Front matter (continued 2)
Reading edition
Die drei, die heute noch freie Leute waren, fühlten sich ein wenig beklommen. Heute noch ging kein Mensch in der Welt sie was an; heute konnten sie ruhig hier in nächster Nähe des Obersten sitzen, ihre Mahlzeit verzehren und ihren Wein trinken, konnten lachen und sich unterhalten, wie es ihnen beliebte. In ein paar Tagen aber, wenn sie Glück hatten, wenn sie angenommen wurden, waren diese hier ihre Vorgesetzten, und sie würden sich wahrscheinlich wie die anderen Husaren ihren Platz in gemessener Entfernung suchen.
Aber es war merkwürdig, auch jetzt fühlten sie sich schon gar nicht mehr ganz frei. Irgendwas lag wie ein leiser Druck auf ihnen. Sie sprachen mit gedämpfter Stimme und sprachen nur über Dinge, die jeder hören durfte. Eine Vorahnung kam in sie. Diese beiden Herren hier in der graugelben Husarenuniform waren vielleicht die, die morgen über sie zu entscheiden hatten, und Ernst Hiller senkte den Kopf und ward blutrot, als er bemerkte, daß einer der Offiziere scharf nach ihrem Tisch hinübersah.
Der wußte natürlich längst, in welcher Eigenschaft sie in diese kleine Stadt und in dieses Hotel gekommen waren: ‚Freiwillige.‘ Wie anders sollten drei junge Burschen den Weg hierher gefunden haben? Sie waren sehr bescheiden geworden, sie aßen nicht ganz mit dem harmlos glücklichen Appetit, mit denen sie die guten Dinge, die ihnen gereicht wurden, vielleicht auf neutralerem Boden verzehrt haben würden. Sie tranken auch den Wein nur in zaghaften Zügen, zahlten und gingen hinaus, um draußen in der dunklen Einfahrt einen Seufzer der Erleichterung auszustoßen.
Was nun? Erst neun Uhr! Da konnte man natürlich noch nicht zu Bett gehen.
Also sah man sich das Nest, in das man gekommen war, mal an. Und mit dem Hochmut der geborenen Großstadtmenschen schlenderten sie über den Marktplatz mit seinen altmodischen Bauten, durch enge Gäßchen mit niedrigen bunten Häusern, um bald in die Hauptstraße, in der noch reges Leben herrschte, zu gelangen.
Plakate und Extrablätter genau so wie in Berlin!
Lüttich war genommen. Die Bonner Husaren hatten sich ausgezeichnet! Das war etwas für sie! Das trieb ihnen das Blut in die Wangen!
Lüttich genommen! Wie das rasend schnell vorwärtsging! Vielleicht war in ein paar Wochen der ganze Krieg ausgefochten, und sie kamen überhaupt nicht mehr heraus. Ernst Hiller fühlte es wie Schmerz in sich aufsteigen. Die Straße zog sich lang und einförmig hin. „Verdammt langweilig, so ein Provinznest!“
Aber da drüben auf der anderen Seite stand an einem unansehnlichen Haus die Aufschrift: ‚Wiener Café‘, und durch große Fensterscheiben strahlte Licht. Also da hinein! Irgend etwas mußte man doch noch unternehmen!
Einen einzigen leeren Tisch noch gab’s im ganzen Lokal, und der stand etwas abseits in einer Ecke. Sie steuerten drauflos und fühlten sich hier sicherer als im Hotel, in nächster Nähe der zukünftigen Vorgesetzten.
Sie ließen Kaffee und Kuchen kommen; Kuchen mit Schlagsahne und einen Likör. Eine kleine Kapelle spielte Vaterlandslieder, und wenn die ‚Wacht am Rhein‘ oder ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ einsetzte, stand jeder von seinem Platz auf und sang mit. Es war heiß im Saal und die Luft vom Rauchen so dick, daß man auf zehn Schritte Entfernung niemandes Gesicht mehr unterscheiden konnte; aber es war schön. Das Blut geriet in Wallung — man fühlte die große, gewaltige Zeit, in der man lebte.
Die drei waren jetzt wieder ganz frei geworden.
Donnerwetter, ja, wenn man bedachte, daß die Schule jetzt für immer überwunden war! Überhaupt kein Zwang mehr! Noch ein paar Wochen Drill und dann heraus! Donnerwetter!
Ernst Hillers Gesicht leuchtete. Seit er hier in diesem verräucherten Lokal mit der lauten, hinreißenden Musik und den vielen begeisterten Menschen saß, seit er diese heißen, schönen Lieder im gewaltigen Chor erbrausen hörte, war er wieder ganz sicher geworden. Sie nahmen ihn selbstverständlich! Morgen oder übermorgen stak er in der graugrünen Uniform, und in ein paar Wochen stand er draußen im Felde.
Irgendwo knallten Sektpfropfen, und ein Kellner war an ihren Tisch getreten.
„Die Herren befehlen noch etwas?“ Und die drei sahen sich an, dachten an den blauen Schein, den sie in der Tasche trugen, einigten sich stumm und schnell; schon stand der Sektkübel vor ihnen und der Kellner drehte die Flasche mit kundiger Hand in den kleinen Eisstücken herum.
Spät war es, als sie in den ‚Schwan‘ zurückkehrten, und die Köpfe waren nicht ganz frei. Einer von ihnen behauptete, trotz des Zigarrendunstes einen Husarenoffizier ganz in der Nähe ihres Tisches gesehen zu haben.
Aber wenn auch — heut waren sie ja noch frei; heute hatte kein Mensch auf der ganzen Welt ihnen was zu sagen.
Und ausschlafen konnten sie auch! Für zwölf Uhr erst waren sie zur Untersuchung in die Kaserne befohlen.
„Also Punkt zehneinhalb Uhr zum Katerfrühstück im Eßsaal! Gute Nacht!“ Sie reichten sich die Hände und verschwanden in ihre Zimmer, warfen dann noch die Stiefel hinaus und klappten die Türe zu.
Von der strahlenden Augustsonne überflutet, liegen die roten Gebäude der Husarenkaserne da. Wenn man aus der inneren Stadt heraus durchs alte, ehrwürdige Tor kommt, muß man noch eine lange, mit netten Villen bebaute Straße hingehen, oder man kann auch direkt aus der Stadt in die Anlagen und von da über den schwarzen Husarenweg gehen, dann sieht man sie schon von weitem liegen, die lang sich hinziehenden, roten Fronten der noch neuen Kaserne. Ringsherum sind Felder — gegenüber ein Weg, der in ein Dorf führt, und geradeaus weiter eine Chaussee, deren Länge man nicht abzusehen vermag.
In Scharen trotten die jungen Leute um die Mittagszeit über die heißen Straßen der Kaserne zu. Vom schwarzen Husarenweg wirbeln die Staubwolken so hoch auf, daß sie in Mund und Nasen der Wandernden eindringen.
Immer Sonne, Sonne, Sonne! Seit vielen Tagen kein Tropfen Regen!
Das ist gut für die, die schon draußen im Felde stehen, und darum muß man dankbar für die große Reihe schöner, sonnenheller, trockener Tage sein, wie wohl auch ein Regenguß den Feldern wohltun würde.
Junge, aufgeregte Gesichter! Eifriges Reden! In manchen Augen etwas wie Angst!
Ernst Hiller hat sich beim Aufstehen nicht recht wohl gefühlt. Jetzt aber hat er rote Farben im Gesicht und klare Augen. Sie haben ordentlich gefrühstückt, ein richtiges, anständiges Katerfrühstück — dazu Südwein und einen kleinen Kognak. Das hat ihnen allen dreien wieder auf die Beine geholfen.
Aber das Herz zittert; das Herz schlägt in ganz schnellen, kurzen Schlägen. Die niederträchtige Angst ist wieder da.
Bang sieht er auf die große Schar, die alle denselben Weg gehen, den er mit seinen Freunden geht. Ob die sich alle als Freiwillige gemeldet haben?
Prüfend fliegt sein Blick über sie hin? Sind das nicht alles ganz abnorm große Gestalten, oder hat er ein falsches Augenmaß? Sie erscheinen ihm wie Riesen und sie scheinen ihm alle sehr selbstsicher und stolz dahinzugehen.
Er aber würgt wieder an seiner alten, scheußlichen Angst und kann ihrer nicht Herr werden.
Je näher die Kaserne kommt, um so langsamer gehen sie. Es ist noch so früh; sie werden eine halbe Stunde warten müssen. Man könnte eigentlich noch ein Stück die Chaussee hinuntergehen; es hat ja keinen Zweck, sich so lang’ in irgendeinem Winkel herumzudrücken. Aber die Sonne meint es sehr gut und man ist müde. Der Südwein hat zwar den Kater vertrieben, aber in den Beinen ist man schwach. Und wie man die Kaserne erreicht hat, macht man ganz von selbst halt und geht den Weg, den all die anderen gehen.
Der Posten der Kaserne läßt sich die Legitimation zeigen; man tritt durch das große Tor ein und hat im selben Augenblick ein merkwürdig zuckendes Gefühl im Herzen, so, als hätte man einen großen, schweren Abschied von irgend etwas genommen.
Dann stehen sie zwischen den Bäumen, die den inneren Kasernenhof einfassen. Kein Mensch kümmert sich um sie; sie stehen da, als seien sie nicht bestellt, sondern als ständen sie auf irgendeinem allgemeinen, gleichgültigen Platz, als gäbe es hier keine Mission für sie zu erfüllen.
Eine Stunde ist vergangen und eine zweite will auch vergehen. Aller Blicke sind auf die einzelnen Ausgänge der Gebäude, die hier in diesen Hof münden, gerichtet. Es muß doch irgend jemand kommen, der sich um sie kümmert.
Ernst Hiller steht an einen Baum gelehnt. Gemeinheit, daß er gestern Sekt getrunken hat! Nun fühlt er sich elend, und die Hitze benimmt ihm den Kopf. Weh ist ihm zumute! Er fühlt sich wirklich nicht wohl — hat Schmerzen im Hinterkopf und zittert mit den Beinen.
Da endlich!
„Stillgestanden!“ dröhnt es über den Platz, und die jungen Menschen, die noch gar keine Soldaten sind, stehen stramm wie die Rekruten da; es kommt Bewegung in die Sache.
Die Papiere werden ihnen abgenommen.
„Vorwärtstreten!“ Und sie gehen in Reihen — immer zwei zu zwei auf eines der Gebäude zu, in einen Flur hinein, bis ein „Halt!“ sie zum Stehen bringt.
Dann werden Namen verlesen, und immer drei zusammen werden in einen Raum eingelassen.
Es dauert eine geraume Weile, bis sie zurückkommen. Man möchte in ihren Gesichtern lesen — aber die sind von Stein, und sie gehen geradeaus an den noch Wartenden vorbei.
Wie da Minuten zu Ewigkeiten werden! Wie das Herz in immer kürzeren Stößen arbeitet und der Schweiß auf der Stirne perlt!
Wenn man nur wüßte, ob alle die, die aus der Tür zurückkommen, wirklich angenommen sind! Wenn man sie doch fragen könnte! Aber, obwohl kein Stillschweigen geboten ist, steht man doch stumm da, als wäre man in einer Kirche. Feierlich ist es — schwer und feierlich!
Doch wie es immer zu gehen pflegt, so auch bei Ernst Hiller. Ganz elend vom Warten fährt er staunend auf, als er plötzlich seinen Namen rufen hört — fühlt, wie sich seine Muskeln spannen, wie der Kopf frei wird und das Zittern in den Knien aufhört.
In dem Vorraum, in den sie getreten sind, müssen sie sich entkleiden, müssen alles von sich abwerfen und treten in das zweite Zimmer, in dem ein Arzt in Feldgrau und ein Schreiber sitzen.
„Sie heißen?“
„Hiller.“
„Abiturient? Alter? Schwere Krankheiten gehabt? Irgendwelche schwere Krankheit in der Familie?“
Lungen und Herz werden abgehorcht.
„Ein bißchen schnell der Herzschlag! Das ist wohl nur augenblickliche Erregung? Augen sind normal, ja? — Gut — angenommen!“
Wie ein Paukenschlag trifft ihn das Wort: „Angenommen!“ Einen Augenblick ist er wie geblendet — vergißt, daß er hier, wie Gott ihn geschaffen hat, vor den Herren steht und taumelt dann fast ins Vorzimmer zurück.
Er nimmt gar nicht teil am Ergehen seiner beiden Freunde, und als er ein paar Minuten später hört, daß einer von ihnen wegen zu starker Kurzsichtigkeit abgewiesen ist, ist er nicht fähig, das richtig in sich aufzunehmen.
Nur das eine weiß er: Er ist angenommen! Man braucht ihn! Er wird mit hinausreiten gegen Deutschlands Feinde. Und er muß seine ganze Kraft zusammennehmen, um nicht aufzuschluchzen, um die Tränen, die plötzlich so brennen, zurückzuhalten.
Nun geht er ebenso ernst und stumm wie die, die vor ihm aus der Stube herausgekommen sind, an den noch Wartenden vorüber; wohin, das weiß er nicht — er ist nur froh, als er draußen im Hof steht, wo ein leiser Sommerwind ihm um die heißen Schläfen streicht.
Um fünf Uhr sind sie frei — das Häuflein derer, die zur Kaserne gewallfahrtet waren, ist ein wenig zusammengeschmolzen, und doch ist’s noch eine stattliche Schar, der man das Wort ‚Angenommen!‘ zugerufen hat und deren Gesichter glänzen, deren Augen leuchten.
Sie haben ein paar Stunden Urlaub, um ihre Sachen zu holen. Das erste, was Ernst tut, ist, daß er ein Telegramm an die Mutter aufsetzt.
„Angenommen!“
Wie ein Jubelruf ist das! Was wird sie dazu sagen? Natürlich freut sie sich, muß sich freuen! Aber daß er gleich hierbleiben muß, nicht für einen einzigen Tag noch aus der Kaserne herausdarf, um ihr Lebewohl zu sagen, das wird ihr ein wenig hart sein.
Aber schadet nicht! Es geht ja allen Müttern so. Krieg ist Krieg, und man darf nicht weich werden.
Um sieben Uhr stehen sie alle zum ersten Appell versammelt im Kasernenhof. Die Befehle für den kommenden Tag werden verlesen:
„Viereinhalb Uhr aufstehen — Stube reinigen — fünf Uhr Einkleidung“ — weiter hört er nichts.
Sein Kopf ist wieder benommen — mechanisch folgt er dem Unteroffizier, der ihnen ihre Stuben anweist. Je fünfunddreißig Mann in einer Kammer. Eiserne Betten übereinander wie in Schiffskabinen. Strohsäcke und eine wollene Decke.
