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Der Kriegsfreiwillige

Front matter (continued 5)

Reading edition

Und dennoch leidet die Mutter unter den Leiden ihres Jungen; aber nicht allein darunter.

Eines Abends erzählt Fräulein Else mit lachenden Augen, daß sie den Jungen mit seiner Freundin am Tor gesehen habe. Am alten, dunklen Tor pflegen zur Winterszeit die Mädelchen aus der Stadt auf ihre Liebsten aus der Kaserne zu warten.

Frau Hiller möchte Fräulein Else nach manchem ausfragen, aber sie vermag es nicht. Sie will nicht aus anderem Munde erfahren, wie die, der die erste Neigung ihres Jungen gehört, aussieht. Und doch muß sie oft an das kleine Mädchen, das dem Husaren jetzt nähersteht als die eigene Mutter, denken; möchte sie gern sehen, so gern ein Wort mit ihr sprechen. Nein, sprechen nicht, das ist nicht nötig. Nur wissen, wie sie aussieht, ob sie gut, ob sie ihres Jungen würdig ist. In der Nacht kommen ihr oft so bange Gedanken, dann malt sie sich aus, daß der Junge, der so wenig Weltklugheit besitzt, vielleicht an eine geraten ist, die nicht mehr rein, nicht mehr gut ist.

Ach, sie weiß, daß ein Mensch vieles erleben und dennoch gut und rein bleiben kann. Sie möchte ja auch gar nicht wissen, woher dieses Mädchen stammt, was sie vielleicht schon erlebt hat. Nur in die Augen möchte sie ihr schauen und das Gesicht einmal sehen — dann weiß sie genug!

Sie richtet es nun manchmal so ein, daß sie am Abend noch, wenn es schon dunkel ist, eine Besorgung in der Stadt hat, und auf dem Rückweg weilt sie dann an einer verborgenen Stelle, von der aus sie die nächste Umgebung des Tores überschauen kann. Aber sie hat kein Glück; sie sieht wohl kleine, wartende Mädchen, aber unter denen, die sich zu ihnen gesellen, ist ihr Ernst noch nie gewesen. Bis sie eines Abends mit Fräulein Else von einem Gang zu der Stadt zurückkommt. Die flüstert ihr zu: „Diese hier, gnädige Frau!“ Und Frau Hiller sieht in ein liebes, nettes Gesicht mit keckem Näschen und guten, blauen Augen — sieht in ein Gesicht, das nicht sehr viel sagt, und dessen größte Schönheit seine Jugend ist. Sie ist enttäuscht und auch beruhigt! Dieses Mädchen ist nicht schlecht und verdorben, ist auch nicht tiefgründig und verlangt keine schweren Gefühle. Es ist eins von jenen Mädchen, die so recht eigentlich dazu geschaffen sind, die erste Liebe eines jungen Menschen zu sein; wie Blumen sind sie, die einen süßen Duft haben und vergessen sind, sobald man sie nicht mehr sieht. Sie ist ruhig und versucht sich zu freuen, daß der Junge, bevor das Große, Gewaltige in sein Leben kommt, ein liebes, heimliches Glück gefunden hat — sie will sich freuen, wie eine Mutter sich über das Glück ihrer Kinder freuen soll; sie will nur noch Mutter sein.

Der Weg vom Stadttor nach der Kaserne hinaus dünkt ihr an diesem Abend eine Ewigkeit zu sein: ihre Seele ist in Aufruhr — in ihr ist ein alter, heißer, wilder Schmerz, eine verzweifelte Sehnsucht wieder eingezogen.

Müde schleppt sie sich neben Fräulein Else her.

Im Hause steigt sie langsam die Treppe hinan. Oben in der Küche steht die große Lampe auf dem Tisch vor dem Sofa; das Abendbrot ist bereitet, und der junge Arzt hat sich auch eingefunden. Aber heute abend kann sie keinen Menschen mehr um sich haben. Heute abend ist es zu dunkel, zu trostlos in ihrer Seele.

Fräulein Else entzündet ihr das kleine, in Öl schwimmende Nachtlicht in ihrem Schlafzimmerchen und fragt, ob sie etwas zu essen bringen darf. Nein, nichts — gar nichts — nur Ruhe — nur Stille — nur Dunkelheit. Alles tut ihr weh, jedes Geräusch, jeder Lichtschein, jeder Nerv schmerzt sie. So hat der Schmerz sie noch nie übermannt; so schwach, so elend und klein ist sie noch nicht ein einzigesmal gewesen, seit der große Aufruhr in die Welt kam.

Der müde Kopf liegt in den Kissen; die Dunkelheit, die große Stille tun ihr gutes Werk. Gott wird sie nicht ganz verlassen — — er wird ihr die beiden, die sie liebt, die so eng mit ihr verbunden sind, zurückschicken! Aber Gott läßt so viel Furchtbares geschehen in dieser Zeit — — so viel tausend Frauen haben hergeben müssen, was ihr eigen war — — —. Ihre Hand spielt mit dem kleinen goldenen Amulett, das die Großmutter ihr bei Beginn des Krieges um den Hals gehängt hat, und ein dunkler Gedanke flieht durch ihre Seele. — Der Inhalt dieses Amuletts sollte sie, wenn es ganz schlimm kam, vor der Bestialität der Russen, die in Deutschlands Hauptstadt einzudringen beabsichtigten, schützen. Das aber hatte Gott abgelenkt. Nach menschlicher Berechnung würde nun nicht einer von den vielen Feinden bis ins Herz des Deutschen Reiches eindringen! Nach menschlicher Berechnung mußte Deutschland trotz dieser Welt von Feinden doch noch den Sieg erreichen. Viel Blut floß — viele Opfer mußten gebracht werden! Keiner durfte zagen — keiner durfte klein werden! Man lebt nicht mehr für sich selbst, man lebt für das Land, in dem man geboren ward, für das Land, das man jetzt, da es bedroht ist, mit so viel tieferer, heißerer Liebe als in der Zeit des langen Friedens liebt.

Ihre Hand läßt das Amulett fallen; ihr Kopf ist wieder ruhig — die Gedanken nehmen eine andere Richtung. Nicht klein, nicht schwach, nicht selbstisch sein! Was sie leidet, ist das Leiden einer ganzen Welt — was sie hergeben muß, geben Millionen in allen Ländern her. Soll sie kleiner, verzagter, armseliger sein als all diese Millionen? — — —

Die Husaren haben Freiturnen im Kasernenhof. Es ist kalt, und ein rauher Wind weht, aber sie merken es nicht. Nachdem sie eine Stunde lang Lanzenschwingen und Säbelfechten geübt haben, ist zum Springen kommandiert worden.

Der Oberleutnant kommt aus dem Dienstgebäude und spricht mit dem Wachtmeister, und man weiß nicht, ob er nur gekommen ist, um sich die Sache einmal anzusehen, oder ob etwas Besonderes vorliegt. Man wartet ja täglich, stündlich auf das Große, das doch nun endlich, endlich kommen muß.

Aber nachdem die Unterredung beendet ist, läßt der Wachtmeister ruhig weiterturnen, und der Oberleutnant sieht zu. Die Freiwilligen sind enttäuscht, und das Springen geht wirklich etwas mangelhafter als sonst vor sich.

Dann aber kommandiert der Oberleutnant plötzlich: „Halt!“ und sagt zum Wachtmeister: „Wachtmeister, lassen Sie mal die fünfzig Besten vortreten — aber, bitte, nicht die, die hier so miserabel geturnt haben!“

Die Freiwilligen horchen auf. Was ist das? Was bedeutet das? Geht es hinaus? Aber nein, das ist nicht möglich, denn vor einer Woche sind wieder hundert von ihren Pferden nach Halberstadt verschickt worden, und die, die jetzt noch hier im Stalle stehen, sind zum großen Teil nicht kriegstauglich.

Der Oberleutnant sieht sich die fünfzig Leute, die herausgerufen worden sind, an.

„Gut,“ sagt er. „Also, Sie, Wachtmeister, und zwei Unteroffiziere werden die Reise anführen. Mit dem Herrn Oberst treffen Sie in Budapest zusammen. Wir haben jetzt vier Uhr; um fünf Uhr geht der Zug. Es ist also Eile nötig!“

Die Freiwilligen, die herausgerufen worden sind, haben rote Köpfe bekommen. Nach Ungarn zum Pferdekauf! Das geht unmittelbar dem Ausrücken voran! Bevor der Landsturm und die alten Leute ins Feld rückten, sind sie auch nach Ungarn gefahren, um Pferde zu holen. Das Herz schlägt ihnen hoch. Endlich, endlich!

Der Wachtmeister ist auch plötzlich rosigster Laune. Der Turnunterricht wird abgebrochen; die, die nicht ausgewählt wurden, haben eine freie Stunde, und die anderen werden kommandiert, um Futterbeutel und Tränkeimer in Empfang zu nehmen.

Hillers Herz klopft zum Zerspringen. Er benutzt die kurze Viertelstunde, die ihnen zum Umziehen gelassen wird, um ganz schnell zur Mutter hinüberzulaufen.

Mit heißen Wangen und leuchtenden Augen steht er vor ihr. „Wir fahren nach Ungarn, Mutter. Pferde holen — dann geht’s ins Feld, Hurra!“

Er weiß gar nicht, was er sagt; er sieht auch nicht, wie bleich die Mutter wird; sie hat ihn gar nicht richtig verstanden und glaubt im ersten Augenblick, daß er schon jetzt den großen Abschied nehmen will. Aber darüber beruhigt er sie. „Nein, nein. Vorerst nur nach Ungarn, die Pferde holen. Dann müssen sie doch ein paar Tage lang eingeritten werden. Man kann doch nicht auf ganz fremden Gäulen ins Feld. Unsinn — Mutter, du brauchst nicht zu erschrecken. Wir kommen ganz sicher wieder zurück. Zehn oder zwölf Tage bleiben wir aus. Aber das ist doch famos! So eine schöne Reise!“

Sie will ihm Kaffee bringen lassen, aber er wehrt ab:

„Nein, Mutter, ich hab’ nicht einen Augenblick Zeit. Ich muß gleich wieder drüben sein. Lebewohl, Mutter; was willst du denn während der Zeit tun?“ Diese letzte Frage richtet er noch im Hinausgehen an sie, wartet aber die Antwort gar nicht mehr ab.

Unten vor der Kaserne steht Hipp und hält triumphierend einen Futterbeutel und Tränkeimer in der Hand. „Teufel,“ sagt Hiller erstaunt, „du warst doch gar nicht unter den Fünfzig!“

Hipp lacht. „Man muß so was zu deichseln verstehen. Ein armer Bauernlümmel ist krank geworden; ich habe ihm zehn Mark zur Erholung geschenkt; da hat er mich als Vertretung vorgeschlagen. Ich werde mir doch so was wie eine Gratisreise nach Ungarn nicht entgehen lassen!“ — Er hängt sich in Hillers Arm: „Hast du Mammon? Sonst kann ich dir aushelfen!“

Aber Hiller hat, was er braucht; Großmutter sorgt immer gut für ihn, und die Mutter gibt auch. Sie gehen in die Stube und ziehen den Reitanzug an. Dann noch schnell in die Kantine, um eine Weiße und ein paar Butterbrote zu verzehren. Für alle Fälle; denn man kann nicht wissen, wo man zuerst etwas zu futtern bekommt.

