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Der schmale Weg zum Glück

Zweites Buch (continued 2)

Reading edition

Während diesem hatte der Redner auf der Bühne eine unvorsichtige Äußerung getan; über die erhob sich der Polizeileutnant, setzte seinen Helm auf und erklärte die Versammlung für aufgelöst. Da standen sofort alle auf, und indem sie sich mit Ruhe zum Gehen bereiteten, stimmten sie die Marseillaise an, der ein besonderer, für ihre Verhältnisse passender Text untergelegt war.

Das machte auf Hans und Karl einen gewaltigen Eindruck, wie die mutigen, leidenschaftlichen und jubelnden Töne dieses Liedes, von Hunderten begeisterter Männer gesungen, in dem vorher so nüchternen Saale ertönten, und es war, als wollten diese Leute jetzt alle gleich zum Kampf eilen, und als müßten sie siegen, und die beiden Studenten waren so hingerissen von der Wucht, daß sie sich gleich dem Haufen angeschlossen hätten, wenn die zu einer Barrikade gezogen wären, denn es war, als sei ihnen die eigene Überlegung geraubt und als folgten sie nur dem gemeinsamen Impuls der Menge, so schritten sie im Takt mit den andern, und ihre Herzen schlugen hoch, und nur ein Trieb war ihnen, nach vorwärts zu gehen.

Indessen währte das wunderliche Gefühl nur wenige Augenblicke, denn auf der Straße verstummte das Lied; vor der Tür standen zwei Reihen Schutzmänner, zwischen denen alle hindurchgehen mußten. Eine Stimme rief: „Laßt euch nicht provozieren“; daraufhin war es mit einem Male, als sei jetzt alles harmlos, kleine Gruppen schwenkten nach verschiedenen Richtungen ab, ein Schutzmann mahnte einmal zum Weitergehen, und willig gingen alle weiter und zerteilten sich, es war nicht anders, als seien alle von einem einfachen Vergnügen gekommen. Ohne weitere Überlegung hatten sich die beiden Studenten den Leuten angeschlossen, mit denen sie zusammengesessen und gingen, die einen fragend und die andern erklärend, durch die Straßen, welche so gleichgültig aussahen wie sonst, nur war es Hansens angestrengten Nerven, als hallten ihre Schritte ganz besonders auf dem Pflaster. Nach kurzem Bereden traten sie in eine Wirtschaft, in der die Arbeiter bekannt waren, denn der Wirt begrüßte sie mit Vertraulichkeit; die Vertraulichkeit von dem ungesunden und dicken Mann war Hansen unangenehm.

Es stellte sich heraus, daß der ältere Arbeiter von den beiden Studenten eine Belehrung haben wollte, denn er erzählte, daß er viel gelesen habe, und besitze zu Hause eine Menge Bücher, deshalb habe er auch keine Frau genommen, und ihn beschäftige vornehmlich eine Frage, die sei ihm aber noch in keinem Buch beantwortet, wiewohl er keine Mühe gescheut, denn er sei doch nur ein Arbeiter und besitze nicht die rechte Vorbildung; nämlich, es werde gesagt, daß unsre Gedanken und auch das, was wir wollen, durch die Verhältnisse bestimmt werde, in denen wir leben, und daß also die Verhältnisse schuld sind an allem Übeln, das geschieht. Wenn das richtig sei, dann könne man also dem Menschen, der Böses tut, mit Recht keinen Vorwurf machen und dürfte ihn auch nicht strafen, und auch dieser Schluß werde von vielen für richtig gehalten. Er aber meine, das alles könne nicht so sein, denn dann verlohne es sich ja gar nicht, daß man lebt, und er für sein Teil wolle lieber tot sein als leben, wenn es so sei.

Der Mann, der zu Hans das sagte, mochte etwa fünfzig Jahre alt sein und war ein Schuhmacher, und seine Gestalt und Gesicht waren auch die eines armen Schuhmachers, der vielleicht nach seines seßhaften Gewerbes Art zuweilen wunderliche Gedanken hat. Aber diese Worte rührten Hans ans Gewissen, denn plötzlich merkte er, daß er ein ganz andrer Mensch geworden war wie früher, und daß er früher gedacht hatte, er wolle lieber tot sein als so leben, wie der Mann schilderte, und daß er jetzt so lebte. Und dazu wurde ihm klar, daß er jetzt viel log; denn der fröhliche Weiland redete wohl die Wahrheit, und der ernsthafte Jordan redete die Wahrheit, und dieser Mann; aber er selbst hatte sich in Lügen gefangen und war dadurch in Gewissensangst geraten.

Er wußte aber nicht, was er antworten sollte; denn nicht nur gibt es ja keine Antwort auf die Frage, sondern er selbst war auch so verwirrt, daß er auch sonst nichts Rechtes zu sagen gewußt hätte. Deshalb sprach er nur, daß das eine Sache des Glaubens sei; wenn einer glaube, daß er in seinen Gedanken und Entschlüssen durch die Verhältnisse bestimmt werde, so sei es so, und wenn er das nicht glaube, so sei es nicht so. Hiermit war dem Mann nun wohl nicht sonderlich gedient; aber er merkte wohl, daß Hans ihm nicht mehr zu sagen wußte, und deshalb forschte er nicht weiter.

Jordan hatte mit Anstrengung zugehört. Jetzt sagte er, es sei richtig, daß die Verhältnisse unser Denken und Wollen bestimmen; denn wenn wir alle in der herrschenden Klasse geboren wären, so würden wir so denken und handeln wie die, und die Arbeiter verurteilen, und doch wären wir im übrigen genau solche Menschen wie jetzt. Hierüber versuchte Karl zu bemerken, daß sie beide als Studenten doch der höheren Klasse angehörten; es zeigte sich aber, daß die Arbeiter die beiden gar nicht recht ernst nahmen, sondern sie mit einer liebenswürdigen Nachsicht betrachteten, etwa wie ein alter Förster einen jungen Herrn mit auf den Anstand genommen hat, und dieses Urteil ergab sich nicht aus den Worten, die sehr zartfühlend waren, aber man merkte es doch in der Gesinnung. Der alte Mann jedoch sagte zum Schluß, wenn die Gerechtigkeit nur ein Rauch sei, so sei die ganze Welt sinnlos; damit erhob er sich zum Gehen und war erregt wie einer, der einen heftigen Kampf für sein Liebstes streitet und dabei doch das Gefühl hat, daß sein Kampf nutzlos ist.

Karl hatte sich mit Weiland angefreundet und mit dem verabredet, daß sie gemeinsam am Sonntag einen Ausflug in einen Vorort machen wollten, der berühmt war durch seine Tanzgelegenheiten, und Hans ließ sich bereden, mitzugehen. Sie kamen in einen niedrigen und sehr großen Saal, der mit Zigarrenqualm und Menschengeruch angefüllt war; ein Lärmen, Lachen und Schwatzen stieg in die Höhe, auf einer Bühne saß eine kleine Kapelle, und die Paare drängten sich durch die Menge zum Antreten. Nach vielem Suchen fand Weiland seine Braut, die mit zwei andern Mädchen zusammensaß, welche von verlegener Freude ergriffen wurden, wie sie die drei sahen; aber die Lustigkeit Weilands und der leichte Sinn Karls überwanden bald die Befangenheit der ersten Minuten, und nur Hans fügte sich nicht so recht ein, wofür er auch der besonderen Aufmerksamkeit der Mädchen teilhaftig wurde. Bald begann Weilands Braut mit Geläufigkeit zu erzählen und redete mit Verachtung von ihren Eltern, deren Anschauungen zurückgeblieben seien, denn ihr Vater war ein alter Achtundvierziger, der immer noch auf dem Standpunkt der bürgerlichen Demokratie stehe, und der habe ihr ein Sparkassenbuch angelegt und gehöre zur freireligiösen Gemeinde. Ihr Wunsch wäre, daß sie mit Weiland in freier Liebe zusammenleben wollte, aber ihr Vater verlangte, daß sie sich der bürgerlichen Trauung unterzögen. Hans sprach am meisten mit der einen Freundin, einem stillen und blassen Mädchen, das ein schwarzes und oben geschlossenes Kleid trug und ihre Hände mit einem eigenen schwermütigen Ausdruck lässig im Schoß liegen hatte. Die erzählte, daß sie Weißnäherin war und für ein Geschäft arbeitete; sie konnte nicht tanzen, und ihre Reden waren sonderbar müde und unfroh. Einmal antwortete sie auf eine Bemerkung: „Ach, was hat man vom Leben, den ganzen Tag sitzt man vor der Maschine, und wenn man heiratet, so hat man dazu bloß noch Sorgen und Kummer.“ Etwa achtzehn Jahre mochte sie alt sein. Auch klagte sie in ihrer Art darüber, daß sie sich nun schon so lange gewünscht habe, einmal einen feinen Herrn kennen zu lernen, und nun, da sie das erreicht, sei sie in solcher Verfassung, daß sie ihn von sich abschrecke. Über diese Reden bekam Hans bald ein peinliches Gefühl und war ihm, als müßte er eine Schuld haben, und zugleich war er aber auch gereizt gegen das Mädchen; die begann in klagender Weise weiter zu erzählen von ihrem Leben und von ihren Verhältnissen; da zeigte es sich, daß ihre Eltern sich ganz jung geheiratet hatten, weil ihr Vater in Schlafstelle gewohnt bei den Eltern der Mutter, und daß sie von Leichtsinn schnell in Sorge geraten waren und ihren Körper noch nicht hatten entwickeln können, wie sie auch keine Ersparnisse gehabt hatten für die Einrichtung des Hausstandes, und wie dann in schlechter und lichtloser Wohnung viele schwächliche und freudlose Kinder gekommen waren, die aufwuchsen in Bitterkeit und ohne Kraft, mit blassen Backen und hinschmachtendem Leib. Über alle diese Umstände urteilte das Mädchen mit wunderlicher Klarheit, und am Ende sprach sie, die armen Leute hätten sehr unrecht, wenn sie immer mehr Freiheit haben wollten, denn sie seien wie die Kinder, die von guten Menschen beaufsichtigt werden müßten, damit sie sich nicht schädigten durch ihre eignen Torheiten, und dieses Urteil hätten unter ihnen viele Frauen, aber die Männer verhöhnten sie deswegen und sagten, sie seien nicht aufgeklärt.

Wie das Gespräch diese Wendung genommen hatte, verschwand ihnen beiden die peinliche Stimmung, und es entstand bald eine gewisse Behaglichkeit zwischen ihnen, indem sie auf die Dinge des gewöhnlichen Lebens kamen und das Mädchen eine ernsthafte Mütterlichkeit gegen Hansen entwickelte, gegen ihren Willen, denn sie hatte sich die ganze Woche darauf gefreut gehabt, ein leichtes und fröhliches Liebesband zu knüpfen mit einem Studenten, den sie sich als einen besonders lustigen und ganz außergewöhnlichen Menschen vorgestellt; aber nun erzählte sie, wie sie und ihre Mitarbeiterinnen kochendes Wasser geliefert bekamen für ihren Kaffee, und daß sie sich Geld gespart zu einem neuen Kleid, und wenn er sich nicht schäme, mit ihr auszugehen, so wolle sie dieses Kleid tragen, denn sie wisse bereits eine billige Gelegenheit für einen guten Stoff, der ihr auch zu ihrem Gesicht und Figur stehe.

Inzwischen tanzten die andern, und die dünne Musik tönte durch das Lärmen; Zigarrenrauch ringelte sich in die Höhe zu der allgemeinen Wolke und Kellner drängten sich eilfertig und aufgeregt durch die Menge; wie Hans sie nach schüchternem Bedenken zum Trinken aufforderte, nippte sie zart an ihrem Glase und klagte dann, daß sie wenig vertragen könne.

Die andre Freundin war ein übermütiges, gesundes und rotbackiges Wesen, deren Augen in Fröhlichkeit blitzten, die hatte solche Lust zum Tanzen, daß sie nicht still sitzen mochte, wenn die Musik ertönte, und Karl, der ein geschmeidiger und leichter Tänzer war, führte sie immer mit heiterer Aufforderung in den Reigen. Bald fand sie heraus, wie sie Hansen und die Freundin necken konnte, und Karl, der durch alles gleichfalls in frohe Laune geraten war, stimmte mit ein; aber obschon beide eine gutherzige Gesinnung dabei hatten, wußten sie doch nicht eine gewisse Taktlosigkeit zu vermeiden, die durch das Dissonieren der Meinungen ja leicht in dem lebendigeren Teil erzeugt wird, und so entstand ein nicht ganz behagliches Gefühl bei allen, durch das besonders Hansen plötzlich die schlechte Luft, der Menschengeruch und der unfeine Lärm häßlich auffielen, so daß er stiller wurde und in sich versank.

