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Der Skorpion. Band 1

Der Skorpion (continued 2)

Reading edition

„Alles deswegen,“ sagte Mette ein wenig bitter. „So hast du sie geliebt?“

„Ja,“ sagte Olga, „jetzt ist es nicht mehr so schlimm. Ich hätte doch früher zu keinem anderen Menschen davon reden können. Ich habe Bettinens Bücher versteckt, damit kein Mensch sie bei mir findet. Ich wurde rot und blaß, wenn jemand ihren Namen nannte, oder mir etwas sagte, was mich an sie erinnerte. Du mußt nicht denken, daß ich jetzt darüber lache. Mein Gefühl ist genau dasselbe, ich fühle mich ihr so absolut verbunden – aber ich gehöre ihr nicht so ausschließlich, wie in der ersten Zeit, als ich sie fand.“

Sie schwiegen beide. Stille Dämmerung senkte sich langsam.

„Ich habe nie ein Bild von ihr gesehen,“ sagte Olga. „Ich weiß auch gar nicht, ob es Bilder von ihr gibt. Ich möchte auch keins sehen. Ich habe eine so deutliche Vorstellung von ihr. Ich glaube, wenn ich ein Bild sähe, würde ich erschrecken. Ich würde sicher namenlos enttäuscht sein. Ich habe direkt Angst davor, einmal ganz unerwartet ein Bild von ihr zu finden.“

„Ich wollte, ich fände eins,“ sagte Mette, ohne Olga anzusehen, „ein recht häßliches!“

„Pfui!“ sagte Olga mit ihrer tiefen Stimmen. Kein Wort weiter.

In Mette kämpften Scham und Schmerz. Sie haßte sich selbst. Sie kam sich vor wie ein ungezogenes Kind, dem man ein wunderfeines Gebilde aus venezianischem Glas zeigt, und das aus Bosheit und Rohheit mit dem Stock nach der Herrlichkeit schlägt. Aber zugleich regte sich ein dumpfer Trotz in ihr: warum quält sie mich? Ich will mich nicht quälen lassen!

Sie hatte das Gefühl, daß sie um Verzeihung bitten müsse. Aber das konnte sie nicht.

Wenn sie jetzt ging, dann würde Olga sie nie wieder rufen. Und ungerufen durfte sie nie mehr kommen. Sie würde nie mehr in diesem Sessel sitzen. Sie würde nie mehr den Duft von Lavendel und Zigaretten in diesem Zimmer atmen. Sie würde nie mehr diese Stimme hören.

Das Schweigen dauerte so unheimlich lange. Ja, sie mußte nun wohl eigentlich aufstehen und gehen. Aber es war, als ob der Stuhl sie festhielte, oder die graue Wand drüben, an der ihre Augen hingen. Sie fühlte, im Moment, da sie aufstehen wollte, würden ihr die Tränen aus den Augen stürzen. Das durfte nicht sein. Sie bemühte sich, an irgend etwas anderes zu denken – an etwas ganz Fernliegendes. Nächste Woche wollte sie ins Theater gehen. Darauf hatte sie sich gefreut. Eigentlich war bei jedem Theater- oder Konzertbesuch doch das hübscheste, nachher hier zu sitzen und über das Gehörte und Gesehene zu sprechen. Das würde nun nicht sein. Nächste Woche nicht. Vielleicht nie wieder.

Die Stille im Zimmer war atemraubend. Wenn Olga nur reden wollte. Irgend etwas, sie ausschelten, sie demütigen. Es war so grausam von ihr, zu schweigen.

Mette machte den Versuch, aufzustehen. Sie machte eine Bewegung, die unsichtbar blieb, aber die sie inwendig in allen Muskeln spürte. Zugleich aber konnten die mühsam aufgehaltenen Lider das unaufhörlich quellende Wasser nicht mehr zurückdrängen, sie zitterten, schlossen sich, und die schweren Tropfen stürzten nieder.

Mette schämte sich maßlos. Irgend etwas in ihr kroch ganz in sich zusammen. Sie hätte sich so gern äußerlich auch zusammengezogen, sich geduckt, das Gesicht versteckt. Aber sie wagte nicht, sich zu rühren. Sie wollte nicht durch eine Bewegung Aufmerksamkeit erregen. Vielleicht war Olga mit ihren Gedanken weit fort und achtete nicht auf sie.

Die Tränen fielen ihr auf die Hände. Sie wagte nicht, sie abzutrocknen.

Plötzlich schreckte sie zusammen. Sie hörte den Diwan knarren, ein leises Rauschen der Röcke. Olga war aufgestanden.

Jetzt sagte eine unendlich weiche, leise Stimme neben ihr:

„Mette, Kind! Warum weinst du eigentlich?“

Mette sah nicht auf, sondern senkte den Kopf noch tiefer.

Da kniete Olga mit einer raschen Bewegung nieder, wie man vor einem weinenden Kinde kniet und versuchte von unten herauf ihr ins Gesicht zu sehen.

„Warum weinst du eigentlich?“

Mette sah das schöne Gesicht vor sich durch einen Schleier von stürzendem Wasser. Sie lächelte.

„Ich weiß nicht!“ sagte sie.

Sie sah auf die weiße schlanke Hand, die auf ihren Knien lag, ihre beiden gefalteten Hände fest überspannend. Sie neigte sich langsam auf diese Hand und preßte den Mund, die heißen, tränenfeuchten Wangen dagegen.

„Kind!“ sagte Olga beinah ungeduldig und versuchte mit der anderen Hand ihr die Stirn zu heben. „Wenn ich nur wüßte, warum du weinst!“

Mette schreckte vor diesem Ton zurück. Sie hob den Kopf und starrte wieder auf die graue Mauer jenseits des Hofes.

Olga war aufgestanden. Ihre Hand lag immer noch auf Mettens Kopf. Die kühle, glatte Handfläche preßte sich fest und beinah schwer auf ihre Stirn und ihr Haar. Mette empfand diesen Druck als etwas unendlich Wohltuendes. So, als müßte sie zerspringen, wenn diese kräftige Hand aufhören würde, sie zu halten.

„Ich weiß doch nicht,“ sagte sie leise, „ich möchte auch seit hundert Jahren tot sein. Vielleicht würdest du mich dann auch lieben.“

Da riß Olga Radó mit einer jähen Bewegung Mettens Kopf an ihre Schulter und preßte die Lippen hart und fast gewaltsam auf ihre Stirn.

„Und so? Und jetzt?“ fragte sie kurz. In ihrer tiefen Stimme war ein seltsam vibrierender Klang, wie von mühsam gebändigtem Groll.

Mette fühlte bis in die Schläfen, bis in die Fingerspitzen das rasende Hämmern eines Herzschlags. Aber sie wußte nicht, wessen Herz so schlug.

Sie hatte das Gefühl, daß es nun ihre Pflicht sei, etwas unendlich Großes zu tun. Ihr war, als müsse Olga Radó jetzt in überirdischer Größe vor ihr aufstehen und eine ungeheure Tat von ihr verlangen.

Mette fühlte sich heilig entschlossen, auf ein einziges Wort hin aus dem Fenster zu springen oder sich die Brust mit einem Dolch aufzureißen und ihr zuckendes Herz in beide Hände zu nehmen.

Olga Radó verlangte nichts von alledem. Sie ließ sie plötzlich los und trat aus Fenster. Sie legte die Finger um den Fensterriegel und die Stirn gegen die Scheibe. Und so, ohne sich umzuwenden, ohne den Kopf zu drehen, sagte sie nach einer Weile in einem seltsam ruhigen, ja sachlichen Ton:

„Geh nach Hause, Kind!“

„Warum?“ fragte Mette erschrocken. Sie stand auf, die Füße zitterten unter ihr. Das beklemmende Gefühl von etwas Rätselhaftem, Unheimlichem legte sich ihr schwer auf die Brust. Warum wurde sie fortgeschickt? Was hatte sie begangen?

Sie wollte irgendeine Erklärung haben. Sie wollte die Hände auf Olgas Schultern legen und wollte sie mit Gewalt herumreißen und auf ihrem Gesicht nach einer Antwort suchen. „Ich habe ein Recht dazu“ – dachte sie mit aufsteigendem Zorn – „wahrhaftig, ich habe ein Recht dazu“.

Wie sie den ersten Schritt nach dem Fenster zu machte, fuhr Olga mit einer heftigen Bewegung herum. Sie kreuzte die Arme über der Brust und umklammerte mit gespreizten Fingern die Ellbogen. In dem weißen Gesicht flackerten die Augen tiefdunkel und drohend.

„Du sollst nach Hause gehen,“ sagte sie mit so gezwungener Ruhe, als bändige sie mühsam eine maßlose Wut. „Kannst du nicht hören? Bin ich nicht Herr mehr in meiner eigenen Wohnung? Nimm deinen Hut und geh. Geh, geh, geh, geh!“

Der aufflammende Zorn in Mette war erloschen. Nur noch Angst war in ihr und eine tiefe, tiefe Traurigkeit.

Irgend etwas wollte sie wie mit Peitschenhieben zu Olga hintreiben. Sie wollte vor ihr auf die Erde fallen, sie wollte ihre Knie umklammern, sie wollte sie anflehen:

„Weine doch, schreie, schlag’ mich, aber tu dir nicht so Gewalt an – sag mir, was du hast – ich will sterben für dich, aber schick mich nicht fort, wenn du leidest!“

Sie stand und rührte sich nicht.

„Geh, geh, geh!“ sagte Olga.

Da griff Mette Rudloff nach ihrem Hut und ging. Sie mühte sich, gerade und aufrecht zu gehen. Sie taumelte ein wenig, als sie die Tür hinter sich ins Schloß zog und mußte sich gegen die Wand lehnen. Sie stützte sich mit ihrer ganzen Schwere gegen das Geländer, weil die Treppe unter ihr wie ein rasender Strudel kreiste.

Aber sie ging. – – –

Eine Handvoll Tage verlebte Mette in stumpfer Qual.

Im dämmernden Erwachen fiel ihr ein, daß sie heute nicht den Weg nach der Motzstraße nehmen dürfe. Heute nicht, morgen nicht, vielleicht nie mehr. Sie war verbannt, verstoßen, ausgeschlossen von allen Freuden des Lebens.

Lang, grau und öde dehnte sich der Tag vor ihr. Bleischwere Müdigkeit lag ihr in allen Gliedern. Wenn die Telephonklingel schrillte, fuhr sie mit rasendem Herzschlagen auf, wie aus tiefer Lethargie. Aber niemals galt es ihr.

Es war schlechtes Wetter in diesen Tagen, kühl und regnerisch.

In einer Sonntagnacht fegte der Wind den Himmel blank von Wolken und die Straßen trocken.

Am Morgen funkelte ein blauer Sommerhimmel über der Stadt.

Die Sonnenstrahlen, die auf einer Kante des Schrankspiegels tanzten, weckten Mette.

Sie fühlte sich beim Erwachen so befreit, so voll unbändiger Lebenskraft, als sei mit einem Schlage alles Trübe hell, alles Schwere leicht geworden.

Sie fühlte sich fähig, den Kampf mit allen Hemmungen und Hindernissen aufzunehmen. Ja, es schienen ihr gar keine Hemmungen und Hindernisse mehr vorhanden.

Sie würde heut’ die Bücher hintragen, die sie von Olga Radó geliehen hatte.

Und dann würde sie sie zur Rede stellen. Sie ganz frank und heiter fragen, was ihr eigentlich eingefallen wäre. Und ob sie die Absicht hätte, sie wieder hinauszuwerfen – dann solle sie diese Absicht nur ruhig aussprechen ...

Aber sie würde es nicht tun. Es war eine Laune gewesen, eine Gereiztheit – aber im Grunde doch gar keine ernstliche Verstimmung, kein Streit zwischen ihnen.

Und wenn sie irgend etwas begangen hatte in Olgas Augen, so wollte sie Aufklärung haben, und dann wollte sie – ach was, ihretwegen ja! – dann wollte sie sogar um Verzeihung bitten.

Mette pfiff und summte vor sich hin, während sie sich anzog und ihr Haar aufsteckte. – – –

Als sie klingelte, schlug das dumme Herz wieder so atemraubend. Dass kam vom raschen Treppensteigen.

Erna machte ihr auf. Mette war nicht mehr gewohnt, sich melden zu lassen. Sehr oft wußten die Mädchen gar nicht, ob die Gäste der Pension zu Hause waren. Sie wollte mit einem: „Guten Morgen, Erna!“ vorüber.

Das Mädchen machte ein erstauntes Gesicht.

„Fräulein Radó ist doch verreist,“ sagte sie zögernd. „Weiß das gnädiges Fräulein gar nicht?“

Im ersten Augenblick war die Scham dieses Nichtwissens in Metten größer als das Erschrecken. Sie fühlte sich vor dem Mädchen in lächerlichster Weise bloßgestellt.

„Doch, doch,“ sagte sie hastig. „Ich wollte nur die Bücher ins Zimmer legen. Aber ich kann sie ja auch Ihnen geben. Sie sind so gut, Fräulein Erna, und tragen sie hinein. Dann brauch’ ich mich gar nicht damit aufzuhalten. Ich hab’s sehr eilig. Auf Wiederschauen!“

Die erste Treppe sprang sie hinunter, damit das Mädchen ihre Hast hören sollte. Erst als die Tür oben längst ins Schloß gefallen war, ging sie langsamer.

Olga war fort. Ohne ihr ein Wort zu sagen, ohne sie noch einmal anzurufen, ohne ihr eine Zeile zu schreiben, ohne dem Mädchen eine Nachricht für sie zu hinterlassen.

Sie war fort. Ohne zu sagen, wohin. Ohne zu sagen, auf wie lange.

Mette senkte den Kopf sehr tief auf die Brust und ging ganz langsam, Stufe für Stufe. – – –

Einige Tage später hörte Mette das Telephon schrillen und das Mädchen im eiligen Trab den langen Türgang entlanglaufen.

Mette macht ihre Zimmertür auf.

„Für mich, Hedwig?“

„Ja, für Fräulein – ein Herr wünscht Fräulein zu sprechen – ein Herr Petersen oder Petermann, ich hab’ nicht ganz verstanden.“

Auf dem runden Gesicht des Mädchens stand unverhohlene Verwunderung. Es war das erstemal, daß eine Männerstimme das gnädige Fräulein verlangte.

„Peterchen!“ rief Mette erregt in den Trichter, ohne die geringste Rücksicht darauf, daß Tante Emilie im Nebenzimmer saß. „Ja, hier ist Mette. Was ist los? Es ist doch nichts passiert?“

„Nein, nein, bewahre. Ich soll Ihnen nur einen schönen Gruß bestellen, ich habe heut’ eine Karte bekommen.“

„Woher denn?“ – „Von wem?“ brauchte sie nicht zu fragen.

