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Der Kriegsfreiwillige

Front matter (continued 4)

Reading edition

„Und wenn Sie nun die Gewißheit hätten! Wenn jemand ihnen mit Bestimmtheit sagte: Er lebt nicht mehr! Er hat den schönsten Tod, den ein Mensch finden kann, erlitten!“ sagt sie unsicher und erregt.

Die Frau sieht sie ungläubig an; das blasse Gesicht verzerrt sich. Aber dann geht eine Veränderung mit ihr vor. Sie weiß nun auf einmal, warum die fremde Frau zu ihr herausgekommen ist in ihr armes Stübchen. Sie begreift mit einem Male alles. Die aus dem Hause haben es längst gewußt und haben nicht den Mut gehabt, ihr die Wahrheit zu sagen. Da haben sie die Fremde hier heraufgeschickt. Sie zweifelt keinen Augenblick mehr. Der Mann ist tot. Sie ist Witwe, das Kind ist Waise. Ein einziges Jahr des Glückes — dann aus!

Sie sagt nichts mehr. Übers bleiche Gesicht strömen Tränen. Sie läßt ihre Hand in Frau Hillers Händen.

Still ist’s um die beiden — fast dunkel im Zimmer. Aus dem Nebenraum tönt das Ticken einer Uhr.

Tiefer Frieden hier drinnen. Aber draußen in der Welt tobt die Wut der Völker weiter; was gilt der einzelne Mensch, der unter den Millionen, die sich in wildem Haß bekämpfen, steht? Fällt er, so fällt er; sein ist die Ruhe. Aber jeder, der da draußen sein Leben läßt, stirbt nicht für sich allein. Jede Wunde, die auf dem heißen Felde geschlagen wird, reißt schlimmere Wunden bei denen, die zurückblieben, die sich im Alltag weiterschlagen müssen!

Wer ist schlimmer daran? Wer hat das größere Leid getragen? Der arme Trompeter ist als Held gestorben, ist erlöst! Wenn man es noch fertigbringt, an eine Gerechtigkeit jenseits dieser unharmonischen Welt zu glauben, wird er zu ewiger Glückseligkeit gelangt sein. Die Frau aber mit dem Kind hat ein langes, schweres, graues Leben vor sich.

Frau Hiller fühlt, wie die Hand in der ihren schlaff wird. Sie beugt sich über das weiße Gesicht. Die Augen sind geschlossen. Ruhige Atemzüge — ein guter, friedlicher Zug um den Mund. Sie schläft.

Durchs Nebenzimmer schlurft die alte Pflegerin und kommt ans Bett. Frau Hiller löst ihre Hand von der der Schlafenden. „Haben Sie ihr’s gesagt?“ fragt die Frau und atmet erleichtert auf.

Sie bringt Frau Hiller bis zur Treppe. „Na, nun wird’s ja bald gut werden. Der Mensch kann alles aushalten — nur Ungewißheit nicht!“

Unten im Flur springt Mirza an ihr hoch. Der kleine Husar steht in der Küche bei den Wachtmeistersleuten, denn er hat eine freie Stunde und will mit der Mutter zu Nacht essen.

Strahlend erzählt er, daß sie gegen Typhus geimpft wurden. „Eine ganze Menge ist schlapp geworden!“ erzählt er. „Nun weiß man doch wenigstens, daß die Sache in Gang gebracht wird — daß man in absehbarer Zeit hinauskommt!“ Im dritten Monat sind sie in der Kaserne; das soll einer aushalten. Man putzt Pferde und Knöpfe und Sattelzeug fürs Vaterland, und bei den anderen Regimentern haben die Freiwilligen schon große Schlachten mitgeschlagen und Eiserne Kreuze erworben.

Nun kommen die Russen also doch ins Altmärkische Städtchen. Die Wasserleitung ist bis zu den großen, durch doppelten Stacheldraht eingezäunten Plätzen hinausgelegt worden. Hohe elektrische Bogenlampen bestrahlen die weiten Flächen, auf denen jetzt Tag und Nacht gearbeitet wird. Baracken sind notdürftig aufgebaut, eine große Küche ist eingerichtet worden. Kaufleute aus der Stadt erzählen von gewaltigen Aufträgen, die sie zur Verpflegung des Russenlagers erhalten haben.

Alle Welt spricht nur noch von den Russen! Wie mögen sie aussehen? Man freut sich und fühlt doch ein leichtes Grauen. Fünfzehntausend Mann sollen gebracht werden! Eine ganze Horde Feinde in allernächster Nähe!

Eines Tages, als die Freiwilligen sich zum Abendapell versammeln, bekommen sie einen Befehl, der sie mit Freude erfüllt. Sie haben ihre Pferde zu satteln, werden zum Bahnhof reiten, um die Russen, die am späten Abend eingeliefert werden sollen, in Empfang zu nehmen. Das Gesicht der jungen Menschen leuchtet auf. Endlich etwas Kriegerisches! Endlich mal einen Auftrag, der unmittelbar mit dem Krieg zusammenhängt!

Aber der Wachtmeister legt ihnen einen Dämpfer auf. Ernst und würdig müssen sie den Feind empfangen. Keiner darf reden — keiner irgendwelche Teilnahme bezeigen. Mit gefällter Lanze und geladenem Karabiner haben sie auf ihrem Pferd zu sitzen und langsam den Zug zu begleiten. Geschieht etwas Unerwartetes, geht die Sache nicht glatt von sich, so haben sie auf Befehl von der Waffe Gebrauch zu machen.

Die Russen kommen also doch. Tag und Stunde der Ankunft sollte Geheimnis bleiben im Städtchen. Aber man hat es doch erfahren. In einer kleinen Stadt erfährt man eben alles. Wozu sollten die Absperrungsmaßregeln am Güterbahnhof getroffen worden sein, wenn nicht für die Ankunft des Feindes? Die Russen kommen! — die die Russen kommen!! — jedes Kind weiß es.

Aber alles Interessante in dieser Zeit geschieht bei Nacht; Mannschaften und Pferde, die ins Feld ziehen, alles wird bei Nacht transportiert. Vor kurzem sollen fünfhundert gefangene Franzosen durchgekommen sein und am Bahnhof eine Stunde gelagert haben. Auch in der Nacht! Kein Mensch hat etwas von ihnen gesehen! Aber die gefangenen Russen wird man sehen, denn die bleiben ja nun für lange Zeit am Ort. Solange der Krieg dauert, bleiben die hier, und der Krieg kann noch lange dauern. Kein Mensch glaubt mehr daran, daß Weihnachten Friede ist.

Die Deutschen wollen jetzt gar keinen schnellen Frieden mehr! Sie wollen bis zum Äußersten durchhalten! Was England dem Deutschen Reich anzutun gedachte, das werden die Deutschen nun den edlen Briten zufügen! Der Haß gegen die Engländer lebt bis ins kleinste Kinderherz des ganzen deutschen Vaterlandes hinein.

Man freut sich, wenn Russen oder Franzosen Niederlagen erleiden und große Verluste haben. Der kleinste Triumph aber über England löst ungeheuren Jubel aus.

So feig ist der Brite, hat seine Flotte in die Irische See gebracht und wagt sich zu keinem Angriff vor.

Deutschland soll angreifen, soll sich preisgeben, soll plump hereinfallen. England lebt nur noch von Lüge und Betrug.

Die erste Nation der Welt hat sich die Lüge zur Politik gemacht. Ob die Welt das duldet? Ob England sein Ansehen unter den Völkern behaupten wird, wenn dieser gewaltige, unselige Krieg einmal zu Ende ist? Die Kinder im Städtchen, die auf den Plätzen und in den Anlagen Krieg spielen und die Rollen der Feinde untereinander verteilen, geben sich gern dazu her, Franzosen, Russen oder Belgier zu sein. Den Engländer aber will keiner abgeben; wer im Spiel Engländer sein muß, der schämt sich und verlangt dafür, daß er beim nächsten Spiel Deutscher sein muß.

Frau Hiller steht mit Fräulein Else in der Tür des Hauses, als die Freiwilligen aus dem Kasernentor herausreiten. Wie ihr kleiner Ernst nun schon sicher auf dem Pferd sitzt! Er nickt der Mutter zu, und der große Zug schmucker Husaren, den Karabiner über der Schulter, die Lanze im Arm, bewegt sich die lange Straße hinab, dem Bahnhof zu.

Fräulein Else hat den lebhaften Wunsch, sich die Sache anzusehen. Am Bahnhof ist natürlich alles abgesperrt, da kann man nicht durch. Aber wenn man mutig ist, geht man zum Lager selbst hinaus. Es ist ja nicht gefährlich, denn der Mond scheint, und draußen beim Lager brennen die hohen Bogenlampen.

Aus der Kaserne kommt der junge Arzt, der die Wachtmeistersleute hin und wieder besucht und mit ihnen in der Küche Kaffee trinkt. Fräulein Else läuft ihm entgegen und bringt ihr Anliegen vor.

Der Arzt ist selbst auf dem Wege zum Exerzierplatz. Er hat das Amt, nach den leichtverwundeten Russen, die schon am Morgen ankamen und im großen Saal eines Bierrestaurants, dicht beim Lager, untergebracht sind, zu sehen. Er begrüßt Frau Hiller und erklärt sich bereit, die Damen zu begleiten. Mirza läuft mit ihnen.

Es ist eine kühle, sternklare Nacht, und sie biegen gleich links von der Kaserne in einen schmalen Weg ein. Rings um sie herum sind Felder; ein Bächlein rieselt da durch, der Mond gießt weiches Licht auf die Erde, und der Arzt erzählt von den Einrichtungen, die für die Russen getroffen worden sind. Am Bahnhof, in einem Lazarett, liegt eine Anzahl Schwerverwundeter. Ein paar von ihnen werden in allernächster Zeit ihren Wunden erliegen. Entsetzliche Verletzungen haben sie davongetragen.

Arme Teufel! Es ist eine Grausamkeit, daß man sie leiden läßt, daß man sie nicht erlösen darf, da man doch genau weiß, daß sie in ein paar Stunden oder Tagen unter namenlosen Qualen sterben müssen.

Frau Hiller hat sich in Fräulein Elses Arm gehängt, denn sie gehen über Stoppeln, und das Mondlicht tanzt unsicher auf dem holprigen Boden. Es ist ein weiter Weg bis zum Russenlager hinaus; alles totenstill um sie her, kein Mensch begegnet ihnen, nur Mirza bellt hin und wieder, wenn er irgendwo etwas Lebendiges wittert.

Dem Russenlager gegenüber erhebt sich ein kleiner Hügel; wenn man da hinaufsteigt, überschaut man den ganzen, weiten Platz wie ein Theater. Der junge Arzt zieht die Uhr. „Die Damen werden noch eine gute Stunde warten müssen,“ sagt er. „Sind Sie nicht ängstlich?“

Nein, ängstlich sind sie nicht! Wer soll ihnen etwas tun, sie haben ja auch Mirza bei sich, und wenn er auch nicht viel ausrichten kann, so würde er doch wenigstens bellen, wenn sich etwas Verdächtiges zeigte.

„Aber es ist kalt, und es wird Ihnen noch etwas langweilig werden, so lange dem leeren Platz gegenüberzustehen. Wenn Sie Lust und Mut haben, so kommen Sie mit mir und schauen sich an, wo wir unsere leichtverletzten Feinde untergebracht haben!“

Fräulein Else kämpft mit einem leisen Unbehagen, aber Frau Hiller ist freudig überrascht. Nicht Neugierde drängt sie, aber in der Nacht denkt sie oft über das Schicksal der Gefangenen, die krank ins Land ihrer Feinde kommen, nach. „Wenn ich nur einen Blick in den Saal werfen darf!“ Sie nimmt dankbar das Anerbieten des jungen Arztes an.

Er führt sie ein Stück Weges zurück durch einen Garten, in dem den Sommer über Tische und Bänke standen, und wo sich lustiges Leben abzuspielen pflegte. Jetzt ist alles dunkel und einsam.

Ein paar Stufen führen zum Eingang des Hauses hinan; man geht durch den Restaurationsraum, in dem ganz wenige Gäste sitzen, und kommt in den großen Tanzsaal. Starker Karbolgeruch dringt ihnen entgegen, und Fräulein Else hält sich die Nase zu. „Hu, wie das riecht!“

Der Arzt geht voran, und die beiden Frauen bleiben am Eingang an einer Säule stehen. Von der Decke herab hängen große Lampen, die weißes Licht ausstrahlen. An der Erde, auf Matratzen, die eilig hierhergeschafft wurden, weil man nicht auf so viele Kranke gerechnet hatte, liegen die Verletzten; in voller Uniform liegen sie da, und einige haben sogar die Mütze auf dem Kopf.

Seltsam mutet dies Bild an — traurig — öd — unfreundlich! Die Lazarette, die in der Stadt sind, haben weiße Betten und weiße Möbel, alles wirkt da hell und freundlich, so daß man das sichere Gefühl hat: der hier liegt, muß gute und friedliche Gedanken bekommen.

Dieser Saal aber, der so hastig hergerichtet werden mußte, hat etwas Beklemmendes. Aber sie liegen zum wenigsten warm. Sie haben Pflege und reichliches Essen. Gott mag wissen, ob es den Unseren, die als Gefangene in ihr Land kommen, ebenso gut ergehen mag.

Der Arzt tritt an einen Tisch, an dem zwei junge Leute mit dem Abzeichen des Roten Kreuzes auf dem Arm stehen. Er läßt sich Bericht erstatten und geht dann von Bett zu Bett. Die meisten der Gefangenen sprechen deutsch, und einige von ihnen sehen intelligent aus.

Auf der Matratze eines Schlafenden sitzt ein junger Mensch, der den Kopf in die Hand gestützt hat. Von ihm kann Frau Hiller ihre Blicke nicht lösen, denn etwas unsäglich Trauriges geht von ihm aus. Man soll kein Mitleid mit den Feinden haben! Man soll an die Greueltaten, die sie schon in unserer Heimat angerichtet haben, denken. Was wollen sie denn mehr als das, was man ihnen hier bietet: ein warmes Lager, Essen und Trinken und die nötige Pflege? Geht es uns etwas an, ob sie sonst noch leiden, ob sie Heimweh haben, ob ihre Seele belastet ist?

