Front matter (continued 3)
Reading edition
Das Herz rebelliert. Ihre Mutter hatte damals doch noch andere Kinder und hatte den Mann; hatte den großen Haushalt, in den sie hineingehörte! Sie hat aber nichts außer dem Jungen — sie hat alles hergeben müssen, was sie besaß.
„Iß doch, Mutter!“ sagt er, als er sieht, daß sie nichts anrührt. Er trinkt den Wein, den sie kommen ließ, und sie staunt wieder. Ist er immer so gewesen? So sicher in seinen Bewegungen? So groß? So selbstbewußt — — oder macht das alles nur die Uniform?
Sie hat das Gefühl, ihn zu langweilen, weil sie nichts zu sprechen vermag. Sie kommt aus dem inneren Staunen, aus der Erschütterung nicht heraus. Bleich sitzt sie und denkt an das „Morgen“, das wie eine große, graue Wüste vor ihr liegt.
Gleich nach Tisch wird der Junge von Unruhe gepackt, er will doch lieber einmal zur Kaserne zurück. Er hat zwar den bescheinigten Urlaub, aber er möchte doch nichts versäumen.
„Du bleibst doch heute abend noch, Mutter!“ Und sie nickt, ohne an eine bestimmte Antwort zu denken.
Um fünf Uhr ist er wieder bei ihr und hat den belebten Zug im Gesicht, der ihm zu eigen ist, wenn er etwas Gutes zu künden hat.
„In acht Tagen müssen wir den Fahneneid leisten. Dazu kommen viele Eltern angereist, und weil du doch sagtest, daß du gern bleiben möchtest, habe ich einen Plan!“
Es war seltsam, wie sehr sie in der kurzen Zeit der Ereignisse ihre Rollen getauscht hatten. Bisher war sie es gewesen, die ihm mit irgendeinem Vorschlag eine Freude zu bereiten pflegte; heute lag es in seiner Hand, sie froh oder traurig zu machen.
„Nämlich den Plan, Mutter, daß du vielleicht doch bleiben könntest. Es hat nur keinen Zweck, daß du so weit von der Kaserne entfernt wohnst. Hipp hat gesagt, gleich gegenüber bei uns vermieten ein paar Frauen an Einjährige, und die hätten ihre Zimmer jetzt leerstehen.“
Er hat wenig Zeit, er will einen schnellen Entschluß.
„Wenn du also willst, kannst du da wohnen.“
Sie begreift das nicht so schnell, aber er drängt.
„Es soll wirklich ganz nett da sein, also komm! Ich hab’ nicht viel Zeit!“
Dann gehen sie durchs Tor heraus die lange Straße hin, die zur Kaserne führt, und Ernst erzählt, mit welchen Gefühlen er diesen Weg zum erstenmal gegangen ist. Und wie er sich diese Angst von damals zurückruft, fühlt er wieder Stolz und Freude über das, was bis jetzt schon gewonnen ist, in sich aufsteigen.
Kurz vor der Kaserne verabschiedet er sich von der Mutter, zeigt ihr das Haus, in dem die Wohnungen zu haben sein sollen, macht vor einem Vorgesetzten Front und biegt schlank und elastisch am Posten vorbei ins Kasernentor ein.
Die Mutter blickt ihm nach; jetzt ist er wieder das, was sie noch nicht begreifen kann! Es ist ihr wieder, als sei das gar nicht ihr Junge, als sei die ganze Welt, so wie sie jetzt ist, eine Unwahrscheinlichkeit, ein Traum. Wenn man aus diesem schweren Schlaf erwacht, wird die alte Wirklichkeit wieder da sein.
In Gedanken verloren betritt sie das Haus, das der Junge ihr gezeigt hat, geht durch einen schmalen Steinflur, eine graue Steintreppe hinauf und wird von einem kleinen, zotteligen, grauweißen Köter heftig angebellt.
„Mirza,“ ruft eine Frauenstimme, „Mirza, bist du denn ganz des Teufels!“ Eine Frau tritt aus einer der braungestrichenen Türen, die in den kleinen Flur münden, heraus. Sie sieht die fremde Dame erstaunt an, und die fragt fast schüchtern, ob es richtig sei, daß hier Zimmer vermietet würden.
Die Frau antwortet nicht gleich, und aus der Tür tritt eine zweite weibliche Person — nach der Ähnlichkeit zu urteilen, die Tochter. Aber sie ist schlank und von angenehmem Äußeren.
„Zu gewöhnlichen Zeiten vermieten wir an Einjährige!“ sagt die Frau. „Aber jetzt ist ja alles auf den Kopf gestellt. Für wen suchen Sie denn Wohnung?“
„Ich möchte selbst ein paar Tage hier draußen wohnen. Mein Junge ist drüben in der Kaserne.“
„Ein paar Tage?“ Die Frau denkt nach. „Für ein paar Tage, das lohnt ja gar nicht, was soll ich Ihnen da berechnen?“
„Es kann ja auch etwas länger werden. Sagen wir, ich bezahle Ihnen für vierzehn Tage, ist Ihnen das recht?“
Die Tochter ist rot geworden.
„Natürlich,“ sagt sie mit einer gewissen scheuen Liebenswürdigkeit. „Es geht auch für ein paar Tage.“ Und die beiden Frauen nehmen sie in die Mitte und führen sie in ein nettes Wohnzimmer, an das sich ein Schlafzimmerchen anschließt. Die Nachmittagssonne fällt durch die steifen Falten der dunkelgelben Gardine und läßt alles sehr einladend erscheinen.
„Diese zwei Zimmer gehören zusammen; die können sie haben!“
Über den Preis ist man schnell einig; die Tochter ist sehr freundlich und schmiegsam und hat im Augenblick das Herz der Frau, die recht heimatlos hierhergekommen ist, gewonnen. Sie erbietet sich auch, die Sachen aus dem Hotel zu holen, und ihre Mutter steht indes mit in die Hüfte gestützten Händen in der Tür und sieht sich die unerwartete Hausgenossin an.
„Schwere Zeiten!“ sagt sie dann und tritt an den Tisch heran. „Sonst, wenn ein Mieter kam, wußte man: der bleibt nun für ein ganzes Jahr! Jetzt nimmt man, was man bekommen kann, nur damit am Ersten die Miete vollzählig ist. Aber über solche Kleinigkeiten darf man in dieser Zeit ja gar nicht reden. Man hört jetzt jeden Tag so viel Entsetzliches. Drüben beim Regimentssattler ist schon ein Sohn gefallen, und die Mutter, die ein Herzleiden hat, weiß es noch gar nicht. Und oben beim Stabstrompeter ist die Frau guter Hoffnung und hat noch keine Nachricht vom Mann, seitdem er ausgerückt ist!“
Die Frau geht hinaus und läßt die neue Bewohnerin allein, und die sitzt nun am Fenster und schaut hinüber auf die langgestreckten, roten Gebäude der Husarenkaserne, in denen sich ihres Jungen Leben abspielt. Es tut ihr wohl, so nahe bei ihm weilen zu dürfen, auch wenn er nicht oft bei ihr sein kann.
In dem Zimmer, in dem sie sitzt, ist alles etwas kleinbürgerlich aufgeputzt. In Berlin hat sich selbst der, der über keine großen Mittel verfügt, von allen Geschmacklosigkeiten freigemacht. Man lebt lieber in einer Umgebung ohne Schmuck, als zwischen billigem Tand. Aber die kleinen, unzähligen Figuren, die hier auf dem Vertiko stehen, die Porzellan-, Glas- und Metallsachen, die Vasen, auf der Spiegelkonsole, die grellgrüne Samtdecke auf dem Tisch, all das tut hier dem Auge nicht weh. Es ist unsäglich behaglich — es ist treu und gut in diesem Zimmer, man fühlt, daß man bei Menschen ist, die ein Herz haben, die einen nicht in ganz trostlose Einsamkeit versinken lassen werden.
Mirza, der wüste kleine Hund, drängt sich an die Kleider der neuen Bewohnerin; er sieht sie aus feuchten, dunklen Augen an, und sie fühlt, daß sie auch Mirza gern dulden wird.
Die Frau bringt ungefragt eine Tasse Kaffee herein, und draußen zieht ein leiser Dämmer nach dem anderen vom Himmel herab. Die liebenswürdige Tochter kommt zurück und fängt an, das Schlafzimmer für die Nacht vorzubereiten.
Frau Hiller ist es, als sei all das, was hier um sie herum ist, nichts Neues, als sei es etwas längst Bekanntes. Es gibt Menschen, denen man gut sein kann, ohne zu wissen, was sie sind und wie sie sind. Man braucht keine Brücken zu ihnen, man kennt sie gleich und fühlt sich wohl bei ihnen. Diese sympathische Tochter und die mitteilsame Mutter können nicht anders als gut und wohlwollend und hilfsbereit sein. Man fühlt das und ist glücklich und dankbar.
Am Abend kommt der kleine Husar, um zu sehen, ob die Mutter wirklich gemietet hat. Er schaut sie ganz erstaunt an, weil sie schon so behaglich dasitzt. Die Frau und die Tochter kommen herein und sehen sich den jungen Freiwilligen an.
„Noch ein bißchen schmal über der Brust! Aber das macht nichts. Wenn ein Jahr vorüber ist, wird er ganz anders aussehen.“
Dann fällt ihr plötzlich wieder ein, daß man nicht in normalen Zeiten lebt, und sie schlägt sich mit der Hand vor die Stirn. „Man vergißt immer wieder, daß Krieg ist, daß alles ganz anders geworden ist,“ sagt sie trostlos. „Das kommt, weil wir ja sonst gewohnt sind, die jungen Leute für ein ganzes Jahr zu haben. Jetzt mag man sich gar nicht ausdenken, was über ein Jahr sein wird.“
Der kleine Hiller sieht ihr belustigt nach, als sie geht.
„Glaubst du, daß es dir hier gefallen wird?“ fragt er die Mutter.
„Ja,“ sagt sie, und sagt es aus sehr freiem und frohem Herzen.
Das Gefühl der Heimatlosigkeit ist fort; sie wird ein paar gute Tage hier haben, bevor die große, dumpfe Einsamkeit kommt.
Der Junge setzt sich dicht zu ihr heran und erzählt allerlei aus der Kaserne. Fräulein Else, die Tochter, deckt den Tisch, denn die beiden Frauen haben sich entschlossen, ihren Gast in volle Pension zu nehmen. Mutter und Sohn sitzen an diesem Abend genau so traulich beisammen, wie sie es all die Jahre hindurch in Berlin gewohnt waren.
Die Großmutter schreibt einen Brief:
‚Das solltest Du nicht tun, Maria, Dich zu dem Jungen in die Garnison setzen. Das ist eine unnötige Qual für Euch beide. Auseinander müßt Ihr doch, so wie jede Familie jetzt auseinandergerissen wird. Also, wozu dies Hängen und Würgen! Sei vernünftig und laß den Jungen sich entwickeln, wie er sich entwickeln muß. Groß sind die Zeiten, und groß müssen die Menschen, die in ihr leben, sein. Also sei mutig — mach’ Dein Herz stark und nimm Abschied von ihm, wie tausend und aber tausend Mütter es jetzt tun.‘
Der Brief tut weh, denn er zerreißt eine schöne, gute Stimmung. Sie haben sich wieder ganz ineinander gefunden, die beiden, die sich nie voneinander getrennt hatten. Die Natur, das Blut reden eine starke Stimme. Der Junge sagte kurzweg: ‚Ach, gräm’ dich nicht! Es ist schön und gut, daß du hier bist!‘
Er sagt das lieb und herzlich, sieht aber dabei nicht ganz gerade in der Mutter Gesicht.
Sie schiebt den Brief beiseite und genießt einen guten Abend. Arm in Arm geht sie mit ihrem Jungen einen schmalen, dunklen Weg entlang, der gleich hinter der Kaserne herführt. Er hat ihr den Arm geboten und führt sie gut und behutsam. Vom Himmel leuchten zahllose Sterne; warm ist die Luft und geschwängert von einem süßen Duft, der aus großen Gartenanlagen herüberströmt.
Sie gehen langsam über weichen Sand. Zur Linken fließt der Fluß, nicht breiter als ein kleiner Bach; er fließt flink und plätschernd, und man hört in der Stille ein leises Glucksen. Hoch und dunkel ragen die Pappeln, die zur Seite stehen, auf. Zur Rechten sind weite Felder. Alles still und traulich. So ein namenloser Friede liegt hier ausgebreitet, daß man seine Gedanken mit Gewalt dazu bringen muß, an die furchtbare Disharmonie draußen in der Welt zu glauben.
Pärchen huschen an ihnen vorbei; grau-gelbe Husaren, in deren Arm sich ein Mädchen schmiegt. Der kleine Hiller stutzt jedesmal, wenn er eines sieht, und geht mit seiner Mutter dahin, als seien sie selbst ein glückliches Paar.
Es ist so eine zärtliche Stimmung in der Natur. Vom Himmel zittert ein Mondstreif auf die Erde herab. Der Herbst steht vor der Tür und war schon einmal durchgebrochen. An diesem Abend aber ist’s wieder Sommer. Warm und schmeichelnd streicht die Luft übers Gesicht der beiden. Der kleine Hiller hat für jeden Abend einen ganzen Sack von kleinen und großen Neuigkeiten, die der Tag brachte, für die Mutter bereit.
Ihm ist die Erlaubnis erteilt worden, die Abende bis neun Uhr außerhalb der Kaserne zu sein; und obwohl die Kameraden und besonders Hipp ihn ein klein wenig mit dem Besuch der Mutter necken, sitzt er Abend für Abend bei ihr in der netten, kleinen Wohnung, die die Wachtmeisterswitwe Böhler ihr vermietet hat.
Es tut wohl, sich in einer richtigen Stube aufzuhalten, wenn man den ganzen Tag im Stall, im Kasernenhof und draußen auf dem Exerzierplatz gewesen ist. Solange er dies Behagen nicht haben konnte, hat er’s nicht entbehrt. Nun, da es ihm geboten ist, genießt er es mit großer Freude.
Er fühlt es nicht, daß ihm ein wenig von dem Schneid, der im Anfang über ihn gekommen war, verloren ging. In die Augen ist wieder das Dunkelträumerische gekommen. Am Tag beim Dienst ist er bei der Sache, aber ‚Vize‘ Peters hat ihm nie wieder ein Lob zuteil werden lassen. Seine Seele hat allerlei durchzumachen in dieser Zeit. Er schwankt zwischen der Selbständigkeit und Unabhängigkeit und dem jungenhaften Sichgehenlassen bei der Mutter.