„Aus Kissingen. Ich mußte mir erst Ihre Adresse im Buch suchen. Ich wußte keine Telephonnummer, keine Straße, eigentlich ja nicht einmal Ihren Namen genau ...“

„Ach Gott, Sie Ärmster, kann ich Sie nicht einmal sehen, oder haben Sie keine Zeit für mich?“

„Aber natürlich, aber gerne ...“

„Wollen wir eine Stunde zusammen spazieren gehen? Ja? Bitte, bitte! Heute noch, wenn’s geht! Gleich? Ja? Herrlich! Und Sie bringen mir die Karte mit!“ – – –

Sie trafen sich. Nach zwei Worten der Begrüßung fragte Mette:

„Haben Sie die Karte? Bitte, bitte, zeigen Sie!“

Neben der Adresse stand in einer festen, mühsam zusammengezwängten Schrift:

„Bitte, Peterchen, sei so gut und gib die Bücher aus der Kgl. Bibl. zurück. Eins liegt auf meinem Schreibtisch, zwei stehen auf dem Regal links vom Fenster, 3. Fach v. o. ganz rechts. Und nimm meine Araukarie zu Dir hinüber, bei mir vergessen die Frauenzimmer sie doch, und ich möchte nicht, daß sie verkommt.“

Auf der anderen Seite war in den Himmel der Landschaft hineingeschrieben:

„Klingele, bitte, das Mädelchen an und grüße sie von mir. Die Nummer mußt Du Dir im Buch suchen. Sie soll mir nicht böse sein. Euch allen alles Gute. O. R.“

Hunderte und Tausende von Ansichtskarten waren in Mettens Leben schon durch ihre Hände gegangen, und es war das erstemal, daß ihr der Gedanke kam: „Was ist das eigentlich für eine wunderhübsche Erfindung, daß man gleich ein Bild des Ortes schicken kann, wo man sich aufhält. So sieht es also da aus, wo Olga Radó jetzt ist. Diese Häuser sieht sie Tag für Tag, unter diesen Bäumen geht sie spazieren, diese Berge grüßen sie – jeden Morgen, jeden Abend – wirklich eine wunderhübsche Erfindung.“

Sie hätte die Karte gern behalten. Aber sie hatte den Mut nicht, Petermann darum zu bitten. – – –

„Es ging so schnell“ – sagte sie – „mit dieser Abreise.“ Es widerstrebte ihr, davon zu sprechen, daß sie nichts gewußt, nichts geahnt hatte. Es widerstrebte ihr auch, direkte Fragen an ihn zu richten. Halb unbewußt sprach sie in Worten, die alles unentschieden ließen, so gleichsam erst sondierend.

„Ja,“ sagte Peterchen, „ganz merkwürdig schnell. Am Dienstag waren wir doch noch da – richtig, da saßen wir ja noch zusammen. Am Dienstagabend kommt Olga zu mir herüber:

‚Gib mir dein Kursbuch!‘ Und immer in dem Kursbuch hin und her geblättert und mich gefragt: ‚Kennst du den Schwarzwald – ist es schön da? – Was meinst du – soll ich an die Nordsee fahren?‘ Und so, wie es gar nicht ihre Art war – so unentschlossen – ich möchte beinah sagen: so ratlos ... und am Mittwoch wurden die Koffer gepackt und Mittwoch abend fuhr sie ab – sagte keinem Menschen wohin – mir nicht und Frau Flesch nicht. Ihnen ja auch nicht, nicht wahr? – Ich hatte ja eigentlich erst den Verdacht – den Gedanken, wollt’ ich sagen, die Idee,“ – Peterchen zögerte, und sein blasses Gesicht überflog eine leichte Röte – „Sie beide wären zusammen weggefahren.“

Mette antwortete nicht. Sie dachte nicht einen Augenblick daran, ob ihr tiefes Stillschweigen vielleicht einen verwunderlichen Eindruck machen könnte.

Das Wort hatte wie ein erhellender Blitz in sie eingeschlagen, und nun stand sie in Flammen.

Reisen! Mit Olga reisen! Der Gedanke an diese Möglichkeit hatte etwas unwahrscheinlich Beglückendes. Einige Sekunden durchlebte sie in ihrer Vorstellung das, was hätte sein können. Wenn sie am Dienstag zusammen diesen Entschluß gefaßt hätten! Wenn sie auch am Mittwoch ihren Koffer gepackt hätte! Sie fühlte sich neben Olga im Zug sitzen und hinausfahren in den warmen, blauen Sommerabend, in dem hier und da die ersten Lichter aufflammten. Sie sah sich in einem dieser weißen Häuser, auf der Terrasse, an einem gedeckten, blumengeschmückten Tisch, Olga gegenüber. Sie wanderte mit Olga diesen Bergen entgegen, deren schön geschwungene Linien verlockend auf dem blauen Himmel sich zeichneten.

Jäh und schmerzlich kam es ihr zum Bewußtsein: Das war ein törichter, unerfüllter, vielleicht ewig unerfüllbarer Traum. Die Wirklichkeit war, daß sie hier war – allein – und daß Olga fort war – auch allein? Mit wem? Nichts in der Welt hatte ihr ein Recht gegeben, auch nur danach zu fragen. – – –

In diesen Wochen war es Mettens einzige Freude, mit Peterchen spazieren gehen. Sie machten Ausflüge miteinander, fuhren nach Wannsee, nach dem Grunewald, lagen halbe Tage am Wasser oder nahmen sich ein Ruderboot, tranken Kaffee in irgendeiner versteckten Gartenwirtschaft und sprachen von Büchern, von fremden Städten und fernen Bergen, von Tieren und Pflanzen, von längst verstorbenen Menschen – und von Olga.

Manchmal, wenn sie zusammen waren, schrieben sie an Olga, schickten ihr eine Ansichtskarte oder machten ihr lange Gedichte in Knittelversen, und hin und wieder kam eine flüchtige Antwort von ihr und einmal die Nachricht, daß sie in drei Wochen wiederzukommen gedächte.

Mette war ruhig und glücklich in dieser Zeit. Das Zusammensein mit Peterchen tat ihr wohl. – Wenn sie zu Hause war, so las und lernte sie nach seiner Anleitung und zählte die Tage bis zu Olgas Rückkehr. Sie hatte sich ein ganzes Verzeichnis gemacht von Büchern, die sie bis dahin gelesen, von Arbeiten, die sie bis dahin erledigt haben wollte. Sie wollte überraschen durch all die Kenntnisse, die sie in der Zwischenzeit erworben hatte, und mühte sich mit brennendem Eifer.

Es wäre alles schön und gut gegangen, wenn Tante Emilie nicht gewesen wäre. Tante Emilie beobachtete und schwieg und speicherte Gift und Galle in sich auf. Und eines Tages brach es aus.

Es war nach Tisch. Mette wollte mit einem kurzen „Mahlzeit“ aufstehen und sich aus ihrem Zimmer den Hut holen.

Tante Emilie, die während des Essens schon in Positur gesessen hatte, fegte mit zierlichen Fingern ein paar Krümchen auf dem Tischtuch zusammen, und auf Mettens „Mahlzeit“ hin räusperte sie sich kurz und scharf und sagte betont:

„Vielleicht hast du die Güte, sitzen zu bleiben, bis ich vom Tisch aufstehe.“

Geduldig und gelangweilt setzte Mette sich wieder hin. Sie wußte nicht, daß es die Vorrede zu größeren Dingen sein sollte. Sie nahm es für eine der täglichen kleinen Schikanen, die einen am wenigsten Zeit und Kraft kosteten, wenn man sie mit größter Gelassenheit hinnahm.

Mette warf einen heimlichen Blick nach der Uhr. „Sie wird jetzt natürlich noch fünf Minuten sitzen, ehe sie das Zeichen zum Aufstehen gibt,“ dachte sie. „Gut, komm’ ich also fünf Minuten zu spät. Peterchen wartet.“

Tante Emilie fegte Krümchen und räusperte sich.

„Willst du so gut sein, Franz,“ begann sie (man könnte vielleicht besser sagen: sie hub an) „und deine Tochter fragen, wohin sie heute nachmittag zu gehen beabsichtigt, und mit wem sie geht? Wenn ich sie frage, so gibt sie mir zur Antwort ‚spazieren – mit Bekannten‘ oder ähnliche Geistreichigkeiten. Also bitte, frag’ du sie selbst. Vielleicht hat sie wenigstens vor dir noch so viel Achtung, daß sie dir die Wahrheit sagt.“

Franz Rudloff rollte seine Serviette zusammen und wieder auseinander, schob sie in den Ring und zog sie wieder heraus und saß in tödlichster Verlegenheit.

„Du weißt doch, liebe Emilie,“ sagte er, ohne aufzusehen, „daß ich dir die Erziehung meiner Tochter übergeben habe, weil ich weiß, daß sie nirgend so gut aufgehoben wäre, als in deinen bewährten Händen. Mette ist dir so gut Gehorsam schuldig wie mir. Du bist im Vollbesitz aller erzieherischen Gewalt ...“

„Gewalt!“ sagte Tante Emilie hohnlachend. „Was soll ich denn machen? Man kann doch einen zwanzigjährigen Menschen nicht schlagen oder einsperren.“

„Nicht gut,“ sagte Mette ruhig, „Gott sei Dank! Aber vielleicht darf ich auch mal eine Frage stellen: Möchtest du vielleicht sagen, warum und wozu du solche Maßregeln anwenden möchtest?!“

„Wozu? Zu deinem besten!“ sagte Tante Emilie in einem Ton, der flammende Empörung ausdrücken sollte. Aber der Ton blieb spitz – es war nur eine Stichflamme. „Warum? Um zu verhindern, daß du vollständig verkommst.“

„Nanu?“ Mette war immer noch mehr belustigt als erregt. „Warum soll ich denn eigentlich total verkommen? Weil ich mit einem jungen Mann spazieren gehe? Ach Gott, der arme kleine Petermann. Hast du ihn vielleicht gesehen? Ich kann ihn dir ja mal vorführen, vielleicht bist du dann beruhigt!“

„Was ist denn das für ein Mann?“ fragte jetzt Franz Rudloff mit gerunzelten Brauen. Es sollte vielleicht energisch und streng klingen. Es klang eher schüchtern.

Mette empfand für ihren Vater ein zärtliches Mitleid, das nicht frei von Verachtung war.

„Ach Gott, Papa,“ sagte sie, „ein netter, intelligenter Mensch. Aber ein armes, krankes, verwachsenes Kerlchen. Wahrhaftig, kein Mann, der der Tugend oder dem Rufe eines jungen Mädchens gefährlich werden könnte.“

„Einem normalen jungen Mädchen vielleicht nicht,“ sagte Tante Emilie, zitternd vor Bosheit. „Leider weiß ich ja nicht, wie weit bei dir die Voraussetzung der Normalität zutrifft. Es gibt ja leider Frauen genug, die sich in krankhafter Geschmacksverirrung zu allem Abstoßenden und Ungesunden hingezogen fühlen. Gerade wie es leider Gottes Frauen gibt, die jedem Neger nachlaufen.“

Mette schob ihren Stuhl zurück, daß er hart den Boden schrammte.

„Du bist ja total irrsinnig!“ sagte sie. Weiter nichts. Dann ging sie mit ihren großen, festen Schritten ins Nebenzimmer ans Telephon und stellte die Verbindung her.

„Kann ich Herrn Petermann sprechen? ... Verzeihen Sie, Peterchen, ich muß Sie heut’ versetzen ... Meine Tante erlaubt nicht, daß ich mit Ihnen spazieren gehe ... ja, es tut mir auch leid – aber da kann man nix machen – meine Tante findet es unschicklich ... nein, nein, klingeln Sie lieber nicht an, das ist vielleicht auch unpassend. Grüß Sie Gott. Lassens sich’s gut gehen!“

Ohne sich umzuwenden, ohne nur einen Blick ins Nebenzimmer zurückzuwerfen, ging sie in ihre Stube und schloß und riegelte sich ein.

Damit hatte der freundschaftliche Verkehr mit Petermann fürs erste ein Ende. – – –

Franz Rudloffs stille und empfindsame Natur litt schwer unter der gespannten Stimmung im Hause. Die Mahlzeiten verliefen in peinlichem Schweigen, jedes gemeinsame Unternehmen, ein Spaziergang, ein Theaterbesuch schien ausgeschlossen.

Er beschloß, einen Frieden zu vermitteln und versuchte, seine Tochter zu einer Bitte um Verzeihung zu bewegen. Er suchte sie zu diesem Zweck, was er selten tat, sogar in ihrem Zimmer auf.

Mette saß mit aufgestütztem Kopf über ihren Büchern. Als ihr Vater eintrat, sprang sie auf und empfing ihn wie einen verehrten Besuch. Sie rückte ihm den bequemsten Sessel zurecht und bot ihm eine Zigarette an.

Er wußte nicht recht, wie er anfangen und einleiten sollte und war voller Verlegenheit.

Mette versuchte, ihm die Lage zu erleichtern, weil es ihr peinlich war zu sehen, wie er sich quälte.

Sie versprach die Bitte um Entschuldigung, sie versprach, bei Tisch Konversation zu machen, sie versprach ein freundliches Gesicht und einen sanften Ton von morgens bis abends.

„Ich verspreche dir, mich zu beherrschen, Vater,“ sagte sie.

Beherrschung! Das war es nicht, was Franz Rudloff verlangte.

„Könntest du nicht versuchen,“ sagte er zaghaft, „innerlich in ein anderes Verhältnis zu Tante Emilie zu kommen? Sie hat wirklich so sehr schätzenswerte Eigenschaften. Es würde ein viel erquicklicheres Familienleben werden, wenn du – ich weiß, Gefühle lassen sich nicht zwingen – aber wenn du wenigstens den Versuch machtest, sie lieb zu haben.“

„Liebhaben!“ wiederholte Mette. Sie sah mit steinern ruhigem Gesicht an ihm vorüber, aus dem Fenster, aber ihr Atem ging rascher. „Ich kann dir eins versprechen: ich habe mich Zeit meines Lebens nur auf das eine gefreut, habe nur auf das eine gewartet, daß sie sterben soll. Ich habe jeden Abend den lieben Gott gebeten, er soll sie bald, bald sterben lassen.“

Franz Rudloff wurde ganz blaß.

„Mette!“ sagte er mit großen Augen.

„Ich verspreche dir, das nicht mehr zu tun!“ sagte Mette mit einem leisen, trüben Lächeln. „Es wäre jetzt auch zu spät. Jetzt bitte ich Gott nur, daß er mich bald einundzwanzig werden läßt. Daß er dies unglückselige Jahr schnell, schnell vorübergehen läßt. Wenn ich mündig bin, wird sich ja irgendein Weg finden lassen. Wenn sie mir’s dann zu bunt treibt, geh’ ich eben aus dem Hause. Wenn’s sein muß, als Kindermädchen. Wenn ich nicht mehr mit ihr zusammen zu sein brauche, soll sie meinetwegen hundert Jahr alt werden. Früher, ich kann dir sagen, früher hätte ich sie manchmal mit Genuß mit eigenen Händen umgebracht.“

Vor Franz Rudloff taten sich klaffende Abgründe auf. Er klammerte sich an den Seitenlehnen des Stuhles fest, so gewaltsam und stoßweise ging sein armes schwächliches Herz.