Der junge, energische Arzt tritt an das Bett des Schlafenden und rüttelt den, der wie weltentrückt dasitzt, an der Schulter. Der fährt auf und sieht den Arzt erschrocken an. Er hat nur einen Streifschuß an der Hüfte und ist schon fast ganz wiederhergestellt. In einem Tag oder zwei wird er zu den anderen ins Lager kommen. Der Schlafende scheint doch aber eher zu den Schwerverletzten zu gehören; der hat einen Lungenschuß und sein Atem geht röchelnd.

Der Arzt sieht ihn an und läßt ihn schlafen, dann tritt er zu den Frauen Er erklärt Frau Hiller die einzelnen Fälle. Der junge Mensch, der wieder in seiner versunkenen Stellung, den Kopf in die Hände vergraben, dasitzt, ist der Bruder des Schlafenden. Der Arzt hat sich am Morgen mit ihm unterhalten, denn er spricht deutsch ebenso geläufig wie russisch, und hat ihm mitgeteilt, daß er ganz nahe der Grenze zu Hause sei. „Wollen Sie sich mal von ihm selbst seine Geschichte erzählen lassen?“

Fräulein Else machte entsetzte Augen, und auch Frau Hiller möchte abwinken. Aber der Arzt ist schon zu dem jungen Menschen hingegangen und kehrt mit ihm zu den zwei Frauen zurück. Er hat ein sympathisches Gesicht, und man sieht sogleich, daß er kein gewöhnlicher Mensch ist. Er sieht jetzt auch gar nicht mehr so schwermütig aus und erzählt fließend und anscheinend gern, wie er in den Krieg gekommen ist.

Er und sein Bruder, der hier liegt, waren Beamte auf einem großen Gut, hatten Urlaub bekommen und waren gerade im Begriff, zu Eltern und Geschwistern in die Stadt zu fahren. Da heißt es: „Großes Manöver!“ Man rüstet sich und denkt: In drei Tagen ist man frei! Da steht man auch schon dem Feind gegenüber. Entsetzlich! Kein Mensch hat ihnen etwas vom Krieg gesagt! Wochenlang liegen sie hinter Wällen — immer er mit dem Bruder zusammen — schlechtes Essen — trübe Nächte, und die Deutschen schießen wie die Verrückten! Ende September haben sie sich ergeben — der Bruder mit einem Schuß in den Rücken, er mit der Hüftwunde, die schon fast ganz ausgeheilt ist.

Mit dem Bruder war es anfänglich auch nicht so schlimm; er konnte noch ganz gut gehen und sitzen, aber der lange Transport hat ihm geschadet — nun muß er vielleicht sterben! Da nimmt das Gesicht wieder den schwermütigen Ausdruck an. Die Angst um den Bruder mag ihm das Herz zuschnüren, denn man sieht und fühlt aus allem, daß er den Bruder zärtlich liebt. Er ist noch blutjung und hat ein kluges Gesicht. Nun erfährt er nichts mehr vom Krieg, wird nicht hören, wie es um sein Land steht, und wie lange die Gefangenschaft dauert!

„Danke,“ sagt der Arzt in dem Augenblick, in dem der junge Mensch anfängt von seinen Gefühlen zu reden. Das klingt schroff, und Frau Hiller und Fräulein Else sehen ihn vorwurfsvoll an. Kein Mitleid mit den Feinden! Frauen aber können sich schwer dem Mitleid verschließen!

Der junge Mensch sitzt wieder ganz versunken am Lager des Bruders. Was mag er nun gegen die empfinden, denen er Rede stehen mußte über das, was sie hören wollten, und auf deren Gebot er schweigen mußte, als das, was er zu sagen hatte, ihnen nicht mehr paßte?

Frau Hiller sieht zu ihm hin und stellt sich vor, daß ihr Junge eines Tages so im fremden Land sitzt, den Kopf in die Hand gestützt, das Herz voll Verzweiflung, und daß er vielleicht vorgerufen wird und Frauen aus Feindesland Rede stehen muß und fortgeschickt wird, sobald ihre Neugierde befriedigt ist. Sie schämt sich und hat das Gefühl, zum Leid eines armen Menschen noch Haß und Verbitterung gesellt zu haben.

Der Arzt zieht seine Uhr. Er hat in dieser Nacht hier nichts mehr zu tun und greift zu Hut und Mantel. „In einer Viertelstunde kann übrigens der Transport beim Lager ankommen, also gehen wir!“

Draußen atmen sie tief auf. Eine klare Nachtluft empfängt sie und kühlt den erhitzten Kopf. Mirza, der im Gastzimmer geblieben war, springt hoch an Fräulein Else in die Höhe. Die Sterne funkeln, und der Mond macht die Erde silbern. Es ist eine köstliche Spätherbstnacht!

Sie steigen auf den Hügel und sehen die Welt wie ein Märchen vor sich liegen. Weit dehnen sich die vom Drahtzaun eingefaßten Flächen vor ihnen aus, und die Bogenlampen werfen ein geisterhaftes Licht darüber. Zu allen Seiten sind weite Felder, und der Blick kann in die Unendlichkeiten schweifen. Nirgends ein Hemmnis, denn öd und flach ist das altmärkische Land!

Frau Hiller wendet sich der Seite zu, wo die Stadt mit ihren Kirchtürmen liegt. Ganz verschleiert nur sieht man die Umrisse. Es ist beklemmend still oben auf dem kleinen Hügel; keiner von den dreien spricht ein Wort, und Fräulein Else hat den frierenden Hund auf die Arme genommen. Ein leiser Wind raunt durch die letzten Blätter der Bäume, und hin und wieder schwirrt ein Vogel durch die Luft.

Frau Hiller ist es, als beginne ihre Seele zu fliegen — sie sieht Dinge, die noch kein Mensch gesehen; sie weiß und versteht Dinge, die niemand auf Erden begreifen kann. Ihr ist, als öffnen sich Tore vor ihr, die sich erst dem erschließen, der sein irdisches Leben abgeworfen hat.

So oft in diesen unseligen Zeiten, seit der Krieg begann, hat sie an allem, was sonst ihre Zuflucht gewesen, zu zweifeln begonnen: an dem Gott, der die Geschicke der Menschen in der Hand hält, der über Recht und Unrecht entscheidet. In dieser Nacht aber wird ihr ein Gnadengeschenk. Der Himmel öffnet sich ihr, und sie sieht in Pracht und Herrlichkeit hinein. Sie sieht mit den Augen eines Kindes, dem ein Märchen erzählt wird. Sie sieht Gott mit dem milden Antlitz und dem Glorienschein ums Haupt, wie ihn fromme Kinder sich vorstellen. „Wer sein Leben unschuldig hingibt, der wird hier oben bei mir die Seligkeit erlangen!“ hört sie ihn sagen. Da weiß sie wieder, daß das, was man sie in der Jugend lehrte, doch wahr ist. Die paar Jahre, die der Mensch hier unten auf der Erde hinzuwandern hat, die sind also nichts anderes als die Vorbereitung für die Ewigkeit da oben! Alle Menschen bekommen das in ihrer Kindheit gesagt, aber sie vergessen es, oder sie wachsen darüber hinaus. Und weil jeder nur an das eine Leben hier unten denkt, kommt so viel Böses und Hartes und Schlimmes in den Herzen auf, — darum auch ist der Neid und der Haß unter den Völkern so groß geworden — darum schlachten sich die Menschen jetzt hin! Jeder will für dies eine Leben, an das er glaubt, alles für sich zusammenraffen — keiner denkt an die Herrlichkeit da oben und darum will keiner arm und bescheiden und gut bleiben. Wie verblendet sind die Menschen geworden!

Der Arzt faßt Frau Hiller leise am Arm, und im selben Augenblick ist die Traumwelt versunken. Vom Dom und von der Marienkirche schallen Glockentöne: es ist Mitternacht.

Der Arzt deutet mit der Hand nach der großen Straße hin, die vom Tor hier heraus zu den Exerzierplätzen führt. In weiter Ferne hört man Pferdegetrappel, hört die Marschschritte der Gefangenen.

„Sie kommen! Sie kommen!“ ruft Fräulein Else und läßt Mirza aus ihren Armen gleiten.

Das Auge kann erst allmählich unterscheiden; man sieht etwas wie eine graue Schlange heranziehen. Es kommt näher und näher. Das Pferdegetrappel schlägt jetzt schon ganz deutlich ans Ohr, man kann die Umrisse der Reiter erkennen.

Ein Schauer geht durch die beiden Frauen. Der Krieg ist ihnen mit einmal ganz nahe gerückt! Der Feind, der Deutschland in Stücke zerhauen will, kommt als Gefangener ins Land! Man hat all die Tage gar nicht darüber nachgedacht, was das eigentlich so recht bedeutet. Auch vorhin bei den armen Verwundeten hatte man nicht das Gefühl eines Triumphes. Nun aber, da der Trupp näher und näher kommt, erschauert man unter der Größe des Augenblicks.

Sie sind schon ganz nahe! Zwei Vorreiter sind am Stachelzaun angelangt. Eine Tür wird geöffnet — eine Anzahl Soldaten bilden Spalier — die Husaren verteilen sich rund um den weiten Platz herum, und die ersten Russen betreten das Lager. Still alles ringsumher, nur das Marschieren der Truppen und das Aufschlagen der Pferdehufe ist hörbar.

Die Russen tragen braune Mäntel, die sich kaum vom Erdboden unterscheiden; sie fließen durch die schmale Tür auf den weiten Platz wie eine Masse, die eine Form füllen soll. Unabsehbar dehnt sich der Zug der Anmarschierenden hin; man hat gar nicht mehr die Empfindung, daß diese wogende Menge, die hier einzieht, aus einzelnen Menschen besteht. Man sieht nur noch das Ganze, das durch die enge Tür quillt, das anschwillt, das wie ein Meer auf und nieder wogt!

Werden sie alle Platz haben? Wird ein jeder ein kleines Stück Boden für sich finden, wo er sich zur Nacht ausstrecken kann? In Baracken und Zelten ist Stroh aufgeschüttet worden. Gegen Sturm und Kälte sind sie also genügend geschützt. „Viel zu human,“ sagt der Arzt, der zwischen den beiden Frauen steht. „Wer weiß, wie sie mit den Unseren umgehen, die in ihr Land kommen?“

Es ist gut für Frau Hiller, daß ihr Mitleid eingedämmt wird, daß sie es immer wieder hört: „Wie werden die Deutschen, die in Feindesland kommen, aufgenommen werden?“ Dann denkt sie an ihren Ernst — und das Herz wird hart gegen Deutschlands Feinde.

Aber immer wieder bricht der Schmerz und der Jammer um all das Leid, das in die Welt gekommen ist, in ihrer Seele hervor. Wer hat diesen furchtbaren Krieg gewollt? Wer hat die Brandfackel in die Welt geschleudert? Welcher verruchte Kopf ist es, der die Massen aufwiegelte — wessen Seele wird einst Verantwortung tragen müssen für das namenlose Leid, für den grenzenlosen Jammer, der jeden einzelnen, der doch nichts anderes als ein armes Werkzeug ist, trifft?

Die Husaren auf ihren Pferden stellen sich rund ums Lager auf, immer noch mit gefällter Lanze, immer noch zum Angriff bereit. Aber die Gefangenen gehen friedlich, wie Vieh, das in den heimatlichen Stall zieht, in ihr Lager hinein.

Von der Stadt her kommt der Landsturm angezogen; der hat die Wache zu übernehmen. Die Nacht ist vorgeschritten; ein Frösteln geht durch die, die oben auf dem Hügel stehen. Der Wind, der bislang wie ein Raunen durch die Kronen der Bäume gezogen ist, wird stärker. Am Himmel treiben Wolken, die Sterne sind verschwunden, und der Mond ist fahl geworden.

Nun ist der letzte Russe ins Lager eingezogen; die Tür schließt sich. Zwei Wachtmeister kommandieren die Husaren, die sich zu Reihen ordnen. Frau Hiller schaut auf den Zug, der sich zur Stadt bewegt.

Da kommt wieder das große Staunen in ihre Seele. Das Kind, das bislang ihr eigen war, ihr kleiner Ernst, ist einer von den Husaren, die hier eine so ernste, feierliche Mission verrichtet haben. Welcher mag es sein?

Jeder einzelne wird ein paar Sekunden lang von dem hellen Licht der Bogenlampen bestrahlt; aber sie hat ihren Jungen nicht erkannt!

Stolz und Schmerz kämpfen wieder gegeneinander. Der Stolz sagt: ‚Freue dich, daß du dem Vaterland einen Sohn zu geben hast!‘ Aber der eigennützige Schmerz sagt: ‚Ich habe ihn geboren — ich habe ihn groß gezogen, und nun, da ich einen guten Kameraden an ihm hatte, muß ich ihn hingeben!‘

Sie stehen noch eine Weile auf ihrem Hügel; sie sehen, wie der Landsturm sich rings ums Lager verteilt.

Drinnen, innerhalb des Drahtzaunes, wogen die Massen auf und nieder — Tausende von einzelnen Leben, die nun zu einem großen Ganzen verschmolzen sind! Tausende von Köpfen und Herzen, die hier leiden werden!

Und zu diesen Tausenden, die hier in der Fremde die Gefangenschaft erdulden müssen, gehören wieder Tausende in der Heimat, die mit ihnen leiden — deren Seelen dunkel und verzagt sind. Die ganze Welt ein einziger Jammer — ein einziger Weheschrei! Wer hat diesen unseligen Krieg heraufbeschworen? Wer trägt die Schuld, daß die Welt in solche Finsternis geraten konnte?

Der junge Arzt mahnt zur Heimkehr. Das Schauspiel ist vorüber; das, was man jetzt sieht, wird man durch Wochen — durch Monate — vielleicht noch ein ganzes Jahr hindurch sehen können, denn der Krieg hat noch lange, lange nicht ausgetobt!

Die Großmutter hat sich zur Reise ins Altmärker Städtchen aufgemacht.

Das ist ein großer Entschluß für sie gewesen, denn mit zweiundsiebzig Jahren reist man nicht mehr ganz leichten Herzens wie in der Jugend, durch die Welt. Und ganz besonders in diesen Zeiten nicht, in denen man noch gar nicht auf regelmäßige Beförderung rechnen kann; in denen noch immer Überraschungen an der Tagesordnung sind: Truppenverschiebungen, Gefangenentransporte oder erweiterter Güterverkehr, der die Personenbeförderung einschränkt.

