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Der Schwarzwald

Der südliche Schwarzwald.

Reading edition

VI. Die östlichen Zugänge und der Südrand.

U

nter der Konstanzer Brücke entströmt dem Schwäbischen Meer der smaragdgrüne Rheinstrom, so schön und rein wie nur irgendeiner seinesgleichen. Wer sich ihm auf dem Schaffhauser Dampfschiff anvertraut, dem bietet sich bei der Fahrt eine ungeahnte Fülle prächtiger Landschaftsbilder. Aus der Spiegelfläche des Untersees winkt das liebliche Eiland der Reichenau mit seinen Erinnerungen an alte Kultur, und das reiche Grün der Rebgelände und Obstgärten, die satte Farbenpracht der Blumenbeete vor den Wohnstätten des Inselvölkchens zaubert uns die Erinnerung herauf an Rudimann den Kellermeister, an Heribald und seine Gäste, an die Gesandtschaft des Kämmerers Spazzo und alle die lebenswahren Gestalten, denen Scheffel in seinem Ekkehard eine so wohlverdiente Auferstehung bereitet hat. Über der Insel grüßt der trotzige Hohentwiel herüber und trägt auch seinerseits dazu bei, uns auf ein Viertelstündchen hinüberdämmern zu lassen in luftige Träume im Rundbogenstil.

Am schweizerischen Ufer haben wir den Arenenberg Napoleonischen Andenkens, darüber auf steiler Höhe das Schlößchen Salenstein, weiter unten engt sich der Fluß wieder in eine schmale Rinne ein, und zu beiden Seiten wechselt in rascher Folge ein malerisch freundliches Bild mit dem andern, bis man am Fuß des fernsichtgesegneten Burgberges von Hohenklingen, an dem der feurige „Beerliwein“ wächst, das alte Stein am Rhein, ein malerisches Nürnberg im kleinen, erreicht.

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Abb. 50. Lothenbachklamm bei Bad Boll. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 76.)

Der Rhein von Stein bis Waldshut.

Die Fahrt geht zwischen freundlichen Hügeln weiter unter einer mächtigen Eisenbahnbrücke und später unter der alten Holzbrücke von Dießenhofen durch, bis zum Landeplatz der ansehnlichen, viel Altertümliches bietenden Stadt Schaffhausen, die vom Bodensee her auch mittels zweier Eisenbahnlinien zu erreichen ist. Wenig unterhalb Schaffhausen hat sich der Rhein seinen Weg in weltberühmtem Falle über die harten Bänke des Jurakalkes hinab gegraben, dann umschlingt er in spitzig ausgezogener Schleife die Halbinsel mit dem alten Kloster Rheinau, geht bei Eglisau, wo er von der gewaltigen Hochbrücke der Eisenbahn Schaffhausen-Zürich überschient wird, von der südlichen wieder in die Westrichtung über, und strömt nun friedlich rauschend in weltabgeschiedener Einsamkeit an dem alten, steilgebauten Städtchen Kaiserstuhl und an den Wasserstelzschlössern vorbei, die mit ihrer lieblichen Umgebung durch Gottfried Kellers „Hadlaub“ unserem Empfinden so wertvoll geworden sind. Wer stille Gänge und Wasserfahrten liebt und gern mit seinen Gedanken allein ist, dem sei diese wenig bekannte Strecke des Oberrheinlaufes zu behaglichem Schlendern ganz besonders warm empfohlen. Auf der unfernen Küssaburg mag sich der Wanderer weiten Umblicks und schöner Alpenaussicht erfreuen, das Städtlein Zurzach aber weckt ihm die Erinnerung daran, daß hier dereinst die in der Peutingerschen Tafel verzeichnete Römerstraße von Vindonissa (Windisch bei Brugg) an der Aare nach Arae Flaviae (Rottweil) am Neckar den jungen Strom überbrückte. Eine kurze Strecke noch, und wir haben bei Koblenz = Confluentes den Zusammenfluß der Aare mit dem Rhein, und jenseits, auf hoher Flußterrasse, das Städtchen Waldshut (340 m) erreicht. Damit sind wir ins Schwarzwaldgebiet eingetreten, und zwar auf einem der schönsten Zugänge, die sich machen lassen. Auf alle Fälle ist dieser Weg jedem, der nicht mit seiner Zeit zu geizen braucht, warm zu empfehlen.

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Abb. 51. Die Wutachschlucht. (Zu Seite 77.)

Donau und Rhein.

War bisher der Rhein unser Begleiter, so kann bei vielen, die von Osten und Nordosten kommen, auch die Donau die Führerrolle übernehmen. Von Ulm her, wo mancherlei Straßen zusammenstreben, folgen wir dem Fluß durch Oberschwaben nach dem malerisch gelegenen Sigmaringen, der schmucken Hohenzollernresidenz, dann ziehen wir durch das obere Donautal bis Immendingen und bewundern auf dieser Strecke ebenso die Natur, die dem Fluß einen fast rätselhaft scheinenden Weg durch wilde Felsschluchten mit weißschimmernden Kalkwänden gebahnt hat, als die Kunst, welche diese Engen dem Straßen- und Bahnbau zugänglich machte. Von unersteiglich scheinenden Schrofen schauen das Bronnener Schlößchen, Werrenwag und die Feste Wildenstein herab, in einer grünen Talweitung liegt das kunstsinnige Benediktinerheim Beuron, bei der gewerbereichen Stadt Tuttlingen nimmt unsere Linie die von Stuttgart her auf, und bei Immendingen (658 m), wo die Donau unterirdisch einen großen Teil ihres Wassers durch die Klüfte des Jura an die Hegauer Aach und damit an den Rhein abgibt, schneidet unser Weg den, welcher vom Bodensee nach Donaueschingen und weiter über den Schwarzwald in die Rheinebene führt. Wir aber streben Waldshut zu und benutzen darum die sogenannte strategische Bahn, die gegen Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zur Umgehung des rechtsrheinischen Schweizer Gebietes bei Schaffhausen gebaut worden ist. Im breiten und einförmigen Aitrachtal haben wir bald Zollhaus (702 m) und damit eine der auffälligsten Stellen der Donau-Rhein-Wasserscheide erreicht.

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Abb. 52. Frauentracht von Neustadt. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 78.)

Etwa 40 km westlich von hier sammeln sich im Feldsee (1113 m) am Fuße des Feldbergs die Quellbäche eines Flüßchens, das erst Seebach, vom Titisee ab Gutach und weiter abwärts Wutach heißt. Bei Achdorf (540 m), ein kleines Stündchen von Zollhaus entfernt, aber rund 160 m tiefer gelegen, biegt die Wutach aus ihrer bisherigen Ostrichtung nach Südwest um und erreicht den Rhein nahe der Aaremündung oberhalb Waldshut. In alter Zeit aber hat sie ihren Lauf weiter nach Osten genommen und ist durch das Tal der Aitrach der Donau zugeströmt, welch letztere also ihr Stromgebiet bis zu den höchsten Schwarzwaldbergen ausgedehnt hatte. Wir erkennen diese Tatsache an dem Vorhandensein reichlicher Schwarzwaldgeschiebe im Aitrachtal, dessen Breite und Form außerdem zu dem kleinen Wasserlauf der Gegenwart in gar keinem Verhältnis steht. Die hochgelegenen Flußterrassen über der Wutach westlich von Achdorf zeigen ebenso deutlich, daß der Fluß einst in einem Bett strömte, das höher lag als die jetzige Wasserscheide bei Zollhaus. Was hat ihn aus der alten Bahn abgelenkt? Das war die allmähliche Tieferlegung des Rheines im Schiefergebirge unterhalb Bingen, wodurch alle Zuflüsse im oberen Rheingebiet zur Steigerung des Gefälles und damit zu verstärktem Einschneiden in ihre Unterlage veranlaßt wurden. Ein Wasserlauf, der in der Richtung Stühlingen-Waldshut strömte, nagte sich darum immer tiefer nach rückwärts in den Gebirgskörper ein und zapfte schließlich in der Gegend des jetzigen Achdorf die hoch oben nach Osten fließende Wutach an. Indem sie nun in steilem Gefäll ihr Wasser nach Südwesten abgab, entstand im alten Tallauf eine Wasserscheide; die unterste Strecke der alten Wutach, die heutige Aitrach, behielt die frühere Richtung und das alte, schwache Gefälle bei, der Oberlauf aber suchte sein Gefälle auszugleichen und nagte sich deshalb tief ein zum jetzigen Schluchtlauf. Das wurde ihm durch das meist leicht zerstörbare Gestein der Juraschichten dieser Gegend erleichtert, und so haben wir bei Zollhaus in breitem Hochtal eine erst in jüngster geologischer Vergangenheit entstandene Verschiebung der europäischen Hauptwasserscheide. Wir haben aber noch mehr, nämlich eine Unterbrechung derselben durch eine Wassergabelung oder Bifurkation, die freilich nicht so großartig ist wie die des Cassiquiare in Südamerika. Der Quellbach der jetzigen Aitrach läßt sich nämlich durch eine Schleuse unfern von der Bahnstation Zollhaus nach Westen ableiten und ergießt sein Wasser dann in das „Schleifenbächlein“, das an dem alten, ruinenüberragten Blumberg vorbei eiligen Laufes zur Wutach hinunterstürzt.

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Abb. 53. Der Titisee. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 78.)

❏ GRÖSSERES BILD

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Abb. 54. Titisee-Moräne. (Zu Seite 78.)

Die strategische Bahn.

Um den bedeutenden Höhenunterschied zum Rhein hinab zu überwinden, muß unsere strategische Bahn, die in Rücksicht auf die Schnelligkeit und Sicherheit großer Truppentransporte in der Richtung auf die burgundische Pforte kein stärkeres Gefälle als 1 : 100 hat, eine Luftlinienentfernung von 9,6 km auf eine Streckenlänge von 23 km ausdehnen, sie macht also, bis sie die Talsohle der untern Wutach gewinnt, ungeheure Schleifen, darunter in dem 1700 m langen Stockhalden-Kehrtunnel eine solche über sich selbst weg. Die Strecke bis nach Weizen hinab ist eine Gebirgsbahn allerersten Ranges und steht an Schwierigkeit der technischen Probleme, welche der Bau in den hier weit verbreiteten weichen Tonen und Schiefern der Juraformation stellte, kaum der Albula- oder Gotthardbahn nach. Die Viadukte bei Epfenhofen und Fützen (Abb. 32), die Wutachbrücke unterhalb Blumegg, die überraschenden Ausblicke über weite Hochflächen und dann wieder in die schauerliche Gebirgswildnis, die bei den zahlreichen Richtungsänderungen der Linie ununterbrochen wechseln, machen diese im höchsten Grade interessant.

Bei Weizen zweigt die neue, bei dem Städtchen Stühlingen, das von dem Schlosse Hohenlupfen überragt ist, die alte Landstraße nach Bonndorf und damit auf den hohen Schwarzwald ab, deren Fortsetzung um den Juraklotz des Randen herum nach Schaffhausen gerichtet ist; vor der Eisenbahnzeit war diese Straße eine der wichtigsten von Freiburg und der Rheinebene her nach Südosten. In dem nun einförmiger gewordenen Wutachtal ist bald die Station Oberlauchringen an der Linie Konstanz-Schaffhausen-Basel, und bald darauf das Städtchen Thiengen erreicht, von wo es nun hoch über dem nahen Rhein nach Waldshut geht (Abb. 33), nachdem man kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof gerade gegenüber der Aaremündung einen schönen Blick in die Schweiz hatte, bei klarem Wetter auch einen solchen auf die Eishäupter der Alpen.

Waldshut.

Von Waldshut führen Bahnlinien über Winterthur in die Ostschweiz, über Baden im Aargau nach Zürich und am linken Flußufer hin nach Basel, wozu natürlich noch die rechtsrheinische, direkte Linie Konstanz-Basel kommt. Da außerdem die Wutach und ihre Zuflüsse, sowie manche kleinere Tälchen eine ansehnliche Zahl von Zugängen zum inneren Schwarzwald eröffnen, so ist Waldshut, das heute gegen 4300 Einwohner zählt, seit alters ein wichtiger Mittelpunkt für die Umwohner geworden und hat neben den drei anderen „Waldstädten“ am Oberrhein, Laufenburg, Säckingen und Rheinfelden, in der Geschichte der Landschaft stets eine bedeutsame Rolle gespielt. Die Hauptstraße macht einen sehr malerischen, altertümlichen Eindruck, der durch Türme und Tore, Stadtmauer und Graben noch stark gehoben wird. Die freien Ausblicke von den bequem zugänglichen Höhen der Umgebung, besonders auch der Niederblick auf die grünen Fluten des mächtig hinströmenden Rheins in seinem tiefgegrabenen Bette, bieten eine Fülle schönster Bilder.

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Abb. 55. Oberer Anfang des Höllentals, in die Moränen-Landschaft eingeschnitten. (Zu Seite 80.)

Hauenstein. Das Hauensteiner Land; „Hotzenwald“.

Immer dem Strom entlang führt uns die rechtsuferige Land- und Schienenstraße über Albbruck, wo das Albtal ausmündet, zu der Burg Hauenstein, an deren Fuß die kleinste Stadt des Deutschen Reiches liegt. Sie trägt mit der Burg den gleichen Namen, zählt wenig über 200 Einwohner und besteht aus den Häuserreihen einer einzigen Gasse, die hart am Rheine hinzieht. Einst war sie Hauptort der weit über den südlichen Schwarzwald ausgedehnten Grafschaft Hauenstein. Das Hauensteiner Land war Jahrhunderte hindurch der Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen der Bevölkerung und ihren Herrschaften. Das Gebiet war schon bald nach seiner ersten Besiedlung bei der Kargheit des Bodens und der Rauheit des Klimas nicht imstande, die zu dichte Bevölkerung auch nur halbwegs auskömmlich zu ernähren (Abb. 34). Zur Einführung des Hofgüterrechts ist es in der Gegend nie gekommen, und so war es die wirtschaftliche Not, welche das Volk zu blutigen Aufständen, besonders gegen die reiche und mächtige Abtei St. Blasien, trieb. Nach kurz wirkenden Erfolgen steigerten sich die Unterdrückungen nur um so mehr, kleinliche Maßregelungen verbitterten das Volk von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in steigendem Maße; Verschlossenheit, Unnahbarkeit, heimtückisches Wesen wurden allmählich die herrschenden Charakterzüge der Hauensteiner, und immer wieder gelang es fanatisierten Führern, die Massen zu rohen Gewaltakten fortzureißen. Religiöses Sektenwesen gesellte sich dazu, und so hatten, seit den Zeiten des Bauernkrieges bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, die Behörden schweren Stand gegenüber dem kaum auszurottenden Mißtrauen der Hauensteiner gegen alles, was man Staatsraison nennt, ja gegen offenen Aufruhr. Nur das „Haus Österreich“ und der Papst wurden als Obrigkeiten anerkannt, gegen die vom Freiburger Erzbischof gesandten Geistlichen war der Widerstand ebenso groß wie gegen die badischen Beamten. Von dem Führer in einem der vielen Aufstände, dem Salpetersieder Peter Albiez, nannten sich die Sektierer Salpeterer oder Albiezler; sie sind heute noch nicht ganz ausgestorben, obwohl es in der Hauptsache endlich gelungen ist, der Bewegung Herr zu werden, und zwar auf friedlichem Wege. Scheffels „Trompeter“ gibt uns eine Schilderung der Verhältnisse im „Hauensteiner Rummel“, und aus der großen einschlägigen Literatur mag wenigstens auf eine neuere, hierher gehörige Arbeit des Schwarzwälder Volksschriftstellers Hansjakob hingewiesen werden. Die alte Hauensteiner Tracht (Abb. 35) ist fast ganz abgekommen und nur noch gelegentlich zu treffen. Zu ihr gehören bei den Männern vor allen Dingen kurze, schwarze Pumphosen, welche „Hotzen“ heißen und der Bevölkerung den Namen „Hotzen“, ihrem Wohngebiet die Bezeichnung „Hotzenwald“ eingebracht haben (Abb. 36).

