Der Skorpion (continued 4)
Reading edition
Olga richtete sich auf und faltete die Hände über den hochgezogenen Knien. Die beiden schwarzen Flechten lagen wie zwei breite schwere Bänder auf dem weißen Hemd. Ihre Augen starrten geradeaus, und die weitgeöffnete Pupille überdunkelte die ganze Iris.
„O wunderliches Schicksal über mir!“ sagte sie mit einer leisen, tiefen, wie ein Cello klingenden Stimme.
„Als wär’ ich von dem Skorpion gestochen Und hoffte Heilung durch dasselbe Tier. – Qui vivens laedit – morte medetur.“
Ein Ausdruck gewaltsamer, schmerzlicher und fast unheimlicher Energie trat in das weiße schöne Gesicht.
Mette erschrak, daß ihr der Herzschlag stockte. Sie hatte den Mut nicht, sie anzurühren, sie an sich zu reißen.
„Olla!“ rief sie mit einem leisen Klagelaut und streckte die Hände nach ihr.
Da trat wieder das mühevolle Lächeln um den blassen Mund.
Sie schlang mit einer jähen Bewegung beide Arme um Metten und preßte sie an sich, als wollte sie sie in dieser Umarmung ersticken, vernichten, zerstören.
„Ach, Mettulein,“ sagte sie mit einem zersprungenen Lachen, „es hilft ja alles nichts ... du mußt mich erst in sanftem Öl verenden lassen – dann wird vielleicht noch alles gut!“ – – –
Mette hörte im Traum heftiges Klingeln. Dann wachte sie auf von Türengehen, näher kommenden Schritten, vielen und erregten Stimmen.
Sie machte die Augen auf und sah Olga vor dem Bett stehen, schon fertig angekleidet. Sie war sehr blaß, hatte dunkelflammende Augen und herrschte sie an in einem Ton, der wie atemlos klang vor Erregung.
„Steh auf, Mette, ich bitte dich um Gottes und aller Heiligen willen, zieh dich schnell an.“
Mette schlüpfte in wahnsinniger Hast in ihre Sachen. Unterdessen wurde schon heftig an die Tür geklopft.
Olga ging sofort hin, riegelte auf und öffnete die Tür zur Hälfte.
„Wer ist denn da?“
Draußen wurden erregte Stimmen laut, erregte Gesichter drängten sich in den Spalt.
„Ich bedauere, Sie können momentan nicht in mein Zimmer,“ sagte Olga mit eiskalter Höflichkeit.
Die Stimmen draußen überschrien sich. Das war Tante Emilie. Das war Onkel Jürgen. Das war Frau Flesch. Das war das Mädchen, das ihr die Nacht geöffnet hatte.
Mettens Hände zitterten wie in einem Angsttraum. Sie konnte mit keinem Knopf zustande kommen. Sie hatte den brennenden Wunsch, unsichtbar zu sein oder aus dem Fenster zu springen oder in tiefe Bewußtlosigkeit zu fallen.
Olgas Stimme überklang den Tumult, tief und ruhig, aber kalt und scharf wie geschliffenes Eisen.
„Muß diese Unterhaltung auf dem Flur stattfinden?“
Dann klang plötzlich eine sanfte, zarte Stimme:
„Darf ich den Herrschaften mein Zimmer anbieten? Ich mache gern Platz.“
Die Stimmen verzogen sich nach nebenan, und ein paar Augenblicke später – Mette hatte schon das Kleid übergeworfen – schlüpfte Peterchen ins Zimmer.
„Kann ich dir helfen, Mette?“ flüsterte er mit verstörten Augen.
Im selben Augenblick klang es von nebenan, als ob ein Stock auf den Tisch geschmettert würde.
„Ich werde Sie ins Gefängnis bringen!“ donnerte Onkel Jürgens Stimme.
Mette wollte hinüberstürzen. Peterchen hielt sie mit flehender Gewalt zurück.
„Nicht so!“ bat er. „Mach dir schnell das Haar! Zieh dir Schuh an!“ Während sie die Haare glatt strich und aufsteckte, kniete er vor ihr und schnürte ihr die Stiefel zu.
Sie gab ihm recht. Sie konnte nicht auf Strümpfen, mit gelöstem Haar hinüberlaufen, zum Gaudium aller Leute, die hinter den Türritzen lauschten.
Als Mette über den Flur nach dem anderen Zimmer ging, ganz ruhig und aufrecht ging, war sie voll einer starken, kühnen, heißen und beinah frohen Entschlossenheit.
Im Hintergrund des Flurs stand ein fremder Herr in Hut und Überzieher, der sie mit einem durchdringenden Blick musterte.
„Von der Leiche des Vaters weg!“ wimmerte Tante Emilie mit hohem Pathos.
„Die Kriminalpolizei in meinem ehrlichen Hause!“ kreischte Frau Flesch. „Noch nie in meinem Leben hab’ ich was mit der Polizei zu tun gehabt!“
Mette klinkte die Tür mit hartem Griff auf. Das Herz schlug ihr bis an den Hals. Einen Augenblick durchzuckte sie der Gedanke: Vielleicht war alles gut so. Vielleicht war es gut, daß sie jetzt den Mut haben mußte, neben Olga hinzutreten und zu sagen: „Ich gehöre zu diesem Menschen und verlasse ihn nicht und wenn ihr mich und euch in Stücke reißt. Wenn ihr den Mut und das Recht habt, so wendet Gewalt an, freiwillig gehe ich nicht einen Schritt mit euch.“
Olga stand gegen den Tisch gelehnt, die Arme über der Brust gekreuzt, die Ellbogen mit den Fingern umklammert.
Als die Tür aufging, stürzte Tante Emilie mit dem fast geschluchzten Ausruf: „Da ist das unglückliche Kind!“ auf Metten zu.
Mette stand einen Augenblick wie erstarrt. Sie hatte einen Moment das Gefühl, unter Irrsinnige zu kommen oder selber irrsinnig zu sein. Mit einem flüchtigen Blick erfaßte sie, daß Jürgen von Seyblitz mit seiner straffen Haltung, mit den blitzblauen Augen und dem eisgrauen Schnurrbart in dem zornroten Gesicht sehr gut aussah.
Er kam auf sie zu und sagte mit einer tiefen, rauhen Stimme, in der etwas wie Rührung zitterte:
„Mette, Kind, was tust du hier? Morgen begraben sie deinen armen Vater, und du bist hier?!“
Er legte ihr schwer die Hand auf die Schulter.
Mette sah ihn nicht an. Sie sah Olga an.
„Ich bin hier zu Hause –“ sagte sie. Ihre Stimme sollte eine strahlende Festigkeit haben, aber sie konnte sie nicht zwingen, sie klang leise und bebend.
„Wenn ihr glaubt, das Recht zu haben, so wendet Gewalt an, freiwillig gehe ich nicht einen Schritt mit euch.“
Es war schwer, sehr schwer, das auszusprechen. Sehr schwer, das auszusprechen vor Onkel Jürgens ehrlichem, wut- und schmerzverzerrtem Gesicht, vor Tante Emiliens blinzelnden Vogelaugen, vor dem schwammigen Gesicht der Frau Flesch, das in einem widerlich-gierigen Grinsen wie erstarrt schien, vor dem fremden Mann, vor den Mädchen, die hinter den Türen lauschten.
Aber nun war es ausgesprochen. Und damit mußte alles gut sein. Nun mußte Olga kommen und sie in die Arme nehmen, mußte Mettens Kopf so an ihre Brust drücken, daß sie nichts mehr zu sehen und zu hören brauchte, mußte mit einer ihrer unglaublich stolzen und herrischen Bewegungen all diesen fremden und peinigenden Gesichtern die Tür weisen, mußte einen Revolver diesen Eindringlingen entgegenrecken und sie hinausjagen mit einem einzigen Wort ...
Olga wandte den Kopf, ohne ihre Haltung zu verändern und sah Metten an. Alle glaubten, daß sie Metten ansah und machten eine unwillkürliche Geste der Spannung, der Erwartung.
In Wahrheit lagen ihre Augen auf Mettens Stirn oder auf ihren Brauen oder auf ihren Haaren.
Mette wollte ihren Blick treffen, sie bohrte ihre Augen in Olgas Gesicht, aber sie konnte ihren Blick nicht zwingen. Er lag unverändert auf ihrer Stirn oder ihren Brauen oder ihren Haaren – eine Linie über ihren Augen.
„Mein liebes Kind,“ sagte Olga mit einer eisig kühlen Sanftmut, „Ihre Anhänglichkeit an mich ist rührend, aber ich habe sie durch nichts verdient. Wenn Sie mir wirklich soviel Sympathien entgegenbringen, so gehen Sie jetzt mit Ihren Angehörigen und betragen sich wie ein vernünftiger Mensch und verschonen mich künftig mit Ihren Besuchen. Sie sehen doch, daß Sie mir nichts als Ungelegenheiten bereiten!“
Mette zögerte noch einen Augenblick. „Es muß doch irgend etwas geschehen,“ dachte sie, „sie muß mich doch ansehen, sie muß mir durch einen Blick, durch eine Geste ein Zeichen geben, daß dies Verstellung ist, Komödie, daß ich ihr vertrauen soll, an sie glauben, auf Nachricht warten ...“
Es geschah nichts.
Mette suchte in ihren Gedanken irgend etwas Unerhörtes, womit sie diese steinerne Maske zerschmettern könnte. Konnte sie nicht sagen: „Du hast mich gerufen, gelockt, gezwungen und jetzt verleugnest du mich?“ Nein – sie hatte kein Recht dazu.
Fiel ihr denn nichts ein, irgendein Schmähwort, ein treffendes, verletzendes, grausames?
Sie wälzte dumme, kindische Schimpfwörter, schwer wie Steinblöcke, in ihrem Gehirn hin und her.
„Du Kanaille!“ dachte sie. „Du Dirne!“ Das war nicht das, was sie suchte. Ihr war, als müsse sie in fieberhaftem Suchen die polternden Steinblöcke hin und her schieben, um irgend etwas zu finden, ein scharfes Wort, das sich schleudern ließe.
Plötzlich schien es ihr, als ob sie schon eine unendliche Zeit so dagestanden hätte, mit hängenden Armen, mit blöden Augen und offenem Mund.
Sie richtete sich auf und machte den Versuch zu einem Lächeln, das hochmütig und liebenswürdig sein sollte. Aber sie hatte das Gefühl dabei, als ob der Irrsinn in ihren verzerrten Muskeln tanze.
„Willst du um einen Wagen telephonieren, Onkel Jürgen?“ sagte sie.
„Seltsam,“ dachte sie dabei, „das ‚um‘ habe ich mir auch von Olga angewöhnt – hier sagt man ‚nach‘, glaube ich.“
„Ich bin zu müde zum Laufen.“
Dann ging sie nach der Tür. „Ich will mir nur meine Sachen holen – einen Augenblick!“
Sie ging in das Nebenzimmer, setzte sich vorm Spiegel den Hut auf, sehr sorgfältig, zog den Mantel an, suchte ihre Handtasche. Sie beeilte sich nicht. Sie hatte immer noch das törichte Gefühl, als müßte Olga jetzt hereinschlüpfen und ihr irgend etwas zuflüstern ... wo sie sich treffen wollten, wo sie hinschreiben sollte, wann sie ihr alles erklären wollte. Es kam niemand.