Großvater ist gar nicht damit einverstanden, daß die alte Frau die Fahrt, die noch dazu sehr umständlich ist, wagen will. Da sie aber hartnäckig ist, hat er ihr seine Begleitung angeboten. Doch sie will nicht, daß die Wohnung ohne männlichen Beschützer bleibt. Sie hat so ihre Ahnungen, die sie selten täuschen; sie ist sicher, daß sich irgend etwas Schreckliches ereignen wird, wenn sie beide ihr Heim verlassen, und sie würde keinen Augenblick der Ruhe haben.

Eine ganze Woche kämpft sie mit sich selbst. Es fällt ihr wirklich nicht leicht, sich zu der Fahrt zu entschließen, aber der Wunsch, den Enkel in Uniform zu sehen, der Wunsch, den Sohn ihres Sohnes noch einmal, bevor der große Abschied kommt, ans Herz zu drücken, ist zu brennend geworden.

Den ganzen Tag, Stunde für Stunde, muß sie an den Jungen denken. Sie hat immer gehofft, er würde mal ein paar Tage Urlaub erhalten und sie besuchen; aber die Freiwilligen bekommen nur dann Urlaub, wenn ganz zwingende Gründe vorliegen, und die Sehnsucht einer Großmutter, ihren Enkel wiederzusehen, ist kein zwingender Grund.

Wenn sie also den drängenden Wunsch ihres Herzens befriedigen will, muß sie sich zur Reise entschließen, und zwar bald, denn der Winter steht dicht vor der Tür, und man muß von Tag zu Tag auf Schneestürme und Frostwetter vorbereitet sein. Sie rüstet sich, als habe sie eine Reise von Wochen vor.

Natürlich kann sie nicht mit leeren Händen kommen. Die Müller hat ihr helfen müssen, ein paar Eßpakete zu packen; außerdem hat sie einen ganzen Berg von Wollsachen, den sie und die Müller gestrickt haben. Das kann der Junge natürlich nicht alles selbst brauchen und soll er auch nicht. Sie hat nicht für den Enkel, sondern fürs Vaterland gestrickt; also mag er ärmere Kameraden, die noch nicht im Besitz des Nötigen sind, mit dem, was sie und die Dienerin verfertigt haben, beglücken.

Der Großvater sitzt neben ihr, als sie im geschlossenen Wagen zur nächsten Bahnstation fährt. Das Herz ist ihr furchtbar schwer. Es ist vielleicht doch eine Torheit, daß sie die Reise wagt. Sie legt ihren Arm in den ihres Mannes und schmiegt ihr Gesicht an seine Schulter. Wie ein ganz junges Paar sitzen sie eng aneinandergelehnt im Wagen.

Großvater hat ihr genau aufgeschrieben, wo sie umzusteigen hat; aber am Bahnhof wiederholt er die Reisestrecke noch zwei-, dreimal. Beim Abschied muß sie weinen und fühlt sich ganz schwach — aber sobald der Zug sich in Bewegung setzt, ist alles gut.

Es wird sogar ganz lustig; sie hat nette Reisegesellschaft, hört allerlei kleine Geschichten erzählen, und ihre Augen beginnen zu leuchten. Die alte Lebenslust ist wieder da. Sie hat das Gefühl, daß sie sich wohl zu sehr einkapselt, darum vorzeitig alt wird und die rechte Verbindung mit der Welt verliert.

Das Umsteigen geht sehr glatt; es ist überhaupt während der ganzen Reise alles wie zu normalen Zeiten. Nur, daß an Brücken und Tunnels Wachen stehen, und daß im Wagen ein Plakat angebracht ist: ‚Reisende, helft unsere Brücken und Tunnels schützen!‘ erinnert an den Krieg.

Der Zug kommt auf die Minute pünktlich im Altmärker Städtchen an; die Schwiegertochter ist am Bahnhof, und ein Wagen, der sie zur Kaserne hinausbringt, ist zur Stelle.

Frau Hiller ist im ersten Augenblick, als sie die alte Frau sieht, ein wenig benommen. ‚Wie ein Bild, das aus seinem Rahmen genommen würde!‘ muß sie denken; denn sie hat die Großmutter eigentlich immer nur in der zu ihr gehörenden Umgebung und nie an einem fremden Ort gesehen.

Großmutter hält während der ganzen Wagenfahrt die Hand ihrer Maria in der ihren und läßt sich erzählen. Dabei schaut sie zu den Fenstern hinaus, findet, daß die Stadt eigentlich ziemlich reizlos sei, und staunt über den weiten Weg.

Sie begegnen einem Trupp graugelber Husaren, aber Ernst ist nicht darunter.

Die Wachtmeistersfrau und deren liebenswürdige Tochter begrüßt die Großmutter mit einer gewissen Herablassung, sieht sich prüfend in den beiden Zimmern, die ihre Maria hier innehat, um, tritt ans Fenster und schaut auf die langgestreckten Gebäude der roten Kaserne. Dabei schüttelt sie den Kopf.

„Daß gerade du es so lange hier aushältst, Kind, wundert mich. Du bist doch eine Naturschwärmerin und hast auch einen gewissen Luxus in deiner Umgebung nie gut entbehren können!“ Dabei schaut sie ein wenig hochmütig auf all das, was hier herumsteht und an den Wänden hängt.

„Ist es nicht hübsch und behaglich hier?“ fragt Maria erstaunt, denn sie hat das Gefühl, nie im Leben sich so wohl gefühlt zu haben als hier in den zwei einfachen, traulichen Zimmerchen.

Die Großmutter läßt sich aus all ihren vielen Umhüllungen auswickeln; Fräulein Else bringt den Kaffee, und nun wird auch die alte Frau warm und gemütlich. Sie freut sich, daß ihre Maria strickt und näht, und läßt sich vom Jungen erzählen.

Plötzlich tut sich die Tür auf — Sporen klirren, die Großmutter springt mit einem leisen Schrei auf und hält den Enkel am Herzen und weint und schluchzt dabei.

Der Junge ist ein wenig verlegen, streichelt ihr die Schulter und sagt: „Aber Großmutter — Großmutter!“ Er duftet nach Pferdestall, denn er hat Stallwache.

Die alte Frau schiebt ihn ein wenig von sich ab, legt ihm beide Hände auf die Schultern und schaut ihn an. Kerzengerade — schlank und rank steht er vor ihr — auf den Lippen den Flaum eines Bärtchens — die Wangen rot und die Augen klar und voll Lebenslust. Eine heiße Freude kommt im Herzen der Großmutter auf. Also wird er doch ein Mann werden — kein Träumer — kein Weltverächter. Blut von ihrem Blut. Der rechte Sohn ihres Sohnes!

„Siehst du, Maria, daß ich recht hatte! Ein Junge will von Männerhänden angefaßt sein. Ich kann dir den Vorwurf nicht ersparen. Du hättest ihn früher hergeben müssen — — aber schadet nichts! Das, was ich immer für ihn ersehnt habe, ist ja nun doch noch gekommen. Er ist auf dem besten Wege, ein Mann zu werden! Und wie ihn die Uniform kleidet!

Genau wie bei seinem Vater! Zog der Zivil an, dann war er nicht wiederzuerkennen. Also, Junge, nun bleibst du bei der Stange! Offizier ist der einzig wirkliche Beruf. Und sollst mal sehen, was das für ein Avancement gibt, wenn der Krieg vorüber ist. Dann braucht Deutschland erst seine Offiziere. Und wenn du brav und schneidig bist, dann wird Großmutter auch ein übriges tun; dann sollst du über die Zulage nicht zu klagen haben!“

Ihr Gesicht ist heiß vor Erregung; sie hält den jungen Menschen immer noch an beiden Schultern fest, küßt ihn wieder auf beide Wangen und lacht dann. „Bringt er immer so einen angenehmen Duft aus der Kaserne mit, Maria? Aber nun setz’ dich, mein Junge!“ Und sie zieht ihn neben sich aufs Sofa und bittet die Schwiegertochter: „Pack’ mal das kleinere der beiden Pakete aus, da ist der Kuchen drin!“

Die Müller hat köstlichen Kuchen gebacken — dreierlei Sorten. Kein Luxuskuchen, sondern einen echten, rechten Soldatenkuchen — kräftig und gewürzig, mit viel Mandeln und Zitronat, wie ihn der kleine Ernst immer geliebt hat.

Die Großmutter häuft ihm den Teller voll. „Ein Soldat muß immer hungrig sein!“ Ihre Hände zittern, und in den Augen stehen schon wieder die Tränen.

Der Sohn ihres Sohnes! — So wie dieser jetzt hier sitzt, hat sie das eigene Kind im Gedächtnis behalten.

An den, der so früh dahinsiechte, der das schwere Leiden in sich trug, denkt sie nicht gern; alles Kranke, Traurige hat sie immer in ihrem ganzen Leben von sich abgeschoben.

Das alte, junge Gesicht ist wie verklärt, während der Enkel mit Behagen seinen Kuchen verzehrt. Das Kind ihres Kindes! Heiße Liebe wallt in ihrem Herzen auf.

Und die auf der anderen Seite neben ihr sitzt, ist die Mutter ihres Enkels — die Frau ihres toten Sohnes. Ach, mögen ihre Naturen verschieden sein, mag diese Maria ihren Kopf für sich haben, was liegt daran? Sie gehört ganz eng zu dem lieben, lieben Jungen da — und Großmutter, übermannt von den großen, guten, weichen Gefühlen, schlingt den einen Arm um den Enkel, den anderen um die Schwiegertochter und küßt den einen und küßt die andere. „Meine lieben, geliebten Kinder — meine guten, herzigen Kinder!“

Der Junge fängt an zu erzählen. „Du hast einen schlechten Tag zum Besuch ausgewählt, Großmutter. Heut abend kann ich keinen Urlaub bekommen. Einfach unmöglich; ich muß im Stall bleiben!“

Frau Hiller denkt daran, einen Besuch beim Oberleutnant zu machen und für den Jungen um ein paar freie Stunden zu bitten. Aber davon will die Großmutter nichts wissen. Der Dienst geht vor und morgen ist auch noch ein Tag.

Sie streichelt die braune, derbgewordene Hand des Husaren und kann sich nicht satt an ihm sehen. Wie frisch und lebendig er erzählt! Wie ganz anders als früher er in die Welt schaut — wie ihm die Augen leuchten! Die Rührung will ihr immer wieder aufsteigen, die Tränen rollen ganz von selbst aus den Augen.

Nach einer kurzen halben Stunde springt der Junge auf; er muß hinüber — es ist höchste Zeit. ‚Jammerkapaun‘, der Wachtmeister, den sie so nennen, weil er eine komische Art zu jammern und dazu etwas von einem stelzenden Vogel hat, hat heute ohnehin seinen bösen Tag.

Stramm steht er vor Großmutter — die Hacken zusammengeschlagen — Hände an der Hosennaht. „Bis morgen!“

Da jauchzt ihr Herz. Mit demselben schalkhaften Zug um den Mund hat auch ihr Junge sie immer angesehen. Fleisch von seinem Fleisch! Geist von seinem Geist!

„Geh mit Gott, mein Junge!“ Und sie umarmt ihn so inbrünstig, als sollte das die letzte Umarmung, die sie ihm geben kann, sein.

Vom Fenster aus sieht sie ihm nach. Wie er elastisch dahingeht! Wie er den Kopf hält! O, daß sie das erleben durfte, ihn so zu sehen! Daß sie die Gewißheit mit nach Hause nehmen darf, daß er ein echter deutscher Mann und kein Träumer und Philosoph geworden ist!

Aber damit ist auch ihre Spannkraft erschöpft. Nun fühlt sie plötzlich wieder, daß sie zweiundsiebzig Jahre alt ist und einen anstrengenden Tag hinter sich hat. Sie legt sich in eine Sofaecke; aber das ist ihr nicht bequem genug. Sie hat das Verlangen, sich auszustrecken, und geht gern auf Marias Vorschlag, sich schon jetzt zu Bett zu legen, ein. „Alte Leute sollten wirklich nicht mehr reisen!“ seufzt sie, als sie in den Kissen liegt.

Auch das Bett tut ihr nicht wohl. Sie ist ihre weichen Federbetten gewohnt und liegt hier auf einer steifen Matratze. „Komm, setz’ dich zu mir, Kind. Sprich mit mir; meine Seele ist bang geworden!“ Die alte Hand zittert und die Stimme klingt nicht so voll wie sonst.

Oben schreit das kleine Kind der Trompetersfrau, und Frau Hiller erzählt der Großmutter die traurige Geschichte dieser Leute; erzählt, wie sie hinaufgegangen ist zu der armen Witwe und ihr das Schreckliche beigebracht hat, und erzählt weiter, daß die Frau nun schon wieder ganz ruhig ist, ja geradezu erstaunlich ruhig und gefaßt ist, und daß es sie eigentlich enttäuscht hat, daß ein so furchtbarer Schmerz so bald überwunden werden konnte.

Die Großmutter denkt anders darin. „Solche Frauen brauchen wir heute, Kind, die sich mit dem Leben abfinden können, das ist jetzt die Hauptsache. Tatsachen hinnehmen und sich sagen: Vorwärts! Nur nicht zurückschauen — nicht grübeln — nicht ändern wollen, was nicht zu ändern ist. Das solltest du auch lernen, Maria!

„Seit deinem letzten Besuch bei mir ist es mir zur Gewißheit geworden, daß etwas an dir nagt, daß du mir vieles verbirgst. Du trägst eine Liebe im Herzen, Maria, die du vor der Welt verheimlichen mußt. Ich weiß nicht, warum! Ich will es auch nicht wissen. Du bist alt und selbständig genug, um selbst über dein Leben zu verfügen; das aber glaube mir, solange ein Mensch sich nicht mit sich selbst im klaren ist, solange kann er sich auch in der Welt nicht wohl fühlen.

„Du denkst von mir: die Großmutter ist eine derbe, praktische Frau, die mich nicht versteht. Zugegeben, Maria, daß ich derber und praktischer bin als du! Aber ein heißes Herz hab’ auch ich gehabt und hab’ es heute noch; und ich weiß auch, was es heißt, eine hoffnungslose Liebe in sich tragen. Keine Krankheit des Körpers kann solche Qualen verursachen, wie ein krankes, gemartertes Herz. Ich weiß das alles. Aber ich weiß auch, daß der Mensch dagegen an kann, wenn er es mit aller Kraft will.

