Drittes Buch (continued 2)
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Karl ging mit jener gewissen schauerlichen Freude auf den Vorschlag ein, die wir alle in solchen Fällen empfinden mögen; und nachdem Roch auf seinem Zimmer die Vorbereitungen getroffen, lud er nun Karl an einem Abend zu sich. Sein Zimmer war ein sonderbarer Raum, der ganz hoch oben in einem Hause lag, das nur von Arbeitern, und zwar recht geringen, bewohnt war. Auf den Treppen spürte man einen namenlos scheußlichen Geruch, den erklärten die vier und fünf Namenszettel übereinander an den Korridortüren, indem sie zeigten, wie dicht die elenden Stuben bewohnt sein mochten durch allerhand Schlafburschen und sonstige ärmliche Leute. Von einem solchen Korridor ging es auch in Rochs Zimmer, das war etwa drei Meter lang und zwei Meter breit, so daß schon das Eintreten schwierig war, weil die Tür auch nach innen ging, und man sich neben dem Bett durchdrängen mußte. An den Wänden hingen sehr viele Vogelbauer, in denen Waldvögel auf Sprossen schliefen. Außer dem Bett standen nur noch eine alte Kommode und zwei Stühle in dem Kämmerchen, das in der Tat für weitere Möbelstücke keinen Raum aufgewiesen hätte. Nach einer verlegenen Bemerkung über die Dürftigkeit seiner Wohnung wies Roch auf die Kommode, wo bereits eine flache Schale mit dem Pulver neben einer Spirituslampe bereit stand. Die Vorschrift des alten Zauberbuches lautete, nach Abzug von allerhand Geheimniskrämerei, daß man vorher lebhaft an die Person denken solle, deren Geist man zu sehen wünsche, wobei es gleich war, ob man einen Lebenden oder Toten haben wollte, und daß man die Erscheinung weder anrede noch sich ihr nähere, weil sonst ein großes Unglück geschehen könne, denn es seien Beschwörer von den erzürnten Geistern erdrosselt worden. Nachdem sich die beiden fest versprochen hatten, daß sie dieses erste Mal die Vorschrift genau befolgen wollten, zündete Roch die Spirituslampe an, welche in dem sonst dunkeln Zimmer mit blauem und flackerndem Flämmchen brannte, und dann streute er etwas von seinem Pulver auf.
Eine lange Weile warteten die beiden, indes das blaue Flämmchen hüpfte und wie unentschlossen zuweilen ganz vergehen wollte. Aber es ereignete sich nichts Auffälliges; nur war zuweilen ein Knistern hörbar, wahrscheinlich wenn ein Körnchen von dem Räucherwerk verbrannte; merkwürdig laut schien den beiden dieses Knistern. Aus dem engen Hofe schallte in die Höhe, und war verstärkt durch die eng zusammenstehenden Wände der Häuser, das Brüllen eines Betrunkenen; nach einer Zeit, die den beiden wohl eine halbe Stunde schien, mischte sich in das Brüllen das Schreien und Jammern seiner Frau, der hatte er heimlich das Geld fortgenommen, das sie durch Scheuern verdiente, und sie konnte den Kindern nichts zu essen geben. Roch und Karl dachten fast nur an den Vorgang, der sich da unten im Hofe abspielte, aber sie hielten sich doch noch immer ruhig. Plötzlich hob sich das blaue Flämmchen und erlosch. Nun zeigte sich, daß der Lichtschein vom Hofe her eine ganz schwache Helligkeit ins Zimmer verbreitete, so daß nicht gänzliche Dunkelheit war. Ein schwerer Rauch legte sich den beiden auf die Brust, und die Stimmen auf dem Hofe schienen sich in immer weitere Entfernung zurückzuziehen, indessen die Vögel in den Käfigen mit einem Male in seltsamer Weise flatterten und sich geängstigt zeigten.
Plötzlich war es aus der Erde gestiegen wie eine graue Gestalt; dann schwebte es langschleppend in der Luft, in der Entfernung von den beiden, die sie vorher auf dem Boden bezeichnet hatten. Nachdem erhob sich aus dem Boden ein zweites Wesen, gekrümmt stieg es von unten auf und mit Anstrengung. Nach einer Weile schwebte es ebenso langschleppend. Aber ganz undeutlich war das alles, das waren Schatten ohne Wunsch und Gesicht. Langsam schwebten sie.
Eine lange, lange Zeit währte das; aber es war nicht klar, ob Stunden dahinflossen oder Minuten.
Da wurde langsam deutlich der ersten Gestalt Gesicht und Wesen und rann zusammen zu der Figur Luisens. Gramvoll sah sie aus, und in ihren Augen ruhten schwere Leiden, die keine Form annahmen. Eine heftige Liebe und tiefes Mitleiden wallten auf in Karls Herzen, er hatte den Willen, auf den Schimmer zu eilen und dieses schwermütige Gesicht an seine Brust zu drücken. Aber indem erzitterte schon das schwanke Wesen wie ein Bild im Wasser, das plötzlich bewegt wird durch eine Blüte, die von einem überhängenden Baume leise herabfällt auf den glatten Spiegel. So bezwang er sich und hielt still, und langsam glättete sich wieder das Wesen und ward ruhig.
Derart verharrte alles eine lange Weile in atemlosem Schweigen; da geschah etwas in der andern Figur, die bis dahin noch unbestimmt gewesen, denn eilfertig schoß es in ihr hin und her, ballte sich und trennte sich wieder; aber die Züge wurden fester und schärfer, und schon hatte Karl eine heimliche Angst, daß ihm Johanna erscheinen werde; da tauchten in dem leeren Gesicht auf die Linien von Johanna, und es erschienen willensstarke Augen, und ein auf Böses gerichteter Blick wurde klar, und haßerfülltes Gesicht. Bis ins Innerste erschauerte Karl vor Entsetzen, denn alles Furchtbare, dessen dieses Weib vielleicht einmal fähig war, hatte seine Äußerung in diesem Gesicht gefunden, in den Linien sowohl wie im Ausdruck. Wenn im Leben solche Gesichter wären, so würden alle Menschen Furcht haben voreinander, weil solches Aussehen möglich ist.
Dann verging wieder eine endlos lange Zeit, und es war Karl, als verrauschten vor ihm Jahre, während er angstvoll an seiner vorgeschriebenen Stelle stand und sah; denn wiewohl die Wesen stumm waren und ohne Bewegung schwebten, und ihre Gesichter rührten sich nicht wie bei toten Menschen, und wiewohl er bei allem innerlich wußte, daß diese Gesichte nur Trugbilder eines Rausches waren, den der betäubende Rauch in seinem Gehirn erzeugt; ja er dachte sogar, daß andre solcher betäubenden Mittel die Vorstellung eines schnellen Fahrens durch die Lüfte verschaffen; trotzdem wußte er als ganz gewiß, daß zwischen den beiden Wesen etwas geschah, und daß Entsetzliches zum Ende kommen mußte.
Siehe, da richtete das Wesen Johanna langsam, wie vom Tode erwachend, die haßerfüllten Augen auf das schwache Wesen Luise; und erst ging der Strahl der haßerfüllten Augen neben ihr vorbei, und dann streifte er sie, und endlich traf er sie ganz, und das Wesen Luise erzitterte wie ein Bild im Teiche, schwankte und wollte sich auflösen. Da durchfuhr es Karl, daß er sie retten müsse, und er stürzte vorwärts mit erhobener Faust auf den Schemen Johanna. Ein sehr lauter Schlag erscholl, dann fielen Glasscherben klirrend auf die Erde, und das Fenster war gänzlich zersplittert, auch die oberste Scheibe. Karl sah auf die Scherben vor seinen Füßen und wußte nicht, wie ihm geschehen. Der andre suchte mit zitternden Fingern das Licht anzuzünden. Durch das offene Fenster drang kühle Nachtluft, und plötzlich wurde ihnen bewußt, daß der Betrunkene unten auf dem Hofe lärmte, das war genau so wie vorhin; und mit einem Male fiel auch das Jammern der Frau ein, genau so, wie sie es schon gehört hatten, und der Mann antwortete dasselbe wie vorhin. Karl sah nach der Uhr; noch nicht eine Minute konnte verflossen sein, seitdem Roch das Pulver aufgeschüttet, und doch war es ihm wie vor einer ganz langen Zeit.
Schweigend stiegen die beiden die Treppe hinunter; der Zank des Betrunkenen und der streitenden Frau verfolgte sie Wort für Wort, wie sie ihn schon kannten. Karl erschauerte und hielt sich am Geländer fest, auch des andern Kniee zitterten. Und nachdem sie lange durch belebte Straßen gegangen waren, sprach am Ende Karl: „Ich weiß, was ich gesehen habe, und es ist Übernatürliches dabei, aber ich kann es doch nicht glauben.“ Roch schwieg lange, dann antwortete er: „Das eben ist das Grausigste bei diesen Dingen, daß man immer zweifeln muß, ob man nicht ein Betrüger ist oder ein Selbstbetrüger. Auch dies hat das Mittelalter gewußt, das gesagt hat, daß der Teufel ein Lügner und Betrüger ist. Aber ich muß tiefer hinein, wiewohl ich weiß, daß ich immer nur Lüge finden werde und Selbstverachtung, und ich weiß es nicht, ob mich nicht das treibt, daß ich mich nach der Selbstverachtung sehne, denn in der liegt die tiefste Wollust beschlossen.“
Roch sagte nicht näher, was er mit diesen Worten meine, auch erzählte er nie, was er selbst gesehen hatte. Und wie es oft geschieht, daß wir eines Menschen Leben in einem für uns beide wichtigen Punkte kreuzen und dann wieder so schnell von ihm gehen, wie wir ihn trafen, so kam Karl recht schnell wieder mit ihm auseinander, durch ein Gefühl der Unruhe und Nichtbefriedigung; für Karl war dieser einzige Versuch genügend gewesen, mit den unterirdischen Mächten in Beziehung zu treten, der andre aber verstrickte sich immer tiefer und fand endlich seinen Kreis, für den er geschaffen war, in einer Anzahl gleich Zerstörter, die nicht an Gott glaubten und eine Satansgemeinde gegründet hatten.
Um Luise schloß sich immer enger der Ring des Todes. Wir wissen ja nicht, durch welche Kräfte am letzten Ende die entscheidende Willensrichtung gebildet wird, deshalb ist uns auch in den menschlichen Dingen so vieles unbegreiflich, nämlich alles das, wo wir nicht auf irgend eine Weise Gründe unterbauen können. Deshalb kann ein Erzähler in solchem Fall nur die Ereignisse berichten, die ihm irgendwelche Bedeutung gehabt zu haben scheinen.
Es lebte damals ein früherer Gutsbesitzer mit seiner Frau und einzigem Sohn in Berlin, der Offizier war. Der alte Mann hatte in jungen Jahren sein Gut in fröhlicher Hoffnung übernommen, nachdem er seine Geschwister ausgezahlt und eine brave und schöne Frau geheiratet. Nun war aber damals eine Zeit, wo der Weizen und die Wolle immer billiger wurden und die Arbeitslöhne immer stiegen, so daß die Ausgaben sich erhöhten und die Einnahmen sich minderten. Er ging lange mit sich zu Rate, was er bei dieser Erscheinung wohl tun könne, fragte auch seine Nachbarn, die zwar sich in ähnlicher Lage befanden, und zuletzt las er selbst Bücher, wie wohl er sonst wenig studiert, sondern hatte seine Universitätszeit vielmehr mit lustigen und treuen Freunden in Heiterkeit ohne sonderliches Arbeiten verbracht; aber auch aus den Büchern fand er keine Auskunft, die er nicht zuvor schon selbst verworfen gehabt hätte. Nun half er sich wohl mit großer Sparsamkeit, und seine treue Frau war sehr fleißig, daß sie aus ihrer Wirtschaft herauszog, was möglich war, aber mit der Zeit kam es sogar dahin, daß die Einnahmen geringer wurden wie die Ausgaben für den Betrieb und Zinsen. Da gelangte er in seiner Not zu Borgen und Wechselschreiben, und weil nun auch sein Gewissen schlecht wurde, denn er wußte nicht, wie er den Wucherer einmal bezahlen sollte, so schloß er die Augen und überlegte gar nichts mehr, sondern lebte wie einer, der morgen sterben soll und Mut hat und sich heute noch freut; er beruhigte sich aber immer, indem er sich sagte, daß der Wucherer schon selbst wissen werde, wie er wieder zu seinem Gelde komme.
Aus dieser Betäubung riß ihn die Rede eines leichtfertigen Handwerkers. Er mußte nämlich an einem Stall Reparaturen machen, der erst vor nicht allzu langer Zeit gebaut war, aber weil der Zimmermann betrüglicherweise frisches Holz genommen, so waren einige Balken stockig geworden. Wie er den Menschen nun zu Rede stellte und ihn in scharfen Worten an seine Handwerkerehre erinnerte, erwiderte der patzig, dafür sei ja der Bauherr da, aufzuachten, daß alles ordnungsgemäß gemacht werde. Diese Worte gingen dem alten Mann sehr nahe, denn er dachte bei sich, daß er selbst ja ebenso vernünftelt habe wie dieser unredliche Handwerker, und dabei war er ein vornehmer und adeliger Mann, der Stolz hatte. Deshalb fuhr er gleich in die Stadt zu dem Wucherer und erzählte dem alles, der heftig erschrak und nach Art solcher gemeinen Menschen in häßlichen Worten ihm Vorwürfe machte. Indessen gelang es doch, das Gut vorteilhaft zu verkaufen an einen wohlhabenden Herrn aus der Großstadt, dessen Vater viel Geld verdient hatte, und der sich zu diesem ererbten Gelde nun eine gesellschaftliche Stellung verschaffen wollte; so blieben dem alten Herrn sogar noch mehrere tausend Mark übrig.