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Abb. 56. Eingang ins Ravennatal. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 81.)

Die Laufenburger Enge.

Unfern Hauenstein — wir haben soeben einen kurzen Tunnel durchfahren — stellt sich unsern Augen ein wirkliches Juwel prächtigster Landschaftsschönheit dar (Abb. 37), das freilich zurzeit wesentlich verändert wird und sich starke Einbußen gefallen lassen muß. Es ist das badische Städtchen Klein-Laufenburg, durch eine zur Hälfte gedeckte Brücke mit dem aargauischen Groß-Laufenburg verbunden, eine der früher österreichischen „Waldstädte“, die von dem Schloß Laufenburg-Habsburg überragt ist. Die Stromschnelle des Laufen, gerade zwischen den zwei Städtchen, in welche sich der Rhein auf etwa 20 m einengt, aber bis zu 30 m tief ist, kommt dadurch zustande, daß sich hier der Fluß durch ein nach Süden vorspringendes Stück Schwarzwaldgneis durchgenagt hat. Die grauen Felswände mit ihren vom Wasser gerundeten Formen und ihren Strudellöchern bilden groteske Gestaltungen phantastischster Art, zwischen denen der Gischt des Gewässers in wildem Aufruhr sich tosend durchzwängt. Große Anlagen zum Salmenfang, der hier sehr ergiebig ist, sind in den Strudel kunstvoll hineingebaut. Jetzt aber ist man damit beschäftigt, die gewaltigen Wasserkräfte durch elektrische Übertragung der Industrie dienstbar zu machen. Die Flußenge wird kanalisiert, kahle, gerade Uferwände werden aufgesetzt, Schleusen eingebaut, Fabrikanlagen fangen schon an, den Fluß beiderseits einzusäumen, und in kurzer Zeit wird das malerische Laufenburg dem industriellen Platz gemacht haben. Vom Standpunkt des Naturfreundes mag das herzlich bedauert werden; aber schließlich, wer kämpft gegen den Strom der Zeit?

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Abb. 57. Der Hirschsprung im Höllental. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 81.)

Säckingen.

Wieder ein Stück flußabwärts liegt die dritte der Waldstädte, das trompeterberühmte Säckingen (Abb. 38), dessen Scheffelerinnerungen heute sicherlich mehr Anziehungskraft in alle Welt hinaus üben, als die geschichtliche Bedeutsamkeit des Ortes. Über der schmucken Stadt, die industriell lebhaft aufgeblüht ist und mehr als 4600 Einwohner zählt, breitet sich trotz ihrer großen Fabriken ein feuchtfröhlicher Hauch von poetischer Verklärung aus. Kein Deutscher, besonders keiner, der einst die Wonnen des Burschenlebens auf hohen Schulen gekostet hat, wird ohne einen Anflug von Rührung auf der alten holzverschalten Brücke stehen und nach dem Schönauer Schlößchen hinblicken, keiner das Grabdenkmal Werners und Margaretens am hohen Fridolinus-Münster sehen, vor welchem sich nun das wohlgelungene Denkmal des Dichters erhebt, der sich vor mehr als fünfzig Jahren in die Herzen von Hunderttausend hinein zu trompeten angefangen hat. Und wer von Heimat, Liebe, Jugendtraum schwärmen will, der findet dazu leicht Gelegenheit und Stimmung nicht nur im grünen Tannendunkel am unfernen Waldsee, sondern auch beim Schoppen — und ohne den dürfen wir uns Josef Viktor Scheffel und seine guten Säckinger nicht denken — in der Margaretenlaube, im Trompeter, im Schwarzen Walfisch oder im Goldenen Knopf mit seiner Rheinterrasse. Alles atmet Scheffel, und die Säckinger sind nicht umsonst dem Rechtspraktikanten, der hier 1850 bis 1852 amtierte, dichtete und trank, von Herzen dankbar. Jedenfalls sind in der weiten Welt draußen die Säckinger Badequelle und sogar der heilige Fridolin, der Apostel des Oberrheingebietes, dessen Fest am ersten Sonntag im März für das Landvolk ringsum allerdings hohe Bedeutung hat, weniger berühmt als der „Trompeter“.

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Abb. 58. Terrassen am Ausgang des Höllentals. (Zu Seite 81.)

Von Säckingen nach Rheinfelden.

Bei Brennet mit seinem forellenberühmten Gasthause mündet die Wehra in den Rhein, weiter abwärts spiegelt sich das Gebäude der einstigen Deutschordens-Kommende Beuggen in den Fluten des Stromes, dann wird Rheinfelden erreicht. Die alte, einst wohlbefestigte Waldstadt, die überaus malerisch auf dem hohen Schweizer Ufer liegt, spielte einst eine bedeutende Rolle in der Geschichte der Gegend, besonders während des Dreißigjährigen Krieges, der ihr 1638 eine Belagerung durch Bernhard von Weimar brachte. Das Rheinfelder Solbad erfreut sich berechtigten Ansehens und lebhaften Besuches.

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Abb. 59. Haus im Engetobel beim Hirschsprung. Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 81.)

❏ GRÖSSERES BILD

Badisch-Rheinfelden.

In der Umgebung des Bahnhofes Badisch-Rheinfelden hat sich seit wenig Jahren eine Umwandlung des ganzen Landschaftsbildes vollzogen, wie sie im Rheintal mit seiner alten Besiedlung und Kultur weniger zu erwarten war als etwa im fernen Westen Amerikas. Es ist nämlich hier eine neue Stadt „Badisch-Rheinfelden“ entstanden in einer so kurzen Zeit, daß man meinen möchte, sie sei aus dem Boden herausgezaubert worden. Wohnten doch auf der Fläche der beiden anstoßenden Dorfgemeinden Nollingen und Karsau mit ihrer bisher ausschließlich Landwirtschaft treibenden Bevölkerung 1890: 1534 Einwohner, 1905 aber 3915. Dieses außerordentliche Wachstum erklärt sich dadurch, daß die Stromschnellen bei Rheinfelden in umfangreichster Weise nutzbar gemacht worden sind, um der weiteren Umgebung bis tief in die Schweiz und ins badische Markgräflerland hinein durch elektrische Übertragung Licht und Kraft zu übermitteln. Das hat nun zur Anlage großer Fabriken in unmittelbarster Nähe geführt; bedeutende elektrochemische Fabriken, Aluminiumwerke usw. sind rasch entstanden, und um sie die neue Stadt „Badisch-Rheinfelden“ mit gegen 2500 Einwohnern. Zum Zwecke ihrer einheitlichen Verwaltung ist kürzlich die Gemarkungsgrenze zwischen den zwei obengenannten Landgemeinden verlegt und eine ganz neue Organisation geschaffen worden. Ein größerer Gegensatz als der zwischen diesem neuen Rheinfelden und seiner graben- und turmumwehrten älteren Schwester drüben über dem Rhein ist kaum denkbar. Am Schweizer Ufer efeuumranktes, malerisches Altertum in ruhiger Beschaulichkeit, und auf der anderen Seite der Brücke der kräftigste Pulsschlag allermodernsten Lebens.

Wyhlen.

An Wyhlen vorbei, wo die letzten größeren Stromschnellen des Rheines ebenfalls der Technik dienstbar gemacht werden und wo ein Salzwerk betrieben wird, ist nunmehr, indem wir weiter am Fuße des steil ansteigenden Dinkelberges mit seinen großen Muschelkalkbrüchen entlang fahren, bald Basel erreicht und damit die Südwestecke des Schwarzwaldes.

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Abb. 60. Auf der Wallfahrt. Giersberg bei Kirchzarten. Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 81.)

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Abb. 61. Freiburg vom Schloßberg aus gesehen. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 89.)

❏ GRÖSSERES BILD

VII. Das südwestliche Vorland von Basel bis Freiburg.

Basel.

B

asel gehört seit 400 Jahren dem Bunde der Eidgenossen an und ist heute mit rund 135000 Einwohnern das zweitgrößte Gemeinwesen der Schweiz. Sein Dasein ist aber mit dem der nahen Schwarzwaldgebiete durch so vielerlei Fäden so innig verbunden, daß wir seiner an dieser Stelle gedenken müssen, und das um so mehr, als es im Verkehrsleben der angrenzenden deutschen Landschaften eine geradezu beherrschende Stellung einnimmt. Mündet doch hier nicht nur die Bahn vom Bodensee und die Wiesentalbahn vom Feldberg her; wir haben auch die rechtsrheinische badische Hauptbahn über Freiburg nach Heidelberg und weiter nach Mittel- und Norddeutschland, sowie die linksrheinische, elsässische Linie nach Mülhausen, wo der kürzeste Weg durch die Burgundische Pforte und über das Plateau von Langres nach Paris abzweigt, nach Straßburg, zum Niederrhein und nach England. Hunderttausende von Reisenden nach der Schweiz, nach Südfrankreich und nach Italien, denen sich in Basel nach diesen Zielen zahlreiche Linien zur Verfügung stellen, berühren alljährlich die Stadt und legen hierdurch glänzendes Zeugnis ab von ihrer hervorragend günstigen Verkehrslage.

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Abb. 62. Inneres des Freiburger Münsters. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 89.)

Diese Lage hatte schon seit dem Jahre 27 v. Chr. die unferne Römerkolonie Augusta Rauracorum ausgenutzt. Nach der Zerstörung durch die Alemannen entstand seit 374 n. Chr. Basilea = Basel auf hoher geschützter Flußterrasse unmittelbar über dem Rheinknie und beherrschte von nun ab zu allen Zeiten seine Umgebung in Handel und Verkehr, Politik und geistiger Kultur, und wurde neben Straßburg, Speier, Worms, Mainz und Köln eine der wichtigsten Städte längs der rheinischen „Pfaffengasse“. Trotz der Nähe Frankreichs war es immer eine deutsche Stadt nach Bauweise, Sprache und Sitte, nach seinen Betätigungen auf künstlerischem und wissenschaftlichem Gebiet. Und auch heute noch ist Basel deutsch, woran manche französischen Geschäftsaufschriften und andere derartige Äußerlichkeiten nichts ändern.

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Abb. 63. Das Münster in Freiburg vom Schloßberg aus gesehen. Verlag der Neuen Photographischen Gesellschaft in Berlin-Steglitz. (Zu Seite 89.)

Dem Verfasser dieser Zeilen ist Basel oft als ein unschöner, ja widerwärtiger und sogar unausstehlicher Ort bezeichnet worden. Genauere Nachfrage nach der Begründung dieses Urteils ergab in allen Fällen, daß diejenigen, die es fällten, von der Stadt nichts kannten als die zwei Bahnhöfe und ihre Schienenverbindung, daß sie von nichts zu sagen wußten, als von der Hast des Umsteigens und des Gepäckschleppens, dem Ärger der Zollplackerei, dem Gedränge am Fahrkartenschalter und der Widerwärtigkeit des Geldwechselns. Nun, diese Dinge sind gerade keine Annehmlichkeiten, sie kommen aber an jeder Grenze vor und sind nicht der Mühe wert, den Gebildeten aus seinem geistigen Gleichgewicht zu bringen. Vor allem geben sie kein Recht, eine Stadt zu beurteilen, von der man nichts anderes kennt als diese negativen Zugaben zum Reisevergnügen.

Alle, die den Rat befolgten, nicht bei jeder Schweizerreise und Italienfahrt nur durch Basel durchzustürmen, sondern der Stadt auch einmal einen eingehenden Besuch zu machen, sind bald Verehrer und Freunde derselben geworden. In der Tat gewähren die drei stattlichen Rheinbrücken den Ausblick auf eines der packendsten Städtebilder, das wir genießen können; die Aussicht von der Pfalz oben am gotischen Münster unmittelbar auf den herrlichen Strom hinab und hinüber auf die nahen Schwarzwaldhöhen ist entzückend, der Kreuzgang am Münster mit seinen lauschigen, spitzbogenumrahmten Höfen und seinen Denkmälern aus mehreren Jahrhunderten ist einer der schönsten seinesgleichen. Steigen wir dann eines der steilen Gäßchen hinab in die belebten Straßen, die nach dem Marktplatz mit seinem alten, glücklich erneuerten Rathaus und weiter kreuz und quer zu dem massigen Bau des Spalentores führen, so bekommen wir den stimmungsvollsten Eindruck einer Stadt mit alter, hoher Kultur, in der aber das moderne Leben darum doch nicht minder lebhaft pulsiert. Das historische Museum, in der ehemaligen Barfüßerkirche aufs glücklichste und unter geschickter Anpassung an die gegebenen Räume trefflich untergebracht, wird den Altertumsfreund lebhaft fesseln; die Kunstsammlungen im Museum sind bekannt in ihrer hohen Bedeutung für die ältere deutsche Malerei, in erster Reihe für Holbein. Daß von dem Basler Böcklin, der in jungen Jahren die Wände im Treppenhaus mit großen Gemälden schmückte, nicht wenige seiner Schöpfungen in einem eigenen Saale vereinigt sind, verleiht der Galerie in neuerer Zeit eine besondere Anziehungskraft.

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Abb. 64. Das Kaufhaus in Freiburg. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 89.)

Die naturwissenschaftlichen Sammlungen sind mit denen der Kunst unter einem Dach untergebracht, ebenso eine ethnographische Sammlung; der sehr schön angelegte und an seltenen Tierformen reiche zoologische Garten befindet sich im Südwesten vor der Stadt.

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Abb. 65. Rathaus in Freiburg. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 89.)