Als Mette ihre Handtasche aufmachte, fand sie ein Päckchen zusammengedrückter Geldscheine darin. Die waren noch von der Reise.
Sie nahm sie heraus und lachte bitter auf. Nun würde sie wohl nie mehr in die Versuchung kommen zu stehlen.
Nun würde sie wohl nie in ihrem Leben mehr Geld brauchen.
Sie hob die Hand und öffnete sie und ließ die Scheine über das zerwühlte Bett flattern.
Dann ging sie hinaus, an dem fremden Mann vorbei, an den Mädchen vorbei, die Treppe hinunter und aus dem Haus, ohne sich umzusehen.
Auf der Straße holte der Wagen mit ihren Leuten sie ein. – – –
Onkel Jürgen blieb noch eine Zeit lang in Berlin. Er benahm sich recht merkwürdig. Er war still und gütig und richtete auf Metten immer ein paar ehrliche, angstvolle, blaue Augen und sprach zu ihr immer in einem leicht gerührten Ton. Von dem Geld und der Flucht war nie mehr die Rede.
Wenn Mette zuweilen – oft geschah es ja nicht – über dieses Benehmen nachdachte, meinte sie, es nur auf eine Weise erklären zu können. Sie glaubte nicht, daß es Reue war, weil sein heftiger Brief ihres armen Vaters Tod verschuldet hatte. Sie kam auch nicht auf den Gedanken, daß er versuchte, sie durch Liebe und Güte zu gewinnen. Nein, wahrscheinlich tat sie ihm leid. Er hatte Olga Radó gesehen. Er hatte ihre Stimme gehört. Er hatte einen Hauch ihrer Macht gespürt. Wenn Mette das dachte, liebte sie ihn fast.
Und er hatte es gehört, wie Olga sie verleugnet und verraten und gedemütigt hatte. Nun hatte er Mitleid mit ihr. – Wenn Mette das dachte, so haßte sie ihn.
Auch Tante Emilie war von einer sonderbaren Sanftmut. Mette dachte später manchmal, daß es besser gewesen wäre, wenn die Leute in dieser Zeit sie gequält und gepeinigt hätten und sie stark gemacht hätten in stählendem Haß. – – –
Tante Emilie und die ganze Familie war sehr dafür, die Tiefe der Trauer durch die Länge der Schleier auszusprechen.
Es sollte niemand sagen können, daß Mette, die verlorene Tochter, das ungeratene Kind nicht über den Tod ihres Vaters trauere.
Als Mette sich zum erstenmal im Spiegel sah, von Kopf zu Füßen in schwarzem Krepp, schmal und blaß, mit erloschenen Augen und schmerzgezeichnetem Mund, dachte sie: „Wie eine Witwe“, und ihr Herz zog sich qualvoll zusammen.
Als sie zur Beerdigung fuhren und nebeneinander saßen, hielt Tante Emilie mit der schwarz behandschuhten Rechten das weiße Taschentuch an die zitternden Lippen und mit der Linken hielt sie Mettens Hand. Und Onkel Jürgen sah aus dem Fenster, und von Zeit zu Zeit rollte eine Träne aus seinen blauen Augen bis in den Schnurrbart.
Metten war zumut, als sei sie ein Berg gewesen, an dessen steinerner Unverletzlichkeit jedes Geschoß abgeprallt war – nun war durch eine Explosion ein Trichter in sie hineingesprengt, in ihr war Leere, in ihr war ein tiefer, dunkler, zerklüfteter Abgrund. Die wild zerrissene Wunde lag offen am Tage und alles fiel ungehindert in sie hinein, blieb schwer wie Steine in ihr liegen, erfüllte sie mit Qual – alles, Blicke, Worte, Tränen, Bewegungen.
„Weh über den, der mich zersprengt hat!“ dachte sie bitter.
Dann schloß sie ihre Finger einen Augenblick fester um Tante Emiliens Hand.
„Wir gehören zusammen,“ dachte sie, „Verlassene und Ungeliebte, bitter- und hartgewordene Unglückliche – wir gehören zusammen. Zwei große Familien gibt es auf der Welt, Reiche und Arme, Gesunde und Kranke, Lachende und Weinende ... Olga Radó gehört zu den Frohen, sie hat triumphiert, sie hat sich gerechtfertigt, sie hat sich von mir befreit – nun geht sie lachend einem neuen Abenteuer entgegen.“
Nicht immer dachte Mette so. Die widerstreitendsten Empfindungen schüttelten sie durcheinander.
Es kamen wache Nächte, in denen sie glaubte, daß alles gut werden mußte, wenn sie Olgas Hand hielt und fragte:
„Kind, wie ist das nur gekommen? Wie konnte das nur geschehen? Was hast du dir nur dabei gedacht?“
Dann lief sie am Tage die Motzstraße auf und ab und starrte zu der Haustür hinüber – aber immer vergebens.
Dann kamen Tage, an denen Tante Emilie ein widerlich-freundliches Bedauern zur Schau trug und sich in Anspielungen erging, über die Undankbarkeit der Welt im allgemeinen und im besonderen, und wie Mette nun vereinsamt sei, weil sie ihre ganze Zeit und ihr ganzes Gefühl an eine solche Person verschleudert habe.
Dann haßte Mette mit glühendem Haß alle beide, Tante Emilien und Olga. Aber mehr noch Olga – Olga, die sie zu Boden geworfen hatte, damit Tante Emilie auf ihr herumtreten konnte, Olga, die ihr die Wunde gerissen hatte, in der Tante Emilie mit schmutzigen Fingern wühlte.
Manchmal beschloß sie zu sterben. Viel öfter aber noch zu fliehen. Ein Bündel zu packen und die Landstraßen entlang zu laufen, auf Wiesen, in Gräben zu nächtigen, den ewigen Sternenhimmel als Decke über sich.
Der Gedanke an fremde Erdteile war das einzige, was ihr in dieser Zeit zuweilen wohl tat. Mit diesem Gefühl der Gleichgültigkeit gegen Tod und Leben mußte es schön sein, irgendwo im Dschungel mit gespannter Büchse zu liegen und im kaum schwankenden Rohr die Augen eines Tigers auf sich gerichtet zu sehen. Oder an einem Wachtfeuer zu liegen, um das nackte, schwarze Gestalten zu eintöniger Musik sich verrenkten. Oder von den leise schaukelnden, kissenweichen Tritten eines Kamels durch unermeßliche, flirrende, weiße Glut getragen zu werden.
Dann wieder schien es ihr, als ob ein solches Leben – auch ein solches Leben nur unablässige Qual wäre ohne Olga – unendlicher Reichtum, unausdenkbares Glück mit Olga.
Sie versuchte, sich in den Gedanken zu fügen, daß Olga sie nicht liebte. Aber es konnte nicht sein, daß sie sie haßte. Sie hatte sie geopfert, leichten Herzens aufgegeben, um ihren Ruf zu wahren, um sich Unannehmlichkeiten abzuwehren. Sie liebte sie nicht. Aber darum waren ihre Worte doch Lüge gewesen. Sie hatte sich gefreut, wenn sie kam. Immer. Sie würde sich wieder freuen, wenn sie wieder kommen würde.
Sie wollten ein Leben zusammen führen, ein herrliches, freies Leben, in allen Städten der Welt, auf Dörfern, im Walde, in Indien, auf Madagaskar.
Dazu kam, daß Metten jetzt tagtäglich klargemacht wurde, wie reich sie war. Franz Rudloff war kein Geizhals gewesen, aber er wußte nicht, wie und wofür man Geld ausgeben sollte. Und Tante Emilie war viel zu musterhaft, um auch nur in der kleinsten Kleinigkeit verschwenderisch zu sein.
Mette hatte keine allzu genaue Kenntnis von Geld und Geldeswert. Aber das wußte sie doch: Die Summen, die man ihr jetzt nannte, die verbürgten Freiheit, volle Freiheit, die versprachen ihr: in wenig Monaten kannst du ein Leben führen, wo du willst und wie du willst ...
Ein Leben ohne Olga ...?
Mette faßte den Entschluß, an Olga zu schreiben. Nicht, wie es in ihr aussah, nichts von Sehnsucht und Liebe, oh, um Gottes willen nicht.
Aber ein paar ganz kühle, sozusagen geschäftsmäßige Zeilen, die nur den Versuch machen sollten, eine Aussprache herbeizuführen.
Sie verfaßte mit vieler Mühe einen Brief, den sie aufsetzte, verbesserte, abschrieb und war mit ihrem Machwerk sehr zufrieden.
Kein Mensch konnte darin einen Hauch von Herzlichkeit oder gar Demut wahrnehmen. Eher einen scharfen, spöttischen, ein wenig herausfordernden Ton.
Sie schickte den Brief ab und wartete auf Antwort. Es kam keine. – – –
Unterdessen bemühte sich Tante Emilie, an Mettens Aufklärung zu arbeiten. Und zwar auf eine merkwürdige Art.
Sie war viel zu vorbildlich, um mit einem jungen Mädchen über sittlich anstößige Dinge zu reden. Außerdem hatte sie wohl auch Angst vor Mettens Wutausbrüchen. (Obgleich Feigheit eigentlich sonst ihre Sache nicht war.)
Mette hatte die Gewohnheit angenommen, in ihres Vaters Studierzimmer zu sitzen. Sie las und las den ganzen Tag die schwierigsten, die unverständlichsten Dinge, nur um ihre Gedanken zu knebeln. Hier hatte sie alle Bücher zur Hand. Es war bequemer, sich gleich damit am Schreibtisch niederzulassen, als die manchmal schweren Folianten erst in einen anderen Raum zu schleppen.
Außerdem war ihr hübsches, helles Mädchenzimmer ihr verhaßt.
Wenn sie an dem schweren schwarzen Diplomatenschreibtisch saß, mit müde hängenden Schultern über die Bücher gebeugt, war es ihr manchmal, als hätte man Metten da draußen begraben, ein junges, lebensgieriges, heißblütiges Mädel – und hier säße nun ein alter, stiller, einsamer Mann. Sie fühlte fast mit Grauen, daß etwas von dem Toten – seine halben, scheuen und schwerfälligen Bewegungen, seine gebückte Haltung, sein abwesendes, um Verzeihung bittendes Lächeln auf sie übergegangen war.
Auf diesem Schreibtischplatz nun fand sie von Zeit zu Zeit Bücher, Hefte, Broschüren, scheinbar ganz verschiedenen Inhalts – Romane, medizinische Werke, angestrichene Tageszeitungen – aber alle behandelten dasselbe Thema.
Da waren seltsame und unheimliche Geschichten von Gräfinnen, die sich in Männerkleidung in Kaschemmen herumtrieben, bis sie in irgendeinen Hinterhalt gelockt und gräßlich ermordet wurden.