„Man kann sich in einen Schmerz hineinsteigern oder man kann suchen, eines Schmerzes Herr zu werden!

„Man kann erwachsene Kinder haben und noch sehr jung sein. Ich bin um ein Menschenleben älter als du und brauchte doch auch noch einen Menschen, dem ich gut sein kann.

„Eine heiße, wilde Liebe ist dazu nicht nötig. Die großen Leidenschaften gehören der ganz jungen Jugend. Was dir fehlt, Maria, das ist ein guter, lieber Gefährte, der es treu und einfach mit dir meint. Alles Einfache ist von Bestand. Alles, was sich zu weit von der Natur entfernt, ist halt- und wurzellos.

„Sieh’ zu, daß du einfach wirst; sieh’ zu, daß du frei wirst! Und wenn der Junge heut oder morgen von dir fortzieht, wenn ganz dunkle Zeiten für dich kommen, dann denke, daß du eine Zuflucht bei der Großmutter hast. Dann lasse dich von deiner derben, praktischen Großmutter gesund machen.

„So, und nun bin ich müd’, Kind! und will dir was sagen: Laß mich gleich morgen früh wieder abreisen. Den Jungen habe ich gesehen, und das Bild, das ich jetzt von ihm mitnehme, ist ein so liebes und schönes, das ich in gar nichts verändert haben möchte. Und dir hab’ ich gesagt, was ich auf dem Herzen hatte, damit ist genug.

„Großvater hat mir die Züge, mit denen ich fahren kann, genau aufgeschrieben; sorge du, daß ein Wagen zur Stelle ist und sei nicht böse, daß ich so schnell wieder abreise. Mit zweiundsiebzig Jahren kann der Mensch sein Heim nicht mehr lange missen! Gute Nacht, mein Kind — mein liebes, gutes Kind!“ Und sie küßte die Frau ihres Sohnes, als sei sie das eigene Kind, küßte sie wieder und wieder.

Der kleine Hiller ist erstaunt, die Großmutter nicht mehr vorzufinden, als er am nächsten Mittag herüberkommt. Schadet aber nichts, denn er hat wieder kaum eine halbe Stunde Zeit! Am Mittag soll’s nach Magdeburg gehen; in Magdeburg aus der Kaserne rücken die Freiwilligen schon aus und brauchen Pferde. Da müssen die graugelben Husaren die ihren hergeben. Dreißig Mann sind kommandiert, um neunzig Pferde nach dort zu bringen. Sein Gesicht strahlt. Famos, daß man einmal aus der Kaserne herauskommt!

Die Großmutter hat einen Schein für ihn zurückgelassen. Den steckt er schmunzelnd in seinen Brustbeutel, ißt hastig zu Mittag und eilt zur Kaserne zurück.

Eine halbe Stunde später reiten sie los; dreißig junge Kerle — jeder auf einem Pferd, einen Stock in der Hand und zwei Pferde am Halfter führend. Die Pferde tanzen um die Reiter herum; bei der scharfen Biegung um die Ecke stiegen einige von ihnen kerzengerade in die Höhe. Gefährlich sieht das aus, und Frau Hiller, die oben am Fenster steht, fühlt ihr Herz erbeben. Wie sollen die ans Ziel kommen, wenn das hier schon so wild angeht!

Der Wachtmeister schreit sich heiser; es will keine Ordnung in den Zug kommen. „Teufel noch mal, seid ihr nicht Herr über die paar unschuldigen, eingerittenen Gäule? Und wollt bereit sein, ins Feld zu ziehen?“

Die Stöcke sausen über die Rücken der widerspenstigen Tiere; die Hand, die die Zügel führt, wird eisern. Man wird doch drei Pferde regieren können! „Los!“ Und nun geht’s auf einmal.

Der kleine Hiller nickt zum Fenster hinauf. Er hat neben dem Zügel eine Blume in der Hand. Eine feuerrote Rose!

„Von wem mag er die haben?“

Die Wachtmeistersfrau lacht vergnügt: „Von wem soll ein junger Husar wohl eine Blume zum Geschenk erhalten? Die Wachtmeister pflegen ihren Rekruten keine roten Rosen zu schenken!“

Frau Hiller fühlt, wie ihr das Blut ins Gesicht steigt. Sie denkt an die Pärchen, die abends am Fluß entlang wandern; sie denkt an jenen Abend, an dem ihr Ernst so hart über Hipp geurteilt hat. Die rote Rose will nicht aus ihren Gedanken heraus. Ernst, ihr kleiner Ernst, will wirklich ein ganzer Mann werden.

Darum ist sie auch so erschüttert, als sie am Abend einen Brief in der Hand hält, der wie mit Blut geschrieben erscheint. Darum erschauert sie vor sich selbst, möchte sich vor sich selbst verbergen! Gelten diese heißen, inbrünstigen Worte ihr, der Mutter Ernsts? Und darf sie das lesen, immer wieder lesen? Darf ihr Herz so heiß schlagen? Darf sie dieser wehen, großen Sehnsucht, die heut in ihr aufsteigt, nachgeben?

Während dieser ganzen Monate, die sie nun hier weilt, und während deren ihr Junge dies harte, stramme Leben in der Kaserne lebt, liegt sie im ewigen Kampf mit sich selbst.

Sie will nur noch Mutter sein — sie will alt — will ruhig sein. Sie hat kein Recht mehr, wie die ganz Jungen zu fühlen! Aber das Herz rebelliert — das Herz läßt sich nicht mit Vernunftgründen zur Ruhe bringen.

Wochen hat es gegeben, in denen sie glaubte, gesiegt und überwunden zu haben — und gerade heute, als der kleine Husar die rote Rose, das Pfand der ersten Liebe, in der Hand hielt, ist es wie ein Blitz durch sie gefahren: ‚Nun ist er an der Reihe — nun muß dein Herz still und alt und ruhig werden!‘

Der Brief brennt in ihrer Hand. Der Brief sagt Dinge, die sie erschauern machen. Tiefer, heißer und beredter kann kein Mensch zum andern von einer großen, übermächtigen Liebe sprechen, als er es hier tut. Der Körper ist gesund und unversehrt, schreibt er, aber das Herz ist krank und jammert nach ihr.

Sie steht am Fenster und lehnt den Kopf an die Scheiben. Draußen ist dunkle Nacht. „Ernst — Ernst!“ ruft sie.

Sie weiß es plötzlich mit tödlicher Gewißheit, daß der, der ihr diesen Brief geschrieben, ihr nie ein guter, lieber Lebensgefährte werden, daß er ewig unzufrieden mit sich und dem Leben bleiben wird. Kein Mensch kann über sich selbst hinaus!

Sie sieht wieder die rote Rose in Ernsts Hand und sieht die kalte Einsamkeit an sich herankriechen. Sie hat niemand — das Kind entgleitet ihr, und dieser Mann wird ihr nie ein stiller, treuer Gefährte sein.

Der nächste Tag ist ein Sonntag, der letzte des Oktobers. Die Sonne scheint, und es ist warm. Wehmütige Spätherbstschönheit liegt in der Natur.

Ernst hat der Mutter eine lustige Karte aus einem kleinen Dorf, auf halbem Weg nach Magdeburg, geschrieben. Da haben sie Nachtruhe gemacht, und mit dem dicken Hipp hat er Unterkunft in einem Bauernhaus gefunden. ‚Bürgerquartier — aber großartig!‘ schreibt er. In zwei Tagen werden sie wieder in der Altmärker Garnison sein, und dann wird er was zu erzählen haben.

Vor Frau Hiller liegt der schöne, sonnenhelle Sonntag wie eine Ewigkeit! Sie fürchtet sich vor der Länge des stillen Tages. Sie weiß, daß die Gedanken sie wieder rückwärts führen werden, daß, während sie näht und strickt, das Leid der Vergangenheit und all die Unruhe und Not, die das Auf- und Niederwogen der Geschehnisse dieser großen, schweren Zeit in jedem Menschen erzeugt, sie überwältigen werden.

Fräulein Else kommt zu ihr ins Zimmer. Die hat am frühen Morgen schon ein ganzes Tagewerk hinter sich, hat Stuben gereinigt und Stiefel geputzt, hat das Feuer im Herd und in den Öfen entzündet, hat das Frühstück bereitet und Flur und Treppen gekehrt. Nun wird sie hier in Frau Hillers Zimmer weiterarbeiten. Die Mutter sitzt schon seit Stunden in der Küche an der Maschine. Bis zum ersten November hat sie einen ganzen Stapel von Hemden ans Rote Kreuz abzuliefern, da muß die Tochter alles, was sonst die Mutter besorgt, mit verrichten. Aber heute soll sie einen freien Nachmittag haben. Sie sieht bleich aus, und die Wachtmeisterswitwe sorgt sich um das schmale, überschlanke Mädchen.

Fräulein Else hat keine Freundin und hat keinen Liebsten in der Stadt. Wohin soll sie gehen? Einsame Spaziergänge sind keine Freude! Am liebsten pilgert sie noch zum Russenlager hinaus und schaut auf das große Volk von Gefangenen; dabei können die Gedanken in die weite Welt fliegen und dabei kann man sich tausend Geschichten zusammenreimen.

Daß Fräulein Else kein gewöhnliches Mädchen ist, hat Frau Hiller gleich in den ersten Tagen ihres Hierseins gewußt. Beide — Mutter und Tochter — die durch die Verhältnisse, in denen sie leben, klein gehalten wurden, könnten ebensowohl Damen der Gesellschaft sein. Sie denken und urteilen tief und richtig über alles, was sie sehen und hören; und sie haben einen Takt, den manch einer, der Rang und Würden trägt, nicht besitzt.

An diesem Sonntag, der von draußen so hell und leuchtend durch die Fenster blickt, und der doch so trostlos vor der Mutter des kleinen Husaren liegt, empfindet sie fast etwas wie Zärtlichkeit für das gute, liebe Mädchen, das sie bedient, und das jeden Tag von neuem besorgt ist, ihr das Wohnen hier in den beiden Zimmern angenehm und behaglich zu machen.

Sie erinnert sich, daß Fräulein Else vor kurzem einen Wunsch geäußert hat. Sie hat ihr erzählt, daß sie seit Jahren nicht aus ihrer kleinen Heimatstadt herausgekommen ist, auch nicht in die allernächste Umgebung. Und möchte es doch so gern — möchte nur einmal einen einzigen Sonntag draußen sein! Nur einmal etwas anderes sehen als diese Straßen, in denen sie jedes einzelne Haus malen könnte, so genau kennt sie alles hier. Den ganzen Sommer über hat sie umsonst gehofft, daß ihr Wunsch sich erfüllen möge; nun steht der Winter vor der Tür, und sie wird wieder auf den nächsten Sommer hoffen müssen.

Frau Hiller steht auf und geht zu Else hin. „Die Sonne scheint so schön — vielleicht zum letztenmal in diesem Jahr! Haben Sie Lust, mit mir zu wandern, Fräulein Else?“

Sie wird rot vor verlegener Freude. „Wenn die Mutter es erlaubt,“ sagt sie leise, und sie gehen zusammen zur Wachtmeistersfrau in die Küche, die gern die Erlaubnis gibt.

„Wenn Sie schon aus der Stadt heraus wollen, dann sollten Sie sich Tangermünde ansehen, gnädige Frau. Das muß man gesehen haben, wenn man so lange in der Altmark gewesen ist.“

Als Fräulein Else neben Frau Hiller zum Bahnhof geht, unterscheidet sie sich in nichts von einem jungen Mädchen aus besten Kreisen. Ihr Gesicht ist leicht gerötet und sieht sehr lieblich aus — vielleicht ein wenig zu schmal. Ihre Stimme ist klangvoll, und ihre Bewegungen sind ruhig und fein. Sie gehen den Weg am Fluß entlang, an dem die Liebespärchen bei Dunkelheit zu wandern pflegen.

In der Stadt selbst ist es sehr lebendig. Auf den freien Plätzen werden die Infanteristen einexerziert; ein Zug Husaren, der zum Pferdekommando nach der Mark gekommen ist, marschiert singend an ihnen vorüber. Am Bahnhof werden durchziehende Truppen gespeist, und ein Samariterzug ist gerade eingelaufen.

Es ist sehr kriegerisch geworden in der kleinen Altmärker Stadt; auf freien Feldern werden Infanteriesignale geübt, und überall steht der Landsturm als Wache. Seit die Russen hier angekommen sind, ist der ganze Ort zu einem großen Kriegslager geworden.

Nach Tangermünde führt eine Kleinbahn, die klingelnd durch die stille Altmärker Landschaft fährt. Noch sind die Weiden grün, und das schöne, kräftige Vieh grast in großen Scharen darauf. Der strickende Hirt mit der Schafherde zieht seine Straße hin, und sonntäglich gekleidete Frauen und Kinder sieht man vor den Häuschen der Dörfer, durch die man fährt.

Je weiter man sich von der Garnisonstadt entfernt, um so schöner und stiller wird es: Keine Uniformen mehr — keine laute Musik — keine militärischen Kommandos — Eine leise, süße Friedensahnung zieht durch die Seele.

Frau Hiller hat viel von Tangermünde reden hören; sie weiß, daß die Leute aus den umliegenden Städten am Sonntag hier gern herauspilgern, und daß es schöne, altertümliche Bauten in Tangermünde gibt. Da sie schon so viel von der Welt gesehen hat, ist nie der Wunsch in ihr aufgekommen, gerade dieses Städtchen kennen zu lernen. Von dem Augenblick an aber, da sie aus dem Bahnhof herausgetreten sind, fühlt sie ihre Seele ganz eigentümlich berührt. Ihr ist, während sie neben dem lieben Mädchen dahingeht, als sei sie in eine andere Welt eingetreten. Etwas Fremdes, Neues und doch schon Vertrautes empfängt sie.

Sie geht durch die Straßen mit ihren kleinen, niederen Häusern und hat das Gefühl, ein Stück Mittelalter zu erleben. Die vorragenden Giebel, die Inschriften in den Türen, die niederen, von rotem, herbstlichem Wein umrankten Fenster, all das wirkt so seltsam auf sie. Und Sonntagsstimmung, wie man sie in anderen Städten nie verspürt; Ruhe und Frieden überall!