All das und vieles andere von hervorragendem Wert ist entstanden durch den hoch entwickelten Bürgersinn der Basler, die ihre Stadt schon früh zu einer sehr reichen gemacht haben, indem sie die Vorzüge ihrer glücklichen Lage für Handel und Verkehr zu allen Zeiten auszunützen verstanden. Von dem in weitem Umkreis sprichwörtlich gewordenen Basler Reichtum zeugt auch die 1460 gegründete, blühende Universität, die bis zur Stunde von der Stadt allein erhalten wird; von ihm zeugen die zahllosen Wohltätigkeitsanstalten jeder Art und die in der ganzen Welt tätige Basler Mission. Von der Basler Gediegenheit bekommt aber schließlich nur der die richtige Vorstellung, dem gelegentlich ein Blick in eines der stolzen Patrizierhäuser zu tun vergönnt wird. Da ist nichts zu sehen von modernem Firlefanz, alles atmet altüberkommene, gewichtige Pracht. Kein Wunder darum, daß die Stadt für die Umgebung der Inbegriff des Großen und Vornehmen ist, daß sie anzieht wie ein Magnet. Waren doch 1888 schon von den Bewohnern nur 28% Stadtbürger, dagegen 37% sonstige Schweizer und 35% Ausländer, von denen weit über die Hälfte aus Baden stammte, und seither hat sich diese Zuwanderung, besonders aus dem Schwarzwald, noch wesentlich verstärkt. Schon vor hundert Jahren war Basel für den weitesten Umkreis schlechtweg „die Stadt“ und es entspricht ganz dem Empfinden von Tausenden, wenn der alemannische Dichter Johann Peter Hebel, der übrigens bei einem vorübergehenden Aufenthalt seiner Eltern 1760 in Basel geboren wurde, in einem seiner Gedichte sagte:

Isch Basel nit e schöni, tolli Stadt? ’s sin Hüser drin, in mengem Dorf isch d’Chilche nit so groß, Un Chilche, ’s sin in mengem Dorf nit so viel Hüser.

Leopoldshöhe. Lörrach.

Kaum haben wir den badischen Bahnhof der Grenzstadt, der zurzeit seiner Verlegung und Vergrößerung entgegensieht, verlassen, um uns in nördlicher Richtung wieder dem eigentlichen Schwarzwalde zuzuwenden, so erreichen wir sofort wieder Reichsgebiet und damit die Station Leopoldshöhe, am Fuße einer mächtigen Terrasse diluvialer Geschiebe gelegen, die uns vor Augen führt, wie hoch einst der Rhein den Graben zwischen Schwarzwald und Wasgenwald mit von ferne hergebrachten Gesteinsmassen auffüllte, und wie tief er sich später sein Rinnsal in diese selbst gebildeten Ablagerungen einsägte. Von hier führt eine Bahnlinie westwärts über den Strom zu der ehemaligen Reichsfestung Hüningen, um dann an das Elsässer Bahnnetz anzuschließen, und eine ebensolche östlich unter dem Tüllinger Berg (409 m) durch nach Lörrach im Wiesental, um weiterhin von Schopfheim aus und durch das untere Wehratal nach Säckingen zu gelangen. Sie umgeht das Schweizer Gebiet bei Basel und bildet ein Glied jener strategischen Linie, die den Zugang von Osten her auf Belfort und die Burgundische Pforte erschließt.

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Abb. 66. Die Kaiserstraße mit dem Martinstor in Freiburg. Verlag der Neuen Photographischen Gesellschaft in Berlin-Steglitz. (Zu Seite 89.)

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Abb. 67. Mädchen aus dem Haslachtal bei Lenzkirch. Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 95.)

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Abb. 68. Zipfelhof im Bärental mit dem Feldberg. Nach einer Photographie von Dr. Hoek in Freiburg. (Zu Seite 95.)

Der Isteiner Klotz.

Nun geht es weiter durch eine kleine weingesegnete Ebene voll stattlicher Ortschaften, alles beliebte Ausflugsziele für die Basler, bis sich im Jurakalkrücken des Isteiner Klotzes (Abb. 39) das Gebirge unmittelbar zum Rhein vorschiebt und die Bahnlinie zwingt, in drei Tunnels die weißen Felsen zu durchbrechen. Mancherlei Sagen und Legenden knüpfen sich an diesen Punkt, die stimmungsvollste verarbeitete Scheffel zu seinem „Hugido“. Seit etlichen Jahren ist die Felszinne des Isteiner Klotzes in eine starke Befestigung umgewandelt worden, die das Rheinknie und Oberelsaß beherrscht. Damit ist auch die Zugänglichkeit dieses einst so gefeierten Aussichtspunktes unmöglich gemacht worden. Früher gab es hier ein genußreiches Wandern und Klettern, und niemand, der sich Zeit lassen konnte, hat es bereut, von Istein aus den malerischen Felssteig zu benutzen und zu der in die senkrechte Kalkwand hineingehauenen Veitskapelle und weiter in die Höhe hinaufzusteigen, wo seiner die herrlichste Aussicht harrte. Unmittelbar zu Füßen strömt der majestätische Rhein in seinem kanalisierten Bett, läßt aber in zahlreichen Altwassern und Verlandungen sein früheres Überschwemmungsgebiet und zugleich den Gewinn der großen Flußkorrektion erkennen. Darüber hinaus breitet sich das Elsaß aus, überragt vom Wasgenwald und vom nahen Schweizer Jura. Über dem Klotz erhebt sich in nächster Nähe der eigentliche Schwarzwald mit seinen dunklen Waldbergen, an deren Fuß, soweit das Auge blickt, reiche Rebgelände sich anschmiegen.

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Abb. 69. Der Feldberger Hof im Winter. Nach einer Photographie von Dr. Hoek in Freiburg. (Zu Seite 96.)

Müllheim.

Noch geht’s eine kurze Zeit hoch über dem Rhein hin, dann tritt das Gebirge und mit ihm die Bahnlinie allmählich mehr nach Osten zurück und bald ist Müllheim erreicht, ein behäbiges Landstädtchen, ganz in den rebenbewachsenen Lößhügeln und etwas höher ansteigenden Vorbergen versteckt, zwischen denen sich eine Nebenbahn durchschlängelt, die uns in einem halben Stündchen durch das Klembachtal hinauf nach Badenweiler (427 m) führt.

Das ist nun einer der bevorzugtesten, fast möchte man sagen gottbegnadetsten Punkte des Schwarzwaldes (Abb. 40). Er liegt 200 m über der nahen Rheinebene windgeschützt auf einer Terrasse des höher ansteigenden Gebirges derart, daß gar häufig die herbstlichen und winterlichen Nebel der Niederung nicht bis zu ihm hinauf dringen, und daß schon hier sich die Wärmeumkehr der Höhen geltend macht. Dazu kommen die Thermen von 26 bis 28° C, die an der hier durchlaufenden Hauptverwerfungsspalte des Schwarzwaldes austreten und schon vor 1800 Jahren zur Anlage des Römerbades und einer nicht unbedeutenden Siedlung geführt haben. Auch der Bergbau, hauptsächlich auf silberhaltigen Bleiglanz, der längs eines weithin zu verfolgenden Quarzitganges durch lange Jahrhunderte lebhaft blühte, hat einst zur Hebung des Ortes beigetragen. Heute erinnern daran nur noch die den Sammlern von Mineralien bekannten Halden an der Sophienruhe, am Felsen des Alten Mannes über der freundlich gelegenen Kuranstalt Haus Baden und an anderen Orten.

Badenweiler.

Das Landschaftsbild von Badenweiler und Umgebung ist berückend schön. Wandert man durch den wohlgepflegten Kurpark mit seiner überraschenden Fülle von herrlichen Baumgestalten, unter denen viele Vertreter ferner Florenreiche nicht fehlen, wie z. B. prachtvolle Zedern, Wellingtonien, überhaupt Nadelhölzer allerart, so wird man die Geschicklichkeit bewundern, mit welcher hier die an sich schon so schöne Natur wahrhaft künstlerisch noch gehoben worden ist. Bald ist der Hügel erstiegen, auf dem sich weit nach Westen vorgeschoben die Schloßruine erhebt. Das altbadische Herrenhaus wurde 1678, wie so viele andere am Oberrhein in jenen schweren Zeiten, von den Franzosen zerstört und bietet von seiner obersten Warte einen entzückenden Blick auf den gesegneten Gau zu Füßen. Im Osten das Klembachtal, von hohen Waldbergen umrahmt, unter denen der nahe Blauen bis zu 1165 m aufragt, nach Süden die fruchtbare Vorbergzone, unten das Tal mit seinen in Obstgärten verhüllten Ortschaften, dann die weite Rheinebene, der silberglänzende Strom, drüben im Westen das Elsaß mit den schön gezeichneten Bergkonturen der Vogesen.

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Abb. 70. Bismarckdenkmal auf dem Feldberg. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 96.)

Badenweiler selbst ist ein kleiner Ort, der aber mit seinem schmucken großherzoglichen Schloß, seinen Villen und Gasthäusern, alles in schöne Parkanlagen und Gärten zerteilt, einen unendlich lieblichen Eindruck macht. Sehenswert ist — nahe bei dem im Kurpark gelegenen offenen Schwimmbassin — das nach dem Vorbilde altrömischer Bäder gebaute „Markgrafenbad;“ es umfaßt ein Marmorschwimmbad, dessen bezaubernde Lichteffekte, welche durch die gefärbten Glasscheiben der Decke hervorgebracht werden, jeden Besucher bestricken, und Einzelbäder. Die Ruine des Römerbades führt uns die Anlage einer der hervorragendsten unter den nordalpinen Römerbauten vor Augen und gibt eine Vorstellung von der Art, wie das große Kulturvolk seine Heil- und Luxusbäder einzurichten pflegte. Sie ist 1784 entdeckt und freigelegt worden und hat 66 m in der Länge, 19,5 m in der Breite. Neben Vorhöfen und kleineren Räumen, wie Warte- und Salbzimmer, Schwitz-, Dampf- und Einzelbäder, finden wir große Schwimmbäder (Piscinen), kalte Bäder (Frigidarien), warme Bäder (Tepidarien). Alle Einrichtungen sind doppelt vorhanden, offenbar um die Benutzung gleichzeitig für Männer und Frauen zu ermöglichen. Ein Altarstein im Vorhof trägt eine Widmung an die Diana Abnoba.

Umgebung von Badenweiler.

Über dem Dorf betreten wir den herrlichsten Hochwald mit seinen wunderbar gepflegten Wegen, die sich jeder Art von Bewegungsbedürfnis anpassen, vom kurz dauernden Gang ohne jede Steigung bis zur lohnendsten Hochwanderung, die stundenlang ausgedehnt werden kann. Von der Überfülle schöner Ausflugsziele mögen nur zwei genannt werden, der Sirnitzsattel (1072 m) am Wege zum Belchen, der durch das felsen- und wasserfallreiche Klembachtal entweder auf neuer prachtvoll angelegter Kunststraße oder auf dem alten Wege längs des rauschenden Bergbaches erreicht werden kann, sodann der Gipfel des aussichtsreichen Blauen (1165 m), auf den eine Fahrstraße und ein ganzes Labyrinth von prächtigen Fußpfaden führt.

Überaus lohnend ist auch das langsame und behagliche Schlendern durch die Vorbergzone, etwa nach Bürglen (667 m), einer ehemaligen Propstei des Stiftes St. Blasien, und weiter nach dem freundlich gelegenen und ansehnlich gebauten Industriestädtchen Kandern, einst berühmt durch seine Hochöfen, welche die Bohnerze der Gegend verarbeiteten, jetzt durch seine Brezeln, seine Tonwarenfabriken und seine blühende Kunsttöpferei. Im Kandertal aufwärts liegt über dem freundlichen Dorfe Marzell (Abb. 41) die Lungenheilanstalt Friedrichsheim, das Tal hinab führt eine Nebenbahn an der malerischen Felslandschaft der Wolfsschlucht vorbei und durch mehrere schmucke Dörfer in der Richtung auf Basel.

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Abb. 71. Im tiefen Schnee. Nach einer Photographie von Dr. Hoek in Freiburg. (Zu Seite 97.)

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Abb. 72. Kartrichter am Feldberg und Zastler-Loch mit Zastler-Hütte. Nach einer Photographie von Dr. Hoek in Freiburg. (Zu Seite 97.)

❏ GRÖSSERES BILD

Wie im Süden von Badenweiler, so haben wir auch im Norden dieses Kurortes einen reichen Wechsel von lieblichen Landschaftsbildern voll freundlicher Ortschaften in ihrem reichen Garten-, Obst- und Rebenschmuck mit ernsteren Wald- und Berggegenden, die vom Rande der Ebene bis zu den höchsten Kämmen des Gebirges ansteigen. Der Blick, den die Eisenbahnfahrt von Müllheim bis Freiburg auf den Schwarzwald gewährt, ist an manchen Stellen geradezu großartig, besonders von Heitersheim bis Krotzingen, wo die mächtige Kuppe des Belchen (1413 m) gewaltig aufragt, mit dem südlich anstoßenden Horn des Hochkelch eine imponierende Berggestaltung. Zu diesen Höhen erschließen kurze und im oberen Teil steil ansteigende Täler prächtige Zugänge. So gelangen wir von Heitersheim mit seinem Deutschordensschloß aus dem Jahre 1524 nach dem eng zwischen die Berge geschobenen Sulzburg, einem alten Bergwerksstädtchen am Fuße des weinberühmten Kastelbergs, dessen Ruine vielfach als die eines Römerturmes angesehen worden ist. Etwas weiter oben im traulichen Waldtale liegt das Sulzburger Bad, für Ruhe- und Erholungsbedürftige wie geschaffen, aber auch ein Stützpunkt für Wanderungen nach allen Richtungen.

Das Münstertal.

Bei Krotzingen mündet das vom Neumagen durchströmte Münstertal in die Ebene; eine Nebenbahn, deren Verlängerung durch das reich gesegnete Hügelland nach Sulzburg führt, läßt uns in kurzer Fahrt das hübsche Städtchen Staufen erreichen, dessen Hauptstraße und Marktplatz einen malerisch-altertümlichen Eindruck machen. Vom rebenumpflanzten Schloßberg grüßt altes Gemäuer auf das frische Leben der Gegenwart herab. Die Aussicht, die sich uns oben erschließt, steht in nichts der von der Burg Badenweiler nach. Hinter Staufen ragt der Belchen in unmittelbarer Nähe dräuend auf, die Höhen-Differenz von mehr als 1100 m wirkt fast erschreckend (Abb. 42); aus anderen Mittelgebirgslandschaften läßt sich der Anblick mit dem der Schneekoppe vom Riesengrund aus vergleichen. Vor dem Fuße des Bergkolosses gabelt sich das Münstertal, dessen früherer Bergwerkssegen sich erschöpft zu haben scheint. Der eine Talast, Untermünstertal, führt zum Sattel am Haldenhof (931 m), nicht weit von der Sirnitz, und dann ins Gebiet des mittleren Wiesentals; der andere, Obermünstertal, am alten Kloster St. Trudpert (Abb. 43, 44) vorbei zum mächtig aufragenden Porphyrfelsen des Scharfensteins (Abb. 45) und auf die Wiedener Eck (1137 m), von wo ins obere Wiesental abgestiegen wird.

Rasch ist nun von Krotzingen ab Freiburg im Breisgau erreicht, die natürliche Hauptstadt des Schwarzwaldes. Auch diese Fahrtstrecke wird jeden befriedigen, der sich offenen Sinnes und frischer Genußfähigkeit erfreut. Denn die gartengleich angebaute, dicht besiedelte Landschaft, welcher die Ebene, sanft geböschte Lößhügel und kräftiger modellierte Vorberge stets wechselnde, aber immer schöne Züge verleihen, hat etwas unendlich Liebliches, am meisten in den Frühlingstagen der Obstbaumblütenpracht, wo besonders die anderwärts selteneren Pfirsichbäume mit ihrem entzückenden, zarten Rot ganz bezaubernd zur Geltung kommen.