Mit diesem geringen Gelde zog er nun nebst seiner Frau nach Berlin, wo sein Sohn schon früher lebte als ein frischer und unbefangener junger Offizier, der mäßig war und sehr verständig an seine Zukunft dachte. Die Frau beschloß, eine große Wohnung zu mieten und Fremde bei sich aufzunehmen um Geld, welcher Plan ihr auch gelang, da sie manche Familienbeziehungen hatte, der alte Mann aber, welcher einsah, daß er dergestalt keine Tätigkeit für sich selbst fand, durch die er zum Unterhalt der Familie beitragen konnte, wollte nicht durch seiner Frau Arbeit leben, und mühte sich so lange, bis er eine Anstellung bei der Pferdebahn erhielt als ein Aufseher über die Schaffner, damit die immer ordentlich alles Geld abliefern und nicht betrügen. Und wiewohl sein Körper schon gebrechlich war und dieser Dienst ihn recht anstrengte, so fühlte er sich doch nunmehr glücklich und zufrieden und erzählte seiner Frau des Abends vieles über die verschiedenartigen Charaktere der Schaffner, indessen die mit einer Küchenarbeit für das Mittagessen des nächsten Tages beschäftigt war.
Bei diesen Eltern lebte der junge Offizier, und weil er gesund und rotwangig war, auch vor seinen Vorgesetzten angenehm und bei seinen Kameraden beliebt, so dachte er, daß er wohl eine Heirat machen könne, durch die er seine Glücksumstände wieder aufbesserte. Und wie in Berlin alle verschiedenen Kreise der Gesellschaft sich in der wunderlichsten Weise berühren, so hatte er bei einer gewissen Gelegenheit Luise kennen gelernt und durch ein lange geführtes Gespräch liebgewonnen, denn bis dahin hatte er nur solche jungen Damen gekannt, die mit ihm über Beförderungen und Rangliste sprachen. Nun bedachte er zwar, daß sie eine Jüdin war und wenig angenehme Eltern hatte, auch blieb es ihm nicht unanstößig, daß sie Studentin gewesen, wenn schon ihr Benehmen nichts Auffälliges zeigte; indessen wußte er doch, daß sie eine große Mitgift erhoffen konnte, auf die er ja angewiesen, und dann hoffte er, daß der Umgang mit den Damen vom Regiment sie bald zu einer richtigen Offiziersfrau machen werde; über das alles hinaus gab bei ihm aber den Ausschlag, daß er eine große Zuneigung zu ihr gefaßt hatte, was freilich verwunderlich schien in Anbetracht der sonderlichen Verschiedenheit zwischen den beiden. So entschloß er sich denn und schrieb ihr einen wohlgesetzten Brief, in dem er sie fragte, ob er ihren Vater um ihre Hand bitten dürfe.
Ihre Eltern hatten aus Anzeichen schon vorher die Werbung geahnt, die von der Mutter begünstigt wurde, der Vater aber, der früher oftmals heftig gegen reiche Glaubensgenossen gesprochen, die ihre Töchter an Christen gaben, war der Verbindung feindlich gestimmt, und so wurde schon lange bevor der Brief ankam, in der Familie lebhaft und nicht mit Würde über das Kommende gesprochen, unter tiefem Leiden Luisens, die den jungen Mann wohl ganz gern sah als einen gesunden und tüchtigen Menschen, aber keine weitere Neigung zu ihm verspürte; denn durch diese Gespräche wurde ihr, als werde ihr Innerlichstes und Heimlichstes ans Licht gezogen und vor den Menschen zu Schau ausgebreitet. Und wie nun der Brief wirklich ankam, da hatte sie eine heftige Angst vor den Gesprächen und Reden, die noch folgen würden, und zudem wurde der Überdruß, den sie schon lange empfunden, plötzlich sehr viel heftiger; so beschloß sie, daß sie aus dem Leben gehen wollte, ohne daß sie eigentlich einen augenscheinlichen Grund gehabt hätte. Ehe sie aber ihre Tat ausführte, schrieb sie noch einen Brief an Hans, der ihrer Seele wohl am nächsten gestanden haben mochte. In dem sagte sie ungefähr folgendes:
„Ich sterbe, weil ich auf keinerlei Weise sehen kann, wie ich zu leben vermöchte, und weiß auch nicht, wie andre Leute leben können. Lange habe ich nachgedacht, denn ein jeder hat doch einen Willen zu leben; und vielleicht wäre es am besten für mich gewesen, ich hätte jung geheiratet und Kinder gekriegt; denn nachdem wir für uns selbst an das Ende gekommen sind, daß wir nichts mehr zu erstreben sehen, haben wir dann noch Ziele für die Kinder und ihr Größerwerden. Und so ist meine törichte Liebe zu Peter wohl noch das klügste gewesen in meinem Leben, die ich durch zu viele Klugheit zerstört habe, weil ich geistig hochmütig war und keinen Glauben fassen konnte zu einem Mann. Wenn du einmal heiraten solltest und Töchter haben, so erziehe sie nicht so, daß sie viel wissen, denn schon Männer macht das unfroh, aber Frauen vermögen dann nicht zu leben, weil sie nicht mehr sehen, wie sie das können.“
Diesen Brief erhielt Hans am Weihnachtsabend, als er allein in seiner Stube saß und über sein bisheriges Leben nachdachte. Da fand er, daß er war wie ein Baum im Herbstwinde, denn wie trockene Blätter waren die Freunde abgefallen, und der Wind trieb sie hierhin und dorthin. Und als er den Brief gelesen, dachte er sich, daß dieses das Ende aller sei, und nur einige wenige Jahre waren doch vergangen, daß so viele junge Leute zusammengewesen waren und Kraft gehabt hatten und einen starken Willen zu allem, was das Schicksal ihnen auch aufgeben mochte; und nun saß er selbst am Weihnachtsabend einsam in seiner Stube und dachte nach, wie Luise nachgedacht hatte, denn auch er hatte einen Willen zu leben; aber er fand nicht, wie das alles so gekommen sein konnte.
Und indem er angestrengt nachdachte, und es schien ihm zuweilen, als sehe er ganz von weitem das letzte Ende des Gedankens, den er erreichen wollte, da öffnete sich die Tür und jener Russe trat ein, den er gleich in der ersten Zeit seines Berliner Aufenthaltes kennen gelernt; später war er immer in Beziehung zu ihm geblieben, aber er mochte ihm nicht wieder so nahe kommen wie in jener Nachtstunde. Dieser trat jetzt ein, begrüßte ihn und sagte, er habe ein belastetes Herz und suche einen Mann, zu dem er sich aussprechen könne. Dann erzählte er folgendes:
Vor Jahren, wie er noch in Rußland lebte, hatte er einen Freund, der ein stiller Mensch war, der von den revolutionären Wünschen und Gedanken ihres Kreises nichts wissen mochte, sondern sein Studium liebte, nämlich die Mathematik. Dieser lebte mit seiner Schwester zusammen, einem sehr schönen Mädchen, das aus Liebe zu einem andern Studenten philosophische Schriften las und bedachte.
Nun war damals ein neuer Polizeimeister in Petersburg eingesetzt, der eine heftige Verfolgung solcher Personen begann, die ihm politisch verdächtig schienen. Bei dieser Gelegenheit wurden auch das junge Mädchen und ihr Bruder verhaftet, und weil man bei ihr verbotene Bücher gefunden hatte, so untersuchte man sie besonders genau, und befahl der Polizeimeister, daß die Jungfrau in seiner Gegenwart nackt ausgezogen werde, damit man nachsehen könne, ob sie nicht noch heimlich an ihrem Körper etwas verborgen hatte. Hierüber und wie sie die lüsternen Augen des Polizeimeisters sah, ward sie von so heftiger Scham ergriffen, daß sie ein Messer nahm, das da auf dem Tische lag zum Spitzen der Bleistifte, und es sich in die Brust stieß; und weil sie gerade auf die Stelle des Herzens getroffen hatte und der Stoß nicht durch Kleider abgeschwächt wurde, so sank sie gleich um und verschied in wenigen Augenblicken.
Wie der Bruder, dem nichts Verbotenes nachgewiesen werden konnte, aus dem Gefängnis entlassen war, bereitete er eine Rache vor, denn seine frühere Gesinnung hatte sich durch dieses Ereignis gänzlich in ihr Gegenteil verwandelt, und da er die notwendigen chemischen Kenntnisse besaß, so gelang es ihm leicht, ein Sprengwerkzeug zu machen, durch das er den Polizeimeister töten wollte. Er hatte aber das Mißgeschick, wie er das Kästchen sorgsam über die Straße trug, daß die Masse sich vorzeitig entzündete und ihm einen Arm wegriß und beide Augen blendete. So wurde er vom Pflaster aufgenommen und durch geschickte Ärzte wieder geheilt; dann aber klagte man ihn seines Versuches wegen an und verurteilte ihn zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe.
Die hatte der Mann nun abgebüßt, und zwar zum Teil in Einzelhaft, und dann war er aus Rußland fortgegangen und nach Berlin gekommen. Solches Geschick aber hatte ihn jedoch zu einem ganz merkwürdigen Menschen gemacht; denn er war damals achtzehn Jahre alt gewesen; und zwar in seinem Fach recht tüchtig, sonst aber etwas unreif und kindisch. In den zehn Jahren, die er seitdem in Finsternis und ohne alle Möglichkeit der Bildung verbracht, war sein Geist dann nicht älter geworden, und auch seine Erfahrungen hatten sich nicht vermehrt; nur zweierlei war in seinem Innern geschehen, nämlich erstens, er hatte die revolutionären Gedanken, die er damals ohne Interesse angehört, in sich befestigt und in einer Art von mathematischem Sinn und ohne Verständnis für die Wirklichkeit in sich gestaltet, und zweitens, er hatte sehr viele und lebhafte Träume gehabt und konnte in seiner Erinnerung nicht mehr unterscheiden zwischen Erlebtem und Geträumtem; und indem er auch jetzt noch derart träumte, und zwar häufig Vorgänge in solcher Weise, wie er sie sich wünschte, so befand er sich in Wahrheit in einer ganz andern Welt wie seine Umgebung; denn wenn ihm ein Wunschgebilde dieser Art abgestritten wurde als nicht wirklich, so hielt er den Menschen für erträumt, der gegen ihn stritt, nicht aber seine Vorstellung, weil diese sich bereits ganz mit seinem gesamten Weltbilde verschmolzen hatte.
Wie dieser Mann nun eine kleine Weile in dem Kreise der russischen Freunde in Berlin gelebt hatte, die fleißig zusammenkamen auf ihren Zimmern und viel disputierten, stellte sich das wunderliche Wesen heraus, daß er auf alle Mädchen und Frauen des Kreises eine große Anziehungskraft ausübte, trotzdem er schauerlich anzusehen war durch die Verstümmelungen an seinem Körper und im Gesicht, und wollten ihm alle dienen und helfen. Er aber hatte sich besonders an des Erzählers Frau angeschlossen, bei dem er auch wohnte und aß.
So verging nun eine Zeit, während welcher die Frau nachdenklich und schweigsam war; dann aber sagte sie zu ihrem Mann, daß sie ja doch beide sich von den Vorurteilen der bürgerlichen Gesellschaft befreit hätten und sich als Pfadsucher der neuen Menschheit wüßten, die, wie sie das oft besprochen, auch eine andre Form der Ehe bringen werde; in dieser solle die Freiheit der Persönlichkeit gewahrt bleiben; und da die Persönlichkeiten sich heute immer verschiedenartiger entwickelten, so werde die neue Ehe viele voneinander abweichende Typen aufweisen. Nun wisse er wohl, daß sie ihn liebe, aber es sei zu dieser Liebe eine neue Zuneigung in ihr Herz gekommen, nämlich für ihren gemeinsamen Freund; und anfänglich habe diese Erscheinung sie recht beunruhigt, denn da die Gefühle zu ihm als ihrem Mann noch immer die alten seien, so habe sie ihn doch nicht verlassen mögen um den neuen Geliebten; am Ende aber habe sie sich gedacht, daß auch solches in der künftigen Gesellschaft möglich sei, daß eine Frau mit zwei Ehegatten lebe, wie umgekehrt ein Mann mit zwei Ehefrauen, was wir ja beides auch heute schon bei barbarischen Völkern in der Wirklichkeit sehen; und da sie doch die künftige Gesellschaft in ihrer Lebensführung vorbilden wollten, so schlage sie ihm vor, daß der Freund in ihren Ehebund als Gleichberechtigter aufgenommen werde.
Auf diese Rede konnte der Mann nichts erwidern, da sie aber eine Angelegenheit von großer Bedeutung für die künftige Ordnung der Menschheit betraf, so entschloß er sich, daß er alles seinen Freunden unterbreitete, damit vorher eine gründliche Besprechung über die soziologischen und sittlichen Fragen stattfinde, die diesen Fall betrafen. Dies geschah nun alles, und nach einer sehr genauen Prüfung kamen die Freunde zu dem Urteil, daß die Frau recht habe und nach ihrer Rede geschehen müsse. Dem Spruch fügte sich der Mann, und so begannen die drei ihre neue Ehe.