Dazu kommen allerlei Wünsche und Gedanken, von denen er früher nichts wußte. Sieht er die Liebespärchen am dunklen Flußweg an sich vorüberwandern, so wird ihm süßweh ums Herz. Ganz unwillkürlich drückt er dann den Arm der Mutter fester an sich und erschrickt dabei.
Nie im Leben hat er so viel von Liebe und Mädchen und Küssen singen und reden hören, als seit diesen paar Wochen in der Kaserne. Hipp kennt überhaupt kein anderes Gesprächsthema; aber der spricht nicht mehr von der kleinen Blonden in Berlin, der er treu bleiben wollte, sondern der hat entdeckt, daß es auch hier in der kleinen altmärkischen Garnison hübsche, zutunliche Mädchen gibt, und schwankt zwischen zweien, die er auf seinem Sonntagsurlaub kennenlernte.
Für den kleinen Hiller aber sind die Mädchen immer noch wie Blumen, die in einem fernen Garten blühen, den man nicht betreten darf. Er denkt wohl an das Hannchen vom Abiturientenkneipabend, und er ist traurig, wenn er daran denkt. Damals hatte eine Blume sich ihm zugeneigt, und er ist erschrocken davor geflohen. Heute hat er die dunkle Sehnsucht, die ihn quält, von der er an jenem Abend noch nichts wußte. Er kann von allem zur Mutter reden, aber von dem, was seine Seele jetzt am meisten belastet, kann er nichts sagen. Sie gehen stumm nebeneinander her, immer den stillen Pappelweg am Fluß auf und nieder.
Die Mutter sieht ins Weite. Ihre Gedanken gehören jetzt nicht dem Jungen, an dessen Arm sie geht. Ihre Gedanken irren in fremdes, unbekanntes Land. Sie suchen und suchen vergebens! Auch ihre Seele ist belastet. Sie möchte sich befreien und vermag es nicht. Seit Jahren ist ihr Blick getrübt; seit Jahren geht sie einen Weg, der in die Irre führt. Sie hat auch immer das volle Bewußtsein davon gehabt, hat sich in Irren und Wirrnissen befunden, hat gekämpft und mit sich selbst gerungen. Aber ihr Leben ist einsam.
Sie weiß, daß es für sie nur durch die zwei Menschen, die jetzt vom Vaterland gefordert werden, Inhalt und Zweck gehabt hat. Sie weiß, daß sie in einer Woche oder zwei nach Berlin zurückkehren muß. Sie schmiegt sich eng in den Arm ihres Jungen — sie sucht Schutz und Halt bei ihm.
Der kleine Husar sieht ihr ins Gesicht. Er sagt und fragt nichts, aber er drückt ihre Hand, so als wollte er ihr durch dies stumme Zeichen sagen: „Ich verstehe dich — ich weiß alles, aber ich kann dir nicht helfen!“
Dann fängt er vom heutigen Reiten zu erzählen an. Hipp ist natürlich wieder ein paar Male vom Pferd gesaust, und ‚Vize‘ hat ihm gesagt, er solle sich zur Infanterie scheren. Mit einem Gaul würde er doch nie fertig, und sein Buckel sei breit genug, um einen Tornister zu tragen. Hipp aber habe natürlich sein unschuldigstes Gesicht gemacht und nachher dem wütenden ‚Vize‘ nachgeäfft. Und wie er so recht ins Erzählen über Hipp gekommen ist, stutzt er plötzlich und muss sich Gewalt antun, um einen Schrei zu unterdrücken.
Drüben, auf der anderen Seite des Pappelweges, gehen zwei im Dunkeln. Aber der Mond ist doch hell genug, um die Umrisse ihrer Gestalten erkennbar zu machen. Das kann kein Anderer als Hipp sein, der da, eng an ein Mädchen geschmiegt, im Dunkeln hinwandelt. Jetzt bleiben sie stehen, und Hipp küßt das weiße Gesicht, das vom bleichen Mondschein beleuchtet wird. Wie entgeistert sieht Hiller zu den beiden hin. In seinem Herzen beginnt es zu toben. Er fühlt plötzlich einen Haß gegen Hipp. Wie kommt es, daß dem das Glück in den Schoß fällt, während er sich mit seiner Sehnsucht plagt?
Er hat oft gelesen, daß es unschöne Menschen gibt, die ihres guten und vornehmen Wesens wegen vom weiblichen Geschlecht weit höher eingeschätzt werden als die gut aussehenden. Aber Hipps Charakter ist nichts weniger als gut und vornehm. Er ist ein echter Berliner Junge, der sich die Butter nicht vom Brot nehmen läßt. Er hat einen reichen Vater und weiß den Wert des Geldes zu schätzen. Er ist nur da freigebig, wo er sich einen Vorteil davon verspricht. Er ist dumm, in allem, was Wissenschaft anbetrifft, aber daneben ist er das, was der Berliner ‚hell‘ nennt, in höchstem Maße. Er hält die Leute zum besten; er spielt mit ihnen und macht sich über sie lustig.
Nein, Hipp ist kein guter, ist nicht einmal ein anständiger Mensch, und Hiller kann und kann es nicht begreifen, daß ein Mädchen Liebe für Hipp empfindet. Er kämpft mit sich, denn er hat das Gefühl, zu den beiden hinüberlaufen, das Mädchen aus Hipps Armen reißen und ihr sagen zu müssen: ‚Glaub’ ihm nicht! Er spielt nur mit dir, und morgen in der Kaserne wird er über dich ulken, so wie er es über die, die in Berlin sitzt und ihm jeden Tag einen Brief schreibt, tut!‘
In Hiller kommt ganz plötzlich der Kavalier zum Vorschein; er muß das Mädchen schützen. Es verträgt sich nicht mit seiner Ehre, wenn er es geschehen läßt, daß Hipp diesem armen Geschöpf etwas vorlügt.
Es packt ihn wie ein Krampf. Die Hand, die er frei hat, umspannt den Säbel. Ganz instinktiv tut sie das; er möchte den Kerl da drüben niederstechen.
Die Mutter fühlt erst jetzt, daß irgend etwas in ihrem Jungen vorgeht. Sie weiß nicht, warum, aber ihre Hand umfaßt sein Handgelenk.
„Hast du irgend etwas, Ernst?“ Da fällt ihm die Hand schlaff herab. Er sieht sehr bleich aus und kann nicht antworten. Sein Gesicht ist wie verzerrt.
Die Mutter blickt um sich. Was kann es sein, was ihren Jungen erschreckt hat? Still und einsam ist es um sie her; die Wasser glucksen auf, und ein ganz leiser Wind streicht durch die Pappeln. Drüben im Dunkeln gewahrt sie die Umrisse eines Pärchens.
„Komm weiter!“ sagt der kleine Husar, und nach einer kleinen Weile atmet er erleichtert auf. Nun ist es vorüber. Der Zorn über Hipp ist schon verraucht — nur ein kleiner Neid sitzt ihm noch im Herzen. Dann erzählt er der Mutter im alten, kindlichen Vertrauen, was er von Hipp und dessen Liebesgeschichten weiß. Ohne es zu wollen, spricht er gereizt, spricht er so, wie einer, dem Schmerz und Eifersucht am Herzen fressen. Die Mutter erschrickt.
Das hat sie nicht geahnt, daß so etwas in die junge Seele Einzug gehalten hat. So spricht nur einer, der das Leben einmal furchtbar ernst nehmen wird, dem das, was den anderen zur Unterhaltung und zum Vergnügen dient, eine Quelle des Schmerzes werden wird.
In seinen Augen glimmt es von Leidenschaft. Er leidet um das Weib, ehe er ihm nahe gekommen ist. Er wird suchen, was nicht zu finden ist. Er trägt schon jetzt das Ideal eines Weibes im Herzen, und vom erstbesten Mädchen, das ihm einmal in den Weg läuft, wird er das verlangen, was nur eine Frau, die selbst von seiner Art ist, zu geben vermag. Er tut ihr leid; sie fühlt sich schuldig ihm gegenüber. Wenn er ein Herz hat, das durch große Qualen gehen, das namenlosen Jammer in sich tragen wird, so hat er es von ihr. Das ist ein trauriges Vermächtnis, das ist schlimmer, als wenn er die heftige, aber tatkräftige Art vom Vater geerbt hätte.
Dann fährt Hiller sich mit der Hand über die Stirn, als ob er etwas fortstreichen möchte, und wie ein ganz Gereifter spricht er jetzt: „Es ist Blödsinn, ja, es ist frivol, jetzt so viel an sich selbst zu denken. Sieh mal, wer weiß denn, wie es in ein paar Monaten aussieht! Gerade Hipp sagt jeden Tag: ‚Pass’ mal auf, ich werde zuerst ins Gras beißen müssen, weil ich eine so große Angriffsfläche biete.‘ Und wenn man die Sache so auffaßt, hat er ja eigentlich nicht unrecht, wenn er sein Leben jetzt noch genießt. Man sollte überhaupt nicht so viel nachdenken. Wer zuviel denkt, kann nicht forsch sein. Und forsch sein, bedeutet doch heute alles. Überhaupt, Mutter, ich will dir sagen, seit dieser Krieg ausgebrochen ist, pfeife ich eigentlich auf alles, was sie uns all die Jahre in der Schule beigebracht haben. All das, was sie Kultur nennen, ist ja doch nur leerer Tand, wenn eine solche Zeit wie die jetzige kommt. Jetzt sind wir doch wieder genau so weit, wie es die Menschen vor ein paar Jahrhunderten waren. Nun heißt’s: Wer kann dreinhauen? Wer hat am meisten Courage und am wenigsten Gemüt, denn mit Gemüt und Herz kann man keine Schlachten schlagen. Und wenn ich jetzt über Großmutter nachdenke, die immer gepredigt hat: ‚Tu ihn ins Kadettenkorps; Offizier ist der einzig wirkliche Beruf!‘ dann kann ich ihr im Grunde nicht mehr so unrecht geben. Von mir sagt ‚Vize‘ fast jeden Tag: ‚Mensch, du bist auch einer von denen, die das Verrückteste und Verstiegenste begreifen würden, aber was Vernünftiges, Klares und Einfaches kriegst du nicht in deinen Döskopp!‘ Und das ist ganz richtig von ihm ausgedrückt. Das Einfache hat einen überhaupt nicht mehr interessiert; ein Buch, das einem keine Rätsel aufgab, legte man zur Seite. Und wenn so ein Wachtmeister einem heut in der einfachsten Weise was klar machen will, dann muß man den Kopf ordentlich zwingen, das so aufzufassen, wie es gemeint ist, und nicht irgendeinen verborgenen Sinn dahinter zu suchen. Ich wünsche mir jetzt oft, ich hätte nicht mehr als das Allernötigste gelernt; ich wünsche, ich wäre einer von den Bauernjungen aus unserer Stube, die überhaupt über nichts nachdenken!“
Er bringt all das in heftigem Ton hervor, so, als wolle er mit Gewalt etwas, was ihn quälte, übertönen.
„Hipp ist nicht anständig und aufrichtig!“ sagt er noch. „Er erzählt in der Kaserne von einem Mädchen in Berlin und läuft hier mit einer anderen herum. Ich begreife so etwas nicht!“
Die Welt ist plötzlich dunkel geworden. Der Mond ist von Wolken überdeckt. Das Pärchen auf der anderen Seite ist von der Dunkelheit verschlungen. Durch das Laub der Pappelbäume fährt ein rauher Wind, und das leise, friedliche Glucksen des Flusses wird übertönt.
Auch in die Seele der Mutter des Jungen ist ein Windstoß gefahren. Sie kann jetzt auf das, was er ihr noch sagt, nichts erwidern. Stumm, fast willenlos, geht sie an seinem Arm dahin — und der kleine Husar kommt weiter ins Philosophieren hinein.
„Aber schließlich, wenn die ganze Welt sich als roh und egoistisch erweist, warum soll da der einzelne anders sein? Geradezu lächerlich! Wer anders ist als Hipp und seinesgleichen, ist ein Narr!“
Das letzte stößt er leidenschaftlich, fast bös heraus. „Ich will nicht zu den Narren gehören!“ Er stampft mit dem Fuß auf und will zu neuer verbitterter Rede ausholen, da trägt der Wind einen lustigen Klang zu ihnen herüber. Von der Kaserne her tönt ein Trompetensignal. Hiller beschleunigt die Schritte.
„Du bist so still, Mutter. Du bist mir doch nicht böse?“ fragt er sanft und sucht ihr ins Gesicht zu blicken. „Ich ärgere mich nur immer so furchtbar, Mutter, wenn ich sehe, wie andere ihr Leben genießen und überall zugreifen, wo es was zu holen gibt. Nicht darüber, daß die sich das Leben schön und vergnügt machen, ärgere ich mich, sondern darüber, daß ich ein Esel bin, daß ich nicht auch so sein kann, wie sie!“
„Du wirst noch vieles lernen, Ernst!“ sagt sie. „Und du wirst auch lernen, daß nicht die, die überall zugreifen, die wirklich Glücklichen sind!“
Sie kommen auf die breite Chaussee, an der die Kaserne liegt, zurück. Hier ist es hell, und die Husaren strömen dem Kasernentor zu.
Hiller bringt seine Mutter noch bis in den Flur ihres Hauses, küßt sie und sagt, um das Vorangegangene gutzumachen: „Es war ja alles Blödsinn, was ich da gesagt habe, Mutter!“ Küßt sie noch einmal und läßt die Tür hinter sich zufliegen.
Frau Hiller geht langsam über den grauen Steinflur. Stufe um Stufe geht sie die Treppe hinan wie eine alte Frau, der das Gehen schwer fällt. Ist sie plötzlich alt geworden? Es ist ihr, als habe ihr jemand eine Last aufgebürdet, die zu schwer für ihre Schultern ist.
Oben im Flur steht das sympathische Fräulein Else und spielt mit Mirza, dem wenig appetitlich aussehenden Pintscher. Sie spricht zu ihm, wie eine Mutter zu ihrem kleinen Kind sprechen würde: „Lieb sein, Mirzachen! Da, geh’ zu Frauchen; die ist gut!“ Der Hund springt an Frau Hiller in die Höhe, und seine nasse Schnauze berührt ihre Hand. Das ist ihr nicht angenehm, aber sie bringt es nicht über sich, das Mädchen, das den Hund so zärtlich liebt, zu kränken. Sie streicht ihm übers Fell und geht mit Fräulein Else in die Küche.