Was dann noch kommt, geht wie im Traum an ihm vorüber. Erregt ist er und müde.
Nur das eine kann er noch denken: ‚Nun hat sie das Telegramm!‘ Dreht sich noch mal auf seinem Strohsack um und schläft, ehe noch die große Lampe, die in der Mitte der Stube hängt, ausgelöscht ist — —
Ein glücklicher Schlaf, den der kleine Hiller schläft. Traumbilder ziehen an seiner Seele vorüber. Er trägt schon die Uniform des Regiments, auf dem Kopf den hohen Kolpak. Auf einem feurigen Roß sitzt er — — herrlich greift das Tier aus. Um ihn herum Kanonendonner — Kugelregen — blitzende Lanzen — gezogene Säbel. — Nichts ficht ihn an. — Für ihn gibt’s keine Kugel — — und alles um ihn herum staunte. Was will der? Mitten in den Feind rein — — und das Roß fliegt — die Erde schwindet unter ihm — — irgend etwas Unsichtbares trägt ihn — trägt ihn hoch, immer höher, bis in die Wolken hinein. —
Da — Trompetenklang — herrlich, wie er gen Himmel fährt — wie die Erde unter ihm versinkt — wie alles grau und fahl unter ihm wird, während er in überirdischen Glanz hineinreitet.
„Der Kerl schläft wie ein Murmeltier. He, du da, es hat zum drittenmal geblasen!“
Zwei stehen vor seinem Bett und rütteln ihn an der Schulter.
„Menschenkind, in zehn Minuten mußt du antreten!“
Erste Morgendämmerung fällt durchs Fenster in die kahle Stube.
Hiller reibt sich die Augen. Wo ist er?
„Raus, Mensch!“ Und da fährt er vom Strohsack auf — in die Kleider hinein — schnell in den Waschsaal. Gesicht und Hände gewaschen und hinunter in den Hof.
Sonntag ist es.
Wieder so ein Tag, der in Glanz und Glorie heraufzuziehen beginnt. In ihren Zivilkleidern stehen sie da — manche noch verschlafen, die Haare flüchtig gekämmt, die Krawatten in Eile umgeknotet, und warten. Fremd und ängstlich stehen sie da — wissen nicht, was sie tun sollen, und sind froh, als ein paar sogenannte ‚alte Leute‘ sich ihrer annehmen.
Die weisen ihnen den Weg zur Mannschaftskantine, wo sie sich Kaffee geben lassen können, dann warten sie wieder, bis endlich der große Augenblick kommt: Befehl zur Kleiderkammer.
„Vortreten!“ Wieder treten sie zwei zu zwei ein. „Arme ausstrecken!“ Und ein Rock wird an der Länge der Arme gemessen. Reithose ebenso — eine Mütze aufgestülpt! Fertig. Noch ein Hemd, eine Unterhose, ein Drillichanzug — eine schwarze Halsbinde. „Fertig! — Abtreten! — Die Nächsten!“
Die mit dem Packen auf dem Arm gehen zur Stiefelkammer und proben. Zwei Paar Stiefel pro Mann. Ein Paar hohe Reitstiefel und ein Paar braune Kommißstiefel. „Fertig, ab!“
Sonntag ist es — also noch kein richtiger Dienst. In ihre Stuben müssen sie zurück und das Zivil in den Koffer packen. Der Kammersergeant hält eine Rede über das Instandhalten der Sachen. Alle acht Tage Revision, und wehe, wenn nicht alles in Ordnung ist!
Wem das Zeug nicht paßt, der muß es sich passend machen.
Um zwölf Uhr Appell in voller Uniform.
Und die Haare herunter. Scheitel und Tollen gibt es nicht beim Militär.
Um zwölf Uhr steht eine ganz andere Gesellschaft unten im Hof. Graugelbe Husaren, in die fünfte Garnitur gekleidet. Ganz wenige, die schon etwas vom Soldaten an sich haben, die sich schon wohl fühlen. Ein ganzer Teil sieht aus wie Jungen, die zu Weihnachten eine Soldatenuniform erhalten haben. Aber gleichgültig! Mit dem Akt der Einkleidung ist es endgültig besiegelt. Sie sind angenommen! Sie haben ihren Platz gefunden, und in ein paar Wochen — schlimmstenfalls in zwei Monaten, geht’s hinaus in den herrlichen Kampf!
Ernst Hiller hat eine Uniform, die ihm um die Brust schlottert und im Rücken tiefe Falten schlägt. Der Kragen niedrig und viel zu weit — und die lederbesetzte Reithose hängt wie ein Rock um ihn. Er weiß das nicht — er fühlt das nicht! Er trägt des Königs Rock — er ist Soldat — angenommen — und mit dem Wort ‚Angenommen!‘ ist’s besiegelt worden, daß er ein gesunder Kerl ist, dem man was zutrauen kann.
Nun steht er mit glattgeschorenem Haar, die Mütze tief in die Stirn gezogen, bei den anderen — — — nun schlägt das Herz nicht mehr in zitternden Stößen.
Ruhe ist in ihm — Sicherheit ist über ihn gekommen — — nein — mehr — stolz ist er geworden, und die Brust dehnt sich — die Haltung verliert das Hilflose — Schlappe — —
Er ist wert befunden worden, des Königs Rock zu tragen — ist also nicht um einen Deut weniger als all die anderen, die mit ihm angenommen worden sind.
Nach dem Appell das Mittagessen — sie dürfen nicht aus der Kaserne heraus, weil am Nachmittag Besichtigung sein soll. Also Mannschaftsessen! Für fünfundachtzig Pfennige gibt’s einen Napf zu kaufen — Gabel und Löffel je zehn Pfennig — Messer tragen sie in der Tasche.
Durch die Mannschaftskantine gehen sie zur Küche, darin zwei riesige Kessel auf dem Herd stehen, und zwei Mann daneben. Jeder der Husaren tritt mit seinem Napf an.
Sonntag ist’s, da gibt’s Braten. Kräftiger Geruch steigt ihnen in die Nase. Jeder erhält von einem der beiden Küchenunteroffiziere drei Scheiben Fleisch, vom anderen ein paar Kellen Kartoffel und Tunke darüber, bis alles schwimmt.
Im Mannschaftszimmer sitzen sie auf den hölzernen Bänken an langen Tischen und leeren ihren Napf.
Für Ernst Hiller ist es ein bißchen reichlich, und es fällt ihm, wie manch anderem seinesgleichen, nicht ganz leicht, so aus dem Napf heraus zu essen. Aber keiner läßt etwas stehen. Nein, im Gegenteil, ein paar von ihnen treten zum zweitenmal den Weg zur Küche an und lassen sich eine zweite Portion verabreichen. Er ißt mit Todesverachtung. Es schmeckt wirklich gut — vielleicht ein wenig stärker gewürzt als bei Mutter, aber das schadet nichts!
Dann gehen sie, ihren geleerten Napf in der Hand, hinaus in den Hof und spülen ihn am Brunnen ab — haben dann ein paar Stunden für sich, und Ernst Hiller benutzt gleich die erste halbe Stunde, um einen begeisterten Brief an seine Mutter zu schreiben.
Der Himmel hängt ihm voller Geigen — — die Brust ist ihm geschwellt.
Wie ist die Welt so ganz anders für ihn geworden. Alles Dumpfe, Bange, das sonst seine Seele belastet hatte, verflogen! Die Schule überwunden — für immer! — Donnerwetter! Das kann man wirklich immer noch nicht fassen, daß dieser Lebensabschnitt tatsächlich überwunden sein soll!
Frei ist man, zieht in den Krieg und bleibt dann wahrscheinlich Offizier. Soldat ist der einzige Beruf, der wirklich Zweck hat! Das hat er auch schon der Mutter geschrieben und hat ihr einen ganz kleinen Vorwurf darüber, daß sie ihn von Kind auf zu sehr verpäppelt hat, nicht erspart.
Aber schadet nichts; sie hat’s gut gemeint! Es hat ihm eben der Vater gefehlt! Wenn er einen Vater gehabt hätte, wäre natürlich manches anders gewesen.
Aber das ist nun nicht zu ändern. Hauptsache, daß er trotz allem und allem angenommen worden ist, und sein Blick gleitet mit Stolz und mit Zärtlichkeit immer wieder über die verbrauchte, um seinen Körper herumhängende Uniform herab.
An diesem Tag tritt noch etwas Neues in sein Leben. Sie machen nähere Bekanntschaft mit den ‚alten Leuten‘. Das sind die, die im letzten Monat ihrer Dienstzeit sind und bald ausrücken werden.
Viele sind schon feldgrau, und sie machen sich über das Aussehen der Neueingestellten lustig und machen ihnen vor allem klar, daß sie sich selbstverständlich eine Extrauniform anschaffen müssen, denn so wie sie jetzt aussehen, können sie sich auf Urlaub in der Stadt nicht blicken lassen. Natürlich hat’s keinen Zweck, sich für die paar Wochen, die sie hier in der Kaserne sein werden, vom Schneider eine teure Uniform machen zu lassen. Das wäre Blödsinn. Aber ihnen, den alten Leuten, können sie ihre Gebrauchsuniform abkaufen — für ein Spottgeld.
Den Jungen leuchtet das ein. Die fünfte Garnitur, die man ihnen verabreicht hat, ist wirklich nichts weniger als schön. Es werden große Geschäfte gemacht. Die ‚alten Leute‘ haben im Handumdrehen heraus, wer von den Neueingestellten mit dem Nötigen in bar ausgestattet ist, und wissen, an der Eitelkeit zu packen.
Ernst Hiller hat längst durchblicken lassen, daß er nicht unerhebliche Mittel bei sich trägt. Es hat sich auch einer von den Gedienten gefunden, der eine ganz ähnliche Figur wie er selber hat, und nach einer knappen halben Stunde ist er im Besitz einer wirklich wie neu aussehenden Uniform. Ein Paar Stiefel, die von Lackleder sein sollen, und deren Ursprungspreis auf neunzig Mark angegeben wurde — denn sie rühren von einem Offizier her — gleiten ihm glatt über den hohen Spann, und eine anständige Mütze sitzt ihm vernünftig auf dem Kopf.
Für den ganzen Rummel hat er fünfundsechzig Mark gegeben — ein Spottpreis, wenn man berechnet, was das ‚neu‘ gekostet hätte, und ein Spottpreis, wenn man die strahlenden, seligen Augen des kleinen Hiller in Betracht zieht.
Er ist in einem Taumel von Glück und Begeisterung an diesem Tag.
Um fünf Uhr müssen sie in Reih’ und Glied stehen, und ein Wachtmeister mit donnernder Stimme hält ihnen einen Vortrag über militärischen Gehorsam:
„Die Zeiten sind hart, das Vaterland braucht seine Männer — — ein jeder hat also heute die doppelte und dreifache Pflicht, sich einzufügen und den Vorgesetzten die schwere Arbeit zu erleichtern.“
Dann die Verlesung des Dienstes für den nächsten Tag: halb fünf Uhr Wecken — fünf Uhr Stalldienst — halb acht Uhr Verteilung der Pferde — —
Weiter hörte Hiller nicht. Morgen wird er also vielleicht schon auf einem Gaul sitzen. Und er ist doch und doch ein Soldatenkind und hat Soldatenblut in sich — — und wenn ihn die ganze Welt zum Philosophen oder Professor verdammt hat! Er pfeift auf alle Wissenschaft und Gelehrsamkeit in der Welt!
Er ist Husar, er wird morgen auf einem Gaul sitzen, und in ein paar Wochen über Schlachtfelder reiten.
Er ist es nicht allein, der sich auf den ersten Ritt freut. All die, die wie er aus der Schule ins Soldatentum gesprungen sind, haben einen freudigen Ruck im Herzen gespürt, als es hieß: halb acht Uhr Reiten!
Der Sonntag geht glorreich zu Ende. Abends sitzen sie mit den alten Leuten in der Unteroffizierskantine, haben sich Butterbrote mit Würstchen und Kartoffelsalat geben lassen.
Ernst Hiller bezahlt für den, der ihm die Uniform so billig verkaufte, mit. Auch seine Freunde halten ein paar alte Leute frei. Sie sind ja Kameraden. Wer etwas hat, gibt, und wer nichts hat, läßt sich geben. Hiller schmeißt ein paar Runden Bier, und die alten Leute erzählen tausend Dinge, die für die Neuen wichtig und interessant sind.
Sie erfahren am ersten Abend von jedem einzelnen Vorgesetzten, wes Geistes Kind er ist und was man von ihm zu erwarten hat. Sie erhalten dann allerlei Winke. Auch hören sie zu ihrer Freude, daß sie gar nicht verpflichtet sind, Mannschaftsessen zu nehmen. Wer Geld hat, kann für eine Mark in der Unteroffizierskantine ein anständiges Mittagessen kriegen — er kann auch in ein Restaurant, das der Kaserne gegenüberliegt, gehen. — Überhaupt, wer den nötigen Mammon hat, kann sich die Sache prachtvoll deichseln. Geld ist die Hauptsache.
In Ernsts Augen kommt ein kleiner Schatten.
Gewiß, die Mutter wird ihm Geld geben — sie hat ihm gesagt, er solle sich nichts versagen. Und Großmutter läßt ihn auch nicht im Stich. Aber dennoch, ein ganz kleiner Schwindel überfällt ihn, als er daran denkt, wie seine Barschaft in diesen zwei Tagen zusammengeschmolzen ist. Von den hundertundzwanzig Mark keine dreißig mehr übrig — und er hatte geglaubt, mit hundertundzwanzig Mark wenigstens einen Monat durchzuhalten.
Es wird ihm schwer fallen, die Mutter schon in den nächsten Tagen um Geld zu bitten. Aber schließlich, es waren ja lauter besondere Ausgaben, die er jetzt hatte. Alles Ausgaben, die sich nicht wiederholen; und er weiß auch, daß die Mutter ihm gern gibt, was er braucht.
Der Schatten aus den Augen ist fort. Die Kameraden trinken ihm zu, Witze werden erzählt.
Draußen auf dem Hof hat jemand eine Flöte und bläst darauf, und in die Kantine hinein klingt das wehmütig-lustige Lied: ‚Was nützt mir denn ein schönes Mädchen, wenn andre mit spazierengehn?‘
Da setzen die, die den Text kennen, mit ein, und schließlich singt auch der kleine Hiller mit, singt mit derselben Begeisterung wie die anderen: „Was nützt mir denn ein schönes Mädchen?“ und weiß nicht warum, aber er denkt plötzlich an das Mädchen, das an jenem Kneipabend nach dem Abitur so dicht neben ihm gesessen und zu ihm gesagt hat: ‚Sag’ Hannchen zu mir!‘
Sie trinken und singen, und ihre Augen leuchten!