Nun zeigten sich aber bald Unzuträglichkeiten, die sich aus dem Wesen des zweiten Gatten ergaben. Durch seine Eigenart war er nämlich allen Vorstellungen unzugänglich, die bezweckten, ihn zu etwas seinem Willen Entgegengesetzten zu bewegen; und nachdem zuerst aus Schonung alles nach seinen Wünschen gegangen war, herrschte er nachher hierdurch vollständig, zur großen Beschwernis des ersten Mannes. Und während sonst das neue Verhältnis wohl hätte Dauer haben können, wurde es ihm nun unerträglich, so daß er aus der Familie ausschied, denn die Frau hing mehr an dem zweiten Manne wie an ihm. Derart lebte er nun schon seit Wochen allein. Hans wußte auf diese Bekenntnisse wenig zu antworten; aber da jemand, der sein Herz erleichtern will, denn der Mann hing noch an seinem Weibe und sehnte sich nach ihr, nicht verlangt, daß man viel zu ihm spricht, sondern er ist froh, wenn er selbst ohne Störung seine Beichte beenden kann, so fiel das dem andern nicht auf.
Nach einer Weile fuhr der fort, nachdem er nun dergestalt allein lebe, habe er wieder mehr für die Verbreitung ihrer gemeinsamen Ideen tun wollen. Und da sei ihm Hans eingefallen, daß er es in der Hand habe, der Sache einen wichtigen Dienst zu leisten.
Er wisse nämlich, daß er gelegentlich noch jenen Kurt besuche, den Schwager Hellers, den er gleichfalls an jenem ersten Abend kennen gelernt. Wenn er nun dem auf seiner Schreibstube einmal sage, er wolle telephonieren bei ihm, so werde er und der andre den Raum verlassen, und er, nämlich Hans, bleibe allein. Dann könne Hans auf einer Wachstafel Abdrücke der Schlüssel machen, nach denen er selbst, der solche Künste gelernt habe, Nachschlüssel anfertigen werde; und wenn dann einmal gelegene Zeit sei, so würde er mit einem Freunde des Nachts das ganz unbewachte Geschäft öffnen und aus dem Geldschrank eine Summe nehmen, die seine Freunde in Rußland brauchten, um eine Druckerei anzulegen; und da keinerlei Spuren eines Einbruchs zu bemerken wären und man nicht erfahren könne, auf welche Weise das Geld verschwunden sei, so müsse dieser Plan ganz sicher auszuführen sein. Bedenken sittlicher Art aber werde er, Hans, doch wohl nicht haben, da man doch nur einem Ausbeuter nehme, was er zu Unrecht besitze, und das verwende für die Befreiung der Menschheit.
Wie Hans diese Rede hörte, wurde ihm wie durch einen Blitz sein eignes Leben und das Leben aller dieser Menschen erleuchtet, und wurde von tiefem Entsetzen fast geschüttelt, und war ihm, als müsse er den Russen niederschlagen in Entrüstung; und so sehr konnte er sich nicht bezwingen, daß der andre nicht seine Verfassung gemerkt hätte; die war aber derart, daß er in Angst geriet und verlegen wurde und dann plötzlich ging. Wie der andre fort war, kamen dem Hans die Tränen über sein Leben, er legte das Gesicht auf seine Arme und weinte bitterlich.
Aber noch nicht war die Zahl der Boten zu Ende, die ihm an diesem Weihnachtsabend geschickt wurden, nämlich der Brief der toten Luise, und dieser Mensch, der sich eben vom Narren zum Verbrecher entwickelte; es kam noch ein Wort von der treuen Dienstmagd seiner Eltern, und das traf ihn am tiefsten.
Die Mutter schickte ihm zur Bescherung aus der Heimat ein Kistchen, in das sie allerlei gepackt, was sie nützlich für ihn meinte, denn Überflüssiges zu schenken war ihrer sparsamen Art zuwider, und auf dem Boden lag der Brief, der fest zusammengefaltet war; in dem schrieb sie, daß Dorrel gestorben war, und erzählte die Art ihres Hinganges, und was sie ihr aufgetragen für ihn. Denn nachdem sie ihrer Frau alle ihre Habe nochmals gezeigt und gesagt, daß dies alles Hans erben solle, sagte sie: „Wie er zuletzt hier im Hause war, zum Tode seines Vaters, da fiel mir auf, daß sich sein Wesen verändert hat und daß seine Augen anders sind wie früher. Hierüber habe ich eine große Angst bekommen, aber als eine ungebildete Dienstmagd, die keine Kenntnis hat von einer Gelehrsamkeit, wagte ich ihm nichts zu sagen. Nun ich aber fühle, daß ich sterben werde, und ich hoffe, daß unser himmlischer Vater mich zu sich in sein Reich nimmt um seines Sohnes willen, so will ich versprechen, daß ich oben fleißig Fürbitte tun will für ihn bei Gott, damit der sich seiner erbarme und recht bald ihn frei mache aus seiner jetzigen üblen Verfassung.“
Es wohnte Hans bei braven und ordentlichen Leuten, die gleich ihm ein trübes Weihnachten feierten. Der Mann war ein Zuckerbäcker gewesen und als ein fleißiger und ordentlicher Mann, der auch eine sparsame und häusliche Frau hatte, war er in seinen Verhältnissen recht vorwärtsgekommen. Die beiden hatten einen einzigen Sohn, den sie mit vieler Liebe erzogen, und vielleicht waren sie allzu nachsichtig gegen ihn gewesen. Sie hatten ihn auf die gute Schule getan, wo er als ein begabter und leicht auffassender Junge anfänglich rasche Fortschritte machte, aber wie er in die höheren Klassen kam, wurde er träge, hielt sich zu den leichtsinnigen und schlechten Schülern, und durch Rauchen und Trinken vergnügte er sich in einer Weise, die seinem Alter noch nicht zukam. So geschah es, daß er die Schule nicht beenden und dann studieren konnte, wie die Eltern gedacht, sondern er mußte aus der Sekunda abgehen. Da ließen sie ihn eine mittlere Beamtenlaufbahn ergreifen und brachten ihn bei der Steuerverwaltung unter, und waren sehr stolz, wenn er sie in seiner schmucken dunkelgrünen Uniform besuchte, zahlten auch viel Geld für ihn, denn er machte große Ausgaben, weil er immer fein und vornehm erscheinen wollte. Dann heiratete er frühzeitig die Tochter eines andern Beamten, die ein sehr schönes Mädchen war, und es wurde erzählt, sogar ein Offizier habe um sie anhalten wollen. Die war nun freilich nicht vermögend und wußte nicht gut hauszuhalten, sondern hatte ihre größte Lust am Putz und Vergnügen; aber da ihre Art der seinigen zusagte, so lebten sie doch recht unbekümmert und fröhlich zusammen.
Die alten Eltern gerieten in große Sorgen, wie sie dieses Leben sahen und die großen Ausgaben merkten, und nachdem sie lange mit sich zu Rate gegangen, wie sie dem abhelfen könnten, besuchte am Ende der Vater seufzend seinen Sohn, ermahnte ihn zur Sparsamkeit, warnte ihn und sagte am Ende, wenn er vielleicht Schulden gemacht habe, so solle er sie ihm nennen, denn er wolle lieber für ihn bezahlen, als daß er ins Unglück komme. Und über die herzlichen Worte war der Sohn fast gerührt geworden, wie es leichtfertiger Leute Art ist, aber im Nebenzimmer hatte die Schwiegertochter alles gehört, die kam herein und schalt auf den alten Mann, sagte ihm, daß er ihr Leben nicht verstehe und sie beide beständig kränke und fügte noch viele bittere Worte hinzu über ihre vornehmere Herkunft und besseren Gewohnheiten. Über dieses alles wurde der Sohn beschämt, teils wegen seines Vaters, daß ihm der ins Gewissen geredet, teils wegen seiner Frau, weil die ihre Geburt gegen seinen Vater hervorhob; der Zorn aber, der aus dieser Beschämung entstand, richtete sich gegen seinen alten Vater, als der es gut gemeint hatte, und so wurde er heftig und verbot dem am Ende sein Haus. Da ging der gute alte Mann wortlos aus der Stube, küßte noch einmal den Enkel und es flossen ihm Tränen über die Backen, und dann mied er seinen Sohn; dieser aber, da er sich schuldig fühlte, mied ihn gleichfalls.
Nun geschah es nach nicht langer Zeit, daß in der Kasse, welche der junge Beamte verwaltete, Unterschleife entdeckt wurden, denn weil sein Einkommen bei weitem nicht ausreichte für sein Leben, so hatte er erst Schulden gemacht, und wie die Schuldleute drängten, hatte er fremdes Geld angegriffen. So wurde er denn gleich verhaftet und ihm der Prozeß gemacht und zu Zuchthaus verurteilt. Die junge Frau, die doch mitschuldig an seinem Verbrechen war, gebärdete sich wie irrsinnig, beschimpfte ihren Mann vor andern Leuten und ließ sich von ihm scheiden als von einem Ehrlosen. Dann brachte sie das einzige Kind zu den Schwiegereltern und sagte denen, sie wolle eines solchen Mannes Sohn nicht erziehen, denn der schlage gewiß nach seinem Vater, und sie selbst wolle nun ein neues Leben anfangen, nachdem ihr früheres zerstört, nämlich sie habe eine große Begabung für den Gesang und wolle Künstlerin werden. Dann ging sie aus dem kleinen Orte fort, und es wurde erzählt, daß sie Sängerin in einer großen Stadt in einem jener Häuser geworden sei, wo die musikalischen Darbietungen nur andre Dinge verbergen sollen.
Auch die Eltern verließen ihre Stadt, in der sie jung gewesen waren und gearbeitet hatten und alt geworden waren, und nahmen den Enkel mit sich, denn sie konnten die Schande nicht ertragen und meinten, in der Großstadt vermöchten sie sich am besten zu verbergen, daß sie niemand sähe, der sie gekannt, und daß das Kind ohne Vorwurf um seinen Vater aufwüchse.
Über dem allen waren nun Jahre vergangen, und das Kind hatte zugenommen an Größe und Verstand und sich zu großer Ähnlichkeit mit seinem Großvater entwickelt, war auch recht brav in der Schule und saß immer als einer der Ersten. So kam nun die Zeit heran, daß ihr Sohn entlassen werden mußte aus dem Zuchthause, dem Jungen hatten sie aber erzählt, er sei in Amerika. Und wiewohl der Vater ihn noch einmal gesprochen nach seiner Verurteilung und sie sich Briefe schrieben, so wußten sie nicht, ob er zu ihnen kommen werde, und hatten zwar große Sehnsucht nach ihm, aber der Vater wagte doch nicht, nach dem Orte seiner Strafe abzureisen und ihn dort zu empfangen, denn er fürchtete, daß ihm das wieder mißfallen möchte und ihn wieder verhärte. Deshalb waren jetzt ihre Herzen gespannt in Furcht und Hoffnung, denn gleich nach den Feiertagen waren die Jahre abgelaufen. So hatte nun dieses Weihnachtsfest für sie eine besondere Bedeutung. Und wie es oft geschieht, daß guten Menschen Not und Sorge das Herz offen machen für andere, wie bei bösen sie es verschließen, so sprach die Frau zu dem Mann, er solle zu dem Mieter hinübergehen und den einladen zu ihrem Weihnachtsbaum, denn sie hatte wohl gemerkt, daß er ein einsamer Mensch war, um den sich niemand kümmern mochte an diesem Abend. Aber als der Mann nun in seiner festlichen Kleidung anklopfte und endlich die Tür öffnete, da fand er Hansen ohne Besinnung im Zimmer auf dem Boden liegen, und neben ihm lag das geöffnete Kistchen von der Mutter, welches ein paar Schuhe enthielt, Strümpfe und Taschentücher, und ein Stück Honigkuchen.
Wie der Arzt kam, erkannte der schweres Nervenfieber, und ordnete an, daß Hans gleich in ein Krankenhaus gebracht wurde. So geschah, und war Hans die ganze Zeit besinnungslos, wie er im Krankenwagen gefahren wurde, und nur für einen Augenblick hatte er eine gewisse Klarheit, wie man ihn durch einen langen Gang trug, an vielen Türen mit Nummern vorbei. Der Mann zu seinen Füßen war ganz weiß gekleidet, und wie er sich umwendete, sah er, daß der andre Mann ebensolche Tracht hatte; das war ihm wunderbar, was das bedeuten mochte. Auch standen da zwei Krankenschwestern, von denen sagte die eine: „Und nicht einmal am Weihnachtsabend hat man Ruhe, das ist hier wie im Gefängnis.“ Da vergingen ihm die Sinne wieder, aber um das Wort „Gefängnis“ bildeten sich allerhand wirre und unfaßbare Phantasien, die ihm eine große Angst einflößten.
Nach seiner bestimmten Zeit kam Hans wieder zur Besinnung, aber da war sein Körper sehr schwach, und lag in großer Mattigkeit in einem Bett; seine Seele indessen war erfüllt von Bangigkeit, Reue und Angst, und erschien ihm sein Leben nutzlos verschleudert, und er meinte, daß er mit allem am Ende sei.
Dieses merkte die Pflegerin, die ihn besorgte, daß er nicht die friedliche und ruhige Stimmung des Gemütes hatte, die nach einer schweren Krankheit uns trösten soll und wieder ganz gesund machen. Deshalb fragte sie ihn, weshalb er sich verzehre, und hörte mit Geduld, wie er sich selbst anklagte. Da antwortete sie ihm, daß er sich aufrichten müsse und den Willen haben zu Kraft und Freude, und um ihm Mut zu machen, sagte sie, daß er sie selbst betrachten solle, wie sie ruhig sei und in Ordnung ihre Pflicht erfülle, und habe doch Schweres in ihrer Vergangenheit begangen, das sie ihm erzählte.