Auf einem kleinen Schrank stehen die Lampen, die in die einzelnen Zimmer gehören, und Fräulein Else nimmt den Schirm von der größten herab und läßt ein Streichholz aufflammen. Da kommt die Wachtmeisterswitwe durch den Flur, und ein Geräusch dringt in die Küche, halb Seufzen, halb Schluchzen. Das Streichholz fällt Fräulein Else aus der Hand und sie läuft der Mutter entgegen.
Frau Hiller bleibt allein in der durch ein winziges Lämpchen beleuchteten Küche, die mehr Wohnzimmer als Küche ist, zurück.
Dem großen, altmodischen Herd gegenüber steht ein mächtiges, braunrotes Sofa, auf dem gut drei erwachsene Personen Platz haben. Davor ein ovaler Tisch mit rotgewürfelter Decke darauf. Neben dem Küchenschrank eine altmodische Kommode mit hohem Pfeilerspiegel darüber, und in einer Ecke ein Schaukelstuhl aus Rohr. Aus dem Herd, dem eine Grude angebaut ist, strömt ein lieblicher Duft von gebratenen Äpfeln. Es ist sehr traulich in der halbdunklen Küche, und Frau Hiller, die sich nicht auf den Flur, auf dem die beiden Frauen stehen, herauswagt, schaut in die Glut der verglimmenden Kohlen.
Draußen hört sie nun viele Stimmen. Die Frauen vom Nebenflur und die von oben und unten aus dem Hause sind im schmalen, dunklen Flur hier zusammengeströmt. Sie sprechen erregt. Man kann ihre Worte nicht verstehen; nur so viel hört man, daß etwas Entsetzliches sich zugetragen haben muß.
Dann dringen sie in die Küche ein und scharen sich um Frau Hiller. Natürlich wissen sie alle längst alles, was über den neuen Hausgast zu erfahren war. Bisher sind sie ihr ein wenig scheu aus dem Wege gegangen; nun aber stehen sie plötzlich um sie herum, als seien sie alte, gute Bekannte.
Die Wachtmeisterswitwe sagt unter Schluchzen: „Nun ist die Gewißheit da, gnädige Frau. Der Trompeter von oben ist tot. Und nicht mal richtig gefallen soll er sein, sondern in Belgien meuchlings ermordet!“
Fräulein Else hat die große Lampe angezündet, und die Augen all der Frauen sehen in Frau Hillers Gesicht.
Die hat eine Sekunde lang die Hand über die Augen gelegt.
Fräulein Else liegt in einer Ecke des Sofas und hat den Kopf in die Arme geworfen. Sie weint laut und schmerzlich auf — sie weint so, wie nur eine weinen kann, die selbst um jemand bangt!
„Und oben liegt die Frau und erwartet jeden Tag das Kind. Wer bringt ihr nur das bei?“
Die Wachtmeisterswitwe sagt in bestimmtem Ton: „Laßt erst das Kind da sein; vorher erfährt sie’s nicht!“ Die Frauen schweigen dazu und sind einverstanden.
Frau Hiller steht neben dem weinenden Mädchen und möchte am liebsten mit ihr weinen. Sie streicht ihr übers Haar, und die Frauen um sie herum beginnen wieder zu sprechen.
Fräulein Else weint und kann sich nicht beruhigen; die leidet wirklich und leidet furchtbar schwer. Frau Hiller möchte wissen, um wen sie leidet, aber sie mag sie nicht fragen.
Leise gleitet sie aus dem Kreis der Frauen hinaus; in ihrem netten Wohnzimmer zittert ein Mondstrahl über Boden und Wand. Drüben liegt schwer und dunkel die Kaserne und wirft große, schwarze Schatten um sich.
Die Wachtmeistersfrau tritt mit der großen Lampe zu ihr ins Zimmer, und Frau Hiller fragt, ohne es eigentlich zu wollen: „Warum weint Ihre Tochter so sehr? Ist sie verlobt?“
Die Frau sieht sie groß an. „Nein — die ist nicht verlobt. Es ist der Jammer im allgemeinen, um den sie weint! Sie ist immer ein bißchen empfindlich gewesen; viel empfindlicher, als sich’s für unseren Stand paßt!“
Die Lampe steht auf dem Tisch und wirft einen großen, runden Kreis über Tisch und Boden.
Die Wachtmeisterswitwe steht noch ein paar Minuten in der Tür; sie wartet, ob die Frau, die am Fenster lehnt, noch Lust hat, mit ihr zu schwatzen. Aber die fragt nichts, sondern schaut stumm auf die dunkle Straße hinunter.
„Ja, ein jeder hat sein Päckchen zu tragen. Gute Nacht, gnädige Frau!“
„Gute Nacht!“ sagt Frau Hiller freundlich, lehnt dann wieder am Fenster und blickt zur Kaserne.
All die Tage über hat die Sonne ihren Glanz über die Erde ausgegossen — September ist es geworden, ein ganzer Monat seit Ausbruch des furchtbaren Krieges vergangen.
Was hat der Mensch in diesen dreißig Tagen alles fassen müssen! Welche Umwälzungen sind im Gehirn des einzelnen vorgegangen! Der Stumpfeste ist aufgerüttelt worden. Jeder hat einen Schmerz, ein Leid oder auch nur eine Enttäuschung erfahren. Viele, die klein und armselig waren, sind groß geworden in dieser kurzen Zeit.
Deutschland ist von Sieg zu Sieg gegangen. Jubel ist durch die Lande gezogen.
Viel Blut ist geflossen — viel Entsetzliches ist geschehen. Aber die Sonne hat dazu geleuchtet — warme Lüfte haben geweht, und die Abende sind kühl und wonnig gewesen. Wie aber wird es werden, wenn die Stürme brausen, wenn der Regen unaufhörlich niederströmt, wenn der Himmel grau und düster über der Erde liegt?
Ein Septembersonntag ist es, der solch bange Ahnungen aufsteigen läßt. Zum ersten Male seit Wochen treiben schwere, schwarze Wolken am Himmel; die Straßen sind naß vom Regen der Nacht, und jeden Augenblick kann das Prasseln von neuem einsetzen. Die Landwirte haben sich’s gewünscht, daß es so kommen möchte, aber das Herz des Menschen ist bang und schwer. Man braucht die Sonne, um die Schwere der Zeit tragen zu können.
Im Hof der Husarenkaserne haben sich die jungen Freiwilligen versammelt. Sie tragen Dienstanzug: die lederne Reithose und ihren gewöhnlichen Uniformrock mit den verblaßten Tressen. Aber die Knöpfe blitzen; die haben sie frisch geputzt. Auf dem Kopf die hohe Husarenpelzmütze mit der roten Zunge, die zur Seite herabfällt. Es ist der Tag, an dem sie den Eid auf die Fahne ablegen sollen.
Vor der Kaserne stehen scharenweise Zivilpersonen. Väter und Mütter, die angereist kamen, um dem feierlichen Akt beizuwohnen, und junge Mädelchen aus dem Ort, die durchs Gitter, das die Kaserne von der Straße trennt, blicken.
In Reih’ und Glied stehen sie da; die Wachtmeister gehen vor ihnen hin und her, und dann kommt das Kommando: „In Reihen antreten!“ Sie marschieren die lange Straße hin, biegen am Husarenweg ein. „Achtung, Augen links!“ kommandiert der Unteroffizier, und der Infanterieoberst, der im ‚Schwan‘ wohnt, geht an ihnen vorüber.
Die kleine altmärkische Stadt ist weitläufig gebaut, sie hat schöne, altertümliche Plätze und eine gutgepflegte Promenade, die sich wie ein Ring rund um die Stadt zieht. Zwei große protestantische Kirchen recken ihre Türme hoch über sie hin; die eine ist die alte Marienkirche, die andere nennt man den Dom. Er liegt an einem freien Platz. Kastanienbäume breiten ihre Laubdächer aus. Die Wolken treiben noch immer am Himmel, und die Luft ist schwer und beklemmend.
Auf einer Holzbank im Seitenschiff, an eine Säule gedrückt, sitzt Frau Hiller. Die Wachtmeistersfrau hat ihr geraten, zeitig zu gehen, denn zum Fahneneid läuft heute jeder in den Dom herunter. In der ganzen Stadt mag es kaum eine Seele geben, die nicht ein Interesse an der heutigen Feier hätte.
Neben ihr sitzt eine andere Mutter — auch aus Berlin — auch hierhergekommen, um dieser feierlichen Handlung beizuwohnen. Sie sitzen eine gute Stunde dicht nebeneinander auf der Holzbank, ohne ein Wort zu sprechen.
Es hat etwas Beklemmendes, bei grauem Wetter eine Stunde lang in einem leeren protestantischen Gotteshaus zu sitzen. Wohl wölbt sich das Dach hoch, von starken Säulen getragen, über dem Haupt. Man kann nicht das Gefühl haben, das den empfindsamen Menschen bei grauem Wetter in enger, niedriger Stube leicht überfällt, das Gefühl, daß Wände und Decken auf ihn niederzudrücken beginnen. Der Blick hat genügend Spielraum. Über die langen Reihen der leeren Bänke hinweg kann er zum Altar fliehen — kann an den weißen Spitzen der Altardecke haften bleiben, zum Kreuz, das den Erlöser trägt, kann er fliehen. Oder zur Kanzel hinauf oder noch höher hin zu den herrlichen, großen, bunten Glasfenstern, die das Schönste und Kostbarste an diesem alten Bauwerk sein sollen. Und Frau Hillers Blicke irren von einem Ende der Kirche zum anderen; aber nirgends ein Ruhepunkt. Auch das Bild des gekreuzigten Heilands hält sie nicht. Warum ist er gestorben? Warum hat er geduldet? Warum hat er eine Welt erlöst, die doch immer wieder in Zwietracht und Finsternis versinken muß?
Bang und verzagt sitzt sie an ihrer Säule. Alles Traurige und Schmerzliche aus ihrem Leben taucht vor ihr auf; Kindererinnerungen! Auch da schon bitteres Leid ohne äußeren Grund, auch da schon Schmerzen, für die es keinen Namen gab. Und von der Kindheit in eine Jugend, die wiederum Nöte und Kämpfe brachte. Eine Ehe, aus heißer Liebe geschlossen und vom Tod gelöst, nachdem ein mühseliger Weg des Leidens gemeinsam zurückgelegt war.
„Die Menschen von heutzutage sind nicht mehr einfach genug zum Glücklichsein!“ sagt die Großmutter. „Zum Glücklichsein gehört Einfachheit des Gemüts, und wer diese Einfachheit nicht von der Natur bekommen hat, der soll sie sich erwerben!“
Die Großmutter sagt viel, und man hört leicht über sie hinweg. Aber nie hat Frau Hiller so oft an die alte Frau und ihre Aussprüche denken müssen als jetzt in dieser Zeit, die von jedem Menschen Einfachheit und Stärke fordert.
Sie sitzt an ihrer Säule und sieht in den leeren, weiten Kirchenraum. Ein einziges Glück hat sie in ihrem Leben gehabt, das ihr treu geblieben ist, und dies Glück fing an mit dem Tag, an dem das Kind geboren wurde. Das Kind war das einzig Wirkliche und Große in all dem Gewoge in ihrer Seele geblieben. Das Kind war wie eine Melodie, die sie ihr ganzes Leben lang begleitet hat, oft überbraust von wilderen, rauschenderen Klängen, aber nie verstummt!
Das Kind, der Junge, ist auch heute noch ihr einziges Glück. Aber wenn sie an ihr Kind denkt, dann ist sie mit ihm in Berlin in ihren Zimmern; dann ist er der anschmiegende, zarte, feine Junge mit den Träumeraugen! Der Husar, der jetzt hier in der altmärkischen Garnison lebt und der im Kampf zwischen Kind und Mann liegt, ist ihr noch zu fremd.
Auch die Frau, die neben ihr sitzt, ist versunken; auch deren Augen blicken starr und still vor sich hin. —
Die Bänke in den Seitenschiffen beginnen sich zu füllen. Die Glocken setzen ein — mächtig hallt ihr Ton in der großen Kirche wieder. Zwei große Kerzen zu Seiten des Gekreuzigten sind entzündet worden. Ihr flackernder Schein tanzt um die Leidensgestalt.
Schritte hallen draußen im Vorraum — eine Bewegung — ein Rauschen. Voran der Küster, der die Plätze anweist, und im Augenblick ist die Kirche gefüllt von den graugelben Uniformen. Die Köpfe derer, die in den Seitenschiffen sitzen, recken sich. Ein jeder möchte den, um dessentwillen er hierherkam, sehen.
Lange sucht Frau Hiller nach ihrem Jungen. Sie sehen alle gleich aus, die glattgeschorenen Köpfe über den bunten Kragen. Ein kleines Grauen ist in ihr, während sie ihn sucht. So verschwunden in der Masse ist er; einer ist soviel wert wie der andere! Sie sind nicht mehr Menschen für sich; sie gehören einer großen Einheit an, die keine Unterschiede duldet.
Schließlich erkennt sie Ernst an der hohen Stirn und an der Haltung des Kopfes. Er hat ihr auch fast unmerklich zugenickt; aber dann sieht er nicht mehr zu ihr hin, sitzt ernst und feierlich zwischen den anderen.
Die Glocken verhallen, und die Orgel setzt ein.
„Ein’ feste Burg ist unser Gott!“ Ein vielgesungenes Lied in dieser Zeit. Man braucht das alte Lutherlied jetzt nötiger als sonst. Man versteht erst jetzt eigentlich so ganz den tiefen Sinn. Mächtig rauscht der Chor durch die Kirche; ergreifend für die, die in den Seitenschiffen sitzen, die in so enger Beziehung zu den jungen Sängern stehen.
„Und wenn die Welt voll Teufel wär’!“ — Es ist herrlich, mit welcher Kraft sie das herausstoßen! Die Welt ist voller Teufel — aber wenn man diesen Gesang hört, hat man keine Angst vor ihnen.
Frau Hiller kann den Blick nicht von der hohen, reinen Stirn ihres Jungen loslösen. Er ist jetzt ganz der Sache hingegeben, denkt nicht mehr an die Mutter.
