen Reiz hatte es, die Schaufenster zu betrachten.
Wo ein kleiner Laden sichtbar wurde, mußten sie über den Damm laufen und die Auslagen mustern. Da war ein Korbflechter und Bürstenmacher. Da war ein Schuhmacher, der einen halbmeterlangen Filzschuh in seinem Fenster hatte und daneben einen winzigen nadelspitzen Ballschuh aus verstaubtem perlgestickten Rosaatlas.
„Ein Märchen!“ sagte Olga begeistert. „Sieh nur, ein Schuhmacher, der Märchen dichtet. Und er weiß es. Ganz sicher, er weiß es!“
Da war ein Geschäftchen mit Kurz-, Weiß- und Wollwaren. Girlanden von Handschuhen und Kinderjäckchen hingen im Fenster. Wasserfälle von Maschinenspitzen stürzten hernieder. Nähgarne und Häkelwolle legten sich zu symmetrischen Figuren. Und überall dazwischen hingen weiße Pappschildchen: „Hier werden Puppen zu Weihnachten angezogen.“ „Hier werden Gardinen kunstgestopft.“ „Unterricht in allen weiblichen Handarbeiten.“ „Hier wird Klavierunterricht erteilt, gründlich und gewissenhaft, für Anfänger und Fortgeschrittene.“ „Hier werden Strümpfe mit der Maschine angestrickt.“
„Geschwister Basch,“ sagte Olga und sah zu dem Firmenschild auf. „Sicher sind es zwei alte Schwestern. Die eine hat einen Mops und die andere einen Kanarienvogel. Oh, in solchen Städten gibt es noch Möpse! Die eine, die den Klavierunterricht erteilt, das ist eine schönheitsdurstige Seele. Sie hat sicher einmal von Ruhm und Beifall geträumt, als sie mit fünfzehn ‚La prière d’une vierge‘ spielte. Und die andere, die praktische, vielleicht von einem Mann und sieben Kindern. Und nun sitzen sie hier und trösten sich miteinander. Vielleicht hat die praktische ein aufopferungsfreudiges Gemüt und hat den einzigen in Betracht kommenden Mann ausgeschlagen, nur um ihre Schwester nicht zu verlassen. Die mit dem Klavierunterricht, das ist sicher auch die, die die Puppen anzieht. Aber die andere strickt die Strümpfe an. Weißt du, ich möchte in einer Novelle den Tag beschreiben, da die Strickmaschine ins Haus kam. Wahrscheinlich haben sie zehn Jahre daraufhin gespart – und dann haben sie sie gefürchtet und geliebt – so ein bißchen wie Teufelsspuk und Feenzauber – ach, vielleicht wäre es gut, ein solcher Mensch zu sein ... oder ob sie ganz klein und neidisch und giftig sind?“
Da war ein Kaufmannsladen, ein „Kolonialwarenhändler“, es war erstaunlich, was sein Fenster für eine prunkvolle Ausstattung aufwies. Getrocknete Aprikosen bildeten Sterne auf weißem Reis. Grotten aus Zuckerkand türmten sich auf, mystisch erhellt durch Fenster aus roter Gelatine. Da war ein See aus Stanniol, auf dem ein kleiner hohler Schwan mit aufgeplatztem Rücken schwamm. Da waren tausend bunte Dinge, und wie um die Farbenpracht zu mildern, lag über allem eine gleichmäßige graue Staubschicht – eingefressener, unverwüstlicher, wohlberechtigter Staub.
Und dann, ganz am Ende der Stadt, wo die Häuser vereinzelt standen und das Pflaster aufhörte und die Hühner gackernd über den Weg liefen, da war ein ganz kleiner Laden, der hatte in seinem schmalen Fensterchen alles – alles, was das Herz nur begehren konnte. Hohe Gläser mit bunten Bonbons und blaue Glanzpapiertafeln mit Zwirnknöpfen, Kränze von getrockneten Feigen und Postkarten, auf denen liebende Paare in flammenden oder blumenumkränzten Herzen sich küßten. Schnürsenkel und saure Gurken, Schuhwichse und Backpulver und irdene Töpfchen und Kämme und ...
„Abziehbilder!“ sagte Olga mit andächtigem Entzücken. „Sieh nur, Mette, veritable Abziehbilder! Ganz richtig mit dem blauen Hauch darüber, mit dem mystischen Schleier, daß man nur ahnen kann, was daraus wird, wenn sie abgezogen sind. Oh, es war kein Kachelofen vor meinen Abziehbildern sicher! Wer sie immer nur hübsch auf einem Tisch verarbeitet hat, ahnt gar nicht, wie schwer es ist, sie auf einer senkrechten Fläche anzubringen. Sie waren immer durcheinander gerutscht. Ich glaube, ich hatte keine ruhige Hand. Ob ich es jetzt besser könnte? Ich bitte dich, Mette, um aller Heiligen willen, geh hinein und kauf mir für einen Groschen Abziehbilder – aber ein Bogen mit Schiffen muß dabei sein.“ – – –
Hinter den letzten Häusern fing die Landstraße an: Breit, gerade, mit kahlen Bäumen bestanden, schneebedeckte Felder rechts und links, am Horizont ein Streifen dunkelblauen Waldes.
Sie schritten scharf aus. Der Schnee knirschte unter ihren Schuhen. Bei jedem Schritt flogen krächzende Krähen vor ihnen auf, der Wind rauschte in den Telegraphendrähten und blies manchmal eine Schneelast von einem Zweiggewirr auf sie herab. Der unberührte, unbetretene Schnee war weich wie Watte und blitzte in der Sonne wie zerstoßenes Glas.
Der Wald, der so fern erschienen war, schien ihnen entgegenzulaufen.
Hundert Schritte davor bog die Landstraße ab. Aber ein breiter Weg führte hinein. Das Stückchen über das freie Feld war kaum als Weg zu erkennen, so schneeverweht war es. Aber drüben tat sich in den hohen schneebedeckten Tannen eine Öffnung auf, wie der Eingang zu einem Tunnel. Da strebten sie hin.