Die Menschen hier haben Gesichter, als wäre noch kein Wort vom Krieg bis zu ihnen hingekommen, alles geht behaglich, bürgerlich, wundervoll zufrieden daher.

Die engen Straßen steigen an und fallen ab, und herbstliche Gärten liegen vor und hinter den Häusern. An den Kaufläden sind die Fenster verhangen, und auf der Einfassung eines Brunnens sitzen halbflügge Mädchen still und feierlich in schwarzen Kleidern. Sie sind am Morgen eingesegnet worden — die ganze Stadt sieht aus, als wäre sie am Morgen eingesegnet worden.

Die beiden Frauen sprechen kaum miteinander, weil sie beide von etwas Gutem, Großem, Geheimnisvollem ergriffen sind. Sie gehen planlos durch die Straßen, so wie man zuerst durch einen fremden Ort zu gehen pflegt.

Am Markt liegt das Rathaus, ein uralter Bau, hoch und imposant gegen all die kleinen, niederen Häuser rund umher, und dahinter das große, schwere Tor, das die Stadt abschließt. Die Sonne leuchtet, und kein Lüftchen weht. Die Natur will sterben und will vor ihrem Heimgang noch einmal auferstehen, will noch einmal alle Schönheit, die ihr zur Verfügung steht, zusammenraffen. Es ist eine traurige, stille, wonnige Herbstschönheit!

In einer engen Straße liegt ein Gasthof, der den Namen ‚Zur Königin Luise‘ trägt. Ausgetretene Steinstufen führen zum Flur hinauf, und die Sonne läßt die Inschrift an der Tür aufblitzen. Hier hat einst die Königin Luise eine Nacht verbracht — eine traurige Nacht — sagt man.

Es klingt so wundervoll mit dem Charakter dieses kleinen Städtchens zusammen, daß gerade diese Frau hier geweilt, hier gelitten hat. Man kann es sich so gut vorstellen, wie sie hier durch die stillen Straßen geschwebt ist. Wie sie im altväterischen kleinen Gasthof in irgendeinem der niederen Stübchen gedacht und gelitten haben mag. Kein Name in der Welt hätte sich harmonischer in das Bild, das diese kleine, weltvergessene Stadt heute bietet, eingefügt, als der dieser zarten, guten und doch starken Fürstin.

Frau Hiller und Fräulein Else sind von einem unbekannten Hochgefühl getragen; sie sitzen im kleinen Speisesaal und nehmen ein einfaches Essen. Von draußen lacht die Sonne herein, läßt die Bilder an den Wänden plastisch hervortreten und spiegelt sich am Fußboden. Frau Hiller hat das Gefühl: ‚Wenn du einmal ganz zerrissen, ganz krank und elend bist, dann möchtest du in diesem lieben Haus, in dieser kleinen Stadt Zuflucht suchen!‘

Die beiden fühlen sich so wohl und behaglich in dem kleinen, uralten Gasthof, daß sie sich gar nicht davon trennen möchten. Aber sie haben ja das Eigentliche, weswegen sie hergekommen sind, noch nicht gesehen, und Fräulein Else drängt zum Aufbruch. Die Tage sind kurz, und die Sonne hat in dieser vorgerückten Herbstzeit früh ihre Bahn vollendet.

Langsam wandern sie aus der Stadt hinaus, und eine mit Kastanienbäumen bepflanzte Allee führt sie zum Schloß hinauf. Das Laub ist gelb und dunkelrot, aber es bildet ein fast noch lückenloses Dach, wiewohl der Fuß durch raschelnde Blätter schreitet. Die Luft ist rein und abgeklärt und regt zum Sinnen an.

Ach, die Natur ist wie der Mensch — der Frühling ist die schwere, sehnsuchtsvolle, ungebärdige Jugend; der heiße Sommer ist der reif gewordene Mensch, der ebensowohl jauchzen wie tief leiden kann, und der Herbst ist das herannahende Alter, das die Stürme überwunden hat, das rein und still und klar geworden ist. Aber die meisten Menschen wollen, solange sie jung sind, nichts vom Alter wissen, die meisten Menschen wollen länger, als die Natur es vorgeschrieben hat, in der Jugend verharren.

Warum nur?

Nein, die Jugend ist nicht das Schönste und Begehrenswerteste. — Jugend bedeutet für den tiefen und ernsten Menschen oft nur Leiden. Jugend bedeutet oft nur Sturm. Erst wenn man aus der Ferne auf sie zurückschaut, wird auch die Jugend schön und gut und harmonisch.

In jedem Jahr geht es Frau Hiller so. Erlebt sie den Frühling mit seinem Stürmen und Brausen, so wirft er sie nieder — schaut sie aber, wie heute, aus einem stillen, abgeklärten Herbsttag auf die wilde Auferstehungszeit in der Natur zurück, so hat sie die Angst und Not jener Tage vergessen, und nur das Jauchzende, Herzerfreuende ist in ihrer Erinnerung geblieben.

Der Weg führt sie bergan; und aus der Allee ist allmählich ein Park geworden. Ein Farbenrausch vom hellsten Gelb bis zum tiefsten Braunrot umgibt sie, und die Sonne leuchtet darüber. — Die Sonne ist wie ein mildes, segnendes Antlitz, aus dem tiefer, stiller Friede ausstrahlt. ‚Ist es wahr,‘ muß Frau Hiller denken, ‚ist es wahr, daß Krieg in der Welt ist?‘ Unbegreiflich will ihr das hier erscheinen — unausdenkbar!

Je weiter sie gehen, um so herrlicher wird es; man wandelt wie durch einen wundervollen Saal: das raschelnde Laub ist der Teppich — die Kronen der Bäume sind die Decke, und die Sonne ist der große, gewaltige Kronleuchter, der ein fast magisches Licht verbreitet. Sie gehen langsam; sie gehen, wie wenn sie durch eine Kirche schreiten. O stille, schöne, geweihte Welt!

Dann sind sie plötzlich an einer großen, weißen Terrasse angekommen; zwei Denkmäler aus der Zeit der Kurfürsten erheben sich da. Und der Kopf geht so willig auch in diese Vergangenheit mit. Man ist ja ohnehin schon längst aus der Gegenwart heraus; man hat vorhin mit der Königin Luise gelebt, nun geht man ein Stückchen weiter zurück und lebt mit den Kurfürsten. Hat man wirklich nur durch Bücher und Schulstunden etwas von der Kurfürstenzeit gehört? — Oder hat man da schon gelebt? Man kennt doch diese Gestalten, die da oben in Stein gehauen stehen, so genau, man hat sie doch von Angesicht zu Angesicht gesehen, hat sie sprechen hören!

Gibt es nicht Stunden, in denen der Mensch es nicht begreifen will, daß er nicht von Anbeginn der Welt an gelebt hat? Daß er nicht alles, was je in der Welt vor sich gegangen ist, mit eigenen Augen geschaut, mit leiblichen Ohren gehört haben soll? Stunden, in denen man es gar nicht fassen will, daß jedem Menschen nur eine kurz bemessene Frist zum Leben gegeben ist, und daß alles, was er von der Vergangenheit weiß, nur gelernt, nur durch Bücher oder Erzählungen übermittelt worden ist!

Frau Hiller schaut wie gebannt zu den Denkmälern hinauf, bis plötzlich andere Menschen aus dem Weg, aus dem sie gekommen sind, auftauchen, miteinander sprechen und sie aus ihren tiefen Sinnen aufrütteln.

Sie wendet sich Fräulein Else zu, geht ein Stück weiter durchs raschelnde Laub und sieht dann etwas, was sie mit Staunen und Jubel erfüllt. Die Elbe sieht sie, die wie ein silbernes Band durch die stille Landschaft fließt. Kähne und Flöße ziehen ihren Weg dahin; eine Fähre führt zum gegenüberliegenden Ufer, und der Blick schweift weit — schweift in Unendlichkeiten, wie überall in diesem flachen, altmärkischen Land, das so viel feine Reize besitzt.

Im Gasthof ‚Zur Königin Luise‘ hat man ihnen geraten, über die Elbe zu fahren und zum Dorf Fischbeck zu gehen. Das ist der Lieblingsort der Tangermünder, zu dem sie an schönen Sonntagen in großen Scharen wallfahrten. Auch heute drängen sie sich unten an die Fähre, und die paar Bänke, die an beiden Seiten des Fahrzeuges angebracht sind, sind schnell gefüllt. Frau Hiller und Fräulein Else müssen froh sein, noch ein bescheidenes Plätzchen unter all den Menschen zu finden. Sie gleiten über das stille Wasser und schauen weit dem Flüßchen nach, das hier so klein und bescheiden noch ist und weiter unten zu so gewaltigem Strome anschwillt. Immer noch leuchtet die Sonne, immer noch streicht die Luft mild und leis ums Gesicht.

Am anderen Ufer verteilen sich die Menschen und beeilen sich, um zu ihrem Kaffee zu kommen. Fräulein Else aber bleibt stehen und stößt einen Schrei des Entzückens aus, denn sie sieht das herrliche Bild, das vor ihr liegt, und ist wie benommen. Tangermünde, vom gegenüberliegenden Ufer aus gesehen, mit seinem Schloß, seinen Denkmälern und Kirchtürmen! Tangermünde in letzter Herbstschönheit, von leuchtender Sonne übergossen! Der Anblick hat etwas Ergreifendes, etwas Hohes; er trägt über das armselige Leben mit seinen Leiden und Nöten hinweg. — Trotzig wie eine Feste liegt dieses wundersame Bild da, und doch so mild, so voll überwältigender Schönheit.

Frau Hiller, die viel Großes und Wunderbares in der weiten Welt gesehen hat, kann den Jubel des armen Mädchens, das nie aus seinem Heimatsort herauskam, wohl begreifen. Auch ihr ist es, als habe sie nie in tiefere, ergreifendere Schönheit geblickt als an diesem Tage.

Sie können sich gar nicht entschließen, ins Dorf hineinzugehen; sie wollen keine Menschen sehen, wollen allein hier am Ufer weilen und das glitzernde Wasser und die alte, schöne Stadt mit Schloß und Türmen vor sich haben.

Fräulein Else sagt mit leiser, zitternder Stimme: „Nun werde ich für Wochen zufrieden und glücklich sein! Nun habe ich etwas, woran ich denken kann, wenn ich traurig bin!“

Dieses Mädchen ist sechsundzwanzig Jahre alt und ist nie aus dem Heimatort, nie von der Mutter fortgekommen. Eine zarte, empfindsame Seele hat sie und ist einsam, immer einsam gewesen, wird vielleicht immer einsam bleiben müssen, und fügt sich so still darein, ist nie verbittert, nie unwillig! Frau Hiller hat oft das Gefühl, als müßte sie sich vor der Größe dieses Mädchens neigen.

Sie gehen dann doch ins Dorf. Fräulein Else sieht so blaß aus und hat sich vielleicht auf den Kaffee gefreut. Im warmen Gastzimmer sitzen sie unter vielen lebhaften Menschen, und da fällt auch manches Wort vom Krieg; aber man vergißt es sogleich, wenn man wieder draußen ist.

Die beiden wandern auf einsamen Feldwegen zur Stadt zurück; die Dämmerung zieht nieder, und man spürt nun doch, daß es Herbst ist. Die Luft ist kühl geworden — der Himmel wölbt sich blau und klar, Sterne leuchten auf, und eine blasse Mondsichel zieht ihre Bahn dahin.

Als sie wieder am Ufer der Elbe stehen, ist es dunkel geworden. Tangermünde hebt sich in schwarzen Umrissen vom Himmel ab — viel ernster und schwerer als zuvor in der Sonne. Ein Schiffer bietet seinen Kahn an und bringt sie hinüber. Und sie wandern wieder durch die engen Gassen und sind wieder in Schweigen versunken.

Wozu reden, wenn jeder über so vieles, was in ihm vorgeht, hinwegzukommen hat? Wozu reden, wenn so Schönes und Großes in die Seele gedrungen ist?

Sie haben ein Stück tiefen Friedens mitten im Krieg genossen — letzte, wonnige Herbstschönheit hat sich ihnen offenbart. Wenn der Winter sehr dunkel und trostlos sein wird, haben sie eine Zuflucht, indem sie an diesen Tag voll friedlicher Schönheit zurückdenken.

Die Seele ist stärker und ruhiger geworden, und man hat wenigstens nicht für Stunden das quälende Gefühl gehabt, daß alles, was in der Welt fest sein sollte, ins Schwanken geraten ist.

Die Natur hat ihre reine, starke Sprache geredet; man sagt sich: ‚Sollte der Krieg wirklich alles Äußere nehmen, sollten wir in Armut und Elend geworfen werden, aber Gott läßt uns die Fähigkeit, die Schönheit seiner Natur in uns aufzunehmen, so können wir nie ganz in Finsternis geraten, nie ganz in Verzweiflung versinken!‘

Es ist Nacht geworden, als sie am Bahnhof ihrer Garnisonstadt angelangt sind. Ein Verwundetentransport ist angekommen, und die Beamten vom Roten Kreuz sind in eifriger Tätigkeit. Ein paar Bahren werden herangetragen, denn der Zug soll weitergehen, und nur die hoffnungslos Daliegenden werden hier im Bahnhofslazarett untergebracht. Die freigewordenen Seelen der beiden fühlen, wie etwas vom alten Druck wieder in sie hineinwill.

Drin in der Stadt ist reges Leben. Urlaubstag! Die Straßen sind voll von Uniformen aller Art. Die Pferdebahn rasselt mit Glockengeläut und Peitschenknall ihren Weg; es wird gesungen und gelacht.

Fräulein Else hatte geraten, die weite Strecke bis zur Kaserne nicht zwischen den stillen Feldern zurückzulegen, sondern durch die belebte Stadt zu gehen; auf den Feldern kann man Betrunkenen begegnen oder sonst etwas Unangenehmes erleben. So folgen sie dem großen, lauten Treiben bis zum dunklen Tor hin, aber da biegen sie, ohne sich weiter darüber zu verständigen, doch in die einsame Kastanienallee ein, von der aus man zum stillen, poetischen Flußweg kommt.

