Erstes Buch (continued 2)
Reading edition
Noch andre Freuden hatte der Pastor, die er mit Hansen teilte, weil der so nachdenklich war. In einem Glasschrank stand ihm ein Straußenei und eine Kokosnuß und viele fremde Muscheln; dazu Pfeile von wilden Völkern, ein großer Bergkristall und die Fingernägel eines vornehmen Herrn in Siam; denn die adeligen Siamesen beschneiden ihre Nägel nicht, aus Stolz, sondern lassen sie lang wachsen, daß sie wohl fünf Zoll erreichen und mehr und sich wunderlich krümmen. Zu Winterzeiten hielt der Pastor allwöchentlich eine Missionsstunde ab, in welcher er vieles erzählte von dem Leben der Wilden, daß die nackt herumlaufen, wie sie Gott geschaffen hat, und sich gegenseitig verzehren und Götzen anbeten, die sie selbst gemacht aus Stein oder Holz; so elend ist der natürliche Mensch. Da zeigte er dann auch seine Seltenheiten herum, das Straußenei und die Kokosnuß, die Pfeile und die grausamen Fingernägel aus Siam; und war um diese Missionsstunden eine große Liebe für die armen Heiden in der Gemeinde, und viel wurde geopfert. An Hans hatte der Pastor eine große Freude, daß er so offenen Herzens war für alle solche Kenntnis, und deshalb erzählte er ihm vieles, was ihm auf dem Herzen lag. Er erinnerte ihn aber ganz an seinen Vater, den Förster. Der war zu ihm gekommen, wie er selbst Student war, als ein armer Junge, der eine Waise war und schon in den Wald gehen mußte auf Arbeit, um das Brot für sich und seine Mutter zu verdienen; denn das Gnadengeld, das die Mutter bekam für ihren toten Mann, betrug nur zehn Silbergroschen die Woche, und das reichte nicht aus für die beiden; hatte also den Studenten gebeten, er möge ihm Stunden geben in der Mathematik, des Abends, wenn er aus dem Wald nach Hause käme, weil er nicht Arbeiter bleiben wollte, sondern wollte einmal Förster werden, und gestand, daß er nur einen halben Groschen zahlen könne für die Stunde. So war er denn ins Pfarrhaus gekommen um acht Uhr in der Dunkelheit und hatte sich in des Studenten Dachstübchen an den Tisch gesetzt und gelernt. Aber weil es warm war in dem Studierstübchen, und er hatte den Tag über fleißig gearbeitet in der Kälte, so wurde er müde, und die Augen fielen ihm zu wider Willen, mitten während eines Beweises. Da hatte der Student Mitleiden gehabt mit dem armen Jungen, hatte ihn schlafen lassen und derweilen, eine lange Pfeife rauchend, in Bengels Gnomon studiert, bis der wieder aufwachte, sich besann und weiterhin aufmerksam folgte, wie sein Meister lehrte. So lange war das nun her, und jetzt wollte der Sohn dieses armen Jungen selbst einmal Student werden und später ein Prediger, und das geschah darum, weil der Junge von damals so fleißig und treu gewesen war. Auch für des Pastors Blumen hatte Hans viel Liebe und Staunen. Vornehmlich an Topfpflanzen hatte sich der Pastor gefreut, wenig am Garten, als ein rechter Stubenhocker, der den lieben Sonnenschein so recht genoß durch die kleinen Scheiben seiner blumenbestandenen Fenster und zu Winterszeiten im warmen Schlafrock sein geheiztes Stübchen liebhatte.
Da standen merkwürdige Pflanzen, besonders viele Kaktuspflanzen; dabei war auch eine Königin der Nacht, die nur einmal im Jahr blühte, und dann nur eine Nacht. Wenn diese Nacht war, so lud der Pastor den Förster, den Lehrer und den Amtmann zu sich ein, die Frau Pastorin setzte Wein und Torte vor, und dann wurde abgewartet, wie sich die Blume öffnete. Eine ganz sonderbare Geschichte erzählte der Pastor von einer andern Pflanze, die er „japanische Rose“ nannte. In früheren Jahren hatte er einen solchen Topf von einem Amtsbruder geschenkt bekommen, der zwei Stücke besaß, die er selbst aus Stecklingen großgezogen. Lange Jahre wuchs, grünte und blühte das Gewächs; aber mit einem Male fing es an zu kränkeln, nahm ab und ging endlich ein; und zu der gleichen Zeit starb der Amtsbruder, von dem der Pastor den Topf erhalten. Diese Geschichte durfte Hans nicht weitererzählen wegen der menschlichen Schwachheit, weil Manche in der Gemeinde sich noch mit abergläubischen Gedanken trugen.
Der Pastor war ein Letzter einer langen Reihe, und weil er mit seiner Frau keine Kinder hatte, so schien es, als wolle die Natur nicht, daß er seine Art fortführte. Was so viele Generationen seit Jahrhunderten in innerlicher Arbeit erstrebt hatten, das war in ihm ein wirkliches Bild geworden; er wußte nichts von Schlechtigkeit oder bösem Wesen, und kam ihm etwas Schlimmes nahe in seiner Gemeinde, so machte er ein erschrecktes und betrübtes Gesicht, und dann lächelte er ungläubig, und seine Mienen zeigten an, daß er vor einem Fremden und Unverständlichen stand und keinen Rat wußte; bald aber fand er sich wieder und meinte, ein Irrtum sei das und eine falsche Auslegung der Wirklichkeit. Zwar, er predigte von der Erbsünde und von der natürlichen Bosheit des Menschengeschlechtes; aber in seinem Herzen wußte er nichts von diesen Lehren, er sprach da nur Worte, die er nicht verstanden. Mitten unter einer harten Bevölkerung lebte er, unter kleinen Bauern und Holzarbeitern, die wohl tüchtige und ordentliche Leute waren, unter denen keine Liederlichkeit oder Faulheit vorkam; aber ihr Leben floh hin bei dürrer Berechnung von Besitz und Erwerb, bei zähem Halten am kleinen Vorteil, der nicht ohne geringe Betrügereien war, wie sie bei solchen Leuten als ordnungsmäßig betrachtet werden. Die fanden bald heraus, daß der Pastor vom wirklichen Leben nichts wußte und keine Ahnung hatte von dem, was in ihnen vorging; deshalb hielten sie ihn für dumm, oder wie sie sich das vorstellten, für „überstudiert“; und in dem sie nun mit allem, was sie unmittelbar anging, sich fern von ihm hielten, vermehrten sie noch seine Täuschung über die Wirklichkeit, die ihn umgab.
Aber auch in der Seele solcher Menschen, die ganz beschränkt auf Irdisches und Bürgerliches sind, gibt es doch ein höheres Leben. Zwar gewinnt es scheinbar keinen Einfluß, denn es wird rasch bedeckt durch das Überwuchern des Wirtschaftlichen; aber vielleicht ist das ganz gut so, und wenn es anders wäre, würden solche Menschen Schwätzer und scheinheilige Salbader. Deshalb hatte der Pastor doch eine große und segensreiche Bedeutung für seine Gemeinde; sie wußten alle, daß er nicht an sich dachte und das Evangelium vom Rock erfüllt hatte; ja es gab sogar eine Geschichte über ihn von einem Paar neuer Stiefel und einem wandernden Handwerksgesellen; sie wußten, daß hier keine Lüge, keine Gier, kein Betrug war, keine Habsucht und kein unlauteres Wesen, sondern ein reines und frommes Herz und ein klarer und guter Sinn; und in dem bedrängten und beladenen Leben, das sie führen mußten, bei harter Arbeit und schweren Sorgen um das tägliche Brot und Kämpfen um die Ehrbarkeit des Wandels hatten sie an dem Pastor ein Bild wie das eines glücklichen und frohen Engels, der auf Erden wohnt, nichts weiß von Sünde und Schuld und Sorge und mit dem Finger zum Himmel weist, als zu einem freien und leichten Leben, das als Ziel uns allen vorschweben sollte. Und was bedeutet das für einen beladenen Menschen, der mühselig dahin geht, den Blick auf die Erde gerichtet! Aber es ist gut für uns, daß solche Menschen selten sind.
In ihrer Art ebenso merkwürdig wie der Mann war die Frau Pfarrerin.
Sie war frühzeitig Waise geworden und hatte von ihren Eltern ein ziemliches Vermögen geerbt; ihres jetzigen Mannes Vater, der alte Pastor, der ein entfernter Verwandter war, wurde ihr als Vormund bestellt und nahm sie zu sich ins Haus, sie mit seinen Kindern zusammen zu erziehen.
Schon als kleines Mädchen faßte sie eine Neigung zu dem ernsten Ältesten, weil er ein liebes und gutes Wesen hatte und in vielen kleinen Dingen besorgt werden mußte wegen seiner Zerstreutheit. Das hatte ihm eine Schwester einmal gesagt, da war er rot geworden und schämte sich, denn er dachte, sie wolle ihn hänseln. So behielt sie ihre stille Neigung, wie er von Hause fortkam auf die Schule, und wie er erwachsener wurde und auf die Universität ging; aber weil sie eine herbe und verschlossene Natur war und ohne Zutunlichkeit, so verspürte niemand etwas von dem, was sie heimlich bei sich dachte. Und auch der Student seinerseits, der durch seine Jahre selbstbewußter geworden war, wie er als Junge gewesen, dachte viel an sie mit Liebe und Hoffnung, nur hatte er noch so viel Schüchternheit, daß er ihre Begegnung mied, und spann sich noch mehr in seiner tabaksqualmigen Dachstube ein, wie er es sonst getan hätte ohne seine liebende Gesinnung.
Wie er seine Examina bestanden und hoffen durfte, daß er in wenigen Jahren eine Pfarre bekommen werde, da dachte er wohl, daß er nun wagen dürfe, mit ihr zu sprechen über das, was er im Herzen hatte. So geschah es, daß er einst an einem Sonntagnachmittag nach der Predigt mit ihr durch die Felder ging, und auf beiden Seiten stand der hohe Roggen, untermischt mit Kornblumen und roten Kornrosen. Und wiewohl er ihr nur ganz alltägliche Dinge erzählte aus Scheu, so spürte sie doch durch ein geheimes Überfließen seines Herzens, was er sagen wolle; aber da überfiel sie mit einem Male eine namenlose Angst und eine heftige Scham, und das spürte er sofort, und zwar hatte er in seinem Herzen eine Bewegung, die das richtig deutete, und er hatte Lust, sie in seinen Arm zu nehmen und an die Brust zu drücken, aber da überkam ihn aus einem andern Winkel seiner Seele plötzlich ein lähmendes Mißtrauen und eine Furcht, so daß sich alle Gefühle in ihm zurückzogen als erschreckt und ihm ganz starr wurde im Herzen.
So redete er mit stockender Aussprache weiter, was er Gleichgültiges angefangen, und ging neben ihr her; und ihre bebende Hand streifte einmal über das hohe Korn; da sah er, daß ihre Hand bebte, und es begann wieder lebendig zu werden in ihm; aber die Erstarrung war bei dem feinen Menschen zu groß, er wurde ihrer doch nicht wieder Herr, und so blieben die Worte ungesprochen zwischen den beiden, nach denen ihrer Beider Herzen sich sehnten, und sie gingen stumm nach Hause.
Da war aber eine Schicksalsstunde versäumt, die in langen Jahren nicht wiederkam. Sie dachte, daß sie sich wohl geirrt habe in ihrem Gefühl, daß er zu ihr neige, und er habe überhaupt keine wärmere Liebe für sie, nur für die andern; und er meinte traurig, für sie, die große, feste und herbe Jungfrau mit den geschlossenen Lippen sei er zu gering, und sie könne ihn nicht lieb haben, sondern müsse ihre Liebe auf einen andern richten. Ohne Eifer dachte er das und mit tiefer Trauer.
So vergingen Jahre ihnen beiden in stillem Sehnen, bis jenes Unglück über ihn kam mit seiner Schwester. Wie er von Hamburg zurückkehrte, da trieb es ihn, daß er zu ihr gehen mußte, die schon längst für sich gezogen war und allein hauste; sie waren aber nun beide Menschen weit über die vierzig; da erzählte er ihr alles, davon er doch manches gar nicht recht verstand, weder die blinde Leidenschaft der Schwäche seiner kleinen Schwester, noch die rohe Habgier der Schlechtigkeit bei dem Manne. Und wie er geendet und sie anblickte, ohne Rat und Trost, da sah er, daß in ihren Augen Tränen standen, die sie vergeblich zurückhalten wollte. „Weinst du über sie?“ fragte er. „Nein, über dich!“ rief sie in Selbstvergessenheit. Da vergaß auch er alles und fragte, als ob er träume, und lächelte dabei wie ein Kind: „Hast du mich denn lieb?“ Aber eine Erwiderung in Worten wurde nicht gegeben, sondern sie kamen zusammen mit ihren Herzen, und ihr Gesicht, das sonst unbeweglich und fest war, lag an seiner Brust und wurde von vielen Tränen überströmt.
So hatten sich die beiden gefunden, nachdem sie des Lebens Höhe schon überschritten und sich seit frühen Jahren nacheinander gesehnt; und als sie sich dann heirateten, da war es, als ob alles Glück, das für sie bestimmt gewesen und nicht verbraucht war in den langen Jahren, als ob das sich angesammelt habe und nun um sie sei, und verging kaum ein Tag, daß sie nicht darüber staunten, wie glücklich sie waren, und machten sich selbst aufmerksam auf dieses oder das in ihrem Leben, und freuten sich über sich selbst.
Und das war sonderbar, daß, wer die beiden allein sah, hätte gemeint, diese ernste Frau mit dem festgeschlossenen Mund müsse dem kindlichen Mann überlegen sein, auf dessen reiner Stirn nur die einfachen Gedanken zu lesen waren, die ihn bewegten; und sie konnte auch nicht gut mit Kindern umgehen, während dem Mann alle Kinder anhingen und ganz mit ihm sprachen wie mit ihresgleichen, welches der stärkste Ausdruck kindlicher Zuneigung ist. Wenn aber die beiden zusammenstanden, dann kam niemand mehr auf den Gedanken, der Mann könne schwächer sein wie die Frau, sondern das natürliche Verhältnis von Mann und Weib war offenkundig vorhanden, obwohl sie in vielen Dingen für ihn sorgte, daß er hätte ganz unselbständig scheinen müssen; so schnitt sie ihm bei Tisch das Fleisch vor.