Als der Wald sie umfing, wurde es mit einem Male still und warm – so warm, daß ihre windgepeitschten Gesichter anfingen zu brennen.
Hoch über ihnen in den Wipfeln rauschte der Wind und schüttelte zuweilen silberne Sterne auf den dunklen Boden. Aber sein kalter Atem traf sie nicht.
Sie wanderten in versunkenem Schweigen. Nur wenn bunte Meisen vor ihnen herflatterten oder ein Eichhörnchen an einem Stamm hinaufflitzte, machte eines das andere durch ein Flüstern, durch eine Bewegung aufmerksam. Und wenn dann ihre Blicke sich trafen, dann blieben sie ineinander hängen, bis sie lächelten und die Augen schlossen – – –
„Aha! Da ist es!“ sagte Olga nach einer guten Weile.
„Was? Wo?“ fragte Mette erstaunt.
Olga wies mit der Hand vorwärts. Zwischen den Stämmen wurde plötzlich eine rote Backsteinmauer sichtbar.
„Hast du denn gewußt, wo wir hingehen?“ wunderte sich Mette.
„Natürlich, Kind! Ich werde dich doch nicht aufs Geratewohl in der Irre herumführen. Dieses muß nach menschlichem Ermessen der Waldkater sein. Im Sommer gibt’s hier Kaffeekochen, Musik und Tanzvergnügen. Im Winter kriegen wir vielleicht was zu essen – wenn wir Glück haben. Das hat mir alles unser Hausknecht heute früh erzählt. Außer seiner Lebensgeschichte – – es gibt so ein schönes Märchen – – Bechstein, glaub’ ich – – von der verwunschenen Mühle, wo nur der Esel, die Katz und die Taube sind. Und noch irgendein Tier. Siehst du, da fliegt die Taube auf, und da ist die Katz. Aber kein Mensch zu erblicken. Graust dir’s schon, Mette? Ganz sicher, die Katze will uns was sagen!“
Sie durchschritten eine Art Wirtschaftshof und rüttelten an ein paar verschlossenen Türen.
„Es kann nicht ausgestorben sein,“ sagte Olga und deutete auf ein Rauchwölkchen, das aus dem Schornstein aufstieg. „Oder die Katz hat Feuer angemacht. Aber wenn sie das kann, kann sie uns auch was zu essen kochen.“
Sie fanden eine Tür offen. Durch einen leeren und kalten Saal, von dessen Decke zerfetzte und verstaubte Papiergirlanden herunterhingen, kamen sie an eine andere Tür, die einem Druck auf die Klinke nachgab. Dieser nächste Raum war erfüllt von behaglicher Wärme und durchdringendem Kohlgeruch. Ein eiserner Ofen fauchte glühende Luft und auf ihm brodelte ein blauer Emailletopf mit einem dampfenden Inhalt. An einem der Tische, breit aufgestützt, saß eine grobknochige Magd und messerte ihr Kohlgericht aus einem blechernen Napf.
„Guten Tag, Fräulein Anna,“ sagte Olga strahlend liebenswürdig. „Na, wie geht’s Ihnen denn? Schmeckt’s?“
Das Mädchen stand langsam auf und grinste.
„Ich heiß’ nicht Anna,“ sagte sie, „die vorvorige war die Anna. Ich heiß’ Berta.“
„Schön warm haben Sie’s hier, Fräulein Berta.“ Olga zog die Handschuhe aus und hielt die Finger vor die Ofenglut. „Und herrlich riecht’s hier nach Kraut. Wollen Sie uns nicht was abgeben von Ihrem Mittagbrot?“
Das grinsende Mädchen wischte mit der Schürze über einen Tisch.
„Wenn die Damen was zu essen haben möchten, kann ich ja mal die Frau fragen.“
„Herrlich, Fräulein Berta! Und wenn wir was zu trinken kriegen könnten – einen Grog oder Glühwein oder sonst so was Gutes.“ Olga blinzte dem Mädchen zu, als hätte sie ihr ein Geheimnis anvertraut. „Wir sind nämlich mächtig durchgefroren.“
Sie stemmte die Füße gegen den heißen Ofen, daß die nassen Sohlen anfingen zu zischen.
„Sagen Sie, was ist eigentlich aus der Anna geworden? Daß ich Sie verwechselt habe! Die war ja viel kleiner als Sie!“
„Ja,“ sagte Berta, „die war man schwächlich. Sie hat geheirat’t.“
„Geheiratet?“ sagte Olga überrascht. „Sieh mal an! Dabei war sie doch gar nicht mal so hübsch.“
„Ne,“ sagte Berta, „hübsch war sie nich. Un schwächlich war sie auch man. Aber sie hatte ’n Mundwerk, ’n Mundwerk hatte sie. Un das sticht manch einen ins Auge.“
Olga blieb ganz ernst.
„Na, lassen Sie man, Berta,“ sagte sie begütigend, „Sie werden ja auch bald heiraten. Es ist doch immer das beste. Man will ja gerne schuften. Aber es ist doch immer was anderes, wenn man für die eigene Wirtschaft schuftet.“
„Ja,“ sagte Berta überzeugt und blieb eine Weile gedankenvoll mit offenem Munde stehen, „nun will ich aber mal nach was zu essen fragen.“
Damit machte sie kehrt und schoß hinaus.
„Herrlich,“ sagte Olga und witterte wie ein Jagdhund mit erhobener Nase. „Es riecht so gut nach Kraut und Hammelfleisch.“
Mette schüttelte den Kopf.
„Ein komischer Kerl bist du,“ sagte sie lachend. „Hier findest du das herrlich, und wenn’s in der Motzstraße nach Kohl riecht, kriegst du Ohnmachten und Tobsuchtsanfälle.“
„Erlaube mal, das ist vielleicht ein Unterschied, wenn’s in einem Berliner Zimmer mit Jugendstilmöbeln und einem Prismenkronleuchter halb nach Kohl riecht und halb nach billigem Heliotropparfüm, so erzeugt das einen Nervenzustand, der einen direkt zum Selbstmord treiben kann. Hier muß es einfach ein bißchen nach Ofendunst riechen und ein bißchen nach Schweinestall und kräftig nach Kümmelkohl – das ist gerade das Richtige. Wenn meine Freundin Berta hier mit dem Messer ißt, stört mich das gar nicht. Aber wenn ich’s im Schweizer Hof in Luzern sehe, könnt’ ich aus der Haut fahren.“ – – –
Die schwarzweiß gefleckte Katze kam ins Zimmer geschlichen.