Wie herrlich ist die Welt — — — wie wunderbar, daß Deutschland im Kampf mit seinen Feinden liegt, daß Deutschland alles aufruft, was bereit ist, zu helfen — und daß sie mitdürfen — sie, die vor einer Woche noch bang und zweifelnd dem Leben gegenübergestanden haben.
Ernst Hiller fühlt ein Jauchzen in seiner Brust, das er kaum zu verschließen vermag. Jeden einzelnen, der ihm in den Weg kommt, hätte er umarmen mögen — — — der ‚alte Mann‘, der ihm die Kleider verkauft hat, hat einen guten Tag.
Da! Trompetensignale! Neun Uhr. — — In einer Viertelstunde müssen sie auf ihren Strohsäcken liegen. Ernst zahlt, trottet mit den anderen über den Hof, sucht seine Stube, und kaum hat er die wollene Decke über sich gezogen, ist er auch schon wieder mitten im festen Schlaf drin.
— — — — — — — — — — — — — — — — — —
Am nächsten Morgen beginnt der erste, stramme Dienst! Jetzt erst begreifen sie, was das heißt: aus dem Bett aufspringen und eine knappe halbe Stunde später unten im Stall sein.
Wer sich beim ersten Wecken noch einmal auf die Seite wirft und weiterschläft, der kann’s überhaupt nicht leisten.
Am besten ist: gleich beim ersten Trompetenstoß raus — in die Kleider fahren und rein in den Waschsaal. Man kann überhaupt noch von Glück sagen, daß es hier einen Waschsaal mit fließendem Wasser gibt. In Hunderten von Kasernen müssen sie herunter in den Hof an den Brunnen. Hier haben sie fließendes Wasser und können sich anständig waschen.
Dann den Strohsack aufrütteln und das Bett ordentlich zudecken — Stiefel reinigen — nein, das soll schon am Abend geschehen — Stube fegen, und wenn’s geht, noch einen Becher Kaffee erobern. Für Hiller sorgt an diesem ersten Morgen der ‚alte Mann‘, dem er die Uniform abgekauft hat.
Punkt fünf Uhr stehen sie im Hof. Ein Wachtmeister und zwei Unteroffiziere sind zur Stelle.
Eine kurze Instruktion. Sie alle zusammen bilden zwei Schwadronen; jede Schwadron wird in Beritte eingeteilt; zu einem Beritt gehören fünfzehn Mann, und jeder Beritt hat seinen besonderen Führer.
Die Namen werden aufgerufen — sie werden verteilt. Je fünfzehn finden sich zusammen — Einjährige und Gemeine — es ist alles gleich in dieser Zeit. Kriegsfreiwillige sind sie alle, und einen Unterschied gibt es jetzt nicht.
Und dann in den Stall hinein!
Draußen ist schon heller Tag, aber in den Ställen brennen noch die kleinen Öllaternen und verbreiten ein trübes Licht. Ein seltsamer Geruch schlägt ihnen entgegen, ein Geruch, geschwängert mit Ammoniak und dem aus den warmen Tierkörpern ausströmenden Dunst. Aber es ist ein Geruch, den man gern atmet, an den man sich im Augenblick gewöhnt. Jedes Pferd steht in seinem Verschlag, und an dem Pfosten, der je zwei Verschläge trennt, hängen Sattelzeug und Zaumzeug.
Die jungen Freiwilligen folgen ihrem Berittführer, der sie der Reihe nach zu den Pferden herantreten läßt und anfängt, zu erklären.
Bei der Kavallerie heißt es: erst das Pferd und dann der Mann! Das wird ihnen sehr eindringlich gemacht, wird mehrmals bei dieser ersten Bekanntschaft mit ihren Tieren wiederholt.
Dann wird ihnen gesagt, was ‚Putzen‘ heißt. Der Striegel wird ihnen vorgeführt, und einer, der schon gedient hat, muß ihnen zeigen, wie ein Pferd gestriegelt wird. Acht Strich auf jeder Seite und nach jedem Strich der Striegel ausgeklopft. Das gibt einen weißen Streifen auf dem Boden; ein Strich muß neben den andern gelegt werden. Man kann also genau kontrollieren, ob vorschriftsmäßig gestriegelt wird.
Jeder tritt dann vor den Verschlag, in dem das Pferd, das ihm angewiesen ist, steht, und hört mit brennendem Interesse zu. Das Sattel- und Zaumzeug wird ihnen erklärt; sie erfahren, wie der Sattel angelegt werden muß. Das ist alles sehr leicht zu fassen, und die Unteroffiziere haben entschieden eine einfachere Art, etwas begreiflich zu machen, als die Professoren des Gymnasiums.
Dann hören sie, wie eine Streu zu machen ist. Aus der alten Streu muß der Mist ausgeschüttet werden. Mit dem noch trockenen Stroh wird aufgeschüttet, frisches Stroh darübergeworfen, und dann wird ‚angerollt‘; denn das ist die Hauptsache bei einer guten Streu, daß in schnurgerader Linie das Stroh an den Seiten festgerollt wird.
„Verstanden?“
„Ja.“
Es wird ihnen noch das Anlegen des Zaumzeuges gezeigt, was sehr einfach erscheint. Viele von ihnen sind übrigens Burschen vom Land, die schon mit einem Pferd umzugehen verstehen.
Hiller steht neben einem frischen, etwas korpulenten Jungen. Gestern abend in der Kantine haben sie schon miteinander geredet, und da sie in derselben Stube schlafen, werden sie auch wohl Freunde werden. Der Dicke, dessen Name Hipp ist, der auch aus Berlin stammt und, wie Hiller, wundervoll glatt durch ein Notabitur gerutscht ist, hat noch ein ausgeprägtes Kindergesicht: blaue, sehr gutmütige Augen, eine kurze Nase und runde, rote Backen. Ihm würde niemand den Großstadtmenschen ansehen. Der Drillichanzug, der an Hillers leichter Gestalt herumschlottert, sitzt ihm fest und prall um den Körper; er stößt Hiller in die Seite, denn alles, was er hier hört und sieht, kommt ihm sehr lustig vor.
Das Pferd, an dem das Anlegen des Zaumzeuges gezeigt worden ist, wird wieder abgeschirrt — der Wachtmeister tritt einen Schritt vor, und das Kommando erschallt: „An die Pferde!“
Jeder geht in sein Abteil und begibt sich an die Streu. Der Wachtmeister schreitet auf und nieder, beobachtet, weist zurecht, tadelt, wenn es zu langsam geht; er scheint aber zufrieden. Beim Putzen greift er, wenn es nötig ist, selbst mit an, zeigt, wie der Striegel gefaßt werden muß, wie man sich neben das Tier zu stellen hat, und erklärt weiter, wie es sich gerade ergibt. Es ist ungewohnte Arbeit für die, die aus der Stadt kommen. Aber gerade das Ungewohnte mag sie reizen. Sie sind mit Feuereifer bei der Sache, sie wundern sich über sich selbst, daß man so selbstverständlich an einem Tier herumhantiert, daß man keine Angst hat, getreten zu werden, und daß alles, was sie hier zu tun haben, so prachtvoll und einfach und leicht ist.
Die Zeit fliegt hin, die Sonne steht schon längst am Himmel, als der Wachtmeister „Abtreten!“ kommandiert, und sie eilen in ihre Stuben, um den Drillich mit dem Reitanzug zu vertauschen.
Hillers Gedanken fliegen ab und zu einen Augenblick zu seiner Mutter hin. Was würde sie sagen, wenn sie ihn so sähe? Schade, daß er sie nicht einmal sprechen konnte, er ist gewohnt, ihr alles, was ihm begegnet, zu erzählen. Schreiben kann man das natürlich nicht alles — schade — — —
Aber zum Nachdenken ist keine Zeit. Sie fahren in die ledernen Reithosen — quälen sich in die ungewohnten, hohen Stiefel. Sie haben Eile, denn der Reitunterricht würde bis Mittag dauern, und man muß sehen, daß man noch einen Augenblick in die Kantine kann, um etwas zu frühstücken. Man hat hier andauernd ein Hungergefühl.
Hipp geht neben Hiller und erzählt, daß er noch keine Extrauniform gefunden habe, weil sie ihm alle zu eng seien. Er wird aber mal an seinen alten Herrn schreiben, ob der ihm eine ‚neue‘ zubilligt. Der alte Herr ist Fabrikant und kann etwas springen lassen, wird es auch totsicher tun.
„Seit der Krieg ausgebrochen ist, haben die Väter eine prachtvoll freigebige Art ihren Söhnen gegenüber. Deiner doch auch?“
„Ich habe keinen Vater mehr,“ sagt Hiller — sagt es aber ganz heiter, so daß Hipp nicht nötig hat, sein lustiges Gesicht zum Ernst zu zwingen.
Sie essen wieder Würstchen mit Kartoffelsalat, denn das ist am praktischsten, weil man es schnell herunterschlingen kann und wenigstens für einen Augenblick satt wird, wenn man sich zwei Paar geben läßt. Dann geht’s los.
Der Wachtmeister steht schon wieder vor dem Stall.
„Satteln!“ ertönt das Kommando. „Trense anlegen, Kandare fortbleiben!“
Sie greifen zum Zaumzeug und legen es an, so gut es gehen will.
Die Sonne glitzert lustig über den Reitplatz, als sie endlich, erhitzt und aufgeregt, ihr Pferd am Zügel, aus den Ställen heraustreten. Der Reitplatz ist ein gewaltiger, viereckiger Hof. Einige Beritte sind schon aus den Ställen heraus.
„Aufsitzen!“ schallt das Kommando. „Rechts und links am Zwiesel anfassen und aufschwingen!“
Die Zwiesel, die vorn und hinten am Sattel liegen, werden umspannt, ein mächtiger Schwung — und ein ganzer Teil von den Fünfzehn sitzt glücklich oben.
Andere aber strampeln mit den Beinen — rutschen mit dem Bauch in die Höhe und bekommen das Bein nicht hinüber.
Hiller ist nicht ganz korrekt heraufgekommen, aber er sitzt doch oben und weiß selbst nicht, wie das zugegangen ist. In diesen Augenblicken empfindet er nichts von dem großen Glück, von dem er geträumt hat, wenn er zuerst auf einem Gaul säße. Er möchte sich an irgend etwas festhalten — möchte dem Tier in die Mähne greifen, um Sicherheit zu haben — es ist ihm sehr unbehaglich zumute.
Und zehn Schritte von ihm entfernt steht der Berittführer mit dunkelrotem Kopf und schreit und brüllt, was das Zeug hält: „Kerls, wollt ihr ewig in der Luft rumangeln? Marsch rauf! Was, es will nicht gehen! Teufel noch mal! Du Mehlsack!“
Er ist an Hipp herangetreten, der nun als einziger noch vergeblich sucht, seinen wohlgenährten Körper auf das geduldig dastehende Tier zu schwingen.
Ein ‚alter Mann‘ hat ihnen gestern erzählt, daß es bei jedem Beritt einen Unglückswurm gibt, der die Sache nie begreifen lernt, der nie ohne Schwierigkeit auf sein Tier heraufkommen wird.
Hier in diesem Beritt ist der gute, dicke Hipp der Unglückswurm, denn er strampelt immer noch mit den Beinen, kommt ein Stück in die Höhe und rutscht wieder hinab.
Der Wachtmeister steht dicht bei ihm und brüllt:
„Kerl, sein Pferd ist doch keine Rutschbahn — du bist doch hier nicht auf einem Jahrmarkt — los — wirf doch das Bein über!“
Und wie es gar nicht gelingen will, packt der Wachtmeister mit wuchtigem Griff in die Reithose des Dicken hinein und schiebt ihn hinauf. Nun sitzt Hipp oben und hat ein viel vergnügteres Gesicht als die, die sich mit eigener Anstrengung heraufgebracht haben.
Die Sonne brennt lustig vom Himmel herab und verspricht einen heißen Tag, und der Wachtmeister, der sich beruhigt hat, steht vor ihnen und hält ihnen einen langen Vortrag über den richtigen Sitz, über Körperhaltung und die verschiedenen Gangarten der Pferde. Dann das Kommando: „Abstand!“ und der Spitzenreiter der schon ein halbes Jahr gedient hat, führt an — der Zug der anderen nach. Sie sitzen ängstlich, windschief und vorgebeugt auf ihren Tieren.
„Na, nu mal richtig los! Eskadron in langsamem Arbeitstempo — Te — — rab!“
Die Gäule gehen los; der schon erfahrene Spitzenreiter sitzt wundervoll gerade und korrekt da. Die anderen wackeln hinter ihm her. Aus vielen Gesichtern spricht die bleiche Angst — — die Hände greifen in die Mähnen — die Beine machen unsichere Bewegungen.
Hipp hängt auf einer Seite seines Gauls, er ist im Fallen begriffen — man sieht es deutlich, daß er sich nicht halten wird. Aber er fällt langsam. Glied für Glied rutscht hinab, und das lustige Gesicht hat einen Ausdruck leiser Verzweiflung; scheußlich, diese Ungewißheit, ob man im nächsten Augenblick wieder oben ist oder herunter muß.
Aber die Lage wird immer bedenklicher — der Körper rutscht mehr und mehr nach links — und da faßt Hipp einen kurzen Entschluß, läßt das Bein, das noch oben ist, heruntergleiten, und fliegt ab in den weichen Sand. Verletzt hat er sich nicht, aber er ist doch sehr verdutzt. Es ging plötzlicher, als er gedacht hatte.
Das Pferd bleibt still und treu bei ihm stehen und sieht sich nach ihm um. Der Wachtmeister ist dicht zu ihm herangetreten und sagt zunächst gar nichts. Schweigend und höhnisch sieht er auf ihn nieder, und Hipp, wie ein von der Schlange hypnotisierter Vogel, bleibt bewegungslos im Sand liegen und sieht seinem Vorgesetzten treuherzig ins Gesicht.
Endlich löst sich des Wachtmeisters Schweigen.
Gar nicht unfreundlich sagt er: „Mensch, hast du vor, dich hier gleich begraben zu lassen?“ Und da erhebt sich denn Hipp, und obwohl er sich nicht den geringsten Schaden zugefügt hat, geht er humpelnd und hinkend zu seinem Pferde zurück.