Der Geistliche ist vor den Altar getreten und spricht ein Gebet. Die Husaren stehen mit geneigten Köpfen; der Regen schlägt an die hohen Fenster, und ein rauher Wind heult um die Ecken der Kirche. Die Orgel setzt wieder ein; das Singen übertönt das Unwetter, das draußen tobt, und der Pfarrer steigt auf die Kanzel.
„Liebe junge Freunde!“ sagt er. „In anderen Jahren, wenn es galt, den Eid der Treue an dieser Stätte zu leisten, geschah es bei aufgerollter Fahne. Heute ist unsere Fahne in Feindesland — heute gilt es einen Eid zu leisten, der sogleich in allen Punkten Erfüllung heischen wird!“
Die Worte klingen schwer und wuchtig und werden von den Wänden der Kirche zurückgeworfen.
„In eine große, ernste und doch herrliche Zeit tretet ihr, die ihr noch an der Schwelle des Lebens steht, ein! Beneidenswerte Jugend, die ihr eure ersten, frischesten Kräfte dem bedrängten Vaterlande weihen dürft!“
Die Gesichter der Husaren blicken zur Kanzel empor. Blutjunge Gesichter sind es zumeist — ernst, voll tiefer Begeisterung sehen sie zu dem, der zu ihnen spricht, empor.
Aus den Seitenschiffen klingt es wie leises Schluchzen. Tücher werden an die Augen geführt. Mutterherzen bluten; Mutterherzen wollen sich auflehnen gegen das Gewaltige, das von ihnen gefordert wird.
Der oben auf der Kanzel steht, spricht unendlich gütig und liebevoll zu denen, die heute den Schwur der Treue leisten wollen.
Er spricht von Deutschlands Feinden, die, von Neid, Haß und niedrigen Instinkten getrieben, den Willen haben, das Deutsche Reich zu zerstückeln, zu vernichten. All die unerhörten Ereignisse, die diese Wochen bewegten, läßt er von der Kanzel herab an den jungen Menschen, die gewillt sind, ihr Vaterland zu schützen, vorüberziehen.
Ein jeder, der in der großen Kirche sitzt, hat alles das, was da aufgezählt wird, noch frisch im Gedächtnis. Und doch — wie es hier aneinandergereiht wird, wie man es förmlich wie die Glieder einer Kette vor sich erstehen sieht — da glaubt man wieder, ein Stück aus ferner Vergangenheit tolle sich hier auf.
Eine jede Mutter, die im Seitenschiff der Kirche sitzt, wird ihre Seele erschauern fühlen, eine jede wird in furchtbarem Zwiespalt mit sich selbst sein. Hat sie dafür ihr Kind geboren, daß es, kaum ins Leben eingetreten, sich schon opfern soll. Hat sie ihr Kind geboren, damit es in einem Kriege, der tückischer, bestialischer geführt wird als je ein Krieg aus der Vorzeit, nicht einmal von offener Kugel getroffen, sondern vielleicht hingeschlachtet werden soll?
Unausdenkbar! Grauenvoll!
Oh, wie zucken, wie bluten die armen, wehen Herzen im Seitenschiff, während die, an die die Rede gerichtet ist, froh und begeistert zur Kanzel aufschauen.
Dem, der da oben steht und zu der jungen Schar künftiger Helden spricht, ist eine herrliche Redegabe verliehen. Mag sein, daß die Größe der Zeit ihren Teil daran hat; aber es ist, als sei ein Gottgesandter hier in diesem Raume erschienen — einer, der das Wort des Herrn mit der ganzen Gewalt und Inbrunst, die es besitzt, wiedergibt.
Wilder wütet der Sturm ums Gotteshaus; es ist, als höre man Kriegslärm; es ist, als solle man hier drinnen im Frieden des heiligen Hauses besonders eindringlich an all das Böse und Wilde, das draußen in der Welt vor sich geht, erinnert werden.
Ein Gebet wird gesprochen — ein stilles, gutes, inbrünstiges Gebet zu dem, der die Geschicke lenkt, der dem Recht zum Sieg verhelfen und das Unrecht bestrafen muß! Oh, wer so einfach glauben und zu Gott vertrauen kann!
Die Husaren stehen mit geneigten Köpfen, die Orgel intoniert eine leise Melodie, und an Stelle des Geistlichen tritt nun ein junger Offizier vor die Soldaten hin. Hellgrau ist seine Attila und mit silbernen Tressen besetzt. In voller Gala, mit Bandelier und Schärpe steht er da. Die Orgel spielt ganz leise, so daß es wie ein geheimes Wogen durch die Kirche geht. Er liest den Fahneneid:
„Ich schwöre zu Gott, dem Allwissenden und Allmächtigen, einen leiblichen Eid, daß ich Seiner Majestät dem König von Preußen, Wilhelm dem Zweiten, meinem allergnädigsten Landesherrn, in allen und jeden Vorfällen, zu Lande und zu Wasser, in Kriegs- und Friedenszeiten und an welchen Orten es immer sei, getreulich und redlich dienen, Allerhöchst dero Nutzen und Bestes befördern, Schaden und Nachteil aber abwenden, die mir vorgelesenen Kriegsartikel und die mir erteilten Vorschriften und Befehle genau befolgen und mich so betragen will, wie es sich für einen rechtschaffenen und ehrliebenden Soldaten eignet und gebührt. So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium.“
Die Husaren haben sich erhoben. Der Offizier weist noch einmal auf den tiefen, erschütternden Ernst des Augenblicks hin, dann tritt er erst zu jenen, die anderen Bundesstaaten angehören, und nimmt ihnen den Schwur ab.
Er spricht die einzelnen Worte vor, und der Schwörende spricht sie — die Eidfinger erhoben — nach. Seltsam, fast wie ein Mißklang tönen die klaren, schweren Worte zum leisen, tragenden Spiel der Orgel. Nur wenn die Schlußworte kommen, wenn sie sagen: „So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium!“ klingt beides, die gesprochenen Worte und das leise Orgelrauschen, wie ein hohes, hehres Lied zusammen.
Einer nach dem andern schwört mit ernster, fester Stimme sein Leben dem Vaterlande zu. Ein jeder will bluten, will sterben! Ein jeder will mit tausend Freuden sein junges Leben dem Vaterland hingeben.
Warum weinen da so viele von den Frauen, die in den Seitenschiffen sitzen? Warum jauchzen sie nicht? Warum schwillt ihr Herz nicht in Stolz und Seligkeit darüber, daß sie Söhne geboren haben, die sich der großen Zeit würdig erweisen?
Ach, immer mag es so im Leben sein: Wer zu großer Tat von den Seinen wegzieht, dem wird der Abschied nicht schwer. Der ganze furchtbare, überwältigende Schmerz rast in den Herzen derer, die geben müssen, die zum Abwarten verdammt sind. Wer bringt dem Vaterland das größere Opfer: der junge, begeisterte Soldat, der, von tausend Hoffnungen beseelt, hinauszieht — oder die, die ihn geboren hat, und die in diesen Augenblicken, da ihr Kind von einer anderen, größeren Macht gefordert wird, alle Wonnen, alle Schmerzen, das ganze Leben dieses Kindes von jener Zeit an, da sie es noch unter dem Herzen trug, wieder durchkosten muß.
„Groß sind die Zeiten, und groß sollen auch die Menschen sein!“ Frau Hiller denkt an diese Worte der Großmutter, und doch ist ihr, als müsse sie aufschreien. Ihr Junge hat mit all den anderen, die preußische Staatsangehörige sind, die Schwurfinger erhoben. Im Chor mit ihnen spricht er die Worte, die der Offizier in der hellgrauen Attila ihnen vorsagt. Die Orgel spielt — der Regen peitscht gegen die Fenster — der Sturm ist zum Orkan geworden; er heult und schreit und winselt ums Gotteshaus. Die Lichter am Altar flackern um das stille Kreuz des Dulders: „So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium!“
Ihr Kopf lehnt an der Säule; schwarz ist ihr vor Augen. Eine rohe Faust martert ihr Herz. Um sie herum ist das Schluchzen der anderen Mütter.
Leiden die alle dasselbe wie sie? Sind sie in diesen Augenblicken genau wie sie durch Höllen gewandert? Sie fühlt ihre Hand von der ihrer Nachbarin umschlossen. Eine zitternde Hand ist es, die die ihre umfaßt, aber es tut wohl.
Alle Mütter in der ganzen Welt, die ihre Söhne dahingeben — müssen sich verbunden fühlen in dieser Zeit — — — die höchste und die niederste müssen sich lieben, denn was ist Rang und Geld und Würde neben diesem bitterheißen, gewaltigen, heiligen Schmerz, den sie alle, alle durchkosten müssen?
Der kleine Hiller sucht die Blicke der Mutter und nickt ihr ernst und kindlich stolz zu. Viel warmes Leben, viel Freude ist in diesem Blick. Sie staunt darüber, aber sie fühlt, wie das Blut ihr wieder wärmer zum Herzen strömt.
Die Orgel spielt lauter — das Haus wird erfüllt von den mächtigen Klängen. Das Gefühl des Unheimlichen, das Gefühl des Schauerns ist vorüber. Helleres Licht bricht durch die Fenster — die Seele wird emporgetragen.
Vor ein paar Augenblicken, als die jungen Menschen die schwer feierlichen Worte sprachen, waren die armen Seelen in einem dunklen Raum gewesen. Eine jede Mutter mochte da wohl ihren Sohn schon verloren gegeben haben. Nun aber erhält sie ihn wieder. Der Pfarrer steht auf der Kanzel; er spricht die einzelnen Strophen des wundervollen Liedes: ‚Wir treten zum Beten vor Gott, den Gerechten!‘ Und die Orgel jauchzt — die Stimmen setzen ein und schwellen an — keine Mutter schluchzt jetzt mehr; kein Herz ist mehr dunkel und verzagt.
„Herr, mach’ uns frei!“ braust es durchs Gotteshaus. „Herr, mach’ uns frei!“ Und die Wände werfen es zurück — die Orgel spielt ein hohes Feierlied. Alle Herzen sind frei geworden; alle bangen Herzen sind stolz und froh geworden.
Der Pfarrer ist wieder vor den Altar getreten; er breitet die Hände aus:
„Der Herr segne und beschütze dich. Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir! Der Herr gebe dir seinen Frieden. Amen!“
Die Husaren verlassen reihenweise die Bänke und versammeln sich um ihre Führer; die aus den Seitenschiffen strömen dem Ausgang zu. Draußen auf dem Platz vor der Kirche sehen sie sich wieder.
Das Unwetter hat ausgetobt — — durch die grünen Kastaniendächer bricht leise die Sonne durch.
Die Mütter möchten zu ihren Söhnen eilen und sie ans Herz drücken; aber die stehen in Reih’ und Glied, und der Offizier hält eine Ansprache an sie — eine kurze, knappe, begeisterte Ansprache, die in einem Kaiserhoch endet. Die Unteroffiziere kommandieren, die Husaren schwenken in Reihen ab — kehren zur Kaserne zurück. —
Am Mittag ist lustige Tafel im ‚Schwan‘. Die Husaren haben ihre Extrauniform angezogen. Die Gesichter glänzen, als sie an die gedeckten Tische treten, denn sie sind hungrig. Der Oberkellner hat Frau Hiller zu einem Tisch geführt, an dem schon ein Elternpaar mit einem Husaren sitzt. Man ist im Augenblick befreundet, und die beiden jungen Freiwilligen rücken mit Kasernenwitzen heraus. Die Unterhaltung geht im ganzen Saal von Tisch zu Tisch. Es wird sehr lustig. Die Eltern lassen Sekt auffahren. Es ist ein Freuden-, ein Ehrentag heute; die Jugend, die in ein paar Wochen für Deutschlands Ehre kämpfen will, muß gefeiert werden. Sie läßt sich’s gern gefallen.
Der kleine Hiller hat heute nichts vom Philosophen an sich. Glücklicher und lebensfroher können keine Augen strahlen, als die seinen es tun. Hipp kommt nach dem Dessert mit seinem Vater, dem reichen Fabrikanten, an den Tisch und setzt sich neben Hiller.
Die beiden lachen und schwatzen miteinander, und Frau Hiller muß an den Abend am Pappelweg denken, an dem ihr Ernst so schwermütig und ablehnend über die Welt und auch über Hipp geurteilt hat. Heute weiß er nichts mehr davon. Heute ist er Hipps Kamerad — heute ist er Soldat und nichts weiter.
Die Mutter ersehnt den Augenblick, an dem sie den Jungen für sich haben wird. Sie denkt an den Konfirmationstag zurück. Diesem Tag waren eine ganze Zahl schwerer Wochen voraufgegangen, denn der junge Philosoph hatte Gewissensnöte gehabt. Er wollte nicht an den Tisch des Herrn treten, denn sein Verstand lehnte sich gegen das Gelübde des Glaubens, das er ablegen sollte, auf.
Die Großmutter, die auf Ordnung hielt, hatte ihn damals zur Vernunft gebracht. Aber den ganzen, schweren Tag über hatte der Junge damals auf den Augenblick gewartet, an dem er die Mutter für sich haben würde, und die Mutter hatte aus einer unbestimmten Angst vor diesem Alleinsein die Großmutter nicht von ihrer Seite gelassen. Heute tritt das Umgekehrte ein. Heute ersehnt sie die stille Stunde einer Aussprache, und der Junge weicht ihr aus.
Sie wollen alle zum Photographen; sie müssen natürlich eine Erinnerung an diesen Tag haben. Und um fünf Uhr müssen sie zur Pferdetränke in der Kaserne sein. Am Abend aber hat Hiller auf Wache zu ziehen.
Keine Minute also für die Mutter, und das ist gut. Er will Mann sein; er will stark und lustig sein! Der Mutter tut das Herz weh, das weiß er. Aber sie soll es ihm nicht sagen. Es nutzt ja nichts. Hinaus will er und muß er. Wozu da noch Worte und Tränen?
Der Sekt schmeckt ihm; der reiche Fabrikant hat noch eine Flasche bestellt und gießt ein. Die Stimmung wird übermütig. Im Saal ist’s heiß; sie haben gut gegessen — nun trinken sie und rauchen gute Zigarren. In den Hof des Hotels zieht eine Musikerbande. Orgel, Pfeife und Klarinette:
„Die Vöglein im Walde, sie singen so wunder-wunderschön: In der Heimat — in der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehn!“
Die Sangeslust erwacht. Irgendwo an einem Tisch setzt eine Stimme ein. Vorgesetzte sind nicht im Saal. In die eine Stimme fallen die andern, draußen orgeln und blasen sie, und drinnen singen sie in all ihrer jungen Lebensfreude:
„Die Vöglein im Walde, sie singen so wunder-wunderschön: In der Heimat — in der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehn!“
Die Zeit fliegt dahin; halb fünf Uhr. Die Husaren stehen von den Tischen auf.