Sie wollen in ihrer guten Stimmung bleiben. Mag morgen kommen, was will — heute wollen sie in dem Wahn bleiben, daß die Welt voll Schönheit und Frieden ist. Die Pärchen, die in großer Zahl herumwandeln, stören sie nicht; im Gegenteil, so ein Stück lieber Romantik paßt zu dem, was der schöne, ernste Tag ihnen gebracht hat.

Mag die Welt voll Zorn und Wut und Haß sein — solange es noch Herzen gibt, die in Zärtlichkeit und Liebe zueinander hindrängen, solange ist das Gute im Menschen noch nicht ausgetilgt, solange ist die Hoffnung, daß eine große Versöhnung, ein wahrer, echter Friede dem wilden Hader folgen wird, noch nicht verloren.

Der kleine Hiller hat Hauptwache. Das Gewehr über der Schulter, die hohe Pelzmütze auf dem Kopf, mit einem aus der Kleiderkammer gelieferten Militärmantel, der bis zur Erde reicht, angetan, wandert er vor dem Schilderhaus auf und nieder.

Es ist noch kein Jahr her, daß Frau Hiller die letzten Bleisoldaten, das letzte Schilderhaus ihres Jungen an die Kinder des Portiers geschenkt hat. Natürlich hat er seit seinem vierzehnten Jahr die Soldaten nicht mehr angerührt, aber er hatte sich doch auch nicht entschließen können, sie herzugeben. Nun, da sie ihn selbst als Soldat vor der Kaserne auf und nieder wandern sieht, muß sie sich an die Stirn fassen. Ist alles, was sie jetzt erlebt, Wahrheit, oder ist es nur ein Spiel? Ist das ihr Junge aus Fleisch und Blut, der da hin und her wandert, oder ist es ein Bleisoldat?

Sie sitzt am Fenster, von der Gardine verborgen, und schaut auf ihn hin. Er darf nicht wissen, daß sie am Fenster sitzt, denn er will nicht, daß seine Kameraden viel von der Mutter sehen oder hören. Sein Gesicht ist ernst, und in dem langen, weiten Mantel sieht er sehr männlich aus. Kommt ein Vorgesetzter vorbei, dann salutiert er, und will eine Zivilperson in die Kaserne, so hält er sie an. Der kleine, weiche Ernst hat das Recht, Menschen anzuhalten und abzuweisen. Das ist für die Mutter ein so seltsames Gefühl — das kann sie noch gar nicht fassen. Und dies hier ist doch nur ein ganz kleines, ganz unbedeutendes Vorspiel für das, was kommen soll — was in allernächster Zeit schon kommen kann.

Solch ein Kind geht mit gegen Deutschlands Feinde. So ein weicher Junge wird vielleicht Menschen erschießen, wird die Lanze in Feindes Brust bohren, wird hungern und frieren und wird vielleicht eines Tages irgendwo in einem Winkel liegen: verwundet, elend, vom bittersten Heimweh geplagt — — —

Sie darf sich das nicht ausdenken — es ist ihr, als müsse sie den Verstand darüber verlieren. Tausend Messer wühlen in ihrem Herzen, und das Blut weicht vom Gehirn zurück. —

Ach, groß sein können! Stark sein können! Sich sagen: ‚Mag kommen, was will! Stirbt er, so stirbt er fürs Vaterland! Leidet er Hunger und Durst und andere Schmerzen, so leidet er sie fürs Vaterland!‘

Aber sie ist klein — sie ist schwach! Ihr Herz blutet aus unzähligen Wunden. Sie hat es früher nicht gewußt, daß sie den Jungen so verzehrend, so tierisch liebt, daß es Tage gibt, an denen die ganze, heilige Mission, die er zu verrichten hat, ihr klein erscheint gegen das ungeheure Opfer, das sie zu bringen gezwungen ist!

Alle zwei Stunden erhält der Posten seine Ablösung. Dann kann er in die warme Wachtstube gehen und sich vom Kalfaktor etwas zu essen und trinken besorgen lassen. In der Wachtstube ist es sehr gemütlich, hat er ihr erzählt. Wenn sie einen netten Unteroffizier haben, klopfen sie Karten oder spielen Würfel; sie lesen und schlafen und essen und trinken.

Es ist wirklich tadellos; gar kein Grund zum Bedauern oder Mitleid ist da. Die Mutter versucht ihren Gedanken eine heiterere Richtung zu geben, aber es gelingt ihr nicht recht. — —

Um die Kaffeezeit kommt die Wachtmeisterswitwe in Hut und Mantel und sagt: „Ich gehe zur Russenbeerdigung, gnädige Frau. Heute sollen doch die vier Russen, die hier gestorben sind, beigesetzt werden. Kommen Sie mit? So etwas sieht man vielleicht nur einmal im Leben.“

Frau Hiller ist ihrer guten Wirtin für diese Ablenkung dankbar. Sie legt ihr Strickzeug hin und kleidet sich zum Ausgehen an. Draußen weht ein scharfer, kalter Wind, der Himmel ist grau verhangen. Richtige Novemberstimmung!

Die vier Russen, die hier ihren Wunden erlegen sind, sollen ein gemeinsames Grab bekommen und mit allen militärischen Ehren zur letzten Ruhe getragen werden. Unzählige aus der kleinen Garnison wandern hinaus, um sich dies Schauspiel anzusehen.

Die Wachtmeisterswitwe hat die Hemden fürs Rote Kreuz abgeliefert und kann sich einmal ein paar freie Stunden gönnen. Sie hat noch gar nichts von den Russen gesehen, und da alle Welt vom Gefangenenlager spricht, schämt sie sich fast, daß sie noch keine Ahnung hat, wie es da draußen aussieht.

Aber für weichherzige Menschen ist es an solchem grauen Tag keine Freude, da hinauszupilgern. Der Anblick des doppelten Stacheldrahtverhaues hat etwas Erschütterndes — die grauen Massen, die auf und nieder wogen, der schwere Himmel, der kalte, rauhe Novemberwind, all das wirkt so unsäglich beklemmend und niederdrückend.

Die Wachtmeistersfrau ist nebenbei auch noch enttäuscht, denn man bekommt gar keinen richtigen Eindruck von dem Ganzen. Man darf jetzt nur noch von einer ziemlich beträchtlichen Entfernung aus das Lager überblicken und sieht nichts anderes als eine gewaltige, wogende, graue Masse. Der einzelne Mensch ist gar nicht zu unterscheiden. Stumm und feierlich zieht in einer Entfernung von je zwanzig Metern die große Zahl der Wachthabenden rings ums Lager her.

Nein, sie wollen hier nicht lange verweilen — sie wollen sich den grauen, schwermütigen Tag nicht noch düsterer machen. Aber die Russenbeerdigung will sich die Wachtmeistersfrau nicht entgehen lassen. Man hat nun einmal zu diesem Zweck den weiten Weg hierher gemacht und kann doch nicht unverrichteter Sache wieder nach Hause gehen.

An der Stelle, an der die vier Toten beigesetzt werden sollen, hat sich schon eine Menschenmenge gesammelt, und man kann nur noch mit Mühe ein Plätzchen erobern, von dem aus man einen freien Ausblick hat. Eine große Gruft ist aufgeschaufelt, denn die vier Särge sollen nebeneinander Platz finden. Viele von den Menschen stehen da, als warteten sie auf etwas Freudiges, Sensationelles. Die wenigen Offiziere, die noch in der Garnison sind, kommen angefahren. Eine Anzahl Husaren und Infanteristen rücken heran, und von der Richtung des Lagers wird ein Zug sichtbar. Russen in ihren lehmgrauen Mänteln tragen ihre toten Brüder.

Nun sieht man doch einmal, wie der entsetzliche Feind, der Deutschland vernichten will, der schon ein Stück von Deutschland mit Mord und Brand heimgesucht hat, aussieht! — Aber der Feind, der da mit den Särgen anrückt, sieht nicht wild und furchtbar aus. Trauer malt sich auf den Gesichtern, die Köpfe sind geneigt und ernst und würdevoll verrichten sie ihr düsteres Geschäft.

Der Militärgeistliche, der so wundervoll zu reden versteht, der den jungen Freiwilligen im Dom den Fahneneid abgenommen hat, tritt an die Särge heran und breitet die Hand zum Segen, spricht ein Gebet — und drückt den Trägern die Hand. Die Särge werden in die Gruft versenkt, und der junge Russe, dessen Bruder sich unter den Toten befindet, schluchzt auf; die anderen stehen mit finsteren, undurchdringlichen Gesichtern.

Der Pfarrer hält eine kurze, herzliche Rede. Er spricht das aus, was wohl jeder, der hier am großen Grabe steht, in diesen Augenblicken empfinden mag. „Ob Freund, ob Feind,“ sagt er, „der Tod macht uns alle gleich. Über den Tod hinaus gibt es keine Feindschaft. Die hier liegen, haben ihrem Vaterlande ebenso treu und redlich gedient, wie jeder von den Unseren das tut. Sie haben ihre Heimat nicht wiedergesehen, sie haben Schweres gelitten und den Tod im Felde gefunden. Darum Ehre ihrem Andenken! Gott mag ihnen lohnen, was sie für ihr Vaterland getan haben!“

Tiefe Stille. — Die Russen sind ergriffen. Vielleicht sind sie alle der deutschen Sprache mächtig und haben verstanden, was der Geistliche ihren toten Brüdern sagte. Vielleicht auch haben sie nur aus Stimme und Gebärde entnommen, daß hier gute, freundliche Worte gesprochen wurden. Sie werfen ihren gefallenen Kameraden ein paar Schaufeln Erde nach und falten die Hände zum Gebet. Dann aber sind sie wieder Deutschlands Gefangene und werden von zwei Posten mit geladenem Karabiner zum Lager zurückgeleitet. Die Menge zerstreut sich. Man hat etwas gesehen, was man nicht oft im Leben sieht — man hat gesehen, daß auch der Feind ein fühlender Mensch ist, und diejenigen, die einen Mann, einen Sohn oder Bruder fern im Osten stehen haben, werden vielleicht einen kleinen Trost mit nach Hause nehmen. Wenn der Feind hört, wie wir seine Gefangenen halten, seine Toten ehren, wird auch er gegen die Unsrigen nicht ganz barbarisch sein!

Der Regen rauscht stärker, und bis zur Kaserne ist ein gutes Stück Weg; da tut man besser, man geht durchs Tor in die Stadt hinein und wartet irgendwo bei einer Tasse Kaffee, ob das Wetter nicht freundlicher werden will, denn man ist schon jetzt durchnäßt und durchfroren.

Die Wachtmeisterswitwe ist von der Wirtin vom Schützenhaus angesprochen worden, und die bittet sie, sich doch das Lazarett, das in ihren Gasträumen eingerichtet worden ist, anzuschauen. Heut und morgen kann man es noch sehen, in drei Tagen aber sollen schon die ersten Verwundeten eintreffen. Sie bittet auch Frau Hiller mitzukommen, und die willigt gern ein. Die beiden Frauen nehmen sie in ihre Mitte, und wie sie so zwischen den zwei guten, freundlichen Bürgerinnen dieser Altmärker Garnison dahinwandert, ist ihr ganz traut und heimatlich zumute. In Berlin bleibt man immer fremd, und wenn man zwanzig Jahre da wohnt; hier im kleinen Ort aber schlägt man schnell Wurzel und fühlt sich wohl.

Der große Tanzsaal des Schützenhauses ist zum Lazarett eingerichtet worden. Weißgestrichene Betten mit weißen Decken und Kissen stehen in langen Reihen da; weiche, helle Teppiche bedecken den Fußboden, auf kleinen Tischen stehen Vasen mit gelben Herbstblumen, und die drei Frauen schreiten auf Zehenspitzen zwischen den weißen Betten einher. Es ist schön und fromm und feierlich in diesen stillen, hohen Räumen; man möchte weinen — man möchte beten. Hier werden sie nun ruhen und genesen nach all dem Schrecklichen, was sie sehen mußten! Hier werden die armen Körper heilen und die wunden Seelen wieder Ruhe und Frieden finden!

Von draußen schlägt der Regen an die Fenster — draußen toben die ersten, ganz wilden Novemberstürme; aber die, die in zwei oder drei Tagen in diesen weißen Betten liegen sollen, werden von Liebe, Güte und Herzenswärme umgeben sein, und die Stürme, die da draußen tosen, können ihnen nichts mehr anhaben.

Die Wachtmeisterswitwe hat Tränen in den Augen; sie fühlt sich bedrückt und verängstigt, wiewohl sie keinen hat, der ihr nahesteht, und der ins Feld hinausmußte. Sie denkt an alle, und sie leidet für alle, und das, was sie am heutigen Tage von Kummer und Herzeleid gesehen hat, ist fast zu viel für sie. Da ist es wirklich besser, man sitzt still zu Hause an der Maschine und näht die Hemden fürs Rote Kreuz.

Sie bleiben dann noch eine Weile in dem vorderen Gastzimmer und trinken Kaffee, den die Schützenwirtin ihnen bringt. Sie wollen warten, ob sich das Wetter nicht ändern will; aber je länger sie sitzen, um so wilder toben die Stürme, und um so prasselnder fällt der Regen nieder.

Es nützt also nichts; ewig kann man nicht bleiben, und man stirbt ja auch nicht gleich, wenn man eine halbe Stunde durch Wind und Regen läuft. Man braucht nur an die Armen, die Tage und Nächte draußen in den Schützengräben, in Sturm und Unwetter ausharren müssen, zu denken, dann wird alles, was sonst als schwer und unerträglich empfunden wird, auf einmal ganz leicht.

Als sie an der Kaserne angelangt sind, machen sie einen Augenblick Halt und schauen in die erhellte Wachtstube hinein. Der kleine Hiller sitzt mit seinen Kameraden am Tisch und verzehrt sein Abendbrot. Er hat jetzt ein paar Stunden der Ruhe, aber in der Nacht muß er wieder zur Stelle sein.

Frau Hiller ist an diesem Abend gezwungen, bei den Wachtmeistersleuten in der Küche zu bleiben, denn Fräulein Else hat nirgendwo auch nur ein halbes Liter Petroleum aufbringen können. So hat man in der ganzen Wohnung nur eine einzige gefüllte Lampe, und die steht auf dem runden Tisch in der Küche vor dem braunroten Sofa.

