Der nördliche Schwarzwald.
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XIV. Der Westrand von Offenburg bis Baden.
Schramberg. Von Offenburg bis zur Murg.
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om südlichen und mittleren Schwarzwald unterscheidet sich der nördliche vor allen Dingen dadurch, daß er innerhalb der von uns gewählten Grenzen — Rheinebene, Kinzig- und Murgtal — nur aus einem einzigen von Süd nach Nord streichenden Hauptkamm besteht, der in der Hornisgrinde mit 1164 m seine höchste Erhebung hat und nur ziemlich kurze Querrücken nach Westen und Osten aussendet. Die Täler liegen alle sehr tief, die relativen Höhenunterschiede sind daher bedeutend, trotz der mit dem südlichen und mittleren Schwarzwald verglichen geringern absoluten Höhen. Abgesehen von der Gneislandschaft zwischen der Kinzig und dem Oberlauf der Rench findet der Granit hier eine sehr große Verbreitung, die Kämme sind zu allermeist von Buntsandstein bedeckt, dessen Blockmeere vielerorts Erstaunen und Bewunderung erregen, während er anderwärts zu ausgedehnten Moor- und Sumpfbildungen Veranlassung gegeben hat. Eine nicht unbedeutende Anzahl von kleinen Hochseen verleiht dem Gebirgsteile mehrfach ein ganz eigenartiges Gepräge. Da in der Umrandung nur auf die ziemlich kurze Strecke von Forbach bis Kloster Reichenbach im Murgtal die Eisenbahnverbindung fehlt, während in die Täler der Rench, Acher, Bühlott und Oos Nebenbahnen führen, ist die Zu- und Durchgängigkeit dieses Gebirgsabschnittes eine hervorragend günstige. Das wird uns an der dichten Besiedlung der Täler, an der glänzenden Wegsamkeit der Höhen und an dem lebhaften Verkehr der Niederungen wie der eigentlichen Gebirgsregionen deutlich zur Anschauung gebracht, ein Verkehr, zu dem die nahen Großstädte Straßburg und Karlsruhe und auch das etwas ferner liegende aber leicht zu erreichende Stuttgart natürlich sehr viel beitragen.

Abb. 130. Peterstal. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 128.)
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Ortenau.
Auf der Fahrt von Offenburg nach Norden haben wir bis zur Untern Murg hinab — die Obere Murg lernten wir im Hauensteiner Land kennen — ununterbrochen die prächtigsten Aussichten auf das Gebirge. So oft man auch diese Strecke durcheilen mag, immer wieder fesselt die schöne Landschaft zur Rechten mit ihrem in reichster Kultur prangenden Hügellande, das von den dunklen Waldhöhen überragt wird. Jeden Augenblick entdecken wir neue, überraschende Formen; die zahlreichen Täler, in die der flüchtige Blick vom Wagenfenster aus eindringt, erschließen in schneller Folge ungeahnte landschaftliche Schönheiten. Zunächst haben wir das gesegnete Obst- und Weinland der Ortenau vor uns, vom Ortenberger Schloß steigt das Gebirge in stolz geschwungener Linie zum Brandeckkopf mit seinem Turme auf, dann öffnet sich das Tal von Durbach mit dem Staufenberg, und bald ist die Station Appenweier erreicht. Hier mündet die große Westoststraße Paris-Wien von Straßburg her ein, nachdem sie bei Kehl den Rhein überbrückt hat, um die Hauptlinie, der wir folgen, erst bei Karlsruhe wieder zu verlassen und über Pforzheim nach Schwaben, Bayern und Österreich weiter zu ziehen.

Abb. 131. Bauernbursch aus dem Renchtal. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 128.)
Renchtal.
In Appenweier zweigt eine Nebenbahn ins Renchtal ab, dessen Mineralbäder — meist Stahlwasser — seit lange eine große und berechtigte Anziehungskraft ausüben. Wir kommen zunächst nach Oberkirch (191 m), einem hübschen Städtchen von 4000 Einwohnern in ganz entzückender Lage. Die Schlösser Schauenburg, Ullenburg und Fürsteneck grüßen ins Tal hinab auf all den schwellenden Reichtum an Gartenland, Ackerfeld, Obsthainen und Rebhügeln. Die Kirschen des Renchtales sind weitum berühmt und geben in halbwegs guten Jahrgängen Ernten, die selbst in den kleineren Orten der Umgebung sich auf viele Tausende von Mark bewerten, die Kirschenmärkte von Oberkirch sind daher eine sehr wichtige Sache, und von dem vielen, guten Kirschwasser, das überall im Schwarzwalde gebrannt wird, ist das Renchtaler wohl das am meisten geschätzte. Die Oberkircher Weine endlich erfreuen sich im ganzen Lande berechtigten Rufes, und es kann nur empfohlen werden, selbst Probe zu halten, sei es an Klingelberger oder Clevener, sei es im Städtchen selbst oder in den freundlichen Landorten ringsum, in Ringelbach, Waldulm oder sonstwo.