Ihr Vater war ein einfacher Mann gewesen, der in seiner frühen Jugend weit in die Welt gekommen war, und hatte da manches gesehen, davon in seiner Heimat niemand etwas bekannt war. Deshalb kehrte er nach Hause zurück mit einem wenigen von Geld, das er in der Fremde verdient, und tat sich mit einem reichen Bürger seines Ortes zusammen, einem Schlächtermeister, und mutete auf Kohlen. Und so hatte er Glück und fand reiche Kohlenlager, und war auch weiterhin verständig, indem er sich nichts abschwatzen ließ, sondern mit seinem Genossen sein Gefundenes selber ausbeutete, und gelangte auf diese Weise zu großem Reichtum, daß er viele Zechen besaß und auch Eisenwerke baute und Bahnen anlegte; und ward seine Heimat durch ihn ganz verändert aus einem grünen und frischen Lande, wo Holzhauer wohnten und Gebirgsbauern, zu großen Orten mit düsteren Häusern und Straßen voll schwarzen Staubes und zu Luft voller Qualm der rauchenden Schlote, und zogen viele fremde Leute zu, und auch die Einheimischen arbeiteten bei ihm in Schächten und Hütten, mit Verdrossenheit und Unmut. Er selbst aber ward ein schweigsamer und stiller Mann, der des Morgens in der Frühe in seine Arbeitsstube ging, Briefe las und Antworten diktierte, und wenn er einen ansah von seinen Leuten, so war sein Gesicht seltsam zerstreut, denn er dachte an eine Zeche oder eine Schwankung der Preise; und seine Erholung war, daß er am Abend in das Klubhaus ging, wo auch seine studierten und feinen Angestellten sich erfreuten, da setzte er sich allein in eine bestimmte Ecke und hatte vor sich ein Glas eines bestimmten Weines, und saß stumm da, spielte etwa einmal mit seinen Fingern. Dann ging er nach Hause und wanderte lang auf und ab in seiner Wohnstube, und am Ende legte er sich schlafen in seinem Schlafzimmer, das war eingerichtet mit fürstlicher Pracht. Er hatte als junger Bursche geheiratet, ein Mädchen seines Standes, die war an zehn Jahre älter wie er; von der hatte er zuerst keine Kinder, aber später bekam er mit ihr eine Tochter. Nun war er selbst mit der Zeit in Aussehen und Benehmen ein Mann geworden, wie wenn er immer in seiner jetzigen Lage gelebt hätte, und hatte auch auf seiner Wanderschaft fremde Sprachen gelernt und redete seine Muttersprache fast ohne Dialekt; die Frau aber konnte sich nicht recht in die neuen Zustände passen, denn nur, daß sie prunksüchtig wurde und zänkisch, sonst behielt sie alle ihre alten Gewohnheiten und Sitten bei. Das hatte den Mann nicht sehr gestört, solange das Kind nicht da war, denn er lebte wenig mit ihr zusammen; wie jedoch das Kind geboren war und einige Jahre alt wurde, da schied er sich von ihr, und sie zog weit weg, er aber behielt das Kind.
Nun wurde das Mädchen erzogen von teuren Erziehern, und am Mittag, wenn gegessen wurde, sah sie der Vater immer, denn sie mußte ihm gegenüber sitzen, sonst sah er sie aber nicht, weil er zu viel zu bedenken hatte. Da wuchs denn das Kind auf, wie es mochte, denn die Erzieher wagten nicht, streng zu sein, und der Vater erfüllte ihr alle Wünsche, weil er sie so wenig sah und doch wollte, daß sie ihn lieb hätte, und wie er nicht mehr wußte, was einem Kinde recht und passend ist, so schenkte er ihr viel kostbares Spielzeug. Hierdurch gewöhnte sich das Kind, daß alles seinen Einfällen gehorchen mußte, und daß es teure Dinge für nichts achtete und keine Grenze fand für seine Wünsche, und das ganze Leben erschien ihm langweilig. So wuchs das Mädchen heran zu einem schönen Fräulein, und ihre Erzieherin redete ihr allerlei vor von der Liebe und von vornehmen Heiraten. Da kamen auch bald Freier von allerlei Art. Es wollte aber der Vater gern, daß sie einen jungen Mann ehelichte, der bei ihm diente in seinem Geschäft und tüchtig war in aller Hinsicht. Diesen ladete er oftmals zu Tisch ein und fragte seine Tochter, wie er ihr gefalle; da antwortete sie, daß sie ihn sich gar nicht recht angesehen habe; und wie er ärgerlich wurde über diesen Hochmut und ihr sagte, daß er selbst ein armer Arbeitsjunge gewesen, der mit einem Schnupftuchbündel in der Hand in die Fremde gezogen sei, da zuckte sie nur die Achseln, und er vermochte nichts weiteres über sie, denn er mußte zu viel an seine Geschäfte denken und konnte deshalb ihr Wesen nicht erfassen.
Nun drängten sich um sie viele glänzende und vornehme Herren und schmeichelten ihr, und da sie unerzogen war und nicht bedachtsam, weil sie niemals auf Festes gestoßen war, so glaubte sie wörtlich alles, was ihr Schönes gesagt wurde, und ward noch hochmütiger; lieb gewinnen aber konnte sie niemand, in der Art, wie ihre Erzieherin ihm das geschildert hatte, die ein häßliches und armes Mädchen gewesen war, das immer sehnsüchtig zur Seite gestanden hatte; und am Ende dachte sie, daß sie ein Wesen von ganz besonderer Art sei, das beglücken könne, wen sie wolle, wie der Zufall aus den vielen Mitspielern einer Lotterie einen herausgreift, blindlings und ohne Grund. Da war nun in dem Kreise ein junger Offizier, der ganz arm war und von bürgerlicher Herkunft und nicht besonders ansehnlich, aber er hatte ein braves Gemüt und einen rechtlichen Charakter; der durchschaute wohl ihr Wesen, und weil er zudem bei so vielen glänzenden Bewerbern doch gar keine Aussichten zu haben schien, so hielt er sich ganz still und ruhig im Hintergrunde und bekümmerte sich nicht um sie. Diesen nun, weil er allein von allen abseits stand, suchte sie gerade aus, denn für so hochstehend hielt sie sich, daß seine Unansehnlichkeit und der Glanz der andern vor ihren Augen ein ganz gleiches Verdienst hatten. Der Jüngling, der zuerst glaubte, daß sie nur mit ihm spielen wolle, zog sich noch mehr zurück, wie er ihre Annäherungen bemerkte, und das wiederum machte sie nur hartnäckiger, so daß er am Ende verspüren mußte, es sei ihr Ernst mit ihrem Entgegenkommen. Da verfiel er der menschlichen Schwachheit, daß die Hoffnung, welche derart in ihm erweckt wurde, ihm einen glänzenden Schleier vor ihrem Bilde ausbreitete, daß er die Fehler und Mängel nicht mehr sah, die er früher recht scharf bemerkt, denn er war auch stolz und kannte seinen Wert in seinem geringen Äußern, und es schien ihm ein Besonders von ihr, daß sie ihn unter den andern nun herausgefunden hatte; so meinte er denn, daß sie in einer glücklichen und redlichen Ehe ihr voriges Wesen bald ändern werde, das ihr ja nur äußerlich angeflogen sei. Und auch ihr Vater wurde getröstet über ihre Wahl, denn er hoffte, daß er aus diesem jungen Mann sich werde einen Nachfolger erziehen können. Derart wurde dann die Hochzeit der beiden gefeiert; aber schon an dem Tage der Feier und vor der Trauung kam zwischen den beiden der erste Streit, um eine geringe Kleinigkeit, und die Braut, die schon festlich geschmückt war und nur noch des Kranzes harrte und des Schleiers, zog den Ring vom Finger und warf ihn auf die Erde. Da wendete sich der Bräutigam und wollte zur Tür hinausgehen; aber schon hatte er eine zu große Liebe gefaßt, daß er nicht mehr sich trennen konnte, deshalb kam er zurück, hob den Ring auf und gab ihn ihr wieder mit bittenden Worten.
Nun führten die beiden eine recht unglückliche Ehe, denn der Mann war ernsthaft und wollte lernen, damit er später alles leiten könnte, wenn sein Schwiegervater einst tot wäre; die Frau aber verspottete und kränkte ihn, und er war ganz weich in ihrer Hand und konnte ihr nicht antworten, wie er gemußt hätte; und sie selbst war dabei ohne Tröstung und langweilte sich, weil sie nicht wußte, was sie wollte. Ihr Vater indessen gewann mit der Zeit den Mann lieb wie seinen Sohn, denn er war viel um ihn, und waren beide vom gleichen Schlage; deshalb sagte er ihm, er solle sein Weib gehen lassen, wie sie wolle, denn es sei ja auch eine Torheit, wenn man sich Ruhe wünsche und Zufriedenheit, weil kein Mensch die erreichen könne, außer etwa in ganz jungen Jahren, wo man nur seine Sehnsucht vor sich habe und nicht die Wirklichkeit. So wurde denn der Mann zu einem Menschen wie der Alte war.
Inzwischen waren noch viele Verehrer um die Frau, die wohl sahen, daß sie unglücklich war, und ihr weiter schmeichelten und sich kränken ließen von ihr. Da fiel es ihr ein, aus Hochmut und Überdruß, und weil sie ihren Vater und Mann beleidigen wollte, daß sie sich einen Liebhaber aussuchte; das war ein windiger junger Mensch, der ein groß Wesen machte von sich, aber von Schulden lebte und von niemand geachtet wurde; mit dem ließ sie sich ein, denn es war ihr recht, daß er sie in wunderlicher Weise vergötterte, wie es wohl in törichten Büchern beschrieben wird. Ihr Mann und Vater merkten nichts von dem Wesen, trotzdem sie recht offen war, denn die hatten ihre Arbeit und dachten nicht an weiteres, sie aber trieb es so weit, daß sie ein Kind bekam, und ihr Mann meinte, es sei sein Kind, und freute sich über das Söhnchen, und ihr Vater hoffte, daß es auf einen von ihnen beiden schlagen möge und nicht auf die Mutter. Danach entzweite sie sich mit dem leichtfertigen Menschen, denn der wurde von den Gläubigern gedrängt und war in seiner beständigen Angst gegen sie nicht mehr so aufmerksam gewesen wie vorher; lieb gehabt aber hatte sie auch ihn nicht.
Nun geschah es, daß die beiden Männer eine Erholung haben wollten von ihrer schweren Arbeit, kauften sich eine Lustjacht und machten mit der Frau und dem Kinde eine Seereise. Wie sie unterwegs waren, bezog sich an einem Nachmittag der Himmel und kam Regen und stürmisches Wetter, so daß sie alle nach unten gingen in die Kajüte, indessen die drei Leute, welche das Schiff bedienten, auf dem Deck arbeiteten. In der engen und dumpfen Kajüte aber befiel sie alle eine eigne Gereiztheit, und sie begannen sich untereinander Vorwürfe zu machen, indessen draußen die Wogen wunderlich gingen; da warf der Vater der Tochter vor, daß sie an nichts Freude habe und keinen Menschen liebe, und die Tochter sprach gegen den Vater, daß er immer nur an sein Geschäft denke und sich nicht um sie bekümmere, und wie der Mann gut zureden wollte, da höhnte sie den, daß er nichts verstehe, wie in seiner Schreibstube sitzen, und auch der Mann wurde heftig und sagte, daß er ihr Herr sei; inzwischen war der Knabe, der damals dreijährig sein mochte, ängstlich geworden und schmiegte sich an den Vater; die Frau aber geriet in einen maßlosen Zorn und schrie, niemand sei ihr Herr, und indem der Mann das Kind halten wollte, weil das Schiff sehr schaukelte und er Furcht hatte, der Sohn möchte fallen und sich verletzen, da rief sie, das Kind gehöre ihr und nicht ihm, denn sie habe es von einem andern.
Wie sie diese Worte in blindem Haß hervorgestoßen hatte, taten sie ihr leid, denn die beiden Männer wurden ganz bleich, aber in dem Augenblick rief das Kind in großer Angst ihren Namen, und da fielen sie alle um von einem starken Stoß und rollten durch die enge Kajüte und konnten sich nur mit großer Mühe wieder aufrichten, aber wie sie sich aufgerichtet hatten, da waren der festgeschraubte Tisch und Stühle über ihren Köpfen in der Luft, und das Geschirr, das auf dem Tisch gestanden, lag auf dem Boden mit samt dem Tischtuch, und nach einer Weile sagte der Vater, daß das Schiff gekentert war. So trieben sie nun auf der See mit dem Kiel nach oben und das Deck war unter dem Wasser, und das Wasser drückte und klopfte gegen die Decke der Kajüte und klatschte gegen die Tür, und in solcher Lage erhielt sich die Jacht durch die eingepreßte Luft, die nicht hatte entweichen können, weil sie so ganz schnell umgeschlagen war, die Männer aber, die oben gewesen, waren fortgeschwemmt und ertrunken. Erst langsam wurde den Eingeschlossenen das klar, denn sie hatten eine große Angst. Es quoll auch bald Wasser von unten, denn das beständige Schlagen der Flut machte die Bretter locker, und so mußten sich denn die Menschen beizeiten umsehen, wo sie sich besser sicherten, und da sie nicht hinausgehen konnten aus dem kleinen Raum, denn vor der Tür war ja Wasser, so blieb ihnen nichts, als daß sie sich recht hoch machten. Deshalb schwang sich der Mann erst auf den Tisch, der oben festgeschraubt war in dem früheren Boden und prüfte die Haltbarkeit, und dann hob er die Frau hoch mit dem Kind und half dem Vater. Wie das geschehen war, suchte er auf dem Boden nach Essen und fand einige Brötchen und Zwiebäcke und ein Töpfchen mit Eingemachtem, das reichte er alles hinauf, und dann las er noch die Messer und Gabeln auf, die herumlagen, denn mit denen wollte er oben eine Diele entfernen, damit sie noch höher kommen konnten in den hohlen Kielraum des Schiffes. So schnitt er erst den Fußteppich durch und machte sich dann daran, mit dem unpassenden Werkzeug die Schrauben herauszuschneiden, welche die Dielen auf den Sparren festhielten; denn aufdrehen konnte er sie nicht, weil er dabei sein Messer zerbrach. Über diesen Anstrengungen verspürten sie, wie das geringe Licht, das von unten durch das runde Fenster im Wasser kam, immer geringer wurde, denn es waren ja auch nur wenige Lichtstrahlen, die durch die schaumbedeckten Wellen bis zu dem Fenster drangen; und dazu stand unten das Wasser in der Höhe von mehreren Fuß in der Kajüte, auf dem lustig eine Schachtel mit Streichhölzern und zwei Korke schwammen; die Luft aber wurde immer verbrauchter und schien immer schwerer zum Atmen, entwich auch an einer Stelle durch den Druck des Wassers unten mit einem leisen Pfeifen, und dadurch stieg das Wasser in dem Raum langsam immer höher. Die beiden Männer arbeiteten fleißig, und der alte Mann hatte einen Überschlag gemacht, daß bis zum andern Morgen die ganze Luft aus dem Raume entwichen sein mußte und das Wasser bis oben stand und sie alle erstickte, wenn sie nicht die Diele bis dahin gelöst hatten und sich in den Kielraum retten konnten, der aber würde wohl immer über dem Wasser bleiben, weil er ja durch das viele Holzwerk unten getragen wurde.