Wenn Leute aus dem Volk recht gesund und in ihrer Art wohlgeordnet leben, so haben sie einen zutraulichen Glauben an sich selbst und an alles, was sie tun, der sie sehr glücklich macht. Von dieser Beschaffenheit war Karls Freundin. Die diente bei einer vornehmen Herrschaft und war recht tüchtig in ihrer Tätigkeit, und indem sie aus diesem die Überzeugung herausnahm, daß alles, was sie tat, überhaupt nicht besser getan werden könne, hatte sie in ruhiger Zuversicht bald die Herrschaft über den kleinen Kreis gewonnen, daß selbst Weilands Braut sich ihr unterordnete. Es war für Hansen recht unbehaglich, daß er sich dieser an sich harmlosen Herrschaft nicht zu erwehren vermochte, wenn er nicht eine Mißstimmung schaffen wollte; und so hatte er hier zum ersten Male das Gefühl, daß doch eine Kluft zwischen den verschiedenen Klassen der Gesellschaft ist, die nicht überbrückt werden kann, und wenn jemand den Versuch dennoch machen will, so begeht er vielleicht eine schlechte Handlung, denn er zerstört die Wurzel des Dranges nach Höherem.

In der Folge stellte sich heraus, daß Karl bei dieser Zusammenkunft mit dem Mädchen eine Liebschaft angeknüpft hatte, die man mit dem Berliner Ausdruck als Verhältnis bezeichnet. Er bewegte sich in den seltsamsten Vorstellungen, indem die modernen sozialistischen Ideale mit alten romantischen Bildern vom Volk bei ihm zusammenschmolzen, und so erschien ihm dieses Mädchen aus dem Volke mit ihrem Drange nach Freiheit und nach ungestümem Glück zugleich als eine kräftige und ursprüngliche Natur und als ein Erstling einer großen Zukunft. Es kamen die beiden aber zusammen an Sonntagen, die das Mädchen frei hatte, und indem zu der Zeit der Frühling begann, daß er die Menschen aus den kahlen und grauen Straßen hinauslockte in helles Grün, fuhren sie aus der Stadt, bis sie an Orte kamen, wo sie allein waren und sich auf heimlichen Wegen ergingen unter Kiefern, welche die ersten hellgrünen Spitzen vorsteckten. Da sah sie viele Dinge, die ihr früher nicht bekannt gewesen waren, weil sie vorher die nicht beachtet, Vögel von allerlei Art und Frühlingsblumen und einen reinen, klaren Himmel; und zuerst war sie einem gedankenlosen Drange gefolgt, der sie nach Glück und Genuß trieb, wie sie aber ein Vögelchen gesehen hatte, das einen Halm im Schnabel trug zu seinem Neste, und ein Himmelschlüsselchen, das schüchtern sein Köpfchen beugte auf einer großen Wiese, da verschwand ihr das laute Lachen, und ihre Augen wurden ernster, und ihr war, als müsse Karl ein Halt sein für sie, und das Leben schien ihr nicht mehr eitel Jubel wie vorher. Aber wie sie sich so änderte, da begann Karl seine Seele vor ihr zu verschließen, denn auch ihn hatte nicht Liebe zu ihr getrieben, sondern Leichtfertigkeit und eine falsche Vorstellung, die er sich selbst geschaffen; aber bei ihm wandelte sich der leichte Sinn nicht in Treue und Zuneigung. Das merkte sie gar bald, und da seufzte sie heimlich und kehrte bei sich ein; aber schon war ihre Liebe zu groß geworden, als daß sie hätte sich entfernen können von ihm, und so hing sie ihm weiter an in bitterer Demütigung, und ihr Kummer machte sie besser, wie sie gewesen, und ihr Gesicht verlor zwar seine jugendliche Frische, aber es bekam edlere Züge, und selbst ihre Bewegungen erhielten etwas Vornehmes, das ihren Bekannten auffiel, daß sie es dem Einfluß Karls zuschoben. Dieser aber lebte in Haltlosigkeit; schämte sich seiner selbst und war deshalb hart gegen sie; denn schwache Menschen können es nicht leiden, daß sie geliebt werden und müssen den Liebenden plagen. Unter solchen Umständen geschah es, daß sie sich gesegneten Leibes fühlte; da erschrak sie heftig und hatte zugleich eine heimliche Freude, und außerdem überkam sie, wie aus einer Nacht, die Erinnerung an ihre Heimat und an ihre Eltern, und wie sie sich schämen mußte zu Hause, wenn dort jemand etwas von ihr wüßte; vor ihren Freundinnen in Berlin aber schämte sie sich nicht, auch hatte sie keine Freude auf das Kind, wenn sie bei denen war. Wie Karl die Neuigkeit erfuhr durch Weilands Braut und nicht durch sie selber, da hatte auch er einen starken Schrecken, und indem sich verwirrte Gewissensbedenken in ihm erhoben, die nicht auf klaren und verständigen Gefühlen ruhten, sondern auf Unwahrheit, so beschloß er bei sich, daß er sie heiraten wolle. Wie er ihr diesen Entschluß mitteilte, sprach sie zu ihm: „Wenn du mir solche Worte gesagt hättest in unsrer ersten Zeit, bevor ich dich wirklich lieb hatte, so wäre ich sehr stolz geworden durch sie und hätte mich ohne weitere Gedanken gefreut, deine richtige Frau zu werden. Nun aber weiß ich, daß es ein Gefühl gibt, das ich damals nicht kannte, und das wahrscheinlich viele Menschen nicht kennen, und vielleicht hätte ich unter andern Verhältnissen auch selbst bis zu einem späten Tode nichts von diesem Gefühl erfahren; da ich es nun aber kenne, so kann ich nicht mit dir zusammenleben, denn du kannst mich nicht so ehren, wie es nötig wäre, weil ich geringer Herkunft bin und mir nicht feine Art angewöhnen kann, auch nicht der rechten Bildung fähig bin; was alles wohl jetzt in unserm Kreise und so lange wir jung sind nicht so schlimm erscheint, aber mir viele schmerzliche Stunden erzeugen würde, wenn ich erst älter bin und du in eine andre Gesellschaft gelangt bist.“ Wie sie das gesagt hatte, spürte Karl, daß sie aus übergroßer Liebe ihm mehreres verschwieg, von dem sie gedacht hatte, daß es ihn kränken könne, und es war ihm, als ob er sich recht schämen müsse vor ihr. Damals zog zuerst Bitterkeit in sein Herz, denn er sah plötzlich ein, daß er ein niedriger Mensch war, und er begann sich selbst zu hassen und versuchte, ob er andre verachten könne; denn solche Hölle entbrennt in unedlen Leuten, wenn ihnen durch die Betrachtung Edler ihr Unwert klar wird; deshalb begann er lügnerische Worte zu machen, die sie schmerzten und in ihm am Ende eine große Leere schufen.

Wie nun ihre Zeit herannahte, mußte sie ihre gute Stelle aufgeben, und indem sie unwillig abwehrte, daß er ihr in irgend etwas half, nahm sie ihr erspartes Geld von der Sparkasse und zog zu einem alten Kunkelweibe, das in solchen Fällen Mädchen Unterkunft gewährte; hier saß sie in einer großen Hinterstube, die ein Fenster in der äußersten Ecke auf den Hof hinaus hatte, und saß an dem Fenster im trüben Winterlicht und nähte Windeln, Binden und Hemdchen für das Kind, das sie erwartete. Und daran dachte sie, daß das ein kleines Wesen sein werde, das sie sich an die Brust legen wollte, und alle andern Gedanken waren ihr versunken; nur stellte sie es sich immer wieder mit Absicht recht klar vor, wie klein das Kind sein werde, weil sie es sich sonst zu groß gedacht hätte, etwa wie es auf einem Stühlchen sitzt und nach seinem Schüsselchen verlangt. Mit Kraft und Anstrengung vergaß sie, daß sie es nicht bei sich behalten konnte, sondern sie mußte nach ein paar Wochen wieder in Dienst gehen, und das liebe Kind mußte bei der Frau bleiben; denn wenn sie daran gedacht hätte, dann hätte sie immer weinen müssen; so aber konnte es ihr vorkommen, als gehöre ihr diese Stube, und sie sei verheiratet, und am Abend komme ihr junger Mann, und zuweilen bedachte sie bei sich, wie sie die Möbel anders stellen wolle und alles recht reinlich halten. Aber dann tat sich die Tür auf, und das alte Kunkelweib kam herein und erzählte ihre Geschichten, wie sie sich mit den Leuten gezankt hatte. Da mußte sie sehr an sich halten, daß sie nicht weinte; denn wenn Karl sie besuchte, so war ihr das auch kein Trost, weil sie sah, daß er nur um sich ängstlich war und an sie dachte er eigentlich gar nicht; ja es war zuzeiten, als sei es ihm ein besonderes Opfer, welches er ihr brachte, daß er sie besuchte.

Wie es oft geht, daß Verhältnisse, die eigentlich längst sinnlos geworden sind, doch noch fortbestehen, weil keine äußere Gelegenheit kommt, die sie zum Aufhören bringt, so geschah es auch hier. Denn nachdem das Mädchen wieder eine neue Stellung erhalten hatte, schien es äußerlich, als sei zwischen beiden alles wie vorher, da sie doch beide mit Mühe und Verdruß ein drückendes Joch trugen, und Karl war oft heftig und ungerecht gegen sie, und sie schwieg voller Sanftmut. Da bat sie ihn, es war gerade am Jahrestag ihrer ersten Begegnung, daß sie wollten wieder an jenen Ort hinausfahren, wo sie sich kennen gelernt. Sie kamen an, und es schien äußerlich alles unverändert, denn wie im vorigen Jahre war der große und niedrige Raum vollgedrängt mit Menschen, und spielte auf der Erhöhung die geringe Kapelle, und es war fast, als schlage der Lärm der Gespräche, des Klapperns, des Gehens und Kommens, des Tanzens und der Musik im gleichen Zeitmaß an ihr Ohr, nur saßen sie jetzt allein und ohne die Freunde.

Aber da wurde ihnen klar, wie sie selbst sich verändert hatten, denn sie wurden von Widerwillen und heftiger Langeweile befallen, und wo im vorigen Jahr ihnen die Hoffnung einen weiten Raum gezeigt hatte hinter diesen tanzenden Paaren, da war es jetzt, als sei das alles hier nicht räumlich, sondern geschehe in einer Fläche, und sie hätten fliehen mögen, weil das Gewühl ihnen nahe kam. Mit einem erzwungenen Lächeln führte Karl sie zum Tanze, aber ihre Hände lagen schlaff ineinander, und sie beide dachten an den ersten plötzlichen Händedruck, den sie sich damals beim Tanz gegeben, der sie beide elektrisch durchzuckt hatte.

Während diesem überlegte sie sich eine Absicht, führte ihn aus dem Saal in den winterlichen Garten und sprach zu ihm: „Ich sehe ein, daß es für uns beide am besten ist, wenn wir nun auseinandergehen. Wohl haben unsre Eltern recht gehabt, daß sie uns warnten vor der Leichtfertigkeit und sagten, gleich gesellt sich zu gleich. Ich habe geglaubt wie viele heute, das Leben sei leichter geworden und die Alten seien altfränkisch, und unter den Menschen herrsche mehr Gleichheit wie früher. Aber jetzt verspüre ich, daß ich einem falschen Scheine gefolgt bin, denn in Wahrheit ist das Leben schwerer geworden, weil ein jeder allein steht in der Welt und keinen Menschen hat, noch Meinung, an die er sich halten kann; und in Wahrheit ist eine tiefere Ungleichheit unter die Menschen gekommen, wie sie früher war; denn als du versuchtest, wie du es nanntest, mich zu bilden, da verspürte ich eine tiefe Kluft, die nicht überbrückt werden kann; und wenn ich redlich sprechen soll, so muß ich sagen, ich weiß nicht, welches mehr wert ist, deine Bildung oder das, was ich für mich habe und auch behalten will. Und vielleicht ist das der einzige Unterschied gegen früher, daß ich als ein Dienstbote solche Gesinnungen habe und ausspreche. Aber wir wollen nicht in Haß und Erbitterung voneinandergehen, denn wir haben doch einmal gedacht, wir gehören zusammen, und ich wenigstens bin durch dich ein andrer Mensch geworden. Und wie ich dir schon sonst sagte, will ich das Kind für mich behalten und will mich seiner auch allein freuen, du aber sollst keine Furcht haben durch uns beide. Und denke auch nicht, daß ich ein trauriges Leben haben werde; denn ich will suchen, daß ich einen guten und tüchtigen Mann bekomme, der für mich paßt, und will heiraten und ein rechtschaffenes Leben führen.“

Nach diesen Worten geschah nur noch Unbedeutendes; und so trennten sich am Ende die beiden, nachdem einer den andern sonderbar beeinflußt hatte und dessen Leben in eine neue Bahn geleitet.