Das Pfarrhaus hat für die Leute auf dem Lande etwas Festtägliches, durch die Ruhe, die wenigen Menschen in den vielen Räumen, die blitzenden Fensterscheiben mit den weißen Gardinen dahinter, die sandbestreute Diele und die frommen Sprüche, die im Flur angebracht sind. Und die beiden Leute waren festtägliche Leute dazu, das empfanden die Arbeiter und Bauern; und noch mehr empfand es der kleine Hans. Wenn sich die Haustür in der Pfarre hinter ihm geschlossen hatte und die Klingel lange nachschellte und er auf den Zehenspitzen über die Diele ging mit dem knirschenden Sand, der ein so lautes Geräusch zu machen schien, so schlug ihm jedesmal das Herz; und in Freude verwandelte sich die Ehrfurcht erst dann, wenn er dem freundlichen Pastor die Hand gab. Was sollen wir viel erfahren von dem, was äußerlich vorging in diesen Jahren? Auf Hans wirkte das Wesen der Alten, und das Wesen Karls hatte Einfluß auf ihn, zu den Wirkungen und Einflüssen, die er zu Hause hatte und im Wald; ganz wenig wirkten auf ihn die Jungen in der Schule und die Schule überhaupt, obwohl die einen großen Raum in seinen Erlebnissen einnahm; aber was er hier hatte, war nur ein Kennenlernen der Dinge, die ein Mensch gebraucht zu seinem äußeren Leben; diese aber sind für unsere Absichten gleichgültig.
Wie Hans in sein zwölftes Jahr kam, mußte er des Pastors Unterricht verlassen und in die Stadt gehen, das Gymnasium zu besuchen; mit ihm ging Karl Gleichen.
Hans wurde auf den Löwenhof gebracht, zu einem Ackerbürger, namens Löwe. Hier bekam er ein Dachkämmerchen mit einem Bett zum Schlafen, den Tag über mußte er sich in der Wohnstube der Leute aufhalten, an deren Tisch aß er auch; nur die Woche über war er hier. Sonnabends, wenn die Schule beendet war, pilgerte er durch das alte Stadttor hinaus, durch die Felder hinauf in den Wald nach Hause, und Montag früh ging er wieder zurück in die Stadt. Seine Mutter hatte abgemacht, daß sie für die Woche einen Taler bezahlen wollte an die Wirtsleute, den trug er Montags in der Tasche bei sich.
Diese Löwes waren alteingesessene Leute, deren Voreltern fleißig und sparsam gewirtschaftet hatten, bei ihnen aber ging alles auf, und es war wohl zu sehen, daß sie ihrer einzigen Tochter einst nichts hinterlassen würden. Das geschah aber so, daß sie nicht eigentlich liederlich waren, auch nicht wirklich verpraßten; nur war der Mann von langsamer Art und ein Schläfer, und die Frau, wiewohl flink und gewandt, liebte sehr das Essen, mehr aus Liebe zur Kochkunst wie aus Leckerei, denn es freute sie am meisten, wenn es andern schmeckte. Sonst aber waren sie ordentliche und gute Leute.
Um vier Uhr des Morgens weckte die Frau den Mann; der öffnete dann die Kammerfenster und rief die Knechte und die Magd wach; darauf sagte er, daß er erst wieder warm werden wolle und ging ins Bett zurück, aus dem er dann nicht vor sieben Uhr aufstand. Da pflügten die beiden Knechte schon lange auf dem Acker, und die Magd hatte längst gemolken; wenn aber des Herrn Auge nicht wacht, so geht der Pflug nicht tief und wird das Euter nicht leer, und vieles wird vertan und verworfen in der Wirtschaft. Die Frau ging in die Küche und sagte, sie fühle sich so schlecht im Magen, ihr sei, als müsse sie etwas Besonderes genießen; und so briet sie schon am frühen Morgen sich allerhand Leckerbißlein, davon sie auch, als eine kleine Person, dick und rund wurde, indessen der Mann mit dem verschlafenen Gesicht mager und lang war.
Wohl sahen sie selbst ein, daß sie auf diese Weise immer mehr zurückkamen, und namentlich an den Quartalsterminen wurde ihnen das klar. Aber sie vermochten nichts an ihrem Leben zu ändern; wenigstens muß man rühmen, daß sie sich nicht gegenseitig Vorwürfe machten. Nur heimlich klagten sie wohl einem andern ihr Leid, und zu solchem Vertrauen erwählten sie sich ihren Kostgänger Hans. So rief ihn etwa die Frau in die Küche, briet eine schmackhafte Gänseleber, schob ihm die zu und sprach: „Iß, sie ist mit ungesalzener Butter gebraten“, und erzählte dann von ihrem Leben, daß sie viele Anbeter gehabt habe, die sie zur Frau gewollt hätten, aber sie habe nun zu ihrem Unglück diesen Mann genommen; der sei zwar gut zu ihr und trinke auch nicht, aber er sei träge und schlafe zu viel, und sie könne allein das Wesen nicht halten, so viel Mühe sie sich auch gebe; dazwischen erzählte sie, daß sie in die Nudeln, mit denen die Gans gestopft wird, buchene Asche nehme, rühmte auch wohl die gebratenen Kartoffeln und erzählte, von welchem Landstück man die Kartoffeln zum Braten nehmen müsse, und von welchem sie als Salzkartoffeln oder in der Schale am besten schmeckten; und am Ende weinte sie in die blaue Schürze und sagte, wenn sie noch einmal heiraten sollte, was ja Gott verhüten möge, denn ihr Mann sei ja gesund und wohl, aber unmöglich sei doch nichts, so werde sie sich besser in acht nehmen. Und der Mann rief den Hans zu sich, nahm die kurze Pfeife aus dem Mund, tippte ihm damit auf die Brust und erzählte, was er für ein Kerl gewesen sei in seinen jungen Jahren, und was er für Mädchen hätte heiraten können, lobte dann seine Frau, daß sie ja gut sei und auch flink, aber sie sei zu sehr auf das Essen und Trinken, und darüber gehe das Haus zugrunde. Aber, meinte er, man könne ja nicht wissen, wenn seine Frau einmal sterben sollte, so werde er sich in seiner zweiten Ehe ganz besonders vorsehen; und so waren beide schon recht in die Jahre gekommen und meinten doch, nach unbedachter Leute Art, daß sie ihr Leben immer noch vor sich hätten und es nach ihrem Gefallen lenken könnten.
Die Tochter der beiden war wenige Jahre älter wie Hans, gutmütig und still, und hatte der beiden Eltern Eigenschaften in sich vereinigt, schlief viel und aß gern und war in ihren jungen Jahren auch schon artig aufgegangen zu einem kugelrunden und zufriedenen Fräulein.
Hans aber hatte es gut in der Familie und wurde rechtschaffen gefüttert für seinen Taler.
In der Schule war ihm das Einleben recht schwer. Da bestand eine allgemeine Verschwörung gegen die Lehrer: alle Schüler hielten zusammen, logen sich gegenüber dem Lehrer heraus, betrogen diese auch, untereinander aber logen und betrogen sie nicht. Hätte einer sich dieser Ordnung nicht gefügt, so hätten sie ihn alle verachtet.
Karl fügte sich sehr schnell in die Verhältnisse, sah in seines Nachbars Hefte und hatte beim Abfragen ein Buch unter der Bank liegen; und wie der Lehrer einmal eine Aussage von ihm wollte, log er mit offener und heiterer Miene. Hansen war es nicht möglich, sich so zu geben, gleichwohl aber sah er wohl ein, daß er nicht gegen die andern auftreten konnte, und so stritten das alte Pflichtbewußtsein und das neue, das er hier bekam, eine lange Zeit in ihm miteinander, bis er endlich einen Ausweg fand, indem er selbst zwar keine Betrügereien mitmachte, aber willig seine Hefte und Bücher hergab, wenn die andern sie benutzen wollten. Als einmal sein Nachbar beinahe ertappt wurde und der Lehrer ihn befragte, wurde er sehr rot und verlegen und sagte ängstlich, er wisse von nichts.
Die Lehrer hatten allerhand Spitznamen, mit denen die Schüler sie unter sich nannten; allmählich gewöhnte er sich auch daran, sie so zu nennen, immer aber behielt er dabei noch eine gewisse Scheu und Unbehaglichkeit.
Zwar nahmen die Schüler im ganzen und großen seine Art ruhig hin ohne besonderes Nachdenken, einmal aber kamen sie doch auf den Gedanken, sie möchten ihn hänseln, weil er anders war wie sie, und fiel ihnen ein, sie wollten ihn auf den Klassenschrank setzen. Da wich er erst zurück und zog seine Arme fort, an denen sie ihn anfassen wollten, aber wie sie ihn endlich umringt hatten, und weil er sich aus Verlegenheit nur ungeschickt und schwach wehrte, da hoben sie ihn bald unter lautem Geschrei auf den bestimmten Thron. Wie er da saß, standen ihm vor Kummer die Tränen in den Augen, aber wie er auch Karl unter der Schar seiner Peiniger erblickte, da faßte ihn ein heftiger Gram, und es überkam ihn eine besinnungslose Wut, und er ergriff eine zusammengerollte Landkarte mit Stäben, die da oben lag, und hieb unbarmherzig mit aller Kraft auf die Köpfe unter ihm ein. Die Jungen schrien auf, und der Schwarm wickelte sich schnell auseinander, er aber sprang mit seiner Waffe vom Schrank herunter und verfolgte die andern, die vor ihm flohen, bis sie zuletzt alle zur Tür hinausliefen und diese von außen zuhielten, damit er ihnen nicht nachkommen solle, denn sie waren in heftige Furcht gekommen. Nach diesem Vorkommnis ließen sie ihn in Ruhe, ohne sich übrigens besondere Gedanken über den Grund zu machen; er aber überlegte sich das Ganze reiflich und kam zu dem Schluß, daß einer, wenn er sich nicht fürchtet, gar keine Gefahr läuft und wohl dreißig in die Flucht schlagen kann.
Fünf Jahre mußte er auf dem Gymnasium verbringen, das waren die fünf schlimmsten Jahre seines Lebens. Damals fühlte er wohl den Druck und hatte das unbestimmte Gefühl, als sei er Gefangener in einem Zuchthaus, aber weil alle um ihn herum in derselben Weise lebten und dieses Leben ganz natürlich und angenehm fanden, so kam ihm sein Unglück nicht zum Bewußtsein, und er litt nur dumpf. So hatte er es später leichter, wie er schwere Zeiten durchmachte, in Gewissenskämpfen und Sorge um das tägliche Brot, denn da fühlte er sich innerlich doch immer froh, wenn er dachte, daß das alles, was man als das Schlimmste hinstellt, doch nicht so schlimm war wie dieses Leben in der Schule, das damals allen natürlich und angenehm erschien, wenn auch alle litten gleich ihm.
Vieles wurde gelehrt, was ein jugendliches Herz wohl hätte begeistern können; aber was die Lehrer sagten, und was gelernt werden mußte, war gleichgültig und eine gemeine Arbeit ohne Sinn, wie sie ein Holzarbeiter verrichten mag, der denkt: am Sonnabend habe ich meinen Lohn verdient; und einen andern Sinn hat seine Arbeit nicht für ihn. So war auch in der Schule alles Arbeiten nur aus dem Zwecke zu verstehen, daß man solche Dinge wissen mußte, wenn man das Examen bestehen wollte; das mußte man aber bestehen, sonst durfte man nicht studieren; deshalb freuten sich auch alle auf die Universität, denn sie hofften, daß sie da das Zweckvolle und Sinnreiche sehen würden. Aber weil die Arbeit allen zuwider war, und weil alle das gleiche wissen mußten, Kluge und Dumme, so kam zu dem noch hinzu, daß die Dinge, die man wissen sollte, so lange wiederholt wurden und breitgetreten, bis sie auch bei dem Dümmsten und Gleichgültigsten festsaßen. Traurig und matt saßen die Jungen auf ihren Bänken, sahen sehnsüchtig aus dem Fenster, wo die Schneeflocken wirbelten und eine frische Kälte war, oder starrten auf die tintenfleckigen und zerschnitzten Tische und die beschmierten Bücher, indessen die gelangweilte Stimme des Lehrers schläfrig an ihr Ohr klang, der nun schon seit Stunden eine einfache Konstruktion erklärte, die jeder sofort verstanden hätte, wenn er nur Lust hätte bekommen können, sie zu verstehen; den einen oder andern ermahnte der Lehrer, er solle aufpassen und nicht träumen, und wenn er dann einen fragte, ob er jetzt die Sache wiederholen könne, so zeigte sich der gänzlich verständnislos, und die Erklärung mußte von neuem angefangen werden. So wurde an einem einzigen Satz von Cicero eine ganze Stunde übersetzt.
Es ist zu sagen, daß diese Bildung der Schule weder unsern Hans noch irgend einen andern Jungen gebildet hat, sondern nur die Bedeutung eines Wissens von allerhand Dingen bekam, das zum Teil sehr schnell wieder vergessen ward, und so erhielten alle diese Schüler ihre wahre Bildung neben und außer der Schule, weshalb über diese sowohl wie über die Lehrer hier weiter nichts zu sagen ist.