„Na — nun werden wir mal einen Galopp versuchen!“
Da nehmen die Gesichter einen aufgeregten Ausdruck an, und einige werden bleich wie Linnen.
Der Wachtmeister aber kommandiert: „Ganze Eskadron te — rab — Galopp!“ Die Pferde fallen in Galopp, und die jungen Reiter sind angenehm überrascht, weil Galopp nicht halb so unangenehm ist als der verfluchte Trapp.
Auch Hipp bleibt oben; er schwankt ein bißchen bedenklich hin und her, hält sich aber und hat wieder sein lustigstes Gesicht. Der Wachtmeister steht in der Mitte und scheint zufrieden. Er kommandiert: „Schritt und Halt!“ Und dann sagt er sehr leutselig und gutmütig zu seinen Jungen: „Bloß keine Angst haben! Es wird sich schon alles machen! Ihr könnt auch ruhig mal in die Zwiesel greifen!“
Dann haben sie einen Augenblick Ruhe, und Hiller fängt nun doch an, etwas von dem erträumten Glück zu verspüren.
Nachher aber folgen zwei schwere Stunden, in denen sie Schritt reiten müssen und in denen die freudige Begeisterung erheblich abflaut.
Hoch steht die Sonne am Himmel, und der ganzen Gesellschaft perlt der Schweiß auf der Stirn, als es endlich heißt: „Absitzen!“
Sie führen die Gäule in den Stall, nehmen Sattel und Zaumzeug herunter und reiben mit großen Strohwischen das Fell der erhitzten Tiere ab. Dann müssen sie wieder heraus, und der Wachtmeister sieht zu, wie sie die Hufe auskratzen und waschen. Bei dieser Arbeit läßt Hipp nichts zu wünschen übrig. Und auch das Striegeln geht ihm glatt von der Hand. Der Wachtmeister ist immer dicht an seiner Seite und ist vielleicht enttäuscht, keine Gelegenheit zum Losbrüllen zu finden. Schweigend, den Mund im leichten Hohn verzogen, steht er da, und manchmal trifft ihn ein guter, vertrauensvoller Blick von Hipp, der sich über den Wassereimer beugt.
„Einjähriger?“ fragt er ihn, und Hipp sagt leuchtenden Auges: „Zu Befehl, Herr Wachtmeister, Abiturient!“
Der sagt nichts und wendet sich um zu denen, die die Futterkarren heranschieben. Das Futter wird jedem einzelnen zugemessen; sie füllen ihre Eimer mit Wasser zum Tränken und dann sind sie frei.
Hillers Pferd hat den Namen ‚Arbeiter‘. Er hat schon Sympathie für sein Pferd gefaßt und klopft ihm den Hals.
Hipp sagt: „Das verfluchte Biest, das sie mir zugeschustert haben, heißt ‚Anton‘“, und er versetzt ihm einen Schlag aufs Hinterteil, der schon keine Liebkosung mehr ist. Dann hängt er sich an Hillers Arm und sagt: „Mensch, du hast doch nicht die Absicht, den Mannschaftsfraß zu essen? Zum wenigsten gehen wir doch in die Unteroffizierskantine, wo man von Tellern ißt.“
Hiller zögert einen Augenblick, denn er möchte wirklich nicht gern zu schnell um neues Geld bitten. Aber mit einem Ruck wirft er die Bedenken beiseite.
„Gut, gehen wir in die Unteroffizierskantine.“
Und dort wird ihnen für eine Mark ein sehr anständiges und reichliches Essen serviert, das sie durch eine Berliner Weiße noch verbessern. Hipp holt dann noch zwei Stück Pflaumenkuchen zum Nachtisch. Ein paar alte Leute treten zu ihnen und werden zum Glas Bier eingeladen, und dafür kramen die wieder allerlei Erfahrungen und gute Lehren aus und versichern vor allem, daß nur die ersten Tage schlimm und anstrengend sind. Nachher spürt man es gar nicht mehr, daß man vom Morgen bis zum Abend auf den Beinen ist.
Das ist besonders für den kleinen Hiller eine tröstliche Aussicht. Denn er fühlt sich schon jetzt scheußlich schlapp, alle Knochen tun ihm weh und noch liegt der lange Nachmittag vor ihm. Am liebsten möchte er jetzt die Augen zufallen lassen und eine Stunde schlafen. Aber erstlich weiß er nicht wo, denn hier auf dem Holzstuhl der Unteroffizierskantine kann er den Kopf nicht hintenüber lehnen, und dann hat er eine heiße Angst, man könnte ihn vielleicht nachträglich noch als zu schwach erkennen und ihn wieder heimschicken.
Er hat sein Leben lang immer alles gekonnt, was er wirklich gewollt hat, und so wird er auch jetzt das bißchen Müdigkeit und Hüftweh überwinden.
Hipp holt sich eine Tasse Kaffee, weil die wieder lebendig macht, und Hiller folgt seinem Beispiel. Der Kaffee tut seine Schuldigkeit: sie werden wieder mobil und sind völlig frisch, als sie um halb drei Uhr zum Fußdienst antreten.
Der Fußdienst ist heute nur eine Vorbereitung für das, was später kommen soll. Sie erhalten Unterricht im militärischen Grüßen und Verhalten den Vorgesetzten gegenüber, und ganz besonders wird ihnen noch einmal ein Vortrag über militärischen Gehorsam gehalten.
Der späte Nachmittag trifft sie wieder im Stall. Ein jeder hat sich in der Kantine einen Beutel mit Putzzeug kaufen müssen, und sie putzen und reiben an Sattel- und Zaumzeug herum.
Hipp erzählt Berliner Witze und vor allem von einem kleinen blonden Mädchen, das ihm versprochen hat, jeden Tag einen Brief zu schreiben. Na, er wird ja nachher beim Appell sehen, ob sie Wort hält. Beim Abschied hat sie sich fast die Augen ausgeweint, denn sie kennen sich seit einem halben Jahr und wollen sich treu bleiben.
Hiller schwankt einen Augenblick. Seine Gedanken fliegen zu Hannchen, aber er bringt es nicht fertig, auch seinerseits etwas über Hannchen zum besten zu geben.
Gegen Abend tritt einer, den er erst vom Ansehen kennt, zu ihm heran und zieht ihn in eine Ecke.
„Mensch, können Sie mir die Gefälligkeit erweisen und mir mit fünf Mark aushelfen? Ich bin in Verlegenheit!“ Und Hiller, der noch nie jemand angepumpt hat, zieht prompt seinen Brustbeutel heraus und gibt ihm, nicht ganz leichten Herzens, das Verlangte. Nun muß er also doch die Mutter schon um Geld bitten.
Beim Appell werden die Postsachen verteilt. Hipps Gesicht strahlt, denn sein Mädchen hat Wort gehalten und ihm einen Brief geschrieben. Aber auch Hiller geht nicht leer aus; es ist ein Paket und ein Brief für ihn da. Das Paket ist mit Eilpost gekommen und enthält all das, was er der Mutter schon in Berlin für den Fall seiner Annahme aufnotiert hatte, und im Brief, der dem Paket beiliegt, findet er einen Zwanzigmarkschein. Der andere Brief ist von Großmutter, und auch er enthält eine angenehme Einlage.
„Famos!“ Und sein Gesicht strahlt mindestens so hell wie das des guten Hipp, der den Brief seines Mädchens zum drittenmal liest.
Der Krieg rauscht mit rasender Eile, mit nie geahntem Entsetzen, unsäglichen Greueln durchs belgische Nachbarland! Was ist nicht geschehen in diesem halben Monat, seit der Krieg begann!
Ist man ins Mittelalter zurückgekehrt? Ist alles, was Jahrhunderte in eifrigem, rastlosem Fleiß an der Kultur gearbeitet haben, ganz umsonst gewesen? Wer ein leicht erregbar Herz hat in diesen Tagen des Entsetzens, der ist verloren. Wer so geartet ist, daß er sich dem Leid, dem Weh, das den Mitmenschen heimsucht, nicht verschließen kann und will, der weint Tränen in diesen Tagen, die schlimmer sind, als das Blut, das aus schmerzender, brennender Wunde fließt.
Ein jeder leidet, ein jeder kämpft am Morgen, damit er den Tag und das Furchtbare, das er finden kann und wird, ertragen könne. Deutschland hat ein Ehrenband bekommen, das alle Herzen zusammenschmiedet, alles Kleinliche, alles Alltäglich-Gemeine ist über Bord geworfen, jetzt bei Beginn dieses grauenvollen Krieges.
Ob es so bleiben wird, wer mag es wissen? Ob auch ein Krieg, ob Greuel und Tod und Mord zur Gewohnheit werden können, und einen nüchternen Alltag wieder aufkommen lassen, wer mag es wissen? Für den Augenblick zum wenigsten scheint alles zu schweigen; für den Augenblick hat auch der Armseligste vergessen, daß er ein Einzelwesen ist und kleine und große selbstische Wünsche im Herzen trägt.
Jetzt spricht eine furchtbare Stimme zum deutschen Volke.
Feind um Feind ist aufgestanden; die ganze Welt scheint sich verbunden zu haben, um das Land, das Volk, das niemandem etwas zuleide tat, das nichts weiter tat, als rastlos voranzustreben, zu vernichten.
Kann Gott das geschehen lassen? Kann Gott, der Allgerechte und Allgütige, das wollen?
‚Nein, nein und tausendmal nein!‘ braust es von den Kanzeln herab. ‚Das kann Gott nicht wollen! Gott kann nicht zugeben, daß das einzig schuldlose, gerechte Volk einer Meute von gemeinen, habgierigen, verlogenen Feinden unterliegen soll.‘
Die Kirchen sind überfüllt in dieser Zeit. Nicht aus Angst, nicht aus kleinen Motiven sitzen auch die auf den Kirchenbänken, die sonst in Jahren das Gotteshaus nicht betreten haben. Es geht nicht anders; man muß heraus aus der gewohnten Umgebung — man muß es laut und mit heißer, inbrünstiger Sicherheit verkünden hören:
„Das kann Gott nicht wollen! Das darf und wird nicht sein, daß der Schuldlose vernichtet wird, und daß Neid und Mißgunst und schnöde Habsucht siegen werden!“
Die Welt ist in Aufruhr. Wer sich nie zuvor gesehen, spricht jetzt mit dem andern, als sei er seit Jahren sein Freund. Wer schon ein heißes Herzweh erfahren hat, schon Mann oder Kind hergeben mußte, der wird um seines Schmerzes willen geliebt und geehrt von jedem, der von seinem Unglück erfährt.
Es ist unsäglich schwer und doch schön, in dieser Zeit zu leben!
Mag sein, daß unsere Enkel uns dereinst beneiden, wenn wir ihnen die Geschichte des Krieges von 1914/15 erzählen — mag sein, daß wir uns am Ende unserer Tage uns selbst segnen, in dieser Zeit gelebt zu haben — jetzt aber blutet das Herz aus tausend Wunden, und wer eine tätige Phantasie hat, der hüte sich, ihr freie Zügel zu lassen.
Wer kann noch ruhig und frohgemut an seinem Tisch sitzen und sein täglich Brot verzehren? Wer muß nicht derer gedenken, die Haus und Heimat verlassen mußten, die schon den Krieg in nächster, allernächster Nähe sahen?
Glücklich — gesegnet die, die draußen sind, die alles von sich abgeworfen haben und sterben oder siegen wollen! Sie brauchen nicht zu denken, sie haben nicht das quälende, bittere Gefühl der Zurückbleibenden, der Abwartenden, die unter der Sicherheit, in der sie noch leben, leiden, während die draußen Blut und Leben für sie hingeben.
Und glücklich auch jene ganz Jungen, die in heller, heiliger Begeisterung ihren Einzug in die Kasernen gehalten haben — jene allerbegeistertsten, die am liebsten von der Stelle weg in den Kampf gezogen wären, da, wo er am wildesten und blutigsten tobt! Seltsames haben sie erfahren in den Tagen, die nach Schulabschluß, nach der vermeintlichen Freiheit für sie kamen.
Die Begeisterung ist so still geworden; die heiße Freude, mittun zu dürfen, ist gedämpft. Sie kommen überhaupt nicht mehr recht zum Denken. Die jungen, verwöhnten Körper müssen Unglaubliches leisten; die feinen Stadtjungen müssen so Ungewohntes hören, und der Schlaf ist so kurz bemessen. Aber schadet nichts, schadet nichts! Nur nicht schlapp werden, nur aushalten! Es geht ja auch, man muß nur wollen, mit aller, aller Kraft muß man wollen!
Manchmal bekommt man ein Zeitungsblatt in die Hand und liest, was sich draußen in der Welt abspielt. Aber man faßt es nicht ganz. Man hat auch immer das Gefühl: ‚Ja, wenn ich erst dabei wäre!‘ Und es ist gut, daß sie so denken, denn wenn nicht ein jeder von sich selbst das Gefühl hätte, daß er riesenhafte, ganz unerhörte Kräfte in sich trägt, wie sollte dann der Krieg gegen die Übermacht geführt werden können?
Einstweilen aber heißt es für diese Jüngsten im deutschen Reiche: ‚Drill — Drill — Drill!‘ und putzen und Stuben fegen und am Abend todmüde auf den Strohsack fallen.
Der kleine Hiller kämpft in diesen ersten Tagen einen verzweifelten Kampf.
Es ist scheußlich! — Er fühlt, daß er den Willen, den er mit eiserner Kraft zügelt, nur einen Augenblick locker zu lassen braucht, dann ist’s aus.
Jeder Knochen im ganzen Körper tut ihm weh! Todmüd’ fühlt er sich vom Morgen bis zum Abend. Die Hände sind vom ewigen Putzen aufgerieben, die Füße brennen, er hat das Gefühl furchtbarer Mattigkeit — hat ewig das Gefühl, hungrig zu sein, aber wenn das Essen vor ihm steht, schmeckt es ihm nicht.
Scheußlich! scheußlich! scheußlich!
Einer von ihnen ist schon schlapp geworden und hat um Entlassung gebeten. Hinter dem haben sie alle hergelacht, und der Wachtmeister hat sein niederträchtigstes Gesicht aufgesetzt, als er ihm den Entlassungsschein gab. Dies höhnische Gesicht des Wachtmeisters hat sich in Hillers Herz wie mit blutiger Schrift eingegraben. Nein, eher sollen sie ihn halbtot vom Platze tragen, ehe er seiner Schwäche nachgibt.
Hipp sagt eines Tages seelenruhig zu ihm:
„Wenn mir die Sache zu toll wird, schwenke ich ab. Ich hab’ mich doch zum Teufel nicht als Kriegsfreiwilliger gemeldet, um Stuben aufzuwaschen und Sattelzeug zu putzen!“ Aber dabei lacht er und sieht wundervoll gesund aus.