Bei Karl kam es in den folgenden Wochen, daß eine dichterische Begabung, die sich bis dahin nicht hatte zu äußern vermögen, einen ihr angemessenen Ausdruck fand. Freilich war seine Dichtung nicht ein Kind der Kraft und Gesundheit und ein freiwilliges Überfließen, sondern wie bei so vielen Menschen unsrer heutigen Zeit war sie ein Kind der Schwäche, die hier dem Seelenunkundigen durch scheinbar scharfe Wiedergabe der Natur gerade als Stärke zu erscheinen vermochte. Zu jener Zeit kam aus dem Auslande der Einfluß gleichgestimmter Seelen, und weil der leere Nachton früherer Kunst, der bei uns damals vornehmlich zu hören war, die Ohren und Geister nicht gegen die fremden Klänge einzunehmen vermochte, so geschah es, daß gerade die Dürftigen und Schwächlichen zu einer besonderen Entfaltung kamen und ein seltsames Gaukelspiel vortäuschen konnten. Karls Geschick wollte, daß er mit in diese Bewegung geriet. Aber weil er ein schwacher Mensch war, so hatte er nicht die Liebe zu den Dingen und Menschen, die ein Dichter haben muß, der die Welt in sich aufnimmt in Heiterkeit und Ruhe und sie vergoldet durch seine Freude, Hoffnung und Willen zum Guten und dann wieder aus sich heraus stellt in einen Rahmen, damit die Menschen das Bild anschauen mögen und glücklicher und besser werden, sondern er beobachtete das einzelne und zerfaserte es und wollte aus den untersuchten Stücken des Leichnams wieder lebendige Körper schaffen, und zerfaserte sich selbst in Hochmut und Selbstverachtung und wollte neue seelische Wahrheiten bilden aus diesen Quellen der Eitelkeit. Und dieses alles bedeutete für die Geschichte seines Wesens einen weiteren Schritt in die Auflösung. Wie aber eine Frucht, die sich aus der Blüte entwickelt hat zum Fruchtansatz und allmählich gereift ist zum rotbackigen Apfel und dann vom Baum gepflückt wird und aufgehoben im dunkeln Raum, wie solcher Frucht alles weitere Geschehen als eine weitere Entwicklung erscheinen muß, nicht nur, daß sie noch reift auf dem Stroh und schmackhafter wird, sondern auch, daß sie endlich vom Kernhause aus zu faulen beginnt und die Fäulnis sich immer mehr ausdehnt, bis der ganze Apfel verfault ist und der Schimmel ihn bedeckt, so muß auch solchem Menschen seine Auflösung als eine Weiterentwicklung erscheinen, und er mag sich sogar als einen Erstling preisen der künftigen Zeiten, wo eine neue Art Menschen leben wird, die ihm gleich sind, da er doch nur ein fauler Apfel ist und nicht mehr wert, als daß ihn die Hausfrau ausliest und wirft ihn auf den Mist.

Es ist schon früher berichtet, daß die Gräfin viele Jahre lang bettlägerig gewesen ist. Welche Krankheit sie haben mochte, das konnten die Ärzte nicht bestimmt sagen, denn es wechselten die Schmerzen und die Stellen des Leidens und alle Anzeichen, und nur das war immer das gleiche, daß sie nicht ihr Bett verlassen konnte.

Sie war eine harte Frau und hatte einen unruhigen Verstand, der zu allen Dingen schweifte, und seit ihrer Krankheit vornehmlich aber zu den verschiedenen Angelegenheiten des Haushaltes. Diesen wollte sie beständig von ihrem Lager aus leiten, und die Dienstboten mußten ihr alles genau berichten und erklären, und indem sie in ihrer Einsamkeit nach diesen Antworten und Erzählungen sich ein vollständiges Bild von allem machte, befahl sie ihnen genau alles bis in das geringste, was getan werden sollte. Aber da die Dienstboten sich sehr häufig nicht an ihre Befehle kehrten und nach ihrem Belieben wirtschafteten und ihr dann später trügerischerweise Falsches berichteten, bildete sie sich doch eine unrichtige Vorstellung von allem, was vorhanden war und was geschah. Dann kam es, daß die Leute ihre früheren Lügen vergaßen und nach dem wirklichen Stande erzählten, auch sonst sich Widersprüche herausstellten zwischen ihrem Bilde, das sie sich gemacht, und den wirklichen Zuständen. Hierüber geriet sie immer in großen Zorn, schalt viel und klagte dann das Geschehene ihrem Mann, der sich hierdurch noch mehr von ihr entfremdete, als ohnedies durch ihre Krankheit geschah. Wie sie das verspürte, machte sie ihm Vorwürfe und trieb sich und ihn immer weiter in den Unfrieden hinein.

Die beiden Söhne, die mit alten und in der Familie erblichen Namen Bolko und Ivo genannt wurden, hatten sich inzwischen in der bereits früher geschilderten Art entwickelt und waren von Hause fortgekommen als Offiziere. Die ganze Zeit über verlangten sie von ihrem Vater immer sehr viel Geld, der zwar für sich selbst leichtfertig und unbedacht war, für seiner Söhne zielloses Leben aber doch einen klaren Blick hatte; auf seine Ermahnungen freilich hörten sie nicht, sondern hielten ihm keck sein eignes Beispiel vor; und indem er Furcht hatte, über seine Verhältnisse selbst klar zu werden, vermochte er ihnen auf diesen Einwurf nicht eindringlich zu antworten, denn sie lebten in der Meinung, daß das elterliche Vermögen viel größer sei, als es in der Tat war. So war er dahin gelangt, daß er schon Geld auf Wechsel genommen hatte, und war in die Hände der Wucherer geraten; nun befiel ihn zuzeiten eine heftige Angst und sinnlose Reue; und während solche Stimmungen früher von selbst wieder verschwunden waren durch die Wirkung seines leichten Gemütes, kostete es ihn jetzt Anstrengung, sich von ihnen frei zu halten. Die Frau durfte von allen diesen Sorgen nichts erfahren, und wenn sie in ihrer Unwissenheit oft Verfügungen traf, die ihm in seinem Mangel schwierig wurden, so mußte er allerhand Ausflüchte ersinnen, Lügen erzählen und lange Geschichten vorbringen und zuweilen sich gekränkt stellen oder Vergeßlichkeit heucheln.

Die Tochter, die allein zu Hause geblieben war, stand ohne eine rechte Bedeutung an der Seite, denn sie merkte wohl, daß der Vater Geheimnisse hatte, und aus Scheu und Mitleid wurde dadurch ihr Benehmen fremd gegen ihn, was er nach seinem bösen Gewissen ausdeutete, als wisse sie vieles und zürne ihm; und die Mutter hielt sie von den Angelegenheiten des Hauses entfernt aus Eifersucht, weil sie selbst die Leitung behalten wollte, und auch aus geheimer Furcht, daß ihre Unzulänglichkeit aufgedeckt werde. So brachte die junge Dame ein freudeloses Leben hin in Sehnsucht nach einer Tätigkeit und Wirkung.

Indem die Dinge so lagen, kam plötzlich der älteste Sohn Bolko unvorbereitet zu einem kurzen Besuch: der Vater erschrak, als er das Telegramm erhielt, und wie des Sohnes sporenklirrender Schritt auf dem Gange hörbar wurde, stockte ihm das Blut. Er führte ihn zur Mutter, die den Ältesten immer besonders geliebt hatte, indem sie von seinem wahren Leben gar nichts wußte, sondern ihn immer nur kannte, wie er als ein hübscher und schlanker Mensch mit offenem Gesicht ehrerbietig in ihrem dämmerigen Krankenzimmer stand. Sie freute sich mit einem glücklichen Gesicht, wie er ihr die Hand küßte, und mit großer Zärtlichkeit streichelte sie seine blonden Haare. Dann ließ sie sich von ihm erzählen, und er mußte Bälle beschreiben und Schlittenfahrten, und auch von seinen Pferden sprach er. So hörte sie immer mit glücklichem Lächeln zu, und als sie selbst einmal einiges sprach, suchte sie seinen Gedanken eine leise Richtung zu geben, denn sie hatte eine Heirat für ihn im Sinn und hätte gern gewußt, welches seine Meinung sei; und in dieser kurzen Zeit erschien ihr plötzlich ihr eignes Leben gar nicht so unglücklich wie sonst, und ihres Sohnes künftiges Leben war ihr heiter und sonnig. Er lachte aber über ihre Anspielungen und machte Scherze, so daß sie ein wenig gekränkt wurde; aber nur ein wenig, sie verzog den Mund, wie sie als junges Mädchen getan, und ganz schnell wurde sie wieder zufrieden und heiter; seit sehr langer Zeit war sie nicht in solcher Verfassung gewesen. Nach einer Weile stand er auf, um das Zimmer zu verlassen; groß und stattlich war er vor ihr, und sie blickte in ein ungetrübtes und lachendes Gesicht. Da überkam sie eine besondere Zärtlichkeit und gab ihm einen Wink, daß er sich über sie beugen mußte, und sie selbst hob ihren Kopf und drückte ihm einen Kuß auf die Stirn; dabei überflog Röte ihr ganzes Gesicht, und ihre Augen glänzten. Wie er zum Vater zurückkehrte, fand er den in einer Ecke seines großen Lehnstuhls, da sah er ganz verfallen und grau aus; schweigend wies er dem Sohn einen Platz an. Die Furcht vor dem Gespräch lastete auf beiden, und um die Stille zu brechen, sagte der junge Mann endlich gleichgültige Sätze über die Ernte. Der Vater nickte nur, denn ihm verschloß die Angst den Mund noch fester wie dem Sohne, zuletzt aber fragte er doch nach dem Grund des Besuches, unvermittelt. Da schwieg der junge Offizier zuerst lange, und endlich erzählte er, daß er Abschied von den Eltern nehmen wolle, weil er am andern Tage einen Zweikampf habe, in dem er fallen werde. Nichts weiter sagte er, aber der Vater merkte, daß sein Sohn sich schämen mußte über die Ursache, und daß alles unabwendbar war, und saß da mit entsetztem Ausdruck und offenem Munde, und den Sohn überkam ein Ekel vor dem gedunsenen und schlaffen Schlemmergesicht; deshalb fügte er in härterer Sprache hinzu, daß er seine Schulden und andre Verpflichtungen aufgeschrieben habe und ihm das Verzeichnis geben wolle, damit der Vater später alles begleiche.