Kinder sehen die Dinge nahe, scharf und gewissermaßen in einer einzigen Fläche; aber wenn ein Junge in die Zeit kommt, die man die Flegeljahre nennt, so ändert sich unmerklich dieses Sehen, und damit werden auch die Gefühle verändert, die er in sich hat; denn es legt sich ihm ein Schleier über alles, daß die Umrisse verschwinden und die Dinge, die früher allein standen, sich zu einem einheitlichen und untrennbaren Bild zusammentun, und dieses Bild bekommt dann Tiefe, Vordergrund und Hintergrund, seine Seele aber erfüllt sich nun mit einer unbestimmten und undeutlichen Sehnsucht, welche die Bilder immer weiter in den Hintergrund treibt, damit sie dort goldigere Farben annehmen und duftigere Umrisse; er kriegt Erinnerung und Hoffnung, und der Gegenwart vergißt er, und weil so vieles eine neue Bedeutsamkeit erlangt hat, die er früher nicht geahnt, so geht ihm nun oft bei einer Kleinigkeit das Herz auf als bei einem tiefsinnigen Symbol, dessen Bedeutung ihm nicht in Begriffen beifällt, sondern nur in einem dunkeln Gefühl; und kommt alles das rein und ungestört durch Äußeres aus dem Innern heraus, bei dem einen so, bei dem andern so. Außerdem, während das Kind noch das Gefühl hatte, daß alle andern Kinder, ja selbst die Tiere, ihm gleich seien und deshalb noch keine Scham kannte, überfällt jetzt den Jungen eine heftige Schamhaftigkeit, weil alles Neue nur ihm allein gehört, und kann sich diese Schamhaftigkeit aber nicht äußern, wie es ihr entsprechen würde, weil der Junge sie selbst nicht versteht, deshalb kommt sie zutage als Trotz, Ungezogenheit und auch als Lüge; so nennt unsre liebe keusche Muttersprache dieses Alter recht schön die Flegeljahre.
Welche von den vielen Zügen, in denen sich diese Wandlung äußerte, soll der Erzähler nun wohl herausheben? Es ist etwa zu erzählen, wie Hans an einem Mittwochnachmittag in der Stube seiner Wirtsleute sitzt, wo hinterm Ofen der Bauer im Halbschlaf träumt, und hat eine alte Zigarettenschachtel, die er geschenkt bekommen, die klebt er an allen Seiten sorgsam mit Kleister zu, daß kein Licht hinein kann, und träumt in der Art wie einst, da er zu Hause unterm Tisch saß, wie heimlich es wäre, ganz klein zu sein und in solcher verklebten Schachtel zu sitzen. Wäre ein andrer in der Stube gewesen und nicht bloß der verschlafene Wirt, so hätte er sich geschämt, solches Spiel zu treiben.
Durch Schule und Umgang werden derartige Neigungen auf bestimmte Wege gelenkt, und so kam Hans darauf, sich eine Pflanzensammlung anzulegen. Dazu hatte er den stärksten Trieb im Frühling, denn wenn der Rasen noch überall vergilbt und schmutzig war, so erschienen die gelben Blumen des Huflattich, die dann im Sommer die großen Blätter nachtreiben, darauf kamen die Schneeglöckchen, und endlich begrünten sich die Wiesen, erst an den feuchten Stellen, wo die Dotterblume ihre dicken Knospen aufbrach und glänzende Blätter entrollte; und wie es überall grün war, da beblümte sich die Wiese mit Marienblümchen, Veilchen, Männertreu, Vergißmeinnicht, Hahnenfuß, Frauenmantel, Löwenzahn, Schaumkraut und Storchenschnabel, in den Wäldern aber wuchsen die Zankblümchen, Maiglöckchen und blauen Leberblumen. Das alles war so, daß das Herz weit wurde, und schien, als könne diese Zeit nie aufhören und müsse die Wiese immer weiter blühen, und der Fuchsschwanz sich heben und Sauerampfer stehen und Kälberkropf sich breiten, und es werde niemals gemäht. Alle diese Blumen kannte Hans schon früher, aber jetzt sagten sie ihm eine Sehnsucht und eine Freude, die ihm bis dahin unbekannt gewesen, und einmal, wie er ganz allein war, und niemand ringsum zu sehen inmitten der blühenden Wiesen, da wagte er es, daß er aufjauchzte; aber der Ton war ihm so sonderbar, daß er gleich wieder verstummte, aus Schrecken.
Aus dieser Zeit blieb ihm ein Erlebnis für sein ganzes Leben in der Erinnerung, das äußerlich zwar nichtig schien: er war ausgegangen, Pflanzen zu suchen und trat aus dem Wald und sah vor sich ein Bauernhaus, bei dem ein großes, abgezäuntes Weidestück war; weil aber der Frühling eben seine ersten Tage schickte, so lag noch in einem schattigen Winkel etwas schmutziger Schnee, jedoch mitten durch das Stück floß ein Wässerlein, eilfertig und geschäftig, wie diese Wässerlein im frühen Frühling dahinplaudern, und an dessen Rändern war das Gras schon grün und einige Büschel Narzissen standen da, in deren einem eine Narzisse aufgeblüht war, diese Blume, die für den Oberflächlichen kalt und leer scheint und in Wahrheit doch eine fast unheimliche Leidenschaft in sich schließt. Wie Hans diese einsame Blume sah, war es ihm, als bliebe vor einer sonderbaren Wonne sein Herz stehen, und erst viel später, wie er schon erwachsen war, wußte er, daß da damals ein heftiges Glücksgefühl gewesen, und verspürte einen goldenen und sanften Abglanz davon auch nachher immer noch, wenn er in seiner Sammlung die gepreßte Blume betrachtete. Mit geringerer Stärke hatte er solche Gefühle auf andern Gängen, die er einsam machte und für sich; so, wenn er am Waldrand dahinschritt, wo knorrige Wurzeln vorragten und die Zweige sich weit überbogen, indessen das Korn ruhig stand mit Mohn und Kornblumen, oder er wandelte einen schmalen Pfad zwischen den Kornfeldern, und rechts und links streiften ihn die schweren Ähren, die überhingen, und eine Lerche stieg schmetternd in die Höhe aus der Mitte der unbewegten goldenen Frucht und wurde zu einem kleinen Punkte oben im Blau, von dem es herabjubelte; ja selbst der Strohduft in seines Vaters dämmernder Scheune vermochte eine Sehnsucht und glückliche Freude zu erwecken. Der Grund bei allem diesem aber war wohl, daß es ihm schien, weil seine Brust sich weitete, so fließe er zusammen mit dem andern und gehöre zu ihm, so daß alles eins sei.
Nur ein dunkles und drohendes Gefühl stand auch in solchen Stunden immer im Hintergrund, das sich an die Schule knüpfte; da waren unbekannte Gedanken, daß er eigentlich arbeiten müsse, und daß er nicht seine Pflicht erfülle, und daß er niemals das schwere Abiturientenexamen werde bestehen können, denn trotzdem er unter den Ersten saß, war er sich doch bewußt, daß er lange nicht wußte, was man wissen mußte; und allerhand Vorwürfe machte er sich dann, wenn er an seinen Vater dachte, wie fleißig der war und sich keine Freude gönnte, nur damit er selbst lernen sollte. So schwer war diese Last, welche die Schule auf seine Seele legte, daß er auch nach vielen, vielen Jahren sie noch spürte, wie er schon längst erwachsen war und verheiratet und Kinder hatte.
In der Schule hörte er von Lehrern wie von Schülern etwas ganz anderes über den lieben Gott, wie er bisher gehört. Die Religionsstunde hatten die Jungen bei einem Lehrer, dem ein langer, blonder Bart gewachsen war, und der oft einen kleinen, runden Taschenspiegel vorzog, den er auf den Katheder legte und darin seinen Bart betrachtete; auch putzte er sich die Nägel so sorgfältig, daß sie glänzten wie poliert, und wenn er sich setzte, so zog er vorher mit zwei Fingern die Hosenbeine in die Höhe, um sie zu schonen, weil sich die Knie sonst aus den Hosen herausarbeiten. Die andern Lehrer sprachen gar nicht vom lieben Gott, sondern sie redeten so von den Göttern der alten Griechen und Römer, daß es war, als glaubten sie an die, was natürlich bloß so schien. Und die Jungen dachten eigentlich gar nicht an Gott; das war so, daß er sich geschämt hätte, vor ihnen den Namen Gottes zu gebrauchen, denn er hatte das Gefühl, daß das nicht hierher paßte.
Mit Karl hatte er einmal ein Gespräch über diesen Punkt. Da sagte dieser, heute glaubten überhaupt die meisten Menschen nicht mehr an Gott, und die es doch täten, wären entweder Heuchler wie die Pfaffen, oder sie seien Dumme. Wie Hans ihn fragte, was dann sein Onkel sein sollte, verstummte er zuerst, und dann erklärte er, der sei „hinter seiner Zeit zurückgeblieben“. Solche Meinungen schienen Hans ganz schrecklich, und er hatte großes Mitleid mit Karl; der aber lachte und sagte, er wolle ihm ein Buch borgen, in dem sei das alles ganz klar bewiesen. Zuerst wollte Hans das Buch nicht lesen, dann aber meinte er, daß er Karl vielleicht auf bessere Wege bringen könne, wenn er ihm solchen Widersinn klar mache, wie in dem Buche geschrieben sein werde, und deshalb studierte er es durch.
Da war nun aber plötzlich alles anders geworden. Karl hatte recht, in dem Buch war ganz klar nachgewiesen, daß es keinen Gott gab und daß nur die Schlechtigkeit der Menschen, insbesondere der Pfaffen, die von der Dummheit der Menschen ihren Vorteil zögen, noch die falschen Ansichten aufrecht erhielte. Gar nichts konnte man gegen die Beweise des Buches vorbringen. Das fiel ihm nun schwer aufs Herz, denn erstlich sollte er jetzt in einigen Wochen konfirmiert werden und mußte bekennen, daß er an die christliche Lehre glaubte, und das konnte er nun nicht. Wie er Karl fragte, was der tun werde, da konnte ihm der auch keinen Trost geben, sondern meinte, das sei nur eine Formsache mit dem Glaubensbekenntnis und man könne es nicht Lüge nennen, wenn einer dazu sein „ja“ sage, denn jeder wisse ja doch, was von diesen Dingen zu halten sei. Diese Meinung schien Hans nicht richtig und er beschloß deshalb, einen Erwachsenen zu fragen, wiewohl er eine große Scheu hatte, wie wenn er etwas Verbotenes getan habe; aber weil es sein mußte, so überlegte er sich lange, wen er angehen solle, seinen Vater oder den guten Pastor, und er entschloß sich endlich, zu seinem Vater zu gehen. Der aber erwiderte ihm nichts auf das, was ihn bekümmerte, sondern wurde nur ärgerlich und sprach, er solle keine törichten Bücher lesen, sondern sich an seine Schulsachen halten und die ordentlich betreiben, so werde sich alles Weitere später schon von selber finden. Das war das erstemal, daß ihm auf eine Bitte keine Gabe wurde von seinem Vater, wiewohl nur deshalb, weil der ihn nicht verstanden, und von da an verschloß sich das Herz des Kindes vor dem Erzeuger und kam viel Kummer und schwerer Kampf aus solcher Entfremdung. So sehr aber hatte die Antwort ihn zurückgetrieben, daß er nun noch weniger wagte, zu seinem alten guten Pastor zu gehen.
Wohl wußte er, daß der Satan derlei Anfechtungen schickt, daß wir nicht glauben können, und daß wir dann siegen, wenn wir recht heftig zu Gott beten und Gott die Hilfe abringen; aber er sah auch ein, wenn es nun keinen Gott gab, so war ja auch diese Lehre eitel Torheit; und das schien ihm so klar, daß es keinen Gott gab, daß kein Mensch mehr zweifeln konnte, nachdem er das Buch gelesen; es hieß aber „Kraft und Stoff“.
Und die Sorge um die Konfirmation war nur das Nächste. Weiterhin tat sich ihm dann die Furcht auf, wenn er nun die Schule zu Ende besucht hatte, so sollte er Theologie studieren nach dem Willen seiner Eltern; das konnte er aber doch alsdann nicht, denn er wäre doch dann auch einer von denen geworden, die das Volk betrügen und die Wahrheit verhehlen. Auch über diesen Punkt urteilte Karl ganz leichtfertig, indem er meinte, diese Sorge habe noch lange Weile, und vorerst brauche man sich um sie nicht zu bekümmern.
Für einen jungen Menschen bedeutet der Glaube an Gott noch wenig; er hat noch so viel andern Glauben an sich und an die Menschen und an die Zukunft und an die ganze Welt, daß er jenen entbehren kann, ohne daß etwas in ihm zusammenbricht. So empfand Hans seine Wandlung im Grunde gar nicht tief, sondern nur als eine Beunruhigung für seine Ehrlichkeit; erst in seinem späteren Ringen ging ihm wenigstens ein Teil der großen Fragen auf, um die es sich hier handelt. Diese erste Anfechtung fand ihn in der Gedankenlosigkeit, die der glücklichen Jugend eigen ist und geziemt.
Gerade in den Wochen, wo diese Gedanken einander am heftigsten anklagten und entschuldigten, kam noch eine zweite Angelegenheit zu ihrem Höhepunkt. Hans hatte nämlich eine Liebe gefaßt, wie das bei Knaben seines Alters geschieht, und in dieser ereignete sich etwas über alle Maßen Grausiges.
Das Städtchen war bis zum Deputationshauptschluß reichsunmittelbar gewesen; dazu führte bis zu dem großen Umschwung im sechzehnten Jahrhundert hier der Handelsweg vorbei, und die Bürger trieben wichtige und weite Geschäfte bis tief nach Asien hinein. So waren sie reich und stolz geworden und hatten ein Rathaus gebaut noch in den romanischen Zeiten aus den gewaltigen Blöcken des dort vorkommenden Syenitgesteins, das Funken sprühte, wenn man ihm einen Stahl anschlug, und waren in der wuchtigen Wand die kleinen Fenster verteilt, die das Licht von hoch herab in große Säle warfen, und vorn führte eine steile und schwere Freitreppe zum Stock; am Eingang stand ein uralter und ungefüger Steinblock, an dem des Kaisers Schwert und Handschuh hingen. Jetzt spielten Kinder in luftigen Sommerkleidern auf der alten Treppe. Noch andre alte Häuser erhoben sich am Marktplatz, stolz und trotzig wie Burgen wehrhafter Ritter, aber mit hohen Dachräumen, in denen einst reiches Kaufmannsgut gelagert.