„Da hast du den Waldkater!“ sagte Olga. „Komm her, Mies! Komm zu mir!“
Die Katze ließ sich greifen und halten. Olga streichelte sie, drückte sie an sich, erzählte ihr im Flüsterton lange Geschichten und richtete teilnehmende Fragen an sie.
„Daß du Katzen so liebst und Hunde nicht leiden kannst,“ sagte Mette ein wenig mißbilligend, „das ist eigentlich bezeichnend für dich!“
Olga hob rasch den Kopf und zog die Brauen hoch.
„Bezeichnend? Wieso?“
„Weil du die Grazie mehr schätzt als die Treue,“ sagte Mette mit einem wehmütigen Lächeln. „Weil dir das lieber ist, was heimlich kratzt, als das, was sich schlagen läßt und die Hand leckt. Ich glaube, ich muß mich in acht nehmen, daß ich dir nicht verächtlich werde.“
Olga schüttelte die Katze von ihrem Schoß herunter.
„Nein, Mette,“ sagte sie mit großen ernsten Augen, „da verkennst du mich vollständig. Ich habe eine Antipathie gegen Hunde, aber nicht, weil sie treu sind, sondern weil sie schamlos sind. Weil sie ihr Liebesleben auf die Straße tragen.“ Der rote Schatten flog wieder über ihr Gesicht. „Katzen haben darin mehr Kultur – um dies oft mißbrauchte Wort zu mißbrauchen. Es gibt Kerfe, die sich nur in tiefster Nacht, nur in den verstecktesten Winkeln paaren – so daß es noch keinem Forscher gelungen ist, diesen Prozeß zu beobachten. Ich denke immer, es wird einmal eine Zeit kommen, da wird man von den barbarischen Gebräuchen dieser Jahrhunderte oder Jahrtausende wie von Märchen erzählen. Denke dir nur, wie unendlich komisch das einen feinfühligen Menschen berühren muß: Wenn zwei Menschen Sehnsucht haben, miteinander in einem Bett zu liegen, so setzen sie einen bestimmten Tag dafür fest. Sie setzen öffentliche Institutionen, den Staat und die Kirche, davon in Kenntnis. Sie benachrichtigen Freunde und Verwandte, ihre eigenen Eltern, ihre eigenen Geschwister! An dem Tag, der dieser Nacht vorangeht, versammeln sie alle Leute um sich, die sie nur irgend kennen, sitzen Hand in Hand und lassen sich betrachten, umgeben sich mit Leuten, die gefüttert und getränkt werden, bis ihnen übel wird, lassen sich anzügliche Lieder vorsingen und anzügliche Reden halten – und fühlen sich vielleicht sogar wohl dabei. – Ich habe immer das Gefühl gehabt, Hochzeit zu halten auf die Art, wie man das jetzt handhabt, müßte eine Strafe für Schwerverbrecher sein. Es ist eine so grausame Quälerei, eine so ausgesuchte Folter ... Mette, Kind, tu mir den Gefallen, wenn du dich einmal einem Manne hingeben willst, den du liebst, tu’s, wenn dir danach zumute ist und nicht an einem vorher festgesetzten Tag – tu’s ganz heimlich, daß keine lebende Seele die Möglichkeit eines solchen Geschehens ahnt ...“
„Ich?“ sagte Mette mit Augen voll traumverlorenen Entsetzens. „Ich?“
„Ja, du!“ sagte Olga lächelnd. „Ach, Kind – meinst du, du hast eine Ahnung, was in deinem Leben noch alles geschehen kann?!“ – – –
Am anderen Tag saßen sie in der Konditorei von Ferdinand Brausewetter am Roßmarkt.
Sie hatten einen weiten Spaziergang gemacht und waren hungrig und durchfroren.
Nun saßen sie auf dem roten Samtsofa, das mit Häkeldeckchen belegt war, als ob es in der guten Stube stünde.
Olga hatte eine – wie sie sagte – „prähistorische“ Nummer der „Meggendorfer“ entdeckt und belustigte sich königlich an den harmlosen Witzen.
Eine dicke behagliche Frau mit glatten grauen Scheiteln und einer gutgestärkten weißen Schürze, die noch vom Wäscheschrank her die scharfen Kniffe zeigte, brachte ihnen dampfenden Kaffee in einer braunen Bunzlauer Kanne und duftenden frisch gebackenen Kuchen.
Dann, als die frühe Dämmerung fiel, steckte sie eine Gasflamme an.
Da die Lampe zu hoch war und sie sich einen Stuhl herbeiholte, sprang Olga auf, um ihr zu helfen.
Sie kamen in ein Gespräch, und die freundliche Frau blieb an ihrem Tisch stehen, um ein wenig zu schwatzen.
Olga lobte den Kuchen, sprach vom Wetter, von der Stadt – dann rückte sie einen Stuhl.
„Aber Frau Brausewetter, setzen Sie sich doch ein bissel zu uns, wenn’s Ihre Zeit erlaubt. – Sie wissen so gut Bescheid hier, ich hätt’ mich gern noch nach Verschiedenem erkundigt.“
Mette folgte mit stummer Verwunderung der Unterhaltung, die sich entspann.
Olga erkundigte sich angelegentlich nach dem Papiergeschäft an der anderen Seite des Marktes. Eine Tafel zeigte an, daß das Grundstück samt gutgehendem Geschäft zu verkaufen sei. Sie hatten es schon in der Zeitung inseriert gelesen ...
„Im Kreisanzeiger wohl?“
„Ja, natürlich im Kreisanzeiger,“ ... und sie wären hergekommen, um es sich anzusehen und sich erst mal unter der Hand zu erkundigen ... ob denn das Geschäft ginge? Und warum es eigentlich zu verkaufen sei? Ein Garten wäre wohl nicht bei dem Haus?