Abb. 132. Partie bei Griesbach im Wilden Renchtal. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 128.)
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Weiter aufwärts verengt sich das Tal bald; an Lautenbach mit seiner spätgotischen, neuerdings glücklich restaurierten Kirche vorbei gelangen wir nach der einsamen Haltestelle Hubacker, wo ein schöner Weg nach dem in stillem Seitentälchen gelegenen Bade Sulzbach (Abb. 129) und weiter nach Allerheiligen abzweigt. Dann gelangen wir nach dem Städtchen Oppenau, dem Endpunkt der Bahn. Eine herrliche Straße führt von hier nach dem freundlich gelegenen Bade Antogast (484 m), eine andere durch das felsenge Lierbachtal nach Allerheiligen, wieder eine andere auf die Höhe des Kniebiskammes, der bei den Schanzen an der Zuflucht erreicht wird; die Talstraße endlich läßt uns am schäumenden Flüßchen entlang Bad Freiersbach und bald darauf das stattliche Dorf Peterstal erreichen (Abb. 130), den Hauptpunkt des oberen Renchtales, mit seinen Bädern, Gasthäusern, Kuranlagen und trefflich gepflegten, weit verzweigten Spazierwegen ein behaglicher Ruheplatz (394 m). Die Bevölkerung von Peterstal und seiner weiteren Umgebung hängt noch fest an der alten Tracht des Tales, und es gilt dies hier im Gegensatz zu manchen anderen Schwarzwaldgebieten nicht nur für die Frauen und Mädchen, sondern auch für die Männer (Abb. 131). Wie schmuck sieht es aus, wenn bei festlichen Anlässen die Peterstaler Miliz mit ihrer trefflichen Musik, in Tracht gekleidet, ausrückt! — Noch weiter oben im Tal, da wo die Wilde Rench von Norden herabgesprungen kommt (Abb. 132), liegt in ernster Talenge Bad Griesbach (Abb. 133), wo 1818 Großherzog Karl die Badische Verfassung gab. Auf dem nahen Kreuzkopf steht der „Habererturm“, ein Denkmal für den einst im Tale tätigen und um seine Bäder sehr verdienten Medizinalrat Dr. Haberer. Von allen Orten im Renchtal führen gute und interessante Waldwege auf die Höhen, die später zusammenhängend geschildert werden sollen.

Abb. 133. Bad Griesbach. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 128.)

Abb. 134. Das Edelfrauengrab. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 128.)
Kapplertal. Sasbach. Bühl. Affental. Gertelbachschlucht.
Nordwärts Appenweier wird an Renchen vorbei, wo der Dichter des Simplicissimus, Christoph von Grimmelshausen, als bischöflich Straßburger Schultheiß amtete und nun ein Denkmal besitzt, die Stadt Achern mit fast 4900 Einwohnern erreicht, die sich aller Vorzüge einer ebenso schönen als fruchtbaren Umgebung erfreut. Ins freundliche Kapplertal führt eine Nebenbahn nach Kappelrodeck am Fuß der Burg Rodeck und des Käferwaldkopfes mit seinem Aussichtsturm, und weiter bis Ottenhöfen (311 m), einen für Ausflüge jeder Art sehr günstig gelegenen und beliebten Sommerfrischort. Die nahe Schlucht des Edelfrauengrabes im Gottschlägtal (Abb. 134) und zahlreiche andere Punkte der näheren Umgebung bieten die lohnendsten Ziele, die man sich denken mag. Die mancherlei Wege zum Mummelsee, nach Allerheiligen und auf oder über die Kammhöhe, welche die Wasserscheide gegen das Murggebiet bildet, laden zu weiteren Wanderungen ein. Diese Höhen in der Umgebung der Hornisgrinde können von Achern aus auch sonst auf verschiedenen Pfaden erreicht werden, so an Illenau, der unendlich friedlich und stimmungsvoll gelegenen Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke, vorbei über Sasbachwalden, durch die Schlucht der Gaishölle und über die hoch aufragende Ruine des Brigittenschlosses, oder über Sasbach und Lauf. Der Platz bei Sasbach, auf welchem 1675 Marschall Turenne fiel, ist seit lange französisches Nationaleigentum. Ein französischer Invalide hütet das Denkmal des Gefallenen (Abb. 135). Das unfern stehende alte Denkmal trägt die Inschrift: „Hier ist Turennius vertödtet worden“, sowie deren lateinische und französische Übersetzung. Ob wohl ein deutscher Invalide auf französischem Boden auch ganz unbehelligt deutsche Heldengräber hüten dürfte? — Zwischen Achern und Bühl ist der Anblick des Gebirges geradezu großartig. Die mächtige Höhe der Hornisgrinde liegt in der Luftlinie kaum 10 km von der Bahn entfernt, ragt aber 1030 m über ihr empor und gewährt in ihrem massigen, steilen Aufbau ein imposantes Bild, besonders durch den schroffen Gegensatz gegen die unendliche Lieblichkeit des reich angebauten und dicht besiedelten Hügellandes im Vordergrunde. Bei Ottersweier mündet das freundliche Neusatzer Tal aus, durch das wir am hoch aufragenden Immenstein vorbei zum Hauptkamm gelangen können. Das hübsche Städtchen Bühl (Abb. 136) mit 3600 Einwohnern, das als Wein- und Obstmarkt ähnliche Bedeutung hat, wie Offenburg oder Oberkirch, ist besonders berühmt durch seine Frühzwetschgen. Welchen Wert dieselben im Wirtschaftsleben der Gegend haben, mag aus der Tatsache anschaulich werden, daß schon im Jahre 1900 die Bahnstation Bühl allein an Fracht für den Versand dieses Obstes den Betrag von Mk. 108328 einnahm; seither ist dieser Betrag ganz wesentlich gestiegen. Vom waldigen Berghang winkt die zweitürmige Ruine Windeck hernieder, zu der entzückende Wege durch die reichen Fluren des gesegneten Landes uns ansteigen lassen. Eine Nebenbahn führt nahe an Affental vorbei, wo der gefeiertste badische Rotwein wächst, ins schöne und reiche Bühlertal (Abb. 138), durch dessen obere Verzweigungen, besonders durch die großartig wilde, wasserfallreiche Gertelbachschlucht (Abb. 137), die prachtvollsten Wege zum Kamm hinauf führen, der hier in weitester Ausdehnung wunderbaren Hochwald trägt und seit einigen Jahren mit einer großen Anzahl von trefflichen Höhenkurhäusern geschmückt ist. Wir werden diese unvergleichliche Höhenwelt noch zu würdigen haben.