Im Hof steht der Wachtmeister mit den zwei Unteroffizieren: „Antreten! — Zu Reihen gliedern! — Marsch!“ Und fort geht’s zum Bahnhof. Vorerst mal in den Zug nach Magdeburg. — Dritter Güte — das ist anständig; jeder hat seinen Platz, und der Wachtmeister ist fortgesetzt in rosigster Laune.

„Wenn ihr Lust habt, könnt ihr singen!“

Hipp hat eine Mundharmonika und setzt sie sogleich an. ‚Morgenrot, Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod!‘ Sie singen es mit leuchtenden Augen — der Wachtmeister und die Unteroffiziere auch. Was das für ein Gefühl ist — mal endlich aus der Kaserne raus!

„Unsere Damen werden heut’ abend große Augen machen!“ flüstert Hipp, zu Hiller gewandt. „Schad’t aber nichts; sie müssen sich jetzt langsam von uns abgewöhnen.“

Über Hillers Gesicht fliegt ein Schatten. Daran hat er in seiner Aufregung noch gar nicht gedacht, und das Mädchen tut ihm furchtbar leid. Was mag die denken, daß er sie so einfach im Stich läßt!

Hipp sagt: „Siehst du nun ein, daß es blödsinnig ist, bei so einer Sache etwas zu fühlen? Immer frei bleiben! Das ist die Hauptsache! Wenn ein Mädchen flennt und Liebesschmerz hat, was ist dabei? Sie haben ja sonst nicht viel zu tun. Aber unsereins muß frei bleiben. Ist ja auch nicht der Mühe wert, oder glaubst du, daß deine Kleine länger als einen Tag um dich weint, wenn sie vielleicht mal hören soll, daß du gefallen bist? Nur keine Illusionen!“

Und es ist gut für Hiller, daß Hipp ihn immer wieder aus seiner Phantasiewelt herausreißt, denn er gehört zur Klasse der reinen Toren, die überall nur Gutes und Wahres und Reines sehen.

Sie singen ein Lied nach dem andern, und der Zug läuft in Magdeburg ein, bevor man’s gedacht hat. Am Bahnhof steht ein Trupp Ulanen mit Wachtmeister und Unteroffizier. Der Vorgesetzte der Husaren tritt zu dem Kameraden vom Ulanenregiment hin und verständigt sich mit ihm. Sie haben Befehl, die Reise gemeinsam zu machen. Eine Stunde Aufenthalt in Magdeburg — dann weiter nach Dresden, wo die erste Nachtrast sein soll.

Die Freiwilligen — Ulanen und Husaren — bekommen Stadturlaub; in einer Stunde haben sie wieder am Bahnhof zu sein. Sie zerstreuen sich in Trupps und suchen die dem Bahnhof zunächst liegenden Kneipen auf. Man kommt sich schnell näher. Die Ulanen sind noch ebenso unsicher wie die Husaren, ob es nach dieser Ungarnreise nun wirklich hinausgeht. Man weiß ja wahrhaftig nicht, wozu man noch in der Kaserne sitzt, man begreift es nicht, daß man solche Mengen von gutem Soldatenmaterial noch in der Kaserne läßt. Hipp ist mit Hiller und ein paar Ulanen in einer richtigen Muschkokneipe gelandet. Man sieht nichts anderes als buntes Tuch und atmet einen üblen Geruch ein. Schadet aber nichts — man ist wenigstens mal aus dem ewigen Einerlei heraus!

Die Fahrt nach Dresden ist schon ein wenig ungemütlicher als die vorherige. Sie sind jetzt neunzig Mann und werden vierter Klasse verstaut. Wer Glück hat, kann sitzen, die anderen stehen. Sangeslust ist nicht mehr vorhanden, und um die neunte Stunde, um die man sonst auf seinen Strohsack zu fallen pflegt, lassen die meisten ihre Köpfe hängen. Macht der Gewohnheit. — Um neun Uhr meldet sich der Schlaf! Und ein paar von denen, die einen Sitzplatz haben, fangen an zu schnarchen.

Um Mitternacht sind sie in Dresden; da ist noch reges Leben am Bahnhof. Das Rote Kreuz hat einen großen Raum für Verwundete und durchreisende Krieger eingerichtet, und labt nun auch die Husaren und Ulanen mit gutem, heißem Kaffee, Butterbrot und Zigarren.

Da die Nacht vorgeschritten ist, kann man nicht mehr zu einer Kaserne hinaus, um Quartier zu bekommen; man muß am Bahnhof bleiben, zum wenigsten die, die auf Regimentskosten schlafen wollen. Wer Geld hat, kann sich in der Stadt ein Unterkommen suchen. Um elf Uhr am nächsten Morgen hat man sich wieder am Bahnhof einzufinden. Eine ganze Menge von ihnen verfügt über das nötige Kleingeld und zieht in die Stadt. Schade, daß man so hundemüde ist; man hat jetzt wirklich nur noch das eine Verlangen, sich auszustrecken, und zwar sobald als möglich.

Hipp und Hiller und zwei Mann, die sie als ihresgleichen erkannt haben, betreten ein sehr feines Hotel. Warum soll man nicht für eine einzige Nacht üppig sein? Ein Vermögen wird’s nicht kosten. Und man schläft dann wenigstens mal wieder in einem anständigen Bett und bekommt am Morgen etwas Ordentliches zu frühstücken.

Der Oberkellner sieht die vier Soldaten etwas kritisch an, aber der weltkundige Hipp hat ihn bald da, wo er ihn haben will. Er versteht es prachtvoll, jemanden mit drei Worten klarzumachen, wer er ist, und was er zu beanspruchen hat.

Sie erhalten je zu zweien ein sehr anständiges Zimmer mit Heizung und elektrischer Beleuchtung; aber sie genießen nicht mehr viel von diesen Bequemlichkeiten. Kaum, daß sie den Uniformrock und die lederne Reithose ausgezogen haben, sind sie schon im Schlaf drin und schlafen nicht schlechter und nicht besser als in ihrer Altmärker Kaserne auf dem Strohsack.

Aber am nächsten Morgen läßt sich die Sache schon anders an, da kann man sich erst noch diverse Male umdrehen, ehe man ans Aufstehen denkt, und sitzt dann unten im Frühstückszimmer vor einem famosen Frühstück, das durch Hipps Anordnungen noch um vieles delikater gemacht wird.

Die Rechnung ist dann auch einigermaßen erstaunlich, und Hipp läßt beim Bezahlen seines Anteils die Bemerkung einfließen, daß man in diesem Hotel nicht sehr patriotisch gesinnt zu sein scheine, denn sonst würde man freiwilligen Kriegern, die in kurzer Zeit ihr Leben fürs Vaterland einsetzen wollen, nicht solche Summen abnehmen. Der Oberkellner bleibt kühl und würdevoll und läßt Hipps Bemerkung an seinem Ohr vorbeigehen, als ob er sie nicht gehört oder verstanden habe.

Macht nichts! Man ist acht Mark losgeworden, aber man hat doch auch etwas dafür gehabt. Weiterhin wird man ja keine Gelegenheit zu großen Ausgaben mehr haben!

Nun läßt sich die Sache wirklich anders an — viel ernster und dienstlicher!

Wieder werden sie in Wagen vierter Klasse untergebracht und fahren in sehr gemäßigtem Tempo der österreichischen Kaiserstadt zu.

In Prag ist längerer Aufenthalt, und am Bahnhof sind Speisehallen aufgeschlagen. Jeder tritt mit seinem Napf an und bekommt ein Stück Fleisch, auf das eine heiße, kräftigriechende Suppe gefüllt wird. Es schmeckt gut, denn sie sind hungrig — sie können gut und gern die doppelte Portion vertragen; aber es dauert eine geraume Zeit, bis alle neunzig Mann gespeist sind, und man muß sich sogar beeilen, seinen Napf auszulöffeln.

Die Dunkelheit bricht an, als sie sich Wien nähern. Hiller ist in freudiger Erregung. Das war schon längst sein Wunsch, das schöne, alte Wien zu sehen! Und es kommt ihm fast unwahrscheinlich vor, daß dieser Wunsch sich nun so plötzlich erfüllen soll. Am liebsten wäre er gleich vom Bahnhof mit Hipp und den zwei Mann in die Stadt gelaufen, denn höchstwahrscheinlich werden sie wieder Nachturlaub erhalten.

Aber am Bahnhof heißt’s: „In Reihen gliedern! — Marsch!“ Und es geht durch eine Reihe grauer Straßen immer in Reih und Glied. Man darf den Kopf nicht nach rechts oder links wenden. Wohin führt man sie? Was hat man mit ihnen vor?

Ah, nun kommen sie in belebte Gegenden. Die Leute schauen nach ihnen und bleiben stehen. „Heil — Hurra — Deutschland!“ ertönt’s von allen Seiten. Man bringt ihnen Ovationen dar — man feiert sie. „Deutschland, Deutschland über alles!“ erschallt es, und Menschenscharen schließen sich ihnen an. „Deutsche Husaren und Ulanen. Hurra! Hoch die Verbündeten! Heil dir im Siegerkranz! Hoch Kaiser Wilhelm! Hoch — hoch — hoch!“

Die Köpfe der jungen Menschen werden heiß. Das Blut wallt ihnen zum Herzen. Sie wissen, daß der Jubel nicht ihnen selbst, nicht ihrer Person, sondern dem Lande, das sie hier vertreten, gilt. Und sie fühlen es mit Wonne und Glück: Wir sind Deutsche! Wir sind in Freundesland. Man liebt uns.

Ach, endlich einmal wieder Begeisterung und Hoch und Hurra und heiße, flammende Freude! Endlich einmal wieder kommt es einem zum Bewußtsein, daß man in dieser gewaltigsten aller Zeiten lebt, daß man zu Hohem, Heiligem berufen ist.

Sie singen es mit ihren Bundesbrüdern — sie singen es aus jubelndem, heißem Herzen heraus: „Deutschland, Deutschland über alles!“

Aber von Wien bekommen sie nichts zu sehen; man hat sie nur von dem einen Bahnhof, auf dem sie ankamen, zu einem anderen geführt, und da steht schon der Zug bereit, der sie weiter, der sie direkt nach Budapest bringen soll. Vorher große Abspeisung und Hurra und herzliches Willkommen. Die hübschen jungen Mädchen stecken ihnen Liebesgaben zu: Schokolade, Zigarren, Postkarten, und überall hallt es: „Hoch Deutschland! — Hoch die Verbündeten! Deutsche Ulanen und Husaren — Hurra — Hoch!“

Die Österreicher haben ihren Waffenbrüdern einen komfortablen Zug zur Verfügung gestellt: D-Zug, nur mit Wagen zweiter Klasse. Die Österreicher sind ein höfliches Volk, sie wissen, wie man seine Freunde ehrt. Jeder hat viel Platz, und sie sitzen sehr bequem auf ihren Samtpolstern.