Wie es nun gänzlich Nacht geworden war und sie alle sehr müde waren, beschlossen sie, daß sie eine kurze Weile schlafen wollten, um neue Kräfte zu schöpfen, und der Vater erbot sich zur ersten Wache und wollte inzwischen weiterarbeiten im Dunkeln, und die zweite Wache sollte der Schwiegersohn übernehmen. So taten sie; aber nach einer unbestimmten Zeit schreckte der Mann aus dem Schlafe auf und hörte nicht mehr das leise Geräusch des arbeitenden Messers, das kleine Späne loslöste, da wußte er, daß der alte Mann ertrunken war, und deshalb arbeitete er allein weiter. Es erwachte dann auch die Frau durch große Beklommenheit des Atems, und das Wasser klatschte schon leise an die Platte des Tisches, auf dem sie saßen. Indessen war es dem Manne gelungen, daß er die Schrauben der einen Diele an seiner Seite herausgeschnitten hatte, und nun riß er die Scheuerleiste fort und faßte vorsichtig mit zwei Gabeln von beiden Seiten, um sie zu biegen, bis er sie mit den Händen fassen konnte; und indem die Frau half, gelang es auch, daß sich die Diele so weit bog, und nun ergriff er sie und riß an ihr mit aller Kraft, daß sie in der Mitte abbrach und über ihnen eine schmale Öffnung in den Kielraum wurde. Aber durch das Gegenstemmen hatten sich zwei Schrauben gelöst, durch welche die Tischbeine befestigt waren, und der Tisch glitt schräg ins Wasser. Die Frau hielt sich noch an der Diele über ihnen fest und schwang sich durch die gebrochene Öffnung in den Kielraum, das Kind aber war ins Wasser gerollt, und der Mann wollte das Kind retten und stürzte sich nach, aber er stieß mit dem Kopf gegen etwas, tat einen lauten Schrei und kam nicht wieder, und auch das Kind ist ertrunken.
Nun kauerte die Frau oben im Kielraum vor der Öffnung, und der kalte Hauch des Wassers drang zu ihr empor. Nach langer Zeit kam eine geringe Helligkeit in das Wasser unten; da war es noch höher gestiegen, und wie sie genau zusah, erblickte sie unter sich eine Hand mit gekrampften Fingern.
Wie sie gerettet war und sich erholt hatte von allem, was sie ausgestanden, verspürte sie, daß eine Wandlung in ihr vorgegangen. Vornehmlich hatte sie jetzt den Wunsch, daß sie etwas tun wollte, aber der war ihr nicht gekommen durch Ängste des Gewissens, Reue und Absichten von Buße, sondern ohne einen andern Grund, nur weil sie ein neuer Mensch geworden war. Deshalb überlegte sie sich alles, ihr früheres Leben und seine Bedingungen, da fand sie, daß ganz notwendig alles so geschehen mußte, wie es wirklich geschehen war, und sie selbst hatte keine Schuld und auch andre nicht. Denn ihr Vater konnte nicht leben, wie er wollte, sondern war einem Zwange unterworfen, daß er immer an seine Arbeit denken mußte und keine andern Gedanken haben durfte. Und da er nun in einer andern Klasse der Gesellschaft lebte wie vorher und sein Kind auch in dieser Klasse leben mußte, so konnte er seine Frau nicht behalten; deshalb war es nötig, daß er sein Kind Fremden anvertraute, die aber waren arme Menschen, welche gänzlich von dem Kinde abhingen, deshalb vermochten sie ihm nicht zu widerstehen. So war sie denn zu einem solchen Wesen geworden, wie sie bis dahin war, und nur das blieb zu verwundern, daß sie nicht noch Schlimmeres getan. Nun aber wollte sie einen neuen Weg gehen, und da schien es ihr das beste, wenn sie Krankenpflegerin würde, weil sie da wirklich tätig sein konnte, denn alle Untätigkeit war ihr jetzt ein Ekel. So lebte sie nun schon seit einigen Jahren und war sehr ruhig und genoß dasjenige Maß von Glück, das ihrer besonderen Art bestimmt war und wohl freilich nicht sehr groß sein mochte.
Dieses alles erzählte die Schwester dem Hans, und der wunderte sich sehr über ihren Frieden. Aber nachdem er ihre Geschichte lange bedacht hatte, da fand er am Ende doch, daß sie wohl ein andrer Mensch war wie er; denn wiewohl er sich viele Mühe gab zu Ruhe, so hatte er doch beständig Gewissensbisse und Selbstvorwürfe, und das Leben erschien ihm ganz schwierig. So sah er ein, daß die Gottlosen leichter leben wie die, so an Gott glauben, und ergab sich ihm, daß wir höher kommen sollen dadurch, daß wir an Gott glauben, denn wenn uns das Leben schwierig wird, so steigen wir indessen auf einen hohen Berg, wo die Luft härter und reiner ist, und die Arbeit der Menschen ist tief unter uns, die sie treiben, damit sie ihr fleischliches Leben erhalten.
Die meisten der Pflegerinnen hatten keine Geschichte gehabt und waren nur so gewöhnliche Menschen, die mit Widerwillen ihre Aufgabe erfüllen; aber noch eine andre Schwester wurde für Hans merkwürdig, denn die bildete ein Gegenstück zu jener ersten. Deren Erlebnis war folgendes gewesen:
Sie war als Tochter eines höheren Beamten geboren, und ihre Eltern lebten in beständigen Sorgen, weil ihre Mittel zu gering waren, um den Aufwand zu befriedigen, den sie für nötig hielten. So wurde sie schon frühe gewöhnt, überlegend und sparsam zu sein und nach außen doch eine gewisse Unbefangenheit zu zeigen, und ihr Wunsch war von Jugend an, sie möchte einmal ein recht tüchtiger Mensch werden, damit sie ihrem späteren Mann in ihrer Art behilflich sein könne.
Wie sie noch jung war, bewarb sich ein recht gut gestellter Mann um sie, ein Rechtsanwalt, der sie an Jahren ziemlich übertraf, und auf das Zureden ihrer Eltern heiratete sie den, wiewohl sie keine besondere und außergewöhnliche Zuneigung zu ihm verspürte; aber ihre Mutter hatte ihr in vertraulicher Weise gesagt, daß wohl überhaupt nur wenigen Menschen das Glück einer wirklichen Liebe werde, die man sich vorstelle in der Jugend. Sie gewann mit der Zeit den Mann auch in ruhiger und einfacher Weise lieb, denn er war gut zu ihr und sehr zuverlässig und tüchtig, daß jeder vor ihm Achtung haben mußte. Kinder indessen bekam sie nicht von ihm. Nun stellte es sich aber heraus, daß sie einen verschiedenen Willen hatten über das, was die Frau tun soll, denn sie hatte gemeint, daß sie eine rechte Tätigkeit haben werde in Leitung des Hausstandes, guter Wirtschaft und umsichtiger Fürsorge; er aber, da er keine Kinder hatte und viel verdiente, wollte gar nicht, daß seine Frau so viel Eifer auf diese Dinge verwendete, denn er mochte lieber, daß sie sich schön putzte und darauf sann, wie sie ihm allerhand Spiel und Gaukelwerk vormachte, wenn er von seiner Arbeit kam. Und ferner hatte sie gemeint, daß die Frau mit dem Mann viel Ernsthaftes reden werde und von ihm manches lerne, er aber war nicht zu gründlichen Gesprächen mit ihr aufgelegt, sondern wendete alles zu Scherz und Kurzweil, wenn er mit ihr war. Hierüber wurde sie recht traurig und fühlte sich ohne Glück und Befriedigung und empfand eine große Langeweile und zuweilen sogar einen Ärger über ihren Mann.
Als dieses so ging, kam in das Haus ein Verwandter des Mannes, ein junger Herr, welcher seine Universitätsstudien beendet hatte und auch seine ersten praktischen Jahre und nun als junger Assessor bei seinem geschickten und klugen Oheim noch lernen wollte. Dieser hatte viel Liebe zu aller Art von Kunst und Dichtung und hatte auch über die Fragen unsers gesellschaftlichen Lebens nachgedacht und besonders über die Bestrebungen der Frauen, die heute mehr Selbständigkeit und Beachtung wünschen. Da geschah es bald, daß er mit der Frau in eifrige Gespräche kam, und lieh ihr Bücher, erzählte ihr von allem, was heute geschieht und was viele denken, und sie stritten oft miteinander; und weil sie beide gute und harmlose Menschen waren und auch der Mann ohne Arg war, so dachte keiner von ihnen, was aus diesem entstehen konnte. Am Ende aber kam die Frau als erste zur Klarheit, was ganz plötzlich geschah, es wurde nämlich ihr Mann unvermutet von einer elektrischen Bahn überfahren und in solchem Zustand ins Haus gebracht, daß sie zuerst meinte, er sei tot, da verspürte sie plötzlich, daß sie den Jüngling liebte, und in heftiger Verzweiflung kamen ihr die Tränen aus den Augen; der Mann war aber nur leicht verwundet gewesen und genas wieder nach einiger Zeit. Da beschloß sie, wie er wieder ganz gesund war, daß sie ihm alles sagen wollte, ging zu ihm und erzählte von Anfang an und schloß, daß sie eine Liebe zu dem andern gefaßt habe. Hierüber wurde der Mann sehr bekümmert, wie er aber sah, daß sie selbst so verzweifelt war, tröstete er sie und machte ihr Mut, sagte ihr, daß er sie liebe und schonen wolle, und sie werde die Neigung überwinden, und alles werde wieder gut sein, wie es früher war, und darauf ging die Frau aus dem Zimmer und war in getroster Hoffnung, daß alles so geschehen müsse, wie der Mann gesagt.
Der aber ließ sich alles noch eine Weile durch den Sinn gehen, und dann verblaßte ihm die Rede seiner Frau und schien ihm nach einiger Zeit ganz unwichtig, denn sie schämte sich auch und sprach nie wieder zu ihm von dem vorigen, und ihre Scheu bemerkte er nicht. Deshalb tat er nichts, um das Verhältnis zu ändern, das bis dahin bestanden, sondern ließ alles beim alten, und der Jüngling war nach wie vor in ihrer beider Nähe. Und sie verschloß sich immer mehr innerlich und hatte eine große Angst und fühlte sich einsam und ohne Schutz.
Wie sie nun in diesen Gesinnungen sich von dem Jüngling ferner hielt wie sonst, da kamen auch diesem neue Gedanken, und es wurde ihm bewußt, daß auch er seinerseits eine Neigung gefaßt habe, und so erklärte er sich die Zurückhaltung der Geliebten so, daß er meinte, sie habe etwas von seiner Neigung verspürt und sei etwa gekränkt und beleidigt, und über diesem Gedanken wurde er recht unglücklich und härmte sich ab mit Vorwürfen. Und wie sie beide auf solchem Wege waren, da geschah es nach einiger Zeit mit Notwendigkeit, daß sie zueinander sprachen, und am Ende wuchs dem Jüngling die Kühnheit, und er gestand mit Worten seine Liebe. Da erhob sie sich, sah ihn zärtlich an und ging von ihm auf ihre Stube und hatte da einen Dolch heimlich verborgen, eine altertümliche Waffe, die sie einmal in Italien gekauft hatte aus Freude an dem kunstvollen Griff und in romantischer Spielerei, den stieß sie sich in die Brust, und sie stieß ganz sicher, und um ein Haar wäre sie da gleich gestorben, aber durch einen glücklichen Zufall und später durch die Kunst eines geschickten Arztes blieb sie doch am Leben und genas langsam wieder, indem sie in ihrem Stübchen am Fenster saß und sehnsüchtig in die frühlingsblühenden Bäume vor ihrem Hause blickte. Und war in dieser Zeit ihr Mann sehr gut zu ihr, brachte ihr viele Geschenke von kostbaren Kleiderstoffen und schönem Schmuck und klagte, daß er sich ihr nicht so widmen könne, wie er möchte, weil seine Arbeit ihn festhielt; von dem jungen Vetter aber erzählte er nie, der war fortgezogen in eine andere Stadt.
Wie sie nun wieder ganz gesund war, setzte sich der Mann öfter mit ihr zusammen und besprach mit ihr solche Dinge, über die sie mit dem Jüngling geredet hatte, mit ihm aber früher nie, denn mit ihm hatte sie nur Kindereien getrieben. Aber er war viel klüger und erfahrener wie der junge Mann und stammte aus einer älteren Zeit, die einen andern Glauben hatte, und so stimmten seine Worte nicht zu den Worten seiner Frau und waren wie die eines Lehrers zu einem widerwilligen Schüler. Hierüber kam es, daß sie einen neuen Entschluß faßte und aus ihres Mannes Haus ging bei der Nacht und in die Stadt reiste, wo der Neffe lebte in einem Studentenstübchen unterm Dach. Den suchte sie auf in seiner Wohnung und sprach, sie wolle mit ihm leben.