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Abb. 73. Am Zeiger. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 98.)

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Abb. 74. Der Feldsee. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 97.)

❏ GRÖSSERES BILD

VIII. Von der Donau zur Dreisam.

Donaueschingen.

U

m auch die vierte Seite der Umrandung des südlichen Schwarzwaldes kennen zu lernen, begleiten wir von dem früher erwähnten Eisenbahn-Knotenpunkt Immendingen ab die windungsreiche Donau talaufwärts, treten bald aus dem Gebiete des Juradurchbruches in die Niederung des botanisch hochinteressanten Donauriedes und gelangen in kurzer Frist nach Donaueschingen (677 m). Das ist eine in vielen Beziehungen höchst interessante, kleine Residenzstadt mit fast 4100 Einwohnern. Der Hofhalt der besonders in Böhmen begüterten Fürsten von Fürstenberg, die bis 1806 souverän waren und jetzt noch zwischen Bodensee, Feldberg und Kinziggebiet große Besitzungen haben, gibt dem Orte ein besonderes Ansehen (Abb. 46). Von dem furchtbaren Brand, der im August 1908 einen großen Teil der Stadt einäscherte, ist keine Spur mehr zu sehen. Schmucke Neubauten ersetzen aufs vorteilhafteste die ehemals viel unansehnlicheren Stadtteile. Der weit ausgedehnte Schloßpark mit seinen herrlichen Baumgruppen wird jeden Besucher entzücken, und keiner unterläßt es, an der hübsch gefaßten Donauquelle (Abb. 47) seine Betrachtungen über den weiten Weg anzustellen, den das Wasser von hier bis zum Schwarzen Meere zurückzulegen hat. Die frühere Sitte, wonach jeder Gast des Fürstenhauses einen Sprung in das Becken tun und im Wasser stehend den Becher leeren und einen Sinnspruch sagen mußte, hat uns Scheffel, der nach seiner Säckinger Zeit als Archivbeamter hier lebte, in seinem Juniperus köstlich geschildert. Mit dieser Donauquelle ist es aber eine eigene Sache. Sie gibt ihr Wasser in die Brigach (farbiges Einschaltbild Nr. 48) ab, die nahe beim Städtchen nach 40 km langem Lauf sich mit der Brege vereinigt, welche auch schon eine Lauflänge von 45 km hinter sich hat. So bleibt doch wohl der Schwarzwälder Spruch berechtigt:

Brig und Breg Bringen die Donau z’weg.

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Abb. 75. Das Herzogenhorn im Nebelmeer. Nach einer Photographie von Dr. Hoek in Freiburg. (Zu Seite 98.)

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Abb. 76. Bauernhaus in Bernau. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 98.)

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Abb. 77. Bauernhof im Schlechttal bei Schweigmatt. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 98.)

Der Renaissancebau des Schlosses ist sehr ansehnlich, nicht wenige sonstige Bauwerke verdienen außerdem Beachtung. Die Sammlungen sind in hohem Grade wertvoll; es gilt das von den naturwissenschaftlichen wie von der Kupferstich-, Münz- und Waffensammlung, vom Archiv und der Bibliothek, unter deren reichen Schätzen die Laßbergsche Handschrift C des Nibelungenliedes sich wohl der größten Berühmtheit erfreut.

Die Baar.

Die Höhenluft und das Solbad ziehen viele Sommergäste an, und jedem ist der Aufenthalt bekömmlich. Manchem mag das Landschaftsbild der weiteren Umgebung einförmig erscheinen. Und doch entbehrt die Baar — so heißt die Hochfläche zwischen dem eigentlichen Schwarzwald und dem Jura —, der Reize durchaus nicht. Die Blicke über fruchtbare Kornfelder, im einzelnen hübsche Flußszenerien, malerische Baumgruppen, schmucke Ortschaften, all das macht die reiche Gegend zu einer freundlichen, anheimelnden.

Wutachtal.

Der Weg nach Westen, den wir nun einschlagen, ist einer der meistbegangenen im Schwarzwald. Im unfernen Hüfingen erinnert ein nicht schlecht erhaltenes Römerbad an die Bedeutung der Heerstraße von Vindonissa nach Arae Flaviae, bald überschreitet sodann die im Herbst 1901 eröffnete Bahnlinie im Dögginger Tunnel bei 749 m Meereshöhe die Donau-Rhein-Wasserscheide, und zieht nun in vielen Krümmungen, die uns manch wechselvollen Blick, gelegentlich auch auf die Alpen, gewähren, über das Hochland hin; gewaltige Viadukte überschienen einzelne Talfurchen; weiterhin halten wir uns zumeist nahe dem Steilrande der tief eingenagten Wutach, die hier nach Osten fließt, und gelangen an Löffingen (803 m) vorüber ins Waldtal des Röthenbaches. Damit verlassen wir die Fruchtbreiten der Kalkregion; bald haben wir auch die hier schmale Buntsandsteinzone durchschnitten und befinden uns im Granitgestein des eigentlichen Gebirges.

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Abb. 78. Kurhaus Wehrawald bei Todtmoos. Nach einer Photographie von G. Hahn in Todtmoos. (Zu Seite 99.)

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Abb. 79. Todtmoos. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 99.)

❏ GRÖSSERES BILD

Vier Tunnels werden durchfahren, dazwischen haben wir herrliche Niederblicke in die enge Schlucht unmittelbar zu unseren Füßen; auf einer mächtigen Steinbrücke von 57 m Spannweite geht’s über die Runse des Schwändebachtobels und auf noch grandioserer Brücke, der größten ihrer Art in Deutschland, überschreiten wir schließlich die Wutach, genauer gesagt die Gutach, wie der Waldstrom hier noch heißt, um bald danach die weit vom gleichnamigen Dorf abliegende Station Kappel-Gutachbrücke zu erreichen. 64 m spannt der mächtige Brückenbogen, der das Wildwasser 34 m tief unter sich läßt. Die Umgebung dieser Brücke kann zu den eigenartigsten Landschaften des Schwarzwaldes gerechnet werden (Abb. 49). In tiefer Rinne, deren Querschnitt die für Erosionsschluchten charakteristische V-Form hat, tost der Bach über mächtige Gerölle; die Abhänge sind dicht bewaldet wie die umgebenden, sanft geformten Höhenzüge, von deren Tannendunkel das helle Grün eingestreuter Wiesenflächen sich kräftig abhebt. Über allem der Hauch ungetrübter Ursprünglichkeit, der Friede der Einsamkeit. Und mitten in diese stille Bergwelt ist nun die gewaltige Gutachbrücke mit ihrem kühn geschwungenen Bogen hineingestellt, über den scheinbar ganz langsam der Wagenzug hinrollt, um auch diese abgelegene Bergwelt ans Netz des Weltverkehrs anzuschließen. Der Gegensatz zwischen der Landschaft und dem mächtigen Werk der Ingenieurkunst wirkt vielleicht am stärksten, wenn man den Fußpfad unter der Brücke zum rauschenden Wildwasser hinabsteigt und aus der Tiefe herauf blickend das wunderbare Bild in sich aufnimmt.

Das Tal der Gutach-Wutach war bis 1904 das einzige des Gebirges, dem kein Weg der ganzen Länge nach folgte. Seither hat es der Schwarzwaldverein durch Anlage neuer Wege und durch teilweise Benutzung älterer Wegstücke möglich gemacht, zunächst von der Kappeler Brücke ab bis zur Schattenmühle zu gelangen, indem man dem eben erwähnten Fußpfad folgt und auf und ab, bald nahe am Fluß, bald hoch über demselben, mit wechselnden Blicken in die Schlucht und ihre Felseinrahmung sich zur großartig einsamen Einmündung des Röthenbaches und weiter zum Räuberschlößchen durcharbeitet, von wo die Schattenmühle, in einer freundlichen Talweitung am Fuß gelegen, erreicht wird. Von hier ist ein Abstecher in die an alpine Szenerien erinnernde Lothenbachklamm (Abb. 50) überaus lohnend, und bald ist dann das kleine Bade- und Kurhaus Boll erreicht, ein behaglicher Rastort mitten in der einsamen Wildnis der ernsten Bergwelt.

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Abb. 80. Im Wehratal. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 100.)

Weiter bis zur Wutachmühle aber fehlte einst jede Möglichkeit des Durchkommens. Der Fluß macht mäandrisch zahlreiche Biegungen zwischen den beiderseits senkrecht aufragenden Kalkwänden und unterspült an der konvexen Seite der Krümmungen die Felsen meist so stark, daß zwischen diesen und dem Wasserlauf ein Vordringen völlig undenkbar war. Nur dem mutigen und ausdauernden Wagehals, der sich nicht scheute, vielleicht zwei dutzendmal das Wasser zu durchwaten und sich zwischen je zwei Furten mit Mühe durch wildes Gestrüpp von urwaldartiger Dichte durchzuzwängen, enthüllte das interessante Schwarzwaldtal seine geheime Schönheit. Dem verschwiegenen Botaniker und dem Geologen bietet dieses jungfräuliche Stück Land eine seltene Fülle des Interessanten. Auch ein Stück Trockental ist vorhanden, indem der Fluß an einer Stelle in den Kalkfelsen eindringt, unterirdisch weiterläuft und erst in größerer Entfernung wieder als mächtiger Wasserschwall aus einem Felsentor hervorrauscht (Abb. 51).

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Abb. 81. Partie in der Haseler Höhle (Erdmannshöhle). Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 100.)

Der neue Schwarzwaldvereinsweg von Boll abwärts — er trägt den Namen des Verfassers dieses Büchleins — hat endlich die Wutachschlucht der Allgemeinheit erschlossen und kann jedenfalls beanspruchen, die großartigste und interessanteste Weganlage zu sein, die aus touristischem Interesse in unserem Gebirge geschaffen worden ist. Der Weg führt bald hoch über den senkrechten Kalkwänden hin und gewährt herrliche Niederblicke auf Talboden und Fluß, bald zieht er durch grüne Auen am Stromufer hin, eingerahmt von dichtem Niederholz und fast tropisch üppiger Kräutervegetation, unter der die Riesenblätter des Huflattich stark vorherrschen, dann überschreitet er wieder — es geschieht das viermal — den Wildstrom auf hohem, sicherem Eisensteg. So geht es etwa anderthalb Stunden weit in ununterbrochenem Wechsel von neuen, immer schönen Landschaftsbildern bis zu einem Holzsteg, über den nach Norden ein Pfad durch die wilde Gauchachschlucht abzweigt, der dem Wutachtalweg an Schönheit nicht viel nachgibt. Er führt zur Eisenbahnstation Döggingen (s. S. 74) hinauf, und eröffnet so einen bequemen Zugang zum Wutachtal, das auch von zwei anderen Stationen der Donaueschinger Linie, nämlich Bachheim und Reiselfingen, mühelos zu gewinnen ist.

Wenig östlich vom Einfluß der Gauchach, unmittelbar an dem erwähnten Steg, liegt die Wutachmühle; von hier führen Straßen auf die umgebenden Höhen hinauf, nördlich nach Donaueschingen, südlich nach Bonndorf; im sich freundlich erweiternden Tal selbst geht ein bequemer Fahrweg nach Achdorf, wo der Fluß nach Südwesten umbiegt, und zur Eisenbahn nach Zollhaus oder Fützen (s. S. 50 und 52). Auch hier, in der Gegend des Wutachknies, haben neue, schöne Wege viel zur Erschließung der interessantesten Landschaft beigetragen.

Kehren wir zur Kappeler Brücke zurück, so erreicht von hier ab unsere Bahnlinie zwischen hohen fluvioglazialen Terrassen hinziehend bald das über 3600 Einwohner zählende Industriestädtchen Neustadt (805 m), das, von seiner hochgelegenen Kirche mit ihrem schlanken Turm überragt, einen ansehnlichen Eindruck macht. In der Neustadter Gegend kleiden sich Frauen und Mädchen noch allgemein in der alten, malerischen Tracht (Abb. 52).

Titisee.

Weiter biegt unser Schienenweg, stets der jungen Gutach entlang, um den 1188 m hoch ansteigenden Hochfirst herum, den ein Aussichtsturm krönt, und in wenig Minuten fahren wir in die Station Titisee (858 m) ein. Noch einen Augenblick, und wir stehen am Ufer des stillen, dunkelen Bergsees, eines wertvollen Kleinodes im reichen Schmucke der Schwarzwaldlandschaften.

Der Titisee (Abb. 53) ist etwa 2 km lang und 0,5 km breit. Seine größte Tiefe mißt 39 m. Er wird gespeist vom Seebach, der aus dem Feldsee am Feldberg kommt; sein Abfluß ist die mehrfach genannte Gutach, später Wutach genannt. Seine Umgebung ist eine echte Moränenlandschaft (Abb. 54), aus der typische Moränenblöcke nahe am Bahnhof zu einem kleinen, aber lehrreichen Gletschergärtchen vereinigt worden sind. Die Moräne, welche den See abdämmt, ist am Hirschbühl hinter dem Bahnhof und nahe dem Gutachabfluß aufs schönste angeschnitten.

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Abb. 82. Straßentunnel im Albtal. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 101.)

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Abb. 83. St. Blasien. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 100.)

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Doch was kümmert die meisten unter den Tausenden von Besuchern die Entstehungsgeschichte dieses Fleckes Erde? Lassen darum auch wir in erster Reihe seine Schönheit auf uns wirken. Und was könnten wir Lieblicheres in uns aufnehmen, als das Bild des strahlenden Sees, aus dessen klarem Spiegel die ihn umrahmenden Berghöhen nochmals unser Auge treffen? Wie wohlig ist es uns zumute, wenn wir hinausrudern in die friedliche Fläche und dann den Kahn ruhig treiben lassen, um ungestört umherblicken zu können in der freundlichen und doch ernsten Gebirgswelt mit ihren stillen Höhen, den dunkeln Wäldern, den saftigen Matten mit ihrem weidenden Vieh, dessen fernes Glockengetön allein die friedliche Ruhe unterbricht. Fehlen auch die schroffen Formen des Hochgebirges, die uns die Umgebung so manches Alpensees als etwas unvergleichbar Herrliches vor das Gedächtnis zaubern, so wird es der Titisee in seiner einfachen Lieblichkeit doch immer unserm Herzen antun, gleichviel ob die glänzenden Lichter der Mittagssonne aus ihm widerstrahlen, ob düstere Wolken über ihn jagen und ihn fast schwarz erscheinen lassen, oder ob die Ruhe der Nacht sich schweigend über ihm ausbreitet. Ein bißchen an Ursprünglichkeit hat er allerdings verloren, seit die Lokomotive mehrmals des Tages an ihm vorbeischnaubt. Wo früher ein kleines, ärmliches Wirtshäuschen stand, sonst aber von Menschenspuren nicht viel zu sehen war, da ist jetzt eine stattliche Siedlung entstanden, und eine starke Kolonie von Kurgästen bevölkert allsommerlich die großen Gasthöfe. Straßen und Fußwege laden zu lohnenden Wanderungen ein, die von hier aus bequem nach allen Richtungen ausgeführt werden können.