Doch, ein kleiner Garten mit alten Birnbäumen und einer Fliederlaube – durch den Treppenflur könne man ihn sehen.
Und sie möchten eine Leihbibliothek mit dem Geschäft verbinden – ob das wohl lohne?
Frau Brausewetter war Feuer und Flamme für diesen Plan. Das hätte sie den Kilians schon immer gesagt. Aber sie hätten nie was reinstecken wollen ins Geschäft. Und hätten gemeint, die Anschaffung der Bücher rentiere sich nicht. Aber es würde sich ganz gewiß rentieren; denn den ewigen Journallesezirkel hätten sie alle schon über. Und die Frau Bürgermeisterin hätte neulich schon gesagt ...
„Denke dir!“ sagte Olga, als sie über den dämmerigen Marktplatz nach dem Hotel hinüber schritten. „Alte Birnbäume und eine Fliederlaube. Und nichts zu sehen von der Straße aus! Ein altes häßliches graues Häuschen. Ich habe in solchen Städten im Sommer in alle Haustüren geguckt. Dann sieht man so oft jenseits der Treppe eine zweite Tür und wenn die offen steht, so ein Stückchen Hof oder Garten mit blühendem Flieder. Dann hab’ ich immer so ein ganz starkes Gefühl von Neid oder Sehnsucht gehabt. Vielleicht hab’ ich gewußt, daß ich noch mal in so einem Haus ende. Oder daß ich ihm ganz nahe komme und daran vorüber muß.“
„Aber Olga!“ sagte Mette und blieb vor Erstaunen mitten auf dem Platz stehen. „Möchtest du denn da enden? Ich habe immer das Gefühl, du machst dich lustig über mich und meine Ideale. Wie du der guten Frau Brausewetter da die Komödie vorgespielt hast – mir hat sich das Herz zusammengezogen vor Sehnsucht, daß das Wahrheit wäre. Ach, wenn ich hier bleiben könnte, ein Häuschen mit einem Garten haben und so ein puppiges kleines Geschäft mit Schulheften und Ansichtskarten und Bibelsprüchen und eine Leihbibliothek – und dich, dich, dich! Von morgens bis abends und von abends bis morgens ... aber nach drei Wochen wärst du mir durchgegangen und ich säße allein hier ...“
„Glaubst du?“ sagte Olga ohne Spott. „Wie du mich kennst!“
„Ich kenne dich!“ beharrte Mette lächelnd. „Vielleicht kenn’ ich dich besser als du dich kennst.“
„Kein Mensch kennt einen anderen,“ sagte Olga in einem müden und gleichgültigen Ton und heftete die Augen unter den zusammengezogenen Brauen unverwandt auf die blaue Laterne über dem Torweg.
„Aber es läßt sich so wenig dagegen tun ...“ – – –
Sie hatten nach dem Abendessen noch in dem überheizten Gastzimmer eine Partie Schach gespielt und dabei mit viel heimlichem Entzücken den Unterhaltungen gelauscht, die die Honoratioren nebenan an ihrem Stammtisch führten.
Als sie, die Mäntel überm Arm, an der Treppe anlangten, bat Olga:
„Komm, laß uns noch eine halbe Stunde an die Luft gehen, daß wir nicht den ganzen Rauch in Haaren und Kleidern mit hinauf schleppen – das heißt, wenn du nicht etwa müd’ bist, natürlich.“
Der häßliche Platz, die nüchternen Straßen lagen in Schnee und Mondlicht wie verzaubert da.
Der Himmel war hoch, blauschwarz und so klar, daß er wie erfüllt erschien von dem unabsehbaren Gewimmel funkelnder Sterne.
Olga hatte den Kopf tief in den Nacken gelegt. Der Nachthimmel und die Gestirne schienen sich in ihren Augen zu spiegeln.
„Unendlichkeit!“ sagte sie leise. „Du glaubst nicht, wie ich dieses Wort liebe. Es ist mein Vaterunser und mein Evangelium. Kein Anfang, kein Ende. Unendlichkeit der Zeit, Ewigkeit des Raumes. Ich glaube, wenn ich ganz klein und verzweifelt wäre, braucht ich nur zu denken: Unendlichkeit! Und es wäre wie ein Orgelton, der alles von mir abspült. Wird man nicht ganz fromm, wenn man dies Unbegreifliche fühlt? Darum lieb’ ich den Sternenhimmel so. Darum lieb’ ich die Nacht so.“
„Mich hat nichts so gequält,“ sagte Mette, „als deine Unendlichkeit. Als kleines Kind schon. Ich wollte sie immer begreifen. Ich wollte. Ich lag im Bett und stellte mir den Raum vor. Und dann schloß ich einen Kreis wie eine Mauer um ihn. Und was war dahinter? Wieder Raum. Ich zog einen größeren Kreis. Ringsum war wieder Raum. Ich dachte manchmal, ich müßte verrückt werden, wenn all der Raum in mein armes kleines Gehirn hineinstürzen wollte.“
„Das ist ja das Schöne, daß es etwas gibt, was wir nicht begreifen können. Nicht der Gelehrteste und nicht der Gefühlvollste. Das eine Unbegreifliche ist Bürgschaft für tausend Möglichkeiten. Wenn es Ewigkeit gibt, warum nicht Unsterblichkeit, Seligkeit, Göttlichkeit? Warum nicht eine Liebe über aller irdischen? Alles wissen sie, alles erklären sie. Wie die Spermatozoen ins Ei dringen, beobachten sie, und Sterne machen sie ausfindig, von denen das Licht achtzig Millionen Jahre braucht, um zu uns zu gelangen, und Theorien stellen sie auf, worin sie Liebe durch Fortpflanzungswillen und Sympathie durch Geruchsnerven begründen. Von allem reißen sie den Schleier des Mysteriums. Sie wissen, wie wir entstehen und wie wir vergehen und warum wir lieben. Aber wenn sie dich quälen und du ihnen nicht glauben willst, dann sag’ dir ganz leise: Unendlichkeit! Und fühle, daß es Dinge gibt, die über aller Vernunft sind. Kein Lebender kann sie erfassen ... Aber die Toten vielleicht. Oder die Sterbenden schon. Darum lächeln die Toten alle. Sie lächeln alle so erlöst und überlegen, als wollten sie sagen: ‚Herrgott, ist das lächerlich einfach‘ ... Ich freue mich manchmal auf den Moment, wo man die Stufe hinaufsteigt, daß man endlich über die Mauer sehen kann.“
„Freu’ dich nicht zu sehr,“ sagte Mette und griff wie in Angst nach ihrer Hand, „ertrag nur die Mauer noch eine Weile.“
„Kind,“ sagte Olga weich, „ich sehe ja die Mauer nicht. Sie ist ganz und gar von Rosen überhangen.“ – – –
Auch am anderen Morgen war noch kein Brief aus Berlin da.