„Wiedersehn, Mutter!“ sagt der kleine Hiller — schnallt den Säbel um, setzt die hohe Mütze auf den Kopf, geht an Hipps Seite davon und läßt die Mutter unter den fremden Menschen im Hotel zurück.
Der Eid der Treue ist geleistet, nun gibt es kein Zurück mehr. Am nächsten Tag geht die Sache verteufelt stramm los! Es nützt kein Fackeln! Wer weiß, wie bald Deutschland auch seine jüngsten Kräfte braucht! Man hofft es nicht, und es ist auch kein Grund zum Schwarzsehen vorhanden. Aber der Feind ist mächtig; der Feind wird gepeitscht vom elenden Briten. Deutschland soll und muß vernichtet werden!
Aber Deutschland läßt sich nicht vernichten! Deutschlands Jugend jubelt: ‚Noch sind wir da, sie sollen nur kommen!‘
Die Begeisterung ist groß, ist riesengroß. Jeder von ihnen wird ein Held sein, wenn er dem Feind gegenübersteht!
Aber Begeisterung ist etwas, was ewig von neuem geschürt werden will. Begeisterung muß immer neue Nahrung haben — genau wie ein Feuer im Kamin — sonst erlischt sie.
Der Drill ist aber eintönig, und das ewige Putzen an Pferden, Sattel- und Zaumzeug und an den Uniformen erst recht! Wo soll da die Begeisterung herkommen?
Und doch und doch und doch! Sie vergessen es nicht und dürfen es nicht vergessen, daß dieser Drill dem Dreinhauen vorangehen muß. Alles in der Welt will gelernt sein — auch das Dreinhauen, das so einfach scheint.
Neben ‚Vize‘, der zwar sehr stramm, aber auch sehr gerecht ist, haben sie einen zweiten Wachtmeister bekommen, mit dem im Dienst nicht gut Kirschen essen ist.
Er ist groß im Androhen von schweren Strafen, aber er ist auch groß im Verzeihen. Und wenn er guten Willen bemerkt, läßt er sich herab, seine Anerkennung nicht zu versagen; in der Kantine beim Glas Bier kommt es vor, daß er außerordentlich gemütlich wird; aber wenn sein Zorn gereizt wird, kann er rasend werden. Er hat die echtesten Kavalleriebeine und reitet tadellos; und da er sich rühmt, einen jeden, auch den störrischsten Gaul zu bemeistern, verlangt er dasselbe von seinen Schülern.
Er ist entsetzt, daß sie in all der Zeit, die sie nun schon hier sind, noch so wenig gelernt haben. Ein paar unter ihnen kommen immer noch nicht glatt durch den Sprunggarten. Das ist ein starkes Stück, aber er wird ihnen beikommen!
Er kann entsetzlich schreien; die Ohren sausen dem, in dessen Nähe er steht und der seine Ungnade erworben hat.
Für den kleinen Hiller, dem man zum drittenmal ein neues Pferd gegeben hat, ist das, welches er jetzt erhalten, ein wenig zu hoch. Es ist verteufelt schwer, sich in den Sattel zu schwingen. Das Tier heißt wegen seines Benehmens ‚Verbrecher‘; es beißt und keilt aus. Hillers Schienbein hat eine starke Anschwellung, die von einem Tritt herrührt. Er hätte sich daraufhin krank melden können, haben ihm seine Kameraden gesagt. Aber er mag nicht ins Lazarett, denn er hat das sichere Gefühl, daß sich irgend etwas Großes in der Welt ereignen wird, wenn er nicht zugegen ist. Und wenn er sich ausdenkt, daß er eines schmerzenden Schienbeins wegen im Bett liegt und die anderen vielleicht gerade dann ausrücken, vergehen die Schmerzen ganz von selbst. Er ist keine Memme und kann schon was ertragen.
Der neue Wachtmeister braucht eine sehr erhebliche Zeit, bis er einen vom andern unterscheiden lernt. Er kennt niemand beim Namen und weiß nicht, wer Einjähriger und wer Dreijähriger ist.
‚Vize‘ hatte darin ein viel feineres Unterscheidungsvermögen.
Zu Hiller sagt er eines Tages: „Zeig’ mal her, du Aas, wie du deine Sporen sitzen hast!“ Und als es nichts zu tadeln gibt, fragt er: „Wie heißt du?“
Hiller, ohne es zu wollen, reckt sich, und sein Gesicht nimmt einen hochmütigen Ausdruck an. Er nennt seinen Namen, und der Wachtmeister sagt: „Ach so, ’n feines Aas also! Aber hier bist du ein Rekrut wie alle anderen, merk’ dir das!“
Hiller hat auf den Lippen, zu erwidern: „Sie irren, Herr Wachtmeister, ich bin Kriegsfreiwilliger!“ Aber er ist schon zu sehr Soldat — zu sehr ist ihm Gehorsam und Disziplin schon ins Blut übergegangen.
„Zu Befehl, Herr Wachtmeister!“ sagt er und läßt das ‚Aas‘ auf sich sitzen.
Abends unterhält sich der Wachtmeister sehr freundschaftlich mit ihm und fragt ihn nach seinen näheren Verhältnissen aus. „So — der Vater ist schon lange tot! Hm — und er ist das einzige Kind! Schwer für die Mutter!“ Er wird gerührt und ist wirklich nett und herzlich zum kleinen Hiller.
Der benutzt die gute Gelegenheit, ganz bescheiden zu erwähnen, daß sein neues Pferd, der ‚Verbrecher‘, zu hoch für ihn sei und dazu gemein ausschlage; aber mit diesem Anliegen hat er kein Glück.
Der Wachtmeister reißt den Mund weit auf und läßt gleich wieder die große Kluft, die den Vorgesetzten vom Untergebenen scheidet, entstehen.
„Mensch, denkst du, daß du dir im Feld einen Gaul aussuchen kannst? Wenn dir da dein Tier unter dem Leib weggeschossen wird, glaubst du, daß da gleich ein Dutzend um dich herumwiehern, damit du dir das bequemste aussuchen kannst? Nee, gibt’s nicht, mein Junge. Und wenn ein Pferd so hoch ist wie ein Turm, raufkommen muß einer, der sich Kavallerist schimpft. Sollst mal sehen, was ich von jetzt an für ein Auge auf dich haben werde, und in spätestens einer Woche kommst du mit Eleganz auf dein Tier rauf, das schwöre ich dir!“
Teufel, ja — da hatte Hiller sich was eingebrockt. Der Wachtmeister ließ ihn nicht mehr aus den Fingern. Fünfmal hintereinander: „Rauf aufs Pferd und wieder runter!“ Beim fünftenmal ging es gewöhnlich.
„Draußen im Feld wirst du deinem Wachtmeister danken! Da wirst du dir vielleicht mal sagen: ‚Donnerwetter, der Kerl hat’s gut mit mir gemeint!‘ Denn das hat schon manchem im Feld das Leben gerettet, wenn er tadellos auf jeden Gaul hinaufkann. Das kannst du dir da drüben auch merken, du Sonntagsreiter du! Häng’ mal mit deinen zweihundert Pfund nicht wie ein Mehlsack auf dem armen Biest!“
Hipp, an den die Worte gerichtet sind, sieht den Wachtmeister in der gewohnt-treuherzigen Art an.
„Zu Befehl, Herr Wachtmeister, ich wiege nur hundertvierzig Pfund!“ wagte er zu sagen.
„Schnauze halten!“ schreit der Wachtmeister wütend. „Wenn ich sage, daß du zweihundert Pfund wiegst, dann wiegst du eben zweihundert Pfund. Im übrigen werde ich auch dich mal im Auge behalten, dann wird dir das Antwortgeben bald vergehen!“
Hipp und Hiller werden, ohne daß ein besonderer Grund dazu vorliegt, von allen Kameraden und auch von dem Wachtmeister für etwas Zusammengehöriges angesehen. Sie haben weder im Äußeren noch in ihrem Wesen irgendwelche Ähnlichkeit, und auch ihre Leistungen sind sehr verschieden.
Aber sie sitzen oft beieinander, und wenn Hipps Vater in die Garnison angereist kommt — und das tut er häufig — ladet er den jungen Hiller jedesmal mit ein.
Weil die Umgebung sie zu Freunden gestempelt hat, sind sie’s auch in der Tat geworden. Hiller hat jetzt absolut keine Zeit zum Grübeln und zum Kritisieren, und da Hipp umgänglich und zutunlich ist, nimmt er ihn, wie er ist.
Der neue Wachtmeister hat sich die beiden in der Tat zu besonderen Freunden auserkoren.
Er brüllt sie im Dienst an und ist väterlich freundlich zu ihnen, wenn er sie in der Kantine trifft. Das muß man ihm lassen: er hat ein eigenes Talent, den Vorgesetzten mit dem Freund zu vereinen. Hat er Vorgesetzter zu sein, so ist er es ganz und gar; und kann er Freund sein, so weiß man nichts mehr vom Vorgesetzten in ihm.
Sie haben ihn gern und fürchten ihn, und das ist das Idealste, was ein Wachtmeister von seinen Rekruten verlangen kann.
Hiller hat sein Pferd, den ‚Verbrecher‘, allmählich liebgewonnen. Er hat sich mit ihm quälen müssen und ist dann Herr über seine Tücken geworden; das freut ihn, und er klopft das Tier am Hals und gibt ihm Zucker.
Aber nun, da er endlich zur Freundschaft mit ihm gelangt ist, muß das eintreffen, was er im Anfang so oft gewünscht hat. Der ‚Verbrecher‘ läßt den Kopf hängen und frißt und sauft nicht. Hiller redet ihm gut zu, denn das Tier kennt seine Stimme, und in gesunden Tagen hat es den Kopf ihm zugewandt, sobald es seinen jungen Herrn kommen hörte.
Jetzt bleibt es teilnahmslos, und Hipp sagt: „Sei froh, das Biest krepiert!“
Hiller macht dem Wachtmeister Meldung über das Befinden des Tieres, und der sieht sich den Gaul von rechts und links an, tastet ihm die Glieder entlang und entdeckt eine Geschwulst. Er läßt ein paar Donnerwetter los und schickt Hiller zum Veterinär. Eine Stunde später steht der kleine Husar sehr bleich beim Arzt im Krankenstall und hält ein Bein des Pferdes hoch. Der Veterinär hat einen tiefen Schnitt in die Geschwulst gemacht und fährt mit Instrumenten in der wehen Stelle herum. Das Tier schreit und das Bein zuckt in Hillers Händen. Alles Blut ist ihm vom Gehirn zurückgewichen; kalte Schauer rieseln ihm über den Rücken, und die Hände, die das Bein halten, zittern. Er kämpft mit einer Ohnmacht und fühlt, wie ihn etwas zu Boden reißen will. Auch der Magen revoltiert, und der Arzt wirft einen prüfenden Blick auf ihn, fährt aber ruhig in seiner Beschäftigung fort.
Das Tier stöhnt und wirft den Kopf von einer Seite auf die andere. Die nasse Schnauze streift Hillers Wange, und ihm bricht der Schweiß aus. Die Kniee wanken unter ihm, und vor den Augen tanzen schwarze Punkte...
Der Arzt räuspert sich: „Ich bitte, das Bein höher halten!“ Hiller möchte aufschreien. Der Arzt kommt ihm wie ein Schlächter vor. Das Tier ist halb wahnsinnig vor Schmerz, und er hält das Bein, ohne noch zu wissen, daß er es hält. Dabei sieht er nach dem Stallausgang. Wenn doch ein Mensch vorbeikäme, den er anrufen könnte. Aber niemand kommt.
Nun fängt auch das Herz an zu klopfen; bis zum Hals hinauf hämmert es. Er fühlt, daß das Bein des Tieres ihm entgleiten will, und hat noch gerade das Bewußtsein, sich zu sagen, daß es schmachvoll für ihn sein wird, wenn er nicht standhält. Sein Wille arbeitet mit letzter Kraft.
Draußen im Feld wird er Schlimmeres sehen müssen, sagt er sich. Und wenn er hier nicht standhält, wenn der Arzt vielleicht seinen Wachtmeistern erzählt: ‚Teufel, da habt ihr aber einen netten Helden als Freiwilligen! Der wird ja Deutschlands Jugend glorreich vertreten, wenn er hinauskommt!‘ Wenn dieser Mann mit der breiten Stirn und dem energischen Mund das von ihm erzählt, dann ist’s um ihn geschehen, dann läßt man ihn nie und nimmer hinaus. Er weiß nicht mehr, sind es Minuten oder sind es Stunden, die vergehen, während er hier steht und gegen seine Schwäche ankämpft. Aber der Arzt fängt nun leise an zu pfeifen bei seiner Arbeit, und das Tier wird ruhiger.
„Sie können das Bein fallen lassen!“ hört Hiller sagen, und hart läßt er den Huf auf die Erde aufschlagen.
„Holen Sie Wasser!“ Hiller kommt aus der dumpfen Stalluft ins Freie, eilt an den Brunnen und kühlt sich das matte Gesicht. Der Körper ist noch schwach und zittrig, aber der Kopf kann schon wieder klar denken. Er hat standgehalten, und niemand wird etwas Kränkendes über ihn sagen können.
Der Arzt spricht, während er sich die Hände wäscht, sehr freundlich mit ihm.
„Freiwilliger, was? Das war ein gemeines Stück Arbeit an der armen Kreatur! Verloren ist sie doch, aber es ist genau wie beim Menschen: Man muß es bis zum letzten versuchen. Und wenn es wirklich zu heilen ist, so gibt es doch kein Kriegspferd mehr. Sie können sich gleich ein neues von Ihrem Wachtmeister verschreiben lassen. War ja auch eigentlich viel zu hoch für Sie, dieser Gaul! Wie sind Sie denn da überhaupt raufgekommen?“
Hillers Augen strahlen den Arzt an.
„Es ging ganz gut!“ sagt er nicht ohne Stolz, und der Arzt lacht.