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Abb. 84. Bauernhaus im Schwarzatal bei Schluchsee. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 101.)

Zur Dreisam. Höllental und Himmelreich.

Uns aber führt die Bahn weiter nach Westen. In der typischen Torfmoorlandschaft von Hinterzarten überschreiten wir bei 893 m Meereshöhe — es ist das die höchste Stelle, welche die badischen Eisenbahnen erreichen — die Wasserscheide der Wutach gegen die Dreisam, und nun geht’s rasch in die Tiefe hinab. Nur 11 km sind es bis zum Himmelreich, aber 438 m Höhenunterschied müssen auf dieser kurzen Strecke überwunden werden; zu diesem Zwecke ist bis zur Station Hirschsprung der Zahnradbetrieb eingeführt, der ein Gefälle bis 1 : 18 gestattet, freilich bei sehr langsamer Fahrt. Noch geht es zunächst durch schön aufgeschlossene Moränen (Abb. 55), dann im anstehenden Gneis hoch über dem Löffeltal hin, dann durch einige Tunnels und auf 144 m langem Viadukt 37 m hoch über die wilde Ravennaschlucht (Abb. 56), an deren Ausgang ins Höllental gerade unter der Bahnlinie die alte St. Oswaldskapelle neben dem großen, weitum bekannten Sternwirtshaus liegt. Das Tal zeigt sich zunächst noch freundlich und lieblich. Durch grüne Wiesen plätschert der Rotbach neben der Talstraße, während die Bahn sich oben an der Berglehne hält. Das ändert sich erst unter der Station Hirschsprung, wo die Felsen von beiden Seiten sich so nahe treten, daß die Straße nur durch Sprengungen neben dem Bach Raum gewinnen konnte, während die Bahnlinie die Bergwand in drei Tunnels durchbricht. Diese Enge, der Hirschsprung, ist die großartigste Stelle des Tales und darf sich den wildesten Talschluchten aller Mittelgebirge an die Seite stellen (Abb. 57). Freilich ist sie nur kurz, doch wahrt das Tal auch unterhalb dieses Engpasses noch den schluchtartigen Charakter (Abb. 59); ist seine Sohle doch beiderseits von 400 bis 600 m hohen Flanken eingefaßt, so daß es sich gut begreift, wie die Raubritter der Feste Falkenstein von ihrem Felsnest aus dem Berufe des Wegelagerertums erfolgreich obliegen konnten, bis sie schließlich ihr Schicksal ereilte, und ihre Burg 1390 zerstört wurde.

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Abb. 85. Rothaus. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 101.)

Bei Himmelreich (455 m), wo mächtige Flußterrassen die Talhänge flankieren und uns zeigen, wie die Geschiebeführung nach dem Abschmelzen der Gletscher auch hier eine viel mächtigere war als in der Gegenwart (Abb. 58), öffnet sich plötzlich die Landschaft zum weiten sonnigen Taltrichter der Dreisamebene, die eine größte Breite von 6 und bis Freiburg eine Länge von 14 km hat. Der Gegensatz gegen die Enge der soeben noch durchmessenen Talstrecke ist wirklich ein großer und erklärt genugsam die Benennungen: Himmelreich und Höllental. An der alten Keltenniederlassung Tarodunum (Zarten) vorbei, die schon Ptolemäus erwähnt, und die eine ausgesucht günstige Lage auf hoher Terrasse innehat, wird das am Fluß des vielbesuchten Giersberger Wallfahrtshügels (Abb. 60) frei gelegene Kirchzarten erreicht, von wo mehrere Straßen nach Nord und Süd ins Gebirge abzweigen, und bald darauf nähern wir uns der natürlichen Schwarzwaldhauptstadt, Freiburg im Breisgau (271 m).

Straßen von Schwaben ins Breisgau.

Der Gebirgsübergang Donaueschingen-Freiburg ist einer der wichtigsten im Schwarzwalde; er hat oft eine große Rolle im Krieg und Frieden gespielt. Das Schwabentor in Freiburg weist durch seinen Namen schon auf die Bedeutung der Straße hin, welche die obere Rheinebene mit der Bodenseegegend, dem Donautal und Neckargebiet in Verbindung setzt. Freilich umging sie früher das Höllental, das bis 1755 nur einen Saumpfad, dann einen holperigen Fahrweg besaß, welcher 1770 in Rücksicht auf Maria Antoinettens Brautfahrt von Wien nach Paris besser ausgebaut wurde; 1857 ward die jetzige Kunststraße, 1887 die Eisenbahn Freiburg-Neustadt angelegt. Die alte Heerstraße vermied die Schlucht, sie hielt sich möglichst auf den Höhen und erreichte von Donaueschingen aus durchs Bregach- und Urachtal die Wasserscheide auf der „Kaltenherberge“ (1030 m), stieg auf dem wallartigen Kamm zwischen dem Wildgutach- und Joostal noch bis 1102 m zum „Schwabenstutz“ hinauf, 208 m höher als die Paßhöhe von Hinterzarten, ging dann über den oft verschanzten Hohlen Graben zum Turner (1035 m), von wo ein zwar steiler aber unschwieriger Abstieg durch das Spirzental und die Wagensteige ins Dreisamtal ebensowenig ein Hindernis bot als die Fortsetzung des Höhenwegs über die Klöster St. Märgen (890 m) und St. Peter (722 m) und durch das Eschbacher Tal nach Freiburg, oder durch das Glottertal etwas weiter nördlich in die Rheinebene. Dieser Höhenweg war auch von Rottweil-Villingen oder von Neustadt her leicht zu gewinnen. Er bildete durch mehrere Jahrhunderte die Hauptstraße von Schwaben ins Breisgau und ist viel umstritten worden, besonders auch im Dreißigjährigen und im spanischen Erbfolgekrieg, sowie in den Tagen von Moreaus Rückzug aus Bayern und Schwaben, 1796.

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Abb. 86. Moräne Seebruck am Schluchsee. Nach einer Photographie. (Zu Seite 101.)

IX. Freiburg im Breisgau.

Lage und Alter Freiburgs.

K

ommen für die Lebensfähigkeit ländlicher Siedlungen im wesentlichen nur die Bedingungen der Örtlichkeit an sich in Frage, also das Vorhandensein von Gebrauchswasser, die Ernährungsmöglichkeit durch das, was der Boden spendet, und der Schutz vor schädlichen Naturgewalten, so tritt bei Städten neben diesen Rücksichten und neben dem Bedürfnis nach Schutz im Kriege vor allen Dingen das nach möglichst vielseitiger Verkehrsbegünstigung hinzu. Bei Städtelagen ist also neben der Topographie der nächsten Umgebung auch, wie wir das bei Basel sahen, das Verhältnis zum weiteren Umkreis in hohem Grade maß- und ausschlaggebend für Dasein und Entwicklung. Freiburgs Lage nun kann in jeder Hinsicht als eine ideal günstige bezeichnet werden.

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Abb. 87. Heuernte im Tal; Gewitterstimmung. Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 43 u. 101.)

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Die Straßen, die vom Arlberg her, aus Italien und Südfrankreich in Basel zusammenlaufen, finden ihre rechtsrheinische Fortsetzung in der vor Sumpf und Hochwassergefahr der Rheinebene geschützten Bergstraße am Fuß des Schwarzwaldes und Odenwaldes hin nach Mittel- und Norddeutschland. An jeder Stelle, wo auf diesen Hauptweg aus dem Gebirge heraus ein Nebenweg mündet, entstand früh eine Siedlung, deren Bedeutung derjenigen des Nebenweges und seines Hinterlandes entspricht. Fast jeder Ort an der Straße Basel-Frankfurt bestätigt dieses Gesetz. Als Hinterland der Höllentalstraße dürfen große Teile des Schwarzwaldes und ganz Schwaben gelten; beachten wir dazu die bedeutsame westliche Fortsetzung dieser Straße nach Breisach, dem einzigen festen Rheinübergang weitum, so ist damit die Verkehrslage Freiburgs mehr als genügend gekennzeichnet.

Den nötigen Schutz fand die Stadt in kriegerischen Jahrhunderten dadurch, daß sie sich unmittelbar an ihren Schloßberg anlehnt, der durch lange Zeiten mit der Stadtumwallung zu einem wirkungsvollen Befestigungssystem vereinigt war. Freilich war dieser Schutz dringend nötig, da die Lage an so wichtigen Straßen sich nur zu häufig strategisch als höchst gefahrvoll erwies.

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Abb. 88. Partie im Schlüchttal. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 102.)

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Abb. 89. Der Schlüchtsee. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 101.)

❏ GRÖSSERES BILD

Auf dem Freiburger Schloßberg hat man einen römischen Mosaikboden gefunden, die älteste bekannt gewordene Besiedlung des Platzes geht hiernach recht weit zurück. Die jetzige Stadt aber ist wesentlich jüngeren Ursprungs, indem sie ihre Gründung erst den Herzogen von Zähringen verdankt, von denen Berthold II. 1091 nicht weit südlich von der Zähringer Stammburg ein Jagdschloß, und sein Bruder Konrad, dem ein hoher geographischer Scharfblick nicht abgesprochen werden darf, 1120 eine Markstätte errichtete. Diese erhielt Stadtrechte nach Kölner Muster, entwickelte sich zum blühenden Gemeinwesen und ist durch all die folgenden Jahrhunderte der Hauptmarkt geblieben für das große Gebiet vom Bodensee über den Schwarzwald bis zur Ortenau, ganz wie das seiner Lage entspricht.

Wasserversorgung, Kanalisation.

Zur glücklichen Entwicklung der Stadt tragen aber auch, besonders in neuerer Zeit, die Verhältnisse der nächsten Umgebung wesentlich bei, und zwar zunächst der Umstand, daß die Stadt auf dem Schuttkegel liegt, welchen die Dreisam bei ihrem Austritt aus dem Tal in die Ebene abgelagert hat. Das natürliche Gefälle des Stadtbodens von Ost nach West ist ein für den Wasserabfluß und damit für die Reinigung der Stadt überaus günstiges. Oberhalb der Stadt liegt der Boden des Dreisamtales 300 m hoch, der Münsterplatz hat 278 m, der Bahnhof 268 m, und etwa 2 km weiter westlich haben wir nur noch 258 m. Dazu kommt der außerordentliche Reichtum an Wasser; die städtische Leitung verfügt über den fast unerschöpflichen Reichtum des Grundwassers im oberen Dreisamtal, das durch die mächtigen Kies- und Sandlager, die es durchströmt, in so weitgehender Weise filtriert wird, daß es fast als chemisch rein bezeichnet werden kann. Über 250 Liter des wertvollen Wassers stehen jetzt bei über 83000 Einwohnern täglich für den Kopf der Bevölkerung zur Verfügung. Die ganze Stadt ist kanalisiert, alle Abwasser werden mit größter Geschwindigkeit den städtischen Rieselfeldern im Mooswald der Rheinebene zugeführt und erfahren auf dem Wege dahin und bei ihrem weiteren Ablauf wieder eine fast vollständige Reinigung, wie eingehende chemische und bakteriologische Untersuchungen längst und immer wieder nachgewiesen haben.

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Abb. 90. Am Schwedenfelsen im Schlüchttal. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 102.)

Freiburgs Klima.

Nicht leicht dürfte es eine andere Stadt geben, bei der die natürlichen Bedingungen für das Schwemmsystem so günstig sind wie bei Freiburg, das hiernach als eine der gesündesten Städte gelten darf. Zu dieser sanitären Begünstigung wirken auch klimatische Vorzüge mit, und zwar kommen zu den allgemeinen Klimavorzügen der Rheinebene noch spezielle, welche ihren Grund wieder in den topographischen Verhältnissen der näheren Umgebung haben.

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Abb. 91. Todtnauberger Wasserfall. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 103.)

Dreisam- und Höllental, die sich bei geringer Länge von den höchsten Schwarzwaldhöhen zur Ebene herabsenken, geben, wie bei ähnlichen Voraussetzungen überall, Veranlassung zu einem regelmäßigen Wechsel von Berg- und Talwinden, deren erster tagsüber ins Gebirg hineinweht, während der letztere in der Nacht von oben herab strömt. Dieser Höllentalwind, wie er heißt, setzt nach Sonnenuntergang ein und hat zur Folge, daß auch im höchsten Sommer die Nächte niemals drückend schwül sind und der Abkühlung mangeln, wie das z. B. in Straßburg, Karlsruhe oder Mannheim der Fall ist. Diese nächtliche Luftbewegung in der warmen Jahreszeit ist einer der größten Vorzüge des Freiburger Klimas. Subjektiv erscheint die Strömung freilich kühl, und das abendliche Sitzen im Freien ist auch im heißesten Sommer nicht gerade häufig rätlich, denn die Abkühlung durch Hautverdunstung bei der starkbewegten Luft wird empfindlichen Naturen leicht unangenehm. Objektiv aber liegt die Sache so, daß der Talwind als Fallwind nach Art des Föhn sogar eine kleine Temperaturerhöhung bringt; ergibt doch die abendliche Neunuhr-Ablesung am Thermometer regelmäßig höhere Werte als an den übrigen meteorologischen Stationen der Rheinebene. Diese bewegte Luft hat etwas überaus Erfrischendes für den menschlichen Organismus, und in ihr liegt wohl der Hauptreiz des Freiburger Lokalklimas, das im übrigen, was geringe Wärmeschwankung, relative Feuchtigkeit und gemäßigte Winter betrifft, kaum wesentlich hinter den gefeiertsten Orten am Genfer See zurücksteht. Die Frühlingsblüte in ihrer herrlichen Pracht tritt gegenüber dem nördlichen und gar nordöstlichen Deutschland um zwei bis vier Wochen früher ein, die schönen Herbsttage mit ihren wunderbaren Färbungen der Laubwälder dauern zumeist bis tief in den November hinein. Die Nähe der ausgedehntesten Bergwaldungen mit ihrem dichten Netz trefflich gepflegter Fahr- und Gehwege bis zu den höchsten Gebirgsgruppen hinauf — all das sind Dinge, die nicht leicht eine andere Stadt in ähnlich glücklicher Weise zu bieten imstande ist.

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Abb. 92. Schönau im Wiesental mit Blick auf den Belchen. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 103.)

Bevölkerung, Bauweise.