Doch es soll noch schlimmer kommen. Der Oberleutnant schreitet eines Tages durch die Ställe, und ein heiliges Kreuzdonnerwetter tost nach dem anderen herunter.
„Was ist das für eine heillose Schweinerei! In den Ställen ist überhaupt kein Boden mehr zu sehen; halbfußhoch ist der Mist festgetreten, als ob seit drei Monaten hier nicht gesäubert worden wäre!“
Der Wachtmeister erklärt dem Oberleutnant die Ursache. Selbstverständlich sieht hier nicht alles so aus wie in anderen Jahren. Man hatte über all der Aufregung keine Zeit, die alte Ordnung und Reinlichkeit aufrechtzuerhalten.
Aber was nutzt das alles? Die Ställe müssen wieder ordnungsmäßig aussehen. Also Freiwillige vor und ausmisten!
Hiller hat wieder falschen Sitz gehabt und ist vom Bügelriemen gescheuert worden; das Bein ist ganz wund. Anderen ist’s viel schlimmer ergangen — ja, einen, der einen Tritt vors Schienbein bekam, und der vor lauter Schmerz laut aufgeschrien hat, mußten sie unter einem Hagel von Flüchen ins Revier schaffen.
Aber der kleine Hiller ist noch so furchtbar empfindlich. Wenn er den ganzen Morgen lang schlapp, faul und schläfrig gescholten wird, fängt er an, sich unglücklich zu fühlen. Einer von den Wachtmeistern, der es gut mit ihnen meint, hat ihnen in einer längeren Rede erklärt: „Selbstverständlich kann man euch nicht mit Kosenamen benennen, und wenn mal ein derbes Schimpfwort fliegt, dann müßt ihr das eben hinnehmen und euch sagen, daß eurem Wachtmeister auch mal die Galle überläuft!“
Diese Erklärung hat ihnen wohlgetan. Das wissen sie natürlich, daß beim Drillen geschimpft wird, das gehört einfach dazu. Aber dennoch: wenn der Wachtmeister sich einen einzelnen heraussucht und den einen ganzen Vormittag nicht wieder losläßt, und wenn dieser arme Teufel dazu ein empfindsames Gemüt hat, dann ist das doch eine sehr niederträchtige Sache.
Dem armen kleinen Hiller ist’s zum Tode weh zumute. Soll er jetzt an Hipps Stelle treten und der Unglückswurm seines Beritts werden?
Rot ist sein Kopf, und der Schweiß steht ihm in dicken Tropfen auf der Stirn, als es endlich ‚absitzen‘ heißt.
„Eine Viertelstunde Mittagspause — Kommando, in der Mannschaftskantine zu essen — dann Drillichanzug anziehen und zum Ausmisten in den Stall antreten!“
Sie sind wütend; sie kommen sich gedemütigt vor — diejenigen wenigstens, die von den hohen Schulen gekommen sind, um dem Vaterland zu dienen.
Heißt das auch noch dem Vaterland dienen, wenn sie Ställe ausmisten? Hipp ist nur über den Zwang, den Mannschaftsfraß essen zu müssen, aufgebracht. Mit ihren Näpfen treten sie an. Weiße Bohnen und Speck gibt’s und duftet herrlich. Und — Teufel, ja — schmecken tut es großartig! Das müssen sie trotz ihrem Ärger zugeben. Hipp läßt sich seinen Napf zum zweitenmal füllen.
Es geht in fliegender Eile. Hinauf in die Stuben, aus den Reithosen heraus und in den Drillich hinein.
Hipp holt ein rosa Briefchen aus seiner Rocktasche: „Da, lies mal!“ Er gibt es Hiller.
‚Mein süßer, geliebter Schatz!‘ liest der und wirft den Brief Hipp wieder zurück. Was gehen ihn Hipps Liebesbriefe an? Es ist überhaupt gemein von dem, daß er sie in der Kaserne vorliest und sich damit brüstet. „Der blasse Neid,“ sagt Hipp, hält sich aber doch freundschaftlich an Hillers Seite.
Unten steht schon der Wachtmeister und brüllt sie an: „Freiwilliger Hiller, wissen Sie nicht, daß Sie Stallwache haben?“
Hiller ist erstaunt, daß er mit ‚Sie‘ angeredet wird. „Zu Befehl, Herr Wachtmeister! Ich war nur zum Essen in der Kantine und habe den Reitanzug ausgezogen.“
„Wenn ich noch einmal einen, der Stallwache hat, nicht auf seinem Posten treffe, gebe ich Arrest!“ sagt der Wachtmeister und wendet sich ab.
Es werden kleine, scharfe Harken an die Freiwilligen verteilt, denn der Mist ist so festgetreten, daß sie ihn losklopfen müssen. Der dicke Hipp kniet im Schweiße seines Angesichts da und klopft, ist aber nicht aus der Laune zu bringen und reißt Witze. Sobald der Wachtmeister außer Sicht ist, lachen sie alle mit ihm; er hat eine ungeheuer komische Art, seine Vorgesetzten nachzuahmen. Selbst Hiller kann nicht ernst bleiben, wenn Hipp seine Possen treibt. Dieser harmlos aussehende dicke Mensch hat es faustdick hinter den Ohren. Er ist frech und kühn, sobald der Wachtmeister den Rücken gekehrt hat, und sieht wie ein Gotteslamm aus, wenn er ihm gegenübersteht. Sein prachtvoller Humor und seine strotzende Gesundheit bringen ihn über alle Widerwärtigkeiten hinweg.
Und an diesen beiden glücklichen Gaben fehlt es dem armen Hiller so sehr! Wohl hat er Verständnis für Humor; ja, in einem ganz kleinen Winkel seiner Seele sitzt etwas vom Schalk, der sich ganz selten einmal etwas hervorwagt, aber gleich ängstlich verschwindet, wenn ein Schatten auf den Weg seines Lebens fällt. Und mit seiner Gesundheit ist es auch eine eigene Sache. Krank ist er nicht — — — aber auch nicht recht widerstandsfähig.
Müd’ — schlapp — kaputt!
Auch jetzt tut ihm der Rücken infam weh, das vielfach am Lederzeug aufgescheuerte Bein schmerzt und, was das Schlimmste ist, die große, schöne Begeisterung ist fort, ist einfach weggeflogen.
Sehnsucht nach dem stillen geistigen Leben ist erwacht. Er gedenkt der Abende mit der Mutter. Sie haben zusammen auf dem Sofa gesessen, und entweder hat sie gelesen, oder er hat ihr erzählt, und sie waren beide stumm geblieben, und die Mutter hat ihm den Arm um die Schultern gelegt.
Hipp erzählt nun doch wieder von seinem blonden Mädchen, und Hiller hört zu, ohne es zu wollen. Er erzählt sehr anschaulich — er verrät kolossale Kenntnisse, die er freiwillig zum besten gibt.
Dabei schaufeln sie Berge von Mist vor sich auf, und draußen rollen zwei Freiwillige Karren an, um den Mist zum Dunghaufen zu bringen. Hipp und die zwei anderen, die zusammen arbeiten, sagen: „Schaufeln her!“ Aber es sind keine Schaufeln da. „Hiller, du hast Stallwache, du mußt für Schaufeln sorgen!“
Hiller weiß wohl, daß er Stallwache hat, das heißt, daß er die ganze Nacht über mit einem anderen, der ihn alle zwei Stunden ablösen muß, im Stall zu bleiben hat, aber er sieht deshalb nicht ein, warum er es gerade sein soll, der für Schaufeln zu sorgen hat.
„Geh du doch,“ sagt er zu Hipp; und Hipp geht auch, kommt aber mit leeren Händen zurück.
„Tatsache, Hiller, du mußt gehen — der Wachtmeister weiß auch, daß du Stallwache hast!“
Da macht sich Hiller zum Wachtmeister auf. Stramm, die Hacken zusammengeklappt, steht er vor ihm.
„Verzeihung, Herr Wachtmeister, wir möchten um Schaufeln bitten!“
„Schon wieder einer! Kerls, was wollt ihr denn mit den Schaufeln?“
„Zu Befehl, Herr Wachtmeister, den Mist in die Karre laden!“
„Dämlack!“ schrie ihn der Wachtmeister an. „Wozu hat Gott euch denn eure natürlichen Schaufeln gegeben?“ Dreht sich um und läßt den kleinen Hiller abziehen.
Sie werfen nun den Mist mit ihren Händen in die blauen Arbeitsschürzen, die sie tragen, und leeren ihn in die Karren. Die alten Leute, die vorübergehen und die nicht mitzutun brauchen, lachen sie aus.
„Das schmeckt gut, was? Nach so einer Ausmisterei ist man für zwei Tage satt und braucht nichts zu essen!“
Es ist ihnen gleichgültig geworden. Auch dem dicken Hipp tut jetzt der Rücken weh — aber der Wachtmeister treibt zur Eile an. „Bis zum Appell muß der Boden blank und glatt wie Parkett sein.“
Nein, sie wissen es nicht mehr, daß Deutschland gegen eine Welt von Feinden streitet, und daß sie mit so heißer Hingabe in die Kasernen gezogen sind, um in ein paar Wochen mitzutun.
Sie knien vor ihrem Misthaufen und sind stumpf und müd’ geworden. Denken überhaupt nicht mehr an das Große, Gewaltige, das draußen in der Welt vor sich geht — — — denken nur noch an sich selber und an ihre eigenen Leiden, an den schmerzende Rücken und an den Durst, den sie nicht löschen dürfen.
Und der verärgerte Wachtmeister brüllt sich die Kehle wund, weil es nicht schnell genug geht.
Die müden Hände hacken, Schürzen werden gefüllt, und die Karren rollen hin und her. Um sechs Uhr ist der letzte Karren weg. Nun Wasser holen — zehn, zwanzig Eimer Wasser und schrubben, was das Zeug hält.
Der Wachtmeister reißt Hiller seinen Besen aus der Hand. „Kerl, willst du mir einen Tango vortanzen?“ Und er macht ihm das Schrubben auf energische Weise vor.
Nun geht es glatt weiter. Die Wasserplantscherei hat etwas Lustiges. Hipp läßt das schmutzige Wasser hoch gegen die anderen aufspritzen. „Das müßte mein Mädchen sehen!“ sagt er. Er denkt nichts anderes als sein Mädchen. Den ganzen Tag spricht er von ihr.
Der Oberleutnant kommt zum Revidieren. Er ist zufrieden.
„Antreten zum Appell!“
Hipp bekommt seinen erwarteten Brief und schmunzelt. Hiller geht leer aus. Er läßt den Kopf hängen und kehrt in den Stall zurück. Die anderen sind jetzt frei und können in die Kantine oder in die Stadt gehen. Er aber sitzt auf einer Futterkiste im Stall und sieht trübe vor sich hin.
Der ‚alte Mann‘ der mit ihm die Wache hält, fragt: „Soll ich Essen holen?“
Das bedeutet natürlich, daß er auf Hillers Kosten für sie beide Essen holen will. Hiller zieht einen Taler aus seinem Brustbeutel heraus, und der andere kommt bald mit einem Arm voll Butterbroten, mit mehreren Paar Würstchen und zwei Flaschen Bier zurück.
Sie essen gemeinsam auf ihrer Futterkiste und schwatzen, bis die Sonne sinkt.
Um neun Uhr legt sich der ‚alte Mann‘ ins Stroh, zieht einen Woilach um sich, und Hiller bleibt allein.
Regungslos bleibt er auf seiner Futterkiste sitzen. Der Rücken schmerzt, und ins arme Herz ist ein Leid gezogen, so schwer, so heiß, daß er’s kaum zu ertragen vermag.
Die Öllaternen im Stall werfen trübe Lichter um sich. Die Halfterketten klirren — der warme Dunst aus all den Tierleibern strömt stark und erregend zu ihm hin.
Er muß an all das, was Hipp ihm die Tage über von seinem Mädchen erzählt, denken.
In Hillers Kopf will es nicht hinein, daß man von einem Geschöpf, für das man Liebe und Verehrung empfindet, vor anderen sprechen kann. Im Anfang hat es ihn angewidert, wenn Hipp von dem Mädchen sprach; aber man kann schließlich die Ohren nicht zustopfen, wenn einer so ständig von derselben Sache erzählt.
Und jetzt, in dieser halbdunklen Einsamkeit, in dieser tiefen Sehnsuchtsstimmung, in dieser warmen, von einem erregenden Duft erfüllten Luft steigt heiß und drängend im armen, kleinen Hiller ein bisher ungekanntes Verlangen auf.
Tränen fließen ihm aus den Augen. Die Hände haben sich zu Fäusten geballt — weh, furchtbar weh ist ihm ums Herz.
Ein Pferd hat den Kopf aus dem Halfter gelöst und versucht auszubrechen. Er springt hin und bekommt es zu fassen, bevor es draußen ist.
Das Tier schnuppert an ihm herum und läßt sich willig anketten. Er schleicht zu seiner Futterkiste zurück; er sitzt und seine Gedanken fliegen zur Mutter. Wo mag die sein? Ob sie allein zu Hause sitzt? Ob sie zur Großmutter gefahren ist?
Er sieht sie vor sich, hört sie reden, sieht sie weinen. Natürlich weint sie um ihn. Die Trennung mag schwer auf ihr lasten. Bislang hat er noch nicht recht darüber nachgedacht, wie einsam es um sie sein muß. Nun aber kommt es plötzlich über ihn. Die traulichen Zimmer, in denen er mit ihr gelebt hat, sieht er vor sich. Die Bilder an den Wänden leuchten zu ihm herab. Er sitzt mit ihr in der halbdunklen Sofaecke, den Kopf an sie geschmiegt.
Wie schön waren diese Abende mit ihr gewesen! Wie schön dies ganze stille, einfache Leben! So geborgen, so warm! Wenn man etwas auf dem Herzen gehabt, hat man’s abends der Mutter gesagt, und alles war gut gewesen. Und hat sich doch eigentlich immer nach was anderem gesehnt. Hat immer gerechnet, wieviel Vierteljahre man noch auf der Schulbank zu sitzen und abzuwarten hat, bis das eigentliche Leben kam.
Und nun ist dies eigentliche Leben da — nun ist man ganz plötzlich aus allem herausgeschleudert worden! Man ist Soldat geworden und will fürs Vaterland kämpfen. So stolz, so glücklich, so begeistert ist man gewesen.
Warum nur? Für was nur?