Da war es, als sei dem Alten das Wichtigste gar nicht klar geworden, und nur das Geringere berühre ihn, und fing an, mit heftigen Worten auf den Sohn zu schelten, daß der Schulden gemacht habe, und in seiner Verstörtheit gebrauchte er ganz gemeine Ausdrücke. Hierdurch geriet der Junge in eine feindliche Erregung und sprang ungestüm von seinem Stuhl auf und erwiderte die Vorwürfe und sagte dem Vater, daß er keine Eltern gehabt habe, und auch sein Bruder habe keine Eltern gehabt und auch seine Schwester nicht; niemand habe sich um sie gekümmert wie bezahlte Leute, denn den Eltern waren sie zur Last, weil die andre Dinge vorhatten; nur wurden sie zuweilen der Mutter vorgeführt in geputzten Kleidern und mit einstudierten Reden; nie haben die Eltern ein Herz gehabt für die Kinder, deshalb seien die nie mit einer Bitte zu ihnen gekommen; ein einziges Mal habe er erlebt, daß die Schwester gebeten, sie möchte gern Kaninchen haben, da sei ihr von der Mutter geantwortet, daß kein Raum vorhanden sei. Viele Vorwürfe habe er sich selbst schon gemacht über sein verkehrtes Leben, das nun jetzt in jungen Jahren zu Ende sei, und er wisse wohl, daß er selbst schuld habe, denn trotz allem hätte er ein andrer Mensch werden können; aber außer ihm selbst seien die Verursacher seines Unterganges sein Vater und seine Mutter. Und nicht lange könne es dauern, dann werde sein Bruder Ivo nach Hause kommen in derselben Weise wie jetzt er. Damit warf er das Verzeichnis der Schulden auf den Tisch und sagte, sein Erbteil müsse hinreichend groß sein, daß diese Summen nur eine Kleinigkeit dagegen ausmachten, und dann ging er aus der Tür; erleichterten Herzens, denn er war ein schwacher und schlechter Mensch und war nun beruhigt in seinem Gewissen, weil er sein Unrecht einem andern aufgeladen hatte. Wie nun die Nachricht kam von dem Tode des jungen Herrn, da ereignete sich das Sonderbare, daß die alte Gräfin plötzlich von ihrem Lager aufstand, auf dem sie fünfzehn Jahre lang verharrt, und war, als sei sie nie krank gewesen. Sie ließ sich die Kleider kommen, die sie damals zuletzt getragen, als sie sich gelegt, und wählte sich ein dunkelfarbiges Gewand aus; es schien aber, als sei sie größer geworden, und ihre Figur hatte sich verschmälert, so daß das Kleid in sonderbarer Weise auf ihr hing, und indem es gleichzeitig unmodern geworden war und für einen jugendlicheren Menschen gearbeitet, machte sie einen seltsam unheimlichen Eindruck in ihrem Aufzug. Mit Leichtigkeit stieg sie die Treppen und besuchte alle Räume und Winkel und betrachtete Vorräte und Einrichtungen und fand alles ganz anders, wie sie es sich auf ihrem Lager gedacht, und geriet in heftige Erregung über die Dienstboten; und so schalt sie im Hause herum und zankte mit Bosheit, während die Leiche des Erstgeborenen gebracht wurde und der alte Herr verstört in seinem verschlossenen und verriegelten Zimmer saß. Nach dem Herkommen wurde der Tote in einem großen Saal aufgebahrt, der mit Tannengrün geschmückt war; in dem Saal hatten seit vielen hundert Jahren die Toten des Geschlechtes gelegen, von Lichten auf alten Leuchtern ihre wachsfarbenen Gesichter beschienen. Die Leute aus der Gegend und die Bedienten und die Arbeiter von den Gütern kamen, die Leiche anzusehen; sie kamen mit ihren Frauen und den schüchternen Kindern und hatten ihre Sonntagskleider angezogen. Da sahen sie die Gräfin in wunderlicher Kleidung, die über die Leiche des Sohnes ausgestreckt lag und schluchzte, daß ihre Gestalt erschüttert wurde. Viele Stunden lag sie so, und wie sie sich erhob, begann sie wieder ihr mißtöniges Schelten mit den erschreckten Leuten und eilte aufgeregt durch alle Räume, Kommodenschubladen aufziehend, in denen sie vor fünfzehn Jahren alte Flicken aufgehoben, in Schränken wühlend und nach längst vertragenen Kleidern forschend, das Porzellan und Glas betrachtend, das die Wirtschafterin mit zitternden Händen auf den großen Ausziehtisch stellen mußte, und das Silber nachzählend, das sie selber putzen wollte.

Der alte Herr hatte mit schweren Sinnen gerechnet und gezählt; zum ersten Male kam ihm jetzt eine Art Klarheit seiner Lage, und er fühlte sich gänzlich hilflos. Mit schweren Schritten ging er die Treppe hinab, und gebeugt bestieg er den Wagen, um nach dem Orte zu reisen, wo sein Sohn gestanden. Hier suchte er den Wucherer auf in seinem Hause, das erst neu gebaut war, denn der Mann war ein Bauunternehmer; eine marmorne Treppe erstieg er, die mit einem teuren Teppich belegt war, und kam in ein prunkvolles Gemach; es war ihm, als verlasse ihn alles Selbstbewußtsein, das ihm sonst immer natürlich gewesen war, wie er dem stiernackigen Menschen gegenüberstand, der seine gewöhnliche und gemeine Art mit Kaltblütigkeit hinter einer eignen Höflichkeit verbarg, welche der Graf in den Kreisen, welche er sonst gekannt, noch nie getroffen hatte; vielleicht war der Mensch erst vor kurzem aus dem Zuchthause entlassen, und trotzdem wußte er sich so zu haben, daß der adelige Mann verwirrt wurde vor ihm. Vergeblich versuchte der in einer vornehmen und nachlässigen Manier zu sprechen, er mußte abbrechen und nach einer andern Weise suchen; am Ende legte er dem andern mit Schüchternheit seine Verhältnisse offen dar, als sei der gegen ihn ein alter und würdiger Herr, dem er vertrauen müsse, und der ihn ermahnen und tadeln, aber auch unterstützen werde. In diesen Minuten, als ihm der künstlich erhaltene Stolz vor der Kraft eines ehrlosen Menschen zusammenbrach, begann in dem Grafen eine Verstörtheit, die ihn am Ende kindisch machte. Der andre, der seinen Vorteil bald bemerkte, wußte ihn zu den Absichten zu bestimmen, die er selbst sich gesetzt, und so wurden die Schulden derart geordnet, daß der Graf ihm kaum je wieder aus den Händen kommen konnte. Ivo, der zweite Sohn, wurde zu der Beerdigung erwartet; er verspätete sich aber in auffälliger Weise und kam erst, als die Träger den zugeschraubten Sarg eben auf die Achseln nehmen wollten. Nachdem die Feierlichkeit beendet war, saßen die vier Familienmitglieder in trüben Gedanken beisammen. Am Ende begann der Sohn mit einem Scheine, als handle es sich nur um Unbedeutendes, daß er den Vater auf andre Gedanken bringen wolle, und habe er in der letzten Zeit Unglück im Spiel gehabt, und brauche er bis zum übernächsten Tage eine bestimmte Geldsumme, die ihm der Vater gewiß geben werde; absichtlich brachte er die Bitte in Gegenwart der beiden Frauen vor, weil er dachte, daß für das erste sein Anliegen dadurch geringfügiger erscheinen müsse.

In dem alten Herrn wurden durch diese Worte längst vergessene Erinnerungen lebendig, und deren Drang übertäubte in seinem geschwächten Geist das Verständnis dessen, das er gehört. So begann er von seiner Jugend zu erzählen, und wie man damals anspruchsloser gelebt habe, denn nur an Königs Geburtstag habe man Wein getrunken, und sonst Kofent, und er selbst habe einmal seinem Vater kleine Schulden beichten müssen, da habe ihn der übel aufgenommen und ihm vorgerechnet, was er selbst arbeite und verbrauche, und habe ihm dann Hausarrest gegeben vier Wochen lang. Heute aber sei die Jugend leichtfertig, und das Eindringen der reichen Bürgerlichen in die Armee habe die Zeiten vornehmer Einfachheit verdrängt. Ivo saß da in großer Besorgnis, denn in Wahrheit hatte er große Schulden und wußte nicht, wie er seines Vaters Reden auffassen sollte. Und wie der Vater geendet hatte, begann die Mutter, schalt auf die heutigen Zeiten, in denen es keine treuen und sorgsamen Dienstboten mehr gäbe, und erzählte weitläufig von ihrer Leinenaussteuer, wieviel Dutzend sie von jeder Sache gehabt, und wie das alles auseinandergerissen sei, so daß sie nichts Vollständiges mehr vorfinde, und das Wenige, das noch in den Schränken liege, sei übel gewaschen. Dabei war, als seien die fünfzehn Jahre ihres Krankenlagers gar nicht gewesen, und sie verwechselte die Zeiten, denn indem sie von einigen Leuten sprach, dachte sie an deren Eltern, die in den Jahren, welche sie im Sinn hatte, so aussahen wie die jetzt. Dem Ivo wurde es unheimlich durch seine eigne Angst und durch das wirre Sprechen der Eltern, und er blickte hilfesuchend auf seine Schwester; die aber hatte ihren eignen Gedanken nachgehangen und seine Bitte überhört, weil sie im Ton nicht auffällig gewesen war, und da sie den Verfall der Eltern allmählich hatte vor sich gehen sehen, so waren ihr auch diese Reden nicht auffällig gewesen. So saß sie da im schwarzen und geschlossenen Kleid, die Hände im Schoße liegend und ins Leere blickend; sie bedachte aber, wie sie es erreichen könne, daß sie diesem Leben entfliehe, denn bis zur Unerträglichkeit hatte sich der Überdruß in ihr gesteigert.

Aber wie der junge Offizier sich derart ganz allein zwischen diesen drei Menschen fühlte und seine Sorge ihm mit Schwere auf das Herz fiel, stieg es ihm heiß in die Augen, und zwei Tränen rannen ihm über die Backen und in die Winkel des zuckenden Mundes. Hierdurch wurde die Schwester aufmerksam, und indem ihr nun seine früheren Worte in klares Bewußtsein traten, fragte sie erschreckt, ob seine Schuldenlast vielleicht sehr hoch sei; er aber war so bekümmert, daß er nicht zu reden vermochte, und so nickte er nur mit dem Kopfe. Dann, während sich inzwischen unter den Eltern ein Streit entspann um ein silbernes Salzfaß, das die Mutter vermißte, klagte er mit abgerissenen Worten der Schwester, daß es ihm an Mut fehle, um seinem Leben ein Ende zu machen, denn das sei ja doch der einzige Ausweg. Als er das sagte, schrie sie laut auf und verhüllte ihr Gesicht; der Vater wendete sich langsam zu ihr und fragte sie nach der Ursache ihres Schreiens, und indem er an den Wortwechsel über das Salzfaß dachte und in seinen trüben Gedanken meinte, daß es sich bei diesem um etwas Wichtiges handle, das auch seine Tochter schwer betrübe, suchte er mit der alten Gewohnheit liebenswürdiger Gesinnung sie zu trösten, indem er sagte, daß dieses Salzfaß sich schon noch wiederfinden werde, und sie als ein Kind brauche sich nicht solche Sorgen zu machen wie die Erwachsenen. Bei diesen Reden wurde dem jungen Ivo der Zustand seiner Eltern endlich ganz klar, und er verspürte mit Erschrecken, daß er zu seinen eignen verworrenen Verhältnissen nun auch noch das Bedenken der Familienangelegenheiten auf sich nehmen müsse, und nur geringer Trost war es ihm, daß er jetzt die Möglichkeit in der Hand habe, seine Lage in die Richte zu bringen, denn es ahnte ihm wohl, wie arg alles verwickelt war. Indessen besprach er sich nun mit der Schwester, was zu tun sei, und beruhigten die beiden die Eltern und brachten die mit Schonung dahin, daß sie ungestört von ihnen blieben und sich mit Ruhe beraten konnten.

Die ganze Nacht brannte in dem Arbeitszimmer des alten Grafen eine schlechte Lampe ohne Glocke, die sie sich aus der Küche hatten heraufbringen lassen; bei ihrem Schein lasen sie Aufzeichnungen, Ausgabenberechnungen, Einnahmenverzeichnisse und allerhand Aufstellungen über die Vermögensverhältnisse, und als letztes fiel ihnen das Blatt Bolkos in die Hand und die Urkunden über die Unterhandlungen mit dem Wucherer. Es war den Ungeübten nicht möglich, ein klares Bild aus dem Wirrwarr zu gewinnen, in dem sich der alte Herr selbst ja schon seit langen Jahren nicht mehr zurechtgefunden hatte; aber eine recht deutliche Vorstellung von ihrer Lage gewannen sie doch vornehmlich aus einem Schreiben, in welchem der frühere Vermögensverwalter um seine Entlassung bat, der eine andre Stellung angenommen hatte. Indessen drängte die Zeit, denn Ivos Hauptschuld war fällig, und er hatte seine Ehre verpfändet, und so ersparte die Notwendigkeit eines schnellen Entschlusses ihnen die Verzweiflung, die sie überfallen hätte, wenn sie sich länger hätten bedenken können, und es blieb kein weiterer Ausweg, als daß sich Ivo an den Wucherer seines Vaters wendete, da dieser die Verhältnisse am besten kannte und deshalb am leichtesten geneigt sein mußte zur Aushilfe. Was dann weiter geschehen sollte, insbesondere mit dem Vater, und wie Ivo die Ordnung und Verwaltung der Geschäfte in die Hand nehmen würde, das mußte man nachher bedenken.

Eine kurze Zeit war noch bis zur Abfahrt des Wagens für den Zug, den Ivo benutzen mußte. Er trat zu seiner Schwester, und sein Gesicht, das gestern noch leichtfertige und leere Züge aufgewiesen hatte, erschien gealtert und männlicher geworden; und indem er ihre Hand erfaßte, sprach er zu ihr in einem neuen und tiefen Ton, den sie bis dahin nicht von ihm gehört.