Kein Wunder darum, daß Freiburg eine große Anziehungskraft übt. Hatte die Stadt 1812 erst 10100 Einwohner, so war sie bis 1864 auf 19200, d. h. jährlich um 1,2 Prozent angewachsen, seither aber stieg ihre Bevölkerungszahl durchschnittlich um 3,3 Prozent im Jahre, so daß sie an der Jahrhundertwende 61500 und 1910 über 83000 betrug, von denen rund 70 Prozent katholisch sind. Bei dieser starken Zunahme muß aber ganz besonders beachtet werden, daß wir es in Freiburg nicht mit einer Industriestadt im eigentlichen Sinne zu tun haben. Blühen auch Gewerbe und Handel lebhaft, so treten sie doch nicht als beherrschend in den Vordergrund, Fabrik- und Arbeiterviertel fehlen ebenso wie enge, winkelige Stadtteile nach der Art anderer alter Städte, und das, was man Proletariat zu nennen pflegt, das gibt es im landläufigen Sinne nicht in Freiburg. Um den alten, kleinen Kern der Stadt, der sich um das herrliche Münster kreisförmig ausbreitet und dessen Umgrenzung vom Schloßberg aus an den steilen Dächern der älteren Häuser leicht zu erkennen ist, dehnen sich die weit und luftig gebauten neuen Stadtteile in großem Umfang nach allen Seiten. Meist sehen wir hier elegante Villenstraßen mit wohlgepflegten Gärten; die zweistöckigen Häuser überwiegen dabei und bedingen, daß der Raum der Stadt im Verhältnis zu ihrer Volkszahl ein unverhältnismäßig großer ist. Baum- und rasenbepflanzte Plätze sind überall zwischen den Häuserblöcken zerstreut, unter ihnen nimmt der schöne Stadtgarten die erste Stelle ein. Diese weite, luftige Bauweise ist ein weiterer sanitärer und vor allen Dingen auch sozialer Vorzug der Stadt, der uns deutlich zeigt, daß ihr Volkszuwachs wesentlich durch Zuzug besserer Gesellschaftsklassen zu erklären ist. In der Tat darf Freiburg als ein Pensionopolis bezeichnet werden, in welchem Beamte jeder Kategorie, Offiziere, Gelehrte, Kaufleute aus aller Herren Länder sich ein Heim geschaffen haben. Durch diesen Zuzug und seine Bedürfnisse hat sich das Ansehen der Stadt in den letzten Jahrzehnten sehr stark verändert und nicht minder auch der Geist, der in ihr waltet.

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Abb. 93. Stutz bei Schönau. Im Hintergrunde der Belchen. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 103.)

Freiburgs Bauten.

In all diesem Wandel der Verhältnisse ist aber neben der landschaftlich so unvergleichbar schönen Umgebung mit der weiten, gesegneten Ebene, der wein- und obstreichen Vorbergzone und dem formenreichen, stolz aufragenden Waldgebirge (Abb. 61) eines stets unverändert geblieben, das ist das wunderbare Wahrzeichen dieser Stadt, ihr frühgotischer Dom mit seiner himmelanstrebenden, durchbrochenen Pyramide, die weder in Straßburg noch in Köln, nicht in Ulm und nicht in Wien ihresgleichen findet an Anmut und Zierlichkeit des Aufbaues bis hinauf zur Spitze, die 120 m über dem Boden sich in den Äther verliert (Abb. 62 u. 63).

Bauten, geistiges Leben.

Von anderen alten Gebäuden mögen das Kaufhaus (Abb. 64) und das Kornhaus am Münsterplatz mit seinem volkstrachtenbelebten Samstagsmarkt, die Franziskanerkirche und das geschmackvoll restaurierte Rathaus ihr gegenüber genannt werden (Abb. 65), ferner der Basler Hof (Bezirksamt), das Falkensteinische Haus u. a. m. Das Schwaben- und Martinstor (Abb. 66) sind kürzlich stilvoll umgebaut und dabei wesentlich erhöht worden. Sonst sind nicht gerade sehr viele alte Gebäude da, die Belagerungen von 1644, 1713 und 1744 scheinen damit gründlich aufgeräumt zu haben, so daß trotz neuerlicher Bestrebungen einer altertümlichen Bauweise Freiburg tatsächlich überwiegend den Eindruck einer modernen Stadt macht. Hauptverkehrsader ist die Kaiserstraße, die von Nord nach Süd läuft; ihre Brunnen und das hervorragend schöne Siegesdenkmal für 1870/71 beleben sie aufs günstigste. Die alte Universität, ein unansehnliches Gebäude, dem man das ehemalige Jesuitenkloster auch ohne die danebenstehende Barockkirche deutlich anmerkt, wird in kurzem verlassen werden. Der stattliche Prachtbau, der sie ersetzen wird, geht seiner Vollendung entgegen; zusammen mit dem Bibliotheksbau und dem eben vollendeten neuen Stadttheater hat er dem Platz an der Werderstraße ein ganz hervorragendes monumentales Gepräge verliehen. Sehr ansehnliche Bauwerke sind auch die neueren Schulgebäude, die zahlreichen medizinischen und naturwissenschaftlichen Anstalten, das Diakonissenhaus, die St. Johannes- und die Herz-Jesukirche. Die romanische Ludwigskirche verdient dadurch Interesse, daß sie einst als Thennenbacher Klosterkirche in weltabgeschiedenem Waldtal hinter Emmendingen stand, nach Aufhebung der Abtei abgebrochen und um 1830 in Freiburg neu aufgebaut wurde.

Freiburg ist der Sitz zahlreicher Behörden, sowie des Erzbistums für die oberrheinische Kirchenprovinz; es liegen hier ein Infanterie- und ein Artillerieregiment, die Stäbe einer Infanterie- und einer Artilleriebrigade sowie der Stab der 29. Division. Ihren größten Schatz aber birgt sie in ihrer Universität, der Alberto-Ludoviciana, die 1456 von Erzherzog Albrecht von Österreich gegründet und nach dem Anfall der Stadt an Baden 1806 durch Großherzog Ludwig erneuert wurde. Vor vierzig Jahren zählte sie kaum mehr als 200 Studierende, und man fürchtete für ihr Bestehen. Da führte ihr seit 1871 die Gründung des Deutschen Reiches neues Leben zu, und jetzt haben wir im Sommer schon 2900 Studenten gehabt.

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Abb. 94. Zell im Wiesental. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 103.)

Hand in Hand mit diesem Aufschwung ging der der Stadt selbst. Und damit ward auch der alte, etwas kleinliche Geist, wie ihn enge Verhältnisse überall mit sich im Gefolge haben, endgültig gebannt. Heute ist Freiburg nicht nur unbestreitbar die schönste der deutschen Universitätsstädte, sondern sie ist auch, was ihr Name sagt, eine freie Burg der Forschung, der Geistesarbeit auf allen Gebieten, ein Hort des Deutschtums, ein fruchtbarer Boden für jegliche Betätigung des bürgerlichen Gemeinsinnes, des Fortschrittes. Daß sie auch für die Bedürfnisse der Geselligkeit alles Wünschenswerte bietet, dafür sorgen in reichlicher Weise Theater und Konzerte, Vorträge und Vereinsveranstaltungen jeglicher Art.

Freiburgs Umgebung.

Und was schließlich bei aller Verschiedenheit der Neigungen und Ansprüche Bewohner und gelegentliche Besucher gleichermaßen beglückt, das ist die herrliche nähere und weitere Umgebung der Stadt, zu der elektrische Straßenbahnen und Wege allerart hinausführen. Auf dem Lorettoberg steht eine Kapelle, in deren Außenwand eine Stückkugel eingemauert ist, die 1744 den Franzosenkönig Ludwig XV., als er von hier aus die Belagerungsarbeiten besichtigte, fast getötet hätte. Wer von dieser Stelle oder vom Schloßberg Umschau hält in die gottbegnadete Landschaft, dem wird das Scheiden nicht leicht werden, nachdem er sein Herz erfüllt hat mit den wechselvollen Eindrücken, die ihm der Rundblick gewährt auf die münsterüberragte Stadt im Kranz ihrer Villen, Gärten und Berge, nachdem er über der weiten Ebene das Vulkangebirge des Kaiserstuhls und dahinter den langen Zug des Wasgenwaldes erschaute, und über dem reichen Grün der nächsten Nähe seinen Blick erhob zu den schöngeschwungenen Berglinien des Schwarzwaldes, die ihn einladen zum Wandern, Schauen und Bleiben. Ob er dann die Schritte ins Revier des Schönberges oder zum Roßkopf mit seinem Aussichtsturm oder zum Stammschloß des badischen Herrscherhauses, der Zähringer Ruine, oder nach dem idyllischen St. Ottilien oder zum Waldsee oder nach dem ewig lieblichen Günterstal lenkt, es ist immer eines, was ihn beglückt, nämlich der Genuß unvergänglicher Naturschönheit, wie sie auf engem Raum nicht leicht in gleicher Fülle und Lieblichkeit anderswo sich ausgestreut findet.

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Abb. 95. Breisgauerin. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 103.)

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Abb. 96. Markgräflerinnen. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 103.)

X. Über Berg und Tal im südlichen Schwarzwald.

Wegsamkeit des südlichen Schwarzwaldes.

V

on jedem Punkt der Umrandung des südlichen Schwarzwaldes, zu allermeist aber von Freiburg aus, führen bequeme Wege ins Innere des Gebirges. Die Haltestellen der Höllentalbahn zwischen Kirchzarten und Titisee, die von der Breisgaustadt höchstens bis zu anderthalb Stunden Fahrzeit erfordern, lassen den 1493 m hohen Feldberg in drei Gehstunden oder nur wenig mehr ersteigen; da ferner von Basel aus durch das Wiesental bis nach Todtnau, das unmittelbar am Südfuße des Feldberges liegt, ebenfalls ein Schienenstrang führt, so ist auch von dieser Seite her die höchste Gebirgserhebung mühelos und in kürzester Frist erreichbar. Die eisenbahnfernste Gegend zwischen Freiburg und Waldshut, Basel und Zollhaus, die Umgebung von St. Blasien, liegt in der Luftlinie nur etwa 15 km von der nächsten Bahnstation ab; es können daher bequem Tageswanderungen quer durch das ganze Gebirge ausgeführt werden, die es gestatten, am Abend wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Dazu kommt, daß die Landschaft trotz ihrer bedeutenden Höhenunterschiede die Eigenschaft der Durchgängigkeit in hervorragendem Maße besitzt. Ist doch der Schwarzwald im ganzen, dank seiner Neigung zur Plateaubildung, auffallend hoch hinauf stark besiedelt; die Folge davon ist selbstverständlich auch ein dichtes Netz von Verbindungswegen jeder Art. Zu den prachtvoll gebauten Landstraßen längs der Wasserläufe der Täler, über die Pässe von einem Talgebiet zum anderen und über die aussichtsreichen Höhen hin — ein Dorado für die Radfahrer — kommen wohlangelegte Fahrwege auch zu dem in tiefster Einsamkeit oder auf höchster Höhe gelegenen Bergdorfe, sowie sehr gute Forststraßen, die zur Verbilligung der Holzabfuhr aus den Waldungen in wachsender Ausdehnung gebaut werden. Und endlich haben wir eine reiche Fülle von Gehwegen, die entstanden sind als Verbindungen von Einzelgehöften, Weilern und Dörfern, als Hutpfade im Interesse der Forstwirtschaft, oder im Dienste der Wanderlust an sich.

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Abb. 97. Hebelhaus in Hausen. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 103.)

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Abb. 98. Lörrach. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 104.)

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Abb. 99. Schloß Rötteln. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 104.)

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Abb. 100. Eingang von Schloß Rötteln. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 104.)

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Abb. 101. Belchenhaus. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 104.)

Der Schwarzwaldverein.

In letzterer Hinsicht hat seit 1864 der Schwarzwaldverein, der sich den Zweck setzt, die Kenntnis des Schwarzwaldes zu erweitern und zu verbreiten, das Reisen und den Aufenthalt in ihm zu befördern, sowie dessen Naturschönheiten bekannt und zugänglich zu machen, ungeheuer viel geleistet. Jede noch so tief im Wald versteckte Felsschlucht ist zugänglich gemacht worden, ebenso jeder Berggipfel und Aussichtsfels, und zwar nicht etwa durch gefährliche, schwindelerregende Steige, sondern durch kunstvoll angelegte, mit Tausenden von Wegweisern und Farbzeichen versehene, sichere Wege, durch Brücken und Stege, die das Wandern erst recht genußreich machen. Nehmen wir dazu noch das reichliche Vorhandensein von offenen Schutzhütten und Aussichtstürmen, so haben wir in diesen Dingen die dankenswerten Ergebnisse einer segensreichen, praktischen Arbeit, durch die im Laufe der Jahre tatsächlich die ganze Physiognomie des Gebirges eine andere geworden ist.

Wer die moderne Touristik nur nach etwaigen Äußerlichkeiten und Nebensächlichkeiten beurteilen wollte, die ja allen menschlichen Bestrebungen und Einrichtungen anhängen, ohne ihr Wesen auszumachen, der täte ihr unrecht. Es steckt in den Touristenvereinen, und im Schwarzwaldverein ganz besonders, ein gutes Stück von deutschem Idealismus. Durch ihre Wegbauten und Wanderfahrten locken sie gar manchen, dessen Auge sonst nie für die Natur erschlossen worden wäre, hinaus in Wald und Flur, über Berg und Tal; indem sie auf die Schönheit der Heimat hinweisen, bereiten sie der Liebe zur Heimat und zum Vaterland eine Stätte im Herzen und wirken so im besten Sinne des Wortes erzieherisch. Indem endlich durch ihre Tätigkeit Gebiete, die früher abseits von der Heerstraße lagen, auch Fremden gegenüber ihre Anziehungskraft ausüben lernen, hebt sich Handel und Wandel nach vielen Richtungen. Die glänzenden Erfolge der heimischen Fremdenindustrie sind nicht denkbar ohne die Vor- und Mitarbeit des Schwarzwaldvereins, des badischen wie des württembergischen, die beide ihren Vereinszweck auch noch dadurch zu fördern suchen, daß sie der Landes- und Volkskunde, sowie der Touristik dienende Veröffentlichungen herausgeben[1].

Die Höhenwege.

Bei all den vielen Tausenden, die beruflich jahraus, jahrein das wirre Getriebe der Städte über sich ergehen lassen oder gar tätig in dasselbe eingreifen müssen, erscheint der Wunsch, gelegentlich den Niederungen der Menschen möglichst vollständig zu entfliehen, nur allzu begreiflich und berechtigt. Ihnen kommen seit kurzem im Schwarzwald einheitlich mit roter Raute bezeichnete Höhenwege zugute, die von Pforzheim einerseits bis Basel (Höhenweg I), anderseits bis Waldshut (Höhenweg II) so weit es immer angeht, stets den Gebirgskämmen folgen und diese nur dann verlassen, wo es unvermeidlich ist. Zu den Haupthöhenwegen führen von allen Talstationen aus Zugangswege, die mit blauer Raute und entsprechenden Nummern (1, 2, 3...) ausgezeichnet sind. Den südlichen Schwarzwald erreicht der 1901 vollendete Höhenweg I von Norden her beim Titisee. Indem wir ihm folgen, überqueren wir ohne Beschwer die stolzesten Gipfel des Gebirges und gewinnen dabei die lohnendsten Blicke über dasselbe.

