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Der Kinderkreuzzug

ERZÄHLUNG DES PAPSTES INNOCENZ III.

Arthur Seiffhart translation

Weit vom Weihrauch und den Meßgewändern kann ich sehr leicht mit Gott reden in dieser schmucklosen Kammer meines Palastes. Hierher komme ich, um an mein Alter zu denken, ohne daß mir die Arme gestützt werden. Während der Messe erhebt sich mein Herz, und mein Körper strafft sich; das Funkeln des geweihten Weines erfüllt meine Augen, und mein Geist ist gesalbt mit den kostbaren Ölen; aber an diesem einsamen Ort meiner Kirche darf ich mich unter meiner irdischen Ermüdung beugen. Ecce homo! Denn durch den Prunk der Hirtenbriefe und Bullen kann die Stimme seiner Priester wahrlich nicht bis zum Herrn dringen und sicherlich gefallen ihm weder Purpur, noch Kleinodien, noch Bilder; aber in dieser kleinen Zelle hat er vielleicht Mitleid mit meinem unvollkommenen Gestammel. O Herr, ich bin sehr alt, sieh mich hier weißgekleidet vor Dir. Mein Name ist Innocenz, und Du weißt, daß ich nichts weiß. Verzeihe mir mein Papsttum, denn es ist eingesetzt worden, und ich erdulde es. Nicht ich habe seine Ehrungen befohlen. Ich sehe Deine Sonne lieber durch diese runde Scheibe, als in dem prächtigen Widerschein meiner Kirchenfenster.

Mein Gott! Ich bin Dein Stellvertreter hier, und ich strecke Dir meine hohle Hand entgegen, voll des reinen Weines Deines Glaubens. Es gibt große Verbrechen. Es gibt sehr große Verbrechen. Wir können von ihnen lossprechen. Es gibt große Ketzereien. Es gibt sehr große Ketzereien. Wir müssen sie unerbittlich bestrafen. In dieser Stunde, da ich vor Dir kniee, weiß, in dieser weißen, schmucklosen Zelle, leide ich, o Herr, unter einer großen Angst, denn ich weiß nicht, ob Richten über Verbrechen und Ketzereien zu meinem prunkhaften Papsttum gehört oder in diese, durch einen kleinen Lichtkreis erhellte Zelle, in der ein alter Mann schlicht die Hände faltet. Und ich bin auch unruhig wegen deiner Grabstätte; sie ist immer noch von Ungläubigen umgeben. Man hat sie ihnen noch nicht abnehmen können. Niemand hat Dein Kreuz nach dem Heiligen Lande getragen. Wir sind in Untätigkeit versunken. Die Ritter haben ihre Waffen niedergelegt und die Könige können nicht mehr befehlen. Und ich, Herr, klage mich an und schlage gegen meine Brust: ich bin zu schwach und zu alt.

Jetzt, Herr, höre auf dies zitternde Flüstern, das

Herr, erlaube mir, mit Dir zu reden nach den Geboten der Religion. Dieser Kreuzzug der Kinder ist kein frommes Werk. Mit ihm kann man nicht das heilige Grab für die Christenheit gewinnen. Er vermehrt die Zahl der Landstreicher, die an der Grenze des erlaubten Glaubens herumirren. Unsere Priester können ihn nicht beschützen. Wir müssen glauben, daß diese armen Geschöpfe vom Bösen besessen sind. Sie laufen herdenweise auf den Abgrund zu wie die Säue im Gebirge. Wie du weißt, Herr, bemächtigt sich der Böse gern der Kinder. Einst erschien er in Gestalt eines Rattenfängers und lockte mit dem Klange seiner Pfeife alle Kleinen aus der Stadt Hameln. Wie manche erzählen, ertranken alle diese Unglücklichen im Weserfluß; andere behaupten, daß er sie im Innern eines Berges einschloß. Du mußt befürchten, daß Satan alle unsere Kinder den Martern derer entgegenführt, die nicht unseren Glauben haben. Herr, du weißt, daß es nicht gut ist, wenn der Glauben sich neugestaltet. Sobald er im feurigen Dornbusch erschien, ließest Du ihn im Tabernakel einschließen. Und als er Deinen Lippen auf Golgatha entfloh, befahlst Du, daß er in den Kelch und die Monstranz eingeschlossen

Vergib mir jetzt, mein Gott, daß ich unter der Tiara Dich um Rat gefragt habe. Mich ergreift die Greisenschwäche. Betrachte meine armen Hände . . Ich bin ein sehr alter Mann. Mein Glaube ist nicht wie der der ganz Kleinen. Das Gold dieser Zellenwände ist durch die Zeit verblichen; sie sind weiß. Der Schein Deiner Sonne ist weiß. Auch mein Kleid ist weiß, und mein verdorrtes Herz ist rein. Ich habe nach Deinem Gebot gesprochen. Es gibt Verbrechen. Es gibt sehr große Verbrechen. Es gibt Ketzereien. Es gibt sehr große Ketzereien. Mein Haupt zittert vor Schwäche: vielleicht darf man weder strafen noch lossprechen. Das vergangene Leben macht uns in unseren Entschlüssen schwanken. Ich habe nie ein Wunder gesehen. Erleuchte mich. Ist dieses ein Wunder? Welch Zeichen

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