Es wurde nun viel Übles geredet, und das Gericht schied sie von ihrem Manne, und sie dachte, daß sie jetzt den Geliebten heiraten wolle, auch war alles schon vorbereitet für dieses Ende. Da geschah es, daß sie an einem Abend mit ihm ausging, und er führte sie an seinem Arm, sie gingen aber eine breite Straße, wo viele Geschäftsläden waren, in denen große Spiegel stehen, welche die Auslage sollen reicher erscheinen lassen; und die Spiegel stehen häufig so, daß man sich in ihnen ganz genau erblickt, wenn man vorbeigeht, und es ist, als komme man sich selbst entgegen. So sah sie auch sich selbst am Arm ihres Geliebten, und durch einen Zufall erblickte sie neben dem ein sehr schönes Mädchen, das etwa einen Schritt vor ihm ging. Da fiel ihr auf, daß sie älter war wie der Mann, und dachte, daß sie ein Unrecht tue, indem sie ihn heiraten wollte, und er werde die Heirat später bereuen. Sie sagte aber nichts, sondern ging ruhig weiter; nur machte sie sich zu Hause heimlich zurecht, schrieb ihm einen Brief zum Abschied und reiste von ihm fort, und weil sie nirgendshin wußte, denn alle hatten sie ausgestoßen, so ging sie in eine Gesellschaft von Krankenschwestern, lernte bei denen mit großem Eifer und war nun am Ende in das Haus gekommen, wo Hans jetzt krank lag.
Diese hatte eine ganz andere Gemütsart wie jene erste, denn sie lebte in beständiger Gewissensnot und tat viel um ihrer Seele willen. Es kam aber wohl alles, was sie tat, aus ihrer Güte und Liebe, und deshalb übte es eine gute Wirkung; sie selbst aber hatte dabei immer das Ende vor sich, daß sie eine Qual und Überwindung haben wollte, deshalb ging sie zu denjenigen Kranken, welche die widerwärtigsten schienen, und so hatte sie eine wahrhafte Buße.
Weil nun Hans doch seine Seele gesund machen wollte, so sprach er auch mit dieser über seine Furcht und Gedanken. Da antwortete sie ihm, daß sie ruhig sei und keine schweren Gedanken habe, wenn sie etwas Mühseliges und Widerstehendes tue, das in Wahrheit ein Opfer sei; wenn sie aber äußerlich wohllebe, so könne sie nach einiger Zeit ihre Gedanken nicht mehr aushalten, die sich untereinander anklagen und verteidigen.
Hierdurch wurde es Hansen klar, daß auch diese Frau wohl den Weg gefunden habe, der für sie selbst gangbar sei, aber für einen andern Fuß war der nicht geschaffen, denn es war ja klar, daß diese Frau ihre Geschichte nicht verwinden konnte wie die erste, sondern sie vermochte sich nur für eine Zeit zu betäuben; er aber wollte ein freier Mensch werden, der nicht von Furcht, Hoffnung und Geschichte abhing, sondern jede Handlung wollte er immer als ein Neuer und Frischer tun; nur konnte er zu diesem Wesen nicht auf die Weise kommen wie die erste Frau, sondern es mußte eine besondere Weise für ihn geben. Wie er in dieser Verfassung lag und vieles grübelte hierüber, besuchte ihn der alte Mann, bei dem er gewohnt, und der ihn hatte einladen wollen zu seiner Weihnachtsfreude, als er ohnmächtig in seiner Stube auf dem Boden lag. Der erzählte allerlei mit fröhlichem Gesicht, was sich ereignet unter den kleinen Leuten, die in dem Hause lebten; und am Ende konnte er es nicht mehr verschweigen, was er vornehmlich auf dem Herzen hatte und doch nicht gleich zu Anfang sagen wollen, aus Bescheidenheit, weil er sich nicht mit seinen eignen Angelegenheiten vordrängen mochte, denn sein Sohn war zurückgekommen aus dem Zuchthaus, wo er Wolle gesponnen hatte, und hatte einen kahlen Kopf gehabt und ein rasiertes Gesicht, und hatte sehr blaß ausgesehen, und die Augen lagen ihm tief. Er war eingetreten, und die Eltern hatten ihn zuerst nicht erkannt, da sagte er: „Wollt Ihr mich denn verstoßen?“ Da erkannten sie ihn an der Stimme und sprangen auf vom Stuhl und freuten sich, ihm aber rollten große und runde Tränen aus den Augen über die abgehärmten Backen, und mußte sich auf das Sofa setzen, und die Mutter lief gleich in die Küche und kochte ihm Schokolade, die hatte er als Kind immer gern getrunken, und der Vater sprach mit ihm von den Ernteaussichten und klagte über die Fleischpreise, denn er wollte sich anstellen, als sei nichts Bedeutsames geschehen. Dann kam der Knabe aus der Schule, und wie der seinen Vater sah, der so lange in der Fremde gewesen war, da freute er sich und kletterte an ihm in die Höhe, denn er war ein dreister Junge, und von seines Vaters Schande wußte er nichts. Alles das erzählte der alte Mann und freute sich über seines Sohnes Heimkehr, der im Zuchthaus gesessen hatte und hatte Wolle gesponnen, und mehrmals sagte er: „Er hat uns doch nicht vergessen in den Jahren, und alles wußte er noch, wie es früher gewesen war, als wir ihn noch bei uns hatten.“
Das war Hansen wunderlich, daß der alte Mann sich so freute und gar keinen Vorwurf hatte, sondern nur zu rühmen und zu loben wußte. Da fiel ihm das Evangelium vom verlorenen Sohn ein, der hatte die Säue gehütet und machte sich auf und kam zu seinem Vater. Wie er aber noch ferne von dannen war, sah ihn sein Vater, und jammerte ihn, lief, und fiel ihm um seinen Hals und küßte ihn. Und als Hans an dieses dachte, da ging es ihm wie Schuppen von den Augen und sank ihm wie eine Last von den Schultern und sein Herz ward leicht, und er wußte, daß wir einen Vater im Himmel haben, der uns lieb hat und sich freut, wenn wir zu ihm kommen, keinen Vorwurf sagt, sondern uns rühmt und lobt und spricht: „Laßt uns fröhlich sein, denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist gefunden worden.“ So geschah in einem Augenblick die Wendung in Hansens Leben und wurden seine Jünglingsjahre abgeschlossen, denn nun sah er einen ebenen Weg vor sich, der durch Tage ruhiger Arbeit zu einem friedsamen Alter führt. Da wußte er, daß auch die Not und Sorge nötig gewesen war, und aller Irrtum und das überflüssige Grübeln, nicht zu dem Ende freilich, das er damals gemeint hatte, zu einer abschließenden Erkenntnis zu kommen, denn was half es ihm, daß er wußte: Nach der letzten Denker Meinung ist mein Ich kein Wesen, sondern ein Geschehen, eine Beziehung, eine mittlere Linie aus subjektlosen Willensenergien; sondern zu dem Ende, daß er gänzlich die jugendbegehrliche Vorstellung von Gott abstreife, als einem Wunschwesen, von dem man allerlei erbittet, und die neue gewann, daß er so wenig Wesen ist wie ich selber, und doch mein lieber Vater im Himmel ist, der sich freut über meine Heimkehr.
Und wie das scheinbar zufällige äußere Wesen das innere umhüllt als sein rohes Abbild, so kamen nun auch die äußeren Ereignisse, die den Übergang zum Mannesalter bestimmen.
Die Tröstung, die Hans gewonnen hatte aus dem Evangelium vom verlorenen Sohne, wirkte darauf, daß er sich schnell kräftigte und von Tag zu Tag zunahm an Stärke und Freude. So geschah es, daß er bald sein Krankenstübchen verlassen konnte, dessen Wände eng waren mit einer ganz hohen Decke, und ging in den allgemeinen Saal hinunter. Hier saß er in einer seligen Müdigkeit am offenen Fenster, und frische Luft wehte an seinem lächelnden Gesicht vorbei in das große Zimmer, wo viele saßen und leise miteinander sprachen.
Da öffnete sich die Tür gegenüber, und in dem Luftzug blähte sich die Gardine auf, und wie Hans zur Seite blickte, sah er in der Türöffnung eine Krankenschwester stehen in der schwarz und weißen Tracht, die einen Blick hatte, der über vieles Nahe und Kleine hinweg in die Ferne zu schauen schien. Für einen kurzen Augenblick traf dieser Blick in seine erstaunten Augen, dann wendete sich die Schwester langsam und war wie unschlüssig und ging wieder zurück, woher sie gekommen, und die Tür schloß sich hinter ihr; auf deren weißen Fläche aber hob es sich deutlich ab wie ein leichter Schatten der Entschwundenen, welcher in dem Geiste Hansens gewesen war und nun von den körperlichen Augen gesehen wurde.
In Hansens Herz fiel eine schwere Ahnung, daß hier eine Schicksalswendung des äußeren Lebens begann, und auch das Mädchen hat in jenem Zusammenstoßen des Blickes ihr Herz erbeben fühlen. Nach der Zeit erfuhr er, daß das Mädchen jene Gräfin Maria war, mit welcher er als Kind gespielt hatte in dem Forsthause seines Vaters. Die hatte bei ihrer Arbeit nicht gefunden, was sie erwartet. Eintönig ging das Leben hin zwischen gewöhnlichen Menschen, die nur an die kleinen Sorgen des Lebens dachten, und deren Aufschwung nur etwa einmal ein gemeines Vergnügen war, in dem sie sich von der Gleichmäßigkeit der täglichen Pflicht erholten. So kam sie dahin, daß sie ganz allein war und sich fremd fühlte zwischen den andern, wie sie sich schon zu Hause fremd gefühlt hatte, und weil sie nichts andres wußte, so meinte sie am Ende, das müsse so sein, und es gebe keine Gemeinsamkeit mit andern, und ein jeder Mensch sei ein tiefer Brunnen, den eine Mauer umzieht, der kann die Wolken wohl spiegeln, und das tiefe Blau des Himmels, und die goldenen Sterne, aber weiß nichts von den andern Brunnen im Garten, die schweigen, wie er selbst schweigt, und ihr dunkles Auge blickt sehnsüchtig in den hohen Himmel. Und so war sie zu der Meinung gekommen, daß wir zwar in unsrer Jugend glauben, es sei ein Glück und ein Ziel unsres Lebens für uns bereitet irgendwo, aber das ist nur ein Glaube unsrer Jugend, der bewirkt, daß wir wachsen und groß werden, und dann ist er nicht mehr notwendig und verschwindet in Dunst vor unsern Augen. So war sie zu dem Punkt gekommen, wo die Liebe das größte Glück für sie werden mußte, denn die zeigte ihr ein Ziel und Ende des Lebens.
Und desgleichen war Hans nun auf diesem Punkt, denn er war ein Mann geworden, und nun mußte er Weib und Kind haben und eine Stelle in der Gesellschaft, wo er arbeiten konnte mit den Kräften, die er in den Jünglingsjahren sich erworben hatte.
Unterdessen fand auch Karl den Hafen, in dem er jene Art von Ruhe haben sollte, die für ihn bestimmt war.
In Italien traf er ein Kloster, das ganz abseits lag von der Straße, in einem großen Frieden einer Landschaft, die mit weiten Zügen das Auge wunderbar beruhigte, daß ein Mensch keine Sehnsucht mehr empfand. Da war ein heimlicher und stiller Kreuzgang um einen kleinen Hof, in dessen Mitte wuchs ein uralter Ölbaum in tiefem Frieden, dessen Blätter doch die salzige Luft atmen mochten, die vom Meere her über das Dach der Kirche wehte in diese Ruhe und Abgeschlossenheit. Vor vielen Jahrhunderten war der Baum gepflanzt und waren die zierlichen Säulen des Kreuzganges gemeißelt von liebevollen Händen nach Gedanken voller Gestalten und Bilder, und damals war wohl lebendig, jung und bunt gewesen, was heute so beruhigte und freundlich machte, als ein abgeklärtes Alter. An drei Seiten, denn auf der vierten lag die Kirche, führte Tür neben Tür jede in ein kleines und abgeschlossenes Häuschen mit einem winzigen Garten, umgeben von hoher Mauer; in jedem Häuschen wohnte ein Mönch still für sich, der die Blumen seines Gartens pflegte und Bücher las, alte Bücher, in Pergament gebunden und mit großen Schließen, die auf den Seiten bunte Anfangsbuchstaben hatten, und oft waren die Anfangsbuchstaben vergoldet. Wenn die Glocke erklang vom Turm der Kirche herab, dann kam jeder aus seiner Tür, in seinem weißen Gewande, und mit freundlichem Lächeln begrüßten sie einander durch wortloses Neigen des Hauptes und gingen in den dämmernden Chor in die hohen geschnitzten Stühle, beteten und sangen. Und wie über dem gewundenen Ölbaum die Jahrhunderte still hingezogen waren, daß es schien, als seien sie kurze Tage gewesen, denn in gleicher Ruhe lächelte der helle Himmel auf ihn nieder und in gleicher Stille wehte die salzige Luft über das Dach der Kirche, so war noch heute der Zug der weißgekleideten Mönche wie zu der Zeit des heiligen Benedikt, und waren die Jahrhunderte still hingezogen wie freundliche Sommertage, indessen draußen in der Welt Unruhe gewesen war, Krieg, Aufstand, Gewissenszweifel, Umsturz, Neues und wieder Neues; nur daß die uralten Säulchen der Kreuzgänge nicht mehr an Jugendfrische denken mochten und an bunte Keckheit, sondern an ein friedliches und beruhigtes Alter.