Abb. 135. Turenne-Denkmal bei Sasbach. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 129.)
Am Bühler Rebland hin führt uns die Bahn nach dem Städtchen Steinbach. Seinem größten Sohn Erwin, dem Schöpfer des Straßburger Münsters, ist bei dem Ort, am Fuß der Yburg, die auf spitzem Porphyrkegel thront, ein Denkmal errichtet, von dessen Fuß der Blick hinüber schweift über die Ebene des Hanauerlandes zum Rhein, über den Erwins Wunderbau aufragt als Wahrzeichen deutschen Geistes und deutscher Kunst, weither sichtbar von den Höhen des Wasgaues, wie von denen des Schwarzwaldes, und so recht bestimmt dazu, das Symbol zu sein für die Einheit des ganzen gesegneten Oberrheingebietes zu beiden Seiten des Stromes von Basel bis Mainz. Wie ganz anders wirkt das Zeichen heute auf uns ein, als vor 1870, wo es nur an Schande und Schwäche gemahnte und in deutschen Herzen eine reine Freude an der herrlichen Welt zwischen Schwarzwald und Vogesen niemals recht aufkommen ließ.
Wenige Augenblicke, und wir befinden uns in Oos, von wo eine kurze Nebenbahn uns in einigen Minuten nach dem im Oostale gelegenen Weltbade gelangen läßt, das dem Lande Baden den Namen gab.
Baden-Baden.
Die heißen Quellen von Baden (Bahnhof 152 m, Neues Schloß 220 m) oder Baden-Baden, wie die Stadt zur Unterscheidung von anderen ihres Namens bei vielen heißt, kommen aus den Tiefen des Granits und spenden im Tag über 8500 hl Thermalwasser, das in der Brunnenstube 62,5° C mißt und als indifferente Therme mit geringem Gehalt an Kochsalz und anderen Mineralbestandteilen bezeichnet werden muß. Sie sind früh entdeckt und zu Heilzwecken benutzt worden; das römische Aquae, der Hauptort der civitas Aurelia aquensis, war, nach den Ruinen unter der Stiftskirche zu schließen, eine sehr ansehnliche Niederlassung, auf die vom nahen Waldberge, der heute noch den Namen Merkur trägt (670 m), ein Tempel des Handelsgottes herabsah. Das Merkur-Relief neben dem modernen Aussichtsturm erinnert an diese fern liegende erste Blütezeit unserer Bäderstadt. Diese kam nach mancherlei Geschicken um 1110 unter zähringische Herrschaft und gab dem Staate, dem sie seither ununterbrochen zugehörte, den Namen. 1689 ward sie von den Franzosen gründlich zerstört, und es dauerte danach über hundert Jahre, bis das gänzlich zerfallene Bad wieder aufzuleben anfing. Von 550 Gästen um 1790 stieg deren Zahl bis 1820 etwa aufs Zehnfache, 1860 waren es 40000, jetzt sind es über 70000 im Jahre; die Stadt zählt heute mit dem kürzlich eingemeindeten Lichtental 22000 Einwohner und steht an Trefflichkeit der Kureinrichtungen unerreicht und an Schönheit der umgebenden Landschaften unerreichbar da (Abb. 140). Das Klima ist überaus milde, die Wärmeschwankungen sind, mit anderen Orten des Rheingebietes verglichen, auffallend gering, rauhe Winde fehlen fast ganz, da sie durch die umgebenden Höhen abgehalten werden; die mäßig feuchte Luft — wohl eine Wirkung der ausgedehnten Wälder weit umher — ist weich und köstlich zu atmen. Daß ein von der Natur so glänzend ausgestatteter Kurort auch alles bietet, was ein aufs höchste verfeinerter Geschmack verlangt und was dem internationalen Badepublikum nun einmal geboten werden muß, das versteht sich von selbst. Aber neben den großen Palasthotels, die auch die unsinnigsten Ansprüche zu befriedigen in der Lage sind, besteht doch die Möglichkeit, auch bei bescheidenen Mitteln sich des Aufenthaltes in Baden zu freuen; und gerade hierin mag ein Hauptvorzug des Ortes liegen, der neben den wertvollen Kurmitteln und neben der reizvollen Lage das Geheimnis des stets wachsenden Besuches erklärt.

Abb. 136. Bühl. Nach einer Photographie von A. Lohmüller in Bühl. (Zu Seite 129.)