„Um so besser für Sie! Draußen wird es Ihnen zugute kommen, wenn Sie auf jeden Bock hinaufkönnen!“
Zwei Tage später wird der ‚Verbrecher‘ erschossen und in einem Karren zum Abdecker gebracht. Hiller hat Mühe, seines Schmerzes Herr zu werden. Am Abend hat er Stallwache und sitzt auf der Futterkiste. Da kommen ihm fast die Tränen. Er hat jetzt ein Pferd, das besser zu ihm paßt: einen hübschen, schlanken Fuchs; aber er kann sich noch nicht darüber freuen. Mit der ganzen Leidensfähigkeit der Jugend durchlebt er immer wieder die qualvolle Stunde, die das arme Tier vergebens durchkosten mußte. Der Philosoph wird wieder in ihm geweckt. Er begreift nicht, warum Gott oder das Schicksal, oder auch nur die unsichtbare Macht, die über uns waltet, so viel unnötige Qualen in die Welt schickt. Und von der unnötigen Qual, die das Tier erdulden mußte, kommt er auf das Leid der Menschheit zurück — auf diesen entsetzlichen Krieg, der Millionen und Millionen in Elend und Trauer versetzt. Wer ist es, der alles das zuläßt? Geht all das wirklich von dem aus, der die Geschicke der Welten in seiner Hand halten solle, und der der Allgütige, der Allbarmherzige genannt wird?
Zu Hillers Glück gesellt sich ein Kamerad zu ihm, bevor sein Geist sich ganz von den düsteren Grübeleien einfangen läßt.
„Donnerwetter,“ sagt der und streichelt das neue Pferd. „Du bist ein Glückspilz. Du hast jetzt den besten Gaul vom ganzen Beritt. Sag’ mal, hast du vielleicht noch Moneten, dann könnten wir uns einen ‚alten Mann‘ zum Wachen kaufen und gehen in die Kantine.“ Ja, Hiller hat Geld, und der ‚alte Mann‘ ist schnell zur Stelle; aus dem dunstig-warmen, trübselig erleuchteten Stall kommen sie in den lustigen Kantinenraum. In der Kantine vergißt man das Denken und Grübeln ganz von selbst. Hier duftet’s nach kräftigem Essen, Zigarren und Alkohol; hier wird gelacht und gesungen und politisiert.
Hiller ißt und trinkt mit den anderen. Das Schicksal des armen ‚Verbrechers‘ ist vergessen, und da man ihm von allen Seiten zu seinem Fuchs gratuliert, fängt er an, sich über das feine, schnittige Tier zu freuen. —
Am nächsten Tag soll das erste Nachtgefecht stattfinden. Am Tag haben sie schon ein paarmal diese kriegerischen Übungen gemacht, und es war schön und interessant, weil man dabei eine blasse Vorahnung vom Krieg bekam. Nun sollte es zum erstenmal in der Dunkelheit geprobt werden.
‚Vize‘ liest am Morgen die allgemeine Kriegslage vor: Zwei Parteien werden gebildet, wovon die eine den Freund, die andere den Feind darstellt. Der Feind trägt die hohe Pelzmütze, der Freund die kleine Dienstmütze.
Es gilt die Bahn zwischen der altmärkischen Garnison, in der sie sich befinden, und der Nachbarstation gegen feindliche Angriffe zu schützen. Mehrere kleine Posten werden in Abständen von je hundert Metern aufgestellt, und Patrouillen sollen ausgeschickt werden, um Fühlung mit dem Feind zu halten.
Der Feind hat die Aufgabe, die Bahn zu zerstören; das soll durch einen Schuß, der direkt vor dem in der Nacht durchfahrenden D-Zug abzugeben ist, markiert werden. Diejenige der beiden Parteien, die zuerst zur Bahn gelangt und den Schuß abfeuert, geht als Sieger hervor.
Die Husaren werden verteilt, und jeder bekommt seinen Auftrag. Der Wachtmeister sucht sich natürlich wieder Hipp und Hiller aus und dazu einen ‚alten Mann‘, der ihm beim Rekognoszieren helfen soll. Die beiden Freiwilligen haben nichts weiter zu tun, als sich seinen Anordnungen zu fügen und sich gut zu Pferde zu halten.
Um sieben Uhr, als gerade die Dämmerung anfängt, in Dunkelheit überzugehen, reiten sie zu den Kasernentoren heraus: Karabiner über der Schulter — die Lanzen im Arm. Der Feind reitet nach rechts — die mit den Dienstmützen nach links.
Der zweite Wachtmeister macht ein ernstes, würdiges Gesicht und läßt einen flotten Trab annehmen. Über den großen Exerzierplatz hinweg geht’s durch einen dunklen Wald. Hiller ist zwar mit Leichtigkeit auf seinen neuen Gaul, den Fuchs, hinaufgekommen. Aber nun er oben ist, büßt er sehr schnell sein Behagen ein, denn das Tier ist sehr temperamentvoll und nervös; bei jedem unbekannten Geräusch zuckt es zusammen und scheut.
Im Wald müssen sie über unzählige Hindernisse, und der Wachtmeister mit dem ‚alten Mann‘ fliegen dahin, als ritten sie über glatten Boden. Hipp rutscht zweimal von seinem Gaul herab und schimpft und flucht, und Hiller bearbeitet seinen Fuchs mit Schenkeln und Sporen. Nur mit größter Not halten sie sich in Sehweite des Wachtmeisters. „Voran!“ brüllt er ihnen zu, und der ‚alte Mann‘ muß zu ihnen zurückreiten, um ihren Tieren das nötige Tempo beizubringen. Hipp schreit ein paarmal laut auf und weiß selbst nicht, wie es ihm gelingt, sich oben zu halten. Aus dem Wald heraus fliegen sie über eine lange Chaussee hin. Irgendwo in der Nähe ist Pferdegetrappel zu hören, das müssen die feindlichen Patrouillen sein. In zehn Minuten kommt der Zug, auf den sie schießen sollen, vorbei.
An einer gedeckten Stelle, ganz nahe der Bahn, läßt der Wachtmeister halten und lauscht. Das Pferdegetrappel ist ganz nahe, man kann nur nicht unterscheiden, ob es unmittelbar an der Bahn oder mehr nach dem Wald zu ist.
Flüsternd befiehlt der Wachtmeister: „Absteigen!“
Hipp und Hiller bekommen außer den eigenen Tieren und Lanzen noch die des Wachtmeisters und des ‚alten Mannes‘ zu halten. Der Wachtmeister, vom ‚alten Mann‘ gefolgt, schleicht in gebückter Stellung dem Bahndamm zu. Schweigend stehen Hipp und Hiller einander gegenüber. Stockdunkel ist es um sie her, und der eine kann das Gesicht des andern nicht erkennen. Gegen den ausdrücklichen Befehl holt Hipp eine kleine Stallaterne aus der Tasche, hängt sie in die Schnüre seiner Attila ein und läßt das Licht aufflammen.
Der Fuchs ist unruhig und zwingt Hiller, sich rund im Kreis mit ihm zu bewegen. Hipp muß die drei anderen Gäule am Zügel halten. Vom Wald her reiten jetzt ganze Kolonnen nach dem Bahndamm zu; von ferne hört man das Schnauben und Rasseln des heraneilenden Zuges, ein Schuß ertönt und noch einer, und Hiller schreit laut auf.
Der Fuchs ist hoch in die Höhe gestiegen und hat sich mit mächtigem Ruck losgerissen. Nun fliegt er in rasender Schnelligkeit dahin.
„Hipp, hilf!“ schreit Hiller und rennt hinter dem Fuchs her, und Hipp, selbst auf das äußerste erschreckt, vergißt seine drei Pferde und rast hinter Hiller her, an ihnen vorbei die freigelassenen Gäule.
„Mensch, sei kein Döskopf!“ Hipp kann kaum mehr Luft bekommen, ist über einen Baumstamm gefallen und flucht und schimpft. „Laß doch die verteufelten Biester laufen, wohin sie wollen; oder glaubst du, du holst deinen Fuchs noch ein?“ Und Hiller bleibt mit hochklopfendem Herzen stehen. Hipp hat recht; es ist natürlich ein Blödsinn, den Gäulen nachzulaufen.
Aber was nun? Schweigend gehen sie zu den Lanzen, die sie im Boden aufgespießt haben, zurück. Hiller hat das Gefühl, ein Verbrechen begangen zu haben, und auch Hipp ist verlegen.
„Die Schuld hast du,“ sagt er zu Hiller. „Du hast den Fuchs nicht gehalten! Na, aber laß gut sein, ich petze nicht. Schön werden die nächsten Viertelstunden ja nicht werden, aber den Kopf kann er uns auch nicht abreißen. Pst! Da kommt er schon!“
Der Wachtmeister sieht die zwei mit den neben ihnen aufgespießten Lanzen stehen und ahnt sogleich, was sich ereignet hat. Im Grunde ist er guter Laune gewesen, weil er den Sieg errungen hat; aber die beiden armen Sünder, die hier vor ihm stehen, lassen die gemütliche Stimmung schnell verfliegen.
„Wo habt ihr die Pferde?“ brüllt er sie an.
Hiller will eine Erklärung abgeben, aber Hipp schreit in seiner Angst in die Dunkelheit hinein: „Durchgegangen, Herr Wachtmeister! Und da kann kein Mensch was für bei dieser Schießerei! Ich habe sie mächtig festgehalten, aber so viel Kraft hat kein Mensch, daß er gegen vier wildgewordene Gäule ankommt!“
„Schnauze halten, ihr Himmelshunde! — Schlappe Kanaillen! Was denkt ihr euch nun, was nun werden soll, wie ich nach Hause kommen soll? Meint ihr, ich hucke die Lanze auf, ich laufe zu Fuß durch den Wald?“
Hipp und Hiller nehmen je zwei Lanzen auf den Arm, und unter fortwährendem Schimpfen und Fluchen des Wachtmeisters geht es ein Stück Weg entlang.
Mit so lieblichen Namen wie in dieser Nacht haben die beiden Berliner Bürschchen sich noch nicht nennen hören. Sie lassen den Wald links liegen und gehen auf großem Umweg durch ein Dorf. Der Wachtmeister hält plötzlich in seinem Fluchen inne; von einem Seitenweg kommt jemand auf sie zugeritten. Ein Unteroffizier, mit zwei Pferden. Es ist Hillers Fuchs und das Pferd des ‚alten Mannes‘. Die sind unterwegs von der feindlichen Partei aufgefangen worden.
Donner, ja! Jetzt ist der Wachtmeister auf einmal rosigster Laune — steigt auf — heißt auch den ‚alten Mann‘ aufsitzen und heidi — fort. Hipp und Hiller mit ihren vier Lanzen sehen sich erst eine Weile ungläubig an. Hiller zieht eine Generalstabskarte heraus und studiert, wie lange sie zu laufen haben. Durch den Wald können sie nicht gehen, also immer rund herum um den Wald — das bedeutet statt einer und einer halben Stunde drei Stunden Weges.
Es ist halb elf Uhr, und da sie keine Zeit hatten, vor dem Ausrücken etwas zu essen, sind sie hungrig. Im Dorf, durch das sie kommen, sehen sie ein erleuchtetes Wirtshaus. Hiller will erst nichts davon wissen; sein Gewissen quält ihn, er will auf schnellstem Wege dahin, wo er hingehört.
Aber Hipp wird böse: „Mensch, sei doch kein Frosch! Wer kann uns beweisen, daß wir uns nicht verirrt haben? Immer rin! Wenn man im Feld Hunger leiden muß, dann geschieht das fürs Vaterland und man ist ein Held; wenn man aber Hunger hat und kommt an einem Wirtshaus vorbei und geht nicht rein, dann ist man ein Esel!“
Hipp hat etwas Fortreißendes, wenn er mit seiner Philosophie hervorrückt. Hillers Bedenken fallen demgegenüber immer wie ein Kartenhaus zusammen. Sie gehen durch einen kleinen, engen Flur ins Gastzimmer, in dem noch ein paar Bauern beim Kartenspiel sitzen. Ein gutmütig aussehendes Weib kommt ihnen entgegen und läßt sich ihre Geschichte erzählen. Sie ist sehr freundlich zu den Freiwilligen; hat sie doch auch einen Sohn in der Husarenkaserne.
„I wo, das kann Ihnen keiner übel nehmen, wenn Sie nicht in der Stockdunkelheit den Weg machen. Man wird doch jetzt noch nicht seine Gesundheit aufs Spiel setzen, da man sie doch später im Felde so notwendig hat.“ Die Bauern drehen sich nach den Husaren um und fragen sie aus. Es sind zwei liederliche Kerle, die hier mit schmutzigen Karten um Geld spielen.
Schlechte Zeiten! Man muß sich zerstreuen! Sie laden die beiden jungen Menschen ein, an ihren Tisch zu kommen, und Hipp steuert sogleich hinüber. Die Wirtin ist in der Küche verschwunden und kommt nach einer guten Viertelstunde mit gebackenen Eiern, Schinken, Wurst, Brot und Butter wieder. Hipp und Hiller essen mit freudigem Appetit und trinken ein paar Flaschen Bier. Die Bauern haben Steinhäger vor sich stehen, und Hipp läßt eine Runde für sie alle auffahren. Aus einer Ecke heraus fängt ein Grammophon mit rasselndem Ton und krähendem Beiklang an zu tönen. Irgendeine leichte Walzermelodie — schrecklich für das musikalisch gebildete Ohr Hillers, aber höchst anregend für alle anderen. Hipp kennt ein feines Kartenspiel zu Vieren, höchst einfach; das lernen selbst die Bauern im Handumdrehen. Aus dem Brustbeutel holen sie, was sie an Nickel bei sich haben. Die Augen der Bauern beginnen zu glänzen. Hipp sieht genau aus wie sein reicher Vater, wenn er eine Pulle Sekt spendiert, und Hiller ist in seinem Bann. Er tut mechanisch mit, was die anderen tun. Ganz dumpf empfindet er dabei ein Unbehagen. Mitternacht geht vorüber. Irgendwo hat eine Uhr klirrend geschlagen. Hiller will gehen, aber Hipp lacht ihn aus: „Mensch, sei kein Frosch!“ Sie sitzen bis ein Uhr und sitzen bis zwei Uhr! Die Brustbeutel werden leerer. Die Bauern lassen sich von den zwei jungen, reichen Herren traktieren. Die Köpfe sind rot — Witze werden erzählt; die Luft in der kleinen Stube ist zum Ersticken, und die Petroleumlampe will plötzlich erlöschen.