Fräulein Else hat Tee gekocht und Butterbrötchen bereitet; in der Grude schmoren Äpfel, und die Herdtür steht offen und läßt die Glut der Kohlen herausleuchten. Auch der junge Arzt ist gekommen und lehnt schon behaglich in einer Sofaecke. Nach dem Essen sitzen die drei Frauen strickend da, und um neun Uhr kommt noch ein Fahnenjunker, der vor dem Krieg ein paar Monate bei den Wachtmeistersleuten gewohnt hat. Er ist schon im Feld gewesen und als Leichtverwundeter hier in einem Lazarett untergebracht worden. Die Kugel, die ihm in der Hüfte gesessen hat, trägt er jetzt in der Tasche und holt sie voll Stolz hervor. Dann erzählt er von den blutigen Kämpfen bei Dixmuiden. Aber wie er so warm und lebendig hier in der traulichen Küche sitzt und sich die geschmorten Äpfel schmecken läßt, hat man das Gefühl, daß er Geschichten aus längst vergangenen Zeiten erzähle und nicht Episoden aus diesem unseligen Krieg, der immer noch weitertobt und dessen Ende nicht abzusehen ist.

Nachdem er gegangen, liest der Doktor noch ein paar Artikel aus dem ‚Altmärker Intelligenzblatt‘ vor; die Wachtmeisterswitwe richtet Frau Hiller die Ferse einer Socke ein, der Regen prasselt gegen die Scheiben, und das Petroleum in der Lampe sinkt tiefer und tiefer. Und da man nicht weiß, ob man am nächsten Tag noch Glück haben und ein wenig von diesem kostbar gewordenen Stoff erhalten wird, muß die behagliche Sitzung abgebrochen werden.

Die elfte Stunde ist übrigens da, aber man verplaudert sich so leicht, wenn man warm und gemütlich sitzt. Oft wird es Mitternacht, bis man endlich zu Bett findet.

Drüben vor der Kaserne brennen zwei Laternen, und der kleine Hiller im langen Mantel ist wieder auf Posten und trottet, die Hände in den weiten Manteltaschen, vor seinem Schilderhaus auf und ab.

Die Mutter setzt sich ans Fenster und blickt zu ihm hinüber. Ob er wohl friert? Ob er sehr müde ist? Sich unbehaglich fühlt? Sie kann sein Gesicht nicht erkennen, sie sieht nur die schlanke Gestalt.

Sie hat große Lust, zu ihm hinüberzugehen und ihm ein liebes, warmes Wort zu sagen — aber das darf sie nicht. Ihr Sohn ist ja nicht mehr ihr Kind wie früher! Ihr Sohn ist ein Stück von Deutschland geworden, und die Liebe und das Mitleid einer Mutter dürfen ihn nicht stören, wenn er seines Amtes waltet.

Aber sie vermag es nicht, sich zu Bett zu legen, während der Junge da draußen im Unwetter hin und her marschiert. Sie bleibt am Fenster sitzen und denkt an ihn. Vielleicht geht ein Strom von ihrem warmen Fühlen in sein Herz hinüber — vielleicht tut es ihm unbewußt wohl, daß die Mutter hier am Fenster sitzt und an ihn denkt! Es soll ja eine solche Macht des Gefühls geben, die die Menschen unsichtbar miteinander verbindet.

Am nächsten Mittag kommt der kleine Husar mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen ins Wohnzimmer zur Mutter. Er, der die stramme Nacht in Sturm und Regen hinter sich hat, ist froh und wohlgemut. Sie aber ist ein wenig blaß und müd’ vom vielen Denken und Grübeln.

Hiller trägt seine Dienstuniform über dem Arm. „Morgen ist Kleiderbesichtigung,“ erzählt er, „da muß alles tadellos imstande sein. Du machst mir doch die Flecken raus, nicht wahr, und wäschst die Tasche!“

Dann wirft er sich in den Schaukelstuhl und sieht fast übermütig aus. „Jetzt endlich hört man doch einmal einen Ton vom Ausrücken!“ sagt er. „Es sind hundert feldgraue Uniformen bestellt, und die Regimentsschuster arbeiten fieberhaft an den gelben Reiterstiefeln für draußen. Man kann jetzt jede Woche auf das Kommando gefaßt sein.“

Der Mutter zuckt das Herz, wie er so strahlenden Auges berichtet. Denkt er gar nicht an sie? Fühlt er nicht den leisesten Schmerz, wenn er an den Abschied von ihr denkt? Ist der Gedanke, draußen mittun zu dürfen, so groß, so lockend, daß gar kein anderes Gefühl dagegen aufkommt?

Ach, ein Kind geht gar leichten Herzens von der Mutter fort — das weiß sie ja noch von sich selbst.

Sie bringt den Uniformrock ins Nebenzimmer, um nur einen Augenblick allein zu sein, denn die Tränen liegen ihr schwer auf der Brust, und sie mag ihm nicht zeigen, wie schwach sie ist.

Am Nachmittag steht sie und reibt an der sehr verbrauchten Uniform. Die Tressen sind verschabt, und das Tuch ist ganz ohne Glanz. Sie reibt alles, so gut es geht, und leert dann die Taschen aus, um das Futter zu waschen.

Was so ein Junge nicht alles in der Tasche trägt: Loses Geld und Bleistifte — Notizbücher und Zigaretten — Heftpflaster und Schokolade — drei, vier Taschentücher, die man nur behutsam zwischen zwei Fingern anfassen kann, denn hier dienen die Taschentücher augenscheinlich vielen Zwecken, sonst wäre die tiefgraue Färbung nicht erklärlich. Dann noch ein paar beschriebene Zettel, wovon einer auf die Erde fliegt, und als Frau Hiller ihn aufhebt, sieht sie, daß Verse darauf geschrieben sind, Verse, in denen Worte, in denen ganze Zeilen ausgestrichen und von neuem geschrieben sind. So pflegt ein Anfänger eigene Dichtungen aufzukritzeln.

Frau Hillers Neugierde erwacht und sie liest und liest immer wieder:

„Kalt ist die Nacht, Ich bin allein, Ich steh’ auf Wacht Ich denke dein! Deutschland in Not, Vom Feind umstellt, Deutschland bedroht Von einer Welt. Da kam die Liebe An mich heran. Ich sagte zur Liebe: ‚Faß mich nicht an! Ich will keine Liebe! Mein Land ist in Not! Viel süßer als Liebe Ist heut der Tod!‘ Da neigt sich zu mir Ihr blondes Gesicht: ‚Heut bist du noch hier, Heut kämpfst du noch nicht Heut kannst du knüpfen Mit mir ein Band. Und später kämpfst du Fürs Vaterland!‘“

Sie läßt den Rock aus dem Arm fallen, sie muß lächeln und fühlt auch etwas Wehes dabei. Ihr kleiner Ernst hat also wirklich seine erste Liebe gefunden. Nun ist er ihr ganz verloren — das Vaterland und ein fremdes Mädchen haben Besitz von ihm ergriffen. Das letzte ist so natürlich — ist der Welt Lauf!

Warum freut sie sich nicht? Warum gönnt sie ihm das nicht? Warum will sie anders sein als andere Mütter und den Hauptanteil am Sohn für sich behalten?

Kein Mensch kann gegen die Natur an. Das hat die Großmutter so oft gepredigt.

Der kleine Hiller ist zu seiner ersten Liebe ganz gegen seinen Willen, zum wenigsten ganz ohne sein eigenes gekommen. Das Mädchen, das sein Herz betört hat, ist weder sonderlich schön noch klug, hat weder Geist noch Vornehmheit. Sie steht weit unter jenen ganz jungen, weiblichen Geschöpfchen, die Ernst vor einem Jahr in der Tanzstunde in Berlin in großer Zahl kennen lernte, und die er durchweg als unglaublich albern bezeichnete.

Das Mädchen, das ihm durch seinen Freund Hipp zugeführt wurde, hat irgendeinen kleinen Posten als Stickerin in der Stadt inne. Am Abend um sechs Uhr, ist sie frei und kann spazieren gehen. Sie hat liebe, blaue Augen und ein keckes Näschen, blonde Haare, die als Schnecken über den Ohren liegen, und ein entzückendes, schlankes Körperchen. Sie sieht wundervoll appetitlich aus und kann über jede Kleinigkeit lachen und jubeln. Hätte Hipp nicht selbst ein sehr annehmbares Mädchen für sich, so würde er den kleinen Hiller nicht so großmütig bedacht haben. Aber da das Mädchen die beste Freundin seiner Freundin ist, muß er für sie sorgen und empfiehlt sie an Hiller. Der will erst nicht. „Blödsinn, was soll man mit so einer sprechen!“ Hipp jedoch läßt nicht locker und schleppt ihn mit zum Flußweg.

Da ist es jetzt nicht mehr wie zur Sommerszeit, da wehen rauhe Winde, die Pappeln stehen kahl und leer. Der Fluß hat schlammiges Wasser, und der Boden ist aufgeweicht vom vielen Regen. Man ist froh, wenn man sein Mädchen getroffen hat, und geht mit ihr in irgendein Gartenlokal, wo es einsam ist, und wo man in einer geheizten Stube sitzt. Oder man wandert mit ihr in die Stadt, in ein Kaffeehaus — oder geht den Weg zum Bahnhof hinunter — — es ist alles gleichgültig. Hauptsache ist, daß man sich überhaupt sieht, und Hipp macht Hiller klar, daß für ihn das harte Leben, das sie jetzt führen, erst dadurch erträglich wird, daß er sich auf den Abend freuen kann.

Hiller bringt der Aufforderung seines Freundes erst wenig Verständnis entgegen. Es liegt ihm so gar nicht, als galanter Kavalier aufzutreten, und er ist auch sehr überzeugt davon, daß keine ihn lieben wird. Er stemmt sich dagegen auf und hat das sichere Gefühl, daß er außerordentlich schwerfällig sein wird, wenn er so einem lustigen Mädelchen gegenübersteht. Er wird kaum zu sprechen vermögen, wird verlegen sein, und Hipp wird ihn auslachen. Also schlägt er erst rundweg ab. Aber Hipp ist nicht derjenige, der so schnell locker läßt, wenn er sich etwas vorgenommen hat.

„Du bist ein Esel, Hiller. Du verscherzt dir eine prachtvolle Sache. Sie ist geradezu entzückend. Sieh sie dir zum wenigsten doch mal an. Ich hab’ ihr auch schon von dir erzählt und hab’ ihr versprochen, dich mitzubringen. Ich kann doch wegen deiner Eselei nicht wortbrüchig werden!“ Hiller schwankt und schwankt! Gewiß, er ist um vieles lebendiger und lustiger geworden, seit er in der Kaserne ist; er nimmt das Leben nicht mehr so unsinnig schwer wie früher, ja, er kann zuzeiten geradezu ausgelassen sein. Aber vor dieser Begegnung mit einem wildfremden Mädchen sträubt sich doch etwas in ihm. Doch Hipp ist der Satan in Person und bohrt und bohrt an Hiller herum; greift ihn bei seiner Ehre an, nennt ihn eine Memme, und es kommt fast zum Streit zwischen den beiden. Aber schließlich siegt er; Hiller hat sich gegen die ausdrückliche Versicherung, daß diese Begegnung zu gar nichts verpflichte, breitschlagen lassen, zieht seine Extrauniform an, spricht ganz kurz bei der Mutter vor, sagt ihr, daß er heute keine Zeit für sie habe und geht hochklopfenden Herzens an Hipps Seite zum Flußweg.

Irgendwo lösen sich aus dem Schatten zwei schlanke Gestalten: die eine, dunkel gekleidet, reicht Hipp die Hand, die andere, im weißen, wollenen gestrickten Mantel, bleibt etwas abseits stehen. Man kann nicht viel sehen. In einiger Entfernung brennt eine Laterne und verbreitet ein unsicheres Licht, und am Himmel zieht eine schwache, umflorte Mondscheibe hin.

Hipp stellt seinen Freund als Herrn von Hiller aus Berlin vor; und das blonde Mädchen im weißen Mantel reicht ihm die Hand und sieht ihn aus etwas ängstlichen blauen Augen an.

Der blutjunge Hipp, der aber jungen Damen gegenüber schon vollkommen die Haltung eines erfahrenen Mannes hat, hilft über jede Steifheit hinweg. „Also, Kinder, wie verteilen wir uns? Es regnet nicht, und die Kälte ist auch nicht unerträglich. Ich für meine Person bin nicht abgeneigt, den Spaziergang hier am Fluß fortzusetzen — aber darum bist du, lieber Hiller, absolut nicht gezwungen, unserem Beispiel zu folgen. Ich möchte dir sogar vorschlagen, einen andern Weg zu nehmen. Vor neun Uhr treffen wir uns dann hier an dieser selben Stelle wieder!“ Er reicht seiner Freundin den Arm. Die Kleine, Weißgekleidete hängt sich bei Hiller ein, und während Hipp geradeaus geht, biegt das jüngste Liebespaar in den schmalen, dunklen Feldweg, der zum Bahnhof führt, ein.

Sie gehen schweigend. Leicht wie eine Feder hängt das schlanke Persönchen am Arm des kleinen Husaren, und doch ist durch sie eine schwere Last in seine Seele gekommen. Er fühlt sich sehr unbehaglich; seine etwas schwierige Art, mit Menschen, die ihm nicht sehr von sich aus entgegenkommen, eine Verbindung zu finden, lastet auf ihm. Er sinnt nach einem Scherzwort und findet keines. Er will ihr irgend etwas Gleichgültiges erzählen, aber es fallen ihm nur traurige oder pathetische Sachen ein. Er ärgert sich über sich selbst — ist sehr uneins mit sich selbst, denn er fühlt einmal wieder, daß er anders ist als andere Menschen, daß er nicht zum Fröhlichsein, zum Genießen geschaffen ist. Er schämt sich und wird immer unbeholfener. Was mag das arme Mädchen, das sich gewiß auf einen fröhlichen Abend gefreut hat, von ihm denken? Er fühlt, wie sie ihn von der Seite anschaut und auf etwas zu warten scheint. Teufel auch, fällt ihm denn gar und gar nichts ein, was er ihr sagen kann?

Sie kommen aus dem schmalen Feldweg auf eine breite Straße — da sagt die Kleine endlich ein Wort: „Durch diese Straße möchte ich nicht gehen!“ bittet sie.

„Warum nicht?“ fragt Hiller und biegt wieder nach dem dunklen Feldweg ein.