„Liebe Schwester, wir sind die letzten von einem alten Geschlecht, zu dem viele Menschen durch Jahrhunderte aufgesehen haben. Nun gehe ich einen schweren Weg, denn ich weiß nicht, ob ich bekommen werde, was ich suche; bekomme ich es aber nicht, so muß ich sterben, denn wenigstens liegt mir das ob, zu achten, daß unser Name nicht in Unehren erlischt. Du bleibst dann allein zurück, aber ich habe um dich keine Sorgen, denn du wirst schon eine Stelle für dich finden in der Welt; das sehe ich jetzt mit ruhigen Augen, denn seit mir offenkundig geworden ist, vor welcher Entscheidung und Ernsthaftigkeit ich stehe, habe ich plötzlich einen neuen Blick bekommen, Leben und Menschen zu betrachten, über die ich vorher gar nicht nachgedacht. Ich weiß, daß mein Bruder meinte, unsers verfehlten Lebens Ursache seien unsre Eltern, und ich selbst habe wohl dieser Meinung beigepflichtet in Stunden, wo das Gewissen mich mahnen wollte; aber dabei wußte ich doch immer im Herzen, daß ich nur eine schlechte Ausflucht meiner Angst suchte, und im Innern wußte ich mit großer Furcht, meines verfehlten Lebens Ursache sei ich selbst, denn ich gab mich hin an schlechte Menschen und war gedankenlos und überlegte nicht meiner Schritte Folgen, und alles, was ich tat, verstrickte mich immer mehr in das Netz, dessen Maschen mich nun so eng umschnüren; und schon daraus, daß ich bisher immer mehr gefesselt wurde, würde ich annehmen, wie auf die Stimme eines Dämons hörend, daß mein Suchen vergeblich sein wird und meines Lebens Ende unabwendbar nahe ist. Nicht wenig aber hat die heimliche Gewissensangst selber zu meiner Verstrickung beigetragen, denn sie selbst machte blind, und gleicherweise das Streben, ihr zu entgehen, indem ich sie mir leugnete, machte blind. Nun aber, in dieser Nacht der Verzweiflung, habe ich ein neues Licht gesehen, und ich weiß nun, daß niemand eine Schuld hat, nicht meine Eltern und nicht ich, sondern wir sind getrieben durch eine Macht zu dem Ende, das sie gewollt hat, und ich glaube, daß ihr Wille gut und nützlich ist. Denn wenn die Macht den Willen hat, daß einer ins Licht kommen soll und sein Geschlecht in die Höhe führen, so ist der pflichtlos und heiter, sorgt nicht und ringt nicht, und ohne sein Zutun wächst er, wie der Baum wächst, hoch wird und breit, und seine Form ist ebenmäßig; aber wer ringt, und wessen Gewissen kämpft, und wer will und wessen Verstand ein Ziel sieht, der ist ein Mensch, der zerfällt, denn er hat sein Band nicht mehr; und was er auch tut, das gereicht ihm alles zum Unsegen; und zum schlimmsten Unsegen gereicht es ihm, wenn sein Gewissen ein eifriger Mahner ist. Den andern aber treibt es ruhig und in Kraft zur Höhe, durch kluge Handlungen und törichte, und durch gute Taten und schlechte. Und nun ist das sonderbarste, daß mir jetzt plötzlich die Fähigkeit geworden ist, durch meinen Blick die Menschen zu unterscheiden, ob sie von dieser Art sind oder von jener; denn zwar hat unsre gegenwärtige Weise des Lebens die Kraft, die Menschen stärker zu zersetzen und aufzulösen wie frühere Zeiten, und so entgehen auch die zum Glück Bestimmten nicht solchen Jahren, wo es scheint, als haben sie ihr Band nicht mehr, und ihre Gedanken klagen einander an, und ihre Handlungen scheinen keinen guten Ausgang zu haben; aber dennoch kann ich diese Guten deutlich unterscheiden von den Geringen; und indem ich die Augen schließe, sehe ich deutlich vor mir, wie meine Freunde und Bekannten sich teilen in die beiden Lager. Diese Worte wollte ich dir hinterlassen zu einer Erinnerung an mich, und auch als einen Trost, wenn du über mein Schicksal bekümmert sein solltest, was ich zwar nicht denke, denn ich habe dir nichts erwiesen, aus dem du eine Liebe gegen mich hättest schöpfen können, und nun ist es ja für solches zu spät. Aber denke nur, daß ich ohne Bekümmernis und in Ruhe den Pfad schreite, der mir vorgeschrieben ist.“

Nach dieser Rede ging Ivo und machte denselben Weg, den sein Vater gemacht zwei Tage vorher; aber wie er vorausgesehen, hatte sein Suchen nach Geld keinen Erfolg. Und so kam die Kunde in die Heimat, daß der zweite Sohn seinem Leben selbst ein Ende gemacht habe, und mit dieser Kunde kam eine verwirrte Erzählung von einem Mädchen, die zu derselben Zeit in den Tod gegangen sei. Das war ein blutjunges Wesen, das kaum zur Jungfrau herangereift war, die wohnte mit ihrer Mutter in einem kleinen Stübchen, das ein schräges Dach hatte und ein einziges Mansardenfenster, aus dem man über die Dächer und in den rauchverhängten Himmel der Großstadt sah. Zwei weiß bezogene Betten, ein ärmlicher Tisch und zwei schlechte Stühle waren in dem Kämmerchen, und ein herrlicher großer Spiegel aus geschliffenem Glas in kunstvollem Glasrahmen aus Venedig, der das Licht tausendfach widerblitzte.

Die Kleine war eine Schauspielerin, die zu einem großen Theater gehörte, aber wegen ihrer Jugend, und weil sie sich auf der Bühne befangen und eckig zeigte, erhielt sie keine großen Rollen, sondern wurde immer nur zu ganz unbedeutenden Nebenfiguren verwendet, und meistens zu Dienstboten, wo sie dann einige unwichtige Worte zu sprechen hatte. Es lebte aber eine große Sehnsucht in ihr nach der Kunst, und es berauschte sie, wenn sie an die Lampen dachte und an den dunkeln Zuschauerraum, und an eine Leidenschaft, die ihr das Herz überfließend machte, daß sie hätte die Arme öffnen mögen, und an den schönen Klang voller und tiefer Worte. Deshalb lernte sie eifrig für sich und studierte, und wenn sie einen Abend frei hatte, so zündete sie Lichte an, daß der herrliche Spiegel blitzte und funkelte, und trat im Kostüm ihrer Rolle vor den Spiegel und spielte, was sie am meisten liebte; vornehmlich aber war das die Ophelia. Da trug sie ein weißes Kleid, das durch einen goldenen Gürtel gehalten wurde, und ihre gelben Locken flossen über ihren zarten Nacken. So stand sie vor dem blitzenden Spiegel und sprach:

„Da ist Rosmarin, das ist zur Erinnerung: ich bitte Euch, liebes Herz, gedenket meiner! Und das Vergißmeinnicht, das ist für Liebestreue. Da ist Fenchel für Euch und Aklei, da ist Raute für Euch, und hier ist welche für mich, wir können sie auch Reue, Gnadenkraut nennen — Ihr könnt Eure Raute mit einem Abzeichen tragen. Da ist Maßlieb — ich wollte Euch ein paar Veilchen geben, aber sie welkten alle, da mein Vater starb. Sie sagen, er nahm ein gutes Ende.“

Währenddem stand die alte Mutter in der Ecke, und Tränen des Glückes liefen über ihr blasses Gesicht, und sie freute sich der lieblichen und schön klingenden Stimme und der gelben Locken und zarten Gestalt. Und die Tochter umarmte sie, küßte sie und fragte: „Wann werde ich die Ophelia spielen dürfen? Meinst du, noch diese Spielzeit?“ Und vor Sehnsucht und Glück weinte auch sie klare Tränen.

Und an dem Abend, da Ivo auf seiner einsamen Stube saß und an sie einen Brief schrieb voll schmerzlicher Worte des Abschiedes und der Sehnsucht nach Glück, und dann holte er seine Waffen hervor und machte sie bereit, da geschah es ihr, daß Hamlet gegeben wurde, und kurz vor dem Aufziehen des Vorhanges fiel die Darstellerin der Ophelia, die eine berühmte Künstlerin war, über einen vergessenen Bohrer, und verletzte sich den Fuß derart, daß sie nicht auftreten konnte; und wie der Inspizient und die Schauspieler in großer Verlegenheit standen, denn durch einen besonderen Zufall war die Darstellerin, der die Rolle sonst in der zweiten Besetzung anvertraut wurde, für den Abend krank gemeldet, da trat die Kleine mit klopfendem Herzen vor und bot sich an, und in der allgemeinen Kopflosigkeit nahm man ihr Anerbieten an, das in einem ruhigen Augenblick wohl lächelnd abgewiesen wäre. Und nun stellte sich die Kleine vor die Lampen und den dunklen Zuschauerraum, im weißen Kleid mit dem goldenen Gürtel, wie sie so oft vor dem strahlenden Spiegel gestanden. Wie Laertes sie ermahnt: „Schlaf nicht, laß von dir hören“, antwortet sie in süßer Verwirrung ihr „Zweifelst du daran?“ Und in den drei Worten klang ihre Angst und Hoffnung, ihre Liebe und Furcht so wunderbar an die Ohren der Hörenden, daß alle zusammenzuckten, als in Ahnung des angeknüpften Unheils dieser lieblichen Gestalt; und in einem Nu war ein Faden gesponnen zwischen ihrem Munde und den Herzen der Zuschauer, den spürte sie immer stärker werden, wie sie dem Bruder ihre kindliche Ermahnung gibt und ihrem Vater antworten muß, bis zu dem „Ich will gehorchen, Herr.“ Da war erst eine atemlose Stille, wie der Zwischenvorhang fiel, und ihr schien, als müßten alle ihre Herzschläge hören, und dann kam ein sonderbares Geräusch, das sie erst gar nicht verstand, wiewohl sie schon oft den Beifall für andre gehört hatte, und wie sie noch so zweifelnd harrte, da ging der Vorhang wieder in die Höhe und ihre Mitspieler führten sie mit dankbarer Verbeugung vor die Rampe. Dann sprachen andre mit ihr, und sie antwortete und fühlte, daß sie beglückwünscht wurde, und trat wieder auf, und das Stück hatte seinen Fortgang, und auch die Stelle sprach sie: „Da ist Rosmarin, das ist zur Erinnerung: ich bitte Euch, liebes Herz, gedenket meiner! Und da ist Vergißmeinnicht, das ist für Liebestreue.“

Schwankend und mit unsicheren Schritten ging sie nach Hause, wo ihre Mutter sie erwartete, die noch nichts ahnte; und wie sie in das helle Kämmerchen trat, wo das dürftige Abendbrot auf dem Tische stand und die Mutter fleißig an einem Kleid für sie nähte, da konnte sie sich zuerst gar nicht verständlich machen, aber die Mutter erriet schon und jubelte, und eine Lustigkeit kam ihr über das verhärmte Gesicht, und sie wurde beweglich und geschwätzig als eine alte Schauspielerin, die freilich nie zum Höheren gekommen war, und indes die Tochter munter aß, erzählte sie alte Bühnengeschichten und die Legenden, wie diese entdeckt war und jener seinen ersten Erfolg gehabt hatte, fragte dazwischen und beantwortete selbst ihre Fragen, und hatte endlich in allem ein so wunderliches Wesen, daß die Tochter zuletzt in ein lautes und herzliches Lachen ausbrechen mußte.

Erst spät gingen die beiden schlafen unter vielen Plänen und Hoffnungen, und früher wie sonst wachten sie wieder auf, wie die helle Wintersonne auf die gefrorenen Fensterscheiben schien. Lachend vor Kälte sprang sie aus dem Bett, heizte schnell den kleinen Eisenofen an und kroch wieder in das warme Lager, um noch in behaglichen Gesprächen abzuwarten, bis das Stübchen sich erwärmte und das dicke Eis des Fensters abtaute. Dann erhoben sich die beiden, kleideten sich an und bereiteten sich das Frühstück; wie sie sich setzen wollten, klingelte der Briefträger; sie kam jubelnd zurück; da war ein Brief von Ivo, der war gewiß gestern im Theater gewesen und hatte gleich geschrieben.

Aber wie sie den Brief aufgerissen hatte, wurde sie totenblaß; hastig kleidete sie sich für die Straße an und eilte in Ivos Wohnung. Da standen schon Neugierige auf der Straße und Schutzleute bewachten den Eingang des Zimmers, damit nicht Unberufene eindringen sollten, aber durch ihren Anblick wurden sie bestürzt und ließen sie durch. Da lag Ivo auf dem Fußboden, unentstellt, denn seine Kugel hatte gut getroffen, und nur die Tischdecke war ein wenig verschoben. Der Pistolenkasten stand auf dem Schreibtisch; sie nahm die andre Waffe heraus, ehe den Schutzleuten ihre Bewegung klar wurde, und indem sie gegen sich abdrückte, fiel sie neben ihrem Geliebten zur Erde.