Man hört ja nichts mehr vom Krieg. Man tut ja nichts, gar nichts zur Sache. Den ganzen Tag wird man angeschnauzt — Schimpfnamen fliegen einem um den Kopf. Man mistet Ställe aus und putzt seine Pferde.
Das hat man doch nicht gewollt! Dafür ist man doch nicht hierher gekommen! Und der kleine Hiller, der sich jeden Tag von neuem freuen muß, wenn er überhaupt glücklich auf sein Pferd hinaufkommt und sich oben behaupten kann — der kleine Hiller, den jedes Glied am ganzen Körper schmerzt, der einen geradezu verzweifelten Kampf gegen Schwäche und Schlappheit kämpft, hat in dieser stillen, todeinsamen Nachtstunde das Gefühl, daß ihm ein großes Unrecht geschieht, weil man ihn hier noch festhält, statt ihn in Kampf und Begeisterung ziehen zu lassen.
Alles ist häßlich und traurig und verzerrt in dieser Nacht. Namenlos öd und einsam die ganze Welt! Unerträglich das Leid und die heiße Sehnsucht im Herzen! Die Sehnsucht nach irgend jemandem, der gut zu ihm ist, der warm und lieb zu ihm spricht — — der die Arme um ihn legt — ihn küßt.
Verteufelt! Schon wieder muß er an Hipps Mädchen denken, das ihm jeden Tag einen Brief schreibt.
Warum hat er niemanden, der an ihn denkt, der ihm schreibt.
Wieder hat ein Pferd sich losgelöst und sucht den Ausgang zu erreichen. Der ‚Arbeiter‘ ist es, sein eigenes Pferd. Er führt es zu seinem Platz zurück und klopft ihm den Kopf.
Das Tier schmiegt sich an ihn, berührt ihn mit der warmen, nassen Schnauze. Da löst sich im armen Jungen der bittre, bittre Schmerz. Er weint laut auf. Mit beiden Armen umschlingt er den Hals des Tieres. „Mutter — — Mutter!“ Er schreit es fast. Ein grenzenloses Heimweh tobt in ihm. „Mutter — — Mutter!“ Und umklammert wie ein Verzweifelter den warmen Kopf, drückt das Gesicht in die Mähne hinein und schluchzt und wird gerüttelt und gestoßen von diesem plötzlichen, wilden, unerträglichen Jammer. Lang steht er so an seinen ‚Arbeiter‘ geschmiegt.
‚Nach Hause — zur Mutter zurück!‘ Und er will ihr schreiben: ‚Ich kann es hier nicht länger ertragen, laß mich zu dir zurückkommen!‘
Er schleicht zur Futterkiste zurück — zieht eine zerknitterte Feldpostkarte aus der Tasche.
‚Liebes Muttchen!‘ schreibt er — besinnt sich einen Augenblick und kommt zur Vernunft. Ein ‚Zurück‘ gibt es nicht für ihn. Ausharren muß er, und wenn es noch tausendmal schlimmer kommt. Aber sehen will er sie, und da er nicht zu ihr kann, muß sie zu ihm kommen. Das geht — daran kann niemand etwas finden.
So schreibt er: ‚Wenn Du willst, so besuche mich, bitte. Ich habe ein wenig Heimweh nach Dir!‘
Nachdem er das geschrieben, ist ihm leichter ums Herz geworden. Er läuft über den Kasernenhof und bringt die Karte zum Kasten.
Sternklar wölbt der Himmel sich draußen. Kühl ist die Nacht, denn der Herbst will ganz ganz langsam kommen.
Tief atmet Hiller auf. Das Leid ist verflogen. Der furchtbare Druck ist von ihm genommen. Nun ist er nur noch müd’ — hat nur noch Sehnsucht noch einem langen, tiefen Schlaf.
Im Stall trifft er den ‚alten Mann‘, der ihn für zwei Stunden abzulösen hat, an. Der sieht ganz vergnügt aus.
„Müde, was?“ und schaut lächelnd in das bleiche Knabenangesicht. „In zwei Stunden kommst du wieder dran, Mensch. Das lohnt kaum der Mühe, sich hinzulegen! Bleib man gleich auf, sonst wirst du nachher überhaupt nicht mehr munter. Man kennt das ja bei euch jungen Kerlen. Muttersöhnchen! Neulich habe ich für einen die ganze Nacht gewacht. Da hat er mir ’n Taler für geschenkt!“ Und sieht noch forschender, sieht eigentlich geradezu aufmunternd in Hillers Gesicht.
Der hat schon die Hand am Brustbeutel. „Ich bin in der Tat sehr müde!“
Der ‚alte Mann‘ nimmt den Taler und läßt ihn in die Hosentasche gleiten.
„Da hast du einen Woilach zum Drauflegen; in den andern wickelst du dich ein, und dann kannst du bis sieben Uhr pennen. Los — mach’, daß du ins Stroh kommst!“
Und der kleine, müde Hiller häuft sich das Stroh, aus dem der ‚alte Mann‘ aufgestanden ist, frisch auf, legt den einen Woilach darauf, wickelt sich in den anderen ein, und bevor zwei Minuten vergangen sind, führt ihn sein tiefer, prachtvoller Jungenschlaf aus Leid und Not dieses Tages hinweg. Das bekümmerte Gesicht wird kindlich und froh. Die bleichen Wangen röten sich. Und als der ‚alte Mann‘ sich gegen Morgen einen Scherz macht und ihm mit dem nassen Pferdeschwamm über die Augen fährt, merkt er’s kaum, dreht sich um und schläft weiter, bis ihn zwei kräftige Arme an den Schultern packen und hochreißen.
„Heraus, Mensch — aufgestanden — sieben Uhr — ‚Vize‘ ist im Anzug!“
‚Vize‘ ist der Vizewachtmeister Peters; und das Wort ‚Vize‘ genügt, um den kleinen Hiller im Nu hochfahren zu lassen — Hände an die Hosennaht, Hacken zusammengeklappt.
‚Vize‘ ging schweigend und höhnisch an ihm vorüber.
Hiller ist dem ‚alten Mann‘ riesig dankbar, daß er ihm für den Taler die lange Nachtruhe verschafft hat.
Die Taler fliegen ja erschrecklich glatt und leicht dahin, aber eigentlich kommt nie ein Brief ohne Einlage an ihn an. Die Mutter schickt — Großmutter und Großvater schicken, und es gibt noch ein paar Onkel und Tanten, die nicht nur Worte und schöne Redensarten für den jungen Kriegsfreiwilligen übrig haben. Es ist eine ganze Menge, was so in immer neuen Auflagen in Hillers Brustbeutel zusammenkommt. Er braucht nicht zu knausern, und das ist gut, denn das Knausern liegt ihm nicht.
Großmutter schrieb zwar: ‚Daß Du im Restaurant für teures Geld ißt, da Du das Mannschaftsessen umsonst haben kannst, ist aus zweierlei Gründen nicht richtig; denn erstens soll ein jeder in diesen schweren Zeiten sein Geld zusammenhalten oder es fürs allgemeine Wohl hingeben, und zweitens ist es besser, wenn Du Dich schon jetzt an das Kasernenessen gewöhnst, damit es Dir später im Feld nicht schwer wird!‘
Aber sie legt getreulich jedem Brief einen Schein bei, und darum kann Hiller die großmütterlichen Mahnreden nicht sehr ernst nehmen.
Er ißt ja auch keineswegs im Restaurant, um sich Leckerbissen zu verschaffen. Nein, er würde ohne weiteres das Mannschaftsessen genommen haben, wenn das einfach so möglich gewesen wäre.
Aber hier sitzt der Haken: er ist Einjähriger — er bekommt Geld — er ist also einfach verpflichtet, mit den finanziell Gutgestellten im Restaurant zu essen. Man würde ihn sonst nicht für voll angesehen haben.
Und ebenso ist er verpflichtet, sich von den alten Leuten gegen gute Bezahlung Dienste leisten zu lassen und sie abends in der Kantine freizuhalten. Sie drängen sich an einen heran und können kolossale Erleichterungen bringen.
So zum Beispiel dieser lange Schlaf in der letzten Nacht! Dafür ist ein Taler wirklich nicht zuviel gewesen. Er fühlt sich prachtvoll frisch — die Welt lacht ihn an.
Oben am Kasernenturm ist die Fahne hochgezogen; man feiert einen neuen Sieg.
Jetzt weiß man wieder, daß Großes, Gewaltiges sich in Europa abspielt. — — — Jetzt begreift man, daß man alle Kräfte zusammennehmen muß, um würdig befunden zu werden zum Mittun!
Der Wachtmeister sagt: „Natürlich suchen wir zum Ausrücken nur die besten Reiter heraus, denn einer, der sein Pferd nicht beherrscht, kann im Kriege nichts leisten.“ Das ist eine sehr selbstverständliche Tatsache, und Hiller begreift an diesem sonnenhellen Morgen plötzlich, daß der strenge, nicht sehr geliebte ‚Vize‘ keinen leichten Standpunkt hat. Denn wie er selbst noch ganz und gar unsicher auf seinem Gaul sitzt, so ist es mit der Mehrzahl der anderen auch, und doch schimpft jeder von ihnen über den Drill und hat jeder einzelne den heftigen Wunsch: Hinaus! Hinaus!
An diesem Morgen geschieht es, daß ‚Vize‘ sich am Ende der Reitstunde neben Hillers Pferd stellt und den Hals des Tieres klopft.
„Reiten noch sehr mittelmäßig, Freiwilliger! Aber man hat doch heute wenigstens den guten Willen gespürt. Das ist schon etwas, und andere könnten sich da ein Beispiel dran nehmen!“
Dabei sieht er zu Hipp hinüber, der zweimal über den Kopf seines ‚Anton‘ hinweggesaust ist.
Hillers Herz klopft in jäher Freude. ‚Vize‘ hat ihn gelobt — ‚Vize‘ hat zum erstenmal nicht mit ihm gewütet.
Die Hand, die den Zügel hält, zittert; er ist außer sich vor Glück. Keine Spur von Schlappheit mehr — kein Schmerz mehr in den Knochen. Eine Riesenkraft fühlt er in sich erstehen, und heißer Mut beseelt ihn. Oh — er kann — er kann — er kann! Immer in seinem ganzen Leben hat er noch gekonnt, was er wirklich und mit seinen ganzen Kräften gewollt hat!
Auf einmal weiß er nun auch, daß er eines Tages Herr seines Pferdes sein wird. Ja — daß er all die, die hier mit ihm reiten, überragen wird. Auch die Bauernjungen, die von Kindheit auf mit Gäulen zu tun gehabt haben.
Er braucht nur zu wollen, nur wirklich und ernst zu wollen!
Es wird ihm ordentlich schwer, das Lob des Wachtmeisters still hinzunehmen; gern hätte er ihm gedankt, ihm die Hand gereicht. Aber er bleibt still und bescheiden sitzen; nur das Herz schlägt heftig.
Nach dem Reitunterricht ist ein Fest in der Kaserne, um den großen neuen Sieg zu feiern. Der Oberleutnant steht vor seinen Husaren und hält eine kurze, packende Ansprache, die im Kaiserhoch endigt.
Als sie frei sind, sieht Hipp verächtlich zu Hiller hinüber. „Streber!“ Und der noch allzu empfindliche Hiller erbleicht vor Ärger, aber Hipp lacht im nächsten Augenblick und schiebt seinen Arm in den des Kameraden.
„Morgen brüllt er dich doch wieder an. Man kennt diese Menschenschinder ja!“
Dennoch bleibt Hiller an diesem Tage in gesteigerter Stimmung.
Nach dem eilig eingenommenen Mittagessen geht’s zur ersten Schießübung hinaus. Zwei Wachtmeister führen einen Trupp von vierzig Freiwilligen zum großen Schießplatz.
Sie haben eine gute Stunde zu marschieren. Die Hitze ist glühend; die Sonne glitzert in ihren blanken Knöpfen und spielt mit den grellgelben Tressen auf den grauen Attilas. Der trockene Boden knirscht unter ihren Füßen, aber sie gehen wie beflügelt dahin. Mit Ungeduld haben sie auf diese erste Schießübung gewartet, denn bevor sie nicht schießen gelernt, können sie natürlich nicht ins Feld. Nun endlich soll es losgehen!
Einer von den alten Leuten hatte ihnen gesagt: Zwei Wochen Schießübung — zwei Wochen Lanzenfechten und Säbelstechen, dann ist die Sache gedeichselt, dann geht’s los! Dies also ist der eigentliche Anfang; es werden noch sechs Wochen vergehen, ehe sie herauskommen! Und draußen wird ein Sieg nach dem anderen erfochten! Wenn das so weitergeht, dann hat Deutschland ausgekämpft, ehe sie aus ihrem Drill heraus sind.
Bald dehnt sich der Schießplatz vor ihren Blicken aus.
Der Wachtmeister - es ist einer, mit dem sie bislang noch nichts zu tun gehabt haben — lehrt sie in erster Linie den Karabiner richtig handhaben.
Auch er brüllt; auch er schimpft wie ein Unsinniger.
Wachtmeister müssen schimpfen und müssen beim Schimpfen einen puterroten Kopf bekommen, sonst wird’s nichts.
Der kleine Hiller hat noch so zarte Hände; für ein paar Minuten hat es den Anschein, als sollte er hier den Sündenbock abgeben, denn der Wachtmeister tobt immer im Kreise um ihn herum.
Aber es müssen wohl noch Ungeschicktere da sein, denn plötzlich ist er fort, und nun weiß Hiller auch ganz gut mit seinem Schießprügel umzugehen.
Es wird ihnen ein Vortrag gehalten:
Der Kavallerist muß in jeder Stellung schießen können. Er muß im Liegen, im Stehen und vom Pferd herabschießen können! Der Kavallerist muß überhaupt alles können, was der Infanterist kann! Das hat man ihnen nun schon oft gesagt, und sie wissen, daß sie doppelte Ausbildung haben werden. Dafür haben sie dann im Feld den Vorteil, auch dann noch kampffähig zu sein, wenn das Pferd ihnen weggeschossen wird.
Als Ziel für ihre erste Übung dient ihnen eine Scheibe, die in zwölf Kreise geteilt und an ein kleines Steinhäuschen gestellt ist.
Sie haben Platzpatronen bekommen und lernen zunächst den Karabiner in jeglicher Stellung handhaben. Der Wachtmeister erklärt ihnen umständlich die Scheibe und die Entfernung, und es vergeht eine gute Stunde mit den Vorbereitungen, ehe sie endlich zum Schießen kommen.