Oder Berichte von widerlichen Orgien in großen Klubs, wo Hunderte von Weibern sich als Männer anzogen und gebärdeten, oder Männer, geschminkt, mit Lockenperücken und in durchbrochenen Seidenstrümpfen und nackten gepuderten Armen und Schultern herumliefen.
Da waren statistische Feststellungen aller der unglücklichen Opfer, die infolge widernatürlicher Unzucht an Gehirnerweichung, Rückenmarksschwindsucht und ähnlichem zugrunde gegangen oder in Wahnsinn verfallen waren.
Oder Schilderungen aus dem Seelenleben Konträr-Sexualer, die vermuten ließen, daß diese Tausende von Menschen alle miteinander eine große Gemeinde bildeten, eine Gemeinde, die durch nichts verbrüdert wurde, durch keine gemeinsamen Interessen, keine Gleichheit der Bildung, der Familie, des Geschmacks, der Weltanschauung, durch keine Liebe, durch nichts als den Trieb zur gleichen Ausschweifung.
Da war die Biographie eines großen Mannes, der elend ermordet war durch einen erpresserischen Kellner, einen Kellner, mit dem er in intimen Beziehungen gestanden – den er geliebt hatte!
Mette schauderte, wenn sie das Wort Liebe in diesem Zusammenhange nur dachte. Manchmal war ihr, als müsse sie ersticken in Kot und Unflat. Ihr wurde körperlich übel, wenn sie die Bücher nur anrührte. Sie las sie nicht mehr – eine Weile lang. Sie las geschichtliche, philosophische, naturwissenschaftliche Werke. Aber sie wußte oft seitenlang nicht, was sie las. Ihre Augen gingen über die Zeilen und spiegelten die Worte. Und ihre Gedanken wälzten die furchtbaren Dinge, die wie Steinblöcke auf sie geschleudert wurden, um sie zu erschlagen. Dann nahm sie wieder die anderen Bücher vor, die schlimmen, und suchte nach Erklärungen und zog Schlüsse und stellte Vergleiche an.
Wenn von männlich veranlagten Frauen gesprochen wurde, war viel von ihrem überlegenen Geist, von ihrem Wissensdurst und Bildungsdrang die Rede. Auch von einer krankhaften Verschwendungssucht mitunter, von einem leidenschaftlichen Hang zum Luxus, von einer unnatürlichen Vorliebe für schöne Stiefel.
Oder auch von unheimlichen Don-Juan-Naturen, die mit unersättlicher Genußgier von Abenteuer zu Abenteuer rasten.
Mette geriet vor solchen Dingen in die qualvollste Verwirrung. Diese Bücher sollten sie den Menschen verstehen lehren, der ihr auf der Welt am nächsten gewesen war. Hundertmal in den letzten Monaten hatte sie sich gesagt: diese Frau ist ein unlösliches Rätsel, ein unergründliches Geheimnis, mir ewig fremd und fern, nie zu erfassen und nie zu begreifen. Und ebensooft hatte sie in jedem Nerv gespürt: Dies ist die Lösung, nun ist alles klar, alles gut, nie wieder kann ein Mißverstehen uns trennen.
Und jetzt? Und nun?
Mitunter spürte Mette das quälende Bedürfnis, diese Schriften zusammenzupacken und damit zu Olga Radó zu gehen: erklär mir das. Gibt es solche Menschen? Bist du so? Bin ich so? Was weißt du darüber und wie denkst du darüber?
Über alles, was sie im letzten Jahr gehört oder gelesen hatte, hatte Olga Radó ihre Meinung äußern müssen. Und fast immer war Olgas Meinung auch die ihre gewesen, oder aber eine andere Meinung in ihr wurde geweckt, gekräftigt, klargestellt.
Nun zum erstenmal sollte sie mit so Ungeheuerlichem allein fertig werden und tappte völlig hilflos im Dunkel. Wo sie Licht, wo sie einen Ausweg zu finden glaubte, kam sie nur auf neue Irrwege. Sie gelangte nicht um einen Schritt vorwärts, nicht zurück.
In dieser Wirrnis konnte nur Olga Radó helfen. Olga Radó mußte klar und deutlich ihre Meinung über Olga Radó äußern. Und diese Meinung galt.
Da schrieb Mette zum zweitenmal. Auch in diesem Brief stand kein Wort von Liebe oder Sehnsucht – nur eine dringende Bitte um Hilfe, viel Klage über das, was jetzt in ihr geschah und auch ein wenig Anklage: Du hast mich so weit gebracht, du mußt mir jetzt die Hand geben und mich aus diesem Sumpfland hinausführen.
Es kam keine Antwort. – – –
Aber der Frühling kam über alle diesem.
Warme, schmeichelnde Lüfte kamen und breite, glitzernde Sonnenstreifen und Knospenschleier auf allem Gesträuch und Schneeglöckchen und Krokus, die sich mühsam ihren Weg bahnten durch schwarzviolettes fauliges Laub.
Mette konnte die weiche schwere Luft nicht vertragen. Sie schlief nicht mehr und hatte Kopfschmerzen Tag und Nacht.
Das Lesen hielt ihre Gedanken nicht mehr fest. Sie saß über die Bücher gebeugt und starrte aus dem Fenster. Stundenlang lag dieselbe Seite vor ihr und wurde nicht umgeschlagen.
Sie fing an, Romane zu lesen. Man konnte darüber nicht so hinauslesen wie über eine trockene wissenschaftliche Darstellung, weil sie die Phantasie anregten und Bilder wachriefen.
Aber diese Bilder wurden zur Qual.
Immer waren da Menschen, die sich liebten, sich sehnten, um einander, miteinander kämpften, sich fanden, vereinten oder sich trennten, aneinander zugrunde gingen, starben, sich verließen. Von Liebe zu lesen tat weh.
Oder es war vom Meer die Rede, von Bergen und Wäldern, vom Frühling oder Sommer. Und Mette dachte: „Nie waren wir am Meer zusammen, nie in den Bergen, nie in einem Juniwald, nie zwischen reifenden Kornfeldern. Wenn wir in dem engen Zimmer da oben saßen und auf die graue, regennasse Wand sahen, war ich so glücklich, weil ich fühlte, daß alle Schönheit der Welt uns bevorstand.
Olga Radó wird am Meer liegen oder durch reifende Felder gehen oder durch die Domgewölbe smaragdener Buchenwälder – aber nie mehr mit mir. Mit wem nur? Mit wem?“
„Ich bin verdammt dazu, blind und taub durch die Welt zu gehen oder mit ewig schmerzenden Sinnen. Alle Schönheit wird mir zur Marter werden und jeder Genuß zur Qual.“
Sie las von Reichtum und Luxus – von Autos, die über die Landstraße jagten, von weißen Hotels an blauen Wassern, von Bällen und Festen und Segeljachten und Schlittenfahrten – dann fing sie an, ihr Vermögen zu berechnen und dachte: „So ein Leben hätte Olga Radó führen können, wenn sie bei mir geblieben wäre.“
Oder sie las von Armut und Schmutz und Not, von Verbrechen, die der ewige Druck der Sorge erpreßte, von Elend und Krankheit und schauriger Einsamkeit.
Dann schnitt ihr die Angst wie mit Messern ins Herz: „Dahin wird Olga Radó kommen, wenn ich sie nicht halte. So wird sie enden, wenn ich sie verlasse.“
Die Kirschbäume blühten. Nun fuhr Olga Radó sicher mit einer schönen Frau auf einem weißen Dampfer über die blauen Wasser der Havel. Und die Welt um sie war voll Schönheit und Sonne und Glanz.
Und Metten faßte eine irrsinnige Sehnsucht, dabei zu sein, Olgas Leben zu führen. Aller Stolz fiel von ihr ab wie verbrannte Fetzen. Sie stand nackt vor sich und schrie vor Weh.
Da schrieb sie zum drittenmal an Olga Radó.
Sie schrieb, daß sie nicht mehr leben und nicht mehr atmen könne ohne sie. Daß sie nichts von ihr wolle, keine Liebe, keine Zärtlichkeit, keine Freundschaft. Daß sie nur um sie sein wolle, wie eine Magd, wie ein Hund, daß sie nichts wolle, als ihr aus allen Kräften dienen und zum Lohn dafür sich schlagen und treten lassen. Daß sie keine Eifersucht kenne oder gar Herrschsucht oder Besitzerwahn. Daß sie jedem dienen wolle, Mann oder Weib, den Olga liebte, und daß sie ihre Liebe so tief in sich anketten und einmauern wolle, daß nie, nie, nie ein Mensch davon ahnen solle, auch Olga nicht.
Und sie wartete auf Antwort. Aber es kam keine.
Plötzlich kam sie auf den Gedanken, daß Olga vielleicht ihre Briefe nicht erhalten hätte ... ganz gewiß nicht erhalten hätte.
Sie ging nach der Motzstraße und jeder Schritt war ihr, als wenn sie auf Nadeln träte.
Das Mädchen machte ihr auf, das ihr damals in der Nacht aufgemacht hatte. Da bekam sie den Namen nicht über die Lippen und fragte nach Petermann.
Der war verzogen, unbekannt wohin. Sie quälte sich wieder durch zehn Tage hindurch. Dann ging sie zum zweiten Male hin.
Ein fremdes Mädchen öffnete ihr die Tür. „Ich habe Glück,“ dachte Mette, und einen Augenblick lang wurde ihr schwindlig bei dem flüchtigen Gedanken an die Möglichkeit, daß Olga hier sein könne, daß Mette vielleicht in der nächsten Minute in ihrem Zimmer ihr gegenüberstünde. Was nachher geschah, das war ja im Grunde einerlei.
Fräulein Radó war verzogen – unbekannt wohin.
Mette ging aufs Einwohnermeldeamt. Sie füllte den vorschriftsmäßigen Zettel aus und gab ihn mit rasendem Herzklopfen dem grauköpfigen Beamten.
Der freundliche alte Herr ging und suchte und kam wieder und fragte, ob die Dame eigene Wohnung hätte.
Nein – Leute, die in Pensionen wohnten, führten sie nicht.
Da ging Mette den letzten und schwersten Gang. Sie ging zu Möbiussens.
Die Mädchen grinsten ihr frech ins Gesicht, als sie nach Olga Radó fragte.
Nein, sie wüßten nichts von ihr. Sie hatte sich natürlich nicht mehr sehen lassen, Vater hätte sie ja auch wohl höflichst an die Luft gesetzt. Sie hatten auch plötzlich keine Erinnerung mehr an eine Verwandtschaft. Sie wußten den Namen des Preßburger Onkels nicht mehr oder des Budapester Schwagers. Aber sie wollten gern wissen. Glühend vor Neugier und Lüsternheit fingen sie an, Fragen zu stellen, ob es denn wahr wäre, daß ...