„Dann allerdings,“ sagte er mühsam, der Atem versagte ihm, „dann allerdings wird wohl meine Bitte auf unfruchtbaren Boden fallen. Dann, dann habe ich dir wohl auch nichts mehr zu sagen.“

Er erhob sich und ging hinaus, schwerfällig wie ein alter Mann.

Mette fühlte einen Moment den Trieb, aufzuspringen, ihn zu halten, ihn wieder zu dem Sessel zurückzuführen. Ob es nicht doch irgendeinen Weg gab, sich zu erklären, eine Möglichkeit, sich verständlich zu machen!?

„Er geht, weil er sich fürchtet,“ dachte sie, „er geht, weil er die Luft in meiner Nähe nicht mehr atmen kann, die Luft, die vergiftet ist mit dem Gift meiner bösen Gedanken. Er fragt sich jetzt verzweifelt, warum er so hart gestraft wird, daß er einer Mörderin das Leben gegeben hat. Wer weiß, womöglich geht er jetzt zu Tante Emilie und fragt sie um Rat, was er mit seiner verlorenen Tochter anfangen soll. Vielleicht konsultieren sie mal wieder einen Irrenarzt. Ich hätte die Absicht geäußert, meine Familie eigenhändig umzubringen. Nein, nein, es hat keinen Zweck, mit Erklärungen anzufangen. Vater versteht mich ja doch nicht.“

Er ging. Und sie ließ ihn gehen, ohne sich zu rühren. – – –

Es vergingen drei Wochen – vier Wochen, fünf Wochen – Olga Radó ließ nichts von sich sehen noch hören.

In ihrer Verzweiflung nahm Mette den lange vernachlässigten Verkehr mit den Möbius-Mädeln wieder auf. Sie quälte sich durch ein paar langweilige Nachmittage hindurch und fand den Mut nicht, nach Olga zu fragen. Und als sie endlich fragte, wußte niemand von ihr.

Aber eines Nachmittags stürmte Emmi ins Zimmer, gerade als Fanni Metten die höchst aufregende Geschichte erzählte, von einem Brief an sie, den ihre Mutter aufgemacht hätte. Mette wurde nicht klug aus der Sache, aber sie hatte es zu einer Art Meisterschaft darin gebracht, an passenden Stellen „Ja?“ „Ach!“ „Wirklich?“ zu sagen, ohne eine Ahnung zu haben, wovon die Rede war; also Emmi stürmte herein, warf ein paar Paketchen, die sie in der Hand trug, auf den Tisch, und rief:

„Also, wißt ihr, Kinder, wen ich eben getroffen habe? Die Olga!“

In Metten kämpften Schmerz und Freude. Also sie war hier! Man hatte die Möglichkeit, sie zu treffen, ganz unvermutet ihr plötzlich gegenüber zu stehen – das war ihr erster Gedanke. Aber ihr zweiter war: „Sie ist hier und sagt es mir nicht. Sie will mich nicht sehen. Sie ist abgereist, ohne es mir zu sagen, sie ist wiedergekommen, ohne es mir zu sagen, sie ist meiner so überdrüssig, daß sie sich Mühe gibt, mich loszuwerden. Was soll ich nur tun? Was soll ich nur tun?“

Zwischen den Schwestern entspann sich ein langes Gespräch über Olga.

„Sie hat Launen,“ sagte Fanni, „eine Zeitlang kommt sie jeden dritten Tag, und dann läßt sie sich ein Vierteljahr nicht sehen.“

„Sie will mich hier nicht treffen!“ dachte Mette bitter, „darum kommt sie nicht hierher.“

„Sie war doch so lange verreist,“ sagte Emmi entschuldigend.

„Ach, und vorher?“ fragte Fanni. „Das Vierteljahr vor der Reise? Hat sie sich da vielleicht um uns gekümmert? Da hatte sie ja auch keine Zeit!“

„Aber für mich,“ dachte Mette mit schmerzlichem Stolz, „oh, für mich hatte sie Zeit – jeden Tag, jeden Tag –.“

„Du kommst mir vor wie Tante Sophie,“ sagte Emmi und bemühte sich, ihr Puppengesichtchen zu verrenken, um der Tante nachzumachen. „Diese Olga ist eine ganz gefährliche Person. Sie spielt mit Menschen wie mit Puppen. Wenn sie sie satt hat, wirft sie sie beiseite. Und dabei ist sie faszinierend, ich gebe es zu, sie ist faszinierend!“

„Ja,“ dachte Mette, „diese Tante Sophie mag sonst so idiotisch wie möglich sein. Aber sie hat recht. Darin hat sie recht. Sie ist faszinierend. Oh, so faszinierend! Und sie hat mich beiseite geworfen. Für immer! Für ewig! Was soll ich nur tun? Was kann ich nur tun?“ – – –

Mette grübelte Tage und Nächte nach einem Ausweg. Sie fühlte, daß sie es nicht aushalten würde, sich an ihren Stolz zu klammern und zu sagen: Sie mag mich nicht, also existiert sie nicht mehr für mich. Sie sagte es sich, gewiß, nicht einmal, hundertmal. Aber ein viel stärkeres Gefühl sagte ihr: es sind Mißverständnisse, die uns trennen, es sind Hindernisse, die sich mit einem offenen Wort beseitigen lassen. Ich muß sie sprechen, ich muß sie fragen. Sie hat Mut genug und Härte genug, um mir die Wahrheit zu sagen. Ich will es ihr leicht machen. Ich will sie so fragen, daß sie es mir sagen kann, daß sie es mir sagen muß. Und wenn sie sagt: geh und komm nie wieder, dann will ich gehen und nie wiederkommen, dann will ich versuchen, mein Leben irgendwie ohne sie einzurichten, dann will ich stolz sein, aber dann erst! Erst dann!

Mette kaufte eine Handvoll weißer Rosen von eigentümlich steifer und schwermütiger Schönheit und ging hinauf zu Olga.

Das Mädchen, das ihr aufmachte, empfing sie mit strahlender Freude.

„Gnädiges Fräulein sind ja so lange nicht hier gewesen! Fräulein Radó ist hinten in ihrem Zimmer. Fräulein weiß ja Bescheid!“

Es erschien Metten unmöglich, sich durch das Mädchen melden zu lassen. Wenn Olga sich etwa verleugnen ließe, so konnte das eine unendlich peinvolle Situation herbeiführen. Wenn Olga nicht in der Laune war, sie zu sehen, so war es schon am besten, sich das ins Gesicht sagen zu lassen und nicht durch Vermittlung des Mädchens zu erfahren.

Sie schritt sehr rasch und fest den endlosen Türgang hinunter. Aber das Herz klopfte ihr doch ein wenig schneller dabei.

Sie pochte kurz an die Tür und drückte die Klinke nieder.

Olga saß am Schreibtisch, wie sie immer zu sitzen pflegte: die eine Hand auf dem aufgeschlagenen Buch, die Schläfe gegen den Ballen der anderen gestützt, zwischen deren Fingern sie die Zigarette hielt.

Als die Tür ging, wandte sie den Kopf ein wenig unwillig, mit zusammengezogenen Brauen. Das Erkennen lief wie ein heller Schein über ihr Gesicht.

„Mette!“ sagte sie. „Bist du wieder da? Wo kommst du her? Was willst du hier?“

Mette riß das Papier von den Blumen, warf es in den Papierkorb und legte die Rosen auf den Schreibtisch.

„Was ich will?“ sagte sie währenddessen, ohne die Augen von ihrer Beschäftigung aufzuheben. „Dich besuchen. Sehen, wie es dir geht. Aber wenn es dir nicht paßt, kann ich ja wieder gehen.“

„Nein!“ Olga streckte mit einer raschen und fast heftigen Bewegung die Hand nach ihr aus. Mette legte ihre Finger hinein, die Olga fest umschloß. „Aber – gerufen habe ich dich nicht!“

Sie sah zu Metten auf, mit dem seltsam zwingenden und fast drohenden Ausdruck in Stirn und Augen.

„Ich weiß es,“ sagte Mette mit einem bitteren Lächeln. „Es wäre dir auch nicht eingefallen, mich zu rufen. Ich habe selber das Gefühl, daß ich aufdringlich bin. Du brauchst es mir gar nicht so deutlich zu sagen.“

Sie wollte ihre Hand zurückziehen, aber Olga hielt sie fest und lächelte.

„Kind,“ sagte sie, „Mädelchen! Ich freue mich doch! Mehr als du annimmst. Ich glaube, wenn du wüßtest, wie ich mich freue – dann würdest du ganz eingebildet werden. Aber gerufen habe ich dich doch nicht.“

„Ja,“ sagte Mette beinah ungeduldig, „ich weiß nicht, warum du solches Gewicht auf diese Feststellung legst.“

„Aber ich weiß es,“ sagte Olga ruhig. „Du sollst mir niemals vorwerfen können, ich wäre egoistisch gewesen.“

„So,“ sagte Mette, „das ist ja heiter. Damit dich nicht irgendwann ein Vorwurf treffen kann – ich wüßte nebenbei nicht wann – darum läßt du mich sterben und verderben und kümmerst dich nicht um mich! Oh, bist du egoistisch!“

Olga lachte. „Ich geb’ es auf. Es kommt ja doch alles auf mich. So oder so. Also tragen wir, was wir tragen können, solange wir aufrecht gehen. Es ist herbstlich heut’ draußen.“

Sie schloß die Augen und zog fröstelnd die Schultern zusammen.

„Es ist gut, daß du da bist. Steck den Samowar an und mach uns Tee, Mettulein. Und wir wollen Peterchen rufen, daß er kommt und uns was vorspielt.“ – – –

Als Mette ins Zimmer trat, saß Olga auf dem Diwan, die Ellbogen auf den Knien, das Gesicht in die Hände gelegt.

„Gott, siehst du tiefsinnig aus!“ rief Mette. „Denkst du über die Unsterblichkeit der Maikäfer nach?“

„Ja!“ Olga hob mit einem Ruck den Kopf. „Und ich meine, daß das das einzige ist, was noch das Nachdenken lohnt! Sag’, hast du noch nie darüber nachgedacht?“

„Nein!“ lachte Mette. „Ganz gewiß nicht.“

„Dann ist es Zeit, daß du anfängst, darüber nachzudenken!“ sagte Olga sehr ernst.

„Ausgerechnet über die Unsterblichkeit der Maikäfer?“

„Ja, ausgerechnet über die Unsterblichkeit der Maikäfer. Ich möchte wissen, von wem das Wort stammt. Man kann nämlich über nichts so tiefsinnig werden.“

„Als gerade über die Maikäfer?“

„Meinetwegen auch über die Stubenfliegen. Oder über die Skorpione. Oder über die Kellerasseln. Glaubst du, daß eine Stubenfliegenseele in einen Maikäfer fahren kann? Oder umgekehrt? Oder glaubst du, daß sie gleich in den Himmel kommt? Oder glaubst du, daß Elefanten auf einer höheren Stufe stehen als Menschen? Oder daß es mehr als sechzehnhundert Millionen Elefanten gibt?“

„Olga!“ rief Mette zwischen Lachen und Verzweiflung und hielt sich die Ohren zu. „Hör’ auf! Bist du denn verrückt geworden?“

„Nein, nein, nein!“ sagte Olga eigensinnig. „Ich denke fortgesetzt darüber nach.“

„Worüber eigentlich?“

„Über die Unsterblichkeit der Maikäfer. Glaubst du, daß sie eine unsterbliche Seele haben? Ich will dir sagen, wie ich darauf kam. Ich las da eben vom Regenerationsvermögen gewisser niederer Tiere. Weißt du, wenn man sie halbiert, wächst einfach jedem die fehlende Hälfte nach, und es sind nun zwei da. Der Mann macht da auch die tiefsinnige Bemerkung, in welcher Hälfte sitzt nun die unsterbliche Seele? Oder teilt sich die Seele? Oder hat der Mensch die Macht, durch das Seziermesser eine neue Seele zu schaffen? Oder herbeizulocken? Wenn man anfängt, kommt man in ein solches Labyrinth.“

„Glaubst du denn an die unsterbliche Seele?“ fragte Mette zweifelnd.

„Bei niederen und niedersten Tieren? Gewiß! Aber wenn dich das Wort Seele stört, lassen wir’s fort. Ich möchte dir’s so gern klarmachen.“

Sie sah ein paar Sekunden zu Boden, hob dann die unbeschreiblich klaren und leuchtenden Augen auf und sagte betont:

„Alles, was Leben hat, hat auch Unsterblichkeit. Leben an sich kann nicht sterblich sein. – Das klingt wie ein Sophismus, ist aber keiner. Es wechselt nur die Form. Nun möchte ich wissen, ob es nur die uns wahrnehmbare, die Erscheinungsform wechselt, das heißt, ob jede Maikäferseele ein in sich abgeschlossenes ist, das wieder nur dazu dient, einem neu entstehenden Maikäfer Leben zu geben, oder ob Sterben und Geborenwerden ist, wie Tropfen, die ins Meer zurückfließen und wieder aus dem Meer geschöpft werden. Die Tropfen bleiben nicht in sich zusammenhängend, verstehst du? Und viele Tropfen geben einen Eimer. Vielleicht ist nur die Quantität ausschlaggebend und nicht die Qualität ... Vielleicht hat ein Mensch Millionen Maikäferseelen in sich. Man müßte einmal die Maikäfer auf der ganzen Erde zählen. Wenn eine Maikäferseele sich in Ewigkeit gleich bliebe, so müßte immer die gleiche Anzahl von Maikäfern existieren. Wo sind aber dann die Seelen der Tiere, die positiv ausgestorben sind? Oder flutet das Leben von einem Stern zum andern ungehindert hinüber? –

Aber ich glaube das alles nicht. Ich glaube eigentlich an eine Entwicklung, an einen Fortschritt. Man kommt von da ganz unten her – weißt du? – aus Abgründen viehischen Lebens – oh, ich weiß ganz genau, daß ich von da her komme – aber jedes Leben heißt ‚Aufwärtsentwicklung‘, jedes neue Leben fangen wir eine Stufe höher an.“

„Ach, Unsinn!“ sagte Mette ungläubig. „Woher willst du das wissen! Ich glaube nicht an unsterbliche Maikäferseelen. Ich glaube nicht einmal an meine eigene Unsterblichkeit. Alles Leben ist chemische Veränderung. Und das, was du Seele nennst, alle Eigenschaften des Geistes und des Charakters, das ist Blutzusammensetzung.“

„Mette!“ sagte Olga ganz erschrocken. „Und mit dem Gedanken kannst du leben? Und mit dem Gedanken willst du sterben? Ich würde mich fürchten vorm Tode, wenn ich nicht wüßte, daß ich unzerstörbar bin. Ich empfinde mich selbst so stark, viel stärker als den Tod. – Ich bin genau das, was ich als kleines Kind war. Nicht unverändert. Ich bin mehr geworden. Aber nicht ein Körnchen ist abgebröckelt. Und das, was ich jetzt bin, erhalt ich mir. Ich gebe nichts her davon. Das weiß ich. Aber ich nehme zu, ich wachse. Manchmal ist es wie ein Stillstand – dann geht es wieder ruckweise – manchmal eine ganze Strecke in rasendem Tempo, immer aufwärts –“ Sie schwieg, und sah mit weiten Augen geradeaus.