Abb. 137. Gertelbachfälle. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 130.)
Am Wege vom Bahnhofe in die Stadt, dem jetzt die elektrische Trambahn nach Lichtental folgt, fällt uns an einer rechts abzweigenden Nebenstraße zuerst die Trinkhalle auf (Abb. 139), unmittelbar am Walde gelegen, aus dessen Düster die goldstrahlende Kuppel der griechischen Kirche hervorschimmert. Die Gegenstände der vierzehn Fresken in der offenen Säulenhalle sind dem Sagenschatze von Badens näherer und weiterer Umgebung entnommen. Das Konversationshaus mit seinen vornehmen Gesellschaftsräumen, vor ihm die Anlagen der Promenade und die an der Oos hinziehende Lichtentaler Allee (Abb. 141) mit ihren wunderbar schönen alten Bäumen, meist Ahorn und Linden, aber auch Eichen, bilden den eigentlichen Mittelpunkt des eleganten Badelebens. Dem Heilzweck dienen das im Inneren nach dem Muster altrömischer Badeanlagen gehaltene und nur von Männern zu benutzende Friedrichsbad (Abb. 142), im Jahre 1877 vollendet, und das noch jüngere Kaiserin-Augustabad (für Frauen). Beide Bauten sind Vertreter der italienischen Renaissance, hervorragend schön und in ihrer inneren Einrichtung so trefflich ausgestattet, daß sie jedem Bedarf und Anspruch entsprechen. Auch das Landesbad und das Ludwig-Wilhelm-Pflegehaus dienen Kur- und Erholungszwecken. Dazu kommen nicht wenig Privatsanatorien mit Einrichtungen allerart für jede Form von Heilmethoden. Baden ist eben tatsächlich nicht nur der Luxusort, als der es einem flüchtigen Besucher erscheinen könnte, es ist wirklich eine Kurstätte allerersten Ranges. Daß dem Kranken die zahlreichen, prächtig gepflegten Wege zum Fahren und Gehen zwischen den ungezählten schönen Villen und ihren Gärten, in der Talebene wie an den sanften Gehängen ihrer Einrahmung, in Anlagen voll reichster künstlicher Vegetation vielfach ganz südlichen Charakters, endlich im stillen, majestätischen Wald und auf den aussichtsreichen Höhen zu allen Seiten mit ein Hauptgenesungsfaktor sind, wie sie dem nicht erholungsbedürftigen Gaste dieses Paradieses zur unerschöpflichen Fundgrube immer neuer, immer schönerer Landschaftsbilder werden — das versteht sich von selbst. Ob wir vom Garten des Großherzoglichen Schlosses oder vom Turm der alten Burg Hohenbaden (Abb. 143) ins Tal herniederblicken, ob wir durchs Labyrinth der Felsen steigen, die Umgebung der Engels- und Teufelskanzel oder den höheren Merkur besuchen, um von hier ins nahe Murgtal abzusteigen, ob wir im Wald am Friesenberg umherschlendern oder uns über den Beutig zum Fremersberg oder zur Yburg wenden, um etwa durch die villenbesäten Tälchen von Tiergarten oder Gunzenbach zurückzukehren, ob wir Kloster Lichtental und die waldeinsame Fischkultur (Abb. 144) aufsuchen, oder irgendeinen anderen der vielen abwechslungsvollen Pfade einschlagen, überall ist dieselbe milde Schönheit über die Welt vor unseren Augen ausgebreitet, und je öfter wir all das genießen, desto lebhafter wird der Wunsch nach der Wiederkehr in diese lieblichen Gefilde. Ob Baden sich in der milden Herbstfärbung oder in strahlender Sommerpracht oder im Blütenschmuck des Frühlings am herrlichsten offenbare, wer wollte das entscheiden? Glücklich, wem es vergönnt ist, ab und zu still beglückte Tage oder auch nur Stunden in diesem Eden zu verleben und die Reize der einzelnen Jahreszeiten und ihrer Stimmungen gegeneinander abzuwägen.

Abb. 138. Oberbühlertal. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 129.)
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XV. Murg- und Kinzigtal von Rastatt bis Hausach.
Rastatt. Murgtal.
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on Oos gelangen wir in kürzester Frist nach Rastatt, das vom Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden-Baden, dem als Türkenlouis berühmt gewordenen Waffengefährten des Prinzen Eugen, nach der Zerstörung der nahen Bäderstadt durch die Franzosen zur Residenz erhoben, um 1700 mit dem im Stil jener Zeit erbauten Schloß geschmückt, 1841 zur deutschen Bundesfestung bestimmt und seit 1893 als fester Platz aufgelassen und geschleift wurde. Gegen Straßburg hatte es Wert zum Schutz der Murgtalstraße und ihrer Gebirgspässe, sowie der nördlichen Rheinebene, mit Straßburg aber nicht mehr. Heute zählt die Stadt gegen 15000 Einwohner; seit der Erbauung der Bahn über den Rhein in der Richtung auf Straßburg und Metz hat sie erhöhte Verkehrsbedeutung gewonnen. Nicht weit unterhalb Rastatt mündet die Murg in den Rhein.
Wir dringen nun längs ihres Laufes ins Gebirge ein, und gelangen so, da sie auf der Ostseite entspringt und sich in nördlicher und nordwestlicher Richtung durch den Buntsandstein, Gneis und Granit des Schwarzwaldes durcharbeitet, ohne Übersteigung einer Wasserscheide von der Rheinebene an den Ostfuß des Hornisgrinden-Kammes. Die Murglinie hatte, eben weil sie ein Durchbruchstal benutzt, von jeher hohen Wert als Straße nach Schwaben, und so erklärt sich auch die Wahl von Rastatt zur Festung gegen das einst allzunahe Frankreich.
Die Talbahn, die bei Forbach endigt, erreicht das Gebirge bei Kuppenheim, in dessen Nähe das Schlößchen der Favorite mancherlei Erinnerungen an den Türkenlouis und seine asketische Gemahlin Sibylla Augusta birgt; dann fährt man unter dem Eichelberg und dem Mahlberg (613 m) mit seinem Karlsruher Turm hin an den großen Orten Rotenfels, Gaggenau — Glasfabrik, Eisenwerk — und Ottenau vorbei, nach Hörden, wo das Tal sich so einengt, daß neben dem Fluß der Raum für Straße und Bahn dem Fels abgetrotzt werden mußte. Eine oft zitierte Denkstein-Inschrift spricht das recht hübsch aus:
Ex rupe fracta Haec via facta.
Diesen Felsen sprengte man Und legte einen Fahrweg an.
1786.
Aetate peracta Haec ferrea tracta.
Später ging man wieder dran Und baute eine Eisenbahn.
1869.

Abb. 139. Die Trinkhalle in Baden-Baden. (Zu Seite 131.)