Als der Handel damals andere Wege einschlug, hatten die klugen und vorsichtigen Kaufherren einen verständigen Ersatz gesucht im Geldgeschäft und Beteiligung am Bergbau, und war eine zweite Blüte der Stadt gekommen aus diesen Gewinnen, die noch stolzer war wie die erste; aber die großen Staatsbankerotte, die Wandlungen des Metallwertes und die Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges hatten diesen Wohlstand von Grund aus vernichtet. Seitdem kamen kleine Bürger auf in den stolzen Häusern, die in Läden Handwerksgeräte, Kleiderstoffe und allerhand geringe Kaufmannswaren verkauften an die Leute aus dem Gebirge oder die Bauern vom Lande, die an den Sonnabenden zur Stadt kamen, hier einzuhandeln, wessen sie bedurften bei ihrem kleinen Wesen. Und außer den alten Häusern zeugten nur noch in der Kirche zu Sankt Blasien alte Wappen in den Fenstern, finstere Familienstühle mit sonderbaren Schnitzereien und prunkvolle Grabtafeln an den Wänden von den stolzen Geschlechtern, die einst hier gelebt, ehe die freisinnig gesinnten Kleinbürger in der Stadt hausten.
Nur eine der alten Familien hatte sich erhalten in sicherem Reichtum an Grund und Boden in den Dörfern; deren Letzte bewohnten noch das alte Haus aus schweren Quadern mit kleinen Fenstern und gewaltigem Giebel, den oben die große eiserne Rolle zierte, mit welcher einst die fremden Warenballen heraufgewunden wurden. In den reichsstädtischen Zeiten war aus diesem Hause immer der regierende Bürgermeister gewählt und der Iktus, aber wie die Freiheit verloren ging, hatten sich die Herrschaften von allem zurückgezogen, und nun führten sie ein hochmütiges und abgeschlossenes Leben, die Männer in Verwaltung ihrer Güter und allerhand verschollener Gelehrsamkeit, die Frauen in Sorge für das Haus, Wohltun und Frömmigkeit; seit dem dreizehnten Jahrhundert wies die Hauptkirche Stiftungen von ihnen auf, angefangen mit einem Stück guten schwarzen Tuches von acht Ellen, für die Armut bei den Beerdigungen als Sargdecke zu nehmen. Damals nun lebte Herr Jobst Riemenschneider mit seiner Frau und einem einzigen Töchterchen Johanna in dem alten Hause. Herr Jobst war ein durchsichtig blasser und feiner Mann mit einem verzehrten Gesicht, der Scheu hatte vor Menschen und alles Geräusch fürchtete, und ganz im verborgensten Winkel des Hauses hatte er seine Studierstube, deren Türen waren gepolstert, damit kein Laut sie durchdringen sollte. Hier forschte er in allen Akten und Archivstücken über die frühere Geschichte seiner Stadt; denn seit langen Jahren schon arbeitete er an einem Werke, das doch nie fertig zu werden schien, weil ihm immer neue Zweifel kamen, wenn er glaubte, er habe etwas festgelegt, und dann mußte er immer von neuem untersuchen. Unterdessen wurde in der allgemeinen Wissenschaft draußen ein heftiger Kampf geführt über die Anfänge des Städtewesens und die ersten Zeiten der Gilden und Zünfte und über die frommen Genossenschaften; das alles betraf seine Arbeiten, aber er verspürte von diesen Kämpfen nichts, denn seit seinen Universitätsjahren hörte er nichts mehr von heutiger Wissenschaft, sondern lebte nur seiner beschränkten Aufgabe, die doch von Jahr zu Jahr luftiger wurde und weniger zu fassen. Die Frau war bei der Heirat ein fröhliches junges Ding, von der niemand wußte, woher sie stammte, und es wurde heimlich erzählt, sie sei eine Schauspielerin gewesen. Damals lebte noch des Herrn Jobst alte Mutter, eine kalte und fromme Frau mit scharfen, grauen Augen. Die mag das junge Ding wohl sehr in die Zucht genommen haben, denn man merkte ihr an, wie sie sich veränderte und traurig aussah und oft verweint. Das einzige Töchterchen, das sie Johanna nannten, wurde ihnen erst nach Jahren geboren. Damals, als Hans seine Berührung mit diesen Menschen hatte, war die Frau schon lange leidend, und es hieß, sie müsse in den Süden gehen. Johanna wuchs auf in dem alten Hause, in dem es noch ein Zimmer gab, das ganz mit blauweißen Kacheln ausgelegt war, auf diesen Kacheln sah sie Schiffe und Windmühlen, Schlösser, Ruinen, Fischer, Kirchtürme, Chinesen und allerhand sonstige Dinge abgebildet, die man sich denken mochte. Dann waren da große, geschweifte Schränke, die vier Türen hatten, und Kommoden mit wunderlichen Griffen, seltsam geschwungene Stühle, uralte Bilder, die ganz dunkel geworden waren und etwa einmal ein gespenstisch blasses Antlitz mit blitzenden Augen sehen ließen; Treppenstufen gingen zu Zimmern in die Höhe; Kronleuchter hingen seit Jahrzehnten eingehüllt, und vergoldete Stühle hatten festgebundene Bezüge. Und auf den Böden stand unter Staub vielhundertjähriges Altertum, eingelegte Truhen, Spinnräder aus Mahagoniholz mit Elfenbein, alte Bücher in Schweinsleder mit messingenen Beschlägen, Rechnungen der Urahnen in Bündeln, Medizinflaschen von längst vergessenen Toten und sonstiges Krankengerät, Wiegen und Kinderspielzeug, darunter ein Puppentheater aus der Rokokozeit und ein großer Ballen sorgfältig gesammelter alter Leinwand, von der an arme Wöchnerinnen geschenkt wurde, wie seit Jahrhunderten schon geschehen in diesem Hause.
Johanna war ein blasses Mädchen mit schwermütigen, dunkeln Augen und langlockigem Haar; ihr Mund war schweigsam, aber ihre Augen vermochten ein tiefes und heftiges Gefühl zu erregen. Als sie Hans zum ersten Male ansah, war es ihm, als überfalle ihn eine ganz schreckliche Angst; über die dachte er lange nach, und zuletzt wurde es ihm sicher, daß er das Mädchen liebe. Wie er darüber klar war, beschloß er, mit Karl zu sprechen; aber kaum hatte er dem den Namen genannt, da machte er ein glückliches Gesicht und begann zu erzählen, wie sie die Tochter seiner Wirtsleute besucht habe, mit der sie zusammen zur Schule ging, denn er wohnte bei einem Oberlehrer, und es sei eines Sonntagnachmittags gewesen, und sie hätten Pfänderspiele gespielt; da hätte sie ihn mehrmals angesehen; und er wisse genau ihren Schulweg und habe eine Rose abgepflückt und sei vor ihr gegangen, daß sie ihn habe sehen müssen, und dann habe er die Rose für sie in einen stillen Winkel hingelegt, und sie habe die Rose genommen, und seitdem lege er ihr jeden Morgen eine Rose hin, und sie nehme und trage die.
Wie Karl das erzählte, schämte sich Hans für ihn, sowohl um die Frechheit, daß er die Rose hingelegt, wie auch, daß er ihm das erzählte, und wurde ihm auch sehr traurig im Herzen, in weiter und unbestimmter Weise. So sprach er nichts mehr und suchte, daß er bald nach Hause kam, ging auf sein Dachkämmerchen und begann heftig zu weinen; der Wirtsleute gutherziges Töchterlein aber, das ein, zwei Jahre älter sein mochte wie er, als sie nebenan das Schluchzen hörte, kam sie zu ihm und wollte ihn trösten, riet auch gleich, daß er wohl verliebt sei. Da sprach sie recht verständig und wie eine ganz erwachsene Person, daß er doch noch ganz jung sei, und verloben könne er sich noch lange nicht, und überhaupt sei das alles nur Unsinn. Wie aber Hans, obwohl er sich schämte wie ein Dieb, doch immer heftiger zu schluchzen anfing, da konnte sie in ihrer Gutmütigkeit sich nicht mehr halten, denn sie hatte nahe ans Wasser gebaut, und fingen auch ihr an die Tränen über ihre runden Bäckchen zu rollen in dicken Tropfen. So saßen die beiden auf Hansens Bettkante; und kam ihr am Ende eine Erinnerung aus einem Buche, das sie gelesen, und sagte sie Hans, sie wolle seine Schwester sein, küßte ihn auf den nassen Mund und ging fort.
Nach wenigen Tagen hatte sie sich schon an Johanna heranzumachen gewußt und wurde mit ihr recht befreundet. Da dachte sie dann, Hansen guten Trost zu bringen, denn Johanna hatte ihr gesagt, sie möge Karl gar nicht leiden und habe Hans viel lieber; aber Hans glaubte ihr nicht, sondern meinte, sie wolle ihn nur trösten durch solche Botschaften. Einmal jedoch besuchte Johanna seiner Wirtsleute Tochter, und da sprach sie auch mit ihm einige Worte und sagte ihm zuletzt, weil es schon so dunkel sei und das Haus so abgelegen, so möge er sie doch eine Strecke begleiten, und wie er das tat, sagte sie ihm auf dem Wege dasselbe über Karl.
Da bekam er einen so wilden Haß auf den, daß er darüber erschrak, denn er hatte ein solches Gefühl noch nicht verspürt, und war es ihm besonders heftig, wenn er Karl lachen sah, denn da hätte er ihn mögen umbringen. Und weil er in diesen Tagen keinen Halt mehr fand in seinem Gebet, so geriet er in Trübsinn und tiefes Unglück, und ihm war, als sei er in einem Tal, aus dem es keinen Ausweg gibt, weil er vorher gemeint, es gebe einen Weg nach oben, der in Wahrheit nicht da war. So geschah es das erstemal, daß er dieses Gefühl hatte, das ja die meisten Menschen durch ihr ganzes Leben begleitet; sie wissen es sich nur zu verbergen, daß sie es haben, denn wenn sie das nicht täten, so vermöchten sie ja nicht zu leben.
Während diese Dinge nun solchergestalt liefen neben den Dingen der Erwachsenen, die meinten, daß ihre Dinge wichtiger seien, spitzte sich in der Heimlichkeit eine andre Sache in Beziehung auf Johanna zu.
In Hansens Klasse war ein Schüler, dessen Jahre weit über den Durchschnitt seiner Mitschüler hinausgingen, und der von diesen nicht sonderlich geachtet wurde wegen seines törichten Wesens, denn er ahmte in geckenhafter Weise die Erwachsenen nach in seiner Tracht, Haltung und Benehmen; so hatte er dem Religionslehrer abgesehen, daß er eine große Silbermünze an der Uhrkette trug, was damals neu und elegant war, und hatte sich einen steifen Hut gekauft, wie die jungen Kaufleute haben, und trug Stege an den Hosen. Sein Vater war ein reicher Gutsbesitzer, der wenige Stunden von der Stadt entfernt wohnte, und von dem erzählt wurde, daß er habsüchtig sei und Geld auf hohe Zinsen ausleihe.
Als Hans an einem Morgen in die Klasse kam, sah er, wie dieser Mensch allein auf seinem Platze saß und scheinbar eifrig in einem Buche studierte; alle seine Nachbarn waren von ihm gewichen, und in einer Ecke des Schulzimmers wurde von einigen heftig gestritten und erzählt; von denen erfuhr Hans, daß Ecker, denn so hieß jener, bei einem Freunde einen Ring gestohlen habe, der dessen Mutter gehörte; und diese, in der Meinung, daß ein Dienstbote die Tat begangen, habe der Polizei Nachricht gegeben, und als Ecker den Ring beim Goldschmied zum Verkauf bringen wollte, sei er festgehalten und erkannt worden. Wie der Lehrer in die Klasse trat, gingen alle schnell auf ihre Plätze; der Lehrer aber rief Ecker an und sagte, es sei bereits Meldung über ihn eingelaufen, und er solle bis auf weiteres aus der Schule bleiben. Da richtete sich Ecker auf mit einem blassen und verzerrten Gesicht, daß alle erschraken, denn sie hatten ihre Blicke auf ihn gewendet, und machte sonderbare Bewegungen mit den Händen und stieg unbeholfen auf die Bank und den Tisch; und indem noch alle erstaunt waren, was dieses bedeuten solle, da zog er ein Terzerol aus der Tasche, wie es wohl Jungen heimlich für ihr Taschengeld kaufen, setzte sich das auf die Brust, schoß ab und stürzte vornüber auf die Bänke und Tische hin, wo die andern entsetzt wegstoben, ehe sie noch wußten, weshalb sie erschrocken waren.
Hans war es, als höre er einen Fall eines schweren Geschirrstückes auf die Erde, denn er hatte die Handbewegung nicht verstanden, und wie Ecker fiel, wußte er noch gar nicht, was das bedeute. Als ihm das aber klar wurde, stieß er einen lauten Schrei aus vor Entsetzen, und nach einer kurzen Weile schrie er nochmals und anhaltend. Viele versammelten sich um ihn, und er wurde nach Hause gebracht.
In den nächsten Tagen wurde erzählt, wie alles zusammenhing. Der Tote hatte allabendliche Zusammenkünfte mit Johanna gehabt in der schlechtesten Straße des Städtchens, und hatten sie Leute da zusammen stehen und sprechen sehen. Um diese Liebe hatte der junge Mensch allerhand Ausgaben gemacht, die an sich wohl gering waren, aber doch sein Vermögen überstiegen, und so war er zu dem letzten verzweifelten Streich gekommen.
Für Hans war es, als ob er das alles in einem schweren Traum erlebe, bei dem man das Bewußtsein hat, daß doch nichts Wirkliches geschieht, sondern nur Erträumtes, und daß alles wieder in Ordnung ist, wenn man aufwacht. Und kam ihm zwar nicht zu rechter Klarheit, was innerlich bei ihm vorging, aber es ward ihm bewußt, daß alle Neigung zu Johanna plötzlich erloschen war, und ihm geschah, wie wenn ein verschönender Schleier plötzlich von ihrem Gesicht weggenommen war; so fiel ihm als häßlich auf, daß sie über dem Nasensattel kleine Sommersprossen hatte, die sie vorher ihm besonders liebreizend gemacht, und klang ihm auch ihre Stimme mit einem Male scharf und widerwärtig. Sie besuchte seine Wirtstochter und sprach wieder mit ihm, daß über sie viel gelogen werde, und sie sei jetzt nach jenem Todesfall so allein, deshalb dürfe er sie nicht auch verstoßen. Aber ihm war das alles abscheulich und ganz kalt.