„Gesegnete Post!“ sagte Olga. „Sie kommt hier nur einmal am Tage.“
Mette schüttelte den Kopf. „Ich versteh’ dich nicht. Ich hab’ erst die richtige Ruhe, wenn Antwort da ist. So sitzt man ja doch immer auf dem qui vive oder dem Pulverfaß oder ähnlichem! Wenn wir wissen, woran wir sind, können wir uns danach richten. Ich muß dann eventuell an den Rechtsanwalt schreiben, der der Testamentsvollstrecker meiner Großmutter war. Der wird mir sicher eine Summe vorschießen, von der wir das halbe Jahr leben können, bis ich mündig bin. Aber ich wollte, ich hätte alle diese Dinge schon hinter mir.“
Olga spielte mit den Fransen der Tischdecke und lächelte.
„Warum lächelst du so?“ fragte Mette.
„Weil du so weitgehende Pläne machst. Dein Vater wird schreiben: ‚Komm!‘ Und dann wirst du kommen.“
„Du weißt ganz genau, daß das ausgeschlossen ist!“ sagte Mette fast zornig.
Olga stand mit einem Ruck auf und ging ans Fenster.
„Vielleicht schick’ ich dich auch!“ sagte sie hart. – – –
Am Nachmittag machten sie wieder einen weiten Spaziergang über die Felder. Der frühe Abend überraschte sie, und sie kamen erst in der Dunkelheit heim.
Sie gingen auf der Landstraße, hart ankämpfend gegen den Wind und sahen vor sich im blauen Dämmern die aufblitzenden Lichter der Stadt.
„Seltsam,“ sagte Olga, „wir gehen nach Hause. Da liegt eine Stadt vor uns, deren Namen ich vor drei Tagen noch nicht gekannt habe, und da bin ich zu Hause. Da liegt ein Hotelzimmer, in dem vor drei Tagen vielleicht noch irgendein Kommis nächtigte, ein Zimmer, in dem nicht ein Möbelstück nach meinem Geschmack ist, in dem nicht ein Bild und nicht ein Buch mich lockt – und da bin ich zu Hause. Wenn ich an unseren Gasofen denke und an den Feuerschein auf dem schäbigen Teppich, dann wird mir so warm, daß ich den Wind nicht spüre. Wie muß einem Menschen zumute sein, der wirklich ein eigenes Heim hat. Wo er jeden Sessel liebt und die Farbe des Teppichs und das Licht der Lampe und jedes Kissen und jedes Bild und jede Tasse.“
„Das könntest du doch haben,“ sagte Mette.
„Ich?! – Nie, nie, nie!“
„Doch!“ sagte Mette etwas zaghaft. „Wenn du Geduld hättest ... in einem halben Jahr.“
Olga lachte kurz auf. „Kind!“ rief sie und drückte Mettens Arm fester an sich. „Liebes, süßes, wundervolles, kleines Geschöpf! In einem halben Jahr! Wo bist du da und wo bin ich da? Vielleicht bist du verheiratet – und ich bin tot.“ – – –
Als sie in das Zimmer traten, leuchtete von der dunklen Tischdecke etwas Weißes ihnen entgegen. Mette nahm es auf und lief damit ans Fenster. Der Schein einer Laterne draußen gab ein schwaches Licht.
Es war ein dringendes Telegramm.
„Mach hell, bitte!“ bat sie mit ein wenig unsicherer Stimme.
Sie riß das Papier auseinander.
Sie las es in dem Dämmerlicht am Fenster. Sie las es noch einmal bei der aufflammenden Gaslampe. Es änderte sich nicht.
„Dein Vater vom Schlage getroffen. Sein Ableben stündlich zu erwarten.“
Sie reichte das offene Telegramm, ohne ein Wort zu sagen, Olga hinüber und ging an ihr vorbei nach dem Ofen.
Sie hielt die Hände vor die Glut und war erfüllt von der seltsam peinlichen Empfindung, nicht zu wissen, wie sie sich benehmen sollte.
Kein Gefühl quoll unwiderstehlich, jeden Gedanken verdunkelnd, aus ihrer Tiefe: weder Schmerz, noch Angst, noch Liebe.
Nur häßliche, quälende Gedanken: „Ich werde hinfahren und zu spät kommen,“ dachte sie. „Es wird also ganz unnütz sein, daß ich fahre. Wenn er wirklich sterben muß – warum hab’ ich dann nicht lieber die Nachricht bekommen, daß er tot ist. Dann würde keine Macht der Welt mich hier wegbekommen.“
Sie warf einen verstohlenen Blick auf Olga, die ihr noch immer den Rücken zudrehte.
„Sie wird erwarten, daß ich irgend etwas tue,“ dachte sie. „Ich muß mich doch irgendwie äußern. Ich glaube, das Natürlichste wäre, wenn ich jetzt weinte. Aber ich kann doch nicht. Ich finde es schrecklich, gewiß. Aber es ist nichts, was mir die Tränen in die Augen treibt. Was würde Olga in meiner Lage tun? Seltsam, wie wenig wir uns eigentlich kennen. Ich weiß nicht, was sie tun würde. Und ich weiß auch nicht, was sie von mir erwartet.“
Endlich drehte Olga sich um und legte mit einer schönen und merkwürdig behutsamen Bewegung das Papier auf den Tisch. Ihr Gesicht war ruhig, aber ganz weiß.