Abb. 140. Baden-Baden von der Stourdsakapelle aus gesehen. Verlag der Neuen Photographischen Gesellschaft in Berlin-Steglitz. (Zu Seite 131.)
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Nun kommt man bald nach Gernsbach (Bahnhof 160 m), einem allerliebsten, steil am Berg hinaufgebauten Städtchen von etwa 2800 Einwohnern, dem alle Vorzüge, die z. B. von Gengenbach oder Oberkirch gerühmt wurden, in reichem Maße auch zukommen (Abb. 145). Die Lage an einem größeren Fluß, inmitten prächtig geformter Höhenzüge auf beiden Talseiten, an prachtvollen Wegen in der Richtung auf das Badener Revier und ostwärts nach Württemberg hinüber, unvergleichlich schöne Hochwaldungen in weitester Ausdehnung, all das macht Gernsbach zu einem günstigen Standquartier für bequeme wie bergfreudige Ferienwanderer. Die in ihrer Art einzig dastehende Kunststraße durch den herrlichsten Wald der Welt hinauf zum Ebersteiner Schloß und von hier über das Müllenbild zur Fischzucht bei Lichtental und nach Baden gehört zum Schönsten, was man an Wegen wandern oder fahren mag. Auch der Blick vom Eberstein aufs enge Tal hinab und seine Waldumrahmung ist ganz einzig schön. Das Schloß, Eigentum des Großherzogs von Baden, zeigt über dem Tor das Wappen, von dessen Symbolen Uhland singt:
Ich kenne wohl den Eber, er hat so grimmen Zorn, Ich kenne wohl die Rose, sie hat so scharfen Dorn.

Abb. 141. Baden-Baden. In der Lichtentaler Allee. (Zu Seite 131.)
Die Dörfer im Tal treiben alle viel Holzindustrie. Neben den zahlreichen Sägewerken finden wir leider auch Holzstoffabriken. Die Bahn befördert, ebenso wie zahlreiche Fuhrwerke auf der Straße, zumeist nur Holz. Das Flößen hat aufgehört, nachdem es durch lange Jahrhunderte für das Tal charakteristisch war. Ihm verdankt die alte Genossenschaft der „Murgschifferschaft“ ihre Entstehung; sie besteht heute noch mit ihrem enormen Waldbesitz, den vielen Sägemühlen, mit eigenem Forstpersonal und dem Stolze einer mehrhundertjährigen Tradition. Hinter Weisenbach wird das Tal auf lange Strecken zur wirklichen Felsschlucht und gehört da zu den schönsten im Schwarzwalde, die vor kurzem erst fertig gestellte Bahnlinie bis Forbach mit all ihren Kunstbauten zu den sehenswertesten Gebirgsbahnen. Oberhalb Forbach mit seiner zweitürmigen, hochgelegenen Kirche, seiner alten gedeckten Holz- und seiner elegant geschwungenen neuen Eisenbrücke über den Fluß (Abb. 146) wird das Tal einsamer. Bei Rauhmünzach kommt der gleichnamige Bach (Abb. 148) aus engem Waldtal von der Hornisgrinde, bei Schönmünzach jenseits der württembergischen Grenze (434 m), einem sehr beliebten Sommerfrischort mit großer Glasfabrik, mündet die Schönmünzach ebendaher.
In der Gneisregion, in die man nun eingedrungen ist, überragen die seitlichen Höhen die Talsohle nicht mehr allzuhoch, der Charakter der Landschaft wird darum einförmiger. Man gelangt durch mehrere Ortschaften schließlich nach Kloster-Reichenbach (520 m) mit einer schönen romanischen Kirche der ehemaligen Benediktinerabtei, und von hier wieder mit der Eisenbahn nach dem Hauptorte der weit zerstreuten, rund 6700 Einwohner zählenden Gemeinde Baiersbronn (583 m), von wo eine schöne Straße ins Tal der Roten Murg, zum Ruhstein und nach Ottenhöfen führt.

Abb. 142. Friedrichsbad in Baden-Baden. Nach einer Photographie von G. Salzer in Baden. (Zu Seite 132.)
Freudenstadt.
An den stattlichen Eisenwerken Friedrichstal und Christophstal vorbei gelangen wir — die Bahnlinie hat hier Zahnradbetrieb — auf die Höhe der interessanten Stadt Freudenstadt (Markt 732, Bahnhof 664 m) mit über 8500 Einwohnern. Sie ist 1599 von Herzog Friedrich I. von Württemberg gegründet worden, liegt auf einem Plateau, das sich nordwärts zur Murg, östlich zum Glattbach (Neckar) und nach Süden zur Kinzig abdacht, beherrscht also weithin die Wege und damit die ganze Gegend. Da sie auch nach Westen den Kniebispaß und seine Übergänge zur Rench und Acher deckt, begreift man, daß einst geschwankt wurde, ob Freudenstadt oder Rastatt Bundesfestung werden sollte. Ganz eigentümlich ist der Bauplan der Stadt. Um einen sehr großen quadratischen Hauptplatz breiten sich nach dem Muster des „Neuntelsteinbrettes“ angelegt die Straßen- und Häuserreihen aus. Auf dem Platze steht die Kirche mit zwei rechtwinklig zusammenstoßenden Langhäusern, in deren Winkel Altar und Kanzel steht, so daß der Geistliche wohl die Männer und Frauen, diese aber, streng in die beiden Schiffe verteilt, gegenseitig sich nicht sehen können. Seit etwa zwanzig Jahren ist Freudenstadt ein besuchter Höhenkurort geworden, zahlreiche Gasthäuser und Pensionen sind entstanden, neue Anlagen wurden hergestellt, so im „Palmenwald“ und unter dem Friedrichsturm am Kienberg, von wo der Blick auf die Rauhe Alb besonders schön ist; der weit ausgedehnte Stadtwald ist von prächtigen Wegen durchzogen, Murg und Kinzigtal, sowie die Höhen des Kniebis laden zu weiteren Wanderungen ein, Stuttgart und Offenburg sind in weniger als zwei Stunden zu erreichen. Kurz, Freudenstadt hat große Vorzüge und unzweifelhaft eine noch größere Zukunft (Abb. 147).