Wie oft die Letzten untergehender Geschlechter zeigte Johanna das unheimliche Auftauchen längst vergessener Triebe der Urzeiten, denn nicht gestorben ist ja in uns das Blut unserer Vorväter, die im Steinalter und in der Bronzezeit düstere Höhlen bewohnten und mit bodengesenkten Blicken auf Raub und Vernichtung zogen, und es wird immer wieder regsam in uns selbst zu gewissen Zeiten, wenn die klare Vernünftigkeit schwach ist, die unsre Vorfahren errungen im jahrtausendlangen Kampf um das Freie, Hohe und Gute, und manche Menschen erfüllt es gänzlich; die wissen dann nichts von sittlichen Geboten und folgen einer Sehnsucht, die wir nicht glauben, geben plötzlich sinnlos und ohne Gedanken einer auftauchenden Begier nach und machen uns vielleicht verwundern durch die Schärfe ihrer Sinne und die merkwürdige Kenntnis der Regungen in andern Menschen, wie durch die Fähigkeit, diese Kenntnis zu ihrem Nutzen zu verwenden.
Hans war dem geheimnisvollen Zwange der Natur unterlegen, welche die ehrbaren und braven Menschen treibt, daß sie sich an solche unehrlichen und schlechten hängen müssen, und scheint in der frühen Jugend, wo die Liebe noch ganz geistiger Art und dunkle Sehnsucht der Seele ist, dieser Zwang noch ärger zu sein wie im späteren Alter der zwanziger Jahre. Deshalb muß man wohl sagen, daß Liebe etwas Furchtbares und Grausiges ist, und der Mensch ist glücklich zu preisen, den das Geschick davor behütet, in ihre Tiefen zu sehen. Aber bei Hansen war das nicht ein Sehen oder ein Verstehen, sondern ein ganz tiefes, heftiges Gefühl, das stärker war wie alle klare Äußerung des Geistes; und so tief in ihm war der Kampf vor sich gegangen, daß ihm nichts davon in sein Bewußtsein kam und er vielmehr erstaunte, daß seine Meinungen, Gedanken, Träume und Liebe so plötzlich umgeschlagen hatten. Aber mit einem Male überfiel ihn nun das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit in der Welt. Das war den Sonntag vor seiner Einsegnung.
Da wurde ihm zum ersten Male klar, daß wir zwischen den Menschen wandeln wie zwischen den wesenlosen Larven, welche die Wüste erfüllen; sie weichen zurück, wenn wir auf sie zugehen, und wenn wir ihre Hände drücken wollen, so fühlen wir bloße Luft; und ist nichts in der großen Wüste lebendig, denn wir allein.
Es geschah aber in einem Wäldchen, weil er sich sammeln wollte und ohne Reden der Menschen sein, daß ihm diese Klarheit kam, und geschah, wie er eine Ameise betrachtete auf dem Wege, die sich abmühte um etwas, das für ihn selbst ein Nichts war. Da dachte er an sein Losungsbüchlein, welche Losung ihm das geben müsse für diesen Tag; und siehe, da stand geschrieben: „Ich wache und bin wie ein einsamer Vogel auf dem Dache.“ Über diese Worte kamen ihm die Tränen und stürzten in großen Mengen aus seinen Augen, und faltete die Hände, und wiewohl er keine Worte zu sagen wußte oder denken konnte, so betete er doch, und im Bitten schon hatte er noch Tröstung, Sicherheit und Ruhe.
Zwar bereits auf dem Heimwege kamen ihm wieder die alten Gedanken, daß es doch keinen Gott gebe, und daß deshalb solche Erfahrungen, wie er eben gemacht, ein Selbstbetrug seien; aber da half ihm wieder ein Buch, nämlich er hatte Doktor Martin Luthers Tischreden zu Hause liegen, die ihm der gute Pastor geliehen, in einer schönen, alten Folioausgabe, unbekümmert um die Derbheiten und starken Ausdrücke des Buches; denn er meinte, was aus einem reinen Munde kommt und in ein reines Herz geht, das kann keinen Schaden tun, und die heutigen Menschen sind übermäßig verzärtelt in ihren Worten, da sie doch in Gedanken und Taten unreiner sind wie früher. In diesem teuern und herrlichen Buche schlug Hans auf den Zufall hin auf, da stieß er auf die Stelle: „M. Antonius Musa, damals Pfarrherr zu Rochlitz, hat auf eine Zeit D. Martino herzlich geklagt, er könne selbst nicht glauben, was er andern predige. Gott sei Lob und Dank (hat D. Martinus geantwortet), daß andern Leuten auch so gehet, ich meinte, mir wäre allein so. Dieses Trostes hat Musa sein Lebenlang nicht vergessen können.“
Hierüber wurde Hans fröhlich und zufrieden, und schien ihm alles, was er Gelehrtes gelesen gegen Gott, dummes Zeug zu sein. Und beim frohen Blättern kam ihm noch eine andere Stelle unter die Augen:
„Als über D. Martini Lutheri Tische disputieret ward, wie ein lieblich Ding der Tau wäre, sprach D. Martinus: ‚Ich hätte es nimmermehr gegläubet, daß der Tau so ein herrlich lieblich Ding wäre, wenn nicht die Heilige Schrift den Tau selbst hoch gelobt hätte, da Gott saget: Dabo tibi de rore coeli, ich will dir vom Tau des Himmels geben. Ach, Creatura ist ein schön Ding, wenn wir sollen Creationem glauben, tum balbutimus et blaesi sumus, und sagen Cledo für Credo, wie ein Kindlein spricht Lemmel für Semmel. Die Worte sind wohl stark, aber das Herz spricht Cledo; sed per hoc salvamur, quia cupimus credere. Ach, unser Herrgott weiß wohl, daß wir arme Kindlein sind, wenn wirs auch nur erkennen wollten. Sagen doch die Apostel selbst: Dominus adauge nobis fidem. Aber wir sind alle klüger denn unser Herrgott, wir könnens nicht verstehen, nisi per filium, id est, Christum. Das ist alle seine Predigt, daß er spricht: per me, per me, per me, ihr könntet’s nicht tun, wenn ihr euch gleich zerreißet, durch den Sohn werden wir zum Vater bracht. Darum, wenn wir nur glaubten, daß unser Herrgott klüger wäre, so wäre uns schon geholfen.‘“
Hans wurde mit Karl zusammen eingesegnet, nicht in der Stadt, sondern zu Hause in dem kleinen Dörfchen bei dem guten und frommen Pastor, der ihn in den ersten Jahren unterrichtet.
Es saßen zusammen zehn Kinder auf den Bänken der Konfirmanden, sechs Knaben auf der einen Seite und vier Mädchen auf der andern; und hatten die Mädchen das alte Dorfkirchlein mit seinen hellen Fenstern und weißgetünchten Wänden durch Kränze und Blumengewinde verziert, mit den vollen und farbigen Herbstblumen, vornehmlich Georginen und Astern, und der Boden war mit Tannengrün bestreut, das die Knaben den Tag vorher aus dem Walde geholt hatten unter fröhlichen Gesängen und wichtigen Reden darüber, wie sie sich morgen würden mit der kurzen Pfeife sehen lassen auf der Dorfstraße, und daß sie zum Erntefeste tanzen durften. Sie dachten wohl mehr an die Freuden der natürlichen Menschen bei der Feier; aber der natürliche Mensch und der geistige waren bei ihnen ja nicht so getrennt, wie wir meinen; und wenn ein Junge, der jetzt zur Seite ausspuckt, wie er es bei den erwachsenen Burschen gesehen, und vom Tanzboden spricht mit überlegener Miene, wenn der erst durch sein Leben gepilgert ist, durch Jugendtorheiten, Verliebtheit, Heiraten, Kindererziehen, Sorgen, Arbeiten und Kummer und als ein Greis im Hochalter vor seiner Hütte in der Sonne sitzt, dann denkt er auch wohl einmal an seine Einsegnung, und da verspürt er, daß er in Wahrheit doch noch andre Gedanken gehabt wie an die kurze Pfeife und das Tanzen. Es ist wohl recht lächerlich, daß auch Hans nicht die rechten Gedanken hatte; ihm fiel immer die Uhr ein, die ihm der Vater geschenkt, nebst der stählernen Kette, und der schwarze Anzug beengte ihn, und dann fürchtete er sich, daß er weinen werde. Karl saß neben ihm und war in sich versunken und hatte schwere Gedanken.
Die Kirche war ganz voll. Da saßen unten die Frauen, voran die Bäuerinnen mit ihren Töchtern, dann die Frauen der Holzarbeiter, und hinten die Tagelöhner. Vorn sah man feste, ruhige und glatte Gesichter, denen man Sicherheit, Ordnung und Fleiß anmerkte und gute Gesundheit. Dann kamen Gesichter, in denen man viele Mühe und Not las und Sorge um das tägliche Leben, aber dabei doch Würde und Ehrbarkeit, und zuletzt sah man Übermut und niedergedrücktes Wesen, fahrigen Sinn, Unterwürfigkeit und gedankenloses Dahinleben. Auf dem Rang saßen die Männer, glattrasiert die alten und mit Bärten die andern, und sie hatten nicht so ihre geordneten Plätze wie die Frauen unten. Hansens Eltern waren auch zugegen und saßen im Pfarrstuhl, und der Vater trug die grüne Gala-Uniform mit dem Hirschfänger an der Seite und sah groß und stattlich aus, und neben ihm die Mutter, die mit der Frau Pfarrerin die einzigen Frauen in städtischer Tracht waren.
Wie die Gemeinde das Eingangslied gesungen, kam der gute Pastor und las das Evangelium, und seine Stimme tönte schön und tiefklingend wie eine wohllautende Glocke; und nach dem zweiten Lied folgte dann die Predigt.
Die wendete sich fast nur an die Kinder und ihre Eltern; der alte Mann sagte, daß sich nun das Tor auftat zum Leben, und rühmte Gottes Güte, daß der uns die Gabe verliehen, durch dieses Tor zu gehen nur mit Hoffnung und Freude; und siehe da, als er diese Worte sprach, wurden einer harten und strengen Frau die Augen naß, der reichsten Bäuerin, und zog ihr Taschentuch hervor und weinte still vor sich hin, und die Tagelöhnerfrauen hinten stießen sich an und sahen nach ihr mit Erstaunen. Der Prediger fuhr fort und sprach von der Schuld, wie die sich jetzt anspinnt, in diesen Jahren, wenn sie nicht schon älter ist, und wie sie größer wird und größer und unversehens so groß, daß sie uns überragt und uns beherrscht wie einen Sklaven. An dieser Stelle wurde Karl bleich und schaute verzweifelt vor sich hin, daß Hans erschrak, wie er durch Zufall zur Seite blickte und in sein verfallenes Gesicht sah. Vieles verstanden die Leute nicht in der Predigt, so die Worte, daß das Gute leichter sei wie das Böse, und daß man das Gute tue als ein froher Herr und das Böse als ein ingrimmiger Knecht; aber es war auch wohl nicht nötig, daß die Leute alles verstanden, denn für sie konnten die Worte ja doch nicht Mahnung sein, sondern nur Trost, und den faßten sie auch so, selbst wenn zu dem andern ihre Gemüter nicht genug licht waren. Und nahm jeder den Trost in seiner Weise, denn die stolzen und lebensklugen Bauern hatten doch einen Winkel in ihrer Seele, wo die Sicherheit nicht war, der wurde nun erhellt, und die bekümmerten Holzarbeiter, die sich sorgten, wie sie die Ihrigen rechtschaffen durch das Leben brachten, fanden eine Hoffnung auf ein Leben, da es keine Sorgen und Kümmernisse gab, aber die oberflächlichen und prahlerischen Tagelöhner wurden wohl aus ihrer Selbstzufriedenheit erweckt, doch schwieg gleichzeitig der Stachel des Neides, der sie sonst quälte, und auch sie wurden fröhlicher.
Wie der Glauben bekannt wurde, sprachen die andern zaghaft und leise, Hans aber rief sein Ja laut und jubelnd, daß ihn der gute Pastor freundlich ansah; und unter bangem Herzklopfen folgte dann die Abendmahlfeier, bei der ein unbegreifliches Geheimnis unsern Glauben mit den urältesten Hoffnungen, Furchten und Gedanken der Menschen verbindet und so auch in Leichtfertigen und Gedankenlosen einen Schauer erzeugt, der ernst macht.
Danach sang die Gemeinde das Ausgangslied, und währenddem gingen die Eingesegneten einer nach dem andern zu dem Pastor in die Sakristei, brachten ihm, eingewickelt in Papier, ihren Beichtgroschen, wie es Sitte war seit undenklichen Zeiten, und niemand nahm daran einen Anstoß, und erhielten einen Spruch auf ihren Lebensweg; Hansen aber sah der Pastor mit einem frohen Lächeln an, dann nahm er seine Hand, legte ihm die Rechte aufs Haupt und sprach: „Halte, was du hast.“ Das war in einer kleinen Sakristei, die getünchte Wände hatte, und stand da ein Tisch aus gestrichenem Holz, und darauf lag Bibel und Gesangbuch, davor das Kruzifix und ein Strauß Herbstblumen in einer blauen Glasvase; das Fenster war geöffnet, und von draußen kam das Murmeln der gehenden Menschen und herbstlicher Sonnenschein, der in Tropfen durch das Laub eines Baumes fiel. Wie Hans in die Kirche zurückkam, wartete da eine Taufgesellschaft, und war die Mutter früher Dienstmädchen bei der Herrschaft gewesen, die einen Waldwärter geheiratet und hatten das erste Kind. Die Frau saß in einem Kirchenstuhl, mit verlegenem und glücklichem Gesicht, und rosig und lächelnd und hielt das Kindchen auf einem Kissen im Arm und schaukelte es, damit es nicht schreien solle, das Kind aber wollte gar nicht schreien, sondern sah erstaunt nach dem großen Hängeleuchter, der mitten in der Kirche von der blauen, goldgesternten Wölbung herabhing. Der Vater stand aufrecht daneben in straffer Haltung, als ein früherer Soldat, und trug einen Bart rund ums Gesicht, in dem Oberlippe und Kinn ausrasiert waren, so daß nur der Kranz blieb; und auch er blickte glücklich und stolz auf das Kind, doch suchte er unbeteiligt auszusehen und wollte seine Gefühle verbergen, als unpassend für einen gräflichen Beamten. Die beiden Großeltern sollten Pate stehen, denn die Eltern mochten keine Patengeschenke von Fremden betteln. Die saßen gleichfalls, und ließ der Großvater seine Uhr an der härenen Kette baumeln, und wunderte sich, daß das Kind gar nicht auf die Merkwürdigkeit achten wollte, indessen die Großmutter zur Seite geschäftig in allerhand Linnenzeug kramte.