Hier verbrachte Karl erst eine Prüfungszeit, nachdem er zur katholischen Kirche übergetreten, und am Ende wurde er mit unter die Zahl der Mönche aufgenommen.
Da sah er, daß auch hier Wirkungen der heutigen Zeit zu verspüren waren. Denn zwar fand er einige unter seinen neuen Freunden, die kaum etwas wußten von dem, was ihn bewegt, und die nichts erlebt hatten, wie das Alte, das in ihren viel gelesenen Büchern stand; aber zwei Männer waren da, die waren gleich ihm geflohen in diesen Frieden, weil sie zu schwach gewesen, nur daß ihre Geschichte grausiger war wie die seine und sie gänzlich gebrochen hatte.
Der eine war ein Deutscher, der aus einer sehr alten und vornehmen katholischen Familie stammte, die indessen durch viele Unglücksfälle im Laufe der Zeiten fast gänzlich verarmt war. Seine Eltern lebten in einer ganz entlegenen Gegend auf einem kleinen Gut, das seit vielen Jahrhunderten der Familie gehört hatte; und auch jetzt noch, in ihrer Armut, erschienen sie den Gutsleuten als besondere und höhere Wesen, denn auch die Leute waren hier seit undenklichen Zeiten ansässig, und einer jeden Familie Geschichte war in irgendwelcher Art mit der Herrschaft vielfach verknüpft, und alles, was die Herrschaft tat, war ihnen bekannt. Noch der Großvater der jetzt Lebenden hatte auf seinem Sterbebette bestimmt, daß ein Totengericht über ihn abgehalten werden sollte von den armen Leuten der Gegend, denn er wollte aufgebahrt werden im großen Saale, und die Leute sollten hereinkommen, und der Priester sollte sie fragen, was sie urteilten über ihn und seinen Wandel.
Dieser Familie Sohn kam als junger Offizier nach Berlin und sah hier die Leichtigkeit des Lebens, und wie keiner einen Willen hatte, sondern alle umgetrieben wurden durch den reißenden Maelstrom, und dabei glaubten sie, es geschehe durch ihre eigne Kraft, daß sie schwammen, und sei ihr Wille so. Da wirkte dieser Strudel so auf ihn, daß er unmerklich wurde wie die andern und ihm das Leben leicht ward, weil er keinen Willen mehr hatte und nicht mehr dachte, was morgen geschehen werde. So geriet er schnell in Schulden, und war ihm das gar nicht wichtig, denn er sah, daß alle andern gleichfalls verschuldet waren. Aber wie er nun wegen der Bezahlung gedrängt wurde und sich an seinen Vater erinnerte, der bei Tische abmaß, wieviel Brot er abschneiden durfte, damit der Laib auch hinreichte, und dann dachte er, daß das gar nicht zu Erzählungen paßte, welche die andern von ihren Eltern machten, da wurde es ihm unmöglich, daß er fernerhin so war wie die andern. Nun fand er indessen aber auch nichts in sich selbst, wie er handeln sollte, und so geschah es, daß er etwas ganz Neues beging, welches in dem gesamten Kreise noch nicht erhört war, er hat nämlich das Geld einem Kameraden gestohlen.
Wie er das getan, hatte er keine Ruhe mehr, sondern machte sich heimlich auf und entfloh nach Holland, weil er dort wollte sich anwerben lassen für das Heer, das auf Java unterhalten wird. Es glückte ihm aber nicht gleich, an die rechte Stelle zu kommen, und so hielt er sich eine kurze Zeit in Antwerpen auf, und in dem Wirtshaus, wo er speiste, ward er mit einem ganzen Kreise von Abenteurern bekannt, die alle ähnliche Pläne und Absichten hatten, indem der eine in dieser und der andere in jener Weise gescheitert war. In dieser Gesellschaft kam einmal die Rede darauf, was ein jeder früher getrieben, und so wurde auch dieser Jüngling nach seiner Geschichte gefragt. Da er nach seinem ganzen Aussehen, Manieren und Haltung sich als früheren Offizier erwies, so mochte er nichts Ausgesonnenes angeben, wie viele von den andern getan hatten, sondern erzählte, daß er ein Offizier gewesen sei und wegen eines Ehrenhandels den Dienst verlassen haben; nur nannte er ein andres Regiment. Wie er den Namen genannt hatte, da stand ein Mann auf, der rechts zur Seite gesessen und ihm immer am wenigsten gefallen von allen; er war ein großer Mensch von soldatischer Haltung, der einen starken Schnurrbart und gebräuntes Gesicht hatte und über dem einen Auge eine schwarze Binde trug, vielleicht, weil er sich unkenntlich machen wollte. Der stand auf und rief, jetzt erkenne er den Sprecher, denn er habe in demselben Regiment gestanden und sei sein Kamerad gewesen; damit ging er freundschaftlich auf ihn zu und drückte ihm mit großer Freude die Hand. Der Jüngling bekam einen heftigen Schrecken über diese Anrede, aber der Fremde ließ ihn nicht zu Worte kommen, sondern fragte ihn nach allerhand Namen, Personen und Geschichten, und erkundigte sich und beantwortete selbst seine Fragen; da wurde dem Jüngling klar, daß der Fremde ebensowenig bei dem Regiment gestanden wie er selber, aber er hatte gemerkt, daß seine Rede gelogen gewesen war, und da war er auf die Meinung gekommen, daß er etwas auf dem Gewissen haben müsse, was verborgen bleiben solle, und deshalb dürfe er ihn nicht Lügen strafen, wenn er selber sich auch auf das Regiment und alte Kameradschaft berief und dadurch vor den andern, die ihm mißtrauten, eine Art Beglaubigung beibrachte, daß er wirklich der sei, für den er sich ausgab. Und wie dem Jüngling das plötzlich klar wurde, da sah er des Fremden unverbundenes Auge mit einem ganz schlechten und widerwärtigen Ausdruck auf sich ruhen; und wie der wieder seine Hand faßte unter allerhand Beteuerungen, da war ihm nicht anders, als wenn ihn jetzt der Satan ganz gefangen habe und ihn nicht loslassen werde; und so begann der Fremde auch schon mit Vorschlägen, daß sie wollten zusammenziehen und gemeinsame Wirtschaft machen wegen der alten Kameradschaft.
Durch diese große Angst wurde die Reue in ihm lebendig und er ging in sich und sah ein, was er begangen hatte. Darauf bedachte er sich, daß er sein Verbrechen sühnen müsse, denn sonst konnte er sich nicht erretten aus der Hand des Satans. Da wurde ihm klar, daß er allein keinen Ausweg finden konnte, weil er zu geringe Erfahrung hatte und noch ohne Umsicht war, und fuhr deshalb zu seinem Vater, dem alles zu erzählen und um seinen Rat zu bitten, wie er sühnen solle; er meinte aber, das angemessenste sei, daß er sich den Gerichten anzeigte und ins Zuchthaus ging.
Sein Vater war ganz alt geworden, sein Haar war weiß geworden und er sagte ihm, daß er nicht als einzelner auf der Welt dastehe, sondern er sei der letzte eines ruhmreichen Geschlechtes, das immer in Ehren gelebt. Das sei nun schon ein sehr schweres Angehen, daß er nach solcher Tat das Geschlecht nicht fortsetzen dürfe, sondern es müsse mit ihm aussterben, denn wenn ein Dieb Kinder kriege, so werden die noch schlechter wie der Vater, und so müßte der Name ganz in Unehre fallen, wie so vielen alten und vornehmen Namen heute in unsern Tagen geschieht. Deshalb dürfe er aber auch das nicht tun, daß er seine Tat anzeige und vor aller Welt die Buße auf sich nehme, denn wenn die Welt erfahre, daß einer des Namens gestohlen habe, so sei es ganz umsonst, daß die Vorfahren gelebt hätten und hätten Ehre gehabt, denn alsdann ziehe er alle mit sich in seinen Schmutz. Darum solle er eine heimliche Sühne auf sich nehmen, die gab er ihm an, und die war schwerer, wie der Richter sie ihm auferlegt hätte. Denn fünf Jahre lang sollte er in einem Kloster die niedrigsten Arbeiten tun und den andern aufwarten, und dazu mußte er besondere Fasttage halten und hatte ein schlechteres Lager wie die andern, und mußte sich mit einer festgesetzten Zahl von Geißelhieben kasteien.
Dieses alles erfüllte der Jüngling genau, wie es ihm vorgeschrieben war, und nach einer Zeit wurde er ruhig in seiner Seele und kriegte eine neue Freudigkeit. So kam das Ende heran, wo er das Kloster verlassen durfte; aber da hatte er Angst vor der Welt, denn in der Welt hatte er Unrecht gehabt und Mißmutigkeit, und er dachte, er sei zu schwach, um draußen zu leben, deshalb blieb er in dem Kloster und war immer ein zufriedener und heiterer Mensch.
Der andre Freund, den Karl gewann, war ein geborener Protestant, ein Engländer. Der stammte von strengen und gläubigen Puritanern ab, die sich alle Lust verboten und nichts haben wollten im Leben wie Arbeit und Tugend, und reich geworden waren durch harte und kalte Tätigkeit. Von Geburt an war er blaß und kränklich gewesen und hatte als Kind solche Augen gehabt, die in den Himmel zu weisen schienen und sich fortsehnten aus den großen und leeren Stuben seiner Eltern in heitere und hohe Räume voller Luft und Licht.
Schon frühzeitig hatte er eine besondere Lust zum Zeichnen bewiesen, und nicht nur traf er immer mit großem Geschick die Ähnlichkeit, die er wollte, sondern es war auch ein Reiz von Schönheit und Anmut in seinen kleinen Bildern, der aus den Beziehungen der Linien kam und der Verteilung des Schwarzen und Weißen. Seine Eltern aber verboten ihm diese Übungen, wie sie seine heftige Leidenschaft sahen und wollten ihn zu einem klugen und gebildeten Kaufmann erziehen, der Gewinn finden konnte, deshalb betrieb er seine Künste im Verborgenen, unter häufigen Gewissensbissen, aber zuzeiten, wenn er es nicht mehr ertragen konnte, daß er sich Vorwürfe um seinen Ungehorsam machte, erzählte er seinem Vater von seiner Verfehlung, und dann wurde er streng bestraft; dann nach einer Weile konnte er seiner Lust doch nicht weiter widerstehen und verschaffte sich auf eine neue Weise die Möglichkeit, daß er sie befriedigte, und zeichnete was er mochte, denn die vorige Weise, die er seinem Vater gestanden hatte, war ihm unmöglich gemacht.
So wuchs er heran zum beginnenden Jünglingsalter, da veränderte sich plötzlich die Art seines Zeichnens und seiner Vorwürfe. Denn vorher hatte er Menschen, die er kannte, auf dem Papier abgerissen und sie verschönt, so daß sie einen himmlischen Ausdruck bekamen und edler schienen wie im Leben, und am liebsten hatte er ganz reine weibliche Gesichter gezeichnet, auf denen Gedanken zu lesen sein mochten, wie sie ein Engel ihnen in seltenen Augenblicken ins Ohr flüstert. Nun aber wendete sich alles Himmlische ins Teuflische, und in demselben Gesichtsschnitt war statt Reinheit und Klarheit wüste Unreinheit und gemeine Begierde, und nicht auf einfach Sinnliches ging das, sondern auf etwas Schmerzensvolles und wider alle Natur Scheußliches. Er selbst aber beharrte in seinem bisherigen Leben und war fleißig in seiner Arbeit, die ihm aufgezwungen war durch die Eltern, und keine Handlung beging er von unkeuscher oder unreiner Art; vielmehr war er vor Mädchen und Frauen von seltsamer Befangenheit und Furcht, und oft errötete er im Gespräch mit ihnen und schlug die Augen nieder; nur, daß er seinem Vater nichts mehr gestand von seinen heimlichen Kunstübungen, und so verborgen trieb er die, gelehrt durch die früheren Jahre und ihre Heimlichkeit, daß der Vater gar keinen Argwohn mehr hatte und ganz fest glaubte, sein Sohn habe das Zeichnen endlich aufgegeben. Daß er aber seinem Vater nichts mehr gestand, war seit dem ersten Bilde in seiner neuen Art.
Nun trieb es ihn indessen immer weiter in seiner eingeschlagenen Richtung und dachte sich aus, daß er nackte weibliche Körper zeichnen wolle in wunderlichen Bewegungen, und sollte etwa eine solche Figur Handschuhe tragen oder einen Schnürleib und strengte seine Gedanken ganz stark an, daß er sich ein solches Bild denken konnte, indem er nachts heimlich in seiner Kammer sich nackt auszog und vor dem kleinen Spiegel über dem Nachttisch seinen eigenen Körper betrachtete, der schmal war und ganz unreif, und in einem japanischen Bilderbuch, welches er verborgen aufhob, studierte er die nackten Frauenleiber, und auf der Straße achtete er auf die Frauen, die ihm begegneten, besonders wenn etwas Wind war und ihr Körper sich durch die Gewänder beim Schreiten abzeichnete, und entkleidete sie in seiner Vorstellung, daß sie nackt dahergingen; und in alledem war eine schmerzliche Sehnsucht und eine tiefe Lust.
