ERZÄHLUNG DES GOLIARD
Arthur Seiffhart translation
Ich armseliger Goliard, elender Pfaff, der ich in den Wäldern und auf den Landstraßen umherstreife, um im Namen unseres Heilandes mein tägliches Brot zu erbetteln, ich habe ein frommes Schauspiel gesehen und die Worte der kleinen Kinder gehört. Ich weiß, mein Leben ist nicht sehr heilig und ich habe den Versuchungen unter den Linden am Wege nicht widerstanden. Die Brüder, die mir Wein geben, sehen wohl, daß ich kaum gewöhnt bin, ihn zu trinken. Aber ich gehöre nicht zur Sekte derer, die verstümmeln. Es gibt böse Menschen, die den Kleinen die Augen ausstechen, ihnen die Beine absägen und die Hände binden, um sie auszustellen und Mitleid mit ihnen zu erwecken. Und deshalb habe ich Furcht, wenn ich alle diese Kinder sehe. Sicher wird sie unser Heiland beschützen. Ich rede in den Tag hinein, denn Freude erfüllt mich. Ich freue mich über den Frühling und über alles, was ich gesehen habe. Mein Geist ist nicht sehr stark. Ich erhielt die Tonsur, als ich zehn Jahre alt war und habe die lateinischen Worte vergessen. Ich bin wie die Heuschrecke; denn ich springe hierhin und dorthin und summe, und manchmal öffne ich bunte
Ich bewundere St. Johannes, denn er irrte umher und redete ohne Unterlaß. Mir scheint, seine Worte hätten milder sein sollen. Auch der Frühling ist mild in diesem Jahr. Niemals hat es so viele weiße und rote Blumen gegeben. Die Wiesen sind frisch gewaschen. Überall auf den Hecken glänzt das Blut unseres Heilandes. Unser Herr Jesus ist weiß wie eine Lilie, aber sein Blut ist rot. Warum? Ich weiß nicht. Auf irgendeinem Pergament muß es geschrieben stehen. Wenn ich Schreiben gelernt hätte, würde ich Pergament haben und würde darauf schreiben. Dann könnte ich jeden Abend sehr gut essen. Ich ginge in die Klöster und betete für die toten Brüder und schriebe ihre Namen auf meine Rolle. Ich würde meine Totenrolle von einer Abtei zur anderen tragen. Das ist etwas, was unseren Brüdern gefällt. Aber ich kenne die Namen meiner toten Brüder nicht; vielleicht sorgt sich unser Heiland auch nicht darum, sie zu erfahren. Mir schien, als ob alle diese Kinder keine Namen hätten. Und es ist sicher, daß unser Herr Jesus sie liebt. Sie erfüllten die Landstraße wie ein Schwarm weißer Bienen. Ich weiß nicht, woher sie kamen. Es waren ganz kleine Pilger. Als Pilgerstäbe hatten sie Hasel- und Birkenstöcke.