Hiller hat noch einen Augenblick mit seiner Enttäuschung zu kämpfen, als die Lokomotive anzieht. Sie gleiten am nächtlichen Wien vorüber — ohne etwas anderes als ein paar Straßen gesehen zu haben. Schade — — aber dann ist’s auch schon überwunden. Wenn man gesund aus dem Kriege kommt, wird man Wien schon noch einmal zu sehen bekommen.

Am nächsten Morgen ist Budapest erreicht und gleich Urlaub bis zum Mittag. Großartig! Und man steht an der Donau und sieht die herrliche Stadt mit ihren wundervollen Bauten vor sich liegen. Die Sonne scheint und glitzert auf den Wellen des Stromes. Wirklich famos! Und Hipp wird in der ihm noch ganz fremden Stadt gleich zum Führer, schreitet mit Hiller und den zwei Husaren über die Brücke, so als ob er schon hundertmal dahergegangen wäre, und macht auch gleich ein Lokal ausfindig, in dem es etwas Anständiges zu frühstücken gibt, denn am Bahnhof haben sie ihnen im Wartesaal einen miserablen Kaffee und Knoblauchwürstchen angeboten. Beides Dinge, die man vielleicht in höchster Not, wenn der Hunger einen schon mächtig plagt, annehmen würde. Aber jetzt hatte man das noch nicht nötig!

Die Menschen hier in der schönen Stadt sind überaus freundlich. Überall begrüßt man sie aufs herzlichste, und alle paar Schritte werden sie angehalten: „Was seid’s für Landsleut? Wer seid’s?“ „Német Husar!“ antwortet Hipp stolz, und: „Német Husar! Hoch Német Husar!“ tönt es ihnen von allen Seiten entgegen.

Ha, die Ungarn wissen, was für Bundesgenossen sie an den Deutschen haben. Es ist eine Freude, hier durch die schöne Stadt zu ziehen und sich anstaunen und feiern zu lassen. Überall steckt man ihnen Zigarren und Postkarten zu, und junge Mädchen bringen ihnen Blumen. „Hoch Német Husar! Heil deutsche Waffenbrüder!“

Zu Mittag speist man gut und teuer. Schadet nichts, man ist nur einmal als Husar in Budapest — und dann wieder Versammlung am Bahnhof. Wieder D-Zug mit Wagen zweiter Klasse, und vorbei geht’s an der schönen, blauen Donau, dann durch flaches Steppenland, bis man an die Ufer der Theiß gelangt.

Szegedin! Es ist Nacht geworden. Die Wachtmeister von beiden Regimentern werden von zwei ungarischen Männern, die ein Mittelding zwischen Bauer und besserem Gutsbesitzer sind, begrüßt. Das sind die Pferdehändler, die morgen ihr Geschäft machen wollen, und die für den heutigen Abend die ganze Schar zum warmen Abendbrot und rotem Ungarwein einladen. Große, gedeckte Tische stehen im Bahnhofsgebäude bereit; es gibt Suppe, schöne, zarte Schnitzel, Gemüse und Käse! Alles umsonst — und in verschwenderischer Fülle. Die Freiwilligen haben einen Bärenhunger, und der Wein tut ihnen wohl. Aber die Wachtmeister wollen zur Ruhe kommen.

Kaum hat man den letzten Bissen gegessen, heißt es schon: „Antreten!“ und man zieht durch dunkle Straßen zur 46. Infanteriekaserne hinaus. Da ist Nachtquartier angesagt. Urlaub gibt’s nicht. Alle zur Kaserne — gleichgültig, ob man Geld für eigene Unterkunft hat oder nicht.

In der 46. Infanteriekaserne spricht man gebrochen deutsch. Ein Unteroffizier empfängt sie und weist ihnen drei große Stuben an — jeder bekommt eine Matratze mit Decken. Zum Kopfkissen rollt man den Mantel zusammen, und die deutschen Wachtmeister teilen ihren Freiwilligen noch mit, daß der Oberst, der schon in Szegedin weilt, für den nächsten Tag bis zum Mittag Urlaub gewährt hat. Dann: Lampe aus — die Decke über die Schultern und Augen zu! Aus ihren Reithosen kommen sie fürs erste nicht heraus.

Am nächsten Mittag beginnt der Pferdekauf. Vorher haben sie sich die Stadt angesehen, haben gegessen und getrunken und haben sich feiern lassen. Famos! Auf diese Weise haben sie ein schönes Stück Welt gesehen!

Der Pferdekauf findet in einem Gutshof, der nicht weit von der Kaserne abliegt, statt. Die Wachtmeister nehmen jeder ihre Freiwilligen zusammen, und während die Ulanen in den Gutshof hineingehen, müssen die Husaren draußen warten.

Es regnet, und es ist kalt; die Straßen sind aufgeweicht, und die Freiwilligen frieren trotz der warmen Mäntel, die sie tragen. Die ungarischen Bauern führen dem deutschen Oberst ihre Pferde vor. Der besieht sich jedes einzelne von allen Seiten, läßt Trab und Galopp laufen und diktiert dann dem Schreiber Alter, Farbe und Geschlecht des Tieres, und für welche Truppengattung es bestimmt werden soll.

Die Ulanen nehmen die Pferde in Empfang und bringen sie zu den Husaren hinaus.

Es sind durchweg temperamentvolle Tiere, die nicht ruhig stehen wollen. Hipp und Hiller, von denen jeder zwei Gäule hat, gehen im Kreise mit ihnen herum. Es ist wirklich keine Kleinigkeit, eine Stunde mit zwei fremden Gäulen herumzulaufen. Aber mit den zwei ist es noch nicht abgetan. Die Ulanen bringen immer neue Tiere heraus. Teufel auch! Mehr als drei kann man doch aber nicht handhaben, besonders wenn die Biester anfangen, kerzengerade in die Höhe zu steigen.

Da — nun hat Hipp schon wieder ein neues. Vier Stück, zum Donnerwetter, das kann gut werden! Auch Hiller bekommt das vierte, und reißt sich doch schon mit den dreien wie ein Toller herum. Dazu prasselt der Regen nieder, und die Gäule stampfen in die Pfützen, daß einem der Kot bis ins Gesicht spritzt.

Gott sei Dank, nun kommt der Oberst heraus — setzt sich in sein Auto und fährt davon.

Die Freiwilligen sind wie in einer Schlacht. Jeder zerrt an den sich aufbäumenden Tieren, und die Wachtmeister schimpfen um sie herum. Das Schlimmste kommt aber noch. Die Tiere müssen gestempelt werden, und in dem Augenblick, da sie das heiße Eisen an ihrem Hals fühlen, sind sie ganz des Teufels.

Hipp fliegt hoch in die Luft, so wirft sich einer von seinen Gäulen zurück. Er hat das Gefühl, als sei ihm der Arm aus der Kugel gedreht, und macht ein ganz verzweifeltes Gesicht. Andern geht’s nicht besser; einer hat die Zügel einfach fahren lassen und muß sehen, wie seine Tiere in den Gutshof zurückrasen.

Unter Toben und Schreien, Hü und Hott, setzt sich dann der Zug in Bewegung zum Bahnhof hin. Da stehen die langen Züge mit Viehwagen, und nun heißt’s aufpassen, daß keiner seine Gäule locker läßt. Die Pferde scheuen vor den dunklen Wagen zurück. Sie bleiben am Eingang stehen und sind durch nichts weiterzubringen. Zurufe, Schreien, Stockhiebe — alles nutzt nichts. Man muß sich gegen das Hinterteil stemmen und schieben, bis sie glücklich drin sind.

Stunden vergehen — es ist später Nachmittag geworden, bis die Tiere endlich verladen und gefüttert sind; aber dafür ist dann auch der Rest des Tages und der Abend frei. Erst um Mitternacht hat man sich wieder am Bahnhof einzufinden. Dann soll’s weitergehen bis dicht an die serbische Grenze heran; der Oberst kauft Hunderte und Hunderte von Pferden, und den Freiwilligen wird es immer banger zumute. Wie sollen sie das bewältigen?

Aber erst mal haben sie jetzt einen freien Abend vor sich, und den wollen sie sich nicht verkümmern lassen. Mag nachher kommen, was will. Fürs erste lacht die goldene Freiheit sie an.

Die Straßen der Stadt sind grundlos; bis über die Knöchel waten sie im Morast. Wohin geht man nun? Wer hat eine Ahnung, wo man hier etwas Besonderes sehen kann?

Ein Vorübergehender, der sie anspricht und herzlich begrüßt, hat ihnen in holperigem Deutsch vorgeschlagen, sich mal die Theißanlagen anzusehen, und das tun sie denn auch pflichtgetreu, trotz des stetig fallenden Regens und der einbrechenden Dunkelheit. Aber so recht steht ihnen heute ihr Sinn eigentlich nicht mehr danach, Naturschönheiten zu bewundern. Sie frieren, sind durchnäßt und wollen etwas Vernünftiges in den Magen bekommen.

Die ersten Husaren, die vorbeikommen, werden angehalten. „Sagt uns ein gutes Lokal!“ Die empfehlen das Stammlokal der Szegediner Einjährigen und weisen ihnen den Weg.

Ja, das war eine gute Weisung. Heiße, ungarische Musik schlägt ihnen entgegen, noch bevor sie in den hellen, warmen Saal eingetreten sind. Musik, von einer kleinen ungarischen Kapelle ausgeführt — feiner Zigarrenduft und heitere, angeregte Menschen — Essen und Trinken — was wollen sie mehr!

„Vorerst einmal Kaffee!“ rät Hipp. Inzwischen wird man die Speisekarte studieren und sich ein feines Nationalgericht bestellen.

Hipp ist wirklich der geborene Lebemann. Die anderen würden gleich drauflosgegessen und getrunken haben, aber Hipp weiß ganz genau, daß ein etwas vernachlässigter Magen erst durch etwas Anregendes gereizt werden muß. Wenn der Kaffee sie erwärmt und aufgefrischt hat, werden sie nachher mit viel größerem Genuß speisen können. Man tut ohne weiteres, was Hipp will, und überläßt ihm auch gern, für alles Weitere an diesem Abend zu sorgen.

Die Stimmung ist schon sehr angeregt. Ganze Scharen von den deutschen Husaren und Ulanen haben den Weg in dies famose Lokal gefunden, und die Ungarn trinken und jubeln ihnen zu: „Hoch Német Husar! Hoch Német Ulan!“

Der Kellner bringt eine würzige Suppe von pikantem Geschmack und weißen Ungarwein zu vier Kronen die Flasche. Hipp schenkt vorsichtig ein. „Nur nicht gleich drauflossaufen, dann ist es um den feinen Genuß geschehen!“

Dann ein Fischgericht. Ein Fisch, der am Morgen noch in der Theiß schwamm. Teufel, ja, das muß man den ungarischen Bundesbrüdern lassen; sie haben eine feine, aparte Küche!