„Und dann?“ fragte Mette, immer noch mit leisem Widerspruch im Ton. „Was wird dann? Kommst du in den Himmel und wirst ein Engel mit weißen Flügeln?“

„Ich weiß nicht,“ sagte Olga nachdenklich. „So wenig weiß ich, daß ich selbst das nicht abstreiten kann. Eigentlich bin ich überzeugt, daß ich zunächst ein Mann werde. Und danach ein Heiliger oder ein Genie. Das ist das Höchste, was wir kennen. Die andere höhere Form, die dann kommt – davon weiß ich nichts. Aber wir müssen die fragen, die ihr am nächsten stehen – die vielleicht schon ein Vorgefühl davon haben können – die Genies – oder die Heiligen.“ – – –

Einmal, als Mette ins Zimmer kam, sah sie, daß Olga etwas versteckte. Sie schob einen offenen Brief, den sie in der Hand hielt, rasch unter die Bücher auf dem Schreibtisch. Mette glaubte zu bemerken, daß sie während der Begrüßung irgendwie zerstreut, ärgerlich, verlegen war.

„Was hast du?“ fragte sie, ohne ihre Hand loszulassen. „Hast du Ärger gehabt? Du kommst mir heut’ so komisch vor.“

„Ich?“ Olga errötete. Es lief wieder die rasche, dunkelnde Blutwelle über ihr Gesicht, die es im nächsten Augenblick um so weißer erscheinen ließ. „Was fällt dir ein? Warum soll ich Ärger gehabt haben? Im Gegenteil.“

„Im Gegenteil?“ sagte Mette mit etwas erzwungener Heiterkeit. „Du hast Freude gehabt, die dich so okkupiert? Dann wäre es allerdings indiskret, weiter zu fragen. Sprechen wir von etwas anderem. – Ich habe dir deinen Chamberlain wieder mitgebracht. Und habe dir auch gleich den Herz mitgebracht. Vater hatte ihn in der Bibliothek.“

Sie sprachen von dem und jenem. Aber Mette konnte den Brief nicht vergessen. Während sie redete, gingen ihre Gedanken immer andere Wege.

„Was ist das nur?“ dachte sie. „Eifersucht? Hab’ ich denn ein Recht dazu? Wie komme ich eigentlich dazu, verletzt, mißtrauisch, ja zornig zu sein, weil diese Frau einen Brief erhält, den sie mich nicht sehen lassen will? Herrgott im Himmel, sie ist doch durch nichts an mich gebunden, mir in Nichts verpflichtet. Sie kann heimlich verlobt sein, sie kann ein Dutzend Liebschaften haben – wie käme sie dazu, mir alles zu erzählen, mich zu ihrer Vertrauten zu machen? Was geht es mich überhaupt an, was sie für Briefe bekommt?“

Mette war böse auf sich selbst und schalt sich aus. Und dabei war sie gequält und traurig, kämpfte dagegen an und konnte es nicht überwinden.

„Es ist nicht Eifersucht,“ dachte sie, „es ist nicht Besitzer-Wahnsinn. Es ist einfach die Erkenntnis, daß man das Leben nur ertragen kann, wenn man Hand in Hand geht. Es ist das Bewußtsein, daß ich nur weiterkomme, wenn Olga meine Hand hält und mich führt. Ich habe das Gefühl, daß sie meine Hand losgelassen hat, daß zwischen uns eine Tür ins Schloß gefallen ist, daß ich allein stehe, hilflos, im Dunkeln, und daß sie lachend weitergeht – ich weiß nicht, mit wem ...“

Olga wurde ans Telephon gerufen. Es dauerte lange, ehe sie wiederkam.

Mette saß einen halben Meter vom Schreibtisch entfernt. Unter einem Bücherstoß ragte eine Ecke des weißen Briefblatts hervor. Wenn sie den Arm ausstreckte, konnte sie es berühren, konnte es hervorziehen, ohne von ihrem Platz aufzustehen.

Es war ein qualvoller Kampf. Sie hätte sich ohrfeigen mögen, weil sie nur auf den Gedanken einer Möglichkeit kam.

Es war ein Verbrechen, was sie begehen wollte – oh, es war schlimmer, es war unfein, taktlos, verächtlich. Aber sie fand tausend Gründe, sich zu entschuldigen:

„Es ist ja nicht Neugier –“ schrie es innerlich in ihr, „wem tu ich damit weh? Wem tu ich ein Leid? Niemandem. Nicht ihr, nicht dem, der den Brief geschrieben hat. Und für mich ist es von so unendlicher Bedeutung. Ich klammere mich mit allen Fasern an diesen Menschen und weiß gar nicht, was es für ein Mensch ist. Warum ist sie so verschlossen? Wenn ich mir eine Gewißheit verschaffen kann, die vielleicht mit einem Schlage mein ganzes Leben ändert, so tue ich das um jeden Preis – und wenn es um den Preis eines Verbrechens ist.“

Mit einem Ruck zog sie das Blatt hervor. Ihr Herz hämmerte wie rasend, vor ihren Augen war ein dichter Schleier, die Buchstaben flackerten auf dem Papier. Es war ein Bogen mit Firmenaufdruck, wenige Worte – Zahlen ...

Mette hörte Olgas Stimme vor der Tür und schob das Blatt hastig in die Tasche. Olga würde es kaum vermissen. Und in Metten, obgleich sie kaum gelesen, kaum begriffen hatte, was da stand, war schon ein Plan fertig.

Mette hatte es heut’ sonderbar eilig, nach Hause zu kommen. Sie war zerstreut und einsilbig, so, daß Olga einmal fragte:

„Was hast du heut’? Ist dir was passiert? Bist du schlechter Laune?“

Mette erinnerte sich belustigt des Gespräches beim Kommen.

„Im Gegenteil!“ sagte sie mit übertriebener Betonung, deren Ursache aber Olga nicht ins Gedächtnis kam – „Ich bin sogar sehr guter Laune!“ –

Mette schloß sich daheim in ihrer Stube ein und studierte den Brief wie ein wichtiges Dokument – das also war das Liebesglück, das vor ihr geheim gehalten wurde.

Die Firma ersuchte „nochmals“ um Zahlung von einigen Hundert Mark, „widrigenfalls wir die Sache zu unserem Bedauern unserem Rechtsanwalt überweisen müßten“.

Mettens Herz war zum Überfließen voll von zärtlichem Mitleid.

„Armes, Liebes!“ dachte sie, „so quälen sie dich!“

Sie hob das Blatt auf und war einen Augenblick in Versuchung, es an die Lippen zu führen.

Dann fing sie an zu rechnen. Die paar Mark Ersparnisse, die sie von ihrem Taschengeld machen konnte – nein, das langte nicht. Sie hatte zu sehr verschwendet, namentlich mit den Blumen. – Aber hatte sie sonst nichts? Sie ließ wie suchend die Blicke durch den Raum gleiten. Bücher? Nein, die gab sie nur im letzten Notfall her. Aber Schmuck. Den ganzen Kram, aus dem sie sich so absolut nichts machte. Es würde niemand danach fragen, wo Armbänder und Ringe, Halskettchen und Vorstecknadeln geblieben waren. Sie trug ja doch dergleichen Dinge nie. Schlimmstenfalls konnte man vorgeben, etwas verloren zu haben. Oder man konnte am ersten, wenn es Taschengeld gab, diese oder jene Kleinigkeit wieder einlösen.

Der ganze Inhalt der Schmucktruhe wurde in Seidenpapier gewickelt und in die Tiefe der Manteltaschen versenkt.

Der Gang zum Leihamt war leicht. Mette entsann sich fast mit Vergnügen, daß sie bei einem solchen Unternehmen nicht ohne Übung war.

Schlimmer war es, Geld und Rechnung in das Modeatelier zu bringen. Mette hatte dabei ein Gefühl, als ob sie einen schweren Betrug verüben sollte. Die Schmucksachen zu versetzen, die ihr geschenkt waren, dazu hatte sie ein gutes Recht. Aber für Olga Radó zu handeln, in Olga Radós Namen etwas zu tun, das schien ihr ein unerhörtes Wagnis. Und es war so schwer, den richtigen Ton zu treffen. Schulden zu haben, war nach allem, was Mette je gelernt und erfahren hatte, etwas sehr Entwürdigendes und beinah Schmutziges.

Wenn man also kam, um Schulden zu bezahlen, endlich, nach langem Mahnen, so mußte man ganz demütig kommen und um Verzeihung bitten. Anders, wenn man von Olga Radó kam. Dann konnte man nur mit der Miene eines fürstlichen Abgesandten auftreten und mit hoheitsvoller Überlegenheit den vergessenen Bettel erledigen.

Mette zog ihr bestes Kleid an und machte ihr hochmütigstes Gesicht. Es ging viel besser als sie erwartet hatte. Die Leute behandelten sie wirklich wie einen fürstlichen Abgesandten – sie war sehr stolz darauf, doppelt stolz, weil sie annahm, daß diese fast unterwürfige Liebenswürdigkeit Olga Radó galt.

Ja, das war alles ganz leicht. Aber nun trug sie die quittierte Rechnung in der Tasche und hätte nicht um alles in der Welt den Mut gefunden, sie Olga zurückzugeben. Sie beruhigte sich damit, daß es ja auch wohl kaum nötig wäre. Die Leute würden nun nicht mehr mahnen, und Olga würde die ganze Angelegenheit vergessen.

Nach acht Tagen triumphierte Mette schon heimlich und hielt jede Gefahr für glücklich vorübergegangen. Da wurde sie eines Tages von Olga mit eiskaltem Gesicht empfangen.

„Was fällt dir eigentlich ein?!“ sagte Olga statt jeder Begrüßung, „wie kommst du eigentlich dazu, mir so etwas zu machen.“

„Ich?“ sagte Mette und bemühte sich, ein harmloses Gesicht zu machen, „was hab’ ich denn gemacht?“

„Du weißt ganz genau, was du gemacht hast!“ sagte Olga streng. „Du hast dich unverantwortlich benommen. Unverantwortlich! Ich dulde es nicht, daß sich jemand in meine Angelegenheiten mengt. Und von dir dulde ich es am allerwenigsten. Siehst du nicht ein, was für eine unerhörte Anmaßung in deinem Benehmen liegt? Willst du mich unter Kuratel stellen? Oder willst du mich aushalten? Was denkst du dir denn eigentlich?“ Sie ging mit großen Schritten hin und her. Ihr Ton war immer hitziger und heftiger geworden. Jetzt blieb sie plötzlich, an den Schreibtisch gelehnt, stehen, kreuzte die Arme und sagte ganz ruhig, nur mit einer leisen Bewegung des Kopfes:

„Wie bist du denn überhaupt zu der Rechnung gekommen?“

Mette schrak zusammen. Das war der Augenblick, den sie gefürchtet hatte. Alles andere war vielleicht Torheit, aber es war gutmütig, selbstlos gehandelt, sie konnte es mit einem Schein des Rechtes verteidigen, wenigstens vor sich selber. Aber auf diese Frage konnte sie keine Entschuldigung hervorbringen.

Jetzt war doch alles aus. Mit keiner Lüge konnte sie sich mehr retten. Da beschloß sie in verzweifeltem Trotz die Wahrheit zu sagen. Sie warf den Kopf zurück und sah zu Olga auf, mit einem Gesicht, als wollte sie sagen: ich habe den Tod verdient, aber ich fürchte ihn nicht.

„Ich habe sie gestohlen!“ sagte sie. „Von deinem Schreibtisch.“

Olga blieb ganz ruhig. Sie zog nur ein wenig die Brauen zusammen als müsse sie sich besinnen. „Sie war gekommen, während du da warst, nicht wahr?“

„Ja!“

„Aber ich habe sie doch nicht offen liegen lassen. Ich weiß jetzt ganz genau – ich hatte sie irgendwo unter die Bücher geschoben.“

„Ja,“ sagte Mette mit zusammengebissenen Zähnen, „aber ich habe sie da vorgezogen.“

„Wann?“ fragte Olga in höchstem Erstaunen.

„Während du am Telephon warst.“

Olga antwortete nichts. Sie senkte den Kopf und sah schweigend auf den Boden. Mette sah, daß sie mit festgeschlossenem Mund mit den Zähnen an der Unterlippe nagte ...

Das Schweigen war fürchterlicher als jedes harte Wort. Mette kam sich unglaublich verworfen vor. Und die Inquisition hatte noch kein Ende. Es kamen noch schlimmere Fragen, ganz gewiß, noch viel schrecklichere.

Nach einer Weile hob Olga den Kopf. „Du konntest doch aber gar nicht wissen, was das war. Es konnte doch gerade so gut ein ganz persönlicher Brief an mich sein?!“

Mettes Stirn fing an zu brennen. „Jetzt müßte ich lügen“ – dachte sie einen Moment – „sagen, ich habe die Zahlen gesehen, oder den Firmenaufdruck.“ Aber sie konnte nicht lügen. Sie hatte etwas so Verächtliches getan, sie hatte kein Recht, sich Olgas Verzeihung durch eine Lüge zu erkaufen. Sie mußte eingestehen, abbitten – büßen.

„Das dachte ich ja!“ sagte sie mit fast heftiger Entschlossenheit. Aber dabei konnte sie nicht in Olgas Gesicht sehen. Sie sah an ihr vorüber aus dem Fenster. Aber ohne hinzusehen, sah sie, daß Olga eine hastig auffahrende und gleich wieder unterdrückte Bewegung machte.

„Das hast du dir gedacht?“ sagte sie.

Metten schien es, als ob sie mühsam, mit gewaltsamer Beherrschung so leise spräche, um nicht zu schreien.

„Aber ich bitte dich, du mußt doch irgendeinen Grund gehabt haben. Ich kann doch nicht annehmen, daß du aus einer ganz dienstmädchenhaften Neugier in jedes fremden Menschen Briefen stöberst.“

„Nein,“ sagte Mette verstockt. „Ich hatte auch einen Grund, natürlich hatte ich einen Grund. Aber ich kann ihn nicht sagen.“

„Wenn du ihn nicht sagen kannst,“ sagte Olga mit einem sanften Lächeln, „dann will ich dich auch nicht danach fragen. Aber ob mit, ob ohne Grund – sag’ mal – findest du es eigentlich schön?“

„Nein!“ gestand Mette ehrlich.