„Ich will nach den Zügen fragen!“ sagte sie und schritt still hinaus.
Mette war fast froh, noch einen Augenblick allein zu sein. Sie konnte nun in Ruhe überlegen, was zu tun sei. Wenn Olga ging, um nach den Zügen zu fragen, so nahm sie als selbstverständlich an, daß Mette mit dem nächsten Zug nach Hause fuhr. Es war ja auch wohl selbstverständlich, freilich, das war es.
Sie stand seufzend von ihrem Sessel am Kamin auf, stellte den offenen Handkoffer zurecht und fing an einzupacken. Dabei flogen ihre Gedanken hin und her.
Vielleicht war es gar nicht wahr!
Vielleicht hatte Tante Emilie sich das ausgedacht, um sie nach Hause zu locken! Sie ins Gefängnis zurückzulocken!
Wenn doch jetzt eine Depesche von Vater käme, die die erste Nachricht widerriefe!
Oder, wenn es doch wahr war – wenn jetzt eine Depesche von Tante Emilie käme, daß alles vorbei wäre. Dann brauchte sie nicht zu fahren. Oder ob Olga es von ihr verlangen würde?
Wenn doch Olga jetzt heraufkäme und sagte: Es geht kein Zug, heute nicht, morgen nicht, nie mehr. Die Züge bleiben im Schnee stecken – oder der Bahndamm ist eingestürzt ...
Oder wenn Olga jetzt käme und sagte: Fahr’ nicht! Verlaß mich nicht! Laß uns weiterfahren, irgendwohin, wo sie uns nicht finden. Beweise mir, wie du mich liebst, gib alles auf. Was ist dir der fremde Mann, der da im Sterben liegt? Nichts! Zu mir gehörst du, mein bist du! Ich verlange von dir, daß du bei mir bleibst, ich will mich nicht von dir trennen, nicht auf eine Stunde mehr.
Ja, das wäre das Schönste. Aber von allem Unmöglichen war es das Unmöglichste.
Olga machte die Tür auf. Ihre Bewegungen, obgleich rasch, waren so leise, als beträte sie ein Krankenzimmer.
„Um drei Viertel zehn,“ sagte sie und warf einen Blick auf die Armbanduhr. „Wir haben also noch reichlich Zeit, einzupacken und etwas zu essen.“
In Mette zuckte etwas wie Empörung auf. Sie mußte fahren. Sie wurde einfach geschickt. Vielleicht wäre Olga selber an ihrer Stelle nicht gefahren. Olga durfte frei handeln und entgegen allem, was Sitte und Gebrauch war – aber für Mette galt das Normale, das Alltägliche, das Schickliche. Um drei Viertel zehn ging der Zug – sie wurde gar nicht gefragt, ob sie ihn benutzen wollte. Es war der nächste Zug, und also hatte sie damit zu fahren.
Sie packte mit verbissenem Gesicht ihren Koffer weiter.
„Darf ich dir helfen?“ fragte Olga ernst und sanft.
„Danke!“ sagte Mette kurz.
Der rücksichtsvolle Ton quälte sie. Sie hätte so gern ganz brutal die Wahrheit gesagt:
„Du brauchst mich nicht zu behandeln, als wäre ich schwer krank. Das Schlimmste an dieser Sache ist für mich, daß wir uns trennen sollen, daß ich hier fort soll, daß unser Märchen hier ein Ende hat“ – aber sie hatte den Mut nicht, es auszusprechen. Und sie fühlte doch, daß Olga sich beinah scheu zurückhielt, so, als hätte sie kein Recht, Metten in ihrem heiligen, kindlichen Schmerz zu stören.
Mettens Hände stießen beim Packen zufällig auf einen sorgfältig in Seidenpapier gehüllten Gegenstand unten am Boden des Handkoffers. Sie riß das Seidenpapier ab, daß die Fetzen zur Erde flatterten und hielt das goldene Etui in der Hand.
„O Mette!“ rief Olga mit einem leisen, überraschten Aufschrei. „Da ist es ja wieder! Seit wann?“
„Es ist nie woanders gewesen,“ sagte Mette mit einem etwas bedrückten Lächeln. „Ich konnte mich nicht entschließen, es in fremde schmutzige Hände zu geben. Ich wollte dir eigentlich nichts davon sagen – ich wollte es dir zu Weihnachten schenken – aber es ist ja Unsinn – ich will es dir lieber gleich geben.“
Mette ging hinüber und legte es in Olgas Hände, die ihr nicht entgegenkamen.
Olga hielt es ganz still auf den Flächen der Finger, ohne es zu umschließen und sah es mit gedankenschwerem Lächeln an.
„Seltsam,“ sagte sie, ohne die Augen aufzuheben. „Warum jetzt? Warum heute? Man sollte nicht abergläubisch sein, aber manchmal ist es schwer ...“
Mette verstand den Sinn dieser Worte nicht, aber sie fragte auch nicht danach. Sie spürte mit zorniger Eifersucht, daß Olgas Gedanken in einer Vergangenheit waren, die ihr fern, fremd und verschlossen blieb. Aber sie spürte keinerlei Beziehung auf sich selbst.
Es war eine schweigsame Fahrt durch die kalte, dunkle und unfreundliche Nacht.
Mette lehnte mit halbgeschlossenen Augen in einer Ecke und sehnte sich danach, mit viel Zärtlichkeit getröstet zu werden – aber sie hätte nicht gewagt, diese Sehnsucht auszusprechen, auch wenn nicht fremde Menschen mit dumm verschlafenen, glotzenden Gesichtern im Wagen gesessen hätten.
Als Mette fröstelte, zog Olga wortlos ihren Mantel aus und legte ihn ihr über die Knie. Aber Mette wies ihn fast schroff zurück.