Hipp ißt langsam nach Art der Feinschmecker und trinkt den Wein in kleinen Schlückchen.

Zum Schluß ein ungarisches Schnitzel, Butter und Käse und etwas Süßes! Das läßt man sich gefallen! Nicht zu viel und nicht zu wenig! Man ist nicht überfüttert, sondern in eine prachtvoll behagliche Stimmung gekommen und hat noch die Fähigkeit, der Musik zu lauschen und die Umgebung zu beobachten.

Nahe bei dem Orchester sitzt ein junger, verwundeter Offizier, um den Kopf eine Binde, einen Orden auf der Brust; der hat sich schon mit den Serben geschlagen. Sie schauen ihn bewundernd an, wie er vor seiner Flasche Sekt sitzt und den Kopf zu den Tönen der Musik bewegt. Wenn ein Lied gespielt wird, singt er mit — laut und dröhnend — er hat eine prachtvolle Stimme und viel Temperament. Eigentlich zu viel Temperament für einen verwundeten Krieger. Wippt mit den Beinen und schlägt mit beiden Händen den Takt. „Beschwiemelt,“ sagt Hipp, „total beschwiemelt,“ und die anderen blicken neugierig zu dem ordengeschmückten Helden hin. Dieser winkt dem Kellner und sagt ihm etwas; der Kellner scheint ihn nicht zu verstehen. Klatsch — fliegt ein Glas Sekt an den Boden. Im Augenblick steht ein neues da.

Nun fängt er mit dem Kapellmeister an — ruft ihm etwas zu und springt von seinem Sitz auf. Die Augen funkeln ihm; er reißt ihm die Geige aus der Hand. Teufel, kaum kann er sich noch auf den Beinen halten — aber spielen kann er...! Da ist der Kapellmeister nichts dagegen. Er spielt, und der ganze Saal lauscht ihm — er torkelt umher und spielt herzzerreißend schön, spielt, daß man laut aufheulen möchte vor Glück und Schmerz; dann ein Knacks — eine Saite entzwei — die Geige fliegt in eine Ecke — der Verwundete fällt auf einen Stuhl — stützt den verwundeten Kopf in die Hand und starrt vor sich hin. Weint er? Ist sein armer Geist verwirrt? Hat er so Entsetzliches gesehen und gehört, daß er nicht mehr Herr seiner Sinne ist? Daß er trinken muß, um Grauenvolles zu vergessen? Wer weiß es? Wer kann sagen, ob er nur ein liederlicher Kumpan, oder ob er ein Unglücklicher, ein vom Krieg Erschütterter ist?

Zwei junge Honvedoffiziere kommen an seinen Tisch und reden auf ihn ein. Er ist wie ein Kind und läßt sich willig fortführen.

Ein paar Minuten bleibt’s still im Saal — man ist erstaunt und erschreckt. Dann hebt der Kapellmeister die Geige vom Boden — zieht eine neue Saite auf, und die neueinsetzende Musik läßt den kleinen Zwischenfall vergessen.

Aber an anderen Tischen wird’s nun auch lebendig; der Ungarwein beginnt seine Wirkung zu tun. Auch deutsche Husaren und Ulanen haben rote Köpfe bekommen, fangen an zu singen und zu krakehlen. Die wilde Musik stachelt auf — die Begeisterung der Ungarn für ihre deutschen Bundesgenossen steigt; die Luft ist heiß. Und die Begeisterung flammt immer höher auf.

Die Stunden fliegen, aber Hipp, der Feinschmecker, hält seine Gesellschaft im Zügel. Auch ihre Köpfe sind nicht ganz frei — doch denken können sie noch; sie wissen noch, wo sie sind, und als die zehnte Stunde vorüber ist, steht Hipp auf, winkt den Kellner heran, um die Rechnung für sich und die drei Tischgenossen zu begleichen. Der begeisterte Wirt aber will von einer Bezahlung nichts hören und freut sich, ihnen, als seinen Bundesgenossen, einen schönen Abend bereitet zu haben.

Durch den tiefen Morast der Szegediner Straßen tasten sie sich zum Bahnhof hin. Von allen Seiten kommen sie angetrottet — in ganzen Reihen und auch allein; singend und fluchend und lallend — manch einer total besinnungslos, auf ein paar Kameraden gestützt. Die Wachtmeister stehen am Bahnhof und sind wütend, ein Ulan ist am Umfallen und schwatzt ungereimtes Zeug.

„Kerl, Sie sind ja total betrunken!“ schreit der Wachtmeister ihn an. „Sie werden Kasten bekommen — verstehen Sie?“ „Gut — Herr Wachtmeister!“ „Halten Sie die Schnauze, Kerl!“ „Jawohl, Herr Wachtmeister — mach’ ich schon! Aber ich bin nicht betrunken! Sicher nicht!“

„Halt’ die Schnauze, Kerl!“

„Ich sag’ ja schon nichts mehr, aber betrunken bin ich nicht, Herr Wachtmeister!“

Der packt ihn mit festem Griff und wirft ihn in ein Abteil. Der Ulan fällt aufs weiche Polster und bleibt bewegungslos liegen. Sie kommen alle nicht ganz so glatt hinein — und als der Zug endlich anzieht, hört man schon manchen schnarchen in den einzelnen Abteilungen.

Ein paar Stunden darauf sind sie in Mako. Dunkelheit lagert noch über dem Ort, es ist fünf Uhr früh. Es stürmt und regnet! Eine Kaserne gibt’s hier nicht. Also wohin?

Dem Wachtmeister wird ein Wirtshaus genannt, das große Säle hat, da wird man sie aufnehmen. Also los! Die Stiefel bleiben im Schmutze stecken — der Regen peitscht ihnen ums Gesicht — sie sind todmüde und schlapp.

Im Gasthof sieht man sie staunend an. Wer ist das? Eine verschlafene Magd kreischt auf und will sich mit dem Besen gegen den eindringenden Feind wehren.

Wirt und Wirtin erscheinen. „Wer seid’s? Ist das der Serb — der Feind?“ — „Nein, Német Husar und Ulan, deutsche Waffenbrüder!“

Da leuchten die Gesichter! „Aber gewiß! Tretet’s ein!“ und man ist traurig, daß man keine Betten hat. Schad’t nichts. Wer so hundemüde ist, schläft auch ohne Betten! Sie verteilen sich auf die Bänke, die an der Wand stehen, und wer keine Bank findet, legt sich auf den Boden; es ist ganz gleichgültig. Die Magd schürt das Feuer im großen Ofen; man hat eine warme Stube und einen Platz, um sich auszustrecken, mehr will er nicht.

Die Wachtmeister lassen ihre Soldaten schlafen, bis der Morgen schon erheblich vorgeschritten ist; der Herr Oberst hat sich erst für elf Uhr angesagt.

Der ungarische Gasthofbesitzer und seine Frau sorgen für ein ordentliches Frühstück. Die neunzig Mann stehen ein wenig verkatert auf, haben aber wieder einen freien Kopf bekommen. Sie trinken Kaffee, essen Bratkartoffeln und Brot und Schinken.

Aus weiter Ferne hört man dumpfes Dröhnen. Serbischer Kanonendonner! Ganz nah’ beim Krieg — ganz nah bei einer tosenden Schlacht sind sie! Wie lang’ noch, dann sind auch sie mitten drin im Kugelregen!

Die Stiefel sind schwer vom dicken Schmutz, aber es lohnt sich nicht, sie zu reinigen, denn hier in Mako sind die Wege noch grundloser als in Szegedin.

Und wieder fängt der Pferdekauf an! Wieder werden die Tiere unter Geschrei und Getose am Bahnhof verladen, und weiter geht’s in drei, vier andere Orte, immer weiter nach Serbien zu. Immer deutlicher hört man den Kanonendonner.

In diesen kleinen Nestern ist’s öd und langweilig — man hat viel Arbeit und schlechtes Nachtlager.

Von Gutshof geht’s zu Gutshof, bis endlich der Bedarf an Pferden gedeckt ist.

Nun zurück nach Deutschland; eine volle Woche sind sie schon unterwegs und seit sieben Tagen nicht aus den Kleidern herausgekommen. In Kiskörös werden die Pferde endgültig verladen; immer sechs in einem Wagen, und in der Mitte liegt eine Schicht Heu, die das Futter für die Gäule und zugleich auch das Nachtlager für den Soldaten, der bei den Pferden schläft, sein soll.

Hipp hat dafür gesorgt, daß er in nächster Nachbarschaft mit seinem Freund Hiller bleibt. Aber diese Nachbarschaft nützt ihnen wenig; wenn sie miteinander sprechen wollen, müssen sie sich die Worte durch die kleinen Fenster ihres Wagens zurufen. Da schläft man lieber, wenn man Zeit zum Schlafen hat. Alle paar Stationen muß man hinaus, um im Tränkeimer Wasser für die Pferde zu holen oder für sich selbst etwas in Empfang zu nehmen. Die übrige Zeit liegt man auf dem Heu ausgestreckt und schläft oder träumt vor sich hin.

Am ersten und am zweiten Tag ist das Heulager im Wagen ganz weich und mollig, aber je mehr die Gäule verfüttert bekommen, um so spärlicher und unbehaglicher wird es; und mit der Ernährung ist’s auch eine eigene Sache. Das letzte Gulasch, das man an der ungarischen Grenze bekam, war so verpfeffert, daß man den ganzen Tag das Durstgefühl nicht loswurde. Da hat man am Abend auf eine zweite Portion lieber verzichtet. Der kleine Hiller ist ein wenig abgemattet, mag es sich aber nicht eingestehen. Er liegt die beiden letzten Tage der Fahrt Stunde um Stunde auf der immer dünner werdenden Heuschicht zwischen seinen Pferden, denkt über tausend Dinge nach, grübelt und philosophiert — denkt an das blonde Mädchen in der Garnison, das nichts weiter als Lustigkeit und kleine Aufmerksamkeiten von ihm verlangt — denkt auch an die Mutter, die gewiß ungeduldig auf ihn wartet — und denkt an das, was nun sehr nahe bevorsteht: ans endliche Ausrücken nach Frankreich oder Rußland!

Oft hat die Großmutter in einer guten, trauten Stunde zu ihrer Maria gesagt: „Das Leben für uns Frauen ist nur dann schön und lebenswert, wenn wir einen lieben Menschen haben, den wir mit unserer Liebe umgeben und für den wir sorgen können; wenn wir einen Menschen haben, der ganz und gar zu uns gehört. Wir Frauen sind nun einmal nicht für die Einsamkeit geschaffen!“

Und wenn Maria, die immer Heiratspläne von seiten der alten Frau witterte, etwas ablehnend erwiderte: „Ich bin ja nicht allein — ich habe ja mein Kind!“ dann hat die Großmutter immer und immer wiederholt:

„Nein, das Kind hast du nicht, das Kind gehört nicht dir — das gehört sich selbst! Du mußt einen Menschen haben, der so lange dein ist, bis Gott einmal anders darüber entscheidet!“ Und daß die Frau ihres Sohnes sich ihr in diesem Punkt so ganz und gar verschloß, daß sie kalt und hart wurde, sobald die alte Frau dieses ihr Lieblingsthema berührte, das war der Grund zu dem langjährigen Mißverständnis zwischen beiden gewesen.