„Nicht wahr?“ sagte Olga rasch. „Ich finde es auch nicht schön.“ Und nach einer Pause fügte sie nachdenklich und fast schmerzlich hinzu: „Aber begreiflich. Trotzdem – laß’ es. Mißtrauen ist etwas so Häßliches. Wenn ich etwas geheim halten will, liebes Kind, dann mach’ ich das so raffiniert, daß man mir mit so törichten kleinen Streichen nicht dahinter kommt!“

Es war in ihrem Ton eine so hohnvolle Überlegenheit, daß Mette erschrak. Sie fühlte die Wahrheit dieser Worte, sie fühlte, daß Olga wie mit Mauern umgeben war, durch die sie – die dumme, kleine Mette – niemals zum Kern ihres Wesens gelangen konnte, auch wenn sie ihr nachspürte wie ein Verbrecher und heimlich ihre Briefe las.

Es schien, als ob Olga Mettens wortloses Erschrecken gefühlt hätte.

Sie sagte plötzlich mit ihrer tiefen, warmen Stimme:

„Im übrigen verberge ich dir ja nichts. Nichts, was dich interessiert. Ich schreibe keine Liebesbriefe und kriege keine. Wenn’s dich aber einmal reizt, irgend etwas in Erfahrung zu bringen – frag’ mich – es ist der glätteste Weg.“

Der gute und herzliche Ton tat Metten unendlich wohl, zehnfach wohl nach der Angst, die sie ausgestanden hatte. Sie machte eine unwillkürliche Bewegung. Ein heiß aufwallendes Gefühl trieb sie zu Olga hin, um ihr in Dankbarkeit die Hände zu küssen. Olga sah oder fühlte diese Regung – sie wehrte sie ab. Es war nur ein kaum merkliches Zucken, das um ihre Brauen lief und das Metten zurückscheuchte und an ihren Platz bannte.

„Ich möchte Arabisch lernen,“ sagte Olga rasch, beinah hastig, mit einem gewaltsamen Sprung der Gedanken. „Ich habe mir neulich die Schriftzeichen erklären lassen. Die Schrift ist wie die Erfindung eines klugen und unendlich sympathischen Mannes. Alles logisch, einfach und dabei von ästhetischem Reiz.“

„Olga!“ sagte Mette. „Wie kommst du darauf?! Wozu soll man Arabisch lernen, was man nie im Leben braucht?!“

„Brauchen?“ fragte Olga. „Lernt man Sprachen, um sie zu brauchen? Glaubst du, daß mir jemand imponiert, der in zweiundzwanzig Sprachen ein Zimmer mit zwei Betten bestellen kann? Das kann man doch auch praktischer mit alba duo abmachen. Wenn ich Sprachen lerne, so ist das ein rein psychologisches Interesse. Wie ein Satz sich aus Zeichen aufbaut – darin spiegelt sich die Seele eines ganzen Volkes. Ähnlichkeit der Sprache, das macht Verwandtschaft, das ist Verwandtschaft – aber nicht, ob der Haardurchschnitt dreikantig oder elliptisch ist“ – – –

Erst als Mette sich den Hut aufsetzte, um zu gehen, sagte Olga plötzlich:

„Willst du mir einen Gefallen tun, Mette?“

„Jeden!“ sagte Mette mit Überzeugung.

„Aber es ist keine leichte Aufgabe – ich“ ...

„Desto besser!“

„Nein, nein, keine romantische Heldentat. Etwas ganz kleinlich Unangenehmes!“ Sie nagte die Lippen und zögerte. „Ich würde es gern anders machen, aber ich weiß wirklich nicht wie. Du sollst etwas tun, was du sicher in deinem ganzen Leben noch nicht getan hast. Du sollst für mich etwas aufs Leihamt tragen.“

Mette lachte hellauf. „Da unterschätzt du mich bedeutend. Das Leihhaus ist eine meiner vertrautesten Kindheitserinnerungen!“

„Aber Mette!“

„Das ist eine lange Geschichte. Das muß ich dir mal erzählen. Aber sag, was du jetzt wolltest!“

„Du sollst das da für mich zum Pfandleiher tragen!“

Olga nahm mit einer raschen Bewegung das Zigarettenetui vom Schreibtisch und reichte es hinüber.

Mette hielt es erschrocken in beiden Händen.

„Olga, das kannst du nicht tun!“

Olga sah aus dem Fenster. „Laß das, bitte!“ sagte sie hart, ohne den Kopf zu wenden. „Ich weiß allein, was ich tun kann, und was ich tun muß!“

Mette schwieg. Auf diesen Ton gab es keine Widerrede. Aber sie war nicht überzeugt. – – –

Mette sah immer noch die zärtliche Geste, mit der Olga das Etui an die Wange gepreßt hatte. Und dann sah sie die behaarte Hand des Pfandleihers mit den platten, schwarzgeränderten Nägeln. Nein, in diese Hände durfte sie den Skorpion nicht legen.

Sie trug das Etui zum Goldarbeiter und ließ es schätzen.

Sie hatte nicht so viel Geld in ihrem Besitz, um den frommen Betrug, den sie vorhatte, ausführen zu können.

Aber sie wußte sich zu helfen. Sie war nicht umsonst Friedel Eggebrechts Schülerin gewesen. Sie wußte so gut, wie man an das Silberzeug herankonnte, und in welchem Kasten das wertvollste war.

Während Mette heimlich an das Büfett ging, dachte sie ein Dutzend Jahre zurück und lächelte. Es war nicht mehr so aufregend wie damals. Obgleich, wenn Tante Emilie es entdeckte, würde es genau dieselben Unannehmlichkeiten geben. Sie war fähig, wieder einen Psychiater zu rufen. Was war es doch im Grunde für eine lächerliche Komödie! In einem Jahr war sie mündig und durfte über ihr großmütterliches Erbe frei verfügen, und heute mußte sie, um sich ein paar hundert Mark zu verschaffen, in ihres Vaters Hause stehlen gehen! – – –

„Willst du so gut sein und mir den Schein geben?“ fragte Olga das nächste Mal.

„Den Schein?!“ Mette wurde ein wenig verlegen und kramte in ihrer Tasche. „Ja, sofort! Wo habe ich ihn denn? Du brauchst keine Angst zu haben, er ist da! Ich will dir nur erst das Geld aufzählen!“

„Das laß, bitte!“ sagte Olga bestimmt. „Das Geld ist da, wo es hingehört. Keine Szenen, bitte. Ich habe dir kein Recht gegeben, mich zu beleidigen.“

„Ich verstehe dich nicht,“ sagte Mette ratlos. „Was soll denn das heißen?“

„Das soll heißen, daß ich mich bedeutend lieber an eine Straßenecke setzen will und betteln, als daß ich dir Geld schuldig sein will. Ich hab’ auch nur deswegen dich zum Leihamt geschickt, damit du das Geld gleich in Händen hast. Sonst hätt’ ich dir’s aufdrängen müssen, und ich hasse solche Szenen. Und jetzt genug davon geredet, ich will kein Wort mehr hören!“

„Aber ...“

„Kein Wort – hab’ ich gesagt. Im übrigen kannst du den Schein behalten. Du kannst es mir wieder einlösen. Ich will lieber nicht sehen, in wessen Händen es war. Ich werde dir gelegentlich das Geld geben –“ sie lachte kurz auf. „Wann, mögen die Götter wissen! Komm, wir wollen eine Partie Schach spielen. Ich gebe dir einen Turm vor.“ – – –

Mette litt unter ihrer Unselbständigkeit. Sie spürte eine Art Neid gegen alle Frauen, die sie arbeiten sah. Nicht nur gegen die, die in der Öffentlichkeit standen, Reichtümer erwarben, laute Anerkennung fanden – sie hätte gern mit einer kleinen, blassen Lehrerin getauscht, die jeden Morgen an ihrem Fenster vorüber nach der Schule hastete. Oder mit ihrer Zahnärztin, die nach ihrer eigenen Aussage jeden Abend müde zum Umfallen war und die dabei doch immer brannte vor Arbeitseifer und Arbeitsfreude.

Mette suchte ihren Vater in seinem Zimmer auf, in der Absicht, eine recht ernsthafte Unterredung mit ihm zu führen. Sie konnte nicht in Tante Emiliens Gegenwart die Rede auf das bringen, was sie beschäftigte.

Mette holte weit aus, um sich ihrem Vater verständlich zu machen.

„... siehst du, Papa, es ist doch heutzutage nicht mehr wie in deiner Jugend, daß die Mädchen aus gutem Hause hübsch still zu sitzen hatten und weiter nichts lernen durften, als Kochen, Plätten und Nähen. Heutzutage ist es eigentlich für ein Mädchen ebenso selbstverständlich wie für einen Jungen, daß er irgendeinen Beruf, irgendein Studium ergreift. Und außerdem, selbst, wenn ich Hausarbeit tun wollte. – Du weißt ja selber, daß ich hier überflüssig bin. Tante Emilie macht alles so musterhaft, nein, Papa, du brauchst nicht aufzufahren, das soll keine Ironie sein, sondern aufrichtige Anerkennung, auch kein Vorwurf; denn ich dränge mich gar nicht danach, die Wirtschaft selber zu besorgen. Nur – ich kann doch nicht mein Leben lang zu Hause sitzen und die Hände in den Schoß legen und warten, ob der Freiersmann kommt. Es würde mir so Freude machen, irgendeine wirkliche Arbeit zu verrichten.“

„Arbeit,“ sagte Franz Rudloff zögernd, „über den Begriff ‚Arbeit‘ gehen die Ansichten sehr weit auseinander. Die meisten Menschen pflegen nur das für Arbeit zu erklären, was ihnen unangenehm ist. Ein schwächlicher Mensch wird Steine tragen für eine Arbeit erklären und ein hartschädeliger: Vokabeln lernen. Es gibt Leute, die das, was ich treibe, für Arbeit erklären. Ich nenne es einen fortgesetzten, intensiven Genuß. Was verstehst du nun unter Arbeit?“

„Etwas, das bezahlt wird, Papa!“ sagte Mette ernsthaft. „Ich möchte gern Geld verdienen.“

„Geld!“ Franz Rudloff verzog leise das Gesicht wie in Schmerz und Ekel. „Merkwürdig! Wie kommt meine Tochter zu der Sehnsucht nach Geld?! Es schafft ungesunde Zustände, wenn durch Generationen Kapital auf Kapital aufgehäuft wird. Wer kein Geld hat, soll welches zu erwerben trachten, und wer es hat, soll es ausgeben. – Du hast doch nicht nötig, Geld zu verdienen. Versteh’ mich nicht falsch. Ich fände es nicht im mindesten unehrenhaft oder nicht standesgemäß, wenn meine Tochter gegen Bezahlung arbeitete, ich würde dir das gern zugestehen – wenn du es müßtest. Aber das Reizvollste, was das Leben bietet, sind doch nun einmal die brotlosen Künste. Wer soll sich ihnen widmen, wenn nicht der, der auskömmlich zu leben hat? Sollen sie alle vernachlässigt werden, weil auch der Wohlhabende kein anderes Streben hat, als Geld zu verdienen?“

„Du hast vollkommen recht, Papa,“ sagte Mette gequält. „Aber es ist für einen erwachsenen Menschen schrecklich, wenn er um jeden Pfennig bitten muß. Wenn ich ein Paar Handschuhe brauche, dann geht Tante Emilie mit mir und kauft sie. Und wenn ich graue haben möchte, nimmt sie braune. Und wenn ich welche für sechs Mark fünfzig haben möchte, nimmt sie welche für sechs Mark fünfundzwanzig. Und ich darf nichts sagen, weil ich ja tatsächlich nicht imstande bin, mir fünfundzwanzig Pfennige zu verdienen. Das ist doch ein schrecklich beschämendes Gefühl.“

„Aber du hast doch Geld,“ sagte Rudloff eigensinnig. „Wozu willst du etwas verdienen?“

„Ich habe es nicht,“ sagte Mette ungeduldig. „Ich höre immer, daß ich reich bin und habe de facto nicht einen Pfennig zur Verfügung.“

„Sei doch froh,“ beharrte Rudloff. „Danke doch Gott, wenn alle deine Bedürfnisse befriedigt werden, ohne daß das Geld durch deine Finger geht. Deine Mutter hat sich immer geweigert, Geld anzufassen. Aber wenn du gern –“ er räusperte sich verlegen – „wenn du gern etwas nach deinem Geschmack auswählen möchtest, so verstehe ich das ja vollkommen.“ (Das verstand er wirklich.) „Du kannst ja dann in Geschäfte gehen, wo man mich kennt und kannst die Rechnungen ins Haus schicken lassen. Solange sich das in vernünftigen Grenzen hält, wird ja kein Mensch etwas dagegen haben.“

„Und was soll ich mit meiner freien Zeit anfangen?“ fragte Mette unüberzeugt.

„Lernen, studieren! Nimm Unterricht in fremden Sprachen! Höre Vorträge über Literatur und Kunstgeschichte! Da bist du meiner Unterstützung immer sicher. Zu diesem Zweck kannst du auch meine Börse in Anspruch nehmen, soviel es dir beliebt. Das weißt du!“ – – –

Herbstlicher Regen prasselte auf das Blech der Fenstersimse.

Olga hatte die Vorhänge zugezogen und zusammengesteckt. In dem sanften Lichtkreis der buntverschleierten Lampe schwebte und wallte der bläuliche Nebel der Zigaretten.

Olga lag auf dem Diwan, bäuchlings, die Ellbogen in einen Berg zerdrückter Seidenkissen gestützt. Im Sessel kauerte Mette mit hochgezogenen Füßen, und auf dem Schreibtischstuhl hockte Peterchen.