Wie der Pastor in die Kirche zurücktrat, erhoben sich die Sitzenden und traten alle zum Taufbecken. Die Mutter sah den alten Pastor an, der auch sie einst getauft, dann eingesegnet und endlich getraut hatte, und wurde noch röter, und ihr frisches Gesicht strahlte und wollte gewiß sagen, daß er das Kind bewundern solle, wie groß es war und verständig, aber sie besann sich noch zu rechter Zeit, daß das unpassend gewesen wäre, und in ihrer Verlegenheit schoß ihr eine ganz feurige Welle über das Gesicht, und machte einen Knicks vor dem geistlichen Herrn, wie es ihr früher beigebracht war, wenn sie auf dem Schlosse etwas der Herrschaft zu übergeben hatte, und reichte ihm das Kind. Der alte Mann lächelte freundlich, nahm es ihr ab, faßte ihm die Bäckchen und gab es der Großmutter, indem er der ganz verwirrt gewordenen Mutter zunickte.
Indem goß der Kantor das Wasser in das Taufbecken und prüfte mit dem Finger die Wärme; dann fand die Taufhandlung statt, bei der das Kind sich artig und ruhig hielt, dank der unermüdlichen Bewegungen der Großmutter, denn nur wie es die dreimalige Benetzung verspürte, schien es erstaunt und schlug die Augen über sich, und der Großvater, welcher der Stolzeste schien, rühmte es durch ein leises Wort dem Vater; am Ende kniete die Mutter nieder, und der Pfarrer erteilte ihr den Segen. Karl erwartete Hansen, denn er hatte ihm Wichtiges zu sagen und wollte seine Seele erleichtern durch Erzählen. Schon seit etlicher Zeit hatten sich die beiden entfernt, unmerklich und ohne sichtbaren Grund, wie sich zwei Baumstämme trennen, die, im Meer treibend, einander gefunden hatten und zusammen dahinschwammen, eine lange Weile. Wenn sie sich trafen, hatten sie sich nichts zu sagen, trotzdem doch sonst der Jugend das Herz leicht überfließt von dem vielen Neuen, das durch Auge und Ohr hereinkommt und gebildet wird durch den schöpferischen Verstand, und deshalb sprachen sie Gespräche wieder, die sie vorzeiten geführt, wiederholten Worte, die damals lebten und nun tot waren, und wunderte sich im stillen ein jeder, wie wenig er zu sagen wußte. Aber heute war in Karl eine alte Liebe erwacht, und sein Herz sehnte sich nach einem teilnehmenden Gesellen. So feinfühlig sind wir, ohne daß wir es ahnen, daß das Fremde, das in uns gekommen, auf beiden Seiten wirkend, uns trennt; erst als seine Reue die Schuld hinauswarf, waren sie wieder zusammen wie vorher.
Karl erzählte aber von Johanna und seiner Liebe zu ihr, und wie er sich bisher nicht frei machen konnte, trotzdem er sich selbst verachten müsse, und er sehe klar, daß er immer niedriger und schlechter werde durch seine Zuneigung; heute aber habe er einen festen Entschluß gefaßt, daß er sich befreien wolle aus seiner Untertanschaft. Nicht so sprach er, wie hier mit abstrakten Worten geschrieben ist, sondern er redete als ein Halbwüchsling; und ein Mensch, der nicht weiß, welche Bedeutung die Handlungen des Menschen haben, hätte seine Erzählung für kindisch gehalten und sein ganzes Erlebnis. Aber das ist eine oberflächliche Meinung, die durch die äußere Gestaltung, welche einer Handlung Alter und Bildung und sonstige formgebende Dinge anziehen, sich bewegen läßt in ihrem Urteil, und einen sittlichen Kampf belächelt, weil er in dem siegfriedhaften Wesen eines unerfahrenen Gemütes vor sich geht und um Dinge, die einem Erwachsenen unbedeutend erscheinen; da doch solche Vorgänge wichtiger sind, weil sie auf die weitere Bildung des Charakters einwirken, wie scheinbar bedeutsame Ereignisse in späteren Jahren.
Es kann ja kein Mensch trösten, denn es gibt keinen Trost, außer den einen, den jeder schon weiß, daß wir Vergangenes nicht ändern können; aber in der bloßen Erzählung war ein Trost für Karl; denn indem er alles genau seinem Freunde schilderte, wußte er, daß er ein Zeichen von sich gab dessen, daß er nicht wieder zurückkehren würde zu dem, was zu verlassen er sich vorgenommen. So gelangte er ans Ende seiner Geschichte frohen Mutes, und auch Hans war fröhlich, und beide freuten sich einer neuen Freundschaft, die ihnen leuchtete wie ein Ährenfeld nach einem erquickenden Sommerregen, wenn die Sonne sich in tausend frischen Tropfen spiegelt und die Erde einen nahrhaften Geruch ausströmt, denn die Gedanken junger Leute laufen noch mit eiligen Kinderfüßen, und besonders laufen sie eilig vom Trüben zum Trostreichen. Aber wer zu urteilen wüßte über Menschen und Schicksale ahnen könnte aus ihrem Wesen, der hätte gesehen, daß Karl wohl guten Willen hatte und einer guten Leitung folgte; aber in seinem Innern war doch Zuchtlosigkeit und Schwäche, und auf irgendeine Weise mußte Schwäche einmal sein Schicksal entscheiden. Jetzt war es so, daß einmal und für einen flüchtigen Augenblick und unverstanden aus den grauenhaften Tiefen, die wir ja alle haben, in ihm der Gedanke auftauchte: er möchte Hansen töten; das war ein nichtiger Gedanke, wie uns Tausende durch den Kopf gehen, ohne Folgen und selbst ohne Möglichkeiten von Folgen; es war nur ein leises Lebenszeichen des Bösen in ihm, das sich des Vertrauens schämte und Haß empfand gegen den Mitwisser der Schwäche.
Die beiden waren im Walde gegangen durch raschelndes Buchenlaub; wie sie zurückkehrten und zwischen den Bäumen hervortraten, standen sie oberhalb des Dörfchens, das sich lang das Tal in die Höhe dehnte; die Kirchenglocke läutete zur Beerdigung, und auf dem Kirchhofe predigte der Pastor vor einem offenen Grabe, an dem die Leidtragenden standen.
Der Verstorbene war ein recht unglücklicher Mensch gewesen; denn schon seine Eltern hatten im Armenhause gelebt und als leichtfertiges und träges Volk, und wie er noch ein ganz kleines Kind war, hatte ihn die Mutter einmal im Zorn auf die Erde geworfen, davon er sich die Hüfte verrenkt, und war ihm das Bein verdorrt, so daß er sich nur mit mühseligem Humpeln weiterschleppen konnte; hierdurch erhielt er den Namen Hinkeding. Wie er etwa sieben Jahre alt sein mochte, starben seine beiden Eltern, und die Gemeinde gab ihn dem Abdecker in Kost, der außerhalb des Dorfes lebte; bei dem hatte er es noch übler wie bei den rohen Eltern, denn er erhielt nur schlechte Nahrung und geringe Pflege und mußte trotz seines Gebrechens und seiner Jugend doch viel arbeiten, das er zwar willig tat. Die böse Dorfjugend beschimpfte ihn um diese Arbeit noch weiter und nannte ihn Wasenmeister, und mochte sich darum kein andres Kind mit ihm abgeben, auch hätten die Eltern es denen verboten, wenn sie es getan hätten. So wuchs Hinkeding roh und tückisch heran, nur mit dem alten Wasenmeister und seiner bösen Frau hatte er zu sprechen, die in schlechtem Rufe standen, außer ihrem ordentlichen Geschäft, daß sie allerhand Zauberei und Aberglauben treiben sollten. Beim Konfirmandenunterricht mußte er allein auf einer Bank sitzen, denn der damalige Pfarrer war zu schwach und unverständig, um dem Unwesen zu steuern, und nach den Stunden fielen oft die andern über ihn her und schlugen ihn, wiewohl er sich wehrte mit allen Mitteln, indem er trat und kratzte, und einmal zog er selbst ein Messer. Niemals durfte er auf den Tanzboden kommen, und auch die geringsten Mädchen wendeten sich von ihm mit Verachtung, denn selbst einer Gutsmagd uneheliche Tochter, die bei einem Bauern diente und ein Auge verloren durch einen Stich mit der Heugabel, mochte nicht mit ihm sprechen. In solchen Lebensverhältnissen hatte sich in ihm eine besondere Bosheit ausgebildet, daß er die Kinder erschreckte, indem er plötzlich eins faßte und ihm unheimliche Dinge sagte, die er vielleicht auch ausgeführt hätte, wenn er es gewagt, oder daß er den Mädchen bösartigen Schabernack antat, um den er dann wieder von den andern mit Grund gehaßt und verfolgt wurde. Später warf er sich darauf, allerhand Bücher zu lesen, die er bekommen konnte, denn wiewohl er in der Schule nichts gelernt hatte, weil in den Zeiten, wo er jung war, sich um solche Kinder niemand bekümmerte, wußte er sich allerhand Künste doch aus seinem eignen Geiste zu lehren und hatte auch ohne Anleitung das Lesen gelernt. Aus diesen Büchern kam ihm nun viel verwirrtes Zeug in seinen Verstand, denn er verschmähte einfache und schlichte Schriften, die er hätte verstehen können, sondern wollte Bescheid wissen, wie die Welt geschaffen, und weshalb das Böse in die Welt gekommen, und wie weit der Himmel von der Erde entfernt sei und solche Dinge, denn es hatte wohl seine arme, umdüsterte Seele ein Sehnen nach Gott und nach Gerechtigkeit; denn wenn auch die Liebe dem natürlichen Menschen nicht eigen ist, so hat er doch ein Streben nach Gerechtigkeit. Dergestalt kam er auf eigne Gedanken, daß es keinen Gott geben könne, weil da ein Stern war, dessen Licht erst nach viertausend Jahren zu uns kam, weil er so weit entfernt von der Erde war. Und bei dieser Meinung blieb er; wie er aber nichts weiter hatte, an das er sich halten konnte, so wurde er hochmütig auf seinen Verstand und verachtete alle andern Menschen und verhöhnte sie, und diese hinwiederum beharrten in ihrem alten Spott und Haß und vermehrten nur ihr Lachen, wie sie von seinen Ansichten merkten; und wenn er auch allen andern Spott fühlte, so spürte er hier doch nichts davon, daß sich die jungen Burschen über ihn lustig machten, wo sie ihn fragten, wie lang und breit der Himmel sei und ähnliches, sondern erklärte ihnen seine Meinungen, achtete gar nicht ihres Lachens, sondern hielt dieses wohl gar für Anerkennung und verhöhnte sie wegen ihrer Dummheit und Unbildung. Und so groß war sein Eifer, wenn er dergestalt lehren und sich rühmen konnte, daß er gar nicht merkte, wie er Hinkeding Wasenmeister genannt wurde, welche Namen ihn sonst zu heftigem Zorne bringen konnten.
Wie der jetzige Pfarrer seines Vaters Stelle erhalten, war es schon zu spät gewesen, noch auf den armen Menschen einzuwirken, denn die Bosheit war schon ganz unausrottbar in ihm gewurzelt, und seine Meinungen hatten sich so in ihm befestigt, daß sie nicht mehr vernichtet werden konnten. So war es mit ihm denn immer schlimmer geworden, daß er am Ende ein gefährlicher Mensch war, der nur durch ein Wunder noch kein schweres Unheil angerichtet, vielleicht weil ihn seine Unbehilflichkeit an vielem hinderte. Denn weil sein eignes Gemüt schlecht war, und weil gegen ihn alle Menschen sich schlecht gezeigt hatten, so bildete er sich die Gedanken, es gebe gar keine Güte im Menschen, und sei auch allen alles erlaubt, nur daß sich immer einer vor dem andern fürchte.
Dieser unglückliche Mann war nun im Hochalter gestorben; und wiewohl die Leute im Dorf gewollt hatten, daß er beigescharrt werde wie ein Tier, wegen seiner Lästerungen und Bosheiten, hatte der Pastor doch verlangt, daß er ehrbar geleitet wurde, und nun hielt er ihm selbst eine Predigt.
Jetzt stand der Mann vor Gottes Thron und wartete auf sein Urteil. Und sein Ankläger brachte ein großes Buch vor, in dem standen geschrieben die vielen Schmähungen und Lästerungen, Bosheiten und schamlose und niederträchtige Handlungen. Denn als eine im tiefsten Innern böse Person hatte er sich selbst an den unschuldigen Tieren und an jungen Bäumchen vergriffen. Aus bloßer Lust hatte er viele hundert junger Bäume abgeschnitten, die in Fröhlichkeit sich in der Frühlingsluft zu strecken gedachten, und Tiere hatte er nicht nur geworfen und geschlagen, sondern einmal hatte er einem jungen Hunde, der ihm treuherzig gefolgt war, ein Auge ausgestochen, und einem Pferd hatte er brennenden Schwamm unter den Schwanz gebunden. Nichts konnte sein Verteidiger erwidern, wie daß er erzählte von seiner elenden Kindheit und jämmerlichen Jugend, und daß er nur Schlechtes gesehen hatte in seinem Leben und nie Gutes ihm erwiesen war. Aber vor Gott gibt es keine Entschuldigung aus diesen Dingen, denn er sagt, daß er den Menschen eine reine Sonne an den Himmel gestellt hat, zu der sollen sie aufschauen. Da erzählte der Verteidiger zuletzt eine Geschichte, die einzige, die er hatte aufzeichnen können in seinem Buch.