Mette wurde rot und blaß und heiß und kalt. Sie hätte einen Mord begehen können, wenn sie nicht viel zu müde dazu gewesen wäre. Sie sagte: „Ich weiß nicht!“ Auf alle Fragen immer nur: „Ich weiß nicht.“
Vielleicht hätte sie sich entrüsten sollen und Olga Radó verteidigen. Vielleicht hätte sie sie verlästern sollen und geheimnisvolle Andeutungen machen. Vielleicht hätte sie lachen sollen und die Mädchen an der Nase herumführen. Sie hielt sich mit beiden Händen am Stuhl fest und sagte: „Ich weiß nicht!“
Als sie das Haus verließ, wußte sie, daß sie es nie wieder betreten würde. Ein sinnloses Wort ging ihr wie im Fieber immer wieder durch den Kopf: In der Leute Mäuler sein ...
Sie hatte sich noch nie etwas dabei gedacht. Nun war ihr ganz körperlich so zumute, als hätte man sie durchgekaut und aufs Pflaster gespien. Der Ekel schüttelte sie. – – –
Von Zeit zu Zeit – in immer kürzeren Zwischenräumen – trat an die Oberfläche ihrer Empfindungen ein dumpfer, peinigender Haß gegen Olga Radó. Alles, was sie jetzt litt, hatte diese Frau verschuldet. Leichtsinnig und kaltherzig und ganz gewissenlos verschuldet.
In dieser Zeit war Mette sehr ungerecht gegen Olga Radó. Denn es schien ihr, als wäre sie aus einer glücklichen, wohlbehüteten Jugend herausgerissen, als wäre ein tiefer, heiterer Frieden in ihr zerstört, ein wundervolles Gleichgewicht in ihr erschüttert worden.
Und es erschien ihr als das Endziel aller Wünsche, daß es wieder so werden solle, wie es vorher gewesen war. Sie hatte nur die eine Sehnsucht, das letzte Jahr aus ihrem Leben zu streichen, zu löschen, zu vergessen.
Dann nahm sie wieder die schlimmen Bücher vor und las absichtlich das, was sie am meisten angewidert hatte. Sie steigerte sich künstlich in Haß und Zorn und Angst hinein.
Es kamen Tage, wo sie sich sagte: Nun bin ich frei! Ich bin wie aus schwerer Krankheit genesen, ich fühle, daß mein Blut wieder rein ist – ich werde leben können wie alle die anderen Menschen auch, ein Leben ohne Qual und Freude, ohne Sehnsucht und ohne Erfüllung.
Und es kamen Nächte, wo sie glaubte, daß ein brennendes Gift in all ihren Adern fräße. Wo die Angst vor einer unnennbar grauenhaften Zukunft sie schüttelte. Wo sie glaubte, den eigenen zügellosen Begierden erliegen zu müssen, wehrlos jeder Dirne ausgeliefert zu sein, die aus verbrecherischen Gründen ihre Leidenschaft weckte, wo sie sich von Erpressern gehetzt, von Kriminalbeamten verfolgt, siech, irrsinnig, eingekerkert oder ermordet sah.
In einer solchen Periode grenzenlosester Verzweiflung verlobte sie sich.
Irgendein anständiger und solider Mann bewarb sich um sie.
Sie wußte nichts von ihm. Sie wußte nicht, wann und wo sie ihn zum erstenmal gesehen hatte, sie wußte nicht, wie er aussah, wußte kaum etwas von seinem Charakter oder seinen Neigungen – sie fühlte nur eines Tages, seit einiger Zeit war immer ein Mensch neben ihr, der sich bemühte, gut zu ihr zu sein. Jemand, der ihr sehr sorgfältig den Mantel um die Schultern legte, sich bückte, wenn ihr etwas hinfiel, ihr Blumen brachte, sich bemühte, ihr irgend etwas Heiteres zu erzählen, um ihr Gesicht ein wenig zu erhellen.
Dieser Mann wußte so angenehm wenig von ihr. Und Tante Emilie überfloß in seiner Gegenwart von sanfter mütterlicher Freundlichkeit. Es wäre ihr geradeso gut zuzutrauen gewesen, daß sie vor ihm bissige Bemerkungen oder vielsagende Andeutungen gemacht hätte.
Aber er paßte ihr wohl in ihr Programm.
Er bedauerte Metten so unendlich, weil sie Waise war. Er schrieb all das Weh auf ihrem blassen Gesicht der Trauer um den geliebten Vater zu.
Manchmal wagte er es, ihre kalten Finger in seinen beiden Händen zu halten oder sie sanft zu streicheln. Dann schloß Mette die Augen und prüfte in Angst ihr Gefühl.
Es ging Wärme und wohltuende Ruhe von seinen großen starken Händen aus. Seine weiche Zärtlichkeit war eher angenehm als widerwärtig. Dann sagte sie sich mit einer aufschimmernden Hoffnung: „Vielleicht wird noch alles gut. Vielleicht gewinne ich es über mich, ihn zu heiraten. Ich werde immer einen Menschen um mich haben, der gut zu mir ist, ich werde Kinder haben, ich werde ein Heim haben, ich werde immerfort zu tun haben – vielleicht kann man das Leben auf solche Weise noch am ehesten ertragen.“
Und dann stachelte sie der unbändige Wunsch nach Rache. Es würde Olga Radós Eitelkeit vielleicht doch verletzen, wenn sie erfuhr, daß sie so schnell vergessen worden war.
Der Mann war reich. Das paßte Tante Emilien, und es paßte mitunter sogar Metten.
Sie sah sich zuweilen in der Loge der Oper brillantenblitzend neben diesem Mann – einem sehr hübschen, stattlichen Mann – sie sah ihn manchmal aus solchen Gedanken heraus daraufhin an – niemand würde auf den Gedanken kommen, daß sie ihn nicht aus Liebe geheiratet hätte – und sah dann plötzlich Olga Radó irgendwo auftauchen. Oder sie sah sich in einer Equipage an Olga Radó vorüberjagen – oder – am liebsten dachte sie, sie zu treffen, wenn sie mit ihren süßen kleinen, blondlockigen, weiß angezogenen Kindern spazieren ginge. Dann würde sie die Kinder vor ihr zurückreißen wie vor einem giftigen Tier. Damit, ja, damit würde sie sie am schmerzlichsten verletzen.
Als der Mann anhielt, sagte Mette ja. Sie hatte Zeit genug gehabt, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Sie setzte selbst die Verlobungsanzeigen auf und sorgte dafür, daß sie in verschiedene Zeitungen kamen.
An ihrem einundzwanzigsten Geburtstag war ein kleines Gartenfest in der Villa ihrer Schwiegereltern. Es war ein sehr heißer Sommertag, der neunzehnte Juni, und auf Tante Emiliens Zureden zog Mette zum erstenmal wieder ein weißes, schwarzgesticktes Kleid an.
Alls sie draußen in der fremden Wohnung unter vielen fremden Menschen an einem Spiegel vorüberstreifte, erkannte sie sich nicht.
Sie erschrak und wurde den Gedanken nicht wieder los, daß sie nicht das hübsche, weiß gekleidete Mädchen sei, was am Arm eines fremden Mannes ihr aus dem Spiegel entgegenlächelte.
Sie suchte sich selbst und konnte sich nicht darauf besinnen, wo sie wohl sein könne. Aber ihr war, als sähe sie sich selbst, schmal und schwarz wie ein Gespenst, durch große, dunkle, leere Räume wandern. Dann war es ihr wieder, als sei sie doch dieses hier, und die andere Mette, die so deutlich ihre Züge trug, sei eine Fremde. Traum und Wirklichkeit begannen, sich heillos ineinander zu verschlingen, alle ihre Nerven schienen ihr zu klirren wie losgerissene Saiten, sie sehnte sich in Todesangst nach völliger Bewußtlosigkeit oder plötzlich hereinbrechender Klarheit – es war wie Nebel, die vorbeizogen oder ein vorübergehender Schwindel – eine Minute später konnte sie sich nicht besinnen, was es eigentlich gewesen war, und konnte ihrem Verlobten, der besorgt nach der Ursache ihrer Blässe fragte, keine Antwort geben.
Nur das seltsame Gefühl blieb ihr den ganzen Abend, als sei dies alles nur ein Traum oder ein Spiel. Die ganze Verlobung eine scherzhafte Komödie, und jeden Moment könne, wie ein gestrenger Regisseur, ein Schicksal hervortreten und sagen: „Genug! Die Wirklichkeit fängt wieder an!“ – – –
Am zwanzigsten Juni morgens wurde Mette ans Telephon gerufen.
Eine dünne Männerstimme sprach aus dem Hörer, seltsam verhalten und zögernd.
„Ist das gnädige Fräulein selbst am Apparat? – Mette, sind Sie es? Verzeihung, wenn ich störe – ich hätte dich gern gesprochen!“
Mette fühlte, wie ihr Herz sich losriß und in einen unermeßlichen dunklen Abgrund stürzte.
„Peterchen?“ sagte sie und erquälte ein Lächeln, ohne daran zu denken, daß niemand ihr Gesicht sehen konnte. Und keiner hätte dem bebenden Ton ihrer Stimme dies Lächeln anhören können.
„Ja ... könnte ich dich sprechen, Mette? Das heißt ...“ Wieder war dies scheue Zögern in der Stimme. „Wenn du willst, natürlich ... ich weiß ja nicht, wie weit du noch Interesse hast für deine alten Freunde.“
„Selbstverständlich,“ sagte Mette fest, „jederzeit kannst du mich sprechen ... wann und wo du willst.“
Sie fragte nicht, was geschehen sei. Sie wollte nicht fragen.
„Ich kann doch nicht gut kommen ...“ Wieder dieser zaghafte Ton. „Und ich möchte auch nicht gern auf der Straße ... oder im Kaffeehaus ... es geht wirklich nicht ...“
„Ich komme zu dir,“ sagte Mette rasch. „Sag’ mir nur, wo du wohnst!“
„... ja ... aber ... geht denn das? ... Schließlich ... wenn du nachher Unannehmlichkeiten hast ... du bist verlobt ...“
„Blödsinn!“ sagte Mette schroff. – – –
Während sie über die Straße lief, dachte sie mit keinem Wort an das, was geschehen war. Sie wollte es vor sich selber nicht aussprechen. „Vielleicht ist Olga krank und hat Sehnsucht nach mir,“ dachte sie. „Vielleicht weiß sie auch nichts davon, und Peterchen ruft mich aus eigenem Antrieb.“
Sie malte sich aus, daß sie Olga sehen würde, daß sie ihre Hand halten würde – und sie sagte sich dabei: „Das erzähle ich mir vor, wie man einem fiebernden Kinde Märchen erzählt. Ich male es mir mit den schönsten Farben aus und glaube so wenig daran, wie man an Feen und Zauberer glaubt.“
Aber es war besser, Märchen zu erzählen, Wiegenlieder zu singen, als nach der Stimme zu hören, die ganz tief in ihr die Wahrheit schrie.
Es war seltsam, daß sie – ohne sich umzusehen – die Straße und das Haus fand, so, als wäre sie hundertmal dagewesen.
Als sie klingelte, stand Petermann schon auf der Diele. Das ersparte ihr jede Fragerei. Sie spürte auch jetzt, dem Dienstmädchen gegenüber, dem ersten Menschengesicht, das sie bemerkte, daß sie dazu kaum imstande gewesen wäre.