Abb. 143. Das alte Schloß Hohenbaden. (Zu Seite 132.)
Alpirsbach.
Nach Süden senkt sich die Bahn an den steilen Wänden des Kinzigtales hinab nach Alpirsbach (433 m) mit der herrlichen Basilika seines einstigen Benediktiner-Klosters, einem Kleinod romanischen Stils von höchstem Wert (Abb. 150). Das prachtvolle Bild des wunderbaren Baues wird noch wesentlich verschönert durch die ernste Landschaftsumgebung des stillen Gebirgstales. Bei Schenkenzell mit seiner malerischen Schenkenburg (Abb. 149) mündet das Tal der Kleinen Kinzig, in dessen Gebiet das ehemalige Nonnenkloster Wittichen liegt. Diese ganze Gegend trieb einst sehr viel Bergbau, besonders auch auf Kupfer. Doch hat das längst aufgehört, und die Reinerzau, wie das Tal der kleinen Kinzig auch heißt und so durch seinen Namen die Erinnerung an den alten Bergbau festhält, gehört heute, obschon zu den schönsten, doch zu den abgelegensten und einsamsten des Gebirges.

Abb. 144. Fischkultur bei Baden-Baden. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 132.)

Abb. 145. Gernsbach. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 136.)
Das Kinzigtal.
Bei Schiltach (325 m) mündet das Tal des gleichnamigen Flüßchens von Schramberg her ein, dann kommen wir an den zahlreichen Einzelhöfen der Gemeinden Kinzigtal und Lehengericht vorbei (Abb. 151) nach Wolfach (262 m), am Zusammenfluß der vom Kniebis herabkommenden und das Schapbacher Tal durchströmenden Wolfach mit der Kinzig hübsch gelegen (Abb. 152), und gleich danach ist Hausach an der Schwarzwaldbahn Offenburg-Donaueschingen erreicht, so daß nunmehr der ganze nördliche Schwarzwald längs seiner Umrahmung umschrieben ist.

Abb. 146. Forbach im Murgtal. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 137.)

Abb. 147. Freudenstadt. Nach einer Photographie von J. Zimmermann in Freudenstadt. (Zu Seite 138.)
XVI. Auf den Höhen des nördlichen Schwarzwaldes.
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ie schöne Bergwelt zwischen Kinzig und Oos lernen wir am besten kennen, wenn wir wieder wie im südlichen und mittleren Schwarzwald dem mit der roten Raute bezeichneten Kammwege I folgen, der jegliches Verirren völlig unmöglich macht. Bei Hausach, wo alte Verschanzungen am Nordgehänge des Tales ebenso wie die Befestigungen am Farrenkopf und weiter südlich an die strategische Bedeutung des Kinzigtales erinnern, steigen wir nordwärts an und erreichen bald die Wasserscheide zwischen dem Schapbacher und Harmersbacher Tal, der wir nun 34 Kilometer weit folgen bis zum Kniebis. Dieser Weg wird nicht nur durch seine prächtigen Fernblicke entzücken und durch den herrlichen Hochwald, den er stundenlang durchschneidet; er wird vielmehr dem Wanderer, der gern allein geht und sich trotz der größten Weltabgeschiedenheit nicht einsam fühlt, weil er sich am allerbesten mit sich selbst unterhält, ganz besondere Befriedigung gewähren; denn dieser Hochpfad trifft in seiner ganzen Länge kein Wirtshaus, ja sogar nicht einmal ein Wohnhaus. Ringsum großartige, himmlische Ruhe, so wohlig und erquickend wie nichts sonst auf der Welt! Abstiege in die Täler rechts und links sind leicht zu machen, und so läßt die Wanderung mancherlei Variationen zu.
An der Littweger Höhe (845 m) können wir westwärts abzweigen zum Löcherbergwasen (658 m) auf der Straßenhöhe zwischen Kinzig- und Renchtal, mit oft ganz phantastischen Bildungen gewaltiger Sandstein-Blockmeere, und weiter auf die waldige Kuppe des Mooskopfes (873 m) mit ihrem Aussichtsturm, der weithin über den wogenden Wald und seine schöne Bergwelt zu schauen gestattet. Zahlreiche Wege lassen uns von hier wieder die Niederungen der Menschen gewinnen, sei es in Oppenau, Oberkirch oder Durbach, in Gengenbach, Ortenberg, oder endlich am Fuße des Brandeckkopfes in Offenburg.

Abb. 148. Im Rauhmünzachtal. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 137.)
Rippoldsau. Der Kniebis.
Unser Rautenweg gewinnt am Hundskopf hin (950 m) die See-Ebene (943 m), von wo wir östlich den stillen Glaswaldsee 100 m unter uns in träumerischem Frieden schimmern sehen (Abb. 154). Wir schneiden hier einen beliebten, durch neue Wege verbesserten Übergang von Peterstal nach Schapbach, erreichen dann die Holzwälder Höhe (966 m), wo wir auf den vielbegangenen Pfad Griesbach-Rippoldsau stoßen, und dann geht’s immer im stolzesten Hochwald hinauf zum Kniebis, den wir bei der Alexanderschanze (971 m) erreichen.
Wem es auf diesem Wege der Einsamkeit zu viel werden möchte, der fahre von Wolfach durch das belebte, sonnige Schapbach- oder Wolfachtal nach dem eleganten, trefflich eingerichteten Bad Rippoldsau (566 m, Abb. 155). Die Talbewohner in ihrer Tracht, die besonders am Sonntag das farbenfreudige junge Mädchenvolk recht hübsch erscheinen läßt, werden dem Besucher viel Freude machen (Abb. 153). Das wenig unterhalb des Bades gelegene „Klösterle“ war einst ein Priorat des Benediktinerstiftes St. Georgen, jetzt ist es Pfarrkirche für das obere Talgebiet. Ganz wunderbar schöne Wege zum Gehen und Fahren lassen uns durch den prachtvollen Wald nach dem unfernen Freudenstadt hinüber und hinauf auf den Kniebis gelangen.