Vor langen Jahren, der Mann war noch ein Jüngling gewesen, hatte er einmal an einem Raine unter einem Quitschenbaum gesessen und an einem hölzernen Löffel geschnitzt, denn er erhielt sich durch Anfertigung und Verkauf von allerhand Holzwaren. Da kam ein kleiner dreijähriger Junge zu ihm, dessen Eltern im Feld arbeiteten und durch einen geringen Hügel verdeckt waren, nannte ihn und bat, er solle ihm eine Pfeife machen; er konnte aber noch nicht alle Buchstaben sprechen, deshalb sagte er zu ihm Inkeding. Da sah Hinkeding das Kind an, stieg auf den Baum, der hoch war und glatt, schnitt ein passendes Reis ab und machte dem Kind eine Pfeife, indem er beim Klopfen das Liedchen sang, welches er selbst als Junge oft gehört, aber nie über seine Lippen gebracht hatte, weil er allein war und keine Pfeife haben mochte.
Er war noch ein Jüngling gewesen damals, und als er älter wurde, schnitt er die Bäumchen ab und stach dem kleinen Hund ein Auge aus; aber Gott sieht nicht in der Zeit wie wir, sondern ohne die Zeit; was wir Menschen auch tun sollten, wenn wir uns herausnehmen, in sittlichen Dingen zu urteilen; und weil er keine Seele von sich läßt, die auch nur eine Ahnung des Guten hat, denn er meint, daß durch Güte sich Güte vermehrt, was freilich nur für den Himmel paßt, und nicht für dieses irdische Gefängnis unsrer Seele hienieden, so nickte er dem Manne freundlich zu und nahm ihn auf in sein ewiges Leben.
In dem Augenblicke hatte der Pfarrer seine Rede am Grabe beendet, und der eine oder andre der Umstehenden nahm sich vor, er wolle künftig seinen Kindern verbieten, solche Menschen zu verspotten, und wolle ihnen selbst ein Beispiel geben. Und die beiden Jünglinge oben am Waldesrande, die auf den Gottesacker niedersahen, dachten, daß sie eben froh gewesen waren, und daß ein Mensch begraben wurde, der unglücklich gewesen in seinem ganzen Leben.
Nun hatte Hans die Schule durchgemacht und das Examen bestanden; so sollte er jetzt die Universität beziehen. Bis dahin war er nie ganz von Hause weg gewesen, denn wenn er auch in den Wochentagen im Löwenhof in einem Dachkämmerchen war und in der Schule auf den Bänken saß zwischen den andern, so pilgerte er doch jeden Sonnabend nach Hause, durch den hohen Tannenwald, an stillen Holzhauerdörfchen vorbei zu seinem Vaterhaus, das auf einer umschlossenen Waldwiese stand, in schwarzen Schiefern, und krausen Rauch schickte es in die helle Luft. Aber nun sollte er weit fort reisen mit der Eisenbahn, aus den Bergen in das ebene Land, und erst nach Monaten kam er wieder in die Heimat; und wenn er dann seine Studien beendet, wer weiß, in welche Ferne er dann gehen mußte.
Da rief ihn die Mutter zu sich und ging mit ihm in die Schlafkammer oben, um ihm ungestört ihre Abschiedsworte zu sagen.
Sie machte ein Gleichnis und sprach: Wenn du einen Tropfen Essig schüttest in ein Faß edlen Weines, so wird der Essig zu Wein; und umgekehrt, wenn du einen Tropfen Wein gießest in ein Faß mit Essig, so verliert er seine Natur und wird zu Essig. Also ist auch der Menschen Natur, denn wenn ein guter Mensch kommt in böse Gesellschaft, so verliert er alsbald seine Art und nimmt schlechte Art an, gleichwie ein Böser, der in gute Gesellschaft kommt, sich zu guter Art schlägt. Dieses bedenke und hüte dich vor lockeren Buben, die du viele treffen wirst auf der hohen Schule und in der großen Stadt. Denn wir, ich, dein Vater, deine Großmutter und unsre Magd Dorrel haben uns getreulich bemüht, daß du ein guter Mensch werdest; jetzt aber müssen wir dich ziehen lassen, mit Furcht und Sorgen, daß du uns nicht verdorben werdest und zurückkehrest als ein nichtsnutziger und verkommener Mensch. Und laß dich auch nicht verführen durch Neugierde und Eitelkeit, daß du zu tun bekommst mit solchen Buben, und du meinst, es soll nur auf kurze Zeit sein, nachher aber gedenkst du sie zu meiden; sondern denke, daß das Böse sich an den Menschen hängt wie Kletten, auch durch leise Berührung, und schwer ist es, daß sich einer wieder befreit von dem Unkrautsamen an seinem Gewande. Besonders aber warne ich dich vor der Eitelkeit; denn du weißt wohl, daß die Bösen spotten über die Guten und ihnen vorwerfen, sie seien unfrei, weil sie nicht tun wie sie und hören auf erfahrene Leute, dahingegen doch die Bösen selbst unfrei sind, denn wohl tun sie die ersten Schritte ohne Zwang, alle weiteren aber als Knechte ihrer früheren Taten; ein Trinker kann nicht mehr lassen vom Trinken und ein Hurer vom Huren, sondern ihr Teufel zieht sie hinter sich her an ihren Haaren. Du mußt aber wissen, daß dieses die besondere Verblendung des Satans ist, daß er macht, daß seine Knechte sich für frei halten; denn sie lügen nicht, wenn sie der andern spotten, sondern reden aus ihrer wahren Meinung.
Und wirst du nicht bloß böse Buben finden, sondern auch schlechte Mädchen, die dich verführen wollen zu Unkeuschheit und Werken der Wollust. Dazu wird deine eigne Begierde wach werden, denn du bist jetzt in die Jahre gekommen, da der Mann sich nach dem Weibe sehnt, und geschieht diese Verführung aus dem natürlichen Menschen und ist deshalb stärker wie die andre zum Trinken, Spielen und Balgen. Deshalb denke, daß du keusche und reine Eltern gehabt hast, denn dein Vater ist in das Ehebett gestiegen als ein unbefleckter Jüngling, gleichwie ich als eine reine Jungfrau. Und denke ferner, daß du einst ehelichen wirst und Kinder haben; aber was für Kinder wirst du bekommen, wenn du deine Kräfte ausgibst in jungen und unfertigen Jahren! Wenn du dich vergleichst mit deinem Vater, so wirst du finden, daß du einmal größer und stattlicher sein wirst, wenn du in dein Alter kommst, obwohl du viel in der Stube und über Büchern hast sitzen müssen; dessen Ursache ist das ehrbare und ordentliche Leben deines Vaters, der sich zusammengehalten hat in seiner Jugend, damit sein Sohn einst tüchtig sein solle.
Aber wenn du diese beiden Gefahren vermeidest, so wird dir eine dritte begegnen. Denn du wirst in der Stadt Mädchen finden, die sind zwar ehrbaren Wandels und ordentlichen Herkommens, und man kann ihnen nichts nachsagen; aber sie mögen nicht an sich selbst schaffen, sondern sind leichten Herzens und denken nicht an die Zukunft, und meinen, alles sei gut, wenn sie nur einen Mann haben, den sie lieb haben können. Hüte dich, daß du dich mit solchen Mädchen einläßt und etwa denkst: ich will mich verloben jetzt, und wenn ich fertig bin mit meinen Arbeiten, so will ich sie heiraten, und denkst: ich habe sie lieb, und sie hat mich lieb, und wir werden ein gutes, christliches Ehepaar sein, ehrlich leben und unsre Kinder gut aufziehen. Dieser Liebe sollst du mißtrauen, obwohl sie mit großer Schmeichelei deiner Natur und Seele daherkommt. Denn ein junger Mensch hat keine Erfahrung und weiß nicht, wie schwer es ein Hausvater hat, und was ein Haus kostet, und wie tüchtig ein Mädchen sein wird als Hausmutter. Deshalb öffne deine Augen und betrachte die Menschen, die sich frühzeitig verloben und verheiraten; da wirst du finden, daß das alles ein leichtes Volk ist, das sich freut ein Jahr lang, und das andre Leben bringt es hin mit Sorgen und Borgen. Auch ich, deine Mutter, habe eine Liebe gehabt, wie ich achtzehn Jahre alt war, zu einem jungen Kaufmann, und wie mein Vater nichts wissen wollte von dieser Liebe und der Bewerber traurig von ihm ging, da meinte ich, daß ich sterben müßte vor Kummer, und wäre ins Wasser gegangen, wenn ich nicht Gottes Wort gehabt hätte. Heute segne ich meinen Vater im Grabe, daß er hart gegen mich war aus Liebe, denn der Mann ist leichtsinnig gewesen und hat sein Vermögen vertan durch törichtes Bauen und übermäßige Erweiterung seines Geschäftes, weil er etwas Besonderes vorstellen wollte. Dann harrte ich sieben Jahre, und da kam dein Vater; das war eine andere Liebe, die ich zu dem hatte, denn ich ward ruhig durch ihn und stark. Er hat mir keine süßen Worte gegeben und mich nicht gerühmt; aber seit ich seine Ehefrau bin, habe ich keine andre Sorge gehabt als die, welche Gott jedem Menschen auferlegt, nämlich um ihn in seinem Beruf, daß ihm nicht ein Unglück geschieht, und um dich, mein geliebter Sohn, daß du gesund und gut aufwachsest; und ein bös Wort habe ich nie von ihm gehört.
Darum habe ich dir das erzählt, wiewohl es mir eine schwere Aufgabe war, weil diese dritte Versuchung die schwerste ist. Denke an meine Worte, wenn du vermeinst, daß du ein Mädchen getroffen habest, von der du nicht wieder lassen kannst. Vergiß nicht, daß erst das Weib den Mann zum Manne macht, deshalb darf der Mann kein Jüngling mehr sein, und deshalb soll er sein Weib auswählen, nicht bloß nach dem Gefühl der Liebe, wie es von den heutigen Dichtern beschrieben wird, sondern mit Ernst und Furcht.
So sprach die Mutter zu Hans. An manchen Stellen ihrer Rede färbte die Scham ihre Wangen; aber sie sprach ruhig und sicher, als eine Mutter zu ihrem Sohn. Und der Sohn ward bewegt in seinem Herzen und fühlte, wie er seine Mutter liebte, die stattlich und stolz vor ihm stand mit dem glatten und blonden Scheitel.
Hans antwortete, daß er ihre Worte behalten wolle. Und er glaube, daß er keine großen Anfechtungen erleiden werde. Denn es ist wohl ein unchristliches Gefühl, das ich habe, aber ich glaube doch, daß meine Meinung richtig ist: ich denke nämlich, daß ich besser bin wie alle andern jungen Leute, die ich bis jetzt gesehen, und deshalb muß ich mich zusammennehmen, damit ich später auch etwas leisten kann, wenn ich ausgelernt habe. Und ich will mich auch hüten, daß ich nicht hochmütig werde, denn ich kann ja nicht so viel für mich, sondern das meiste habe ich von Natur, nämlich von euch.
Nach diesem Gespräch war ein neues und andres Leben zwischen Hans und die Mutter gekommen; er war freier gegen sie und offen, wiewohl er ihr auch früher nichts Besonderes verheimlicht hatte; aber er hatte das Gefühl, daß er jetzt zu ihresgleichen herangewachsen sei, gleichwie er vor Jahren zu Dorrel herangewachsen und ihr gleich, bald dann auch ihr überlegen geworden war. So blieb jetzt nur noch der Vater über ihm. Gegen den Vater hatte er noch die alte kindliche Scheu; gegen die Mutter aber hatte er eine neue Scheu bekommen, wie er sie etwa gegen seine Braut gehabt hätte, und eine neue Liebe seit jener Bewegung im Herzen, die mehr zärtlich war wie früher. Solches sind die Ringe unsrer wachsenden Seele; und wenn unsre Seele in Gesundheit und Kraft zunimmt, so setzt sie solche Ringe einen nach dem andern an, und unser innerer Kern wird immer heimlicher und verborgener vor dem Ahnen der andern Menschen.
Aber wie die Mutter mit Hans gesprochen hatte, da nahm ihn auch Dorrel mit sich auf ihr sauberes Dachkämmerchen, wo ihr hochaufgetürmtes Bett stand mit rot und weiß gewürfeltem Bezug, und ein blankgescheuerter hölzerner Stuhl, und ein großer Koffer, mit bunten Blumen bemalt.