Die wenigsten haben Glück; sie schießen aufs Geratewohl. Hipp lacht, trotzdem der Wachtmeister schimpft, leise vor sich hin, denn es belustigt ihn ungeheuer, daß er trotz alles Schimpfens mit keinem Schuß auf die Scheibe trifft.
Auch Hillers Hand zittert plötzlich. Da er als Knabe viel nach der Scheibe geschossen hat, hat er das angenehme Gefühl gehabt, hier auf dem Schießplatz gut zu bestehen und sich womöglich wieder ein Lob des Vorgesetzten zu holen. Nun aber schleichen sich Angst und Aufregung an ihn heran. Es ist ihm schon oft im Leben so gegangen: wollte er zeigen, daß er eine Sache verstand, so mißlang sie erst recht. Der erste Schuß geht dann auch richtig daneben, und der Wachtmeister steht wieder drohend nahe dicht bei ihm. Er spürt den Atem des erregten Mannes, und sein Kopf wird heiß, und das Herz fängt an zu hämmern.
„Kerl, bist du des Teufels?“ Der Wachtmeister richtet ihm den Karabiner in der Hand zurecht. Hipp sieht schadenfroh zu Hiller hinüber.
Da geht ein Schuß los und trifft fast in die Mitte der Scheibe. „Das war Zufall,“ sagt der Vorgesetzte kühl und mit leisem Hohn in der Stimme. „Noch einmal!“ und dreht ihm den Karabiner wieder in der Hand zurecht. „Ganz gut,“ sagt er dann etwas weniger kühl. „Nun noch einmal, damit es sich herausstellt, ob es Dusel war oder nicht!“
Nun wird Hiller kühn und hat wieder das triumphierende Gefühl: ‚Ich kann, was ich will!‘
„Man wird ja später sehen, ob das so bleibt,“ sagt der Wachtmeister befriedigt, geht zu den anderen und ahnt nicht, in welchen Freudentaumel er den kleinen Freiwilligen mit dem Knabengesicht versetzt hat.
Niemand außer Hipp hat an Hillers Schießversuchen Anteil genommen, niemand beachtet auch, wie die Augen des schmalen Husaren leuchten, wie er ganz verklärt dasteht.
Das zweite Lob an einem Tage! Das macht ihn ganz toll.
Zur Vesperzeit ladet er in der Kantine zwei alte Leute zum Kaffee ein und schenkt jedem eine Handvoll von den Zigarren, die Großvater ihm geschickt hat. Es geht ihm immer so: Hat er selbst eine Freude, dann muß er auch bei anderen frohe Gesichter sehen.
Er spricht zu niemandem von dem, was ihn bewegt, aber es ist eine tiefe Liebe zu allem, was ihn hier umgibt, in ihm aufgekommen. Er weiß jetzt, daß er im Grund seines Herzens immer Soldat gewesen ist, daß er nur während der langen Schulzeit keine Gelegenheit gehabt hat, den militärischen Geist, der in ihm steckt, zu erkennen. Nun aber sieht er seine Zukunft klar und deutlich vor sich. Selbstverständlich wird er Offizier werden, und zwar Kavallerieoffizier.
Wenn er Glück hat und in den Krieg kommt, ist er in einem halben Jahr Leutnant, und später wird die Beförderung in Windeseile weitergehen. Seine Phantasie baut ihm goldene Schlösser.
Mit keinem Gedanken denkt er mehr an die noch gar nicht weit zurückliegende Zeit, in der er der Mutter mit herablassendem Lächeln erklärt hat: ‚Offizier? Nein, dafür sind andere da. Der Offiziersberuf kommt für mich gar nicht in Betracht.‘
Der kleine Hiller ist erst jetzt eigentlich jung geworden. Er war alt und klug und blasiert gewesen, bevor er wußte, was jung sein heißt. Man hatte ihm das so anerzogen, so aufgezwungen. Jetzt fällt es ihm wie Schleier von den Augen; jetzt, in dieser Zeit, in der Deutschland eine kraftvolle, gesunde Jugend braucht, soll auch er kraftvoll und gesund werden!
Er ist so hin und her geworfen von all dem Neuen, das auf ihn eindringt; er liegt noch sehr im Kampf, in ganz unbewußtem Kampf mit dem, was noch vor ganz kurzer Zeit sein Wesen und Denken bedeutete. Heimweh wechselt mit Hochmut; Selbstbewußtsein ringt mit tiefer Niedergeschlagenheit. Heute aber hat Stolz und Freude über alles andere gesiegt.
Um halb sieben Uhr wird zum Appell versammelt. Hiller strahlt immer noch und sieht frohbewegt zu der Fahne hin, die hoch über der Kaserne weht und an den großen Sieg des heutigen Tages erinnert. Ja, es ist heute für ganz Deutschland ein Freudentag. Man sieht heute nur wirklich frohe und zufriedene Gesichter; selbst die Wachtmeister scheinen guter Laune zu sein.
Plötzlich hört er seinen Namen rufen: „Freiwilliger Hiller soll vortreten!“
Ein Wachtmeister winkt ihn zu sich heran und weist mit der Hand nach dem vorderen Kasernenhof. „Eine Dame,“ sagt er lakonisch, und Hiller versteht erst nicht recht, wird dann glühendrot und schreitet langsam, etwas beschämt, dem vorderen Kasernenhof zu.
„Mutter!“
Wie er sie sieht, strömt ihm das Blut heiß zu Herzen, und er fällt ihr um den Hals — ganz instinktiv einer jähen Aufwallung folgend. Aber im nächsten Augenblick sinken ihm die Arme schlaff herab. Er sieht scheu nach allen Seiten um sich.
Ob jemand das beobachtet hat, ob jemand gesehen hat, wie er der Mutter um den Hals gefallen ist?
Auch sie ist verwirrt. Groß und ungläubig sieht sie den Menschen, der da im schmutzigen Drillichanzug vor ihr steht, an. Ist das Ernst — ihr kleiner Ernst — ihr Junge? Dunkelgebräunt ist das Gesicht; die Mütze ist tief in die Stirn gezogen, und der graue Anzug, dem starker Stallgeruch entströmt, hängt in großen Falten an seinem Körper herum. Ein leiser Schmerz ist in ihr.
Sie hat während der ganzen Fahrt hierher das Gefühl gehabt: ‚Das arme Jungchen ist krank, ist traurig, ist trostbedürftig!‘ Die zerknitterte Feldpostkarte mit den wenigen Worten: „Ich habe ein wenig Heimweh nach dir!“ hat sie erschüttert. Nun sieht sie den Jungen gesunder, als sie ihn je zuvor gesehen. Wie ein gewöhnlicher Soldat steht er vor ihr, und die Mütze verbirgt das Schönste, was er hat: die hohe, kluge Stirn.
Sie muß sich erst an den Anblick gewöhnen, und so stehen sie sich sekundenlang beide in einem inneren Kampf gegenüber. Der Junge voll Unbehagen in dem Gedanken, daß irgend jemand ihn beobachten könnte, und die Mutter traurig und enttäuscht. Sie hat das wehe Gefühl, daß etwas Fremdes zwischen sie und ihr Kind gekommen ist, daß sich eine Kluft zwischen ihr und ihm auftun will.
Hiller führt die Mutter in den Torweg eines der Gebäude, die am Kasernenhof liegen. „Warum hast du mir nicht erst geschrieben?“ fragt er zaghaft.
Da kommen ihr die Tränen. „Du schriebst doch, daß du Heimweh hättest, Ernst!“
Er faßt ihre Hand, denn er kann sie nicht gut traurig sehen. „Das kommt mal so über einen, geht aber schnell vorüber,“ sagt er. „Wenn du mir wenigstens vom Bahnhof aus telephoniert hättest, daß du hier bist, Mutter. Hier in der Kaserne kannst du doch nicht bleiben!“
„Wohin hätte ich denn aber telephonieren sollen?“
„Nun natürlich nach der Kantine; das tun sie doch alle,“ sagt er sehr selbstverständlich, und sie ist wirklich fast beschämt, daß sie nicht an die Möglichkeit einer vorherigen telephonischen Verständigung gedacht hat.
„Darfst du denn überhaupt aus der Kaserne heraus?“ fragt sie fast schüchtern.
Der Junge besinnt sich. „Wenn ich Urlaub bekomme. Bleibst du denn über Nacht hier?“
Seine Art ist ihr ganz fremd. Der Schmerz in ihr wird immer bitterer.
„Ich kann doch heute abend nicht mehr zurückfahren, Ernst.“
„Wo willst du denn hier wohnen?“
„Ich muß mir ein Hotel suchen, ich bin gleich vom Bahnhof hier herausgefahren.“
„Dann mußt du in den ‚Schwan‘ gehen,“ sagt er in freudiger Erinnerung. „Da habe ich auch die erste Nacht gewohnt, da ist es sehr nett.“
„Wirst du denn sicher Urlaub bekommen?“ fragt sie weitergehend, denn er führt sie zum Kasernentor hin.
Er fühlt sich entsetzlich unfrei, und doch tut ihm die Mutter leid. Aber, was soll er hier mit ihr anfangen?
„Ich muß jetzt wieder zurück, Mutter. Aber ich bekomme sicher Urlaub; denn die anderen haben sich auch schon oft Urlaub geben lassen. Ich telephoniere dir nach dem ‚Schwan‘. Auf Wiedersehn, Mutter!“ Und bevor sie noch beim Posten angelangt ist, ist er schon außer Sehweite.
Sie geht ein Stück die Straße entlang und ist wie benommen. Eine Sekunde lang hat sie das Gefühl: ‚Das war er ja gar nicht! Dieser braungebrannte, nach Heu und Stall duftende Soldat war doch nicht Ernst — der zarte, liebenswürdige, schüchterne Ernst!‘ Aber er war es doch, und sie muß wieder an Großmutters Worte denken: „Der Junge wird jetzt ein Mann, der hat fürs erste mit der Mutter nichts mehr zu tun.“
Sehr langsam geht sie weiter und kommt auf den schwarzen Husarenweg. Die Sonne ist fort, und flach und reizlos dehnt sich das Land vor ihr aus. Weit kann der Blick hier schweifen, aber vor ihren Augen ist ein Schleier.
„Ernst — Ernst!“
Sie fühlt wieder diese heiße, wehe, instinkthafte Liebe für ihn — diese selbstverständliche Naturliebe, die auch ein Tier für sein Junges, das ihm entrissen werden soll, empfinden mag.
Wer hat ein Recht, ihr den Jungen zu nehmen? Oft schon in dieser Zeit seit Ausbruch des Krieges hat es so in ihr getobt, hat eine Stimme in ihr geschrien: ‚Der Junge ist mein — mein — mein! Wer hat ein Recht, ihn mir zu nehmen?‘ Und hat dann, wenn der Aufruhr im armen, gepeinigten Herzen vorüber war, den Kopf geneigt und hat an die tausend und aber tausend Mütter im Deutschen Reich gedacht, die all dasselbe schwere Opfer darbringen. Und hat auch Zeiten gehabt, in denen sie ganz ruhig, ganz groß zu denken vermochte; in denen sie sich stolz und glücklich fühlte, weil ihr Sohn mittun durfte im gewaltigen Völkerringen, hat wundervolle Zeiten gehabt, in denen sie empfand, daß es schön und herrlich ist, dem bedrängten Vaterland das Beste und Einzige, was man besitzt, darzubringen.
Jetzt, da sie im grauen Abenddämmer in der fremden Stadt auf dem schwarzen, staubigen Weg langsam dahingeht, ist aber all das Große und Schöne von ihr abgefallen.
Sie ist hierhergekommen, um ein heimwehkrankes zartes, bekümmertes Kind ans Herz zu nehmen, und hat einem gesunden, fast derben Soldaten gegenübergestanden.
Auch das tut weh, daß sie ihn so sehen mußte — so wenig schön, so ungepflegt, so derb.
Sie geht und geht und weiß nicht, wohin. Tiefer senken sich die Schatten; vor ihr liegt unbebautes Feld, und es ist sehr, sehr einsam. Kein Mensch ist in der Nähe, und leise Angst kommt in ihr auf.
Sie geht denselben Weg, den sie kam, zurück. Staubwolken wirbeln, und ein Hirt kommt mit großer Schafherde durch den schwarzen Staub daher. Der Hirt strickt an einem Strumpf. Das hat sie noch nie gesehen; nur aus Erzählungen weiß sie, daß es strickende Hirten gibt. Aber friedlich mutet sie das Bild dieses graubärtig strickenden Mannes an. Friedlich auch der Zug der heimkehrenden Schafe und der beiden Hunde, die, ohne zu bellen, um die Herde herumkreisen. Wie ein Märchen so seltsam! Einen wunderbaren Kontrast bildet dies stille Bild zu all dem wilden Rasen draußen in der Welt.
Ihr Herz ist ruhiger geworden. Aus der halben Dunkelheit ragt das alte Tor ehrwürdig und gigantisch vor ihr auf. Und dann ist sie plötzlich in einem lustigen Treiben mitten drin. Husaren in der graugelben Uniform, die auch ihr Ernst trägt, eilen durch die Straßen; auf hohen Heuwagen sieht sie die bunten Husaren sitzen, und auf Rädern fahren sie an ihr vorüber. Froher wird ihr zumute, und sie weiß nun auch, warum sie vorhin so sehr enttäuscht war. Der graue, schmutzige Drillichanzug mag sein Teil daran gehabt haben. Der Mensch hängt am Äußeren, und eine jede Mutter mag Schmerz empfinden, wenn sie ihr Kind so unschön und so nachlässig im Äußeren findet. Sie ist wieder ganz elastisch geworden. Ein kleiner Junge, dem sie ein Geldstück verspricht, führt sie zum ‚Schwan‘. Man weist ihr ein behagliches Zimmer an. Ernst meldet telephonisch, daß er Urlaub erhalten hat, und eine halbe Stunde später hört sie Sporengeklirr vor ihrer Tür.
Da steht ihr Junge — schmuck in der gutsitzenden Uniform und den hohen Reiterstiefeln mit der gelben Einfassung! Er wirft seine Mütze auf den Tisch und umarmt die Mutter jetzt ohne Scheu — kindlich und zärtlich wie früher.
„Jungchen — mein Jungchen!“
Die Haare sind kurz abgeschoren, und auf der Oberlippe ist ein ganz leichter Flaum von dunkelblonden Härchen zu sehen. Viel männlicher ist er geworden! Stramm, mit leuchtenden Augen steht er da.
„Wie gefalle ich dir, Mutter?“ Er tritt vor den großen Spiegel und staunt sich selbst an. Denn in der Kaserne hat er keine Gelegenheit, sein Bild in Lebensgröße zu sehen. Sie schaut ihn an und weiß nicht, was sie sagen soll; ihr Herz ist stolz und doch noch voll Schmerz.