Wie die Unglücksfälle über die gräfliche Familie hereinbrachen, bemühten sich bereitwillige Verwandte um Hilfe. Ein Vetter erschien, ein älterer und unverheirateter Mann, der als ein Sonderling galt, der ordnete, was zunächst notwendig war, denn die junge Gräfin Maria war zu unerfahren, und die alten Herrschaften schienen beide ihrer Sinne nicht mehr ganz mächtig zu sein. Deren Schicksal war nun bestimmt und unabänderlich, und so bemühte sich der Vetter vornehmlich, für die junge Dame etwas auszudenken.

In der ersten Zeit erschien die recht verschlossen und ohne Teilnahme für irgend etwas, bis an einem Abend der Vetter im Ärger aus sich herausging und sie schalt, daß sie wohl auch nur so sei wie alle, die etwas musizieren, etwas malen, englische Romane lesen und Konversation machen. Auf die Vorwürfe erwiderte sie, daß sie gar keine besonderen Talente gehabt habe und wohl gern die Hauswirtschaft geleitet hätte, aber das habe sie nicht gedurft; aber wenn es möglich sei, daß sie etwas nach ihrem Willen tun dürfe, so möchte sie wohl Krankenpflegerin werden. Hierüber wurde der Verwandte recht erstaunt und fragte sie, ob sie denn fromm sei; das verneinte sie und sagte, sie habe vieles gelesen, und wenn sie sich auch kein Urteil anmaßen wolle, so müsse sie doch sagen, daß sie nicht kirchengläubig sei; und wie der Verwandte weiter forschte, stellte sich heraus, daß sie gänzlich atheistisch gesinnt war, und wollte aber Menschen nützlich sein und eine Beschäftigung haben, die sie befriedigte.

Da wurde der Verwandte gerührt und erzählte, daß er als junger Mann eine große Neigung zur Medizin gehabt, und weil das damals nicht als standesgemäß gegolten, ein solches Studium zu beginnen, so habe er sich von seiner Neigung abwenden lassen; dadurch aber habe er sein Leben eigentlich zugrunde gerichtet, denn indem er zu dem andern, das er nun wirklich getrieben, keine innere Neigung gehabt, sei er nie zu Befriedigung und rechter Arbeit gekommen. Deshalb, weil er selbst das durchgemacht habe, wolle er ihr helfen bei ihrem Vorhaben, und es freue ihn, daß sie ihrem jetzigen Leben entsagen wolle, denn das Leben der Vornehmen werde im Grunde doch nur durch die Furcht vor den Leuten bestimmt, die trotzdem nicht so schlimme Dinge verhüten könne, wie sie eben mit Vater und Brüdern durchgemacht. Nach solchen Worten schloß er sie in seine Arme und küßte sie auf die Stirn; und dann ermahnte er sie nochmals, sie solle bei ihrem Mute verharren, denn der komme aus einem guten Gewissen; und wenn Ängstliche ihr vorstellen würden, daß es ihre natürliche Pflicht sei, daß sie ihre Eltern pflege, so solle sie nicht darauf hören, sondern solle ruhig tun, was sie sich vorgenommen.

Weiland hatte sich bald nach dem letzten Zusammentreffen mit Hans und Karl verheiratet. Um wenigstens äußerlich zu zeigen, welche geringe Bedeutung sie der bürgerlichen Eheform beilegten, waren das Brautpaar mit den beiden Zeugen, welche Freunde von Weiland waren, in Alltagskleidung zum Standesbeamten gegangen; da hatten sie in einem staubigen und leeren Vorzimmer gewartet und waren dann zu dem Beamten eingetreten, der hinter einem gelbpolierten Tisch saß und einen Federhalter im Mund hielt und in der Rechten ein Lineal hatte. Der prüfte die Papiere der Zeugen, nahm die Aushangsbescheinigung zu seinen Akten, füllte das Formular in seinem dicken Buche aus, las dann seine Niederschrift laut vor und ließ die Anwesenden unterschreiben, indem er mit ärgerlichen Worten mahnte, daß sie keine Kleckse machen und nichts durchstreichen, auch ihre Vornamen nicht abkürzen sollten. Dann unterschrieb er selbst, und indem das Paar und die Zeugen noch in Erwartung weiterer Geschehnisse standen, winkte er ungeduldig mit der Hand, daß sie entlassen seien und gehen müßten. Im Vorzimmer wünschten die beiden Zeugen mit verlegenen Mienen Glück, und das Brautpaar lud sie der Verabredung gemäß zum Mittagessen ein. So gingen die vier mit leerem und verwirrtem Gemüt in eine Gastwirtschaft, da bestellte der junge Ehemann nach der Karte das Essen, und die üble Stimmung besserte sich ganz allmählich, indem alle zuerst die Speisen lobten und dann die Unfreundlichkeit des Standesbeamten tadelten; nur die junge Frau blieb fast stumm, und man sah, daß sie sich bezwang, um nicht zu stören. Nicht lange verharrte die Gesellschaft an dem unbehaglichen Ort, sondern nachdem sie gegessen hatten, standen sie auf und gingen, und auf der Straße verabschiedeten sich die Freunde mit Danksagungen und nochmaligem Glückwunsch, und dann faßten die Eheleute sich unter den Arm und gingen ihrem Heim zu, das sie sich schon vorher eingerichtet hatten.

Sie gingen durch die Haustür und über den Hof und sahen die neugierigen Gesichter der Mitbewohner an den Fenstern und erstiegen die schmalen Treppen und gingen an den verschlossenen und mit Namenschildern versehenen Türen der Wohnungen vorbei in die Höhe, und immer niedergedrückter wurden sie, wie sie so immer höher stiegen auf der schmutzigen und ungastlichen Treppe. Nur wie sie vor ihrer Tür ankamen, an der bereits das neue Namenschild befestigt war, hatten sie ein glücklicheres Gefühl, aber wie sie dann aufgeschlossen hatten und in dem engen und dunklen Korridor standen, fiel sie ihm um den Hals, schluchzte und weinte heiße Tränen aus dem tiefsten Herzen herauf, und die Erinnerung an die schmutzige Treppe, die sich eintönig an den gleichmäßigen Türen vorbei in die Höhe wand, bewirkte ihnen beiden eine heftige Vorstellung von dem einförmigen, freudeleeren und gedrückten Leben, das heute armen Leuten bevorsteht, wenn sie ihre Jugend verlassen und die Sorgen der Ehe auf sich nehmen. Und wiewohl sie ja jetzt noch jung waren und selbst die Sorgen noch nicht erlebt hatten, und ein fröhliches Stübchen hatten mit neuen Möbeln und frischen Gardinen, und die Sonne schien hier oben in ihre Fenster, so standen doch vor ihrem Sinn die vielen beladenen, mißmutigen, vergrämten und besorgten Menschen, die sie in ihrem Leben schon gesehen, und sie wußten, daß nicht lange mehr ihre Heiterkeit und roten Backen andauern würden.

Aber wie den armen Leuten gegeben ist, daß sie die Gegenwart zu genießen vermögen, so kamen auch die beiden bald über ihre Verstimmung hinweg, freuten sich ihres Stübchens und ihrer Küche, des neuen Sofas und des Salontisches, auf dem eine Visitenkartenschale stand, und des Vertiko; und wiewohl Sofa, Tisch und Schränkchen, neben dem Teppich und den Stühlen und allem anderen, ja neben den bunten Bildern von Marx und Lassalle an den Wänden, genau gleich waren tausend andern Sofas und Tischen, Schränkchen und Stühlen, die in tausend andern Wohnungen junger Leute standen, so schien ihnen ihr Stübchen doch etwas Besonderes und Schönes zu sein, das kein anderer Mensch hatte; und wenn sie zwar der festen Meinung lebten, daß die Zukunftsgesellschaft auch das häusliche Leben viel vernünftiger ordnen werde, wie es jetzt ist, so waren sie doch jetzt glücklich und zufrieden, wie sie ehrfurchtsvoll vor ihrem Salontisch saßen, auf dem die Visitenkartenschale aus bronziertem Zinkguß in der Sonne blitzte.

So führten sie ihre erste Zeit in harmloser Freude und genossen beide das Glück der jungen Ehe und die Vorstellung von einer besonderen Freiheit in ihr, die sie durch ihre Anschauungen und Gesinnungen hatten, daß nämlich die Frau nicht unterdrückt und ausgebeutet werde, und daß sie so in Wahrheit in freier Liebe lebten.

Derart hatten sie ausgemacht, daß sie des Morgens abwechselnd früher aufstehen wollten, denn beide mußten um sechs Uhr auf ihrer Arbeitsstelle sein, und nun sollte den einen Tag der Mann und den andern Tag die Frau zuerst das Bett verlassen, um für beide den Morgenkaffee herzurichten. Nach dieser Verabredung begann den ersten Tag die junge Frau, und mit sonderbarem Behagen erwachte der Mann von einem leisen Huschen auf den Dielen, da sah er durch die halboffene Tür, wie sie den neuen Petroleumapparat instand setzte und Wasser in das Blechgeschirr mit prasselndem Geräusch aus der Wasserleitung ließ, und während das heiß wurde, maß sie den Kaffee ab in die Mühle, nahm die zwischen die Knie und begann zu mahlen. Dann wischte sie den sauberen Küchentisch noch einmal ab und rückte die Stühle davor, holte den Frühstücksbeutel herein und setzte den Topf mit der Milch zurecht. Und wiewohl das alles nur ganz einfache Dinge waren, die nun von jetzt an jeden Tag geschehen sollten, so kam ihm doch ein sonderbares Glücksgefühl ins Herz, indem er zufrieden in seinem Bette lag.

Am andern Tag war die Reihe an ihm; da stand er vorsichtig auf, um seine Frau nicht zu wecken, die indessen mit verbissenem Lachen sich nur so stellte, als schlafe sie noch; mit ungeschickten Händen brachte er die Kochmaschine in Ordnung, wie er es gestern gesehen; aber schon als der das Wasser in die Kasserolle ließ, war er irr, und wie er die Bohnen mahlen sollte, wußte er nicht, wie viel er nehmen durfte. Da mußte er zu ihr gehen und sie fragen, sie aber antwortete, daß er ganz ungeschickt sei und nie die Handgriffe lernen werde, und daß die Männer überhaupt solche Sachen nicht verstünden, und dann sprang sie geschwind aus dem Bett, nahm alles in ihre flinken Hände und besorgte mit Schnelligkeit das Frühstück, indessen der Mann gehorsam zuschaute.

In solcher Weise geschah es, daß nach einiger Zeit die rasche Frau doch alle frauenhafte Arbeit in ihre Hände nahm, indem sie freilich ihren Mann häufig ausschalt; dieser aber, der sich schnell zu großer Geduld entwickelt hatte, nahm solches Schelten nicht übel, da es ja nicht böse gemeint war und eigentlich eine Zärtlichkeit ausdrücken sollte.

Wenn am Abend die Arbeit beendet war und das Abendbrot verzehrt und das Geschirr aufgeräumt, so begann für die beiden der schönste Teil des Tages, denn der Mann nahm vom Büchergestell an der Wand ein aufklärendes Buch, etwa Bebels „Frau“ oder Zimmermanns „Wunder der Urwelt“, las vor und erklärte; die Frau aber, die fleißig stopfte und flickte, hörte eifrig zu, fragte und widersprach, und recht oft kam zwischen beiden eine lehrreiche Diskussion zustande. In den meisten Fällen drehte sich der Streit darum, was die Arbeiter unter den gegenwärtigen Verhältnissen tun könnten, indem der Mann meinte, daß sie sich aufklären müßten und Bildung erwerben, die lebendige Frau aber schalt, daß die Männer träge und mutlos seien und zu Taten vorgehen müßten, und wenn sie selbst ein Mann wäre, so würde sie gewiß suchen, die Arbeiterklasse durch ein Attentat von einem besonders schlimmen Bedränger zu befreien, damit die andern Furcht kriegten. Hierauf erwiderte der Mann, daß sie durch solche Handlungen ja Ausnahmegesetze rechtfertigen würde und den ruhigen Fortgang der Entwicklung stören, von dem man alles erwarten müsse.

Indem die beiden dergestalt für sich lebten, geschah es ganz natürlich, daß sie weniger in Versammlungen gingen und der Mann auch geringeren Anteil nahm an der geheimen Tätigkeit seiner Freunde in Verbreitung verbotener Schriften oder im Sammeln von Geld; er sagte ihnen aber, daß er seinen Mann stehen werde, wenn es nötig sei; und wenn etwa die zunehmende Macht der Arbeiter die Regierung zu weiteren Unterdrückungsmaßregeln treibe und diese dann in einer bewaffneten Erhebung antworteten, um die soziale Republik zu begründen, das etwa in zwei oder drei Jahren geschehen könne, so wolle er selbstverständlich sogleich mit in die Reihen der Kämpfenden treten.