„Ja,“ sagte Mette trübselig. „Ich hatte so schöne Pläne und nun wird wieder nichts daraus. Ich wollte so gerne irgendeinen Beruf ergreifen und Geld verdienen. Aber mein Vater sagt, ich hätte genug.“

„Sei doch froh,“ sagte Olga. „Es gibt nichts Angenehmeres, als Geld zu haben und es auszugeben. Und nichts Widerlicheres, als es zu brauchen und nicht zu haben.“

„Ich hab’ es doch aber nicht!“ widersprach Mette. „Das ist’s ja eben! In der Theorie hab’ ich es! In der Praxis brauch’ ich es und hab’ es nicht!“

„Du brauchst es!“ sagte Olga entrüstet. „Lächerlich! Wozu denn? Um mir Orchideen mitzubringen. Wenn ich Tante Emilie wäre, ich würde dir ja dein Taschengeld entziehen. Wenn ich noch auf solche phantastische Ideen käme. Geld zu verdienen, mein’ ich. Geld verdienen zu wollen, wenn wir uns korrekt ausdrücken wollen.“

„Du hättest es sicher leicht!“ sagte Peterchen. „Du mit deinen eminenten Begabungen!“

„Ja,“ sagte Olga ironisch. „Es fehlen mir bloß die Leute, die meine Begabung anerkennen. Ich könnte mich bei einem großen Modeatelier engagieren lassen und sagen: ‚Bitte, macht das so und macht das so!‘ Aber man darf mich nicht zwingen, jemals eine Nadel anzurühren. Ich könnte auch zu einem Bildhauer oder Maler gehen und ihm sagen, wie er’s machen müßte. Oder ich könnte Theaterkritiker werden.“

„Du könntest schreiben,“ sagte Peterchen. „Du hast sicher Talent dafür.“

„Weißt du, was ich schreiben möchte?“ Olga fuhr mit einem Ruck in die Höhe, „die Geschichte der Fürstin von Massa, die das Volk liebte; denn ich glaube nicht, daß sie aus feiger Angst den Fürsten bewog ... Kennst du sie? Es ist eine grauenhafte und wundervolle Geschichte:

Masaniello war tot. Aber der Aufstand in Neapel tobte weiter. Von Madrid aus schickte man den Don Juan d’Austria mit einer Flotte ab. Das Volk war führerlos, ein Ungeheuer ohne Kopf. Die Massen brauchten einen Führer, sie schrien nach ihm – sie zogen vor den Palast des Fürsten von Massa und riefen nach ihm.

Francesco Toraldo, der Fürst von Massa, war ein kühner und gerader und gerechter Mann. Er war sicher dem König und der Regierung ergeben; denn als die Unruhen anfingen, hatte er die Truppen des Vizekönigs angeführt, hatte Castelnuovo und Castel Sant Elmo verteidigt. Er liebte das Volk nicht. Aber er liebte seine schöne Frau. Und die Fürstin liebte das Volk. Sie bat ihren Gatten – ihren Gatten, den sie anbetete – die Führerschaft der Massen zu übernehmen.

Sie liebte das Volk. Und sie fühlte sich von dem Volke geliebt. Wenn sie durch die Straßen fuhr, drängten sich die jauchzenden Kinder um ihren Wagen, und die Frauen hoben ihr die Säuglinge entgegen, und die Männer neigten sich tief und sahen ihr lächelnd nach.

Aber sie liebte auch die Fürsten und Edlen – sie liebte Giuseppe Carafa, den sie ermordet hatten, und Diomede Carafa, der geflohen war, und dessen herrlicher Palast eine wüste Trümmerstätte war. Sie liebte alles und alle, glaube ich – weil sie Francesco Toraldo liebte, und weil sie glücklich war.

Sie glaubte so unerschütterlich an Gott und an das Gute im Menschen. Sie hatte so unendliches Mitleid mit dem armen Volk, das von Gaunern und Wahnsinnigen in die Irre geführt wurde – sie hatte so felsenfestes Vertrauen auf die starken Hände Francescos, die die Zügel aufnehmen sollten, die am Boden schleiften, so felsenfestes Vertrauen, daß keinem, keinem mehr ein Unrecht geschehen könne, wenn nur Toraldo hinausträte unter die aufjauchzenden Massen und sagte:

‚Folget mir nach!‘

Francesco Toraldo übernimmt den Oberbefehl über die Aufständischen. Gezwungen, gegen sein innerstes Gefühl. Aber da er ihre Sache nun einmal zu seiner eigenen gemacht hat, setzt er sich auch mit ganzer Kraft für sie ein – wie es für seine gerade und ehrenhafte Natur selbstverständlich ist.

Irgendeinem Schlächterburschen, der lieber morden will als Krieg führen, lieber plündern, als für geringen Sold arbeiten, ist Toraldo im Wege. Er beschuldigt ihn des geheimen Einverständnisses mit Don Juan und den königlichen Truppen.

Der Pöbel, ohne ihm auch nur eine Stunde Zeit zu lassen, daß er sich rechtfertigen könnte, schleppt den vergötterten Führer auf den Fischmarkt, schlägt ihm auf einer Steinbank den Kopf ab, reißt ihm das Herz aus dem Leibe und trägt es auf silberner Schüssel nach dem Kloster, wo die Fürstin von Massa Zuflucht genommen hat. Die zitternden Nonnen verrammeln die Türen. Die rasenden Horden häufen Stroh und Holz um das Kloster und beginnen es anzuzünden.

Da geht die schöne Fürstin von Massa durch die jammernden Nonnen hindurch und läßt sich die Tore aufriegeln und tritt hinaus und steht auf den Stufen und nimmt aus den Händen der Mörder auf silberner Schüssel das Herz des Francesco, noch dampfend von der Wärme seines Lebens.

Und keiner wagt, sie anzurühren.

Aber den Körper des Francesco Toraldo hängen sie an einen Galgen, und sein blutiges Haupt tragen sie auf einer Pike durch die Straßen der Stadt.

Nach zwei Tagen wissen sie es alle, daß er niemals daran gedacht hat, sie zu verraten.

Sie schneiden den Leichnam vom Galgen und waschen ihn und salben ihn und hüllen ihn in kostbare Seide. Mit schwarzen Floren bedecken sie die Trommeln, mit schwarzen Floren umwinden sie die Kerzen, sie schleifen die Fahnen und Standarten am Boden hin. Weinend und Gebete murmelnd, folgt das ganze Volk von Neapel dem Sarge, und über der ganzen Stadt hallen unablässig die klagenden Glocken.“ –

Sie schwiegen alle drei.

Nach einer ganzen Weile sagte Peterchen nachdenklich:

„Weißt du, Olga, es wäre ein wundervoller Vorwurf für eine Tragödie. Die Szene im Palast zwischen dem Fürsten und der Fürstin, wenn die Menge draußen nach ihm schreit, und sie ihn überredet ... und die Szene mit den Nonnen ...“

„Schreib’ sie!“ sagte Olga kurz.

„Nein, du sollst sie schreiben!“ wehrte sich Peterchen. „Ich kann doch nicht!“

„Ich kann auch nicht,“ sagte Olga schwermütig, „ich empfinde es als so stark, daß man kein Wort hinzuzusetzen braucht. Solche Dinge sind immer am schönsten, wie sie in jeder Chronik stehen. Ich bin nicht für die Kunst geboren. Ich könnte mich auch nicht hinsetzen und einen Wald abmalen, der nicht rauscht, oder eine Wiese, die nicht duftet. Ich glaube, Künstler sein, heißt: respektlos sein. Sich einbilden, daß man es besser machen könnte als das Schicksal oder die Natur oder die Geschichte. Wenn mir irgend etwas begegnet, was nach der Meinung anderer Leute wert wäre, beschrieben oder abgemalt oder sonst wie bearbeitet zu werden – ich weiß nicht – ich habe weder den Mut noch das Verlangen, da hineinzupfuschen. Es ist mir einfach zu schade dazu.“ – – –

„Weißt du?“ sagte Olga das nächstemal, „ich hab’ eine Idee! Meinst du nicht, Mette, ich könnte Sprachunterricht geben? Jeden Tag fünf Stunden à 2 Mark sind 10 Mark, davon müßte man doch eigentlich leben können, wenn man sich sehr einrichtet.“

„Eine reizende Idee!“ sagte Mette entrüstet. „Erstens sehe ich dich von zehn Mark täglich leben, und zweitens hab’ ich dann überhaupt gar nichts mehr von dir!“

„Darüber kannst du dich allerdings beklagen!“ sagte Olga lachend, „du bist ja auch nur jeden Tag, den Gott werden läßt, von morgens bis mittags und von nachmittags bis abends mit mir zusammen.“

„Wenn es dir zuviel ist,“ – Mette war ernstlich etwas gekränkt – „dann brauchst du es ja nur zu sagen.“

„Hab’ keine Angst,“ sagte Olga beruhigend, „ich kann mich wehren. Wenn ich einen Menschen los sein will, werd’ ich deutlich!“

„Gott sei Dank! Wenn ich mich darauf verlassen kann. Aber jetzt habe ich wirklich eine Idee: wir werden das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Du kannst mir die fünf Stunden täglich Unterricht in fremden Sprachen erteilen, und ich werde mir von meinem Vater das Geld dafür geben lassen – auf seinen eigensten Wunsch.“ – – –

Es ging nicht ganz so glatt, wie Mette es sich gedacht hatte. Tante Emilie suchte die Sprachlehrer selber aus – ein paar sehr würdevolle ältere Damen – ein vierundsechzigjähriger Professor schien ihr schon bedenklich, weil er unverheiratet war, und sie ging selber mit Metten hin und meldete ihre Nichte an.

Dadurch hatte Mette nachher die peinliche Aufgabe, den Unterricht wieder abzusagen.

Wenigstens hatte sie es erreicht, daß der Vater ihr das Stundengeld übergab und nicht – wie er wollte – es per Postscheck zahlte oder durch die Bank überweisen ließ.

Olga nahm es sehr genau mit den Stunden. Sie hielt sie mit gewissenhaftester Pünktlichkeit ein und gab sich streng und pedantisch als Lehrerin. Mette lernte mit Feuereifer, um ihre Ansprüche zu erfüllen.

Soweit ging alles wie geplant, nur daß Olga nicht daran dachte, sich einzurichten und von dem Stundengeld zu leben.

Es kamen so wundervolle, durchsonnte Oktobertage. Und es machte so unbändiges Vergnügen, im offenen Auto durch den flammenden Wald zu jagen, nach Wannsee oder die Heerstraße hinunter, irgendwo an die breite blaue Havel.

Natürlich sahen sie ein, daß sie sich das eigentlich nicht leisten durften, das heißt, Olga sah es ein, und wenn sie wieder Waldsehnsucht hatten, fuhren sie mit dem Vorortzug dritter Klasse, um zu sparen, und ließen sich in der denkbar schlechtesten Luft geduldig schieben und drücken.

Aber am anderen Tag hatten sie einen unbezwinglichen Hunger nach Musik, und in der Oper gab es „Tristan“ und natürlich nur noch die teuersten Plätze. Auf solche Weise ließen sich nicht gut Ersparnisse machen. – – –

Sie fuhren am frühen Nachmittag nach Wannsee. Weil es ja eigentlich „Stunde“ sein sollte, sprachen sie in der Bahn Italienisch miteinander, im gedämpften Ton. – Es war vielleicht deswegen, daß der Herr in dem braunen Überzieher ihnen gegenüber immer über den Rand seiner Zeitung schielte und sich augenscheinlich bemühte, ein Wort von ihrer Unterhaltung aufzufangen.

Metten machte das Spaß. Sie empfand einen geradezu kindischen Stolz, wenn sie bemerkte – was oft geschah – daß Olga beobachtet wurde. Sie nahm es keinem Menschen übel, wenn er ihre schöne Freundin in der ungezogensten Weise anstarrte. Sie hätte manchmal direkt sagen mögen: „Ja, seht sie euch nur an! Ist sie nicht schön? Und das darf ich alle Tage sehen, alle Tage!“

Und dann betrachtete sie sie wieder, als sähe sie sie zum erstenmal, und die reinen edlen Linien ihres Profils, die lässig-anmutigen Bewegungen ihrer königlichen und doch geschmeidigen Gestalt, der bezaubernde Klang ihrer tiefen Stimme – alles erfüllte sie immer wieder mit einem Entzücken, das an Andacht und Rührung grenzte. – – –

Sie bummelten durch die Straßen, bewunderten die Gärten in ihren wunderbar leuchtenden Herbstfarben und suchten sich eine Villa aus. Das taten sie oft auf ihren Spaziergängen.

Und wenn sie ein Haus gefunden hatten, das ihnen gefiel – aber auch der Garten mußte danach sein, und die Garage und die Spitzengardinen an den Fenstern – dann konnte es Olga plötzlich einfallen zu sagen, daß sie eigentlich noch eine Abendgesellschaft größeren Stils geben müßten – vor ihrer Abreise nach Kairo – und Mette sollte doch mit Schmidt telephonieren, der Blumen wegen, und dann kam eine lange Beratung, in welcher Farbe sie diesmal den Tafelschmuck nehmen sollten. – Und sie einigten sich auf blaßlila Treibhausflieder und Orchideen und was es sonst noch in der Farbe gab. Aber dann konnten sie nicht das Sèvres-Porzellan nehmen; denn das Kobaltblau vertrug sich nicht mit hellila – und ob sie das Essen bestellen oder alles im Hause machen ließen? Ob sie sich vom Grafen Oriola seinen französischen Koch ausleihen sollen? Dann wurde die Speisenfolge beraten und die Weine dazu. Aber das hübscheste war immer die Liste der Gäste aufzusetzen und Tischordnung zu machen.

Gerhart Hauptmann sollte Julia Culp zu Tisch führen.

„Nein, er muß dich doch führen,“ bestimmte Mette. „Du bist doch die Hausfrau!“

„Ich?“ sagte Olga. „Nein, das bist du doch!“

Sie standen vor einem breiten schmiedeeisernen Portal und sahen in einen wunderschönen Garten.

„Schade,“ sagte Olga mit einem bewundernden Blick auf die breite Terrasse, „es ist schon zu spät, um im Freien decken zu lassen. Aber nächstes Jahr müssen wir in einer Juninacht ein Gartenfest geben – hier auf der Terrasse essen – und plötzlich erscheinen auf dem Wasser lauter kleine Barken, ganz, ganz voll Rosen, jede mit einer bunten Lampe, und alle Gäste steigen in die Boote, immer zwei, und fahren hinaus, wohin sie wollen, auf das weite, dunkle Wasser ...“

„Und mit wem möchtest du mir davonfahren?“ fragte Mette mißtrauisch.

Olga stampfte mit dem Fuß auf. „So seid ihr nun!“ sagte sie mit Empörung flammenden Augen. „Willst du dir jetzt vielleicht den Tag verderben, weil ich dir davonfahren könnte, wenn wir in dieser Villa ein Gartenfest geben. Wenn man sich schon etwas Unsinniges ausdenkt, dann muß es doch wenigstens etwas Schönes sein.“

Ein Herr in braunem Überzieher streifte sehr dicht an ihnen vorüber und sah sich in einiger Entfernung mit einer merkwürdig vorsichtigen Geste nach ihnen um.

„Das war der Mann aus der Bahn,“ sagte Mette. „Der hält dich für eine schöne Römerin und möchte für sein Leben gern mit dir anbandeln. Ich glaube, ich werde diskret sein und mich zurückziehen.“

Olga fuhr bei Mettes ersten Worten zusammen.

„Wir wollen umkehren!“ sagte sie hastig. „Trinken wir oben bei Schultheiß Kaffee. Der geht jetzt sicher nach dem schwedischen Pavillon, und ich habe keine Lust, ihm nachzulaufen.“

Mette lachte hell auf. „Meinetwegen kannst du! So hab’ ich mir den nicht vorgestellt, mit dem du mir davongehst! Einen so perversen Geschmack hätt’ ich dir nicht zugetraut! Aber da du so vor ihm fliehst, scheint es gefährlich.“

Olga antwortete mit keinem Wort, mit keinem Lächeln auf Mettens Neckereien. Sie preßte die Lippen aufeinander, zog die Brauen zusammen und ging so rasch, ein wenig vornüber geneigt, den Kopf gesenkt, die Schultern hochgezogen, als liefe sie vor einer unsichtbaren Peitsche.