„Laß das, bitte! Ich möchte nicht, daß du dich erkältest!“
Olga nahm den Mantel fort. Aber sie zog ihn nicht an. Sie legte ihn neben sich auf das Polster, mit einer so achtlosen Bewegung, als sei er zu nichts mehr nütze. – – –
In der Wohnung roch es nach Krankheit und Tod. Die Mädchen saßen schlaftrunken mit verschwollenen Augen und stumpfen Gesichtern herum.
Überall brannte Licht. Aber nicht helles, heiteres, strahlendes Licht, nur immer eine einzelne Lampe, die ein oder zwei Räume dämmerig erhellte. Die Türen standen offen oder waren angelehnt – man sah, daß nicht Nacht war in dieser Wohnung. Daß niemand schlief, daß unablässig hin und her gelaufen wurde. Und durch die offenen Türen drang das gleichmäßige röchelnde Atmen des Sterbenden in alle Räume, erfüllte alle Räume.
Tante Emilie, mit wachen Eulenaugen in dem zerkniffenen Gesicht, geisterte gespenstig hin und her.
„Du kommst zu spät!“ sagte sie mit eisigem Triumph, als sie Mettens ansichtig wurde. „Wir haben keine Hoffnung mehr.“
Mette fühlte, daß ihr etwas Böses zugefügt werden sollte. Und das plötzliche Bewußtsein, so verworfen, so gefühlsroh zu sein, daß dies Böse sie nicht traf, daß selbst diese Frau in ihrem maßlosen Haß sie noch überschätzte, trieb ihr, müde und überreizt wie sie war, die Tränen in die Augen.
Tante Emilie ahnte nichts von diesen Vorgängen.
„Auch diese Tränen kommen zu spät!“ sagte sie geringschätzig.
Von den zwanzig Stunden, die nun kamen, hatte jede Stunde tausend Minuten.
Mette ging hin und her, saß hier und dort und fühlte sich überall am falschen Platz, im Wege, von bösen Augen beobachtet.
Sie war zerschlagen an allen Gliedern und hatte das Bedürfnis, nur für eine Stunde sich in ihrem Zimmer einzuschließen und sich aufs Bett zu werfen. Aber sie fand den Mut nicht dazu.
Sie wußte, man erwartete von ihr, daß sie, in Reuetränen zerfließend, am Sterbebette ihres Vaters saß oder womöglich auf den Knien lag.
Sie versuchte das Grauen, das sie schüttelte, zu überwinden und ging hinein, immer wieder. Die dumpfe Luft roch nach Verwesung und Medikamenten. In den vielen weißen Kissen lag ein kleiner, sonderbar knöcherner Schädel, ein fremdes, schief gezerrtes Gesicht mit geschlossenen Augen, dem der röchelnde Atem leise die gelblichen Lippen bewegte.
Mette saß eine Weile still neben dem Bett und ängstigte sich davor, daß dieses schreckliche Röcheln mit einem Male aufhören könne. – Und ängstigte sich fast noch mehr davor, daß dies fremde Etwas plötzlich die Augen auftun und reden könne.
Ärzte kamen, sprachen miteinander in gedämpftem Ton, maßen sie mit mitleidigen Blicken und gingen wieder.
Das Mädchen deckte den Tisch zur gewohnten Zeit und bat im Flüsterton zum Essen.
Tante Emilie ließ alle Verbindungstüren offen und horchte mit gespannter Aufmerksamkeit, während sie ihre Suppe löffelte, ob in dem gleichmäßigen Röcheln eine Veränderung einträte.
Mette vermochte kaum einen Bissen hinunterzuwürgen.
Die frühe Dämmerung kam, und die Lampen wurden wieder angemacht.
Mette wollte ein Buch in die Hand nehmen, aber ein so empörter Blick von Tante Emilie traf sie, daß sie es wieder wegstellte und mutlos die Hände in den Schoß legte.
Gegen Abend wurde das Röcheln schwächer. Der Nasenrücken trat messerscharf aus dem winzigen versunkenen Gesicht.
Der Arzt, der am Abend kam, ging nicht wieder fort. Nun saß noch einer herum und schritt lautlos über die dicken Teppiche auf und ab und wartete.
Das Röcheln wurde schwächer und schwächer. Dann kam noch ein paarmal in kurzen Pausen ein stärkeres knarrendes Ausatmen, und mit einem Male wurde es still.
Man hörte plötzlich, als setzten sie eben ein, alle Uhren im Hause ticken.
Der Arzt beugte sich über das Bett, richtete sich dann wieder auf und ging auf Metten zu, um ihr die Hand zu geben.
Tante Emilie wischte sich über die trockenen Augen, die Mädchen draußen schluchzten auf.
Mette sah und hörte alles wie durch dichte Schleier. Sie hatte Angst, ohnmächtig zu werden.
Der Arzt bemerkte wohl ihr grünlich fahles Aussehen und legte ihr die Hand aufs Haar. „Legen Sie sich hin, Kind!“ sagte er sanft.
„Sie können nichts mehr nützen hier. Sie haben schwere Tage hinter sich und vor sich. Jugend braucht Schlaf.“ – – –
Mette war froh, in ihrem Zimmer zu sein. Aber sie dachte nicht daran, sich hinzulegen. Als sie nach einer Weile den Arzt gehen hörte, faßte sie eine namenlose Angst. Sie war so sterbensmüde und fürchtete sich davor, einzuschlafen, so, als müßten gräßliche Träume sie peinigen, wenn sie die Herrschaft über die Gedanken verlöre.
Wenn sie nur für einen Moment die schweren Augenlider schloß, sah sie die verzerrten Züge des Sterbenden, oder Tante Emilie reckte die Krallen nach ihr aus, um sie zu erwürgen, oder Onkel Jürgen holte mit einem riesigen Schlüsselbund zu einem Hieb aus, der ihr den schmerzenden Schädel zerschmettern sollte.
Mette streckte die Hand sehnsüchtig in die Luft nach einer anderen Hand, die die ihre fest und warm umschließen sollte. Aber ihre kalten Finger blieben leer.
Sie ertrug die angstvolle Unruhe nicht mehr. Sie schlüpfte in ihren Mantel und schlich über die Hintertreppe hinunter aus dem Haus.