Über Hiller kommt es plötzlich wie eine Krankheit; er fühlt sich namenlos unglücklich. Sein Kopf ist nicht mehr ganz frei, aber so viel begreift er doch noch, daß er sich in einer scheußlichen Umgebung befindet. Die Bauern haben kleine, ekelhaft verschwommene Augen bekommen; ihre rohen Gesichter glänzen wie Speck. Sie erzählen gemeine Witze. Hipp lacht und spielt sich als großen Herrn auf.
Plötzlich springt Hiller in die Höhe. „Ich gehe!“ sagt er mit einer Bestimmtheit, gegen die Hipp sich nicht mehr aufzulehnen vermag. Die Bauern bieten gegen entsprechende Vergütung ihre Begleitung an, und man muß sie annehmen, weil man sich allein doch nicht zurechtfinden würde. Jeder nimmt eine fahnengeschmückte Lanze in den Arm, und schwankend treten sie in die Nachtluft hinaus.
Hiller trottet ein paar Schritte hinter den anderen her. Er ist in einem scheußlichen Zustand. Es ist ihm nicht ganz klar vor Augen, und doch ist eine Stimme in ihm wach, die immer dasselbe sagt: ‚Pfui Teufel — pfui Teufel!‘ Sein Blut lehnt sich auf gegen die Gemeinschaft mit solchen Menschen. Die schmutzigen Witze, über die Hipp gelacht hat, haben ihn aufs tiefste verletzt. ‚Pfui Teufel — pfui Teufel!‘ Hier in der Wirtsstube haben sie gesessen und um Geld gespielt, und haben sich von gemeinen Bauernschädeln auf gemeine Weise unterhalten lassen, und draußen in der Welt fließen Ströme von Blut; draußen in der Welt spielt sich die größte Tragödie, die je in einer Zeit gewesen ist, ab. „Katzenjammer!“ sagt Hipp und lacht. „Mensch, du bist der unheilbarste Esel, den ich je gesehen habe!“
Sie gehen drei volle Stunden; ganz leise wird die Dunkelheit zur Dämmerung, als sie die kleine Stadt erreichen. Die Bauern lassen sich ablohnen und überreichen die Lanzen.
Die Kasernentore standen schon offen, als Hipp und Hiller antreten. Sie eilen zum Stall und finden die ausgerückten Pferde auf ihrem Platz stehen. Hipp haut dem seinen einen tüchtigen Riemenschlag übers Hinterteil. „Kanaille!“ Dann laufen sie in den Waschsaal, kühlen sich die erhitzten Gesichter und sind pünktlich mit allen anderen zum Stalldienst zur Stelle.
Der Wachtmeister würdigt sie keines Wortes, behandelt sie aber während des ganzen, langen Reitunterrichtes nicht gerade besonders sanft.
Hillers Kopf bleibt benommen; erst am Abend wird ihm wohler. Hipp steht im Stall neben ihm und erzählt Geschichten von kleinen Mädchen. Hiller tut teilnahmslos, und Hipp nennt ihn wieder: „Esel!“
Am späteren Abend in der Kantine erst findet er seinen Frohsinn wieder. Der Wachtmeister hat ihn angeredet und ist weich geworden. „Nimm dir das nicht zu Herzen!“ sagt er väterlich. „Jedem kann natürlich mal sein Gaul durchgehen. Im übrigen macht sich die Sache mit dir!“ Da wird er ganz froh, fast ausgelassen und läßt trotz der Ebbe in seiner Börse eine Runde auffahren.
Die Wochen vergehen; der Oktober ist gekommen. Die Zeit der wilden Stürme ist da. Sie brausen übers märkische Land; sie heulen und klagen über die weiten Ebenen dahin. Eine wilde, schwere Nacht hat in der altmärkischen Stadt furchtbare Verwüstungen angerichtet. Am Flußweg sind zwei große Pappeln ums Leben gebracht. Wie Tote liegen sie lang über den Weg ausgestreckt. Ein Baugerüst ist umgefallen und hat einen unter sich begraben, und in jeder Promenade liegen ein paar gefällte Bäume und ausgerissene Sträucher. Noch ein paar andere Menschen sind zu Schaden gekommen. Einer Frau ist die Schulter gequetscht worden, und die ganze Stadt ist voll von dem Unglück dieser einzelnen. Ein Trunkener, der unter einem Baum gelagert hat, hat ein Auge eingebüßt. Auch sein Schicksal erregt Mitleid. Ein Landstürmer sagt wütend: „Wenn unsereins draußen zu Haufen niedergeschossen wird, dann ist das nichts Besonderes. Aber hier flennt man um ein altes Weib und einen Trunkenbold!“
Da der Oktober so schwer und wild einsetzt, prophezeien die Leute einen furchtbaren Winter. Die Leute müssen was zu schwatzen haben; sie müssen sich vor etwas gruseln machen. Die Ereignisse schreiten jetzt langsamer voran. Nach dem raschen Siegeszug durchs belgische Land ist ein Stillstand eingetreten. Großes soll sich vorbereiten! flüstert man. Eine Schlacht, wie sie die Weltgeschichte noch nicht gesehen, soll geschlagen werden in nächster, allernächster Zeit.
Die jungen Freiwilligen in der Kaserne werden von Ungeduld verzehrt. Warum hält man sie noch? Die Infanterie ist schon in Scharen hinausgezogen; sie aber hält man fest und drillt und drillt. Sie kennen doch nun wirklich alles, was sie zu kennen brauchen. Auf ihren Pferden sitzen sie so sicher wie auf einem Stuhl; das Lanzenbohren, das sie an Strohpuppen gelernt haben, ist ein Kinderspiel. Nun fiebern sie, an den Feind zu kommen.
Aber es ist noch gar und gar keine Aussicht fürs baldige Ausrücken da. Nicht mal die feldgraue Uniform haben sie erhalten.
Einer von den alten Leuten, der hier Garnisondienst tut, hat gesagt: „Paßt mal auf, Weihnachten sitzt ihr auch noch hier! In diesem Krieg braucht man die Kavallerie kaum noch. Was früher der Kavallerist erkunden mußte, tut heute der Flieger, und außerdem hat man Autos und Räder!“
Das klingt so begreiflich; das ist ihnen in die Knochen gefahren! Herrgott, wenn man sie nun überhaupt nicht brauchte. Wenn man sie eines Tages nach Hause schickte: ‚Deutschland hat genug Kämpfer! Es bedarf eurer nicht!‘
Es ist eine Flauheit in die Stimmung gekommen. Man wartet allenthalben auf etwas Großes, etwas Unerhörtes. Die Pfarrer predigen von der Kanzel herab: Geduld — Geduld und wieder Geduld. — —
Ach, man merkt erst jetzt so recht den Krieg. Damals, vor zweieinhalb Monaten, als er begann — mitten im Sommer, damals, als es so toll und rasend schnell ging —, da war der Krieg ein einziger Jubel — ein einziger Triumph! Nun aber, da die Blätter fallen, da die Nächte kalt und rauh werden — nun, da die Natur ihre Schönheit abwirft, und der Winter wie ein böser, dunkler Geist vor der Tür steht, nun lassen die Schwachen, die Armseligen ihre Köpfe hängen und beginnen zu klagen und zu jammern: Warum machen sie nicht vorwärts? Warum schlägt man sich nicht? Wozu das Herumliegen in den Schützengräben?
In der altmärkischen Garnison werden draußen im freien Feld, dicht an den Exerzierplätzen, Stacheldrähte gezogen. Kolossale Flächen werden eingefaßt. Die Leute fragen und erkunden: Warum? Wozu? Erst ist es ein Geheimnis — aber dann geht’s von Mund zu Mund: Russen kommen hierher; Tausende von gefangenen Russen und Kosaken sollen hierhergebracht werden. Die Leute erschrecken: Herrgott, Tausende von Russen so nahe bei der Stadt! Die Frauen, deren Männer und Söhne ausgezogen sind, erzittern.
Wenn die nun in der Nacht ausbrechen und über die wehrlosen Leute in der Stadt herfallen? Gott, o Gott, was man nicht alles erleben muß! Es vergeht eine Woche und noch eine. Die Stachelverhaue sind längst fertig, noch nicht ein einziger Russe wohnt darin. Dann war es wohl doch nur ein Märchen — und die Herzen beruhigen sich wieder.
Frau Hiller wohnt noch immer im kleinen Städtchen; sie ist wie festgebannt hier. Sie will nicht schwach werden und ist es doch. Sie fürchtet sich so namenlos vor der Einsamkeit in ihrer kleinen Wohnung in Berlin. Hier, in den zwei Zimmern bei der Wachtmeisterswitwe, ist ihr Herz ruhiger; von hier aus sieht sie das Leben ihres Jungen sich abspielen. Sie will ihn nicht stören und in nichts beschränken, das hat sie ihm versprochen. Er soll gar nicht denken, daß sie hier ist. Nur wenn ihn die Sehnsucht einmal treibt, soll er zu ihr kommen. Der kleine Husar ist erstaunt, er begreift gar nicht, warum seine Mutter sich hier wohlfühlt, da sie es in Berlin doch so viel eleganter und abwechslungsreicher hat.
Er selbst kann ihr ja wirklich nichts sein. Der Dienst ist stramm, und man sieht es nicht gern, wenn sie viel außerhalb der Kaserne sind. Aber wenn sie es absolut will, so ist es ihm natürlich recht — sogar sehr recht, denn oft freut er sich auf eine Stunde des Alleinseins mit ihr. Sie darf dann nur nicht traurig aussehen, das verträgt er nicht.
In Berlin sind die Frauen rastlos tätig in der Pflege und in unzähligen Vereinen für Wohltätigkeit. Ein jeder will sein Scherflein beitragen. Der Andrang ist so groß, daß gehemmt werden muß. In den Zeitungen wird gemahnt, der große Eifer solle eingedämmt werden. Auch Frau Hiller sehnt sich nach einer Arbeit, die sie ausfüllt, die ihre Gedanken ablenkt vom eigenen Schmerz. Kein Mensch in der Welt hat in dieser Zeit das Recht, an den eigenen Kummer zu denken. Alles, was im gewöhnlichen Leben selbstverständlich und gut und berechtigt ist, wird klein und zwecklos und unbedeutend durch den Krieg. Jeder Schmerz, der im Herzen des einen wohnt, lebt im Herzen von Tausenden und aber Tausenden. Wenn jeder ihm nachgeben wollte, so wäre es drin in der Heimat, für die gekämpft wird, schlimmer und trostloser als draußen auf dem Schlachtfelde. Aber der Schmerz ist wie ein Pilz; jede Nacht wuchert er von neuem in die Höhe; jeden Morgen muß er von neuem ausgerissen werden aus dem armen, bangen Herzen.
Hier, in der kleinen Altmärker Garnison, kann sie sich am allgemeinen Wohltätigkeitswerk nicht beteiligen. Verwundete sind noch nicht da, und wenn sie eines Tages eintreffen, werden mehr Hände da sein, als gebraucht werden können.
Das einzige, was sie hier tun kann, ist das, was jetzt alle Welt tut. Sie strickt für die, die draußen im Felde sind, und für die, die erst hinausziehen. Die Wachtmeistersfrau hat es ihr wieder beibringen müssen, wie ein Strumpf gestrickt wird. Sie hat dabei an die Kinderjahre denken müssen — an die tote Mutter und das ganze, längst versunkene Jugendland.
So ein Zurückschauen ist schön und traurig zugleich. Welche Fülle von Leid ohne eigentliche Ursache! Und so wie ein Schmerz überwunden ist, begreift man nicht mehr, daß man so namenlos darunter leiden konnte. Jedes überwundene Leid hat seinen Glorienschein; man möchte es nicht missen. Aber jedes neue erscheint unerträglich — unfaßbar! Das Kreuz, das man zu tragen hat, wird schwerer, je weiter der Weg geht.
Man sagt: Die Jugend hat die größte Leidensfähigkeit. Aber dafür hat die Jugend auch die größte Elastizität. Und überhaupt: Wo hört die Jugend auf, und wo fängt das Alter an? Gibt es eine Regel dafür? Der eine fühlt sich mit dreißig alt, der andere ist mit fünfzig jung. Die Großmutter ist zweiundsiebzig Jahre alt und hat noch das junge, lebendige Herz! Aber nie hat Frau Hiller so sehr gewünscht, sich alt und ruhig zu fühlen, als jetzt in dieser großen Zeit, in der die Jugend vor dem Alter zu Grabe getragen wird.
In den vergangenen Wochen, als die Luft noch mild war, als der Regen noch nicht so unablässig fiel und alle Wege grundlos machte, ist sie oft stundenlang durch die angrenzenden Dörfer und Felder gewandert. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Man kann es kaum wagen, durch eine der Promenaden in die Stadt zu gehen, und ist dann froh, wenn man wieder im Warmen sitzt. Kein Mensch ahnt wie lang die Tage sich dehnen; kein Mensch ahnt, was für Leidenswege ein armes Herz an solch langen Tagen zurücklegt.
Oft flieht sie zu den Wachtmeistersleuten in die Küche. Da ist es immer traulich, da hört man immer etwas Neues. Die alte Frau sitzt an der Maschine und näht bunte Hemden fürs Rote Kreuz. Das ist Heimarbeit und wird schlecht bezahlt. Aber man tut es gern. Fräulein Else näht Knopflöcher, oder sie steht am Plättbrett und plättet. Dabei singt sie. Sie hat eine hübsche, sympathische Stimme und, was die Hauptsache ist, sie hat echtes Gefühl.
Wenn sie singt, wird man von einer guten, wohltuenden Traulichkeit ergriffen, denn sie singt natürlich mit Vorliebe wehmütige Lieder vom Scheiden und Sterben und Verlassensein.
Wäre sie eine Tochter aus vermögendem Hause, so wäre wahrscheinlich an diese warme, angenehme Stimme etwas gewandt worden, und sie würde kunstvoll singen. So aber ist sie wie der Vogel im Wald, der sein Lied singt, wie es ihm gegeben ist. Und das ist das Wohltuende an ihrem Gesang.
Daß diese Menschen, die alte Frau sowohl wie die Tochter, keine Damen sind, daß sie ganz wundervoll einfach sind, das zieht Frau Hiller so mächtig zu ihnen hin. Die beiden Frauen bringen es fertig, sie für Stunden ganz gesund, ganz froh zu machen.