„Unten wartet ein Kamerad von mir,“ sagt er dann. „Er heißt Hipp und ließ mir keine Ruhe, bis ich ihn mitnahm. Wenn sein Vater ihn mal besucht, lädt er mich auch ein.“
Sie ist sehr enttäuscht. „Ach, Ernst, an diesem ersten Abend willst du nicht mit mir allein sein?“
„Das ging nicht anders, Mutter. Aber wir können uns ja auch so alles erzählen. Hipp ist ein ganz netter Kerl. Wir haben aber nur eine Stunde Urlaub, und wenn wir noch essen wollen, müssen wir hinuntergehen.“
Da kamen ihr schon wieder Großmutters Worte in den Sinn: ‚Der Junge muß jetzt ein Mann werden, der hat fürs erste mit der Mutter nichts mehr zu tun.‘
Das fremde Hotelzimmer grinst sie höhnisch an, als sie es wieder betritt. Neun Uhr schlägt’s von der Kirche, die nur durch ein drei Meter breites Gäßchen vom ‚Schwan‘ getrennt ist.
Eine kurze Stunde hat sie unten im Speisesaal mit den zwei gesessen — ist nicht aus dem Staunen, aus dem Schmerzgefühl herausgekommen. Ihren Jungen hat sie angesehen, wie man einen Menschen, den man vor Jahren einmal genau kannte, und der einem dann irgendwo in sehr veränderter Gestalt entgegentritt, vielleicht anschauen würde.
Der dicke, etwas gewöhnlich aussehende Hipp mit seinem gesunden, naseweisen Witz stößt sie ab; er stößt sie doppelt ab, weil sie sieht, wie ihr Junge ganz unwissentlich seine Art anzunehmen versucht. Ernst hat zu Hause selten einen Witz erzählt, und wenn er es tat, so wartete er den Erfolg nicht ab. An diesem Abend kommt viel ungereimtes Zeug aus seinem Munde. Es ist, als wolle er der Mutter zeigen: ‚Sieh, was aus mir geworden ist, seit ich von dir fort bin!‘ Es kann aber auch sein, daß er sich gar nichts denkt; es kann sein, daß er in ganz jungenhafter Weise dem Kameraden beweisen will, daß er kein Muttersöhnchen ist.
Sie weiß an diesem Abend nicht, was sie aus ihm machen soll. Sie weiß nur, daß sie traurig ist.
Die niedrigen Fensterchen ihres Zimmerchen stehen weit offen. Kühle Sommerabendluft strömt zu ihr hinein. Sie sitzt auf dem roten Samtsofa und stützt den Kopf in die Hand.
Morgen will sie noch nicht reisen; für morgen hat er sich noch einmal Urlaub geben lassen. Übermorgen aber hat es schon keinen Zweck mehr für sie, hier in der fremden Stadt zu sitzen. Was dann? Wohin soll sie denn?
Sie hat grenzenlose Angst vor der Einsamkeit in Berlin; sie hat Angst vor der Wohnung, in der alles an die so kurz verflossenen Zeiten erinnert. Wenn sie da in ihrem Zimmerchen sitzt, wird sie ewig auf Ernsts Schritte lauschen; bei jedem Klingeln wird sie zusammenschrecken.
Sie kann zur Großmutter fahren; die hat ihr ja gesagt, daß niemand ihr die Türen weiter öffnen wird, als sie und Großvater es tun. Gott, sie kann schließlich auch zu anderen Freunden gehen — wenn sie fühlt, daß sie unter Menschen sein muß. Aber sie denkt nur an die zwei, für die sie in all den Jahren gelebt hat, und die ihr so plötzlich genommen werden.
Warum — wodurch wurden sie ihr genommen?
Man vergißt den großen, allgemeinen Schmerz immer wieder über dem eigenen Kummer — man liest in den Zeitungen, man denkt an jene, die draußen im heißen Ringen liegen, und bringt es doch immer wieder fertig, zu sich selbst, zum eigenen kleinen Leid zurückzukehren.
Erbärmlich, daß man so ist!
Sie hebt den Kopf und fühlt sich freier; tritt zum Fenster und schaut auf den leeren Marktplatz, der vor ihr liegt. Groß und dunkel ragt die Kirche auf; davor ein Gebäude mit reichgeschmückter Fassade und zackigem Giebel. Das wird das Rathaus sein. Links davon eine Rolandsstatue, steif und hager; wirft einen langen, dünnen Schatten auf den von Gaslaternen erleuchteten Platz. Still ist’s, der Himmel wölbt sich hoch und feierlich.
Hin und wieder treten Menschen vor ein großes, rotes Plakat, das in einem schwarzen Kasten hängt, stehen eine Weile und gehen wieder auseinander. Die Pferdebahn rasselt mit Schellengeklirr und Peitschenschlag über einen Schienenstrang, der mitten über den Platz hinweg in ein enges Gäßchen führt. Aus den Fenstern der Häuser wehen Fahnen — große und kleine, und der Sommerwind bewegt sie, daß sie sich hoch aufbauschen und lautlos wieder in sich selbst zusammensinken.
Der Tag eines großen Sieges! Wie das am frühen Morgen in die Höhe gerissen hatte, um doch einen so grauen Abend folgen zu lassen!
Warum war der Abend grau? Warum ist das Herz zerrissen? Weil sie statt eines trostbedürftigen Kindes einen lustigen, gesunden Jungen vorgefunden hat! Weil der Junge es fertig gebracht hat, sich ohne weiteres in fremde Verhältnisse einzufügen, und anfängt, sich darin wohl zu befinden?
Das muß doch so sein — das ist doch wunderschön, daß es so ist! sagt ihr Verstand, aber das Herz zuckt.
Der Junge will fürs Vaterland kämpfen — muß also ein Mann werden und ist auf dem besten Wege dazu. Er war vor Wochen noch weich und schmiegsam wie ein Kind, und heute hat sie gefühlt, daß sich etwas in ihm zu härten beginnt.
Was kann sie Besseres wollen?
Warum aber um alles in der Welt hat er ihr denn die wehmütige Karte geschrieben? Warum um ihren Besuch gebeten?
Darauf findet sie keine rechte Antwort. Er sah doch an diesem Abend wirklich nicht aus, als habe er vor ganz kurzer Zeit eine schwache, heimwehkranke Stimmung gehabt!
Er hat von seinem Pferd erzählt wie von einem guten, lieben alten Freund; er hat die Wachtmeister nachgeahmt und von seinen Schießerfolgen berichtet. Dabei haben seine Augen geleuchtet, und er hat mit einem Bärenhunger gegessen.
Soll das alles nicht wahr sein? Soll das alles nur etwas Angenommenes, Aufgezwungenes sein? Und hinter der Maske steckt vielleicht doch noch ihr kleiner, zarter, zum Grübeln geneigter Junge — ihr weicher Ernst?
Tiefer wird das Dunkel draußen; vom Kirchturm hallen dunkle, schwere Glockenschläge.
In diesem kleinen Städtchen kommt die Nacht früher als im großen Berlin. Im ganzen Hotel ist Totenstille, in allen Häusern rund um den Marktplatz sind die Lichter erloschen.
Aus ihrem Herzen will das Weh nicht heraus. Sie ist auch nicht fähig, sich zur Größe aufzuraffen. Es ist ihr, als lebe sie in der Vergangenheit, als habe sie in einem Buch von den Geschehnissen eines großen, furchtbaren Krieges gelesen.
Daß es jetzt — in diesen Augenblicken, während dieser stillen Nacht draußen in der Welt tobt, kann sie heute nicht mehr fassen.
Der Besuch bei der Großmutter — die aufgeregte Rückfahrt, die bange, furchtbare Nacht, die folgte, der Abschied im grauen Kasernenhof, die abziehenden Massen, die Musik, die Rede, Ernsts Karte und die Fahrt hierher, das Wiedersehen mit ihm — all das fließt jetzt in ihrem milden Kopf zu einer einzigen, schweren, traurigen Melodie zusammen. — —
Am nächsten Morgen kommt Ernst um die Mittagszeit zur Mutter. Er hat ohne viel Umstände drei Stunden Urlaub erhalten, trägt wieder die Extrauniform und sieht auch heute wohl und männlich aus.
Und doch, es ist etwas an ihm, was sie gestern vermißt hat. Eine ganz kleine Unsicherheit — etwas Hilfloses — so, als ob er gern über eine Sache sprechen möchte und könnte die Worte nicht finden. Er ist auch viel natürlicher und zärtlicher heute. Sie sitzen nebeneinander auf dem roten Samtsofa, und Ernsts Hand hat die der Mutter umspannt. Die Attila mit dem hohen Kragen zwingt ihn zu guter Haltung. Sein Kopf lehnt an ihrer Schulter.
„Es geht dir also wirklich gut, Ernst?“ fragt sie und sieht ihm in die Augen, die auszuweichen versuchen.
Er hat an diesem Morgen Unglück gehabt, ist zweimal über den Kopf seines Pferdes hinausgeflogen, und ‚Vize‘ Peters hat ihn eine volle Stunde nicht locker gelassen. Die Siegerstimmung vom gestrigen Tag ist also verflogen. Er hat geglaubt, alle Hindernisse überwunden zu haben, und ist in die Misere der ersten Tage zurückgeschleudert worden.
Das frißt an ihm — das hat seinen so hochgewachsenen Stolz verletzt.
„Ja, es gefällt mir gut!“ sagt er zur Mutter. „Es ist natürlich eine furchtbare Schinderei; aber sonst ist es wirklich schön!“
Aber wie er so neben der Mutter sitzt — ganz allein mit ihr — und wie sie ihm mit der Hand übers glatt geschorene Haar fährt und ihn auf die Stirn küßt, wird ihm weh zumute. Es ist so rauh und laut da draußen in der Kaserne. Man ist gar kein Mensch für sich — man ist eine Nummer. Alles Gute muß man sich für Geld erkaufen. Schmiert man die alten Leute, so sind sie hilfreich und freundlich. Gibt man ihnen nichts, so fangen sie an, zu schikanieren. Man hat auch gar keine Zeit zum Denken oder Lesen; man verdummt ordentlich. Nicht einmal die Kriegsberichte erfährt man — höchstens, wenn ein großer Sieg ist.
Nein — nein — nein! Ernst will nicht klagen. Ernst ist zur Mutter gekommen mit dem festen Vorsatz, ihr alles in rosigen Farben zu schildern. Er fühlt sich ja auch gar nicht unglücklich; um keinen Preis der Welt würde er dies Leben aufgeben. Aber er ist’s nun einmal gewohnt, der Mutter alles, was ihn bewegt, zu sagen. Es kommt einfach von selbst aus seinem Mund. Er weiß selbst nicht, was er sagt.
Die Mutter küßt ihn, und er legt ihr die Arme um den Hals. In ihr Herz zieht ein Glücksgefühl. Er ist also doch noch ihr Junge, dieser kleine Soldat in der bunten Uniform mit dem steifen Kragen und den hohen Reiterstiefeln!
„Übrigens handelt sich’s ja nur um Wochen, die wir hier in der Kaserne auszuhalten haben!“ sagte er dann viel froher und richtet sich auf. „Wenn wir erst im Feld sind — — hat die Schinderei von selbst ein Ende.“
Da kommt ihr das ganze Furchtbare der heutigen Zeit wieder zum Bewußtsein. Diese blutjungen Menschen, die sich hier drillen lassen, haben die höchste Mission, die ein Mensch haben kann — sie werden mit all den Abertausenden, die schon draußen sind, fürs bedrängte Vaterland kämpfen, sie ziehen hinaus, um Blut und Leben hinzugeben, um sich vielleicht zum Krüppel schießen zu lassen.
Sie sieht ihren kleinen Ernst an. Weiß so ein Junge wohl, was er zu tun im Begriffe ist? Weiß er, was seiner harren kann? Sie weint plötzlich auf.
„Was hast du, Mutter?“ Er ist ganz außer sich, er glaubt ihr durch seine Klagen das Herz schwer gemacht zu haben.
„Es ist wirklich nicht schlimm, Mutter. Im Gegenteil, es ist eigentlich sehr schön. Man muß nur erst sicher auf seinem Gaul sein. Ich hab’ doch auch noch nie zuvor auf einem Pferd gesessen.“
„Es ist nicht deshalb, Ernst.“
„Was denn sonst?“ Er legt ihr den Arm um die Schulter und ist gut und zärtlich, wie er es früher gewesen ist.
„Ich möchte bei dir bleiben. Die paar Wochen, die du noch hier bist, möchte ich in deiner Nähe sein!“
„Das geht nicht!“ sagte er fast hart, denkt dann einen Augenblick nach, und das Mitleid steigt in ihm auf.
„Ich bekomme ja gar nicht so viel Urlaub, und von der Kaserne ist’s eine halbe Stunde bis zum Hotel.“
Sie sagt nichts mehr. Vom Kirchturm schlägt die Glocke. Ein Uhr. Der kleine Husar ist hungrig. Früher hat er sich gern ein paarmal zum Essen rufen lassen; jetzt ist er es, der drängt, in den Speisesaal zu gehen.
Am ersten Tisch sitzt der alte Infanterieoberst, den Hiller nun schon kennt; vor dem macht er Front — grüßt noch nach zwei anderen Tischen hin und sitzt dann mit der Mutter in einer Nische.
Nun ist er wieder der, der ihr in den paar kurzen Wochen völlig entwachsen ist, von dem sie sich gar nicht vorstellen kann, daß er noch vor ganz kurzer Zeit mit seinen Büchern unterm Arm zur Schule schob. Ein ganz fertiger Mensch ist er, wie er so hier in seiner Uniform bei ihr sitzt. Er ißt mit demselben famosen Appetit, mit dem er gestern abend gegessen hat, und erzählt lauter lustige Dinge.
Sie sucht sich ihm anzupassen, auf seine Scherze einzugehen, aber das Weh im Herzen will nicht weichen. Heute abend oder morgen früh fährt sie fort von ihm. Er wird es kaum empfinden. Vielleicht, wenn wieder einmal eine schwache Stunde über ihn kommt, wird er ihr ein wenig zärtlich schreiben, wird um ihren Besuch bitten. Wie furchtbar schnell wird eine Mutter überflüssig für ihr Kind!
Sie denkt an die eigene Vergangenheit. Hat sie’s anders gemacht? Hat sie an der Mutter Trauer gedacht, als sie dem Mann, dem man sie nur ungern gab, folgte?