Immer im Zeichen der roten Raute steigen wir von den Gasthäusern am See die schöne Straße längs seiner Ostseite hinan und freuen uns der glitzernden Grüße, die die Spiegelflut durch das Geäst der schwarzen Tannen heraufwinkt. Wo die Straße nach Lenzkirch (802 m) umbiegt (Abb. 67), einem schmucken Industrieorte mit großer Uhrenfabrik, um weiterhin den Bahnhof Kappel bei der großen Gutachbrücke zu erreichen oder über die einsamen Höhen im Süden der Wutach gegen Bonndorf weiterzuziehen, da verlassen wir sie und folgen einem entzückenden Waldweg mit gelegentlichen Niederblicken auf den stillen Bergsee und seine stimmungsvolle Umgebung. Die Verkehrsbedeutung der herrlichen Straße Titisee-Lenzkirch-Bonndorf ist neuerdings vermindert worden, seit nämlich von der Station Kappel-Gutachbrücke (s. S. 76) der Linie Donaueschingen-Freiburg eine Nebenbahn abzweigt, die nach Lenzkirch führt, aus dessen Kopfstation sie sich ostwärts wendet, um hoch über dem tief eingeschnittenen Wutachtal Bonndorf zu erreichen. Diese neue Gebirgsbahn erleichtert den Zugang nach Boll und zur Wutachschlucht wesentlich, nicht minder auch den zu den südlichen Schwarzwaldtälern der Schwarza, Steina, Schlücht (s. unten).

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Abb. 102. Spinnstube im Kapplertal bei Freiburg. Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 107.)

Der Feldberg.

Beim Sattel von Bärental (Abb. 68) erreicht der Höhenweg die Straße, die von der Westseite des Titisees und von Hinterzarten herkommt, geht auf ihr in herrlichstem Hochwald bequem aufwärts, tritt bei der Jägersmatte (1230 m) aus dem Wald und gelangt dann in kurzem zum großen, aber urbehaglichen Gasthaus des Feldbergerhofes (Abb. 69), der in einer Meereshöhe von 1279 m gelegen ist. Von hier braucht man zum mächtig aufragenden Bismarckdenkmal (Abb. 70) auf dem Seebuck (1450 m) und zum Friedrich-Luisenturm auf dem Feldberg (1493 m) noch ein kleines Stündchen.

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Abb. 103. Bei Horben. Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 107.)

Von der herrlichen Welt, die sich vor den Augen des Feldbergbesuchers ausbreitet, ist schon die Rede gewesen. Die Schönheit des Feldbergs liegt darin, daß wir in ihm nicht einen räumlich engbegrenzten Gipfel haben, sondern einen Bergstock von ansehnlichem Umfang, dessen Fuß nördlich an der Sohle des Höllentals und südlich an der des oberen Wiesentals liegt, während er westlich durch den Straßenzug Todtnau-Kirchzarten, südöstlich durch die Linie Todtnau-Titisee begrenzt werden kann. Auf diesem großen Raume bietet sich nun eine reiche Fülle von landschaftlicher Schönheit, deren Wechsel nie eintönig wird, wie auch ein fröhlich-sorgloses Umherschlendern auf den freien Höhen des Feldberggebietes nie ermüden wird. Tage-, ja selbst wochenlang bleibt der Feldbergerhof als Standquartier eine Fundgrube immer wieder neuer Entdeckungen im luftigen Revier seiner Umgebung. Auch die Zastlerhütte (Abb. 72) in dem großartigen Kartrichter am Nordgehänge oder die Todtnauerhütte an der sonnigen Südflanke des Berges oder das neue Gasthaus am Sattel des Zeiger sind keine schlechten, wenn auch einfache Raststätten.

Das Wegnetz ringsum ist sehr dicht und bietet Befriedigung für jeden Geschmack. Wie herrlich ist nicht der kühn angelegte Felsenweg hoch über dem Felstrichter des Feldsees (1113 m), wie lauschig der Niederstieg zu dem stillen Wasserspiegel durch die üppigste Fülle kraftstrotzender Waldvegetation (Abb. 74). Und all die Pfade, die vom Höllental, von Kirchzarten her durchs Zastler- oder St. Wilhelmstal oder über die Höhen zwischen diesen Einschnitten heraufführen, wie sind sie schön, wie wohlig wandert es sich auf ihnen! Nicht minder lohnend sind die Abstiege nach Osten und Süden in die Gebiete des Schluchsees, ins Alb- oder Wiesental. Sehr bevorzugt ist der Feldberg jetzt auch im Winter, wo er zum Schneeschuhsport einlädt, dem seit Jahren im Schwarzwalde sehr energisch obgelegen wird (Abb. 71). Tage mit Wärmeumkehr auf den blendend weißen Höhen — und sie sind ja viel häufiger, als man unten im Tale ahnt — gehören zum Genußreichsten, was das Gebirge bieten kann.

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Abb. 104. Haldenwirtshaus am Schauinsland im Winter. Nach einer Photographie von Dr. Hoek in Freiburg. (Zu Seite 107.)

Der Höhenweg I.

Am Feldbergerhof gabelt sich unser Höhenweg I in zwei Äste, die das Wiesental westlich und östlich umfassen, um schließlich in Basel wieder zusammenzustoßen. Wir schlagen zunächst den östlichen der beiden Hochpfade ein und steigen vom nahen Sattel des Zeiger (1234 m), an dem die Wiese nach Westen, die Alb nach Osten abfließt (Abb. 73), zwischen den Tälern dieser Flüsse zum 1415 m hohen Herzogenhorn auf (Abb. 75), von wo, ganz abgesehen von der herrlichen Alpenaussicht, der Niederblick über die schroffen Felsabstürze hinab ins grüne Bernauer Tal unendlich lieblich ist. Die weit zerstreute Gemeinde Bernau mit ihren zahlreichen Weilern und Gehöften (Abb. 76) ist ein Hauptsitz der Schwarzwälder Holzschneflerei, die hier in genossenschaftlichem Betrieb ausgeübt wird und wirtschaftlich für die Talschaft segensreiche Bedeutung gewonnen hat.

Weiter senkt sich unser Kammweg zum Sattel der Wacht (975 m), wo die Straße vom Wiesental nach St. Blasien geschnitten wird, steigt dann wieder auf zum Blößling (1309 m), geht zum Hohen Zinken (1243 m), Hochkopf (1263 m) und Weißenbachsattel (1086 m), von wo bequem nach Todtmoos im oberen Wehratal abgestiegen werden kann. Auf der Höhe gelangt man vom Weißenbachsattel bald zu dem von St. Anton (1054 m), über den wie über den ersteren ein Übergang vom Wehra- ins Wiesental führt. Zumeist durch prachtvollen Wald zieht unser Weg weiter und läßt uns schließlich die Hohe Möhr (983 m) mit ihrem steinernen Aussichtsturm erreichen, der weiten Umblick gewährt über den schmucken Kranz der hohen Waldberge im Westen, Norden und Osten, über die fruchtbaren Auen des nahen Wiesentals, die hügeligen Gelände des Dinkelbergs, hinab zum grünen Rhein und darüber hinaus auf den Schweizer Jura und die strahlenden Häupter der Alpen. Das unmittelbar am Fuße des Berges gelegene Kurhaus Schweigmatt (750 m) gewährt nach der eigenartig schönen aber etwas anstrengenden Höhenwanderung willkommene Rast (Abb. 77).

Die Fortsetzung des Höhenpfades über den Muschelkalkrücken des Dinkelbergs dürfte in ihrer ganzen Ausdehnung vielleicht etwas ermüdend sein. Doch bietet der periodische Eichener See nicht alltägliches Interesse als eine Erscheinung, die auf Kalkböden nicht selten ist, wie wir ja von den Karstlandschaften her wissen. Vom Aussichtsturm auf dem Hohen Flum (535 m) ist die Nahsicht auf das Rheintal besonders schön, von der St. Chrischonahöhe (523 m), auf der die Basler Missionsgesellschaft einen Teil ihrer Anstalten unterhält, nicht minder der Niederblick auf die nahe Großstadt und ihre Umgebung.

Talbildungen.

Im Osten der eben durchwanderten Höhenlinie ist der orographische Aufbau unseres Gebirges im Gegensatze zu seinen übrigen Teilen dadurch ein ganz eigenartiger, daß die dem Rhein zueilenden Flüsse Wehra, Murg und Alb, sowie die Wutachzuflüsse Schwarza, Mettma, Schlücht, Steina abweichend vom normalen Flußgefälle, das vom Ober- zum Unterlauf immer geringer wird, ausnahmslos in ihrer Quellregion durch sanftgeböschte, freundliche Wiesenauen oder breite, friedliche Waldtäler strömen und erst weiter abwärts sich tiefer, vielfach geradezu cañonartig in den Gebirgskörper einnagen. In steilem Gefälle arbeitet sich das Wildwasser mächtig rauschend zwischen senkrechten Felswänden durch, die sich oft so nahe treten, daß von oben herab sein Lauf nicht mehr gesehen, sondern nur noch durch weithin vernehmbares Tosen vermutet werden kann. Die meisten dieser Talbildungen, deren Formen manchen ähnlichen Erscheinungen des Hochgebirges durchaus ebenbürtig an die Seite gestellt werden dürfen, haben es erst der neuzeitlich fortgeschrittenen Wegbautechnik zu verdanken, daß sie dem Verkehr erschlossen wurden. Die alten Wege vom Rheintal nach Norden ins Innere des Gebirges führen alle über die Höhen, die auch allein besiedelt erscheinen, während die finstern Schluchten auf lange Strecken unbewohnt sind und höchstens an den seltenen Stellen, wo einer der wenigen Ost-Westwege sie schneidet, ein einsames Wirtshaus oder eine klappernde Sägemühle aufweisen. Zwischen Neustadt und Waldshut erschließt der Höhenweg II viele dieser bisher wenig besuchten, einsamen, aber durch ihre weiten, herrlichen Fernsichten besuchenswerten Gebiete.

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Abb. 105. Der Feldberg, vom Schauinsland aus gesehen. Gemälde von Hans Busse. (Zu Seite 107.)

❏ GRÖSSERES BILD

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Abb. 106. Schellenmarkt an der Biereck. Nach einer Photographie von Prof. Dr. Längin in Karlsruhe. (Zu Seite 109.)

Die eben erwähnte, zunächst befremdende Eigentümlichkeit im Talbau des südöstlichsten Schwarzwaldes ist derselben Ursache zu danken, die wir schon für die Verlegung des Wutachlaufes und die Entstehung der Talwasserscheide bei Zollhaus verantwortlich machten. Als der Rhein allmählich das Schiefergebirge zwischen Bingen und Bonn durchnagte, schnitt sich sein Bett auch im Oberlaufe d. h. von Basel ostwärts tiefer ein. Die Folge davon war notwendig eine verstärkte Erosion der Nebenflüsse, die in den unteren Strecken derselben zuerst und zumeist ansetzte und den Oberlauf bis zur Stunde noch nicht erreicht hat. Die Wasserläufe von der Wehra bis zur Wutach tragen daher alle die Merkmale des Jugendlichen, Unfertigen in hohem Grade an sich, und das Haupterkennungszeichen dieser Eigenschaften ist eben das Nichtausgeglichensein des Gefälles, seine Verstärkung unten, seine Abschwächung oben. All die genannten Täler haben als Ergebnis derselben Entstehungsursache auch eine unverkennbare Ähnlichkeit ihres landschaftlichen Charakters. Es ist darum nicht nötig, hier eine vollständige Beschreibung derselben zu geben. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß sie zu durchwandern nicht ein hoher Genuß sei. Im Gegenteil! Wem es darum zu tun ist, denkbar wechselvolle Bilder großartiger Felsszenerien auf sich einwirken zu lassen, dem kann nur dringend geraten werden, die Kunststraßen längs der Wehra, Murg, Alb, Schwarza, Schlücht behaglich schlendernd zu begehen oder, wenn es ihm mehr Freude macht, sie abwärts zu radeln oder im offenen Wagen zu befahren. Er wird sich reichlich belohnt finden.

Talbildungen. Todtmoos. Wehra.

Vom Höhenweg I aus haben wir schon den Abstieg nach Todtmoos an der Wehra (821 m) kennen gelernt. Dieses große, weitzerstreute Dorf mit vielbesuchter Wallfahrtskirche liegt vor rauhen Winden geschützt und ist daher ein sehr empfehlenswerter Luftkurort geworden (Abb. 79). Das vornehme Sanatorium Wehrawald mit seiner vortrefflichen Einrichtung arbeitet unter ähnlich günstigen Bedingungen für Lungenkranke wie Davos oder Arosa (Abb. 78). Unterhalb des waldumrahmten friedlichen Talbodens von Todtmoos schließen sich die Talgehänge bald näher zusammen, und etwa drei Wegstunden lang windet sich nun die Straße durch die Schlucht, immer nahe über dem tosenden Wildwasser. Bei der Ewaldbrücke und dem nicht weit davon entfernten Straßentunnel ist die Landschaft am großartigsten geworden (Abb. 80). Oberhalb Wehr, einem Industrieorte mit gegen 3700 Einwohnern, hat sich das Tal wieder freundlich geöffnet, und bald ist von hier mit der Eisenbahn das Rheintal bei Brennet erreicht. Die Bahnstrecke Säckingen-Brennet-Wehr findet ihre westliche Fortsetzung nach Schopfheim im Wiesental; nahe unterhalb des Kurhauses Schweigmatt und des Eichener Sees durchbricht sie den Kalkrücken des Dinkelberges in dem 3169 m langen Großherzog Friedrich-Tunnel; neben dem Tunnel bei Kochem an der Mosel ist dies der längste im Deutschen Reich. Beim Ostausgang des Tunnels liegt die Haseler Tropfsteinhöhle, auch Erdmannshöhle genannt, deren interessante Unterwelt mit ihren vielfach recht phantastisch gestalteten Kalkgebilden verschiedensten Namens (Abb. 81) einen Besuch auch dann verdiente, wenn Scheffel seinen Trompeter nicht hierher geführt und den stillen Mann in ihr nicht so schöne Lieder hätte singen lassen. Die Höhle hat seit kurzem elektrische Beleuchtung.

Murg, Alb St. Blasien.

Auch das Tal der Oberen Murg, das am bequemsten von Todtmoos aus erreicht wird und mitten durch den Hotzenwald führt, verdient Beachtung, besonders im wilden Unterlauf, wo die Umgebung des Harpolinger Schlosses uns hervorragend schöne Landschaften vors Auge zaubert. In noch höherem Maße ist das der Fall beim Albtal. Vom Sattel der Wacht oder vom Feldbergerhof führen angenehme Wege durch die Täler von Bernau oder Menzenschwand, der letztere durch eine großartige Moränenlandschaft, nach St. Blasien, das wir auch vom Herzogerhorn auf aussichtsreichem Höhenzugangsweg erreichen können.

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Abb. 107. Alte Kuhglocke. Aus der Sammlung Spiegelhalter. Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 109.)

St. Blasien (772 m), ein Städtchen von über 1700 Einwohnern, ist in junger Vergangenheit entstanden um die alte, vornehme Benediktinerabtei, die 1806 aufgehoben worden ist. Sie war von den südwestdeutschen Klöstern weitaus das bedeutendste und hatte ausgedehnten Landbesitz, von dem die Sage ging, daß der Fürstabt während der Reise vom Schwarzwald nach Rom jede Nacht auf eigenem Grund und Boden Quartier nehmen könne.

