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Der schmale Weg zum Glück

Erstes Buch (continued 3)

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Da fuhr der Zug; und er fuhr erst durch Täler, auf deren Grund Wiesen waren, die in der Mitte, wo Wasser floß, noch Grün zeigten, sonst aber schon grau und braun schienen, und auf den Höhen standen Wälder, aber nur noch vereinzelte Tannen, denn nun begann der Buchenbestand; und schon waren die Blätter farbig, und eine vereinzelte Eiche leuchtete rot aus dem stumpferen Braun. Bald aber wurde das Tal breiter und die Hügel flacher, die Wälder verschwanden, und es zogen sich Stoppelfelder in die Höhe und ab und zu winkte ein Dörfchen mit einem Kirchturm.

Dann tat sich die Ebene auf, die ganz weit war und durch die Trübe des Himmels begrenzt wurde. Hier war die Station, wo Hans den Zug verlassen mußte; die Wagen mit den Brettern und Stämmen blieben zurück, das letzte von der Heimat; und nun wurde alles anders und wurde fremd, denn selbst die Wagenabteile waren größer wie die früheren, und es schien, als wenn in den andern noch etwas heimische Luft und Helligkeit gewesen sei; dazu sprachen die Leute eine andere Sprache, redeten über andere Dinge, und ihre Gesichter waren Hansen nicht mehr vertrauter Art.

Dahin raste der Zug. Die Telegraphendrähte an der Seite flogen auf und ab, die Stangen blitzten vorüber, und lange, schmale Felder tanzten, wie wenn sie sich im Kreise um einen Mittelpunkt bewegten, der in Hansens Wagen lag. An großen Rübenbreiten kamen sie vorbei, wo eine Herde Polenmädchen in nackten roten Beinen mitten in der Nässe stand und Rüben herausholte, und Wagen mit breiten Rädern wurden beladen, schwere Pferde zogen mit Anstrengung durch den nassen Acker, und der Wagen hinterließ eine tiefe Spur. Nun kamen wieder ganz andere Menschen in den Wagen, Leute, die sich breit machten und über Hansen wegsprachen und unhöflich drängten. Sehnsüchtig blickte er zum Fenster hinaus, dachte bei sich, er hätte doch lieber mögen zu Hause bleiben, im Wald, und mit der Flinte auf dem Rücken gehen, und alle Menschen kannte er da und alle Wege, und in der Fremde war ihm das Herz schwer und wußte auch nicht, was eigentlich die Universität war, und was er tun sollte, wenn er nun auf dem Bahnhof stand in Berlin. Immer weiter eilte der Zug und fuhr über Sandboden, wo häufige Kiefernwälder kamen, die schienen Hans natürlich zu sein; dann kamen wieder Äcker und große flache Seen, daß es war wie eine Überschwemmung; solche Art von Wasser kannte er nicht, das war so glatt und flach. Bald senkte sich auch die Dunkelheit; ein Reisender zeigte ihm in der Ferne eine schwere Dunstwolke in der Luft, das war Berlin. Das war Berlin, was unter dieser Dunstwolke lag. Wie er das sah, war ihm das Heimweh plötzlich vergangen.

Nun hielt der Zug, die Türen der Abteile wurden hastig geöffnet, und alle Menschen liefen schnell und hastig, eilten, drängten und stießen sich, und Hansen überholten sie alle, daß er als letzter eine ungeheuer breite Treppe hinunterschritt, die von einem Stein war, der Hansen Granit schien, und waren die sehr breiten Stufen immer aus einem Stück geschlagen, was sehr teuer gewesen sein mußte. An Hans vorbei eilten andre in die Höhe, hinter ihm kam ein neuer Menschenstrom herab, und unten in der Vorhalle wimmelte und kribbelte es von eilfertigen Menschen. Diese Vorhalle war außerordentlich hoch, aber eine häßliche Luft war da, und schien alles schmutzig, so daß Hansen ein plötzlicher Ekel ankam, denn ihm war, als sei auch er mit einem Male ganz schmutzig.

So stand er am Ende draußen auf dem Platz, und vor ihm war Berliner Leben.

Einen Rock trug er, den der Schneider in der kleinen Stadt verschnitten hatte, denn er war ihm vorn zu eng; auch sahen seine langen und knochigen Hände weit aus den Ärmeln, und sein Hut war von ganz alter Mode, denn er hatte ihn sich bei einem kleinen Hutmacher zu Hause gekauft, und Kragen und Schlips paßten nicht zueinander und verschoben sich beständig, und seine Füße waren in großen, plumpen Stiefeln, und die Hose hatte ausgeweitete Knie. In der einen Hand trug er einen baumwollenen Regenschirm, in der andern eine gestickte Tasche, auf der stand: „Glückliche Reise“; sein Großvater hatte sie gekauft, wie er als junger Mensch zum ersten Male von zu Hause weg mußte. So beschaffen waren Hans Werthers Kleider, wie er zum ersten Male auf dem Berliner Pflaster stand. Dazu war seine Gestalt unglaublich mager, lang und knochig, und aus seinem hageren Gesicht, das mit langen, blonden Stoppeln dicht besetzt war, starrten ratlos zwei hellblaue Augen. Im Bergwald war Hans eine schöne und jugendlich männliche Erscheinung; aber hier, auf der Königgrätzer Straße, sah er recht komisch aus.

Eine ganz auffallend gekleidete junge Dame ging dicht an ihm vorüber, blickte ihm verwundert ins Gesicht und lachte ihn aus. Er sah hinter ihr her und wunderte sich, daß eine solche Dame so unpassend sein konnte, denn sie trug einen Hut mit so großen Federn, wie Hans noch nie gesehen, schwang einen nadeldünnen Schirm in der Hand und trällerte vor sich hin.

Dem Hans wurde schwach im Herzen, und seine Sehnsucht nach der Heimat war mit einem Male wieder ganz heftig, daß sie ihm weh tat, denn er fühlte sich gänzlich verlassen von diesen eiligen Menschen, die nur alle gerade vor sich hinsahen.

Da aber gedachte er, daß er ja keine unrechten Dinge vorhatte, und fiel ihm der Gesangbuchvers ein, den er oft mitgesungen in der kleinen Dorfkirche, vor deren Fenstern die Linden standen:

„Befiehl du deine Wege Und was dein Herze kränkt, Der allertreusten Pflege Des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden Bestimmte Ziel und Bahn, Der wird auch Wege finden, Da dein Fuß gehen kann.“

Eine wunderbare Tröstung und Zuversicht überkam ihn, so daß er rüstig ausschritt durch das Treiben und Ziehen der Menschen hindurch, denn es schreckte ihn nicht mehr die Leere ihrer Gesichter, und daß sie gestorbene Seelen hatten, welches ihm bewußt geworden war, ohne daß er Klarheit über dieses Wissen hatte.

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