Unter diesem Studieren und Arbeiten bekam er eine Sammlung von Heiligengeschichten in die Hand, die las er sehr eifrig, und besonders die Geschichten von den heiligen Frauen, wie der heiligen Katharina von Siena und der heiligen Rosa von Lima. Denen ahmte er nach in den Kasteiungen und beschaffte sich eine Kette, schlang sich die um den Leib, und die Kette rieb ihn blutig und drang ihm ins Fleisch, aber die Schmerzen taten ihm wohl, und damals wäre er glücklich gewesen, wenn es ihn nicht zu gleicher Zeit nach dem andern gedrängt hätte; so zeichnete er die heilige Rosa, wie sie als ganz junges Mädchen auf einer Wiese steht und von vielen Schmetterlingen umflattert wird, die in ihrer Heimat Peru wunderbare große Flügel und herrliche Farben haben, und ein ganz großer Falter hatte schwarze und weiße Flügel, der setzte sich auf ihre Schulter, und das war eine Berufung für sie, welchem Orden sie angehören sollte. Dieses Bild zeichnete er, aber die heilige Rosa hatte er ganz nackt gemalt, als ein dürftiges weibliches Wesen mit langen Haaren, die in sonderbaren Schlangenlinien gingen, und um ihren Mund spielte es wie eine schmerzliche Wollust und zugleich eine Unfähigkeit zur Lust. Solche Bilder aber mußte er immer zeichnen und seine seelische Unkeuschheit wurde immer stärker.
Am Ende wurde er sehr leidend, und wie ihn die Ärzte untersucht hatten, sagten sie, daß seine Lungen erkrankt seien und er müsse nach dem Süden gebracht werden. Da ließ ihn sein Vater gen Italien reisen, und wie er eine Weile an der Riviera gelebt hatte und gesünder geworden war, erfuhr er, daß sein Vater plötzlich gestorben sei. Da machte er sich gleich auf und ging zu dem Kloster und lebte dort eine Weile, bis er es endlich erlangte, daß er in die Zahl der Mönche aufgenommen wurde.
Außer diesen zwei Männern waren in dem Kloster nur Brüder, die keinerlei Geschichte gehabt hatten. Ein ruhiges und fröhliches Leben führten sie unter allerhand sonderbaren Sachen; da hatten sie ein Schränkchen, das war ganz mit Ruinenmarmor ausgelegt und eine Sammlung von Stücken aller Holzarten besaßen sie, die geschnitten und behobelt waren wie Bücher, auch ein Stück Zedernholz vom Libanon war darunter; eine besondere Kostbarkeit schien aber ein Bildnis der Muttergottes, das aus bunten Vogelfedern hergestellt war, und ein Kirschkern, auf dem ein Bruder die ganze Leidensgeschichte geschrieben hatte, daß man sie mit der Lupe lesen mußte, und fehlte kein Buchstabe.
Sehr selten geschah es, daß Fremde das Kloster besuchten, die alte Wandbilder aus Giottos Schule betrachten wollten; dann sprachen die Brüder bei Tische viel darüber, aus welchem Lande die Reisenden wohl stammen mochten und ob sie Protestanten waren oder Katholiken, wunderten sich auch, daß sie so wenig Freude an dem Kirschkern und dem Muttergottesbild zu haben schienen. Zuweilen wurde dann wohl darüber gestritten, ob die Protestanten bald zur Kirche zurückkehren würden oder noch lange in ihrer Verstocktheit beharren.
So lebte Karl, und von seiner früheren Welt erfuhr er fast nie mehr etwas, nur einmal kam zu ihm eine Nachricht über seine geschiedene Frau. Johanna hatte nach der Trennung ihren Kreis von alten Freunden beibehalten und auch durch neue vermehrt, und hatte ein Ansehen in ihrer Gesellschaft, daß viele auf ihre Meinung hörten und sie selbst hochhielten als eine Vorkämpferin und Befreierin. Alle in diesem Kreise lobten unsre heutigen Zustände und sagten, daß in unsern Tagen zum ersten Male das Individuum die Möglichkeit gänzlicher Freiheit erhalten habe, denn indem die Gesellschaft nicht mehr die volle Person in Anspruch nehme, sondern nur Betätigungen der Person verlange, so könne sich jeder zu dem entwickeln, was er werden wolle und unterliege keinem äußeren Zwange; und so dachten sie, daß aus jedem von ihnen ein Eigner und Besondrer werden müsse. Indem Johanna in diesen Anschauungen beharrte, schloß sie einen Liebesbund mit einem jungen Mann aus ihrer Gesellschaft und lebte mit ihm, und nach einiger Zeit sagten die beiden einander, daß ihre Liebe erloschen sei, und daß sie unsittlich handeln würden, wenn sie nun noch länger zusammenlebten, und so gingen sie in Freundschaft voneinander. Dann folgte eine neue Liebe, und in solcher Weise führte sie ihr Leben.
Es geschah aber, daß sie sich in diesen Umständen in Hoffnung fühlte, und hatte ein Kind. Da sagte der Vater zu ihr, daß sie nun sich gesetzlich heiraten müßten, weil die heutige Welt, obschon sie im Grunde wohl ganz neu sei, doch noch die alten Formen bewahrt habe, und deshalb sei in ihr kein Ort für eine solche Gruppe wie er, sie und das Kind, wenn sie keine Ehe nach der gebräuchlichen Form bildeten. Sie antwortete ihm jedoch, daß sie ihre Freiheit bewahren wolle und keinem Zwange unterliegen, und wolle ihr Kind auch allein aufziehen; und so tat sie auch, lebte für sich und besorgte das Kind, indem sie allen erzählte, daß sie eine geschiedene Frau sei, und das Kind habe sie von einem Freund; sie wurde aber sehr stolz und froh, wie sie verspürte, daß sie von vielen deswegen übel angesehen wurde, und meinte, daß alle Erlöser der Menschen beständigen Undank geerntet hätten, bis man später erst ihre Tat richtig erkannt. Dann begann sie und beschrieb ihr Leben von Kindheit an, und sagte, daß sie genau alles erzählen wolle, wie es in Wahrheit gewesen sei, und nichts wolle sie verschleiern, und dieses Buch dachte sie dann herauszugeben, damit jeder es lesen könne.
Die Komtesse Maria bewohnte ein kleines Stübchen, das auf einen stillen Hof hinausging, mit Möbeln, welche der Vermieterin gehörten, und hatten wohl deren gute Stube geschmückt, als der Mann noch lebte. Das Mahagoni, das die über ein Menschenalter gepflegt, war von einer gewissen Traulichkeit, und die Komtesse hatte durch allerhand kleines Wesen das Behagliche noch erhöht; so empfing eine gewisse Wärme des Frauenhaften Hansen beim Eintritt und erzeugte in ihm eine freundliche und friedliche Stimmung.
Es war einen Augenblick lang, wie sie aus der Kanne in seine Tasse goß; sie hatte eine nicht allzugroße Figur, und in ihrer Bewegung war etwas Hausmütterliches; er stand aufrecht da und schien groß und energisch; einen Augenblick lang hatten sie beide ein Gefühl: wie es wäre, wenn sie einander angehörten als Mann und Weib, und dieses wäre ihr Heim, das die Frau freundlich und friedlich machte, damit der Mann Ruhe fände, und der Mann erhielte es, und die Frau hätte bei ihm Sicherheit. Aber schnell verschwand das Gefühl durch Demut und Stolz, denn sie meinten jeder, der andere sei höheren Glückes wert, und er wolle nicht unbescheiden sein.
Dann erzählten sie sich. Zuerst war das Gespräch recht zaghaft, denn als Menschen, die viel für sich gelebt, verstanden sie nicht die Kunst der leeren Worte und scheuten sich, formelhafte Reden zu gebrauchen, bei denen sie nichts empfanden; aber bald wurden sie recht eifrig, denn sie waren auf etwas gestoßen, dafür sie beide Wärme hatten, nämlich auf gelesene Bücher.
Da ereignete sich etwas Wunderbares. Sie sprachen von diesem Buch und jenem, und beide hatten dieselben Bücher gelesen und waren auf die gleichen Fragen gekommen und hatten die gleichen Gedanken gehabt. Sie vertieften sich ganz im Zeigen und Wiedererkennen, und vergaßen sich, und im Eifer geschah es Hans, daß er zu der Gräfin sagte „Du“, worüber sie rot wurde, er aber merkte nichts. Und dann wieder kam ihnen das Märchenhafte zum Bewußtsein, daß sie sich gesehen hatten als kleine Kinder vor vielen Jahren, und jetzt waren sie beide erwachsene Menschen, und in der Zwischenzeit hatten sie ihre Köpfe über dieselben Schriften gebeugt, hatten dieselben Lehren ihren Geist erschüttert, dieselben Fragen sie umhergetrieben, und hatte doch keiner vom andern gewußt, als daß sie einmal zusammen gespielt im Heu und im alten kleinen Forsthause im Walde. Und jedem war gewesen lange Jahre hindurch, als sei er allein in der Welt, und die Menschen waren ihm nur Schatten und Geräusche und lebten nicht, und nun zeigte es sich, daß es noch einen Menschen gab, der alle diese Gedanken und Gefühle gehabt hatte; und plötzlich war es jedem, als sei die Welt nun lebendig geworden aus einem Zauber, und alle Menschen hätten Seelen bekommen. Hans hatte wohl viele Menschen getroffen, die ähnlich sprachen und dachten und ähnliches studiert hatten wie er, aber die waren ihm doch tot gewesen, das wußte er jetzt. Denn was das Lebendige zwischen ihnen schuf, das merkten sie beide nicht in Harmlosigkeit, nämlich, es kam zu den gleichen Meinungen und den gleichen Büchern, daß er ein Jüngling war und sie eine Jungfrau, und daß sie an seiner Brust liegen konnte und er sie umschlungen halten konnte. Das war ein Glück in ihnen, das sie noch nie gespürt. Sie überhasteten sich in ihren Reden, fragten und erwarteten keine Antwort, machten Pläne, nahmen sich Vorsätze vor, und lachten, ohne daß sie einen rechten Grund hatten.
Noch vor einer Stunde waren sie einander fast fremd gewesen, und nun schien es ihnen, als ob sie zueinander gehörten, so hatten sie ohne Scheu ihre natürlichen Bewegungen, und Maria legte ihre Füße auf einen kleinen Schemel, wie sie gewohnt war, ohne daran zu denken, daß sie einen fremden Herrn zum Besuch hatte, nicht einen Bruder oder Gatten; plötzlich fiel ihr die Unschicklichkeit auf, und sie errötete. Wie ein kleines Mädchen errötete sie, und so glücklich sah sie aus, wie ein kleines Mädchen in ihrer Schwesterntracht und glattgestrichenem Haare. Durch ihre Bewegung wurde er aufgeschreckt, sah nach seiner Uhr und fand mit großer Bestürzung, daß er ganz unschicklich lange geblieben war, so stand er hastig auf, und mit einer gewissen Befangenheit trennten sich die beiden.
Als Hans sie das zweite Mal besuchte, waren sie verlegen und kalt, und in ihre Worte wollte keine Wärme kommen, und was sie sagten, sagten sie nicht aus Liebe und Überfluß, sondern um ein schleppendes Gespräch zu erhalten; und weil alles, was vorher so rosig erschien, jetzt grau war, so prüften sie nach bei sich und fanden, daß sie eine eigentliche Belehrung doch das vorige Mal nicht voneinander empfangen hatten, und daß sie ein jeder das schon gewußt, was besprochen war; aber weder er noch sie warfen die Schuld davon auf den andern, sondern meinten jeder, der Grund liege bei ihnen selbst; so trennten sie sich sehr früh.
Nachher machten sie sich schwere Gedanken, wußten sich nicht zu erklären, woher die Kälte und Verlegenheit gekommen, und meinten jeder, er selbst sei schuld daran, indem er das erste Mal aufdringlich gewesen sei. Denn schon hatte in der Zwischenzeit die Liebe ihre seltsame Arbeit in ihren Seelen ausgeübt, nämlich den Geliebten verschönt und erhöht und so geschmückt, daß er ein ganz andres Wesen wurde, aus einem kleinen Menschenkinde mit seiner Angst und Verlegenheit ein zürnender Engel, der unnahbar ist durch seinen Glanz und Größe. Und so sagte Hans bei sich, daß er von niederem Herkommen war und später selten vornehme Leute getroffen, denn die meisten Bekannten und Gleichstrebenden waren ähnlicher Abkunft wie er, deshalb wußte er manches nicht, was schicklich war, etwa ob man die Beine übereinanderschlagen durfte, denn in einem Buche über den feinen Anstand, das er durchstudiert, war das verboten, und vielleicht habe er die Komtesse durch solche Nachlässigkeit beleidigt, und sie denke etwa nicht, wie man sie erklären müsse bei ihm, sondern meine, weil sie Krankenpflegerin geworden sei und ihren Stand verlassen habe, so glaube er, daß man in solchen Dingen ihr gegenüber nicht so sorgfältig zu sein brauche, und solche Ansicht müsse sie natürlich kränken. Und Maria dachte, daß Hans schnell alles spürte, was unsittlich oder unschicklich sein mochte, denn sie kannte auch seinen Vater gut und sah ihn in ihrem Geiste neben ihrem Vater hergehen; da schien ihr, daß sie nicht weiblich gewesen sei, und er könne meinen, sie sei nicht zurückhaltend, und sie fürchtete, er halte sie für schamlos.
Zu diesen Sorgen kamen noch kleine Mißverständnisse und allerhand solche Vorfälle, die bei Liebenden eintreffen; so lebten beide recht unglücklich, wie es ja gewöhnlich ist, auch bei klugen und guten Menschen, in den ersten Liebeszeiten; denn alles ist da noch trübe, unbekannt und unausgesprochen, und erst wenn das klar und geordnet ist und eine ebene Straße sich unter den Füßen hinzieht, kann ruhiges Glück hereinfließen. Aber je selbständiger zwei Menschen sind, desto schwerer ist offenbar ein solches Ziel zu erreichen.