Die Jugend, die sich stark und selbständig fühlt, mag sich vom Alter nicht belehren lassen; die Jugend ist hochmütig und lächelt gern über die Weisheitssprüche der Alten. Ein jeder will sein eigenes Leben haben — sein eigenes Glück — seinen eigenen Schmerz!

Nun ist der Tag gekommen, an dem Maria vom bittersten Schmerz ganz niedergeworfen, im kleinen Wohnzimmer der Wachtmeistersleute sitzt. Die alte, fleißige Frau und ihre Tochter sind in der warmen Küche beim Nähen, und der Junge ist von seiner ungarischen Reise noch nicht zurück. Es ist still um sie her — nur eine Uhr tickt, und Mirza, der zusammengerollt auf dem Teppich liegt, schnurrt leise vor sich hin.

Bange, unruhige Tage und Nächte des vergeblichen Wartens auf eine Nachricht liegen hinter ihr; entsetzlich wache Nächte, in denen ihre Augen Grauenvolles, Unfaßbares gesehen haben, in denen sich auf ihre Seele der Jammer und das Leid einer ganzen Welt gewälzt hat.

In diesen Nächten hat sie es schon gewußt, daß das Schicksal für sie entschieden hatte — in diesen Nächten hat sie unbeschreibliche Martern und Qualen durchgekostet, hat sich mit aller Kraft aufgerafft und sich gesagt: ‚Was Tausende im Deutschen Reiche dulden müssen, das werde auch ich ertragen können!‘ Und ist dann doch in der Stunde, in der, was ihre Seele schon gewußt, äußerlich bestätigt vor ihr liegt, da sie seinen letzten Brief mit der kurzen Notiz eines Kameraden: ‚Am 20. Oktober bei Cambray gefallen!‘ in der Hand hält, nicht fähig, der Verzweiflung, die sie erfassen will, Herr zu werden.

Ganz klein, ganz gebrochen, ganz elend sitzt sie da und starrt vor sich hin. Und hat es doch viel früher schon, als dieser Krieg ausbrach, gewußt, daß sie ihn nie besitzen würde, hat es mit tödlicher Sicherheit gewußt, daß ihre heißen Wünsche nie Erfüllung finden würden.

Sie hat immer — ihr ganzes Leben lang — eine so rege Phantasie gehabt — hat sich alles, was die Wirklichkeit ihr versagte, immer durch die Kraft der Phantasie ersetzen können. Aber dieses ist ihr nie gelungen: nie hat sie sich vorstellen können, daß einmal eine wirklich glückliche, friedvolle Zeit für sie und ihn kommen würde — daß aus der großen Wirrnis dieser schmerzvollen Liebe je ein klarer, guter, fester Bund fürs Leben erstehen sollte! Hat alles geahnt, hat alles gewußt, und kann und will es nun doch nicht fassen — kann sich nicht vorstellen, daß sie ihn nie wiedersehen soll, daß jene Nachtstunden, da sie im Auto durch Berlin rasten — um Satteltasche, Stiefel und Revolver zusammenzuholen, die letzten gewesen sein sollten! Jene Nachtstunden, in denen er plötzlich so gut, so weich und so verstehend geworden war!

Ihr ist in diesen furchtbar dunklen, einsamen Stunden, als sei ihr der Boden unter den Füßen fortgerissen, als gebe es in der ganzen Welt nichts mehr, was noch zu ihr gehört und ihr Weiterleben möglich macht. Sie hat das Gefühl, eine furchtbare Ungerechtigkeit erfahren zu haben; hat das Gefühl, gegen das Schicksal, das ihr immer — so lange sie denken kann — feindlich gesonnen war, anwüten zu müssen. Die große Zeit hat sie noch nicht groß und hart genug gemacht!

In den Zeitungen liest man oft von den Heldenfrauen und Heldenmüttern, die sich nicht beugen lassen — denen das Vaterland so hoch steht, daß sie das eigene Ich darüber vergessen; ja, die sich glücklich preisen, daß sie schmerzhafte Opfer bringen dürfen! Wo mögen sie die Kraft herhaben? Wer mag ihnen diese Stärke verleihen?

Der Kopf sinkt ihr tiefer und tiefer auf die Brust.

Im kleinen Zimmer ist es dunkler geworden; draußen in der Küche singt Fräulein Else, Mirza schnurrt im Schlaf und die Uhr tickt.

Maria denkt an die Großmutter und hat Sehnsucht nach ihr. Sie hat den Wunsch, Großmutter möchte jetzt bei ihr sein, ihr die Hand auf die Stirn legen, zu ihr sprechen und sie aus der schrecklichen Finsternis, in die sie immer tiefer hineinsinkt, erlösen. Stunde um Stunde sitzt sie so in sich zusammengesunken, regungslos im dunklen Zimmer, bis es denen draußen in der Küche unheimlich wird.

Fräulein Else klopft leise an die Tür und fragt, ob sie die Lampe bringen darf. Aber Frau Hiller, die erst ein paar Augenblicke braucht, um sich in die Gegenwart zurückzufinden, will kein Licht; auch kein Essen; sie mag auch nicht wie sonst zu einem gemütlichen Abend zu den zwei Frauen in die Küche hinauskommen. Sie fühlt sich sehr krank und schwach, und im Kopf toben und wüten die Gedanken, gegen die sie gar nicht mehr ankommen kann. Sie ist wie ein armes Kind, das darauf wartet, daß irgend jemand sich seiner annimmt. Aber die Wachtmeistersleute sind viel zu bescheiden, um sich aufzudrängen.

Fräulein Else richtet schweigend das Schlafzimmer her, entzündet das winzige Öllichtchen, das nun ins Dunkle hineinblinzelt, und geht wieder hinaus.

Um Mitternacht wird Pferdegetrappel draußen auf der Straße hörbar — laute Zurufe, Befehle, Schreien und Gewieher, und Frau Hiller, die noch immer bewegungslos in ihrem Stuhl liegt, schreckt empor.

‚Ernst!‘ zuckt es durch ihre Gedanken, und das Herz schlägt schnell und laut. Das können nur die Freiwilligen sein, die von ihrer Ungarnreise zurückkehren!

Sie tritt ans Fenster und sieht im Schein der Laterne, die von der Kaserne herüberleuchtet, den langen Zug der jungen Husaren und Ulanen, die mit großer Anstrengung, mit lautem Zurufen und Schreien die fremden, noch sehr ungebärdigen Pferde zu meistern suchen. Viele von den Tieren bäumen sich hoch auf, wenn sie in den Kasernenhof hinein sollen, reißen ihre jungen Führer in die Höhe oder ziehen sie im Kreis mit sich herum. Erschreckend, fast schauerlich sieht dieser Kampf zwischen Tier und Mensch in der matten, flackernden Laternenbeleuchtung aus; jedesmal, wenn so ein armer, junger Kerl sich mit seinen Tieren durchs weit geöffnete Kasernentor durchschlagen will, hat man das bange Gefühl, daß ein Unglück geschehen könne, daß die wilden, aufgeregten Gäule ihn zu Boden werfen und zerstampfen könnten.

Wie Frau Hiller so steht und mit bangem Herzen sieht, wie einer nach dem anderen von den Husaren seiner schweren Aufgabe Herr wird, wie sie dann auch ihren Jungen erkennt, der mit fester Hand seine Tiere regiert, wie sie seine Stimme hört und seine schlanke Gestalt im weiten, dunklen Kasernenhof verschwinden sieht, da fühlt sie, wie der starre Schmerz, der sie umfangen hält, weicher wird, und fühlt auch nicht mehr diese leere Trostlosigkeit um sich herum.

In dem Augenblick, da der Junge wieder in ihrer Nähe ist, weiß sie, daß sie doch nicht überflüssig auf der Welt ist — ja, daß ihr Leben vielleicht niemals notwendiger gewesen ist als jetzt.

Draußen in der Küche rasselt immer noch die Maschine. Die Wachtmeistersleute haben wieder ganze Stapel von Wäschelieferungen für Lazarette fertigzustellen, und sie sind unermüdlich, wenn sie so etwas übernommen haben; sie bringen es dann ohne weiteres fertig, ein paar Nächte lang ihren Schlaf zu opfern.

Frau Hiller hat plötzlich den Wunsch, mit ihnen zu sprechen; sie geht hinaus und sieht die Blicke der beiden Frauen staunend und fragend auf sich gerichtet.

„Die Freiwilligen sind soeben von Ungarn zurückgekommen!“ erzählt sie, und während sie das sagt, hört sie von der Straße her: „Mutter!“ rufen. Das Herz schlägt ihr ganz laut; sie läuft mit Fräulein Else die Treppe hinab, und der Junge steht vor ihr — ein wenig bleich, aber voll guter Laune.

„Wir haben nämlich für diese Nacht Urlaub!“ erzählt er. „Wer ein Unterkommen in der Stadt hat, kann bis morgen früh dortbleiben.“ Er ist müde und hungrig, und hat vor allem Verlangen nach reiner Wäsche, denn seit zehn Tagen ist er nicht aus den Kleidern herausgekommen.

Nun wird die Näherei in der Küche beiseite geschoben; der hungrige, müde Husar geht vor. In der Grude ist heißes Wasser genug, um ein notdürftiges Bad herzurichten; Frau Hiller sucht reine Wäsche hervor, und Fräulein Else kocht Tee und bäckt Eier — schneidet Brot und legt Aufschnitt zurecht.

Der kleine müde Husar wird von allen Seiten umsorgt. Eine halbe Stunde später liegt er satt und wohlig in der Mutter Bett ausgestreckt; er kann es gar nicht sagen, wie gut die weichen Kissen und Decken dem müden Körper tun, versucht noch etwas Zusammenhängendes von der schönen Reise zu berichten, aber die Augen fallen während des Erzählens zu. Die Hand in der Mutter Hand, schläft er ein, und das weiche, junge Gesicht sieht zufrieden und glücklich aus.

Frau Hiller bleibt still und von einem großen Gefühl überwältigt bei ihm sitzen. Es ist seit langem das erste Mal wieder, daß sie am Bett ihres schlafenden Jungen sitzt, und durch ihren Kopf ziehen Erinnerungen, — weit zurückliegende Ereignisse fallen ihr ein.

Sie denkt an des kleinen Ernst Vater und an die Jahre der Einsamkeit, die seinem Tod folgten; an die große Angst, die so oft über sie kam, weil der Junge allzu früh anfing, schwer und ernst zu denken und zu grübeln, weil er so selten lachte und jedem Vergnügen aus dem Wege ging.

Sie denkt daran, wie sie selbst so traurig durchs Leben ging, bis sich der Freund zu ihr gefunden hatte, der ihr und des Jungen Leben in so vieler Beziehung umgestaltete. Auch dem Jungen ist er Freund gewesen — ja, ihm ist er eigentlich viel tiefer und ehrlicher Freund und Berater gewesen, als ihr. Und der kleine Ernst hat diese Freundschaft des älteren und bedeutenden Mannes mit so heißer, kindlicher Inbrunst erwidert. Wenn er erfährt, daß dieser beste Freund ihm genommen ist, wird auch in seine Seele tiefer Schmerz einziehen.