Er nahm sie bei der Hand und zog sie wortlos, an dem erstaunten Mädchen vorüber, in eine offene Zimmertür.
Er schloß die Tür und sagte währenddessen, ohne sie anzusehen:
„Setz dich doch, Mette!“
Das erste, was Mette in dem Zimmer sah, war auf der dunklen Platte des Schreibtisches die goldene Zigarettendose.
Ein Sonnenstrahl blitzte darauf.
Sie wollte sich beherrschen. Es war, als ob sie beide Hände um die Zügel krampfte, um sich zu halten.
Aber als Petermann sich ihr zuwandte und sie sah, wie seine Hände hilflos waren, wie sein kleines, weißes Gesicht zitterte, wie mühsam er um Fassung kämpfte – da zerbrach die ihre. Sie fing an zu weinen.
Peterchen setzte sich neben sie und streichelte eine Weile schweigend ihre Hände.
„Weine nur,“ sagte er schließlich mit zitterndem Kinn, während die Tränen aus seinen Augen stürzten. „Weine nur, sie war es wert, daß um sie geweint wird, das kannst du mir glauben ...“
„Dir glauben?“ sagte Mette mit herzzerreißender Bitterkeit. Sie legte das Tuch über die Augen und stützte den Kopf in die Hand.
Ihre andere Hand streichelte zuckend über die seine.
„Und nun sag’ mir alles, Peterchen – du siehst, ja, daß ich ganz ruhig bin – ganz, ganz ruhig. Wann geschah es? ... und wie ... und warum? ... Sag’ mir alles, alles, was du weißt ...“
„Du solltest es nicht wissen, Mette. Nicht vor deinem einundzwanzigsten Geburtstag. Der war gestern, nicht wahr? Ich habe ihn hier auf dem Kalender vermerkt – aus einem anderen Grunde ... das muß ich dir alles noch erzählen ... ich hatte einen Auftrag an dich ... aber ich hatte natürlich keine Ahnung ... man ist ja manchmal wie mit Blindheit geschlagen.“
Mette hob einen Augenblick den Kopf:
„Sie hat es selbst getan.“
Es lag keine Frage in dem Ton.
„Ja.“
„Erschossen.“
„Ja.“
Sie deckte das Tuch wieder über die Augen.
„Weiter.“
„Sie war einmal krank im Frühjahr, es war eine leichte Influenza. Sie fieberte ein bißchen, da saß ich drüben bei ihr, und sie sprach in einemfort von Tod und Begräbnis, ganz heiter und ausgelassen, wie es ihre Art war. Du weißt ja, man wußte nie, ob es Scherz oder Ernst bei ihr war. Da sagte sie noch: Peterchen, wenn ich jetzt sterbe, dann sorge dafür, daß es geheim bleibt. Es soll in keine Zeitung, kein Mensch soll es wissen. Auch die Mette nicht. Am liebsten wär’ es mir, du streutest meine Asche ins Meer oder wenigstens in den Wannsee. Aber das erlaubt der Staat, glaub’ ich, nicht. Nur mach schnell, daß der Rest verbrannt wird. Ich will kein Gfrett haben mit meinem Leichnam, ich will’s nicht. Ich bin nicht drin, merkt’s euch. Nicht eine Minute länger, als unbedingt nötig, halt ich mich in dem Kadaver auf.“
Metten war, als höre sie Olga reden. So deutlich hörte sie ihre Stimme, daß ihr Herz sich mit einer innigen Freude füllte und sie lächelte.
„Ich hab’ damals auch gelacht,“ sagte Peterchen wehmütig, „da wurde sie ganz ernst und richtete sich auf und sah mich an. Du weißt ja, wie sie einen ansehen konnte mit so gewaltsamen Augen und sagte:
‚Es ist mein heiliger Ernst. Versprich es mir, gib mir dein Ehrenwort!‘ Ich versprach es ihr auch, aber ich sagte noch:
‚Du bist ja verrückt, in drei Tagen bist du doch wieder gesund.‘
Sie war ja auch in drei Tagen wieder gesund.“
Er schwieg. Irgendwo tickte eine Uhr und Fliegen stießen surrend gegen das Fensterglas.
Irgend etwas erfüllte Metten ein paar Sekunden lang mit Beruhigung und Freude. Eine unklare Empfindung: wie gut, daß Olga in ein paar Tagen gesund geworden war. Es steckte so viel kraftvolles Leben in diesem schönen Körper.
Dann schlug ihr das Jetzt wie eine geballte Faust aufs Herz.
Und jetzt? Und jetzt?
Sie mußte ein paarmal ansetzen, um das furchtbare Wort auszusprechen.
„Habt ihr sie schon begraben?“ fragte sie ganz leise.
„Sie ist verbrannt worden. Die Urne ist nach Wien gekommen. Ihre Schwester lebt jetzt da.“ –
„Hat sie hier gewohnt zuletzt?“
„Um die Ecke, zwei Häuser von hier.“
„Und da ist es auch geschehen?“
„Ja.“
„Kann man ...“ Mette schluckte ein paarmal, „kann man nicht das Zimmer sehen?“
Petermann hob zögernd die Achseln:
„Wozu? Es ist alles umgestellt. Nichts von ihren Sachen mehr da. Es ist auch schon wieder vermietet.“
Mette sank in sich zusammen. „Es ist gut so,“ sagte sie leise, „es ist auch ganz gut so.“
Sie hatte ein eigenartiges Empfinden. Es war wie eine Wohltat, daß jede Form zerstört war, die dieser Geist geschaffen hatte. Nicht einmal ein Zimmer war mehr auf der Welt, das diese Hände, dieser Sinn geordnet hatten und in das ein Teil ihres Wesens gebannt geblieben wäre. Metten war halb unbewußt so zumute, als hätte man durch das Umrücken von Möbelstücken Steine aus einer Kerkerwand gebrochen.
Nun war Olga Radó ganz frei.
Ein leiser Windhauch bewegte den offenen Fensterflügel und hob die Gardine. Eine süße weiche Kühle strich über Mettens brennende Augen. Sie lächelte.
„Es ist gut so!“ sagte sie noch einmal.
Sie wußte plötzlich, daß Olga ihre Briefe nicht erhalten hatte. Sie hätte nicht danach zu fragen brauchen.
Aber Peterchen wär schließlich der einzige Mensch, an dessen Meinung ihr noch ein wenig gelegen war. Sie hatte das Gefühl, sich vor ihm rechtfertigen zu müssen.
„Ich habe dreimal an Olga geschrieben!“ sagte sie.
„Ich habe es mir beinah gedacht,“ sagte Peterchen mit trübem Lächeln. „Sie hat nie eine Zeile erhalten.“
„Du wüßtest es sonst?“
„Selbstverständlich. Wir haben doch oft genug über dich gesprochen.“
„Habt ihr? Was?“
Während Petermann sprach, hatte Mette die seltsame Empfindung, als durchlebe sie in diesen wenigen Minuten mit stärkster Intensität das letzte halbe Jahr ihres Lebens. So, als wäre damals, an jenem unglückseligen Morgen der Faden des Gewebes abgerissen und mühsam, Tag um Tag, ein Muster, das nicht passen wollte, angestückelt. Nun trennte das falsche Gewebe sich, rückwärts laufend, blitzschnell von selber auf – ein Knoten wurde geknüpft, wo der Faden abgerissen war, und die wirkliche Zeichnung lief weiter, ein wenig verkürzt, ein wenig matt in den Farben – aber sie lief weiter und gab eine Brücke zum heutigen Tag und den Tagen, die kommen sollten.
„Was habt ihr von mir gesprochen?“
„O viel ... Ich habe ihr sooft zugeredet, an dich zu schreiben, irgendwie eine Verbindung mit dir zu suchen. Sie hatte die Überzeugung, es nicht tun zu dürfen. Du weißt ja, wie halsstarrig sie war. Manchmal hatte ich die Absicht: ich telephoniere dir oder ich lauere dir irgendwo auf – gegen ihren Willen. Einmal hab’ ich ihr das auch gesagt. Da hat sie mich angefunkelt mit ihren großen Augen: ‚Wenn du dich das unterstehst, ist es aus mit unserer Freundschaft, für ewige Zeiten aus. Willst du das arme Kind auch noch zugrunde richten?‘
Sie glaubte immer, du wärest glücklich, und es ginge dir gut. Ich war der Meinung, du müßtest erfahren, was vorgeht. Ich hab’ so gekämpft, du glaubst es nicht. Einmal hab’ ich dir eine Stunde lang Fensterpromenade gemacht. Ich dachte immer, wenn ich dich sprechen würde, wir würden irgendeinen Ausweg finden. Ich dachte immer, es würde noch alles gut. Dann hast du dich ja verlobt. Ja, da mußte ich ihr ja schließlich recht geben.“
„Oh, du Idiot!“ sagte Mette und lachte unter hervorstürzenden Tränen.
„Ich weiß den Tag noch so genau. Olga kam zu mir herüber, am frühen Morgen schon. Sie hockte hier neben mir auf dem Sessel und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Eine halbe Stunde lang sprach sie kein Wort. Ich saß hier am Schreibtisch und tat so, als ob ich arbeitete. Ich hatte die Zeitung weggeschoben, als ich sie kommen hörte. Aber wie sie so dasaß, da wußte ich: sie weiß es schon. Und sie wußte, daß ich es wußte, aber keiner wollte anfangen, davon zu sprechen. Wie sie dann schließlich anfing, sagte sie immerfort: ‚Ich bin so glücklich. Ich bin ja so froh.‘ Und sie verlangte von mir, daß ich mich freuen sollte. Wir gingen am Abend eine Flasche Wein zusammen trinken. Sie zwang mich direkt dazu. Wir müßten doch auf deine Zukunft trinken. Ich seh’ sie noch immer am Tisch sitzen und das Weinglas drehen. Sie hatte so ein merkwürdiges Lächeln den ganzen Tag. Und dann sagte sie immer wieder: ‚Die kleine Mette wird heiraten. So gut ist das. So gut. Unsere kleine Mette wird Kinder haben, lauter Jungens, denen geht’s immer gut.‘ – Dann wollte sie immer wieder von mir hören, daß ich es gut fände, daß ich mich freute. Und ich muß sagen – wie die Dinge lagen – es war ja auch wohl das Beste ... aber von dem Tage an hatte sie eine nervöse Angst, dir irgendwo zu begegnen. Manchmal, wenn sie etwas zu besorgen hatte, bat sie mich darum. Manchmal saß sie vor mir, blaß und mit gefalteten Händen: ‚Bitte, bitte, Peterchen, ich kann nicht nach dem Kaufhaus gehen.‘ Die letzten acht bis zehn Tage hat sie überhaupt ihr Zimmer kaum mehr verlassen. Sie telephonierte mich an, ich sollte rüberkommen, sie wollte nicht auf die Straße. Aber das hatte wohl auch noch einen anderen Grund ...“
„Was für einen?“ fragte Mette, nachdem er eine ganze Weile schweigend aus dem Fenster gesehen hatte.
Er warf einen raschen und gleichsam prüfenden Blick auf sie.