Abb. 149. Die Schenkenburg im Kinzigtal. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 138.)

Abb. 150. Alpirsbach. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 138.)
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Der Kniebis ist ein 8 km langer, rund 950 m hoher, wallförmiger Kamm; er nimmt im orographischen Aufbau des Schwarzwaldes eine ganz eigenartige Stellung ein, die nur noch ein einziges Mal ähnlich vorkommt, nämlich an der früher besprochenen, über 1000 m hohen Wasserscheide von der Kaltenherberge bis zum Turner. Während nämlich auf der über 160 km langen Strecke von Waldshut bis Durlach überall sonst im Schwarzwalde Flußläufe, die von Nord nach Süd oder von Süd nach Nord laufen, die so wichtige Ostwestverbindung von Schwaben nach der Rheinebene unmöglich machen oder doch ganz wesentlich erschweren, treten am Hohlengraben wie am Kniebis, durch welche Punkte die Längsausdehnung des Schwarzwaldes in drei nicht ganz gleiche Teile geteilt wird, östliches und westliches Gefälle unmittelbar aneinander heran; daher im ersteren Falle die oft umkämpfte Straße von der Donau nach Freiburg, im zweiten die aus dem Herzen des Neckarlandes nach Straßburg. Auf dem Kniebis (Abb. 156) treffen sich zwei Straßen aus dem Renchtal von Oppenau und Griesbach, eine aus dem Kinzigtal von Rippoldsau, und endlich die von Freudenstadt und dem schwäbischen Hügelland her. Daß man vor zwei Menschenaltern daran dachte, Freudenstadt zur deutschen Bundesfestung zu machen, erscheint hiernach ebenso verständlich wie die Tatsache, daß wir an der Stelle, wo die Griesbacher Straße die Kammhöhe gewinnt, die nach ihrem Erbauer Alexander von Württemberg genannte Alexanderschanze (1734) finden, während die Oppenauer Straße auf dem Kamm durch die im Dreißigjährigen Kriege erbaute Schwedenschanze und durch die aus dem Jahre 1796 stammende Schwabenschanze geschützt ist.
Durch ernste Hochmoor- und Legföhrenlandschaft zieht die Straße längs der badisch-württembergischen Grenze auf dem Kamm hin, erreicht bei der Zuflucht am Roßbühl das in einer Bastion der Schwabenschanze stehende neue Aussichtsgerüste, fast 200 m über dem zur Murg abfließenden Kartrichter des Buhlbachsees, während die etwas weiter östlich liegenden Kessel des Sankenbach- und Elbachsees trocken gelegt worden sind.

Abb. 151. Bauernhof im Kinzigtal. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 140.)
Allerheiligen.
Unsere Höhenwanderung setzen wir vom Kniebis durch schönen Wald nach Norden fort, bis wir unmittelbar über der Murgquelle und nahe dem Schliffkopf (1056 m), auf dem ein von Pionieren errichtetes Aussichtsgerüste steht, ins Freie treten, um, nachdem wir über das weite Waldmeer Umschau gehalten, nach Allerheiligen (620 m) abzusteigen.
Diese wertvolle Perle unter den Schwarzwaldlandschaften können wir, wie schon früher angedeutet worden ist, bequem auch von Ottenhöfen, von Oberkirch, Sulzbach oder von Oppenau durchs Lierbachtal erreichen. Letzterer Weg führt uns an den Fuß des prachtvollen Wasserfalles der Sieben Bütten, an dem wir mit wechselvollen Blicken in die grause Schlucht mit ihrem tosenden Wasserschwall ansteigen, um plötzlich auf waldumrahmtem Wiesenplan die grauen Trümmer der gotischen Abteikirche des einstigen Prämonstratenserstiftes Allerheiligen vor uns zu sehen. Das Bild der malerischen Ruine im stillen Bergesfrieden ist eines der stimmungsvollsten, die der Schwarzwald aufweist (Abb. 157). Kein Wunder, daß der Besuch des jetzigen Kurplatzes ein sehr starker ist, nachdem der Ort, als das Kloster 1803 aufgehoben und bald danach abgebrannt war, mit seiner Umgebung durch vierzig Jahre eine tatsächlich unzugängliche Wildnis gebildet hatte.