Die kalte Nachtluft weckte sie wie aus schwerem Traum. Sie lief mehr als sie ging durch die Straßen bis zu Olgas Haus.
Das Haus war verschlossen. Mette stand eine Weile unschlüssig. Vielleicht kam irgendein Hausbewohner heim, oder der Mann von der Wach- und Schließgesellschaft machte ihr gegen ein Trinkgeld die Tür auf.
Sie wartete eine ganze Weile. Die Kälte schüttelte sie.
Schließlich klingelte sie den Portier heraus. Aber oben vor der Tür zögerte sie wieder, eh’ sie wagte zu klingeln.
Sie setzte sich auf die Treppe und lehnte die Stirn an die hölzernen Pfosten der Tür.
Sie versuchte, durch angestrengte Gedanken, durch inbrünstiges Flehen, durch gesteigertes Wollen Olga zu wecken, sie herbeizurufen.
Sie glaubte immer, ihren leisen Schritt sich der Tür nähern zu hören und lauschte atemlos und merkte, daß sie sich getäuscht hatte.
Sie mußte sich endlich doch entschließen zu klingeln. Es dauerte eine ganze Weile, bis ein schlaftrunkenes, halb angezogenes Mädchen ihr öffnete. Sie erzählte eine Geschichte, daß sie eben von der Bahn komme und zu Hause nicht hinein könne, weil sie ihre Schlüssel bei Fräulein Radó gelassen habe. Sie lachte dazwischen und hatte das Gefühl, vollkommen idiotisch zu wirken.
Als sie sich durch den wohlbekannten Türgang entlang tastete – sie fürchtete sich, aus irgendeinem unbegreiflichen Grunde davor, Licht zu machen – vielleicht hatte sie die Vorstellung, das Geräusch oder der Schein könne jemanden wecken, oder vielleicht hatte sie unbewußte Angst, gesehen zu werden und fühlte sich sicherer im Dunkel.
Als sie schon vor Olgas Tür stand, hatte sie mit jähem Erschrecken das qualvolle Empfinden – so stark, daß sie es für Ahnung nahm – als wäre Olga nicht allein. Als stände diesem furchtbaren Tag noch ein furchtbarster Abschluß bevor.
Sie stand an die Wand gelehnt und wagte nicht zu klopfen, nicht die Klinke zu berühren. Eine Stimme, die sie deutlich außer sich zu hören glaubte, sagte:
„Was suchst du hier? Mit welchem Recht dringst du hier ein? Wie kommst du zu der maßlosen Kühnheit, dich hier zu Hause zu fühlen?“
Die Tür ging geräuschlos auf, und ein matter Lichtschein fiel heraus.
In dem Lichtschein stand Olga Radó, groß und schlank, in einem dunkelbunten Kimono, eine Hand auf der Klinke und spähte unter zusammengezogenen Brauen scharf hinaus. Sie sah und erkannte Metten sofort.
„Mette!“ rief sie leise und schloß einen Moment, wie erschrocken, die Augen. „Ich hab’ es doch gewußt! Was ist geschehen, Kind? Wie bist du heraufgekommen?“
Mette taumelte mehr als sie ging. Sie kam ins Zimmer, sah das sanfte Licht der verschleierten Lampe auf den Papieren des Schreibtisches, auf den Bücherrücken, auf den Bildern, auf den seidenen Kissen – Farben und Formen stürzten wie ein Gefühl unendlichen trunkenen Glücks in sie hinein – sie ließ sich auf die Erde niedergleiten, legte die Stirn gegen den Sessel und sagte zwischen Lachen und Weinen, zwischen Wachen und Schlaf:
„Laß mich hier, es ist so gut.“
Olga hob sie auf, zog sie aus wie ein kleines Kind und legte sie ins Bett. Als die Kühle der Laken ihre Glieder berührte, fingen Kälte und Grauen wieder an, sie zu schütteln. Sie war mit einem Schlage wieder hellwach, saß steif aufgerichtet im Bett und bemühte sich vergebens, das gewaltsame Aufeinanderschlagen der Zähne zu unterdrücken.
„Leg’ dich zu mir,“ bat sie flehentlich, „ich muß spüren, daß ich nicht allein bin. Ich hab’ so gräßliche Angst.“
Olga antwortete nicht. Sie verriegelte die Tür, sie stellte die Lampe hinter das Bett, breitete noch einen Seidenschleier über das Licht, ließ den Kimono von den Schultern gleiten – alles mit einem wehen Lächeln und schweren langsamen Bewegungen, als rüste sie sich zu einem Opfergang. Sie schob den Arm unter Mettens Nacken, breitete die Decke fester über sie, strich ihr das verwirrte Haar aus der Stirn.
Und da Mette die Wärme dieses geliebten Lebens, den starken Schlag dieses Herzens spürte, brach sie in ein leises qualerlöstes Weinen aus. Über diesem Weinen schlief sie ein.
Nach einer Zeit, von der sie nicht wußte, ob es Stunden oder Minuten waren, wachte sie wieder auf. Das Licht brannte immer noch. Olga lag reglos neben ihr, mit weit offenen Augen. Mette richtete sich auf und gab ihren Arm frei.
„Warum weckst du mich nicht?“ sagte sie vorwurfsvoll. „Armes, ich habe dir sicher den ganzen Arm zerbrochen, und darum konntest du nicht schlafen.“
Olga drehte ein wenig den Kopf. „Ich hätte auch sonst nicht schlafen können. Ich bin so wach.“
„Woran hast du gedacht?“ fragte Mette und versuchte, in ihren Augen zu forschen.
Olga lächelte ein wenig mühsam.
„Daran, daß deine Leute dich jetzt vielleicht im ganzen Haus suchen. Ich möchte wissen – oder ich möchte lieber nicht wissen, was jetzt in Tante Emiliens Gehirn vorgeht. Sie muß doch rein denken, du bist von der Tarantel gestochen!“
Mette lachte leise auf und schlang ihren Arm um Olga.
„Vom Skorpion!“ sagte sie zärtlich. „Und es gibt kein Gegengift als sein eigenes Gift. Das weißt du doch!“