Inzwischen zeigte es sich zu ihrer großen Freude, daß die Frau ein Kind erwartete, und nun machten sie neue Pläne und Hoffnungen, wie sie das nicht wollten taufen lassen und als ein freies Wesen auferziehen ohne den Glauben an alle die Erfindungen, welche die herrschenden Klassen benutzten, um das Volk niederzuhalten, und dazwischen erzählte die Frau von einem schönen Kinderwagen, auf den sie jetzt schon sparte, denn er sollte Gummiräder haben, und auch von Jäckchen und Mützchen sprach sie; diese Gedanken schienen zwar dem Mann töricht, allein er mochte doch nicht recht etwas gegen sie vorbringen, denn sie konnte viel schneller sprechen wie er und auch viel mehr. Er selber trug sich indessen mit noch andern Absichten; denn es war damals zuerst die Sitte aufgekommen, daß die Spekulanten ihre unbenutzten Grundstücke, die zu Bauplätzen bestimmt waren, in kleinen Abteilungen an Arbeiter verpachten, die allerhand Gemüse und Blumen auf dem sandigen Boden zogen, und sich eine Laube bauten, und am Feierabend mit Weib und Kind sich hier in ländlicher Arbeit erfreuten. Einige Arbeitsgenossen von Weiland hatten sich zusammengetan zu einer solchen Ansiedelung, die sie „Klein-Kamerun“ nannten; diesen dachte er sich anzuschließen, wenn er seine Frau von der Vortrefflichkeit des Planes überzeugte, und die Frau sollte das Abendbrot in der Laube zurichten, und da würden sie dann im Freien essen, und das Kind sollte auch im Wagen anwesend sein und die frische Luft mit genießen, und nach dem Essen wollte er dann immer graben, pflanzen und jäten. Derart lebten die beiden als zielbewußte und ganz umstürzlerisch gesinnte Arbeiter doch in allerhand Wünschen, wie sie wohl kleine Bürger haben mögen, und es zeigte sich auch an ihnen, daß die Gedanken der Menschen immer viel weiter greifen, wie ihr eigentliches Streben ist, das für einen Arbeiter in Wahrheit ja doch immer nur auf ein größeres Behagen gehen kann und auf die Art von Freiheit und Sittlichkeit, welche er versteht, nämlich des kleinen Bürgers, weil er den gerade über sich sieht.

So nahte sich die Zeit, wo die Frau entbunden werden sollte. Als eine fleißige und rische Person ging sie noch bis in die letzten Tage auf ihre Arbeit, und weil sie jung und gesund war, so geschah alles ohne besondere Unfälle und in richtiger Weise. Und nun war das Leben und das Glück, das sich jedesmal wiederholt, wo eine Familie wenigstens nicht mit allzu großem Leichtsinn gegründet ist, wenn das Erstgeborene kommt; zwar hatten sie nur ein Mädchen, aber doch war der Vater so stolz, daß er meinte, er sei fast allen seinen Arbeitsgenossen überlegen, und die Mutter dachte, ein so kräftiges, gesundes und kluges Kind sei doch eine sehr große Ausnahme; den Namen gaben sie ihm nach den drei von ihnen am meisten verehrten Männern, nämlich Marx, Lassalle und Bebel, als Karoline Ferdinande Auguste. Es stellte sich naturgemäß heraus, daß die Frau zunächst ihre Arbeit lassen mußte, und so hatten die Ehegatten jetzt wieder viele Gelegenheit, über die bessere Organisation solcher Dinge in der künftigen Gesellschaft zu reden, wo eine gelernte und geübte Pflegerin eine Menge Kinder versorgen kann, indes die Mütter ihrer Arbeit nachgehen, die wegen ihrer geringen Kenntnis und Übung, auch wegen des bekannten Nachteils jeden Kleinbetriebes, doch gewiß ungeeignetere Pflegerinnen wären wie jene, und meinte die Frau, sie würde sich sehr gern von der Gesellschaft an solche Stelle als Pflegerin setzen lassen, denn dabei hätte sie ihr Kind doch immer bei sich, das sie auch nicht bevorzugen wolle. Inzwischen erwies sich das Kind als kräftig wachsend und froher Gemütsart und bekam einen sehr schönen Wagen mit Gummirädern, um den vorher die Frau eines Amtsrichters vergeblich gefeilscht hatte, er war der aber zu teuer gewesen, und auch alle seine Wäsche war sehr schön.

Hans und Karl hatten die Freundschaft mit den beiden aufrecht gehalten, und obschon sie zwar kein rechtes Verständnis für kleine Kinder hatten, so freuten sie sich doch des Glückes der Eltern mit. Zuweilen kamen sie am Sonntagnachmittag in die kleine Wohnung mit den ängstlich geschonten Möbeln, brachten allerhand Zugebröte in Papier gewickelt, wie Wurst und Käse, und aßen dann mit der Familie unter fröhlichen Gesprächen zu Abend; und erzeugte die Annäherung der Klassen in dem Schuhmacher und den Studenten auf beiden Seiten ein besonderes Hochgefühl und eine gewollte Freude, als kämen sie alle in eine neue Freiheit, indem es ihnen freilich oft mit Schwere auffiel, daß es eigentlich wenig war, was sie einander sagen konnten, und daß sie fast sich gegenüberstanden wie Menschen verschiedener Sprachen, die durch einige allgemeinverständliche Laute und Zeichen einander ihre Freundschaft versichern.

Auch Jordan war oft zu Besuch bei den jungen Leuten, jener ruhige Mann, der damals in der Versammlung ihnen die Spuren der Ketten an seinen Knöcheln gezeigt hatte. Einmal, als er mit den beiden Studenten zusammen von dem Ehepaar wegging, war er in sehr trüber Stimmung und in jener Verfassung, die zu Klagen und Erzählungen treibt. So sprach er von seiner Heimat, wo er bei einem alten Meister gelernt, der ihn lieb gewonnen hatte, weil er Sonntags nicht zum Tanzen ging und zu Biere, sondern zu Hause blieb und Bücher las; der hatte ihm gesagt, wenn er seine Wanderschaft beendet habe, so solle er wiederkommen, dann sei er selbst so weit, daß er nicht mehr arbeiten könne, dann solle er seine Werkstätte übernehmen und seine Kundschaft bekommen. Nun hatte er aber gesehen, wie überall das Handwerk durch die Fabriken verdrängt wurde, und auch die Schuhmacher konnten sich nicht lange mehr halten, und wenn jetzt ein junger Mensch sich in einem kleinen Ort als Meister niederließ, so mochte er ja wohl noch ein paar Jahre lang sein Auskommen haben, aber dann ging das Handwerk doch zugrunde, und da war es besser, gleich in jungen Jahren in die fabrikmäßige Produktion zu gehen, solange man sich noch gewöhnen konnte, und vielleicht bekam er eine bessere Stellung. Weshalb Jordan das erzählte, wurde nicht klar; aber der Grund war, daß er Heimweh hatte und sich aus dem großen Fabriksaal mit den schnurrenden Maschinen und der hastigen Arbeit wegsehnte in die kleine Schusterwerkstätte mit dem Schemel, dem Knieriemen und der Glaskugel vor dem Licht. Weiterhin erzählte er, daß er versprochen gewesen sei, kurz vor seiner Verhaftung, und das Mädchen habe er auch von Jugend auf gekannt, denn was man so in Berlin sehe von Mädchen, da wisse man bei keiner, was der schon alles passiert sei, und das sei ja wohl nicht richtig, wenn man als junger Kerl sein Herz an ein Mädchen hängt, denn man könne ja tausend haben für eine, aber weil er sie so lange gekannt und auch ihre Eltern, so sei er doch der Meinung gewesen, er habe etwas Gutes. Wie er aber wieder aus dem Gefängnis herausgekommen sei, da habe er sie mit einem andern verlobt gefunden, und sie habe ihm nur gesagt, die Jugend gehe schnell vorbei, und nachher kommen die Sorgen, darum sei man dumm, wenn man seine Jugend mit Warten hinbringen wolle. Damals sei er an allem verzweifelt, und wenn er nicht aus der Schrift von Engels gegen Dühring gelernt hätte, daß die Handlungen der Menschen durch die Verhältnisse bestimmt werden, so hätte er vielleicht dem Mädchen etwas angetan; nun aber sei das lange her, und er sehne sich nach Weib und Kind, und besonders wenn er bei Weiland gewesen sei, der zwar sehr leichtfertig gehandelt habe, daß er sich außer der Küche noch Stube und Schlafzimmer gemietet; wenn er sich jedoch die Mädchen ansehe, so habe er zu keiner Lust, daß er sie heiraten möchte, denn mit den Jahren werde man immer bedenklicher, wiewohl ja alles Überlegen doch nicht vor einem falschen Schritte bewahren könne, denn Heiraten sei immer ein Glücksspiel.

Aus diesen Reden ging hervor, daß der treuherzige Mann wohl schon seine Augen auf ein bestimmtes Mädchen gerichtet hatte, aber er scheute sich vor dem letzten Schritt aus Furcht, wie denn ja auch Personen seines Schlages, wenn sie nicht ein ganz besonderes Glück haben, übel anzulaufen pflegen in der Ehe.

Als die Weihnachtszeit heranrückte, beschlossen Hans und Karl, nicht nach Hause zu reisen, sondern sie wollten das Fest bei ihren Freunden verleben, die ihrer Meinung nach ihrem Herzen jetzt am nächsten standen. So besorgten sie in Fröhlichkeit die kleinen Geschenke, die sie für einander und für die andern Freunde ausgesucht hatten, pilgerten hinaus zu der entfernten Straße und erstiegen die vielen Treppen der hohen Wohnung.

Hier zeigte es sich, daß die Frau den Baum herrichtete, und daß der Mann mit den Gästen in der Küche warten mußte, und war außer den beiden Studenten noch Jordan anwesend und jenes Mädchen, mit dem Karl sein Liebeserlebnis gehabt; über dieses unerwartete Wiedersehen schien Karl verlegener wie sie, denn sie reichte ihm unbefangen die Hand und schüttelte sie kräftig; Jordan lachte, wie er Karls linkische Gebärde sah, und die andern merkten wohl, daß zwischen ihr und Jordan Einvernehmen war. Da wurde die Tür geöffnet und alle traten ins Zimmer, wo auf dem deckengeschützten Salontisch ein niedlicher Weihnachtsbaum brannte, und die Frau stand zur Seite und hatte das Kind auf den Armen, das zwar noch ziemlich teilnahmslos war, und hielt in einem Händchen seine Kinderklapper und sah mit etwas hängendem Kopf auf den Boden, ungeachtet aller Aufmunterung der Mutter, es sollte den Weihnachtsbaum betrachten. Die andern legten verstohlen die mitgebrachten Geschenke an die passenden Plätze und zeigten dann ihre Bewunderung der Anordnung durch Ausrufe und Lobpreisungen, welche die Frau mit bescheidenem Stolze annahm. Der kleine Weihnachtsbaum mit seinen Kerzen zeigte sich noch einmal im Spiegel, neben dem die Bilder von Marx und Lassalle friedlich herabsahen. Aus vielen Wohnungen des viereckigen Hofes glänzten durch das Fenster andre Bäume, und das Bewußtsein, daß hier überall sich Menschen freuten, machte noch froher und glücklicher. Da stimmte Weiland mit heller Stimme die Arbeitermarseillaise an:

Wohlan wer Recht und Wahrheit achtet, Zu unsrer Fahne steht zuhauf. Wenn auch die Lüg’ uns noch umnachtet, Bald steigt der Morgen hell herauf! Ein schwerer Kampf ist’s, den wir wagen, Zahllos ist unsrer Feinde Schar, Doch ob wie Flammen die Gefahr Mög’ über uns zusammenschlagen, Nicht zählen wir den Feind, nicht die Gefahren all! Der kühnen Bahn nur folgen wir, Die uns geführt Lassall’. Den Feind, den wir am tiefsten hassen, Der uns umlagert schwarz und dicht, Das ist der Unverstand der Massen, Den nur des Geistes Schwert durchbricht. Ist erst dies Bollwerk überstiegen, Wer will uns dann noch widerstehn? Dann werden bald auf allen Höhn Der wahren Freiheit Banner fliegen! Das freie Wahlrecht ist das Zeichen, In dem wir siegen; nun wohlan! Nicht predigen wir Haß den Reichen, Nur gleiches Recht für jedermann. Die Lieb’ soll uns zusammenkitten, Wir strecken aus die Bruderhand, Aus geist’ger Schmach das Vaterland, Das Volk vom Elend zu erretten.