Sie saßen oben beim Schultheiß und tranken ihren Kaffee. Aber Olgas gute Laune schien verflogen. Sie saß da, beide Hände in den Jackentaschen vergraben, als ob sie fröre und war zerstreut und einsilbig.

Sie hatte sich eben mit einem: „Du entschuldigst, ich muß rauchen“, eine Zigarette angezündet, als Mette den Herrn im braunen Überzieher in den Garten treten sah. Er stand einen Augenblick still, ließ einen prüfenden Blick über alle Tische gleiten, ging dann in entgegengesetzter Richtung, um nach einem weiten Bogen plötzlich wieder in ihrer Nähe aufzutauchen und, zwei, drei Tische von ihnen entfernt, Platz zu nehmen.

Metten erschien das sehr komisch.

„Der Mann aus der Bahn!“ frohlockte sie laut. „Jetzt ist es klar, Olga, du hast es ihm angetan.“

„Schweig’!“ sagte Olga hart. Und dann, als sie Mettens bestürztes Gesicht sah – wie mühsam gebändigt, mit schwergehendem Atem: „Er kann dich ja hören, Kind!“

Sie nahm die eben angerauchte Zigarette mit einer zornigen Bewegung aus dem Mundwinkel, preßte die Brandfläche gegen den Teller und drehte und drückte so lange mit nervösen Fingern daran herum, bis der Tabak aus dem zerrissenen Papier rieselte.

Mette fühlte, daß irgend etwas vorging, was sie nicht verstand. Eine dumpfe Beklommenheit schien plötzlich in der Luft zu liegen, teilte sich ihr mit und machte sie angstvoll und unsicher.

Nach einer kleinen Weile stand Olga auf. Mette griff nach ihrem Hut, der neben ihr auf dem Stuhl lag.

„Nein, laß!“ sagte Olga sehr bestimmt und lauter, als es sonst ihre Art war. Sie haßte es, in öffentlichen Lokalen, auf der Straße, in der Bahn so laut zu sprechen, daß auch nur der nächste Nachbar sie verstehen konnte. „Wir bleiben doch noch. Ich will nur eben telephonieren. Ich bin gleich wieder da.“

Mette wartete geduldig. Olga kam nicht wieder.

Schließlich fing sie an, sich zu ängstigen. Wenn ihr schlecht geworden wäre? Sie sah sie schon irgendwo hilflos, ohnmächtig liegen.

Sie lief ins Haus. Am Telephon war sie nicht. Wie sie sich suchend umsah, kam der Kellner, der sie bedient hatte, hinter ihr her. Sie suche wohl die andere Dame? Die hätte gezahlt und wäre gegangen – aber sie hätte einen Zettel am Büfett hinterlassen.

Mette holte sich den Zettel. Ja, die Dame hätte telephoniert und hätte nach dem nächsten Zug gefragt und wäre sehr eilig fortgegangen. Sie hätte nur noch dies hier aufgeschrieben. Der Kellner hätte es hinausbringen wollen, aber sie hätte gesagt, es wäre nicht nötig, die Dame würde es sich schon holen.

Mette dankte und lächelte und tat, als ob das alles die natürlichste Sache von der Welt wäre und wunderte sich, wie gut sie ihre Angst und Aufregung beherrschen konnte.

Sie ging erst ein paar Schritte weiter, ehe sie die verschlossene Hülle aufriß. Auf dem Bogen standen nur wenige Worte.

„Sei nicht bös, ich mußte fort. Wenn du kannst, komm abends zu mir. Aber nicht direkt, fahr erst nach Hause.“

Mette faltete das Blatt zusammen und schob es mechanisch in die Tasche. Sie ging langsam und mit schweren Füßen wieder durch den Garten und an ihren Platz.

Sie versuchte, sich von ihren Gedanken und Empfindungen Rechenschaft zu geben.

Sie wäre froh gewesen, wenn sie Olgas rätselvolles Betragen als Laune, als Rücksichtslosigkeit hätte nehmen können und sich einfach darüber ärgern und entrüsten.

Aber sie fühlte, daß ein Mehr dahinter war. Irgend etwas Dunkles, Drohendes, wovon sie nichts wußte. Mit wem hatte Olga gesprochen? Wer hatte sie so dringend fortgerufen?

Für sie war Olga Radó das Leben, das wußte Mette. Alles andere war eine dumpfe Qual oder Vorfreude auf die Stunden, die sie mit ihr zusammen sein durfte, oder Erinnerung an die Stunden, die sie mit ihr verbracht hatte.

Aber was war sie für Olga?

Irgendein Nebenher, ein beiläufiger Zeitvertreib, eine Episode eines reichen, bunten, starken Lebens, eine gehorsame kleine Sklavin, ein Haustierchen, das man verhätschelt, ein bequemes Etwas, das man rufen und fortschicken kann, und das noch nicht einmal fragen durfte, warum es gerufen oder fortgeschickt wurde. Nichts wußte sie davon, nichts, was eigentlich dieses Leben erfüllte, was ihm Inhalt gab, nichts wußte sie von den Menschen, die für Olga Schicksal waren, die ihr den Mut zum Leben gaben, den sie von ihr empfing – nichts wußte sie von dem, der sie jetzt fortgerufen hatte, dem sie folgte, ohne daran zu denken, daß sie der armen kleinen Mette den Tag zerstörte, auf den sie sich so gefreut.

Mette konnte sich nicht zum Heimweg entschließen. Sie trug ihren Hut in der Hand und ging in tiefen und traurigen Gedanken an den Ufern des Sees entlang.

Erst die plötzlich einfallende Dämmerung weckte sie auf und trieb sie nun in Hast dem Bahnhof zu.

Im Moment, als sie im Begriff war, auf dem Bahnsteig eine Wagentür des einfahrenden Zuges zu öffnen, fühlte sie einen Blick, der sie zwang, sich umzuwenden.

Sie sah in das völlig ausdruckslose Gesicht des Mannes in dem braunen Überzieher. Er öffnete die Tür zum Nebenabteil und stieg in den Zug.

Mette erschrak tödlich und wußte nicht warum. Dieser Mann lief nicht hinter ihr her, weil er Gefallen an ihr fand. Das wußte sie deutlich. War es Zufall? Was in aller Welt konnte es sonst für einen Zweck haben? Plötzlich faßte sie ein unerklärliches Grauen. Er hatte so ein merkwürdig leeres Gesicht und einen starren und dabei doch scheuen Blick. Vielleicht war es ein Irrsinniger. Einer, der irgendwo entsprungen war.

Am Bahnhof Zoo bemühte sie sich, unter der drängenden Menschenmenge sich zu verstecken. Aber sie fühlte den Fremden unentwegt hinter sich. Ihr schien es, als klammerte sich seine Hand in der Manteltasche um einen Revolver oder um ein Stilett. In jedem Augenblick konnte das blitzende Eisen oder die Kugel sie in den Rücken treffen. Sie fühlte schon den scharfen Schmerz zwischen den Schulterblättern und preßte unwillkürlich die Rückenmuskeln zusammen.

Während sie die dämmerigen Straßen hinunterjagte, wagte sie nicht, sich umzusehen. Erst, als sie das Haus aufschloß, spähte sie die Straße hinunter. Er war natürlich nicht gefolgt. Es war alles eine lächerliche Einbildung.

Als sie innen im Treppenflur stand, warf sie noch einen Blick durch die Glasscheibe der Tür.

Auf der anderen Seite der Straße, das Haus von oben bis unten aufmerksam betrachtend, ging der Mann in dem braunen Überzieher. – – –

Die Tischunterhaltung quälte sich mühsam hin.

Als Mette mit Essen fertig war, sagte sie (sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, sich mit allen Sachen ausdrücklich an ihren Vater zu wenden):

„Du erlaubst doch, Papa, daß ich noch eine Stunde zu meiner Freundin gehe? Ich bin um zehn wieder hier.“

Da geschah etwas Seltsames. Franz Rudloff legte eine zur Faust geballte Hand auf den Tisch, richtete den Oberkörper ein wenig aus seiner zusammengesunkenen Haltung auf und sagte:

„Mette!“ ... so, als wenn er zu einer längeren Rede ansetzen wollte.

Da traf ihn ein Blick von Tante Emilie. Mette fühlte diesen Blick die Luft durchschneiden und fing ihn noch auf. Es war ein kurzer und scharfer Blick, befehlend und fast erschrocken, ein Blick, der unzweideutig hieß: „Schweig!“

Franz Rudloff fiel wieder in sich zusammen, schlug die Augen nieder, rollte seinen silbernen Serviettenring hin und her und sagte:

„Gewiß, ... also ja ... wenn du meinst ... schön!“

Mette fühlte, daß auch hier irgendwas vorging, wovon sie nichts wußte. Das verursachte ihr weder Angst noch Schmerz – aber ein peinvolles Unbehagen.

Die Welt war heute fremd und rätselhaft. Sie spürte plötzlich Moorboden unter den Füßen und wußte nicht, wie sie die Schritte setzen sollte. Olga hätte sie heute nicht verlassen dürfen, nicht heute, nicht an diesem Tage.

Eine heiße, schmerzhafte Sehnsucht quoll in ihr auf, wie schon sooft, stark wie ein mühsam unterdrückter Schrei:

„Mutter!“ – – –

Unterwegs waren ihre Gedanken nur noch bei Olga. Was da geschehen sein mochte? Ob sie das wenigstens erfahren würde? Vielleicht war jemand krank? Verunglückt? Jemand, der Olga nahestand. Vielleicht konnte sie sich irgendwie betätigen, helfen. Sie fühlte die Kraft, jede Anwandlung von Eifersucht zu unterdrücken, sich selbst zu vergessen und hintanzusetzen, wenn man sie nur teilnehmen ließ an dem, was geschah und nicht alle Türen vor ihr zuschlug. Das hatte sie nicht verdient, es gab so qualvolle Unrast – jeder schneidende Schmerz war zehnmal besser als dieses hilflose Im-Dunkeln-Tappen.

Während Mette die Stufen hinaufstieg, fühlte sie sich irgendwie kampfgerüstet. Sie wollte es Olga sagen, daß sie das nicht mehr ertrug. Ertrug? Nein, daß sie es sich nicht mehr gefallen lassen wollte, daß sie kein dummes Kind sei, das man ohne ein Wort der Erklärung einfach sitzen lassen könne – daß alle diese Dinge sie nervös machten – oh, so nervös! Und daß ihr – bei Gott! – nächstens auch einmal die Galle überlaufen werde!

Olga hatte noch einen Schleier über die Lampe gehängt, so daß eine matte, violette Dämmerung im Zimmer war. Sie lag auf dem Diwan, bis an die Schultern in ihre große Felldecke gewickelt.

Als Mette sich zu ihr setzte, spürte sie, daß sie zitterte wie vor Frost. Da war all der Zorn und Trotz, der noch in dem kalten „Guten Abend“ gelegen hatte, verflogen. Sie legte die Hand auf ihre Stirn:

„Hast du Fieber?“ fragte sie besorgt.

Olga schüttelte nur den Kopf. Es schien, als ob ihr irgend etwas in der Kehle saß, was sie am Sprechen hinderte.

Dann machte sie plötzlich mit einer ungeduldigen Bewegung beide Arme von der Decke frei und griff nach Mettens Händen.

„Du bist mir böse, Kind!“ sagte sie hastig, wie gejagt. „Du hast ja auch allen Grund. Verachtest du mich? Du kannst mich ruhig verachten. Ich bin ja so feige, Mette, so erbärmlich feige! Ach, Kind, du kannst alles von mir verlangen, ich will dich aus einem brennenden Haus holen – dich?! Ach! Einen Hund, ein Spielzeug, an dem dir liegt – ich will durchgehende Pferde aufhalten, ich will – ach, ich weiß nicht, was ich will – aber darin bin ich feige. Ich kann es nicht noch einmal durchmachen in meinem Leben, ich kann es nicht. Du weißt nicht, was ich ausgestanden habe. Ich habe nächtelang dagesessen mit dem geladenen Revolver und habe gesagt: Tu’s, tu’s, damit nicht wieder so ein Tag kommt ... und dann war das Leben wieder so wahnsinnig schön, und ich hab’s nicht getan. Dann bin ich stundenlang in der Galerie herumgelaufen und habe vor allen Bildern gestanden und gestarrt und nichts gesehen. Und immer den Blick in meinem Rücken gefühlt. Dann bin ich nach Mödling hinausgefahren, wie ich eingestiegen bin, der Mann hinter mir, wie ich ausgestiegen bin, der Mann hinter mir – ach, ich weiß, einmal bin ich in meiner Verzweiflung in ein fremdes Haus hineingelaufen, alle Treppen hinauf, und hab’ immer gedacht, ich will klingeln und die Menschen bitten, sie sollen mich um Gottes und aller Heiligen willen eine Stunde in ihrer Wohnung behalten. Oder ich wollte ihnen etwas erzählen von irgendwelchen Leuten, die sie grüßen lassen – die mich hinschicken – und dann dacht ich, sie halten mich sicher für geisteskrank oder für eine Schwerverbrecherin und lassen mich erst recht festnehmen. Und dann bin ich bis auf den Boden gelaufen und bin da oben herumgeirrt und habe geheult wie ein kleines Kind. Und wie ich mich endlich hinuntergetraut habe, stand der Kerl immer noch da und starrte auf die Haustür. O Mette, in der Zeit hab’ ich immer die ganzen Nächte das Licht brennen lassen, weil ich im Dunkeln überall das Gesicht gesehen habe.“

Mette hielt Olgas eiskalte, unruhige Hände in den ihren fest.

„Wessen Gesicht?“ fragte sie leise und verwirrt, als Olga schwieg. „Ich verstehe dich nicht, Liebes.“

„Das ist gut, Kind!“ sagte Olga. „Das ist ja so gut! Sonst hätt’ ich dich ja auch nicht allein gelassen. Aber dir konnte ja nichts geschehen. Dir konnte ja gar nichts geschehen! Bist du nach Hause gegangen? Ja? Wann? Gleich? War er noch da? Hat er dich nach Hause gehen sehen?“

Nun fiel Metten die Erinnerung an den Heimweg wieder wie eine Last aufs Herz. Die Erinnerung an den Heimweg, die Erinnerung an den verdorbenen Tag.

Sie ließ Olgas Hände los.