Ihr Leid ist nun wieder von neuem erwacht — der Kopf neigt sich, und heiße Tränen fallen auf Ernsts Hand.

Man kann nicht in einer Nacht hart werden — kann nicht in einer Nacht über den Tod eines Menschen hinwegkommen, und all die Liebe und Freundschaft, die ihm gehörte, auf einen anderen übertragen.

Eine Frau aber kann sehr wohl zu gleicher Zeit zwei Menschen mit aller Inbrunst ihrer Seele lieben, und besonders zwei so verschiedene Menschen, wie diesen etwas harten, aber hoch über dem Alltag stehenden Mann, der nun irgendwo in der weiten Welt sein Grab gefunden hat — und den kleinen, zarten, weichen Ernst.

Sie fühlt, während sie die warme Hand des schlafenden Jungen in der ihren hält, daß dieses liebe, geliebte Kind ihr den Toten doch nicht ganz ersetzen kann, und wieder muß sie an Großmutter und deren immer wiederholte Mahnung denken: „Der Junge gehört nicht dir, der will sein Leben für sich haben!“ Die Großmutter steht in dieser Nacht so leibhaftig vor ihr — wie eine Prophetin — streng, unbestechlich hart und im Grunde doch gut und gerecht.

Wenn doch die Großmutter in dieser Nacht bei ihr wäre! Sie ist hilflos; sie hält die Hand ihres Jungen, und ganz verzweifelte Gedanken gehen durch ihren Kopf.

Der Krieg will noch so viele Opfer haben. Von allen Seiten wüten die Feinde immer noch gegen Deutschland an, von allen Seiten wollen sie über das Deutsche Reich herfallen, um es zu zerstückeln, zu vernichten!

Ungeheure Kräfte gehören dazu, um gegen diese Übermacht anzukommen.

Ach, und das Herz ist so oft ruhig und lässig geworden in dieser letzten Zeit, denn da die jungen Freiwilligen bis heute noch nicht eingefordert sind, hat man sich gesagt: ‚Vielleicht werden sie diese Allerjüngsten doch nicht brauchen!‘ und hat sich in Behagen und Sicherheit gewiegt.

In dieser Nacht aber sieht Frau Hiller die Dinge, wie sie wirklich sind; in dieser Nacht drängt es sich ihr mit bitterer Klarheit auf, daß sie auch den Jungen hergeben muß, daß alle, alle, die wehrfähig sind, nötig sein werden, um die furchtbaren Pläne der Feinde Deutschlands zu vereiteln, um das Vaterland nicht untergehen zu lassen.

Die Hand des Jungen zuckt in der ihren, er wendet das Gesicht ihr zu, schlägt einen Augenblick die Augen auf, sagt ein leises, erstauntes: „Ach, Mutter!“ und schläft weiter. Sie sinkt vor dem Bett ihres Kindes auf die Kniee, lehnt das heiße Gesicht an des Jungen kühle Stirn und streicht leise über das kurz geschorene Haar.

Am nächsten Morgen staunt der kleine Husar, als er sich in der Mutter Bett findet.

Bis neun Uhr haben sie Urlaub, um sich von den Anstrengungen der Reise auszuruhen. Die Mutter bringt ihm das Frühstück ans Bett und läßt sich nun alles erzählen; sie sorgt für warmes Wasser zum Waschen, und umgibt ihn mit viel kleinen Aufmerksamkeiten, an die er nicht mehr gewöhnt ist. Das tut ihm wohl, und er möchte sich gern noch länger umsorgen lassen, aber die Zeit drängt, der Dienst ruft, und die Wachtmeister haben ihnen angedroht: ‚Wer sich in dieser Zeit etwas zuschulden kommen läßt, der zieht in den Kasten und nicht in den Krieg.‘

Im Osten wird in diesen Wochen heiß gestritten; man sagt, daß eine große Entscheidung nahe bevorstehe. Die Russen haben alle Kräfte auf eine Stelle geworfen; sie versuchen immer wieder neue Durchbrüche, und die jungen Freiwilligen fiebern vor Ungeduld. Ob auch dieser Entscheidungskampf wieder ohne sie ausgefochten werden soll?

Es geht hier in der Kaserne alles seinen alten Gang: Man putzt und exerziert, man turnt und reitet die neuen Pferde ein — alles wie sonst!

Eine Woche vergeht und noch eine, und es wird sogar ein großer Teil von den ungarischen Gäulen in andere Garnisonen verschickt. Man ist ganz niedergeschlagen, und der dicke Hipp hat einen Brief an seinen Vater verfaßt, in dem er ihm kurz und bündig erklärt: ‚Ich tue hier nicht mehr lange mit; es ist geradezu lächerlich, daß man uns hier festhält. Lieber gehe ich zur Infanterie, denn die braucht man doch wenigstens!‘

Und dann kommt ein Sonntag, der genau so anfängt wie alle anderen Sonntage: Stalldienst — Kirchgang — Briefappell — und die verlängerte Mittagspause! Um vier Uhr hat man wieder zur Stelle zu sein, um zu hören, was für den nächsten Tag bestimmt ist.

Hipp und Hiller haben ihre Freundinnen für sechs Uhr ans Tor bestellt und sind schon in Extrauniform. Hiller will aber zuvor noch eine Stunde mit der Mutter spazieren gehen, denn wenn er sich ihr am Nachmittag widmet, kann er sie am Abend mit ruhigerem Gewissen allein lassen.

In Reih’ und Glied stehen sie auf dem Kasernenhof und staunen, daß außer dem Wachtmeister auch einer von den Offizieren anwesend ist. Sie sehen sich an und wissen nicht, was sie davon halten sollen; es liegt überhaupt irgend etwas Besonderes in der Luft — man hat auf einmal das ganz sichere Gefühl, daß heute noch etwas Großes, Bedeutsames geschehen wird.

Und es kommt wirklich! Es kommt — längst erwartet und ersehnt — und wirkt doch wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

„Also, Freiwillige, nun ist auch für euch der große Tag gekommen!“ ruft der Offizier aus, und die Herzen der Freiwilligen zucken in jäher Freude auf. „Im Osten sind Verstärkungen nötig. Unter unserem großen Feldmarschall werdet ihr kämpfen!“ Da schallt es aus den jungen Kehlen: „Bravo! — Bravo! — Hurra! — Hoch!“

Die Vorgesetzten lassen den Sturm der Begeisterung zur Ruhe kommen. „Wer nicht mit will, der trete vor!“ Aber keiner von den Hundertfünfzig, die hier auf dem Platz stehen, tritt vor.

„Also, alle wollt ihr mit!“ Und es wird abgezählt und die Namen werden verlesen.

„So, nun habt ihr eine halbe Stunde für euch frei! Dann antreten, um eure Ausrüstung in Empfang zu nehmen!“

Sie sind wie die Tollen; ein jeder stürmt, um den Seinen das große Ereignis mitzuteilen. Diejenigen, die in der Stadt wohnen, laufen zu den Eltern hin; die anderen setzen Depeschen auf. Hipp läßt sich’s etwas kosten. Seine Depesche wird so lang wie ein Brief.

Hiller ist zur Mutter ins Zimmer gestürmt und kann kaum sprechen. „Mutter, Mutter — übermorgen geht’s ins Feld!“ Und liegt an ihrem Hals und küßt sie.

„Nicht weinen! Es ist doch so wunderschön, daß es endlich losgeht! Bitte, nicht weinen! Du hast’s doch gewußt, daß es einmal kommen würde!“

Aus der Küche stürzt die Wachtmeistersfrau mit ihrer Tochter herein: „Ja, ist es denn wahr, was die Leute unten erzählen — ziehen Sie denn nun wirklich los?“

Alles ist aufgeregt; die Leute stehen auf der Straße zusammen, und an der Kaserne versammeln sich immer mehr Menschen. Die Freiwilligen stehen in großen Haufen beieinander, und ihre Gesichter strahlen. Endlich! Endlich!

In den Kleiderkammern liegen die feldgrauen Uniformen bereit; und es geht alles prachtvoll glatt. Ein paar Unteroffiziere sind zur Hilfe herankommandiert, und nach Verlauf einer guten Stunde stehen sie alle in der neuen Ausrüstung da. Nun: Antreten zum Kirchgang — zum Dom! Gottesdienst und heiliges Abendmahl!

Hipp stößt Hiller an. „Verteufelt, unsere Mädchen unten am Stadttor!“

Ach, in der kleinen Garnison wird heute wohl gar manches Mädchenherz bluten; natürlich wissen sie längst Bescheid — denn die ganze Stadt weiß ja schon von der großen Neuigkeit.

Von nun an geht alles wie ein Rausch an ihnen vorüber: die Kirche und das Abendmahl und die eindringliche Mahnung des Geistlichen: „Vergeßt das Beten nicht!“ Dann wieder zur Kaserne zurück — man erhält wieder Instruktionen — ein kurzer Urlaub, und der Tag ist zu Ende.

Sie sind alle wie von einem Taumel ergriffen; keiner fragt nach Vater und Mutter! Ihr Herz ist so leicht und froh und begeistert! Diese Jüngsten, die hinausziehen, um’s bedrängte Vaterland zu schützen, sie sind wirklich die einzig Beneidenswerten! Keine Sorge drückt sie — keine Verantwortung lastet auf ihnen — sie haben den wundervollen Mut und die große Siegessicherheit, die eben nur die ganz junge Jugend haben kann! Für sie gibt’s nur zwei Möglichkeiten: Sieggekrönt nach Hause kommen oder sterben! An anderes denken sie nicht!

Am nächsten Tag werden sie vom Morgen bis zum Abend furchtbar stramm herangenommen: Instruktionen — Probekochen — Reiten in voller Ausrüstung — Verteilung von Karabinern, Munition, Satteltaschen und Futtereimern! Dann Packen und die Schränke in den Stuben der Kaserne ausräumen! Sie kommen gar nicht zur Besinnung.

Von überallher sind Väter und Mütter angereist gekommen. Die kaufen in der Stadt an Lebensmitteln zusammen, was nur aufzutreiben ist, denn die jungen Freiwilligen müssen sich für eine ganze Reihe von Tagen verproviantieren. Und warme Kleidungsstücke kaufen sie ein; die Mütter sind alle so entsetzt, daß es nun doch nach Rußland geht! — mitten im Winter nach Russland!

Frau Hiller hat für ihren Jungen eine Pelzweste und Pelzschuhe zum Unterziehen gekauft; aber er will nichts davon wissen. „Blödsinn, das ist doch Überfluß — besonders die Pelzschuhe!“ und er will die Dinger gar nicht anprobieren. Die Mutter kniet vor ihm, wie sie vor ihm gekniet hat, als er noch ein kleines Kind war; wenn sie ihm da Schuhe kaufte, wollte er auch nicht anprobieren, und sie mußte ihn immer erst mit guten Worten dazu bringen.