Abb. 152. Wolfach. (Zu Seite 140.)
❏ GRÖSSERES BILD

Abb. 153. Hochzeitszug im Schapbachtal. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 142.)
Mummelsee. Hornisgrinde.
Vom Schliffkopf, zu dem man von Allerheiligen wieder ansteigt, oder auf direktem Weg ist nun bald der Sattel am Ruhstein (Ruchstein = Rauher Stein, 916 m) erreicht, auf dem ein vielbesuchtes Kurhaus steht, dem Wanderer auf unserem Höhenweg wie dem, welcher von Ottenhöfen nach dem Murgtal strebt, erwünschte Rast gewährend. Ein kurzer Anstieg läßt uns zur Halde über dem malerischen Wildsee (Abb. 158), aus dem die Schönmünz abfließt, und weiter, meist der 1000 m-Höhenkurve entlang zum Eckle (958 m) gelangen, wo zahlreiche Pfade aus dem Murg- und Achergebiet zusammenlaufen. Wir folgen dem zum Mummelsee (1036 m), einem melancholischen, waldeinsamen Wasserbecken, dessen Nixen den Hirten und etwaigen Sonntagskindern freilich heutzutage ebensowenig mehr erscheinen als die des Wildsees. Lauschige Plätzchen vor dem Seegasthaus geben Gelegenheit zum behaglichen Genuß der ernsten Landschaft (Abb. 159). Die schönen Wege, die über das Kurhaus Wolfsbrunnen oder über den aussichtsreichen Hohfelsen nach Ottenhöfen oder über Kurhaus Breitenbronn nach Achern abzusteigen gestatten, führen uns nicht in Versuchung; wir halten uns oben und haben in kurzem die Höhe der Hornisgrinde gewonnen (1164 m), wo wir vom neuen, fast allzu stattlich dreinschauenden Aussichtsturm wesentlich besser als von dem etwas weiter nördlich aufragenden Signalturm der internationalen Erdmessung Umschau halten können bis zum Feldberg im Taunus, zum Donnersberg in der Pfalz, zum Melibokus im Odenwald, zum Neuffen und Teck im Schwabenland und zum Elsässer Belchen. Im Süden sehen wir die Burgundische Pforte und die Ketten des Schweizer Jura. In seltenen Fällen, besonders bei winterlicher Wärmeumkehr, sind auch die Alpen sichtbar vom Piz Linard bis zur Jungfrau.

Abb. 154. Der Glaswaldsee. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 142.)
❏ GRÖSSERES BILD

Abb. 155. Rippoldsau. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 142.)

Abb. 156. Der Kniebis. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu Seite 144.)
Wintersport.
So unschön die traurige Hochmoorfläche der Hornisgrinde mit ihren kümmerlichen Legföhren an sich auch sein mag (Abb. 160), der Berg ist als Aussichtspunkt einer der allerlohnendsten, die wir uns denken können. Und bei der geradezu glänzenden Wegsamkeit des Gebietes ist seine Besteigung dutzendfacher Variation zugänglich; daher erklärt sich auch die große Zahl der Hornisgrindenfreunde in Straßburg, Karlsruhe und anderwärts, die den Berg ähnlich oft voll Liebe besuchen wie die Freiburger ihren Feldberg. Neuerdings sind die Höhen um die Hornisgrinde auch für den Wintersport sehr beliebt geworden; Zeugnis davon geben mehrere „Skihütten“ der Karlsruher Sportvereine.

Abb. 157. Allerheiligen. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 146.)
Höhenkurorte.
Über dem alten Seebecken des Biberkessels hin gelangen wir, immer nordwärts weiter schreitend, an die Wegscheide der Unterstmatt (930 m), dann auf dem bequemen „Mannheimer Weg“ zu dem Kurort Hundseck (886 m), mitten im Walde ganz wunderbar schön gelegen (s. Abb. 161). Haben wir vom Kniebis bis hierher schon eine nicht geringe Anzahl von stattlichen Gasthäusern angetroffen, so sind wir jetzt in ein Gebiet gelangt, das auf weite Erstreckung geradezu als ein Dorado der empfehlenswertesten Höhenkurorte gelten muß.
Karseen.
Wo vor dreißig Jahren am Sattel des Sand erst ein kleines Wirtshäuschen sich aufgetan hatte und weit umher die hehre Waldeinsamkeit durch nichts gestört war, da liegen jetzt, jeweils kaum eine halbe Stunde voneinander entfernt, die vornehm und im Sommer von Hunderten erholungsbedürftiger Gäste besuchten Anwesen von Unterstmatt, Hundseck, Wiedenfels, Sand, Bärenfels, Herrenwies (Abb. 162), Plättig, Schwanenwasen, alle zwischen 645 und 930 m hoch gelegen, eines in seiner Art immer wieder verlockender als das andere. Welches wir auch zu kürzerem oder längerem Aufenthalt wählen mögen, wir werden uns glücklich fühlen, in diesem weiten Hochrevier voll Wald und Frieden zu weilen und auf kurze Frist zu vergessen, was uns unten in den Niederungen quält. Durch die Gertelbachschlucht kommen wir ins Bühlertal, längs des Hundsbachs oder Schwarzenbachs ins Murgtal bei Rauhmünzach, über Geroldsau mit seinem Wasserfall nach Lichtental und Baden hinab. Der Mehliskopf (1009 m) mit seinem auch architektonisch hübschen Turm (Abb. 163) gewährt einen prachtvollen Rundblick, die Badener Höhe (1002 m) mit ihrem 30 m hohen Großherzog Friedrich-Turm ebenso. Durch typische Hochmoor- und Legföhrenlandschaft ist von der Badener Höhe der fast genau ebenso hohe Seekopf zu erreichen, unter dessen steilem Felsabsturz der kleine Herrenwieser See 170 m tiefer fast ganz versteckt im Walde liegt (Abb. 164). All diese kleinen Wasserbecken vom Glaswaldsee bis hierher, und auch die ganz ähnlich beschaffenen bei Schönmünzach, der Schurm- und der Hutzenbacher See, haben ganz den Charakter echter Karbildungen, und es erscheint zweifellos, daß sie eiszeitlichen Wirkungen ebenso ihr Dasein verdanken, wie der Feldsee im südlichen Schwarzwald.
Der Höhenweg führt von Hundseck nach Sand, zur Badener Höhe und dann in raschem Abstieg nach Forbach im Murgtal; von hier werden wir seine Fortsetzung über Wildbad nach Pforzheim später kennen lernen. Was er uns, besonders auf der Strecke vom Glaswaldsee über den Kniebis bis zur Badener Höhe, an Schönheit erschlossen, das gehört zum Besten, was der Schwarzwald bieten kann. Jedenfalls wird man herrlicheren und vor allen Dingen ausgedehnteren Hochwald auf trefflich gebahnten Wegen nicht leicht anderswo ebenso antreffen wie hier.

Abb. 158. Der Wildsee. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 146.)