„Du weißt es nicht?“ sagte er wie erleichtert. „Nicht wahr, du weißt nichts davon ... ich hab’ es auch eigentlich nie anders angenommen ... Sie haben sie beobachten lassen ... deine Leute. Wo sie ging und stand war ein Detektiv hinter ihr her. Oh, und sie litt so wahnsinnig darunter.“
„Warum nur?“ fragte Mette mit verlorenen Augen, „warum haben sie denn das getan? Sie hatten mich doch in der Hand. Sie wußten doch, wo ich jede Stunde des Tages zubrachte.“
„Sie fürchteten wohl ... vielleicht dachten sie, wenigstens damals ... im Anfang, vor deiner Verlobung, du könntest in deinen Entschlüssen wankend werden ... oder sie könnte versuchen, dich wieder zu beeinflussen, sie wollten ihr irgend etwas nachsagen können, um sie als lästige Ausländerin ausweisen zu lassen. Herr von Seyblitz hat ihre ganzen Schulden aufgekauft. Das wußtest du auch nicht, nicht wahr? Sie haben sie so in die Enge getrieben ... täglich kamen Briefe von Rechtsanwälten, vom Gericht ... Sie hat sie nachher nicht mehr aufgemacht ... Sie ließ sie auf dem Schreibtisch sich anhäufen. Ich sagte manchmal: Kind, das geht nicht, du mußt antworten, du mußt hingehen, du mußt Entschlüsse fassen ... Dann lächelte sie so unendlich melancholisch: ‚Ich habe meinen Humor nicht mehr, Peterchen, ich bin alt und müde. Mir ist das gar ka’ Hetz mehr.‘ Und sie zeigt so mit einer Handbewegung auf die Papiere.
Es kamen auch Drohbriefe – so gemein – sag’ ich dir. Mit Ausdrücken, die man nicht wiederholen kann. Von deiner Tante Emilie, glaub’ ich. Aber so, als wären sie in deinem Sinne geschrieben. Du wüßtest nun, wes Geistes Kind sie wäre, und sie sollte jeden Annäherungsversuch unterlassen und nicht versuchen, ihre Erpressungen an dir fortzusetzen. Es wäre ja genug, daß sie dich zu Diebstahl und Einbruch verführt hätte, daß sie deine Gesundheit untergraben hätte, daß sie den Tod deines Vaters verschuldet hätte – ach, und was weiß ich. Und dann Dinge, die du über sie gesagt haben solltest ... es muß Furchtbares gewesen sein; denn sie wollte es selbst mir nicht sagen oder zeigen.
Sie saß mir gegenüber, ganz weiß im Gesicht und mit glühenden Augen und hielt mich am Handgelenk gepackt, daß ich dachte, sie zerbricht mir die Knochen und sagte immer wieder: ‚Davon weiß die Mette nichts, nicht wahr, Peterchen? Davon weiß die Mette nichts?‘
Und dann ein andermal wieder sagte sie:
‚Wie können Menschen nur so wahnsinnig grausam sein. Sie haben doch direkt ihren Spaß daran, mich langsam zu Tode zu quälen. Sie machen einen Kranz von glühender Kohle um mich her – wo ich mich nach einem Ausweg wende, sperren sie zu, bloß um zu beobachten, wie ich mich gebärde, wenn sie mich glücklich bis zur Raserei gebracht haben.‘ Ich weiß noch, dabei rannte sie hier im Zimmer auf und ab und ich dachte wirklich, die Wände werden ihr zu enge, sie ist wie ein gefangenes wildes Tier. Ich sagte noch: Du kannst doch dem allen entgehen. Du kannst doch nach Hause reisen. Da wurde sie ganz ruhig und sagte: ‚Ja, ich kann dem allen entgehen. Ich kann abreisen. Ich kann nach Hause reisen!‘
Damals fiel mir ihr Ton nicht auf. Jetzt, wenn er mir wieder im Ohr klingt, begreife ich nicht, daß ich sie nicht verstanden habe. Von der Zeit an sprach sie oft von der Reise. ‚Am zweiundzwanzigsten Juni fahre ich nach Hause.‘ Das war ihre ständige Rede. Ich fragte sie einmal, warum sie gerade diesen Tag festgesetzt hätte. Da lachte sie und sagte:
‚Weil es drei Tage nach dem neunzehnten ist.‘ Ich dachte wohl darüber nach. Aber der Zusammenhang wurde mir damals nicht klar ...
Aber dann nach deiner Verlobung wurde das anders. Sie sagte plötzlich: wenn ich reise – nächste Woche ... oder übermorgen. Ich neckte sie noch und sagte: Nanu? Bist du deinen Vorsätzen untreu geworden? Ich denke, du fährst erst drei Tage nach dem neunzehnten Juni?! Da sieht sie mich so rätselvoll an und schüttelt den Kopf und sagt: ‚Ach nein, Peterchen, darauf brauche ich nun nicht mehr zu warten!‘
Am Abend des ... an einem Montagabend, kam sie plötzlich her, wie es mir vorkam, in einer gewissen heiteren Erregung. Sie legte das Zigarettenetui hier auf den Schreibtisch, hier, wo es noch liegt – und sagte zu mir, ich solle ihr den Gefallen tun und es in deine Hände gelangen lassen. Sie wollte reisen und wäre schon am Packen. Wenn sie es dir schickte, würde man es wahrscheinlich als Erpressungsversuch deuten.
Ich sollt’ es dir geben, wenn sie fort wäre. Erst an deinem Geburtstag. Und sie verlangte, ich sollte mir den Tag im Kalender ankreuzen. Ich sagte, ich behalt es so. Aber sie schlug das Datum in meinem Kalender auf und zeichnete es selbst ein.“
Er schlug mit einer fast andächtigen Bewegung das letzte Blatt zurück und schob Metten den Kalender hin.
Auf dem weißen Blatt stand unter den neunzehnten Juni in Olgas großer schöner Handschrift langsam, sorgfältig hingezirkelt:
Mettes Geburtstag. Nicht vergessen, Peterchen! – Und darunter waren drei Kreuze hingemalt, kleine, schwarze, spielerische Tintenkreuze.
Mette sagte nichts. Sie legte die flache Hand auf das Blatt und nahm sie nicht wieder herunter.
Peterchen räusperte sich ein paarmal, dann sprach er weiter:
„Eh’ sie hinüberging, verabredeten wir alles für den andern Tag. Wir wollten uns vormittags nach den Zügen erkundigen, abends wollte ich sie an die Bahn bringen. Wie sie fort war, wurde ich so unruhig. Irgend etwas schien mir nicht zu stimmen, ich wußte nicht was. Ich versuchte, hinüber zu telephonieren, bekam keine Verbindung. Ich saß hier am Schreibtisch in einer ganz unbeschreiblichen Nervosität. Das Ding lag vor mir,“ er nahm das Etui in die Hand, „ich nehm’ es auf, ganz in Gedanken. Plötzlich fiel mir ein – verzeih’ mir, Mette, wenn es indiskret war, aber ich war in einer so peinigenden Unruhe, plötzlich fiel mir ein, es aufzumachen. Es war halb Spielerei und halb die Ahnung, daß ich irgend etwas finden könnte, irgend etwas Aufklärendes. Wie ich das Ding aufknipse,“ er tat es, „find’ ich diesen Zettel darin.“
Er gab es Metten in die Hand. Unter die Bänder, die die Zigaretten auf der goldenen Fläche festhalten sollten, war ein Blatt Papier geschoben, darauf stand in Olgas unverkennbarer Handschrift:
„Qui vivens laedit, morte medetur!“
„Qui vivens laedit, morte medetur!“ wiederholte Petermann. „Ein paarmal las ich das wie ein Blödsinniger, ohne etwas zu begreifen, dann stürzte ich hinunter. Ohne Hut, ohne Schlüssel. Unten war das Haus verschlossen. Ich klingelte dem Portier. Er kam nicht sofort. Ich raste die Treppen wieder hinauf, um mir die Schlüssel zu holen. Ehe ich das Haus aufschloß, eh’ ich über die Straße kam, eh’ ich drüben den Portier rausklingelte – das dauerte alles Ewigkeiten. Auf der Treppe begegnete mir das Mädchen, das mich holen sollte. Schreiend und schluchzend. Da war es schon geschehen.“
Mette legte die Stirn auf die Kante des Schreibtisches. Es wurde kein Laut hörbar. Petermann strich ein paarmal mit zitternden Fingern über Mettens Haar.
„Ich muß dir noch etwas erzählen,“ sagte er leise, „Sie hat ganz in deinen Blumen gelegen – vielleicht tut dir der Gedanke wohl. Du weißt doch, damals – als ihr euch trenntet – du liefst weg und deine Leute dir nach, ich hatte den Wortwechsel ja von draußen so halb und halb mit angehört – ich ging nach einer ganzen Weile in mein Zimmer – da stand Olga noch immer mitten im Zimmer, an den Tisch gelehnt. Und wie ich hereinkomme, sieht sie mich an, als wecke ich sie aus dem Schlaf. Ich nehme sie an beiden Armen und rüttle sie. Was ist denn geschehen, Olga? Was hast du denn der Mette getan? Sie sieht mich ganz verstört an und sagt immer wieder: Ich habe etwas Furchtbares getan, oh, Gott, Peterchen, ich habe etwas Furchtbares getan. Sie hatte dich ganz formell fortgeschickt, nicht wahr? Hatte gesagt, du solltest sie nicht mehr belästigen oder so etwas, nicht wahr?
Dann sagte sie wieder: es wäre zu deinem Besten, sie hätte dich fortschicken müssen, es wäre verbrecherischer Egoismus, dich zu halten. Ich sah, wie aufgeregt sie war und stimmte ihr zu, wenigstens halb und halb. Ich war ja doch im Grunde etwas erbittert auf sie. Ich sagte, glaub’ ich, Tante Emilie hätte alle Ursache, ihr dankbar zu sein.
Da nahm sie mich plötzlich bei der Hand und sagte ganz ruhig: ‚Ich lüge ja, Peterchen, ich lüge ja. Es war ja nichts wie hundserbärmliche Feigheit. Aber Mette mußte das wissen, sie kannte mich doch. Ich hätt’ mich auf die Schienen gelegt, oder ich wär’ aus dem Fenster gesprungen, aber ich kann mir nicht von solchen Leuten die Kleider vom Leibe reißen lassen, ich kann es nicht, ich kann es nicht. Ich weiß, ich bin erbärmlich und verächtlich, aber ich kann es nicht, ich kann es nicht.‘ Und immer wieder: ‚Ich kann es nicht!‘ Ich fragte sie, was du geantwortet hättest. Da wurde sie ganz blaß und sagte: ‚Nichts hat sie geantwortet. Nicht ein Wort. Das ist ja das Furchtbare. Sie stand meiner Gemeinheit so wehrlos gegenüber.‘
Sie hatte dann noch eine Auseinandersetzung mit der Flesch. Die Flesch hat sich nebenbei noch unglaublich benommen. Olga wollte keine Stunde länger in dem Hause bleiben. Was ich ihr auch gar nicht verdenken konnte. Sie ging dann hinüber, um ihre Sachen zu packen. Nach einer Weile kommt sie und packt mich am Handgelenk und zieht mich in ihr Zimmer.