Das glänzendste Denkmal des alten Reichtums ist die Kuppelkirche, die unter Abt Gerbert 1768–83 als Nachahmung des Pantheons in Rom gebaut wurde. Der Rundbau hat eine Höhe von 64 Metern, die gewaltige, kupfergedeckte Kuppel mißt 35 Meter im Durchmesser. Es ist eines der wunderbarsten Bilder, die man genießen kann, wenn die Abendsonne die mächtige, tannenwaldumhüllte Kuppel zauberisch beleuchtet. Der Kontrast zwischen der himmlisch wohligen Waldeinsamkeit des stillen Hochtales und dem Wunderbau der Gerbertschen Kuppelkirche ist ein völlig überwältigender (Abb. 83). Das Klostergebäude ist Baumwollfabrik geworden, der Ort im ganzen aber dient fast ausnahmlos modernsten Kurzwecken. Das vornehme Kurhaus, einige Sanatorien, zahlreiche Villen und Fremdenpensionen haben eine internationale Fremdenkolonie erstehen lassen, deren Mitglieder das Lob der Schönheit und des günstigen Klimas von St. Blasien dankbar in alle Welt verbreiten.

Je weiter abwärts, desto schöner und interessanter wird das Albtal; besonders zwischen Tiefenstein und Albbruck, wo es in das Rheintal ausmündet, wird seine felswilde Großartigkeit derart, daß sie sich im Schwarzwald nicht leicht Vergleichbares an die Seite stellen läßt (Abb. 82).

Schwarza, Mettma.

Zu den Talschluchten östlich der Alb gelangt man von Norden her am bequemsten vom Titisee aus. Von der Lenzkircher Straße zweigt hoch über dem See eine andere ab, die über Alt-Glashütten (993 m) zum waldeinsamen, stillen Schluchsee (899 m) führt, über welchem der gleichnamige Luftkurort erhöht gelegen ist. Der Schluchsee nimmt bei etwas größerer Länge aber geringerer Breite fast genau die gleiche Fläche ein wie der Titisee. Sein unteres Ende ist durch einen gewaltigen Moränenwall abgedämmt (Abb. 86), der die Schwarza zwingt, nach Süden abzuströmen, während der ehemalige Ablauf in der Talrichtung des Sees, die Mettma, jetzt als selbständiger Fluß erscheint.

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Abb. 108. Zähringer Burg. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 110.)

Schlücht.

Über dem rechten Ufer der tief eingesägten Schwarza zieht eine prächtige Straße durch die Granitlandschaft nach Häusern und St. Blasien. Eine Abzweigung steigt nach Höchenschwand (1010 m) hinauf, dem frei gelegenen Luftkurort, dessen meteorologische Station wertvolles Material zur Kenntnis des Höhenklimas im Schwarzwald beigebracht und dessen umfassende Alpenaussicht manchen Reisenden glücklich gemacht hat. Von hier ziehen stille Wege über die Höhen (Abb. 87) und durch das Felstal der Schwarza (Abb. 84), ebenso ist vom Schluchsee aus der in herrlicher Waldumgebung gelegene Kurort Rothhaus leicht zu erreichen, der neben der Staatsbrauerei gleichen Namens (972 m) allmählich erwachsen ist (Abb. 85). Unfern liegt der kleine Schlüchtsee (Abb. 89) in träumerisch einsamer Umgebung. Aus ihm entspringt die Schlücht, die ebenso wie die etwas weiter westlich fließende Mettma nach unten sich tief in den Felskörper des Gebirges eingesägt hat, so daß nahe ihrer Vereinigungsstelle oberhalb der Witznauer Mühle (437 m), von der das Städtchen Thiengen bei Waldshut in kurzer Zeit zu erreichen ist, das Gebirge uns eine seiner sehenswertesten Landschaften vor Augen führt (Abb. 88, 90). Noch ein wenig weiter östlich hat sich das Steinaflüßchen seinen Weg gebahnt. Das Steinatal wird am besten von Bonndorf aus besucht, wobei uns zuerst das freundliche Steinabad in seiner Waldumrahmung fesselt, dann werden die Ruinen der Roggenbachschlösser die Aufmerksamkeit erregen, und nun geht’s das stille Tal hinab, das wenig oberhalb des Schlüchttals bei Thiengen ins Wutachtal ausmündet. Die Höhen zwischen diesen Tälern sind ihrer orographischen Gestaltung nach etwas einförmig, aber das machen sie gut durch ihre herrlichen Fernblicke. Um diese, besonders auf die Alpen, genießen zu können, empfiehlt es sich, von Nord nach Süd zu wandern, sei es etwa auf der Straße von Höchenschwand nach Waldshut oder auf der von Schluchsee über den Beerauer Berg nach der Witznauer Mühle, also im wesentlichen der Richtung der Höhenwege II zu folgen.

Illustration from Der Schwarzwald

Abb. 109. Die Hochburg. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 110.)

Steina und Wiese.

Im Westen der Linie Feldberg-Schweigmatt ist der Charakter des Gebirges ganz verschieden von dem, wie wir ihn eben kennen lernten. An die Stelle der Hochflächen, die durch schmale Schluchten voneinander getrennt sind, treten wohlausgebildete Bergformen in reichgestaltiger Einzelmodellierung, dazwischen liegen normalgebaute Täler, die ihr Gefälle nach unten abschwächen und gleichzeitig ihre Breite vergrößern, bis sie schließlich sich mit weiten Mündungstrichtern dem Rhein zu öffnen. Das größte und in seiner Art schönste dieser Täler ist das der Wiese, die am Zeiger beim Feldberg (1234 m) entspringt und unmittelbar unterhalb Basel den Rhein erreicht.

Das Wiesental.

Johann Peter Hebel, ein Sohn des Wiesentals, hat dem Flusse seiner Heimat eines seiner besten Gedichte in alemannischer Mundart gewidmet und ihn darin begleitet von der Quelle bis zu dem Punkt, wo des Feldbergs liebliche Tochter freudebebenden Herzens dem stattlichen Schweizerburschen Rhein in die Arme fliegt. Desselben Dichters stimmungsvoller „Geisterbesuch auf dem Feldberg“ führt uns auch in die Gegend an der Wiesenquelle. Es ist darum nicht mehr als recht und billig, daß der neue schöne Weg vom Zeiger längs der jungen Wiese ins Tal hinab „Hebelweg“ heißt, und daß durch sinnige Verse an seinem Anfang und Ende des heimischen Dichters dankbar gedacht ist.

Die Städte des Wiesentals: Todtnau, Schönau, Zell, Schopfheim und Lörrach, die der Reihe nach 2300, 1900, 3600, 3900, 14700 Einwohner zählen, sowie fast alle zwischen ihnen liegenden, zum Teil sehr volkreichen Dörfer treiben lebhafte Industrie. Zur Zunder-, Bürsten- und Bürstenholzfabrikation im obersten Tal gesellt sich vor allen Dingen die lebhaft betriebene Baumwollspinnerei und -weberei, wozu noch zahlreiche andere Betriebe jeder Art kommen, die in ihrer Gesamtheit das Tal zum bedeutendsten Industriebezirk des Schwarzwaldes machen.

Illustration from Der Schwarzwald

Abb. 110. Steinschleiferei in Waldkirch. Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 110.)

Westlicher Ast des Höhenwegs. Belchen.

Die landschaftliche Schönheit leidet aber durch die Fabriken kaum, und es ist wirklich eine helle Freude, mit der Bahn von Todtnau nach Zell und Basel zu fahren, all die wechselvollen Bilder voll Felswildnis, Einsamkeit, gartengleichen Anbaues und dichter Besiedlung an sich vorbeiziehen zu sehen. Auch der längere Aufenthalt in den freundlichen Talorten ist lohnend, da er an jedem von ihnen gestattet, eine Fülle abwechslungsreicher Ausflüge nach allen Richtungen zu machen. Todtnau (643 m), nach dem Brand 1876 in schmucker Frische neu erstanden, hat seinen herrlichen Wasserfall (Abb. 91) und darüber den sonnebegnadeten Kurort Todtnauberg (1021 m); Schönau (542 m) liegt in lieblicher Talweitung vielleicht am günstigsten im ganzen Tal (Abb. 92) und hat den großen Vorzug bequemster Wegverbindungen ins Wehragebiet, zum Belchen, ins Münstertal und in der Richtung auf Badenweiler. Besonders die Höhen auf der linken Talseite gewähren entzückende Aussichten (Abb. 93). Unterhalb Zell (Abb. 94), von wo Schweigmatt und die Hohe Möhr leicht zu erreichen sind, grenzt das einst St. blasianisch-vorderösterreichische an das altbadische Gebiet. An dieser Stelle trennt sich auch heute noch scharf und bestimmt Konfession, Tracht (Abb. 95, 96) und Mundart. Hebels Heimatsdorf Hausen ist der erste Ort der einstigen Markgrafschaft (Abb. 97). In das nunmehr breite, überaus freundliche Tal mündet bei Schopfheim das der Kleinen Wiese, die vom Belchen herkommt und manchen stillen Waldpfad erschließt. Etwas wenig oberhalb der lebhaften Stadt Lörrach (Abb. 98) grüßt vom grünen Bergwald herab die ernste Ruine des großen Röttler Schlosses, das wie so manches andere im Rheingebiet um 1680 von den Franzosen zerstört worden ist (Abb. 99, 100).

Illustration from Der Schwarzwald

Abb. 111. Polieren der Achate in Waldkirch. Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 110.)

Der westliche Ast des großen Höhenweges I ist in mancher Hinsicht noch lohnender als der im Osten des Wiesentals. Zu allermeist fällt da ins Gewicht, daß er in der Hauptsache ziemlich nahe dem Fuß des Gebirges hinzieht, so daß die relativen Höhenunterschiede, die man unmittelbar überblickt, bis zu 1200 m anwachsen. Dazu kommt der lebhaftere Formenreichtum dieser westlichen Gebiete, von dem schon die Rede war. So gewährt es hohen Genuß, vom Feldberg bald aussichtsreich, bald durch herrlichen Hochwald über die Todtnauer Hütte (1321 m) und den Stübenwasen (1388 m) bis zur Straßenhöhe des Notschrei (1121 m) zu wandern, deren Denkstein uns anschaulich macht, wie lange die beteiligten Gemeinden mit ihrem „Notschrei“ die Behörden bestürmen mußten, bis endlich die Straße von Todtnau hinüber nach Oberried und Kirchzarten im Dreisamtal gebaut wurde. Nun geht’s zur Wiedener Eck (1037 m), der Paßhöhe zwischen Wiesen- und Münstertal, weiter zum Sattel der Krinne (1119 m), wo der kürzeste Weg von Schönau nach Staufen geschnitten wird, und endlich hinauf zum Belchen (1413 m). Der Belchen bildet mit seiner von allen Seiten sich schroff erhebenden, die weite Umgebung stolz überragenden Kuppe die ausgeprägteste Berggestaltung im Schwarzwald und wird darum von vielen auch als die schönste aufgefaßt. Mag man nun in dieser Hinsicht denken, wie man will, herrlich ist es auf alle Fälle, von dem freien Gipfel ringsum in die Tiefe zu blicken, zu welcher sich der Koloß in schön geschwungenen Linien hinabsenkt, und von fernher Vogesen, Jura und Alpen grüßen zu sehen. Vom Wiesental, von Badenweiler, Sulzburg und Staufen führen eine Menge guter Wege herauf, von Schönau insbesondere eine herrliche Kunstfahrstraße, oben lockt das Rasthaus zu behaglicher Einkehr (Abb. 101). Auch längerer Aufenthalt auf der luftigen Höhe wird keinem gereuen, dem es Freude macht, statt in hastiger Eile kurz nacheinander möglichst vielerlei zu sehen, in stiller Ruhe sich einsam zu sonnen. Der kraftstrotzende Hochwald am steilen Nordwesthang, die Felswelt des Hochkelch, die Abhänge gegen Schönau hinab und manche andere Stelle an dem schönen Berg bieten des Besuchenswerten gar mancherlei für viele Tage.

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Abb. 112. Waldkirch. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 110.)

❏ GRÖSSERES BILD

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Abb. 113. Frauentracht im Elztal. Aus der Sammlung Spiegelhalter. Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu Seite 112.)

Westlicher Ast des Höhenwegs. Blauen.

Unser Höhenweg senkt sich zum Haldenhof bei Hinterheubronn (931 m), wo die Straße von Staufen nach Schopfheim geschnitten wird, folgt dann der Sirnitzstraße, die nach Badenweiler und Müllheim führt bis auf den Kreuzwegsattel (1072 m), von wo der nahe, tief im Walde versteckte Nonnmattweiher besucht werden kann, und zieht sich weiter auf dem schön bewaldeten Kamm zwischen Kander- und Klembachtal zum Ringwall des Stockberges und zum Blauen (1165 m) über Badenweiler. Der Niederblick auf das Markgräflerland und die vielgestaltige Landschaft um das Basler Rheinknie, auf das Oberelsaß und die Burgundische Pforte ist entzückend, selbst wenn die Kämme des Wasgauwaldes und die Eishäupter der Alpen von einem tückischen Dunstschleier verhüllt sein sollten.

Vom Aussichtsgerüste und dem nahen Gasthaus führt eine bequeme Fahrstraße nach dem unfernen Badenweiler; unter den zahlreichen Wegen, die sonst nach allen Seiten einladen, wählen wir den mit der roten Raute nach der Ruine Sausenburg und nach Kandern, von wo die Bahn über Haltingen oder das Schlußstück des Höhenweges über Rötteln und Tüllingen nach Basel führen.

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Abb. 114. Frauentracht im Elztal. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 112.)

Von den Abstiegen, die uns aus der erquickenden Höhenwelt zu den Niederungen der Menschen gelangen lassen, sind schließlich noch die zu erwähnen, die in Freiburg endigen. Leicht wird vom Feldberggebiet jede Station des Höllen- und Dreisamtales erreicht; die Straße vom Notschrei nach Kirchzarten gehört zu den schönsten im Gebirge, da sie uns aufs denkbar bequemste den lohnenden Anblick duftigster Waldlandschaft mit rauschenden Wasserfällen und wilden Felsgebilden gewährt.

Der Schauinsland.

Vom Notschrei führt in alter Verkehrsrichtung, aber ganz neu gebaut, eine Kunststraße zum Haldenwirtshaus (Abb. 104) über Hofsgrund (1156 m) und am Schauinsland hin zum Bohrertal hinab nach Günterstal und Freiburg.

Eine kurze Abzweigung läßt uns den Gipfel des Erzkasten oder Schauinsland (1284 m) erreichen, der nur drei Gehstunden von der Stadt entfernt liegt und es ermöglicht, einen hervorragend lohnenden Einblick in die Gestaltung des hohen Schwarzwaldes, seine Natur und Besiedlung zu gewinnen (Abb. 105), zugleich aber auch das Auge schweifen zu lassen von der Gegend von Straßburg bis zum Montblanc und Gärnisch.

Illustration from Der Schwarzwald

Abb. 115. Mädchen aus dem Elztal. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 112.)

Die Nähe des Schauinsland mit seinen waldreichen Gehängen und an diesen mit seinem trefflich gepflegten Netz prachtvollster Wege — es sei nur noch an die durch das erzreiche Kapplertal (Abb. 102) und über Horben (Abb. 103) erinnert — darf füglich als einer der allergrößten unter den großen Vorzügen Freiburgs gelten.

Illustration from Der Schwarzwald

Abb. 116. Offenburg, Straßenbild. (Zu Seite 112.)

Notes in this chapter

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