Im Anfang hat sie nur gewagt, hin und wieder eine halbe Stunde auf dem großen, rotbraunen Sofa in der Küche zu sitzen. Sie wollte nicht stören; sie glaubte, man lege sich ihretwegen irgendeinen Zwang auf. Und sie hat wohl auch das törichte Gefühl gehabt, sich herabzulassen, wenn sie bei den Leuten in der Küche säße. Genau wie ihr Junge mag sie gefühlt haben, der es im Anfang nicht begreifen konnte, daß er sich hier mit den Jungen aus dem Volk, mit den Bauernsöhnen und Handwerkern eins fühlen sollte. Wie schnell hat er seine Vorurteile über Bord geworfen, wie schnell ist ihm alles klein und lächerlich erschienen, was ihm angeboren, anerzogen war. Heute sind alle Menschen einander gleich, ein jeder von den wehrfähigen Männern hat denselben Wert fürs Vaterland — ein jeder von ihnen will sein Blut geben, und eine jede Frau, ob aus hohem Stand oder aus einfachem, zittert und leidet um dasselbe.
Um fünf Uhr, zur Kaffeezeit, liegt das altmärkische ‚Intelligenz- und Leseblatt‘ in der gemütlichen Küche der Wachtmeisterswitwe, und um fünf Uhr steht auch die große Kaffeekanne auf dem geblümten Tischtuch, und Frau Hiller sitzt auf dem Sofa, neben ihr die alte Frau, und auf dem Stuhl ihr gegenüber Fräulein Else. Das altmärkische ‚Intelligenzblatt‘ bringt gewöhnlich dasselbe, was schon am Morgen in einer Berliner Zeitung gestanden hat. Die offiziellen Nachrichten sind genau die gleichen. Aber das, was so ein Provinzblatt sonst noch bringt, ist ihr neu und scheint ihr eigentümlich. Sie liest den beiden Frauen vor, die, bis die Dunkelheit völlig einbricht, ihre Arbeit wieder aufnehmen. Die Herdtür steht offen, die Kohlen glühen und werfen den roten Schein auf den Boden. Wenn die Wachtmeistersfrau zum Nähen nicht mehr genug sehen kann, strickt sie im Dunkeln an einem Strumpf, und Fräulein Else plättet, ohne das, was sie plättet, noch erkennen zu können. Das Petroleum ist knapp geworden; man darf die Lampen erst anzünden, wenn man die Hand vor den Augen nicht mehr sehen kann.
Der Mangel an Petroleum ist unangenehm, aber er ist doch nichts eigentlich Schlimmes, worunter man wirklich leidet. Doch genügt diese erste Einschränkung, die dem Land auferlegt wird, um den Krieg auch denen, die noch in Sicherheit, ohne jegliche Entbehrung dahinleben, ein wenig näherzurücken.
Im Nachbarhaus haben sie davon gesprochen, das Mehl könne ausgehen; wenn der Krieg bis Weihnachten nicht zu Ende sei, habe man kein Brot mehr. Im Nachbarhaus wohnen Schwarzseher, das ist bekannt. Aber dennoch! Fast jeder Krieg führt Hunger und Krankheit im Gefolge. Wer weiß, was noch kommen wird! Wer weiß, wie der einzelne dastehen wird, wenn dieses furchtbare Ringen zwischen den Völkern einmal vorüber ist!
Die drei Frauen in der warmen, dunklen Küche haben oft das niederdrückende Gefühl, daß sie sich das Leben zu leicht und bequem machen. Man heizt die Öfen und ißt sich satt — genau wie in Friedenszeiten. Man singt und erzählt sich Geschichten, und draußen frieren und hungern und bluten sie. Gewiß, man näht, man strickt; aber man möchte mehr tun!
Man möchte, möchte! Aber wo soll man angreifen?
Einmal kommt ein junger Arzt zur Wachtmeisterswitwe in die Küche und trinkt den Kaffee mit den drei Frauen. Er erzählt von einem Verwundetentransport, der in den nächsten Tagen eintreffen soll. Die Lazarette stehen zum Empfang bereit; hilfreiche Hände sind zwanzigfach mehr, als Bedarf ist, zur Stelle. Das ist entmutigend. Frau Hiller hat früher den Samariterkurs durchgemacht. O, wenn sie helfen könnte! Nicht im großen Berlin, wo so unzählige auf ihre Berufung warten! Aber hier, im kleinen Altmärker Städtchen, hier, wo ihr Junge lebt, wo sie das gute Heim gefunden hat.
Sie weiß genau: Sobald sie großes, wirkliches Unglück sieht, wird das Leid des eigenen Herzens überwunden sein! Aber der Arzt bleibt dabei: An Ärzten ist Mangel, an Pflegerinnen Überfluß. Die Wachtmeistersfrau seufzt: „Es müßte einmal einen Frauenkrieg geben!“ und lächelt dabei; aber sie rührt in Frau Hillers Herzen an eine wehe Stelle. Es leben so viele, die überflüssig sind, und es leben so viele, die jede Stunde gern bereit wären, den großen Weg ins Nichts zu gehen. Draußen lassen die Besten des Volkes ihr Leben, und im Lande, für das gekämpft wird, leiden und stöhnen Tausende von Überzähligen weiter.
Oben die Trompetersfrau hat seit drei Tagen ein kleines Mädchen; die Geburt hat ihr fast das Leben gekostet. Ach, wäre es zu Ende gegangen mit ihr, bevor das Kind die Augen aufschlug! Nun liegt sie bleich und müd’ und fragt nach ihrem Mann. Wer wird den Mut haben, ihr die grausige Wahrheit zu sagen? Wer wird es über sich bringen, ihr zu sagen: ‚Du bist Witwe und dein kleines Mädchen war Waise, noch ehe es geboren war!‘ —
Aber ein Unglück überholt das andere. Auch hier im Altmärker Städtchen. Allein in den paar Häusern, die hier auf einem Block zusammen stehen, ist Trauer und bitterer Schmerz in eine ganze Reihe von Familien eingezogen. Eine junge Braut harrt Woche um Woche auf eine Nachricht von dem, der in der Zeitung unter den ‚Vermißten‘ stand. Die Ärmste, die mit ihren Gedanken in der weiten Welt herumirren muß, die von einer Möglichkeit zu anderen tastet, die heute hofft und morgen in die tiefste Verzweiflung sinkt, sie hat Schlimmeres durchzufechten als die, der eine bittere, furchtbare Tatsache mitgeteilt wird.
Frau Hillers Mitleid aber gehört der Frau des Trompeters. Das Schlafzimmer der Wöchnerin liegt über dem ihren. In der Nacht hört sie das kleine Geschöpfchen schreien. Lange hat sie kein kleines Kind schreien hören; lange ist es her, seit sie bei einer jungen Mutter geweilt hat. Wenn sie in der Nacht nicht schlafen kann, hat sie den Wunsch, oben im Zimmer bei der armen Frau und dem neugeborenen Kind sein zu dürfen. Eine alte Person aus des Trompeters Verwandtschaft ist zur Pflege da. Sie schlurft durch die Zimmer, und man hat das Gefühl, das ihr die Pflege vielleicht zu viel wird, daß sie oft verdrossen ist.
Jede Nacht träumt Frau Hiller, daß sie das Kind im Arm hält und am Bett der Mutter sitzt. Es wäre etwas so Einfaches und Natürliches, daß sie hinaufginge und ihre Hilfe anböte. Aber jeden Morgen ist sie verzagt und weiß nicht, wie sie eine Verbindung finden soll.
Die junge Wöchnerin kann sich nicht erholen. In den Fluren des Hauses stehen die Frauen und reden und reden. Die Ärmste fragt unablässig nach ihrem Mann. Warum schreibt er nicht? Das geht doch nicht mit natürlichen Dingen zu, daß er nicht schreibt!
Die Qual des Wartens reibt sie auf; auch das Kindchen leidet unter der Pein der Mutter. Die Frauen aus dem Haus sind jetzt übereingekommen, daß man ihr die Augen öffnen muß. Ewig kann man sie nicht in der Lüge erhalten, und wenn sie erst auf ist, kann sie es durch irgendeinen Zufall erfahren. Aber wer fühlt sich berufen, die Nachricht zu überbringen?
Die Wachtmeistersfrau sieht eines Tages Frau Hiller mit forschenden Augen an, dann sagt sie: „Am besten ist’s, eine ganz Fremde geht zu ihr! Alle im Haus haben Angst, es ihr zu sagen!“ Und die Augen der alten Frau sprechen eine Bitte aus: ‚Wollen Sie es übernehmen‘?
Man sieht ihr neugierig nach, als sie die Treppe hinaufgeht. Es ist Krieg — ist Ausnahmezustand: warum soll da nicht die fremde Frau zu der armen Witwe gehen und ihr das Traurige melden? Die wird am ersten die richtigen Worte finden.
Ach, aber Frau Hillers Träume hatten sie doch wohl irregeführt. Sie hat sich gedacht, gleich eine Verbindung von Herz zu Herz zu finden; doch wie sie oben im halbdunklen Schlafzimmer steht, kommt es wie Verzagtheit über sie. Die blasse Frau im Bett fühlt sich verlegen und beginnt, sich wegen der Einfachheit, in der sie lebt, zu entschuldigen. Das Kind schreit, und die alte Pflegerin steht in der Mitte vom Raum und macht keine Miene, zu gehen.
Frau Hiller hat ein paar Leckerbissen und Blumen mitgebracht; sie gibt es der Kranken, und die dankt mit viel zu viel Worten. Die Pflegerin fragt, ob sie der gnädigen Frau Kaffee bringen dürfe, und weicht nicht von der Stelle. Frau Hiller rückt sich einen Stuhl neben das Bett und fragt nach allerlei Dingen. Sie hofft, die Kranke müsse von dem, was sie bewegt, sprechen. Aber das tut sie nicht, denn sie spricht nur vom Krieg im allgemeinen, von der Verwirrung im ganzen Städtchen, von den Umzügen, von dem Alarm drüben in der Kaserne in den ersten Tagen. Die arme Frau glaubt, ihren Gast unterhalten zu müssen; es hat etwas Erschütterndes, wie sie darauf bedacht ist, über den eigenen Kummer zu schweigen.
Die Pflegerin beugt sich über die Kranke und flüstert ihr etwas ins Ohr. Das Kindchen muß Nahrung haben, und man sieht den Besuch ängstlich fragend an.
Frau Hiller nimmt das Kind aus dem Arm der alten Frau und legt es an die Brust der Mutter. Nun sind sie sich um vieles nähergerückt. Die Frau lächelt sie dankbar an, und wie sie nun in den Kissen liegt, sieht Frau Hiller erst, wie jung und lieblich dies Gesicht ist. Große, ausdrucksvolle, dunkle Augen hat sie, und einen schönen, vollen Mund.
Die Pflegerin muß zu Einkäufen in die Stadt fahren. Soll sie warten, bis das Kleine gestillt ist, oder wird die Dame noch eine kleine Stunde bleiben? Frau Hiller ist glücklich, daß sie bleiben darf. Sie sieht, wie das feine Mündchen des Kindes sich in die Brust der Mutter eingräbt; sie fährt mit der Hand über das weiche Köpfchen. So hat sie einst ihren Ernst gehalten; so wie dies ganz kleine Kindchen hier zur Mutter gehört, hat ihr Junge einst ihr gehört! Unausdenkbar, daß man so eins war, daß so ein Kindchen einmal nichts anderes als ein Stück von der Mutter war. Weh wird ihr ums Herz, als sie dies stille, traurige Glück sieht.
Das Kindchen schläft ein; das Mündchen läßt die Brust fahren, und Frau Hiller trägt das kleine Geschöpf zu seinem Korb zurück. Die Frau bleibt wie erschöpft in den Kissen liegen; sie wirkt wie ein Bild, von einem alten Maler gemalt. Solch ein tiefes Leiden in den zarten Zügen! Frau Hiller nimmt eine der blassen Hände in die ihren. Ihr ist’s, als sei diese Frau ihre Schwester, als gehöre sie ganz eng zu ihr. Ihr Herz ist von überquellender Liebe, voll tiefem, tiefstem Mitleiden.
Aus ihrer Hand geht der Strom heißen Fühlens ins Herz der anderen über. Sie hat jetzt vergessen, daß die Frau, die an ihrem Bett sitzt, eine Fremde ist. Der matten Hand tut der warme Druck wohl. Die Seele wird weich und mitteilsam. Und sie macht der, die zu ihr gekommen ist, ihr das Bittere mitzuteilen, ihr Amt leicht.
„Wenn man weiß, daß einer tot ist, daß es nichts mehr zu hoffen gibt, dann kommt wenigstens Ruhe in den Kopf!“ klagt sie. Frau Hillers Hand umschließt die der Kranken fester. Ihr Herz ist erregt, es schlägt so laut, daß es ihr ist, als müßte man den lauten Schlag im Zimmer hören.
„Jede Nacht höre ich ihn rufen! Jede Nacht sehe ich ihn irgendwo liegen und höre ihn stöhnen!“
Sie wendet das Gesicht zur Seite, die matte Hand zuckt in Frau Hillers Händen.
„So viele von uns müssen jetzt dasselbe leiden!“ kommt es zaghaft aus deren Mund.
Das ist immer ein matter Trost; weiß sie doch von sich selbst, daß ein Schmerz nicht weniger bitter wird, wenn man sich sagt, daß viele dasselbe zu leiden haben.
Die Frau im Bett richtet sich auf. Ihr Gesicht hat sich verändert; die Augen starren in eine Ecke, um den Mund liegt ein harten Zug. „Ich habe alles verloren, seit ich nicht mehr weiß, wo er ist! Ich kann nicht mehr beten — ich kann mich nicht an dem Kind freuen. Ich weiß nur eines: wenn ich nicht bald Gewißheit habe, verliere ich den Verstand, und ehe ich den Verstand verliere, mache ich ein Ende — auch mit dem armen Wurm da!“
Wie sie das vor sich hinspricht — ohne Bewegung im Gesicht — ohne Ton in der Stimme, fühlt Frau Hiller, daß dies arme Weib wirklich am Ende seiner Kraft ist, fühlt, daß dieser Kopf nicht viel mehr ertragen wird. Sie drückt den noch schwachen Körper in die Kissen zurück. Sie beugt sich so dicht zum Gesicht der jungen Mutter, daß sie es fast mit dem ihren berührt.