‚Da hast du ihre Antwort,‘ sagt sie und zeigt mir das ausgestreute Geld. ‚Sie kann antworten. Wir haben sie unterschätzt.‘ Oh, Mette, warum hast du das nur getan? Wenn ich ehrlich sein soll – ich war damals furchtbar böse auf dich! Sie sagte immer: ‚Was tue ich nur? was tue ich nur?‘ Ich sagte: du packst das Geld in ein Kuvert und schickst es hin, ohne ein Wort dazu. Aber sie schüttelte nur den Kopf. ‚Die Ohrfeige hab’ ich verdient, Peterchen,‘ sagte sie schließlich, ‚die muß ich ganz ruhig hinnehmen.‘ Sie suchte die Scheine zusammen, beinahe liebevoll, möcht’ ich sagen, und sagte ein paarmal ganz leise: ‚Der Kindskopf! sie hat ja nicht gewußt, was sie tut! sie hat ja nicht gewußt, was sie tut!‘ Dann gab sie mir das Bündel Scheine. ‚Heb’ mir das auf, Peterchen. Vielleicht kommt einmal eine Zeit, wo ich es nötig brauche, und vielleicht ist es mir dann eine Freude zu wissen, daß es von Metten kommt.‘
Ich habe sie in der letzten Zeit so oft daran erinnert, wenn sie vor Sorgen buchstäblich nicht mehr aus noch ein wußte. Aber sie schüttelte nur immer den Kopf und sagte: ‚Noch nicht, noch nicht!‘
Als sie ... tot war,“ die Stimme brach ihm, „da hab’ ich weiße Orchideen gekauft, für das ganze Geld und hab’ sie überschüttet damit. Das sah aus wie ein Märchen.“
Er kam nicht weiter. Die Lippen zitterten ihm, die Tränen stürzten über sein Gesicht.
Nach einer langen, langen Stille richtete Mette sich ruhig auf, mit trockenen Augen.
Neben dem Etui auf dem Schreibtisch lag eine Waffe.
„Das ist der Revolver?“ fragte Mette und griff danach.
„Ja.“
„Gib ihn mir,“ sagte sie und legte die Hand fest um den Griff.
Petermann machte eine erschrockene Bewegung.
Mette schüttelte langsam den Kopf.
Petermann sah ihr in die Augen, dann zog er zögernd die ausgestreckte Hand zurück.
„Ich will ihn nicht behalten,“ sagte er, „er liegt da wie eine ständige Versuchung. Und nicht jeder hat eine so sichere Hand wie Olga Radó. Du hast ein Recht darauf. Natürlich. Aber ich möchte nicht, daß du ihn behältst. Versprich mir etwas, Mette – gib ihn dem Mann, den du liebst. Dann ist er in den besten Händen.“
Sie war aufgestanden. „Ich verspreche es dir,“ sagte sie fast feierlich, „ich will ihn dem Manne geben, den ich liebe.“
„Schwöre mir, daß du keine Dummheiten machen wirst ... auch nicht leichtsinnig oder fahrlässig damit umgehen.“
„Ich schwöre es dir,“ sagte Mette. „Wobei nur? Ich kann dir doch nicht bei meinem Leben schwören, daß ich mich nicht erschieße. Ich schwöre es dir bei meiner ewigen Seligkeit. Und bei Olga Radós zehntausendfach geheiligtem Gedächtnis.“
Irgend etwas in ihrem Ton machte ihn betroffen. Er stand langsam von seinem Stuhl auf, wie um seine forschenden Augen den ihren zu nähern.
„Sag mir, Mette,“ sagte er zögernd, „ich möchte nicht, daß ich mir Vorwürfe machen müßte. Ich möchte nicht, daß das, was ich dir erzählt habe, dich in deinen Entschließungen beeinflußt.“
Mette umschloß seine ausgestreckten Finger mit einem kurzen festen Druck. In der leichten Bewegung, mit der sie die Brust hochreckte und mit der Hand über die Hüfte strich, lag eine aufs äußerste gespannte Kraft.
„Ich schwöre dir,“ sagte sie, „daß von dieser Stunde an nichts und niemand mehr mich in meinen Entschließungen beeinflussen kann.“ – – –
Mette ging nicht direkt nach Hause. In wenigen Sekunden tauchten Pläne in ihr auf, formten sich zu Entschließungen. Nichts schwankte hin und her, eh’ es Gestalt annahm, alles trat mit einem Schritt aus der Verborgenheit ans Licht und stand unumstößlich fest.
Sie ging zu einer Speditionsfirma und zu dem Wirt des Hauses, in dem sie lange Jahre gewohnt hatten. Es gab eine Zeit, wo sie sich vor solchen Gängen gefürchtet hätte. Jetzt fühlte sie, daß nie im Leben jemand ihr derlei Unannehmlichkeiten abnehmen würde.
Es tat fast wohl, sich solche winzigen Lasten aufzuladen und die eigene Kraft zu spüren, wenn man sie spielend trug.
Es tat wohl, entschlossen zu sein, mit Umsicht Anordnungen zu treffen, mit Überlegung Unterhandlungen zu führen.
Als sie in ihrem Zimmer den Hut in den Schrank legte, streifte ihre Hand das schwarze Kleid, das sie zu ihres Vaters Begräbnis getragen hatte. Einen Augenblick fühlte sie den Wunsch, es anzuziehen, das stumpfe Düster des Krepps an sich zu sehen, an sich zu fühlen.
Aber sie straffte sich auf. „Unsinn!“ sagte sie halblaut, biß die Zähne aufeinander und schloß den Schrank.
Sie ging in ihres Vaters Studierzimmer, setzte sich an den Schreibtisch und schrieb verschiedene Briefe, an den Rechtsanwalt, an die Bank.
Nach einer Weile kam das Mädchen herein:
„Das gnädige Fräulein läßt Fräulein Mette zu Tisch bitten.“
Mette hob den Kopf nicht.
„Sagen Sie dem gnädigen Fräulein, ich käme nicht zu Tisch, ich hätte schon gegessen. Aber ich lasse das gnädige Fräulein bitten, nach dem Essen herzukommen.“
Das Mädchen stand eine Weile mit offenem Mund in der Tür. Aber als Mette sich nicht rührte, nichts hinzufügte, nichts widerrief, nur weiter die Feder eilig über das Papier rascheln ließ, trollte sie davon.
Nach einer Weile erschien Tante Emilie, sichtlich unentschlossen, ob sie empört oder liebenswürdig sein sollte.
Mette legte die Feder aus der Hand und gab ihrem Stuhl eine leichte Wendung.
„Bitte nimm Platz,“ sagte sie in einem Ton, so geschäftlich, eilig, fest und undurchdringlich höflich, daß dieser Ton allein schon Tante Emilien in einen Abgrund von Verwirrung stürzte und ihr jede Redemöglichkeit nahm.
„Verzeih, wenn ich dir deinen Nachmittagsschlaf kürze, aber ich habe mit dir zu reden, und zwar Dringliches.“
Mette nahm das Falzbein, drehte es, bog es, schlug damit auf die ausgestreckten Finger und sah diesem Spiel angelegentlich zu, während sie sprach.
„Du wirst dich rasch entscheiden müssen, wo du hinzugehen gedenkst, ich reise ...“
„Du?“
„Ich reise. Der Haushalt wird aufgelöst. Die Wohnung wird vermietet. Newes entbindet mich vom Vertrag. Ich habe schon mit ihm gesprochen. Die Sachen kommen auf den Speicher. In den nächsten Tagen schon. Ich fange heut’ schon an. Morgen kommen die Packer. Du wirst der Kramerei sicher gern aus dem Wege gehen wollen. Ich empfehle dir, in ein Hotel oder in eine Pension zu gehen, bis du dich endgültig entschieden hast. Wenn du heut’ nachmittag die Mädchen brauchst zum Packen deiner Sachen, sie stehen zu deiner Verfügung. Ja, und – ich möchte nicht, daß dir durch meine Entschließungen ein pekuniärer Nachteil entsteht. Am liebsten wäre es mir, wenn du deine Wünsche schriftlich formulierst und an Rosenbaum gibst. Ich habe ihm schon diesbezüglich geschrieben.“
Mette legte das Falzbein hin.
„Ja, das wäre wohl alles!“ Sie stand auf und stützte beide Hände hinter sich auf den Schreibtischrand.
„Also, wenn wir uns nicht mehr sehen sollten, Gott befohlen, und laß es dir recht gut gehen.“
Tante Emilie stand auf mit zitternden Knien, und ihr Gesicht spielte in allen Farbentönen vom Zitronengelben ins Aschgraue.
„Und ... und Alfred?“ fragte sie, mit vergeblichem Bemühen, eine süße rührende Weichheit in ihren scharfen Ton zu legen.
„Wie? Wer?“ Mette kniff die Augen zusammen, als müsse sie sich besinnen. „Ja so, nein, danke. Da brauchst du keinerlei Mitteilung zu machen. Ich werde alles Erforderliche selbst besorgen.“
„Mette!“ sagte Tante Emilie feierlich. „Wenn das dein seliger Vater wüßte! Ich habe dich von deinem ersten Tag an behütet und gepflegt, und zum Dank wird man so vor die Tür gesetzt ...“
Mette griff wieder nach dem Falzbein.
„Ich habe schon an Rosenbaum geschrieben, daß von meinem Vermögen fünfzigtausend Mark an dich übergehen. Mit dem, was du hast und mit dem, was dir von Vater kommt, kannst du dann ganz deiner Bequemlichkeit leben. Ich will morgen vormittag hingehen und ihm die nötigen Vollmachten geben.“
„Mette,“ sagte Tante Emilie mit gesteigertem Pathos. „Ich habe dich vor einem entsetzlichen Schicksal behütet. Das solltest du mir auf Knien danken!“
„Gewiß, gewiß,“ sagte Mette und verzerrte ein wenig den Mund. „Ich werde Rosenbaum schreiben: Hunderttausend.“
Da wandte sich Tante Emilie und rauschte hinaus.
Mette packte die Sachen in fieberhafter Eile, wie auf der Flucht. Sie arbeitete Tag und Nacht und ließ sich von niemandem helfen, auch von Peterchen nicht und von mir nicht.
Aber am Abend, als sie reiste, holten wir beide sie aus der Wohnung ab und brachten sie an die Bahn.
Die Wohnung war leer und dunkel. Alle Möbel fort. Die Kronen abgenommen, die Fenster ohne Gardinen. Hie und da starrte ein Spiegelhaken trostlos aus der nackten Wand oder ein Fleck der Tapete zeigte die Form eines Bildes, das lange Jahre da gehangen hatte. Ein großer Koffer, ein wenig Handgepäck standen mitten in dem leeren Raum. Mette hatte eine brennende Kerze auf dem Fensterbrett festgeklebt. Das gab ein seltsames flackerndes Halblicht. Unsere Schatten glitten groß und verbogen an Wand und Decke entlang.