„Vielleicht darf ich auch mal fragen,“ sagte sie, „ich bin doch schließlich kein kleines Kind, das einfach alles hinnehmen muß und dem man sagen kann: das verstehst du nicht. Ich hab’ es bis dahin satt, mich ewig von Geheimnissen umgeben zu fühlen. Was hätte mir geschehen sollen? Was hat es für eine Bewandtnis mit diesem Mann? Kennst du ihn persönlich? Aus Wien? Und woher? Ich meine, was hast du für Beziehungen zu ihm?“

Mette wunderte sich selbst, woher sie die Kühnheit hatte, in einem so strengen und schulmeisterlichen Ton zu reden.

„Unsinn!“ sagte Olga mit einem nervösen Lachen. „Doch nicht den! Das ist doch nicht derselbe!“

„Nicht derselbe?!“ sagte Mette beinah ärgerlich, mit hochgezogenen Brauen. „Was heißt das wieder? Wer nicht derselbe? Nicht derselbe was?“

„Laß mich doch in Ruh,“ sagte Olga böse, „ich laß mich nicht inquirieren! Du kannst mir ja gleich Daumenschrauben anlegen. Wenn du mich nicht mehr leiden magst, dann geh! Ich halt’ dich nicht! Ich halt’ keinen Menschen! Aber laß mich in Ruh!“

Sie sprach zornig, aber mit einer seltsam vibrierenden Stimme und suchte unter dem Berg von Kissen nach ihrem Taschentuch.

Als sie es gefunden hatte, riß es ihr Mette mit einer halb unwillkürlichen Bewegung aus den Fingern. Der kleine weiße Ballen war fest zusammengedrückt und ganz feucht.

„Hast du geweint?“ fragte Mette in grenzenlosem Erstaunen.

„Darf ich das nicht?“ fragte Olga trotzig zurück, und über ihr Gesicht, das von Blässe fahl schien, flog wieder das dunkle Rot.

„Nein, ich weiß, ich darf mir das nicht leisten. Ich bin hysterisch. Ich bin überspannt. Es ist mir ja so egal, wofür du mich hältst. Wenn mir danach zumute ist, dann wein’ ich eben!“

Sie versuchte umsonst, die zitternden Lippen aufeinander zu pressen. Aus den Augen, deren übergroße Pupille schwarz die ganze Iris überdeckte, stürzten die Tränen und fluteten über die weißen Wangen. Sie versuchte, den Kopf nach der Wand zu drehen. Aber Mette hielt sie fest. Sie wußte selbst nicht, woher ihr der Mut kam.

Nie war Olga ihr gegenüber zärtlich gewesen. Nie hatte Mette es gewagt, zärtlich zu sein.

Aber als sie das schöne blasse Gesicht jetzt vor sich sah, tränenüberströmt, zerwühlt von einem fremden Schmerz, mit den großen, tiefen Augen, die schrien von einer mühsam verborgenen Qual, da quoll das heiße Mitleid in Mettens Herzen über, sie preßte die Lippen auf diese nassen Wangen, die nassen Augen, den armen zitternden Mund.

„Nicht weinen, Süßes,“ bat sie leise, selbst mit den Tränen kämpfend. „Nicht weinen, Liebes, ich frag’ ja nicht mehr, ich will ja nichts wissen. Nur nicht mehr traurig sein. Tu mir an, was du willst, aber weine nicht so! Ich kann dich nicht weinen sehen. Hör’ auf, Liebes, ich bitt’ dich, weine nicht mehr!“

Olga ließ sich zur Ruhe schmeicheln wie ein unglückliches Kind. Sie schloß die zitternden Augenlider und lächelte, während noch die Tropfen über ihr Gesicht rollten. Sie legte den Kopf müde in die Kissen zurück. Durch den ganzen schlanken Körper ging eine Bewegung wie ein erlöstes Sichstrecken.

Sie nahm Mettens Hand und legte sie auf ihre heiße Stirn.

„Gutes!“ sagte sie leise und dankbar. „Mein Gutes!“

Und dann immer noch mit geschlossenen Augen hob sie Mettens willenlose Hand von der Stirn und legte die Innenfläche der kühlen Finger auf ihren Mund. Und hielt sie da mit beiden Händen fest, lange, lange.

Und Mette saß ganz still und fühlte seltsam wehe Lust und süße Traurigkeit und horchte, wie in einem Traum befangen, auf das harte Pochen ihres Blutes. – – –

Die fremden und seltsamen Begebenheiten mehrten sich.

Eines Tages tauchte plötzlich Onkel Jürgen in Berlin auf. Mette hatte für Onkel Jürgen immer eine besondere Vorliebe gehabt. Es war eigentlich der einzige unter ihren Verwandten, der durch seine stattliche und vornehme Erscheinung, seine betont männliche Haltung und einen gewissen sachlichen Ernst ihr gefiel, und ihr sogar Achtung abnötigte.

Er begrüßte Mette auf eine merkwürdige Art, mit einer gewollten Liebenswürdigkeit, die zu sagen schien: ich tue ganz harmlos, du brauchst ja nicht gleich zu merken, weshalb ich hier bin, und was ich gegen dich habe.

In Mettens feinem Gefühl wurde sofort ein Mißtrauen rege.

Es steigerte sich, als sie das Knacken des Schlüssels vernahm, nachdem die drei – Vater, Tante Emilie und Onkel Jürgen – sich in das Studierzimmer zurückgezogen hatten.

Sie schlossen sich ein? Was hatte das zu bedeuten? Galt das den Dienstboten oder galt das ihr?

Sie hatte noch nie Interesse für die Verhandlungen ihrer Familie gehabt. Aber das leise Geräusch des Schließens hatte eine unbehagliche Neugier in ihr erweckt. Sie streifte ein paarmal dicht an der Tür vorüber. Aber sie hörte nur ein undeutliches Gemurmel. Es war kein Zweifel, sie flüsterten darin.

Mette sehnte sich danach, aus der bedrückenden und unfreundlichen Luft des Hauses fortzukommen.

Nach dem Essen – bei welchem nur Onkel Jürgen sprach, und in lauten und wohlgesetzten Worten die Schönheiten der kleinen Stadt und die Tugenden seiner Kinder pries – wagte Mette endlich die Frage:

„Ihr legt euch doch nach Tisch alle schlafen, nicht wahr? Dann möchte ich vorm Kaffee noch eine Stunde zu meiner Freundin gehen.“

Es entstand eine allgemeine Stille. Die drei sahen einander an, niemand sah Metten an, niemand antwortete.

Vater sah mit einem unruhigen und fast hilfeflehenden Blick von einem zum andern, Onkel Jürgen trommelte auf den Tisch und sah erwartungsvoll aus, Tante Emilie räusperte sich und verzog die Winkel des zusammengekniffenen Mundes zu einer süßlichen Grimasse, die ein freundliches Lächeln vorstellen sollte.

Niemand sprach. Tante Emilie wollte sich nicht vordrängen. Sie hielt mit der Antwort zurück und wartete, ob nicht einer der beiden Herren das Wort ergreifen wollte. Aber sie schwiegen und sahen nicht aus, als ob sie gedächten, in der nächsten Minute die peinliche Stille zu unterbrechen.

Also war es an ihr, also durfte sie reden. Sie reckte sich auf und legte das Gesicht in Falten, die inniges Mitleid und eine ernste Besorgnis ausdrücken sollten. Aber Metten schien es, als ob die kleinen scharfen Äuglein funkelten, als ob der steif gestreckte magere Oberkörper zitterte in einer bösen Freude.

„Das wirst du wohl ausnahmsweise heute unterlassen müssen, mein liebes Kind!“ sagte sie mit sanftem Tonfall und messerscharfer Stimme. „Wir erwarten Nachmittag einen Besuch, der dich aufs dringendste angeht.“

„Mich?“ fragte Mette, und sah dabei ihren Vater an.

Aber Rudloff deckte die Augen mit den Lidern und bemühte sich, ein nervöses Zucken seines Mundes zu unterdrücken. Er antwortete nicht.

„Ja, dich!“ sagte Tante Emilie so liebenswürdig, als wollte sie ihr eine große Freude verkünden.

Mette fühlte in diesem Moment, daß irgend etwas Furchtbares sie bedrohte. Ihr war, als sähe sie sich von einem engmaschigen Netz umgeben, das in der nächsten Minute durch einen leisen Ruck von Tante Emiliens knochigen Fingern über ihrem Kopf zusammengezogen werden konnte.

Sie hatte die Empfindung, als ob alle Türen verschlossen, durch Wachen verstellt seien, und als ob nichts sie mehr retten könne, als im selben Augenblick, ohne Zögern, ohne Überlegung aus dem Fenster zu springen – und, was die Lunge hergab – durch die Straßen zu laufen, zu rasen, in wildester Flucht, zu Olga.

Sie wurde blaß und machte eine halbe Bewegung. Es war nicht einmal eine halbe, es war nur der Ansatz, es war nur der Wille zu einer Bewegung, der durch ihre Muskeln lief. Onkel Jürgen mußte es trotzdem bemerkt haben.

„Na, Mette!“ sagte er in einem etwas gezwungen gütigen und zuversichtlichen Ton, „nur ruhig Blut, mein Deern. Es will dir kein Mensch an den Kragen. Du mußt nur Vertrauen zu uns haben und mußt dir sagen, daß alles, was geschieht, ausschließlich zu deinem Besten geschieht. Und mußt dich bemühen, uns ein bißchen zu unterstützen in unseren Bestrebungen, die nur auf dein Wohl gerichtet sind und nicht etwa durch kindischen Trotz uns unsere Aufgabe erschweren. Dann werden wir auch in gemeinsamer Arbeit über diese Zeit wegkommen, und du wirst uns später sehr dankbar sein, daß wir dich mit liebevoller Gewalt auf den richtigen Weg geführt haben. Und wirst an diese Zeit jetzt zurückdenken, wie an einen schweren Traum, der gar keine Bedeutung hat für dein späteres Leben.“

Diese feierliche Ansprache steigerte Mettens dumpfes Unbehagen zu einem beinah irrsinnigen Angstgefühl. Das alles war fremd und unverständlich. Sie wußte, daß Tante Emilie jetzt nur auf eine Frage wartete, um mit einem Wortschwall loszubrechen. Darum fragte sie nicht: Was ist denn geschehen? Was wird denn geschehen?

„Aus dem Fenster! Aus dem Fenster!“ war das einzige, was sie dachte. Und im Moment, als sie draußen die Flurklingel schrillen hörte, zuckte sie zusammen und wußte: „Jetzt ist es zu spät!“

Das Hausmädchen kam hereingeschlichen, als käme sie in ein Krankenzimmer und brachte Franz Rudloff eine Karte.

Seine Hand zitterte, als er sie von dem kleinen silbernen Tablett nahm. Er mußte sich auf den Tisch stützen, um aufzustehen. Sein Gesicht sah verzerrt und verfallen aus.

„Haben Sie den Herrn Professor in mein Zimmer geführt? Ich komme!“

Er goß sich schnell noch einen Schluck Wasser in sein Glas. Die hartgestärkte Manschette rasselte gegen die Flasche.

Er ging hinaus mit einem sichtlichen Bemühen, gerade und aufrecht zu schreiten.

Die drei blieben schweigend zurück. Mette hielt es nicht aus, am Tisch sitzen zu bleiben.

Als sie aufstand, machte Onkel Jürgen eine hastige Bewegung, als wollte er sie zurückhalten. Aber sie ging nicht nach der Tür, sie machte gar nicht mehr den Versuch, zu entkommen. Sie ging an das Fenster und sah durch den geschlossenen Spitzenvorhang hindurch auf die Straße.

Die eintönigen Rufe spielender Kinder drangen herauf. Ein Geschäftswagen rollte heran, hielt vor dem Haus drüben. Der Mitfahrer sprang herunter, schloß auf, belud sich mit Paketen und schlug die Tür mit scharfem Knall wieder zu.

Jede Bewegung, jedes Geräusch prägte sich mit ungewohnter Deutlichkeit in Mettens Gehirn. Es ging nichts in ihr vor, als die scharfe Beobachtung dieser alltäglichen Dinge.

Hinter ihrem Rücken tat die Tür sich auf. Sie hörte des Vaters gedrückte und etwas heisere Stimme:

„Emilie, willst du bitte so gut sein?“

Mette hörte das Stuhlrücken und das Rauschen der Röcke, ohne sich umzudrehen.

Die Tür schloß sich wieder.

Jetzt war sie mit Onkel Jürgen allein. Jetzt hätte sie ihn um irgendeine Erklärung fragen sollen. Er war ja doch von diesen drei Menschen immer noch der vernünftigste. Ach, aber trotzdem, es war zwecklos. Er war ihr ja doch fremd, unendlich fremd.

„Mutter!“ dachte sie, und etwas wie ein krampfhaftes Schluchzen quoll in ihrem Halse auf.

„Liebe, gute Mutter, warum hast du mich allein gelassen, ganz allein auf der Welt?“

„Allein!?“ Ihr war, als hörte sie stark und deutlich dies Wort von Olgas Stimme. Und sie sah die ernsten Augen forschend und beinah drohend auf sich gerichtet.

Eine heiße Welle flutete über ihr Herz. Sie krampfte die verschlungenen Hände ineinander und lächelte, während ihr die Tränen in die Augen traten.

„Nein, ich bin nicht allein,“ dachte sie mit einem so andächtigen Gefühl, als spräche sie ein Gebet, „ich habe dich, Liebes, Schönes, Großes. Dich kann mir das alte böse Weib nicht nehmen, dich nicht! Und wenn sie mich foltern und mich in Stücke reißen – mir kann nichts geschehen – ich hab’ ja dich!“

Eine große Ruhe und Zuversicht kam über sie. Ihr war, als hätte sie einen schlimmen und gefährlichen Weg vor sich. Sie mußte über Moorboden gehen und durch Schmutz und Schlamm waten und reißende Wasser durchschwimmen – aber drüben stand Olga Radó und streckte beide Hände nach ihr und sagte: „Komm!“

Und da wurde der Weg leicht und beinah lockend.

Als jetzt die Tür ging und Vater erschien und zaghaft sagte:

„Mette, komm bitte einmal her!“ hatte sie fast ein Gefühl von Freude. So wie einer, der gut gelernt hat, sich aufs Examen freut oder ein Mutiger sich auf den Kampf.

Sie ging sehr gerade und fest durch das Zimmer und lächelte ein überlegenes und fast höhnisches Lächeln.

Bei ihrem Eintritt erhob sich aus Vaters Studierstuhl ein schmächtiger Mann mit scharfen Zügen und durchdringenden Augen, in dessen wohlgepflegtem schwarzen Spitzbart sich einige frühe weiße Fäden zeigten.

Da niemand Miene machte, ihn vorzustellen, murmelte er selbst mit leichter Verbeugung seinen Namen und warf dann den anderen einen Blick zu, der einem Befehl zu schleunigem Rückzug gleichkam.

Rudloff atmete sichtlich auf, während Tante Emilie zögerte und sich ungern trennte. Sie warf noch in der Tür einen langen, neugierigen Blick zurück; aber der Professor sprach kein Wort, machte keine Geste, ehe sich nicht die Tür geschlossen hatte.

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