Den Koffer öffnete sie, zeigte ihm, was darinnen war, und sprach, daß er einst erben solle, was sie besitze, denn sie habe nur einen Bruder gehabt, der sei nach Amerika gegangen und habe dort eine Bauernstelle erworben, seit langen Jahren aber habe sie nichts mehr von ihm gehört und wisse gar nicht, ob er noch lebe und Kinder habe; in fremde Hände aber solle ihr Gespartes nicht fallen. „Aber wenn du einmal heiratest, so schenke ich dir dieses Tischtuch und zwölf Servietten; dazu habe ich den Flachs selbst gesät, gezogen, gebrochen, gehechelt und gesponnen, und vom Weber habe ich ihn mir weben lassen mit künstlichen Figuren von Bäumen und Tieren und einem Jäger. Jetzt ist das Leinen zwar noch hart und sieht grau aus, aber wenn es erst ein Jahr lang im Gebrauch gewesen ist, so wird es weich, weiß und glänzend. Nur hüte dich vor den faulen Wäscherinnen, die in der Apotheke fressende Gifte kaufen, die verderben dir deine gute Leinwand, und du hast am Ende nur Lumpen.“ Danach zeigte sie ihm ihr Sterbehemd, das hatte sie auch selbst gesponnen und mit schönen Spitzen besetzt und wollte sie mit ins Grab nehmen; ihre übrige Wäsche aber, die gebraucht ist, welche er nicht behalten wollte, sollte er verschenken, einem armen und ordentlichen jungen Dienstmädchen, das sich noch nichts hat anschaffen können, und dem damit geholfen ist; „aber es muß ein ordentliches und fleißiges Mädchen sein, die meine Sachen trägt mir zu Ehre und sie sauber hält, nicht so ein faules Bettlergesindel, das in Lumpen umhergeht.“
Am Ende zog Dorrel noch ihre besonderen Kostbarkeiten hervor, an denen ihr Herz am meisten hing. Da war erstlich ein gestickter Tabaksbeutel, den hatte ihre Mutter ihrem Vater einst als Braut geschenkt und hatte derzeit zwei Taler gekostet, war auch nie gebraucht von ihrem Vater, aus Ehrfurcht, weil er so teuer gewesen. Den hatte ihr Bruder damals mitnehmen wollen nach Amerika, aber sie hatte ihn nicht hergegeben, weil sie dachte, in Amerika könne er in schlechte Hände kommen und zu Leuten, die nicht verstünden, wie kostbar er ist. Er war aber aus grüner Seide gehäkelt und waren Rosen, Vergißmeinnicht und Veilchen aus Perlen darauf, und in der Mitte war ein Wort „Souvenir“, das war auch aus Perlen, aber aus goldenen; gefüttert war er mit guter Schweinsblase. Dorrel sagte, wenn Hans erst Pastor sei, dann werde er sich das Rauchen aus einer langen Pfeife angewöhnen, und natürlich hätte er dann seinen Tabak in einem Kasten, aber wenn er einmal auf Besuch gehe, dann müsse er einen Tabaksbeutel haben, da solle er dann diesen nehmen; denn für einen Pastor schicke sich wohl so ein teures Stück, aber nicht für einen Tagelöhner, und eigentlich sei es ein rechter Unsinn gewesen von ihrer Mutter, ein solches Geschenk zu machen. Dann zeigte sie ihm einen geschnitzten Stockknopf aus Knochen. Der stammte desgleichen von ihrer Mutter her, welche als Mädchen in einem großen Hause gedient. Der Knopf hatte auf einem Rohr gesessen, das der Herr zu tragen pflegte, und wie das Rohr einmal zerbrochen war, wurde der Knopf mit fortgeworfen, Dorrels Mutter aber hatte sich ihn ausgebeten, abgeschraubt und sorgfältig aufgehoben. Jetzt sollte ihn nun Hans kriegen, wenn er erst eine Pfarre hatte, und da sollte er sich ein gutes Meerrohr mit ordentlicher Zwinge beim Drechsler kaufen und an den Knopf andrehen lassen; denn der Knopf war zwar altmodisch, aber von guter Arbeit, und weil die Mode sich immer ändert, so kommt es gewiß auch einmal wieder auf, daß die Männer von Ansehen solche Art Stöcke tragen.
Zuletzt hatte sie noch einen Hund aus Gußeisen, der für einen Briefbeschwerer dienen sollte, und hatte noch eine ganz andre Geschichte.
Auch Dorrel war einmal ein hübsches junges Ding gewesen mit prallen Backen und lustigen Augen, aber brav und ordentlich war sie auch schon, wie sie erst ihre achtzehn Jahre hatte. Da war da ein junger Knecht bei der gräflichen Herrschaft auf dem Hofe, der verliebte sich in sie und sie in ihn, und wie Kirmes war, tanzten sie viel zusammen, und er bezahlte für sie Himbeerwasser, und weil sie sich so recht glücklich fühlten, wollten sie sich etwas schenken, was sie später einmal brauchen konnten in der Wirtschaft. So kaufte Dorrel ihrem Schatz eine Samtweste, die mit bunten Blumen bestickt war, und er kaufte ihr den eisernen Hund, denn er sagte, wenn sie sich später erst etwas gespart hätten, so müßten sie sich einen Glasschrank kaufen, und in dem würde sich der eiserne Hund gar prächtig machen. Wie sie aber nach Hause ging, hatte sie schon Angst vor ihrer Frau, denn sie war damals schon bei Hansens Großmutter von der mütterlichen Seite, was die zu ihrer Liebschaft sagen würde; und in Wahrheit bekam sie auch starke Schelte, und die Frau hielt ihr vor, daß sie selbst nichts habe, und er habe zehn Geschwister, und wenn sie heirateten, so komme Hunger und Kummer zusammen, vornehmlich, wo sie sich so läppisch zeigten und sich so einfältige Geschenke aufschwatzen ließen von den Krämern, denn wenn die Dummen zu Markte gehen, so lösen die Krämer Geld. Darum solle sie ihr nicht wieder kommen mit einer Liebschaft, ehe sie nicht fünfundzwanzig Jahre alt wäre. Da seufzte und weinte Dorrel die Nacht durch, aber bedachte sich doch, daß die Frau recht hatte, und daß ihr Liebster erst noch zu den Soldaten mußte. Deshalb sagte sie zu ihm, was die Frau zu ihr gesprochen, und versprach, daß sie auf ihn warten wolle, und sie müßten ihre Zeit ausharren und sich erst anschaffen und sparen. Da schimpfte der Mann wohl recht auf ihre Frau und sagte, die solle ihm nur einmal in den Weg kommen, der wolle er schon die Wahrheit sagen, aber am Ende mußte er sich geben, sah auch wohl ein, daß Dorrel recht hatte. Weil er indessen wohl ein guter Kerl war, aber einen leichten Sinn hatte, ließ er sich mit einer andern ein; als er in der Stadt bei den Soldaten stand, heiratete die auch, zog fort und kam nachher in großes Elend. Dorrel aber brauchte lange, bis sie die Gedanken an ihn verwand; und wie sie wieder so weit war, daß sie dachte, sie möchte wohl heiraten, da schien ihr keiner recht, denn sie war inzwischen etwas altjüngferlich geworden, hatte große Besorgnis, daß dieser liederlich werden möchte und jener krank und der dritte faul; später hätte sie wohl auch einen Witmann bekommen können, aber da bedachte sie, daß sie es doch zu lange gut gewohnt war bei ihrer Herrschaft und fürchtete sich vor den Sorgen und der Not; und so geschah es, daß sie ledig blieb und die Liebesgeschichte mit dem Knechtlein, wo sie den eisernen Hund geschenkt kriegte, war ihre einzige.
Diesen Hund nahm sie nun hervor, wickelte ihn sorgfältig aus dem Papier und reichte ihn dem Hans, indem sie sagte, weil er jetzt als Student so viel schreiben müsse, so solle er den Briefbeschwerer gleich haben, denn sie schreibe ja doch nicht, weil sie niemand habe in der Welt. Die Geschichte erzählte sie ihm zwar nicht, wie sie zu dem Hund gekommen, aber wie sie an die alte Zeit dachte, da kamen ihr die Tränen in die verrunzelten Augen; sie war aber auch gerührt, weil sie sich recht lebhaft vorstellte, wie es erst wäre, wenn Hans nicht mehr am Sonnabend nach Hause käme, da streichelte sie ihm mit ihrer rauhen Hand seine Backe, und die Hand zitterte; dem Hans aber stieg das Wasser auch in die Augen, wiewohl er sich schämte und unwillig war; und so brummte er etwas, schlug seinen eisernen Hund wieder ins Papier und stolperte die Treppe hinunter.
Den Koffer nahm ein Holzfuhrmann mit nach der Stadt und gab ihn bei der Eisenbahn ab, indessen Hans selbst den Weg zur Bahnstation zu Fuß machen wollte; so verabschiedete er sich von der Mutter und von Dorrel, und der Vater warf die Büchse über die Schulter und sagte, er wolle ihn eine Strecke begleiten.
So gingen die beiden. Sie sprachen über die neue Art von Tannen, die der Graf hatte kommen lassen, welche ein sehr schnelles Wachstum haben sollten, und der Förster zweifelte, ob das Holz so wertvoll sein werde, wie die gegenwärtigen Arten, das zu Fußbodendielen zersägt wurde, weil es besonders fest war durch das langsame Wachsen der Bäume auf dem felsigen Boden. Hans wunderte sich, daß sein Vater so mit ihm sprach.
An einem Seitenwege machte der Vater Halt, weil er zu seinen Arbeitern mußte, gab dem Jungen die Hand und sagte: „Sei fleißig und schreibe bald. Wenn dein Geld nicht reicht, so mußt du schreiben.“ Dann wendete er sich zur Seite, und Hans ging weiter.
Aber der Hund, den der Förster an der Leine führte, hatte aus allen früheren Anstalten gemerkt, daß etwas Besonderes geschehe und Hans auf länger fortging wie sonst; so legte er sich auf den Boden, stemmte sich mit aller Kraft fest und begann zu winseln. Der Förster zog ihm das Ende der Leine über, aber der Hund winselte nur mehr und ließ sich nicht von der Stelle ziehen. Da wendete sich der Vater zurück und rief hinter Hans her: „Der Hund will Abschied nehmen.“ Da tanzte der Hund bellend und winselnd auf den Hinterbeinen, und wie Hans zurückkam, leckte er dem ungestüm die Hände, heulte und bellte. Hans liebkoste ihm den Kopf und mußte sich zusammennehmen, daß er nicht weinte. Am Ende sprach der Vater: „Nun gehe, du versäumst den Zug“, und da wendete sich Hans und ging; der Hund aber wich auch jetzt nicht von der Stelle, bis Hans durch eine Biegung des Weges unsichtbar wurde, dann beschnupperte er noch einmal seine Fußspur und dann erst folgte er seinem Herrn auf den Nebenweg und war traurig und niedergeschlagen.
So schritt nun Hans seine Straße fürbaß. Das war die alte Straße, die er so manchen Sonnabend heimwärts gegangen war frohen Mutes und in Trauer stadtwärts Montags früh, wenn die Vögel ihr Morgenlied sangen. Eine gute, feste Chaussee war es; zu den Seiten standen Ahornbäume, deren Laub färbte sich schon herbstlich, und Quitschen mit roten Beeren; im Winter fressen die Drosseln diese Beeren und bekommen davon ein angenehm schmeckendes Fleisch. Und auf der Chaussee fuhren Holzwagen; an einem sehr großen Stamm kam Hans vorbei, den zogen zwei schwere Pferde mit Mühe und war wohl bestimmt zu einem Mastbaum; der sollte auch in die weite Welt hinaus. Der Fuhrknecht in manchesternen Kniehosen und blauem Kittel grüßte.
Nicht weit von der Straße war die Elsgrube, Hans bog ab und ging dahin. Die kleinen, schiefgeschnittenen Äcker waren abgemäht, und die Stoppeln sollten noch umgepflügt werden; der Kartoffelacker war umgewühlt, und in der Mitte war ein runder Aschenfleck, wo das Kartoffelfeuer gebrannt hatte. Merkwürdig trostlos sah das alles aus. Das stille, kreisrunde Wasser glänzte grün inmitten des kahlen Wesens; einige geknickte Binsen hielten sich am Rande. Hans dachte, wie gern er als Kind nahe gegangen wäre an das Wasser, um vielleicht in der Tiefe den Turm der versunkenen Burg zu sehen; jetzt hätte ihm niemand verboten, so nahe an den Rand zu treten, wie er wollte, aber er hatte keine Sehnsucht mehr nach dem Turm in der Tiefe. In kindischem Tiefsinn dachte er: „ja, das ist ein Symbol unsers Strebens“; und er meinte, das sei wahrhaftig seine Ansicht. Aber seine wirklichen Gedanken waren ganz anders.
Die waren wie die Tannen, die sich den steilen Bergabhang in die Höhe strecken gleich einem Heer, das eine feindliche Befestigung stürmt; mannhaft stehen sie in Reih und Glied, klammern sich mit ihren Wurzeln über Felsen und Steine. Nach oben streben sie, nach Sonne, Freiheit und Licht; ihre unteren Zweige lassen sie trocken werden, denn sie mögen nichts mehr zu tun haben mit dem Dunkel, wo Ameisen geschäftig laufen. Eilfertig plätschert ein kleines Wässerlein den Berg hinab, aufblitzend in einem verlorenen Sonnenstrahl; das muß ihre Wurzeln tränken. Aber tiefer dringen ihre Wurzeln, sind nicht zufrieden mit des muntern Bächleins klarem Wasser; sie gehen bis zu der Tiefe, von wo die Bergquelle in die Höhe steigt. Die schaut aus der Erde zwischen Moos und Tannennadeln, wie ein dunkles Auge, und kleine Sandkörnchen tanzen in dem quellenden, kristallklaren Dunkel. Rührend ist es, wie diese Sandkörnchen da tanzen, unermüdet. Wenn man ruhig harrt und hört das leise Rauschen und Plätschern, so spürt man, wie der Wald wächst, im Herzen spürt man es, und man weiß, daß man zusammengehört mit dem Wald und aus einem herauswächst mit ihm, und alles ist eins und gehört zu einem, die leise wankenden Tannenwipfel und das dunkle Auge des Bergquelles, der moosbewachsene Felsblock und das spritzende Wässerlein und das heimliche Wesen der Wälder mit seiner starken, gesunden Luft. Eine Minute nur währt solche Verzückung; aber für den inneren Menschen bedeutet die Zeit ja nichts, denn Jahre können träge vorübergehen, ohne daß sie uns einen Eindruck machen, aber der Eindruck jener Minute ist immer noch in unsrer Seele. Die Straße ging in Windungen bergab bis zum Städtchen, wo die Bahnstation war; da wartete der Zug, der bestand aus zwei Personenwagen und vielen Wagen mit Brettern, Wellen, Stempeln und Balken, denn Holz war die Hauptware, die von hier verschickt wurde. Ein häßlicher Kohlengeruch lag über dem Bahnhofe und stumpfe und schmutzige Farbe, aber für einen Augenblick drang der Duft des frischgeschnittenen Holzes durch, daß Hansen ein heftiges Heimweh ergriff.