Peterchen sah immerfort nach der Uhr.
„Ist es nicht Zeit, daß ich nach einem Wagen gehe?“ fragte er unruhig.
Mette hob die Hand. „Laß doch! Wir haben noch endlos Zeit. Was sollen wir auf dem Bahnsteig? Und was schadet es, wenn ich den Zug versäume? Ich lauf’ ja niemandem nach. Und mir läuft niemand nach. Dann fahr’ ich eben morgen früh.“
„Ach ja,“ sagte Peterchen erleichtert, „das wäre mir überhaupt viel lieber. Ich verstehe gar nicht, wie man so in die Nacht hineinfahren kann.“
„Ich fahre ja in den Morgen hinein,“ sagte Mette mit leisem Lächeln. „In ein paar Stunden kommt die Dämmerung. Außerdem lieb’ ich die Nacht. Wer die Sterne liebt, muß auch die Nacht lieben. Sag, Peterchen, hast du eigentlich schon einmal daran gedacht, daß sie am Tage auch da sind? Genau so fern und so nah wie des Nachts. Manchmal such’ ich sie am sonnenhellen Himmel – ich fühle ganz genau – da steht der, und da steht der, und dann kann ich in der Dämmerung ganz ungeduldig werden, bis sie endlich sichtbar sind.“
„Das hast du auch von ihr,“ sagte Peterchen wehmütig, „diese verrückte Sternenliebe.“
„Ja,“ sagte Mette, und ihre tiefe Stimme klang wie eine Glocke, „was hab’ ich nicht von ihr? Alles. Und alle Liebe ganz gewiß. Himmel und Erde sind voll von Dingen, an denen ihre Liebe hängt. Und von all diesen Dingen strömt ihre Liebe wieder auf mich zurück. Herrgott, was liebte sie alles! Berge und Meer und Blumen und Spinnen und kleine Kinder und Leder und Seide und Kristall und die Günderode und den heiligen Franziskus von Assisi – und – mich. Wahrhaftig, sie hat mich die Liebe gelehrt. O Gott! Wenn Tante Emilie das hörte, würde sie es sicherlich falsch auffassen.
Einmal hat sie zu mir gesagt, Olga, ich glaube, es war auf der Reise, und wir sprachen wohl von unserer Zukunft, und ich sagte, daß ich mich nicht von ihr trennen lassen wollte, bis zu meiner Mündigkeit. Da wurde sie ganz ungeduldig und sagte:
‚Herrgott, was ist das für ein jämmerlicher Standpunkt, immer nur das lieben zu können, was man an der Hand hält!‘
Hat sie nicht recht? Warum soll man nicht die Toten lieben und die Kommenden und die ganz Fernen, deren Sein wir nur ahnen oder deren Schaffen uns einen Hauch von ihrer Seele gibt? Und warum nur einen, warum nicht Tausende – die, nach denen wir uns sehnen und die, die sich nach uns sehnen – die, die in unerfüllter Sehnsucht nach uns gestorben sind, und die, die mit unerfüllter Sehnsucht nach uns leben werden, wenn wir lange tot sind. Mir ist manchmal, als sollt ich meine beiden Hände in die Weite strecken und rufen: ich liebe euch, ich liebe euch, ich liebe euch!“
„Es ist merkwürdig,“ sagte Peterchen scheu und sah kopfschüttelnd zu Metten empor, die unheimlich groß und schlank aufgereckt in dem gespenstischen Licht stand, „es ist merkwürdig, wie ähnlich du ihr manchmal bist.“
„Es ist viel merkwürdiger,“ sagte Mette lächelnd, „wie unähnlich ich ihr war. Fern, fremd, unverwandt. So entsetzlich unähnlich, daß ich sie eigentlich nie verstanden habe. Ich glaube, ich hätte sie mit Eifersucht und Mißtrauen zu Tode gequält.“
„Und jetzt?“ fragte Peterchen. „Würdest du nicht eifersüchtig und mißtrauisch sein? Wer weiß, wenn ihr zusammen geblieben wäret, vielleicht hättest du in ein paar Monaten Ursache dazu gehabt.“
Mette schüttelte langsam den Kopf. „Das soll ein Trost für mich sein, Peterchen. Aber es ist keiner. Ich hatte so unbändige Freude an ihr. Und wenn tausendmal nur die Form zerstört ist. Auch um die Form ist es ein Jammer. Die Freude hätt’ ich immer an ihr haben können. Und so wie ich sie jetzt sehe – ich hätte eben einsehen müssen, daß ich nicht aus Geiz Himmel und Erde ihrer Liebe hätte berauben dürfen. Aber belogen hätte Olga Radó mich nie. Nie, nie, nie!“
„Der Zug, Mette!“ mahnte Peterchen.
Mette warf einen Blick auf ihr Handgelenk.
„Ja, wir müssen gehen.“
Peterchen ging, einen Wagen zu holen. Der Kutscher trug das Gepäck hinunter.
Ich wollte die Kerze löschen, als wir gingen.
„Nein, laß!“ sagte Mette. Sie lief ein paarmal hin und her und brachte Wasser in den hohlen Händen, das sie um die Kerze träufelte, bis sich ein kleiner See bildete.
„Nun kann es kein Feuer geben,“ sagte sie. „Seltsam, wenn ich schon im Zug sitze, brennt vielleicht hier in der leeren Wohnung noch das Licht. Ich muß immer an die arme Johanna denken, schon den ganzen Abend, als das Licht so im Fenster brannte.“
„Wer ist das?“ fragte ich.
„Die arme Johanna? Das war eine Frau, die Olga liebte. Sie ist an der Schwindsucht gestorben. Und Olga konnte nicht um sie sein, als sie im Sterben lag. Aber die Schwester, die sie pflegte, stellte nachts immer eine brennende Kerze ans Fenster. Das hatte die arme Johanna alles selber so verabredet und bestimmt. Solange sie lebte, solange sollte die Kerze brennen. Und da ist Olga manchmal drei-, viermal in der Nacht, wenn sie es vor Unruhe nicht mehr aushalten konnte, nach dem Haus gelaufen und hat auf der Straße gestanden, um nur die Kerze brennen zu sehen.“ – „Schau,“ Mette wandte sich um, während wir in den Wagen stiegen, „da oben brennt meine Kerze und leuchtet mir nach!“
Sie winkte mit den Handschuhen einen Gruß zurück.
„Und da, schau,“ sie richtete sich auf, mit einem seltsamen Entzücken im Gesicht und wies nach dem Sternenhimmel, „da ist der Antares! Das Herz des Skorpions. Dem zieh’ ich jetzt nach, immer weiter nach Süden. Wir können zusammen bleiben, oder ich kann auf ihn warten, bis er wieder kommt, mit der unbedingtesten Zuverlässigkeit, wie der treueste Freund.“
„Trotzdem,“ sagte Peterchen, „ich habe das Gefühl, daß es doch ein bißchen wenig Schutz und Freundschaft für dich ist. Wenn ich denke, daß du in der nächsten Nacht in einer fremden Stadt, in einem fremden Hotelbett schlafen sollst ...“
„Schön!“ sagte Mette. „Das ist ja das, was mir Ruhe geben kann. Ein Raum, den ich noch nie gesehen habe. Trotzdem ist dieser Raum jetzt schon da. Ein anderer Mensch bewohnt ihn und erfüllt ihn ganz mit seinen Leiden und Freuden und Sorgen und Gedanken. Muß man sich denn immer nur mit einem peinlichen Gefühl des Ekels in ein fremdes Bett legen? In einem frisch bezogenen Hotelbett sind keine fremden Mikroben und Bakterien – aber auf den Tapeten liegen noch Schatten und Lichter fremder Schicksale. Und die tönen das eigene zum Schweigen.
Man soll nicht in den Wänden bleiben, wo einen der eigene Schmerz immer von den Tapeten anschreit.
Das fremde Bett wird mir morgen erzählen, was es alles erlebt hat. Weißt du, auch das ist Feengabe. Ich bin nicht mehr bange, weil die Dinge anfangen, mit mir zu reden. Das sind immer die Glückskinder in den Märchen oder die Weisen in den Sagen – König Salomo, vogelsprachekund – denen die Dinge und die Tiere und die Bäume ihre Geheimnisse erzählen. Du glaubst nicht, was das bedeutet. Die ganze Welt war so entsetzlich stumm. Und nun höre ich überall so liebe, vertraute, unhörbare Stimmen. Ihr ahnt gar nicht, mit was für einem Entzücken und einem Stolz das einen erfüllt. Siehst du, Peterchen – das ist auch etwas, was ich von Olga habe.“
„Ja,“ sagte Peterchen nachdenklich, „ich fühle deine Kraft – fast mit Neid. Sie hat dir unendlich viel gegeben. Ich kann nicht los von dem Gedanken ... vielleicht hatte sie doch recht: ‚Qui vivens laedit, morte medetur‘ – was lebend verwundet, heilet im Tod.“
„Nein, nein, sag das nicht!“ sagte Mette mit einer fast flehenden Bewegung. „Ich will es nicht hören, weil es nicht wahr ist. Aber ich habe die heilige Überzeugung – und das dank ich ihr tausendfach mehr als alles andere – daß der Satz umgekehrt wahr ist – hilf mir, Peterchen, mit meinem Latein ist es schwach bestellt: Qui vivens laeditur, morte ... nein, es geht nicht ... medetur ... das sind die verflixten Deponentia, davon kann ich keine Passivform bilden. Aber du weißt ja, was ich meine: Was lebend verwundet wird, wird im Tode geheilt ... das heilt der Tod ... mors medetur, nicht wahr, das kann man sagen?
Und siehst du, das ist das größte: die Stunde Lust, die ich auf diesem Maskenball des Lebens vielleicht noch finden kann, die dank ich ihr – aber wenn mir das Treiben zuwider wird, dann dank ich ihr den Schlüssel zur Ausgangstür.“
„Ja,“ sagte Peterchen ein wenig bitter, „einen sechsläufigen Revolver!“
„Oh,“ sagte Mette, „mehr als das: damit allein ist es nicht getan. Weißt du nicht, was die kleine Seejungfer sich wünschte, um was sie sich die Zunge herausschneiden ließ, um was sie bei jedem Schritt tausendfältige Schmerzen litt, was nur eine große, große Liebe ihr geben konnte? Mir hat es Olga gegeben. Mir hat Olga alles gegeben, was man braucht, um allen Möglichkeiten der verhüllten Zukunft mit unzerstörbarer Ruhe entgegenzugehen: einen sechsläufigen Revolver ... und eine unsterbliche Seele!“
Askanischer Verlag Berlin SW
In unserem Verlage erschien von Anna Elisabet Weirauch
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... Der Hand drehte den Kopf und leckte mit der Zunge ... ... Der Hund drehte den Kopf und leckte mit der Zunge ...
... Herr mehr in meiner eigenen Wohnung. Nimm ... ... Herr mehr in meiner eigenen Wohnung? Nimm ...
... kam nicht wieder, war unwiderbringlich verloren. ... ... kam nicht wieder, war unwiederbringlich verloren. ...