„Weil man mich da sehen wird!“ Dabei überzieht sich ihr Gesichtchen mit dunklem Rot — aber nun ist wenigstens doch das lastende Schweigen gebrochen.

Das Mädchen erzählt seine Lebensgeschichte. Sie wohnt bei einer Tante, die sie erzogen hat; ihre Mutter lebt auch noch, aber nicht hier, und hat noch fünf andere Kinder. Da hat die Tante sie zu sich genommen und sie Stickerei erlernen lassen. Sie stickt in einem Geschäft und bekommt fünfzig Mark im Monat, die sie ihrer Tante gibt. Die Tante ist gut, doch streng. Sie darf von nichts wissen — und das Köpfchen schmiegt sich an Hillers Schulter, und wie ein elektrischer Funke fliegt’s in dessen Herz. Mit einem Schlage ist alle Unbeholfenheit, alle Schwerfälligkeit verflogen; heiß wogt’s durch ihn — ein Gemisch von Mitleid und Zärtlichkeit.

Er hat noch nie aus sich selbst ein Mädchen geküßt, ist noch nie mit einem Mädchen auf einsamen Wegen gegangen. Nie hat eine ihm von ihrem Leben erzählt — nie hat eine sich an ihn geschmiegt — denn die Sache mit Hannchen vom Abiturientenabend war doch nur eine große Neckerei! Im selben Moment aber, da die Rolle des verstehenden, tröstenden Liebhabers von ihm verlangt wird, beherrscht er sie auch ganz und gar — beherrscht sie mit einer Sicherheit und Sanftheit, die ihn selbst mit Staunen erfüllt.

Er greift mit der Hand unter ihr Kinn, hebt ihr das Gesicht in die Höhe, sieht in die blauen Augen, sieht den Mund, der ein wenig geöffnet ist, und tut das Selbstverständlichste und Einzige, was er in dieser Lage tun kann: er küßt sie. Und er fühlt dabei etwas, was ihm fast die Besinnung benimmt. Sie stehen irgendwo in völliger Dunkelheit; sie hat ihm die Arme um den Hals gelegt, küßt ihn wieder und schmiegt sich immer enger an ihn an.

Dem kleinen Hiller ist’s, als sei er von der Erde fort in flammende Herrlichkeit getragen, er weiß nicht mehr, was er ist und was er tut. Ein fremder Geist ist in ihn gefahren, der für ihn handelt, der die zärtlichen Worte, die er hervorbringt, für ihn spricht, der das süße Geschöpf in die Höhe hebt und immer wieder den roten Mund, die Stirn und die lieben Augen küßt. Er ist wie trunken; er denkt nicht daran, daß jemand des Weges kommen und ihn sehen könnte. Raum und Zeit sind für ihn verschwunden — er fühlt nur ein namenloses, unfaßbares Glück.

Für das kleine Mädchen aber hat diese wild und elementar hervorbrechende Liebe etwas Beängstigendes. Er hat ihr die Mütze verschoben, und ihre Haare beginnen sich zu lösen; er hält sie so fest an sich gepreßt, daß sie kaum Atem holen kann. Er tut ihr weh — er ist wie ein Unsinniger — nein, das hat sie nicht gewollt. Vor dem Krieg ist sie auch mit einem jungen Einjährigen umhergegangen und hat sich küssen lassen; aber der ist doch vernünftig geblieben. Hier aber hat sie Angst, und da er sie auf ihre Bitten nicht losläßt, stemmt sie die Hände gegen seine Schultern und macht sich mit Gewalt frei. Einen Augenblick blitzen ihre Augen ihn böse an, aber als sie in sein gutes und betroffenes Gesicht blickt, ist der Zorn wieder verflogen. „Wie du mich zugerichtet hast!“ sagt sie und nestelt an ihrem Haar und setzt die Mütze wieder ordentlich auf den Kopf. „So kann ich mich ja nirgends sehen lassen!“

Sie lacht aber schon wieder und hängt sich von neuem in seinen Arm. „Nun wollen wir vernünftig zusammen gehen!“ Dem kleinen Hiller gehen plötzlich die Augen auf. Er ist von seinen Himmeln auf die Erde zurückgekommen und kämpft wieder mit Verlegenheit.

Das kleine Fräulein ist sehr zutraulich geworden, plaudert über alles Mögliche und verrät schließlich, daß sie eine Konditorei weiß, wo man gut eine halbe Stunde sitzen kann. Da kommt ihm auch das zum Bewußtsein, daß er ganz vergessen hat, sie mit irgend etwas zu erfreuen. Er weiß von Hipp, daß man eine Freundin zu Kaffee und Kuchen einlädt und ihr kleine Geschenke macht. Und nachdem die Rolle des heißen Liebhabers ausgespielt ist, nachdem sein Herz anfängt, ruhiger zu schlagen und sein Kopf wieder Herrschaft über die erregten Sinne gewinnt, findet er sich auch in der Rolle des Kavaliers zurecht, geht mit ihr ins Café, das sie ihm genannt hat, und bewirtet sie mit Schokolade, Schlagsahne und Kuchen. Dabei sieht er erst, wie niedlich sie ist, und kann es jetzt, da sie in vollem Licht bei ihm sitzt, gar nicht mehr begreifen, daß er den Mut gehabt hat, sie zu küssen. Jetzt wird er nicht mehr wagen, auch nur ihre Fingerspitzen an seine Lippen zu ziehen.

Mit Gewalt muß er sich das zurückrufen, wie er vor einer Viertelstunde mit ihr am Feldweg gestanden hat. Es ist wie ein Traum, wie eine Unwahrscheinlichkeit.

Kurz vor neun sind sie am Flußweg an der Stelle, an der sie sich zuerst gesehen. Hipp mit seiner Freundin hat sich schon eingefunden — lächelnd und prüfend sieht er Hiller und die kleine Blondine an. Er ist Menschenkenner und weiß sofort, daß alles nach Wunsch gegangen ist zwischen den beiden. Sie verabreden eine Zusammenkunft.

Die zwei Freundinnen eilen der Stadt zu, und die beiden Husaren wandern zur Kaserne. —

Von diesem Abend an träumt Hiller oft mit wachen Augen. Die Welt hat sich für ihn geändert — etwas Neues und Unsagbares ist in sein Leben gekommen. Sein Herz ist erfüllt von etwas Hohem, Heiligem; er geht wie auf Wolken. Freilich, wenn er dem kleinen, blonden Mädchen gegenübersteht, wenn er sie lachen und plaudern hört, muß er ein wenig heruntersteigen. Er weiß es nicht, daß nicht sie — nicht ihre Person es ist, die er liebt, sondern daß er sich ein Phantasiegebilde geschaffen hat, das im tiefsten Grunde mit dem Mädchen selbst nicht das Geringste zu tun hat. Die Liebe mit all den Wonnen und Leiden, die sie dem tiefgründigen, ernsten Menschen bringt, ist in sein Leben gekommen, und da sie keinen anderen Gegenstand hat, kreist sie um das nette Mädchen mit dem kecken Näschen und dem schlanken Figürchen. Seine Gefühle und Gedanken wogen ins Uferlose hinein. Sein Auge blickt in weite, goldene Fernen — er dichtet und träumt — er leidet und jubelt — — aber heimlich, nur in der Einsamkeit. Denn nur wenn er sie nicht sieht, ist das große Glück da; sobald er sie greifbar vor sich hat, ist sowohl er wie sie völlig verwandelt.

Aber gleichgültig — er liebt! Die Mutter rückt für ihn immer weiter in den Hintergrund. Die Mutter ist etwas Gutes, Wohltuendes, was man nicht missen möchte. — — — Doch das alte Kindervertrauen, die alte Kinderoffenheit ist fort. Von dem, was jetzt in seiner Seele lebt, kann er trotz aller Liebe und Herzlichkeit zur Mutter nicht reden.

Hipp sagt: „Mensch, du setzt dir doch wohl nichts in den Kopf? Seit du mit der Kleinen gehst, bist du wie hypnotisiert! Solche Mädchen sind zum Amüsieren da — zu weiter nichts!“

Hiller nickt und ist blaß geworden, denn er fühlt sich oft sehr beschwert und ist unglücklich. Es wäre vielleicht doch besser gewesen, er hätte sie gerade in dieser Zeit nicht kennen gelernt! — —

Auch der November neigt sich dem Ende zu, und von einem bestimmten Termin zum Ausrücken ist immer noch nicht die Rede. Die feldgrauen Uniformen sind fertig; Schuster und Sattler haben wie im Fieber gearbeitet, es ist alles bereit, man könnte jeden Tag ausrücken, aber der Befehl von oben fehlt noch. Statt dessen geht der Drill fort — man zieht auf Wache und wartet, wartet, wartet!

Es tut weh, daß das Vaterland sie noch nicht braucht! Sie lernen jetzt Schützengräben aufwerfen — werden mehr und mehr zu Infanteriediensten herangezogen.

Der Krieg hat sich ganz anders gestaltet, als man zu Anfang geglaubt hat; es kann sich noch lange, sehr lange hinziehen. Die Vorgesetzten jedoch sagen den ungeduldigen, jungen Kriegern: „Ihr kommt noch alle an die Reihe! Keiner wird in der Kaserne sitzen bleiben!“ Das ist zwar ein Trost, aber man hätte doch gern gleich von Anfang an mitgefochten. Aus den Infanteriekasernen sind sie längst schon ausgezogen und haben sich ehrenvolle Wunden oder das Eiserne Kreuz oder den Heldentod geholt! Das Abwarten ist hart, und der Dienst ist eintönig! Man kann doch längst alles, was man zu können braucht!

Die Großmutter staunt auch und schreibt Briefe, aus denen fast etwas wie Enttäuschung klingt: „Ja, kommt denn der Junge überhaupt nicht ins Feld?“

Es will der alten, tatkräftigen Frau nicht behagen, daß ihr Enkel noch nicht gegen Deutschlands Feinde kämpft. Der alte Hieronymus und der alte Rat Mertens, dem sie seine Schwarzseherei abgewöhnt hat, fragen bei jedem Besuch nach dem Jungen, und der Rat hat ihr gesagt, daß man die Kavallerie fast gar nicht verwenden kann in diesem modernen Krieg. Das paßt ihr nicht! Ihr starkes Herz will, daß der Enkel in dieser Zeit zum Helden wird; sie hat viel ehrgeizige Wünsche für ihn. Der Sohn, der so früh und traurig dahinsiechte, hat ihre stolzen Träume nicht befriedigt; nun erhofft sie vom Kind ihres Kindes etwas Großes, hofft, daß der Name starken, neuen, schönen Klang durch ihn bekommt.

Dem Jungen aber tut es weh, als er den Brief der Großmutter liest. Ist es seine Schuld, daß sie hier noch immer festgehalten werden? Sehnt er sich nicht mit allen Fasern seines Herzens danach, hinauszukommen? Und doppelt und dreifach sehnt er sich danach, seit dieses blonde Mädchen in sein Leben gekommen ist. Das Mädchen, das ihn ablenkt, das ihn beunruhigt; das ihn oft vergessen läßt, zu welchem Zweck er hier in der Kaserne eingerückt ist! Er leidet unter ihr, er hat das Gefühl, gegen seinen Willen an sie gekettet zu sein. Er möchte sich von ihr losreißen und vermag es nicht mehr. Im Gegenteil, je öfter er sie sieht, um so mehr zieht es ihn zu ihr hin. Und ist ihm doch innerlich so ganz und gar fremd, hat doch keine Ahnung von all dem, was in ihm vorgeht, was sie in seiner Seele ausgelöst hat. Alles muß er vor ihr verbergen, immer muß er ängstlich bedacht sein, sie gut und oberflächlich zu unterhalten, nur ja nichts von dem, was so heiß und heilig in ihm wogt, erkennen zu lassen. Denn wenn sie ahnte, wie er wirklich ist, dann würde sie über ihn lachen — und der Gedanke, daß sie über ihn lachen könnte, ist ihm unerträglich. So also ist Liebe! Schön und doch quälend! Entsetzlich quälend!

Der kleine Hiller sieht oft sehr betrübt und bleich aus, wenn er bei seiner Mutter im Wohnzimmerchen sitzt. Das Herz ist ihm übervoll, und er weiß, daß er sich erleichtert fühlen würde, wenn er sich ihr offenbarte. Aber es geht — geht nicht. Er kann die erlösenden Worte nicht finden!

Die Mutter ist in dieser Zeit noch viel liebevoller als sonst zu ihm; sie ahnt, daß der Junge jetzt viel durchzukämpfen hat. Sie leidet für ihn und mit ihm. Er ist Blut von ihrem Blute. Die Liebe wird ihm nie reiner Genuß sein; schon dieser erste, unschuldige Anfang belastet seine Seele. Über diese kleine Episode hier in der Altmärker Garnison wird er zwar hinwegkommen, sowie Größeres ihn in Anspruch nimmt; aber sie fürchtet für das, was die Zukunft ihm bringen kann. Welche Frau es auch sei, die in sein Leben tritt — er wird unter ihr leiden, denn seine Seele ist tief und wird voll ungelöster Rätsel, voll von Wünschen sein, die nur Ausnahmemenschen zu befriedigen imstande sind.

Armer, armer, kleiner Husar! Aber darf man so über die heutige Jugend, gerade über diese Generation, von der so Kolossales gefordert wird, nachdenken? Wird nicht das ungeheure Drama, darin sie mitwirken sollen, sie vielleicht von Grund auf ändern? Wird es nicht die Macht haben, die Seelen ganz einfach, ganz klar zu machen?

Sie weiß es nicht, aber es ist möglich. In der ersten Begeisterung war ja jeder wie umgewandelt — hatte jeder von seinem eigentlichen Ich Abschied genommen, um in der großen Allgemeinheit aufzugehen. Die erste Begeisterung aber ist ruhiger geworden! Die ersten großen Gefühlserregungen sind auch von dieser ganz jungen Jugend, die erst zu Taten ausziehen will, überwunden worden! Der Krieg ist ihnen etwas fernergerückt als im Anfang. Man läßt sie zu lange warten, man hat ihnen den großen, heiligen Glauben an sich selbst und die eigene Kraft dadurch ein wenig geschmälert. Aber auch ihr Tag wird kommen; und das, was den kleinen Ernst jetzt bewegt und quält, wird in seiner Seele erlöschen, als wäre es nie darin gewesen.

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