Hipp kommt gerade dazu, als der kleine Kampf zwischen Mutter und Sohn stattfindet. „Mensch, sei doch kein Frosch!“ sagt er. „Wenn deine alte Dame dir so teures Zeug kauft, dann nimm es doch mit Dankbarkeit an. Ich habe übrigens auch solche Dinger!“ Daraufhin gibt Hiller sich zufrieden.

Die letzte Nacht in der Kaserne! Die Jungen schlafen wie die Bären. Viele von ihnen haben mit den Eltern im ‚Schwan‘ großartig zu Nacht gespeist und fallen nun todmüde auf ihre Strohmatratzen. Ob Mütter weinen, ob Väter mit schwer bedrückter Seele in dieser Nacht kein Auge zutun, was wissen sie davon? Sie wissen nur das eine: „Wir kämpfen mit — wir helfen eine große Entscheidung herbeiführen!“

Dann der letzte Tag! Die Instruktionen nehmen kein Ende. Man bekommt noch die eiserne Ration geliefert: einen Beutel Zwieback, Erbswurst, eine Büchse mit Fleischkonserven, Salz und ein Päckchen gemahlenen Kaffee. Das ist für den äußersten Notfall, wenn der Hunger schon sehr stark plagt; eher darf man diesen Bestand nicht anrühren.

Die Stunden fliegen dahin; für zwei Uhr ist der Extrazug bestellt. Hiller läuft ab und zu einen Augenblick zur Mutter hinüber und läßt sich erklären, wie sie die Sachen in den Satteltaschen und einer Extratasche verstaut hat; — sie ist sehr bleich, ihre Hände zittern, aber sie weint nicht.

Gott sei Dank, daß sie nicht weint! Hiller hat vor nichts auf der Welt mehr Angst als vor den Tränen der Mutter.

Die Wachtmeistersfrau hat ein Beefsteak gebraten und ein paar Eier darüber geschlagen, aber der kleine Husar ist zu aufgeregt, er hat gar keine Lust zum Essen. Fräulein Else redet ihm zu, die Wachtmeistersfrau füttert ihn fast, und die Mutter steht am Fenster und sieht mit starren Augen auf die Gruppe.

Teufel, wie die Zeit verfliegt! In zwei Minuten muß er fix und fertig sein.

Der schwergefütterte graue Mantel, der mächtige Falten schlägt, macht aus dem schlanken Jungen eine Kolossalfigur. Der Ledergurt mit Säbel, Patronentasche und Revolver ist so eng, daß er nur mit Mühe geschlossen werden kann. Nun noch der Karabiner auf den Rücken und die Lanze über den Arm! Neben die Kokarde der mit feldgrauem Tuch überzogenen Pelzmütze hat Fräulein Else einen Maiglöckchenstrauß gesteckt.

Der kleine Ernst lacht — er lacht sein goldenes, liebes Kinderlachen. Nimmt die Hände der Mutter und sieht ihr strahlend in die Augen. „Wie gefalle ich dir, Mutter?“

Sie kann nicht sprechen, aber sie will auch nicht weinen. Ihr Gesicht verzieht sich nur.

„Lebe wohl, Mutter! Nachher kann ich dir doch nicht mehr richtig Lebe wohl! sagen.“ Er hält sie einen Augenblick in den Armen und küßt sie ein paarmal. „Leb wohl, Mutter, und sei nicht traurig!“ Dabei strahlen die Augen immer heller, und der Mund lacht.

Sie beißt sich in die Lippen, und er hängt noch einmal an ihrem Hals, dann reißt er sich los. „Leb wohl, wir sehen uns ja drüben noch!“

Er stürmt hinaus; Fräulein Else bringt nun auch für Frau Hiller Hut und Mantel, und sie gehen alle drei zur Kaserne hinüber.

Da gibt’s jetzt in den großen Höfen fast mehr Zivilpersonen als Militär. Die Freiwilligen haben sich zu Reihen geordnet, und die Wachtmeister und ein paar Offiziere stehen vor ihnen. Überall hört man Schluchzen, sieht verweinte Frauengesichter, und die Väter gehen mit ernsten Augen auf und nieder.

Die Namen werden noch einmal aufgerufen. Keiner fehlt — alle sind sie zur Stelle. Kopf an Kopf stehen sie da, feierlich, in der grauen Uniform, und bieten doch ein heiteres Bild, weil ihre Gesichter strahlen, und weil ein jeder Blumenschmuck an der Mütze oder im Knopfloch trägt.

„Kameraden,“ beginnt der Rittmeister seine Rede, „nun ist die Stunde des Abschieds gekommen; nun verlaßt ihr eure Heimat, eure Eltern, um im gewaltigen Ringen der Völker mitzutun. Unser großer Feldmarschall im Osten hat euch gerufen. Zeigt euch dieses Rufes würdig! Noch hat der Krieg keine endgültige Entscheidung gebracht, aber die Gewißheit ist uns doch schon geworden, daß der Feind trotz seiner Übermacht unser teures Vaterland nicht vernichten wird. Seid tapfer und todesmutig! Seid ebenbürtig euren Vorfahren — jenen großen Freiwilligen von 1813! Zieht hinaus mit Gottes Segen, begleitet von den Wünschen derer, die euch ausbildeten, begleitet von der Liebe und Sorge eurer Eltern! Kämpft für das teure Vaterland und kämpft für den, der an der Spitze des Deutschen Reiches steht: für unseren großen, geliebten Kaiser! Kaiser Wilhelm der Zweite — unser oberster Kriegsherr — er lebe hoch — hoch — hoch!!“

Heiß schallt der Ruf aus den Kehlen der jungen Freiwilligen und derer, die zu ihnen gehören. Dann: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall!“ Über den Hof schallen die Kommandos und in festem Schritt geht es aus dem Kasernentor hinaus.

Draußen stehen die Leute vor den Häusern und winken und rufen: „Hoch, hurra — lebt wohl, auf Wiedersehen!“

Kleine Mädchen reichen ihren Liebsten zum letzten Male die Hand. Zu Hiller drängt sich die kleine Blonde mit den blauen Augen und dem kecken Näschen; sie gibt ihm eine Blume und drückt ihm die Hand, steht dann in einem Torweg ganz nahe bei Frau Hiller und schluchzt laut auf, schluchzt weh und schmerzlich, und Frau Hiller fühlt eine namenlose Zärtlichkeit für dieses junge Geschöpf, das um ihren Ernst weint. Sie legt ihr die Arme um den Hals und zieht sie an sich. „Du Herziges, du — du erste Liebe meines Jungen!“ Und das Mädchen hält einen Augenblick stand, schluchzt noch einmal am Herzen der fremden Frau auf und läuft scheu davon.

— — — Vorbei! Der Zug ist zu Ende!

„Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus!“ verklingt es um die Ecke.

Fräulein Else faßt Frau Hiller am Arm.

„Sehen Sie, wie alle mit zum Bahnhof hinausziehen! Wollen wir nicht auch mit?“ Und wie im Traum wandert sie mit all den anderen den singenden Truppen nach — erst den Flußweg entlang, dann über die Felder — noch über ein paar Straßen hin und durchs Bahnhofsgebäude durch.

Der Extrazug nach dem Osten steht schon bereit. „Einsteigen!“ kommandieren die Wachtmeister, und Ulanen und Husaren schwirren durcheinander. Im Nu sind alle Wagen gefüllt.

Der kleine Hiller will noch einmal zu seiner Mutter, die an einer Säule gelehnt steht, herauskommen; aber es geht nicht. Die Türen werden zugeschlagen, und Soldaten drängen mit ihren Karabinern das Publikum, das bis dicht an den Zug herangekommen ist, zurück.

Noch ein Zurufen — ein Winken — dann zieht die Lokomotive an, und langsam, langsam gleitet der Zug hinaus. Weiße Tücher flattern in der Luft. Verlorene Klänge eines Marschliedes dringen noch zu den Ohren der Zurückbleibenden, dann nichts mehr! Der Zug hat die große Schwenkung nach rechts gemacht! — —

Öd und flach liegt das Altmärkische Land, und man sieht in Unendlichkeiten hinein.

„Nur nicht weinen — nicht wehklagen! Hart sein — deutsch sein! Sich freuen, daß man solche Söhne hat!“ Irgend jemand sagt das dicht an Frau Hillers Seite zu einer Frau, die ganz haltlos schluchzt.

Sie geht wie im Traum neben Fräulein Else zum Bahnhof hinaus, und da es regnet, nehmen sie einen Wagen, der sie zur Kaserne bringt.

Bei der Wachtmeistersfrau in der Küche sitzen ein paar Leute, und einer schreit auf: „Wahnwitzig ist die Welt geworden! Verflucht und tausendmal verflucht jene ruchlosen Köpfe, in deren Hirn der teuflische Gedanke entstand, die Völker gegeneinander aufzuwiegeln!“ Und heißes, verzweifeltes Weinen dringt heraus. — Wildes, unbändiges Weinen, das schon mehr Schreien ist.

Frau Hiller schleicht an der offen stehenden Küchentür vorbei. Sie mag das nicht sehen und hören; sie will ruhig sein und will sich freuen, daß sie einen Sohn hat, der dem Vaterlande dient. Sie setzt sich ans Fenster des kleinen Wohnzimmers und schaut zur Kaserne hinüber, wie sie das so oft, so oft getan hat in all diesen vielen Wochen und Monaten. Das Herz zuckt, aber sie will sich dem Schmerz nicht hingeben. — —

Zwei Tage später wartet Großvater an der Station, in der der Schnellzug aus der Altmark einlaufen soll, im Wagen auf die Schwiegertochter. Er ist viel zu früh gekommen und schaut immer wieder auf seine Uhr, denn es ist kalt, und trotz des Pelzmantels, den er trägt, fröstelt ihn. Großmutter hat nicht gewollt, daß er selbst herausfuhr, aber er hat sich nicht abreden lassen.

Endlich kommt sie — ein wenig bleich, aber doch viel gefasster, als er erwartet hatte.

Sie sagt ganz fest und laut: „Guten Tag, Großvater!“ Er drückt ihr beide Hände und sagt zweimal: „Das ist recht, Maria, das du den Kopf nicht hängen läßt! Der Junge steht in Gottes Hand!“

Er hilft ihr einsteigen und läßt das Gepäck aufschnallen, und während der Fahrt erzählt er von allen möglichen Dingen, um sie abzulenken. Erst ganz zuletzt, als sie schon fast am Ziel sind, bringt er sehr schüchtern die Frage, die ihm schon lange auf den Lippen gelegen hat, vor: „Und dein Freund, Maria — wie geht es ihm?“ Aber da sie nicht antwortet, weiß er genug, nimmt ihre Hand in die seine, streichelt sie und sieht sehr bekümmert, sehr traurig aus.

Großmutter steht in der Tür des Hauses. Mit ausgebreiteten Armen kommt sie auf die Mutter ihres Enkels zu. Ihre Augen sind voll Tränen, und auch sie sagt: „Der Junge steht jetzt in Gottes Hand! Sei willkommen, Maria!“ und zieht die Schwiegertochter ins Haus hinein.