Alle fielen ein, und die mächtigen und jubelnden Töne des Liedes erfüllten den engen Raum und klangen hinaus über den viereckigen Hof mit den gleichförmigen Lichterreihen der Fenster; und bald öffneten sich hier und da Fenster, und neue Stimmen aus den andern Wohnungen fielen ein, und am Ende sangen alle die armen Leute, die rings um diesen Hof in dürftigen und engen Stuben wohnten, und ihr Lied stieg in die Höhe aus der Stätte ihrer täglichen Hoffnungslosigkeit und Sorge zu dem klaren und sternenfunkelnden Himmel; und unser lieber Vater im Himmel hat es gewiß gern gehört, wenn es auch nicht fromm war und die großen Kinder nicht an ihn glauben wollten, und hat sich seines lieben deutschen Volkes gefreut, daß auch solche Leute, denen so wenig Gutes geschieht, doch so rechtlich und brav denken. Wie der Gesang beendet, waren alle tief ergriffen; das waren einfache Arbeiter, die täglich in ihre Fabrik gehen und Schuhe machen für den gemeinen Bedarf, die ganzen langen Stunden des Tages hindurch; und Studenten, die eben den ersten Schritt hinaus taten in die Freiheit des Geistes; die armen Leute, die an die knechtische Arbeit für die Notdurft gefesselt sind, stehen gewiß auf der tiefsten Staffel der Leiter, und diejenigen, die zu geistiger Freiheit zu dringen vermögen, auch wenn sie äußerlich nur bescheidene Stellen erringen, stehen doch gewiß auf der höchsten Staffel; aber wiewohl die größte Entfernung zwischen ihnen war, die unter Menschen möglich ist, so fühlten sie sich doch als wahre Brüder, die sich lieb hatten und sich nicht einer über den andern erhoben dachten; und wurde so wieder einmal lebendige Tat, was unsre Vorfahren meinten, wenn sie sagten, daß vor Gott alle gleich sind, welches Wort heute für die meisten eine sinnlose Rede ist. In dieser neuen und wunderlichen Stimmung erhielten die armen Geschenke, die sie einander machten, und ihre Gefühle, die sie hatten, einen ganz andern und ernsteren Sinn wie vorher, denn es war ihnen wie frommen Leuten in der Kirche, und nachdem erst ein Schweigen auf den Gesang erfolgt war, wagten sie eine kurze Weile nicht laut zu sprechen. Hier begann nun Jordan, ergriff die Hand des Mädchens und sagte, daß er sich diesen Abend ausgesucht, um ihnen als seinen Freunden mitzuteilen, daß sie beide sich verlobt hätten. „Zwar weiß ich,“ fuhr er fort, und das Mädchen erglühte rot, „was vorher mit ihr geschehen ist; aber ich habe bedacht, daß ich selbst sogar mehrere Liebschaften früher gehabt habe, und deshalb wäre es ungerecht von mir, sie zu tadeln, vielmehr wollen wir doch alle, daß auch die Liebe frei und ohne Zwang sein soll; denn freilich wäre jede solche Verbindung unsittlich, die nicht frei wäre, und wahrscheinlich werden in der künftigen Gesellschaft, wo die Not und die Gewalt fehlen, die heute alles Böse erzeugen, die Menschen in Bälde so veredelt sein, daß sie gleich zuerst und ohne einen Irrtum erkennen, für welchen Gatten ein jeder bestimmt ist, dem sie dann angehören ohne Wanken, in Freiheit, aber in Treue.“ Nach diesen Worten schwieg er; die andern aber freuten sich und wünschten ihnen beiden Glück, und als erster gab Karl der Braut die Hand mit frohem Gesicht.

Hierauf mußte zuerst die Kleine zu Bette gebracht werden, und die Braut, die aus Verschämtheit nicht in der Gesellschaft der Männer ausharren mochte, ging in die Küche, den Tisch für alle zu decken und das Mitgebrachte auszupacken, das jeder für das gemeinsame Abendbrot hier niedergelegt hatte. Und während sie das glänzende Tischtuch ausbreitete und in die Mitte die Lampe stellte, und das wenige Geschirr verteilte, das nicht ausreichte für so viel Gäste, besprachen die vier Männer unter dem brennenden Baum ernste Dinge des Parteilebens, denn bei einer Haussuchung war eine Abrechnung gefunden, aus der auf die Einzelheiten der Organisation geschlossen werden konnte, und gleichzeitig mutmaßte man, daß die Polizei einen Angeber gefunden hatte, der vieles wußte, weil sie in der letzten Zeit ganz sonderbares Glück gehabt bei ihren Verhaftungen. Das erfüllte alle mit banger Sorge, und es wurde viel geraten und gedacht, wo wohl der Verräter zu suchen sei, und Weiland sagte, er habe jetzt immer ein schlechtes Gewissen, daß er in solchen Zeiten der Gefahr sich vom Leben der Partei so fern halte, aber die andern hielten ihm vor, daß es doch besser sei, wenn die Unverheirateten sich den Gefahren aussetzen, weil diese durch Gefängnis und Ausweisung ja nicht in ihrer Lebenshaltung bedroht würden wie ein Familienvater, denn ein solcher könne vielleicht ganz zugrunde gehen durch eine Verfolgung.

Inzwischen hatte die Frau das Kind besorgt und war dann in die Küche gegangen, der andern zu helfen, und nun rief sie mit heiterem Gesicht die Männer in den engen und reinlichen Raum, wo durch die Küchenbank und den Holzstuhl und umgekehrte Kisten allerhand Sitzgelegenheiten geschaffen waren um den sauberen Tisch. Aber als sie eben sich unter allerhand Scherzen setzen wollten, ertönte plötzlich die Klingel im Flur; die Frau rief noch fröhlich aus, das seien ihre Eltern, die sie überraschen wollten, trotzdem sie erst für den Feiertag einen Besuch verabredet hätten, und sprang glücklich zur Tür; doch wie sie ungestüm öffnete und eben die Draußenstehenden umarmen wollte, prallte sie erstaunt zurück, denn ein feiner Herr im Zylinder, ein andrer Herr im gewöhnlichen Anzug, ein Polizeioffizier und zwei Schutzleute traten ein und gingen in die Stube, wo noch der Weihnachtsbaum brannte; die andern kamen ihnen aus der Küche entgegen, und so war der enge Raum plötzlich ganz mit Menschen angefüllt. Da gab sich der Herr mit dem Zylinder als der Staatsanwalt zu erkennen, der andre Herr war sein Sekretär. Er teilte Weiland mit, daß er genötigt sei, bei ihm eine Haussuchung vorzunehmen, und drückte sein Bedauern aus, daß er gerade am heutigen Abend kommen müsse; Weiland lachte über diese letzte Rede und deutete ihm an, er solle tun, was sein Amt verlange. Nun wurden zuerst die Anwesenden nach Namen, Wohnung und Grund ihres Hierseins befragt und ihre Antworten von dem Sekretär aufgeschrieben, dann begann das Nachsuchen, währenddessen die Schutzleute die Freunde genau beobachten mußten, wiewohl sie eine Art freundlichere Stimmung gegen die Überfallenen zu haben schienen, die freilich durch den Ernst der Amtspflicht verborgen wurde.

Mit umständlicher Gründlichkeit wurde erst das Schränkchen untersucht nach etwaigen Schriftstücken; zornbebend mußte die arme Frau zusehen, wie ihre geringe Wäsche von den Männern hin und her gewendet wurde, und mit Mühe hielt Jordan sie zurück, daß sie nicht schalt. Endlich fand der Polizeioffizier ein dünnes Paket Briefe auf, das er dem Staatsanwalt reichte, aber plötzlich stürzte sich die Frau auf ihn zu, entriß ihm das Paket und hielt es unter ihrer Schürze. Ein Lärmen und eine heftige Bewegung entstand, sie rief, das seien ihre Briefe, die sie ihrem Manne in der Verlobungszeit geschrieben; der Staatsanwalt suchte die Peinlichkeit durch Beschwichtigungen zu heben, die Freunde redeten ihr zu, daß sie nicht durch unnützen Widerstand noch etwas Schlimmes anrichten möge; da gab sie die Briefe zurück, das feurige Rot der Scham im Gesicht, warf die Schürze vor die Augen und setzte sich weinend in die Sofaecke, wo die Freundin sie mit unterdrückter Stimme zu trösten suchte. Unterdessen fuhren die andern mit ihren Nachforschungen fort in der wunderlichsten Weise, indem sie selbst die Bilder von der Wand nahmen und hinter ihnen versteckte Schriftstücke suchten, den Teppich aufhoben und sich an den Dielen bemühten. Mit einem Eifer und einer Ernsthaftigkeit verfuhren sie, als seien die wichtigsten Dinge hier aufzufinden, durch welche das Bestehen des Staates in Frage gestellt werde, und das glaubten sie auch wohl wirklich. Weiland hatte der Gesellschaft den Rücken gekehrt und sah schweigend durch die Fensterscheiben, weil er vermutete, daß er einen Ausweisungsbefehl bekommen werde, wenn auch die Haussuchung fruchtlos verlaufen mußte, und er wußte nicht, was dann mit seiner jungen Frau und dem Kinde werden sollte, bis er an anderm Ort wieder Arbeit gefunden hatte; denn durch die Natur seiner Arbeit war er auf die wenigen großen Städte angewiesen, wo es Fabriken gab, in denen er arbeiten konnte; die standen aber meistens unter dem Belagerungszustand. Und wenn er wirklich anderswo eine Stelle für sich ausfindig machte, wo er vor neuer Ausweisung sicher war, so dauerte es doch erst eine Weile, bis er wieder zu seinem gegenwärtigen Lohn kam, denn als ein tüchtiger und erprobter Arbeiter wurde er besonders gut bezahlt; und dann machte der Umzug noch große Kosten, die er gar nicht aufzubringen vermochte, weil sie beide ihre Ersparnisse für die Einrichtung ausgegeben hatten. In Gedanken sagte er halblaut zu sich: „Das ist doch unrecht, das ist doch unrecht.“ Hans, der neben ihm stand, drückte ihm still in einem überquellenden Gefühl die Hand. Auf dem Tisch unter dem Weihnachtsbaum lag der erste Band des „Kapital“ von Marx, als ein Geschenk von Hans. Der Sekretär schlug das Buch auf, wies dem Staatsanwalt eine Seite mit vielen Formeln, die sehr gelehrt und schwer verständlich schien, und zuckte dabei als ein hochmütiger Subalterner die Schulter, indem er dabei doch die schuldige Demut gegen den Vorgesetzten zur Schau trug. Hierauf wurde sehr genau das kleine Bücherbrett durchsucht und die Bände einzeln herausgenommen und nach Schriftlichem durchblättert, und weil sich in der kleinen Sammlung mehrere Bücher und Hefte fanden, die verboten waren, so wurden die dem einen Schutzmann zum Mitnehmen übergeben. So gedrückt und unfrei allen zu Mute war, so mußte sich doch Hans fast des Lachens erwehren bei dem verängstigten Gesicht, das dieser machte, wie er die gefährlichen Drucksachen in seine braven, dicken Hände nahm. Wie die Nachforschungen im Schlafzimmer fortgesetzt wurden, erwachte die Kleine und begann jämmerlich zu schreien; die Mutter trocknete sich das Gesicht ab, ging zu dem Wagen und nahm das Kind heraus; aber die vielen Menschen und die ungewohnte Stunde mochten es wohl so erschreckt haben, daß es sich gar nicht beruhigen wollte. Der Schutzmann, dem die Bücher anvertraut waren, holte eine Uhr aus der Tasche und suchte die Kleine zufrieden zu stellen, indem er die vor ihr bewegte, und zuletzt wurde sie auch auf dieses Spielzeug abgelenkt, versuchte nach ihr zu greifen, fing endlich an zu lachen, und am Ende packte sie den Mann mit beiden Händen in seinen dichten, blonden Vollbart, und erst wie er mit ganz tiefer Stimme zu lachen begann, zog sie erstaunt die Händchen wieder zu sich. Dadurch aber war die Mutter so aufgeräumt geworden, daß sie gleichfalls lachte, zu erzählen begann und zu dem Kinde sprach. Plötzlich zwar hielt sie erschreckt inne, denn es kam ihr alles wieder zum Bewußtsein; aber es war doch, als sei eine leichtere Stimmung über alle gekommen. Wie als eine Entschuldigung sagte der Mann: „Wir müssen doch unsre Pflicht tun.“

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