Am Abend sitzt sie neben ihr auf dem Rand des Bettes. Die Müller hat das Sommerwohnzimmer, das im Winter wenig benutzt wird, zum Schlafraum hergerichtet. Schöne, alte, behagliche Möbel stehen darin, und durchs Fenster hat man einen weiten Blick auf Fluß und Berge.

„Nun sollst du bei uns erst ganz gesund werden, Maria. Denn wenn du dir auch Mühe gibst, stark zu sein, so sieht man doch, daß dich’s sehr mitgenommen hat, und das ist ja auch nur natürlich. Du mußt aber ganz fest und gesund werden, denn wenn der Junge dich ruft, wenn Gott es so fügt, daß er krank oder verwundet wird und dich braucht, dann will er natürlich eine starke Mutter haben, und darum warten wir noch ein bißchen mit dem Pflegen in den Lazaretten, von dem du sprachst; denn den Kranken wohltun kann nur ein ganz gesunder und nervenstarker Mensch, und das bist du jetzt noch nicht! Es ist jetzt alles dunkel um dich her, das weiß ich wohl, aber es wird auch wieder schön und hell werden. Sieh, ich bin auch durch große Finsternisse gewandert, Kind, — ich war an allem, was mir sonst heilig war, irre geworden! Nun habe ich mich aber wieder zurechtgefunden und sage mir: Gott wird wissen, warum er dieses Strafgericht in die Welt geschickt hat — aber er wird die Gerechten nicht untergehen lassen. Bis heute ist er ja so herrlich mit uns gewesen und hat die ruchlosen Pläne unserer Feinde, die unser Land in Stücke schlagen wollten, zu schanden gemacht. Weißt du noch, wie wir im Anfang davor zitterten, daß die Russen bis nach Berlin vordringen würden?“

Während sie das sagt, löst sie leise das Medaillon, das sie damals ihrer Schwiegertochter für den Fall der äußersten Not gab, von deren Hals und läßt es in ihre Tasche gleiten. „Das brauchst du nun nicht mehr, Maria. Komm, wir wollen beten! Ich habe meinen Gott wiedergefunden.“ Und sie schlingt die Hände um die Marias und betet laut und inbrünstig, wie sie immer zu beten pflegte: „Vater unser, der du bist im Himmel. — So, nun schlaf, mein Kind, und hier hab’ ich dir die Baldrianflasche hingestellt für den Fall, daß du Herzklopfen hast, und auch ein Buch zum Lesen. Ich bin ja sonst nicht für das Lesen bei Kerzenlicht, aber es ist immerhin noch besser, als trüben Gedanken nachhängen. Gute Nacht, Maria, gute Nacht, mein liebes Kind, und wenn es dir schwer ums Herz wird, dann denke immer: Der Junge steht in Gottes Hand.“

Draußen sagt sie zur Müller: „Morgen früh müssen Sie ganz leise sein beim Reinemachen, Müller. Sie soll sich ausschlafen, denn sie ist doch sehr mitgenommen.“

Im Zimmer aber muß sie den Kopf an Großvaters Schulter legen; ihr Herz ist sehr schwach geworden, und sie weint bitterlich. Großvater streichelt und tröstet sie, aber auch er ist sehr niedergeschlagen. Er liebt den Enkel, wiewohl es gar nicht sein richtiger Enkel ist; er liebt ihn seines guten treuen Wesens wegen und liebt ihn ganz besonders, weil er trotz des zarten Körpers standgehalten hat und nun stark genug ist, um gegen Deutschlands Feinde zu ziehen.

Er streichelt das Gesicht der alten, weinenden Großmutter und sagt mit zitternder Stimme: „Nicht weinen! Der Junge steht in Gottes Hand!“

Verlag von Egon Fleischel & Co. / Berlin W 9

Die Werke von Helene von Mühlau

Nach dem dritten Kind

Aus dem Tagebuch einer Offiziersfrau

Preis: geh. M. 3,—; geb. M. 4,—

Fedor von Zobeltitz in einem Feuilleton der Hamburger Nachrichten: ... Ich wünsche diesem Werke weiteste Verbreitung: „Nicht nur, weil es grausame Wahrheit in eine Sprache schlichter Empfindung kleidet, sondern weil es ohne Aufdringlichkeit zu den Enterbten des Glückes redet, die da vermeinen, das Elend der Armut wohne nur bei ihnen, zwischen den kahlen Wänden des Proletariats. Ich glaube, daß niemand diese einfache Geschichte ohne tiefe Erschütterung lesen wird; sie ist wie ein Schrei aus tiefster Not — ein Schrei, der gehört werden müßte.“

Hamtiegel

Eine Geschichte aus den Kolonien. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 4,—

Kölnische Zeitung: ... Ein reizvoll humoristisches Buch. Die von uns wiederholt anerkannte Schriftstellerin erzählt uns von einem in mittlern Lebensjahren stehenden Hauptmann und Stationschef in einer afrikanischen Kolonie, der ursprünglich entschiedener Ehefeind war, aber in der Einsamkeit seiner Kolonie und bei der schlechten leiblichen Versorgung langsam auf den Gedanken gerät, die Ehe möchte für ihn doch der bessere Teil sein. Das Buch steht ganz erheblich über der Stufe einer gewöhnlichen lustigen Humoreske dadurch, daß in diesem komischen Hauptmann und Stationschef mit tieferm psychologischen Blick ein echt deutscher Männercharakter gezeichnet wird, wobei über dem Ganzen der Hauch eines hinter aller Komik deutlich durchleuchtenden warmen Gemütslebens sich angenehm erkennbar macht. Man lacht nicht einfach über die lustige Geschichte, sondern man hat auch den Genuß, daß hier mit gutem Geschmack deutsches Wesen nach der drolligen Seite lebensecht beleuchtet wird.

Die zweite Generation

Roman. Preis: geh. M 5,—; geb. M. 6,50

Doris Wittner in der Vossischen Zeitung: ... Das Buch der Helene v. Mühlau ist mehr als nur ein Buch der Unterhaltung oder künstlerischen Anregung; es ist ein Buch sozialer Erkenntnis, ein Dokument geschlossener Weltanschauung. Ein Frauenbuch im besten Sinne, denn es schenkt Menschheitswerte.

Sie sind gewandert hin und her

Roman. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 5,—

Allgemeine Zeitung (München): Es hält uns in den Bekenntnissen der jungen Frau ein warmer Gemütston in seinem Bann. Die Schilderungen chilenischen Lebens und Treibens verleihen dem Roman einen besonderen Wert. Sie zeugen von einer feinen Beobachtungsgabe und gehören in ihrer Anschaulichkeit und Gründlichkeit zum Besten, was wir über die südamerikanische Republik gelesen haben.

Liviana Saltern-Santos

Ein chilenischer Roman. Preis: geh. M. 5,—; geb. M. 6,50

Das Echo: In „Sie sind gewandert hin und her“ hat die nun schon bekannte und beliebte Verfasserin ein Bild des chilenischen Lebens geliefert, wie es sich im Auge des Zugewanderten malt, und sie hat mit diesem tiefempfundenen Buche an viele Herzen zu rühren gewußt. In dem vorliegenden Roman ist es nicht mehr die Fremde, die — fremd im fremden Lande — die vielgestaltige Neuheit einer eigenartigen Kultur auf sich wirken läßt, es ist vielmehr der Roman dieser Kultur selbst am Wendepunkt ihrer Entwicklung.

Beichte einer reinen Törin

Roman. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 5,—

Arbeiter-Zeitung (Dortmund): (Inhalt)... Das ist das Thema des Buches, das uns viele intime Einblicke in der Frau tiefstes Seelenleben tun läßt, das zwar mit rücksichtsloser, jeder Prüderie abholder Wahrheitsliebe, zugleich aber auch mit großer Feinheit und echter Dezenz die Aufgabe löst, die es sich gestellt hat.

Das Kätzchen

Roman. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 5,—

Rheinisch-Westfälische Zeitung: Helene von Mühlau hat mit gewohnter Sicherheit diese „Fabel“ in eine vornehm geschilderte Umgebung gestellt; sie wägt das Künstlermilieu fein gegen die Gesellschaftswelt der Offiziersehen ab und dringt zur reinen Menschlichkeit vor, wenn sie zeigt, was Maske ist und Maske bleiben muß. Das Frauenhafte an dem Buch ist vor allem das Glücksstreben, das die Künstlerin schließlich als Lebensinhalt empfindet, während der Mann doch das Wirken über das Glück stellt.

Neue Freie Presse: Das Porträt dieser Frau ist mit aller psychologischen Feinfühligkeit, die man an Helene von Mühlau kennt, gezeichnet.

Eine irrende Seele

Roman. Preis: geh. M. 5,—; geb. M. 6,50

Leipziger Illustrierte Zeitung: Von den vielen neueren Romanen, die dieses Thema (die unverstandene Frau) ausführlich behandeln oder doch streifen, erscheint mir „Eine irrende Seele“, bei weitem als der echteste und glücklichste, weil er bei der Feinheit der psychologischen Zeichnung absolut keine Verteidigung dieses unglücklichen Frauentypus darstellt, sondern im Titel wie in der Handlung klar die tragische Schuld der Heldin in sich selbst legt. Es ist ein trauriges Buch, aber eines, das man voll innerer Läuterung aus der Hand legt. Ein Buch, das einen solche Frauen verstehen lehrt, uns aber auch die Krankheit ihrer Seelen nicht beschönigt. (Inhalt.) Alles in allem ist das Werk seiner ehrlichen Wahrhaftigkeit und des Erkennens einer Zeitkrankheit wegen ein ungewöhnlich gutes und lobenswertes Buch.

Das Witwenhaus

Roman. Preis: geh. M. 5,—; geb. M. 6,50

Frankfurter Zeitung: Mit einer ungewöhnlichen Sicherheit in der Charakteristik führt uns die Schriftstellerin all diese Weiblein, ihre Schicksale und Intrigen vor. Mit einer ungewöhnlichen Sicherheit schlingt sie alle Fäden ihrer Erzählung durch dies Haus, das wie ein lebendiges Wesen wird. Dabei begegnen wir überall jener tüchtigen Realistik in der Schilderung des Zuständlichen wie des Psychischen, wie sie gerade schreibenden Frauen von epischem Talent eigen ist.

Ehefrauen

Novellen. Preis: geh. M. 3,—; geb. M. 4,—

Saale-Zeitung: Wenn doch dieses Buch Mode würde! Wieviel künftiges Eheunglück könnte vermieden, wieviel gegenwärtiges geklärt und so vielleicht gemildert oder ganz geheilt werden! Denn diese Novellen zwingen jeden Leser zum Nachdenken. Gesetzgeber sollten verpflichtet sein, Helene von Mühlaus „Ehefrauen“ eingehend zu studieren, alle anderen Erwachsenen aber sollten wenigstens das Bedürfnis haben, diese Novellen zu lesen. Sie nützen sich damit viel, sehr viel.

F. E. Haag, Melle i. H.

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